Page 1

Hufspu ren

März / April 2012

Das Magazin für‘s Pferdeglück

1


Inhalt

Notfall-Pferdchen Black Pearl sucht ein Zuhause

Seite 4

Pferdeglück Frühlingserwachen und Trainingsbeginn Fit im Sattel - Ein erstes Fazit Da läuft was schief - Wie der Reiter das Pferd aus der Balance bringt Es grünt so grün

Seite Seite Seite Seite

7 11 14 18

Nachgedacht Pferdesport am Pranger

Seite 23

Hufspuren Geschichte eines Fohlens Unsere Clickergeschichte Leider Späteinsteiger? Eine Reise für Lara Samson Vom Trauma zum Traum - Gechichte einer Wandlung Sehnsüchte Verloren in den Weiten der nordfriesischen Marsch

Seite 24 Seite 26 Seite 38 Seite 47 Seite 50 Seite 52 Seite 62 Seite 64

Stallgeflüster Szenen aus dem Pferdeleben: Anfängerglück Geschichten vom Pferd: Cantara und das Geheimnis des großen Nichts

Impressum

Seite 43 Seite 60 Seite 70

Mein Hufschmied im Norden, von Holstein bis in die Heide


Editorial Liebe Pferdefreunde, heute melde ich mich als absoluter Späteinsteiger zu Wort. Nachdem ich mich ja mittlerweile ohne Furcht auf den Rücken unsere Freunde traue (zumindest wenn ich sie kenne) – versuche ich es heute denn jetzt auch einmal mit dem Schreiben. Ich hoffe ihr habt alle die kalte Jahreszeit gut überstanden . Dachten wir doch im Dezember noch dieses Jahr verschont zu bleiben, machte das Wetter uns - wie üblich - einen Strich durch die Rechnung und so mussten wir uns sehr spät, mal wieder, auf die kalten Temperaturen einstellen, mit eingefrorenen Wasserleitungen kämpfen und wohl doch noch das ein oder andere Mal das Wasser in Eimern oder Kanistern zu unseren lieben Vierbeiner bringen. Aber die ersten Sonnenstrahlen lassen uns trotzdem schon an wärme Tage denken und somit sollten wir uns auch schon wieder Gedanken machen, wie wir unser Pferd und uns selber natürlich, wieder in Top-Form bekommen, damit wir schon bald wieder unbeschwert mit unseren Vierbeinern die freie Natur genießen können. In diesem Sinne wünschen wir Euch allen eine entspannte Vorbereitungszeit und einen guten Start in die „Endlich-Wieder-Draußen-Tage“ und natürlich ganz viel Sonnenschein. Und falls das Wetter dann doch noch nicht so mitspielt, gibt es sicherlich genug interessante Artikel in dieser Ausgabe, um die Regentage zu überbrücken. Wir wünschen Euch viel Spaß dabei.

Eure

und das Team der „Hufspuren“

Foto oben: Gentle Horse Concepts Titelfoto: Diana Kampmann

3


Notfall-Pferdch en

Black Pearl sucht ein Zuhause Hilfe, hier läuft etwas völlig falsch in meinem Leben! Und dabei fing doch alles so vielversprechend an: Ich hatte mal einen Namen, aber inzwischen bin ich für alle nur noch „die schwarze Stute“. Ich wurde zusammen mit meinem Halbbruder als Gesellschaft für den lütten PalominoJährling neben mir gekauft und der Pastor auf unserem früheren Hof nahm sich unser an. Er nannte mich „Black Pearl“ Dann verkrachte er sich mit den Hofbesitzern und betrat das Gelände nicht mehr. Von da an ging es mit uns bergab. Der Mensch kann sich unsere Haltung nicht leisten, Du siehst, wo ich wohnen muss. Unsere Hinterbeine werden schon krumm, den Hufschmied haben wir vor fast einem Jahr zuletzt gesehen. Bei meinem Halbbruder war es ganz schlimm, er war bös kuhhessig geworden und

4

konnte nur noch langsam laufen, weil sich alle Gelenke zu verdrehen begannen. Und nun hat er mich auch noch verlassen. Und dabei sind wir doch eine kleine Seltenheit: Mein Halbbruder und ich, wir sind Missouri Foxtrotter und haben einen wunderbaren vierten Gang, den man den „Foxtrott“ nennt. Man sagt auch, wir seien der „Cadilac der Cowboys“, weil wir so unheimlich bequem sind. Außerdem bauen wir eine unheimlich starke Bindung zu unseren Menschen auf, sind verschmust und haben richtig starke Nerven! Außerdem erreichen wir eine angenehme Höhe von 140 bis 160 Zentimetern. Wir haben zwar beide keine Papiere, aber wir sollen auch nur ganz wenig kosten, Hauptsache, wir verschwinden von hier. Das bin ich, „Die schwarze Stute“ mit meinen Mithäftlingen:


Das bin ich.

5


Notfall-Pferdch en Ich freue mich für meinen Bruder, denn er hat wieder einen Namenvund eine Besitzerin, die sich um ihn kümmert, den Hufschmied kommen lässtvund seine Beine wieder richten lässt. Schließlich sind wir ja erst eineinhalb Jahre alt. Außerdem hat sie ihn wieder sauber gekriegt, auch wenn sie alles Fell, das von Mist und Dreck verklebt und verfilzt war,

abscheren musste, um es überhaupt weg zu bekommen. Kennst Du jemanden, der mich freikaufen möchte, für 750 Euro oder vielleicht weniger, wenn ich schnellstmöglich verschwinde? Nicole konnte leider nicht uns beide kaufen.

Wer mir ein neues Zuhause geben möchte, schickt bitte eine Mail an: info@meine-hufspuren.de In Hoffnung auf baldige Nachricht, Eure Black Pearl.

Das hier ist mein Bruder. Er heißt nun „Corvus Corax“ und beginnt bei Nicole wieder zu leben...

6


Pferdeglück

Frühlingserwachen und Trainingsbeginn Sobald das erste Blau am Himmel zu sehen ist und die Sonne etwas mehr zwischen den Winterwolken hervor scheint, wird das Reitervolk nervös. Wieder in den Sattel, wieder Zirkel und Volten auf dem Reitplatz ziehen, wieder hören, wie der Waldboden den Hufschlag verschluckt, scheint jetzt das wichtigste Ziel zu sein. Für viele Reiter und Pferde ist der Winter jedoch eine alljährliche Zwangspause, wenn der Reitplatz erst unter Wasser steht und dann zur Kraterlandschaft verfroren ist und die Wege in Gelände und Wald vereist sind. Daher heißt die Devise erst einmal Auftrainieren und Winterspeck verlieren, wobei die Ziele des Sommerhalbjahres immer vor Augen behalten werden müssen, ob nun die Turniersaison wieder vor der Tür steht oder ein Lehrgang geplant ist. Für ein sinnvolles Auftrainieren des Pferdes ist es wichtig, dass der Reiter sich immer bewusst macht, dass er drei große Einheiten im Pferdekörper trainieren muss: Die Knochen und deren Gelenke, die Muskeln und die Sehnen und Bänder.

Der Aufbau der Muskulatur Vordergründig verbinden viele Reiter mit dem Training ihrer Pferde

den Aufbau von Muskulatur. Die Muskeln sind für das Pferd, den Reiter und das Reiten auch sehr wichtig, denn sie ermöglichen die Bewegung und halten den Pferdekörper zusammen. Sie ermöglichen uns Reitern im Endeffekt erst das Reiten. Trainiert wird die hauptsächlich die Skelettmuskulatur des Pferdes, weil nur sie dem „Willen“ des Pferdes unterliegt und damit von uns Reitern beeinflussbar ist. Im Gegensatz dazu sind die glatte Muskulatur und die Herzmuskulatur nicht beeinflussbar. Wie gut die Skelettmuskulatur durch uns trainiert werden kann, hängt jedoch vor allem vom Pferd ab, dessen Alter, Geschlecht und Rasse hier neben der Dauer und Intensität früherer Trainingseinheiten eine Rolle spielen. Das Muskeltraining wirkt sich vielfältig aus, denn neben dem äußeren Erscheinungsbild verbessern sich hierdurch Sprungkraft, Ausdauer und Schnelligkeit unserer Pferde und auch die Muskeln an sich verändern sich je nach Trainingsziel: Bei Ausdauertraining, wie für Distanzpferde, bildet sich beispielsweise mehr faserige Muskulatur, wodurch sich Blutversorgung, Sauerstoffbindung und Energiestoffwechsel im Muskel verbessern. Ein trainierter Muskel ist auch immer resistenter gegen Muskelfaserrisse durch Überlastungen und Muskel7


Pferdeglück kater hat weniger Chancen, unsere Pferde zu belasten. Die Muskulatur zeigt die schnellsten Trainingserfolge, doch im Allgemeinen gilt, dass für das Aufbauen von Muskeln mindestens von sechs Wochen ausgegangen werden muss. Die Zeit, die ein bestimmtes Pferd braucht, um die entsprechende Menge an Muskulatur aufzubauen, um für ein spezielles Trainingsziel gerüstet zu sein, ist jedoch immer individuell. Zur Zeit nehmen Trainingswissenschaftler an, dass Auswirkungen durch Training auf die Muskulatur auch lediglich fünf bis sechs Wochen vorhalten. Entsprechend sollte eine vorsichtige Wiederaufnahme des Trainings immer erfolgen, wenn eine Trainingspause vorangegangen ist.

Das Einstimmen des Skellets auf die Arbeit Nach den Muskeln dürfen wir als Reiter die Knochen und Gelenke unserer Pferde nicht vergessen, da sie das Gerüst bilden, welches Pferd und Reiter trägt. Ihr besonderer Aufbau ermöglicht den Knochen, bei sehr geringem Gewicht gleichzeitig sehr stabil und auch elastisch zu sein. Dabei können sich die Knochen auf unterschiedliche Belastungssituationen einstellen, was bedeutet, dass sie trainiert werden können. Weil der Anpassungsprozess der Knochen allerdings mehrere 8

Monate dauert, sollten größere Belastungen, wie ein schneller Geländeritt mit Sprüngen oder ein Wettrennen langfristig vorbereitet werden, damit keine Schäden entstehen. Bei jungen Pferden sollte der Reiter dabei immer im Hinterkopf haben, dass deren Knochen noch nicht den gleichen Mineralisierungsgrad, und damit die Stärke, erreicht haben, wie ihn ältere bzw. ausgewachsene Pferde haben. Knochenauf- und abbau wird immer durch die Zug- und Druckbelastung beeinflusst, hier lassen sich erste Veränderungen der Knochensubstanz schon nach ca. zwei Monaten Training wissenschaftlich feststellen. Allgemein gilt aber, dass das Knochentraining schon im Fohlenalter beginnen sollte, denn hier wird der Grundstein für das spätere Leben gelegt. Zu den Knochen gehören als Verbindungsstücke die Gelenke, die unter Trainingsbedingungen mehr Synovia, die sogenannte „Gelenkschmiere“ bilden, wodurch der Stoffwechsel im Gelenk verbessert wird. Die Synovia schmiert die Gelenkoberflächen und verhindert ein Reiben der Knorpel aufeinander. Viel Bewegung neben und vor dem Training verbessern die Funktion der Gelenke, wo hingegen Stehpausen oder Bewegungseinschränkungen, wie Boxenhaltung nachteilig für die Gelenke des Pferdes sind. Die Haltungsbedingungen müssen daher in die Planung der Trainingseinheit


Pferdeglück mit einfließen und es empfiehlt sich immer, die Aufwärmphase im Schritt zu verlängern, um sicher zu stellen, dass die Gelenke ausreichend geschmiert sind.

Das Training der Sehnen und Bänder Die letzte und wahrscheinlich empfindlichste physikalische Einheit im Pferdekörper, die beim Training berücksichtig werden sollte, sind die Sehnen und Bänder. Eine Vielzahl von Verletzungen in diesen Bereich gehen auf schlechtes und unsachgemäßes Training zurück. Die Sehnen verbinden im Pferdekörper die Muskulatur und die Knochen und sind damit eine Art Bewegungsverstärker, da die Muskeln ohne sie nicht die Knochen und damit den Pferdekörper bewegen könnten. Eine besondere Schutzvorrichtung im Pferdekörper sind die Sehnenscheiden, die die Sehnen an stark belasteten Stellen wie ein Mantel schützen. Damit die Sehnen gut durch die Sehnenscheiden gleiten können, wird auch hier Synovia gebildet. Sehnen fungieren als eine Art Energiespareinrichtung: Sie nehmen bei einer Bewegung oder Belastung Last auf, speichern diese, geben die Bewegungsenergie wieder ab und verstärken somit die Bewegung. Die Belastbarkeit ist von Sehne zu Sehne unterschiedlich, liegt im Ma-

ximum aber bei ca. 1,2 Tonnen, während ihre Dehnungsfähigkeit stark begrenzt ist. Bei Überdehnung entstehen Zerrungen, Prellungen oder Läsionen. Die Ursache hierfür können plötzliche zu schnelle oder starke Bewegungen, Vorschäden, plötzliches Losstürmen, ungeeignete Bodenverhältnisse, Ermüdung oder fehlerhafter Beschlag sein. Bänder sind Verbindungen von Knochen zu Knochen und kommen an allen Gelenken vor, sie unterstützen die Bewegungsrichtung des Gelenkes und begrenzen dessen Bewegungsfreiheit. Für uns als Reiter ist das Nackenrückenband sicherlich eins der bedeutendsten Bänder im Pferdekörper. Das Grundlagentraining für Sehnen und Bänder beginnt schon im Fohlenalter, denn je mehr ein Fohlen laufen und sich bewegen darf, desto besser ist die Qualität der Sehnen, was für das spätere Dasein als Reitpferd nur günstig ist. Später ist die Verbesserung der Sehnenqualität nur noch begrenzt und in sehr geringem Ausmaß möglich und um Sehnen zu trainieren, muss man als Reiter Jahre einplanen. „Mal eben so“ ein Springturnier zu reiten, ist also vor diesem Hintergrund mehr als fragwürdig, wenn man im Trainingskalender über Jahre hinweg kein Springtraining eingebaut hatte.

9


Pferdeglück Der Trainingsbeginn in der Praxis Für das Erwachen nach dem Winter stellt sich für uns Reiter nun die Aufgabe, anhand der körperlichen Gegebenheiten des Pferdes einen sinnvollen Trainingsplan zu entwickeln, um das Pferd schonend an die Belastung heranzuführen und entsprechend aufzutrainieren. Um Knochen und Muskeln einen Trainingsanreiz zu geben, empfiehlt sich das Intervalltraining, davor sollte allerdings ein Sehnen- und Gelenktraining absolviert werden. Die Sehnen und Gelenke müssen mit einer Aufwärmphase geschmiert und auf die bevorstehenden Belastungen eingestimmt werden, wobei diese Aufwärmphase auch über ein paar Tage als Trainingseinstimmung genutzt werden kann. Dafür kann das Pferd mit auf einen Spaziergang oder im Schritt an die Longe genommen werden, aber auch mit Stangen und Hütchen am Boden gearbeitet werden. Gymnastizierung an der Hand bringt Beweglichkeit ins Pferd, lockert die Muskulatur und trainiert die Dehnbarkeit von Sehnen und Bändern. Der Aufbau des eigentlichen Intervalltrainings ist dann eine Abfolge von Belastung und Entlastung. In den Belastungsphasen bringt man das Pferd in Trab- oder Galopparbeit sprich10

wörtlich zum Schwitzen, hierbei kann die Herzfrequenz Aufschluss über die Intensität der Belastung geben. Nach der Belastungsphase folgt dann die Entlastungsphase. Das Pferd kann beispielsweise im Schritt wieder zur Ruhe kommen, dabei sollte die Herzfrequenz wieder in den Normalbereich kommen. Be- und Entlastungsphasen wechseln sich mehrmals hintereinander ab, bis die Trainingseinheit abgeschlossen bzw. die Reitstunde zu Ende ist. Was sich hier nach stumpfem Ausdauertraining anhört, ist es in dieser Variante auch. Allerdings lässt sich das Intervalltraining auch mühelos auf die Dressur, das Reiten im Gelände, die Arbeit an der Longe oder auch das Springtraining übertragen. Nach dem Reiten einer Lektion oder der Trabarbeit an der Longe auf einer Hand folgt eine Ruhepause bis die nächste Lektion oder der Trab auf der anderen Hand begonnen wird. Wer Schwierigkeiten hat, die Herzfrequenz seines Pferdes zu bestimmen oder wem die Anschaffung eine Herzfrequenz-Gerätes zu teuer ist, der kann auch die Atmung des Pferdes beobachten. Unter Belastung ist die Frequenz der Atemzüge sehr hoch und wird dann in der Ruhephase wieder ruhiger. Anna Jegerczyk


Pferdeglück

Fit im Sattel - Ein erstes Fazit Fast ein Jahr ist seit meinem Selbstversuch vergangen. Von den anfänglichen Unisport-Kursen Capoeira und Bauchtanz über Joggen und Radfahren habe ich verschiedene Sportarten versucht und getestet, ob diese Auswirkungen auf meinen Reitersitz haben bzw. ob sich meine Kondition verbessert. Nach dem knappen Jahr hat sich letztlich alles in eine etwas andere Richtung entwickelt, der Ausgleichssport ist aber dennoch präsent, nur die Sportarten haben sich geändert. Das Joggen fällt mir leider immer noch wahnsinnig schwer, da ich a) ein übelster Langschläfer bin und mich nur schwer zu Frühsport animieren kann und b) gern mit anderen Sport mache, aber noch keinen Joggingpartner gefunden habe. So kam es, dass ich seit ca. 4 Monaten in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zum Schwimmen ging. Eine Stunden Brustschwimmen ist echt anstrengender, als man denkt, besonders, wenn man nicht nur - wie oft in der Schwimmhalle gesehen - gemütlich nebeneinander her plantscht und Kaffeekränzchen hält, sondern sich wirklich aktiv bewegt und eine Bahn nach der anderen hinter sich bringt. Dann ist Schwimmen ein sehr gutes HerzKreislauf-Training und hat zudem den

