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September / Oktober 2011

Hufspu ren Das Magazin für‘s Pferdeglück

© Angela Kraft

www.kraft-foto.de

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Inhalt

Pferdeglück Die Sache mit der Verstärkung Klassische und operante Konditionierung Klangschalen - Balsam für die Pferdeseele Auf den Magen geschlagen Fit im Sattel - Ein Selbstversuch Pferdefreundschaften Hufschmied oder Huforthopäde?

Seite 4 Seite 8 Seite 10 Seite 18 Seite 51 Seite 54 Seite 59

Nachgedacht Lass mich Dich lehren Die Eilkrankheit

Seite 15 Seite 16

Hufspuren Eine Reise für Jack Fluchttiere Geschichte eines Fohlens White Companion Das Seepferdchen und die Nixe Verloren in den Weiten der nordfriesischen Marsch

Seite 24 Seite 27 Seite 35 Seite 38 Seite 48 Seite 66

Stallgeflüster Geschichten vom Pferd: Aber es ist doch grün! Szenen aus dem Pferdeleben: Schmied-Wippen

Seiet 46 Seite 62

Termine

Seite 75

Impressum

Seite 77

Mein Hufschmied im Norden, von Holstein bis in die Heide


Editorial Liebe Pferdefreunde, diese Ausgabe erreicht Euch mit einiger Verspätung meine Festplatte und mit ihr die fast fertige Ausgabe, verabschiedeten sich wenige Tage vor dem Erscheinungstermin ins Nirvana. Glücklicherweise ist zumindest der PC reinkarniert und so sind wir nun endlich wieder für Euch da. Ja, Leben heißt Veränderung. Nicht nur im Innenleben meines Computers, auch in unserer Redaktion stehen Veränderungen an: Ab dem ersten Oktober darf ich einer neuen Berufung folgen und als Breitensportreferentin im Pferdesportverband Schleswig-Holstein mein Möglichstes daran setzen Pferd und Mensch glücklich zu machen. Damit ich mich im Sinne der Pferde und Pferdefreunde ersteinmal ganz in Ruhe in diese neue Aufgabe hineinfinden kann, Euch die Hufspuren aber auch weiterhin wie gewohnt erhalten bleiben, werden vorerst drei sehr liebe Freundinnen und tolle Pferdemenschen den Herausgeberposten der besetzen. Bine, Nele und Sahra, die Ihr in der nächsten Ausgabe ein wenig besser kennenlernen werdet, werden Euch gemeinsam mit unserem fantastischen Autorenteam auch weiterhin mit allerlei interessanten und fröhlichen Themen rund um‘s Pferdeglück versorgen... Und nun wünschen wir Euch wieder viel Spaß beim Lesen, Nachdenken und Ausprobieren...

Maritres Hötger und das Team der „Hufspuren“

Foto oben: Renée Hawk Titelfoto: Angela Kraft

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Pferdeglück

Die Sache mit der Verstärkung Verstärkung ist ein Begriff, den viele Menschen nicht unbedingt als erstes mit der Pferdeausbildung in Verbindung bringen würden. Doch der Vorgang, der damit gemeint ist, ist unerlässlich, damit Pferde lernen können. Per Definition bedeutet der Ausdruck „Verstärkung“ in der Verhaltensbiologie und Psychologie „die Erhöhung der Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens“, was erst mal zu abstrakt klingt, als das man es bewusst ins tägliche Training einbauen würde. Es meint aber grundsätzlich nichts anderes, als dass die Verstärkung dazu beitragen soll, dass ein Lebewesen (in diesem Fall also das Pferd) eine bestimmte Verhaltensweise (Reaktion) auf eine bestimmte Aktion des Menschen zeigt. Wir unterscheiden zwischen positiver und negativer Verstärkung unterschieden, was jedoch immer wieder Anlass zu Missverständnissen gibt: Nach der seit 1953 gültigen Definition der Begriffe nach B.F. Skinner ist KEINE der beide Verstärkungen gleichzusetzen mit einer Bestrafung, beide basieren ausschließlich auf dem Prinzip der Belohnung, jedoch auf zwei völlig unterschiedliche Arten: Postiv verstärken bedeutet, einen positiven Reiz (Verstärker) zu geben, sobald das Pferd die gewünschte Reaktion zeigt. Dieser Reiz kann ein Futterlob, ein

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freundliches Wort oder das Kraulen an bestimmten Körperstellen sein. Es sollte jedoch IMMER als deutlich positiver Reiz beim Pferd ankommen, für den es sich lohnt, die vorher gegebene Aufgabe noch einmal zu lösen, so dass sie irgendwann zur Selbstverständlichkeit auf ein bestimmtes Signal wird. Diesen Vorgang nennt man dann auch operante oder instrumentelle Konditionierung. Als Beispiel für positive Verstärkung kann man sich z.B. das Erlernen des Hufe gebens beim Jungpferd vorstellen. Zunächst wird jedes Pferd versuchen, dem Menschen seinen Huf zu entziehen, hält es jedoch nur kurz still und wird es dann ausdrücklich gelobt, wird es sich beim nächsten Mal mit hoher Wahrscheinlichkeit schon weniger wehren, um dann wieder den Verstärker (z.B. ein Leckerli) zu bekommen. Irgendwann wird das Hufe geben wie selbstverständlich funktionieren. Im Gegensatz dazu arbeitet das Prinzip der negativen Verstärkung damit, einen negativen (also für das Pferd mehr oder weniger unangenehmen) Reiz wegzunehmen, sobald die gewünschte Reaktion darauf erfolgt ist, so das die Situation für das Pferd wieder angenehm / neutral wird, sobald es seine Aufgabe ausgeführt hat.Bestes Beispiel hierfür ist der treibende Schenkel, der vom Reiter „weggenommen“ wird, sobald das Pferd auf den Impuls reagiert hat.


Pferdeglück In den oben genannten Beispielen ist der Unterschied zwischen positiver und negativer Verstärkung recht deutlich, jedoch gibt es auch Situationen in denen das nicht so klar zu trennen ist. Ein Pferd kann durchaus auch mit einer Pause oder mit dem Ende des Trainings belohnt werden, dann aber nimmt man sowohl einenReiz weg ( z.B. die eigene Konzentration aufs Pferd, Sattel und Zaumzeug, die Arbeit), bietet aber auch gleichzeitig zusätzliche einen angenehmenReiz (eben die Pause oder das Trainingsende und der damit verbundene Gang auf die Weide / in den Stall). - Aus genau diesem Grund empfiehlt auch Jack Michael in seinem Werk „Positive and negative reinforcement, a distinction that is no longer necessary; or a better way to talk about things“* von 1975, die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Verstärkung aufzuheben und nur noch von der Verstärkung im Sinne der Belohnung zu sprechen. Im Pferdetraining jedoch wird heute sehr deutlich zwischen beiden Methoden unterschieden. Welche nun angebrachte und erfolgreicher ist, darüber scheiden sich die Geister vieler Trainer und Ausbilder. Während die eine Seite, wie z.B. die Anhänger des Clicker-Trainings, aber auch viele andere die positive Verstärkung vorziehen, da Pferde dadurch leichter zu motivieren seien, die Beziehung zum Trainer kameradschaftlicher und die ge*= „Positive und negative Verstärkung, eine Unterscheidung, die nicht länger notwendig ist“

samte Lernatmosphäre positiver wäre, gibt es auf der anderen Seite diejenigen, die ihr Training ausschließlich auf der negativen Verstärkung aufbauen. Und natürlich alle Nuancen der Vermischung von beidem. Vor allem in Kreisen des Natural Horsemanship wird vielfach die negative Verstärkung genutzt und damit begründet, dass sie deutlich natürlicher wäre, da sie auch im alltäglichen Herdenleben der Pferde vorkäme. Ein ranghohes Pferd schickt ein rangniedrigeres so lange weg, bis dieses deutlich weicht, woraufhin das Schicken (also der negative Reiz) sofort gestoppt wird. Der Einsatz positiver Reize sei im Herdenalltag jedoch nicht zu finden, weshalb ein Einsatz dieser im Training unnatürlich wäre. Ein Pferd könne die Belohnung durch Futtergabe gar nicht verstehen, da es als Vegetarier nicht darum zu kämpfen gewohnt wäre, wie z.B. der Hund als typisches Raubtier. Ein ranghohes Tier (welches der Mensch in diesem Fall ja symbolisiert) würde niemals sein Futter mit einem Rangniedrigeren teilen, somit wäre ein Futterlob eher kontraproduktiv für eine klare „Herdenstruktur“ zwischen Mensch und Pferd. Sicherlich ist es so auch ohne weiteres möglich, ein Pferd nur mit Hilfe der negativen Verstärkung auszubilden, doch was bedeutet das für das Pferd und Trainer? Der Mensch ist klares „Leittier“, welches keinen Widerspruch, keine Verweigerung duldet, ähnlich der Leitstu-

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Pferdeglück te einer Herde. Die größte Belohnung, die das Pferd erzielen kann ist, in Ruhe gelassen zu werden. Dieses wird nicht unbedingt dazu führen, dass das Pferd motiviert und freiwillig arbeitet, so dass letztendlich beide Seiten Freude am Training haben. Eine wirkliche Partnerschaft, die auf Geben und nehmen basiert kann so kaum zustande kommen. Jedoch werden die meisten Pferde, die so ausgebildet werden, relativ einfach und sicher im Handling sein, da die Aktionen und Reaktionen des Menschen für sie klar und vor allem konsequent sind (natürlich nur wenn wirklich klar und konsequent gearbeitet wird). Das Pferd kann dem negativen Reiz nur entkommen, wenn es die gewünschte Reaktion zeigt oder zumindest eine, die in die richtige Richtung geht. Einige Experten (z.B. die Verhaltensbiologin Marlitt Wendt) werfen dieser Methode sogar vor, dass sie teilweise in das Phänomen der Learned Helplessness (=erlernte Hilflosigkeit) mündet, infolgedessen das Pferd roboterartig alles gewünschte ausführt,

weil es jeden Glauben in sich und einen Ausweg aus der Situation verloren hat, mental völlig abschaltet und keinen „Widerspruch“ mehr zeigt, da ihm jedes „Mitspracherecht“ genommen wurde.

Positive Verstärkung mit dem Clicker: Der Click zeigt dem Pferd unmittelbar an, dass es das gewünschte Verhalten gezeigt hat...

... das Leckerli belohnt das Verhalten und motiviert das Pferd zur Wiederholung und zum weiteren Mitmachen.

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Auf der anderen Seite ist es jedoch so gut wie unmöglich, ein Pferd - zumindest eines, was unter dem Reiter oder vor der Kutsche eingesetzt werden soll – nur mittels positiver Verstärkung auszubilden. Zumindest spielen dann negative Reize immer auch eine Rolle, selbst wenn sie noch so fein sind (wie z.B. die Hilfengebung des Reiters). Außerdem ist eine sehr gute Erziehung an erste Stelle zu setzen, damit die Leckerli-Tasche nicht zur Selbstbedienungstheke wird, oder der Vierbeiner irgendwann nur noch für einen Keks etwas tut und dabei der Mensch als Partner wieder in der Hintergrund rückt. Doch wie schon erwähnt gibt es noch andere positive Verstärker und auch ein enthusiastisches „fein gemacht“, ausgiebiges Mähnenkraulen oder das Ausklingen lassen


Pferdeglück eines gelungenen Trainingseinheit mit dem Lieblingsspiel des Pferdes kann wahre (Motivations-)Wunder bewirken. Nebenbei wird auch noch die MenschPferd-Beziehung vertieft. Der Mensch muss nicht nur Leittier, sondern darf auch „Kumpel“ sein, der vom Pferd allerdings genügend respektiert werden muss, damit es im Zweifelsfall nicht gefährlich wird, Dafür darf das Pferd aber auch eigene Ideen und Vorlieben mit in das Training einfließen lassen. Allgemein muss natürlich immer das Timing stimmen( der Verstärker muss innerhalb von zwei bis drei Sekunden erfolgen, sonst kann er vom Pferd nicht mehr zugeordnet werden und der Lerneffekt ist gleich null) und die Dosierung angemessen an Trainingsstand und Tagesform sein. Ein positiver Verstärker wirkt immer nur in einer Situation, in der er für das Pferd auch wirklich positiv ist. Kein Pferd wird durch eine Hand voll Heu lernen, wenn es gerade auf der Weide steht und „umsonst“ grasen kann. Anders herum sollte bei bereits gelernten Dingen nur noch sporadisch ein Leckerli zum Vorschein kommen; ein Kind wird in der fünften Klasse auch nicht mehr überschwänglich dafür gelobt, dass es MAMA schreiben kann. Letztendlich sollte jeder, der Pferde ausbildet, selbst den Weg finden, der für ihn und seinen Partner am sinnvollsten ist. Dabei kommt es IMMER auf den Cha-

rakter des Pferdes an, denn ein schüchternes Pferd wird nicht selbstbewusster dadurch, dass ich mein Training rein auf negativer Verstärkung aufbaue. Anderes herum wird ein schlaues, verfressenes Pony besser mit weniger Keksen trainiert, bzw, die Gaben dieser an sehr strenge Regeln und eiserne Konsequenz geknüpft, da es sonst zu unangenehmen Nebenerscheinungen kommen könnte. Natürlich dürfen auch die eigenen Ziele nicht aus den Augen gelassen werden: Liegt mir als Ausbilder mehr am schnellstmöglichen, unbedingten Gehorsam des Pferdes, will ich unangefochtene „Leitstute“ sein? Oder strebe ich eher eine partnerschaftliche Beziehung an, in der jeder respektiert wird, aber auch jeder sein Veto einlegen darf und das Pferd meine Methoden ggf. hinterfragt? Bin ich bereit, meine Lehrmethoden dann zu überdenken, wenn ich merke, dass mein Partner so nicht lernen kann, damit beide wieder Spaß am Training haben können? Gerade vor dem Hintergrund, dass neue Untersuchungen der Herdenstrukturen beweisen, dass es durchaus keine feste Rangordnung gibt, sondern vielmehr ein komplexes soziales Gefüge mit wechselnden Leittieren und vielen Beziehungen untereinander auf ähnlicher, ständig wechselnder Ranghöhe (s. M.Wendt (2010): „Vertrauen statt Dominanz ; M.Rashid (2002): „Denn Pferd lügen nicht“ ) sollten wir uns fragen, wie wir eine Umgebung schaffen, in der ein

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Pferdeglück Pferd gerne lernt, und nicht nur, weil es nicht anders kann. Die Patentlösung, die für jedes MenschPferd-Gespann gilt, kann und wird es nie geben, denn sie sollte immer konkret auf das Pferd (und auch auf den Menschen, der ja letztendlich auch Spaß und Erfolg im Training haben sollte) zugeschnitten sein, um gemeinsam optimale Erfolge zu erzielen. Und sie wird auch immer aus positiver und negativer Verstärkung bestehen, auch wenn die Anteile mit Sicherheit unterschiedlich sein werden.

Nele Feldmann

Nele Feldmann ist angehendePferdefachwirtin und bereichert ihre Kenntnisse und Fähigkeiten durch zahlreiche Praktika, unter anderem auf Farmersplace bei den Horsemanshiptrainern Markus und Andrea Eschbach, sowie auf der Gentle Horse Ranch bei Trainerin Maritres Hötger und Pferdefachwirtin Anke Kunze. Sie spezialisiert sich insbesondere auf pferdegerechte Ausbildung und gesunderhaltende Bodenarbeit. Ihre Haflingerstute May ist stets die erste, die alles neuerlernte in der Prasix testen darf.

Klassische und operante Konditionierung Viele Menschen lehnen die Konditionierung von Tieren ab, da sie meinen dem Lebewesen damit seinen freien Willen zu nehmen. Meist haben diese dann die klassische Konditionierung nach Pawlow im Hinterkopf, der Hunde darauf konditionierte das Geräusch einer Glocke mit der Futtergabe zu verknüpfen, so dass er den Speichelreflex des Hundes, der ursprünglich durch den Anblick des Futters ausgelöst wurde, später rein über das akustische Signal auslösen konnte, ohne dass die Hunde Einfluss darauf nehmen konnten. Bei der Verstärkung setzen wir die so genannte operante Konditionionierung ein. Das Tier lernt, wenn es das gewünschte Verhalten zeigt, wird es belohnt. Es kann aber jederzeit selbst entscheiden ob es bereit ist die gewünschte Aktion auszuführen, oder sich dagegen entscheidet und auf die Belohnung verzichtet. Viele Menschen meinen dennoch, sie würden die Tiere damit zu Marionetten abrichten und sie in ihrer Entscheidung zu stark beeinflussen, zum einen sind alle Haustiere bereits durch die Domestizierung in ihrer Entscheidungsfreiheit begrenzt und ganz abgesehen davon, beruht auch das menschliche Sozialgefüge darauf, das erwünschtes Verhalten belohnt und unerwünschtes ignoriert oder gar bestraft wird. Wir nennen das Erziehung. Maritres Hötger

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Pferdeglück

1. „Huch, was ist das denn?“ - Pado ist dem seltsamen Ding gegenüber skeptisch.

2. Als er trotzdem näher kommt entfernt Dürten den „unangenehmen Reiz“. Das ist ein Form der negativen Verstärkung.

3. Pado hat begriffen und nähert sich dem Ball erneut, nun schon etwas mutiger.

4. Stimmlob und Streicheleinheiten bestätigen ihn in seinem Verhalten. Das ist eine Form der positiven Verstärkung.

© Anna Jegerczyk

5. Pado hat nicht nur gelernt dass der Ball ungefährlich ist...

6. ... sondern verbindet ihn auch mit etwas positivem und folgt ihm um die Lobsituation erneut herbeizuführen .

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Pferdeglück

Klangschalen Balsam für die Pferdeseele

© Dürten Juchem

Was sind Klangschalen?

geschlagen wodurch sich ihre Töne im und um den Körper herum ausbreiten.

In der Humanmedizin haben sie bereits einen festen Platz erobert doch auch bei Tieren, insbesondere bei Pferden, werden sie mehr und mehr angewandt. Klangschalen sind, meist sehr schöne, unterschiedlich große Schalen aus verschiedenen Metallen. Die Peter Hess Klangschalen beispielsweise werden aus 12 verschiedenen Metallen hergestellt. Dabei hat jedes seine eigene Bedeutung, da jedes Metall einen anderen Schwingungsbereich abdeckt.

Das führt zu tiefer Entspannung und regt die Heilungsprozesse an. Es werden für eine Behandlung eine oder mehrere Schalen gleichzeitig genutzt. Es ist jedoch nicht jede Schale für die Klangtherapie geeignet. Denn die Töne sollen schließlich nicht wie bei einem Klangkonzert vorrangig einen großen Raum füllen sondern nach unten – über den Schalenboden - ins Gewebe fließen.

Es gibt sowohl gegossene als auch handgearbeitete Schalen. Diese Schalen werden mit einem weichen Filzschlägel sanft über oder auf dem Körper von Mensch oder Tier an-

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Gerade wegen der Vielzahl an verschiedenen Schalen – wovon jede eine andere Wirkungsweise zeigt, empfiehlt es sich vor einer Selbstanwendung einen Kurs zu besuchen oder einen Therapeuten zu konsultieren.


