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humboldT forum August 2018  Ausgabe № 3

ABGETASTET: 3D-SCANS ERFASSEN KULTURELLE SCHÄTZE  |  WELTBÜRGER: MUSEEN BEFÄHIGEN ZUR ZUKUNFT  |  INSELLAGE: DIE SPREE ERHÄLT EIN NEUES UFER  |  SCANNED: 3D SCANS RECORD CULTURAL TREASURES  |  CITIZENS OF THE WORLD: MUSEUMS PRE­ PARE US FOR THE FUTURE  |  ISLAND LOCATION: THE SPREE GETS A NEW WATERFRONT


2  INTRO  INTRO

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

EDITORIAL Über 15 Jahre ist es her, dass sich Experten aus Kultur, Stadtplanung und Politik umfassend Gedanken über eine kulturelle Nutzung für das Humboldt Forum im Berliner Schloss gemacht haben. Erste Konzepte wurden intensiv diskutiert, neu gedacht und weiterentwickelt. Vor allem jedoch wurde angepackt und umgesetzt. Und so wird seit der Grundsteinlegung im Sommer 2013 die Idee einer neuartigen Freistätte für Kunst und Wissenschaft im 21. Jahrhundert Stück für Stück realisiert: Das Humboldt Forum soll die einzigartigen musealen Sammlungen Berlins im Austausch mit lokalen wie internationalen Partnern auf zeitgemäße und neue Art erforschen, präsentieren und vermitteln. Wo stehen wir derzeit mit der Fertigstellung? Hinter den Gerüsten und Planen an den Außenfassaden zeigt sich bereits die ganze barocke Pracht  des einstigen HohenzollernSchlosses und strahlt bis zu den anderen historischen Ausstellungshäusern am Lust­garten hinüber. Auch konnten die letzten großen Herausforderungen beim Bau in den zurückliegenden Monaten gemeistert werden. Die ersten großen Ausstellungsobjekte wie die Südseeboote und die Palau-Häuser aus dem Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem sind mittlerweile ins Haus eingezogen. Sie sind die Vorboten für den Umzug von weiteren 20.000 Objekten im kommenden Jahr.

Was noch nicht ganz so sichtbar ist, sind die kuratorischen Leitlinien, die tägliche Arbeit eines forschenden Museums und dessen weltweite Vernetzung sowie die spannende Vorbereitungsphase für den zukünftigen kulturellen Betrieb. Das Format einer Zeitung ist das perfekte Medium, um diese Themen darzustellen. Und so erfahren Sie auf den folgenden Seiten der dritten Ausgabe unserer Zeitung, wie wir mit Partnern aus Tansania die Provenienz von Objekten aus kolonialen Kontexten erforschen oder wie wir museale Sammlungen fit für den digital turn machen. Werfen Sie einen Blick in die Schlossbauhütte in Spandau, wo in den vergangenen Jahren mit großer Leidenschaft barocke Skulpturen restauriert und rekonstruiert wurden. Und machen Sie einen ersten Spaziergang über die Dachterrasse und das neu entstehende Spreeufer direkt am Humboldt Forum. All diese Orte verdeutlichen bereits jetzt, wie sehr dieses offene Haus als lebendiges Stadtquartier Berlin verändern kann. Vieles von dem, was Sie in dieser Zeitung lesen, können Sie auch an den Tagen der offenen Baustelle am 25. und 26. August 2018 unmittelbar und live erleben. Doch auch über diese beiden Tage hinaus haben Sie mit der Zeitung ein ideales Logbuch für eine kulturelle Weltreise in der Hand, die Ende 2019 mitten in Berlin beginnt. Eine Reise, auf die wir Sie bereits jetzt einstimmen möchten. Vorstand und Team des Humboldt Forums

IMPRESSUM Herausgeber Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss Unter den Linden 3, 10117 Berlin Postfach 02 10 89, 10122 Berlin T +49 30 265950-00 F +49 30 265950-209 info@humboldtforum.com humboldtforum.com

Vorstand Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss Hartmut Dorgerloh Hans-Dieter Hegner Johannes Wien Kommunikation Kultur und Digitales Mirko Nowak Christian Kawalla Redaktion Ralf Hanselle

Mitarbeit Benedikt von Bernstorff, David von Becker, Wilhelm von Boddien, Karen Buttler, Chor-Lin Lee, Daniela Dibelius, Volker Faigle, Lavinia Frey, Alfred Hagemann, Hans-Dieter Hegner, Bertold Just, Caroline Koppelmann, Mike Kühn, Daniel Morat, Stefan Müchler, Stefan Schmidtke, Jana Sperling, Alexander Stockinger, Bernhard Wolter

Übersetzungen Tradukas GbR Übersetzung und Lektorat Nicola Morris Korrektorat Jana Kühle Gestaltung Andreas Dimmler, Dominique Guglieri Titelillustration und Seite 44 Jens Bonnke (Titelillustration unter Verwendung von Illustrationen von Bendix Bauer, Berlin)

Over fifteen years have passed since experts in the fields of the arts, urban design and politics brainstormed about cultural uses for the Humboldt Forum im Berliner Schloss. The early concepts were discussed in detail, revised and developed further. But above all, everyone pitched in and got to work. Ever since the foundation stone was laid in summer 2013, the idea of a new kind of space for arts and science in the twenty-firstcentury has gradually been taking shape: the Humboldt Forum will be a place to study, present, and publicize Berlin’s unique museum collections in a new, contemporary way in cooperation with local and international partners. Where are we now on the journey to completion? Behind the scaffolding and the tarpaulins on the exterior facades, the full Baroque splendour of the former Hohenzollern palace has already been restored and now rivals the magnificence of the other historical museums at the Lustgarten. And all the remaining major challenges have been solved during the last few months of construction work. The first of the large exhibits, such as the South Sea boats and the Palau houses from the Ethnologisches Museum in Berlin-Dahlem, have already taken up residence. They are the forerunners of the 20,000 objects that will follow in the coming year.

Druck BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH Die Inhalte dieser Zeitung sind urheberrechtlich geschützt. Die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss gestattet die Übernahme von Texten in Datenbestände, die ausschließlich für den privaten Gebrauch eines Nutzers bestimmt sind. Die Übernahme und Nutzung der Daten zu anderen Zwecken bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung der Stiftung.

Genderhinweis Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Zeitung auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Less immediately visible are the curatorial guidelines, the day-today work of a research museum with its worldwide network, and the exciting preparations for the cultural activities destined to take place here. There could be no better medium than a newspaper for presenting these topics. The third edition of our publication describes how we and our Tanzanian partners are researching the provenance of objects from colonial contexts as well as how we are preparing our museum collections for the digital turn. Take a look behind the scenes at the Palace Workshop in Spandau, where in recent years, Baroque sculptures have been lovingly restored and reconstructed. Enjoy a walk across the roof terrace and the newly designed Spree Terraces that are being built immediately next to the Humboldt Forum. All these places are already making it clear how much this open house is transforming Berlin as a vibrant urban quarter. While much of what you will read here can also be experienced live and first-hand during the Days of the Open Construction Site on 25 and 26 August 2018, this publication serves as a lasting logbook for a worldwide cultural voyage of discovery that begins in the heart of Berlin in late 2019. We would like to whet your appetite for this journey. The Board of Directors and the Humboldt Forum team

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PANORAMA PANORAMA  3

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

© SHF/golden section grafics

WILLKOMMEN IM HUMBOLDT FORUM IM BERLINER SCHLOSS! WELCOME TO THE HUMBOLDT FORUM IM BERLINER SCHLOSS! Ein großes Ereignis wirft seine Schatten voraus: Ende 2019 beginnt die Eröffnung des Humboldt Forums im Berliner Schloss. Noch ist es komplex, in dem riesigen Gebäude mit seiner Gesamtfläche von ca. 100.000 Quadratmetern die Orientierung zu behalten. Mehr und mehr aber wird sichtbar, was Sie im Humboldt Forum erwarten wird: Über 20.000 Exponate aus Asien, Afrika, Amerika und Ostasien; Ausstellungsobjekte zur Vergangenheit und Gegenwart Berlins, zur Geschichte des Ortes sowie zu Forschung und Wissenschaft erzählen vom Reichtum und von der Vernetzung einer globalen wie regionalen Kulturlandschaft. Damit ist das nach Wilhelm und Alexander von Humboldt benannte neue Forum in der Mitte Berlins weit mehr als ein konventionelles Museum. Vielmehr kann es zu einem offenen Ort des Diskurses und der Begegnung, des Experiments und des Lernens, des Rückblicks und der Vorausschau werden. Zugleich aber bietet Ihnen das Humboldt Forum hinter seiner barocken Fassade auch viele Möglichkeiten zum Ausruhen, Flanieren, Inspirieren und Genießen. Vielleicht gibt es gar keinen festen Plan, sondern nur ein Sich-treiben-Lassen,

um einen derart vielschichtigen Ort zu entdecken. Entlang der eigenen Neugier, der Interessen und der individuellen Fragestellungen können Sie Ihre eigene Route durch diesen umfassenden Kosmos finden. Die Texte, Interviews und Bilder in dieser Zeitung sind als erste Wegmarken zu verstehen. Und die Grafiken mit dem etagenweise visualisierten Schloss sollen Ihnen helfen, die vorgestellten Themen in den Räumen, auf den Plätzen und Höfen des Schlosses zu verorten. Jetzt also heißt es losgehen, um sich an Fragen, Begegnungen und Angeboten entlangzutasten. In dieser Hinsicht sind die Tage der offenen Baustelle auch eine optimale Gelegenheit, die Vielschichtigkeit des künftigen Humboldt Forums live zu erleben. A major event is in the offing. The reconstruction of the Berlin Palace will be completed in late 2019. While navigating the 20,529 square metres of the huge building without getting lost still presents a challenge, the future awaiting you in the Humboldt Forum is becoming ever more visible: over 20,000 objects from Asia, Africa, America and East Asia, exhibits from Berlin’s past and present, objects documenting the history of the site as well as science and research

tell of the richness and interconnectedness of a global and regional cultural landscape. Taking its name from Wilhelm and Alexander von Humboldt, the new forum in the heart of Berlin is much more than a conventional museum: it will become an open place of discourse and encounters, of experimentation and learning, of reflection and of looking towards the future. At the same time, behind its Baroque facade the Humboldt Forum also offers many opportunities for relaxing, strolling, inspiration and enjoyment. And perhaps such a multi-faceted place is best explored without a fixed plan, simply by wandering wherever the fancy takes you. Following your own tastes and interests and individual questions, you can map out your own route through this vast cosmos. The articles, interviews and pictures in this publication are intended as preliminary signposts on your journey, while the diagrams of each floor of the building will help you locate the various topics within the Palace and its surrounding squares and courtyards. Let’s set out on a journey of discovery through questions, encounters, and propositions. The Days of the Open Construction Site offer the perfect opportunity to experience the rich tapestry of the Humboldt Forum right up close.

TAGE DER OFFENEN BAUSTELLE: AM 25. UND 26. AUGUST 2018 KÖNNEN SIE TEILE DES HUMBOLDT FORUMS BESICHTIGEN. DAYS OF THE OPEN CONSTRUCTION SITE: PARTS OF THE HUMBOLDT FORUM WILL BE OPEN TO THE PUBLIC ON 25 AND 26 AUGUST 2018 Das Humboldt Forum im Berliner Schloss ist vielschichtig und groß. Diese Grafik verschafft einen tieferen Einblick in das Gebäude.  |  The Humboldt Forum im Berliner Schloss is complex and huge. This illustration provides deeper insight into the building.


4  EINZUG  MOVING IN

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

LEINEN LOS! HEIMATHAFEN HUMBOLDT FORUM SETTING SAIL FOR THE HUMBOLDT FORUM HARBOUR

Die stolzen Schiffe der Südsee, die viele Berlinerinnen und Berliner noch von Museumsbesuchen in Berlin-Dahlem kennen, sind im Mai/Juni 2018 als erste von insgesamt rund 20.000 Objekten aus den Museen Dahlem ins Humboldt Forum gezogen. Doch nicht unter vollen Segeln, sondern teilmontiert und sicher in riesigen Kisten verpackt, traten sie ihre letzte Reise an.

In May and June 2018, the proud ships from the South Pacific, which so many Berliners remember from visits to the museum in BerlinDahlem, became the first of some 20,000 objects from the Dahlem museums to move into the Humboldt Forum. But they embarked on their final journey not with hoisted sails, but partly disassembled and safely packed in huge crates.

DIE VERMUTLICH GRÖSSTEN UMZUGSKISTEN BERLINS Nach jahrelanger Vorarbeit waren in diesem Frühjahr alle umziehenden Boote und Häuser der Südsee gereinigt, demontiert, restauriert, entwest und sicher verpackt. Da die mächtigen Kisten in keinen Lastenaufzug passen, musste extra für den Abtransport eine riesige Öffnung in die Wand des Dahlemer Ausstellungssaales gebrochen werden, um hier eine das empfindliche Museumsklima haltende Schleuse bauen zu können (Bild 2). By this spring, after years of preparation, the boats and houses from the South Pacific had finally all been cleaned, de-infested, restored, partially disassembled and securely packed. Since the huge crates were too big for any goods lift, a vast opening needed to be broken through in the wall of the exhibition hall especially for the transport in order to be able to build an airlock (image 2) that would preserve the sensitive museum climate. Der rund 15 Meter lange Rumpf des LufBootes bildete am Abend des 28. Mai 2018 den Auftakt. Bereits 1905 kam der stolze Zweimaster in die Sammlung des damaligen Berliner Völkerkundemuseums und war bis zur umzugsbedingten Schließung des Ethnologischen Museums eines der Prunkstücke der Dahlemer Ausstellung. Masten, Segel und Ausleger des Südseebootes wurden in den dahinterstehenden Kisten separat verpackt.

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The roughly 15-metre-long hull of the Luf boat was the first to be transported on the evening of 28 May 2018. The proud two-master had been in the collection of the Völkerkundemuseum (Berlin’s former ethnological museum) since 1905 and, until what is now the Ethnologisches Museum closed in connection with the move, was one of the highlights of the Dahlem exhibition. The mast, the sails and the boom of the boat from the South Seas were packed into separate crates and followed behind the hull.

Auf dem Museumsparkplatz stand ein Autokran, dessen Fahrer die Kiste vorsichtig anhob und zwischen den Bäumen hindurch Richtung Straße schwenkte. Dort wurde die sperrige Fracht auf einen bereitstehenden Sattelschlepper hinabgesenkt und mit Gurten gesichert. Durch die Überlänge der Fracht konnte der Spezialtransport erst um 22 Uhr starten.

EINE TEURE FRACHT GEHT IN DIE LUFT

In the museum car park a car crane operator carefully hoisted the crate and swung it round between the trees towards the street. The unwieldy freight was then lowered onto an articulated trailer and secured with straps. Because the crate was so long, the special transport could not set off until 10 in the evening.

DER WEG INS FREIE FÜHRT DURCH DIE WAND

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IM SCHRITTTEMPO DURCH DIE INNENSTADT Mit durchschnittlich zwölf Stundenkilometern rollte der Konvoi durch die Nacht. Für die Großtransporte war im Vorfeld eine spezielle Route ausgearbeitet worden, die Brückendurchfahrten und Oberleitungen sowie zu enge Kurvenradien vermied. Zudem musste der Transport des Objekts schonend und erschütterungsfrei erfolgen.

The convoy rolled through the night at an average speed of 12 km/hour. A special route for the transport of the huge crates had been planned in advance in order to avoid bridges, overhead cables and sharp bends. The truck also had to drive very carefully to avoid vibrations.

5 1.–5. © SHF/David von Becker  6. © SPK/Stefan Müchler

EIN KRAFTAKT FÜR ALLE LOGISTIKER

Auf der Baustelle des Humboldt Forums angekommen, kam der Autodrehkran erneut zum Einsatz. Er hob die Transportkiste vom Sattelschlepper und schwenkte sie mit der Stirnseite voraus behutsam in den nördlichen Bogen von Portal III, unter der mächtigen Kuppel des Schlosses. Auf kleine Rollwagen aufgesetzt, konnte das Packstück von den Logistikern in das Foyer bugsiert werden.

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After arriving at the Humboldt ­Forum construction site, the revolving car crane was used again to hoist the crate from the trailer and swing it carefully, stern first, through the northern arch of Portal III, beneath the Palace’s majestic dome. As soon as it had been placed onto small trollies, the logistics team manoeuvred the crate through the foyer.

ANKUNFT IN LUFTIGEN HÖHEN Um die Transportkisten das letzte Stück in den zukünftigen Ausstellungssaal bringen zu können, musste ein spezieller Portalkran entwickelt werden. Zunächst wurden die verpackten Bootsteile auf das Hallenniveau in rund zehn Metern Höhe gehoben und dann mittels eines Laufkatzensystems an der horizontalen Kranbahn hängend in den Saal gezogen. Die in der Wand zum Foyer ausgesparte Öffnung wird nach Einbringung der Großobjekte geschlossen. A special portal crane had to be developed for the final phase of moving the crate into the future exhibition hall. First, the packed sections of the boat were hoisted to the floor level of the hall at about 10 metres off the ground and then, suspended from the horizontal crane rail, they were pulled into the hall using a crane trolley system. The opening in the wall of the foyer will be closed again once all the large objects have been brought in.


6  EINBLICKE  INSIGHTS

EIN OBJEKT UND SEINE 100 GESCHICHTEN HIGHLIGHTS IM HUMBOLDT FORUM

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3


INSIGHTS EINBLICKE  7

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

Von Lavinia Frey  |  »Viele Objekte, Bilder und Archive wurden seit 1890 nach Berlin gebracht. Diese Objekte, Bilder und Archive sind seither trotz der darin enthaltenen Geschichten in Depots gelagert. Diese Geschichten warten auf eine Chance, wieder entdeckt zu werden«, betont Achiles Bufure, der Direktor des National Museums and House of Culture in Dar es Salaam. Nach einer Veranstaltung zum Thema »Sprachen bewahren« sitzen wir zusammen, und Bufure erzählt mir, welche Erkenntnisse er tagsüber im Dahlemer Depot gewonnen hat. Er und sein Kollege Balthazar N ­ yamusya, Curator in Charge im Maji Maji Memorial Museum in Songea, sind zu Forschungszwecken in Berlin und werden zusammen mit Paola Ivanov, Kuratorin im Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin, auch eine Ausstellung im Humboldt Forum realisieren. Schon seit 2016 arbeiten sie und andere Kolleginnen und Kollegen aus Tansania mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Rahmen des Provenienzforschungsprojekts Tansania-Deutschland: Geteilte Objektgeschichten? zusammen. Einige der Objekte aus der TansaniaSammlung wurden im Maji-Maji-Krieg

gewaltsam entwendet und als »Kriegsbeute« klassifiziert. Für Bufure sind es Objekte des Widerstandes. Er und sein Kollege ergänzen diese Sammlungsgeschichte nun um wichtige Aspekte in Bezug auf Umwelt, Kultur, Religion, politische Systeme und eben Widerstand gegenüber der kolonialen Besatzung. Das unterscheidet sich von dem, was bisher unter der ‚Identität‘ der Objekte verstanden wurde. Es gibt nicht mehr nur eine Identität. Oder anders gesagt: Es gibt eine Vielzahl neuer Identitäten, die in die Objekte eingebettet sind. Denn Objekte haben viele Geschichten und somit viele Identitäten. Erst die Vielfalt aller dieser Geschichten ermöglicht es uns, Objekte als das zu erkennen, was sie sind: Mosaiksteine menschlichen Wissens, Wegweiser zur Geschichte unserer Welt. Häufig werden wir gefragt, was im Humboldt Forum zu sehen sein wird. Und da reicht es nicht aus, auf die fantastischen Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst, die Berlin Ausstellung, das Humboldt Labor und die Ausstellungen zur Geschichte des Ortes zu verweisen. Denn das Haus wird überwältigend sein: Auf über 30.000 Quadratmetern werden über 20.000 Objekte zu

sehen sein. Doch über einige wegweisende Stücke können wir uns orientieren – und dies nicht über die Objekte selbst, sondern über die Themen und Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Deshalb haben wir uns entschlossen, ab 2018 eine Reihe ausgewählter Objekte und Themen aus allen Ausstellungsbereichen dem Publikum auf unterschiedliche Weise schon vor der Eröffnung des Humboldt Forums zugänglich zu machen. Dabei setzen wir auch auf Bilder. In unserer digitalen Umgebung und im täglichen Gebrauch der Smartphones sind wir eine schnelle Abfolge und brillante Qualität solcher Bilder gewohnt. In einem aufwendigen Verfahren werden die ausgewählten Objekte daher nun gescannt und fotografiert. Auf diese Weise werden Bilder erschaffen, die tiefer und detailreicher sind. Einige der Originale werden ab dem 26. Oktober 2018 auf der Museumsinsel zu sehen sein, bevor sie dann endgültig ins Humboldt Forum einziehen werden. So zum Beispiel der im Vorderasiatischen Museum in der Nähe des Ischtar-Tors ausgestellte, fast lebensgroße Prozessionsstier Nandi aus Südindien (18./19. Jh.), der als Reittier Shivas gilt. Aus der Gegenüberstellung

und Reflexion der Dialog-Objekte entstehen an diesem Ort interessante Parallelen, aber auch Abgrenzungen sowie neue Perspektiven. Detailliert und facettenreich werden Expertinnen und Experten aus den Herkunftsländern, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Mitglieder der jeweiligen Communities bei unserer Veranstaltungsreihe Highlights im Humboldt Forum über die ausgewählten Werke berichten. Die Gespräche zu den Humboldt Forum Highlights, die es ebenfalls ab dem 26. Oktober allmonatlich geben wird, werden nicht nur einen Eindruck von den Objekten vermitteln, wir können durch sie auch schon jetzt mehr über das künftige Humboldt Forum erfahren. Wo und in welchem Kontext werden diese Objekte zu sehen sein? Welche Themen sind damit verbunden? Wo sonst im Humboldt Forum werden Themen wie etwa »Krieg«, »Prozession« oder »Ritual« erfahrbar gemacht? Was bedeuten uns diese Dinge heute? So werden diese Objekte zu Highlights im Humboldt Forum. An ihnen werden sich die Besucherinnen und Besucher später bei ihren ersten Wegen durch das große Haus orientieren können – einerseits an den Artefakten selbst, andererseits an der Art, wie

Some of the originals will be on display on Museum Island from 26 October 2018 before they finally move into the Humboldt Forum. For example, the almost life-size procession bull Nandi from South India (eighteenth and nineteenth century), which is the animal Lord Shiva is believed to have ridden. It is currently on display in the Vorderasiatisches Museum near the Ishtar Gate. Placing the objects in a dialogue with one another and reflecting on them in this juxtaposition raises interesting parallels, but also demarcates boundaries and opens up new perspectives. Curators, experts from the countries of origin, contemporary witnesses and members of the respective communities will discuss in detail the many aspects of these selected works in our series Humboldt Forum Highlights. Discussions on Humboldt Forum Highlights will take place once a month as of 26 October and will not only convey an impression of the objects themselves but will provide information about the future Humboldt Forum. Where and in what context will these objects be on display? Which themes are associated with them? Where else in the Humboldt Forum can visitors find out about themes such as “war”, “processions” or “rituals”? What do these things mean to us today? In this way these objects will become highlights at the Humboldt Forum. Later, when they make their first forays into the huge building, visitors will be able to orient themselves when they

recognize not just the artefacts themselves but also the way the Humboldt Forum presents them. Much of the information will also be available online. But are there really already a hundred stories? Surely not. The Humboldt Forum is currently engaged in numerous research projects like the one on Tanzania described above. And yet there is so much knowledge just waiting to be tapped. We hope that with the help of digital media we will be able to invite everyone to contribute their own knowledge, ideas and experiences. And then there won’t be just a hundred stories but maybe a thousand.

im Humboldt Forum mit diesen Artefakten umgegangen wird. Viele der Informationen werden auch im Internet zu finden sein. Doch sind es schon 100 Geschichten? Gewiss noch nicht. Es gibt im Rahmen des Humboldt Forums zahlreiche Forschungsprojekte wie das oben beschriebene zu Tansania. Und doch liegt noch so viel Wissen brach. Die Hoffnung ist, dass wir auch mit digitaler Unterstützung alle einladen können, ihr Wissen, ihre Gedanken und Erfahrungen einzubringen. Und dann werden es nicht nur 100 Geschichten, sondern vielleicht 1.000 sein. Lavinia Frey ist seit Juni 2018 Geschäftsführerin Programm und Projekte der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss und seit 2016 Geschäftsführerin der Humboldt Forum Kultur GmbH, die insbesondere für das Programm im Humboldt Forum verantwortlich zeichnet. Frey hat in der Schweiz Theaterwissenschaften, Allgemeine Geschichte und Philosophie studiert. Von 1999 bis 2005 hat sie als Regisseurin an zahlreichen deutschsprachigen Theater­häusern gearbeitet – darunter am Stadttheater Bern, am Schauspielhaus Zürich und am Maxim Gorki Theater Berlin.

ONE OBJECT, A HUNDRED STORIES HIGHLIGHTS AT THE HUMBOLDT FORUM By Lavinia Frey  |  “Many objects, images and archives have been brought to Berlin since 1890. Despite the stories they contain, these objects, images and archives have been stored in depositories ever since. These stories are just waiting for an opportunity to be rediscovered,” says Achiles Bufure, director of the National Museum and House of Culture in Dar es Salaam. After an event on the theme of “Preserving Languages”, Bufure and I sat together and he told me what he had found out during his day at the Dahlem depository. He and his colleague Balthazar Nyamusya, chief curator at the Maji Maji Memorial Museum in Songea, are on a research trip to Berlin and will also curate an exhibition at the Humboldt Forum together with Paola Ivanov, curator at the Ethnologisches Museum of the Staatliche Museen zu Berlin. They have been working together with colleagues from Tanzania and scholars from the Stiftung Preußischer Kulturbesitz since 2016 on the provenance research project Tanzania-Germany: Shared Object Histories? Some of the objects from the Tanzania collection were plundered during the Maji-Maji war and classified as “war booty”. For Bufure they are objects of resistance. He and his colleague go on to tell me about important additional aspects of the story of this collection, relating to their environment, culture, religion, political systems and resistance to the colonial occupiers. This throws a different light on our previous understanding

of the “identity” of the objects. They no longer have just one identity. Or to put it another way, the objects are now embedded in multiple new identities. Only the diverse stories attached to them allow us to recognize the objects for what they are: a mosaic of human knowledge, signposts to the history of our world. We are often asked what there will be to see at the Humboldt Forum. It is not enough simply to point to the fantastic collections of the Ethnologisches Museum and the Museum für Asiatische Kunst, the Berlin exhibition, the Humboldt Lab and the exhibitions on the history of the site however, because with 20,000 objects on display in 30,000 square metres of space, the Humboldt Forum will be utterly overwhelming. There are, however, a number of highlights that will help us to get our bearings, not just in relation to the objects themselves but also concerning the many themes and stories associated with them. Therefore we have decided to give the public access to a series of selected objects and themes from all sections of the exhibition before the Humboldt Forum actually opens. We will be doing this in a variety of ways throughout 2018. Here we will focus primarily on images. In our digital environment and in our daily use of smartphones we are used to viewing many high-quality images in quick succession. Selected objects will therefore be painstakingly scanned and photographed. This will enable us to create images with greater depth and more detail.

Lavinia Frey became Managing Director Programme and Projects at Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss in June 2018. She has been managing director of Humboldt Forum Kultur GmbH since 2016 with special responsibility for programme planning at the Humboldt Forum. Frey studied theatre, history and philosophy in Switzerland. From 1999 to 2005, she worked as a director at a variety of German-language theatres, including Stadttheater Bern, Schauspielhaus Zürich and Maxim Gorki Theater Berlin.

Nandi: Prozessionsstier – Reittier des Gottes Shiva. Holz, 134 × 47 × 152 cm, Südindien, 17. Jahrhundert.   |  Nandi: procession bull – mount of Lord Shiva. Wood, 134 x 47 x 152 cm, South India, seventeenth century. © Museum für Asiatische Kunst, Ident.-Nr. I 5958 I 5958/Jester Blank Mulzer GbR


8  HIGHLIGHTS  HIGHLIGHTS

WELTKULTUR IN ZEHNTAUSENDEN POLYGONEN  THE WORLD’S CULTURE IN TENS OF THOUSANDS OF POLYGONS

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3


AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

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10  HIGHLIGHTS  HIGHLIGHTS

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

MITTELS 3D-SCAN, PHOTO­­­GRAMMETRIE UND FOTOGRAFIE WERDEN DIE SAMMLUNGEN IM HUMBOLDT FORUM STÜCK FÜR STÜCK DIGITALISIERT. UNSER AUTOR KONNTE DEN FOTOGRAFIEEXPERTEN BEI IHRER SPANNENDEN ARBEIT ÜBER DIE SCHULTER SCHAUEN.

