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Dezember 2011/ Januar 2012

Hufspu ren Das Magazin für‘s Pferdeglück

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Inhalt

Pferdeglück Schneepferdchen - Offenstall im Winter Winterzeit = Winterschlaf? Man kann nicht nicht kommunizieren... Ist mein Pferd krank?

Seite 4 Seite 9 Seite 16 Seite 24

Nachgedacht Über den Sinn und Unsinn so mancher Umgangsregel... Gedanken zum Pferdemaul Das Pferd als Lehrer

Seite 13 Seite 28 Seite 32

Hufspuren Chiaras letzte Chance Bitte an ein geliebtes Wesen Geschichte eines Fohlens Verloren in den Weiten der nordfriesischen Marsch

Seite 20 Seite 31 Seite 45 Seite 50

Nachlese Lernen und Hinterfragen - Ein Kurs mit Manolo Oliva

Seite 36

Stallgeflüster Geschichten vom Pferd: Neuer Stall, altes Leid und das Birnendrama Szenen aus dem Pferdeleben: Schenkelweichen

Seite 48 Seite 42

Termine

Seite 60

Impressum

Seite 61

Mein Hufschmied im Norden, von Holstein bis in die Heide


Editorial Liebe Pferdefreunde, Zum ersten Mal melde nun also ich mich an dieser Stelle und hoffe, zusammen mit Bine und Sarah die Hufspuren so erfolgreich weiterführen zu können, wie sie begonnen haben. Langsam aber sicher wird es kälter, der erste Nachtfrost liegt nun auch schon ein paar Wochen hinter uns und spätestens, wenn auch tagsüber das Termometer unter Null sinkt, kommen alle Jahre wieder die selben Probleme auf den Tisch: Wie kommt das Wasser möglichst rückenschonend zu den Pferden? Warum verwandeln sich irgendwann selbst die besten Paddocks in Eiswüsten, in denen man hartgefrorenen Äppeln eigentlich nur noch mit einem Eispickel zu Leibe rücken kann? Wie viel Trittsicherheit kann ich meinem Vierbeiner zwischen eben diesen Mini-Eisbergen zutrauen? Und überhaupt: Das Wintertraining gestaltet sich oft alles andere als einfach, wenn der Platz hartgefroren, die Geländewege spiegelglatt oder aufgeweicht und die nächste Reithalle viel zu weit weg ist, um „mal eben“ rüber zu fahren. Auf der anderen Seite wird man aber auch mit etwas Glück mit fröhlich prustenden Pferdchen im Schnee belohnt oder kann sich mit freuen, wenn das Mash mit noch mehr Genuss verzehrt wird. Vielleicht gibt es ja auch den ein oder anderen netten Klön-Abend bei Tee und Keksen im Reiterstübchen nach einem schönen Schneespaziergang mit dem Pferd? Und dann sind da ja auch noch die Dinge, die man schon längst mal wieder hätte tun sollen... und die sich eventuell sogar vor den warmen Ofen verlegen lassen, wie die nächste Lederpflege? Wir hoffen, Euch mit dieser vorwinterlichen Ausgabe wie immer viele Tipps und Ideen mit auf den Weg geben zu können – und wenn es draußen ungemütlich ist, liest es sich drinnen doch auch gleich viel besser. In diesem Sinne wünschen wir Euch und Euren Lieben einen milden Winter und eine besinnliche Weihnachtszeit.

Nele Feldmann und das Team der „Hufspuren“ Foto oben: Nele Feldmann Titelfoto: Susett Queisertt

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„Schneepferdchen“ - Offenstallhaltung im Winter -

© Susett Queisert

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Pferdeglück

„Ist das nicht zu kalt?“ Zunächst einmal gilt: Pferde sind ursprünglich Steppentiere und können daher von Natur aus hervorragend mit Temperaturschwankungen und Wetterwechseln umgehen. Auch in der Steppe kann es ausgesprochen kalt werden. Die Temperatur allein ist also schon einmal kein Grund, Pferde im Winter drinnen zu behalten. Ich denke immer wieder gern an einen Tag, an dem ich bei – 20°C bibbernd im knöcheltiefen Schnee auf dem Paddock stand und mich zu fragen begann, ob es jetzt nicht doch ein wenig zu kalt für die Pferde wäre. Genau in diesem Moment warf sich meine schwarze Perle in den Schnee und begann sich genüsslich zu wälzen, als wollte sie mir sagen: „Was hast Du denn für Probleme?“ Natürlich müssen wir hier ein wenig differenzieren, wie wir unsere Vierbeiner ausstatten um sie „winterfest“ zu machen. Ein Pferd das dauerhaft im Of-

fenstall steht und das ganze Jahr über Gelegenheit hatte sich mit dem Wetter zu arrangieren, wird in der Regel genügend Winterfell ausbilden, um den Winter problemlos zu genießen. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen. Einige Rassen, aber auch ältere Pferde mit Stoffwechselproblemen bekommen unter Umständen nicht genügend Fell, diese müssen dann natürlich eingedeckt werden, ebenso wie geschorene Sportpferde oder aber Pferde die schon im Herbst eingedeckt wurden, damit sie erst gar kein Winterfell bekommen. Ein gutes Indiz dafür, dass das Fell dick genug ist, ist wenn der Schnee auf dem Fell liegen bleibt und nicht schmilzt. Dann ist das Pferd so gut isoliert, dass keine Körperwärme nach außen dringt. Bei der Kombination von sehr kaltem und sehr feuchtem Wetter ist Achtung geboten. Ein durchnässtes Pferd liefe in

© Gentle Horse Concepts

Jedes Jahr im Winter häufen sich bei Veterinärämtern und Tierschutzverbänden die Meldungen. Nicht etwa, weil die Rate an tierschutzwidrigem Verhalten in dieser Zeit zunimmt, sondern vielmehr weil gutmeinende Passanten und Tierfreunde sich um die zahlreichen Tiere sorgen, die bei klirrender Kälte draußen stehen „müssen“. Darum möchte ich mich heute einmal mit dem Thema der Offenstallhaltung im Winter befassen.

Gut isoliert.:Die Körperwärme bleibt unter dem dichten Fell erhalten und dringt nicht nach außen.

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Pferdeglück der Kälte selbstverständlich Gefahr zu erkranken, oberflächliche Nässe oder kleine Eiszapfen im Fell sind aber in der Regel unproblematisch. Um herauszufinden ob die Nässe nur oberflächlich ist oder das Pferd tatsächlich Gefahr läuft zu unterkühlen, kann man einfach die Finger soweit unter das Fell schieben, dass man die Haut befühlen kann. Ist es dort trocken und warm, ist das Pferd „wetterfest“.

Nasse Füsse

Viele Pferde nutzen dann den trockenen Boden im Unterstand oder dem Laufstall, einige bleiben aber auch einfach im Schnee stehen. Dadurch nehmen die Hufe sehr viel Feuchtigkeit auf und wer-

© Gentle Horse Concepts

Ein größeres Problem kann die andauernde Feuchtigkeit, wenn die Pferde

auf sehr nassem Boden oder im Schnee stehen, für die Hufe bedeuten. Grundsätzlich sollte ein Paddock natürlich so befestigt sein , dass es sich nicht beim kleinsten Regen in eine Schlammwüste verwandelt und mit entsprechendem Gerät kann man auch Schnee vom Paddock schieben, aber allen Bemühungen zum Trotz ist es im Herbst und Winter doch meist recht Feucht unter den Pferdefüßen.

Ob Winterfell oder Decke muss für jedes Pferd individuell entschieden werden.

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Pferdeglück den anfälliger für Strahlfäule. Neben der normalen Hufpflege kann man hier auf Tinkturen zurückgreifen, die dem Huf etwas von der Feuchtigkeit entziehen, z.B. Jodoform-Äther oder Trush-Buster. Diese werden dann in die Strahlfurchen und ggf. auch auf die Weiße Linie geträufelt und halten den Huf einigermaßen trocken. Achtung: Wenn die Hufe trotz allem stark aufweichen, sollte man mit seinem Schmied darüber sprechen, ob das Pferd nicht eine Weile drinnen stehen sollte, damit das Horn sich erholen kann. Apropos Hufe: Pferde in einer Gruppenhaltung sind idealer Weise nicht beschlagen. Wenn doch sollten die Eisen bei Schnee und Eis aber abgenommen werden, da die Pferd „barfuss“ weniger ins Rutschen geraten.

Schutz vor Wind und Wetter Sommer wie Winter muss den Pferden im Offenstall ein Witterungsschutz zur Verfügung stehen. Dieser muss nicht notgedrungen ein künstlich gebauter Unterstand sein, eine Baumgruppe die Schatten spendet oder vor Wind und Wetter schützt (Windrichtung beachten!)kann genauso ausreichend sein. Ich persönlich bin gerade in den Wintermonaten trotzdem ein Freund von befestigten Unterständen, einfach um der Hufproblematik durch die Feuchtigkeit ein wenig entgegenwirken zu können.

Glitzerndes Gras und Eisgekühlte Drinks Dass die Pferde auch im Winter immer mit ausreichend Heu und Stroh und ggf. mit Kraftfutter versorgt werden müssen, ist wohl selbstverständlich. Auch dass das Rauhfutter natürlich nicht über längere Zeit der Witterung ausgesetzt sein darf, sprich überdacht werden muss wenn mehr bereitgestellt wird als unmittelbar gefressen wird. Aber wie steht es mit dem Weidegang im Winter? Natürlich gibt es kaum etwas Schöneres als die Pferde über die Rauhreif-versilberten oder verschneiten Wiesen toben zu sehen, und wir möchten unseren Pferden auch dann frisches Gras bieten, aber hier ist Achtung geboten: Bei empfindlichen Pferden kann der Verzehr von gefrorenem Gras unter Umständen eine akute Lederhautentzündung verursachen. Das Pferd zeigt dann klassische Rehesymptome und muss unbedingt von der Wiese genommen und vom Tierarzt untersucht werden. Und dann ist da ja noch das leidige Thema mit dem Wasser. Es gibt wohl kaum einen Pferdefreund der nicht weiß was es heißt mit blaugefrorenen Fingern und Füßen tagtäglich Wassereimer oder –kanister über den Hof zu schleppen und Eisschollen von den Tränkebottichen zu klopfen. Mittlerweile gibt es aber einige gute, frostsichere Alternativen. Schon seit geraumer Zeit auf dem Markt sind z.B. die „Balltränken“. Sie sehen ein wenig aus wie eine mobile Campingtoilette,

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Pferdeglück bringen einen aber durch die Isolierung und den Ballverschluss, der von den Pferden einfach zur Seite gedrückt werden kann, meist gut über den Winter. Eine recht junge aber auch bewährte Variante ist ein von der Firma K&K Horsefence entwickelte Blechtränke, die von unten mit Grablichtern beheizt wird. Als ich das Ding das erste Mal sah konnte ich mir nicht vorstellen dass das funktioniert, aber der Praxistest belehrte mich eines Besseren. Damit diese frostsicheren Modelle aber auch problemlos befüllt werden können, sollte man sehen, dass die Wasserleitungen auf dem Hof entweder gut isoliert sind, oder nach jeder Benutzung abgestellt und entlüftet werden, so dass kein Wasser in den Leitungen gefrieren kann.

© Susett Queisertt

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Wir Lieben Schneepferdchen Wer also dafür sorgt dass die Pferde „wetterfest“ sind, auf vernünftigem Untergrund stehen können, gut mit Wasser und Futter versorgt werden und auch eine Unterstellmöglichkeit haben, der hat vom Veterinäramt nichts zu befürchten. Und wer zudem darüber aufklären will, dass es den Pferden draußen viel besser geht als wenn sie in einer Box stünden, der ist gut damit beraten ein Info-Schild über die Steppen-Natur des Pferdes, seine Bedürfnisse und der Versicherung dass die Tiere gehegt und gepflegt werden, am Zaun anzubringen, damit Passanten und Tierfreunde sich beim Anblick der „Schneepferdchen“ nicht mehr sorgen müssen, sondern sich genauso darüber freuen können wie wir. M.H.


Pferdeglück

Winterzeit = Winterschlaf? Die dunkle Jahreszeit steht vor der Tür. Die Tage werden kürzer und dias Wetter trüber. Die Weidezeit ist zu Ende und viele Pferde beziehen ihre Winterquartiere im Pferdestall. Die Zeit der langen Sommerausritte ist auch vorbei. Die Turnier-, Kurs- und Lehrgangstermine werden weniger. Eine ruhige Zeit steht bevor. Glück für jeden Reiter, der eine Reithalle zur Verfügung hat. Das Training läuft fast wie gewohnt weiter. Trainingseinheiten im Gelände werden in die Halle gelegt. Stürmische Ausritte weichen der Gymnastisierung in ruhiger Atmosphäre. Doch was machen die Freizeitreiter ohne Halle??? Eine Frage, die sich jeden Winter auf ein Neues stellt. Ohne Reithalle am Hof sind Wetter und Zeit die Hauptfaktorn für jedes weitere Reiten und den Trainingsplan der lieben Vierbeiner. Wo im Sommer noch tägliches Arbeiten oder Bummeln mit dem Pferd möglich war, ist im Winter oftmals der Boden nicht mehr unbedingt bereitsbar oder die Dunkelheit steht selbst den besten Vorsätzen im Weg . Daher stellt sich für jeden Reiter im Winter die Frage, wird dem Pferd eine Winterpause zugemutet oder wird jede Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, um etwas zu tun. Beide Möglichkeiten haben Vor- und Nachteile. Für eine wohlverdiente Winterpause muss das Pferd langsam und rücksichtsvoll abtrainiert werden. Von einen auf

den nächsten Tag in die Ecke stellen und sich erst im nächsten Frühjahr wieder mit Sattel und Trense blicken lassen, bedeutet für die meisten Pferde Stress. Nach dem letzten Kurs, Lehrgang oder gar Turnier kann das Pferd langsam abtrainiert werden. Für den Reiter heißt das im Grunde, dass der Trainingsplan seines Pferdes stufenweise reduziert wird. Der Organismus Pferd bekommt so die Möglichkeit, sich an die veränderte Situation zu gewöhnen. Im Groben kann man sagen, dass durch die verringerten Trainingsreize, die ja einen Trainingsplan bestimmen, die Muskeln, Knochen, Sehnen und Bänder sich rückbilden können. Was zu Trainingsbeginn mühsam durch immer wiederkehrende Trainingsreize und Erholungspausen aufgebaut wurde, geschieht nun in die andere Richtung. Konditionsaufbau weicht dem Konditionsabbau. Nopcheinmal zur Erinnerung: Wir sprechen hier von gemütlich geritten Freizietpferden, nicht von vierbeinigen Leistungssportlern, deren Training selbstverständlich auch im Winter fortgesetzt wird. Für das Pferd ist der langsame Trainingsrückgang nicht nur für den Körper wichtig. Auch die Psyche der Pferde leidet unter einem unsachgemäßen Trainingscut. Ein Pferd, das hinsichtlich seiner Anatomie und Biomechanik pferdegerecht gearbeitet wurde, hat bei Abwesenheit von allen weiteren einschränkenden Bedingungen, wie Zahnprobleme oder einem unpassenden Sattel, Spaß an der

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Pferdeglück Arbeit mit seinem Menschen. Ein Indiz dafür ist die Motivation, ein weiteres die Lernfähigkeit. Gerade die Motivation bringt ein gesundes Pferd in Wallung und bringt Reiter und Pferd als Einheit viel Spaß. Lässt der Reiter nun sein Pferd in der Ecke stehen, weil eine Winterpause ansteht, kommt beim Pferd schnell Frust auf. Die Abwechslung und die Befriedigung des Laufbedürfnisses des Pferdes kommen zu kurz. Fehlender Weidegang trübt die Stimmung noch mehr und der Reiter kann sich über ein übellauniges Pferd nur wundern. Daher müssen die Trainingsreize langsam runtergefahren werden. Statt Springtraining mal ein Freispringen oder nur Gymnastiksprüng, statt Konditionstraining im Gelände ein Spazierritt mit dem Weide- oder Boxennachbarn. Bodenarbeit an der Hand mit Stangen, Hütchen und Plane bieten ebenfalls viel Spaß und Neues für das Pferd. Damit sollte natürlich rechtzeitig begonnen werden, bevor das Wetter sich diesen Plänen in den Weg stellt. In einer ähnlichen Situation befinden sich Reiter, die ihre Pferde im Winter der Witterung zum Trotz weiter reiten und bewegen wollen. Ist eine Halle vorhanden, wunderbar. Aber ist keine Halle vorhanden, was dann? Eine Reduzierung des Trainingsplanes ist auch hier notwenig und sinnvoll. Im Winter wird es, wie jedes Jahr, Zeiten geben, in denen der Boden gefroren ist und für unachtsame und aufgeregte Pferde eine Gefahr darstellt. Der Reitplatz wird in der Regel so lange genutzt, wie es möglich ist. Der

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Frost schafft dann jedes Jahr aufs neue wunderbare und abstrakt anmutende Bodengebilde im Sand. Um zerrittene Reitplätze zu vermeiden, den Wetterbericht verfolgen. Bevor Frost kommen soll den Reitplatzboden lieber noch mal durchreißen und ebnen. Eine vorsichtige und achtsame Nutzung ist dann in den meisten auch bei Frost möglich. Hierbei müssen die Gangarten und Lektionen natürlich dem Härtegrad und der Wegsamkeit des Bodens angepasst werden. Im Winter bietet das Ausreitgelände noch eine willkommene Alternative zum eintönigen und gefrorenen Reitplatz oder der überfüllten Reithalle. Doch auch hier sollte immer die Vorsicht mit reiten. Ein Pferd mit hohen Tariningsreizen wird unter Winterbedingungen im Gelände wenig Freude haben und bringen. Ist das Pferd jedoch auf die Wintersituation trainiert, sprich sein Kör-

© Diana Kampmann

Ist der Bodenzwar gefroren aber eben, kann man die Gelegenheit z.B. für Biegearbeit und Verfeinerung der Hilfengebung im Schritt nutzen.