Vorteil, dass man unter Wasser nicht ins Schwitzen kommt. Aufpassen sollte man aber gerade beim Brustschwimmen, dass man sich mit dem Kopf tief im Wasser befindet bzw. sogar beim Ausatmen untertaucht, damit es nicht zu Nackenschmerzen oder Verspannungen im Halswirbelbereich kommt. Des weiteren sollte meine Reaktionsschnelligkeit und Geschwindkeit besser geschult werden, als mich meine Reitlehrerin fragte, ob wir nicht regelmäßig Badminton spielen gehen wollen. Nein, nicht das Federball, wie wir es von Ostseeurlauben am Strand kennen, sondern schweißtreibendes und körperlich anstrengendes Badminton. Natürlich war sofort Feuer und Flamme, spielte ich schon zu Schulzeit gern diesen Ballsport. Beim Badminton kommt es neben Schlagkraft vor allem auf die gute Lauftechnik an. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass man mit wenig Energie den Ball erreicht und schnellstmöglich zur Mitte des Spielfeldes zurückkehrt. Hier wird deutlich, dass dieser Sport vor allen Dingen in die Oberschenkelund Wadenmuskeln geht, da es weniger auf die Kraft des Abschlags als vielmehr auf das richtige Timing am Ball ankommt. Das Training der Muskelgruppen, die beim Reiten eher vernachlässigt werden, nämlich die äu11


Pferdeglück ßere Oberschenkelmuskulatur sowie die Gesäßmuskulatur, werden hier in den Vordergrund gestellt. Doch auch besagte Reaktionsfähigkeit, die zum Beispiel im Falle eines Scheuen des Pferdes oder eines Freundenbucklers gefordert sein könnte, werden durch die schnellen Ballwechsel und unterschiedlich geschlagenen Bälle gefordert. Badminton ist also nicht nur simples Hin- und Herschlagen des Balls, sondern es stellt höchste Ansprüche an den Sportler: „Ein Badmintonspieler sollte verfügen über die Ausdauer eines Marathonläufers, die Schnelligkeit eines Sprinters, die Sprungkraft eines Hochspringers, die Armkraft eines Speerwerfers, die Schlagstärke eines Schmiedes, die Gewandtheit einer Artistin, die Reaktionsfähigkeit eines Fechters, die Konzentrationsfähigkeit eines Schachspielers, die Menschenkenntnis eines Staubsaugervertreters, die psychische Härte eines Arktisforschers, die Nervenstärke eines Sprengmeisters, die Rücksichtslosigkeit eines Kolonialherren, die Besessenheit eines Bergsteigers sowie über die Intuition und Phantasie eines Künstlers. Weil diese Eigenschaften so selten in einer Person versammelt sind, gibt es so wenig gute Badmintonspieler.“ (Martin Knupp: Yonex-Badminton-Jahrbuch 1986)

12

Und letztlich hat es ein Fitnesstrend aus der USA geschafft, mich zu überzeugen: Zumba. Dieser Fitnessworkout verbindet Aerobic mit lateinamerikanischem Tanz. Neben schnellen Salsa- und Merengue-Rhythmen fließen verschiedene Element aus dem Bauchtanz und Martial Arts ein. In einer Gruppe von 25 Frauen jeden Alters üben wir jeden Mittwoch neue Schritte ein, die dann zusammen mit Arm- und Schulterbewegungen kombiniert werden. Hier wurde mir vor allem bewusst, wie verspannt meine vor allem rechte Schulter mittlerweile ist, fallen mir doch bestimmte Bewegungen rechts schwieriger als links. Durch die verschiedenen - meiner Meinung nach - einfachen Bewegungen wird der Körper nicht überanstrengt und erfährt dennoch eine Belastung am oberen Limit seiner Möglichkeiten. Das Herz wird ordentlich zum Pumpen gebracht, der Schweiß rinnt und die lateinamerikansichen Klänge lassen einem den einen oder anderen Hüftschwung aus der Reserve locken. Vor allem das wöchentliche Zumbatraining hat die Beweglichkeit meines Oberkörpers bereits gestärkt, auch wenn hier noch viel Potential ist. Zusammen mit einem sehr guten Therapeuten (Tiefengewebsmassage) bekommen wir doch auch dieses Problem langsam in den Griff.


Pferdeglück Letztlich lässt sich feststellen, dass mein gesamter Sitz durch eben diese Sportarten bereits gerader wurde, heißt, im Trab und Galopp falle ich mittlerweile weniger nach vorn und auch meine Längsachse knickt weniger in ab. Meine rechte Schulter trage ich immer noch - als Zeichen der Kompensation verschiedener Verspannungen im Rückenbereich - höher, aber schon deutlich ruhiger als vorher. Den größten Unterschied merke ich in der Lage meiner Beine und der Kondition. Im Trab gelingt es mir immer mehr, den Unterschenkel ruhig zu halten und im Treiben lediglich die Wade anzuspannen anstatt den Absatz zu benutzen. Das gerade zum Anfang noch oft gemachte “Fahrradfahren” mit meinen Unterschenkel hat sich deutlich reduziert. Und auch in der Dauer einer Reiteinheit bin ich nicht schon nach einer halben Stunde fix und fertig, sondern kann durch die gesteigerte Kondition bereits längere Trabreprisen durchhalten.

Unterschied, ob man sich nur dem Reitsport widmet und sich dort eingeschlichene Sitzfehler und körperliche Verspannungen nur durch - hoffentlich regelmäßig stattfindende Sitzkorrekturen - behebt oder ob man auch bereit ist, durch die Möglichkeit einer anderen Sportart eventuelle Defizite in den Griff zu bekommen und - was auch nicht außer Acht zu lassen ist - Stress, den man oft in den Stall mitnimmt, bei einem anderen Sport abzubauen.

Wie ihr seht, macht es schon einen

Susett Queisert

Ich kann es nur jedem wieder ans Herz legen: Sucht euch neben der Reiterei einen Sport, der euch Spaß macht und den ihr nicht nur betreibt, damit ihr überhaupt noch einen Ausgleichssport macht, sondern der euch wirklich bei Laune hält. Mir hat es sehr viel gebracht, verschiedene Sportarten zu testen und die für mich auszuwählen, die ich gern mache und bei denen ich weniger an Sport denke, sondern vielmehr an Spaß und Freude.

Susett Queisert ist Hobbyfotografin und angehende Juristin. Sie nennt einen 23-jährigen Trakehner-‘Wallach ihr Eigen, der ihr nach einem Unfall die Augen für einen pferdegerechten Umgang und schonendes Reiten geöffnet hat und beschäftigt sich nun vorrangig mit dem Training und der Gesunderhaltung älterer Pferde. www.settiphotos.de 13


Pferdeglück

Da läuft was schief Wie der Reiter das Pferd aus der Balance bringt • Galoppiert dein Pferd auf der falschen Seite an?

Beginnen wir mit der Analyse von oben nach unten.

• Biegt sich dein Pferd auf einer Seite nicht?

Der Kiefer

• Geht dein Pferd auf einer Seite gegen den Schenkel? • Buckelt dein Pferd Gangartenwechsel?

beim

• Springt dein Pferd in eine schnellere Gangart? Für solche Fragen gibt es nicht immer plausible Antworten. Vor allem dann, wenn dein Pferd anatomisch gesund ist, die Zähne keine Kanten haben, der Sattel passt oder der Hufschmied gerade da war. Wenn sich dein Pferd bester Gesundheit erfreut, solltest du dich als Reiter einmal genau anschauen und beim Reiten beobachten. Eine Vielzahl von Problemen zum Beispiel anatomischer Natur kann sich direkt oder indirekt auf das Reiten und somit auf das Verhalten des Pferdes beim Reiten auswirken. Ich möchte hier einige Probleme beschrieben, wie man sie erkennen kann, welche Auswirkungen sie haben und wie man sie positiv beeinflussen kann. 14

Wenn du beim Reiten sehr konzentriert arbeitest, kann es sein das du deine Zähne fest zusammen beißt. Dies wirkt sich indirekt auf das Reiten aus, weil die Kiefermuskulatur verspannt, dadurch verspannt sich die Nackenmuskulatur. Die Nackenmuskulatur steht eng mit der gesamten Rückenmuskulatur in Verbindung. Der gesamte Rücken ist verspannt, die Beckenbewegungen sind eingeschränkt und somit wird das Pferd in seiner natürlichen Bewegung behindert. Das Zusammenbeißen der Zähne kann dadurch z.B. ein Hineinspringen in eine Schnellere Gangart verursachen oder das Pferd in seiner Bewegung blockieren. Dem kannst du entgegen wirken indem du dich darauf konzentrierst genau dieses nicht zutun. Versuche einmal beim Reiten den Mund leicht offen zuhalten oder zu singen, so bleibt die Kiefermuskulatur locker und der Rücken frei.


Pferdeglück Die Schultern

Die Wirbelsäule

Beobachte dich, ob du beim Reiten deine Schultern nach oben ziehst.

Nicht jede Wirbelsäule ist von Natur aus gerade. Eine fehlerhafte Krümmung der Wirbelsäule kann angeboren, aber auch erworben sein. Eine Fehlstellung der Wirbelsäule wirkt sich direkt und indirekt auf das Reiten aus.

Das Hochziehen der Schultern wirkt sich direkt auf das Reiten aus. Von der Stellung der Schultern wird auch die Stellung des Mundstückes im Maul des Pferdes beeinflusst. In hochgezogener Position der Schultern ist das Mundstück unter Umständen ebenfalls nach oben gezogen, dadurch kann es sein, dass das Pferd auf das Mundstück beißt. Dies kannst du positiv beeinflussen in dem du die Schultern lockerst, z.B in dem Du sie nach oben ziehst und wieder entspannst. Du kannst dies auch als Übung gestallten um dich und dein Pferd zu Beginn des Trainings zu lockern.

Skoliose: Durch die Krümmung wird eine Seite mehr belastet als die andere dies wirkt sich indirekt auf das Reiten aus. Wenn du feststellst, dass sich dein Pferd zum Beispiel beim Versuch nach links zu reiten weigert und nach rechts weg drückt, kann es sein das du eine Wirbelsäulenkrümmung nach rechts hast, somit wird die rechte Seite stärker belastet und dein Pferd tritt nach rechts um unter deinen Schwerpunkt zu gelangen

Legende: rote Figur: falsche Situation roter Pfeil: Wirkung dieser Situation grüne Striche: zu trainierender Muskulatur grüner Pfeil: zu trainierende Position

15


Pferdeglück Wenn du eine vom Arzt bestätigte angeborene Skoliose hast, also eine Fehlstellung bedingt durch eine fehlerhafte Form der Wirbelkörper, solltest du auch beim Reiten deine Einlegesohlen in den Reitschuhen tragen. Alternativ kannst du auch den Steigbügel ein halbes loch kürzer machen, hier für ist es wichtig zu wissen wo die Krümmung ist. Wenn du eine erworbene Skoliose hast, also eine Fehlstellung die muskulär bedingt ist durch einseitiges Belasten, solltest du kontinuierlich die schwächere Muskulatur, diese ist in jedem Fall die Muskulatur auf der Seite der Krümmung, trainieren und kräftigen. Rundrücken: Du hast das Gefühl dein Pferd läuft zu sehr auf der Vorderhand, dann solltest du im Spiegel schauen ob du eventuell einen Rundrücken hast. Ein Rundrücken wirkt sich direkt auf das Reiten und dein Pferd aus. Bei einem Rundrücken sammelt sich dein Gewicht über der Vorderhand des Pferdes. Dein Pferd muss dieses Gewicht tragen und muss somit mehr Kraft in der Schulter entwickeln. Diesem Problem kannst du nur über einen längeren Zeitraum entgegen wirken. Kräftige intensiv deine Rückenmuskulatur und arbeite immer in eine Aufrichtung.

16

Hohlkreuz: Wenn du ein Hohlkreuz hast, kannst du eventuell beobachten, dass dein Pferd immer wieder einen Gang zurück schaltet oder langsamer wird. Das Hohlkreuz wirkt sich direkt und indirekt auf das Reiten und dein Pferd aus. Da dein Körper nach hinten fällt hältst du dich unter Umständen automatisch unbewusst an den Zügeln fest (indirekt), dein Gewicht liegt hinter dem Schwerpunkt (direkt). Beide Faktoren begünstigen einen Impuls zum verlangsamen. Meist geht ein Hohlkreuz auch mit einer geringen Beckenbeweglichkeit einher, was das Mitschwingen mit dem Pferd erschwert und dessen Bewegungen blockiert Wie auch beim Rundrücken kannst du dem nur über einen längeren Zeitraum entgegen wirken. In diesem Fall solltest du jedoch die komplette vordere Muskulatur, also Bauch und Beine kräftigen. Auch die Gesäßmuskulatur kann das Hohlkreuz positiv beeinflussen. Stelle dir hierfür am besten dein eigenes Bauch-Beine-Po-Program zusammen. Nina Walther Bitte beachtet, dass dies nur ein paar Tipps für den Alltag sind. Bei merklichen Problemen solltet Ihr einen Arzt aufsuchen. Zur intensiveren Beschäftigung mit dem Thema empfehlen wir die Bücher von Eckart Meyners.


Pferdegl端ck

Rundr端cken

Hohlkreuz

Nina Walther reitet seit ihrem 6. Lebensjahr. Als agebildete Physiotherapeutin stimmt sie ihr Pferdetraining auf die muskul辰ren Bed端rfnisse des Pferdes ab und steht auch anderen mit Rat und Tat in Gesundheitsund Motivationsfragen zur Seite. Seit 2 Jahren bildet sie ihren Eddi gebisslos aus. Zudem fotografiert und zeichnet sie wann immer Sie Zeit dazu findet. Von ihr stammen auch die Cartoons im Magazin.

17


Pferdeglück

Es grünt so grün...

© Anna Jegerczyk

Die Pferdeweide. Gefürchtet von den einen, vergöttert von den anderen, je nach Fütterungs- und Gesundheitsstatus des dazugehörigen Vierbeiners. Doch jedes Pferd, egal ob leicht- oder schwerfuttrig, stürzt sich wie magnetisch angezogen auf alles Grüne, und ganz besonders die, die ein „Grün-Verbot“ haben. Als Pferdebesitzer wird man regelrecht von Informationen, Schreckensnachrichten und Vorgaben zum Thema „Pferdeweide“ und „Gras“ überrollt. Meistens bleiben dabei alle Beteiligten – Pferd, Mensch und Gras - auf der

18

Strecke. Konventionelle Meinungen und moderne Ansichten kämpfen um Beachtung, doch kann man als Pferdehalter nicht einen Weg finden, in Frieden und Harmonie mit Pferd und Weide zu leben? Eine Frage, die eigentlich mit „Ja“ zu beantworten sein sollte. Eigentlich. Die Weide ist ein Schreckgespenst für viele Pferdehalter. Besonders diejenigen, die kranke Pferde zu betreuen haben, verteufeln oft die gegebenen Umstände. „Wohlstandskrankheiten“, wie z.B. die fütterungsbedingte Hufrehe, EMS oder ECS, haben sich unbemerkt in viele Pferdeställe eingeschlichen. Pferde-


Pferdeglück experten warnen schon seit Jahren und wurden früher oft dafür ausgelacht. Heute rückt das Problem dieser „Wohlstandskrankheiten“ aber immer mehr in das Bewusstsein der Pferdebesitzer, denn inzwischen sieht man erschreckend viele zu dicke und dadurch krank gewordene Pferde. Neueste Erkenntnisse der Forschung beweisen, dass die Weide dabei häufig als Krankheitsauslöser eine entscheidende Rolle spielt. Hierbei muss vor allem der Wandel in der Flächennutzung von der klassisch landwirtschaftlichen Beweidung durch Milchkühe hin zur Pferdeweide, in den Fokus genommen werden: während Kuh- und Rinderbetriebe auf Grund sinkender Milchpreise immer weniger wurden, gibt es eine stetig wachsende Entwicklung in der Pferdebranche. Pensionsställe sprossen wie Pilze aus den Böden und viele ehemals landwirtschaftlich genutzten Weiden bekamen eine neue Aufgabe als Pferdeweide. Was jedoch vergessen wurde, war die Tatsache, dass die Hochleistungs-Milchkühe eine andere Weide als Futtergrundlage und damit Energiequelle benötigten, als unsere zumeist nur freizeitmäßig gearbeiteten Pferde sie brauchen. Die energiereichen Gräser blieben auf den Flächen, auf denen sich jetzt das Steppentier Pferd den ganzen Tag über und teilweise auch die nachts den Bauch voll schlagen darf. 
Die vor allem Ponys und leichtfuttrige Pferde krankmachenden Gräser, wie z.B. das deutsche Weidelgras, stehen zum Teil in akkurater Monokultur auf den Flächen und so manch ein Pferdehalter ist stolz auf die saubere und grüne Weide, die nur eine geringe Verunkrautung im

Bereich der Geilstellen aufweist. Eine satte Weide lässt im Frühjahr, wenn alles im Maigrün erstrahlt, so manchen verträumt am Zaun stehen. Bienen und die ersten Löwenzähne ergeben dann den Rest am wunderschönen Klischee. Doch für unsere Pferde birgt ebendieses „Grün“ auch Gefahren: Die Hochleistungsgräser, die in der Landwirtschaft gezüchtet und genutzt werden und die für diesen Zweck auch notwenig sind, sind oft nur für das Auge des Pferdebesitzers schön. Neben den Fruktanen enthalten die Gräser auch Endophyten, die, ebenso wie Erstere, unsere Pferde krank machen können. Doch was ist es, was Pferde wirklich brauchen? Das Pferd nie wieder auf die Weide zu stellen, wäre wohl kaum die pferdegerechte Variante. Schon eher sollte die Weide pferdefreundlich gemacht werden. Dazu muss der Pferdebesitzer in der Regel viel Zeit und Arbeit in sein Grün investieren, wobei diejenigen, die Weiden an „Sonderstandorten“ benutzen, meist mehr Glück haben: Diese extensiven Weideflächen beherbergen in der Regel nur Graspflanzen, die den besonderen Standortbedingungen gewachsen sind. Diese Extensivgräser sind in der Regel für die Landwirtschaft uninteressant und damit nur im geringen Maße züchterisch bearbeitet. Extensivstandorte unterliegen auch fast immer besonderen Auflagen des Umweltschutzes. So kommt hier eine intensive Nutzung fast nicht vor und somit sind auch die Hochleistungsgräser nur in geringem Umfang