Pferdeglück Stress als krankheitsauslösender

Faktor

Wir alle wissen, wie schädlich sich negativer Stress auf unsere Gesundheit auswirken kann. Die Palette reicht von Kopfschmerzen, Erkältungsneigung über Konzentrationsstörungen (die wiederum zu Verletzungen führen können) bis zu Verdauungsproblemen oder Burn out. Dazu sind alle Lebewesen ganz natürlich Viren, Bakterien und Parasiten ausgesetzt. Sie leben in unserer Umwelt genauso wie im Körper von Mensch und Tier. Dies ist bei einem gesunden Lebewesen völlig unproblematisch denn erst, wenn unser Immunsystem ( z.B. infolge von Stress) geschwächt ist können sie sich ausbreiten und in der Folge Krankheiten verursachen. Auch Pferde sind Stress ausgesetzt. Das beginnt schon damit in der Box zu stehen und dem Drang nach Bewegung und Freiraum nicht uneingeschränkt nachgehen zu können. Ein unsympathischer Boxennachbar, ein neuer Weidegenosse, Futterwechsel, Trainings- oder Turnierstress oder das Absetzen eines geliebten Fohlens können auch bei Pferden Krankheiten begünstigen. Dazu kommt noch, dass unsere sensiblen Vierbeiner als Flucht- und Herdentiere auch unsere Verfassung und unseren Stress wahrnehmen und darauf reagieren. Das ist in einer Gemeinschaft nun einmal so.

Wir Menschen spüren das dann an muskulären Verspannungen und dadurch bedingter mangelnder Losgelassenheit unserer Pferde. Die Konzentrationsfähigkeit unseres Vierbeiners sinkt. Zähne knirschen, stressbedingten Koliken und auch Rehe Schübe können dadurch hervorgerufen werden. Darüber hinaus kommt noch die ganze Palette der Verhaltensstörungen – wie z.B. das Weben hinzu.

Wieso Klangschalen als Therapie? Klangschalen reduzieren Stress. Gerade diese schönen Schalen haben sich als unterstützende Therapie bei Pferden sehr gut bewährt. Doch warum ist das so? Was macht Klangschalen so effektiv? Zum einen ist alles Leben durch Bewegung gekennzeichnet. Klangschalen wirken physikalisch gesehen über ver-

© Dürten Juchem

Nicht nur Menschen, auch Pferde leiden häufig unter Stress. Die Klangschalen helfen zu entspannen.

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Pferdeglück schiedene Schwingungsfrequenzen, die genau das erreichen – Bewegung. Die von ihnen ausgesendeten Schallwellen dringen sie dabei bis in jede Zelle des Körpers vor und lösen dort ganz sanft vorhandene Blockaden auf. Am besten kann man sich das wie einen Fluss vorstellen, der sich im Laufe vieler Jahre durch einen Berg hinweg seinen Weg gebahnt hat. Langsam und beständig, Tropfen für Tropfen und Welle für Welle hat er den so starren Berg ausgehöhlt und sich Raum verschafft. Genauso breiten sich auch die sanften Töne der Klangschalen im Körper aus. Sie schwingen immer wieder an die Blockade heran, bis diese nach und nach abgebaut ist. Die Klangschalen Therapie führt dadurch zu einer besseren Durchblutung. Darüber hinaus wird der Abtransport von Stoffwechselendprodukten und Schadstoffen aus dem Körper angeregt und das Immunsystem beginnt zu arbeiten.

© Dürten Juchem

Die Schwingungen der Schalen gehen durch den Körper und lösen sanft Spannungen und Blockaden.

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Auf diese Weise unterstützen die Klangschalen den Körper bei Heilungsprozessen sowie zur Kräftigung und Entspannung der Muskulatur. Eine weitere Wirkungsweise ist die auf die Psyche von Pferd und Mensch. Am einfachsten werde ich das hier mal an einigen Beispielen zeigen. Betrachten wir die Welt einmal als Symphonie. Alles im Leben ist nämlich Klang. So warnen sich auch die Hasen indem sie mit den Hinterläufen auf den Boden trommeln. Fledermäuse richten ihren Flug und die Jagd über für uns unhörbare Schallwellen aus und im Gebirge kann durch Klatschen oder Rufen sogar eine Lawine ins Rollen gebracht werden. Es gibt rituelles Trommeln, Kirchenglocken rufen zum Sammeln der Gläubigen und Technobeats bringen den Kreislauf der Tanzenden auf Hochtouren. Der Wind in den Bäumen sowie das Rauschen des Meeres werden dagegen meist beruhigend empfunden. Aber die Prägung hierfür beginnt schon viel früher – nämlich im Mutterleib. Wo das Ungeborene die Geräusche des Darms der Mutter spürt und anhand des Blutstroms und des Herzschlages bereits ihre momentane Verfassung wahrzunehmen beginnt. Diese Prägung ist gerade auch für das Fluchttier Pferd enorm wichtig. Denn sobald es auf der Welt ist lernt es weiter sich auf unglaublich klei-


Pferdeglück ne Signale seiner Herde zu verlassen. Nur dadurch wird es in der Lage sein zu überleben. So werden gerade von unseren sensiblen Pferden die beruhigenden Klänge der Klangschalen als sehr angenehm empfunden und gut angenommen. Sie helfen über ihre hohen Schwingungsfrequenzen in eine Tiefenentspannung zu gelangen und somit negative Erlebnisse, Stress und andere Dinge besser zu verarbeiten. Denn dadurch, dass Klangschalen Bewegung erzeugen fördern sie Prozesse des Loslassens und der Erneuerung. Aus diesem Grund können sie gerade bei Verhaltensstörungen auch in Kombination mit Bachblüten kleine und große Veränderungen bewirken.

Die Arbeit mit den Klangschalen Da bei der Klangschalen Therapie Entspannung von entscheidender Bedeutung ist, wird das Pferd vorsichtig an die Klangschale gewöhnt. Das heißt für die Behandlung, dass das Pferd nicht einfach festgebunden wird und dann wird drauf los getrommelt. Stattdessen lasse ich die Pferde vorher ausgiebig an den Schalen schnuppern und schlage sie dann sanft an – wobei die Pferde immer die Möglichkeit zum Rückzug haben sollten. Erst dann, wenn das Pferd aufmerksam und ruhig ist beginnt die Behandlung. Wenn es möglich ist, lasse ich die Pferde am liebsten während der ganzen Behandlung frei stehen. Ist das

nicht möglich wird das Pferd noch genauer beobachtet, damit mir seine Signale nicht entgehen. In der Behandlung geben die Klangschalen auch diagnostische Hinweise für den Therapeuten, da sich das Klangverhalten in Bereichen einer Blockierung / Erkrankung verändert. So schwingt die Schale dort beispielsweise weniger ausgiebig nach oder der Ton ist höher als der eigentliche Grundton der Schale. All das beeinflusst dann den Behandlungsablauf und ergänzt die Anamnese. Auch die Auswahl der richtigen Schale hängt von der Anamnese und dem Verhalten des Pferdes ab. Es hat sich gezeigt, dass viele Pferde ihre Position während der Behandlung gern einmal ändern oder mir durch ihre Körperhaltung direkt zeigen wo sie eine Behandlung am meisten nötig haben oder welche Schale mit welchem Schwingungsmuster sie am liebsten haben. Dies geht wider dann am besten, wenn die Tiere frei stehen dürfen. Klangschalen eignen sich auch ganz besonders für die Behandlung von Berührungsempfindlichen oder scheuen Pferden, da die Klangschalen sie über ihre Schwingungen ja nur indirekt berühren. Das schafft Vertrauen und das Gefühl von Akzeptanz ihrer Bedürfnisse. Das schöne bei der Klangschalen Behandlung ist, dass auch der Pferdebesitzer, wenn auch nicht so intensiv, die

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Pferdeglück Klänge mit genießen kann. Was ein verbindendes Erlebnis darstellt. Ich binde die Leute gern in die Behandlung ein. So kann der Pferdebesitzer eine Schale selbst halten und mit seinem Pferd gemeinsam von den Tönen profitieren. Ich habe auch schon nach dem Pferd gern seinem Reiter noch eine kurze Behandlung gegeben. Wie lange und wie häufig eine Behandlung nötig ist richtet sich nach vielen Faktoren. Zum Beispiel nach dem Ziel der Behandlung und ob ein akuter oder chronischer Verlauf vorliegt. Daraus wird dann ein ganz individueller Behandlungsplan abgeleitet. Die Einsatzmöglichkeiten der Klangschalen sind sehr vielfältig. Sie reichen von Anwendungen zur generellen Entspannung über die gezielte Behandlung bei Verhaltensstörungen weit hinaus. Sie werden zur Lockerung der Muskulatur und zur unterstützenden Behandlungen von Verletzungen sowie zur Durchblutungsförderung bei Arth-

rosen eingesetzt. Außerdem finden sie bei der zusätzlichen Behandlung von Verdauungs- oder Lungenproblemen ihren Einsatz. Auch Entgiftungsprozesse können mit Hilfe der Klangschalen gefördert werden. Dabei wirken sie sehr sanft ohne den Organismus zu belasten. Direkt nach Operationen oder während der Trächtigkeit sollten die Schalen allerdings mit Vorsicht eingesetzt werden, da die Vibrationen der Schalen bei frischen Wunden wie auch bei frischen Frakturen als schmerzhaft empfunden werden können. Obwohl eine Trächtigkeit keine generelle Kontraindikation darstellt sollten die Klangschalen auch hier mit Bedacht angewandt werden um eine zu frühe Wehentätigkeit zu vermeiden. Klangschalentherapie ersetzt keinen Arzt- oder Heilpraktikerbesuch. Sie stellt aber eine schöne Ergänzung hierzu dar.

Dürten Juchem

Unter dem Leitgedanken „Pferd - Mensch - Harmonie“ bietet Dürten Juchem Pferdekommunikationstraining, Bachblüten und Massagetherapie für Pferde an. Mit ihrer Ausbildungsmethode „Friendship“ lehrt sie zudem Menschen den partnerschaftlichen und gewaltfreien Umgang mit dem Pferd und bildet ebenfalls nach diesem Prinzip basierend auf Freundschaft und Vertrauen aus. www.pferdekommunikationinmv.de 14


Nachgedach t

Lass mich dich lehren Wenn du gestresst bist, lass mich dich entspannen. Wenn du jähzornig bist, lass mich dich beruhigen. Wenn du nichts mehr siehst, lass mich dich sehen lassen. Wenn du leichtsinnig bist, lass mich dich lehren nachzudenken. Wenn du traurig bist, lass mich dich erheitern. Wenn du überheblich bist, lass mich dich Respekt lehren. Wenn du dich verloren fühlst, lass mich dich lehren, an Größeres zu glauben. Wenn du arrogant bist, lass mich dich Demut lehren. Wenn du einsam bist, lass mich dich dein Freund sein. Wenn du müde bist, lass mich die Last tragen. Wenn du lernen willst, lass mich dich lehren. Denn ich bin dein Pferd.

© Gentle Horse Concepts

Willis Lamm

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Nachgedach t

Die Eilkrankheit Vor einiger Zeit stieß ich auf einen sehr interessanten Artikel in der Zeitschrift „Connection“. Dort ging es um das Phänomen der „Eilkrankheit“. Professor Dr. Hartmut Rosa von der Friedrich Schiller Universität Jena hat diesen Begriff geprägt und ich glaube wir alle können uns ganz gut vorstellen, was damit gemeint ist. Die Hektik und der Stress die uns im Alltag und Berufsleben begleiten machen uns auf Dauer krank. Erschöpfung, BurnOut und Depression sind in unserer Gesellschaft fast ebenso häufig anzutreffen wie die gemeine Grippe. Zum Glück haben wir als Pferdemenschen da ein ganz wunderbares Gegenmittel. Werden wir gefragt wie wir Entspannung suchen, dann lautet unsere Antwort darauf mit ziemlicher Sicherheit: „Bei den Pferden.“ Aber ist das wirklich so? Wenn wir nach einem langen Arbeitstag in irrwitzigem Tempo zum Stall rasen, den Sand kurz vom Pferd abwedeln und abgekämpft in die Reitstunde hetzen? Wenn wir „heute nur schnell laufen lassen“, weil noch 5 wichtige Termine anstehen? Wenn wir völlig gestresst Heim kommen, eigentlich nur noch ins Bett möchten, aber das Pferd ja noch bewegt werden muss? Wenn wir wie verrückt die Sachen für die Reiterrallye, das Tunier oder den Wanderritt zusammenkramen, wie vom Affen ge16

bissen das Pferd auf den Hänger treiben müssen um nicht zu spät zu kommen… können wir dann noch sagen dass die Pferde unsere Entspannung, unser Ruhepol sind? Die meisten von uns haben schon erkannt, dass das Leben in unserer Zeit aus der Balance geraten ist und versuchen aktiv gegenzusteuern. Sport und Fitness, Yoga und Meditation, Heilpraktiker und Lebensberater, wir versuchen alles um uns wieder ins Gleichgewicht zu bringen – meist jedoch mit nur mäßigem Erfolg. Doch warum ist das so? Warum helfen unsere Entspannungsmaßnahmen nicht? Weil sie letztendlich nur ein weiterer Punkt auf unserer ToDo-Liste sind, ein weiteres Pflichtprogramm das abgearbeitet werden muss, damit wir uns effizient in die Leistungsgesellschaft einbringen können. Mit den Worten von Redakteur Bobby Langer: „Dem inneren Stress entkommt niemand durch äußerliche Veränderungen, sondern nur durch eine Wende im Inneren, ein Umwertung der Werte“ Es ist an der Zeit umzudenken und nicht aktiv, sondern bewusst zu entspannen, das Leben bewusst zu entschleunigen. Sich den Erwartungshaltungen einfach mal nicht zu


Nachgedach t unterwerfen, einfach mal das zu tun, was für uns und unser Innerstes gut ist und nicht für die Meinung der anderen. Letztendlich sind wir es selbst, die den eigenen Stress verursachen, weil wir meinen nur an unseren Leistungen und Erfolgen gemessen zu werden. Gehen wir gedanklich in den Stall. Unser Pferd hat nicht den Anspruch dass das Schulterherein heute perfekt klappen muss, weil 5 Leute an der Bande stehen. Unserem Pferd ist es egal ob der Wanderritt um 2 oder um 3 Uhr beginnt, oder ob eine Schleife weniger im Stall hängt weil wir nicht pünktlich zur Prüfung waren. Zeit und Leistung, und insbesondere Zeit- und Leistungs-

druck sind eine rein menschliche Erfindung. Sie sind unseren Pferden vollkommen egal. Was ihnen jedoch nicht egal ist, ist die Art wie wir uns ihnen nähern. Ich denke jeder hier weiß genau wie sensibel unsere so stark wirkenden Partner sind, und dass es einen großen Unterschied für sie macht, ob wir sie genervt und angespannt als Listenpunkt abarbeiten, oder ob wir einfach nur da sind, weil wir es genießen Zeit mit ihnen zu verbringen und diese gemeinsame Zeit beiden Freude bereitet.

Maritres Hötger Mehr Informationen zum Thema auf www.eilkrankheit.de

© Two Crows Ranch / Salzburg (Austria)

Das beste Gegenmittel: Einfach mal bewusst bummeln und die Seele baumeln lassen...

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Pferdeglück

Auf den Magen geschlagen Magengeschwüre beim Pferd Das Thema Magengeschwüre ist hochaktuell. Im Leistungssport ist die Diagnose auf Magengeschwüre gefürchtet. Futtermittelfirmen und Tierärzte haben ein neues Lieblingsthema. Im Freizeitreiterbereich guckt man ungläubig. „Magengeschwüre? Kommt bei meinem Pferd nicht vor.“ Doch kann man sich wirklich sicher sein? Eine Diagnose kann nur mittels Endoskopie gestellt werden, und dann auch nur unter Vorbehalt. Wo gerade kein Magengeschwür ist, kann einen Tag später schon eins sein. Aber wie kommt es zu den Magengeschwüren beim Pferd? Die Forschung hat mittlerweile zahlreiche Studien zu diesem Thema durchgeführt. Viele davon weisen Stress und die Arbeit, also insbesondere das Training, als Auslöser aus. Aber auch manche Medikamente können Magengeschwüre als Nebenwirkungen haben. Die pferdigen Hochleistungssportler, wie Rennpferde, Dressurpferde oder Distanzpferde sollen am häufigsten Magengeschwüre bekommen. Harte Arbeit und Leistungsdruck würden den Pferden genau so auf den Magen schlagen wie dem Menschen. Findige Medikamentationen werden von 18

Tierärzten verschrieben, strenge Futterpläne verordnet. Aber wenn Stress und Arbeit die alleinigen Auslöser für Magengeschwüre wären, sollte man davon ja ausgehen dass die Problematik bei reinen Freizeitpferden, an die nur geringe Leistungsansprüche gestellt werden, deutlich seltener auftreten dürfte. Was dabei aber vergessen wird, ist dass Hochleistungspferde in der Regel weit eingehender medizinisch betreut werden, viele von ihnen konnten auch schon als Probanden in der Forschung mitwirken. Daher ist davon auszugehen, dass Magengeschwüre bei Freizeitpferden nicht seltener auftreten, sondern einfach seltener entdeckt werden. Dafür sprechen auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse.

Das Natürliche Fressverhalten Forscher haben mittlerweile eine andere Theorie zur Entstehung von Magengeschwüren entwickelt. Einmal mehr haben sie sich auf Wurzeln des Pferdes besonnen. Das Pferd ist von Natur aus ein Dauerfresser. Als Steppentier war es den ganzen Tag auf der Suche nach Nahrung. Die Steppe bot lediglich strukturreiches aber ener-


© Gentle Horse Concepts

Pferdeglück

Für die Gesundheit des Pferdes sollten die Fütterungsbedingungen dem natürlichen Fressverhalten so gut wie möglich angepasst sein.

giearmes Futter, Steppengras. Neben den langen Schrittwanderungen von der Wasserquelle zu den unterschiedlichen Weidegründen legten die Pferde sehr lange Entfernungen zurück. In der heutigen Zeit misst man bei den Amerikanischen Mustangs ca. 20 bis 30km pro Tag. Beim Weiden bewegen sich die Pferde langsam schrittweise vorwärts und verbringen so ca. 15 bis 18 Stunden des Tages mit der Nahrungsaufnahme. Das Verdauungssystem der Pferde ist auf diese Art der Futteraufnahme spezialisiert. Und

das bis heute. Trotz der langen und intensiven Zucht ist es dem Menschen noch nicht gelungen Einfluss auf die anatomischen und physiologischen Eigenschaften und Eigenarten des Verdauungstraktes zu nehmen.