Pferdeglück per ist nicht auf die Aktionen des Sommerhalbjahres gepoolt, wird es auch das Bummeln genießen, als gegen das langsamere und angepasstereTempo aufzubegehren.

Im Winter muss der Reiter aber nicht nur auf die Pferdebeine achten. Viele Pferde ziehen von der Sommerweide in einen Stall. Hier herrschen ganz andere Verhältnisse als auf der luftigen Weide. Nicht nur in den Pferdeställen mit Boxen auch in vielen Offenställen ist die Luft

© Katharina Gruhle

Der gefrorene Boden bringt im Winter viele Tücken mit sich. Was für das menschliche Auge als gerader Boden durch gehen kann, muss für das Pferdebein nicht zwangsläufig auch gerader Boden sein. Im Herbst und bei feuchtem Wetter drückt sich der Huf seine Auftrittsfläche in den Boden. Bei hartem Boden bei Frost geht das nicht mehr. Die Beweglichkeit des Hufes und der darüber liegenden Gelenke ist hier mehr als gefragt. Die Bänder und Sehnen sowie

die Gelenke müssen sich aber erst an die neue Bewegungssituation gewöhnen. Daher ist es wichtig, lange Aufwärmphasen bei einem Ritt über gefrorenen Boden ein zu planen. Und die Vorsicht reitet mit. Lieber eine Gangart runter, als nach einem schnellen Ritt durch Eis und Wind auf den Tierarzt warten. Das schont die Gersundheit von Pferd und Reiter.

So schön kann Wintertraining sein...

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Pferdeglück mit kleinsten Staubpartikeln durch setzt. Diese können ohne Probleme selbst in die tiefen Atemwege gelangen und reizen diese. Die Atmung ist von lebenswichtiger Bedeutung für das Pferd. Im Winter herrschen andere Luftfeuchtigkeiten als im Sommer. Das bringt für das Training Vor- und Nachteile mit sich. Die veränderte Lebenssituation durch den Umgebungswechsel der Pferde sollte auch Rücksicht im Trainingsplan finden. Pferde, bei denen die Haltungsumwelt von Sommer zu Winter und umgekehrt nicht wechselt, haben in der Regel auch kaum bis keine Anpassungsschwierigkeiten. Liegt im Winter Schnee lockt es viele Reiter wieder ins Freie. Lange Ausritte durch die glitzernde Landschaft lassen viele Herzen höher schlagen. Gerade wir Frauen haben dann meisten schon fast zwanghaft das Märchen mit den Haselnüssen im Kopf und träumen vom Galopp durch den verschneiten Wald. Galopp durch den Schnee, muntere Pferde, lachende Reiterherzen, was gibt es im Winter schöneres. Der Punsch im Reiterstübchen krönt das Erlebte. Doch die Pferde, mit reduziertem Trainingsplan freut nichts daran. Sie stehen am nächsten Tag im Stall und möchten am liebsten einen bestimmten „Finger“ in Reiterrichtung halten. Muskelkater. Schmerzen bei jeder Bewegung, aber der Ritt war toll. Viele Reiter vergessen bei den Freuden des Winters leider, dass ihre Pferde für solche Ritte keine Kondition mehr haben, weil ein konstantes Training in der Winterzeit ohne Reithalle

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fast unmöglich ist. Daher ein Tipp. Träumen kann man auch im Schritt. Das Pferd und sein Wohlergehen sollten für uns Reiter auch im Winter im Vordergrund stehen. Und die Reiter, die man den ganzen Winter nicht sieht und die dann von einem wunderbaren 3-Stunden-Ritt im Schnee berichten, sollte man durchaus einmalfreundlich daruaf aufmerksam machen. In dem Sinne. Genießt den Winter mit all seinem Abenteuern, die uns Reitern und Pferdehaltern jedes Jahr aufs neue bietet.

Anna Jegerczyk

Anna Jegerczyk hat einen Bachelor in Agrarwissenschaften, einen Master in Pferdewissenschaften und ist Natural Hoof Care Barhufbearbeiterin. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit neben der Hufpfkege sind Vegetationskunde, Weidemanagement, Ethologie, Fütterung, artgerechte Haltung, Biomechanik und Alternative Heilmethoden am Pferd. Darüber hinaus ist sie eingeweihte Reiki-Meisterin und lässt diese Gabe auch den Pferden zu Gute kommen.

www.barhuf-pferde.de


Nachgedach t

Über Sinn und Unsinn so mancher Umgangsregel, die wir unseren Pferden aufstellen Wir alle haben im Umgang mit unseren Pferden Regeln und Gesetze, auf dessen Einhaltung der eine Pferdebesitzer mehr, der andere weniger konsequent achtet. Und das ist auch gut und richtig so. Ohne Regeln wäre das Leben sowohl für uns als auch für unsere geliebten Vierbeiner deutlich anstrengender, verwirrender und oftmals auch viel zu gefährlich. So will ich an dieser Stelle auch nichts gegen (sinnvolle) Regeln schreiben und ja, wer Regeln aufstellt sollte, um für sein Pferd berechenbar zu sein, immer konsequent auf die Einhaltung der aufgestellten Regeln achten. • Aber ich will an dieser Stelle dazu anregen, mal genau zu reflektieren: • Welche konkreten Regeln und Gesetze will ich im Umgang mit meinem Pferd aufstellen? • Sind das sinnvolle und pferdegerechte Regeln?

Welche Regeln möchten Sie aufstellen? Überlegen Sie sich einmal in Ruhe, was Ihnen im Umgang mit Ihrem Pferd wirklich wichtig ist und welche Regeln Sie aufstellen möchten. Machen Sie sich am besten eine Liste, die z.B. so aussehen könnte:

Mein Pferd • soll beim Führen auf mich achten. • soll ruhig stehen bleiben, wenn ich aufsteige. • soll nicht in meiner Jackentasche nach Leckerlis suchen. • soll ruhig am Putzplatz stehen. • … Machen Sie bitte keine Endlosliste, sondern überlegen Sie sich gut, was Ihnen wirklich wichtig ist. Je mehr Regeln Sie aufstellen, desto komplizierter wird es für Sie und Ihr Pferd! Machen Sie sich bitte bewusst, dass Sie Ihrem Pferd Ihre Regeln ja auch erklären müssen, d.h., dass Sie Ihr Pferd dahin ausbilden und erziehen müssen, damit Ihr Pferd irgendwann Ihre Regeln kennt und einhalten kann. Und was für uns einleuchtend erscheinen mag, ist für das Pferd noch lange nicht so. Ihr Pferd weiß nichts von Ihren Regeln und wahrscheinlich wird es auch den Sinn dahinter nicht so sehen wie Sie.

Sind Ihre Regeln sinnvoll? Wenn Sie Ihre Liste geschrieben haben, überprüfen Sie Ihre Regeln bitte darauf, ob Ihre Regeln tatsächlich sinnvoll und auch pferdegerecht sind. Es gibt z.B. noch viele altmodische Re13


Nachgedach t geln im Umgang mit Pferden, die nachgewiesenermaßen sinnlos, teilweise sogar schädlich für ein Pferd sind so wie z.B. die Regel, das man immer nur von links auf ein Pferd aufsteigen soll und ein Pferd immer nur von links geführt werden soll… Damit Sie besser nachvollziehen können, warum ich das schreibe, möchte ich Ihnen ein Beispiel geben:

Sich kratzen verboten! Auf einem meiner Kurse erlebte ich folgende Szene: Eine Kursteilnehmerin stand mit ihrem Pferd am Halfter neben sich auf dem Platz und hörte meinen Erklärungen zu. Ihr Pferd stand lieb und brav neben ihr. Irgendwann nahm es den Kopf herunter und kratzte sich selber mit der Nase am eigenem Bein. Als Reaktion ruckte die Kursteilnehmerin ihrem Pferd deutlich am Halfter den Kopf hoch und schickte es dann energisch mehrere Schritte rückwärts, um es zurechtzuweisen. Ich war von dieser Aktion irritiert und fragte die Frau, was ihr Pferd getan hatte und warum sie ihr Pferd gerade so deutlich “gemaßregelt” hatte. Als Antwort bekam ich zu hören: ” Der darf sich nicht kratzen, wenn ich neben ihm stehe.”… Ich war immer noch irritiert und deshalb fragte ich weiter nach, warum sich ihr Pferd denn nicht kratzen dürfte, wenn es neben ihr steht. Darauf sah mich die Frau nun ihrerseits irritiert an und antwortete mir: “Aber das ist doch respektlos”.

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Ist das wirklich respektlos? Ganz ehrlich und bei allem Verständnis von unterschiedlichen Auffassungen darüber, was respektlos ist und was nicht, aber was bitte ist daran respektlos, wenn man sich kratzt, wenn es einen juckt? Ist das nicht eine ganz “respektneutrale” Befriedigung eines Bedürfnisses, welches keinen Aufschub verträgt? Genauso könnte ich es dann als respektlos empfinden, wenn das Pferd sich erleichtern muss, hustet oder noch schlimmer, vielleicht atmen muss… Das ist in meine Augen ein typisches Beispiel für eine “Regel”, welche für mich überhaupt kein Sinn macht und bei der ich nicht nachvollziehen kann, warum man solch eine Regel aufstellt. Für mich ist das eine Regel, die nur eines erreichen kann: Das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd zu belasten und in negative Bahnen zu führen.

Worüber man diskutieren könnte Hätte sich das Pferd an ihrer Besitzerin gescheuert, hätte ich ihre Reaktion noch eher verstehen können, da es doch recht unangenehm sein kann, wenn das Pferd einen als Kratzbaum gebraucht (obwohl ich auch hier deutlich weniger streng bin als viele andere Pferdebesitzer und ich mich durch solche Aktionen nicht “in meiner Rangposition bedroht fühle”). Auch im Reitunterricht habe ich schon sehr oft gesehen, dass ein Pferd sich die Nase an seinem Bein schubbern möchte und auch hier wird das von vielen Rei-


Nachgedach t tern nicht erlaubt. Ich finde das unfair! Jeder kennt doch das Gefühl wenn es einem juckt und man sich nicht kratzen kann. Und ich kann sehr gut nachfühlen, dass es den Pferden, gerade wenn ihnen beim Reiten der Speichelschaum am Maul die Tasthaare kitzelt, oder das schwitzende Genick unter der Trense juckt, den ganz starken Drang verspüren, sich zu kratzen. Ich erlaube meinen Pferden das gerne! Ich lasse sie anhalten, lasse den Zügel lang und warte ab, bis sie ihr Bedürfnis befriedigt haben und sie nichts mehr kitzelt oder juckt. Wie sollen sich denn unsere Pferde gut auf die Arbeit konzentrieren können und motiviert mitarbeiten, wenn es sie stark juckt oder kitzelt? Auch bei diesem Zugeständnis fühle ich mich in meinem “Rang” nicht bedroht. Nein, ich erlebe auch nicht, dass meine Pferde dieses “Zugeständnis” von mir ausnutzen und sich nun ständig kratzen wollen, um sich Arbeitspausen “zu erschleichen” (eine Sorge, die auch viele Reiter haben). Wenn sich ein Pferd ständig die Nase

juckt, würde ich eher an eine Allergie (z.B. auf das Metall des Gebisses) oder ähnliches, anstatt an “Trick 17 des Pferdes” denken.

Lass mich dich kratzen Und wenn ich neben meinen Pferden stehe und sie zeigen mir an, dass sie und wo sie gerade gekratzt werden wollen, bereitet es mir ein großes Vergnügen, ihnen die Stelle ausgiebig zu schubbern. Meine Pferde danken es mir mit einem genüsslichen Gesicht und mit Zufriedenheit. Bitte vermuten Sie nicht hinter jeder Handlung Ihres Pferdes einen Angriff auf Ihren “Rang” und ein Untergraben Ihrer Autorität. Ich bin mir sicher, ganz oft juckt dem Pferd tatsächlich einfach nur die Nase . So, und mit diesem Beispiel im Hintergrund gehen Sie jetzt gleich noch einmal Ihre Regel-Liste durch – ich könnte mir vorstellen, dass Sie nun vielleicht noch einige doch eher “unsinnige” Regeln streichen können, oder nicht? Babette Teschen

Babette Teschen betreibt seit 1996 den Pferdehof Teschen. Sie ist ausgebildete Tierheilpraktikerin und arbeitet im Unterricht und Seminaren nach Linda TellingtonJones, Sally Swift und Moshé Feldenkrais. Sie hat einen pferdegerechten „Longenkurs“ entwickelt und zusammen mit Tania Konnerth die Internet-Plattform „Wege zum Pferd“ ins Leben gerufen, auf der die beiden regelmäßig über ihre Arbeit mit Mensch und Tier berichten und Pferde-freunden neue Anregungen für das tägliche Training geben. www.pferdehof-teschen.de • www.wege-zum-pferd.de 15


Pferdeglück

Man kann nicht nicht kommunizieren! oder: Was ist Körpersprache? Sie kennen das: Man sitzt oder steht vor einer wichtigen Person, dem Chef, dem Leiter der Kreditabteilung ... und verschränkt die Arme. Kreuzweise, vor der Brust und ertappt sich bei den Gedanken ... das ist eine ablehnende Haltung, der andere könnte mich falsch interpretieren und verändert sogleich die Stellung der Arme. Man hat es so gehört, vielleicht bei anderen gesehen, möchte richtig verstanden werden. Ist das Körpersprache, Kommunikation, Neurolinguidtisches Programmieren (NLP)? Ja ... das ist Körpersprache, Kommunikation und auch NLP. In dieser beschriebenen Form von tragischer Eleganz, bei der man hoffen sollte, das Gegenüber fischt ebenfalls im Trüben. So wird die Aktion (Veränderung der Armstellung) relativ unbemerkt im Wortsalat des Gespräches untergehen. Fischt das Gegenüber, um im Vergleich zu bleiben, im klaren Wasser ... weiß es spätestens jetzt, wie man mit Ihnen sprechen muss um die eigenen Ziele, nicht die Ihren, seine Ziele, durchzusetzen. Auch das ist Körpersprache, Kommunikation und NLP. Von Paul Watzlawick stammt die Aussage „Man kann nicht nicht kom16

munizieren“. Wir tun es ständig, auch wenn wir scheinbar unbeweglich und schweigsam da sitzen, den Anschein eines guten Zuhörers erwecken. Wir kommunizieren weiterhin - mit unserem Körper. Der Körpersprache. Sie ist die einheitlichste Sprache, die wir auf unseren, diesen Planeten, unserer Erde kennen. Das geniale an dieser Sprache ist, jedes Lebewesen kann anhand der körpersprachlichen Signale einer anderen Spezies Verhalten verstehen und ableiten. So weiß z. B. das Pferd in der Wildnis, ob es am Wasserloch zusammen mit Raubtieren trinken kann oder eben nicht. Tiere verhalten sich im Bezug auf ihre Körpersprache immer kongruent d. h. ein Löwe wird nicht in der Savanne liegen, ausgiebig gähnen, flapsig mit dem Schwanz lästige Fliegen verscheuchen, vielleicht die Krallen genüsslich lecken, wenn er hunger hat. Dann ist sein Verhalten ein komplett anderes. Das erkennt jeder, das kann man auch fühlen - allen voran, dieBeutetiere. Nun ja, Beutetiere haben im allgemeinen ein stark berechtigtes Interesse die Körpersprache des Jägers (hier des Löwen) richtig zu interpretieren. Sie nutzen dazu alle ihre Sinne, dazu