19


Pferdeglück auf diesen Flächen zu finden. Dennoch sollte darauf geachtet werden, dass der Verbiss auf diesen Flächen nicht zu stark ist und die Weide dadaurch dauerhaft geschädigt wird, denn die Narbe dieser Gräser ist eben auch nur auf eine extensive Nutzung eingestellt und durch Umweltschutzbestimmungen gestaltet sich dass Düngen und Nachsäen oft schwieriger, als bei konventionell bewirtschafteten Flächen. Und was kann ein Pferdehalter machen, der eine Weide an einem ehemals intensiv genutzten Standort hat? In den meisten Fälle hat man als Pferdebesitzer hart um dieses Stückchen Land kämpfen müssen und eine Aufgabe der Weidefläche würde damit ein sehr großer Verlust bedeuten. Also bleibt einem kaum anderes übrig, als Zeit und Arbeit in die Fläche zu investieren, um eine pferdefreundliche Weide entstehen zu lassen. Also Ärmel hoch und auf geht’s: Ohne Mechanisierung steht man als Weidebesitzer oft dumm da, doch es hat nun einmal nicht jeder Pferdebesitzer einen kleinen Schlepper bzw. die Anbaugeräte zur Weidepflege zur Hand und was der Schlepperbesitzer nun leichter hat, muss der ohne sich per Hand erarbeiten... oder aber bei benachbarten landwirtschaftlichen oder gartenbaulichen Betrieben um Hilfe fragen. Wer jetzt auf einen Komplett-Umbruch der Weide setzt, setzt auf eine lange Zeit ohne Weide. Die Etablierung einer neuen Grasnarbe ist langwierig und auch Nerven aufreibend, denn der Regel reicht es nicht, die Weide einfach umzupflügen und was im Gartenbeet in überschaubarem Rahmen noch funkti-

20

oniert, geht auf der großen Fläche der Weide meistens schief: Kaum hat man den Umbruch geschafft, sprießen unendlich viele Unkräuter, deren Samen im Boden nur auf so eine Gelegenheit gewartet haben, an die Oberfläche und die Weide ist wieder grün. Auch können viele Grasarten mit so einem Umbruch gut umgehen, denn die meisten sind unter anderem auf die Trittverträglichkeit gezüchtet und es zeigt sich schnell, dass ein flaches Umpflügen ihnen nicht unbedingt den Gar aus macht. Eine vorherige Behandlung mit einem Totalherbizid ist in der konventionellen Landwirtschaft üblich, doch ob er das für seine Pferdeweide haben möchte, kann sich jeder Pferdebesitzer selbst im Stillen überlegen. Anstatt komplett den ganzen Pflanzenbestand mit dem Kopf nach unten zu drehen, empfiehlt sich deshalb eine etwas mühsamere Art der Bestandsveränderung: Die Nachsaat. Ein langwieriger aber durchaus erfolgreicher Prozess. Dabei kann man mit der Wiesenschleppe oder dem Striegel, einem ähnlichen Bodenbearbeitungsgerät, genauso gut, wie mit einer flach eingestellten Drillmaschine den Boden ankratzen und eine neue Saat in den Boden einbringen. Wer keinen Schlepper als Unterstützung hat, muss sich die Hilfe der Pferde holen, denn da sich eine Nachsaat nur bei feuchtem Wetter im Frühjahr, am besten im Mai anbietet, können die Pferde an der Umgestaltung ihrer Weide aktiv mithelfen. Dabei übernehmen die Pferdehufe den Part des Schleppers und reißen den feuchten Boden stellenweise auf. Auf die beschädigte Grasnarbe kann der Pferdebesitzer dann seine neue


Pferdeglück und pferdefreundliche Saat ausbringen. Da im Frühjahr das Graswachstum am stärksten ist, kann es schnell passieren, dass die alten Graspflanzen die neuen überdecken und somit erdrücken. Daher sollte mit einer vorsichtigen Beweidung begonnen werden, damit die nachfolgenden jungen Graspflanzen die alten abgefressenen Graspflanzen ersetzen und verdrängen können. Ein tiefes Abfressen der Weide sollte vermieden werden, weil sonst die nachgesäten Gräser keine Chance haben. Bei einer Nachsaat kann man auch spezielle Wiesenkräutermischungen mit auf die Weidefläche bringen, damit die Pflanzenvielfalt der Weide zunimmt. Kräuter und Wildblumen ziehen auch

viele Insekten an und bringen das Herz eines jeden Vegetationskundlers zum höher schlagen. Die Pferde haben dabei eine ausgewogenere und auch artgerechtere Futtergrundlage. Um diesen Erfolg zu halten, muss der neue Pflanzenbestand auch gefördert werden: Regelmäßige Wiederholungen der Nachsaat helfen dem neuen Pflanzenbestand. Des Weiteren sind Grunddüngungen empfehlenswerter, als nur auf Leistung zu düngen. Dabei sind immer die individuellen Bodenverhältnisse zu beachten, die man leicht mit einer Bodenprobe, die man dann zur Analyse z.B. zur LUFA schickt, untersuchen lassen kann.

© Anna Jegerczyk

Eine satte, aber pferdefreundliche Weide ist ein gutes Stück Arbeit, aber keine Hexerei...

21


Pferdeglück Auch die Weidehygiene ist wichtig für die dauerhafte Qualität: Geilstellen müssen gesäubert und auch ausgemäht werden. Sonst hat man statt der erwünschten Wiesenkräuter bald nur noch lästige Unkräuter auf der Weide. Was für Weide, Pferde und Umwelt ein weiterer großer Beitrag ist, ist das Anpflanzen einer pferdefreundlichen Hecke. Die Pferde können hinter ihr Schutz vor Wind und Wetter finden, die Artenvielfalt der Weide steigt sowohl in der Tier-, als auch in der Pflanzenwelt. Zudem kann die ungiftige(!) Hecke als Snack dienen, was wiederum einen wichtigen Teil in der artgerechten Ernährung der Pferde darstellt. Zu diesem Thema, wie auch zur pferdefreundlichen Nachsaat, kann sich jeder Pferdehalter bei der zuständigen Landwirtschaftskammer informieren. Hat man als Pferdehalter nun eine erfolgreiche Nachsaat mit Wiesenkräutern und fruktanarmen Gräsern, wie z.B dem Lieschgras, geschaffen und eine Hecke an der Weide etabliert, kann man sich auf die Schulter klopfen und seine Pferde mit einem deutlich ruhigeren Gewissen auf die Weide schicken. Das Grün ist dann weniger gefährlich und kann viel zu seiner ursprünglichen, farbtherapeutischen Bedeutung, der Harmonie, beitragen. Trotz allem muss man sich als Pferdebesitzer an die Anweideregeln halten: Rehepferde bitte nach wie vor nur unter Vorbehalt bzw. unter Anleitung und Anweisung eines Tierarztes oder Pferdefachmenschen auf die Weide lassen. Auch alle anderen Pferde müssen nach einem langen Winter langsam, am

22

besten minutenweise über mehreren Wochen an das frische Gras gewöhnt werden. Ist man sich aber als Pferdebesitzer seiner Verantwortung bewusst, befolgt einige Regeln und beobachtet Pferd und Weide gut, dann ist die Pferdeweide eine Wohltat, sowohl ernährungstechnisch, als auch für das psychische Gleichgewicht unserer Pferde. Anna Jegerczyk Siehe dazu auch Babette Teschen: „Wenn Gras Stress hat“ www.wege-zum-pferd.de

Anna Jegerczyk hat einen Bachelor in Agrarwissenschaften, einen Master in Pferdewissenschaften und ist Natural Hoof Care Barhufbearbeiterin. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit neben der Hufpfkege sind Vegetationskunde, Weidemanagement, Ethologie, Fütterung, artgerechte Haltung, Biomechanik und Alternative Heilmethoden am Pferd. Darüber hinaus ist sie eingeweihte Reiki-Meisterin und lässt diese Gabe auch den Pferden zu Gute kommen.

www.barhuf-pferde.de


Nachgedach t

Pferdesport am Pranger Die virtuelle Vernetzung ist aus unserem Leben kaum noch weg zu denken. Binnen Sekunden können wir Informationen verbreiten und auch gleich erfahren, wer unsere Meinung zu den verschiedensten Themen teilt. Grundsätzlich eine tolle Sache, weil es uns fantastische Möglichkeiten bietet, uns zusammenzutun und gemeinsam für das einzutreten, was uns wichtig ist. Doch nicht alles was geht ist auch immer sinnvoll und gut. Fast täglich finde ich in den Statusmeldungen der zahlreichen Pferdefreunde mit denen ich vernetzt bin. Meldungen und Videos, wer wo wann wie welches Pferd falsch trainiert oder gar misshandelt hat, wer aus Unwissenheit den Tieren schadet oder wer sich bewusst dafür entscheidet Methoden anzuwenden, die ethisch nicht vertretbar sind. Und nicht nur in den sozialen Netzwerken sind die Themen allgegenwärtig, auch die übrigen Medien stürzen sich darauf und „dokumentieren“ welch hartes Los die Pferde erdulden müssen. Und wir, die wir unsere Pferde lieben, stimmen in die Tiraden mit ein und stellen „die anderen“ an den Pranger, weil wir zeigen wollen, dass wir es falsch finden. Dabei gibt es nur ein Problem: Die Flut an Negativ-Beispielen die wir täglich verbreiten hat die Zahl der positiven Beispiele die wir posten schon lange überschritten. Für den Außenstehenden, der nicht selbst mit Pferden umgeht, muss es unweigerlich den Anschein haben, als wäre all das was wir ablehnen der Standard im Leben eines jeden Pferdes und damit der gesamte Pferdesport - egal ob im Wettbewerb oder

in der Freizeit – eine einzige Tortur für die Pferde. Nein, ich möchte hier keine Grundsatzdiskussion darüber führen, dass das Pferd nicht zum Reiten geschaffen ist und ob man es jemals hätte domestizieren sollen. Ich möchte aber, dass wir uns einmal bewusst machen, dass „die Reiter“ in der breiten Öffentlichkeit als ein Ganzes wahrgenommen werden und das jedes Negativ-Beispiel, das wir weiterverbreiten, den Betroffenen weit weniger schadet als dem Image der Pferdefreunde insgesamt. Die Öffentliche Meinung erklärt plötzlich jeden Sportler, jeden der sein Pferd mit Gebiss arbeitet, ja jeden der dem Pferd in irgendeiner Form Vorgaben macht, zum Tierquäler. Das kann und darf nicht das sein, was wir nach außen tragen. Wenn wir für pferdegerechten Umgang , entsprechende Ausbildung und artgerechte Haltung eintreten wollen, dann wird es Zeit, dass wir aufklären und mehr Beispiele dafür geben wie es sein kann, was Harmonie und Verständnis bedeuten und wie ein motiviertes und reell gearbeitetes Pferd Kraftreiterei und Zwangsmittel ins Abseits stellt. Es liegt bei uns zu zeigen, dass die schwarzen Schafe Ausnahmen sind – und nicht die Regel. Nicht Worte und Postings über andere, sondern unsere eigenen Taten sollten davon zeugen, dass es andere Wege zum Pferd gibt. Und jeder Einzelne der sie beschreitet kann andere dazu inspirieren den ersten Schritt in eine andere Richtung zu wagen. M.H.

23


Hufspuren

„Einmal mein Leben...“ - Geschichte eines Fohlens - Alles Wird Anders Es war der 20.08.2008 als sich mein Leben völlig ändern sollte. Schon ein paar Tage zuvor merkte ich, dass alles anders werden würde. Wir waren wieder öfters im Stall und immer wieder kamen Augen zu uns, Menschen. Sie redeten mit uns und über uns. Als an diesem Morgen die Sonne auf ging, war Mama schon sehr unruhig. Sie hatte ein Halfter um, und ich glaube sie wusste das nun alles besser werden würde. Ich bekam auch ein Halfter und es sah aus wie der Himmel den ich so mag. Wir standen eine ganze Weile in meiner kleinen Welt ohne das etwas passierte. Auf einmal wurden alle anderen Pferde aus dem Stall an uns vorbei geführt. Wo kommen sie hin? Was passiert mit ihnen? Ich wusste es nicht und hatte große Angst. Mama wurde auch immer unruhiger. Mama und ich standen nun ganz allein in diesem Stall und unserer kleinen Welt. Mama wieherte die ganze Zeit und meine Angst wurde immer größer. Nun kam auch ein Mensch zu uns und holte Mama und mich. Mama schien diesen Menschen zu kennen. Er brachte uns wo hin wo ich noch nie in meinem Leben war. Wir gingen auf einen Hof, dort standen ganz viele Menschen. Alles dort war grau und unheimlich. Ich schaute mir alles 24

genau an. Und auf einmal war Mama weg. Ich zitterte am ganzen Körper, ich konnte Mama nur hören, aber nicht sehen. Ich hatte große Angst. Dann sah ich sie, sie war sicher auch sehr ängstlich. Mama stand in etwas was ich noch nie gesehen hatte, dort drin war es sehr dunkel. Die Menschen wollten das ich dort auch hinein gehe, doch ich wollte nicht. Ich wehrte mich so gut es nur ging. Ich stieg rannte nach vorn weg und zog mit aller Kraft nach hinten. Wenn Mama dort drin Angst hat würde ich noch mehr Angst haben. Ich versuchte immer wieder weg zu laufen doch ich konnte nicht, ein Mensch hielt mich fest. Nun kamen zwei weitere Menschen und schoben mich von hinten zu Mama und machten das Ding schnell zu. Jetzt ging es los, alles wackelte, Mama und ich wussten nicht was passiert, wir hatten solche Angst. Doch plötzlich wurde alles still. Mama schaute nervös hin und her, sie wieherte. Wir standen und es wurde wieder hell. Ein Mensch kam zu uns, er holte meine Mama. Ich war allein und bekam Panik. Und plötzlich kam von vorn ein Mensch. Ich wieherte und stieg. Ich ergriff meine Chance und rannte so schnell ich konnte nach hinten weg. Der Mensch schrie nur noch „Stan-


Hufspuren ge weg!!!“ Ich merkte gar nicht, dass mich der Mensch fest hielt, ich rannte einfach nur noch rückwärts. Nun hatte ich meine Mama wieder, ich war sehr erleichtert. Erst jetzt bemerkte ich das da ein Mensch war, er sprach mit ruhiger Stimme zu mir. „Hallo kleiner Mann, ich bin Silke, ich zeig euch erst mal euer neues Zuhause.“ Silke brachte mich und meine Mama in den Stall. Wir hatte viel Stroh und etwas Heu. Als ich bei Mama in der Box war brach ich zusammen und hatte keine Kraft mehr. Schnell kamen die Menschen, sie waren sehr nervös. Ein Mensch spritzte mir verschiedene Sachen in meinen Körper. 3 Tage und 3 Nächte war Silke bei mir und jeden

Tag kam auch der Mensch und piekste mich immer wieder. Silke kam immer wieder zu mir legte oft meinen Kopf in ihren Schoß und gab mir etwas Wasser. Am 3. Tag gab mir der Mensch mit den Spritzen eine Paste in mein Maul. Am Nachmittag des 3. Tages spürte ich, dass ich wieder so viel Kraft hatte das ich aufstehen konnte. Silke kam gleich zu mir, schaute mich an, weinte und sagte zu mir „Jetzt wird alles gut, du lebst“. Ich schaute sie an und blubberte leise zu ihr und Mama blubberte leise mit. Beim nächsten Mal erzähle ich euch wie ich die neue Welt entdeckte.

Für Finn aufgeschrieben von Nina Walther

© Nina Walther


Hufspuren

Unsere Clickergeschichte Vor ungefähr 6 Jahren beschlossen wir als Weidegemeinschaft, in den Sommerferien einen Zirkuslektionenkurs hier bei uns zu buchen. Zufällig fand ich in einer Zeitschrift eine Kursausschreibung von Marlitt Wendt. Das klang gut! So rief ich an um abzuklären, ob ein solcher Kurs auch hier bei und auf der Weide stattfinden könnte. Schon dieses Vorgespräch war für mich so wohltuend! Schnell war klar, dass Marlitt bei mir mit ihrer Einstellung zum Pferd offene Türen einrannte. Zu der Zeit war ja „Dominanz“ DAS große Thema überall. Und Marlitt hielt schon damals nichts davon. Jemanden mit dieser Einstellung hatte ich schon lange gesucht! Marlitt wollte uns also im Zirkuslektionenkurs einen anderen Weg zeigen. Wir buchten den Kurs und ich dachte nicht mehr so viel darüber nach, bis es dann soweit war... Sie kam wie verabredet an einem Montagnachmittag zu uns. Nach einer kurzen theoretischen Einführung wollten wir zunächst die teilnehmenden Pferde auf den Clicker konditionieren. Nun beschlichen mich doch so langsam einige Zweifel: Über das Clickern hatte ich ja schon öfter gelesen, aber es sprach mich nie wirklich an. Es erschien mir zu wenig gefühlvoll, irgendwie zu technisch. Ob mir das wohl Spaß machen würde? Und außerdem

26

hatte ich doch einige Bedenken, ob wir wohl wirklich mit unseren Pferden mit Leckerlis arbeiten sollten. Caitlin war extrem schnappig, mit einem hohen Aggressionspotential, besonders wenn Futter im Spiel war. Cimbria dagegen ließ sich von Leckerlis sowieso nicht aus der Reserve locken. Und die Jährlinge waren auch so schon so aufdringlich! Ob da die Arbeit mit Leckerlis so eine gute Idee war? Für diese Bedenken war es aber nun zu spät – wir begannen mit der Konditionierung. Dazu wurde den Pferden ein Target (in diesem Fall einfach eine Fliegenklatsche) gezeigt. Bei Berührung des Targets gab es möglichst zeitgleich Click und Leckerli (kleingeschnittene Möhrenstückchen). Fast alle Pferde begriffen sehr schnell, worum es beim Clickern geht. Das Prinzip des Clickertrainings ist, dass man die erwünschten Reaktionen punktgenau mit dem Click markiert und anschließend belohnt. Man verschiebt also auch die eigene Wahrnehmung von der Fehlersucherei hin zum Blick für die guten Dinge. Man arbeitet mit „Ja, gut so!“ und nicht mit „Nein, falsch!“. Im Clickertraining wird möglichst vermieden, Druck zu erzeugen. Man formt viele Übungen frei, fängt zufällig Angebotenes ein oder erklärt dem


Hufspuren Pferd sehr kleinschrittig über schon bekannte Kommandos und Hilfestellungen, was man wohl von ihm erwartet. Anfangs erscheint das etwas mühsam und zäh, aber wenn die Pferde das System verstanden haben, denken sie sehr aktiv mit. Sie suchen nach Lösungen und sind mit großer Freude und Eifer dabei. In unserer Geschichte möchte ich nun aber nicht über die Technik und die lernbiologischen Hintergründe des Clickerns schreiben. Mir geht es um die Emotionen dabei. Ich möchte davon erzählen, was das Clickern bei uns und den Pferden ausgelöst hat. Weil unsere Pferde so sehr unterschiedlich sind, werden es also 3 bis 4 verschiedene Geschichten von diesen Pferden mit einer eigentlich gnadenlos untalentierten Pferdefrau als Besitzerin.