Der Magen Der Magen des Pferdes ist sehr klein. Bei einem normalen Warmblüter fasst das Magenvolumen gerade mal 20 Liter. Für ein 600kg-Tier sehr klein. Nun 19


Pferdeglück muss man sich den Magen nicht als aufgeblasenen Luftballon vorstellen, der so groß ist, dass 20Liter in ihn hineinpassen, sondern eher wie einen Ballon der noch nicht aufgeblasen ist. Das Futter, was das Pferd aufnimmt, landet schichtweise im Magen. Das heißt grob für unsere Vorstellung, der Magen wird von vorne nach hinten vollgestopft. Der Nahrungsbrei, der beim Fressen als erstes aufgenommen wird, wird einfach durch den nachfolgenden Futterbrei weiter in den Magen geschoben. Beim Pferd und seinem natürlichen Fressverhalten kann man also davon ausgehen, dass ständig neues Futter das alte Futter durch den Magen in den Dünndarm drückt. Bis ein Magen mal leer ist, dauert es im Schnitt bis zu vier Stunden. Und das auch nur, wenn das Pferd in der Zeit kein neues Futter zur Verfügung hat. Für die Verdauung im Pferdemagen sind unterschiedliche Magenbereiche zuständig. Im vorderen Magenbereich findet eine bakterielle Verdauung statt. Dieser Teil reagiert sehr empfindlich auf die in den folgenden Magenabschnitten produzierte Magensäure. Die Magensäure ist dann in den weiteren Magenabschnitten für die weitere Aufspaltung des Futterbreies zuständig. Die Sie wird immer produziert. Eine Pause gibt es für die Säure-produzierenden Magendrüsenzellen nicht. Und hier liegt ein ganz 20

wichtiger Punkt für das Vorkommen von Magengeschwüren beim Pferd – und auch die Ursache für das Auftreten von Magengeschwüren in scheinbarer Anhängigkeit von der „Arbeit“. Bei der Arbeit, dem Reiten oder Laufen, bewegt sich das Pferd. Nun ist der Magen nichts starr, sondern bewegt sich in gewissen Maßen mit. Genauso wie der Mageninhalt. Bei den höheren Gangarten schwappt nun der Mageninhalt der hinteren Magenbereiche in den vorderen Magenbereich zurück. Hier ist die Magenwand allerdings nicht so widerstandfähig ausgestattet wie im hinteren Magenbereich. Wenn das Pferd also viel Kraftfutter im hinteren Magenbereich hat, dass nun nach vor „geschaukel“ wird, kann das ein Magengeschwür provozieren. Die Magensäure im Futterbrei kann die empfindlicheren Magenwände im vorderen Magenbereich ungehindert angreifen. Schon allein deshalb ist es übrigens sinnvoll das Kraftfutter erst nach dem Reiten zu geben. Außerdem ist Zuckerhaushalt der Pferde dann auch besser auf eine energiereiche Nahrungsaufnahme ausgelegt.

Die Sache mit der Fütterung Zurück zu den Forschern. Sie zogen also die Grundlagen der Pferdeverdauung für ihre Forschungen heran.


Pferdeglück und Gras dringen als beim Kraftfutter. Bei Kraftfutter kann es passieren, dass sich Futterklumpen bilden, die von der Magensäure schlecht bis gar nicht durchdrungen werden können. Deshalb sind Heu und Gras vor dem Reiten in Ordnung, in normalen Mengen sogar sinnvoll, da sie Magensäure binden. Anhand dieser Überlegungen kommt man zu dem Schluss, dass eine unzureichende Raufutterfütterung der Hauptgrund für das Auftreten von Magengeschwüren sein muss.

© Anna Jegerczyk

Geforscht wurde an „normalen“ Pferden, wie sie in fast jedem Freizeitstall in Deutschland vorkommen. Was hierbei bedeutend war: Manche Pferde bekamen ausreichend Heu und die Möglichkeit zur Raufutteraufnahme, andere wurden fast ausschließlich mit Kraftfutter ernährt. Die Kraftfutter-Pferde hatten signifikant mehr Magengeschwüre als die Heu-Pferde. Kraftfutter wird von den Pferden schon im Maul anders vorbereitet auf die Verdauung als Heu und Gras. Heu und Gras werden wesentlich länger gekaut und besser mit Speichel durchfeuchtet. Die Magensäure kann so später im Magen besser durch den Futterbrei aus Heu

Engmaschige Heunetze können helfen die Rauhfutteraufnahm zu regulieren ohne dem Pferd die Möglichkeit zum Fressen zu nehmen, damit die Magensäure gebunden werden kann.

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Pferdeglück Was bedeutet das jetzt für uns? Futtermengen und Futterangebot müssen durchdacht und auf die Bedürfnisse unserer Pferde abgestimmt sein. Faustregel ist nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen 1,5kg Raufutter/ 100Kg Lebendmasse. Für ein 600kg Pferd wäre es also täglich 9Kg Raufutter. Aber Vorsicht, die Heumenge nicht unterschätzen, lieber nachwiegen und den restlichen Futterplan genau abstimmen, sonst droht Übergewicht. Ein vorherrschendes Problem, was gerade bei privat-gehaltenen Pferden immer wieder zusehen ist, sind Pferde, die über einen langen Zeitraum, meistens über den Tag, ohne Futter stehen müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Pferd auf einem Sandpaddock, in der Box oder auf einer abgefressenen Weide steht. Nun werden sicherlich alle „Diätpferde“-Halter aufhorchen. „Mein Pferd muss aber Diät halten“. Richtig, meins auch. Reduzierter Weidegang, Maulkorb oder gesteuerte Fresszeiten, die der Anatomie und Physiologie der Pferde-Verdauung entsprechen sind hier wesentlich ratsamer als den Dauerfresser mit einer Hungerkur zu belegen. Das Pferd muss ja nicht den ganzen Tag energiereiches Heu und Gras zur Verfügung, eine Strohraufe kann den Raufutterbedarf zwischen den Fütterungszeiten gut überbrücken. Auch engmaschige Heunetze sind eine gute Möglichkeit 22

um das Raufutter dosiert anzubieten. Je schwerer es für die Pferde ist das Heu schnell weg zu fressen, desto besser ist es für das Verdauungssystem. Eine andere Möglichkeit, die auch für übergewichtige Pferde Sinn macht, ist das stundenweise Fressen. Vormittags für ein paar Stunden auf die Weide, mittags wieder auf den Paddock mit Heuangebot, abends oder nachts wieder auf die Weide. So entgeht man den Fliegen- und Bremsen, das Pferd hat eine abwechslungsreiche Kost und der Magen kann seiner Natur nach gut verdauen. Wichtig ist auch, dass nicht nur auf den Magen geguckt wird. Häufige Futtermittelwechsel oder ausfallende Weidetage bringen die Bakterienflora im Dickdarm der Pferde durch einander. Und das birgt wieder neue Krankheitsgefahren, wie z.B. Hufrehe.

Die Symptome Bleibt die Frage, woran erkannt man denn nun, ob das eigene Pferd Magengeschwüre haben könnte? Nun das ist schwierig und auch sehr individuell. Die meisten Symptome sind sehr unspezifisch und lassen sich anderen Erkrankungen genauso zu ordnen. Deswegen sind Magengeschwüre auch so schwer zu diagnostizieren. Manche Pferde zeigen gar keine Symptome. Andere Pferde knirschen während des


Pferdeglück Fressens mit den Zähnen oder fressen gar nicht. Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und wiederkehrende Koliken können ebenso Symptome sein. Bei Sandpaddock-Pferde kann man auch die Mimik als Hinweis für ein Magengeschwür nehmen. Unter dem Sattel zeigen magengeschwür-geschädigte Pferde oft extreme Triebigkeit, zögerliches Bergabgehen, Unwillen beim Aufsitzen und Gurten. Ist das Pferd sonst gesund und zeigt trotzdem die üblichen Schmerzhinweise in der Mimik, wie nach hinten zeigende Ohren, krause Nüstern, traurige Augen, festes Kinn und zusammengepresste Lippen, sollte man schon einmal mehr und noch genauer hingucken, um die Ursache dieses Verhaltens zu ergründen.

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Feingefühl

Anna Jegerczyk

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Anna Jegerczyk hat einen Bachelor in Agrarwissenschaften, einen Master in Pferdewissenschaften und ist Natural Hoof Care Barhufbearbeiterin. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit neben der Hufpfkege sind Vegetationskunde, Weidemanagement, Ethologie, Fütterung, artgerechte Haltung, Biomechanik und Alternative Heilmethoden am Pferd. Darüber hinaus ist sie eingeweihte Reiki-Meisterin und lässt diese Gabe auch den Pferden zu Gute kommen.

www.barhuf-pferde.de

Warum Stress auf den Magen schlägt Auch wenn Stress nicht die Hauptursache von Magengeschwüren bei Pferden ist, kennen wir doch alle die Redewendung „etwas schlägt uns auf den Magen“. Aber warum ist das eigentlich so? Warum schlägt der Stress uns auf den Magen? Geraten wir in eine Notfallsituation - Stress, Ärger, etc. - startet unser Hirn eine Art Notfallprogramm im Körper. Das Blut wird blitzartig den eher unwichtigen Körperregionen wie dem Verdauungstrakt entzogen und in die für Kampf oder Flucht benötigten Muskelgruppen gepumpt. Dadurch entsteht das „flaue Gefühl“ im Magen. Stehen wir unter Dauerstress verkrampft sich der Magen dadurch und produziert einen Säureüberschuss. Es kommt zu Schmerzen, Sodbrennen oder auch zu Magengeschwüren. Grundsätzlich könnte dauerhafter Stress also auch bei Pferden Magengeschwüre auslösen.

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Hufspuren

Eine Reise für Jack © Esther Naeter

Vor einiger Zeit kontaktierte mich Frau S., sie sorgte sich um ihren Wallach Jack. Er war schon immer eher traurig gestimmt, kam kaum aus sich heraus. Oft stand er auf der Koppel mit gesenktem Kopf oder schaute einfach in die Ferne. Sie wollte wissen, ob man ihm nicht helfen könnte. Eine Tierkommunikation ergab, dass er es selbst nicht weiß, manchmal eben diese starken melancholischen Anflü24

ge hat und sich selbst nicht dort herausholen kann. Seine Besitzerin und ich entschieden uns für eine schamanische Reise, in der ich in das Unterbewusste gehen kann, genau dorthin, wo die Ursache zu liegen schien. Dies war das Ergebnis: Ich beginne meine Reise und sehe Jack. Er steht mit gesengtem Kopf und ist wie versteinert, wie eine Statue.


Hufspuren Ich gehe weiter und suche für ihn ein Krafttier, das ihm auf dem weiteren Weg helfen soll. Ich gehe an einem Baum vorbei und fühle etwas starkes und doch sehr zerbrechliches. Ich finde ein Eulenküken. Es sagt, es will mit ihm zusammen wachsen, ihm zeigen, dass man zerbrechlich und sanft und dennoch kraftvoll sein kann. Ich nehme es für ihn mit. Ich gehe weiter und suche nach Seelenteilen, die er verloren hat. Ich finde ihn als Fohlen. Er ist sehr sehr lebhaft und springt über die Wiese. Auch in der Box mit seiner Mutter springt er rum. Eines Tages ist seine Mutter nicht mehr da. Er hat Angst und hat das Gefühl, er sei Schuld, wäre er doch ruhiger gewesen, nicht so viel rumgesprungen, dann hätten sie ihm seine Mutter nicht weggenommen. Es ist nicht plausibel aber er empfindet es so, so wie Kinder denken, sie wären Schuld an der Scheidung ihrer Eltern. Ich nehme diesen verlorenen Teil mit. Ich gehe weiter und sehe wie jemand in einem Sarg wegtransportiert wird. Es kann sein, dass jemand, der ihm nahe stand dort verstorben ist, es kann auch ein Sinnbild sein, dass ein Pferdefreund gestorben ist, oder eine freundliche Energie (oder auch ein Mensch) den Hof verlassen hat. Wieder hat er das Gefühl, er sei Schuld da-

ran. Er will so nah niemanden an sich heranlassen, er bringt nur Unglück. Ich nehme auch diesen Teil mit. Ich gehe zurück zum dem Punkt, an dem ich losgegangen bin und sehe nach, ob sich noch fremde Energien an ihm befinden. Ich finde nur sein Schuldgefühl, das ihn umfasst, den Rücken, die Brust und den Bauch. Wie eine kalte Hand. Ich entferne diese Energie und fülle ihn mit positiver Energie auf. Er stellt sich auf und streckt sich. Er sieht aus wie ein riesiger Hengst, voller Kraft und Leben. Ich gehe zurück in unsere Ebene und puste ihm über die Ferne sein Krafttier und die Seelenteile ein. Ich denke, jedes Mal, wenn jemand geht, ihn weggegeben hat usw. hat sich die Schuldfrage noch verstärkt. In unseren Augen ist sie natürlich nicht rational begründet, aber das ist es ja meistens nicht. Ich habe ihm auch erklärt, dass seine Mutter sowieso weggenommen worden wäre und wenn jemand geht oder stirbt, die Zeit dafür einfach da war. Niemanden trifft eine Schuld. Ich hoffe sehr, er wird wieder zu seinem Ich zurück finden und das Leben mehr genießen, was er sich so 25


Hufspuren sehr wünscht. Eine nichtbegründete Schuld zu tragen ist furchtbar mühsam und erfordert immer eine Gradwanderung, denn passiert etwas Negatives, wird es sofort als eigene Schuld angenommen. Ein paar Tage nach dieser Reise erhielt ich von Frau S. folgende e-Mail: Hallo Frau Naeter, hier ist schon einmal der erste kurze Bericht: Seit wenigen Tagen ist Jack größer, aufgerichteter, „erwachsener“. Ich wag es kaum zu schreiben, nicht, dass es nur vorrübergehend ist... oder ich habe mich geirrt... Er ist nicht mehr „der Kleine“. Schon seit fast einer Woche ist er bewegungsfreudiger. Ich denke dann an das Bild von ihm als quirliges Fohlen und lasse ihn lebendig sein. Und unsere Beziehung hat sich verändert. Sie hat mehr die Zuversichtlichkeit und das Vertrauen einer langjährigen Beziehung bekommen. Fühlt sich gut an.

kam ich noch folgende Mail: Jack ist ein offenes, kommunikatives Pferd geworden. Traurigkeit war gestern. Und unser Verhältnis hat sich verändert und verstärkt. Es ist für mich sehr gut, zu wissen, wie wichtig es für ihn ist, auch mal zappelig zu sein. Ich freue mich sehr für Jack und Frau S. und wünsche beiden ein wunderbares gemeinsames Leben. Esther Naeter

Esther Naeter arbeitet seit 2007 als Tierheilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Pferde in Hamburg, im nördlichen Niedersachen und Schleswig-Holstein. 2008 folgten Ausbildungen in Tierkommunikationnach Penelope Smith und schamanischen Heilmethoden, die in ihrer Praxis häufige Anwendung finden. Eine wichtige Lehrerin war und ist ihre Traberstute Cantara, die in ihrer Nähe steht und einen großen Einfluß auf ihre Arbeit mit Pferden hat.

In weiteren Telefonaten teilte mir Frau S. mit, dass Jack sich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich veränderte. Dies wäre sogar seiner Tierärztin aufgefallen, die ihn regelmäßig akupunktierte. Nach einer weiteren Reise, um zu sehen, ob auch alles gefestigt war oder es noch etwas zu bearbeiten gab be26

www.tierkommunikation-naeter.de


Hufspuren

Fluchttiere Pferde sind Fluchttiere, das ist mittlerweile weitestgehend bekannt. Als Fluchttier wird ein Tier bezeichnet, das beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreift. Es sind höchst aufmerksame Tiere, die ständig ihre Umgebung nach Gefahren absuchen. Eigentlich sind sie Pflanzenfresser, die Beute für Raubtiere und nicht geboren zu kämpfen. Entdecken sie eine potentielle Gefahr, treten sie sofort die Flucht an, anstatt zum Angriff überzugehen. Fluchttiere sind beispielsweise Antilopen, Hasen oder eben Pferde. Der Mensch hingegen gilt als Raubtier, aber so ganz verallgemeinern lässt sich das nicht. Unter den Menschen gibt es ebenfalls Fluchttiere. Ein jeder von uns kennt Situationen, in denen man lieber die Flucht ergreift, anstatt zu kämpfen. Schon im normalen Alltag gibt es immer wieder Fluchtszenarios wie Ausflüchte und Ausweichstrategien. Wir sind nicht immer auf der Jagd, wir haben auch eine Fluchtkultur und wenn es langweilig oder zu anstrengend wird, flüchten wir gern mal in den Konsum von Schokolade oder ins Fernsehprogramm. Es gibt noch mehr Beispiele: Das Fluchttier Pferd bittet darum, nicht angegriffen zu werden und Mitglied im Herdenverband bleiben zu dürfen. Gerade Kinder und Frauen verhalten sich oftmals genauso. Auch schrecken

viele zurück, wenn sie körperlich oder verbal angegriffen werden und ergreifen die Flucht. Häufen sich solche Angriffe, werden diese negativen Erfahrungen das psychische Gepäck, das ein Mensch mit sich herumschleppt. Wenn einem zum Beispiel einem Kind dauerhaft die Möglichkeit verwehrt bleibt, Zuversicht und Vertrauen zu Erwachsenen aufzubauen und es immer wieder „in die Flucht geschlagen“ wrd, staut sich der Groll auf und wird sich irgendwann entladen, in ähnlicher Form wie es ihm die Erwachsenen vorgelebt haben. Auch später als Teenager und junge Erwachsene sind diese Kinder dann meist noch immer nicht in der Lage zielgerichtet zu kommunizieren und über ihre Probleme und Bedürfnisse zu sprechen. Von frühester Kindheit an wurden solche Verhaltensmuster geprägt. Wut und Enttäuschung sind auch, wenn Pferdetrainer Monty Roberts von seiner eigenen Kindheit spricht. Er erzählt, wie sein kindlicher Enthusiasmus und seine Zuversicht vom Vater mit Schlägen und Misshandlungen quittiert wurden. Die 72 gebrochenen Knochen, bevor er 12 Jahre alt war, resultierten nicht von Stürzen vom Pferd, auch wenn es gegenüber den Ärzten so dargestellt wurde. Vor der Gewalt und Zurückweisung der Erwachsenen flüchtet das Kind Monty damals in die 27


Hufspuren Gesellschaft der Pferde. Ich habe viele ähnliche Geschichten gehört, nicht nur von Kindern. Auch Erwachsene bevorzugen die Gesellschaft von Tieren, wenn sie von Menschen enttäuscht wurden. Tiere wiederum suchen von Natur aus nach Zufriedenheit und Wohlgefühl und besonders Pferde finden das im Zusammensein mit Artgenossen oder auch Menschen. Tiere haben keine Vorurteile, aber sie fordern alles von uns: Körper und Geist, Verstand und Seele. Vor vielen Jahren habe ich eine Veranstaltung organisiert, bei der Monty Roberts nicht Problempferde sondern „Problemkinder“ traf: geistig oder körperlich Behinderte, Waisen, Hyperaktive, Schwererziehbare. Es war faszinierend zu sehen, wie er ihnen begegnet, welches Leuchten er in ihre Augen zauberte und mit welcher Intuition er gerade das Mädchen auswählte mit dem Pferd in den Roundpen zu gehen, das an diesem Nachmittag seine größte Angst überwinden würde. Seitdem bin ich fasziniert von der Arbeit mit Menschen und Pferden. Während seiner Tour durch Österreich im April 2011 konnte ich Monty Roberts für ein weiteres Projekt interessieren. In Innsbruck besuchten wir einen Pferdehof, wo Jugendliche mit Pferden arbeiten. Die Teenager dort 28

sind die schwierigsten Fälle der Tiroler Jugendwohlfahrt, die Aufgrund ihrer Problemfülle besonderer und individueller Betreuung bedürfen. Manche haben soziale Defizite, Drogenprobleme, sind orientierungslos oder drohen in die Kriminalität abzurutschen. Von den Pferden lernen sie, sich auf vertrauensvolle Beziehungen einzulassen, Verantwortung zu übernehmen und Strukturen zu akzeptieren. Diese Arbeit beruht auf erlebnis- und lösungsorientierten Ansätzen. Die Therapeutin Carina Prantl arbeitet in Kooperation mit der Sozialeinrichtung „Das Netz“ nach dem EAGALA Modell, das Monty auch in USA unterstützt. Das Tiroler Projekt wurde 2010 mit dem dritten Preis im Rahmen der Konferenz "Tiere als Therapie" (TAT) ausgezeichnet. Als ich morgens auf den Pferdehof komme, ist alles bestens vorbereitet. Die Pferde sind geputzt, Stühle aufgestellt und es ist wunderschönes Frühlingswetter. Monty Roberts steigt aus dem Auto, wie man ihn von Fotos kennt: blaues Hemd, rotes Halstuch, braune Jeans und die englische Schirmmütze. Jeden einzelnen begrüßt er persönlich und gibt ihm die Hand, jedem Jugendlichen, jedem Betreuer. Eine Begrüßung ist kein großer Aufwand sagt er, aber sie zeigt dem anderen, dass er dir wichtig ist. Als erstes möchte er dann von den Jugendlichen wissen, was sie über ihn wissen. Nicht um sich wichtig zu machen oder


Hufspuren als VIP zu gelten, sondern das genaue Gegenteil: um ihnen zu sagen, dass er ein ganz normaler Mensch ist, wie sie selbst. Er stellt sich auf dieselbe Stufe, er ist nicht der Pferdeflüsterer aus dem Film und stellt gleich mal klar, dass er sich von dem Film distanziert, wegen der Gewalt gegenüber dem Pferd, die dort gezeigt wird. Das Thema Gewalt wird auch der rote Faden sein, der sich durch die Gespräche zieht. Er erzählt aus seiner Kindheit, von der Gewalt, die ihm sein Vater angetan hat, von verlorenem Vertrauen in den Vater und ebenso in die Ärzte und Lehrer, die ohne weiteres immer glauben wollten, dass seine Verletzungen von Stürzen vom Pferd herrühren würden und nicht von Schlägen und Misshandlungen.