Š Conny Blauschmidt

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Pferdeglück sind sie da. Beutetiere hören, sehen und fühlen also die Situation „Löwe ist satt = keine Gefahr“ oder „Löwe hat Hunger = Gefahr“ und werden ihr Verhalten entsprechend der Situation anpassen. Im Umkehrschluss kennt auch der Löwe die Körpersprache seiner Beute, immerhin muss auch er mit seinem Kräften haushalten und ist daher bestrebt, leichte Beute zu machen. Er muss ebenfalls alle seine Sinne, Sehen, Hören, Fühlen optimal nutzen. Wie gesagt, verhalten sich Tiere immer kongruent. Diese Eigenschaft lässt die meisten Tierbesitzer ins Schwärmen geraden. „Diese Ehrlichkeit erlebe nur ich mit meinem Hund / Pferd“ oder „Seit ich die Menschen kenne liebe ich die Tiere.“ Warum nehmen wir Menschen diese Kongruenz oder Ehrlichkeit bei Tieren wahr? Warum vermissen wir sie bei Artgenossen? Warum verhalten sich die Lebewesen, die wir Menschen Tiere nennen, kongruent? Die Beantwortung dieser Frage lässt sich an einem Bsp. besser verdeutlichen. Der Löwe liegt augenscheinlich satt und zufrieden in der Savanne. Doch im geheimen denkt er: „Alles klar! Ich tue jetzt einfach so, als ob ich hier satt rumliege, dadurch kommt die leckere Nahrung sehr nah an mich heran , weil sie denkt ich bin satt ... und Happs! ... ohne 18

viel Aufwand einen vollen Bauch.“ Nun, so funktioniert es nicht, sonst wäre es doch so. Oder? Warum nicht? Was verrät den Löwen? Es sind winzige Bewegungen, vielleicht ist es nur die Bewegung der Augen, das fixieren der Beute, vielleicht ist es sein Puls, der leicht erhöht ist, den der Geübte, an der Atmung erkennen kann. Vielleicht verändert sich auch der Körpergeruch des Löwen leicht. Für den Löwen unmerklich! Und er hat auch nicht bemerkt, dass sein Schwanz diese angespannte Haltung hat. Das alles ist dem Löwen nicht bewusst! Das Beutetier jedoch nimmt es wahr. Es ist darauf hochspezialisiert. Es hat gelern Kongruenz und Inkongruenz zu unterscheiden. Denn es nimmt mit allen seinen Sinnen wahr. Mit allen! Kongruenz scheint also bei den Lebewesen, die wir Tiere nennen, sehr wichtig. Es scheint ihr Überleben zu sichern. Die Geschichte, oder nennen wir es Evolution, lehrt uns Lebewesen, denen wir den Namen, Menschen, gegeben haben, das man durch Anpassung überleben kann. Im fernöstlichen Raum spricht man davon, dass Denken, Fühlen und Handeln. im Einklang stehen sollen! Das ist Kongruenz! Im NLP wird angestrebt, das


Pferdeglück jeder Mensch seine Repräsentationssysteme - das sind Sehen, auch innere Bilder - Hören, auch innere Stimmen, und Fühlen, nicht nur mit den Händen, unserer Haut, auch Emotionen , gleichsam stärken soll. In der zeitgenössischen Literatur steht in Tales of Power ( Carlos Castaneda, gelesen in Patterns von Bandler und Grinder, S. 143 ) folgendes:

„Den inneren Dialog anzuhalten, ist jedoch der Schlüssel zu der Welt der Zauberer.“ Es geht also um Kongruenz und Körpersprache und Bewußtwerdung. Selbstbewußtsein. Sich seiner selbst bewußt zu werden ist ein Weg, das Ziel liegt in Unbekannter Ferne. Unsere Pferde, diese Lebewesen, die wir Menschen, Tiere nennen, sind uns in dieser Hinsicht weit vorraus ... sie leben kongruent mit sich selbst, den anderen Tieren und der Natur. Doch zurück zur Körpersprache ... beantworten Sie mir folgende Frage!

... mit welcher Hand öffnen Sie die Tür ihres Autos? Ok! Sie haben diese Frage beantwortet. Vermutlich mit Rechts oder Links nehme ich an, doch darum geht es nicht. Woher wissen Sie das, dass es zb. die Linke Hand ist, nicht die rechte. Woher wissen Sie das? Wie machen Sie sich informationen aus Ihrem Gedächtniss zugänglich? Wissen Sie das? Ist es Ihnen bewußt? Was macht Ihr Körper während des Prozesses des Überlegens? Haben Sie ein inneres Bild von sich und Ihrem Auto gesehen oder haben sie die richtige Hand gefühlt oder hatten sie ein Geräusch im Ohr ? Haben Sie das bemerkt? Haben Sie die Bewegungen Ihres Körpers bemerkt? Pferde sind Vollprofis in Sachen Körpersprache und sie sind Beutetiere. Kongruenz ist also enorm wichtig im beisammensein mit Pferden. Erkennen Sie sich selbst! Conny Blauschmidt Buchtipp: Vera F. Birkenbihl: Signale des Körpers

Conny Blauschmidt hat sich auf Körpersprache spezialisiert. Dabei geht es Ihr aber nicht allein darum, wie wir uns dem Pferd verständlich machen, sondern vielmehr darum das Pferd zu verstehen und dadurch zu lernen uns selbst zu verstehen. „Erkenne Dich selbst“ lautet die Prämisse nach der sie lebt und lehrt und zu der sie auch bereits ein Buch veröffentlicht hat. www.connyblauschmidt.de 19


© Diana Kampmann

Hufspuren

Chiara war unförmig dick, vorsichtig ausgedrückt nicht sehr umgänglich und bockte ihre Reiter immer wieder heftig ab. Alle hinzugezogenen Experten kamen auf einen Nenner: Bring das Pferd zum Schlachter, das kannst du nicht verantworten, wenn du es behälst oder verkaufst. Ich war sozusagen die „letzte Chance“ für Chiara. 20

Chiaras letzte Chance Die Besitzerin und ihre Tochter waren überaus nett und wirklich sehr bemüht, eine faire Lösung zu finden. Sie waren gut bekannt mit der Besitzerin eines anderen ehemaligen „Problempferdes“, das ich kuriert hatte, deswegen wandten sie sich damals mit ihrem Problem an mich. Eigentlich wollten sie mir das Pony „für kleines


Hufspuren Geld“ verkaufen. Ich habe mir das Pony angeschaut und direkt diverse „Baustellen“ erkennen können. Nach einer intensiven Anamnese und Inspektion führte ich ein Gespräch mit der Besitzerin, ob sie denn nicht doch das Pony behalten möchte, da ich spürte, dass sowohl sie als v.a. auch ihre Kinder sehr an Chiara hingen. Wir vereinbarten eine „Probezeit“ von 4 Wochen. Sollte sich hier nicht eine signifikante Veränderung ergeben, würden sie das Pony abgeben.

Vorher

Als erstes wurden Chiaras Blockaden mittels Physiotherapie und Akupunktur gelöst sowie eine Schüßler-SalzeKur rezeptiert. Durch die sehr engagierte Mitarbeit der Besitzerin, die u.a. sehr gewissenhaft die täglichen Übungen sowie die Kur durchführte, besserten sich die physischen Beschwerden auffallend rasch. Parallel begann ich, nach physiotherapeutischen Vorbereitungen (u.a. Massagen etc.) mit Chiara an der Hand zunächst einfache Gehorsamsübungen zu trainieren. Als diese dann zuverlässig klappten, ging es an Führübungen – nein, man läuft keine Menschen um und geht auch nicht einfach in die entgegengesetzte Richtung, nur, weil dort ein Grashalm wächst! – Das war jedoch, nachdem die Gehorsamsübungen „saßen“ kein wirkliches Problem mehr. Nun stand Arbeit an der Longe (bzw. dem langen Seil) auf dem Stundenplan. Mittlerweile arbeiteten Besitzerin und Tochter wieder ausgesprochen gewissenhaft an den Gehorsams- und Führübungen. Nach den 4 „Probewochen“ war keine Rede mehr von „Pony abgeben“. Eine weitere Zusammenarbeit wurde vereinbart.

Nachher

Nachdem Chiara dann auch schnell gelernt hatte, in ruhigem Tempo und konzentriert an der Longe zu laufen, schritt die Arbeit mit ihr immer rascher voran, da Chiara hochmotiviert war und gern zu arbeiten schien. 21


Hufspuren beit zu erleichtern. Die Familie war auch ganz begeistert von den Fortschritten ihres Ponys und nach wie vor vorbildlich engagiert. Glücklicherweise bestätigte sich der Verdacht auf eine Stoffwechselstörung nicht, die zunächst beim ersten Anblick der Verteilung der Fettpolster zu befürchten war. Beim physiotherapeutischen Kontrollcheck stellte sich dann auch heraus, dass die in der ersten Sitzung therapierten Blockaden nicht mehr vorhanden waren. Das Pony hatte zudem ordentlich „abgespeckt“, was neben dem regelmäßigen Training auch der Ernährungsumstellung zuzuschreiben war. Chiara zeigte auch einen völlig veränderten Gesichtsausdruck. Nun wurde zunächst die Besitzerin in die korrekte Arbeit mit Chiara eingewiesen, im Anschluss die jugendliche Tochter. Wiederum stürzten diese sich wieder mit großer Begeisterung auf die neue Aufgabe und lernten sehr schnell, sich korrekt zu positionieren, um sich und v.a. auch Chiara die Ar-

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Bald schon konnten beide das Pony locker und entspannt an der Hand und auch an der Longe arbeiten. Besonders das jugendliche Mädchen imponierte mit ihrer sehr ruhigen Art und konzentrierten Arbeit auch mit komplizierteren Trainingsmethoden wie der Langzügel- und Doppellongenarbeit. Schließlich kamen wir dann zum ersten Aufsitzen. Alle waren gespannt – würde Chiara wieder bocken? Nach einem erneuten physiotherapeutischen Check stand fest: Alles war da, wo es hingehörte, der Rücken war schön locker, die Muskulatur auftrainiert – nur der Sattel passte überhaupt nicht. Also verwendete ich mein AIREX-Pad, das das Gewicht gleichmäßig über die gesamte Fläche verteilt – ein weiterer Vorteil: durch die geringe Dicke fühlt man sich wie direkt auf dem Pferd – und das spezielle Material gibt dem Reiter durch leichte „Haftung“ ein sehr gutes Gefühl, so dass er entspannt sitzen kann und nicht befürchten muss,


Hufspuren sich in der nächsten Kurve unfreiwillig vom Pferderücken zu trennen. Nach ein paar „Probeläufen“ nur mit dem Pad stand fest: Das Pad wurde akzeptiert. Also saß die Tochter probeweise auf – und strahlte! Ich führte das Pony vorsichtig an – kein Problem. Später wollte das Mädchen sogar allein im Schritt reiten, so sicher fühlte sie sich nun auf ihrem ehemals bockenden Pony. Nun führten Mutter und Tochter das Training an der Hand sowie an der Longe fleissig fort, führten „Chiara“ kilometerweit durch den Wald bergauf und bergab; und einmal die Woche arbeitete ich mit der Mutter an der Bodenarbeit und einmal mit der Tochter in der Reitstunde. Mittlerweile arbeiten die 3 im Team hervorragend zusammen und benöti-

gen meine Hilfe nur noch sporadisch. Das Pony hat nie wieder gebockt, trägt nach wie vor „AIREX“ und Gurt – und alle sind zufrieden. So sollte es sein. Hier muss ich aber auch ganz klar sagen, dass ohne die sehr tatkräftige „Heimarbeit“ der beiden Besitzerinnen nicht so schnell so gute Resultate hätten erzielt werden können! Respekt vor den beiden! Eine erfolgreiche Therapie ist immer abhängig von der guten Kooperation zwischen Therapeut/Trainer und Besitzer bzw. Reiter des Pferdes! Diana Kampmann

Diana Kampmanns Bestreben ist es, Pferden ein glückliches Leben in Kooperation mit dem Menschen zu bieten und den Menschen kompetenter im Umgang mit dem Pferd zu machen sowie ihm den Spaß daran zu vermitteln! Eine gut durchdachte, professionelle Trainingsmethode, individuelle Arbeit sowie eine ruhige und freundliche Arbeitsatmosphäre ermöglichen gute Lernerfolge. Durch ihre sehr umfangreichen und vielseitigen Aus- und Weiterbildungen konnte sie viele hilfreiche Erkenntnisse sammeln und kann somit auch in schwierigen Fällen oftmals andere Ansätze anbieten, die zur Lösung der Probleme führen.

www.hands4horses.de 23


Pferdeglück

Ist mein Pferd Krank? Wir alle lieben unsere Tiere. Wir haben sie gekauft, geschenkt bekommen oder geerbt und hoffen, dass sie immer gesund und für uns da sind. Doch so wie wir mal erkranken, so wird auch unser Pferd manchmal krank. Doch woran erkennt man, dass das Pferd krank ist? Wann genügt Schonung? Was kann man selbst tun? Und ab wann muss man einen Behandler wie einen Tierarzt kommen lassen? Manche Pferdehalter geraten bei einem Hüsteln oder einer Unruhe ihres Pferdes schon in Panik und suchen sofort Hilfe. Andere Menschen lassen ihr Pferd, dem man schon aus der Entfernung die Hufrehe ansieht, auf der grünen Wiese stehen und fressen. Irgendwo dazwischen liegt eine gesunde Mitte, die man als Tierhalter selbst erkennen muss. Die meisten Pferdebesitzer sind Laien in Bezug auf die Gesundheit ihrer Tiere. Dennoch haben sie die Verantwortung Krankheiten zu erkennen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Maßstab für die meisten Menschen ist da der menschli24

che Gesundheitszustand. Wenn wir husten oder humpeln, dann wissen wir, dass wir krank sind. Wir gehen vor allem dann zum Arzt, wenn wir Schmerzen haben. Schon an dem Punkt wird es beim Pferd schwierig. Das Pferd als Fluchttier ist darauf ausgelegt möglichst keine Schmerzen zu zeigen. Würde es Schmerzen zeigen, dann würde es Raubtiere auf sich aufmerksam machen. Deswegen geben Pferde anders als Hunde zum Beispiel keine Lautäußerung bei Schmerzen von sich. Selbst ihre Mimik lässt nur schwer Schmerzen erkennen. Ein Schmerzgesicht bei einem Pferd zu erkennen bedarf schon einiger Übung. Sehr viel häufiger äußern Pferde Schmerzen durch Widersetzlichkeit, Nervosität, Unruhe oder Apathie. Doch diese Zeichen werden schnell auch mal falsch gedeutet. Damit Pferde bei Problemen schnell und richtig behandelt werden können braucht der Besitzer eine gewisse Grundkenntnis in Sachen Pferdekrankheiten. Manchmal ist die Sache recht einfach. Wenn ein Pferd länger als zwei Tage lahm ist, dann sollte man einen Tierarzt, einen Hufbearbeiter oder einen Tierheilpraktiker