Cimbria Cimbria kam im Mai 2002 zu uns. Wir hatten sie als braves Kinderpony bei einer Händlerin gekauft. Und brav schien sie zu sein. Man konnte alles mit ihr machen und sie scheute NIE. Aber sie zeigte auch sonst keine großartigen Gefühlsregungen. Sie war innerlich tot. Ein gebrochenes, gesundheitlich sehr angeschlagenes Pony. Wir gaben ihr viel Liebe und Zeit. Und auch die Offenstallhaltung in kleiner Herde direkt hier bei uns zuhause tat ihr gut. Es wurde Stück für Stück besser, sie gewann etwas Selbstvertrauen. Jedoch arbeitete ich ganz konventio-

nell mit ihr, hatte Unterricht in klassischer Handarbeit und Doppellonge, besuchte mit ihr zusammen verschiedene Bodenarbeitskurse. Von meiner Tochter wurde sie geritten. Alles machte sie brav und teilweise mit einigem Talent mit. Aber glücklich wirkte sie nie. Und immer wieder war sie krank. Nun war also der 1. Kurstag gekommen und Cimbria sollte konditioniert werden. Aber sie stand einfach nur so da, scheinbar vollkommen desinteressiert. Naja, Leckerlis interessierten sie ja nie so sehr – dachte ich! Marlitt erkannte jedoch sofort, wo das Problem lag: Cimbria steckte doch immer noch in der erlernten Hilflosigkeit fest. Cimbrias Konditionierung verlief also recht zäh. Mir juckte es in den Fingern, ihr aktiv das Target an die Nase zu halten, um das Ganze zu beschleunigen. Marlitt jedoch passte auf, dass wir Cimbria nicht auf diese Art „überredeten“. Für Cimbria war es wichtig zu sehen: Dieses hier ist komplett anders. Es gibt keinen Druck, keinen Zwang, kein „Nein!“ und auch kein „Falsch!“. Statt dessen sind freie Entscheidungen und Ausprobieren erwünscht und werden belohnt. Und genau das begriff Cimbria während des Kurses. Es war unglaublich, wie ihre Augen begannen zu leuchten! Plötzlich war sie hellwach, ihr ganze Ausstrahlung war verändert. So war es klar, dass ich all das, was ich bisher mit den Pferden getan hatte, einfach über Bord warf. Wir begannen komplett

27


Hufspuren neu, clickerten in allen Bereichen.

Zusammensein.

Anfangs war das nicht immer leicht. Cimbria war wieder lebendig geworden – mit allem was dazu gehört. Sie zeigte Freude, aber auch mal Unwillen. Sie nahm ihre Umwelt wieder richtig wahr und scheute in der ersten Zeit entsprechend häufig.

Und so ist es bis heute geblieben. Cimbria gibt uns so viel durch ihre unglaublich einfühlsame Art. Mit ihr zusammen zu sein ist einfach nur schön. Und sie folgt meiner Tochter Carina auf Spaziergängen frei überall hin. Eine solche Freundschaft zwischen Mensch und Pferd sieht man nicht oft. Wenn ich sie vor Freude buckelnd mit Carina beim Spielen sehe, geht mir jedes mal einfach das Herz auf.

Cimbria begann viel stärker zu zeigen, was sie mochte und was nicht und wir lernten von Marlitt auf weiteren Kursen, immer besser zu verstehen. Cimbria wurde nicht mehr geritten. Stattdessen hatten wir Spaß an spielerischer Bodenarbeit, Tricktraining, Spaziergängen, einfach entspanntem

Wir sind unglaublich dankbar dafür. Vor einigen Jahren sah es gar nicht danach aus, dass Cimbria lange bei uns sein würde. Aber mit der Fröhlichkeit

© Almut Hellwig

Cimbria fand schnell Gefallen am Clickertraining.

28


Hufspuren kam auch die Gesundheit wieder. Und heute ist sie, obwohl sie kaum mehr richtig kauen kann, fitter und zufriedener denn je und fordert regelmäßig ihre Clickereinheiten ein.

Caitlin Caitlin kam in einem sehr merkwürdigen Zustand zu uns. Sie wich mir zwar nicht von der Seite, wirkte aber trotzdem so, als wenn sie keine gute Meinung von Menschen hätte. Sie war sehr ruhig, aber das erschien irgendwie trügerisch. Schon beim Probereiten hatte ich das Gefühl, auf einem Pulverfass zu sitzen – gerade WEIL sie so ruhig war. Das änderte sich schon nach ca. 2 Wochen bei uns. Plötzlich drohte sie offen, biss und trat. Viele verschiedene Trainer holte ich zur Hilfe. Und so einige mussten unverrichteter Dinge aufgeben... Allgemein hielt man sie für „dominant-aggressiv“. Man sagte mir, sie wäre ein sehr starkes Pferd, dazu noch außerordentlich intelligent und mit einer schlechten Einstellung zum Menschen. Glauben konnte ich das irgendwie nicht. Schon gar nicht, wenn ich sie so zärtlich zusammen mit meiner Tochter Rabea (damals 8 Jahre alt) sah. Obwohl ich inzwischen eine riesige Angst vor Caitlin entwickelt hatte, war immer klar, dass dieses Pferd etwas besonderes ist. Glücklicherweise fand ich viel Hilfe und Unterstützung durch unsere Weidegemeinschaft, denn es gab Zeiten,

in denen ich so viel Angst hatte, dass ich nicht in der Lage war, sie alleine aufzuhalftern. Ihr Verhalten besserte sich zwar im Laufe der Zeit sehr, aber ein einfaches Pferd war sie wahrhaftig nicht, als der Kurs begann. Ich muss gestehen, dass ich an Caitlin während des Kurses wenig Erinnerung habe. Sie nahm mit Rabea teil und es lief recht unproblematisch. Sie lernte erstaunlich schnell, dass es im Clickertraining wirklich nur ein Leckerli gibt, wenn geclickert wird. Der Umgang mit ihr wurde deutlich einfacher. Das klare System des Clickerns kam ihr sehr entgegen, denn sie war ein Pferd, das auf der einen Seite sehr viel Klarheit brauchte, aber auf der anderen Seite sehr extrem auf jede Form von Druck reagierte. Über das Clickern nun konnte wir klare Rückmeldungen geben ohne sie in irgendeiner Form zu provozieren. Sie lernte also schnell, dass es überflüssig ist, den Menschen so viel zu drohen. Und wir lernten von Marlitt immer mehr zu erkennen, was mit ihr los war. Sie war ein extremer Vertreter des passiven Stresstyps und äußerst sensibel. Schon bei ganz banalen Dingen (z.B. Einhaken der Longe ins Halfter) begann bei ihr der Stress. Sie zeigte ihn jedoch nicht offen, sondern wirkte ganz ruhig, eher desinteressiert. Wurde dann jedoch Druck aufgebaut (Mensch richtete sich auf oder hob gar die Longierpeitsche etwas an), dann

29


Hufspuren reichte das schon als Flucht- bzw Angriffsgrund. Wir arbeiteten also in Minischrittchen mit ihr. Das kam ihr entgegen und war auch für mich eine gute Möglichkeit, mit meiner Angst besser zurechtzukommen. Caitlin wurde deutlich weicher und entspannter und auch ihr Gesundheitszustand (sie hatte Borreliose, die wir nicht recht in den Grif bekamen) besserte sich deutlich. Caitlin hat uns gezeigt, dass auch schwierige Verhaltensweisen abgelegt werden können, wenn man dem Pferd eine bessere und lohnendere Alternative zeigt. Wir haben mit ihr gelernt, dass es keinen Sinn macht, solche Pferde über Dominanzspielchen „gefügig“ machen zu wollen. Aber sie können über Lob und Belohnung lernen, wie es besser geht. Caitlin hat uns gezeigt,

© Almut Hellwig

Caitlin mit Rabea

30

dass auf freiwilliger, freundschaftlicher Basis so viel mehr möglich ist. Leider mussten wir Caitlin vor zweieinhalb Jahren wegen schwerer Hufrehe einschläfern lassen.

Celina Celina ist bei uns geboren und aufgewachsen. Sie ist Cimbrias Tochter. Sie war immer das ruhigste unter den Fohlen, oft etwas tollpatschig und unbeholfen, aber einfach lieb. Von Anfang an war klar: Das ist mein Pferd! Celina nahm nicht am Clickerkurs teil, denn sie war erst ein Jahr alt und konnte sich entsprechend noch überhaupt nicht gut konzentrieren. Aber nachdem ich sah, wie unglaublich positiv sich das Clickern auf Cimbria und Caitlin auswirkte, wollte ich auch Celina clickernd ausbilden. Wir machten kleine Führübungen, ab und zu ein bisschen Anti-Schreck-Training, kleine Spielereien. Wir übten immer nur sehr kurz und wenig, denn nach wie vor konnte sie sich nicht gut konzentrieren. Die Jungpferdezeit war nicht immer leicht für mich, denn auch die eigentlich ruhige Celina hatte ihre frechen Phasen. Zeitweise war sie rüpelig und aufdringlich im Umgang und konnte ihre überschäumende Energie bei der Bodenarbeit nicht wirklich unter Kontrolle halten. Sie war eben ein richtiges, lebensfrohes Jungpferd!


Hufspuren

In dieser Zeit kamen von Außenstehenden immer wieder Äußerungen wie: „Du kannst ein Jungpferd nicht clickernd ausbilden.“, „Du muss an Eurem Dominanzverhältnis arbeiten.“, „In dieser oder jenen Stuation musst Du Ihr auch mal einen ordentlichen Tritt verpassen, damit sie weiß, wo sie steht“ oder „Sie wird gefährlich werden!“ In dieser Zeit telefonierte ich häufig mit Marlitt und bekam immer wieder von ihr wertvolle Tips und Rückenstärkung, so dass ich auf unserem Weg blieb. Die härteste Strafe, die Celina in dieser Zeit kennenlernte, war also das Ignorieren. Bei grobem Fehlverhalten wurde die Clickereinheit sofort abgebrochen – Spiel vorbei! Vorzeitiges Ende der „Arbeit“ ist also im Clickertraing keine Belohnung sondern eine Strafe. Dem Pferd wird etwas Angenehmes (das Spiel, die Aufmerksamkeit und die Chance auf Belohnungen) entzogen. Als Celina 3 Jahre alt war, begannen wir mit der Bodenarbeit nach Peggy Cummings, es folgte klassische Handarbeit. Es ging langsam, aber stetig voran. Zwischendurch gab es immer wieder Rückschritte, aber schließlich hatte sie ja auch häufig Blockaden und Verspannungen, musste immer wieder osteopathisch behandelt werden. So waren diese Rückschritte immer nachvollziehbar. Außerdem war sie eben einfach Celina: Immer noch etwas toll-

patschig, kindlich, manchmal bisschen begriffsstutzig. Insgesamt waren wir recht zufrieden, zumal ich nun viel Lob für dieses so brave Pferd bekam. Erziehung rein über das Clickertraining hatte also funktioniert! Als Celina 4 Jahre alt war, kam die Zeit, zu der unsere Trainerin meinte, wir könnten mit dem Reiten beginnen. Celina kannte inzwischen Reitergewicht und sie kannte einige Hilfen vom Boden aus. Nun lernte sie Schritt für Schritt, die Hilfen auch von oben zu verstehen. Meine Tochter Rabea ritt Celina und wurde dabei von unserer Trainerin angeleitet. Celina machte wirklich willig und motiviert mit und wir waren sehr glücklich. Ab einem gewissen Punkt gab es jedoch keinerlei Fortschritte mehr. Celina war nun 5 Jahre alt und man konnte sie nur im Schritt reiten. Ihre Ausbildung stagnierte. Immer wieder hatte sie Blockaden und Verspannungen, die immer wieder osteopathisch behandelt wurden. Und bald reagierte sie mit Unwillen, wenn sie geritten wurde. Sie lief rückwärts, war nicht ansprechbar, schoss manchmal einfach so los. Um sie mehr bewegen zu können (Celina ist nicht gerade schlank!), hatte ich begonnen, sie frei zu longieren. Aber auch dabei kamen wir nicht weiter, weil sie immer wieder völlig kopf-

31


Hufspuren los im Stechtrab um mich herumraste. Dazu kam unser „Geländeproblem“. Obwohl sie von Anfang an auf Spaziergänge mitgenommen wurde, an der Seite ihrer Mutter Trecker, Lastwagen, Motorräder und andere Monster kennengelernt hatte, wir regelmäßig mit ihr Anti-Schreck-Training gemacht hatten, gab es keinen entspannten Spaziergang mit ihr. Sie scheute, riss sich los, war im Gelände schwer händelbar. Zu allem Überfluss kam also meine alte Angst wieder ganz massiv hoch. Ich hatte rundherum versagt: Mein Pferd war extrem schreckhaft, ließ sich mit fast 5 Jahren nur im Schritt reiten und auch in der Bodenarbeit ging es nicht voran. Und je mehr ich WOLLTE, dass es endlich vorangeht, desto schlimmer wurde es. Das unangenehme Gefühl, versagt zu haben, machte mich nicht gerade verständnisvoller für Celina. Inzwischen dachte ich, dass ich Celina wohl zu sehr in Watte gepackt hätte all die Jahre. Nie hatte sie etwas Schlimmes erlebt, alle waren nett zu ihr, selbst zum Absetzen (da war sie schon über 1 Jahr alt) brauchte sie ihre vertraute Herde nicht verlassen. Vielleicht hätte sie doch ein bisschen „rauen Wind“ in der Jungpferdezeit und bisherigen Ausbildung gebraucht? Ich dachte daran, sie in Beritt zu geben. Zu der Zeit fand ich zufällig Tess. Leider war der Anfahrtsweg für sie zu uns

32

ziemlich weit, so dass ich sie nicht so oft für Unterricht buchen konnte. Aber Tess erkannte schnell, wo das Problem lag: ICH, die immer so viel Wert auf möglichst druckfreie Arbeit mit dem Pferd legte, machte meinem Pferd völlg unbewusst zu viel Druck! Zunächst fiel ich aus allen Wolken. Dass ich ein körpersprachlicher Legastheniker bin, war mir ja bewusst! Aber ich dachte immer, dass Celina mich ja schließlich von Geburt an so kennt. Und ich hatte angenommen, sie reagiert in erster Linie auf unsere Kommunikation über erlernte Signale und den Clicker. Sie hatte nie Schlechtes von mir erfahren, denn sie wurde doch ausschließlich über Lob und Belohnung ausgebildet. Niemals hätte ich vermutet, dass sie mit derartigem Stress auf meine innere (inzwischen ja unzufriedene) Haltung reagieren würde. Zu dieser Zeit hatte ich den direkten Vergleich zwischen Celina und Maible, unserem Neuzugang, vor Augen. Maible war erst ein Jahr alt war, konnte sie sich aber schon deutlich besser konzentrieren als Celina, lernte schneller und war sehr unerschrocken. Obwohl wir auch Maible von Geburt an kannten und ihre Erziehung (natürlich wieder clickernd) übernahmen, entwickelte sie sich komplett anders als Celina. Celina machte mir Sorgen, denn sie war nicht das freudig mitdenkende Pferd, das eigentlich das Ziel des Clickertrainings ist.


Hufspuren Ich ließ Celina von einem Heilpraktiker untersuchen, der dafür bekannt ist, Pferde sehr gut einschätzen zu können, denn ich konnte nicht verstehen, warum sie sich so anders entwickelte, nur so schwer lernte. Wo lag bloß das Problem? Der Heilpraktiker meinte, Celina wäre hypersensibel. Auf winzige Kleinigkeiten reagiert sie mit totalen Blackouts, ist nicht mehr ansprechbar, atmet nicht mehr richtig, verspannt total. Ja, genau das hatten wir ja beobachtet, konnten es uns aber einfach nicht erkären. Aber er sagte, dass sie eben wirklich deutlich sensibler ist als „normale“ Pferde. Darum riet er uns auch absolut davon ab, sie in Beritt zu geben. Das würde sie nicht verkraften. Auch er bestärkte mich, genau so weiterzumachen wie bisher, aber eben noch langsamer und behutsamer. Ich muss gestehen, dass diese Diagnose für mich sehr befreiend war. Also war das ganze Dilemma doch nicht allein meine Schuld! Und am Clickertraining als solches lag es schon gar nicht. In diesem Moment konnte ich meinen Ehrgeiz beiseite schieben. Der Gedanke „Das muss doch jetzt aber endlich mal...“ war weg. Seitdem kann ich Celina endlich so annehmen, wie sie ist, weil ich in ihren Schwierigkeiten nicht mehr nur mein Versagen sehe. Schließlich liebe ich sie ja auch gerade für ihr besondere Sensibilität! Es ist unglaublich, was das alles ver-

ändert hat! Ich habe begonnen, noch langsamer mit Celina zu arbeiten, aber wir kommen viel besser voran. Glücklicherweise haben wir jetzt eine clickernde Trainerin hier in der Nähe gefunden, die mit mir besonders an meiner Begeisterungsfähigkeit und Körpersprache arbeitet. Celina hat viel mehr Selbstbewusstsein und Vertrauen gefunden und arbeitet inzwischen sehr aktiv denkend mit. Geritten wird sie momentan kaum, denn uns beiden macht die freie Bodenarbeit so viel Spaß. Unsere Kommunikation verbessert sich immer mehr. Inzwischen hat Celina einen sehr guten Weg gefunden, mir sehr deutlich zu zeigen, wann ich gerade wieder zu viel will: Ihre Lieblingsübung ist „Rückwärts auf Mensch zugehen“. Wenn sie also gerade unsicher wird, mich nicht versteht oder die Konzentration nachlässt, dann läuft sie nicht wie früher kopflos um mich herum, sondern sie kommt rückwärts auf mich zu. Das ist ihre „Wohlfühlübung“. Sie nimmt sich damit eine kleine Auszeit, kann nachdenken und runterfahren und ich weiß, dass ich doch mal wieder zu schnell war. Und genau das ist es, was für mich Clickertraining ausmacht: Es ist keine einseitige Kommunikation. Es geht nicht darum, dem Pferd mithilfe des Clickerns immer nur zu sagen: „Tu dieses und tu jenes“. Das hat mich, obwohl es ja so eine sehr freundliche und auch effektive Trainingsmethode ist, doch in eine Sackgasse geführt. Ich habe mich

33


Mit Celina in der Freiarbeit

34


ŠConny Ranz

35


Hufspuren zu sehr auf die Technik verlassen, wollte Celina zu sehr formen, habe zu wenig auf sie gehört. Meine Befürchtung zu Beginn des Clickerkurses vor 6 Jahren hat sich also nicht bewahrheitet. Es ist keine technische Methode ohne Gefühl. Im Gegenteil! Es geht nur mit ganz viel Gefühl! Wir fordern die Pferde zum Mitdenken auf, ermutigen sie zum Ausprobieren, kommunizieren mit ihnen. Und diese Kommunikation muss auch das Zuhören beinhalten, auch mal ein „Nein“ auf Seiten des Pferdes akzeptieren. Und dann ist es sehr überraschend, wie tief die Freundschaft zwischen Pferd und Mensch werden kann – auch für einen so sehr untalentierten Pferdemenschen wie mich!