©Martha Judmaier

Drogen und Alkohol werden meist als Ursachen für die Probleme von Jugendlichen gesehen. Ungefähr 15 Jahre alt waren sie, erzählen die Jugendlichen, als sie zum ersten Mal damit in Berührung kamen. „Und wie alt warst du, als du das erste Mal Ge-

walt in deinem Leben erfahren hast?“ fragt Monty jeden von ihnen. Fünf oder sechs Jahre alt sagen sie und es herrscht ein kurzer Moment Schweigen. Vier Jahre alt war er selbst sagt Monty und als er dann älter wurde, hat er angefangen American Football zu spielen. Er wollte jeden angreifen der das Trikot mit der anderen Farbe trug, erfahrene Gewalt mit angewandter Gewalt bekämpfen. Er erzählt von seiner Wut, die sich so aufgestaut hat, dass er seinen Vater töten wollte und zieht ein altes Foto aus seiner Brieftasche. Darauf ist Sister Agnes Patricia, seine Lehrerin, die ihm klar gemacht hat, wenn er das täte, dann wäre er genauso wie sein Vater, er würde im Gefängnis landen und gar nichts hätte sich verändert in dieser Welt. Da entschied er sich gegen Gewalt und startete seine Mission, die Welt zu einem besseren Ort zu machen als er sie vorgefunden hat, für Pferde und Menschen. „Wenn ein junger Mann einer alten Dame die Handtasche raubt, wie viele Täter gibt es?“ fragt Monty in die Gesprächsrunde. Einen, ist die gemeinschaftliche Antwort. „Und wie viele Opfer gibt es?“ Zwei Opfer sind es, die alte Dame ist das Opfer eines Handtaschenraubes und der junge Mann ist auch ein Opfer; ein Opfer von Umständen, die ihn zum Dieb gemacht haben.

Die Gesprächsrunde berührt alle Teilnehmer tief.

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Hufspuren Aber du kannst etwas ändern, sagt er den Jugendlichen, erzähle deine Geschichte, schreib sie auf und mach es besser. Wenn er nur einen jungen Mann davon abhalten kann gewalttätig zu sein, seine Frau oder seine Kinder zu schlagen, dann hat er sein Ziel schon erreicht. Monty spricht mit jedem, direkt, klar aber ohne Einzelheiten. Er will nicht wissen, wer schuld war oder warum etwas passiert ist. Manchmal verpackt er auch die Antwort in eine Frage, weil er es meistens sowieso schon ahnt. Die Sozialarbeiter wundern sich, wie schnell die Jugendlichen Vertrauen fassen und wie offen sie erzählen; manche der Details haben die Betreuer selbst erst nach Wochen oder Monaten erfahren. „Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du wertvoll bist?“ fragt Monty die Jugendlichen weiter. Die Antworten verursachen Gänsehaut, sehr oft haben sie es nicht zu hören bekommen, manche auch gar nicht. Jeder von euch ist ein wertvoller Mensch sagt Monty den Jugendlichen, jeder kann etwas bewegen. Jeder kann etwas aus seinem Leben machen, erreichen was er will, wenn er bereit ist sich anzustrengen und zu lernen. Er fragt sie nach ihren Zukunftsplänen und spricht mit ihnen über den Wunsch nach Familie und über Berufe, die mit Computern oder Schuhen zu tun haben. Geduldig beantwortet Monty Roberts alle Fragen, denn er weiß selbst, aus eigener Erfahrung, wie wichtig es im30

mer wieder war, dass sich jemand für ihn Zeit genommen hat und mit ihm gesprochen hat. Ein dunkelhaariges Mädchen ist während dieser Gespräche besonders verschlossen. Grimmige Blicke, verschränkte Arme, flapsige Antworten, keine Perspektiven und wenig Zukunftspläne. Du lebst in Westeuropa, sagt ihr Monty, du wirst immer zu essen haben und Möglichkeiten, eine Ausbildung zu machen um eigenes Geld zu verdienen. In anderen Teilen der Welt würde man dir so eine Chance nicht geben, also nütze diese hier. Das Mädchen sieht ihn an und zieht die Augenbrauen zusammen. Dann zeigen die Jugendlichen ihre Arbeit mit den Pferden. Gemeinsam möchten sie die Stute und den Wallach von der einen Seite des Reitplatzes zur anderen bewegen – ohne Halfter und Strick, nicht führen sondern mit Körpersprache, mit leichten Berührungen, keinesfalls mit Gewalt oder laut. Sie sind ernsthaft bei der Sache, agieren ganz sanft, vorsichtig, mit unendlich viel Geduld. Eine Menge Gedanken machen sie sich, was dem Pferd vielleicht weh tut oder wie man sich ihm verständlich machen kann. Sie bleiben dabei, bis das Ziel erreicht ist. Die Erfahrungen, die sie dabei machen, sollen sie auf ihren Alltag und auf andere Menschen übertragen, denn mit den Pferden haben sie ein Gefühl dafür bekommen, wie Beziehungen funktionieren können. Und wir hoffen


Hufspuren

©Doris Semmelmann

Die Jugendliche zeigen ihre Arbeit mit den Pferden.

dass sie nicht so oft enttäuscht werden, dass sich jemand findet der aufmerksam ist und achtsam, zuhört und nicht vorschnell urteilt. Beim abschließenden Gruppenfoto dann, will das dunkelhaarige Mädchen unbedingt neben Monty stehen. Und dann kommt es natürlich genau so, wie es immer kommt, es passiert ständig: Eines der Pferde mag sich dem Menschen nicht anschließen, zeigt kein „Join Up“. Beim Join up begegnen sich Mensch und Pferd in einem Roundpen. Das Pferd wird weder festgehalten noch festgebunden und hat somit Gelegenheit sich vom Menschen zu entfernen.

Wenn es sich entscheidet wegzugehen, signalisiert der Mensch mit Körpersprache und Augenkontakt: "Ich bin einverstanden mit deiner Entscheidung zu fliehen, aber dann geh nicht nur ein Stückchen, sondern geh richtig weg.“ Die natürliche Fluchtdistanz von Pferden beträgt etwa 600 Meter. Danach überprüfen sie in der Regel ihre Entscheidung dahingehend, ob es Sinn macht weiter zu fliehen und damit weitere körperliche Energie zu verbrauchen oder ob es andere Möglichkeiten gibt. Das Pferd hat somit die Wahl zwischen weiterer Flucht oder Kontaktaufnahme und Kommunikation mit dem Menschen. Das Pferd als Fluchttier wäre allein in freier Wildbahn dem Tod ausgeliefert und wird 31


Hufspuren instinktiv immer versuchen in den Schutz der Herde zurückzugelangen. Anzeichen für die Bereitschaft, sich dem Menschen anzuschließen sind das Ohrenspiel, Senken des Kopfes, Leck- und Kaubewegungen und ein enger werdender Zirkel. Sobald das Tier diese Gesten zeigt, nimmt auch der Mensch eine passive Haltung ein, wendet sich leicht ab, lässt die Schultern hängen, senkt die Arme und sieht dem Pferd nicht mehr in die Augen. Mit dieser Körpersprache signalisiert der Mensch dem Pferd, dass es sich nähern darf und keine Angst vor einem Angriff haben muss. Mit seiner Annäherung zeigt das Pferd, das es den Menschen als Leittier akzeptiert

und ihm Vertrauen entgegenbringt. Zur positiven Verstärkung und Bestätigung streichelt der Mensch das Pferd auf der Stirn. Dies ist der Moment des Join-Up. Genau nach Lehrbuch hat das Mädchen alles probiert und das Pferd hat auch alle Kommunikationszeichen gezeigt. Aber dann will es sich nicht anschließen, es kommt nicht bis an die Schulter, fasst kein Vertrauen. „Hat das Pferd es nicht richtig gemacht oder du?“ fragt Monty das Mädchen und lächelt sich an, denn die Pferde machen es instinktiv, alle 20.000 mit denen er bisher gearbeitet hat.

©Doris Semmelmann

Join Up.

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Hufspuren Kurzerhand wird der Reitplatz abgeteilt, ein Roundpen improvisiert, Menschen stehen als natürliche Begrenzung hinter dem rotweißen Absperrband. Das Pferd kommt mit dem Stallhalfter und eine Longe wird ausgeliehen. Monty betritt den Platz und erklärt im Schnelldurchlauf die Theorie: Flucht des Pferdes in beide Richtungen, die vier Kommunikationszeichen, auf die er wartet und die auch prompt zu erkennen sind. Dann dreht er sich nach innen, passiv, mit gesenktem Blick und hängenden Schultern. Das Pferd dreht mit, nähert sich ein bisschen und bleibt einen guten Meter entfernt stehen. Es ist mucksmäuschenstill. Monty macht ein paar kleine Schritte bogenförmig auf das Pferd zu und zeigt nochmal klar und deutlich die einladende Geste. Er ist nicht enttäuscht oder sauer, er gibt dem Pferd einfach noch eine Chance seine Entscheidung zu überdenken und eine neue Entscheidung zu fällen. Und dann, ganz vorsichtig, kommt das Pferd zu Monty heran. Als Belohnung erhält es eine Streicheleinheit auf der Stirn zwischen den Augen, das ist der Moment des Join up. Man hört kein „na endlich!“ oder „geht doch!“ oder andere ernüchternde Kommentare. Einfach eine sofortige positive Konsequenz für das gewünschte Handeln. Die Jugendlichen beobachten genau seine sanfte Art, aber auch seine Beharrlichkeit. Er lobt

positive Reaktionen und bleibt auch bei negativem Verhalten ruhig und entspannt. Dem Pferd hat er geduldig Zeit gegeben und wiederholt stille Einladungen kommuniziert. Zuwenig Geduld und zuwenig Beharrlichkeit waren die die Ursache gewesen, warum das Pferd sich dem Mädchen nicht anschließen wollte. Mache die richtigen Posen, gebe die richtigen Zeichen und das Pferd muss kommen, hatte sie gedacht und dabei ganz vergessen, dass sie es mit einem Lebewesen zu tun hat, dessen Vertrauen sie gewinnen will. So hat es dann aber geklappt, mit positiver Verstärkung, Geduld und freundlicher Wiederholung und so hat auch das Pferd verstanden, dass es dem Menschen vertrauen und sich gefahrlos anschließen kann. Und das ist es, was diese Jugendlichen hier auch brauchen: Geduld, Vertrauen und eine zweite Chance die richtige Entscheidung zu treffen. Das Fehlverhalten von Jugendlichen wird leider oft auf ähnliche Weise behandelt, wie man auch konventionell mit Pferden umging. Zwang, Druck und übergriffige Therapien mit dem Ziel das Ego des Teenagers zu brechen sind vergleichbar mit den Methoden, die verwendet werden um Pferde zu brechen. Doch nur wenn man den Betroffenen an der Entscheidung betei33


Hufspuren ligt, kann man eine nachhaltige Veränderung in Gang bringen. Man muss ihnen nicht sagen, was sie falsch machen, das merken sie mit etwas Unterstützung meist selbst – wenn man sie hingegen im Richtigen bestärkt und reelle Möglichkeiten anbietet, können sie positive, intelligente Entscheidungen treffen, sowohl Pferde als auch Menschen. Erlebnisorientiertes Training von Menschen mit Pferden ist mehr als Pferdestreicheln, Cowboyromantik und Outdoor- Survivals. Pferde stellen eine Verbindung zum Menschen her, sie sind sehr gute Lehrmeister, man muss sich nur darauf einlassen, ihnen zuzuhören. Denn die Legende sagt, seit dem Moment in der Urzeit als dem ersten Pferd ein Halfter angelegt wurde, gab es einige wenige Menschen, die bis in die Seele dieser Pferde blicken konnten und ihre Angst verstanden. Weil man annahm, dass diese Menschen den Pferden geheime Zaubersprüche in die Ohren flüsterten, nannte man sie die Pferdeflüsterer. Das ist ein Mythos, denn Wahrheit und Realität sind evidenter. Gewalt gegen andere entsteht aus eigner Angst und diese Angst entsteht durch Unsicherheit und Unwissenheit. Nur durch friedliche Kommunikation können wir Wissen erlagen 34

und Vertrauen gewinnen, das ist der Weg zu Toleranz und gegen Gewalt. Denn Gewalt ist niemals eine Lösung. Sie dient immer nur dem Täter, nie dem Opfer. Kein Lebewesen ist mit dem Privileg geboren einem anderen zu befehlen: mach, was ich dir sage oder ich werde dir wehtun. Das ist die Lektion wir von den Pferden lernen können, wie hier an einem Frühlingstag in Tirol. Doris Semmelmann

- Zurück zu SpSpass Doris Semmelmann war ursprünglich Führungskraft in einem großen Unternehmen. Als sie bei den Pferden nach Entspannung suchte, entdeckte sie, dass diese uns noch viel mehr geben können. Heute gibt sie pferdeunterstütze Seminare für Kommunikation, Stressbewältigung, Lifecoaching und vieles mehr.

www.dorissemmelmann.de


Hufspuren

„Einmal mein Leben...“ - Geschichte eines Fohlens - Augen -

©Nina Walther

… Langsam wurde es hell und ich sah das erste Mal meine Welt. Ich war mir nicht sicher, aber sie kam mir sehr klein vor. Sie war immer noch nass, sehr kalt und so gelb? Ich stand also auf und lernte erst mal meine Mama richtig kennen. Ich schnupperte überall an ihr, nahm alles in den Mund. Und immer wieder das leise Blubbern von Mama, das tat so gut. Mama war glaube ich sehr froh dass es mir gut ging.

Mama fing an das gelbe Zeug zu essen, ich probierte auch gleich davon, aber Mamas Milch ist einfach viel besser, doch da sie lag kam ich leider nicht ran. Leise war es als ich mich weiter in meiner kleinen Welt umschaute, nur ein leises Piepsen konnte ich ab und an mal hören. Ich schaute Mama fragend an, ich glaube sie hatte das was wir hörten auch noch nicht gesehen. Auf einmal vernahmen meine Ohren ein leises Pusten und Blubbern, ich schaute wieder zu Mama, sie war es nicht. Ich ging in meiner Welt umher und das Pusten und Blubbern wurde lauter, ich konnte es einfach nicht sehen. Nun war es so laut das ich es deutlich hören konnte, es wurde warm auf meinem Rücken und ich war so erschrocken dass ich beim Versuch weg zu laufen über meine Beine fiel. Nun lag ich da und schaute in zwei noch größere Augen wie Mama sie hat. Was mich am meisten wunderte war der große helle Stern zwischen den Augen. Sie schaute mich sehr freundlich an und blubberte so wie Mama nur etwas lauter. Ich kam also auf die Beine und ging langsam zu 35


Hufspuren ihr, nicht so weit dachte ich, ich blieb bei Mama stehen. Meine Neugier war so groß, ich wollte unbedingt wissen wer sie ist. Ich nutzte die ganze Länge meines Halses und sie pustete mich an. Wieder war ich so erschrocken dass ich beinahe hin fiel und suchte das weite. Ich muss einfach wissen wer sie ist. Ich nahm also wieder meinen ganzen Mut zusammen, Mama blubberte und ich wusste alles ist gut. Ich pustete ihr zurück und schnubberte an ihr, sie roch fast genauso wie Mama. So verging Tag für Tag und jeder Tag war wie der andere. Das ist meine kleine Welt. Ich lag bei Mama, als eines Tages ein ohrenbetäubendes Geräusch von so fern erklang. Mama sprang auf und sie schrie fast genauso entsetzlich. Das hatte ich nie zuvor von ihr gehört, war ihr Blubbern doch immer so leise. Nun kapierte ich das meine Welt gar nicht so klein zu seinen scheint, ich konnte es nur noch nicht sehen. Klack, klack, klack ich hatte Angst, Mama gab mir nicht wirklich das Gefühl von Sicherheit, war sie selbst doch so nervös. So kannte ich Mama nicht. Klack, klack. Es wurde immer lauter und aus einer anderen Ecke schrie 36

es wieder. Ich ging hinter Mama, sie blieb einfach nicht stehen. Das klack war weg und ich schaute in zwei Augen. Ich war mir nicht sicher, sie waren so leer doch der Rest schaute so freundlich. Sie schaute mich an und sagte „Du bist Finn“. Was das bedeutet sollte ich erst später erfahren. Zu den zwei Augen gesellten sich zwei noch kleinere Augen. Diese Augen strahlten, hatten sie vielleicht so was wie mich noch nie gesehen? Schnell war Mamas Aufregung verschwunden und knabberte wieder an dem gelben Zeug. Das Klack entfernte sich nun und die zwei kleineren Augen blieben. Ich ging zu ihnen und roch daran, sie waren sehr freundlich. Ich knabberte sie an, sie schmeckten nach nichts. Die kleinen Augen sagten „Na mein Kleiner, alles wird gut“ so gingen die kleinen Augen. Das Klack kam wieder näher und es flog etwas Grünes über den Rand meiner kleinen Welt. Mama stürzte sich gleich drauf. Als ich er probieren wollte wurde Mama sehr hektisch und schickte mich weg. Dabei wollte ich doch bloß wissen was Mama da isst. Nun war lange nichts mehr von den Augen zusehen. Nur die kleinen Augen kamen und brachten ab und an


Hufspuren etwas Grünes vorbei. Es verging Tag um Tag und meine Mama wurde immer schwächer. Mamas Milch war auch nur noch selten da. Mir blieb nix anderes übrig als das zu essen was Mama aß. In meiner Welt wurde es langsam immer wärmer. Es wurde immer heller. Doch eines Tages wurde es auf einmal wieder dunkel und es wurde sehr laut, es prasselte auf das Dach meiner kleinen Welt, ich vernahm immer so ein Geräusch wie ein Donnern. Ich bekam Angst und Mama blubberte nur leise. Zu dieser Zeit merkte ich das Mama immer unruhiger wurde. Sie stand nun öfters und schaute raus. Es muss sich draußen einiges ändern, denn die anderen im Stall waren genauso unruhig wie meine sie.