Von Stefan Müchler  |  Im Zentrum der Rotunde des Alten Museums steht Vishnu auf seinem Sockel und blickt stoisch in Richtung Schlossbaustelle. Doch anders als an sonstigen Montagen herrscht heute im Kreise der griechischen Götter geschäftige Betriebsamkeit. Mit einem Hand­scanner tastet Jens Blank die Oberfläche des Exponats vorsichtig ab. Das bügeleisenförmige Gerät sendet blitzende Lichtimpulse aus, deren Echo an einen danebenstehenden Laptop weitergeleitet wird. In Echtzeit entsteht am Bildschirm Stück für Stück ein graues, digitales Abbild des Vishnu.

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»Ein Streiflichtscanner projiziert Linien auf das zu digitalisierende Objekt, und je nach Beschaffenheit der Oberfläche krümmen sich die Streifen auf dem Gegenstand. Dies wird von mehreren im Gerät enthaltenen Kameras erfasst, und eine entsprechende Software errechnet daraus die Kubatur des Exponats«, so Jens Blank, der als ArtDirektor in der digitalen Animation arbeitet. Eine besondere Ausleuchtung ist in dieser Phase noch nicht erforderlich; das benötigte Licht wird direkt durch den Handscanner ausgegeben. Größere, ebene Flächen und auch feinste Strukturen sind für den Scanner

kein Problem – schwieriger wird es bei sehr komplexen Oberflächen und verwinkelten Strukturen. An die Grenzen stieß die Technik beim Scan des Mangaaka, einer Kraftfigur aus dem Kongo, dessen Brust, Bauch und Schultern mit verschiedensten Metallstücken gespickt ist. »Beim Scannen hat mich das Objekt ein wenig an das Nagelbrett eines Fakirs erinnert. Doch sind beim Mangaaka die Nägel nicht regelmäßig angeordnet, sondern stehen kreuz und quer. Da die geometrischen Details zu erfassen, ist ungeheuer schwer.« Teilweise hätten die Scanner aufgegeben, da die Kameras einen jeden Punkt aus zwei Winkeln sehen müssen, um die genaue Geometrie des Objektes erfassen zu können. Der steinerne Vishnu ist da ein vergleichsweise einfach zu scannendes Objekt. Aufgrund seiner Höhe muss Jens Blank hier aber viele Male seine Position auf einer Leiter ändern. Während Blank den Scan fortsetzt, arbeitet sein Kollege Philipp Jester bereits am Lichtaufbau für den nachfolgenden zweiten Schritt: »Das 3D-Scannen ist nur ein Baustein bei der Digitalisierung eines Objektes«, erklärt Jester, der als Fotograf und Gestalter hauptsächlich in der Kulturkommunikation arbeitet. »Mit dem Verfahren der Photogrammetrie erfassen wir jetzt die Textur des Objektes, seine Farbigkeit und Materialität.« Wie ein Segel spannt sich nun ein gleißend heller Lichtteppich über die mächtige Statue und leuchtet die indische Gottheit gleichmäßig aus. Im Vergleich zum Tageslicht entspricht diese Lichtintensität der eines bedeckten Tages. Das gleichmäßige Kaltlicht sei für die Fotografie ideal, so Philipp Jester: »Wir wollen wenig Schatten. Das Objekt muss aber dennoch skulptural wirken.« Jester umkreist mit seiner auf einem speziellen Stativ montierten Kamera das Objekt auf verschiedenen Ebenen – von weit oben bis weit unten. Fotografiert wird immer mit Überlappungen. Bei kleineren Objekten entstehen so Dutzende Einzelbilder; beim Vishnu werden es hinterher 381 Aufnahmen sein. Am Computer werden sie zu einer durchgehenden Objektoberfläche zusammengefügt. Scan und Photogrammetrie werden bei diesem Vorgehen arbeitsteilig verwendet: Während der Streiflichtscanner die Kubatur des Objektes erfasst, liefert die Photogrammetrie eine sehr hochauflösende Textur. In

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der Verschmelzung der Ergebnisse beider Verfahren entsteht am Computer Wunderbares. Die aus unzähligen Polygonen bestehende Geometrie des Objektes wird bereinigt und in ein 3D-Modell umgewandelt. Wie eine Haut wird dann die hochauflösende farbliche Beschaffenheit der Oberfläche digital aufgetragen – die beiden Komponenten »verheiratet«. So entsteht ein dem Original zum Verwechseln ähnliches Abbild, das für Forschung, Kommunikation oder Bildung und Vermittlung eingesetzt werden kann. Am Computer lassen sich mit dem erzeugten Modell die unterschiedlichsten Situationen rendern. Wie bei einem Fotoshooting in der realen Welt kann das Objekt am Computer ausgeleuchtet, die Ausrichtung mit ein paar Mausklicks angepasst oder Ausschnittvergrößerungen hergestellt werden. Ohne das Objekt erneut aus der Vitrine holen zu müssen, entsteht am PC eine komplett neue Bildsprache.

The collections at the Humboldt Forum are being digitalized piece-by-piece using 3D scanning technology, photo­ grammetry and photography. Our author took the opportunity to observe the fascinating work of the photo experts.

By Stefan Müchler  |  In the centre of the rotunda of the Altes Museum Vishnu stands atop a pedestal looking stoically towards the Berlin Palace construction site. But unlike most Mondays, today there’s a bustle of activity around the Greek gods. Jens Blank is carefully scanning the surface of the sculpture with a hand scanner. The device, shaped like an iron, emits flashing pulses of light whose echoes are transmitted to the laptop off to the side. Bit by bit a grey digital image of Vishnu appears in real time on the screen. “A structured light scanner projects lines onto the object to be digitalized, and the lines bend around the object according to its surface characteristics. This is captured by several cameras in the device, and the corresponding software uses the information to calculate the cubature of the object,” explains Blank, who works as an art director in the field of digital animation. The hand scanner emits enough light to render the object, making additional lighting unnecessary during this phase. Larger flat surfaces and even the most filigree structures are no problem for the scanner – but things do become more difficult with highly complex surfaces and angled structures. The technology was pushed to the limits when scanning the Mangaaka, a power figure from the Congo, whose chest, belly and shoulders are spiked with variously sized pieces of metal. “When I was scanning it, the object reminded me a bit of a fakir’s bed of nails. But in nails in the Mangaaka aren’t in a regular pattern, but stick out everywhere. Capturing the geometric details was unbelievably difficult.” In some instances the camera simply gave up because cameras have to see each point from two angles in order to capture the object’s exact geometry. By contrast, the stone Vishnu is relatively easy to scan, but its height meant that Blank had to frequently change his position on the ladder. While Blank continues scanning, his colleague Philipp Jester is setting up lights for the next step: “3D scanning is just one step in digitalizing an object,” says Jester, who generally works as a photographer and designer in the field of cultural communication. “We use the


HIGHLIGHTS HIGHLIGHTS  11

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photogrammetry process to capture the texture, colour and materiality of the object.” A glistening carpet of light spreads like a sail across the mighty statue, evenly illuminating the Indian god. The light intensity is the equivalent of an overcast day. The cold, even light is ideal for photography, explains Jester: “We want as few shadows as possible. Yet the object still has to appear sculptural.” Jester circles the sculpture with cameras mounted on special tripods at various levels – from the top to the very bottom. The photographs always overlap. With smaller objects he may take dozens of individual pictures; in the case of Vishnu, there will be a total of 381 images. The results are merged together to form a continuous image of the object’s surface. Scans and photogrammetry are used in different work steps: whereas the structured light scanner is used to determine the object’s

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cubature, photogrammetry delivers highresolution texture. Wonderful things happen in the computer when the results of the two procedures are combined. The object’s geometry, consisting of countless numbers of polygons, is transformed into a 3D model. Then the high-resolution colour qualities of the surface are applied like a digital skin – the two components are “married”, so to speak. The result is an image that could easily be mistaken for the original, which can be used for research, communication, educational, or marketing purposes. On the computer, the 3D model can be rendered into all sorts of situations. Just like a reallife photoshoot, lights can be angled onto the object, the position changed with a few mouse clicks and close ups can be created. A whole new visual language appears on the PC – without even having to remove the object from the display case.

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Stefan Müchler kümmert sich bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz seit der Grundsteinlegung des Berliner Schlosses im Sommer 2013 um die Kommunikation der beiden in das Humboldt Forum umziehenden Dahlemer Museen. Privat reist der Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gerne in die Herkunftsregionen der außereuropäischen Sammlungen. Stefan Müchler has worked as press and public relations officer for the Stiftung Preußischer Kulturbesitz since the first foundations were laid for the Berlin Palace in summer 2013, overseeing the communication between the two Dahlem museums that are moving into the Humboldt Forum. In his spare time he enjoys travelling to the regions from which the non-European collections originate.

Scans des Bodhisattva Kopfs (S. 8–9 sowie Bilder 4 und 5) und von der Figur des Vishnus (Bilder 3, 6 und 7), beide aus dem Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, zeigen in ihrer Präzision und Schärfe kaum noch Differenzen zu konventionellen Fotografien. Selbst kleinste Details treten bei diesen digital gene­rierten Bildern realistisch hervor. Für diesen Effekt waren zahlreiche Arbeitsschritte erforderlich. Die Ausrüstung, die Philipp Jester und Jens Blank für Ihre Arbeit mit ins Museum gebracht haben, war umfangreich und auf dem neuesten Stand der Technik (Bilder 1 und 2). © SHF/Jester Blank Mulzer GbR  |  Scans of the Bodhisattva head (pp.8–9 and images 4 and 5) and of the figure of Vishnu (images 3, 6 and 7), both from the Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, scarcely differ in their precision and focus from conventional photography. Even the tiniest details look realistic in these digitally generated images. Many working stages went into creating this effect. To perform their work in the museum Philipp Jester and Jens Blank used a wide range of state-of-the art equipment (images 1 and 2). © SHF/Jester Blank Mulzer GbR


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AUFARBEITUNG IM DIALOG ADDRESSING THE PAST IN DIALOGUE Kuratoren des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin haben zwei Projekte zur Provenienz­ forschung mit Partnern aus Tansania durchgeführt. Im Interview erklärt die Ethnologin Paola Ivanov zusammen mit der Historikerin Kristin Weber-Sinn, welch enormes Potenzial in derartigen Kooperationen liegt.

In den ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin befinden sich gut 10.000 Objekte aus Tansania. Was wissen wir heute über deren Aneignungsgeschichte? Kristin Weber-Sinn: Es gibt verschiedene Formen der Aneignung. Diese Sammlung hat in weiten Teilen einen problematischen Hintergrund, da sie im Kontext des deutschen Kolonialismus in Ostafrika betrachtet werden muss. Viele Objekte sind in Kriegen und in militärischen Konflikten erbeutet worden. Darüber hinaus gibt es aber auch Objekte, die erworben, getauscht oder geschenkt worden sind. Es gibt also keine pauschale Antwort auf Ihre Frage. Sie haben zusammen mit Partnern aus Tansania zwei Projekte über die Tansania-­ Sammlung des Ethnologischen Museums durchgeführt. Wie sind Sie dabei vor­gegangen? Paola Ivanov: Wir haben die beiden Projekte gestartet, weil ja bekannt war, dass viele Objekte mit der gewaltsamen Geschichte der kolonialen Eroberungen in Verbindung stehen. Das Projekt Tansania-Deutschland:

Geteilte Objektgeschichten? erforscht die Provenienz ausgewählter Sammlungsbestände: Welche Biografien haben die ­Objekte? Wer waren die Vorbesitzer und eventuelle Zwischenhändler? Wie sind die jeweiligen Objekte in den Besitz des Museums gelangt? Welche Rolle spielten sie im Gefüge der kolonialen Machtbeziehungen? Provenienzforschung zu solchen Objekten kann man aber nicht nur an einem Schreibtisch in einem deutschen Museum durchführen. Die Aufarbeitung muss in einem Dialog mit Vertretern jener Länder erfolgen, die kolonialisiert worden sind. Deshalb haben wir im Rahmen des Projektes Humboldt Lab Tanzania, das von der Kulturstiftung des Bundes finanziert worden ist, unterschiedliche Formate der Zusammenarbeit erprobt: Zum einen ging es um Feldforschung in jenen Regionen, aus denen die Objekte ursprünglich einmal kamen, dann aber auch um eine Art künstlerische Forschung: Dabei hat sich eine Künstlergruppe mit den Objekten und mit der kolonialen Vergangenheit Tansanias beschäftigt. Die dabei entstandenen Werke sind später in Zusammenarbeit mit dem National Museum of Tanzania ausgestellt worden. Inwieweit können solche Kooperationen mit den Herkunftsgesellschaften dabei helfen, Wissenslücken zu füllen? Kristin Weber-Sinn: Ein konkretes Beispiel wäre ein Beutel mit 96 medizinischen Objekten, der im Maji-Maji-Krieg erbeutet wurde – ein Krieg, der zwischen den Deutschen und den Bevölkerungsgruppen im Süden Tansanias geführt wurde und in dessen Folge auf tansanischer Seite 200.000 bis 300.000 Menschen ums Leben kamen. Über diesen Beutel war bis dato wenig bekannt; im Rahmen des Lab Tanzania konnten wir aber viele Wissenslücken schließen. So haben wir etwa Heilkundige aus Tansania befragt, die uns beschreiben konnten, welche Funktion diese Objekte einst gehabt haben könnten.

Sie erwähnten vorhin den Maji-Maji-Krieg. Inwieweit wird der auch in den Ausstellungen im Humboldt Forum präsent sein? Paola Ivanov: In Kooperation zwischen dem Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin und dem National Museum of Tanzania wird es im Humboldt Forum eine Ausstellung zu Ostafrika und Tansania geben. Unseren Partnern ist es dabei sehr wichtig, dass wir die Geschichte Tansanias nicht auf die deutsche Kolonialgeschichte verengen. Zu Recht weisen sie darauf hin, dass es in Tansania eine lange Geschichte gibt, die überhaupt nichts mit den Deutschen zu tun gehabt hat. Dennoch wird aber auch der Kolonialismus dargestellt werden. Die in den Projekten erforschten Objekte werden dabei eine zentrale Rolle spielen.

But there are also objects that were purchased, exchanged or received as gifts. So there is no one single answer to your question.

lot of gaps. For example, we asked healers from Tanzania to describe what function these objects might once have had. You mentioned the Maji-Maji war. To what extent will it feature in the exhibitions at the Humboldt Forum? Paola Ivanov: The Ethnologisches Museum of the Staatliche Museen zu Berlin and the National Museum of Tanzania will jointly stage an exhibition about East Africa and Tanzania at the Humboldt Forum. For our partners it is very important that we don’t restrict the history of Tanzania to German colonial history. They rightly point out that Tanzania has a long history that has nothing to do with the Germans. Nevertheless, the exhibition will include the colonial period. The objects which have been the focus of research in these project will play a central role here.

Curators at the Ethnologisches Museum of the Staatliche Museen zu Berlin have carried out two provenance research projects with partners from Tanzania. The ethnologist Paola Ivanov and the historian Kristin Weber-Sinn explain in an interview the enormous potential that this kind of cooperation harbours.

You have carried out two projects on the Tanzania collection of the Ethnologisches Museum with partners from Tanzania. What was your approach? Paola Ivanov: We initiated the two projects because we knew that many of the objects were linked with the violent history of colonial conquest. The project Tanzania-Germany: Shared Object Histories? investigates the provenance of selected holdings. We ask: What are the objects’ biographies? Who were their previous owners or in some cases who were the intermediaries? How did the objects come to be owned by the museum? What role did they play in colonial power relations? But you can’t just sit down at a desk in a German museum and do provenance research on objects of this kind. The past needs to be addressed in a dialogue with representatives of the countries that were colonized. That’s why we have tried out various forms of cooperation under the auspices of the project Humboldt Lab Tanzania, which is being financed by the Kulturstiftung des Bundes (German Cultural Foundation). On the one hand, our aim was to carry out field research in the regions from which the objects originate, but we were also interested in an artistic research approach. So we had a group of artists investigate the objects and Tanzania’s colonial past. The works that emerged from this process were later shown in an exhibition at the National Museum of Tanzania.

In the ethnological collections of the Staatliche Museen zu Berlin there are well over 10,000 objects from Tanzania. What do we know today about how they were acquired? Kristin Weber-Sinn: There are different forms of acquisition. Much of the collection has a problematic background because it has to be considered in the context of German colonialism in East Africa. Many of the objects were seized during wars and other military conflicts.

To what extent can this kind of cooperation with the societies of origin help us to fill gaps in our knowledge? Kristin Weber-Sinn: A concrete example would be a bag containing 96 medical objects that was captured during the Maji-Maji war – a war waged between the Germans and the population of southern Tanzania in which 200,000 to 300,000 people died on the Tanzanian side. Previously, little was known about this bag but during Lab Tanzania we were able to fill in a

NEU ERSCHIENEN:

Interview: Ralf Hanselle

Paola Ivanov ist Ethnologin und seit 2012 Kuratorin der Sammlungen aus Ost-, Nordost-, Zentral- und Südafrika am Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin. Kristin Weber-Sinn ist Historikerin und seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin an dem Forschungsprojekt Tansania-Deutschland: Geteilte Objektgeschichten? am Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin. Paola Ivanov is an ethnologist and, since 2012, curator of the collections from East, Northeast, Central and Southern Africa at the Ethnologisches Museum of the Staatliche Museen zu Berlin. Kristin Weber-Sinn is a historian. Since 2016, she has worked as a research assistant on the research project Tanzania-Germany: Shared Object Histories? at the Ethnolo­ gisches Museum of the Staatliche Museen zu Berlin.

RECENTLY PUBLISHED: HUMBOLDT LAB

Humboldt Lab Tanzania. Objekte aus den Kolo­nialkriegen im Ethnologischen Museum, Berlin – Ein tansanisch-deutscher Dialog

TANZANIA. OBJECTS FROM THE COLONIAL WARS IN THE ETHNOLOGISCHES MUSEUM, BERLIN – TANZANIAN– GERMAN PERSPECTIVES

In den Depots des Ethnologischen Museums Berlin befinden sich bis heute zahlreiche Objekte, die während der deutschen kolonialen Herrschaft zwischen 1885 und 1918 in Tansania erbeutet wurden. In dem Projekt Humboldt Lab Tanzania setzten sich tansanische und deutsche Wissenschaftler, Kuratoren und Künstler kritisch mit einer Auswahl von Objekten auseinander. Das von Lili Reyels, Paola Ivanov und Kristin Weber-Sinn herausgegebene Buch dokumentiert die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung. Mit dem Umzug des Ethnologischen Museums ins Humboldt Forum sind die Sammlungen aus den ehemaligen deutschen Kolonien und die oft problematische

The Ethnologisches Museum Berlin still has numerous objects in storage which were taken from Tanzania during the colonial rule from 1885 to 1918. In the project Humboldt Lab Tanzania, Tanzanian and German scholars, curators and artists undertake a critical exploration of selected objects. The book, edited by Lili Reyels, Paola Ivanov and Kristin Weber-Sinn, documents the results of this investigation. Now that the Ethnologisches Museum is moving to the Humboldt Forum, the public has become increasingly aware of the collections from former German colonies and their frequently controversial provenance. The German and Tanzanian participants in the project are trying out new ethnological, historical and artistic approaches to

Provenienz der Objekte verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Projektteilnehmer aus Deutschland und Tansania erproben neue ethnologische, historische und künstlerische Zugänge zur gemeinsamen kolonialen Geschichte. In den Blick genommen wird der Bedeutungswandel, den die Objekte im Laufe der Zeit durchmachen, aber auch die Frage des Umgangs mit ethnologischen Sammlungen aus kolonialen Kontexten: Auf welche Weise können diese sensiblen Objekte und ihre Geschichten in der musealen Theorie und Praxis (re-)präsentiert werden? Antworten gibt dieser im Dietrich Reimer Verlag erschienene Sammelband. 240 Seiten kosten 59,Euro. isbn 978-3496015918

the shared colonial history. They are taking account of how the meaning of the objects has shifted over time as well as addressing the issue of ethnological collections from colonial contexts: How can these sensitive objects and their histories be (re)presented in theory and practice in museums? This anthology, published by Dietrich Reimer Verlag, provides some answers. The book is 240 pages long and costs 59 euros. isbn 978-3496015918


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1. Internationale Konferenz des Humboldt Lab Tanzania im Goethe-Institut Tanzania, Dar es Salaam, 22.11.2016.  |  International Conference of the Humboldt Lab Tanzania at the Goethe-Institut Tanzania, Dar es Salaam, 22 November 2016. © Pawel Desot   2. Beutel mit 96 medizinischen Objekten aus dem Besitz eines Heilkundigen (Mohoro).  |  Bag with ninety-six medical objects owned by a healer (Mohoro). © SMB/ Martin Franken  


14  PARTNERSCHAFTEN  COOPERATIONS

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IM REICH DER SCHATTEN IN THE KINGDOM OF SHADOWS Mit dem von einem Orchester begleiteten Stummfilm Setan Jawa endet Ende September die Ausstellung und Programm [laut] Die Welt hören. Das Live-Ereignis wird die Deutschlandpremiere eines neuen Meisterwerks des indonesischen AvantgardeRegisseurs Garin Nugroho sein. Von Stefan Schmidtke  |  Die Idee von Setan Jawa ist einzigartig: Ein schwarz-weißer Stummfilm mit indonesischem Schattenspiel und modernem Tanz, ein traditionelles Gamelan-Orchester mit fünf Sängerinnen und Sängern, erweitert um ein europäisches Orchester, formen ein faszinierendes Gesamtkunstwerk. Erzählt wird eine Liebesgeschichte. Setio, ein armer Dorfbewohner, verliebt sich tragisch in die schöne Asih, eine javanische Prinzessin. Um ihre Liebe zu erringen, setzt er auf ein Geschäft mit dem Teufel. Die Geschichte spielt in Indonesien zur Kolonialzeit und ist vom lebendigen Mystizismus des Inselreiches ebenso inspiriert, wie vom deutschen Stummfilm der 1920er-Jahre. Der Filmklassiker Nosferatu von Friedrich Wilhelm Murnau war Ausgangspunkt für den bekannten indonesischen Avantgarde-Regisseur Garin Nugroho, die Welt der Schatten neu zu erfinden. Die Begegnung

von Tradition und Moderne kulminiert in der zeitgenössischen Musikkomposition des einflussreichen indonesischen Komponisten Rahayu Supanggah – der als Erneuerer der Gamelan-Musik gilt und unter anderem mit Robert Wilson zusammenarbeitete – und des preisgekrönten Australiers Iain Grandage. Das javanische Gamelan-Ensemble Garasi Seni Benawa und das Rundfunk-Sinfonie­orchester Berlin spielen die eigens für diesen Film entstandene Komposition, dirigiert von Iain Grandage. Das Filmkonzert, das 2017 im Arts Center Melbourne uraufgeführt wurde, feiert in Berlin seine Deutschlandpremiere und wird in dieser Konstellation erstmalig realisiert. Das Gemeinschaftsprojekt mit dem 19-köpfigen javanischen GamelanEnsemble und den 20 Berliner Musikern steht beispielhaft für die ab Ende 2019 zu erlebende Programmatik des Humboldt Forums: Es geht um die spielerische Verbindung verschiedener Traditionen und Ästhetiken, die Kontinente und Jahrhunderte umspannen. Das Humboldt Forum ist internationale Plattform für Dialog und künstlerische Begegnung. Seit März 2018 macht die Veranstaltungsserie und Ausstellung [laut] Die Welt hören mit Klängen, Liedern und Sprachen eindrucksvoll deutlich, dass das Humboldt Forum auch ein Haus der Töne sein wird. Mit der faszinierenden, großen Festivalproduktion Setan Jawa endet [laut] Die Welt hören am 22. September 2018 mit einem absoluten Veranstaltungshöhepunkt.

The exhibition and program [sound] Listening to the World will conclude in late September with a screening of the silent film Setan Jawa, with live orchestral accompaniment. This German premiere of a new masterpiece by avant-garde Indonesian director Garin Nugroho aesthetically underscores the Humboldt Forum concept. By Stefan Schmidtke  |  The concept behind Setan Jawa is utterly unique: a silent blackand-white film with Indonesian shadow puppetry, modern dance and a traditional gamelan orchestra with five singers, supplemented by a European orchestra – all coming together to create a fascinating Gesamtkunstwerk. In this love story, a poor villager called Setio tragically falls in love with the beautiful Javanese princess Asih. In order to win her love he makes a pact with the Devil. Set in colonial-era Indonesia, the tale is inspired as much by the island kingdom’s vibrant mysticism as it is by 1920s silent German film. The classic film Nosferatu, directed by Friedrich Wilhelm Murnau, provided the springboard for well-known Indonesian avant-garde director Garin Nugroho to reinvent the world of shadows. This encounter between tradition and

modernity culminates in the contemporary composition by the influential Indonesian composer Rahayu Supanggah – who is regarded as having breathed new life into gamelan music and has worked with Robert Wilson, among others – and the prize-winning Australian composer Iain Grandage. The music, which has been written specially for this film, is to be performed by the Javanese gamelan ensemble Garasi Seni Benawa and the Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, and conducted by Iain Grandage. The film concert, which premiered at the Arts Center Melbourne in 2017, will be performed for the first time in Germany and in this particular constellation. The joint project between the nineteen-strong Javanese gamelan ensemble and the twenty Berlin musicians is entirely representative of the kind of programming the Humboldt Forum will be undertaking from the end of 2019 onwards, with the emphasis on playfully linking traditions and aesthetics, spanning continents and centuries. The Humboldt Forum is an international platform for dialogue and artistic encounter. Since March 2018, the exhibition [sound] Listening to the World along with its accompanying programme have impressively demonstrated that the Humboldt Forum will be a venue for sounds, too. On 22 September 2018, [sound] Listening to the World will be concluding with a tremendous crescendo, thanks to the fascinating festival production of Setan Jawa.

Alle Bilder entstammen dem Film Setan Jawa.   |  All images taken from the film of Setan Jawa.

SETAN JAWA. 22.09.2018 Einlass 18:30 Uhr Einführung 19:00 Uhr Beginn 20:00 Uhr DOORS OPEN 18.30 INTRODUCTION 19.00 SCREENING 20.00 GroSSer Sendesaal im Haus des Rundfunks Masurenallee 10 14057 Berlin Tickets 20 Euro, Vorverkauf unter www.rsbonline.de, telefonisch unter +49 30 202 987 15, per Mail an tickets@rsbonline.de oder an der Abendkasse. Tickets 20 euros, advance sale at www.rsbonline.de, by phone at +49 30 202 987 15, by e-mail to tickets@rsbonline.de or at the box office.


COOPERATIONS PARTNERSCHAFTEN  15

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VORSTELLUNG IMAGINE MÖGLICHKEITEN FÜR BEGEGNUNGEN, INTERAKTION UND INSPIRATION. OPPORTUNITIES FOR ENCOUNTERS, INTERACTIONS, AND INSPIRATIONS.

Von Chor-Lin Lee  |  Erst vor Kurzem entwickelte ich wirklich ein Verständnis für das Dahlemer Milieu mit seinen riesigen Seen, die so vielen Berlinern Gesundheit und ein langes Leben schenken, und mit den Restaurants in Ufernähe, wo man mit Freunden und Familie gesundes Essen genießen und jene Ruhe und Beschaulichkeit erleben kann, die sich einst wie ein Deckmantel über die Spannungen des Kalten Krieges legten. Zuvor verband ich Dahlem nur mit den unglaublichen Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Aber so sehr mich die indischen Miniaturen und die buddhistischen Höhlenmalereien der Seidenstraße auch faszinierten, so sehr schreckte mich die lange Busfahrt ab, die mich von ihnen trennte. Als ich 2011 zu den ersten Besprechungen des Humboldt Forums eingeladen wurde, erfuhr ich, dass diese Sammlungen in das Zentrum Berlins übersiedeln sollten. Da ergriff mich ein ganz unverdienter Stolz darauf, an der Entstehung dieses neuen kulturellen Anziehungspunktes in der Stadt mitwirken zu dürfen. All jene Berliner, die immer noch nicht genug von Museen haben, können das Humboldt Forum in Zukunft in wenigen Stationen per U-Bahn erreichen. Touristen hingegen haben dann einen Grund weniger, nach Dahlem zu fahren, wodurch dieser Stadtteil wieder zum Geheimtipp für die Berliner Bevölkerung werden kann. Während mehrerer Berlin-Besuche in den letzten Jahren lernte ich sehr rasch die Vorzüge der hiesigen Kunst- und Kulturlandschaft zu schätzen. Hier lässt sich an jeder Ecke die beste Klassik-Szene Europas und das beste deutsche Theater erleben, und in nur einer Viertelstunde ist das Kupferstichkabinett erreichbar, wo man Raffaels Zeichnung des Elefanten Hanno ganz in Ruhe aus der Nähe betrachten kann. Die Ausstellungshäuser der Stadt sind so riesig und reichhaltig, dass ich hier nur allzu leicht dem Stendhal-Syndrom verfalle. Berlin wacht mit Scharfsinn und Würde über den Glanz der europäischen Zivilisation.