Maible Eigentlich war das eben schon ein ganz schönes Schlusswort. Aber unsere Geschichte ist längst nicht vorbei, denn wir haben hier noch eine kleine (große) Herausforderung. Unsere Maible ist nun 2 Jahre alt und ein sehr temperamentvolles, selbstbewusstes Tinkermädchen. Sie braucht eine sehr klare Linie, akzeptiert Druck jedoch gar nicht. Charakterlich ist sie unserer Caitlin verblüffend ähnlich. Es bleibt also spannend und wir haben noch viel zu lernen! Also wird am 19./20. Mai 2012 bei uns wieder ein Clickerkurs mit Marlitt Wendt stattfinden. Es sind noch Plätze frei!

Almut Hellwig Almut Hellwig lebt sie mit ihrem Mann, ihren 2 Töchtern, 3 Tinkerstuten und einigen anderen Tieren in der Lüneburger Heide. Neben ihrer Familie und ihren Pferden widmet sie sich der Herstellung handgemachter, natürlicher Pflegeprodukte für Pferd und Mensch.

© Almut Hellwig

Celina unter dem Sattel

36

www.seifen-handgemacht.de


Š Almut Hellwig

Die Zukunft mit Maible liegt noch vor uns...

37


Hufspuren

Leider Späteinsteiger? Im zarten Alter von 36 Jahren bin ich mit dem Pferdevirus in ernsthaft infiziert worden. Zwar hatte ich als Jugendliche einmal Gelegenheit für ca.1 Jahr in einem Stall Pferdeduft zu schnuppern, jedoch waren damals Unterricht oder gar Ausritte nicht möglich. Mein erster Besuch bei den Pferden einer Arbeitskollegin hat sicher bei einigen gestandenen Pferdeleuten ein leichtes Grinsen ins Gesicht gezaubert. Ich kam mit hochhackigen Schuhen, guter Hose und Handtasche über der Schulter auf den Hof getippelt. Mein Selbstbewusstsein überholte sich fast selber (ich hatte ja Pferdeerfahrung), aber je näher ich dem Auslauf kam, desto größer wurden die Pferde und direkt vor dem Pferde stehend stellte ich mir die Frage, wie man da wohl ohne Leiter hochkommt und wenn man oben ist, wie man ohne Blessuren wieder runter kommt. Die erste Möhre wurde vorsichtig mit spitzen Fingern gereicht und danach war ich bereits rettungslos verloren - ich wollte ab sofort auch reiten! Die Besuche auf besagtem Hof häuften sich, meine Kleidung veränderte sich zusehends und mein ein38

gebildetes Wissen zog sich mit jedem Besuch weiter schamvoll zurück. Ich wollte alles wissen, war an allem interessiert, traute mich aber oft nicht, auch nur die Hälfte zu erfragen. Im Grunde völlig unvorbereitet kam dann auch meine erste Reitstunde und ich weiß noch, wie peinlich es mir war, dass ich wie ein Kleinkind an die Longe genommen wurde. Zum Glück wurden auf besagtem Hof ausschließlich Privatpferde gehalten, so dass sich die Zahl der Zuschauer in Grenzen hielt. Ich lernte, im Schritt nicht runter zu fallen und als die erste Trabstunde kam, war es nur dem Naturell der Stute zu verdanken, dass ich nicht runter fiel, sie hielt nämlich sofort an, wenn ich ins Rutschen kam. Die Erklärungen meiner Kollegin, die nun auch meine Reitlehrerin war „weich in der Bewegung mitzugehen und im Rhythmus aufzustehen“ klangen wie blanker Hohn. Wie geht man auf einer unruhig laufenden Schiffschaukel weich mit? Und wie bitte, soll es funktionieren, dass man dabei auch noch regelmäßig den Po aus dem Sattel hebt und nicht runter fällt? Meine ganze Sorge war darauf ausgerichtet, nicht den Halt zu verlieren, der Stute nicht weh zu tun und ich habe oft gar abenteuerliche Verrenkungen gemacht, um


Hufspuren mich irgendwie oben zu halten. Trotz dieser Schwierigkeiten überredete ich meine Reitlehrerin schon nach kurzer Zeit, dass ich ohne Longe reiten durfte. Damit fingen die Problem so richtig an. Wie lenkt man ohne Lenkrad? Was ist eine Gewichtshilfe? Bedeutet ein Handwechsel, dass ich die Zügel in die andere Hand nehme? Wie kann ich auf dem falschen Fuß traben? Ich habe meine Füße doch in Steigbügeln? Was bedeutet es, wenn ich durch die Bahn wechseln soll? Diese und zig andere Fragen machten den Unterricht für mich nicht einfacher, zumal meine Reitlehrerin selber seit ihrem 7. Lebensjahr auf dem Pferderücken zu Hause war und überhaupt nicht auf die Idee kam, dass man unter Handwechsel etwas völlig anderes verstehen konnte. Nach einem Jahr fand ich auf dem Hof eine Besitzerin, die mir trotz meiner fehlenden Kenntnisse ihr Pferd als Reitbeteiligung anvertraute und zunächst machte sich der bisherige Unterricht auch nicht negativ bemerkbar. Nur meine Angst, die ich von Anfang an hatte, wollte einfach nicht nachlassen. Im Gegenteil, sie wurde stärker und stärker und fing zunehmend an, mich auf dem Pferd zu behindern. Nach einem weiteren Jahr entschloss ich mich, den Reitlehrer zu wechseln

und danach wurde mir klar, was bisher alles im Unterricht gefehlt hatte. Inzwischen hatte ich auch aufgehört, so zu tun als ob ich keine Angst hätte und gab diese offen zu. Meine Reitlehrerin ging darauf sehr sensibel ein und vergewisserte sich immer erst, ob ich wirklich für den nächsten Schritt bereit war. Manchmal bedeutete dies, dass wir über Wochen die gleichen Probleme bearbeiteten, aber ich fing an, mich neben und auf dem Pferd wohl zu fühlen. Nachdem sie begriffen hatte, dass ich oft durch meine Angst blockiert wurde, bot sie mir Unterricht in Bodenarbeit an. Diese Arbeit mit dem Pferd war etwas ganz neues für mich. Ich lernte die Reaktionen besser einzuschätzen und lernte, das Pferd in der Freiarbeit zu bewegen. Erntete ich zunächst nur mitleidiges Lächeln wegen meiner Angst, kamen in der Folgezeit immer mehr Leute auf mich zu und erzählten mir hinter vorgehaltener Hand, dass sie genau diese Ängste auch schon seit Jahren mit sich herum trugen. Das war wie eine Offenbarung für mich, es gab tatsächlich noch mehr Leute die Angst vor und auf ihrem Pferd hatten? Ich war gar kein Exot? Von da an ging ich absolut offen mit meiner Angst um, was seltsamer Weise dazu führte, dass diese sich nun zunehmend verringerte.

39


Hufspuren Je öfter ich zum Pferd fuhr, desto mehr zog sich die Besitzerin zurück, so dass ich das Pferd nach 4 Jahren kaufte. Ich war immer noch Anfängerin, sah mich aber über Nacht damit konfrontiert, dass ich nun weitreichende Entscheidungen für das Wohlergehen des Pferdes zu fällen hatte. Wieder fing ich von vorne an und musste leider sehr schnell feststellen, dass es keine festen Regeln gibt, was das Wohlbefinden des Pferdes angeht. Empfand der eine die tägliche Heufütterung als völlig ausreichend, war der andere damit absolut unzufrieden. Auch über die Einschätzung, was man füttern sollte und wie ein guter Huf auszusehen hat, gibt es hunderte von Meinungen und ich nun mittendrin. Wem glaubt man? Was ist richtig? Wo finde ich eine verlässliche Quelle, die mir auf alle meine Fragen eine Antwort gibt? Mir fehlte jahrelang gewachsenes Wissen und Erfahrung, um alles richtig einordnen zu können, so dass mich oft tiefer Neid befiel, wenn ich die jungen Dinger im Stall herum springen sah, die offensichtlich immer alles wussten. Und sie waren immer so absolut in ihren Aussagen, ich wünschte oft, ich könnte das auch. Also fing ich an zu lesen und zu recherchieren und die Ergebnisse meines theoretischen Studiums mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Ich weiß 40

nicht mehr, wie viele Hufe ich mir angesehen habe, bis ich den Schmied in die Wüste geschickt und mir einen Neuen gesucht habe. Der Tierarzt folgte bald danach, da er nicht nur absolut falsche Rückschlüsse auf die schwere Erkrankung meines Wallachs zog, sondern mich bei Fragen auch ausgesucht herablassend behandelte. Leider währte die Freude an meinem ersten Pferd nicht lange, schon ein halbes Jahr nach Übernahme musste ich ihn wegen einer unheilbaren Erkrankung einschläfern lassen. Kurz darauf bekam ich einen 9 jährigen Traber geschenkt, der angeblich für Anfänger geeignet war. Mit diesem Pferd kamen alle meine Ängste wieder hoch und verzehnfachten sich sogar noch. Er war früher Rennen gegangen und im besten Fall angeritten, hatte schwere psychische und physische Probleme und ich war schlicht und ergreifend absolut überfordert. Alles Wissen, was ich mir bisher mühsam angeeignet hatte, war bei diesem Pferd nichts wert. Er reagierte einfach nicht so, wie das ein normales Pferd macht und wie es in allen Büchern beschrieben ist. Nachdem sein irdisches Ende fast beschlossen war, wagte ich noch einen letzten Versuch. Ich hinterfragte einfach alles: Futter, Haltung, Reitweise, Bodenarbeit,


Hufspuren täglicher Umgang, Gesundheit, rassetypisches Verhalten und ganz besonders meine Einstellung zu ihm. An Ratschlägen aus meiner Umgebung mangelte es nicht, aber in der Regel lief es immer darauf aus, dass ich ihm mal zeigen sollte, wer der Chef ist und dass ich mich nur einmal durchsetzen müsste, damit er das auch begreift. Sehr ungerne gebe ich zu, dass ich ab und an tatsächlich versucht habe, mich durchzusetzen. Nur leider machte das die Sache nicht besser, sondern verschlimmerte sie. Mir wurde klar, dass alles Durchsetzen im Grunde nur dazu diente, meine eigene Angst und Unfähigkeit zu überdecken, diesen Weg wollte ich einfach nicht gehen. Obwohl es heute viele alternative Richtungen in der Pferdeerziehung und –haltung gibt, werden oft Leute mit solchen Problemen alleine gelassen. Teils weil tatsächlich der Sachverstand für Zusammenhänge fehlt, teils weil das „Ding“ einfach mal zu funktionieren hat und ist es nicht willig, dann eben mit Gewalt. Es wird auch völlig unterschätzt, wie groß die Angst selbst vor Kleinigkeiten sein kann und dass es wenig hilfreich ist, wenn man dann hört: der macht doch nichts. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich mich tatsächlich von meiner Angst befreien konnte und es waren unzählige kleine Schritte, die ich gemeinsam mit

meinem Traber gehen musste. Heute halte ich mich an keine Regeln mehr, sofern sie dem harmonischen Zusammensein abträglich sind. Wir haben im Umgang miteinander ein buntes Geflecht von ganz unterschiedlichen Methoden entwickelt und fahren sehr gut damit. Sie sind in keinem Buch zu finden und werden von keinem Pferdeflüsterer propagiert, aber sie funktionieren. In den letzten Jahren durfte ich einige Späteinsteiger bei der Bewältigung ihrer Ängste begleiten und dabei helfen, dass sich harmonische Paare gebildet haben. Ich ermuntere jeden dazu, eigene alternative Wege zu suchen, denn jede Mensch/Pferdbeziehung ist eine individuelle Sache, die individuell behandelt werden muss. Dabei steht für mich immer im Vordergrund, dass sich Mensch und Pferd bei dem, was sie machen, absolut wohl fühlen. Ich gehe auf jede Angst und auf jede Frage genau ein und versuche durch Erklärungen deutlich zu machen, was gerade in dem Pferd vorgeht. Gemeinsam mit dem Besitzer versuche ich zu klären, ob evtl. irgendwo ein Problem vorliegt, welches den Umgang mit dem Pferd so schwierig macht. Ganz oft sagt der Besitzer über Körpersprache dem Pferd etwas völlig anderes, als er eigentlich haben will und ich helfe dann dabei, diese Kommunikati41


Hufspuren onsprobleme auszuräumen. Meine Erfahrungen mit meinem Traber haben in mir das tiefe Bedürfnis geweckt, immer den Grund von Verhalten zu erfahren und in geordnete Bahnen zu lenken und nicht die Probleme zu überdecken oder mit Hilfsmitteln Reaktionen darauf zu unterbinden. Aus dieser Leidenschaft heraus habe ich ein Studium als Pferdepsychologin begonnen und lerne nun, meine Instinkte und mein Bauchgefühl in geordnete Bahnen zu lenken. Was aber bei all den Problemen viele Späteinsteiger völlig vergessen: wir haben einen unglaublichen Vorteil gegenüber den schon seit frühester Jungend reitenden Menschen. Wir wurden in Kindheitstagen nicht auf ein bestimmtes Verhalten hin geprägt, wir wundern uns noch ganz oft. Wir wundern uns über Haltungs- und

Umgangsformen und wir wundern uns über teilweise sehr harte Methoden und Maßnahmen. Bei uns sind keine gängigen und leider auch gesellschaftsfähigen Verhaltensweisen so tief eingebrannt, dass wir sie gar nicht mehr merken und wir sind dank unseres Alters in der Lage, den Unmut darüber auch zu äußern und Dinge zu verändern. War ich früher oft neidisch, weil die jungen Dinger mehr wussten als ich, bin ich heute froh darüber. Ohne mein Unwissen hätte ich mich nicht so offen neuen Wegen und eigenen Ideen hingegeben und wer weiß, ob mein Traber dann auch so gerne kommen würde, wenn ich ihn rufe. Aber wäre ich noch einmal ganz am Anfang, würde ich mir mit Bedacht meinen ersten Reitlehrer aussuchen und auch darauf achten, dass ich immer als Mensch mit Ängsten und Befindlichkeiten wahr genommen werde. Birgit Feldt

Birgit Feldt kam selbst erst spät zum Pferd und möchte deshalb anderen Helfen ihre Ängste zu überwinden und ihren Weg zum Pferd zu finden. Das Reiten selbst spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Bodenarbeit, Kommunikation und die Freude am Pferd sind für sie der Schlüssel zu einer erfüllten Partnerschaft. Birgit ist jetzt 51, liebt ihren 17-jährigen Traber und hat gerade das Studium zur Pferdeverhaltenstherapeutin begonnen.

42


Stallgeflüster

Szenen aus dem Pferdeleben Heute: Anfängerglück Ein großer Reiterhof, eine Anfängerin (1,65m, ca. 80 kg) und ein Pferd, was verkauft werden soll. R: Guten Tag, ich bin hier angemeldet, ich will probereiten V: Ah hallo, ich habe schon das passende Pferd für Sie rausgesucht .... holt einen sehr großen Fuchs aus dem Stall. R: Äh, Entschuldigung, ich hatte da eher an ein kleines Pferd gedacht V: Wie? Aber der ist klein, der hat nur 1,72m Stockmass Reiterin hat keine Ahung, traut sich aber nicht zu fragen, was Stockmass ist.

P: Wald? Feld? Was ist das? Ist das eine große Reithalle? V: Kein Problem, der ist auch geländesicher, macht der mit links. ... stellt das Pferd neben die Reiterin, die mit der Nase gerade mal bis an die Steigbügel reicht. V: So junge Frau, kommse her, ich halte den für Sie, dann können Sie draufhüpfen Reiterin versucht, das Bein in Augenhöhe zu bringen, damit sie den Fuß in die Steigbügel bekommt. R: Ich glaube *schnauf* das muss ich *schnauf* noch üben *schwitz* V: Na kommse mal her, ich helfe Ihnen

P: Ei, soll das mein neues Besi sein? Niedlich die Kleine. V: So, das ist unser absolutes AnfängerVerlaß-Pferd. Hat super weiche Gänge, läßt sich verladen und präsentiert sich gerne auf Turnieren. R: Ach na ja, Turniere wollte ich ja eigentlich nicht mit ihm gehen, eher so im Wald und auf dem Feld und so,.....

... packt die Reiterin wie ein Kind unter die Ärme und wirft sie bäuchlings über den Sattel. R: Oh danke. Aber so sehe ich ja gar nicht wo ich hin reite. V: Wenn sie erst richtig im Sattel sitzen, dann sehen Sie auch, wo sie hinreiten, keine Sorge.

43


Stallgefl체ster Reiterin versucht ungeschickt, ein Bein 체ber den Sattel zu bekommen und f채llt bei dem Versuch fast auf der anderen Seite runter. Der Verk채ufer erwischt gerade noch ein Bein. P: Na das kann ja was werden, die kommt ja nicht mal hoch V: Wollen Sie eine Gerte?

Illustration: Nina Walther


Stallgeflüster

R: Eine Gerte?

P: Brr? Ich gehe Schritt, langsamen Schritt

P: Eine Gerte!!!! R: Nein danke, ich glaube ich versuche es erst mal so.

R: Also Pferdchen, ich finde Dich ja schick,... P: Ach ja?

P: Dein Glück, da wäre ich aber sowas von ab gegangen. V: Also, ich schlage vor, wir gehen erst mal in die Halle, da können Sie dann alle Gangarten ausprobieren und wenn er Ihnen gefällt, können Sie ja eine Runde ums Feld drehen. Der Verkäufer führt das Pferd mit Reiterin in die Halle, wo gerade eine Springstunde stattfindet. R: Oh, das ist aber voll hier, stören wir da nicht? P: Oh, Hindernisse, wie toll, ich darf springen. V: Nee, da stören Sie nicht, der springt eh nicht. Immer schön am Rand bleiben, dann passiert auch nichts. Reiterin bringt mit wackeligen Knien das Pferd auf den ersten Hufschlag und versucht, im Schritt nicht runter zu fallen. R: Brr, Pferdchen brr, nicht so schnell. Weißt Du, soooo gut bin ich noch nicht.