Nach einigen Tagen ging plötzlich die Tür auf. Viele Stimmen kamen immer näher. Wir merkten dass sich etwas ändern wird. Die Aufregung war nun so groß das ich am ganzen Körper zitterte. Die vielen Augen sahen über meine kleine Welt. Die Augen hatten grünes Fell. Ein Augenpaar sah anders aus. „Wenn sich hier nicht bald etwas ändert, müssen wir etwas ändern“ Mama roch an diesem Mann. „Alles wird gut“. Mama schaute zu mir und blubberte leise. Beim nächsten Mal erzähle ich euch, wie sich mein Leben schlagartig ändern sollte...

Für Finn aufgeschrieben von Nina Walther

Nina Walther reitet seit ihrem 6. Lebensjahr. Als agebildete Physiotherapeutin stimmt sie ihr Pferdetraining auf die muskulären Bedürfnisse des Pferdes ab und steht auch anderen mit Rat und Tat in Gesundheitsund Motivationsfragen zur Seite. Seit 2 Jahren bildet sie ihren Eddi gebisslos aus. Zudem fotografiert und zeichnet sie wann immer Sie Zeit dazu findet. Von ihr stammen auch die Cartoons im Magazin. http://blitzlicht.d-complex.de

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Hufspuren

White Companion - Unsere Geschichte Aller Anfang ist schwer Im Mai 2010 ist er 13 Jahre bei mir. Und ich weiß noch genau, wie meine Mutter und ich zu meinen Großonkel gefahren sind und eigentlich nur nachfragen wollten, ob er die Augen für uns offen halten kann, denn wir würden gerne endlich ein Pferd kaufen, ein braves und "normales" Pferdchen. Doch er hatte gleich eines im Stall stehen "Hier, schaut euch den doch mal an!" sagte er und zog meinen dicken, struppigen und eher minder muskulären Schimmel aus der Box "Schimmel... och nee..." dachte ich, aber dennoch hat dieser "Schimmel" mich neugierig gemacht. Hannes, mein Großonkel, meinte nach den ersten Reitproben, dass er bald ein Ponystute bekommen würde, die ich auch ausprobieren solle, da es für mich für den Einstieg mit einem Pony einfacher wäre . Aber ich war mir bereits zu diesem Zeitpunkt 100% sicher, dass ich nur den kleinen Schimmel haben wollte.

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Heute kann ich nicht mehr sagen warum ich grade dieses Pferd mein Eigen nennen wollte- ich war zu der Zeit 10 Jahre alt und eine altersentsprechend "gute" Reiterin; und der Schimmel, nunja... er lief nunmal =) Aber es kam eben so, dass ich nicht viel später ein Pferd im eigenen Stall Willkommen heißen durfte. Wer hätte das gedacht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (rumalbern, bocken und alles was dazu gehört) fanden wir bald eine Reitlehrerin, bei der ich, wie es mir im Nachhinein bewusst wurde, reiten lernte. Aber hier liegen zurückblickend Glück und Unglück nah bei einanander... so erfolgreich wir auch auf Turnieren dank ihrer Hilfe wurden... so unsanft war zeitweise auch die Art und Weise, "wie" wir zu diesem Erfolg kamen- zwischendurch musste ich die Gerte zum Einsatz kommen lassen und ihm unliebsam zeigen, wer der Boss ist. Damals wusste ich es nicht besser. Im Nachhinein wirft es einen Schatten auf diese rosig erscheinende Zeit. Und dennoch wuchsen wir immer mehr und mehr zusammen. Heute denke


Hufspuren ich, dass es sich doch auch nicht unter Menschen gehört, dass man gewaltätig wird, wenn jemand etwas nicht machen will und, dass dieser jemand auch stets einen Grund dafür haben wird, warum er etwas nicht will. Warum sollte es bei Pferden anders sein. Warum dürfen wir ihnen Schmerzen zufügen, wenn sie etwas nicht wollen-besonders wenn der Grund meistens Angst und Verunsicherung ist? Natürlich spricht nichts dagegen, die Pferde "in Gang zu bringen" sei es mit Sporen oder Gerte, vorausgesetzt sie sind einfach nur faul- aber auch da sollte man sich immer bewusst sein, in welchem Ausmaße man sein Pferd "triezt". Besonders die Erfahrenen sollten versuchen einen sanften Weg an Anfänger weiterzugeben.

Wie gut, dass Pferde nicht

Ich glaubte ihr... Eine Saison später kannte Blue Boy alle Aufgaben in und auswendig. Und es kam wie es kommen musste: Trab-Tour... alles klar. Doch dann sollte angaloppiert werden, aber mein Schimmel wusste schon vorher, wo er angaloppieren musste und wurde spannigexplodierte förmlich, als ich ihn dann das Kommando zum Galopp gab- und damit war die Prüfung gelaufen. Ich war traurig. Schnell wechselte ich in höhere Klassen... jedoch mit nur wenig Erfolg, denn es prägte mich zu wissen, dass er zum Angaloppieren nicht mehr ruhig bleiben konnte und ich verspannte mich.

Das Ende der Turnierkarriere?

nachtragend sind

Und noch ein Fehler machte mir bald meine "Karriere" zum Verhängnis: Wir waren im E-Bereich unschlagbar (vor allem Dressur, aber auch im Springen), aber obwohl es schon längst an der Zeit war, in den A oder L Bereich zu wechseln, pochte meine Reitlehrerin darauf in den tieferen Klassen zu starten; mit der Begründung "dass es im Moment noch zu viele gute A Reiter gibt, und die müssen erst in den L Bereich, damit wir überhaupt Chancen hatte."

War dies nun das Ende meiner ach so geliebten Dressur-Karriere? Obwohl wir trainingsmäßig schon auf M-Niveau arbeiteten? Hinzu kam, dass meine Reitlehrerin meinte, ich sollte meine "Reitkünste nicht an den Schimmel verschwenden, weil aus ihm eh nichts würde und meine Beine viel zu lang für ihn seien" (Er ist 1,52 m-klein, aber durch seinen Körperbau und seine Aufrichtung machte er viel wett). Ich wollte diesmal nicht auf sie hören.

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Hufspuren Ein Ausweg? An diesem Punkt kam eine andere Geschichte ins Spiel. Ich habe selbst lange voltigiert und nachdem sich meine Mannschafte trennte, gab ich selbst Voltigier-Unterricht. In meiner größten Mannschaft gab es jedoch ein Mädel, das zu alt und zu gut war, um in der Mannschaft zu bleiben. Und so kam mir die Idee, meinen Schimmel als Einzelvoltigierpferd auszuprobieren. "Der ist zwar klein-aber fürs Einzelvoltigieren reicht es!" Schnurstraks wurde mein Dressur-Freak zum Volti-Freak und er bekam mehr als genug Lob von allen Seiten. Und ich hatte guten Grund sehr stolz zu

sein, auf die Voltigierein und besonders auf mein Pferd, der durch seine versammelte Galoppade viele Übungen ermöglichte. Es funktionierte noch besser, als erwartet.

Dann der Schicksalsschlag Spat. War wieder alles vorbei? Sollte die Arthritis-Erkrankung der Sprunggelenke uns vollends aus den Sport kicken? Wir fuhren mit ihm zur Pferdeklinik und man beschrieb uns, nach Analyse der Röntgenbilder, welcheTherapiemöglichkeiten es gibt und wie welches Mittel hilft und zunächst hörte es sich gut an... zuerst. "Mit dem Mittel kann er schmerzfrei gehen, mit dem kann er auch galoppieren, wenn du merkst, dass er im Trab nicht lahmt..." Mir standen Tränen in den Augen. War das alles? Ab und zu ein wenig galoppieren? Manche Wochen nur mit Schmerzen laufen? Man musste es mir angesehen haben, wie unglücklich ich war- diese Aussichten Schnitten mir tief ins Fleisch.

Aus - Von jetzt auf gleich? Und dann fragte der Arzt mich: "Hör zu, was willst du denn? Was soll er in die-

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Hufspuren sem Alter noch gehen?" und ich merkte wie der Kloß in meinem Hals wuchsund wenn Blue Boy noch 10 Jahre älter wäre, das Alter ist in diesem Fall egal, dachte ich. "So wie vorher... Blue Boy und ich-wir vertrauen uns blind... und es hat immer Spass gemacht mit ihmzu arbeiten. Und ich weiß auch, dass ihm es Spass macht! Er ist mein ein und alles, er soll noch etwas vom Leben haben- aber schmerzfrei und ohne Bedenken, dass es Nebenwirkungen geben könnte. Er ist unersetzbar!" Meine Stimme muss gebebt haben und ich dachte nur "Sagen Sie jetzt bitte nichts Falsches, dann geht unser Traum den Bach hinunter" "Es gibt ein neues Mittel, dass wir eigentlich nur großen, jungen (Blue Boy war

zu dem Zeitpunkt 15) Turnierpferden anbieten, es hält den schmerzhaften fortschreitenden Prozess auf. Dennoch gibt es keine Garantie, dass es wirkt und es stoppt den Spat nur für 9 Monate vielleicht länger vielleicht kürzer, das ist abhängig von der Belastung. Man kann die Behandlung beliebig wiederholen, das Medikament kommt aus der Human-Medizin und ist nachweislich nicht schädigend." Für meine Mutter und mich war sofort klar, dass das die Behandlung ist, die Blue Boy bekommen sollte, egal wie viel es kostet.

2 Monate später waren wir wieder voll im Training und vergaßen das Bibbern und Bangen um ihn schnell. Es ging weiter im Dressurunterricht und Maren, seine Voltigiererin, wusste seit dem umso mehr, was sie an ihm hatte und mittlerweile startetenn wir auf Turnieren in M-Prüfungen. Seit fast 4 Jahren läuft er "wie geschmiert" wir haben die Behandlung erst einmal wiederholen müssen und danach war er auch schnell wieder fit. Mittlerweile musste Maren den Volti-

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Hufspuren giersport aus beruflichen Gründen an den Haken hängen und Blue Boy läuft aushilfsweise bei meiner ganz kleinen, jungen Gruppe. Und seit nun ungefähr 3 Jahren macht uns etwas ganz anderes aus. NHS, die Freiheitsdressur, das Halsringreiten, die zirzensischen Lektionen und die Bodenarbeit im Allgemeinen machen ihn zu einem kleinen "Star", nicht nur in unserem Verein, sondern mittlerweile auch in anderen Dörfern. Es macht Spass. Nach den vielen Tiefs ist genau das der Weg, der uns beide zufrieden stellt. Es gibt immer wieder Neues zu lernen und es wird nie langweilig. Minute für Minute lerne ich mehr von und über meinen Schimmel. Oft

weiß ich nicht, warum er weiß, was ich von ihm möchte. Ich führe das darauf zurück, dass wir nun endlich einen absolut vertrauen-und respektvollen Weg zueinander gefunden haben. Und ich kann mich stetig in der Sicherheit wiegen, dass ich nicht unfair zu meinem Pferd bin.

Zusammengefasst... ...gibt es nichts Schöneres auf der Welt, als ein gesunder Pferd im Stall zu haben, das dir wiehernd und stürmisch entgegenläuft, das mit dir schmust und das dir auf allen Wegen Gesellschaft leistet, mit dem man sich necken kann, man aber weiß, dass es nie riskant wird und dessen Eigenarten man liebt. Immer wieder erlebe ich Situationen mit meinem Schimmel, über die ich selber nur mit dem Kopf schütteln kann und wo ich denke:"Herrje, Schmii, du bist doch wirklich nicht normal."-so ist es z.B. ganz normal, dass er sich auf die Hinterbeine stellt, sich umdreht und in einem Mordstempo rückwärts weiterläuft, wenn ihm im Gelände etwas ungeheuer ist. Manche mögen das Ungehorsam nennen, ich nenne es Charakter. Genauso wie das Umschmeißen des Wassereimers, wenn dieser leer ist "Einmal einen neuen Eimer mit Wasser,bitte", oder das Katzen-Ärgern, in dem er sie vorsichtig an den Schwanzhaaren hoch-

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Hufspuren

- Zurück zu SpSpass zieht und auch das gelegentliche Rumalbern auf der Wiese, beim Volti oder beim Ausritt...zeigt mir, dass mein Pferd noch Pferd ist und Persönlichkeit besitzt und auch einfach mal keinen Bock hat und ...dass wir zusammen gehören. Und der kleine Chuck Norris macht unser Glück komplett. Er ist mit seinem knappen Meter unser kleiner Flitzer, aber gleichzeitig auch ein Spielkamerad. Freiheiten genießen auf der Koppel und bei der Arbeit- es ist toll

Karin Brinkmann entdeckte durch ihren Vierbeinigen Begleiter Blue Boy die Freude an der Vielfalt im Umgang mit dem Pferd. Zirzensik, Naturalhorsemanship und das Halsringheiten gehören heute zu den besonderen Leidenschaften der beiden. Karin gibt ihr Wissen in diesen Bereichen gern auf Lehrgängen und Seminaren weiter und begeistert gemeinsam mit Blue Boy das Publikum auf verschiedensten Show-Events

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Von diesen Pferden werde ich immer erzählen. vergessen werde ich sie niemals.

Karin Brinkmann

www.whitecompanion.de

Und in der Tat, ein Pferd,das sich stolz trägt, ist etwas so Schönes, Bewunderns- und Staunenswürdiges, dass es aller Zuschauer Augen auf sich zieht. Keiner wird müde, es anzuschauen, solange es sich in seiner Pracht zeigt Xenophon © rl-werbemanufaktur.de

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Stallgeflüster

Geschichten vom Pferd: „Aber es ist doch grün!“ Cantara war der Meinung, alles was grün ist, ist auch essbar.

Hilfesuchend sah sie mich an und sagte:“ Aber es ist doch grün!“

Ich habe immer versucht ihr klar zu machen, dass das eben nicht der Fall ist, aber was weiß ich Mensch denn schon über die Wunder der gesunden Nahrungsaufnahme und wurde auf meine doch sehr merkwürdigen Essgewohnheiten hingewiesen.

Es hat mich einige Mühen gekostet, ihr den Ring aus dem Maul zu entfernen, denn bis zum letzten Moment wollte sie es nicht wahrhaben. Ich hätte gern ein Foto gemacht, aber diese Schmach festzuhalten hätte unser Verhältnis doch sehr gestört.

Es kam wie es kommen musste. Sie wollte nicht hören und musste es schmerzlich erleben.

Nun ja, seit diesem Erlebnis habe ich festgestellt, dass sie ein Faible für rosa Dinge entwickelt, zumindest probierte sie vor Kurzem an einem rosa Bobby Car. Rosa ist eben das neue Grün!

In einem Eimer hatten die Kinder des Hofs einen grünen Plastikring liegen gelassen. Als ich Cantara vom Paddock holte, ging sie schnurstracks auf diesen Eimer zu und ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken. Essen, ja, Essen. Ich ahnte es schon, doch ich dachte, sie muß ihre Erfahrungen machen. Also wühlte sie in diesem Eimer herum und die Freude über den unerwarteten Fund wich einer verständnislosen Verzweiflung. Plötzlich stand sie ruhig, mit dem Kopf in diesem Eimer. Langsam nahm sie den Kopf hoch, im Maul, als würde sie ihn apportieren wollen, diesen grünen Ring. 46

Esther Naeter


Stallgeflüster

Übrigens: Da es zu diesem Thema sehr unterschiedliche Meinungen gibt, habe ich einfach mal Pferde gefragt wie sie es „sehen“. Farben eben. Töne wie grün und blau z.B. scheinen sie recht gut wahrzunehmen, auch gelb ist noch recht deutlich. Rottöne scheinen sie deutlicher über deren Schwingungsebenen wahrzunehmen, sie fühlen sich kräftiger an. Ich habe aber festgestellt, dass es auch hier individuelle Wahrnehmungen gibt, der eine bekommt diesen Ton deutlicher, der andere einen anderen. Ich habe dann Cantara gefragt, wieso es so ist. Sie sagte, es kommt darauf an, was Dir zum Überleben wichtig ist. Das Wahrnehmen von Futter, Wasser und Warnfarben ist überlebenswichtig, auch wenn Pferde zusätzlich alles mit Riechen bzw. teilweise sogar nur dadurch wahrnehmen.