Bei der Eröffnung des Humboldt Forums wird die Botschaft eine ganz andere sein. Ich denke, die Stadt wird uns damit zu verstehen geben, dass sie sich endlich dem Rest der Welt öffnet. Zwar sind wir hierhergekommen, um das Deutsche, das Europäische zu erleben, doch zeigt das Humboldt Forum den Blick Berlins auf die Welt mit all ihrer frustrierenden Komplexität und Kriegszerrissenheit. Manche empfinden es vielleicht als lebendiges Mahnmal für die Beteiligung Deutschlands an der Brutalität des Kolonialismus. Dennoch sollten wir diesen Raum als Ausgangspunkt für Diskussionen und Selbstreflexion betrachten, wie sie in Deutschland auf bewundernswerte Weise Tradition haben. Wie jeder gute öffentliche Raum sollte das Humboldt Forum seine Objektgalerien und Programme in erster Linie nutzen, um Möglichkeiten für Begegnung, Interaktion und Inspiration zu schaffen. Von einem neuen Berliner Freund habe ich erfahren, dass das ehemalige Stadtschloss während der DDR-Zeit – als Palast der Republik – ein Ort war, wo Freunde und Fremde abhängen, quatschen und vielleicht sogar den Alltag vergessen konnten. Zusammen mit der umwerfenden Architektur, den illustren Ausstellungen und dem abwechslungsreichen Programm wird das Humboldt Forum, so wie ich es mir vorstelle, den Berlinern auch eine Auszeit von den Kontroversen und der Großspurigkeit ermöglichen, die immer mit dem Trubel einer Groß- und Hauptstadt einhergehen.

By Chor-Lin Lee  |  Only recently did I understand the milieu of Dahlem – its vast lakes that give so many Berliners health and longevity, the wholesome lakeside restaurants where you can relax and eat with family and friends, contemplating a tranquillity and serenity that once disguised Cold War intrigue. All I knew of Dahlem were the incredible collections of the Ethnologisches Museum (Ethnological Museum) and the Museum für Asiatische Kunst (Museum

of Asian Art). I was as enamoured with the Indian miniatures and the Buddhist cave paintings of the Silk Road as I was baffled by the long bus ride to reach them Invited to Humboldt’s earlier meetings in 2011 I learned that these collections would come to be housed in the heart of the city. Then I was filled with an undeserved sense of pride to be associated with the coming of this new cultural magnet to the city. For Berliners who are not already tired of museums, the Humboldt will be just a few U-Bahn stops away. For tourists, Dahlem will now have less appeal, so that Berliners can preserve this part of the city as one of its best-kept secrets. Having been to Berlin a number of times in the past few years, I learned very quickly to profit from its artistic and cultural landscape. You can experience the best European classical music and German theatre at the drop of a hat. It takes only fifteen minutes to enjoy (all by yourself) a close-up view of Raphael’s sketch of Hanno the Elephant in the Kupferstichkabinett (Copper Engraving Collection Museum of Prints and Drawings). The picture galleries here are so rich and vast that I easily develop Stendhal syndrome. Berlin guards the splendour of European civilization with an astute dignity.

When the Humboldt opens, the message will be very different. I imagine it will be the city’s signal to us that it is finally taking the rest of the world into its embrace. As much as we have come here to take in the German and the European, the Humboldt is Berlin’s gaze on the world, however frustratingly complex and war-torn it may be. To some, it may be a living reminder of Germany’s participation in the violence of colonialism, but it is important to regard this space as a point of departure for debate and self-reflection, which the German tradition carries out admirably. Most of all, like all good public spaces, the Humboldt should use its galleries of objects and programming to generate opportunities for encounters, interactions, and inspiration. I am told by a new Berliner friend that during the GDR period the old Stadtschloss (transfor­ med into the Palast der Republik or Palace of the Republic) was a place for friends and strangers to hang out, converse, and perhaps space out. Along with its stupendous architecture, lustrous displays, and vibrant programming, the Humboldt that I imagine will also offer respite to Berlin residents and visitors from the controversies and pomposities that naturally trundle along in tow with the hustle and bustle of a great capital city.

Chor-Lin Lee ist eine Historikerin aus Singapur, Mitglied der Internationalen Expertenkommission des Humboldt Forums und Expertin für asiatische Kunst. Als ehemalige Direktorin des Nationalmuseums Singapur und des Ausstellungshauses Limited Singapur ist es ihr Anliegen, einem breiten Publikum vielfältige und experimentelle Kunstprojekte zugänglich zu machen. Chor-Lin Lee is a historian from Singapore and a member of the Humboldt Forum’s international team of experts. As the former director of the National Museum of Singapore and the former CEO of the Art House Limited Singapore, she strives to bring multifaceted and experimental art projects to a diverse audience.

Chor-Lin Lee © Melisa Teo


16  UNSER HAUS  OUR MUSEUM

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STATEMENTS

Andrea Rieder, freie Kuratorin ­Geschichte des Ortes: Das Humboldt Forum hat eine große Chance, neue und mutige Schritte zu gehen – insbesondere auch für das zukünftige Programm im Humboldt Forum. Dazu zählt für mich ein intensives regionales und internationales Netzwerk für einen kreativen und offenen Austausch, der sich im zukünftigen Programm des Humboldt Forums erfrischend und facettenreich niederschlägt. Andrea Rieder, freelance curator for site history: This is a huge opportunity for the Humboldt Forum to implement some fresh and bold measures – particularly with respect to the future programme. In my opinion that includes an extensive regional and international network to ensure creative and open exchange, which will have an impact on the Humboldt Forum’s future programme in invigorating and multifaceted ways.

NEUN MITARBEITER ERKLÄREN, WAS DAS HUMBOLDT FORUM FÜR SIE SO EINZIGARTIG MACHT.

Raffael Dedo Gadebusch, stellvertretener Leiter Museum für Asiatische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin: Das Humboldt Forum ist ein wunderbarer Freiraum für kreative Ideen. Hier kommen Kuratoren, Forscher und Künstler aus der ganzen Welt zusammen, und es entsteht gerade eine neue, sehr lebendige Art von Museumskultur. Ich finde es großartig, dass die Besucher zukünftig unser größtes Anliegen sind und dass das Humboldt Forum ein offener und lebendiger Ort für alle werden soll. Das ist Demokratie.

... ein intensives regio­ nales und internationales Netzwerk für einen kreativen und offenen Austausch ... Julia Nickel, wissenschaftliche Mitarbeiterin Veranstaltungen: Mir gefällt die Idee von einem Haus, in dem ganz unterschiedliche Menschen und Gruppen aufeinandertreffen, sich begegnen und austauschen, aber auch selbst Raum und Räume haben, etwas zu gestalten. Ich wünsche mir, dass es ein Ort wird, an dem sich neben den TouristInnen vor allem auch die Altund Neuberliner willkommen fühlen, wo man inspiriert wird, Neues lernt und Altes in Frage stellt; staunen, aber auch miteinander streiten und vor allem miteinander lachen kann.

Raffael Dedo Gadebusch, deputy head of the Museum für Asiatische Kunst, Staatliche ­Museen zu Berlin: The Humboldt Forum offers fantastic scope for creative ideas. Curators, researchers and artists are coming together from around the world and the result is an innovative, vibrant museum culture. I think it’s great that visitors will be our main focus in the future and that the Humboldt Forum will be an open and lively venue for everyone. That’s democracy.

Julia Nickel, research associate for events: I like the idea of an exhibition space where very different people and groups can meet in a process of encounter and exchange, while also having space and spaces for creating something independently. I would like it to be a place where not only tourists but also old and new Berliners can feel welcome; where people will feel inspired, learn new things and question what they already know; where they’ll be amazed by what they experience, but also debate with each other, and above all, where they can laugh together.

Peik Wunsch, Kai Röttger, Rolf Lukoschek, Steinmetze in der Schlossbauhütte: Die Einzigartigkeit des Humboldt Forums besteht in der Rekonstruktion der historischen Fassade, wobei die Grenzen unserer Zeit sowohl in moderner Technologie als auch in einem sterbenden Handwerk deutlich geworden sind.

Peik Wunsch, Kai Röttger, Rolf Lukoschek, stonemasons in the ­Palace Workshop: The uniqueness of the Humboldt Forums stems from the reconstruction of the historic facade, although it has revealed the limits of our times, both with respect to modern technology and artisanal skills which are dying out.

NINE STAFF MEMBERS EXPLAIN WHAT MAKES THE HUMBOLDT FORUM SO UNIQUE FOR THEM. Daniel Bartels, Restaurator Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin: Das Humboldt Forum ist für mich aufgrund seiner Exponate und thematischen Vielfalt einzigartig. Ich freue mich darauf, die verschiedenen Objekte, mit denen ich mich als Restaurator während der Umzugsvorbereitungen beschäftige, im Kontext der neuen Ausstellungen wiederzusehen. Daniel Bartels, restorer at the Ethnolo­gisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin: I think what makes the Humboldt Forum unique are its exhibits and thema­tic diversity. In my capacity as a restorer I’m dealing with lots of different objects during the preparations for the move, and I’m looking forward to seeing them in the context of the new exhibitions.

Tom Reichard, Online und Social Media: Faszinierend finde ich die Vielzahl der Möglichkeiten, diesen Ort mitten im Zentrum Berlins von Grund auf neu zu gestalten. Es ist einfach eine tolle Chance, mit einem jungen und motivierten Team Neues auszuprobieren und aus diesen Erfahrungen für die Zukunft zu lernen. Tom Reichard, online and social media: I’m fascinated by the wide array of options for fundamentally reshaping this site in the centre of Berlin. It’s just a fantastic opportunity for trying out new things with a young and motivated team, and learning from these experiences for the future.

Lars H. Müller, Kantinenleiter Baustelle Humboldt Forum: Das Humboldt Forum ist für mich ein historisches Bauprojekt im Herzen Berlins mit besonderen Herausforderungen an alle Beteiligten. Es bereitet mir große Freude, mit meinem Team dabei zu sein – und tagtäglich für schmackhafte Verpflegung zu sorgen! Lars H. Müller, head of the canteen at the Humboldt Forum construction site: I see the Humboldt Forum as a historic construction project in the heart of Berlin which poses very particular challenges for everyone involved. It’s a great pleasure to be here with my team – providing delicious fare day after day!

Ich wünsche mir, dass es ein Ort wird, an dem sich neben den TouristInnen vor allem auch die Alt- und Neuberliner willkommen fühlen ...

Alle Fotos  |  All photographs © David von Becker


VISIONS VISIONEN  17

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

© SPSG

Seit dem 1. Juni 2018 ist Hartmut Dorgerloh Generalintendant des Humboldt Forums im Berliner Schloss. Im Interview zieht der Kunst- und Kulturhistoriker eine erste Bilanz. Herr Dorgerloh, Sie sind jetzt seit knapp einhundert Tagen im Amt. Kann man nach dieser kurzen Zeit bereits ein erstes Fazit ziehen? Hartmut Dorgerloh: Das Projekt Humboldt Forum ist noch viel bunter, als ich anfangs dachte. Und seine Umsetzung daher auch weit komplexer. Das habe ich durch die vielen engagierten Menschen erfahren, mit denen ich mich in dieser ersten Phase meiner Intendanz intensiv zum Status quo und zu den vor uns liegenden Herausforderungen ausgetauscht habe. In vielen Bereichen ist das Humboldt Forum bereits sehr gut aufgestellt. Aber es gibt auch noch welche, in denen wir die Vorbereitung intensivieren müssen, damit die Eröffnung und der kulturelle Betrieb danach gut funktionieren. Bis zu dieser Eröffnung dauert es noch etwas länger als ein Jahr. Was sind bis dahin die größten Herausforderungen? In erster Linie geht es jetzt um die Fertigstellung und Inbetriebnahme dieses einzigartigen Gebäudes. Das Haus hat eine faszinierende und höchst moderne Technik – von der Geothermie bis zu den Sicherheitsanlagen. All das müssen wir

parallel einfahren und ausprobieren. Zugleich müssen sich die Teams finden, die das Haus managen, überzeugende Programme anbieten und sich um die Belange der Besucher kümmern. Die Eröffnung des Humboldt Forums wird eine spannende Geschichte in mehreren Kapiteln sein. Das bietet für uns nebenbei den Vorteil, dass wir quasi live lernen können, wie das Publikum auf das Haus und das Angebot reagiert. Und mit diesen Erfahrungen können wir sofort dort nachsteuern, wo Bedarf ist. Lassen Sie uns kurz über den Eröffnungsprozess hinausdenken: Gibt es einen Wunsch oder eine Vision, die Sie dem Humboldt Forum mitgeben möchten? Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen die Besucher. Und daher wünsche ich mir natürlich, dass das Humboldt Forum viele Menschen begeistern wird und ihnen Freude bereitet. Und dass sie »Wiederholungstäter« werden, die uns weiter empfehlen. Ein weiterer Wunsch: Das Humboldt Forum soll seine Wirksamkeit weit über Berlin hinaus entfalten. Menschen überall auf der Welt sollen sagen können: »Es ist gut, dass es das Humboldt Forum gibt«. Wir möchten die eurozentristische Perspektive nicht nur im Programm hinter uns lassen, sondern auch in Bezug auf das Publikum. Wir wollen unsere Partner global denken.

Hartmut Dorgerloh was appointed general director of the Berlin Palace on 1 June 2018. In an interview the art and cultural historian takes stock for the first time. Mr Dorgerloh, you have now been general director for nearly one hundred days. Is it possible to draw any conclusions after this short time? Hartmut Dorgerloh: The Humboldt Forum project is much more colourful than I originally imagined, so its realization also is turning out

to be much more complex. This is something I have learned from the many fascinating issues and dedicated people with whom I have held intensive discussions concerning the current state of things as well as the challenges ahead. In many areas the Humboldt Forum is very well positioned, but in other we need to step up the preparations to ensure the opening and cultural programme function according to plan. There’s still just over a year to go before the opening. What is the greatest challenge between then and now? First and foremost we are focused on completing this unique building and getting it up and running. It has the most fascinating and cutting-edge technology ranging from geothermal heating to the security systems. We have to get all of these systems operating and tested at the same time. Then we have to assemble teams to manage the building, curate compelling cultural programmes and take care of visitors’ needs. The opening of the Humboldt Forum will be an exciting story told in several chapters. This also presents us with a considerable advantage, because it means we can actually watch visitors reacting to the building and what we are offering. And use this input to make immediate adjustments where necessary. Let’s think beyond the opening process for a moment. Do you have a particular desire or vision that you wish to bring to the Humboldt Forum? The visitors are the focus of everything we do. And of course I hope that the Humboldt Forum will inspire a lot of people and make them happy. And that they will become repeat visitors who recommend us to others. This would be the greatest possible achievement. I also hope the Humboldt Forum can expand its influence well beyond the city of Berlin. People all over the world should be able to say: “It’s great that the Humboldt Forum exists.” We don’t only want to put Eurocentric perspectives behind us when curating our cultural programme; we also want to think globally when it comes to our visitors and partners. Interview: Ralf Hanselle

BUNTER ALS GEDACHT MORE COLOURFULL THAN IMAGINED Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh ist Generalintendant und Vorstand Kultur der Stiftung Humboldt Forums im Berliner Schloss. Nach leitenden Tätigkeiten im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und als Gründungsdirektor des Hauses für Brandenburgisch-Preußische Geschichte in Potsdam war er von 2002 bis 2018 Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Er lehrt seit 2004 als Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin, nimmt seit 2007 regelmäßig Lehraufträge an der Universität Bern wahr und war Scholar am Getty Research Institut in den USA.

Professor Dr. Hartmut Dorgerloh is the new general director and chief cultural officer of the Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. After holding senior positions in the Ministry of Science, Research and Culture of the State of Brandenburg and as founding director of the Haus für Brandenburgisch-Preußische Geschichte (House of Brandenburg-Prussian History) in Potsdam, he served as general director of the Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Prussian Palaces and Gardens Foundation Berlin-Brandenburg) from 2002 to 2018. Since 2004, he has been an honorary professor at the HumboldtUniversität zu Berlin and since 2007 has regularly taught at the Universität Bern. He was also a Scholar at the Getty Research Institute in the United States.


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GREETINGS GRUSSWORT  19

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VERTRAUTE NACHBARN FAMILIAR NEIGHBOURS Das Berliner Schloss und der Berliner Dom schauen auf eine lange gemeinsame Geschichte zurück. Diese begann bereits vor über fünfhundert Jahren und wird sich mit dem Wiederaufbau des Schlosses fortschreiben können. Ein Grußwort vom Nachbarn gegenüber. Von Dr. h. c. Volker Faigle  |  Vielen Zeitgenossen ist nicht bewusst: Die Geschichte des Berliner Doms beginnt mitten im Schloss. Deshalb kann die Oberpfarr- und Domkirche, so die offizielle Bezeichnung des Berliner Doms, mit Fug und Recht behaupten, einer der ältesten und damit auch ehrwürdigsten Nachbarn des wiederentstehenden Schlosses zu sein. _Die Geburtsstunde des Berliner Doms – und explizit urkundlich ausgewiesen auch des Staats- und Domchores – schlug laut Stiftungsurkunde am 7. April 1465. Damals erhielt die Schlosskapelle durch Kurfürst Friedrich II. die Rechte eines Domstifts. Diese dem heiligen Erasmus geweihte Kapelle war bis zur Zerstörung des Schlosses nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten geblieben. _Die für die Gottesdienste der kurfürstlichen Familie und der Hofbediensteten zu klein gewordene Kapelle genügte im Laufe der Zeit nicht mehr den Erfordernissen. Deshalb wurde unter Kurfürst Joachim II. im Jahre 1536 die nahegelegene Kirche des ehemaligen Dominikanerklosters, südlich vom Schloss, zur Domkirche bestimmt. Von diesem Zeitpunkt an diente die Domkirche auch als fürstliche und später königliche Begräbnisstätte der Hohenzollern. Im heutigen Berliner Dom befinden sich aus der damaligen Domkirche die Originale der Särge König Friedrich I. und seiner Gemahlin Königin Sophie Charlotte. _König Friedrich II. von Preußen verfügte wegen Baufälligkeit im Jahr 1747 den Abriss der Domkirche zu Gunsten eines Neubaus, der nun nördlich des Schlosses an der Spreeseite des Lustgartens errichtet wurde. Dies ist der heutige Standort des Berliner Doms, der im Stil der italienischen Hochrenaissance als neue Hofkirche unter Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1905 eingeweiht wurde. Nachdem die Geschichte des Berliner Doms über Jahrhunderte hinweg auch eine Geschichte der engen Verzahnung von Thron und Altar mit all ihren Licht- und Schattenseiten war, zeichnete sich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges kirchenpolitisch der Anfang einer entscheidenden Wende ab: Nach der im Jahre 1919 verkündeten Weimarer Reichsverfassung gilt hinfort die Trennung von Staat und Kirche. Diese heilsame Trennung weist sowohl dem Staat als auch den Religionsgemeinschaften ihre je eigene Rolle zu, auch um gegenseitigem Machtmissbrauch und Vereinnahmung entgegenzutreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg flammte in den 40er-Jahren eine heftige Debatte um den Abriss des beschädigten Domes oder

alternativ des ebenso beschädigten Schlosses auf. Ein ausreichend großer Platz für staatlich organisierte Demonstrationen wurde gebraucht. Die Entscheidung fiel zu Lasten des Schlosses. Der Dom sah nun 50 Jahre lang andere Nachbarn: Tribünen für Aufmärsche auf der Straße Unter den Linden und schließlich den Palast der Republik. Der lieferte übrigens wesentliche Argumente für die Entscheidung zum Wiederaufbau des Domes, der mehr aus politischen Kreisen denn aus kirchlichen gewünscht war. Eine Kirchenruine neben dem DDR-Staatspalast wollte auch die damalige Regierung nicht haben. Schließlich wurden mit der festlichen Wiedereinweihung des Domes im ­Jahre 1993 und dem später gefassten Entschluss des Wiederaufbaus des Schlosses die Weichen für eine künftig neue Nachbarschaft von Dom und Schloss gestellt. Der Dom hat inzwischen bei den Berliner­innen und Berlinern als geistliche Mitte, Predigtstätte und wichtiger Veranstaltungsort seinen selbstverständlichen Platz im Zentrum unserer Stadt eingenommen. Seine musikalischen Beiträge, die Berliner Domkantorei, der Staats- und Domchor, die großartige Sauer-Orgel und die Dombläser rufen weit über Berlin hinaus Interesse hervor und genießen hohe Anerkennung. Über den rein theologisch-geistlichen Diskurs hinaus stellt der Dom sich durch eine Vielzahl von Veranstaltungen auch kritischen Fragen der Vergangenheit und Gegenwart. Auch das neue Schloss ist nicht mehr das Schloss, das es einmal gab. Es stellt sich mit der Einrichtung des Humboldt Forums neuen Aufgaben und Herausforderungen. So auch der Dom. Rein baulich knüpfen Dom und Schloss an ihre alten Wurzeln an. Aufgrund der geschichtlichen Erfahrungen sind die Verantwortlichen im Dom entschlossen, in ihrer Arbeit gemäß dem biblischen Auftrag »der Stadt Bestes zu suchen«. Dies ist ein guter Anknüpfungspunkt für Schloss und Dom, dieser jahrhundertealten Schicksalsgemeinschaft, die jetzt ausgestattet ist mit dem Potenzial einer großartigen Mission für Frieden, Versöhnung und Völkerverständigung. In diesem Sinne freuen wir uns auf unseren neuen Nachbarn und sind neugierig auf ihn. Es gilt nun, diese ebenfalls noch offene Baustelle des künftigen Miteinanders zu bearbeiten. Der Dom ist bereit! Allen, die sich auf beiden Seiten nun verstärkt um eine gute Nachbarschaft der sich räumlich, inhaltlich und historisch nahestehenden Geschwister bemühen, ist eine glückliche Hand für ein segensreiches Tun zum Wohl unserer Stadt, unseres Landes und weit darüber hinaus zu wünschen.

The Berlin Palace and the Berlin cathedral look back on a long, shared history that began over five hundred years ago and that will continue after the reconstruction of the Palace. A few words of welcome from the neighbour across the street.

By Dr. h. c. Volker Faigle  |  Many people today are unaware that the history of the Berlin cathedral begins at the heart of the Berlin Palace. Because of this connection, the “Oberpfarrund Domkirche” (the official name of the Berlin cathedral) can justifiably claim to be one of the oldest and most honourable neighbours of the Palace that is currently being rebuilt.

_The birth of the Berlin cathedral – as well as of the Staats- und Domchor (State and Cathedral Choir), according to explicit documentary evidence – is recorded in the deed of foundation as 7 April 1465. On this date, the Palace chapel received the status of a cathedral chapter from Elector Frederick II. Dedicated to St Erasmus, the chapel survived until the destruction of the Palace after World War II. _However, in time the chapel became too small for the religious services of the elector’s family and courtiers, and in 1536, during the reign of Elector Joachim II, the nearby church of the former Dominican monastery south of the Palace was designated as the cathedral. From this time on, the cathedral also served as the final resting place of the electors and later of the royal Hohenzollern family. The modern Berlin cathedral houses the original coffins of King Frederick I and his wife, Queen Sophie Charlotte, from the old cathedral church. _In 1747, King Frederick II of Prussia decreed that the dilapidated cathedral church be pulled down and a new cathedral built alongside the Spree in the Lustgarten to the north of the Palace. This is the location of today’s Berlin cathedral which was built as the new court church in the style of the Italian High Renaissance and consecrated in 1905 under Kaiser William II. After centuries in which the history of the Berlin cathedral was also a history (for better or for worse) of the inextricable links between throne and altar, the end of World War I marked the beginning of a fundamental course change in church policy. The Weimar Constitution of 1919 stipulated the separation of church and state. This salutary separation gave both the state and the religious communities roles of their own, which included preventing each other from abuses of power and from trying to co-opt each other. After World War II, a heated controversy erupted in the 1940s about whether or not to demolish the damaged Berlin cathedral or, alternatively, the equally damaged Palace. The state required a square large enough for organized demonstrations. It was decided in favour of the cathedral, which subsequently had very different neighbours for the next fifty years: grandstands for demonstrations on Unter den Linden, and finally the East German Palast der Republik (Palace of the Republic). It was this building that supplied key arguments in favour of rebuilding the Berlin cathedral, which had greater support in political circles than from the Church itself: even the East German government had no interest in having a ruined church beside the Palast der Republik. The official reconsecration of the cathedral in 1993 and, later, the decision to rebuild the Palace finally laid the foundations for restoring the ensemble of cathedral and Palace. Today, the cathedral occupies an undisputed place in the heart of our city and in the hearts of Berliners – as a spiritual centre, a forum for preaching, and an important event venue. Its

contributions to the city’s music scene, the Berliner Domkantorei (Cathedral Chantry), the Staats- und Domchor, the magnificent Sauer organ, and the brass ensemble have a considerable reputation far beyond the city’s borders. Over and above its role in purely theological and spiritual discourse, the cathedral also addresses critical issues from the past and present in a wide variety of events. The new Palace, too, is not the same as the Palace that once stood on the site. As the home of the Humboldt Forum, it faces new tasks and challenges. As does the cathedral. On a purely architectural level, both the cathedral and the Palace have reconnected with their old roots. Due to the site’s history, those responsible for the cathedral are determined to obey the biblical injunction to “seek the peace of the city”. This is a good point of departure for both Palace and cathedral, which have shared a destiny for so many centuries and now have the potential to fulfil a powerful mission for peace, reconciliation, and international understanding. We look forward to meeting and getting to know our new neighbours. The task at hand is to make the most of this still-open construction site of future cooperation. The cathedral is ready for action! And to all those on both sides now striving for close neighbourly relations between the two sister buildings in their physical, thematic, and historical proximity, we wish every success and blessing for their work for the good of our city, our country, and the world at large. Oberkirchenrat Dr. h. c. Volker Faigle ist seit Ende 2013 Vorsitzender des Domkirchenkollegiums am Berliner Dom und seit 2003 Theologischer Referent beim Bevollmächtigten des Rates der EKD am Sitz der Bundesregierung und der Europäischen Union. Zuvor war er Bankkaufmann und Pfarrer. 13 Jahre lang arbeitete Faigle als Referent für Afrika im Kirchenamt der EKD in Hannover. Senior Church Councillor Dr. h. c. Volker Faigle became chairman of the Dom­ kirchenkollegium (Cathedral Church Council) at the Berlin cathedral in 2013. From 2003, he was theology officer to the plenipotentiary of the Rat des EKD (Council of the Evangelical Church in Germany) at the Seat of the German Federal Government and the European Union. Prior to that he worked as a bank clerk and a pastor. For thirteen years, Faigle served as officer for Africa at the Kirchenamt der EKD (Headquarters of the Evangelical Church in Germany) in Hanover. 1. Die Westfassade des Berliner Doms mit dem Lust­ garten im Vordergrund.  |  The West facade of Berlin cathedral with the Lustgarten in the foreground. © Pixabay/athree23  2. Blick auf die Sauer-Orgel im Inneren des Doms.  |  The Sauer organ inside the cathedral. © Unsplash/Ghost Presenter  3. Engel mit Triangel auf dem Domdach.  |  Angel with triangle on the cathedral roof. © Berliner Dom/Maren Glockner


20  BERLIN-GESCHICHTEN  BERLIN STORIES

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

DIE SCHALL­PLATTENFIRMA LINDSTRÖM UND DAS BERLINER VERGNÜGEN THE LINDSTRÖM RECORD COMPANY AND BERLIN ENTERTAINMENT

Die Berliner Vergnügungskultur lebte stets von internationalem Austausch. Hier wurden und werden Musik- und Tanzstile aus aller Welt gespielt. Ein Beispiel für diese globale Kulturvernetzung ist die Schallplatten­firma Lindström. Sie wird Teil des Ausstellungsraums Vergnügen in der Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum sein.