Pferdeglück rufen. Doch schon bei der Frage, ob es sich um eine Lahmheit handelt, ist mancher Pferdebesitzer überfordert. Das Gleiche gilt auch für eine Kolik oder Apathie. In Deutschland darf jeder ein Pferd besitzen. Man muss dafür keine Ausbildung oder Sachkenntnis nachweisen. Das führt dazu, dass auch Menschen, die keine Erfahrung mit Tieren haben, dennoch welche besitzen und für ihr Wohlergehen verantwortlich sind. Wo man früher als Kind beim Nachbarn oder beim Händler die Pferde und den Umgang beobachten konnte, ist man heute auf Fernsehen und den Zoo angewiesen. Doch selbst Reiter, die schon als Kind Unterricht erhalten haben, sind bei dem Erkennen von Krankheiten mitunter überfordert. Besonders deutlich lässt sich das an den Internet-Foren ablesen, wo immer wieder gefragt wird, was das Pferd denn nun hätte und ob man wohl einen Tierarzt kommen lassen sollte. Sicherlich hat es auch mit der Angst vor den Kosten zu tun und sehr wohl auch mit der Angst vor einer falschen Behandlung. Um also festzustellen, ob das Pferd einen Fachmann für die Behandlung braucht, sollte man folgende Dinge beachten:

• Ein Pferdebesitzer sollte sich Grundkenntnisse über Pferdekrankheiten mit Hilfe von Kursen und Literatur aneignen • Der Besitzer sollte sich daran üben Schmerz beim Pferd zu erkennen – Schmerz muss immer behandelt werden • Ein Pferd muss einmal täglich auf seinen Gesundheitszustand kontrolliert werden. • Wenn der Hufbearbeiter kommt, sollte er das Pferd auch in Bewegung sehen. • Plötzliche Veränderungen deuten immer auf Krankheiten hin. • Wunden, die länger als eine Stunde bluten, muss sich ein Fachmann ansehen. • Beulen sollte sich innerhalb von einer Woche ein Fachmann ansehen. Sattel und Trense dürfen auf Beulen nicht aufliegen • Fließt irgendwo Eiter muss sofort behandelt werden • Das Pferd sollte täglich auf angelaufene Beine kontrolliert werden, kommt es häufiger vor oder 25


Pferdeglück bleiben die Beine länger als zwei Tage dick, müssen sie behandelt werden

Ausfluss müssen dringend behandelt werden, um der periodischen Augenentzündung vorzubeugen

• Hinwerfen und wieder Aufstehen in schneller Abfolge ist immer ein Zeichen von Schmerzen, auch Beine gegen den Bauch schlagen deutet auf eine Kolik hin

• Zähne sollte einmal jährlich kontrolliert werden.

• Lahmheiten sollten spätestens nach zwei Tagen von einem Fachmann begutachtet werden. • Durchfall sollte nach einem Tag behandelt werden. • Widersetzlichkeiten, vor allem wenn sie plötzlich auftreten, müssen gesundheitlich abgeklärt werden.

• Ein zum Tier und Stall passender Entwurmungsplan sollte erstellt werden. • Hautausschläge, Quaddeln oder andere Veränderungen der Haut müssen innerhalb von einer Woche begutachtet werden – es gibt auch Hautkrankheiten beim Pferd, die auf den Menschen übertragbar sind.

• Apathische Pferde sollten spätestens nach einer Woche behandelt werden. • Kleiner Husten ist schlimmer als großer Husten – Beide brauchen Behandlung • Gelber, grüner oder roter Nasenausfluss ist sofort behandlungsbedürftig. • Augen, die immer wieder rote Schleimhäute haben und eitrigen 26

© Katahrina Gruhle

Nasenausfluss sollte unbedingt behandelt werden.


Pferdeglück Wenn einer der angesprochenen Punkte auf eine Krankheit hindeutet, dann ist das Pferd sofort zu schonen. Schonung bedeutet nicht Boxenhaft, es sei denn das Pferd lahmt extrem stark. Dann muss auch sofort Hilfe geholt werden. Ansonsten ist eine mäßige Bewegung, über den ganzen Tag, das Beste für das Pferd. Auch wenn man die Ansteckung in einem Pferdestall möglichst klein halten möchte, so ist eine Isolierung in den meisten Fällen nicht nötig. Häufig sind die Erreger dann schon im ganzen Stall verteilt und die Isolierung würde das kranke Pferd nur noch mehr beunruhigen. Es gibt Erste-Hilfe-Kurse für Pferdehalter. Dort lernt man diese Dinge zu erkennen und bekommt ein Gefühl dafür, ab wann das Pferd krank ist. Nur ganz selten ist man als Pferdehalter in der schlimmen Lage ein Pferd sofort selbst behandeln zu müssen, bevor der Fachmann den Stall erreicht. Viel häufiger steht man vor dem Problem, ob eine Behandlung überhaupt notwendig ist. Leider kommt es noch viel häufiger vor, dass der Besitzer die Schmerzen des Pferdes gar nicht

erkennt. Solange man sich noch unsicher ist, sollte man den Behandler seines Vertrauens lieber einmal mehr rufen als einmal zu wenig. Ein rechtzeitig erkanntes Problem kann dem Pferd Schmerzen und dem Geldbeutel Kummer ersparen. Eine gute Gelegenheit ist zum Beispiel der Impftermin oder die Hufbearbeitung. Gerne geben der Tierarzt und der Hufbearbeiter Auskunft über den allgemeinen Eindruck und den Gesundheitszustand des Tieres, wenn man sie nett fragt. Eine weitere Möglichkeit ist eine VorsorgeUntersuchung durch einen Tierheilpraktiker oder einen Osteopathen. Auf keinen Fall sollte man sich bei der Gesundheit seines Tieres darauf verlassen, dass der Pensionstallbesitzer oder der Reitlehrer „schon was sagen“ wird, wenn dem Tier etwas fehlt. Als Besitzer des Tieres ist man auch für seine Gesundheit verantwortlich und sollte sich verantwortlich darum kümmern.

Katharina Gruhle

Katharina Gruhle ist seit 1993 Inhaberin eines Großhandels mit Arzneimitteln und Medizinprodukten für Tierheilpraktiker und Tierärzte in Mecklenburg-Vorpommern. Zusätzlich zu ihrer kaufmännischen Ausbildung hat sie eine Ausbildung als Tierheilpraktikerin bei der ATM absolviert. Seit 2006 züchtet sie in ihrer Freizeit originale Shetlandponys. www.thp-bedarf.de 27


Nachgedach t

Gedanken zum Pferdemaul Im Umgang mit Pferden ist Intuition von immenser Bedeutung. Der Mensch muss sich die Mühe machen sein Pferd zu verstehen, sonst kann es ihm nichts sagen. Schon gar nicht, wenn ihm etwas nicht passt. Er muss also zuhören können. Von Nuno Oliveira stammt die Aussage:

„Lausche in Dein Pferd!“ Sagt mir mein Pferd, wenn es auf dem Gebiss kaut, fleißig Schaum entwickelt, ich seine kleinste Regung im Maul spüre, er auf meine kleinste Regung der Hand reagiert, das ihm das alles so gefällt? Was weiß ich von seinem Innersten? Eigentlich nichts. Alles, was ich weiß ist, das ich meiner Intuition vertrauen muss und mir das Verhalten des Pferdes dies bestätigt oder eben nicht. Vor einigen Tagen, angeregt durch aktuelle Diskussionen habe ich mir sehr viel Zeit genommen, um bei meinen Pferden Gebiss und Maul zu beobachten. Bei einem meiner Pferde konnte ich beobachten, dass er ständig die Zunge über das Gebiss legte oder auf dem Metall kaute. Ich musste ganz entspannt stehen, das Gewicht meiner Hände genau austarieren ... mit der Leichtigkeit ei28

ner Feder, absolut gleichmäßig atmen, um das Maul in Ruhe zu bekommen. Dann erst konnte ich sehen, wie das Gebiss auf der Zunge liegt.

„Ein Pferd reitet man durch das Maul!“ Dieser Satz meines Reitlehrers aus fernen Kindertagen klingt wieder an mein Ohr. Damals habe ich diesen Satz nicht verstanden. Den Sinn nicht erfasst. Also wurde abgewendet, indem man an dem Zügel zog. Heute verstehe ich diesen Satz anders und alles was ich darüber weiß habe ich aus dem Erfahrungsschatz anderer. Daher übe ich sehr konsequent an der Feinfühligkeit meiner Pferde und meiner Einwirkung, denn so habe ich die alten Meister verstanden, diese ist dringlich von Nöten. Es gilt das Maul zu erhalten, und nicht zu zerstören. Ich halte meine Pferde in Eigenregie und muss mein Handeln ständig hinterfragen. Rückblickend hat sich vieles in meinen Einstellungen zum Thema Pferd verändern müssen. Viele Einsichten schmerzten, waren sie doch mit erneutem Lernen verbunden. Mittlerweile stöhne ich nur noch kurz auf und eigne mir die nötigen Fähigkeiten


Nachgedach t an und siehe da, die alten Meister hatten recht.

ist dieses Abkauen, welches sie auch innerhalb der Herde zeigen.

Nun könnte man deren Weisheiten ja zum Dogma machen, jedoch das macht keinen Sinn, dass würde Stillstand bedeuten und gerade das Pferd verlangt nach Dynamik, nach Flexibilität, Kreativität, nach Einfühlungsvermögen. Auch das lehren die alten Meister. Vieles was wir heute über Pferde wissen, blieb ihnen verborgen. Sie handelten mehr intuitiv. Heute weiß man, warum der Rücken des Pferdes empfindlichste Stelle ist und daher erst gekräftigt werden muss. Damals konnte man es erahnen.

Dieses Abkauen habe ich als Verarbeiten interpretiert. Ich gewähre meinen Tieren daher unbedingt diese Zeit, ich störe diesen Prozess nie sondern versuche ihn immer durch das Pferd beenden zu lassen. Dieses Abkauen geht ruhig und harmonisch vonstatten, die Pferde scheinen kurz in sich gekehrt. Das Abkauen mit Gebiss erlebe ich weniger still. Wir haben meistens etwas Schaum am Gebiss doch das liegt wohl eher an der Gabe der Äpfelstückchen und nicht an der Kautätigkeit während des Reitens.

Vor einigen Tagen habe ich einen sehr interessanten Artikel über eine Arbeit von Professor Robert Cook, 71, von der Tufs University Massachusetts gelesen. Dieser Mann hat Erstaunliches über das Pferdemaul herausgefunden. Er belegt alles wissenschaftlich und kommt mit Logik und Fachwissen zu der Erkenntnis, das ein Gebiss im Maul des Pferdes nicht nötig ist (das Beweisen die zahllosen Gebisslos Reiter) sondern sogar eine Behinderung für das Pferd darstellen kann.

Nun in diesem Punkt brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben. Mir leuchtet ein, das Fressen und Atmen nicht gleichzeitig stattfinden können. Man verschluckt sich leichter. Frau Gisa Bührer-Lucke schreibt in Expedition Pferdekörper (Kosmos Verlag,. S.42 )

Was habe ich über das Abkauen gelernt, was weiß ich darüber? Kauen meine Pferde während der Arbeit am Kappzaum ab, d. h. ohne Gebiss, dann ist dies ein trockenes Kauen. Keinerlei mehr an Speichel wird produziert. Es

»die Luft zieht ein Pferd durch die Nase respektive die Nüstern ein, da es nicht durch das Maul atmen kann.« Professor Cook zufolge, ist es für das Pferd eine enorme psychische wie physische Belastung innerhalb zügiger Bewegungen schlucken zu müssen. Das kann man leicht nachempfinden. Jeder Schluckreflex unterbricht den gleichmäßigen Atemrhythmus, 29


Nachgedach t so kommt es in Atemabhängigen Gängen wie den Galopp zu Unregelmäßigkeiten des Taktes, Stolpern und Steifheit. Cook erläutert zudem, dass im Pferdemaul generell kein Platz für ein Gebiss vorhanden ist. Die Zunge liege satt am Gaumen. Dieser Erkenntnis sollen auch Wissenschaftler der tierärztlichen Hochschule Hannover auf der Spur sein. Mir drängt sich gerade die Frage nach der Anlehnung auf. Anlehnung ohne Gebiss. Davon habe ich bei den Alten Meister nichts gelesen. Jedenfalls nicht unter dem Sattel. In der Bodenarbeit schon. Mit Kappzaum an der Longe ... sie soll weder durchhängen, noch gestrafft sein. Das ist Anlehnung über den Nasenrücken. Wozu hat der Kappzaum eigentlich drei Ringe? Genau, die zwei äußeren zum Verschnallen der Zügel. Der Mittlere für die Longe. Die alten Meister wussten, was sie

taten. Leider konnten sie nicht so tief in die Pferdemäuler blicken, so wie die heutige Wissenschaft das kann. Vielleicht würde dann in ihren Hinterlassenschaften vieles anders stehen. Wer weiß das schon. Klar ist, ich kann mich diesen Erkenntnissen nicht verschließen und habe eine Entscheidung zu treffen. Reiten mit Gebiss oder ohne. Dazu benötige ich kein Regelwerk, keine Petition oder eine Versammlung oder tausend Unterschriften. Ich werde es mit meinem Moralverständnis dem Lebewesen Pferd gegenüber entscheiden. Ein Verständnis, welches mich die Pferde gelehrt haben. Einer Ethik, die meine Pferde verfeinert haben. Ich habe meinen Pferden sehr vieles zu verdanken, sehr vieles ... für mich ist es an der Zeit, etwas zurückzugeben, das weit mehr wiegt als tausend Kilo Möhren ... Vertrauen. Conny Blauschmidt

„Die Zügel sind nicht zum Ziehen sondern zum Zügeln da. Der ganze Drang, der ganze Schwung nach vorwärts sind zerstört, wenn das vergessen wird. Du versündigst Dich am Heiligsten, wenn Du am Zügel ziehst. Du sollst selbst dem zu großen Drang Deines Pferdes nicht mehr Zügel auferlegen als dazu gehören würde, eine Schwalbe zu lenken. Immer wieder aber wirst Du Menschen zu Pferde erblicken, die die Muskelkraft ihrer Arme gegen die seiner Schultern und seines Genicks erproben.“ Rudolf G. Binding

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Bitte an ein geliebtes Wesen Vergib mir meine Fehler, die ich für Deine hielt. Vergib mir, dass ich Dich so oft nicht verstanden habe. Vergib mir, wenn ich mich ärgerte, dass Du mich nicht verstehen konntest. Vergib mir, dass ich glaubte Du stündest mir im Weg, wo ich mir doch selbst im Wege war. Vergib mir, wenn ich Dir aus Unwissenheit schadete. Vergib mir, wenn ich Dir aus Gedankenlosigkeit Leid zufügte. Vergib mir, wenn ich auf falschen Rat hörte, anstatt meinem Gefühl zu vertrauen. Vergib mir, wenn meine Angst Dich in Bedrängnis brachte. Vergib mir, wenn ich die Geduld mit Dir verlor, obwohl ich mich über mich selbst ärgerte. Vergib mir, wenn ich Dir nicht die Zeit und Aufmerksamkeit schenkte, die Du verdienst. Vergib mir, wenn ich hart wurde, wo ich hätte weich sein sollen. Vergib mir, wenn ich redete wo ich hätte zuhören sollen. Vergib mir, wenn ich meinen Willen über Dein Vertrauen stellte. Vergib mir meine Fehler, die ich für Deine hielt. Begleite mich auf meinen Weg Und lehre mich zu werden, Wer ich sein möchte.

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Nachgedach t

Das Pferd als Lehrer Dass unsere Pferde uns durch ihre Sensibilität für die Körpersprache und die dahinter stehenden Gefühle spiegeln ist inzwischen weithin bekannt. Doch Pferde sind nicht nur wunderbare Spiegel sie sind auch Individuen mit eigenen Gefühlen, Schwächen, Stärken und besonderen Fähigkeiten.

sind. Unsere Pferde schicken uns weder weg noch bemitleiden sie uns. Sie geben uns einfach das, was wir in solchen Momenten am dringendsten brauchen: Mitgefühl an Stelle von Mitleid, Wärme und Geborgenheit statt gutgemeinter Ratschläge. Sie sind einfach bei uns, wenn wir sie nur lassen.