.... guckt geschmeichelt in den nächsten Spiegel P: ich mich auch. R: .... aber Du bist ganz schön groß P: Ich war in der Fohlengruppe schon der Größte ..... macht sich noch ein wenig größer. R: Also gut, der Verkäufer guckt schon etwas genervt, ich will jetzt, dass Du antrabst. P: Traben kann ich, kein Problem. Pass auf, ich habe einen Sauseschritt R: Brr brr brr, nicht so schnell ! Pferd erhöht das Tempo, er will unbedingt zeigen, was er kann.

R: Oh, das ist mir zu schnell, da komme ich ja gar nicht mit. Und wehe Du springst jetzt auch noch

45


Stallgeflüster P: Springen? Ich darf springen? Mein Herz gehört Dir. Pferd steuert das erste Hindernis an. R: Was machst Du? Nicht springen, ich falle runter ! P: Mit mir fällt keiner, mach nur nichts, halt Dich fest und wir kommen sauber rüber. Ich habe schon ganz andere Anfänger zum Sieg geführt. Pferd nimmt das erste Hindernis mit einem riesigen Satz und kickt mit einer eleganten Bewegung die Reiterin wieder in den Sattel zurück. R: Oh Pferdchen das ist keine gute Idee halt an. P: Noch nicht ich zeig Dir noch wie ich über das 1,50 Hindernis komme, eine Spezialität von mir. R: Brr. Brr. Brr Brr Brr! ... vergißt vor Angst alles und hält sich krampfhaft am Hals des Pferdes fest. P: Was machst Du ist das eine neue Hilfe? Ok, ich halte besser an. Pferd kommt direkt vor dem Verkäufer zum Stehen, die Reiterin schiebt sich wieder ordentlich in den Sattel. R: Er ist ein wenig schwungvoll *schnauf*

46

V: Also was ich da gerade gesehen habe.... Das perfekte Paar. Wie sie ihn unter Kontrolle hatten und diese Eleganz beim Absprung. Unglaublich, ich habe noch nie gesehen, dass jemand so auf ihm sitzt. P: Also wenn ich mal was sagen darf: Sie kann nichts, sie sitzt bescheiden aber sie ist unglaublich nett. Verkäufer, die nehme ich. R: Meinen Sie? Ich fand mich jetzt nicht ganz so toll. V: Doch, das ist ihr Pferd, ganz sicher. Reiterin traut sich nicht, das Pferd abzulehnen, der Verkäufer ist ihr zu dominant. Sie stimmt dem Kauf zu. V: Wollen Sie jetzt noch ins Gelände? R: Nein, heute nicht er war ja so brav in der Halle, Gelände machen wir dann zu Hause. P: Und wenn wir erst zu Hause sind, dann zeige ich Dir, wie hoch ich springen kann. Aber was zum Kuckuck ist Gelände?

Birgit Feldt


Hufspuren

Eine Reise für Lara Vor 3 Monaten nahm ich sie mit, Lara. Eine Freundin von Cantara, die im gleichen Stall stand und von ihren Besitzern sehr vernachlässigt wurde, aus mir unbekannten Gründen. Sie war kurz vorher verkauft worden, kam dann aber wieder zurück. Da ich nicht wollte dass sie zum Schlachter kommt, entschied ich mich, sie mitzunehmen. Cantara war auch ausdrücklich dieser Meinung. Ich neige dazu, dem Pferd erst einmal Zeit zu geben. Sie muß mich kennen lernen und Vertrauen aufbauen. Auch auf Heilarbeiten verzichte ich erst meistens, damit das Pferd erst einmal etwas von sich zeigt. Sie ist 20 Jahre alt und hatte schon viel erleben müssen. Also gingen wir zunächst alle Mann spazieren, Cantara, Lara, mein Freund und ich. Es stellte sich schnell heraus, dass Lara sich mit meinem Freund wohl fühlte und eher sein Pferd war, Papapferd eben. Ich freute mich über diese Entwicklung, denn zum ersten Mal seit ich sie kannte kam sie aus sich heraus. Die vorher zumeist abwesenden Augen leuchteten und sie fing an, auch mal albern zu sein. Prima dachte ich bei mir, da muß ich wahrscheinlich gar nicht mehr viel machen. Weit gefehlt, man ist ja oft bei den Dingen, die einem sehr nahe stehen etwas betriebsblind. Eines Tages gingen wir wieder spa-

zieren und durch einen kleinen Wald ganz in der Nähe. Cantara freute sich, endlich mal wieder Wald, den mag sie sehr. Lara wurde ganz langsam und von mir zunächst unbemerkt immer verkrampfter und fiel dann in ihr altes Muster zurück. Augen zu und durch, egal was im Wege steht. Sie schien nie im Wald gewesen zu sein, war völlig überfordert. Also kürzten wir ab und sie schien sich zu entspannen als wir wieder das offene Feld erreichten. Sie fraß etwas Gras. Als wir weiter wollten ließ sie sich aber kaum zum Mitkommen bewegen. Also fasste ich vorsichtig in ihr Halfter und versuchte sie zu überreden. Plötzlich riß sie den Kopf hoch, stieg und schlug aus, touchierte meinen Freund und sah mich mit funkelnden Augen an. Wir blieben ruhig, es war Gott sei Dank auch nichts passiert. Als wir wieder zurück waren sagte mein Freund, ich muß eine Reise für sie machen, das was da passiert ist, war nicht Lara. Recht hatte er und wahrscheinlich hätte ich es auch schon viel früher machen müssen. Am gleichen Abend ging ich auf die Reise für Lara. Ich reiste in die untere Welt und fand Lara dort auf einer Wiese, wie zur Salzsäule erstarrt. Hier konnte ich erst einmal nichts tun. Also ging ich weiter und suchte ihr Krafttier. Ein Adler kam zu mir und ich fragte ihn, ob er für Lara bestimmt sei. Er 47


Hufspuren bestätigte es mir und ich nahm ihn mit. Er wollte ihr helfen, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und ihre innere Ruhe wieder zu finden. Ich ging weiter und suchte nach verlorenen Seelenteilen. Ich fand eine große Kugel, in der sich viele kleine Teilchen gesammelt hatten, alle basierend auf Enttäuschungen und Ängsten. Es waren so viele, dass ich kaum die einzelnen Situationen herausfinden konnte. Meine Spirits sagten mir, das sei auch nicht so wichtig, ich solle alles mitnehmen, was ich dann auch tat. Ich ging weiter und begegnete vier Pferden, alle von derselben Rasse. Ich fragte sie, ob sie auch Seelenteile wären, sie sagten, nicht direkt. Sie sind Laras Fohlen, sie möchten Lara die Teile zurückgeben, die sie bei der Trennung von der Mutter mitgenommen hatten bzw. die Lara ihnen mitgegeben hatte. Lara hatte unwahrscheinlich darunter gelitten, von ihren Kindern getrennt zu werden. Sie gaben mir die Teile in Dankbarkeit und Liebe für ihre Mutter zurück, damit sie heilen konnte. Und sie sagten mir ich soll Lara sagen es geht ihnen gut und sie haben gute Besitzer gefunden. Ich ging weiter und fand noch einen Teil, der wie Lara selbst aussah. Als man ihr das letzte Fohlen wegnahm hatte sie sich gewehrt, sie stieg und schlug was sie konnte, aber dafür wurde sie entsetzlich verprügelt. Ab dem Tag hatte sie sich nur noch in sich zurückgezogen und funktionierte, ohne 48

Herz und ohne Seele. Und so erging es ihr fast ihr ganzes Leben. Ich nahm den Teil mit. Ich erinnerte mich noch, dass die Vorbesitzer sagten, sie würde manchmal durchdrehen und spinnen, leider wurde sie dann auch dort hart angefasst. Kein Wunder, dass sie mit uns Menschen nichts mehr zu tun haben wollte. Als ich alle Teile beisammen hatte ging ich zum Ausgangspunkt zurück. Die Erstarrung hatte sich schon sehr gelöst, aber noch nicht 100 %ig. Also schaute ich nach Fremdenergien. Wie eine Kruste erschien mir die Energie, die sie sich selbst herangezogen hatte, vorher als Schutz, dann wurde es ihr eigenes Gefängnis. Ich entfernte die Kruste und füllte Lara mit universeller Lebensenergie auf. Sie bekam von meinen Spirits auch wieder eine Schutzschicht, diesmal aber eine für positive Reize und Energien durchlässige. Lara streckte sich und trabte wiehernd davon. Ich ging zurück in diese Ebene und pustete ihr die Seelenteile und ihr Krafttier ein. Einen Tag später waren wir wieder im Stall, mein Freund war gespannt und ich sagte ihm, es könne durchaus etwas dauern, bis man etwas bemerkt, denn das Wesen, für das man eine Reise macht, muß sich erst in der neuen Situation zurecht finden und die Seelenteile müssen sich erst einmal ins Ganze integrieren.


Hufspuren Doch zu meiner eigenen Überraschung war Lara sehr freundlich und offen und ließ sich von meinem Freund beschmuseln, was sie sonst eher ertrug, obwohl wir das sehr vorsichtig dosiert mit ihr gemacht haben, einfach, um den Körperkontakt langsam aufzubauen, den sie zu Menschen kaum kannte. Auch war sie beim folgenden Spaziergang die Ruhe selbst und ließ sich ganz locker am langen Strick führen, was vorher kaum möglich war.

Esther Naeter arbeitet seit 2007 als Tierheilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Pferde in Hamburg, im nördlichen Niedersachen und SchleswigHolstein. 2008 folgten Ausbildungen in Tierkommunikationnach Penelope Smith und schamanischen Heilmethoden, die in ihrer Praxis häufige Anwendung finden. Eine wichtige Lehrerin war und ist ihre Traberstute Cantara, die in ihrer Nähe steht und einen großen Einfluß auf ihre Arbeit mit Pferden hat.

Seit dem wird es immer ein bisschen besser für sie. Wir arbeiten daran und wir haben alle Zeit der Welt. Esther Nater www.tierkommunikation-naeter.de

© Esther Naeter

49


Hufspuren

Samson Samson war von seinen Besitzern aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen im Stall sich selbst überlassen worden. Die Besitzer waren zu dem Zeitpunkt, als ich ihn kennenlernte, schon sehr lange nicht mehr am Stall gewesen und hatten sich nicht einmal gemeldet, als die Pferde in einen anderen Stall umzogen. Niemand kümmerte sich großartig um den bezaubernden kleinen Kerl, so dass meine jüngere Tochter sich seiner annahm. Er war ein ausgesprochen liebenswertes Kerlchen, das aufgrund der Vernachlässigung absolut untrainiert und dick war sowie – mitten im September – noch immer sein mittlerweile verfilztes Winterfell spazieren trug. Durch regelmäßige Massagen und physiotherapeutischen Übungen, Schüßler-Kuren zur Unterstützung des Stoffwechsels und der Muskulatur sowie Bänder und Sehnen bauten wir

© Diana Kampmann

50

ihn langsam wieder auf und gestalteten einen speziellen Trainingsplan. Viel Schritt, Bergauf/Bergabklettern, und DualAktivierung standen ebenso auf dem Plan wie gemütliche Ausritte mit Galoppstrecken. Die Vorher-Nachher-Bilder zeigen, wie ein individuell abgestimmtes Training in Verbindung mit einer physio- sowie verhaltenstherapeutischen Begleitung allein am äußeren Erscheinungsbild positiv bewirken kann. Das. „Interieur“ eines Pferdes ist auf Fotos natürlich immer schlecht zu erkennen, aber auch dieses hat sich bei Samson sehr zum Positiven verändert: Die anfänglich als „zu kurz“ angesehenen Beinchen zeigten sich im Laufe der Ausbildung plötzlich als völlig normal lang. Die Bauchmuskulatur war

© Diana Kampmann


Hufspuren gestrafft und „zog“ den Bauch quasi „hoch“, die dicke Wolle war weg – und somit waren die Beine dann auch passend zum Ponykörper. Die Rückenmuskulatur hatte sich aufgebaut, und der Rücken war nun „gerade“ – die ganze Kontur hatte sich in Richtung „Reitpony“ entwickelt. Die Besitzer erinnerten sich dann wieder an ihn und holten ihn zu sich, somit kann ich leider nicht sagen, wie er sich bis heute entwickelt hat. Ich wünsche dem kleinen Kerl, den wir alle sehr ins Herz geschlossen hatten, noch ein schönes Leben mit all der Aufmerksamkeit, die dieses wunderbare Pony verdient!

Diana Kampmanns Bestreben ist es, Pferden ein glückliches Leben in Kooperation mit dem Menschen zu bieten und den Menschen kompetenter im Umgang mit dem Pferd zu machen sowie ihm den Spaß daran zu vermitteln! Eine gut durchdachte, professionelle Trainingsmethode, individuelle Arbeit sowie eine ruhige und freundliche Arbeitsatmosphäre ermöglichen gute Lernerfolge. Durch ihre sehr umfangreichen und vielseitigen Ausund Weiterbildungen konnte sie viele hilfreiche Erkenntnisse sammeln und kann somit auch in schwierigen Fällen oftmals andere Ansätze anbieten, die zur Lösung der Probleme führen.

Diana Kampmann www.hands4horses. de

Vorher

Nachher

© Diana Kampmann

51


Hufspuren

Vom Trauma zum Traum - Geschichte einer Wandlung 3 ½ Jahre ist es nun her, dass ich mich auf eine kleine Reitbeteiligungsanzeige im Wochenblatt meldete, ohne zu ahnen welche Wendungen mein Leben – und das Leben einer kleinen irischen Stute dadurch nehmen sollten.

© Gentle Horse Concepts - Anke Kunze

Lady war 7 Jahre alt, als ich sie kennenlernte. Eigentlich galt die Reitbeteiligung gar nicht für sie, sondern für ihre Weidekollegin Ginger. Doch auch wenn Ginger und ich gut harmonierten, zog mich die scheue schwarze Stute mit dem Etikett „unreitbares Problempferd“ in ihren Bann. Ihr Vorbesitzer war einem Herzinfarkt erlegen und Lady physisch und psychisch in einem traurigen Zustand. Ein starker Senkrücken, ein massiver Unterhals und ein grenzenloses Misstrauen Menschen gegenüber verrieten, dass sie schon vieles durchgemacht haben musste. In diesem Zustand kam sie über einen Notverkauf zu Anke, die

Lady als sie bei Anke ankam.

52

sich ihr annahm, obwohl man ihr davon abgeraten hatte. Damals ließ sie sich kaum anfassen, geschweige denn reiten. Schon das Aufhalftern und Putzen schien ein schier unerträglicher Stress für sie zu sein und selbst Anbinderinge in Betonwänden konnten ihr nicht standhalten. Zum Glück gehört Anke aber zu den Menschen, die ihre Pferde nicht unter Druck setzen, sondern ihnen mit Geduld begegnen. So ging es mit Lady ganz langsam Schritt für Schritt an die Vertrauensarbeit. Und da die kleine Irin, die noch original von der grünen Insel nach Deutschland gereist war, mich so faszinierte und ich unbedingt ihr Vertrauen gewinnen wollte, durfte ich schon nach kurzer Zeit nicht mehr nur mit Ginger, sondern auch mit Lady arbeiten. Ich hatte schon früh in meinem Pferdeleben festgestellt, dass ich mit traumatisierten Pferden recht gut zurecht kam, weil ich mit relativ wenig Druck mit ihnen arbeitete. Ich hatte neben der klassischen Ausbildung viel über Horsemanship, Körpersprache und Pferdeverhalten gelesen und bemühte mich immer, der Natur des Pferdes im Zusammenspiel gerecht zu werden. Von Anke konnte ich noch das eine oder andere über das Signalreiten dazulernen und so ging es ans Training.


Hufspuren Longieren war Lady ein Graus. Wann immer sich jemand in irgendeiner Art hinter sie begab wich sie aus und wenn sie nicht flüchten konnte stieg sie. So beschränkten wir uns am Boden zunächst auf das Dulden von Berührungen und leichten Übungen bis hin zum freien Folgen. Beim Reiten stellte sich schnell heraus, dass Lady sich durch Sattel und Trense extrem unter Druck gesetzt fühlte und so standardmäßig ausgerüstet zum panischen Davonstürmen neigte. Allem menschlichen Sicherheitsdenken zum Trotz verabschiedete ich mich also von Sattel und Gebiss und ritt sie ohne Sattel und gebisslos. Sie dankte es damit, dass sie nicht

mehr ständig lospreschte und gelegentlich sogar zuhörte. Trotzdem war sie nicht glücklich, lief verspannt und verworfen. Erst als ich beschloss einmal keinen Einfluss auf die Richtung zu nehmen sondern sie einfach vorwärts zu reiten, egal wohin, ließ sie endlich den Hals fallen, schnaubte und wölbte den Rücken auf. Ein immenser Erfolg! Nach und nach wuchs das Vertrauen, aus dem scheuen Reh wurde am Boden ein Schmusepferd – jedoch immer nur so lange wie man nichts von ihr forderte. In der Freiarbeit nach den Prinzipien der Horsemanship war sie gehorsam, nicht panisch, aber auch nicht entspannt. Wir dachten es wäre

© Renee Hawk

„Ich möchte Dich verstehen.“

53


Hufspuren eine Frage der Zeit und widmeten uns als nächstes ihrer fehlenden Balance und arbeiteten an der Doppellonge. Auch hier gab es immer mal kleine Erfolge, aber auch Rückschläge wie das unkontrollierte Durchgehen nach jedem Erreichen des lang ersehnten Linksgalopps… Als wir auf diesem Level waren, änderte sich plötzlich die gesamte Routine. Anke hatte beschlossen sich mit einer eigenen Ranch selbständig zu machen und bot mir dort eine Anstellung an. So zogen wir mit Sack und Pack und mittlerweile 3 Pferden in die Nordheide. Die Pferde hatten sich schnell eingelebt und Ausritte durch die Heide waren eine willkommene Abwechslung zum Training.

Lady hatte mittlerweile gelernt den Sattel wieder zu akzeptieren und trottete in Gesellschaft ihrer Herdenmitglieder gerne gemütlich durch die Weltgeschichte. Selbst mit unseren Praktikantinnen und ein paar ausgewählten Reitschülern konnten wir ein wenig mit ihr arbeiten. Lady hatte Bine, unsere allererste Praktikantin, als ihre persönlich beste Freundin auserkoren. Wenn Bine auf ihr saß mussten wir uns nie sorgen, dass sie durchgehen oder Bine stürzen könnte, denn Lady gab auf sie Acht, in einer Art wie sie es bei niemand anderem Tat. Zwar war sie auch mit mir gnädig wenn ich mal ins Rutschen kam, doch ein Verhältnis wie den beiden kam zwischen uns nicht zu stande. Ich fragte mich warum.