MUSIK AUS ALLER WELT MUSIC FROM AROUND THE WORLD

Von Daniel Morat  |  Die Geschichte be­ginnt – wie so oft in Berlin – mit einem Zuzug von außen. Im Jahr 1897 gründete der schwedische Immigrant Carl Lind­ström im heutigen Kreuzberg eine Werkstatt für Phonographen und Grammophone. Die Technik zur Aufnahme und Wiedergabe von Klang war damals noch keine 20 Jahre alt. Zusammen mit den beiden Finanziers Max Straus und Heinrich Zunz gründete er 1904 die Carl Lindström GmbH. 1908 wurde sie in eine AG umgewandelt. Es war vor allen Dingen Max Straus, der in den folgenden Jahren die Internationalisierung des Unternehmens vorantrieb. 1910 begann die Lindström AG, neben Abspielgeräten auch Schallplatten unter dem Label Parlophon zu produzieren. Zur gleichen Zeit kaufte sie andere Firmen auf und kam so in den Besitz der Labels Beka und Odeon. Diese hatten schon in den Jahren zuvor damit begonnen, Aufnahmeteams in alle Welt zu schicken und Musik aus Osteuropa und Nordafrika, aus Indien und Südostasien nach Deutschland zu bringen. Lindström setzte diese Strategie mit seinen drei Hauptlabels fort und erschloss sich bald auch den süd- und nordamerikanischen Markt. Der Erste Weltkrieg konnte diese Internationalisierung nur kurzfristig unterbrechen. 1929, im Jahr ihres 25-jährigen Bestehens, besaß die Lindström AG Produktionsstätten in mehreren Ländern Europas und Südamerikas sowie ein weltweites Vertriebsnetz. Die Lindström AG ist damit ein frühes Beispiel für wirtschaftliche Globalisierung. Schon 1925 war die britische Columbia Graphophone Company Mehrheitseigner bei Lindström geworden. 1931 wurde Lindström dadurch eine Tochter der neu gegründeten Electric and Musical Industries (EMI), in der sie nach dem Zweiten Weltkrieg ganz aufging. Doch wichtiger als diese wirtschaftliche Verflechtung scheint aus heutiger Perspektive die kulturelle Globalisierung zu sein, an der die Lindström AG teilhatte. Mit der Schallplattenindustrie entstand ein Weltmusikmarkt, auf dem die Musikkulturen und -stile der unterschiedlichen Weltregionen in ein neuartiges Verhältnis

zueinander traten. Zwar produzierte die Lindström AG viele ihrer Platten für regionale Märkte, verkaufte also etwa die von ihr aufgenommene indische Musik auch vor allem in Indien. Doch viele regionale Musikstile – vor allen Dingen in der Tanzmusik –, wie etwa Tango oder Samba, wurden auch international populär. Auch der weltweite Aufstieg der nordamerikanischen Populärmusik ist ohne die internationale Plattenindustrie nicht denkbar. In der Schallplattensammlung des Berliner Stadtmuseums finden sich viele Lindström-Aufnahmen, die von dieser kulturellen und musikalischen Verflechtung zeugen. Darunter sind Platten nord- und südamerikanischer Bands, die in Europa populär waren. Aber auch viele in Berlin lebende Musikerinnen und Musiker wie Richard Tauber, Dajos Béla oder Margot Friedländer ließen sich von den transatlantischen Rhythmen inspirieren und wurden ihrerseits über Deutschland hinaus bekannt. Viele von ihnen mussten später vor den Nationalsozialisten ins Ausland fliehen – wie 1936 auch Max Straus – und ihre Karrieren unfreiwillig auf internationalem Parkett fortsetzen. Die Carl Lindström AG steht damit für die globale Zirkulation von Musik­stilen, die auch die Berliner Vergnügungskultur prägte. In der Berlin-Ausstellung wird es in einem sehr großen Raum um diese Vergnügungskultur und ihre globale Vernetzung gehen. Neben der Lindström AG wird man hier etwa der Berliner Hip-Hop-Szene begegnen. Der aus den USA stammende HipHop wurde vor allen Dingen von türkischen Migranten in Berlin aufgenommen und von hier aus nach Istanbul weitervermittelt. Der Berliner Theaterregisseur Max Reinhardt, um den es an anderer Stelle gehen wird, war schon weltweit bekannt, bevor er vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen musste und dort in der Film­industrie arbeitete. Dies sind nur zwei weitere Beispiele für die vielfältigen Themen, um die es in diesem Ausstellungsraum gehen wird. Schließlich lassen sich an der Geschichte der Carl Lindström AG auch die

Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Ausstellungsteilen und Sammlungen im Humboldt Forum aufzeigen. Neben Plattenaufnahmen aus dem Stadtmuseum werden in der Berlin-Ausstellung auch Odeon-­ Aufnahmen aus dem Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums zu hören sein. Im Lautarchiv der Humboldt-Universität finden sich ebenfalls Schallplatten aus dem Hause Lindström. Über die Zusammenhänge dieser Sammlungen und die Geschichte der Tonarchivierung kann man sich noch bis zum 16. September in der Ausstellung [laut] Die Welt hören in der Humboldt-Box informieren, in der viele Lindström-Aufnahmen aus aller Welt zu hören sind. Daniel Morat ist Privatdozent für Geschichte an der Freien Universität Berlin. Zusammen mit Peter Schwirkmann vom Stadtmuseum Berlin sowie Brenda Spiesbach und Verda Kaya von der Kulturprojekte Berlin GmbH kuratiert er u. a. den Raum Vergnügen in der Berlin-Ausstellung.

1. In den 1920er-Jahren unterhielt die Berliner Schallplattenfirma Lindström auf der ganzen Welt eigene Verkaufsstellen - wie hier im brasilianischen São Paulo für das Plattenlabel Odeon. Aus der Festschrift der Lindström AG 1929.  |  During the 1920s, the Berlin record company Lindström maintained its own sales outlets all over the world – like this one in São Paulo, Brazil, for the Odeon label. From the Festschrift of Lindström AG 1929. Quelle/Archiv: FHXB FriedrichshainKreuzberg Museum. © Stadtmuseum Berlin  2. Diese drei Schallplatten aus der Sammlung des Stadtmuseums zeugen von der internationalen Vielfalt der Berliner Musikkultur in der Zwischenkriegszeit.  |  These three vinyl records from the Stadtmuseum’s collection attest to the international variety of Berlin’s music scene in the interwar period. Quelle/Archiv: FHXB FriedrichshainKreuzberg Museum. © Stadtmuseum Berlin


BERLIN STORIES BERLIN-GESCHICHTEN  21

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

Berlin’s culture of entertainment has always thrived on international exchange, featuring music and dance styles from all over the world. One example of this global cultural network is the Lindström record company, which is included in the “Entertainment” section of the Berlin Exhibition at the Humboldt Forum. By Daniel Morat  |  The story begins – as is so often the case in Berlin – with an influx of energy from elsewhere. In 1897, Swedish immigrant Carl Lindström set up a workshop for phonographs and gramophones in what is now the district of Kreuzberg. The technology for recording and reproducing sound, which had been invented less than twenty years previously, was still in its infancy. Together with the two financiers Max Straus and Heinrich Zunz, he founded the limited liability company Carl Lindström GmbH in 1904. In 1908 it became an AG, a public limited company. In the years that followed it was primarily Max Straus who spearheaded the internationalization of the company. In 1910, in addition to producing playback devices, Lindström AG began pressing records under the Parlophon label. At the same time, it bought up other companies, in the process acquiring the Beka and Odeon labels, which in the previous years had already started dispatching recording teams around the world, bringing music from Eastern Europe, North Africa, India and Southeast Asia to Germany. Lindström continued this strategy with his three main labels and shortly thereafter entered the markets in North and South Ame­ rica. This process of internationalization was only briefly interrupted by World War I. In 1929, the twenty-fifth anniversary of the launch of the company, Lindström had production facilities in several countries in Europe and South America as well as a worldwide distribution network. Lindström is thus an early example of economic globalization. By 1925 the UK’s Columbia Graphophone Company had acquired a majority interest in Lindström. As a result, Lindström became a subsidiary of the newly established Electric and Musical Industries (EMI) in 1931 with a complete merger of the two companies taking place after World War II. Yet from today’s perspective this process of economic integration is less significant than the cultural globalization in which Lindström was involved. The record industry gave rise to a world music market, in which music cultures and styles from different parts of the world came together in a new type of relationship. Although Lindström produced many of its records for regional markets, selling its recordings of Indian music primarily in India, for example, many regional styles – particularly in the field of dance music – such as tango and samba, also became popular internationally. The global rise of North American popular music would have been inconceivable without the international record industry. The collection of records held by the Stadtmuseum Berlin (City Museum Berlin) includes many Lindström recordings testifying to this intertwining of music and culture. Among them are records by North and South American bands that were popular in Europe. Moreover, a number

of musicians resident in Berlin, such as Richard Tauber, Dajos Béla, and Margot Friedländer, were inspired by transatlantic rhythms and established a reputation that extended beyond Germany. Many of them later had to flee the Nazis – as was also the case with Max Straus in 1936 – and were obliged to continue their careers on the international stage. As such, Carl Lindström AG is emblematic of the global circulation of music styles, which also left its mark on Berlin’s entertainment culture. The Berlin Exhibition will dedicate an enormous space to this culture and its global interconnectedness – displaying the Lindström company alongside such things as the city’s hiphop scene. Originating in the US, hip-hop was primarily adopted in Berlin by Turkish migrants and passed on from here to Istanbul. Berlin theatre director Max Reinhardt, who features elsewhere in the exhibition, was already well known internationally before he fled the Nazis and went to the US, where he worked in the film industry. These are just two further examples of the various themes that are covered in this section of the exhibition. Ultimately, the history of Carl Lindström AG also illus­trates the rela­­tion­ ships between the dif­ ferent parts of the exhibition and the collections in the Humboldt Forum. Visitors can listen to records from the Stadtmuseum as well as Odeon recordings from the PhonogrammArchiv des Ethnolo­ gischen Museums (Pho­nograph Archive of the Ethnological Mu­ seum), while the Lautarchiv der Humboldt-Universität (Sound Archive of the Humboldt University) also includes records from the Lindström catalogue. The exhibition [sound] Listening to the World, which runs at the Humboldt Box until 16 September and showcases many of the Lindström recordings from around the world, is a rich source of information about the connections between these collections and the history of sound archiving. Daniel Morat is an external lecturer in history at Freie Universität Berlin. Together with Peter Schwirkmann from the Stiftung Stadtmuseum Berlin and Brenda Spiesbach and Verda Kaya from Kulturprojekte Berlin GmbH, he is the curator of the “Entertainment” section of the Berlin Exhibition.

Berlin-Ausstellung

BERLIN EXHIBITION

Auf der 4.000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche im ersten Obergeschoss zeigt sich, wie Berlin auf vielfältigste Weise mit der Welt verbunden ist. Die Ausstellung verknüpft die Kulturen der Welt in den Ober­ geschossen mit der Stadt Berlin – ihrer Internationalität, Vergangenheit und Gegenwart. In Themenräumen zu Revolution, Freiräume, Grenzen, Vergnügen, Krieg, Mode und Verflechtungen werden Geschichten und Ereignisse aus unterschiedlichsten Blickwinkeln erzählt. Berliner und Berlin-Besucher werden die Geschichte und Gegenwart Berlins in gesamträumlichen Inszenierungen interaktiv erleben.

The 4,000 square meter exhibition area on the first floor shows the huge variety of ways in which Berlin is connected with the world. The exhibition links the cultures of the world displayed on the upper floors with the city, exploring its internationality, its history and its present-day reality. In thematic areas devoted to revolution, open spaces, borders, entertainment, war, fashion and interconnectedness, stories and events will be narrated from a broad range of perspectives. Berlin residents and visitors to the city will be offered an interactive experience of Berlin’s past and present in large-scale enactments that dominate the space.

Die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum entsteht im Auftrag des Landes Berlin als Koproduktion zwischen Kulturprojekte Berlin und dem Stadt­museum Berlin unter der inhaltlichen Leitung des Chef-Kurators und Museumsdirektors Paul Spies.

The Berlin Exhibition at the Humboldt Forum has been commissioned by the State of Berlin as a coproduction between Kulturprojekte Berlin and the Stadtmuseum Berlin under the curatorial leadership of chief curator and museum director Paul Spies.


22  BERLIN UND DIE WELT  BERLIN AND THE WORLD

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

WIR SIND WELTBÜRGER WE ARE WORLD CITIZENS 1

Als Direktor des Stadtmuseums Berlin zeichnet Paul Spies gemeinsam mit Kulturprojekte Berlin verantwortlich für die Berlin-Ausstellung, die ab 2019 im ersten Obergeschoss des Humboldt Forums gezeigt werden wird. Im Interview spricht der 1960 geborene Kunsthistoriker über die vielen Schnittstellen, die zwischen Berlin und dem Rest der Welt bestehen. Herr Spies, die Berlin-Ausstellung Berlin und die Welt wird die Schnittstellen zwischen dem Lokalen und dem Globalen untersuchen. Würden Sie sagen, dass Berlin eine Weltstadt ist? In Berlin hat man gegenüber diesem Begriff ein ambivalentes Verhältnis. Viele denken, dass Berlin im Kontext anderer Weltstädte – Moskau, Tokio oder Los Angeles – nicht mithalten könne. Berlin ist nicht wie New York: Es gibt hier keine Wolkenkratzer und keine Ghettos. Berlin ist auch nicht so zentralistisch wie Paris. Man fährt hier nicht morgens zur Arbeit ins Zentrum und abends zum Wohnen in die Randgebiete. Das hat unter anderem damit zu tun, dass das heutige Berlin erst 1920 aus dem Zusammenschluss verschiedener Bezirke entstanden ist. Berlin ist ein Konglomerat aus Kleinstädten. Doch das Hadern mit dem Begriff »Weltstadt« ist auch Ausdruck einer Berliner Bescheidenheit und einer Verlegenheit gegenüber der eigenen Geschichte. In Berlin wird man geradewegs nervös, wenn jemand das Wort »Weltstadt« in den Mund nimmt. Was wäre denn typisch für eine solche Weltstadt? Eine Weltstadt ist für mich ein Ort, in dem die Welt auf ganz unterschiedliche Weise anwesend ist. In Berlin zum Beispiel leben gut 200 verschiedene Nationalitäten zusammen. Andersherum hat Berlin auch viel Einfluss auf die anderen Länder in der Welt. Das politische Berlin ist eines der wichtigsten Mitglieder der Europäischen Union. Was in Berlin entschieden wird, das betrifft die Weltpolitik. Zugleich sind aber auch die Bewohner der Stadt mit den Bewohnern anderer Länder und

Städte verbunden. Wenn man diese Beziehungen genauer unter die Lupe nähme, so erhielte man ein riesiges Netzwerk globaler Verknüpfungen. Wir reden jetzt vor allem über die Gegenwart. Doch inwieweit ist auch die Geschichte Berlins wichtig für die Geschichte der Welt? Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein war Berlin eine der größten Städte der Welt – eine Industriestadt, die über Im- und Exportgeschäfte mit dem ganzen Globus verbunden war. Zudem ist Berlin bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine Kolonialmacht gewesen. Man hatte hier also intensive Verbindungen zu Ländern in Afrika und Asien. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg: Damals wurde die Stadt zerstört und geteilt. Vermutlich kann man erst mit dem Jahr 1989 wieder von der Renaissance der Weltstadt sprechen. Mittlerweile ist die Einwohnerzahl wieder auf vier Millionen hochgeschnellt. Eigentlich ist das ein Wunder. Wie erklären Sie sich das? Man kann das nicht erklären. Vielleicht liegt hier etwas in der Luft: ein Geist, ein Genius loci. Er hat in den letzten Jahren all die Start-up-Unternehmen in die Stadt gebracht – die digitalen Medien und die Creative Class. Das hat etwas mit einer Atmosphäre von Freiheit und Innovation zu tun. Und es liegt an einer Tugend, die nicht typisch ist für andere deutsche Städte: Man darf in Berlin scheitern. Aus dieser Freiheit zum Misserfolg entstehen große Innovationen. Sie erwähnten eben die Kolonialgeschichte. Inwieweit wird diese auch in der Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum sichtbar werden? Inwieweit etwa wird ein Besuch der Berlin-Ausstellung mit einem Besuch der Ethnologischen Sammlungen in den oberen Etagen verknüpft sein? Die Berlin-Ausstellung wird keine ethnologischen Objekte zeigen, kann aber dennoch in ihren unterschiedlichen Teilaspekten globale Zusammenhänge wie Kolonialismus und Postkolonialismus thematisieren. Wir laden Source Communities dazu ein, der Berlin-Ausstellung ihre eigenen Geschichten hinzuzufügen. Auf den oberen zwei Etagen im Humboldt Forum schaffen zusätzliche Räume die Möglichkeit für Wechselausstellungen. Zusammen mit den Kuratoren der Ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin können wir hier interessante Ausstellungsformate entwickeln. In einer solchen Kooperation

wird man etwa ein Ritualobjekt aus Nordamerika nicht mehr nur im Kontext seiner Funktion innerhalb einer indigenen Kultur betrachten, man wird auch danach fragen, wie dieses Objekt nach Berlin gekommen ist. Es wird also darum gehen, ein Verständnis für die Zusammenhänge zwischen der eigenen Geschichte und dem vermeintlich Fremden zu entwickeln. Denn letztlich sind wir alle Weltbürger – Bürger, für die sich Lokalität und Globalität nicht mehr ausschließen sollten. Zu einer solchen Weltbürgerschaft will das Humboldt Forum befähigen.

As director of the Stadtmuseum Berlin (Berlin City Museum), Paul Spies is responsible for the concept behind the Berlin Exhibition, which will be on display on the first floor of the Humboldt Forum as of 2019. In the interview, the 58-year-old art historian talks about the many points of connection and interaction between Berlin and the rest of the world. Herr Spies, the Berlin Exhibition Berlin and the World will examine the interfaces between local and global. Would you say that Berlin is a global city? There is an ambivalent attitude towards that word in Berlin. A lot of people think Berlin can’t compete with other global cities – Moscow, Tokyo, or Los Angeles. Berlin is not like New York: there are no skyscrapers and no ghettos. Berlin is also not as focussed on its centre as Paris. You don’t drive to the centre to go to work and head back to the outskirts in the evening. One of the reasons for this is that today’s Berlin was only created in the 1920s when its various boroughs were amalgamated. Berlin is a conglomerate of small towns. But the problem Berliners have with the term “global city” is also an expression of their modesty and embarrassment about their own history. In Berlin, people get nervous as soon as someone mentions the word “global city”. What do you consider the typical attributes of a global city? A global city to my mind is a place where the world is present in very different ways. For example, there are nationals of at least two hundred

different countries living in Berlin. By the same token, the city also has tremendous influence on other countries around the world. As a political entity, Berlin is one of the leading members of the European Union. Decisions made in Berlin shape world politics. At the same time the city’s inhabitants are connected with people living in other countries and cities. When you take a closer look at these relations, you see a vast network of global connections.

the object came to Berlin. So the focus will be on developing an understanding of the connections between our own history and that of the so-called “other”. Because in the end we are all world citizens – citizens for whom locality and globality should no longer be mutually exclusive. The Humboldt Forum aims to facilitate a global citizenship of this kind.

We are mainly talking about the present now. But to what extent is Berlin’s history also important for world history? Right up into the first half of the twentieth century Berlin was one of the biggest cities in the world – an industrial city connected to the entire globe by its import and export trade. Berlin was also a colonial power until the end of World War I. So there were also intense connections with countries in Africa and Asia. But then came World War II and the city was destroyed and divided in two. It was probably not until 1989 that one could talk about the renaissance of Berlin as a global city. In the meantime the population has rocketed to four million. It’s nothing short of a miracle really.

Seit dem Jahr 2016 ist der niederländische Kunsthistoriker Paul Spies Direktor des Stadtmuseums Berlin und ChefKurator des Landes Berlin im Humboldt Forum. Zuvor leitete er über viele Jahre die Amsterdam Museum Foundation.

Interview: Ralf Hanselle

Since 2016 Dutch art historian Paul Spies has been director of the Stiftung Stadtmuseum Berlin and chief curator for the State of Berlin in the Humboldt Forum. Previously he worked for many years as director of the Amsterdam Museum Foundation.

How do you explain this? You can’t. Perhaps it’s in the air – a spirit, a genius loci. It’s what brought all the start-ups here in recent years – the digital media and the creative class. It has something to do with an atmosphere of freedom and innovation. And it can be attributed to a factor that is very untypical of other German cities: in Berlin you are allowed to fail. This freedom to fail gives rise to major innovations. You mentioned the colonial history. To what extent is this also visible in the exhibition in the Humboldt Forum? To what extent will the Berlin Exhibition be linked to the ethnological collections on the upper floors? The Berlin Exhibition will not show any ethnological objects, but in its various sections it may well address global interrelationships like colonialism and post-colonialism. We are inviting source communities to add their own histories to the Berlin Exhibition. On the two upper floors in the Humboldt Forum there are additional rooms that can be used for temporary exhibitions. We will be able to develop interesting exhibition formats here, working in collaboration with the curators of the ethnological collections of the Staatliche Museen zu Berlin. In these cooperations a ritual object from North America, for example, will not only be seen in the context of its function within an indigenous culture – we will also be asking how

1. Porträt Paul Spies.  |  Portrait Paul Spies. © Stadt­ museum Berlin/Michael Setzpfandt  2. »Das Berliner Stadtgebiet im Wandel der Zeit«, Berlin 1928, Photolithographie; 63 × 47 cm.  |  „The city of Berlin through the ages“, Berlin 1928. Photo­ lithograph; 63 × 47 cm. © Stadtmuseum Berlin


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BERLIN AND THE WORLD  BERLIN UND DIE WELT  23

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24  ORTSGESCHICHTEN  LOCAL HISTORY

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DAS DOPPELTE LIEBKNECHT-PORTAL THE DOUBLE LIEBKNECHT GATE

Angeblich soll Karl Liebknecht im Jahr 1918 vom Balkon des zweiten Stockwerks über Portal IV des Berliner Schlosses die sozialistische Republik ausgerufen haben. Doch der genaue Ort des historischen Ereignisses ist bis heute unbekannt.


LOCAL HISTORY ORTSGESCHICHTEN  25

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Von Dr. Alfred Hagemann  |  Als 1974 am Palast der Republik Richtfest gefeiert wurde, hieß es im Richtspruch: »Hier legte Liebknecht / Einst in heißen Tagen / Das Fundament für eine / Bessere Welt. / Wir haben drauf gebaut / Und dürfen sagen: / Dies ist der Baugrund, / Der uns sicher hält.« Die Erbauer des Palastes verknüpften so das neue Gebäude mit der Geschichte des Ortes, an dem es entstand. Gleichzeitig stellten sie eine direkte Linie zu einem Gründungsmythos der DDR her – die Ausrufung der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht am 9. November 1918 am Berliner Schloss. An diesem Tag endete mit der zweifachen Ausrufung der Republik die Monarchie in Deutschland. Das bedeutete am Schlossplatz das Ende einer fast 500-jährigen Kontinuität: Als Sitz der brandenburgischen Kurfürsten, später der preußischen Könige und deutschen Kaiser hatte das Schlossareal die Stadt zunehmend geprägt und war ein Symbol der Hohenzollern-Herrschaft. Kein Wunder, dass Karl Liebknecht, der den radikalsten Bruch mit der Vergangenheit anstrebte, zum Schloss zog, um die sozialistische Republik auszurufen. Die genauen Vorgänge an diesem Tag sind unklar. Keine Kamera hielt die Ereignisse fest; Zeugenaussagen und Zeitungsberichte widersprechen sich. Wo Liebknecht stand, welche Worte er genau sprach, wer dabei war – all das ist nicht mehr mit Sicherheit zu rekonstruieren. Unzweifelhaft hingegen ist, dass sich die Ereignisse zu einem legendenhaft überhöhten Bild verdichteten: Liebknecht auf dem Balkon des zweiten Stockwerks von Portal IV des Berliner Schlosses, der den im Lustgarten versammelten Menschen mit großer Geste die sozialistische Republik verhieß. Diese Version der Ereignisse wurde zu einer Ikone, die das Selbstverständnis der DDR veranschaulichte: Die DDR sah sich als Erfüllung des Kampfes, den Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg für die Etablierung des Sozialismus in Deutschland geführt und mit dem Leben bezahlt hatten. Das erklärt, warum trotz der Entscheidung der DDR-Führung, die Schlossruine 1950 zu sprengen, die Erinnerung an die Geschichte des Ortes von Bedeutung blieb. Am Staatsratsgebäude rekonstruierte man aus originalen Bruchstücken ein »Liebknechtportal« und baute es wie eine Reliquie in den Sitz des Staatsoberhauptes ein. Beim Bau des Palastes der Republik inszenierte man den neuen Palast als Erfüllung dessen, was Liebknecht vom alten Palast aus 1918 beschworen hatte. So werden wir uns bald angesichts einer weiteren dieser erstaunlichen Berliner Dopplungen verwundert die Augen reiben können: Von der Schlossbrücke aus wird man das Portal IV des Berliner Schlosses gleich zwei Mal sehen können: einmal als Adaption von 1963 als Teil des ehemaligen Staatsratsgebäudes. Und ein weiteres Mal in rekonstruierter Form an alter Stelle als Teil des Humboldt Forums.

Karl Liebknecht is reputed to have proclaimed the Socialist Republic from the secondfloor balcony above Gate IV of the Berlin Palace following the revolution in 1918. But in fact the precise location of this historic event is still unknown to this day.

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By Dr. Alfred Hagemann  |  The topping out ceremony of the East German Palast der Republik (erected on the site of the old Berlin Palace) was celebrated in 1974 with the following reci­tation: “Here, in turbulent times / Liebknecht once laid the foundations / For a better world / We built on these foundations / And now may say: / This is the building ground / That keeps us safe.” The builders of the new Palast thus forged a connection between the building and the history of the site on which it was constructed. At the same time, a direct link was also made to a founding myth of the GDR – the proclamation of the socialist republic by Karl Liebknecht at the Berlin Palace on 9 November 1918. On this day, the double proclamation of the republic abolished the monarchy in Germany. On Palace Square that brought to an end almost 500 years of history of a building which, as the seat of the Brandenburg electors and later the Prussian kings and German emperors, had increasingly come to dominate the city as a symbol of Hohenzollern rule. No wonder that Karl Liebknecht, who sought the most radical break with the past, chose the Palace as the place to proclaim the socialist republic. Exactly how events unfolded that day is unclear. There is no record on camera, and statements by witnesses and newspaper reports are contradictory. Where precisely Liebknecht stood, what his exact words were, who else was present – none of this can be reconstructed with any certainty.

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What is beyond doubt is that events were conflated into a legendary, larger-than-life image of Liebknecht standing on the second-floor balcony of Gate IV of the Berlin Palace proclaiming the socialist republic with a grand gesture to the crowds assembled in the Lustgarten. This version of events became an icon of East German identity, for the GDR saw itself as taking up and fulfilling the struggle that Karl Liebknecht and Rosa Luxemburg had waged to establish socialism in Germany and for which they had paid with their lives. This explains why, despite the decision of the GDR leadership to blow up the ruins of the Berlin Palace in 1950, the location remained in the city’s memory as a place of significance. Indeed, on the nearby building housing the GDR Staatsrat (State Council), the seat of the country’s head of state, a “Liebknechtportal” (Liebknecht Gate) was reconstructed out of original fragments and installed like a relic. The construction of the new Palast der Republik was staged as a kind of re-enactment and fulfilment of Liebknecht’s proclamation at the old Palace in 1918. Thus, we will soon be rubbing our eyes in disbelief when we come face to face with yet another of these extraordinary Berlin doubles. From the Schlossbrücke (Palace Bridge) we will be able to see Gate IV of the Berlin Palace twice over: once in its 1963 incarnation as part of the former Staatsrat, and a second time in reconstructed form in its former location, but now as part of the Humboldt Forum. Dr. Alfred Hagemann leitet seit Februar 2018 den Bereich Geschichte des Ortes der Stiftung Humboldt Forum. Zuvor hat der Kunst­historiker verschiedene Ausstellungsprojekte für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten kuratiert. Dazu zählen die Ersteinrichtung von Schloss Schönhausen 2009, die Ausstellung Friederisiko anlässlich des 300. Geburtstages Friedrichs des Großen 2012 und Frauensache – Wie Brandenburg Preußen wurde 2015. Dr. Alfred Hagemann became head of the department History of the Site at Stiftung Humboldt Forum in February 2018. Prior to that Hagemann, who is an art historian, curated various exhibition projects for the Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (Prussian Palaces and Gardens Foundation Berlin-Brandenburg), including the initial furnishing of Schloss Schönhausen when it became a museum in 2009, the exhibition Friede­risiko staged to mark the 300th birthday of Frederick the Great in 2012 and Frauensache – Wie Brandenburg Preußen wurde in 2015.