Illustration: Nina Walther

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Hufspuren

Das Seepferdchen und die Nixe Für mich ging ein Traum in Erfüllung. Eine Anzeige im Blaadje und mein Leben sollte sich ändern. Nachdem ich den Text annonciert hatte, klingelte zwei Tage später mein Telefon. „Ja hallo, ich bin Martina, ich habe deine Anzeige gelesen, du suchst jemanden der dich mit ans Meer nimmt. Also wenn du willst, ich habe noch einen Platz frei.“ Ich dachte in diesem Moment, welche Anzeige? Welches Meer, hee Platz frei - YIPPIE. Mein Traum sollte doch tatsächlich wahr werden. Acht Wochen und zwei Wallach-Dates später, sollte es Samstagmorgen losgehen. Quer durch die Niederlande, nach Shouwen-Duiveland, in die schöne „Party-Hochburg“ Renesse. Die Reisezeit betrug zweieinviertel Stunden. Als wir in der Manege Grol ankamen, war ich überwältigt von diesem Riesenstall. Ich dachte nur: „Ja und hier soll mein Pferd stehen, mit all den anderen? Hier musst du durch, um deinen Traum zu träumen, darfst du dich jetzt nicht wuschig machen lassen.“ Martina und ich, oder besser gesagt DaCapo und Barock bekamen zwei Boxen nebeneinander, genau vor dem Reitplatz am Ende der Stallreihe. Unsere Wiese war gut zu Fuß erreichbar, so dass wir den Pferden zur Erholung bis zum Abend ihre Ruhe gönnten. 48

Nachdem ich mein Zelt aufgebaut hatte und ich mich mit dem allernötigsten verpflegt hatte, musste ich meinen Puls checken um nicht gleich im Viereck zu springen. Martina und ich wollten uns ja gleich am Stall treffen für eine kleine Runde zum Strand. „ Aber wie wird Barock reagieren, wenn er das weite Meer sieht, das Wasser schmeckt, die Wellen rauschen hört, den Sand unter den Hufen spürt?“ Es führten uns sehr schön angelegte Reitwege quer durch Renesse an den Strandaufgang SüdSüdWest. So schritten wir die Düne herauf. Barock blieb stehen, hob den Kopf und schaute. Ich lachte, denn ich war so glücklich, ein Freudensprung ließ mein Herz schneller klopfen. Nach einer Weile, als Barock den Blick Richtung Meer hat sacken lassen, lief er flott DaCapo hinterher. Der Sand war tief als es vom Plattenweg abging. Wir ritten zum Wasser, ich hörte das Meer schon rauschen und Barock blieb ruhig. Als wir am Wasser standen, kam schon eine kleine Welle angerollt, Barock wich zurück, denn diese glänzende Schaumkrone ist ja gefährlich. Aber wir wollten es nicht so lange hinziehen, Barock würde sich die Woche schon an das „beißende“ Wasser gewöhnen. Denn wir wollten am Strand entlang reiten und dann einen kleinen Sprint wagen. Als wir zum Galopp ansetzten, war


Hufspuren mir noch etwas mulmig. Barock fiel in den dritten Gang und ich entspannte mich. Ich dachte mir nur: „Wann muss ich wieder anhalten?“ Mein Blick fiel nach hinten. Martina war mit DaCapo dicht auf. Sie meinte nur: „Lass ihn ruhig rennen.“ Dann fasste ich mir mein Herz, gab Barock die Zügel hin und er wurde immer schneller. Normal würde mich jetzt schon wieder Panik erfassen, aber ich wusste, hier am Strand kommt kein Fußgänger aus dem Dickicht, es bellt kein Hund hinterm Zaun, auch ist da vorn keine Straße zu sehen. Also lass ihn laufen, es kann nichts passieren. Ich hörte es unter mir nur „Dadamm, Dadamm, Dadamm“. So ein schönes Geräusch und das Gefühl von wirklicher Freiheit ließ mein Gehirn Glückshormone ausschütten. Danach blick-

te ich nach hinten und Martina war kleiner geworden. Ich parierte durch und ließ Sie aufreiten. Sie lag doch schon etwas zurück, aber DaCapo ist auch nicht mehr der Jüngste. Mir war die Freude gleich anzusehen und ich erzählte: „Das ist eine andere Art von Galoppieren, vollkommen frei und ohne Angst“, so wie ich es eben erfahren hatte. Wir ritten zurück, denn das sollte für den heutigen Tag genug für die Pferde gewesen sein. Täglich ritten wir an den Strand und weiteten unsere Ausflüge aus. Am vorletzten Tag, das Wetter sollte auch diesen Tag etwas höhere Temperaturen bringen, entschied ich mich mit Barock im Meer schwimmen zu gehen. So waren nun alle Vorbereitungen getroffen und wenig später stand ich am Meer. Nun hieß es nur Sattel und Trense runter, Halfter rauf

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Hufspuren und Badesachen an. Schritt für Schritt lief Barock mutig in das feuchte Nass hinein, und eben noch striff einer dieser „beißenden“ Schaumkrone seinen Körper, wovor er noch einige Tage zuvor Reißaus genommen hätte. Erblieb ruhig und schritt fleißig voran, bis ich nun auch mit meinen Füßen im Wasser plätschern konnte. Aber irgendwie wollte ich nicht tiefer rein, so dass wir kehrt machten, zurück zum Start. Wollen wir mal sehen, ob ich auf mein Pferd auch schwimmen kann. So lief ich voran, um mich langsam an die Temperatur des Wassers zu gewöhnen. Bis Barock bis zur Hälfte

des Bauches im Meer stand, hielt ich es für gut, es jetzt einmal auszuprobieren. Und siehe da, ein bisschen mit dem Füßen nachgestrampelt und ich saß auf meinen „Seepferdchen“! Nach der Rückkehr von diesem schönen Urlaub hat sich einiges geändert. Barock ist nun durchlässiger beim Galoppieren weil ich noch mehr Vertrauen in meinen Wallach bekommen habe. Ich wünsche jedem diese Erfahrung mit seinem Pferd machen zu dürfen.

Katja Doering

© Katja Doering

Katja Doering ist Diplom Agraringenieurin und nach DHG ausgebildete Huforthopädin. Zusätzlich zur orthopädischen Barhufbearbeitung bietet sie auch Blutegeltjerapie und kompetente Beratung zum Thema Hufschuhe an. Ihre Herz und Ihre Freizeit gehören ihrem Sächsischen Reitpferd „Barock“. www.huforthopaediedoering.de 50


Pferdeglück

Fit im Sattel - Ein Selbstversuch - Erste Erfolge Mittlerweile ist ein halbes Jahr vergangen und es hat sich so einiges getan. Nachdem ich meinen Capoeira-Kurs aufgrund gesundheitlicher Probleme an den Nagel hängen musste, blieb es nunmehr bei den Sportarten Bauchtanz und Radfahren. Ja, Radfahren. Mein Vorsatz, mindestens dreimal die Woche Joggen zu gehen wurde zu einem dreimal die Woche Rad fahren. Eine Konditionssteigerung dürfte sich also bisher eingestellt haben, auch wenn ich diese - wie so oft - nicht wirklich merke. Meinen inneren Schweinehund versuche ich nachwievor jeden Morgen zu überwinden, wenn mich mein Wecker eine Stunde eher als sonst weckt, damit ich zumindest die Möglichkeit habe, meinen Jogging-Vorsatz in die Tat umzusetzen.

meine Hüfte verkrampft und ich nicht mehr in der Lage bin, so geschmeidig zu sitzen wie es sonst an anderen Tagen gelingt. Hier muss ich mich immer selbst erinnern, dass mein Pferd wenig für meine stressige Situation oder meinen schweren Alltag kann. Die Trabbewegung ist immer noch mein großes Problem. Möglicherweise liegt ©Susett Queisert

Doch was hat sich an meinem Reitersitz geändert? Im Schritt ist auffallend, dass sich meine Beine dem Pferdebauch angenähert haben und meine Fußspitzen mehr nach vorn als zur Seite zeigen. Ich schwinge deutlicher in der Bewegung mit und kann ohne Probleme der horizontalen und vertikalen Bewegung des Pferderückens mitgehen. Voraussetzung ist nur, dass ich entspanne. Komme ich doch mal von einem stressigen Arbeitstag in den Stall merke ich sofort, wie sich

Susett zu Beginn des Experiments.

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Pferdeglück dies auch am Trab meines Pferdes. Hier habe ich mir vorgenommen, öfter andere Pferde zu reiten und mir bewusst helfen zu lassen, meinen Sitz auf eben diese Pferde anzupassen, so dass ich das Gefühl, wie sich das richtige Leichttraben und Aussitzen anfühlen sollte, auf mein Pferd mitnehmen kann. Ich bin - besonders im Leichttraben - immer noch zu fest in der Hüfte und kompensiere die schwungvolle Bewegung mit meinen Beinen. Teilweise merke ich, dass es mir leichter fällt, den Takt zu halten. Dennoch habe ich hier trotz der Bauchtanzübungen noch Verbesserungsbedarf. Zudem merke ich deutlich, dass es mir im Galopp teilweise wirklich besser gelingt, mit der Bewegung des Pferdes mitzugehen. Im Galopp hatte ich sonst immer das Problem, dass es mich auf meinem Pferd teilweise aus dem Sattel hob und mein inneres Bein recht unruhig am Pferd lag. Mittlerweile gelingt es mir in manchen Phasen, förmlich am Sattel festzukleben.

Woran ich auf jeden Fall weiter arbeite ist auch meine Schiefstellung der Schulter. Wie man auf dem Foto erkennen kann habe ich immer noch die Tendenz, die eine Schulter höher zu tragen als die andere. Dies ist aufgrund eines Bürojobs und der damit einhergehenden sitzenden Tätigkeit auch schwierig zu beheben. Hilfreich werden mir hier weiterhin der Sport sowie etwaige regelmäßige Schulter-Rücken-Massagen sein. Wie ihr seht, kann sich Ausgleichssport auf jeden Fall positiv auf den Reitersitz und die reiterliche Einwirkung auswirken. Vor allem Sportarten, die die Kondition und Ausdauer fördern, als auch Sport, der die Beweglichkeit von Hüfte und Becken voraussetzen, sind hervorragend geeignet, seinen Sitz im Sattel zu verbessern. Ich werde weiter dabei bleiben und vor allem an meiner Ausdauer arbeiten, um nicht nur auf dem Pferd fitter und sportlicher zu werden.

Susett Queisert

Susett Queisert ist Hobbyfotografin und angehende Juristin. Sie nennt einen 23-jährigen Trakehner-‘Wallach ihr Eigen, der ihr nach einem Unfall die Augen für einen pferdegerechten Umgang und schonendes Reiten geöffnet hat und beschäftigt sich nun vorrangig mit dem Training und der Gesunderhaltung älterer Pferde. www.settiphotos.de 52


©Susett Queisert

Susett ein halbes Jahr später.

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Pferdeglück

Pferdefreundschaften © Anna Jegerczyk

Echte Freundschaft gibt es nur unter Männern..... oder war es die Liebe??? Und nur unter Männern??? Nee..... Freundschaften gibt es auch unter Pferden. Genau wie bei uns Menschen schweißt die Freundschaft auch Pferde zusammen. Dabei spielen das Alter, das Geschlecht oder die Fellfarbe genauso wenig eine Rolle wie bei uns Menschen. Die gegenseitige Zuneigung und die Sympathie sind Ausschlag gebend. Bei manchen Pferden lässt sich aber ,überspitzt gesagt, eine Art Diskriminierung feststellen. So suchen sich Pferde, die in ihrer Jungend- und Prägephase keinen Schimmel in der Herde hatten, später auch keinen Schimmel als Freund aus. Viele Pferde, die mit Ponys aufgewachsen sind, können später im Erwachse-

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nenalter auch tiefe Freundschaften zu Ponys aufbauen, wohingegen Pferde, die Ponys erst im Erwachsenenalter kennen lernen, eher den Eindruck erwecken, als würden sie ein Pony nicht als vollwertigen Equiden ansehen. Aber ganz gleich, wie nun die spezielle Pferdefreundschaft aussieht, Zuneigung und Sympathie sind immer die Basis. Echte Pferdefreunde sieht man viel zusammen stehen, dösen, fressen. Ein ganz eindeutiges Zeichen, dass Pferde einander zu getan sind, ist das Fell-Kraulen. Ein weiterer beliebter Freundschaftsdienst ist das Fliegen Vertreiben. Die Pferde stehen antiparallel – Kopf zu Kruppe und vertreiben mit ihren Schweifen die Fliegen vom Kopf des jeweils anderen. Etwas egoistischere Freunde schieben auch einfach mal den Kopf unter den


Pferdeglück Schweif des Freundes, ohne ihm dabei die Fliegen fern zu halten, doch der Freund lässt ihn gewähren. Gerade bei Fohlen und ihren geduldigen Müttern ist dieses Verhalten oft zu sehen. Ein durch und durch harmonisches Verhältnis zwischen zwei Pferden.

Auch sind liebevolle Freundschaften zwischen Wallachen und Stuten in gemischtgeschlechtlichen Herden zu beobachten. Wie in einer natürlichen Herde, in der ein Herdenhengst seine Lieblingsstute hat, kümmert sich auch der „verliebte“ Wallach um seine Stute. Andere Wallache in der Nähe der Stute werden zwar im Gegensatz zur Situation in einer Hengstherde geduldet, doch behält sich auch der Wallach das Vorrecht auf das Fellkraulen mit seiner Stute vor. Doch Pferdefreundschaften können auch Schwierigkeiten mit sich bringen. Welcher Pferdebesitzer kennt das nicht: Das „Kleben“. Das Pferd soll auf die Wei-

© Susett Queisert

Eine Pferdefreundschaft zu beobachten ist etwas wunderbares, denn diese Freundschaft ist immer ehrlich. Manchmal hat man als stiller Beobachter das Gefühl, dass Pferdefreunde sich besonders viel zu sagen haben. Beispielsweise entstand in dem Stall, in dem ich meine Pferde stehen hatte, eine innige Freundschaft zwischen zwei Stuten, die beide einen ernsteren Hufrollenbefund hatten und die beide immer wieder

deswegen lahm gingen.

„Bis später, ich muss jetzt zur Arbeit!“ - Guten Freunden gibt man eben ein Küsschen...

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Pferdeglück de, doch der Kumpel ist noch nicht fertig mit der Reitstunde. Oder das Gewieher um den Pferdefreund, wenn der von der Weide geht. Viele Pferdefreunde begleiten ihre Freunde auch bis zum Weidezaun und warten dort bis er nach dem Reiten wieder auf die Weide gebracht wird. An der Heuraufe wird immer ein Platz für den Kumpel frei gehalten. Ein anderes Pferd darf gar nicht erst nachfragen, ob es auch mal dort fressen dürfte. Pferdefreunde haben es in der Menschenwelt nicht immer leicht. Zum einen gibt es viele Pferde, die durch das Haltungssystem in dem sie stehen, beispielsweise die Boxenhaltung, kaum die Möglichkeit haben, Freundschaften

aufzubauen, andere können die ersten Kennenlernen-Spiele und Kontaktaufnahmen über einen Paddockzaun unternehmen. Doch der richtige soziale Kontakt zu Artgenossen bleibt vielen Pferden schlicht weg verwehrt. Manche Pferdefreundschaften werden auch durch uns Menschen ganz einfach zerstört. Dazu reicht es schon, wenn wir unsere Pferde in eine andere Weidegruppe stellen lassen oder gar ein Umzug in einen anderen Stall bevor steht. So können wir Freunde auseinander reißen und unsere Pferde unwissendlich in eine tiefe Trauer um den geliebten Freund stürzen. Natürlich können wir unser Leben nicht völlig nach unseren Pferde ausrichten, doch sollten wir in

© Anna Jegerczyk

Echte Freunde teilen alles...

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Pferdeglück einem solchen Fall immer im Hinterkopf behalten, dass unter Umständen nicht nur wir Freunde zurück lassen. Es kommt häufig vor, dass Pferde, die nach einem Stallwechsel in eine neue Herde kommen, anfangs keinen neuen Freund finden. Schon bestehende Freundschaften erschweren es dem Neuling. Meistens bleibt das neue Pferd für sich oder schließt sich einer Gruppe von Pferden an, die man vom Zusammenleben her mit einer Junggesellenherde, wie es sie in der freien Natur gibt, vergleichen kann. Hier warten die Pferde meist, bis sich ein geeigneter Freund findet. Genauso gut können aber auch schon bestehende Pferdefreundschaften durch das Dazukommen eines neuen Pferdes zerreißen. Ist die Freundschaft nicht eng genug oder nur eine Notlösung, wechseln Pferde ihre Freunde auch mal aus.

© Anna Jegerczyk

Doch eine junge Stute aus der Herde blieb hartnäckig. Sie versuchte immer wieder in die Nähe des Fohlens zu kommen und sich den beiden Freundinnen anzuschließen. Irgendwann gaben die beiden Stuten auf. Die Jungstute durfte zu dem Fohlen und wich Mutter und Kind nicht mehr von der Seite und

© Anna Jegerczyk

Doch nicht nur wir Menschen können durch einen Stallwechsel Pferdefreundschaften trennen. Auch andere Pferde

können regelrecht schon bestehende Pferdefreundschaften sprengen. Meine eigene Stute hatte eine innige Freundschaft zu einer anderen Stute aus ihrer Herde. Zu den beiden gesellte sich ein Wallach, der die Aufgabe übernahm seine beiden Mädels vor den anderen Wallachen der Herde zu beschützen. Die Herde bestand aus ca. 25 Pferden, die den Sommer über zusammen 24 Stunden Weidegang genossen. Die Freundschaft zwischen den beiden Damen wurde jedoch mit dem Abfohlen meiner Stute gesprengt. In der ersten Zeit wich die Freundin ihr nicht von der Seite und beschützte die junge Mutter und ihr Fohlen vor den anderen Herdenmitgliedern.

„Darf ich wieder bei Euch sein?“

„Nein, das sind jetzt meine Freunde!“

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Pferdeglück vertrieb andere Herdenmitglieder aus der Nähe. Die alte Freundin verließ das neue Dreier-Gespann und bildete mit dem Wallach ein neues Zweier-Team. Die Freundschaft, die zwischen dem Fohlen und der jungen Stute entstand, stand der alten Freundschaft der beiden alten Stuten in nichts nach. Leider blieb jedoch diese alte Freundschaft durch die Hartnäckigkeit der Jungstute auf der. Ein großer Verlust für alle drei war unser Umzug in ein anderes Bundesland. Meine Stute, die nur die Sicherheit einer großen Herde kannte und immer eine gute Freundin zur Seite hatte, war

völlig verstört und mein Jungpferd, das Spielgefährten und die junge Freundin verloren hatte, war so auf die Mutter fixiert, dass selbst Zäune kein Hindernis mehr für beide darstellten. Die Herde und die Freundschaften bieten unseren Pferden Sicherheit und seelische Ausgeglichenheit. Wenn die Umstände es zulassen, kann daher ein wenig Rücksicht und Einfühlungsvermögen von unserer Seite aus Freundschaften bestehen lassen und helfen die Psyche des Pferdes im Gleichgewicht zu halten. Anna Jegerczyk

© Anna Jegerczyk

Freundschaft hält die Seele in Balance.

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Pferdeglück

Hufschmied oder Huforthopäde? Diese Frage stellte ich, Nina, mir schon oft. Mein Pferd hat ein problematisches Hufwachstum, so das es aussieht als würde er nach innen gehen. Dies war Anlass dass ich beide an meinem Pferd arbeiten ließ.