© Gentle Horse Concepts - Anke Kunze

Anke und die Horsis in der neuen Heimat

54


Hufspuren Unser eigentliches Training stagnierte, da jeder Ansatz die Hinterhand zu aktivieren oder sie zu stellen geschweige denn zu biegen nach wie vor mit Flucht quittiert wurde. Ich versuche es mit Gefühl, ich versuchte es mit Gegenhalten und mit „müde machen“ - alles erfolglos. Mehr als einmal stieg ich unter Tränen ab, weil mir bewusst war, dass die Versuche nicht nur nichts erreicht, sondern auch das Verhältnis zwischen Lady und mir belastet hatten. Ich stand vor einem Rätsel, hatte ich doch alle Mittel der Horsemanship und der klassischen Reitlehre bemüht, um eine Verbesserung zu erreichen. Der Einblick in die Seele dieses Pferdes blieb mir trotz aller Bemühungen versagt.

Etwa zu dieser Zeit lernte ich Babette Teschen kennen, mit der ich ein Interview für die Hufspuren führte. Das Gespräch mit ihr brachte mein reiterliches Weltbild ins Wanken, erklärte sie mir doch, das das ganze Leittiergehabe und Dominanzprinzip bei weitem nicht so pferdegerecht sind, wie ich bis dahin immer geglaubt hatte. Ich war erschüttert. Ich war immer überzeugt gewesen mit dem größtmöglichen Maß an Geduld und „Natürlichkeit“ zu arbeiten und musste nun erkennen, dass ich trotzdem nichts anderes versuchte, als mein Pferd zu „beherrschen“, wenn auch mit subtileren Mitteln als manch anderer. Auf Babettes Empfehlung hin, setzte ich mich mit den Büchern von Verhaltensbiologin Marlitt Wendt auseinander, insbesondere mit „Vertrauen statt Dominanz“ und war nun gewillt, einen Neustart mit Lady und all meinen Trainingspferden zu machen. Nun, wenn man darauf angewiesen ist von Unterricht und Training zu leben und mit fremden Pferden arbeitet, dann ist es nicht einfach, einen Weg zu gehen, der im Gegensatz zur landläufigen Meinung steht, das Pferd müsse beherrscht werden. Das wurde mir schon bald schmerzhaft bewusst. Also tat ich mein Bestes einen Kompromiss zwischen meinem neuentdeckten Trainingsideal und der Erwartungshaltung der Kundschaft zu finden. Bei einigen ging es ganz wunderbar, bei anderen stieß ich auf Unverständnis und Ablehnung.

© Maritres Hötger

Lady & Bine

Wie das Schicksal so spielt, sollte ich aber bald aus dieser Zwickmühle ent55


Hufspuren bunden werden. Nach zwei Jahren erbitterten Kämpfen mit den Behörden, musste Anke ihren Traum von der Ranch begraben, da man ihr die nötigen Genehmigungen verweigerte. Obgleich es uns alle schwer traf, entband es mich doch davon, die Erwartungshaltungen der Kundschaft erfüllen zu müssen, so dass ich nur noch mit denen arbeitete, die ebenfalls bereit waren die Dominanz zugunsten des Vertrauens beiseite zu lassen. Nun sollte man meinen, dass dieser neue Weg die Arbeit mit Lady deutlich verbessert hätte. Und in der Tat waren am Boden auch erste Erfolge zu erkennen, die aber auch ebenso schnell wieder zerbrechen konnten, wenn ich zu früh einen Schritt weiter gehen wollte, weil ich die Erwartung hatte, dass es auf dem freundschaftlichen Weg ja funktionieren müsste. Wieder einmal stand ich vor einem Rätsel und begann zu grübeln. Ich versuchte zu ergründen, warum der neue Weg noch immer nicht ausreichte und warum sie bei Bine, die ja auch den freundschaftlichen Weg beschritt, trotz allem ganz anders reagierte als bei mir. Und schließlich begriff ich es. Bine hatte nie eine typische Reitschulausbildung durchlaufen, ihren ersten Kontakt mit Pferden hatte sie bei uns. Sie hatte keine Erwartung was ihr Pferd tun müsste, was es für sie tun sollte, sie war schon selig, wenn sie Zeit mit ihm verbringen konnte. Sie hatte keine Erwartungshaltung. 56

Das war der springende Punkt. Selbst wenn ich nur freundschaftlich arbeiten wollte so hatte ich doch eine konkrete Vorstellung davon, was ich erreichen wollte. Und diese Erwartung schuf eine Art mentale Anspannung, die ich selbst nicht bemerkte, die für Lady aber ebenso deutlich war wie eine direkte Einwirkung und damit Druck erzeugte. Da hatte ich sie also meine Erkenntnis – nur dummerweise gute 3 Jahre zu spät, denn das war die Zeit, als es für mich hieß den Hof und die Pferde zurückzulassen, da ich mich nach dem Ende des Ranchprojektes beruflich umorientieren musste. So ging ich also, in dem Glauben von Lady gelernt zu haben, was ich für andere Pferde später brauchen sollte. Doch unser Weg war noch nicht zu Ende. Anke, die sich nun ebenfalls umorientieren musste, war zeitlich sehr eingeschränkt und hatte nicht die Möglichkeit sich um mehr als ein Pferd zu kümmern. Ginger hatte bereits eine neue Heimat gefunden und Divine, Ankes Jungstute, brauchte intensive Betreuung. So fragte sie mich, ob ich Lady nicht in meiner neuen Heimat in Pflege nehmen würde. Unter der Voraussetzung dass ich einen geeigneten Stellplatz für sie fände willigte ich ein. Fast zwei Monate waren vergangen und ich hatte die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben, als ich endlich einen geeigneten Offenstallplatz fand.


Hufspuren Am 17. Dezember brachten Anke und ihr Mann Jörg sie zu mir. Lady akzeptierte die neue Heimat sofort als sie die ersten Grashalme entdeckte und hatte mir auch bald verziehen, dass ich zwei Monate nicht für sie da war. Tja, und was soll ich sagen, als wir dann zu dritt beim Essen saßen und feierten dass sie heil angekommen war, erklärte Jörg mir, dass eigentlich eine rote Schleife um den Equidenpass gehört hätte – er und Anke hätten beschlossen, dass Lady jetzt MEIN Pferd wäre. Ja, liebe Leser, auch ich war sprachlos. Anke und Jörg hatten mir soeben ein Pferd geschenkt. Mittlerweile habe ich es tatsächlich realisiert und Lady hat sich gut in der neuen Herde eingelebt. Ich versuche unser Zusammensein möglichst ohne

Erwartungshaltung zu gestalten und Lady dankt es mir mit freudiger Mitarbeit – zeigt aber auch sofort ihre Grenzen auf, wenn mich der Ehrgeiz packt. Sie ist wie ein Barometer für meine innere Ausgeglichenheit. Bin ich gestresst, oder meine etwas erreichen zu müssen, ignoriert sie mich. Fordere ich mehr als sie zu geben bereit ist platziert sie sich demonstrativ vor dem Ausgang und verweigert jede Kooperation. Bin ich aber in Balance und ganz bei ihr, ohne Erwartungen, dann stellt sie sich freiwillig an die Aufsteighilfe und lädt mich zum Reiten ein. Ich dachte einmal, ich würde ein traumatisiertes Pferd lehren, wieder zu den Menschen zu finden. Nun erkenne ich, dass dieses Pferd mich lehrt, zu mir zu finden. M.H.

© Sabine Bödecker

Gemeinsam auf neuen Wegen

57


Š Lars Pardey


Stallgeflüster

Geschichten vom Pferd: „Cantara und das Geheimnis des grossen Nichts“ Endlich hatte ich nach meinem Umzug und viel Arbeit mal wieder Zeit für meine kleine Maus. Also holte ich sie vom Paddock und führte sie über den Hof. Da wir hier noch nicht lange sind, kannte sie auch noch nicht alle Ecken. Also beschloss ich, mal alle Ecken des Hofs zu erkunden. Die Boxen gegenüber, den Garten des angrenzenden Wohnhauses, die Nachbarpferde. Und dann konnte sie es kaum fassen….Eichen, ganz viele davon. Die Trüffeljagd (eigentlich Eicheljagd) konnte beginnen. Cantara durchwühlte alles, nicht mal vor dem Brennholzhaufen machte sie Halt und konnte grade noch ausweichen, als die oberen Hölzer herunterfielen. Etwas pikiert sah sie mich an, ich hätte es doch auch mal festhalten können, am besten ganz wegräumen, denn darunter würden sich doch ganz

bestimmt die dicksten Eicheln verstecken. Ich gönne ihr eben nichts, na ja, ich möchte nun auch nicht, dass sie sich den Bauch voll schlägt. Aber im Prinzip würde mich das ja wohl nichts angehen. Wir gingen dann, sehr zu ihrem Leidwesen weiter. Beim neuen Putzplatz, er war vorher noch zugestellt, hielten wir an. Ein wenig Körperpflege schadet ja nun nicht, da war sie wenigstens mal meiner Meinung. Doch was war das? In der Tür vor ihr war etwas, das ihrer Meinung nach dort nicht hingehörte, ein rundes Nichts, eine Öffnung ins Unbekannte. Vorsichtig untersuchte sie das Loch. Es war spannend und unheimlich zugleich. Unbekannte Gerüche trafen auf ihre zauberhaften Nüstern. Was war das? Es roch exotisch, wie aus einer anderen Welt. Mutig ging

© Esther Naeter

60


Stallgeflüster Sie wollte gehen und zwar sofort, was sie dann auch gleich in die Tat umsetzte. Ich hatte schon Schwierigkeiten ihr zu folgen. Auf dem Weg zurück zum Paddock brummelte sie vor sich hin: „Ding, so eine Frechheit. Das kleine DING konnte froh sein, dass ich mich beherrschen kann. Und Du lachst auch noch. Der Tag ist jetzt wirklich gelaufen!“ Nur mit Mühe konnte ich sie an diesem Tag besänftigen. Nun ja, für die Zukunft habe ich nun die klare Ansage, meine Hand vorher hineinzustecken, sollten wir jemals wieder auf so ein Loch treffen. Ist ja wohl klar, dass ich nun niemals mit ihr in exotische Länder reisen würde, wer weiß was dort in den Löchern steckt….vermutlich kein plüschiger kleiner Kater! Alles Liebe,

Esther Naeter

Illustration: Nina Walther

sie direkt auf das Loch zu und stecke die Nase hinein. Was verbarg sich bloß dahinter? Essen? Eine Parallelwelt? Die Antwort kam prompt und hatte nichts exotisches, esoterisches oder märchenhaftes an sich. Zum Glück hatte ich Cantara vorher vom Strick befreit, bleibt sie doch an sich sowieso da und wenn ich sie doch anbinde, löst sie jeden Knoten (..bei Gelegenheit muß ich herausfinden, wer ihr das beigebracht hat). Sie sprang entsetzt zurück, denn dieses Wesen, das sich fast an ihrer Nase festgekrallt hatte starrte sie an. Ich lächelte, ein Fehler mal wieder, denn der Rüffel dafür ließ nicht lange auf sich warten. Wieso ich lachen konnte während sie eines der entsetzlichsten Erlebnisse ihres Lebens hatte. Nun ja, vor uns stand ein kleines Kätzchen, noch ganz jung und schaute zu Cantara hoch. Er, es war ein kleiner Kater, war fasziniert von diesem riesigen Ding….Ding, das war zuviel für Cantara.

61


Hufspuren

Sehnsüchte Der vertraute Geruch von Pferden, welchen ich so vermisst habe, steigt mir in die Nase. Hufgetrappel und ein leises Wiehern. Die schönste Stute der Welt kommt auf mich zu. Ihr Fell glänzt schwarz. Ihre Augen glitzern in der Wintersonne. Diese wunderschönen, aufmerksam und gleichzeitig lieb blickenden Augen, sie spiegeln ihre ganze Persönlichkeit wieder. Ihre Sanftheit. Ein verzaubernder Anblick, wie sie so leicht dahin galoppiert. Wir stehen voreinander. Meine Hände gleiten durch ihr dichtes Winterfell. Sie stupst mich mit ihrer Nase an. Ich spüre ihren Atem auf meiner Haut. Ich will mich auf ihren Rücken schwingen, mit ihr über die verschneiten Felder galoppieren, mit ihr zu einer Einheit werden. Möchte wieder die vertrauten Bewegungen unter mir spüren. Wenn ich mich auf den Rücken eines Pferdes gleiten lasse, bleiben alle Probleme, alle unnötigen Gedanken auf dem Boden zurück, und mein Kopf ist frei. Denn das Einzige, was jetzt, in diesem Moment zählt, sind wir, mein Pferd und ich. Alles wird auf einmal so selbstverständlich, jede Bewegung so sicher. Und das Vertrauen ist größer denn je.

Kira Kehm

62


© Sabine Bödecker / Kira Kehm

63


Hufspuren

Verloren in den Weiten der Nordfriesischen Marsch 4. Teil der Erzählung Irritiert blieb ich mit Floyd vor dem Schlagbaum stehen.  «Was soll denn das?», fragte ich die Wachen erbost und  verwirrt. «Könntet ihr bitte das Tor aufmachen?»  Keine Reaktion.  «Könntet ihr bitte das Tor aufmachen?», wiederholte ich  meine Frage energisch.  Wieder keine Reaktion.  Kopfschüttelnd ging ich mit Floyd um den Schlagbaum  herum, um mir das Tor dann eben selber auf zu machen.  Doch kaum befand ich mich hinter dem Schlagbaum, da  rief mich eine Stimme scharf von Hinten an:  «Stehen bleiben!»  Ich reagierte nicht.  «Sofort stehen bleiben!», wiederholte die Stimme scharf.  Ich reagierte immer noch nicht, sondern ging einfach auf  das geschlossene Tor weiter zu. Dabei lehnte ich mich an  Floyds Schulter, da ich instinktiv spürte das gleich etwas  geschehen würde.  Tatsächlich: Einige Schritte vor dem Tor positionierten  sich zwei bewaffnete Soldaten vor das Tor.  Ich hielt kurz an. «Aufmachen!», zischte ich die beiden an. «Sofort  aufmachen!»  Keine Reaktion. Stattdessen sahen mich die beiden  Soldaten zornig an und begannen ihre Uzis zu entsichern.  «Was soll denn der Scheiß hier jetzt bitte werden!?», fragte  ich die beiden entsetzt.  Keine Reaktion.  Kopfschüttelnd ging ich einfach weiter.  «THW-Helfer Dr. Falkner! Sie bleiben jetzt sofort stehen!  Das ist ein Befehl!», schrie mich die Stimme von hinten  nun an.  Ich hielt an, und drehte

64

mich und Floyd um. Vor dem  Schlagbaum standen in einem Halbkreis der Oberst, der  Feuerwehrmann, der Polizist und noch einige andere Leute  aus dem Lagezentrum.  Schützend legte ich meine Hände an Floyds Schulter.  «Was soll das hier?», fragte ich kühl und enttäuscht in die  Runde.  «Ich kann nicht verantworten, dass Sie in das  Katastrophengebiet zurückkehren!», sagte der Oberst  scharf zu mir. «Sie müssen zu Ihrer eigenen Sicherheit hier  in der Kaserne bleiben!»  «Das geht nicht und das wissen Sie auch!», antwortete ich  dem Oberst. «Ich muss meinen Kameraden helfen! Lassen  Sie jetzt bitte das Tor öffnen!»  «Ihre Kameraden sind tot! Begreifen Sie das doch endlich!»,  schrie der Oberst mich an. «Sie sind tot! Tot! Sie bleiben  verdammt noch mal hier! Das ist ein Befehl!»  Für den Bruchteil eines Wimpernschlags zögerte ich, doch  dann antwortete ich dem Oberst:  «Dann suche ich eben Ihre Leichen. Das bin ich meinen  treuen Kameraden schuldig!»  «Das ist doch der reinste Wahnsinn!», schrie der Oberst  zurück. «Wollen Sie am Ende etwa auch wie Hauke Haien  draufgehen!?»  «Selbst wenn ich da Draußen verrecken sollte, so kann  zumindest ich mit einem ruhigen und reinen Gewissen  sterben, weil ich bis zu meinem Tod alles für meine  Kameraden versucht habe...!»,


Hufspuren schrie ich den Oberst an.  «Zum allerletzten Mal! Sie bleiben verdammt noch mal hier!  Das ist ein Befehl!», bekam ich erneut zurück geschrieen.  Ich schaute den Oberst ernst an.  «Ich widersetze mich Ihrem Befehl!», sagte ich kühl und  entschlossen. «Sie wissen ja, wie Sie gemäß den geltenden  Notstandsgesetzen in so einem Fall zu handeln haben...» Ich drehte mich um und ging mit Floyd langsam weiter auf  das immer noch verschlossene Tor zu.  Die beiden bewaffneten Soldaten gingen hinter den  Deckungsschutz am Eingang der Wache zurück.  Zwei oder drei Schritte vor dem Tor, ich weiß es heute  nicht mehr so genau, hörte ich dann mit einem Male wie  jemand hinter mir eine Pistole entsicherte. Ich spürte, dass  diese auf mich gerichtet wurde.  Floyd und ich standen in diesem Augenblick nun vor dem  Tor.  Ich umschloss Floyds Hals ganz eng mit meinen Armen,  drückte meine Wange ganz fest an seinen Hals und begann  zu zittern.  «Jetzt drück’ doch schon endlich ab! Dann ist es wenigstens  vorbei...», dachte ich nur noch.  Dabei klammerte ich mich immer fester an Floyd. Ich gab  ihm einen Kuss auf seinen warmen, weichen Hals und  schloss die Augen.  Ich biss die Zähne so fest ich konnte aufeinander. Ich  vernahm den Geschmack von Blut. Schweiß rann über  meine Stirn. Ich vernahm das klackende Geräusch des  Durchladens einer Pistole.  Tränen flossen aus meinen geschlossenen Augen über  meine Wangen auf Floyds weiches Fell.  «Halt mich... Halt mich...», rann es mir wieder und wieder  über meine Lippen. «Halt

mich...»  Ich kniff meine Augen so fest ich konnte zusammen, biss  mir auf die Lippen bis sie anfingen zu bluten und  klammerte mich so fest an Floyd heran, dass ich seinen  ruhigen Puls an meinem angsterfüllten Körper spüren  konnte.  «Sie sind doch ein gottverdammter Narr...! Los, Tor  aufmachen!», hörte ich den Oberst rufen anstatt des  erwarteten Schusses.  Die beiden Soldaten kamen hinter dem Deckungsschutz  hervor und öffneten mir das Tor.  Völlig benommen ließ ich Floyd los und stieg ohne mich  noch einmal umzudrehen auf.  «Na los! Dann reiten Sie doch! Verschwinden Sie! Hauen  Sie endlich ab!», rief der Oberst mir zu als ich nun am  langen Zügel durch das Tor ritt.  «Von Ihnen wird man am Ende auch nicht viel mehr als  ihren Helm und die Überreste einer zerrissenen Uniform  mit Ihrem Namensschild drauf finden!», schrie der Oberst  mir noch hinterher.  Ich reagierte nicht mehr darauf.  In aller Ruhe ritt ich nun in Richtung Ortsausgang von  Husum. Entlang des Kasernenzauns in Richtung Norden.  Ich vernahm noch das Geräusch des sich schließenden  Tores bevor ich mit Floyd wieder in der einsamen,  dunklen, nassen und kalten Nacht verschwand.  Jetzt war ich also wieder alleine. Alleine und einsam in der  dunklen Nacht.  Ich schritt mit Floyd am langen Zügel in nun Richtung des  Ortsausgangs von Husum. Zu allem Überfluss fing es jetzt  auch noch wieder an zu regnen, doch es war mir egal.  Der kalte, nasse Regen peitschte mir ins Ge-