1. Karl Liebknecht ruft die sozialistische Republik aus, Georg Schlicht 1950.  |  Karl Liebknecht proclaims the socialist republic, Georg Schlicht 1950. © DHM  2. Das ehemalige Staatsratsgebäude mit dem „Liebknecht­ portal“, 1962-64.  |  The former Staatsratsgebäude (State Council Building) with the „Liebknecht Gate“, 1962-64. © Ansgar Koreng  3. Ausschnitt aus dem Glasgemälde im Staatsratsgebäude mit Darstellung der Revolution 1918, Walter Womacka 1963-64.  |  Section of the glass painting in the Staatsratsgebäude (State Council Building) depicting the 1918 revolution, Walter Womacka 1963-64. © akg-images/picture-alliance

Neu erschienen: Mythos der Revolution. Karl Liebknecht, das Berliner Schloss und der 9. November 1918 Wie kam es dazu, dass Karl Liebknecht am 9. November 1918 ausgerechnet vom kaiserlichen Schloss die »freie sozialistische Republik« ausrief ? Die detailreiche Rekonstruktion der Geschehnisse rund um das Berliner Schloss wirft ein neues Licht auf den wichtigsten Auftritt im politischen Leben des Arbeiterführers. Die einzelnen Beiträge untersuchen, wie Liebknechts Proklamation zum »Mythos der Revo­lution« wurde – von der Ambivalenz der Augenzeu­ genberichte aus den Novemberta­ gen 1918 über die Ikoni­ sie­ rung des sogenannten Liebknechtportals unter DDR-Staatschef Walter Ulbricht bis hin zur polarisierten Erinnerung im geteilten Deutschland. Dominik Juhnke ist assoziierter Wissenschaftler am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Judith Prokasky ist Historikerin, Publizistin und Kuratorin. Sie hat vier Jahre lang den Bereich Museum des Ortes der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss aufgebaut und geleitet. Martin Sabrow ist Direktor am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Professor für Neueste Geschichte und Zeit­ geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Publikation Mythos der Revolution. Karl Liebknecht, das Berliner Schloss und der 9. November 1918 ist in der Reihe Im Fokus – Humboldt Forum im Berliner Schloss erschienen, die von Lavinia Frey und Johannes Wien herausgegeben wird. 128 Seiten kosten 15,- Euro. isbn 978-3-446-26089-4.

RECENTLY PUBLISHED: MYTHOS DER REVOLUTION. KARL LIEBKNECHT, DAS BERLINER SCHLOSS UND DER 9. NOVEMBER 1918 (MYTH OF THE REVOLUTION: KARL LIEBKNECHT, THE BERLIN PALACE AND 9 NOVEMBER 1918) How did Karl Liebknecht come to proclaim a “free socialist republic” from the imperial palace of all places? This detailed reconstruction of the events surrounding the Berlin Palace sheds new light on the most important political appearance in the life of this labour leader. The individual essays examine how Lieb­ knecht’s proclamation became the “Myth of the Revolution” while touching upon themes such as the ambivalence of contemporary eyewitnesses from November 1918, the iconizing of the so-called “Liebknecht Gate” under the GDR’s head of state Walter Ulbricht, and the polarization of memory in a divided Germany Dominik Juhnke is an associate scholar at the Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (Centre for Contemporary History in Potsdam). Judith Prokasky is a historian, journalist, and curator. Over the course of four years she established and directed the section Museum des Ortes (Site Museum) of the Stiftung Humboldt Forum im Berliner S ch l o s s. M a r t i n Sabrow is director of the Zentrum für Zeit­­ historische Forschung Potsdam and professor of modern and contemporary history at the Humboldt-Universität zu Berlin. The book Myth of the Revolution: Karl Liebknecht, the Berlin Palace and 9 November 1918 is part of the series Im Fokus – Humboldt Forum im Berliner Schloss (In Focus – The Humboldt Forum im Berliner Schloss), edited by Lavinia Frey and Johannes Wien. 128 pages, € 15,-. isbn 978-3-446-26089-4.

Merken Sie sich im Zusammenhang der Publikation auch den 4. November 2018 vor. An diesem Tag werden wir im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe ORTS-Termin mit den Autoren des Buches über den Mythos der Revolution sprechen. Eine kurze szenische Leseperformance in Zusammenarbeit mit dem Regisseur und Dramaturgen Clemens Bechtel wird Sie in die Geschehnisse vor hundert Jahren einführen. ORTS-Termin ist eine Veranstaltungsreihe des Bereiches Geschichte des Ortes der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die seit 2016 zur Beschäftigung und Diskussion der facettenreichen 700-jährigen Geschichte des Berliner Schlossplatzes einlädt.

Please mark 4 November 2018 in your calendar in connection with the publication. On this day we will discuss the myth of revolution with the book’s authors as part of our event series ORTS-Termin. A short reading performance in cooperation with director and dramaturge Clemens Bechtel will provide an introduction to the events that took place one hundred years ago. ORTS-Termin is a series of events organized by the department History of the Site of the Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, which was launched in 2016 as a forum for studying and discussing the multifaceted, 700-year history of the Schlossplatz in Berlin.

ORTS-Termin: Mythos der Revolution - Karl Liebknecht, das Berliner Schloss und der 9. November 1918 am Sonntag, dem 4. November 2018 um 11 Uhr im Tower View der ESMT Berlin Schlossplatz 1 10178 Berlin Anmeldung bis zum 31. Oktober 2018 unter events.humboldtforum.com Mehr Informationen finden Sie ab September auf unserer Website humboldtforum.com/de/veranstaltungen

ORTS-Termin: The Myth of Revolution – Karl Liebknecht, the Berlin Palace and the 9 November 1918 When: Sunday, 4 November 2018 11.00 Where: Tower View of the ESMT Berlin Schlossplatz 1 10178 Berlin Please submit your registration by 31 October 2018 at events.humboldtforum.com More information will be posted in September on our website humboldtforum. com/de/veranstaltungen


26  ORTS-GESCHICHTEN  IN SEARCH OF TRACES

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

»EIN HAUS DES VOLKES« “A PLACE DIE »SPUREN« FOR THE PRÄSENTIEREN FUNKTIONS- UND NUTZUNGSASPEKTE PEOPLE” DES PALASTES THE “FLASHBACKS” DER REPUBLIK WILL PRESENT THE FUNCTIONS AND USES OF THE PALAST DER REPUBLIK

Von Karen Buttler  |  Am 23. April 1976 wurde der Palast der Republik offiziell eröffnet. Die Funktion des monumentalen Staatsbaus umriss Erich Honecker anlässlich der Grundsteinlegung zweieinhalb Jahre zuvor: »Dieser Palast der Republik soll ein Haus des Volkes sein, eine Stätte verantwortungs­ voller Beratungen der Volksvertretung unseres Arbeiter- und Bauern-Staates, ein Ort wichtiger Kongresse und internationaler Beratungen. Unsere sozialistische Kultur wird hier ebenso eine Heimstatt finden wie Frohsinn und Geselligkeit des werktätigen Menschen.« Dem geplanten Nutzungsmix aus Sitz des Parlaments und Kultur- und Kongresshaus entsprach die Gliederung des riegelförmigen Baukörpers in drei elementare Funktionsbereiche: Plenarsaal der Volkskammer mit angrenzenden Konferenzräumen, Großer Saal sowie die zwischen ihnen gelegenen und als Erschließungsachse fungierenden Foyers. Sie umrahmten auf insgesamt sechs öffentlich zugänglichen Geschossen ein vielfältiges Angebot aus kulturellen Einrichtungen und gastronomischen Bereichen. Zu ersteren gehörten das Theater im Palast im 4. Obergeschoss, der legendäre Jugendtreff mit zwei rotierenden Tanzflächen, aber auch ein ebenfalls im Sockelgeschoss gelegenes Bowling-Center mit acht Bahnen. Letztere umfassten neben dem edel ausgestatteten Palastrestaurant im 2. Obergeschoss und der im Spreesockel gelegenen Bier- und Weinstube von »historisierender Noblesse« zehn weitere gastronomische Einrichtungen. Den tief im Innern des Volkskammerbereichs gelegene Plenarsaal erreichten die etwa 500 Abgeordneten über einen ihnen vorbehaltenen Eingang von der KarlLiebknecht-Straße aus. Das DDR-Parlament, faktisch ohne nennenswerten Einfluss auf das politische Geschehen, tagte jedoch nur

zwei- bis viermal pro Jahr. Auch die zahlreichen flankierenden Konferenzräume blieben bis zur Schließung des Palastes am 19. September 1990 wohl weitgehend ungenutzt. Dagegen gewährte der Große Saal nicht nur Platz für maximal knapp 4.500 Besucher. Dank einer ausgeklügelten Bühnentechnik ließen sich seine Ausstattung, Form und Größe für die verschiedenen Veranstaltungsformate verändern. Der flexible Mehrzwecksaal bot nicht nur die Bühne für Ein Kessel Buntes, Festivals, Konzerte einheimischer und internationaler Stars, sondern diente auch als repräsentativer Sitzungsort der Parteitage der SED. In den vierzehn Jahren seiner Öffnung wurde der Palast der Republik von etwa 16 Millionen DDR-Bürgerinnen und -Bürgern sowie von internationalen Gästen besucht. Ihre selbstständige Orientierung ermöglichte ein komplexes Wegeleitsystem. Die Piktogramme gestaltete Klaus Witt­kugel, einer der führenden Grafiker der DDR, der sich seit Anfang der 1970er-Jahre wiederholt mit der Frage der Orientierung großer Menschenmassen auseinander­ gesetzt hatte. By Karen Buttler  |  The Palast der Republik (Palace of the Republic) was officially opened on 23 April 1976. East German leader Erich Honecker had outlined the function of the monumental state building two-and-a-half years previously when the cornerstone was laid: “This Palast der Republik is to be a place for the people, where the parliamentary representatives of our workers’ and peasants’ state can hold responsible consultations, a venue for important conferences and international discussions. Our socialist culture will be as much at home here as fun and conviviality for working people.” The proposed blend of parliamentary building and cultural and conference centre was reflected in the division of the rectangular

structure into three basic functional sections: the plenary hall of the Volkskammer with adjoining conference rooms, the large hall, and the foyer between them, which acted as a central point of access. They were surrounded on a total of six publicly accessible storeys by a wide-ranging assortment of cultural facilities and areas for eating and drinking. The former included the theatre on the fourth floor and the legendary “youth club” with two rotating dance floors on the lower level, as well as an eight-lane bowling alley. The options for food and drink included the luxurious Palastrestaurant on the second floor, a pub and wine-bar with “historical-style elegance” on the lower level, and ten other alternatives. An entrance on Karl-Liebknecht-Strasse was reserved for exclusive use of the 500 or so parliamentary representatives to access the plenary hall, which was situated deep within the Volks­ kammer section. In practice, however, the East German parliament exercised little influence on the country’s politics and was in session only two to four times per year. The numerous adjoining conference rooms probably also remained largely unused until the Palast was closed on 19 September 1990. By contrast, the large hall not only held audiences of just under 4,500, but sophisticated stage technology meant that its fittings, shape and size could be adjusted according to the nature of the event. The flexible multi-function hall offered both a stage for the popular Saturday evening TV entertainment show Ein Kessel Buntes, festivals and concerts given by East German and foreign stars, and a respectable venue for the ruling SED party conference. In the fourteen years it was open, the Palace of the Republic was visited by around 16 million East Germans and international guests. A complex signage system helped people to navigate their way around the building. The pictograms were designed by Klaus Wittkugel, one of the leading East German graphic designers, who since the early 1970s had worked on the task of directing large groups of people.

Karen Buttler koordiniert seit 2018 das Ausstellungsvorhaben der Spuren im Bereich Geschichte des Ortes. Die Kunsthistorikerin und Kuratorin war zuvor an der Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunst­ geschichte in Rom, an der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und am Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig tätig. In 2018, Karen Buttler became coordinator of the exhibition project Spuren in the History of the Site section of the Humboldt Forum. As art historian and curator, Buttler previously worked at the Bibliotheca Hertziana of the Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte (Max Planck Institute for Art History) in Rome, at the Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Prussian Palaces and Gardens Foundation Berlin-Brandenburg) and at the Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig.

1 1. Segment des Wege- und Informationsleitsystems mit Spree-Stuben, Spree-Bowling und Jugendtreff.   |  Segment of the navigation and information system featuring the Spree-Stuben bar, bowling alley and youth club. © Jan Stauf 2. Eröffnung des IX. Parteitages der SED, 1976.  |  Opening of the IXth SED party conference, 1976. © Bundesarchiv 2. Besucher auf der Rolltreppe im Palast der Republik.  |  Visitors on the escalator in the Palast der Republik. © Ullstein Bild  


AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

IN SEARCH OF TRACES ORTS-GESCHICHTEN  27

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Spuren der Geschichte des Ortes im Humboldt Forum Etwa vierzig dezentrale, über das Gebäude verteilte »Spuren« werfen im Humboldt Fo­­rum Schlaglichter auf die vielschichtige und wechselvolle Geschichte des Ortes. Die Präsentationen von Objekten, Fotografien und Film erinnern an wichtige historische Ereignisse sowie an Funktions- und Nutzungs­aspekte des Berliner Schlosses und des Palastes der Republik. Die Spuren ergänzen die Ausstellungsbereiche zur Geschichte des Ortes im Schlosskeller und im Skulpturensaal.

TRACING THE HISTORY OF THE HUMBOLDT FORUM SITE Around forty decentralized “flashbacks” spread around the building will highlight the site’s complex and eventful history. The presentation of objects, photographs and films will recall keyhistorical events as well as the functions and uses of the Berlin Palace and the Palast der Republik. These flashbacks will supplement the exhibitions in the palace cellar and in the sculpture hall which provide information about the site’s history.

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28  HUMBOLDT VOM FORUM  HUMBOLDT VOM FORUM

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

176 KINDER EROBERN DAS HUMBOLDT FORUM 176 CHILDREN TAKE OVER THE HUMBOLDT FORUM Was ist hier los? Mitten in Berlin wächst die riesengroße Baustelle Humboldt Forum: Sie bietet den Anlass für 176 Kinder und Jugendliche von acht Berliner Schulen genauer hinzuschauen, Fragen zu stellen und eigene Ideen zu entwickeln. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten haben die Schülerinnen und Schüler recherchiert, komponiert, interviewt und diskutiert, um die vielfältigen Geschichten dieses Ortes fassbar zu machen. Die Ausstellung Das ist auch unsere Baustelle! lädt ab dem 14. Oktober 2018 alle Neugierigen ein, in acht faszinierende Raumerlebnisse einzutauchen, die von den Kindern, Jugendlichen und 29 KünstlerInnen gemeinsam entwickelt wurden. Vielseitige Perspektiven sowohl zur Vergangenheit als auch zur Zukunft dieses spannenden Ortes am Schlossplatz werden auf spielerische Weise nähergebracht.

What’s going on here? The Humboldt Forum in the heart of Berlin is currently an enormous construction site. A perfect opportunity for 176 children and teenagers from eight Berlin schools to take a closer look, ask questions and develop ideas of their own. Over a period of several months the pupils carried out research, composed music, conducted interviews and took part in discussions to come to grips with the varied histories of the site. The exhibition It’s Our Construction Site Too! opens its doors on 14 October 2018 and invites curious minds to immerse themselves in eight fascinating installations developed by the children and teenagers together with 29 artists to present a variety of playful perspectives on the past and future of this intriguing location on Schlossplatz. A project by Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss curated by Salapanga – Kinder. Kunst. Kultur.

Ein Projekt der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss unter kuratorischer Leitung von Salapanga - Kinder, Kunst, Kultur.

Vermittlungs­ angebote in der Humboldt-box

EDUCATIONAL PROGRAMMES IN THE HUMBOLDT BOX

Vom 14. Oktober bis 16. Dezember 2018 können Sie die Ausstellung in der Humboldt-Box kostenfrei besuchen. Für kleine und große Besucher bieten wir dort Erlebnisrundgänge und öffentliche Workshops an.

From 14 October to 16 December 2018, admission to the exhibition in the Humboldt-Box will be free of charge and themed tours and public workshops will be available for visitors of all ages.

  Erlebnisrundgänge für Kitagruppen und Schulklassen In einem erlebnisreichen, spielerischen Rundgang können Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 16 Jahren die Raum­ erlebnisse näher erforschen. Buchbare Slots: Mo.-Fr., 9:15, 11:15 und 13:15 Uhr 90 Min. für Schulklassen / 45 EUR 60 Min. für Kitagruppen / 30 EUR (mit Museumspass kostenfrei) Für Willkommensklassen kostenfrei   Öffentliche Workshops für Kinder und Erwachsene zwischen 3 und 99 Jahren, immer sonntags von 14 bis 17 Uhr, kostenfrei Bei unseren kostenfreien Drop-in-Werkstätten können Kinder und Familien einzelne Raumerlebnisse der Ausstellung spielerisch kennenlernen. Erleben Sie, wie Spielzeuge durch Animationen zum Leben erweckt werden, schlüpfen Sie für einen Tag in die Rolle eines Königs oder gestalten Sie mit Geräuschen Ihr eigenes Klangschloss.

  Themed tours for Kita and school groups An eventful, playful tour exploring the various installations for visitors aged three to sixteen. Available time slots: Mon–Fri, 9.15, 11.14 and 13.15 90-minute tour for school groups / EUR 45 60-minute tour for Kita groups / EUR 30 (or free with museum pass) Free of charge for welcome classes   Open workshop for ages 3 to 99 , every Sunday from 2–5 pm, free of charge Children and families can playfully explore the individual installations at our free drop-in workshops. See toys come to life in animations, become king for a day, or design your own acoustic palace from sound. No advance booking is necessary for the workshops. Just drop in and join the fun! More information about our programmes can be found online: www.humboldtforum. com/de/inhalte/vermittlung

Die Teilnahme an den Workshops ist ohne Anmeldung möglich. Drop in: Kommen Sie einfach dazu und machen Sie mit! Mehr Informationen zu unseren Angeboten finden Sie im Internet: www.humboldt­ forum.com/de/inhalte/vermittlung

Alle Bilder | All pictures ©Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss/Michael Bennett

»Wir haben uns viel mit dem Schloss beschäftigt. Wir haben viel gebastelt, gemalt und gebaut und haben viele Ausflüge gemacht. Wir waren in der Infobox (Humboldt-Box), im Dom und waren im Schloss Charlottenburg. Wir hatten alle sehr viel Spaß bei diesem Projekt. Wir hoffen, Ihnen gefällt es.«  Tabitha, 10 Jahre

»Warum gibt es so viele Sachen in einer Wunderkammer, die man eigentlich gar nicht benutzt?«  Gracia, 11 Jahre

“Why are there so many things in a cabinet of curiosities that you don’t even really use?”  Gracia, age 11

“We spent a lot of time thinking about the Palace. We did a lot of crafts and drawings and we built things and went on lots of field trips. We saw the Infobox, the cathedral, and Schloss Charlottenburg. All of us had lots of fun during the project. We hope you’ll like it too.”  Tabitha, age 10

»Ich mag ganz doll Museen, wo man etwas anfassen kann und spüren kann, wie sich das anfühlt.«  Alma, 9 Jahre

“I really, really like museums where you can touch stuff and see what it feels like.”  Alma, age 9

»Wir haben im Schlossprojekt eine kleine Mindmap gemacht über das Humboldt Forum. Jeder durfte Fragen stellen, z. B. warum sind die Statuen nackt? Und was wir im Humboldt Forum dort haben wollen, z. B. einen Spielplatz. Hat voll Spaß gemacht und wir haben noch geredet was uns interessiert im Schlossprojekt.«  Saleha, 11 Jahre

“For the Palace project, we made a little mind map about the Humboldt Forum. Everyone got to ask questions like: Why are the statues naked? And they asked us what we would like to have in the Humboldt Forum – like a playground. It was great fun and then we talked about what we thought was interesting about the Palace project.”  Saleha, 11 Jahre


WORKS OF ART KUNSTSTÜCKE  29

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

MODERNE KUNST HINTER BAROCKEN FASSADEN

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In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Humboldt Forum mit ethnologischen und historischen Ausstellungsobjekten in Verbindung gebracht. Das ist zwar richtig, aber nur ein Teil der Wahrheit. Im Interview erklären Lars-Christian Koch, Direktor der Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum, und Hans-Dieter Hegner, Vorstand Bau der Stiftung Humboldt Forum, welche Rolle zeitgenössische Kunst im neuen Haus spielen wird.

Herr Hegner, warum ist das Humboldt Forum auch ein Ort für Gegenwartskunst? Hans-Dieter Hegner: Das Humboldt Forum wird ein modernes Kulturhaus mit Museen, Ausstellungen und Veranstaltungen werden. Wir werden hier nicht festgelegt sein auf ein bestimmtes Genre oder eine bestimmte Epoche. Und gerade weil wir auch ein internationales Haus sein wollen, werden hier auch zeitgenössische Künstler aus aller Welt zusammenkommen. Lars-Chrisian Koch: Natürlich haben gerade die ethnologischen Sammlungen eine extreme historische Tiefe. Dennoch ist es unsere Aufgabe, das Humboldt Forum zu einem Gegenwartsforum zu machen. Zu

dieser Gegenwart gehört ganz selbstverständlich auch internationale zeitgenössische Kunst. Das bedeutet nicht, dass die ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin komplett auf Gegenwartskunst umschwenken werden. Aber moderne Kunst wird in unseren Ausstellungen eine große Rolle spielen. Wir wollen außereuropäische Kulturen in anderen Facetten präsentieren. In den ethnologischen Sammlungen befinden sich seit langer Zeit bereits Werke der zeitgenössischen Kunst. Aber eine solche Kunst entsteht nicht dadurch, dass ich sie als Kunst deklariere. Sie entsteht durch Ausstellungen und Vermittlung.

Neben den zeitgenössischen Werken aus den ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Museen wird es auch mehrere Kunst-am-Bau-Projekte im Humboldt Forum zu sehen geben. Inwieweit werden diese mit den Sammlungen in Interaktion treten? Hans-Dieter Hegner: Ich erwähnte eben ja bereits, dass wir ein modernes Kulturhaus sein wollen. Als ein solches schauen wir nicht nur auf die einzelnen Museen, die sich unter unserem Dach befinden. Uns interessiert neben der Funktion auch der Ort als solcher. Es ist zunächst so, dass dort, wo der Bund als Bauherr auftritt, bei jedem Projekt zwischen 0,5 und 1,5 Prozent der Baukosten

für Kunst am Bau ausgeben werden. Das ist eine kulturelle Selbstverpflichtung des Bundes. Für diese Kunstprojekte haben wir im Haus vier Standorte ausgewählt: die beiden Treppenhäuser über den Portalen I und V, das große Treppenhaus, das kleine Foyer zu den Veranstaltungssälen und den Vorraum zur Berlin-Ausstellung und der Humboldt Forum Akademie. Unter den Siegerentwürfen für die Treppenhäuser befindet sich ein Entwurf der Künstlerinnen An Seebach und Christiane Stegat. Diese setzen sich bewusst mit den Sammlungen des Humboldt Forums auseinander: Objekte aus den Sammlungen werden grafisch aufbereitet und in einen barocken Kontext überführt. Ich halte das

für einen sehr gelungenen Beitrag. Die Quelle der Berliner Sammlungen war einst die Kunstkammer des barocken Schlosses. Mit dem Humboldt Forum kehren die Sammlungen zu dieser Quelle zurück. War die künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Hauses Voraussetzung für die Teilnahme am Wettbewerb? Hans-Dieter Hegner: Der Wettbewerb war offen. Aber wir haben deutlich gemacht, dass wir uns Arbeiten wünschten, die sich mit der Humboldt’schen Idee, mit der Internationalität oder mit dem konkreten Ort auseinandersetzten. Im ersten Wettbewerb


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haben wir über zweihundert Einreichungen bekommen. Und das Teilnehmerfeld ist sehr international besetzt gewesen. Aus dem zweiten Wettbewerb ging eine Siegerarbeit von Sunkoo Kang hervor, einem Schüler von Ai Weiwei. Wäre Ai Weiwei selbst ein Künstler, den Sie in den ethnologischen Ausstellungen präsentieren würden? Oder gehören seine Arbeiten nicht längst in die Sammlung des Hamburger Bahnhofs? Lars-Chrisian Koch: Mit solchen Katalogisierungen müssen wir uns täglich auseinandersetzen. Wir werden bei uns aber in der Tat eine Arbeit von Ai Weiwei zeigen. Zudem haben wir einen großen Ausstellungsraum, der von einem chinesischen Künstler und Architekten gestaltet worden ist. Im Schweizersaal wiederum haben wir eine ganze Wand von Mariana Deball gestalten lassen. Und dann wird es noch ein Kunstwerk aus Kamerun zu sehen geben, das sich mit den gegenwärtigen Problemen des Landes auseinandersetzt. Wir wollen also nicht einfach nur Kunst zeigen. Wir wollen Arbeiten präsentieren, die sich mit unseren Sammlungen auseinandersetzen. Hans-Dieter Hegner: Für dieses Ziel gibt es eine gute Zusammenarbeit zwischen der Bauseite und den Museen. Aktuell etwa besorgen wir ein neues japanisches Teehaus.

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Es hat im Museum für Asiatische Kunst in Dahlem immer ein Teehaus gegeben. Dieses aber konnten wir nicht aus dem Museum herausreißen. Also haben wir einen Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich japanische Künstler und Architekten beteiligen konnten. Den Sieger beauftragen wir gerade, ein neues Teehaus zu bauen. Lars-Chrisian Koch: Das ist in der Tat ein gutes Beispiel dafür, wie zeitgenössische Kunst dabei hilft, die Kultur eines Landes besser zu verstehen. Interview: Ralf Hanselle

Hans-Dieter Hegner wurde Anfang 2016 als Vorstand für den Baubereich der Stiftung Humboldt Forum berufen. Der Bauingenieur war zuvor als Referatsleiter im Bundesbauministerium verantwortlich für die Themen Ingenieurbauwesen, Nachhaltiges Bauen, Bauforschung und verschiedene baukulturelle Fragen. Lars Christian Koch ist seit Anfang 2018 Direktor für die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum. Der Musikethnologe war zuvor komissarischer Leiter des Ethnologischen Museums.

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MODERN ART BEHIND BAROQUE FACADES In the public mind the Humboldt Forum is associated with ethnological and historical exhibits. That might be correct, but it’s only part of the truth. In this interview, Lars-Christian Koch, director of the Staatliche Museen zu Berlin collections in the Humboldt Forum and Hans-Dieter Hegner, chief technology officer of the Stiftung Humboldt Forum, talk about the role of contemporary art in the new institution.

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Mr Hegner, why is the Humboldt Forum also a venue for contemporary art? Hans-Dieter Hegener: The Humboldt Forum will be a modern cultural venue with museums, exhibitions and events. We won’t be restricted to any particular genre or era. And precisely because we’re going to be an international institution as well, contemporary artists from all around the world will be shown here. Lars-Christian Koch: Of course, the ethnological collections are particularly notable for their historical depth. Nonetheless, it is our job to make the Humboldt Forum a forum for now, for the present day. One aspect of this is naturally international contemporary art. That doesn’t mean the ethnological collections of the Staatliche Museen zu Berlin are going to switch completely over to contemporary art. But modern art will play a major role in our exhibitions. We want to present other aspects

of non-European collections. Works of contemporary art have been part of the ethnological collections for a considerable time now. But this kind of art doesn’t come about just because I label it art; it’s created by exhibitions and educational activities. In addition to the contemporary works from the ethnological collections of the Staatliche Museen there will also be a number of Kunst am Bau or “percent for art” projects on show at the Humboldt Forum. To what extent will these interact with the collections? Hans-Dieter Hegener: I just mentioned that we want to be a modern cultural institution. In this respect we won’t just be looking at the individual museums situated within. In addition to its function we’re interested in the site itself. The background is that whenever central government takes on the role of construction

client, between 0.5 and 1.5 per cent of the construction costs have to be spent on art for the building. That is a voluntary commitment by central government. We have selected four locations in the building for these art projects: the two staircases above Gates I and IV, the large staircase and the small foyer which will lead to the event rooms and the vestibule of the Berlin Exhibition and the Humboldt Forum Academy. The winning designs for the staircases include one by the artists An Seebach and Christiane Stegat which consciously explores the Humboldt Forum collections, graphically reworking objects from the collections into a Baroque context. I think it’s a highly successful piece. The Berlin collections can trace their roots back to the chamber of art and curiosities in the Baroque palace. Now, with the Humboldt Forum the collections are returning to the place they were first housed.