Eine dieser Stärken ist ihre große Geduld. Gerade dadurch zeichnen sie sich als hervorragende Lehrer, Co - Trainer oder Co - Therapeuten aus. Niemals habe ich geduldigere, einfühlsamere und konsequenter Lehrer kennen gelernt als meine Pferde. Sie verstehen es auf eine ganz besondere Art uns in unserer Entwicklung zu unterstützen. Sei es im einfachen Reitunterricht, wo sie ihren Reitschülern helfen Vertrauen und Sitzgefühl zu entwickeln oder im Persönlichkeitstraining in dem gerade ihre Fähigkeit Gefühle zu offenbaren zu tragen kommt. Oder einfach als Freunde Zuhause auf der Koppel.

Aus diesem Grund ist es auch eine der besonderen Anforderungen an Trainer und eine spannende Aufgabe für zukünftige Pferdebesitzer das richtige Pferd auszuwählen. Denn lange nicht jeder Reiter passt zu jedem Pferd und umgekehrt. Nicht selten suchen auch die Pferde sich ihren Besitzer aus. Es springt ein regelrechter Funke über. Manchmal früher manchmal später und der ist entscheidend für die Entstehung eines Teams, in dem beide wachsen und sich entfalten können. Es gibt Zeiten, da fragen wir uns, warum wir gerade an dieses Pferd geraten mussten und es können Jahre vergehen, bis wir den wahren Grund erkennen. Bis wir die Lernaufgabe verstehen, die unser Pferd zu uns gebracht und an der wir gemeinsam mit ihm gewachsen sind.

Egal wie oder was wir machen. Sie begleiten dabei völlig Wertfrei und ohne zu kritisieren. Sie zeigen uns, als ihren Schülern neue Wege. Dabei führen sie uns an unsere Lernthemen und Fehler heran und belohnen Fortschritte mit immer feineren Reaktionen und Zuneigung. Nicht selten suchen wir auch ihre Nähe wenn wir traurig 32

Das richtige Pferd begegnet uns nicht rein zufällig. Es muss uns auf irgendeine Weise sympathisch sein. Es trifft mit seiner Art, seinem Wesen oder seinem Verhalten auf einen Resonanzpunkt in


Nachgedach t Dösen in der Sonne. Sie geben ihren Fohlen alle Zeit der Welt ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln und sichern sie dabei immer mit wachen Augen ab. Sie zeigen ihnen Grenzen ohne sie einzuengen.

Pferde lehren uns auf dieselbe Art, wie sie selbst lernen. Beobachten wir einmal Stuten mit ihren Fohlen sehen wir wie unerschöpflich ihre Geduld ist. Wie ehrlich sie ihre Gefühle zeigen. Sie fressen Ärger nicht in sich hinein. Sie grenzen sich ganz offen und klar gegen Artgenossen ab und genießen dann die Gemeinschaft ihrer Herdenmitglieder bei der Fellpflege oder beim

Genauso lehren sie uns wieder hinzuschauen und aufmerksam zu sein. Fohlen beobachten ihre Mütter und die anderen Pferde ihrer Herde. Sie lernen an ihrem Vorbild wie sie sich sicher in der Gemeinschaft bewegen können. Was sie fressen dürfen, wo die saftigsten Gräser und Kräuter wachsen und wie man den besten Weg zur Wasserstelle findet. Auch wer Freund

© Dürten Juchem

uns. Nicht selten ist es sogar so, dass Pferd und Reiter ähnliche Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt haben. Wären Pferde bloße Spiegel unserer Selbst wäre so eine sorgfältige Suche gar nicht nötig.

Oftmals findet „das richtige“ Pferd uns.

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Nachgedach t möglicht unsere wahre Bestimmung im Leben zu finden. Einfach dadurch, dass sie uns durch ihr Verhalten zeigen wie und was wir wirklich sind. Sie schauen direkt in unsere Herzen und bringen unser innerstes an die Oberfläche zurück.

Durch ihre ehrlich und sensible Art zeigen sie auch uns unsere Gefühle und lehren uns diese und damit unser Handeln besser zu verstehen. Im Umgang mit ihnen können wir nur profitieren. Öffnen wir uns diesem Gedanken erziehen sie uns ganz automatisch zu konsequentem und liebevollem Handeln. Mehr noch zu einem achtsamen Umgang mit uns selbst, der es uns er-

Hat dieser Prozess erst einmal begonnen dürfen wir bald spüren, wie unser Leben dadurch bereichert wird. Erkennen wir unser Pferd als einen solchen Lehrer oder Begleiter werden wir dabei nie allein sein.

© Dürten Juchem

und Feind ist lernen sie durch das beobachten des Verhaltens ihrer Herde. Sind wir dafür offen und bereit können auch wir wie die Fohlen erneut die Geheimnisse dieser Welt erfahren. Durch bewusstes Beobachten hinschauen, zuhören und reflektieren.

Pferde sind geduldige und verständnisvolle Lehrer.

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Doch vieles was so lange in uns verborgen war muss behutsam behandelt werden. Auch das können wir


Nachgedach t von den Pferden lernen. Uns Zeit zu nehmen und uns vor Überforderungen zu schützen. Pferde sind bei solchen Prozessen perfekte Gefährten. In unseren Lern- und Erkennungsprozessen verhalten sie sich immer direkt, konsequent und fair. Für mich ist diese direkte, ehrliche Art das was mir am meisten imponiert. Sie scheren sich nicht um Äußerlichkeiten wie eine schicke Trense oder ein großes Auto, sie lassen sich auch nicht von blumigen Worten blenden und es ist ihnen egal ob jeder sie mag solange sie sich selbst mögen. Wenn wir bereit sind das von unseren Vierbeinern zu lernen wird sich vieles verändern. Wir können wieder den Moment leben und unseren Weg zielsicher gehen. Sehen wir also für einen Augenblick mal unser Pferd mit den Augen eines Schülers. Überlegen wir, was wir alles von ihm Lernen können. Koppel, Stall und Reitplatz werden zu unseren Klassenzimmern. Ein Ausritt wird zu einer

spannenden Exkursion bei der wir die Welt einmal durch unsere und ein anderes Mal durch die Augen unseres Pferdes wahrnehmen. Unsere Hauptfächer sind dann vermutlich Körpergefühl und Körpersprache, Kreatives Gestalten, Mitgefühl und Einfühlungsvermögen aber auch Sport und Spaß stehen auf dem Plan. Wir lernen von und mit unseren Pferden. Denn auch sie sind unsere Schüler. Sie lernen auch von uns etwas über unsere Art der Kommunikation. Auch wir können unseren Pferden helfen Ängste zu überwinden, ein positives Körpergefühl zu entwickeln und ihr Potential zu entfalten. Denn Lernen funktioniert nun mal nicht nur Einseitig. Wir reflektieren und spiegeln, lehren und lernen, führen und folgen im ständigen Wechsel. Gemeinsam bilden wir ein starkes Team in dem jeder Partner mit seinen Aufgaben wachsen kann. Dürten Juchem

Unter dem Leitgedanken „Pferd - Mensch - Harmonie“ bietet Dürten Juchem Pferdekommunikationstraining, Bachblüten und Massagetherapie für Pferde an. Mit ihrer Ausbildungsmethode „Friendship“ lehrt sie zudem Menschen den partnerschaftlichen und gewaltfreien Umgang mit dem Pferd und bildet ebenfalls nach diesem Prinzip basierend auf Freundschaft und Vertrauen aus. www.pferdekommunikationinmv.de

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Nach lese

Lernen und Hinterfragen - Ein Kurs mit Manolo Oliva Bereits am frühen Morgen des 1. Oktober hallte es durch die Reithalle des Reiterhofes Bienitzblick in Dölzig: “Walk - ShoulderIn - Trot - Traversal to the right...”. Kein geringerer als der Trainer der Deutschen Working-Equitation Nationalmannschaft, Manolo Oliva, war zu Gast in Leipzig. Organisiert von Sindy Rieger, Pferdeostheopatin aus Leipzig, fanden sich fünf Reiter-Pferd-Paare zusammen, um gemeinsam mit Manolo Oliva an ihren Stärken und Schwächen zu arbeiten. Schon zu Beginn des Tages wurde man persönlich mit Handschlag und einem netten “How are you?” von Manolo begrüßt. Die übliche Arroganz solcher Topausbilder vermisste man hier gänzlich. Wer der englischen Sprache nicht mächtig ist hatte hier allerings seine ersten Probleme, einen guten Tagesstart bekannt zu geben. Doch auch wenn einem das eine oder andere englische Wort nicht über die Lippen kam, gern halfen die anderen Teilnehmer aus und übersetzten den ein oder anderen Satz. Dann ging es los. Manolo schaute sich in der ersten Einheit jedes Paar an. Wo liegen die Probleme. Was klappt gut, 36

was weniger gut. Wo muss intensiver gearbeitet werden, was kann in den drei Kurstagen erst Mal vernachlässigt werden. Wichtigster Baustein seiner Arbeit ist “control the neck”, heißt, erst, wenn ich das Pferd an den Hilfen habe kann ich auch auf die anderen Teile des Körpers einwirken. Denn nur wenn das Pferd im Genick locker ist, ist es auch “relaxed” und bereit, willig mitzuarbeiten. Ein weiterer Teil seiner Arbeit ist das Eingehen auf den Reitersitz. Sicherlich wird kein Eckhard Meyners aus ihm. Dennoch legt er großen Wert auf ein aus der Hüfte locker hängendes Bein, weshalb er auch gern selbst Hand anlegt und beim Dehnen der Oberschenkelmuskulatur hilft. Das erste Pferd des Tages war ein fast 6-jähriger Endmaßponywallach mit seiner etwas ängstlichen Reiterin, die gemeinsam immer mal wieder diskutieren mussten, wer von beiden nun das Sagen hat. Einfache und klare Übungen wie Schulterherein und Travers sollten beide locker machen. Verblüffend war zudem, wie wenig Hilfe manchmal notwendig ist, um einem Reiter zu helfen. So hatte die Reiterin immer wieder zu tun, ihr Pferd an die


Š Susett Queisert

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Nach lese Hilfen zu stellen und eine stete Anlehnung herzustellen. Manolo legte ihr seine Hand vor ihre Hände auf den Widerrist, so dass sie eine optische Linie hatte, wo ihre Hände sein sollten. Und tatsächlich: Das Pferd kippte im Genick ab und hob sich die ganze Zeit, in der Manolo seine Hand vor die Reiterhände hielt, nicht aus der Anlehnung heraus. Auch bei den anderen Paaren arbeitete er vor allem an der Anlehnung und machte sich ein Bild vom Können von Reiter und Pferd. Am nächsten Tag konzentrierte er sich vermehrt auf die Trab- und Galopparbeit und zog auch vermehrt den Reitersitz in seine Arbeit. Es wurde stärker an den Problemen der einzelnen Reiter gearbeitet und mögliche Lösungsschritte aufgezeigt. So musste eine

Reiterin so lange auf der linken Hand auf dem Zirkel traben und versuchen, anzugaloppieren, bis sie eine Runde tatsächlich galoppiert ist. Hier konnte man sehen, weshalb Manolo predigt, ohne Uhr zu reiten. Denn nur, wenn man sein Tagesziel mit seinem Pferd erreicht hat, hat es Feierabend - sei es nach 20 Minuten oder zwei Stunden. Am letzten Kurstag wurden die Feinheiten korrigiert und so mancher Reiter erlebte einen Aha-Moment. Auffallend während des ganzen Kurses war, dass sich Manolo nicht einmal auf eines der Kurspferde setzte. Auch auf Bitten einer Reiterin, dass er es ihr einmal vom Pferd aus zeigen sollte, wiegelte er mit den Worten “letztlich musst du es reiten können” ab. Wo er Recht hat, hat er Recht. Er fand für jedes Problem eine Lösung und konnte auch einem diskussionsfreudigen 4-jährigen Wallach zeigen, dass das Angaloppieren auf der linken Hand einfacher geht, wenn er nicht gegen seine Reiterin arbeitet sondern mit ihr.

© Susett Queisert

Das Dehnen der Oberschenkelmuskulatur, für ein locker herabhängendes Bein

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Auch die Zuschauer konnten sich ein Bild von den Fortschritten des Kurses machen, hat man doch deutlich gesehen, was sich im Vergleich zur ersten Einheit in der letzten verbessert hat. Nicht umsonst sind viele Reiter Wie-


Nach lese

© Susett Queisert

derholungstäter gewesen und ritten nicht zum ersten Mal bei dem spanischen Ausbilder. Beim täglich in dem nahe gelegenenen Restaurant stattfindenden Mittag erzählte Manolo die ein oder andere Geschichte seiner Laufbahn und seines Lebens in Spanien. Sicherlich kann man nicht mit allen Ansichten der Spanier konform gehen. So ist es dort üblich, dass man junge Pferde in einem großen Areal, bevorzugt einer Reitbahn, laufen lässt, um zu sehen, wie sich die Pferde bewegen. Stuten werden nur selten als Reittiere genutzt und stattdessen lieber ins Ausland verkauft oder zur Zucht eingesetzt. Nur selten ist eine doch gut genug, um den An-

sprüchen der meist männlichen Reiter zu genügen. So erzählte Manolo, dass er erst jetzt wieder eine sehr gute Stute unter sich hat - die wohl dritte Stute überhaupt, die es unter seinen Sattel geschafft hat. Sehr kritisch sahen wir auch die Meinung, dass es genügt, wenn sich Pferde ein bis zwei Stunden auf dem Paddock bewegen und den Rest des Tages (was 22-23 Stunden wären) in der Box “relaxen” sollen. Auch die dort herrschenden wärmeren Temperaturen und die höhere Luftfeuchtigkeit rechtfertigen eine solche Haltung nicht. Doch neben solchen kurzen Disputen 39


Nach lese gab es auch sehr viel Wissenswertes zu erfahren. So zeigte er anhand verschiedener Gebisse und Kandaren, wie diese auf das Maul, explizit die Laden und die Zunge einwirken, und dass seiner Ansicht nach ein einfach gebrochenes Gebiss (am besten eine Knebeltrense) die beste Entscheidung ist, um ein Pferd schmerzfrei zu reiten. Oder dass man seinen Sattel schief sitzt, wenn man auf Dauer von oben auf ein und derselben Seite nachgurtet. Hierbei kommt es zu einer Quetschung des weichen Polsters im inneren der Sattelkissen, weshalb man nachweislich irgendwann schiefer auf dem Sattel sitzt als zu Anfang. Am letzten Tag hatten wir zudem das Glück, einer Bodenarbeitseinheit mit einer jungen PRE-Stute zuzusehen. Zuerst hatte die Besitzerin die Stute an der Hand vorgestellt, wo man schon deutlich sehen konnte, dass das Pferd zwar der Seitengänge bereits mächtig war, aber noch keine Spur geradeaus laufen konnte. Und auch in der zweiten Einheit des Tages demonstrierte Manolo, wie man spanische Pferde zu arbeiten hätte. Die Stute neigte an der Longe dazu, im Sand zu schlurfen und nur das Nötigste zu machen. Schon schnappte sich Manolo die Longe und zeigte, wie man den Vorwärtsdrang aus dem Pferd herauskitzelt. Sicherlich war es nicht schön anzusehen, wie ein 40

junges Pferd in der Halle mittels Peitschensignale vorwärts getrieben wurde, aber das Resultat sprach für sich. Hat es das Pferd am Anfang nicht mal geschafft, einigermaßen die Spur ihrer Vorderbeine im Trab zu erreichen, trat sie am Ende der Einheit deutlich rein und drüber. Der spanische Ausbilder meinte dazu, dass, wenn man sich schon ein spanisches Pferd kauft, es auch so trainieren sollte, dass man ihm gerecht wird. Die PRE wurden auf Schnelligkeit und Wendigkeit gezüchtet, dient er den Stierhirten in Spanien doch - ähnlich dem Quarter Horse für die Cowboys der täglichen Arbeit mit dem Vieh. Und dazu muss das Pferd sofort bereit sein, alles zu geben. Das gelingt nur, wenn man dem Pferd das Vorwärtslaufen schmackhaft macht und die Freude am Laufen nicht schon zu Beginn der Ausbildung mit langsamen Bewegungen und Versammlungsansätzen im Keim erstickt. Inwieweit man mit dieser Ansicht übereinstimmt, bleibt wie-

© Susett Queisert

Andere Länder andere Sitten, PRE werden in Spaninen anders gearbeitet als bei uns.