Wo liegt der Unterschied? Der traditionell ausgebildete Hufschmied bearbeitet den Huf in allen Bereichen. Er nimmt sowohl die Barhufbearbeitung (Ausschneiden, Raspeln, Stellungskorrektur) vor, als auch den Beschlag mit Eisen oder die Ausstattung mit alternativem Hufschutz. Bei zahlreichen Huferkrankungen wird der Schmied, meist in Absprache mit dem Tierarzt, auch therapeutisch tätig. Ausgehend vom aktuellen Gangbild, der Gliedmaßenstellung, der Hufform sowie Zehenachse und Fesselstand bearbeitet der Schmied den Huf so, dass das Pferd plan (eben) fusst und möglichst gut abrollen kann, um so eine gleichmäßige und schonende Beanspruchung von Huf und Bewegungsapparat zu gewährleisten Die Gesunderhaltung des Pferdes bzw. seines Bewegungsapparates ist

auch das oberste Ziel des Huforthopäden, jedoch mit einem anderen Ansatz. Grundsätzlich sind Hufschmied und Huforthopäde darum bemüht den Huf unbeschlagen zu lassen, da der Hufmechanismus so am besten arbeiten kann. Geht es jedoch um Korrekturen und Therapien von Fehlstellungen oder ungünstig geformten Hufen, unterscheiden sich die Methoden. Während der Schmied in vielen Fällen spezielle Beschläge zur Korrektur nutzt, setzt die Huforthopädie darauf den „Problemhuf“ unbeschlagen zu lassen und ihn so zu bearbeiten, dass sich das Problem durch eine Veränderung der Belastung und damit auch der Hornabnutzung im Laufe der Zeit reguliert, ohne dass das Pferd sich auf stärke Veränderungen einstellen muss. Während der Hufschmied also zunächst durch den Beschlag das Symptom zu beheben versucht und dann Schritt für Schritt durch die Bearbeitung eine dauerhafte Veränderung anstrebt, setzt der Huforthopäde möglichst direkt bei der Ursache an, wodurch die von außen sichtbare Besserung erst später eintritt, das Verfahren aber weniger Umgewöhnung vom Pferd erfordert. 59


Pferdeglück Der Erfahrungsbericht: Der Hufschmied durfte als erstes an Eddies Huf, folgendes machte er. • Der Hufschmied schaute sich als erstes an wie mein Pferd steht, welcher Huf wie lang ist. • Nun schaute er sich die Hufe von unten an und schnitt auch gleich den Strahl in Form. • Anschießend kürzte er die Zehe. Da mein Pferd ein sehr langsames Hufwachstum hat, schnitt er nur den vorderen Bereich der Zehen. • Nach dem Schneiden wurde geraspelt. Erst von unten her damit der Tragrand gleichmäßig auf den Boden steht und danach auf dem Bock. Mein Schmied raspelte Unebenheiten im unteren Hufbereich weg.

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• Zum Schluss schaute er sich alle vier Hufe noch einmal auf dem Boden an und raspelte bei Bedarf nach. Nach dem der Huf nach 10 Wochen eine gute Bearbeitungslänge erreicht hat (der Huf meines Pferdes wächst wirklich sehr langsam), konnte die Huforthopädin den Huf bearbeiten. • Als erstes machte sie Fotos von allen Seiten der Hufe und schaute nach dem Aufhufen in Schritt und Trab. • Dann schnitt auch sie den Strahl in Form, außerdem bearbeitete sie die Blättchenschicht, zumindest den aus gefransten Teil davon, konterte die Trachten und ebnete die Sohle. • Jetzt raspelte sie den Tragrand, sie zählte mit wie viele Raspelstriche sie ab trug. Die Begründung dafür war logisch. „Ich möchte den Huf


Pferdeglück nicht abtragen und in seiner Länge verkürzen, sondern nur formen.“ • Nach dem Tragrand war die Wand dran. Die Huforthopädin erklärte sehr viel zu dem was sie macht, doch die Erklärungen würden den Rahmen sprengen. Der grundlegende Unterschied in der Bearbeitung bestand darin, dass der Schmied den Huf in erster Linie kürzte und die Orthopädin ihm die Form gab sich durch die tägliche Belastung selbst zu regulieren. Beide gingen mit dem Pferd sehr gut um, Eddi fühlte sich sichtlich wohl. Der Schmied konnte alle Fragen beantworten und gab Tipps zum Raspeln. Die Huforthopädin zeigte wie man die Hufe eines Pferdes bis zu einem gewissen Grad selbst bearbeiten kann.

Die Form von Eddies Hufen hat sich innerhalb von 4 Monaten sehr verbessert. Form und der Qualität des Horns haben sich stark verbessert, was sicher mit der gemeinsamen Arbeit von Schmied und Orthopäde zusammen hängt. Wer ein Pferd mit problematischen Hufen hat ist gut beraten beide zu konsultieren Auch wenn Hufschmied und Huforthopäden einiges trennt, so liegt doch beiden das Wohl der Pferde am Herzen und auch die traditionellen Hufschmiede wissen heute bereits deutlich mehr über orthopädische Zusammenhänge als noch einige Jahrzehnte zuvor und mit Sicherheit können beide Seiten noch viel voneinander lernen. Und wenn sie das tun, dann werden sich die Methoden nach und nach so ergänzen und aneinander annähern, dass wir uns solche Grundsatzfragen gar nicht mehr zu stellen brauchen. Nina Walther & Maritres Hötger

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Stallgeflüster

Szenen aus dem Pferdeleben Heute: Schmied-Wippen Es ist mal wieder soweit, die Reiterin packt die Möhren ein und fährt zum Pferd. R: Schaaatzi, komm zu Mami, ich habe eine Überraschung für Dich. P: Wenn sie so ruft, kommt entweder der doofe Piecks- und Andatschmann oder die Frau mit den Kratzdingern, da muss ich immer auf 3 Beinen stehen und langweile mich zu Tode...

P: Wo ist der Tierschutz, wenn man ihn braucht *am strick zieh* R: So Hasi, hier bleibst Du schön stehen, unser Besuch ist gleich da.

Das Pferd wird angebunden und steht und steht und steht…… und eine Möhre nach der anderen wandert ins Pferd, damit es nicht so sehr am Anbinder zappelt.

R: Guck mal Hasi, Mami hat ganz tolle Möhrchen für Dich gekauft. Die bekommst Du alle, ohne was dafür zu tun. Du musst einfach nur still stehen.

45 Minuten später kommt endlich die Schmiedin. Das Pferd hat jetzt so richtig schlechte Laune und lässt sich kaum noch bändigen, die Möhren sind bereits bis auf eine verfüttert.

P: Es sind die Kratzdinger, ganz sicher. Wenn der Piecks-. Und Andatschmann kommt, bekomme ich Äpfel. Mit mir nicht, nichts wie weg!

R: Tut mir leid, heute ist er etwas lebhaft, ich weiß gar nicht, was er hat. Er musste nichts tun, nur ein wenig auf Dich warten.

…… dreht sich um und will weggehen.

P: Ich musste nur ein wenig warten? Ich bin fast angewachsen, so lange hat das gedauert. Die anderen haben ganz sicher schon die Wiese leer gefressen...

R: Nun lauf doch nicht weg, Mami kann Dich ja gar nicht aufhalftern!

Ein kleiner Ringkampf beginnt, die Reiterin gewinnt. R: *schnauf* Manchmal bist Du aber auch lebhaft. Jetzt komm mit, wir bekommen gleich Besuch.

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Pferd dreht sich – soweit der Anbinder es zulässt – hin und her und schnappt nach allem, was sich in seiner Nähe bewegt. R: Ruhig, mein Schatz, die kennst Du doch. Die tut Dir nichts.


Stallgeflüster P: Was heißt die tut mir nichts? Es wartet weitere Langeweile auf mich. Ist das nichts?

Die Schmiedin nimmt das rechte Vorderbein hoch und beginnt mit der Arbeit. P: Ist das laaaangweilig und wir sind erst beim ersten Bein.

Pferd guckt sich nach einer Beschäftigung um und sieht das Ende des Gurtes für die Schmiedschürze.

R: Heute ist er wirklich anstrengend, bist Du bald fertig? S: Ich habe noch 3 Beine vor mir, das dauert noch. R: Das dauert noch? Wie lange denn? Ich habe nur noch den letzten Zipfel einer Möhre. Wenn der auch weg ist, läuft er ganz sicher zur Hochform auf *schwitz* S: Wie jetzt, das ist noch nicht seine Höchstform? *schwitz*

P: Ob man daran ziehen kann? ….zupft vorsichtig P: Sie scheint nichts dagegen zu haben. ….. nimmt das Lederende ins Maul und zieht kräftig. Die Schmiedin ist von der Aktion völlig überrascht und lässt fast das Bein fallen. S: Aaah, hol mal den Kopf von Deinem Pferd nach vorne, der hebt mich sonst noch hoch. P: Hochheben, das wäre es gewesen. Merke ich mir fürs nächste mal.

Das erste Bein ist geschafft, die Reiterin auch, weil sie ohne Unterlass verhindern muss, dass das Pferd an der Schmiedin rumknabbert.

P: Du hast keine Ahnung, was ich noch alles kann *zappel*

Mit vereinten Kräften wird versucht, das inzwischen stark zappelnde Pferd zu beruhigen. Die Schmiedin mit Stimme, die Reiterin mit Kopf festhalten und hektischem Kopfkraulen. P: So ein Mist, die hält meinen Kopf fest, ich komme nirgends mehr dran. Und es ist sooooooo langweilig, das blöde Kopfkraulen nervt und Möhren gibt es auch keine mehr *grummel*.

Während die Reiterin weiterhin versucht, den Kopf vorne zu halten und die Schmiedin sich dem zweiten Huf widmet, sucht das Pferd nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten.

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Stallgeflüster P: Ob ich ans Gras komme, wenn ich den Hals ganz lang mache?

Pferd streckt sich nach vorne, die Schmiedin stöhnt auf, weil sie jetzt das ganze Gewicht des Pferdes halten muss. Die Reiterin zieht das Pferd in die ursprüngliche Position zurück. P: Super, es macht Geräusche, wenn ich den Hals strecke.

Pferd streckt den Hals und hat sichtlich Freude daran, dass als prompte Reaktion von hinten Geräusche kommen, die Reiterin zieht den Kopf zurück……

Illustration: Nina Walther

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S: Wenn er das noch lange macht, bricht mir der Rücken durch. R: Ich weiß gar nicht, wo er das her hat, das macht er sonst nie. P: Das ist ja mal eine tolle Übung, ich kann Schmiedwippen!

…. und wippt fröhlich weiter. Trotz dieser verschärfter Bedingungen, schafft die Hufbearbeiterin es, auch den zweiten Huf zu bearbeiten.


Stallgeflüster S: Ich bin gespannt, was er sich für die Hinterbeine ausdenkt. R: Er macht bestimmt nichts, ich passe hier vorne auf. P: Wenn sie hinten anfasst, lege ich mein ganzes Gewicht auf das Bein, dann bekommt sie es nicht hoch.

Eine Einstellerin kommt mit einem großen Paket Möhren vorbei und gibt, angesichts der angespannten Situation, ihre Möhren an die Reiterin weiter. R: Guck mal Hasi, Mami hat neue Möhrchen für Dich, weil Du so lieb bist.

zieht, bis die Schmiedin den Huf wieder aufnehmen kann . Sobald das Pferd den Huf wegzieht, wird vorne zur Beruhigung eine Möhre eingeworfen. P: Das macht Spaß und die finden das auch ganz toll, so viele Möhren gibt‘s sonst nie zur Belohnung... Die Möhren reichen zum Glück für beide Hinterhufe und als die Schmiedin fertig ist, sind alle bis auf das Pferd nass geschwitzt. R: Schatzi, Du bist fertig. Schau mal wie hübsch Du jetzt wieder bist und wie artig Du warst. Ich bin stolz auf Dich.

… stopft die allerletzte Möhre ins Pferd. P: Oh, Nachschub, was muss ich dafür tun?

Das Pferd vergisst, das ganze Gewicht auf das Hinterbein zu legen und die Schmiedin kann den ersten Hinterhuf aufnehmen. Als die Möhre aufgefressen ist, erinnert sich das Pferd an sein ursprüngliches Vorhaben und will den Huf wegziehen, um ihn abzusetzen. R: Schatzi, nicht wegziehen, hier hast Du ein Möhrchen, damit Du still stehst. P: Oh, ich bekomme ein Möhrchen, wenn ich wegziehe? Das kann ich!

Damit beginnt ein Endlosspiel: der Huf wird weggezogen und aufgesetzt, was jedes Mal ein zähes Ringen nach sich

S: Du musst dringend daran arbeiten, dass er still steht. Noch mehr von solchen Ideen, wie er sie heute hatte und ich muss mit 35 in Rente gehen. P: Das war ja heute richtig klasse. Beim nächsten mal wippe ich schon beim ersten Bein, das bringt Muckies. Und wenn ich hinten artig das Bein wegziehe, bekomme ich wieder jede Menge Möhren. Ich glaube, ich freue mich aufs nächste mal.. R: Ich weiß gar nicht was sie hat, die meiste Arbeit hatte ich doch. Die ganze Zeit den Kopf festhalten, Kopf kraulen und dabei noch Möhren füttern... Birgit Feldt

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Hufspuren

Verloren in den Weiten der Nordfriesischen Marsch 2. Teil der Erzählung Ich versuchte mich noch an den Zügeln und am Sattel  festzuhalten, doch der Sog war so stark, dass ich schließlich  aus dem Sattel gezogen wurde.  Voller Panik begann ich mit den Armen zu rudern, um  irgendwie wieder an die Oberfläche zu gelangen. Doch  durch den Helm, die schwere THW-Uniform, die schweren  Stiefel und die Strömung, wurde ich immer tiefer unter  Wasser gezogen.  Reflexartig griff ich mir ans Kinn, um den Verschluss des Helms zu öffnen.  Irgendwie schaffte ich es dann auch den Helm unter  Wasser zu öffnen, abzunehmen und auch noch an meiner  Jacke zu befestigen. Mit dem allerletzten verbliebenen Rest  Luft ruderte ich dann an die Oberfläche. Schwarz vor Augen und voller Erschöpfung rang ich nach  Atem. Ich zitterte so stark, dass ich kaum vorwärts  schwimmen, geschweige denn, mich über Wasser  halten konnte .  Immer wieder wurde ich unter Wasser gezogen. Immer  wieder gelang es mir in Todesangst an die Oberfläche zu  gelangen. Wie oft dieses Spiel so ging, ich wusste es nicht.  Irgendwann gelang es mir dann an der Oberfläche zu  bleiben und nicht mehr

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unterzugehen.  Verzweifelt und voller Todesangst versuchte ich nun in der  schwarzen, nassen Masse nach irgend etwas Festem zu  greifen.  Ich weiß heute nicht mehr, wie lange ich mich verzweifelt  durch das kalte, schwarze Wasser  gezogen hatte. Hatte ich denn überhaupt darauf geachtet?  Ich glaube nicht. In so einer Situation hat man andere Sorgen als auf die Uhr zu schauen...  Dann spürte ich endlich wieder eine mehr oder  weniger feste Masse unter der schwarzen Wasserfläche.  Ich konnte es zuerst gar nicht glauben, dass ich wieder  festen Boden unter den Füßen haben sollte, denn das  Wasser stand mir noch immer bis zum Hals, aber es wurde nun tatsächlich immer flacher.  Ich stolperte vor Erschöpfung und fiel ins Wasser. Wie ein  krankes Tier schleppte ich mich auf allen Vieren vorwärts.  Ich stöhnte vor Schmerzen und Erschöpfung, doch  schließlich schaffte ich es irgendwie mich wieder aufzurichten.  Das Wasser im Koog reichte mir nun gut bis zur Hüfte. Ich schnappte immer wieder nach Luft und ruderte mit den Armen in der Luft, um die Balance zu halten und nicht wieder umzukip-


Hufspuren pen.  Instinktiv setzte ich meinen Helm wieder auf. Die schwere Uniform war zwar schon vorher vom Regen vollkommen  durchnässt gewesen, doch nun floss das Wasser wirklich aus allen Poren der Jacke heraus.  Benommen schaute ich mich um: Der Koog war nur noch  eine einzige, unendliche, nasse, kalte, spiegelglatte Fläche. Ich kam mir vor, als stünde ich in Mitten des offenen Meeres. Orientierungslos und voller Angst kämpfte ich mich mit  ausgestreckten Armen immer weiter durch das hüfttiefe  Wasser.  „White out“.  So nennt sich dieses Phänomen, wenn die Sinne nicht mehr  zwischen Vorne, Hinten, Oben und Unten unterscheiden  können.  In meiner Verzweifelung begann ich in die dunkle,  stürmische Nacht irgendwann nach Floyd zu schreien.  Immer und immer wieder rief ich nach ihm. Gegen die Orkanböen, gegen den Regen, gegen die Orientierungslosigkeit, gegen die Unsicherheit, gegen die  Angst, gegen die Verzweifelung...  Waren meine Schreie und meine Rufe zu Beginn noch voller Kraft, Zuversicht und Stärke, so wurden sie je länger  mein Weg nun dauerte mehr und mehr verzweifelter und  leiser, bis ich irgendwann nur noch am Weinen war.  Schmerzlich wurde mir nun be-

wusst, dass Floyd mich  beschützen wollte, als er sich weigerte weiter voran zu  gehen. Mit einem Male kamen mir die Worte des Bauern  wieder in den Kopf: Er kennt das Land hier und wird Sie sicher nach Husum tragen.  Floyd hatte gewusst, wo die Gräben in der Marsch verliefen - auch bei Land unter. Ich hatte seine Warnung jedoch nicht verstanden und ihn verloren...  Nun war ich alleine in der Nacht.  Wimmernd, aber pflichtbewusst, schleppte ich  mich weiter einsam durch das Wasser und die Nacht. Wie lange ich mich durch das kalte, dunkle Wasser  geschleppt hatte, weiß ich nicht mehr. Waren es Stunden,  23  oder waren es am Ende doch nur wenige Minuten? Ich  weiß es nicht mehr. Mir kam diese Zeit jedenfalls vor wie die Unendlichkeit des Universums... Jeder Schritt und jeder Atemzug glich einer Ewigkeit. Mein Gefühl für Zeit und Raum ließ mit jedem einzelnen Schritt mehr und mehr nach, bis ich nicht einmal mehr die Nässe und die Kälte an meinem Körper spürte. Nur noch den scharfen, eisigen Wind und  den kalten Regen vernahm ich noch wage im Gesicht.  Es war, als hätte man mich sediert. Wie betäubt  schleppte ich mich weiter voran, ohne wirklich zu wissen,  wo ich

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Hufspuren überhaupt war. Ich schaute weder vor, noch zurück,  nicht nach oben, nicht nach unten. Immer nur geradeaus.  Wohin in dieser dunklen Nacht? Ich wusste es nicht.  Einfach irgendwo hin.  Je länger mein monotoner Marsch andauerte, desto leerer wurde mein Kopf. Es war, als würde mit jedem weiteren  Schritt ein Gedanke mehr gelöscht... mit dre Zeit war mein Kopf dann auch vollkommen leer. Keine Gedanken  mehr, keine Gefühle mehr, nur noch ein stumpfes und monotones Marschieren. Alleine und einsam in der  dunklen, kalten Nacht.  Ich weiß heute wie damals nicht mehr, wie lange mein Marsch durch das kalte Wasser und die dunkle  Nacht angedauert hatte, doch irgendwann vernahm ich  irgendwo zwischen dem Pfeifen des eisigen Windes ein  Geräusch, das so gar nicht in dieses bizarre Szenario  hineinpassen wollte.  Zuerst realisierte ich es nicht wirklich, aber  irgendwann kehrte meine Erinnerung dann doch langsam  zurück. Stück für Stück kam sie in meinen Kopf zurück  und mit einem Mal vernahm ich nicht nur dieses Geräusch,  mir wurde es auch bewusst was es war. Es war das Wiehern eines Pferdes!  Es dauerte noch eine Weile, bis ich es begriffen hatte,  denn im ersten Moment konnte ich das Wiehern in dieser  unwirklichen Umgebung nicht einordnen,