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Was it a precondition for participating in the competition that artists should deal with the building’s history? Hans-Dieter Hegener: It was an open competition. But we made it clear that we were looking for works that explored the ideas of the Humboldt brothers, or internationality or the site itself. In the first competition we received over two hundred entries. And the list of competitors was extremely international. The second competition produced a winning entry by Sunkoo Kang, a student of Ai Weiwei. Would Ai Weiwei himself be an artist you’d show in the ethnological exhibitions? Or do his works really

Hans-Dieter Hegner was appointed chief technology officer of the Stiftung Humboldt Forum at the start of 2016. With his background as a civil engineer, he previously headed a division at the Federal Ministry of Building focusing on civil engineering, sustainable construction, construction research and various other constructionrelated matters. Lars-Christian Koch has been director of the Staatliche Museen zu Berlin collections in the Humboldt Forum since the beginning of 2018. An ethnomusicologist by training, he was previously acting head of the Ethno­ logisches Museum.

belong in the Hamburger Bahnhof collection? Lars-Christian Koch: We have to deal with this kind of cataloguing every single day. We will, however, indeed be showing a piece by Ai Weiwei. Moreover, we have a large exhibition hall which has been designed by a Chinese artist and architect. In the Schweizersaal, by contrast, we have an entire wall designed by Mariana Deball. And then there will be a work of art from Cameroon on show which explores the problems in that country today. So we don’t just want to present art. We want to show works that really investigate our collections. Hans-Dieter Hegener: The construction team and the museums are cooperating well in

1. Lars-Christian Koch sieht im Humboldt Forum auch einen Ort für Gegenwartskunst.  |  For Lars-Christian Koch the Humboldt Forum is also a venue for contemporary art. © David von Becker  2. Hans-Dieter Hegner erklärt die Kunst-am-Bau-Projekte im Berliner Schloss.  |  HansDieter Hegner explains the Kunst-am-Bau (“percent for art“) projects in the Berlin Palace. © David von Becker   3. Gute Zusammenarbeit: Im Interview loben Hans-Dieter Hegner und Lars-Christian Koch die Kooperation zwischen der Bauseite und den Sammlungen der Staatlichen Museen.  |  Excellent cooperation: in an interview Hans-Dieter Hegner and Lars-Christian Koch praise the cooperation between the construction site and the collections of the Staatliche Museen zu Berlin. © David von Becker  4. Entwurf von Tim Trantenroth: Ohne Titel, 1. Preis für das Treppenhaus über Portal V.  |  Competition entry by Tim Trantenroth: Untitled, 1st prize for the stairwell above Gate V.©  Tim Trantenroth, Berlin   5. Entwurf von An Seebach und Christiane Stegat: GLOBAL BAROCC – CCORAB LABOLG, 1. Preis für das Treppenhaus über Portal I.  |  Competition entry by An Seebach and Christiane Stegat: GLOBAL BAROCC – CCORAB LABOLG, 1st prize for the stairwell above Gate I. © An Seebach, Christiane Stegat, Köln

this area. Right now we’re sourcing a new Japanese teahouse. There’s always been a teahouse in the Asiatisches Museum in Dahlem, but we couldn’t just tear it out of the museum. So we put out an open-call to Japanese artists and architects, and right now we’re commissioning the winner to build a new teahouse. Lars-Christian Koch: That’s certainly a good example of how contemporary art helps improve people’s understanding of a country’s culture. Interview: Ralf Hanselle


32  DURCHBLICK  PERSPECTIVE

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TAUSEND FENSTER FÜR EIN SCHLOSS

A THOUSAND WINDOWS FOR A PALACE

TECHNISCHE ANFORDERUNGEN AN EINEN GUTEN DURCHBLICK

TECHNICAL REQUIREMENTS FOR PERFECT VISION

Die Wirkkraft der barocken Fassade des Berliner Schlosses im Stadtraum war und ist eine der größten Triebfedern für die Rekonstruktion des historischen Gebäudes. Die einstigen Fassaden werden mit dem Entwurf des Architekten Franco Stella akkurat wiederhergestellt. Die Ostseite nimmt sich dagegen angenehm zurück und überzeugt durch eine klare Komposition aus Sichtbetonfertigteilen aus Weißzement auf hohem Qualitätsniveau.

The impact made by the Baroque facade of the Berlin Palace in its urban setting was and still is one of the main motivations for reconstructing the historic building. The design by architect Franco Stella envisions the original facades being reproduced with great accuracy. The eastern aspect, by contrast, is pleasantly understated, with an impressive composition of high-quality precast exposed concrete elements made from white cement.


PERSPECTIVE DURCHBLICK  33

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Von Hans-Dieter Hegner  |  Über tausend Fenster hat das Gebäude – etwa je zur Hälfte historische und moderne. Sie sind generell als Kastenfenster ausgebildet und können so besondere technische Herausforderungen meistern. Die historischen Fenster sollen nach außen das historische Fassadenbild zeigen, nach innen aber alle modernen Anforderungen an Energieeffizienz, Tageslichteinfall oder Sicherheit erfüllen. Diese Fenster haben gewaltige Ausmaße: Das größte Portalfenster etwa misst 5,50 × 9,50 Meter. Holzfenster in dieser Größe benötigen für gewöhnlich eine nachhaltige Materialauswahl, eine gute Planung sowie eine spezielle Fertigung und Montage. Mit ihren Elektromotoren zur automatischen Öffnung und zur Betätigung der verschiedenen Behänge im Fensterzwischenraum handelt es sich bei derlei Fenstern um wahre Maschinen. Die Konstruktion der neuen Schlossfenster hatte viele Anforderungen zu erfüllen. Dabei waren die Architekturvorgaben zur Herstellung und den zu verwendenden Materialien nur die eine Seite; eine andere bestand in den höchsten Anforderungen, die von Seiten der Staatlichen Museen zu Berlin an das Innenraumklima, den Sonnenschutz und die Lichtsteuerung gestellt wurden. Sensible asiatische Kulturgüter aus Papier oder Textil vertragen keine Sonne. Und zudem sind für die wertvollen Exponate ein erhöhter Einbruchschutz und eine Überwachungsfähigkeit sicherzustellen – ganz zu schweigen von den hohen Schallschutzanforderungen, die für das Humboldt Forum umzusetzen sind; schließlich sind Museen und Veranstaltungsorte vom hohen Geräuschpegel einer Großstadt abzukoppeln. Aber auch zukunftsorientierte, bautechnische Anforderungen sind zu beachten gewesen. Immerhin wird das Schloss die Energieeinsparverordnung um 30 Prozent unterschreiten und so für Energieeffizienz sorgen. Das heißt, dass energetisch besonders effiziente Fenster einzubauen waren.

Eine hohe Luft- und Schlagregen-Dichtigkeit waren sowohl am Fenster als auch am Gebäudeanschluss sicherzustellen. Für die Stiftung Humboldt Forum als spätere Betreiberin ist es darüber hinaus wichtig gewesen, eine hohe Dauergebrauchstauglichkeit und Wartungsfreundlichkeit zu erzielen. So ging es zunächst um die Auswahl des Materials. Dabei stand von Anfang an fest, dass man Fenster aus weiß beschichtetem Holz einsetzen wollte. Für dieses Vorhaben wurden verschiedene Hölzer auf Resistenz, Rohdichte und Härte hin untersucht. Aber auch die Frage des Harzaustrittes oder des Holzschutzes wurden geprüft. Man einigte sich schließlich auf die Verwendung von europäischer Weißeiche. Dieses Holz ist zwar etwas teurer als im Budget veranschlagt, die Nachhaltigkeit des Materials aber wird auch spätere Generationen noch von der Wahl überzeugen. Die Beschläge wiederum waren so auszuwählen, dass bei bis zu 20.000 Betätigungszyklen eine Lebensdauer von mindestens 70 Jahren prognostiziert werden kann. Der Autor nimmt indes an, dass die Fenster auch in 200 Jahren noch einwandfrei funktionieren werden. Da die Fenster nicht nur schöne, sondern ebenso anspruchsvolle Bauteile der Schlossfassade sind, hat die Stiftung Humboldt Forum ihre Herstellung von der Holzauswahl bis zur Montage durch einen externen Sachverständigen begleiten lassen. So sind wir nun wirklich sicher, dass der Blick durch Berlins schönste Fenster wunderbare Emotionen erzeugen und die Nutzer nachhaltig beglücken wird. By Hans-Dieter Hegner  |  The appearance of the facades will be dominated by windows. The building has over a thousand of them – roughly half of which are historical in design, the other half, modern. They are generally double box windows, which means they can overcome particular technical challenges. From the outside the historical windows function as part of the recreated facade, but inside they have to fulfil all the

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modern requirements for energy efficiency, daylight levels and security. These windows are vast: the largest window on one of the entrance gates, for example, measures 5.5 by 9.5 metres. Wooden windows of this size usually demand sustainable materials, good planning and special finishing and mounting. Equipped with electric motors for opening them automatically and controlling the various blinds or curtains between the panes, these windows are full-blown machines. The reconstructed windows are, of course, brand new. Their design had to tick a number of boxes. The architectural stipulations for manufacturing and materials were just one side of the coin; the windows also had to meet the strictest requirements set by the Staatliche Museen zu Berlin concerning the interior climate, UV protection and light management. Sensitive Asian cultural goods made of paper or textiles cannot tolerate any sun. Moreover, it was important to safeguard the valuable exhibits from the risk of break-ins and ensure that they could be monitored – not to mention the high degree of soundproofing required for the Humboldt Forum; after all, museums and event venues have to be sealed off from all the noise of a large city. But the construction of the windows also had to satisfy technical requirements that would make them fit for the future. Ultimately the Palace aims to do its bit for energy efficiency by shaving 30 per cent off the levels specified by the German Energy Saving Ordinance. That means the windows have to be exceptionally efficient at saving energy. A high degree of resistance to wind and driving rain was critical, not only for the windows themselves but also at the point where they join the facade. In addition, the Stiftung Humboldt Forum, which will be running the building, needs to ensure that the windows will hold up to constant use and be easy to maintain. The first key consideration for the reconstruction was the selection of materials. It was clear from the start that the windows would be made of laminated white wood. Various woods were tested not only for their resistance, bulk density and robustness, but also for whether they discharge resin and can be preserved. Finally it was

agreed to use European white oak. The wood was certainly slightly more expensive than foreseen in the budget, but later generations will thank us for choosing a material that is so sustainable. With the fittings, it was important to choose ones that could be used up to 20,000 times over a lifespan of at least seventy years. Personally, I am assuming that they will still be working perfectly in two hundred years. In order to ensure that the windows are not just aesthetically pleasing but also high-functioning components of the Palace, the Stiftung Humboldt Forum has commissioned a surveyor to supervise the project, from the initial choice of wood through to the final mounting. So now we’re absolutely certain that the view from Berlin’s most beautiful windows will generate the most wonderful emotions, delighting their users for many years to come. Hans-Dieter Hegner wurde Anfang 2016 als Vorstand für den Baubereich der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss berufen. Der Bauingenieur war zuvor als Referatsleiter im Bundesministerium verantwortlich für die Themen Ingenieurbauwesen, Nachhaltiges Bauen, Bauforschung und für verschiedene baukulturelle Fragen. Hans-Dieter Hegner was appointed to the Executive Board of the Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss in early 2016 with responsibility for all construction-related matters. With a background in structural engineering, he previously headed a division in the German Federal Ministry focusing on civil engineering, sustainable construction, construction research, and other issues related to building culture.

1. Blick in die Zukunft des Berliner Schlosses. Rendering  |  View of the future of the Berlin Palace. Rendering © Förderverein Berliner Schloss e.V./ Rendering: © Franco Stella  2. Blick auf die Fenster des Lustgartenportals, April 2017.  |  View on the windows of the Lustgarten Gate, April 2017. © SHF/Stephan Falk  3. Arbeiter machen sich an die Montage der Fenster.  |  Workmen installing the windows. © SHF

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34  AUSBLICK  OVERVIEW

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BERLIN VON OBEN BERLIN FROM ABOVE

DAS RESTAURANT AUF DEM SCHLOSSDACH THE RESTAURANT ON THE PALACE ROOF

Neben großen Flächen für Ausstellungen und Veranstaltungen wird es im Humboldt Forum auch Orte des Genusses geben. Einer ist das Restaurant auf dem Dach des Schlosses.

In addition to numerous exhibition spaces and event venues, the Humboldt Forum will also offer areas for relaxation and indulging the senses. One of them is the restaurant on the Palace roof.

Von Bernhard Wolter  |  Was gibt es Schöneres, als an einem lauen Sommerabend über der Stadt in den Sonnenuntergang zu schauen, vielleicht mit einem kühlen Getränk in der Hand die eindrucksvollen Ausstellungen und interessanten Vorträge im Humboldt Forum noch einmal Revue passieren zu lassen und mit Familie oder Freunden zu diskutieren? Nicht nur im Sommer wird das neue Dachrestaurant auf dem Berliner Schloss ein begehrter Ort sein, um im Humboldt Forum einmal innezuhalten und den Blick über die Dächer von Berlin zu genießen. Dabei war es gar nicht von Anfang an so geplant, das Dach auf dem Schloss nicht nur begehbar zu machen, sondern dort auch ein Restaurant zu errichten. Denn die Aufgabe an den Architekten lautete wie das Sprichwort: »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!« Besonderes Fingerspitzengefühl war in der Außengestaltung der Restaurantfassade gefragt. Sollte doch dieser Dachaufbau nicht die Ansicht der rekonstruierten Schlossfassaden von den Linden aus stören, wohl aber den Blick von oben auf die Prachtallee und die Bauten am Lustgarten gewähren. Die geringe Höhe, die zurückhaltende Gestaltung der Fassade mit hellen Architekturbetonelementen und die mächtige, historisch rekonstruierte Sandsteinbalustrade am Dachabschluss sorgen dafür, dass die Ansicht vom Schloss nicht wirklich gestört wird. Ohnehin wird das Restaurant erst bei einem Abstand von mehreren Hundert Metern überhaupt als ein schmaler Strich über der Dachlinie erkennbar sein. Mit seinen gut 130 Plätzen nimmt das Restaurant aber nur einen Teil der Fläche auf dem Schlossdach ein. Um das Restaurant herum ist ein breiter Gehstreifen vorgesehen, sodass man direkt bis an das kupfergedeckte Satteldach an der Außenseite herantreten kann. Und auch der südliche

breaking any eggs”. An especially delicate touch was required for the exterior design of the restaurant facade, since the roof superstructure was not allowed to block the view of the reconstructed Palace facades from Unter den Linden, but had instead to provide a view from above over the magnificent boulevard and the buildings around the Lustgarten. Thanks to its modest height, the discreet facade design with its light-coloured concrete elements, and the historical reconstruction of the mighty sandstone balustrade at the edge of the roof, the overall appearance of the Palace is not overly impacted. In fact, it is only at a distance of several hundred metres that the restaurant becomes visible at all, and then only as a narrow strip above the line of the roof. Although it can seat a good 130 guests, the restaurant occupies only part of the space on the Palace roof. It is surrounded by a wide walkway allowing visitors to view the copper-clad saddleback roof at close range. The south-facing roof of the building’s west wing will also be open and accessible to visitors. The contrast between reconstructed historical and modern facades in the Schlüter Courtyard, the adjacent passageway, the Humboldt Foyer, the large entrance hall to the west and of course the mighty modern facade facing the Spree all clearly identify the Palace as a newbuild. The building makes no attempt to pretend that the Palace has been here all along. Rather, it recalls – painfully, in the view of some observers – the country’s tragic history in the twentieth century. And this is true also of the north-west corner facing Unter den Linden. But it is precisely this dichotomy between the old and the new that gives the Humboldt Forum im Berliner Schloss its unique status among comparable European exhibition venues and museums in Paris, London or even Bilbao. In this sense, the roof restaurant may provide stimulus for discussions on a balmy summer evening above the rooftops of Berlin …

Dachbereich im Westflügel des Gebäudes wird für Besucher offen und begehbar sein. Im Schlüterhof, in der Passage wie im Humboldt Foyer, der großen Eingangshalle an der Westseite, und natürlich an der mächtigen modernen Fassade zur Spree hin macht der Schlossnachbau mit dem Kontrast von historisch rekonstruierten und modernen Fassaden deutlich, dass er ein Neubau ist. Das Gebäude tut eben nicht so, als hätte es das Schloss immer gegeben. Nein, für manche Betrachter sogar schmerzlich erinnert es damit an die tragische Geschichte dieses Landes im 20. Jahrhundert. Und das gilt auch für die Nordwestecke zu den Linden. Aber genau mit diesem Widerspruch zwischen alt und neu erwirbt das Humboldt Forum im Berliner Schloss sein Alleinstellungsmerkmal im Reigen der vergleichbaren europäischen Ausstellungshäuser und Museen in Paris, London oder eben auch Bilbao. Vielleicht bietet das Dachrestaurant auch in diesem Sinne einigen Anlass zur Diskussion an einem lauen Sommerabend über den Dächern von Berlin …

By Bernhard Wolter  |  What could be more pleasant than watching the sun go down over the city on a balmy summer evening, enjoying a cool drink and reflecting on the memorable exhibitions and stimulating lectures in the Humboldt Forum or discussing them with family and friends? Throughout the year, the new restaurant on the roof of the Berlin Palace will be a popular spot in the Humboldt Forum to pause and enjoy the view over the rooftops of Berlin. There was nothing in the original plans however, to provide the option of making the Palace roof accessible to the public, or even putting a restaurant there. The architects were given the proverbial task of “making an omelette, but not

Bernhard Wolter hat Germanistik und Politologie sowie Architektur studiert und sein Berufsleben der Vermittlung von Bauen und Architektur gewidmet. Zunächst in der Berliner Wohnungswirtschaft tätig wechselte er in den 90er-Jahren zur Bundesbaugesellschaft Berlin mbH. Nach einer Übergangszeit beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung war er ab 2009 von Beginn an bei der Stiftung Humboldt Forum dabei. Bernhard Wolter leitet dort den Bereich Kommunikation Bau und Fundraising. Bernhard Wolter studied German, political science and architecture and dedicated his professional career to being a spokesman for construction and architecture. After initially working for the Berlin housing industry, he moved to the federal building company Bundesbaugesellschaft Berlin in the 1990s. After a transitional period at the Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Federal Office for Construction and Regional Development), he joined the Stiftung Humboldt Forum during its early days in 2009, where he is Head of Communication for Construction and Fundraising.

1. Eine Luftaufnahme mit Blick auf den Lustgarten verheißt bereits jetzt eine gute Aussicht.  |  An aerial photograph of the Lustgarten promises a wonderful view in the future. © SHF/Stephan Falk 2. Blick vom Dach des Schlosses.  |  View from the roof of the Palace. © SHF/Stephan Falk


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OVERVIEW AUSBLICK  35

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36  SPUR DER STEINE  TRACES OF STONES

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SKULPTUREN ERZÄHLEN GESCHICHTE SCULPTURES TELL THEIR STORIES 1


TRACES OF STONES  SPUR DER STEINE  37

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An den Fassaden und Portalen des Berliner Schlosses wurden über die Jahrhunderte hinweg prächtige Skulpturen angebracht. Wer ihre Geschichten und Rätsel ent­ schlüsselt, der stößt auf politisch wie kunsthistorisch motivierte Bildprogramme. Von Bertold Just  |  Wie das gesamte Gebäude des Berliner Schlosses spiegelte auch sein Skulpturenprogramm thematisch und stilistisch den Wandel der Epochen wider. Früh- und hochbarocke Skulpturen aus der Schlüter’schen Werkstatt standen neben spätklassizistischen und neobarocken Figuren auf den freistehenden Säulen vor den Portalen. Als Teile der Fassaden und Portale krönten sie die Architektur und verwiesen auf den Anspruch des jeweiligen Hausherrn. So posierten im ursprünglichen Residenzhof, dem sogenannten Schlüterhof, auf den Säulen des Portals VI in Höhe der Belle Étage selbstverständlich das Who’s who des Olymp: Apoll, Jupiter, Antinous, Meleager, Herakles, Hermes gerahmt von Pax und der Schutzpatronin Preußens, der Borussia. Auf den Seitenportalen I und V standen jeweils vier weibliche Skulpturen, die aus dem 18. Jahrhundert stammen. Über ihre Bedeutung sind sich die Kunsthistoriker bis heute nicht einig. Im Zuge der jetzigen Rekonstruktion setzt sich mehr und mehr die Auffassung durch, dass es sich schlicht um eine Art Freilichtmuseum klassischer Skulpturen handelt, die damals en vogue waren. So erkennen wir zum Beispiel die Flora aus der Sammlung Farnese aus Neapel oder die Heilige Susanna von François Duquesnoy aus der Kirche S. Mariadi Loreto in Rom wieder. Die Borussia ist fast eine Eins-zu-eins-Kopie der Mathilde von Tuszien von Bernini aus dem Petersdom in Rom. 1886 wurden unter Kaiser Wilhelm I. an der Westfassade, genauer auf den Säulen

des Portals III, Skulpturen aufgestellt. Es standen am Außenportal die Herrschertugenden Stärke, Mäßigung, Gerechtigkeit und Weisheit; am Hofportal Liebe, Glaube, Hoffnung und Gebet, also die christlichen Tugenden. Schon 1848, also unter König Friedrich Wilhelm IV., waren auf den beiden Ecken der Attika Moses und Elias und am Tambour der Kuppel acht Propheten-Figuren aufgestellt worden. Auf den Außenportalen der Fassade am Lustgarten, also gen Norden, und dem Schlossplatz, also Richtung Süden, wurden die barocken Skulpturen heruntergenommen und 1861 teilweise durch Skulpturen im neobarocken Stil ergänzt. Man sieht also, dass es kein einheitliches, durchgängiges Bildprogramm am Berliner Schloss gab. Vielmehr wurden unter jedem Herrscher andere Figuren hinzugefügt, die dem Zeitgeschmack oder der politischen Ausrichtung entsprachen. Wer die Bildhauer der barocken Skulpturen aus dem Schlüterhof waren, ist nicht überliefert. Wir wissen aber, dass beispielsweise Sapovius, der einstige Danziger Lehrer Schlüters, an ihnen mitgearbeitet hat. Die späteren Figuren aus dem 19. Jahrhundert wurden unter anderem von den Bildhauern Wilhelm Stürmer, Albert Wolf, Carl Schüler und Hermann Schievelbein geschaffen. Man kann feststellen, dass zu allen Zeiten die besten verfügbaren Künstler für das Schloss gearbeitet haben. Das gilt auch für die heutige Rekonstruktion. Ebenso wichtig wie das künstlerische Talent ist das genaue Studium der wenigen originalen Skulpturenfragmente des Schlosses. Sie sind Bücher der Zeitgeschichte für den, der sie lesen kann. Bearbeitungsspuren auf den Oberflächen lassen Schlüsse auf die verwendeten Werkzeuge und die Handwerkstechniken zu. Fugenflächen, verbleite Eisenanker und Vergusskanäle sowie Wölfe zum Hochziehen liefern Hinweise zur Konstruktion und Versetztechnik. Die Bildhauer, die in der heutigen Schlossbauhütte arbeiten, orientieren sich sowohl bei der Gesamtkomposition wie auch bei den Details an den erhaltenen Originalen –

etwa den Porträtreliefs der römischen Könige Romulus und Numa am Portal V im Schlüterhof. Diese sind noch im Original erhalten und zeigen die Virtuosität der barocken Künstler im Umgang mit der geometrischen Strenge. Ab 2019 werden diese beiden Stücke sowie zehn der noch erhaltenen Kolossalskulpturen im Skulpturensaal des Humboldt Forums zu sehen sein.

Over the centuries, imposing sculptures were mounted on the facades and gates of the Berlin Palace. Deciphering their stories and riddles reveals political and art historical aesthetic agendas. By Bertold Just  |  Like the entire Berlin Palace building, its sculptures also reflect the stylistic transformations and thematic concerns of the various epochs. Early and high Baroque sculptures from the Schlüter workshop stood before the gates alongside late classical and Neo-Baroque figures on the freestanding columns. As parts of the facades and portals, these sculptures crowned the architecture and 3 reflected the aspirations of the palace owners. And so it was that a veritable who’s who of Olympians posed on the columns of portal VI on a level with the first floor in the former Residence Courtyard, the so-called Schlüter Courtyard: Apollo, Jupiter, Antinous, Meleager, Heracles, and Hermes framed by the figures of Pax and Borussia, the patroness of Prussia. Four female figures dating from the eigh­ teenth century stood on each of the side gates I and V. To this day, art historians are at odds as to their significance. As the current reconstruction progresses, they are increasingly of the opinion that it was simply a kind of outdoor museum for the classical sculptures then en vogue. We see, for example, Flora from the Farnese Collection in Naples or François Duquesnoy’s Saint Susanna from Rome’s Santa Maria di Loreto church. The Borussia is a nearly identical copy of Bernini’s Matilda of Tuscany from Saint Peter’s Cathedral in Rome.

In 1886 under Kaiser Wilhelm I, sculptures were mounted on the western facade, or, more precisely, on top of the columns of Gate III. At the outer portal stood the sovereign virtues of Strength, Moderation, Justice and Wisdom; at the Courtyard Gate the Christian virtues of Love, Faith, Hope and Prayer. As early as 1848, under King Friedrich Wilhelm IV, the figures of Moses and Elias were erected on both corners of the fascia, while eight figures of the prophets were mounted on the cupola drum. On the outer gates on the facades facing the Lustgarten to the north and Schlossplatz to the south, Baroque sculptures were removed and partially replaced with sculptures in the Neo-Baroque style in 1861. So there was clearly no unified and continuous aesthetic agenda at the Berlin Palace. Instead, under each ruler other sculptures were added in line with contemporary tastes or political orientation. The identity of the sculptor of the Baroque figures from the Schlüter Courtyard has not been established. We do know, however, that Sapovius, Schlüter’s former teacher in Danzig (now Gdansk), worked on them. The later nineteenth-century sculptures were fashioned by Wilhelm Stürmer, Albert Wolf, Carl Schüler and Hermann Schievelbein, among others. It is safe to say that the best available artists were employed at the Palace throughout the years. The same is true of today’s reconstruction. No less important than the artistic talent is the close study of the few original sculptural fragments that have survived. These are books about the history of the time for those who know how to read them. Marks on the surfaces provide clues as to the tools and techniques used: joint surfaces, leaded iron anchors and casting channels indicate how the sculptures were constructed and fixed. The sculptors working in today’s Palace Workshop look to the overall composition as well as the details of the surviving originals, such as the portrait reliefs of the Roman kings Romulus and Numa on Gate V in the Schlüter Courtyard. These pieces were preserved in their original condition and illustrate the virtuosity of Baroque artists in their handling of geometric rigour. As of 2019, these two pieces as well as ten of the surviving colossal sculptures will be on display in the Humboldt Forum’s Sculpture Hall.

Bertold Just ist Leiter der Schlossbauhütte der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Die Schlossbauhütte wurde im Sommer 2011 gegründet. Modell- und Steinbildhauer haben dort seither die Schmuckelemente der barocken Fassade modelliert und im traditionellen Punktierverfahren in Sandstein gehauen. Bertold Just is head of the Palace Workshop at Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Founded in summer 2011, the Palace Workshop is where model-builders and sculptors make models and sculpt the decorative elements of the Baroque facades in sandstone using the traditional pointing method.

1. Der Leiter der Schlossbauhütte Bertold Just.   |  Bertold Just, director of the Palace Workshop. © SHF/Rolf Schulten  2. Erhaltene Skupturen vom Figurenschmuck des Berliner Schlosses.  |  Surviving decorative figures from the Berlin Palace. © SHF/ Stephan Falk  


38  STADTPLANUNG  URBAN PLANNING

AUF ZU NEUEN UFERN!