Nach lese der jedem selbst überlassen, aber das Ergebnis überzeugte schon. Es war mein mittlerweile dritter Kursbesuch bei dem spanischen Ausbilder und jedes Mal lernt man etwas dazu. Nicht immer ist man einer Meinung mit ihm, doch seine Ansätze zeigten Wirkung.

Susett Queisertt ist Hobbyfotografin und angehende Juristin. Sie nennt einen 23-jährigen Trakehner-‘Wallach ihr Eigen, der ihr nach einem Unfall die Augen für einen pferdegerechten Umgang und schonendes Reiten geöffnet hat und beschäftigt sich nun vorrangig mit dem Training und der Gesunderhaltung älterer Pferde.

Das nächste Mal ist er wieder vom 1902. bis 21.02. in Leipzig. Anfragen und Buchungen über Sindy Rieger (www.equitabilis.de). Susett Queisertt

www.settiphotos.de

Wenn Dein Pferd nicht gut geht... „Wenn Dein Pferd nicht gut geht, so suche in dir. Der Grund liegt fast immer in Dir. Aber ich sah Reiter aus dem Sattel steigen, und ängstlich den Bauch ihres Pferdes absuchen;- als ob es eine Fliege gewesen sei, die es hinderte über den Graben zu springen, vor dem es gerade mit einem abweisenden Stampfen der Hinterbeine stehen geblieben war. Verachte die, welche da sagen: Ich weiß nicht was der eigensinnige Bock heute hatte, daß er so schlecht ging, daß er nicht über den Bach wollte, daß er vor der Windmühle kehrt machte. Frage dich ob deine Hand leicht, dein Sinn frei, deine Zuversicht unverrückt war. Warst du es nicht, die sich weigerte über das Wasser zu setzen? Wardst du nicht ängstlich, ob dein Pferd nicht vor den schlagenden Flügeln scheuen würde?“ Rudolf G. Binding

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Stallgeflüster

Szenen aus dem Pferdeleben Heute: Schenkelweichen Reitstunde. Reiter will das Pferd nur

durch Gewicht und Schenkel nach rechts weichen lassen. R: So Schatzi auf der nächsten Geraden gehen wir mal zwei Schritt rechts auf die Mitte zu. P: Auf die Mitte zu? Auf welche Mitte meinst Du denn? Die hier vorne, die da hinten oder die, die erst noch kommt? R: Nochmal für Dich: auf der nächsten Geraden weichen wir nach rechts in die Mitte. Es gibt nur eine Mitte. P: Ach so, sag das doch gleich. Reiter bereitet sich innerlich schon auf das Weichen vor, stellt sich vor, was er machen muss. Linker Schenkel ran, Zügel leicht aufnehmen, Gewicht in die richtige Richtung bringen. P: Was machst Du denn da oben? Ist es schon so weit? Soll ich jetzt weichen? R: Nein, noch nicht. Da ist noch keine Gerade. P: Und warum wühlst Du da oben 42

schon rum? Kommt was gefährliches? Pferd wird etwas unruhig, will schneller werden. R: Brr, was machst Du? Ich habe noch kein Signal gegeben, ich bereite mich nur vor. Die kurze Seite kommt, der Reiter wird ganz leicht aufgeregt, ob es auch klappt. P: Jetzt wirst Du aber unruhig, jetzt weichen oder wartet da ein Huchmampf? R: Nein, nein, hör auf damit. Ich bereite mich nur vor. Gleich auf der Gerade, da weichen wir rechts in die Mitte Die lange Gerade kommt in Sicht, Reiter ist jetzt unter Hochspannung, sortiert sich noch mal ein wenig hektisch und…….verwechselt rechts und links R: So, Pferd, jetzt weichen P: Wie jetzt? Nach außen? Du hast gesagt in die Mitte. Nach außen ist gar kein Platz mehr für mich.


Stallgeflüster R: Was machst Du denn da? Nicht nach außen, nach innen,. Wir haben doch jetzt die ganze Runde darüber gesprochen. P: Ja gesprochen haben wir. Aber ich weiß immer noch nicht welche Mitte und außerdem sagst Du jetzt, ich soll nach außen gehen.

R: Kannst Du Dich mal langsam bewegen? Guck mal, hier ist mein Schenkel Klopft deutlich mit dem falschen Schenkel auf den Pferdebauch P: Ja den spüre ich genau, dieser doofe Schenkel sagt mir aber, dass ich nach links soll. Pferd wird maulig R: Sag mal, willst Du mich auf die Nudel schieben? Du kannst eine Fliege spüren, aber meinen Schenkel nicht? Reiter wird maulig P: Ich spüre diesen verdammten Schenkel, aber nach links ist einfach kein Platz, Du verwechselst da was. Soll ich etwa die Bande hoch klettern? Pferd wird langsam wütend.

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R: Pass auf, die Seite haben wir jetzt verpasst, aber die nächste lange Seite wird kommen. Und damit hier keine

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Stallgeflüster

Unklarheiten aufkommen: WIR WERDEN AUF DER NÄCHSTEN GERADEN SEITE RECHTS NACH INNEN WEICHEN: P: Damit hier keine Unklarheiten aufkommen: ICH KANN KEINE BANDE HOCHKLETTERN! Nächste lange Seite, Reiter verwechselt wieder rechts und links, Pferd weicht wieder nicht in die Mitte. R: Also heute reizt Du das Blatt aber gehörig aus. Wir gehen nicht eher aus der Halle raus, bis Du nach rechts in die Mitte gewichen bist. Botschaft angekommen? P: Was heißt hier, ich reize? Du reizt. Wann wirst Du endlich verstehen, dass ich nicht klettern kann? Dann bleiben wir eben in der Halle, ICH gehe da NICHT hoch. Botschaft angekommen? Pferd macht sich hart und erwartet den Kampf. Reiter fängt an zu schwitzen. Auch diese Runde ist kein Erfolg zu verzeichnen. Die nächste lange Gerade wird in Angriff genommen. Bevor die kurze Seite zu Ende ist, fragt eine andere Reiterin mitleidig, was das 44

Pferd denn machen soll? Reiter hält kurz an und erklärt, was er will. Die andere Reiterin: aha, aber Du weißt schon, dass Du gerade rechts und links verwechselst? Peinliche Pause, Reiter sitzt bewegungslos auf dem Pferd, leichte Röte überströmt sein Gesicht. P: Ich will ja nicht lästern, aber wer hatte recht? Reiter quält sich ein Lachen ab R: Haha, Schatzi, ist das nicht komisch P: Ja wahnsinnig komisch, ich lache nächste Woche. R: Da habe ich doch total die Seiten verwechselt haha. P: Sage ich doch die ganze Zeit, aber auf mich hörst Du ja nicht. R: Wie gut, dass wir beide so super miteinander auskommen und Du nicht böse wirst. Aber mal ehrlich, Du hättest auch einen Ton sagen können... Birgit Feldt


Hufspuren

„Einmal mein Leben...“ - Geschichte eines Fohlens - Meine grosse Welt Es ist so weit, draußen scheint die Sonne und es ist schon recht warm geworden in meiner kleinen Welt. Alles war so wie immer bis eines Tages die zwei großen Augen kamen. Mama bekam etwas sehr merkwürdiges auf den Kopf. Die ganze Situation war schon sehr seltsam und Mama schien zu verstehen was nun geschehen wird, nur ich ahnte von nichts. Als die 2 Augen weg waren, schaute ich mir das erst einmal von der Nähe an. Es wird ja einen Sinn haben, dachte ich. Mama lief die ganze Zeit hin und her und blubberte anders als normal, sie weiß wirklich was das alles bedeutet. Ich war mir sehr unsicher, mir war es nicht geheuer. Es wurden die anderen Pferde an uns vorbei geführt. Wo müssen sie hin? Es gefiel mir alles wirklich nicht, war es doch sonst immer so schön ruhig. Und dann kam der Moment als sich mein Leben plötzlich änderte. Die zwei großen Augen blieben stehen mit und mit ihnen ein großes Pferd, welches ich nicht kannte. Die Tür ging auf und meine Mama war weg. Es war schrecklich, Mama war wirklich weg.

Nun war ich ganz allein, allein in meiner kleinen Welt. Mama war weg, ich konnte sie nicht mehr sehen nur noch hören. Ich schrie so laut ich konnte, immer und immer wieder. Ich hörte Mama auch schreien, doch sie war nicht da, nicht zusehen. Ich schrie immer lauter und immer wieder, ich hatte solche Angst. Plötzlich waren die zwei kleinen Augen da und sie strahlten. „Komm kleiner Finn, Mama wartet auf dich.“ Sie berührte mich am Hals und ich war still, sie zeigte mir was hinter meiner kleinen Welt kam. Sie zeigte mir meine große Welt. Ich sah meine Mama. Mama war da, sie war nicht weg ich konnte sie einfach nur nicht sehen. Ich war so erleichtert dass ich noch einmal voller Freude wieherte und Mama blubberte leise zu mir. Als dieser Schreck überwunden war, bemerkte ich wie groß die Welt wirklich ist. Ich traute meinen Augen kaum als wir durch die andere Tür kamen. Das ist also meine Welt. Meine Welt ist sehr grün, meine Welt sticht an meinen Hufen, das ist alles schon sehr seltsam. Ja das ist also die 45


Hufspuren ganze Welt. Doch es geht noch ein Stückchen weiter. Die Welt ist so hell, und sie ist so schön warm. Nun kitzelt mich meine Welt an meinen Beinen. Ich schaute mir alles genau an, denn mir war es dennoch nicht ganz geheuer. Die vier Augen gingen mit uns eine lange Weile. Ich wurde immer müder und schwächer, war ich sowas doch gar nicht gewohnt. Nur Mama und das andere Pferd, sie schienen sich immer mehr zu freuen. Dann waren wir angekommen. Ich konnte es kaum glauben, hier war es noch viel schöner als in meiner kleinen Welt. Als die vier Augen und dann verlassen hatten, ging es los. Mama und die ältere Dame rannten umher, sie sprangen sie schlugen nach hinten aus. So hatte ich Mama noch nie erlebt und ich hatte sehr viel Mühe da mit zuhalten, doch es machte so viel Spaß. Es tat gut Mama so glücklich zusehen. Als wir endlich Ruhe fanden, fraß Mama und ich legte mich ins Grüne. Ich atmete tief ein und aus, alles roch so gut, es roch so frisch. Ich schaute das erste mal in meinem Leben in den blauen Himmel. Ich konnte die Sonne richtig gut sehen. Der Boden war so herrlich weich, das Grün kühlte meinen Körper und die Sonne wärmte ihn. Ich fühlte mich das erste Mal frei. 46

Ich konnte das zarte, helle Piepsen hören und sah was es war. Dann kam Mama, sie schnupperte an mir und blubberte leise. So groß und schön ist meine Welt. Als es dunkel wurde kamen die großen Augen, sie brachten uns zurück. Zurück in meine kleine Welt. So verging nun Tag für Tag. Mama ging es besser und mir ging es besser. Und gelegentlich kamen die großen Augen vorbei, sie hatten uns vor vielen Wochen versprochen das alles gut wird. Eines Tages, als wir wieder draußen waren, packte mich die Neugier. Ich musste unbedingt wissen was sonst noch auf der Welt ist. Ich kroch zwischen den weißen Bänder durch und schaute mir alles an. Alles war so wunderschön. So viele Bäume, Wasser, Gras, ich kannte das alles nicht, ich war erstaunt. Ich schaute immer wieder zu Mama und sie blubberte nur leise, so traute ich mich immer weiter bis ich Mama hinter den Bäumen nicht mehr sah. Und dann sah ich es, das gelbe Meer. So viele gelbe Blumen, so wie als würde die Welt die Sonne sein. Es war toll, ich ging mitten hinein in dieses Meer und war fast verschwunden. Ich verbrachte fast jeden Tag in diesem Meer und hatte einen Platz gefunden an dem ich auch Mama gut sehen konnte.


Hufspuren

© Nina Walther

Nach einigen Tagen kamen plötzlich die kleinen Augen, sie waren sonst nie hier. Sie wurden begleitet von zwei großen Augen, ich hatte sie noch nie gesehen. Sie gingen erst zu Mama und der anderen Dame. Mama schien

sich ihn ihrer Nähe sehr wohl zu fühlen, fast so als würden sie sich schon lange kennen. Nun weiß ich, Sie kannten sich schon sehr lange. Dann kamen sie zu mir, zu mir ins gelbe Meer. Sie machte sich klein. Sie atmete ganz ruhig und so das ich sie hören konnte. Sie pustete mich an und ich wusste sie tut mir nix, ich hatte keine Angst und konnte ihr vertrauen. Ich pustete ihr zurück und sie reichte mir ihre Hand. Ich roch an ihrer Hand und sie roch nach meiner Mama. Als sie auf stand, nahm sie mich mit zu meiner Mama. Mama blubberte leise und die zwei großen Augen sagten, „Wir werden uns bald wieder sehen“ Beim nächsten Mal erzähle ich euch wie sich mein Leben schon wieder ändert, und dieses Mal wird es sehr aufregend.

Für Finn aufgeschrieben von Nina Walther

Nina Walther reitet seit ihrem 6. Lebensjahr. Als agebildete Physiotherapeutin stimmt sie ihr Pferdetraining auf die muskulären Bedürfnisse des Pferdes ab und steht auch anderen mit Rat und Tat in Gesundheitsund Motivationsfragen zur Seite. Seit 2 Jahren bildet sie ihren Eddi gebisslos aus. Zudem fotografiert und zeichnet sie wann immer Sie Zeit dazu findet. Von ihr stammen auch die Cartoons im Magazin. http://blitzlicht.d-complex.de 47


Stallgeflüster

Geschichten vom Pferd: „Neuer Stall, Altes Leid und das Birnendrama“ Wir sind in einen neuen Stall umgezogen, Cantara, Lara (meine neue Stute) und ich. Cantara freute sich sehr, denn im alten Stall war, außer mit Löwenherz, auch mit keinem mehr was los. Und dann kam auch noch ihre Freundin Lara mit, umso besser.

Zur Entspannung unternahmen wir mit Cantara und Lara am nächsten Tag einen Spaziergang um die neue Gegend zu erkunden. Cantara, noch etwas gequält dreinblickend und mit ihrem Schicksal hadernd sah ihn zuerst, den Birnenbaum.

Doch weit gefehlt, denn die Freude währte nur die Fahrt über. Was war das? Ein Déjà vu? Sie hoffte auf eine Sinnestäuschung, aber nein, es war die reine, nackte Realität. Sie war wieder da, dieses pummelige, mit einer meines Erachtens nach liebenswerten Penetranz gesegneten Pferdemädchen. Nein, es war nicht die gleiche Stute, aber irgendwie doch, es war ein Haflinger. Cantara konnte es kaum fassen und wollte wieder in den Hänger einsteigen.

„Freude, es gibt einen Gott und er liebt mich!“ hörte ich sie sagen. Sie stürzte auf die Birne zu, die unterhalb des Bordsteins auf der Straße lag. Wie sich herausstellte etwas zu schnell, denn sie rutschte mit dem Huf ab und landete, wie nicht anders zu erwarten, genau auf dieser Birne. Fassungslos und den Tränen nah sah sie mich an. Ich überlegte kurz und dann sah ich die Rettung, nur 3 Meter entfernt im Gras liegen. Eine Birne, völlig unversehrt. Als sie sie fraß, entspannte sie sich und war mit der Welt erst einmal wieder im Reinen, vorerst.

Nein, es gab kein zurück mehr. Womit hatte sie das verdient? Was hatte sie verbrochen? Wie zu erwarten hängte dieses Haflingermädchen sich gleich an Cantara. Doch dann kam Lara und scheuchte sie von ihrer Freundin weg. Ein Lächeln, wenn man so sagen mag, war auf Cantaras Gesicht zu erkennen. Was für eine Erleichterung. Nun ja, das Haflingermädchen ließ sich nicht lange abhalten. 48


Stallgeflüster Am Abend wurde ich zum Gespräch zitiert. Beim nächsten Umzug hätte ich mich unter der Nachbarschaft genauer umzusehen, alles was ich niedlich finden würde wäre sowieso schon mal sehr verdächtig und müßte genau unter die Lupe genommen werden. Ich versprach, mich daran zu halten. Also, wenn ihr einen neuen Stall aussucht, wißt ihr jetzt, worauf ihr zu achten habt.