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und so dachte ich zuerst dass mein Verstand mir wohl nur einen  bösen Streich gespielt hätte.  Erst als das Wiehern immer stärker wurde, begann ich ganz allmählich zu begreifen, dass es keine  Einbildung gewesen war, was ich da in der Ferne  vernommen hatte.  «Floyd...!», begann ich wieder zu denken. «Floyd!»  Instinktiv wurden meine Schritte nun immer stärker. Schon  bald schritt ich so schnell voran, dass das Wasser vor meiner Brust Wellen zu schlagen begann. Mein Herz  begann zu rasen. Ob durch die Anstrengung oder durch die  Aufregung, ich weiß es nicht mehr. Ich begann zu keuchen  und zu schwitzen.  Mit jedem meiner Schritte kam auch das Wiehern immer  näher.  «Floyd!», schrie ich wieder und wieder einsam in die Nacht.  «Floyd!»  Dieses Mal waren es keine Schreie der Verzweifelung. Jetzt  waren es Schreie der Freude, denn ich begann zu spüren,  dass Floyd schon ganz in meiner Nähe war.  Es war nicht nur der Wunsch dieser unwirklichen, kalten,  nassen Wüste endlich zu entkommen, es war auch die  Sehnsucht dies alles hier nicht mehr alleine durchstehen zu müssen, die mich dazu veranlasste bei jedem Wiehern das  ich nun vernahm, schneller und schneller durch das Wasser zu waten. Ich wäre auch gern gelaufen, aber


Hufspuren das war wegen der Wassertiefe nicht möglich.  So schritt ich atemlos weiter und weiter durch das kalte,  dunkle Wasser. Immer dem Wiehern nach, immer voran. Weiter und weiter. Meine Schritte wurden stärker und  schneller, dass mir schon bald der Schweiß von der Stirn  und übers Gesicht zu fließen begann. Ich keuchte vor  Anstrengung. Mir wurde so warm, dass ich irgendwann das  kalte Wasser, den eisigen Regen und den scharfen Wind  nicht mehr spürte.  Meine Gedanken waren nur noch bei Floyd: Dass ich ihn bald wieder in meine Arme schließen könnte und er mich aus dieser kalten, nassen Hölle sicher  herausbringen würde.  Wenn ich jedoch geahnt, oder gar gewusst hätte, was ich in dieser Nacht noch alles  durchmachen sollte, ich glaube, ich wäre lieber zusammen mit Floyd ertrunken.  Doch an solche morbiden Gedanken verschwendete ich in  dieser Situation noch keine Kraft.  Wie lange ich diesem einsamen Wiehern gefolgt war, weiß ich nicht mehr, doch nach einer mir endlos erscheinenden Zeit, sah ich dann endlich auch die erlösenden, schemenhaften Umrisse eines Pferdes. Es war Floyd! Endlich! Ich hatte es geschafft!  «Floyd!», schrie ich wieder und wieder freudig in die Nacht.  «Floyd!»  Die letzten paar Meter kamen mir dann noch ein-

mal wie  die Unendlichkeit vor. Meine Schritte  wurden nun noch einmal schneller und stärker, das mir  nicht nur die Luft wegblieb, sondern ich auch damit  kämpfen musste, nicht hinzufallen. Es war, als ob man sich durch ein Meer aus nassem Beton quälte.  Dann hatte ich mein Ziel dann endlich erreicht. Erschöpft  und atemlos schloss ich mit letzter Kraft meine Arme um  Floyds warmen und weichen Hals. Ich schloss die Augen und begann vor Freude zu weinen. «Es tut mir so leid! Es tut mir so leid!», schluchzte ich.  «Verzeihe mir bitte! Es tut mir so leid!» Ich wollte Floyd gar nicht mehr loslassen, so unbeschreiblich glücklich war ich, ihn wieder in meinen Armen halten zu dürfen.  «Es tut mir so leid! Es tut mir so leid! Verzeihe mir bitte!»,  schluchzte ich immer und immer wieder. Irgendwann gingen mir die Tränen aus, ich hielt ihn nur in  meinen Armen und schmiegte meine Wange an seinen  warmen, weichen Hals.  Ich war so unbeschreiblich froh darüber, in dieser einsamen Nacht endlich nicht mehr alleine sein zu müssen.  Ich war so glücklich und erleichtert, dass ich Floyd in  diesem Augenblick nicht mehr loslassen wollte. Nein, ich wollte es nicht. Zu groß war die Angst ihn wieder verlieren zu können. Mein Glücksgefühl war so stark, dass mir der  eisige Regen

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Hufspuren mit einem Male auch gar nicht mehr so kalt  vorkam und der scharfe Wind mir einfach nur noch, wie  eine angenehme Briese erschien. Nur das kalte Wasser, das  mir immer noch bis zur Hüfte reichte, spürte ich noch.  Der Drang und das Pflichtgefühl meinen Kameraden zu  helfen war jedoch stärker als all meine Ängste in diesem Augenblick. Das war wohl auch der einzige  Grund, warum ich Floyd irgendwann schweren  Herzens losließ.  Mein Gesicht war verweint und von Schmerzen verzerrt.  Ich rieb mir meine roten und angeschwollenen Augen und  versuchte wieder aufzusteigen.  Es gelang mir allerdings nicht sofort, denn das Wasser  reichte auch Floyd mittlerweile fast zu den Rippen, und so musste ich den Steigbügel erst einmal in dem kalten,  dunklen Wasser finden.  Mit etwas Mühe hatte ich ihn dann endlich gefunden, nahm  die Zügel in die eine Hand, griff mit der anderen in die  Sattelkammer und versuchte aufzusteigen. Es gelang mir  jedoch nicht sofort, da meine Uniform vollkommen  durchnässt und die Stiefel mit Wasser vollgelaufen waren,  so dass ich mich nicht richtig hochziehen konnte und  durch das Gewicht der nassen Uniform und der Stiefel  beim Aufsteigen fast runtergefallen wäre.  Nach einigen Versuchen schaffte ich es dann mich auf  Floyd wieder hochzuziehen. 

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Ich stöhnte auf als ich wieder fest im Sattel saß.  «Endlich...!», dachte ich nur und beugte mich vorsichtig auf  Floyds Hals.  Ich umarmte ihn noch einmal und gab ihm einen Kuss auf  den Hals. Ich richtete mich auf, seufzte noch einmal kurz vor Erleichterung und trieb ihn vorsichtig wieder an.  Ich ließ die Zügel lang und ritt langsam im Schritt voran. Ich wollte noch nicht traben, weil das Wasser zu tief  war, und er wusste wo sich diese verdammten Gräben  befanden,. Noch einmal wollte ich dem Tod nicht so  nahe sein!  Ich kniff die Augen zu und schrie laut in die einsame,  dunkle Nacht:  «Diesmal nicht! Diesmal kriegst Du mich nicht! Not yet!»  Der scharfe, kalte Wind und der eisige Regen peitschten mir nun wieder ins Gesicht. Ich kniff die Augen zu, um den  schneidenden Schmerz zu entgehen, doch es gelang mir nicht. Ich musste mich zeitweise auf Floyds Hals legen, um nicht von einer der immer öfter und immer stärker  werdenden Orkanböen aus dem Sattel gehoben zu werden.  Wohin mich Floyd nun trug? Ich wusste es nicht. Das heißt, ich wusste es nicht genau. Nach Süden. So viel  konnte ich anhand der Wellenrichtung gerade noch  erkennen.  Ich weiß auch nicht mehr, wie lange mich Floyd durch  die-


Hufspuren se, kalte, nasse Wüste getragen, und ich  gegen den scharfen, kalten Wind, den eisigen Regen und die Orkanböen gekämpft hatte, doch irgendwann spürte ich den Wind, den Regen und die Kälte einfach nicht mehr. 

Nach einer Weile spürte ich, wie Floyds Schritte immer  größer und stärker wurden, ohne das ich ihn trieb. Zuerst konnte ich sein Verhalten nicht deuten, doch dann merkte  ich, dass das Wasser flacher zu werden schien.

Wo waren meine Gedanken in diesem Augenblick? Hatte  ich überhaupt noch irgendwelche Gedanken? Konnte ich  überhaupt noch denken, überhaupt noch fühlen? Was  geschah da mit mir...? Ich wollte mich gerade wieder fragen, wo ich hier wohl sei,  da durchkam mich mit einem Mal ein Gefühl, als ob ich  gerade aus einer Tiefschlaf- und Traumphase erwacht war.  «Meine Kameraden! Ich muss doch Hilfe holen!»,  schoss es mir urplötzlich durch den Kopf. 

Es dauerte eine geraume Zeit bis ich begriff, dass mein  Gefühl mich nicht getäuscht hatte: Das Wasser wurde  tatsächlich mit jedem Schritt flacher. Ich merkte es an dem Spritzen und Platschen des Wassers und daran dass Floyd ohne  mein dazutun immer schneller wurde.  Endlich!, dachte ich nur noch. Endlich!  Ja, endlich war ein Ausweg aus dieser Hölle nah!

Aus der Traum! Zurück in die unwirtliche, kalte, nasse  Wüste.  In meiner wiederaufkommenden Angst und Nervosität  klopfte ich Floyd immer und immer wieder auf den Hals, um mich wenigstens etwas zu beruhigen. Ich flüsterte ihm auch immer wieder zu, dass wir bald aus dieser Hölle heraus sein würden, obwohl ich ganz genau wusste, dass ich nicht  die geringste Ahnung hatte, wo wir überhaupt waren.  Tatsächlich gelang es mir so für einige kurze Augenblicke  meine Angst und Nervosität etwas zu verdrängen.

Aber wo Licht ist, ist bekanntlich auch  Schatten. Das hieß, in meinem Fall ein kalter, eisiger und  scharfer Wind. Denn je flacher das Wasser unter mir auch  wurde, desto schärfer und vor allem stärker wurde nun der  Wind.  Floyd schien das ganze nichts auszumachen. Sicher, selbstbewusst und mit einem immer stärker  werdenden Schritt trug Floyd mich tapfer immer weiter. Das Wasser wurde flacher und flacher. Etwa einen  Kilometer weiter war es dann endlich so flach, dass ich wieder vorsichtig antraben konnte. Zuerst nur ganz  zaghaft und langsam, da ich immer noch eine panische Angst vor den

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Hufspuren Gräben hatte, dann aber schneller, je flacher das Wasser und sicherer Floyds Schritte wurden.  Nach einiger Zeit erreichten wir dann eine Gegend die nicht mehr unter Wasser stand.  Endlich hatte mich Floyd aus dem Koog herausgebracht. Ich zögerte zuerst, doch dann begann ich ganz vorsichtig zu galoppieren. Mein Herz begann vor Angst und Anspannung zu rasen. Der eisige Wind schnitt mir wie  Rasierklingen ins Gesicht.  Mein Atem wurde mit jedem Galoppsprung schneller und  schneller. Schweiß rann mir übers Gesicht. Mit jedem  weiteren Sprung wurde mir wärmer und wärmer. Schneller und schneller ritt ich nun voran. Alleine, mit  einem Ziel, das dort irgendwo in der, kalten Nacht vor mir  lag. Mit jedem Galoppsprung wich die Angst und Anspannung  ein kleines bißchen mehr, und machte einem für mich bis heute fast unbeschreiblichen Glücksgefühl platz. Wie in Trance galoppierte ich mit Floyd vorwärts. Mit einem Mal schien nun alles um mich herum vergessen.  Ich verspürte auch keine Schmerzen und Kälte mehr. Es war wie ein angenehmer, warmer Traum in dem ich nun wandelte.  Mein Herzschlag und mein Atem gingen mit jedem einzelnen von Floyds Galoppsprüngen mehr einher, bis Pferd und Reiter zu einer untrennbaren Einheit  verschmolzen waren: Meine Bewegungen waren nun  Floyds Be-

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wegungen, sein Atem war nun meiner und der  Herzschlag war nun unserer.  Sprung um Sprung, Atemzug um Atemzug, Herzschlag um  Herzschlag. So ging es nun weiter durch die Nacht. Fernab  von Zeit und Raum.  Schon bald lehrte mich die Natur jedoch schmerzhaft, dass der menschliche Körper für solche Belastungen nicht  gedacht, geschweige denn geschaffen ist. Ich begann zu keuchen. Meine Brust begann zu schmerzen und zu  brennen. Es war, als verwandelte sich jedes einzelne Lungenblässchen in eine Stecknadel, die mich nun durchbohrte. Aus, der angenehme, warme Traum!  Ich galoppierte noch einige Zeit weiter und versuchte dabei den nun immer stärker aufkommenden Schmerz zu  unterdrücken, dabei bildete ich mir auch ein, die  Schmerzen unter Kontrolle halten zu können. Vergeblich.  Bald hatte ich die Grenzen der Unterdrückung endgültig  erreicht. Die Schmerzen waren mittlerweile so stark  geworden, dass ich aufhören musste zu galoppieren, doch auch im Trab wurde es nicht besser. Im Gegenteil: Ich  empfand jeden einzelnen Trabtritt wie einen tiefen Stich  in meiner Brust.  Erschöpft und schmerzverzerrt ließ ich Floyd dann in den  Schritt übergehen. Mein Atem war unregelmäßig und  schmerzhaft.  Die grausame Realität hatte mich nun end-


Hufspuren gültig wieder: Die  Angst, die Anspannung, der Regen, die Kälte, der Wind, die  Einsamkeit und die Ungewissheit. Alles war nun wieder da.  Jeder von Floyds weiteren Schritten schmerzte mich so  sehr, als bohrte man mir ein brennendes Schwert durch die Brust. Es war ein Gefühl, als würde ich in meinem eigenem Blut ertrinken.  Trotz der enormen physischen Schmerzen begann ich  immer wieder einmal ein Stück zu traben, was ich allerdings  nur eine kurze Zeit durchhalten konnte. Einige Minuten  später gab ich meine verzweifelten Versuche in einer  schnelleren Gangart weiterzukommen auf. Zu groß waren  die Schmerzen geworden.  So musste ich meinen Ritt endgültig im Schritt fortsetzen.  Das Atmen war immer noch unbeschreiblich schmerzhaft, als ob ich Rasierklingen einatmete. Zu diesem fast unerträglichen physischem Schmerz und der Anspannung, kam nun noch die Unsicherheit hinzu, denn ich wusste��� schon lange nicht mehr, wo ich mich eigentlich befand.  Zwar schritt Floyd mit mir noch immer tapfer, mutig und unaufhaltsam durch den Sturm, doch spürte ich mit jedem  weiterem Schritt mehr, wie meine Angst größer wurde.  Schritt um Schritt, Atemzug um Atemzug, Sekunde um Sekunde, Minute um Minute, Stunde

um Stunde. So trug Floyd mich weiter. Wusste er überhaupt noch, wo er mich  hintrug?  Mir kam es jedenfalls so vor, als zogen wir gemeinsam  ohne ein erkennbares Ziel alleine durch die Nacht.  Es war ein Gefühl, als wären wir die letzten  Wesen auf diesem gottverdammten Planten.  Ich weiß bis heute nicht, wie lange ich mit Floyd ziel- und  planlos durch die dunkle, kalte, nasse und einsame Nacht  gezogen war, doch mit einem Male erkannte ich in weiter Ferne, wie aus dem Nichts, die wagen, schemenhaften  Umrisse eines Menschen.  Zuerst dachte ich noch, dass mein verwirrter Verstand  versucht hatte mir einen bösen Streich zu spielen, doch als  ich merkte, dass sich diese Umrisse auch noch auf mich zu  bewegten, überkam mich doch die kreatürliche Neugier  eines Verlassenen.  Ich begann trotz der Schmerzen noch einmal zu traben.  Und tatsächlich: Die zuerst noch schemenhaften Umrisse  wurden nun immer klarer, je mehr ich mich ihnen nährte.  Mein Verstand hatte mir also keinen Streich gespielt. Ich ritt tatsächlich auf einen Menschen zu!  Ich stoppe Floyd und schaute zu der Person neben mir herunter. Es war eine uralte Frau mit grauen Haaren,  faltigem Gesicht und schwarzer Kleidung. Sie schaute zu  mir hinauf. Ihre Augen waren trüb und blass. Unweigerlich

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Hufspuren musste ich in diesem Augenblick an die alte  Triene Janzs aus Theodor Storms Novelle „Der  Schimmelreiter“ denken.  «Moin!», grüßte ich die alte Frau höflich.  «Wo geht es denn hier nach Husum?», fragte ich sie freundlich. Die Frau starrte mich an. Ihr Gesicht war verzogen, so als  wäre sie um jemanden in großer Sorge.  «Können Sie mir vielleicht sagen, wo es von hier aus nach  Husum geht», fragte ich noch einmal höflich.  Keine Antwort.  Stattdessen strich sie für einen kurzen,

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kaum  wahrzunehmenden Augenblick mit ihrer alten, schwieligen Hand über meinen Handrücken und  starrte mich wie unter einem Schock stehend an.  «Die Toten reiten schnell...», sagte sie angsterfüllt, sah mich noch einmal für einen kurzen Augenblick  versteinert an, drehte mir den Rücken zu und setzte ihren  Weg durch die Nacht fort.

Fortsetzung folgt... Marc Amelsberg


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Termine • Termine • Termine Oktober 08. - 09.10. 2011

Moderne Klassik - an der Hand und unter dem Sattel mit Marlitt Wendt Infos & Anmeldung: www.pferdsein.de

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10. - 11.10. 2011 17. - 18.10. 2011, & 24. - 25.10. 2011

Round Pen und Pferdekommunikation mit Markus & Andrea Eschbach www.eschbach-horsemanship.com Info & Anmeldung: info@eschbach-horsemanship.com

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Kleindöttingen (Schweiz)

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20.11. 2011

Die nächsten Hufspuren erscheinen!

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Impressum Hufspuren - Das Magazin für‘s Pferdeglück Herausgeber / Redaktion: Maritres Hötger Schierhorner Straße 44 21271 Dierkshausen info@meine-hufspuren.de Tel.: 04184/889866 Text- & Bildbeiträge in dieser Ausgabe: Marc Amelsberg, Karin Brinkmann, Katja Doering, Nele Feldmann, Birgit Feldt, Gentle Horse Concepts, Maritres Hötger, Anna Jegerczyk, Dürten Juchem, Angela Kraft, Willis Lamm, Esther Naeter, Susett Queisert, Doris Semmelmann, Two Crows Ranch, Nina Walther Grafik & Layout: Maritres Hötger Titel-Schriftbild: Joebob Graphics http://www.joebob.nl/ Anzeigen / Präsentationen: anzeigen@meine-hufspuren.de Private Kleinanzeigen sind kostenlos, die Präsentationen der Angebote unserer Autoren sowie Empfehlungen der Redaktion erfolgt ebenfalls kostenlos.

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Hufspuren September / Oktober 2011