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

R E D N A EE T R P H S STE R T E EN NEU M U N EI DTRA A T S

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1. Rendering der Ostfassade.  |  Rendering of the east facade.  2. Rendering der Ostfassade, von Süden aus gesehen.  |  Rendering of the east facade, seen from the south. © SHF/Franco Stella


URBAN PLANNING STADTPLANUNG  39

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

BANKING ON INNOVATION!

A NEW URBAN SPACE IS EMERGING ALONG THE RIVER SPREE

Das Humboldt Forum schafft nicht nur neue Erlebnisräume im Inneren des Hauses. Auch im Außenraum wird man Neues entdecken können. Ein Beispiel ist das neu gestaltete Spreeufer an der Ostseite des Schlosses. Von Mike Kühn  |  Über die Jahrhunderte hinweg war das Spreeufer auf der Ostseite des Berliner Schlosses nicht zu betreten. Das Schloss stand direkt am Ufer. Wie beim Berliner Dom gab es nur einen schmalen Durchgang, der aber nicht öffentlich zugänglich war. Auch der Palast der Republik war direkt an die Spree gebaut und ließ nur einen schmalen Uferweg frei. Erst mit dem Entwurf von Architekt Franco Stella, der diesen vorbarocken Teil des Schlosses nicht wiederaufbauen wollte, sondern stattdessen seinen modernen Ostflügel vom Spreeufer abrückte, wird hier ein neuer Stadtplatz möglich. Dessen Gestaltung liegt als Teil der Freiflächen rund um das Humboldt Forum in den Händen der Kommune, also des Landes Berlin. Durchgeführt werden die Baumaßnahmen im Rahmen der Entwicklungsmaßnahme Hauptstadt Berlin – Parlaments- und Regierungsviertel von der DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH. Im Auslobungstext für den Freiraumwettbewerb für das Humboldt Forum im Jahr 2012 machte das Land Berlin klare Vorgaben für den zukünftigen Umgang mit diesem Stadtraum. Die neuen Plätze rund um das Humboldt Forum sollten eine hohe Aufenthalts- und Erlebnisqualität haben und dabei vor allem hier am Ufer der Spree eine sichere und barrierefreie Wegeverbindung garantieren. Der Siegerentwurf der Landschaftsarchitekten von bbz aus Berlin sieht nun vor, den Höhenunterschied zwischen der

Eingangsebene am Humboldt Forum und der unteren Ebene des Spreeufers über eine kombinierte Treppen- und Rampenanlage zu überwinden. Mithilfe einer Stützwandkonstruktion entstehen zwei große Rampen, über die man barrierefrei von der KarlLiebknecht-Straße im Norden beziehungsweise von der Rathausbrücke im Süden bis unten ans Spreeufer kommt. Die nördliche Rampe an der Liebknechtstraße ist gut 80 Meter lang. Wer sie nutzt, überwindet einen Höhenunterschied von gut 4,40 Metern. Die südliche Rampe wiederum erschließt mit einer Länge von ca. 90 Metern den Höhenunterschied von ca. 4,80 Metern zwischen Rathausbrücke und Uferbereich. An der Liebknechtbrücke kann man zusätzlich über eine großzügige Treppenanlage zum Spreeufer hin­untergelangen. Der stadtöffentliche Raum vor der östlichen Fassade des Humboldt Forums wird so in zwei Ebenen gegliedert: die obere, der sogenannte »Spreebalkon«, schließt ebenerdig an das Humboldt Forum an. Die »Spreeterrasse« unten knapp über dem Wasserspiegel lädt direkt am Flussufer zum Verweilen ein. Vom Spreebalkon aus schweift der Blick über die Spree in Richtung Osten zum grünen Marx-Engels-Forum, zur Marienkirche, auf den Alexanderplatz oder zum Berliner Rathaus. Im Erdgeschoss des Humboldt Forums ist an dieser Ecke ein großes Restaurant vorgesehen, das bei entsprechender Witterung natürlich auch Tische

und Stühle draußen anbietet. Im Sommer kann man hier, bis es mittags zu heiß wird, die Sonne genießen und dann am Nachmittag im Schatten ausruhen. Die vorgelagerten Spreeterrassen hingegen werden die Möglichkeit bieten, direkt am Wasser entlang zu flanieren oder sich im Schatten der neu gepflanzten Trauerweiden aufzuhalten. Die Stützwände werden übrigens mit dem gleichen Sandstein verkleidet, aus dem auch die neue Uferwand errichtet wird. Wer sich dem Ensemble zukünftig also vom anderen Spreeufer aus nähert, der wird die Ostseite des Humboldt Forums in einem einheitlichen Erscheinungsbild genießen können.

The Humboldt Forum is there to be experienced – and not just indoors. There will be discoveries to be made in the outside areas, too. The newly designed riverbank of the Spree on the eastern side of the Palace is just one example. By Mike Kühn  |  For centuries the Palace stood directly on the river, so there was no public access to the Spree riverbank along the eastern facade. As with the Berlin cathedral, a narrow passageway was all that existed, but it was not for public use. The East German Palast der

Republik was similarly constructed right on the River Spree, leaving only a small path running alongside it. Now, for the first time, there will be an urban square on this site, thanks to the design by architect Franco Stella, who, rather than rebuilding the pre-Baroque section of the Palace, set his modern East Wing back from the riverbank. The landscaping of this area, as one of the open-air spaces around the Humboldt Forum, is in the hands of the local authority, the city of Berlin. The construction work will be carried out by DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH as part of the Hauptstadt Berlin – Parlamentsund Regierungsviertel (Capital City Berlin – Parliament and Government District) development scheme. In the 2012 competition brief for the Humboldt Forum’s open-air spaces, the city-state of Berlin laid out clear strategic guidelines. The new areas around the Humboldt Forum should invite people to linger and enjoy themselves, but above all ensure a safe and accessible route alongside the Spree. The winning design by Berlin-based landscape architects bbz envisages overcoming the difference in height between the entrance level of the Humboldt Forum and the lower level of the riverbank by means of a combined staircase and ramp system. A retaining wall structure will create two large ramps to provide barrier-free access to the riverbank from Karl-Liebknecht-Strasse to the north or Rathausbrücke to the south. The northern ramp on Liebknechtstrasse is a good eighty metres long, overcoming a difference in height of over 4.4 metres. The southern ramp, at around 90 metres long and with an elevation of approximately 4.8 metres, connects Rathausbrücke and the area adjacent to the river. At the Liebknechtbrücke bridge it will also be possible to access the riverbank via a generously proportioned staircase. This will divide the public space in front of the eastern facade of the Humboldt Forum into two sections: the upper level, known as the Spree Balcony, which connects to the ground floor of the Humboldt Forum, and the Spree Terraces

below, situated just above the waterline, which provide an inviting setting for visitors to relax. The view from the Spree Balcony will extend eastwards beyond the Spree to the green expanse of Marx-Engels-Forum, and to the Marienkirche, Alexanderplatz and the Berlin Rathaus. A large restaurant has been earmarked for this corner on the ground floor of the Humboldt Forum, and of course in good weather tables and chairs will be placed outside, too. Visitors will be able to bask in the sun here until the midday heat becomes overpowering, and then they can relax in the shade in the afternoon. The extended Spree Terraces will allow visitors to promenade directly along the water or linger in the shade of the newly planted weeping willows. Incidentally, the retaining walls will be clad in the same sandstone used for constructing the new riverbank, so that approaching the ensemble from the opposite riverbank will offer a singularly harmonious view of the Humboldt Forum’s eastern side.

Mike Kühn ist seit Januar 2015 als Projekt­ leiter bei der DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft für die Umfeldgestaltung des Humboldt Forums verantwortlich. Die DSK setzt als Treuhänderischer Entwicklungsträger für das Land Berlin die Maßnahmen zur Freianlagen­ gestaltung im Umfeld des Humboldt Forums im Rahmen der Entwicklungsmaßnahme Hauptstadt Berlin – Parlaments und Regierungsviertel um. Since January 2015, Mike Kühn has held the post of project manager for the design of the Humboldt Forum’s surroundings at the urban planning office DSK Deutsche Stadtund Grundstücksentwicklungsgesellschaft. As the fiduciary development agency, DSK is charged by the City of Berlin with implementing the design of the outdoor areas around the Humboldt Forum in the context of the development plan for Berlin’s parliamentary and government quarter.

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40  GEBERLAUNE  IN THE MOOD FOR GIVING

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IN THE MOOD FOR GIVING GEBERLAUNE  41

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

DER SCHÖNSTE JÜNGLING DER ANTIKE ANTIQUITY’S MOST HANDSOME YOUNG MAN HEINRICH-GEORG HOFMANN SPRICHT ÜBER DIE KUNST DES GEBENS HEINRICH-GEORG HOFMANN ON THE ART OF GIVING

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Der fränkische NatursteinUnternehmer Heinrich-Georg Hofmann hat dem Humboldt Forum im Berliner Schloss im vergangenen Jahr die Replik einer historischen Antinous-Statue gespendet. Die Kolossalfigur, die einen Günstling des römischen Kaisers Hadrian zeigt, kann somit wieder in voller Pracht im Schlüterhof erstrahlen. Wir sprachen mit Hofmann über seine Motive.

Last year the Franconian natural stone retailer Heinrich-­ Georg Hofmann donated a replica of a historical statue of Antinous to the Humboldt Forum im Berliner Schloss. The colossal figure, which depicts a favourite of the Roman emperor Hadrian, can once again proudly stand in the Schlüter Courtyard. We spoke with Hofmann about his reasons for the donation.

Herr Hofmann, welchen Bezug haben Sie zum Berliner Schloss? Heinrich-Georg Hofmann: Ich bin Franke, und als solcher habe ich durchaus eine herzliche Beziehung zum Berliner Schloss – und hier vor allem zum Schlüterhof. In Würzburg sind wir vom Barock sehr verwöhnt worden – denken Sie nur an die Residenz, ohne die die Stadt gar nicht vorstellbar wäre. Von daher war es für mich Bedürfnis wie Freude, die Antinous-Statue dem Humboldt Forum im Berliner Schloss spenden zu können. Der spendenfinanzierte Wiederaufbau dieses einzigartigen Barock­schlosses in Berlins Mitte stellt für mich eines der erfolgreichsten Projekte bürgerschaftlichen Engagements in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts dar. Was bedeutet die Antinous-Statue für Sie persönlich? Die Sandsteinfigur des Antinous ist ein Meisterwerk steinbildhauerischen Handwerks – eine barocke Prachtfigur, die in unserer effizienzgesteuerten Welt in dieser Form gar nicht mehr hergestellt werden könnte. Insofern denke ich, dass ihre Anwesenheit im Schlüterhof ein Glücksfall ist. Ich freue mich darüber, dass ich den Menschen auf diese Weise etwas geben kann. Wie sieht für Sie die Zukunft des Schlüterhofs aus? Die Perspektiven, welche sich im Schlüterhof auftun, sind für mich ein wichtiges Zeichen für die Mitte Berlins. Ich schätze mich glücklich, dass ich durch die Präsenz des Antinous mit diesem Zeichen dauerhaft verbunden bin. Das ist für mich ein ideeller Wert. Jeder kann sich daran beteiligen.

Meiner Meinung nach leisten das Team des Humboldt Forums und des Fördervereins Berliner Schloss e.V. seit Jahren eine hervorragende Arbeit. Ihr Gestaltungswille wie auch ihr Enthusiasmus sind mitverantwortlich dafür, dass von Spenderseite bereits Erstaunliches geleistet worden ist. Ich persönlich würde mich natürlich sehr freuen, wenn wir nun den Endspurt durch gemeinsames Zutun rasch schaffen könnten. Jeder kann sich beteiligen. Denn jeder einzelne Beitrag zählt, und für jeden gibt es einen passenden Baustein. Mr Hofmann, what’s your relationship to the Berlin Palace? Heinrich-Georg Hofmann: As a Franconian I certainly have a heartfelt relationship to the Berlin Palace – most of all the Schlüter Courtyard. In Würzburg we’re very spoiled with all the Baroque – just think of the Residence without which the city would be unimaginable. As such, it was both a necessity and a joy for me to donate the Antonus statue to the Humboldt Forum im Berliner Schloss. For me, the reconstruction of this unique Baroque palace in Berlin’s district of Mitte, which has been financed by public donations, represents one of the most successful projects to come of civic engagement in the first half of the twenty-first century. What does the Antinous statue mean for you personally? The sandstone figure of Antinous is a masterpiece of sculptural stonemasonry, a Baroque gem that would be impossible to produce today in our world dictated by efficiency. So, to me, its presence in the Schlüter Courtyard feels like a stroke of luck. I’m very pleased to be able to give something back to the people in this way.

What does the future hold for the Schlüter Courtyard? The prospects offered by the Schlüter Courtyard are, for me, an important signal for Berlin’s central Mitte district and I think I’m lucky to be connected permanently to it thanks to Antinous’ presence. For me this is an ideal virtue, and everyone can have a share in it. In my opinion, the team at the Humboldt Forum and the friends’ association Berliner Schloss e.V. have been doing excellent work these past years. Their creative drive and enthusiasm are the reason why such an astonishing amount has already been donated. Personally, I would be very pleased if we could make it to the finishing line as soon as possible by all chipping in. Everyone can play a part, because every individual contribution makes a difference. And there’s the right size stone for everyone. Interview: Daniela Dibelius 1. Antinous auf der Baustelle im Schlüterhof. Gefertigt wurde die Figur aus Warthauer Sandstein.   |  Antinous on the Schlüter Courtyard construction site. The figure was sculpted of Warthauer sandstone. © Juri Reetz, Pressefoto Berlin  2. Die rekonstruierte Statue des Antinous’ ist drei Meter hoch und drei Tonnen schwer.  |  The reconstructed figure of Antinous is three metres in height and three tons in weight. © SHF/Stephan Falk

Ihr Beitrag zum Berliner Schloss

YOUR CONTRIBUTION TO THE BERLIN PALACE

Spendenkonten Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss: _Deutsche Bank: BIC DEUTDEBBXXX IBAN DE76 1007 0000 0669 4111 00 _Berliner Sparkasse: BIC BELADEBEXXX IBAN DE54 1005 0000 6000 0400 06

Account for donations Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss: _Deutsche Bank: BIC DEUTDEBBXXX IBAN DE76 1007 0000 0669 4111 00 _Berliner Sparkasse: BIC BELADEBEXXX IBAN DE54 1005 0000 6000 0400 06

Spendenkonto Förderverein Berliner Schloss e.V.: _Deutsche Bank: DEUTDEBBXXX IBAN DE41 1007 0000 0077 2277 00 Spenden via Paypal oder Kreditkarte willkommen.

Account for donations Förderverein Berliner Schloss e.V.: _Deutsche Bank: DEUTDEBBXXX IBAN DE41 1007 0000 0077 2277 00 Donations via Paypal and credit card welcome.

Wir freuen uns über Spenden von Einzelspendern und Spendergemeinschaften

We greatly appreciate all donations from individuals and donor groups.


42  MOTIVFORSCHUNG  MOTIVATION RESEARCH

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

UND WAS HABE ICH DAVON? WHAT’S IN IT FOR ME? ES GIBT TAUSEND GUTE GRÜNDE, SICH ALS MÄZEN, KULTURFÖRDERER UND SPENDER ZU BETÄTIGEN. HIER WERDEN NUR DIE WICHTIGSTEN GENANNT. THERE ARE INNUMERABLE GOOD REASONS TO BECOME A PATRON, SPONSOR OR DONOR. HERE ARE JUST A FEW OF THE MOST IMPORTANT.

Schlossleidenschaft. Gespendet aus Freude am Detail! Palace passion. Donated out of delight in the details!

Von Wilhelm von Boddien  | »Hier denkt jeder an sich, also bin ich der einzige, der an mich denkt!« Dies könnte ein Leitsatz für die Funktion der Bundesrepublik sein; jedenfalls glauben das viele Bürger. Gott sei Dank gibt es in Deutschland noch viel mehr Menschen, die helfen wollen. Es sind Millionen. Bevorzugt werden dabei die Caritas, die Bildung und der Sport. Sie decken rund 95 Prozent des Spendenmarkts ab, die Kultur erhält aus dem Milliarden-Spendentopf nur rund fünf Prozent. Aber: »Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler!« Alle geben freudig, wenn ihre Gefühle und Herzen zum Klingen gebracht werden. Wichtigste Auslöser für die Spendenbereitschaft sind das Mitleid und das gute Gefühl, dort mit geholfen zu haben, wo die Not am größten ist. So lösten Naturkatastrophen wie vor Jahren der Tsunami in Südostasien Spendenwellen in Höhe von Hunderten Millionen Euro aus. Die Menschen brauchen für ihre Spende individuelle, persönliche und damit sehr unterschiedliche Anregungen, um Hilfe zu leisten. Strahlende Kinder im Fernsehen zu sehen, deren Leben auch durch seine Spende gerettet wurde, das macht fast jeden Spender glücklich und befreit ihn ein wenig von den Sorgen des Alltags. Aufrufe über die Medien, doch bitte zu helfen, die Not zu lindern, erhalten ein millionenfaches Echo,

besonders in den Tagen der Nächstenliebe wie der Advents- und Weihnachtszeit. Der Wunsch der örtlichen Kunsthalle an mögliche Spender, ein von ihr lang ersehntes Bild zu stiften, trifft eher selten auf Hilfsbereitschaft denn auf Unsicherheit. »Ich bin doch kein Kunstexperte.« Also brauche ich sichere, verlässliche Informationen für meine Fragen: Was bietet mir eigentlich die Spende für ein Bild, von dessen Qualität ich vielleicht nichts verstehe? Was habe ich davon? Versenke ich mein Geld in ein Fass ohne Boden, weil das Bild doch nichts taugt? Werde ich wirklich gut beraten? Die Kulturspende ist selten spontan. Sie bedarf einer vorbereitenden Organisation. Kulturspendensammler sind besonders vertrauenswürdig, arbeiten seriös und lächelnd. Sie verbreiten Zuversicht. Meist sind es nur wenige begeisterungsfähige und angesehene Bürger, denen die Kultur wichtig ist und deren Passion auf mögliche Spender ansteckend wirkt. Die Kulturspende lebt von dem individuellen, aus dem Herzen kommenden Engagement. Das hat nichts mit einem Job zu tun, sondern mit einer ansteckenden Leidenschaft.Am einfachsten ist dies am Heimatort zu organisieren. Charity begins at home. Wer identifiziert sich nicht gern über eine Spende, zumal einem diese vielfach den Zugang zu einer Gesellschaftsschicht ermöglicht, die einem sonst vielleicht

verschlossen bliebe. Kulturspender schließen sich zu exklusiven, lokalen Freundeskreisen zusammen, die häufig ein Spiegelbild der sogenannten »Guten Gesellschaft« sind. Und natürlich spricht es sich herum, wenn jemand vor Ort besonders großzügig war. Also ist ein Motiv für eine Kulturspende, dass man dazu gehört. Für Museen, Theater, Kunsthallen, Orchester oder auch für die Laienspielschar bilden sich so lokale Freundeskreise, eine eigentlich in sich (fast) geschlossene Gesellschaft, die gerade deswegen andere zum Beitritt reizt. In diesen Kreisen weiß man die Klaviatur des Fundraising perfekt zu spielen: Exklusive Einladungen zu ganz besonderen, nur einem kleinen Kreis zugänglichen Veranstaltungen gehören ebenso dazu wie die Pflege privater Beziehungen mit ihren Solidarisierungseffekten. In diesen Zirkeln erfährt der Spender auf Dauer seine Anerkennung. Denn kaum jemand ist so selbstlos, dass er nicht auch eine gewisse Gegenleistung für sein Engagement erwartet. Das ist sehr menschlich. Damit entsteht eine echte Solidarisierung auf Gegenseitigkeit. Das Projekt wird finanziert. Und der Spender wird geehrt. Wie fast alle Menschen möchte auch er eine Spur hinterlassen, vielleicht sogar über den Tod hinaus. Ein solcher Spender sagte einmal: »Wenn ich mich in dem Projekt wiederfinde und es fördere, bleibe ich im Gedächtnis der Menschen. So bin ich später etwas mehr als nur ein Grabstein auf unserem Zentralfriedhof.« Die Kulturgeschichte lebt von den Spuren, die schöpferische Menschen hinterlassen haben: in den Bauwerken, in der bildenden Kunst, in der Musik, in der Literatur oder der Schauspielkunst. Diese Spuren sind die Wurzeln unseres Lebensbaums, die ihn nähren und ihm Richtung für sein Wachstum geben. Die kulturelle Spende sichert das Überleben der Kultur. Sie reicht in die Zukunft. Wie gut, dass wir Millionen von engagierten, spendenfreudigen Menschen für alle Bedürfnisse unserer Gesellschaft haben. »Geht nicht« gibt es nicht im Spendenmarkt, solange Spender sich mit einem Projekt identifizieren und sich darin wiederfinden können.

By Wilhelm von Boddien  |  “Everybody thinks about themselves around here, so I’m the only one thinking about me!” This seems to be a commonly held belief about how the German state works. Fortunately, however, there are a lot more people in Germany who are still willing to help others: millions of people donate to charity, educational causes and sports. These organizations

receive roughly ninety-five percent of all donations, which run into the billions. Only about five percent, however, goes to the arts. But it’s the fish that must like the bait, not the fisherman. Most people are happy to donate if the cause resonates in their hearts and minds. The key motivator is compassion and the warm feeling of helping where help is needed most. Natural disasters like the tsunami that ravaged South-East Asia several years ago led to donations totalling hundreds of millions of euros. The incentives prompting people to donate are very individual and personal and can vary widely. The sight of smiling children on television whose lives their donations helped to save makes nearly every donor happy and helps them to forget their own worries for a while. And millions respond to fundraising campaigns to alleviate suffering, especially during Advent and at Christmas, when charity and altruism are writ large. Requests for donations by regional art museums to purchase long-awaited paintings, by contrast, typically meet with uncertainty rather than a willingness to help: “Don’t ask me, I’m no art expert!” People want reliable answers to their questions: What do I gain from donating for a picture that I don’t know is any good? What’s in it for me? Am I throwing my money away if the painting is bad? Am I getting proper advice? Arts donations are rarely spontaneous; they require an effort of organization. Arts fundraisers, who need to be especially trustworthy and respectable and approach potential donors with a smile. They exude an air of optimism. Typically, they belong to a small group of enthusiastic, respected citizens who care about the arts and have the ability to inspire potential donors with their enthusiasm. Arts donations are dependent on individual commitment that comes from the heart. Arts fundraising is not so much a job as an infectious passion. The easiest way to organize a fundraising drive is to keep things local – after all, charity begins at home. Most people will be happy to identify as a donor, the more so if the donation opens doors to otherwise inaccessible milieus. Arts donors may congregate in exclusive, local circles of friends that are often a mirror image of so-called high society. And of course word of a particularly generous donation will soon spread, so that one motivation for donating to the arts is that it signals membership in the right circles. Thus museums, theatres, art galleries, orchestras and even amateur theatre groups acquire local circles of friends that represent (almost) closed communities in their own right and thereby inspire others to want to join their ranks. These groups know exactly how to play the fundraising game: exclusive invitations to very special events open only to a select few are part of this game, along with the cultivation of private relationships to nurture a sense of solidarity. In these circles, donors find the long-term recognition they seek.

After all, few are so selfless that they expect nothing in return for their engagement. This is only human, and it creates a genuine sense of solidarity based on mutual benefit: tHe project receives funding and the donor receives recognition. Like most of us, donors want to leave their mark on the world – perhaps one that will outlive them. One such donor once said: “If I can identify with the project and give it my support, people will remember me. I will end up being something more than just a tombstone in the cemetery.” Art history is written by the traces left by creative people: buildings, fine art, music, literature, drama. These traces are the roots that nourish our tree of life and define the direction of its growth. Arts donations secure the survival of the arts. As such, their impact extends into the future. We are fortunate to have millions of generous people committed to furthering our society’s needs. On the fundraising market, nothing is impossible – as long as donors can identify with the project and find a niche for themselves in it. Wilhelm von Boddien ist der Initiator des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses. Er gründete dafür 1992 den Förderverein Berliner Schloss e.V. Erster Höhepunkt seiner Arbeit war 1993/94 der Bau der Schlosssimulation im originalen Maßstab am originalen Standort des gesprengten Schlosses. Diese brachte den politischen Durchbruch für den weitgehenden Wiederaufbau des Schlossäußeren. Seit 2004 arbeitet der Förderverein erfolgreich für eine bundesweit groß angelegte Spendensammlung. Diese soll bis Ende 2019 105 Millionen Euro für die Rekonstruktion der Schlossfassaden aufbringen. Bis heute stehen davon schon rund 85 Millionen Euro incl. Sachleistungen zur Verfügung. Wilhelm von Boddien is the initiator of the reconstruction of the Berlin Palace. To this end he founded the Förderverein Berliner Schloss e.V. (Association for the Promotion of the Reconstruction of the Berlin Palace) in 1992. His first major achievement was the construction of a one-to-one scale simulation of the Palace in 1993/94 in its original location prior to being blown up. This led to the political breakthrough for the extensive reconstruction of the Palace’s exterior. Since 2004 the Förderverein has conducted a successful nationwide fundraising campaign. The aim is to raise 105 million euros for the reconstruction of the Palace façade by the end of 2019. To date the sum stands at approximately 85 million euro, including contributions in kind.

Alle Bilder | All pictures © Förderverein Berliner Schloss e.V.


AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

Schlossleidenschaft. Gespendet für je einen Enkel! Palace passion. Donated for each grandchild!

MOTIVATION RESEARCH MOTIVFORSCHUNG  43

Schlossleidenschaft. Gespendet als Geschenk zur Goldenen Hochzeit! Palace passion. Donated as a golden anniversary gift!

Schlossleidenschaft. Gespendet aus Schmerz über die Sprengung!  Palace passion. Donated out of distress over the demolition!

Schlossleidenschaft. Gespendet für die Schönheit von Berlin!  Palace passion. Donated for the beauty of Berlin!

Schlossleidenschaft. Gespendet aus Interesse an Geschichte!  Palace passion. Donated out of an interest in history!


44  ZAHLEN, BITTE!  NUMBERS, PLEASE!

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

ZAHLEN, BITTE! NUMBERS, PLEASE! Harte Arbeit: Bis zur end­gültigen Fertigstellung des Humboldt Forums arbeiten ca. 520 Bau­ arbeiter täglich auf der Baustelle im Herzen der Stadt. Hard at work: Until the Humboldt Forum is finally completed, ca. 520 construction workers will be busy on the building site in the heart of the city.

Treppauf, treppab: Die Obergeschosse des Humboldt Forums werden durch insgesamt 58 Treppen, 28 Aufzüge und 6 Rolltreppen miteinander verbunden. Upstairs, downstairs: The Humboldt Forum’s floors are connected by a total of 58 stairways, 28 lifts and 6 escalators.

Tür auf!: Alle Wege führen ins Schloss. Am schnellsten aber geht es durch 82 Außentüren und 1.534 Innentüren. Open sesame: All “roads” lead to the palace, but the quickest way is via the 82 doors outside and 1,534 doors inside.

Kaffee für alle: Die 2 Cafés und 3 Restaurants im Humboldt Forum werden zusammen 1.205 Sitzplätze anbieten – davon 685 innen und 520 außen. Coffee for everyone: The Humboldt Forum’s 2 cafes and 3 restaurants will offer together space for 1,205 guests – 685 indoors and 520 outdoors.

Es geht immer auch größer: Das Berliner Schloss wird eine Grundfläche von 20.529 m² haben. Damit ist es nur halb so groß wie das Barockschloss Caserta bei Neapel (45.500 m²), genauso groß wie die Residenz in Mannheim (19.000 m²) und doppelt so groß wie das Schloss Herrenchiemsee (9.300 m²). There’s always something bigger: The Berlin Palace will cover an area of over 20,529 m², making it only half the size of the Baroque palace of Caserta near Naples (45,500 m²), similar in size to Mannheim Palace (19,000 m²), and twice as big as Herrenchiemsee New Palace (9,300 m²).

Das Herz der Dinge: Im Zentrum des Humboldt Forums werden die Ausstellungen stehen. In diesen werden insgesamt ca. 20.000 Objekte gezeigt werden. The heart of the matter: The exhibitions, in which a total of some 20,000 objects will be on display, are the Humboldt Forum’s main focus.