Esther Naeter arbeitet seit 2007 als Tierheilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Pferde in Hamburg, im nördlichen Niedersachen und Schleswig-Holstein. 2008 folgten Ausbildungen in Tierkommunikationnach Penelope Smith und schamanischen Heilmethoden, die in ihrer Praxis häufige Anwendung finden. Eine wichtige Lehrerin war und ist ihre Traberstute Cantara, die in ihrer Nähe steht und einen großen Einfluß auf ihre Arbeit mit Pferden hat.

Liebe Grüße,

Esther Naeter

www.tierkommunikation-naeter.de

Illustration: Nina Walther

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Hufspuren

Verloren in den Weiten der Nordfriesischen Marsch 3. Teil der Erzählung Verwirrt schaute ich der alten Frau eine ganze Zeit lang hinterher. Ich wollte ihr sogar noch hinterher reiten, keine  Ahnung warum, doch genauso schnell und unwirklich wie sie mir erschienen war, war sie nun auch wieder in der  dunklen Nacht verschwunden.  Ich trieb Floyd an und wir setzten unseren Weg im Schritt  wieder fort.  «Die Toten reiten schnell... Die Toten reiten schnell...»  Was hatte sie bloß damit gemeint?  Ich überlegte und überlegte, doch ich kam nicht drauf. Vor lauter Nachdenken begann ich alles um mich herum zu Vergessen: Die Angst,  die Anspannung, den Regen, die Kälte, den Wind, die  Einsamkeit und die Ungewissheit.  Mit einem Male, aus irgendeinem unerfindlichen Grund  und wie aus heiterem Himmel, durchkam mich plötzlich  wieder das Gefühl unkontrolliert im Wasser zu versinken. Zuerst konnte ich den Ursprung dieses Gefühls nicht ausmachen, doch dann schoss mir durch den Kopf, dass ich ja nicht nur als letzter zum Technischen Zug gekommen,  sondern auch noch der jüngste Helfer des Technischen  Zuges war.  Plötzlich dämmerte es mir auf einmal, denn auch beim  Katastrophenschutz gibt es genau wie bei der Armee ein  ungeschriebenes Gesetzt, dass in einer hoffnungsund  aussichtslosen Situation, der Helfer mit der geringsten  Dienstzeit und Erfah-

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rung in Sicherheit gebracht wird.   Erschrocken und voller Panik ließ ich die Zügel los und  schlug mir die Hände vor das Gesicht.  «Nein...! Nein...!», dachte ich und begann zu weinen. «Oh  Gott, bitte lass das nicht war sein! Meine Kameraden...  vielleicht sind sie schon längst tot... Nein, bitte nicht! Jan hat mich sicher nur deswegen losgeschickt, damit  wenigstens einer von uns das Ganze hier vielleicht  irgendwie überleben kann...»  Ich wäre bei diesem Gedanken fast ohnmächtig geworden.  Ich legte mich vorsichtig auf Floyds warmen und weichen  Hals. Die Tränen flossen aus meinen Augen, wie der Regen  um mich herum.  «Lass mich jetzt bitte nicht alleine...», flüsterte ich Floyd  zärtlich und voller Angst zu.  Weinend, schluchzend und voller Angst ritt ich durch die kalte, dunkle, einsame Nacht. Mein Kopf war schwer und ich taumelte benommen in alle Richtungen. Ich musste mich zeitweise am Sattel festkrallen, um nicht  runterzufallen.  Ich wusste nicht woher diese Benommenheit  kam. War es die körperliche Anstrengung, war es die  Unsicherheit, war es die Anspannung, waren es die  Gedanken an meine Kameraden?  Es fiel mir schwer mich auf dem Pferd zu halten,  doch dann begann es mir ganz langsam zu dämmern


Hufspuren , was  der Ursprung meiner Benommenheit war.  Es war nicht die Kälte, nicht der Regen und auch nicht der Wind. Es war die Unsicherheit und die Angst um meine  Kameraden.

bis ich um mich herum rein  gar nichts mehr spürte.  Ich galoppierte nun durch die Nacht, als sei der Tod  persönlich hinter mir her, was in gewisser Weise ja auch  stimmte.

«Was machen sie jetzt wohl? Wie geht es ihnen? Was  denken sie gerade? Was fühlen sie jetzt in diesem  Moment?»  Diese Gedanken waren schlimmer als der Sturm, der um  mich und Floyd herum tobte. Immer und immer wieder  legte ich mich auf Floyds warmen, weichen Hals und umschloss ihn ganz eng mit meinen Armen. Ich wollte  einfach nur seine Nähe spüren, um nicht an meinen  Gedanken zu verzweifeln.  Floyd trug mich so tapfer und stark durch diese verdammte  Nacht. Das gab mir wieder die Kraft mich dem  Sturm und den Orkanböen entgegenzustemmen und daran  zu glauben, dass mit meinen Kameraden doch noch alles in  Ordnung wäre.  «Die sind erfahren und zäh!», dachte ich.  Wieder und wieder.  «Denen passiert schon nichts!»  Nein, ich dachte das nicht nur, ich wusste es ganz einfach und begann wieder zu traben. 

Atemlos ging es weiter. Mein Herz begann im Takt von  Floyds Galoppsprüngen zu rasen. Der Atem schneller,  schneller und schneller bis meine Lunge, wie ein loderndes  Feuer zu brennen begann. Mit jedem weiteren Galoppsprung musste ich mich mehr  und mehr zusammen nemen.  Meine Lungen begannen wie eine alte Dampfmaschine zu  pfeifen.  Weiter und immer weiter trieb ich mich nun selber voran,  um nicht nur meine Ängste, sondern auch den immer  stärker aufkommenden Schmerz zu überwinden. Nein,  nicht um ihn zu überwinden, sondern ihn zu verdrängen.  Die Natur sollte mich jedoch schon bald ein weiteres Mal  schmerzhaft lehren, dass der menschliche Körper nicht für  diese Form von physischer und psychischer Belastung  gedacht, geschweige geschaffen ist. 

Schneller, immer schneller ritten wir voran.  Die Gedanken an meine Kameraden trieben mich weiter an. Es war ein  wunderbares Gefühl, das mich überkam.  Ich begann nun auch wieder zu galoppieren. Zuerst wieder  ganz langsam, dann schneller und schneller. Immer weiter  und weiter durch die Nacht.  Je weiter es nun voran ging, um so mehr schien alles um  mich herum vergessen,

Um den nun immer stärker werdenden Schmerz wenigstens  noch etwas länger unterdrücken und verdrängen zu  können, begann ich laut: «I come from the land of the ice  and snow, from the midnight sun where the hot springs  flow!» zu singen.  Mit jedem weiterem Galoppsprung, mit jeder noch so  kleinen, einzelnen Bewegung meines Körpers war es, als  würde ich bei

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Hufspuren lebendigem Leib in Stücke gerissen. Es war  grauenvoll. Nun hatte er mich eiskalt gepackt. Der  Schmerz! Doch kampflos ergeben wollte ich mich ihm  nicht so ohne weiteres. Und so schrie ich also mit meiner  allerletzten Kraft «I’ m the hammer of the gods! We’ ll  drive with our ships to the new land! Fight the hords sing  and cry Walhalla I’ m coming!» in die einsame, dunkle  Nacht hinein.  Ich konnte nicht mehr. Aus. Ende. Vorbei.  Meine letzten Kraftreserven waren verbraucht. Ich brach auf Floyds Hals zusammen. Vor Schmerzen, vor  Enttäuschung, vor Verzweifelung, vor Angst. Ich konnte  einfach nicht mehr.  Nach einer Weile raffte ich mich wieder auf. Nicht weil es  mir besser ging, ich musste einfach weiter. Der Schmerz  war immer noch da, aber ich musste einfach weiter. Irgendwie. Wohin? Irgendwo hin.  Ich hatte diesen Gedanken noch gar nicht zu Ende gedacht, da tauchte am Ende der Straße mit einem Male,  wie aus dem Nichts, endlich ein Wegweiser  auf.  Im ersten Moment dachte ich mein Verstand spielte mir wieder einen bösen Streich als ich die Umrisse des  Wegweisers erblickte, doch dem war nicht so. Zuerst  zögerlich, dann schneller und schneller nährte ich mich  dem Schild.  Ich wollte meinen schmerzenden Augen zuerst nicht  trauen, als ich die schwarze Aufschrift auf dem gelben  Grund des Schildes erblickte: Husum 3 Kilometer.  Zwei Worte und eine Zahl. Für mich in diesem Augenblick  die langersehnte Erlösung. Endlich wusste ich nun, wo ich  mich in dieser

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nassen, kalten Wüste befand und mich mein,  bis dahin ungewisser Weg nun hinführen sollte.  Ein Gefühl der Erleichterung und der Freude kam wie aus  dem Nichts in mir auf. Freudig klopfte ich Floyd auf den  Hals.  «Gleich sind wir da...! Gleich sind wir da!», sagte ich immer  und immer wieder zum ihm.  Bei jedem weiteren Mal wurde meine Freude und  Erleichterung größer und größer.  Irgendwann waren diese Gefühle so stark, dass sogar meine physischen Schmerzen vergessen schienen... dachte ich zumindest.  So beschloss ich diese letzten drei Kilometer nach Husum  zu traben.  Ich hatte mich aber getäuscht. Kaum war ich wieder  angetrabt, spürte ich erneut die stechenden Schmerzen in  meinem Körper.  Ich versuchte mich zusammen zu nehmen. Das heißt, ich  versuchte mir die ganze Sache schön zu reden:  «Das sind doch nur drei Kilometer... Das ist doch alles gar  nicht mehr so schlimm... Bist ja auch gleich da...», machte  ich mir Mut.  Diese letzten Kilometer kamen mir wie eine Ewigkeit vor.  Ob es an den unbeschreiblichen Schmerzen oder die  Freude auf das Erreichen meines Ziels lag, weiß ich heute  nicht mehr.  Dann hatte ich mein Ziel tatsächlich erreicht.  «Endlich...», dachte ich nur noch als ich zusammen mit  Floyd das Ortseingangsschild von Husum passierte.  «Endlich ...!»  Ich war allerdings noch nicht wirklich angekommen. Die Kaserne des  Luftwaffen-Versor-


Hufspuren gungsregiments befand sich am anderen  Ende der Stadt, etwas außerhalb in östlicher Richtung. Das  wusste ich.  Ich stand jetzt eigentlich nur noch vor der Entscheidung um Husum herum zu reiten oder mitten durch die Innenstadt. Ich entschloss mich für das Zweite. Vorsichtig trieb ich Floyd im Schritt voran. Ängstlich  schaute ich mich um. Alles um uns herum war dunkel. Nur  das fahle Licht der Straßenlaternen wies uns den Weg in die Innenstadt. Ein unheimliches Szenario, dessen Teil ich nun  wurde.  Husum. „Die graue Stadt am Meer“ wie Theodor Storm sie  einst beschrieben hatte, machte sie doch in dieser einsamen  Nacht ihrer Bezeichnung wirklich alle Ehre.  Zögernd schritt ich vorsichtig mit Floyd durch die dunklen  Straßen und Gassen der grauen Stadt. Mein Herz begann  vor Aufregung und Anspannung zu rasen. Nervös blickte ich wieder und wieder um mich herum. In keinem der  grauen Häuser brannte noch ein Licht.  Selbst Floyd spitzte nun aufmerksam die Ohren und  schaute mit gestreckten Hals umher.  Es war, als läge die Stadt in einem dunklen und  unheimlichen Schlaf.  Der Wind pfiff stark und laut durch die dunklen Straßen und Gassen, aber wenigstens war der Regen hier nicht so  stark. Vorsichtig und fragend schaute ich mich um. Mein Herzschlag wurde stärker und stärker, und auch Floyd  wurde nun immer angespannter, je länger wir durch die graue Stadt am Meer zogen. Der weltberühmte Marktplatz lag gespenstisch vor uns als  wir ihn überquer-

ten. Jetzt ging es noch einmal auf die Hauptstraße. Der Wind  und der Regen wurden wieder stärker als ich mich mit Floyd dem Ortsausgang nährte, wobei die Straßenbeleuchtung nun mit jedem Meter außerhalb der  Stadt weniger und weniger wurde.  Im fahlen Licht der letzten Straßenlaterne erblickte ich  endlich den Bahnübergang, hinter dem sich auf einer  Anhöhe gelegen, die Kaserne des Luftwaffen-Versorgungsregiments befand.  Ich trieb Floyd nun stärker voran, doch traute ich mich  nicht die letzten Meter den Hügel, auf dem auch die  Hauptstraße verlief, zu traben.  Die letzten Meter zum Kasernentor kamen mir noch  einmal wieder wie eine Ewigkeit vor.  Mein Herz begann wieder zu rasen. Dieses Mal aber nicht  vor Angst, sondern vor Aufregung und Freude.  Ich war mit Floyd aus dem Licht der letzten Laterne schon  längst heraus gekommen, als wir endlich die Auffahrt zur  Kaserne erreichten. Das beißende, kalte Licht einer  einsamen Laterne erhellte den Eingangsbereich.  Ich stieg ab, nahm Floyd die Zügel vom Hals und  führte ihn zum Kasernentor.  Noch bevor wir am Tor angekommen waren, kamen zwei  Soldaten aus der Wache und öffneten uns das Tor. Ich  grüßte die beiden und stellte mich und mein Anliegen vor.  Danach ging ich mit Floyd durch das Tor und hielt mit ihm  am gesenkten Schlagbaum an, während in der Wache  hektisch telefoniert wurde.  «Ich muss sofort zum Regimentskommandeur!», sagte ich  zu

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Hufspuren dem wachhabenden Offizier, einem Leutnant, der  mittlerweile auch aus der Wache herausgekommen war.  Der Leutnant antwortete mit einem «Jawohl!» und sagte,  ich könne mein Pferd hier an der Wache abgeben, damit  man es ins Trockene bringen kann. Zögernd übergab ich  einem Hauptgefreiten die Zügel. Ich umarmte Floyd noch  einmal und gab ihm einen Kuss auf seine warme, weiche  Nase.  Während der Hauptgefreite Floyd in Richtung der  Fahrzeughallen führte, brachte man mich jedoch nicht zum  Stabsgebäude, sondern zum Sanitätsgebäude auf die  Krankenstation.  Ich wurde in eines der Behandlungszimmer geführt, wo  man mir neben einem frischen Handtuch und einer Decke  auch saubere, trockene Unterwäsche und eine alte Uniform  brachte.  Hinter einer spanischen Wand zog ich mich aus und gab  meine durchnässte THW-Uniform zum Trocknen ab.  Dann ließ man mich in dem Behandlungszimmer alleine.  Ich trocknete mich ab, zog die alte, oliv-grüne  Arbeitsuniform an, legte mir die Decke um und ging zum  Fenster. Meine Glieder schmerzten. Das merkte ich erst  jetzt.  Ich schaute durchs Fenster hinaus in die Nacht.  Ein brennendes Gefühl kam in mir auf und ich bekam  Kopfschmerzen. Das war kein gutes Zeichen. Das wusste  ich.  «Jetzt bekomme ich wohl auch noch Fieber...», war mein  einziger Gedanke in diesem

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Augenblick.  Ich stützte mich mit meinen Händen auf die Fensterbank.  Die Handgelenke schmerzten, doch ich ignorierte den  Schmerz und schaute weiter aus dem Fenster.  Je länger ich nun so in die Nacht hinaus schaute, und mich  fragte, was da Draußen wohl noch auf mich wartet, desto  schwerer wurde mein Kopf.  Schon bald war mir so schwindlig, dass ich mich nicht  mehr auf den Beinen halten konnte.  Ich ging von der Fensterbank weg und wollte mich gerade  auf einen der Stühle setzten, da ging mit einem Male die  Tür vom Behandlungszimmer auf.  Ich erschrak im ersten Moment. Müde  und verwirrt drehte ich mich um.  Drei Personen kamen nun ins Behandlungszimmer: ein  Leutnant, ein Feldwebel und ein Gefreiter. Sie begrüßten  mich höflich und baten mich mit ihnen mitzukommen.  Ich war erleichtert und froh das nun endlich ein Ende in  Sicht war. Ich malte mir schon aus, wie die Soldaten  ausrückten, meine Kameraden aus den überfluteten Koog  heraus holten, sie dann hier in die Kaserne bringen und ich  dann mit ihnen gemeinsam wieder nach Hause fahre  würde.  Doch es sollte alles ganz anders kommen...  Man brachte mich aus dem Sanitätsgebäude hinaus.  Schweigend und ohne jegliche Emotionen führte man mich  zum Stabsgebäude. Der Weg dorthin kam mir wie eine  Ewigkeit vor.  Es regnete immer noch. Ich dachte in die-