65


Hufspuren sicht. Das  Wasser rann in einem einzigen, schier unaufhaltsamen  Strom an mir und Floyd herunter.  Immer noch benommen von dem gerade erlebten, ritt ich  nun wieder mehr oder weniger ziel- und planlos durch die  einsame, dunkle, kalte und nasse Nacht.  All das war mir in diesem Augenblick egal.  Das Einzige was ich noch mehr oder weniger mitbekam  war, dass mein Weg mich wieder in Richtung Norden  führte.  Wohin genau ? Ich wusste  es nicht.  Vorsichtig legte ich mich auf Floyds warmen, weichen  Hals. Ich umarmte ihn innig, gab ihm einen Kuss auf  seinen Hals und schloss die Augen. Mein Kopf war  vollkommen leer. Ich begann zu seufzen.  «Was nun...?» war nach einer mir endlos erscheinenden  Zeit mein erster klarer Gedanke.  Ich richtete mich wieder auf und versuchte mich nun auf  Floyds Bewegungen zu konzentrieren um von der  Leere, die mich umgab, nicht wahnsinnig zu werden.  «Was nun...?», dachte ich immer wieder und wieder.  Plötzlich spürte ich das mir ganz warm wurde und meine  Zähne zu schmerzen begannen.  «Jetzt bekomme ich auch noch Fieber...», dachte ich nur  noch und wischte mir den aufkommenden Schweiß von  der Stirn. Obwohl ich ganz genau wusste, dass es mit dem aufkommenden Fieber jetzt auch für mich kritisch wurde,  begann ich zu traben.  Wohin? Ich wusste es nicht.  Ich weiß heute nicht mehr wie lange ich nun ohne  einen klaren und festen Gedanken fassen zu können durch  die Nacht getrabt war, doch damals kam wieder ein klarer  Gedanke in

66

mir auf: Der Gedanke an meine Kameraden.  Ich legte mich wieder auf Floyds Hals. Eine  schier unbeschreibliche Wut kam in mir auf, als ich dann  auch noch wieder an das Verhalten des Oberst denken  musste.  «Von meinen Kameraden wird man nicht nur Helme und  zerrissene Uniformen finden, und wenn ich am Ende jede  Leiche einzeln aus dem Wasser ziehen muss! Ich werde sie  finden! Egal, ob sie nicht mehr am Leben sind! Das bin ich  ihnen schuldig...!», versuchte ich mir selber Mut zu machen.  Ich trieb Floyd bei diesem Gedanken weiter an. Zuerst  noch zögerlich, dann immer stärker, bis wir schließlich  galoppierten.  Alles um mich herum schien nun mit einem Male  vergessen: Die Angst, die Anspannung, der Regen, die  Kälte, die Nässe, der Wind und die Einsamkeit.  Mit einem Male, wie aus dem dunklen Nichts, das mich  umgab, spürte ich einen dumpfen Schmerz in meinen  Gelenken. Es war, als ob man mir Gewichte aus Blei an  den Körper gehängt hätte.  Es war der Fieberschmerz, der mich nun ereilte. Das  wusste ich.  Dennoch galoppierte ich noch einige Zeit weiter. Schon  bald schmerzten die Gelenke so sehr, dass ich meinen Weg  wieder im Schritt fortsetzen musste.  Die Natur hatte mich in dieser Nacht nun also schon zum  zweiten Male auf das schmerzlichste gelehrt, dass der  menschliche Körper für solche extremen physischen und  psychischen Belastungen und Anstrengungen weder  gedacht, noch geschaffen ist.  Diese Lehre sollte auch nicht die


Hufspuren letzte in dieser Nacht  bleiben...  Langsam aber sicher begann ich wieder zu weinen, aber  nicht, weil es mir begann schlecht zu gehen, nein, sondern  weil ich mir mit jedem weiteren Schritt mehr und mehr  eingestand, dass ich nicht mehr weiter wusste.  «War das hier denn alles umsonst?», flüsterte ich unter Tränen wieder und wieder. Ich wusste es in diesem Moment einfach nicht.  Ich richtete mich wieder auf und ließ Floyd am langen  Zügel weiter ausschreiten.  Ich schluchzte und weinte bist mir bis mir schlecht und  schwindelig wurde, was aber wohl mehr von dem  aufkommenden Fieber kam, das ich jetzt immer mehr zu  spüren bekam.  In meiner Verzweifelung versuchte ich mich an die  unzähligen schönen Momente mit meinen Kameraden zu  erinnern, um wenigstens etwas diesem scheiß Gefühl der  Hoffnungslosigkeit ein wenig entfliehen zu können.  Es gelang mir nicht. Im Gegenteil: Je mehr ich mich in diese positiven Gedanken zu flüchten versuchte, um so  schlimmer wurde das Gefühl und der Schmerz der  Hoffungslosigkeit.  In meiner Verzweifelung legte ich mich wieder weinend auf  Floyds Hals. Seine Nähe linderte zwar den Schmerz, doch konnte auch er mir  nicht dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit nehmen.  Während ich mich nun von Floyd durch die mir endlos  erscheinenden Weiten der nordfriesischen Marsch tragen  lies, wandelte sich das mattglänzende schwarz der  regnerischen Nacht in einen unangenehmen,  ver-

schmierten, schmutzigen und matten Grauton.  Es war aber zu meinen Entsetzen leider noch nicht der  erlösende Morgen, der diese abartige Farbe zum Vorschein  brachte, sondern der immer stärker werdende Regen. Denn  je weiter und länger mich mein Weg zusammen mit Floyd  durch die Weiten der nordfriesischen Marsch führte, so  mehr nahm nun zwar der eisige und kalte Wind ab, bis er  nur noch in unregelmäßigen starken, orkanartigen Böen  auftrat. Der Regen wurde dabei allerdings mit jedem Schritt  stärker und stärker.  Der abnehmende Wind war eigentlich ein gutes Zeichen,  doch wenn man voller Schmerz, Trauer, Wut und  Hoffnungslosigkeit ist, gibt es einfach keine guten Zeichen  mehr.  Schon bald spürte ich auch Floyds Bewegungen nicht mehr. Es schien, als fiele ich jeden Augenblick in eine erlösende, depressive Trance, in der ich  alles um mich herum und am Ende gar mich selber zu  vergessen schien.  Er war noch nicht da, aber er wird kommen. Ganz  bestimmt. Das wusste ich. Der Schmerz. Er wird kommen.  Ganz langsam, schleichend, versteckt aber unaufhaltsam.  Anstatt in eine erlösende Trance zu fallen, begann jede  von Floyds Bewegungen zu schmerzen.  Es war, als hätte man mich in einen Schraubstock  eingespannt. Zuerst begannen die Gelenke zu schmerzen, dann die  ersten Lymphknoten und die Zähne ... zum Schluss der  Kopf.  Der Schweiß des immer stärker werdenden Fiebers rann

67


Hufspuren an  mir wie ein Wasserfall herunter. Meine Augen begannen zu  schmerzen, als ob man sie mit einem glühenden Schwert  durchbohren würde.  Bald konnte ich nicht einmal mehr meine Hände,  geschweige denn meinen Oberkörper, auf Floyds Hals  legen. So stark waren die Schmerzen binnen kürzester Zeit  geworden.  Meine Handgelenke schmerzten so stark, dass sie  verkrampften und ich die Zügel nicht mehr loslassen  konnte.  Ich fragte mich auch schon lange nicht mehr, wo ich hier  eigentlich war.  «Verloren in den Weiten der nordfriesischen Marsch...  zusammen mit meinem vierbeinigen Kameraden...», dachte  ich sarkastisch. «Notiz an mich: Das ist ein guter Titel für ein Buch...»  Ich kam nach langer Zeit mal wieder ins Grübeln:  «Vielleicht ist Floyd jetzt ja mein einziger und auch letzter  Kamerad, den ich noch habe...»  Während ich so vor mir hin grübelte, schaute ich mich ein  wenig um. Zuerst nur zögerlich, dann immer intensiver.  So, als suchten meine Augen etwas! Ich konnte mir nur  noch nicht erklären was.  «Komisch...», dachte ich.  «Dieser Ort kommt mir irgendwie bekannt vor...», sagte ich  zögernd zu Floyd.  Ein mir bekannter Ort? Hier in dieser Einöde? Eigentlich  ein gutes Zeichen, doch ich hatte kein gutes Gefühl dabei...  Tatsächlich: Ich kannte diesen Ort an den mich Floyd  getragen hatte, aber es war kein schöner Ort, und auch kein Ort der Freude und des Glücks. Es war ein Ort voller Schrecken, Hass, Verderben und Tod.  Mein Gefühl hatte mich nicht ge-

68

täuscht: Es war der Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers Husum-  Schwesing an dem ich mich nun befand.  Ich legte mich trotz der Schmerzen auf Floyds Hals und  umarmte ihn als ich den Ort erkannte.  «Halt mich...», flüsterte ich Floyd mit zitternder Stimme zu.  «Dies ist ein schrecklicher Ort. Hier können wir nicht  bleiben! Bring’ mich bitte von hier fort...»  Ich umklammerte ihn ganz fest und innig. Mein ganzer  Körper schmerzte dabei, als würde eine Lore gefüllt mit  Steinen über mich entleert.  Für einen kurzen Moment schloss ich meine Augen und  richtete mich langsam wieder auf.  Mir war vom Fieber bereits schon so schwindelig  geworden, dass ich beinahe heruntergefallen  wäre, doch konnte ich mich gerade so noch oben halten.  Entgegen jeder Vernunft begann ich trotz des immer  stärker werdenden Schwindelgefühls zu traben.  Wohin? Diesmal wusste ich es:  Richtung Nord-Osten!  Richtung Nord-Osten. Das war nun also die grobe  Richtung in die es auf meiner immer noch einsamen Suche  nun also weiter ging.  Mehr wusste ich aber auch nicht, außer das sich ganz in der  Nähe des ehemaligen KZ-Außenlagers Husum-Schwesing  ein alter Flugplatz der Luftwaffe befand.  Da brauchte ich aber gar nicht erst hinzureiten. Der  Flugplatz war schon seit Jahren aufgegeben und verlassen  worden ... nicht einmal ein privater Wachdienst!  Also ritt ich weiter, Nord-Osten immer im Hinterkopf.  Jeder einzelne Trabtritt schmerzte mich so sehr, als  würde ich nackt über eine glühende Schotterwüste gezogen  werden, doch ich biss die Zäh-


Hufspuren ne zusammen und trabte  weiter.  Zu allem Überfluss, wurde nun auch noch der Regen  immer stärker und vor allem wieder kälter.  Als die ersten Tropfen meine glühende Stirn berührten, war  es, als begann das Wasser des Regens auf meinem Körper  zu kochen. Eine unbeschreibliche Hitze kam in mir auf. Mir wurde schlagartig so schwindelig,  dass ich anfing zu Taumeln und das Gleichgewicht  zu verlieren begann.  Ich hatte jetzt zwei Möglichkeiten und beide waren nicht  gut:  Ich konnte so lange weiter traben bis ich runterfallen würde  oder abzusteigen und meinen Weg mit Floyd zusammen zu  Fuß fortzusetzen.  Lange Zeit zum Überlegen hatte ich aber nicht wirklich, da  sich mittlerweile auch vor meinen Augen alles zu drehen  begann.  Schweren Herzens entschied ich mich also für die zweite  Möglichkeit. Ich hielt Floyd an und stieg ab.  Als ich mit meinen Füßen den Boden berührte, kam es mir  vor, als wäre ich in ein Meer aus Rasierklingen gesprungen.  Der Schmerz war so stark, dass ich in die Knie ging und  mich am Sattel festkrallen musste, um nicht  zusammenzubrechen.  Ich nahm Floyd die Zügel über den Kopf und ging mit  ihm los.  Jeder einzelne meiner Schritte war schwer und schmerzte.  Es war, als würde ich durch ein Meer aus trocknendem  Beton waten.  Aber ich nahm mich zusammen. 

Wind schnitt wie ein Sturm aus  messerscharfen Klingen an meinen Körper entlang.  Völlig apathisch zog ich Floyd, wie einen alten, kranken  Esel, hinter mir her.  «Floyd...», stöhnte ich wieder und wieder, in der  verzweifelten Hoffnung, dass mich doch irgendjemand  irgendwo da Draußen erhören würde.  Ich weiß nicht mehr, wie lange ich mich so mit Floyd durch  die unendlichen Weiten geschleppt hatte.  Waren es Minuten? Waren es Stunden? Ich weiß es nicht  mehr.  Eines weiß ich aber noch ganz genau:  Mein Körper kapitulierte. Endgültig!  Ich sacke zusammen und fiel auf die kalte, nasse Straße.  Den Aufprall spürte ich schon gar nicht mehr, so  benommen war ich mittlerweile.  Bevor ich endgültig bewusstlos wurde, schleppe ich mich  noch auf allen Vieren, wie ein krankes, verendendes Tier,  zusammen mit Floyd, von der Straße herunter zu einem  einzelnen, einsamen Baum, der sich am Straßenrand  befand, und lehnte mich erschöpft an ihn.  Mit meiner letzten Kraft packte ich noch einmal den Zügel.  Ich zog Floyds Kopf zu mir herunter, gab ihm einen Kuss  auf seine warme, weiche Nase und schloss die Augen...

Fortsetzung folgt...   Marc Amelsberg

Einfach nur geradeaus. Immer nur geradeaus. Irgendwo  hin.  Der schwere, kalte Regen peitschte mir unbarmherzig ins  Gesicht, und der scharfe

69


Impressum Liebe Pferdefreunde, wie Euch gewiss aufgefallen ist, sind wir mit dieser Ausgabe weit hinter dem Zeitplan. Dafür möchten wir uns entschuldigen. Da wir alle ehrenamtlich für das Magazin schreiben und unsere Berufe, Familien und natürlich unsere Pferde zu betreuen haben, haben wir beschlossen ein paar kleine Abstriche zu machen. Wir möchten Euch weiterhin tolle und qualitativ hochwertige Beiträge bieten. Deshalb haben wir die Rubrik „Termine“, die einen großen redaktionellen Aufwand bedeutet, gestrichen. Auch werden wir uns künftig nicht auf einen bestimmten Erscheinungstermin festlegen. Wir streben an, alle 2-3 Monate eine Ausgabe auf den Weg zu bringen. Damit Ihr nichts verpasst, werden wir in Kürze eine Newsletter-Funktion auf der Website einbinden, die Euch immer über Neuerscheinungen informiert. Außerdem findet Ihr uns auch auf Facebook. Vielen Dank für Euer Verständnis, Euer Hufspuren-Team.

Impressum Hufspuren - Das Magazin für‘s Pferdeglück Herausgeber / Redaktion: Nele Feldmann Winterberger Straße 25 33647 Bielefeld info@meine-hufspuren.de Text- & Bildbeiträge in dieser Ausgabe: Marc Amelsberg, Sabine Bödecker, Birgit Feldt, Gentle Horse Concepts, Renee Hawk, Almut Hellwig, Maritres Hötger, Anna Jegerczyk, Diana Kampmann, Kira Kehm, Angela Kraft, Esther Naeter, Lars Pardey, Susett Queisert, Conny Ranz, Nina Walther Titel-Schriftbild: Joebob Graphics http://www.joebob.nl/ Anzeigen / Präsentationen: Empfehlungen der Redaktion erfolgen unentgeltlich nach bestem Wissen und Gewissen.

Bezugspreis: Das Magazin steht kostenlos im Internet zum Download bereit. Internet: www.meine-hufspuren.de Die Rechte am veröffentlichten Material liegen beim jeweiligen Urheber, eine Verwendung über private Zwecke hinaus bedarf der schriftlichen Genehmigung des Urhebers. Die Redaktion behält sich vor Leserbriefe gekürzt zu veröffentlichen. Für unverlangt eingesandtes Material wird keine Haftung übernommen. Mit der Einsendung von Beiträgen überträgt der Urheber dem Magazin das Recht der Nutzung, ein Anspruch auf Vergütung besteht nicht. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Das Magazin erzielt keine Einnahmen und zahlt keine Vergütungen. Es dient ausschließlich als privates Informationsportal.

Auflage & Verbreitung: Das Magazin ist derzeit ausschließlich online zu beziehen.

70


71


Liebe Pferdefreu nde, die „Hufspuren“ sollen allen Pferdefreu nden kostenlos zur Verfügu ng steh en. Das h eißt Ih r dürft sie kopieren, weiterleiten, ausdrucken u nd im Reiterstübch en auslegen u nd auch gern als Arbeitsmaterialien verwenden. Trotzdem u nterliegen alle Beiträge dem deutsch en Urh eberrech t. Dah er ist es nur getstattet Texte u nd Bilder ganz oder auszugsweise zu verwenden, wenn Ih r Qu elle u nd Autor angebt. Eine komm erzielle Verwendu ng der Beiträge sowie ein Abdruck oh ne Qu ellenangabe sind nich t gestattet. Bitte haltet Euch daran, damit die „Hufspuren“ auch in Zuku nft vielen Reitern Freude bereiten u nd Hilfestellu ng geben können. Danke, Eu er „Hufspuren“-Team.

Hufspuren März / April 2012  
Hufspuren März / April 2012  

Das Magazin für's Pferdeglück

Advertisement