Artwork unter Verwendung von Illustrationen von Bendix Bauer, Berlin | Artwork incorporating illustrations by Bendix Bauer, Berlin

25. und 26. August 2018

KIEKE, STAUNE, WUNDER DIR! ZUM LETZTEN MAL: TAGE DER OFFENEN BAUSTELLE HEY, LOOK! WOW! LAST CHANCE TO ENJOY: OPEN DAYS OF THE CONSTRUCTION SITE


II  TIPPS & TERMINE  TIPS & DATES

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

TAGE DER OFFENEN BAUSTELLE 25./26.8. DAYS OF THE OPEN CONSTRUCTION SITE Das Programm können Sie auf der Bühne im Schlüterhof erleben. Events will take place on the stage in the Schlüter Courtyard.

SAMSTAG SATURDAY

25.8.

9:00 Einlass/Öffnung des Geländes 9:30 Live-Musik Humboldt Jazz Explorer – Jazzband des Humboldt-Gymnasiums 10:00 Film Das Berliner Schloss: Ein Traum wird gebaut 10:30 Begrüssung, Informationen zum Bau und Humboldt Forum im Berliner Schloss u.a. mit Hartmut Dorgerloh, Hans-Dieter Hegner, Wilhelm von Boddien, Johannes Wien 11:30 Film Das Berliner Schloss: Ein Traum wird gebaut 12:00 Ende 16:00 Benefizkonzert DER Berliner Philharmonikern (kartenpflichtig) 20:00 Resonanz-Felder Soundinstallation im Schlüterhof im Rahmen der Langen Nacht der Museen 02:00 Ende 9.00 ADMISSION/Grounds open 9.30 LIVE MUSIC Humboldt Jazz Explorer – Humboldt-Gymnasium jazz band 10.00 FILM The Berlin Palace: Building the Dream 10.30 INFORMATION ON THE HUMBOLDT FORUM 11.30 FILM The Berlin Palace: Building the Dream 12.00 END 16.00 CONCERT PHILHARMONIC ORCHESTRA (tickets needed) 20.00 FIELDS OF RESONANCE Sound Installation in the Schlüter Courtyard during the Long Night of Museums 2.00 END

SONNtAG SUNDAY

26.8.

9:00 Einlass/Öffnung des Geländes 9:00 Film Das Berliner Schloss: Ein Traum wird gebaut 9:30 Begrüssung, Informationen zum Bau und Humboldt Forum im Berliner Schloss u.a. mit Hartmut Dorgerloh, Hans-Dieter Hegner, Wilhelm von Boddien, Johannes Wien 11:00 Live-Musik Hauptstadtblech & Staats und Domchor Berlin/Knabenchor der Universität der Künste 11:45 Film Das Berliner Schloss: Ein Traum wird gebaut 12:45 Live-Musik Andrej Hermlin and his Swing Dance Orchestra 14:00 Film Das Berliner Schloss: Ein Traum wird gebaut 15:00 Informationen zum Bau und Humboldt Forum im Berliner Schloss 16:00 Film Das Berliner Schloss: Ein Traum wird gebaut 16:30 Copacabana Sambashow BERLIN Brasilshow aus Rio de Janeiro 18:00 Ende



9.00 ADMISSION/Grounds open 9.00 FILM The Berlin Palace: Building the Dream 9.30 INFORMATION ON THE HUMBOLDT FORUM 11.00 LIVE MUSIC 
 Hauptstadtblech & The Berlin State and Cathedral Choir/The Berlin University of Arts Boys Choir 11.45 FILM The Berlin Palace: Building the Dream 12.45 LIVE MUSIC 
 Andrej Hermlin and his Swing Dance Orchestra 11.45 FILM The Berlin Palace: Building the Dream 15.00 INFORMATION ON THE HUMBOLDT FORUM 16.00 FILM The Berlin Palace: Building the Dream 16.30 COPACABANA SAMBASHOW BERLIN
 Brasil show from Rio de Janeiro 18.00 END

© Matthias Heyde

Hauptstadtblech & Staats- und Domchor Berlin/Knabenchor der Universität der Künste HAUPTSTADTBLECH & THE BERLIN STATE AND CATHEDRAL CHOIR/THE BERLIN UNIVERSITY OF ARTS BOYS CHOIR Die 70 Knaben und Männer vom Staats- und Domchor Berlin singen im Humboldt Forum geistliche und weltliche Werke von Bach, Mendelssohn und Nicolai. Dabei werden sie vom Bläserensemble »Hauptstadtblech« unterstützt. Unter anderem erklingt der »Weihegesang« von Albert Becker. Leitung und Moderation: Prof. Kai-Uwe Jirka. The seventy boys and men of the Staats- und Domchor Berlin (Berlin State and Cathedral Choir) sing spiritual and secular works by Bach, Mendelssohn, and Nicolai in the Humboldt Forum. They are supported by the Hauptstadtblech brass ensemble. Among other works they will sing the “Weihegesang” by Albert Becker. Direction and presentation: Prof. Kai-Uwe Jirka

© Michael Christoph

Humboldt Jazz Explorers Die Jazzband des Humboldt Gymnasiums besteht seit über 20 Jahren. Ganz im Geiste der Humboldt-Brüder erforschen die 13 Schüler die klanglichen Möglichkeiten eines großen Ensembles. Wenn auch das Forscherteam einer Schulband in steter Erneuerung begriffen ist, so ist doch das Ziel jeder Reise gleich: mit den Möglichkeiten der Einzelnen einen starken Sound zu kreieren. The Humboldt Gymnasium school jazz band has been around for more than twenty years. In keeping with the spirit of the Humboldt brothers, the band’s thirteen members explore the tonal possibilities a large ensemble can offer. Although this team of explorers is a school band and members come and go, the aim of every journey is to harness the skills of each member to create a strong sound.

© Uwe Hauth

Andrej Hermlin and his Swing Dance Orchestra

© Holger Heiken

Copacabana Sambashow BERLIN Die Berliner Showtanzgruppe der Brasilianischen Künstlerin Girlene Santos: feurige Samba-Tänzerinnen in Kostümen von Sambaschulen aus Rio, athletische Capoeira-Akrobaten und rasante Samba-Trommler. Eine Brasilshow mit Stil und Eleganz, bekannt aus Auftritten in TV und Werbung. Ausgezeichnet als »European Top 100 Performing Artist«. The Berlin-based dance performance group led by Brazilian artist Girlene Santos combines passionate samba dancers in original costumes from the samba schools of Rio, athletic capoeira acrobats and heady samba drummers. Stylish and elegant, this Brazilian show is famous for its appearances on TV and in advertising, and the “European Top 100 Performing Artists” award.

Das Swing Dance Orchestra wurde im Jahre 1987 von Andrej Hermlin gegründet. Das Orchester spielt die Musik Glenn Millers, Benny Goodmans und anderer Stars der Swingära. Das Orchester unternahm in den vergangenen Jahren internationale Tourneen und zählt seit Jahren weltweit zu den führenden Orchestern seiner Art. The Swing Dance Orchestra was founded in 1987 by Andrej Hermlin. It plays music by Glenn Miller, Benny Goodman, and other stars of the swing era. In recent years the group has toured London, Hong Kong, Milan, Vienna, Moscow, Tel Aviv and New York and for many years has ranked among the leading orchestras of its kind.


TIPS & DATES  TIPPS & TERMINE  III

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

VERANSTALTUNGSKALENDER EVENTS CALENDAR

Angebot für Kinder & JugendLICHE SOMETHING FOR THE KIDS & YOUNGSTERS

SAMSTAG, 15. September, 13 Uhr

Soundwalk © SHF

Forschung und Spass auf der Schlossbaustelle RESEARCH AND FUN AT THE PALACE CONSTRUCTION SITE An insgesamt sieben Mitmach- und Experimentierstationen haben Besucher am Samstag von 9–12 Uhr und am Sonntag von 9–18 Uhr die Möglichkeit, Natur- und Alltagsphänomenen auf den Grund zu gehen. Wie entstehen Töne und wie breiten sie sich aus? Wie lasst sich aus Sonnenlicht Energie gewinnen? Wie entsteht ein Regenbogen? Die Stationen laden dazu ein, anhand der kleinen Dinge große Weltzusammenhänge zu verstehen. Freude und Spaß am Experimentieren stehen dabei im Vordergrund: EXTAVIUM aus Potsdam lädt dazu ein. On Saturday from 9.00 to 12.00 and Sunday from 9.00 to 18.00, visitors will have the opportunity to get to the bottom of natural phenomena and manifestations of everyday life at seven interactive and experimental stations. How are sounds created and how do they travel? How can energy be obtained from sunlight? What causes rainbows? The stations will help visitors to understand global connections by examining the little tings of everyday life. The emphasis is on fun and enjoying yourself while conducting experiments, created by EXTAVIUM Potsdam.

Schlüterhof/Lange nacht der Museen SCHLÜTER COURTYARD/LONG NIGHT OF THE MUSEUMS

Pfad für aufmerksames Hören Treffpunkt: vor der Humboldt-Box Schlossplatz 5, 10178 Berlin Im eigens für [laut] Die Welt hören entwickeltem Soundwalk verbinden sich die charakteristischen Klänge der Umgebung von Humboldt-Box und Schlossbaustelle mit dem Rhythmus der eigenen Schritte zu einer individuellen, urbanen Erlebniskomposition. Gehen Sie mit, und hören Sie hin. Ob Straßenmusik, rauschender Verkehr, nächtliche Stille, Baustellenlärm oder leises Stimmengewirr – Städte sind flüchtige Klangcollagen. SONNTAG, 2. September, 11 Uhr

Humboldt 

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Gipfeltreffen der HumboldtBiografen: Daniel Kehlmann, Andrea Wulf und Rüdiger Scharper im Gespräch mit Denis Scheck Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3, 10115 Berlin Als Weltreisender, Forscher, Wissenschaftler und Abenteurer bietet Alexander von Humboldt den Stoff aus dem Geschichten gemacht sind. Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben sich mit ihm beschäftigt. Als Auftakt zum HumboldtJahr unterhalten sich Daniel Kehlmann, der in seinem Buch Die Vermessung der Welt Alexander von Humboldt porträtiert, Andrea Wulff die in ihrem Werk Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur auf globale Zusammenhänge eingeht, die durch den Wissenschaftler erst beschreibbar wurden und Rüdiger Schaper, der den Forscher in Alexander von Humboldt. Der Preuße und die neuen Welten beschreibt. Der Literaturkritiker Denis Scheck moderiert das Gespräch. Im Anschluss der Veranstaltung findet eine Signierstunde statt. SAMSTAG, 22. September, 20 Uhr

Setan Jawa

© Adrian Dernbach

RESONANZ-FELDER FIELDS OF RESONANCE Zur Langen Nacht der Museen wird der Berliner Klangkünstler und Komponist Gabriel Dernbach ab 20 Uhr Klänge aus dem Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums live zu einer raumgreifenden Soundinstallation verweben. Die Besucher sind eingeladen, an insgesamt sechs Klangorten zu verweilen und die langsam über die Zeit entstehenden Klangcollagen zu entdecken. Im Laufe des Abends werden mit der Unterstützung weiterer Musiker mehrere Live-Sets zu erleben sein. On the Lange Nacht der Museen (Long Night of the Museums), from 20.00 onwards, the Berlin-based sound artist and composer Gabriel Dernbach will be weaving sounds from the Phonogramm-Archiv of the Ethnologisches Museum into a large-scale, live audio installation. Visitors are welcome to linger at a total of six sound venues and discovering the sound collages as they occur. Over the course of the evening several live sets can be experienced, with the able support of several other musicians.

Stummfilmkonzert mit Gamelan und dem Rundfunk-SinfonieOrchester Haus des Rundfunks, Masurenallee 14, 14057 Berlin Tickets unter (030) 202 987 15/rsb-online.de Die Idee ist einzigartig: Ein schwarzweißer Stummfilm, traditionelles indonesisches Schattenspiel, moderner Tanz, ein asiatisches Gamelan Ensemble und ein europäisches Orchester formen ein dramatisches Bühnengesamtkunstwerk. Erzählt wird eine Liebesgeschichte: Setio, ein armer Dorfbewohner, geht einen Pakt mit dem Satan (Setan) ein, um die Liebe der Prinzessin Asih zu erringen. Die tragische Handlung spielt im Indonesien der Kolonialzeit und ist vom lebendigen Mystizismus des Inselreichs ebenso inspiriert wie vom deutschen Stummfilm der 1920er Jahre. Murnaus Nosferatu war der Ausgangspunkt, die Welt von Macht und Ohnmacht neu zu erfinden. Die eigens für Setan Jawa geschaffene Komposition von Rahayou Supanggah und Iain Grandage verbindet die kulturellen Welten und bringt Hell und Dunkel, Gestern und Heute zum Klingen. Das indonesische Gamelan-Orchester Garasi Seni Benawa musiziert gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB).

SAMSTAG, 3. November, 16 & 19 Uhr SONNTAG, 4. November, 13, 16 & 19 Uhr

Das Alte ist nicht mehr/ Liebknecht 2018

Szenischer Parcours Schlossbaustelle Hundert Jahre nach der November­ revolution wird die Baustelle des Hum­ boldt Forums Spielort für eine szenische Spurensuche. Aus Zeugenaussagen, Zei­­ tungsberichten und anderen historischen Quellen entwickelt Regisseur Clemens Bechtel gemeinsam mit einem Schauspielensemble eine Theaterarbeit, die nach den Wesensmerkmalen dieser Revolution und ihrer Rezeption fragt. Als Gäste eines geführten Parcours durch verschiedene Räume des neuen Gebäudes am historischen Schauplatz erleben Sie Zukunftsbaustelle und Theaterinszenierung in ganz besonderer Symbiose. SONNTAG, 14. Oktober 2018, 11 Uhr

Eröffnung »Das ist auch unsere Baustelle!« 176 Kinder erobern das Humboldt Forum Humboldt-Box, Schlossplatz 5, 10178 Berlin Wie ist man damals auf die Idee gekommen, ein Schloss zu bauen? Was war der Palast der Republik? Und wieso heißt es Humboldt Forum? Mit diesen und vielen weiteren Fragen haben sich 176 Kinder und Jugendliche in den letzten Monaten intensiv auseinandergesetzt. Ihre Ergebnisse sind ab dem 14.10.2018 in der Humboldt-Box zu sehen. Zur Eröffnung dieser Schau gibt es von 11–17 Uhr ein buntes Programm für die ganze Familie. FREITAG, 26. Oktober 2018, 19 Uhr

Gesprächsrunden

HIGHLIGHTS DES Humboldt Forums Pergamonmuseum, Bodestraße, 10178 Berlin Einblicke in das zukünftige Humboldt Forum bieten in den folgenden Monaten eine Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin sowie eine Veranstaltungsreihe des Humboldt Forums. In Gesprächen begegnen sich im Tandem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ethnologischem Museum und Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, des Humboldt Labor der Humboldt-Universität zu Berlin, der Kulturprojekte Berlin mit dem Stadtmuseum Berlin, der Geschichte des Ortes der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, der Humboldt Forum Akademie und internationale Gäste. Der Auftakt der Veranstaltungsreihe Highlights und die Eröffnung der Ausstellung widmet sich der Bewegung von Menschen in Gruppen. Prozessionen, Pilgerreisen und Paraden vereinen Menschen. Gehen, marschieren oder fahren sie meist auch in eine Richtung, führen sie doch höchst unterschiedliche Objekte mit sich und verfolgen ganz unterschiedliche Ziele.

Informieren Sie sich laufend über unser Programm, abonnieren Sie unseren Newsletter und folgen Sie uns auf Facebook: humboldtforum.com

SATURDAY, 15 SEPTEMBER, 13.00

SOUND WALK

A PATH OF ATTENTIVE LISTENING Meeting point: in front of the Humboldt-Box Schlossplatz 5, 10178 Berlin In a sound walk developed especially for the exhibition [Sound] Listening to the World, the sounds produced in the area surrounding the Humboldt-Box and the Palace construction site fuse with the rhythms of your own steps into an individual urban composition. Walk with us, and listen in. With the roar of traffic, the night-time silence, the noisy building sites and the hushed jumble of voices – cities are ever changing sound collages. SUNDAY, 2 SEPTEMBER, 11.00

HUMBOLDT 3

SUMMIT MEETING OF THE HUMBOLDT BIOGRAPHERS: DANIEL KEHLMANN, ANDREA WULF AND RÜDIGER SCHARPER IN CONVERSATION WITH DENIS SCHECK Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3, 10115 Berlin As a world traveller, researcher, scientist and adventurer, Alexander von Humboldt is a veritable treasure trove of stories, and numerous writers have indeed written about him. Daniel Kehlmann, who portrayed Alexander Humboldt in his book Measuring the World; Andrea Wolf, whose book The Invention of Nature: Alexander von Humboldt’s New World looks at global connections first articulated through the scientist’s work; and Rüdiger Schaper, who describes the researcher in Alexander von Humboldt. Der Preuße und die neuen Welten (The Prussian and the New Worlds) will meet to converse in an event staged to kick off the “Humboldt year”. The discussion will be chaired by literary critic Denis Scheck. Afterwards, the authors will be available to sign their books. SATURDAY, 22 SEPTEMBER, 20.00

SETAN JAWA

SILENT FILM CONCERT WITH GAMELAN AND THE RUNDFUNK-SINFONIEORCHESTER (BERLIN RADIO SYMPHONY ORCHESTRA). Haus des Rundfunks, Masurenallee 14, 14057 Berlin Ticket sales (030) 202 987 15/rsb-online.de The idea is unique: a silent black-and-white film, traditional Indonesian shadow puppetry, modern dance, an Asian gamelan ensemble and a European orchestra join forces in a dramatic Gesamtkunstwerk for the stage. It this love story Setio, a poor village boy, makes a pact with the devil (Setan) to win the love of Princess Asih. Set in colonial-era Indonesia and inspired by both the mysticism of the island kingdom and German silent film of the 1920s, the starting point for this tragedy, which reinvents the world of power and powerlessness, was Murnau’s Nosferatu. The composition written especially for Setan Jawa is an expression of darkness and light, yesteryear and today. The Indonesian Gamelan Orchestra Garasi Seni Benawa will play together with the Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB).

SATURDAY, 3 NOVEMBER, 16.00 & 19.00 SUNDAY, 4 NOVEMBER, 13.00, 16.00 & 19.00

THE OLD IS NO MORE/ LIEBKNECHT 2018

THEATRICAL TOUR Palace construction site One hundred years after the November Revolution the Humboldt Forum construction site will become the setting for a theatre piece about clues and traces. Using eye-witness reports, newspaper articles and other historical sources, the director Clemens Bechtel and a group of actors have developed a theatre piece investigating the essential features of this revolution and its broader impact. The audience will be escorted through various rooms of the new building on the historical site, experiencing a future building and a theatre production in a unique symbiosis. SUNDAY, 14 OCTOBER 2018, 11.00

OPENING “IT’S OUR CONSTRUCTION SITE TOO!”

176 KINDER TAKE OVER THE HUMBOLDT FORUM Humbold-Box, Schlossplatz 5, 10178 Berlin How did they come up with the idea of building a palace in the first place? What was the Palast der Repulik? And why is it called the Humboldt Forum? Over the past months, 176 children and teenagers have investigated these and other such questions – the results will be displayed in the Humboldt-Box from 14 October 2018. A diverse programme of events running from 11.00 to 17.00 will entertain the whole family at the exhibition opening. FRIDAY, 26 OCTOBER 2018, 19.00

DISCUSSIONS

HUMBOLDT FORUM HIGHLIGHTS Pergamonmuseum, Bodestraße, 10178 Berlin Highlights is the name of an exhibition curated by the Staatliche Museen zu Berlin and also of a series of talks about the future Humbolt Forum that will take place in the coming months. Employees of the Ethnologisches Museum, the Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, the Humboldt Labor der Humboldt-Universität zu Berlin and Kulturprojekte Berlin will talk in tandem with representatives from the Stadtmuseum Berlin (City Museum Berlin), the Site Museum of the Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, the Humboldt Forum Akademie and international guests. The opening event and exhibition are dedicated to the movement of groups of people. Processions, pilgrimages and parades unite people. They walk, march and process together, mostly in one direction, but carrying the most diverse objects with them, and in pursuit of very different goals.

Keep up-to-date with our programme of events by subscribing to our newsletter and following us on Facebook: humboldtforum.com


IV  SCHLOSSKONZERT  PALACE MUSIC

AUGUST 2018  HUMBOLDT FORUM ZEITUNG  № 3

BENEFIZKONZERT IM SCHLÜTERHOF

KIRILL PETRENKO DIRIGIERT DIE BERLINER PHILHARMONIKER

BENEFIT CONCERT IN THE SCHLÜTER COURTYARD KIRILL PETRENKO CONDUCTS THE BERLIN PHILHARMONIC

Erstmals knüpfen die Berliner Philharmoniker wieder an eine alte Tradition an. Am 25. August geben sie ein Benefizkonzert im Schlüterhof des Berliner Schlosses, wo sie bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Schloss­ musiken erklingen ließen. Von Benedikt von Bernstorff  |  Die Musikwelt erwartet mit Vorfreude Kirill Petrenkos Antritt als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zur Spielzeit 2019/2020. Bereits zu Beginn der kommenden Saison wird Petrenko am 24. August das Eröffnungskonzert des Orchesters leiten und das Programm am Tag darauf im Rahmen einer Benefizveranstaltung zugunsten der Wiedererrichtung des Berliner Schlosses in dessen Schlüterhof wiederholen. Dabei werden Beethovens Siebte Symphonie und Richard Straussʼ Tondichtungen Don Juan und Tod und Verklärung erklingen. Petrenko gilt als einer der profiliertesten Strauss-Interpreten unserer Zeit: Unvergessen bleibt sein Rosenkavalier an der Komischen Oper.

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Im Rahmen eines Gastspiels mit dem Bayerischen Staatsorchester legte er 2016 beim Musikfest Berlin ein fulminantes Plädoyer für die relativ selten gespielte Symphonia domestica ein. Beethovens Siebte dürfte mit ihrer Instrumentationskunst, die bereits Hector Berlioz rühmte, ihrer rhythmischen Raffinesse und der furiosen Entfesselung aller Energien im letzten Satz bei den Philharmonikern und ihrem designierten Chef­ dirigenten ebenfalls in den allerbesten Händen liegen. Spannung ruft der Auftritt aber auch deshalb hervor, weil mit dem Konzert im Schlüterhof eine fast vergessene philharmonische Tradition zu neuem Leben erweckt wird: Zwischen 1933 und 1940 nämlich veranstaltete das Orchester jeden Sommer an ebendiesem Ort seine sogenannten Schlossmusiken. In den ersten beiden Jahren stand bei diesen Konzerten noch Erich Kleiber am Pult, bevor er 1935 aufgrund der politischen Verhältnisse in Nazideutschland nach Südamerika emigrieren musste. Die meisten der insgesamt 56 Konzerte der Reihe dirigierte Hans von Benda, der 1935 zum künstlerischen Geschäftsführer der Philharmoniker ernannt worden war. Zum 700. Geburtstag der Stadt Berlin erklangen Werke Mozarts. Zudem waren hier Werke von König Friedrich II. von Preußen zu hören. Überhaupt stand ungewöhnlich oft Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf den Programmen, da Benda, der selbst aus einer bis in die Barockzeit zurückreichenden Familie bedeutender Komponisten stammte, diese besonders am Herzen lag. Auch Leo Borchard, der sich in den 1940er-Jahren im Widerstand engagierte und nach dem Krieg für kurze Zeit als Interimsleiter des Orchesters fungierte, leitete einige der Konzerte. Obwohl die Programme der Freiluftkonzerte keinerlei ideologische Prägung zu erkennen geben, sind sie doch im Kontext der nationalsozialistischen Diktatur zu betrachten. Das im wieder errichteten Hohenzollern-Schloss entstehende Humboldt Forum soll, nicht zuletzt als Konsequenz aus den düsteren Zeiten der deutschen Geschichte, ein »Ort

sein für einen gleichberechtigten Dialog der Kulturen, soll Toleranz und Offenheit stiften«. Daran erinnerte PhilharmonikerIntendantin Andrea Zietzschmann bei der Pressekonferenz zur neuen Spielzeit, in der das Konzert im Schlüterhof der Öffentlichkeit angekündigt wurde.

When the Berlin Philhar­ monic gives a benefit concert in the Schlüter Courtyard of the Berlin Palace on 25 August it will be reviving an old tradition for the first time. For this is the very place where its Schlossmusiken concert series was to be heard in the first half of the twentieth century. By Benedikt von Bernstorff  |  The music world is looking forward to Kirill Petrenko taking up the baton as the new chief conductor of the Berlin Philharmonic in the 2019/2020 concert season. And Petrenko will already be conducting the opening concert of the coming season and then staging a repeat performance of the programme on 25 August in a benefit concert in the Schlüter Courtyard to raise money for the restoration of the Berlin Palace. The orchestra will play Beethoven’s Seventh Symphony and Richard Strauss´s tone poems Don Juan and Tod und Verklärung. Petrenko is surely one of the most renowned interpreters of Strauss in our time. Take his unforgettable Rosenkavalier at the Komische Oper, for example, or the guest concert of the Bayerisches Staatsorchester at the 2016 Berlin Music Festival, where he made a brilliant case for Strauss’s rather rarely played Sinfonia Domestica. Beethoven’s Seventh with its artful instrumentation, extolled by Hector Berlioz, its sophisticated rhythms and the furious unleashing of energy in the final movement will

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likewise be in the very best hands with the Berlin Philharmonic and its designated new conductor. The other reason the performance is being awaited with baited breath is that the concert will take place in the Schlüter Courtyard and hence revive an almost forgotten Philharmonic tradition. Every summer between 1933 and 1940, the orchestra gave a series of concerts known as the “Schlossmusiken” at precisely this venue. In the first two years these concerts were conducted by Erich Kleiber. But in 1935 he was forced to emigrate to South America because of the political situation in Nazi Germany. Most of the fifty-six concerts in the series were conducted by Hans von Benda, who was appointed artistic manager of the Berlin Philharmonic in 1935. To mark the City of Berlin’s 700th birthday the orchestra played works by Mozart. In addition, the series included compositions by Frederick the Great of Prussia. Indeed, seventeenth- and eighteenth-century music, of which Benda – himself from a distinguished family of composers going back to the Baroque era – was especially fond, featured unusually often in the concert programmes. Leo Borchard, who joined the resistance in the 1940s and after the war briefly became the orchestra’s interim conductor, also conducted a number of the concerts. Although the programmes of these openair concerts did not appear to be ideologically coloured, they should nonetheless be considered in the context of the Nazi dictatorship. Not least as a consequence of those dark times, the Humboldt Forum in the newly restored Hohenzollern Palace is intended to be a “place of dialogue between cultures as equals, a place that gives rise to tolerance and open-mindedness”. Andrea Zietzschmann, general manager of the Berlin Philharmonic, reminded her audience of this at a press conference devoted to the new concert season at which the Schlüter Courtyard project was presented to the public. 1. Mai/Juni 1934, Paul Kretschmer während eines Konzerts unter Erich Kleiber im Schlüterhof des Berliner Schlosses.  |  May/June 1934, Paul Kretschmer during a concert conducted by Erich Kleiber in the Schlüter Courtyard at the Berlin Palace. © Berliner Philharmoniker, Archiv/V. Schimmel  2. + 3. Konzert mit Hans von Benda Juni 1938.  |  Concert with Hans von Benda June 1938. © Berliner Philharmoniker, Archiv/Rudolf Kessler

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Benedikt von Bernstorff studierte Literaturund Musikwissenschaften und arbeitet als Dramaturg und freier Autor in Berlin. Texte zu klassischer Musik sowie Künstler­porträts und -gespräche erscheinen regelmäßig im Berliner Tagesspiegel und anderen Zeitungen und Magazinen. Er arbeitet für Institutionen wie die Stiftung der Berliner Philharmoniker, das Berliner Konzerthaus, Kunstfest Weimar und Beethovenfest Bonn. Benedikt von Bernstorff studied literature and musicology and works as a dramaturge and freelance writer in Berlin. His articles on classical music and artist portraits and interviews regularly appear in Berlin’s Der Tagesspiegel and other newspapers and magazines. He works for various institutions, including the Berlin Philharmonic Foundation, the Konzerthaus Berlin, Weimar Art Festival and the Beethovenfest Bonn.

Profile for Humboldt Forum

Humboldt Forum No 3  

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