Hufspuren sem Moment  weder an Floyd, noch an irgend etwas anderes. Mein Kopf  war vollkommen leer.  Nicht einmal das Plätschern des kalten Regens und das  scharfe Pfeifen des Windes bekam ich mit. Endlich erreichten wir das Stabsgebäude. Das Licht war  kalt, das Neonlicht strahlte. Ich rieb mir die müden Augen.  Es roch nach Kaffe, Bohnerwachs und Schweiß.  Man führte mich mehrere Treppen hinauf zum  Dachgeschoss. Dort war das Lagezentrum des  Katastrophenschutz-Stabes untergebracht. Der Leutnant, der Feldwebel und der Gefreite verschwanden in dem Raum.  Ich wartete an der Tür und blickte in den Raum.  Ein großer Tisch mit 20 Plätzen stand in der Mitte. Auf dem Tisch befanden sich Telefone, Faxgeräte  und Computer. An den Wänden der Kopfseite befanden  sich die Plätze der Leitung, an der linken Seite befanden  sich die Plätze der Brandschutz-, Bergungs-,  Instandsetzungs-, Sanitätsund ABC-Dienste, und an der  rechten Seite, wo sich die Plätze der Vertreter der Polizei,  der Bundeswehr, des Gesundheitsamtes und der  Energieversorger befanden, hingen riesige Karten des  gesamten Kreisgebietes.  An dem Tisch herrschte eine unbeschreibliche Hektik: Alle  redeten aufgeregt durcheinander. Rannten hektisch von  ihren Plätzen zu den Karten und von den Karten zurück zu  ihren Plätzen. Die Telefone waren ständig am klingeln, ein  Fax nach dem anderen ging

ein. Zettel wurden geschrieben,  rumgereicht und mit anderen Meldungen verglichen.  Ich schaute mir dieses Spektakel interessiert an.  Da kam mit einem Male der Regimentskommandeur zu  mir. Es war ein Oberst der Luftwaffe. Er begrüßte mich  höflich und stellte sich mir vor. Dann führte er mich zur  Hauptlagekarte am Kopfende des großen Tisches.  Ich schilderte dem Regimentskommandeur die Situation  meiner Kameraden und gab ihm die Koordinaten von ihrer  Position.  Er notierte sich meine Angaben ganz genau und  verschwand anschließend mit einem sehr ernsten und  besorgten Gesichtsausdruck zu einem Feuerwehrmann und  einem Polizisten, die wohl zu den Vertretern des  Bergungsdienstes gehörten.  Die drei verglichen meine Angaben wieder und wieder mit  mehreren Meldungen, gingen zu einer der übrigen  Landkarten und verglichen meine Angaben erneut.  Ich konnte zwar nicht verstehen worüber die drei sich die  ganze Zeit unterhielten und was sie dort besprachen, doch  wurden ihre Gesichtsausdrücke immer besorgter und  ernster, je länger ihre Unterhaltung über meine Angaben  anhielt.  Schließlich kam der Oberst zusammen mit dem Feuerwehrmann  und dem Polizisten endlich wieder zu mir zurück.  Die Gesichter der drei Männer waren kreidebleich und  voller Sorge.  Ich bekam ein ungutes Gefühl und wich instinktiv einen  Schritt zurück als die drei auf mich zukamen.  Der Oberst kam ganz dich an mich heran. Sein Gesicht war  ange-

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Hufspuren spannt, seine Augen voller Trauer erfüllt. Ich wich  noch einen Schritt zurück und ahnte mit einem Male  schlimmes.  «Herr Dr. Falkner ... so wie es aussieht, können wir für Ihre  Kameraden nichts mehr tun ...»  Entsetzt wich ich noch einen weiteren Schritt zurück.  Fassungslos und schockiert starrte ich den Oberst, den  Feuerwehrmann und den Polizisten an.  Ich weiß bis heute nicht, warum ich vor Entsetzen nicht  umgefallen bin oder mich mindestens hätte hinsetzten  müssen.  «Unsere letzten Messungen und Informationen aus dem  von Ihnen angegebenen Gebiet haben leider ergeben, dass  der kritische Pegel bereits schon kurz nach Mitternacht  erreicht worden war», versuchte der Feuerwehrmann mir  zu erklären.  Es dauerte zwar nur einige Sekunden bis ich mich wieder  einigermaßen gesammelt hatte, doch kam es mir wie eine  Ewigkeit vor.  «Und... und was bedeutet das für meine Kameraden ...?»,  fragte ich mit ängstlicher, zittriger Stimme.  Traurig senkte der Feuerwehrmann den Kopf und hielt sich  die rechte Hand vor die Augen:  «Das bedeutet... das bedeutet... das Ihre Kameraden ... wohl  nicht mehr am Leben sind...»  Was dann in den nächsten Sekunden mit mir geschah weiß  ich bis zum heutigen Tag nicht mehr. Das Einzige woran  ich mich noch erinnern kann ist, dass ich aufhörte zu  atmen. Es war, als schnürte mir eine unsichtbare Hand die  Kehle zu.  «Herr Dr. Falkner, es ist ein Wunder das Sie es überhaupt  noch bis hier her geschafft haben...!», vernahm ich noch  den Polizisten.  Vorsichtig schüttelte ich den Kopf. Kein Wort brach-

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te ich  dazu heraus. Erst jetzt wurde mir schwindelig, doch bevor  ich mich an dem Treppengeländer festkrallen musste, um  nicht umzufallen, brachte ich noch ein entsetztes «Nein!»  aus meiner zugeschnürten Kehle heraus.  Der Oberst versuchte mich zu trösten:  «Ich weiß, es ist hart für Sie, aber ...»  «Nein...!», unterbrach ich ihn. «Das glaube ich nicht ...! Das  glaube ich Ihnen nicht...! Nein...!»  «Herr Dr. Falkner, es tut uns so unendlich leid...», sagte der  Oberst und reichte mir tröstend seine Hand.  Ich weiß bis heute nicht, warum ich nicht zusammengebrochen  oder zumindest in Tränen ausgebrochen bin. Ich stand  einfach nur da und starrte regungslos in den Raum. Mir  war, als ginge in diesem Augenblick jegliches Gefühl von  Zeit und Raum in mir verloren.  In diesem Augenblick wurde mir schmerzhaft bewusst, wie  schrecklich Zeit doch sein kann.  Mein Kopf war völlig leer. Es war, als versinke ich in mir  selber. Keine Gedanken, keine Gefühle mehr. Ein  unbeschreibliches und beängstigendes Empfinden.  Mit einem Mal, in mitten dieser abstrakten Gefühlslage, sah  ich meine Kameraden wieder vor mir: Wie wir zusammen  lachten, zusammen stritten und zusammen fluchten.  Soll das alles jetzt, mit einem Male, unwiederbringlich  vorbei sein?  Dieser Gedanke kam mir so fern, so fremd und so  unwirklich vor, dass er mir Angst machte.  Nach einer mir endlos erscheinenden Zeit brachte ich dann  doch irgendwann heraus, dass das alles doch nicht sein  kann und das die erfassten Mess-


Hufspuren werte und Informationen  falsch sein müssten, da sämtliche  Kommunikationsverbindungen ja schon seit 22:00 Uhr  ausgefallen waren.  Der Oberst legte beruhigend seine Hand auf meine  Schulter.  «Herr Dr. Falkner, ich kann höchstens noch versuchen die  Heeresflieger aus Itzehoe anzufordern, dass die vielleicht  noch versuchen können Sandsäcke in die gebrochenen  Stellen im Deich zu werfen. Versprechen kann ich ihnen  aber nichts...»  Wie ein glühender Dolch durchbohrten die Worte des  Oberst meine mit Schmerz erfüllte Seele.  «Nein ...! Das glaube ich Ihnen nicht! Sie lügen!», fauchte  ich ihn wie eine bedrängte Katze an.  Voller Zorn riss ich mich von seiner schützenden Hand los  und stürmte aus den Raum hinaus und das Treppenhaus  hinunter.  Wie im Trance rannte ich aus dem Stabsgebäude hinaus  über den Kasernenhof zum Sanitätsgebäude.  Ich stürmte in das Behandlungszimmer, in das man mich  schon einmal gebracht hatte und riss mir die alte  Bundeswehruniform vom Leib. Ohne weiter darüber  nachzudenken, zog ich mir dann meine immer noch  durchnässte blaue THW-Uniform wieder an und rannte aus  dem Stabsgebäude hinaus.  Über den Kasernenhof lief ich zu der Fahrzeughalle  in die man Floyd gebracht hatte.  Ohne ein Wort zu sagen ging ich im schnellen Schritt an  den Wachen der Halle vorbei. In der Halle befanden sich  neben Lastkraftwagen auch schweres Pioniergerät und  Schlauchboote. Ich bekam eine unbeschreibliche Wut als  ich die eingelagerte Ausrüs-

Das Team

der Hufspuren

tung und das schwere Gerät sah.  «Hier lagert also das gesamte Bergungsmaterial und  draußen geht Nordfriesland unter!», dachte ich nur noch  empört. «Was soll das bloß...? Warum rücken die denn  nicht aus...?»  Kopfschüttelnd, voller Wut und Unverständnis, suchte ich  in der großen und unübersichtlichen Halle nach Floyd.  Es dauerte eine Zeit bis ich ihn dann in einer Ecke fand. Man hatte ihm in der Nähe der Heizung mit  Absperrband einen großzügigen Verschlag eingerichtet und  ihm eine Decke aufgelegt. Den Sattel und die Trense hatte  man ihm abgenommen.  Ein junger Soldat saß auf einem Stuhl neben dem  Verschlag.  Als ich unter dem Absperrband durchkletterte um mir  Floyd fertig zu machen, fragte er mich freundlich, ob es  jetzt wieder los ginge. Ich gab ihm keine Antwort.  Auch zu Floyd sagte ich kein Wort. Hektisch nahm ich ihm  die Decke ab, sattelte ihn, trenste ihn auf und führte ich ihn  am Zügel aus der Halle hinaus.  Alle Anwesenden in der Halle sahen mich verwirrt und  fragend an.  Draußen hatte es mittlerweile aufgehört zu regnen, doch  das war mir egal. Im schnellen Schritt ging ich mit Floyd  quer über den Kasernenhof direkt auf das Haupttor zu.  Nur wenige Meter vor dem Tor begannen die Wachen es  plötzlich vor mir zu verschließen...

Fortsetzung folgt... Marc Amelsberg

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n e r u p s f u H r e d m a e T Das en d n u e r f e d f er P n e l l a w端n sc h t ze s t h c a n h i e W e h i l n n i e in e b es h c s t u R n u te g n e n i e u nd r! h a J e u e in s N


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Termine • Termine • Termine

Termine • Termine • Termine Dezember 09.-11.12. 2011

Zweitagesseminar mit Babette Teschen Infos & Anmeldung: christas.stall@bluewin.ch

Winterthur (Schweiz)

17.12. 2011

Unterricht nach den Grundsätzen der Légèreté mit Petra Koepcke Infos & Anmeldung: www. reiten-mit-gefuehl.de

25729 Windbergen

12.-13.12. 2011

Round Pen und Pferdekommunikation mit Markus & Andrea Eschbach www.eschbach-horsemanship.com Info & Anmeldung: info@eschbach-horsemanship.com

Kleindöttingen (Schweiz)

12. - 15.12. 2011

Feines Reiten und Horsemanship mit Markus & Andrea Eschbach www.eschbach-horsemanship.com Info & Anmeldung: info@eschbach-horsemanship.com

Kleindöttingen (Schweiz)

Januar 09.-10.01. 2012, 16. - 17. 01. 2012, 23.- 24.01. 2012 & 30.-31.01. 2012

Round Pen und Pferdekommunikation mit Markus & Andrea Eschbach www.eschbach-horsemanship.com Info & Anmeldung: info@eschbach-horsemanship.com

Kleindöttingen (Schweiz)

09.-12.01. 2012 & 23. - 26.01.2012

Feines Reiten und Horsemanship mit Markus & Andrea Eschbach www.eschbach-horsemanship.com Info & Anmeldung: info@eschbach-horsemanship.com

Kleindöttingen (Schweiz)

15. - 16.01. 2012

Zirkuslektionen für Freizeitpferde mit Marlitt Wendt Infos und Anmeldung unter 04102 / 97 45 75

nahe Köln

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Termine • Termine • Termine Januar 21.-22-01. 2012

Dualaktivierung mit Andrea Eschbach www.eschbach-horsemanship.com Info & Anmeldung: info@eschbach-horsemanship.com

Kleindöttingen (Schweiz)

27. - 28.01. 2012

Seilarbeit mit Markus & Andrea Eschbach www.eschbach-horsemanship.com Info & Anmeldung: info@eschbach-horsemanship.com

Kleindöttingen (Schweiz)

29.01. 2012

Die Kinderreitspielgruppe (Fortbildung für Ausbilder) mit Wibke Behrens Infos u. Anmeldung bei Wibke Behrens: 04346/8136

24214 Lindau

Februar 10.02. 2012

Die nächsten Hufspuren erscheinen! Irrtum und Änderungen vorbehalten.

Impressum Hufspuren - Das Magazin für‘s Pferdeglück Herausgeber / Redaktion: Nele Feldmann Winterberger Straße 25 33647 Bielefeld info@meine-hufspuren.de Text- & Bildbeiträge in dieser Ausgabe: Marc Amelsberg, Conny Blauschmidt, Nele Feldmann, Birgit Feldt, Katharina Gruhle, Gentle Horse Concepts, Anna Jegerczyk, Diana Kampmann, Angela Kraft, Esther Naeter, Susett Queisertt, Babette Teschen, Two Crows Ranch, Nina Walther Titel-Schriftbild: Joebob Graphics http://www.joebob.nl/ Anzeigen / Präsentationen: Empfehlungen der Redaktion erfolgen unentgeltlichnach bestem Wissen und Gewissen.

Bezugspreis: Das Magazin steht kostenlos im Internet zum Download bereit. Internet: www.meine-hufspuren.de Die Rechte am veröffentlichten Material liegen beim jeweiligen Urheber, eine Verwendung über private Zwecke hinaus bedarf der schriftlichen Genehmigung des Urhebers. Die Redaktion behält sich vor Leserbriefe gekürzt zu veröffentlichen. Für unverlangt eingesandtes Material wird keine Haftung übernommen. Mit der Einsendung von Beiträgen überträgt der Urheber dem Magazin das Recht der Nutzung, ein Anspruch auf Vergütung besteht nicht. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Das Magazin erzielt keine Einnahmen und zahlt keine Vergütungen. Es dient ausschließlich als privates Informationsportal.

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Liebe Pferdefreu nde, die „Hufspuren“ sollen allen Pferdefreu nden kostenlos zur Verfügu ng steh en. Das h eißt Ih r dürft sie kopieren, weiterleiten, ausdrucken u nd im Reiterstübch en auslegen u nd auch gern als Arbeitsmaterialien verwenden. Trotzdem u nterliegen alle Beiträge dem deutsch en Urh eberrech t. Dah er ist es nur getstattet Texte u nd Bilder ganz oder auszugsweise zu verwenden wenn Ih r Qu elle u nd Autor angebt. Eine komm erzielle Verwendu ng der Beiträge sowie ein Abdruck oh ne Qu ellenangabe sind nich t gestattet. Bitte haltet Euch daran, damit die „Hufspuren“ auch in Zuku nft vielen Reitern Freude bereiten u nd Hilfestellu ng geben können. Danke, Eu er „Hufspuren“-Team.

Hufspuren Dezember/Januar 2011/12  
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