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INHALT EINLEITUNG DIE GESCHICHTE ALS SCHLÜSSEL ZUM VERSTÄNDNIS DER GEGENWART x x x x x

Geschichte wie wir sie lernen... Die Funktion von Wissenschaft Wissenschaft und Herrschaft Was ist Geschichtswissenschaft? Wie aus Geschichte lernen?

FASCHISMUS - VERSUCH EINER DEFINITION x x x x x

Soziale Funktion im Widerspruch zur sozialen Basis Ideologie: Führerprinzip, Nationalismus und Rassismus Pseudorevolutionäre Rhetorik und faschistische Massenbasis Die Absage an die Aufklärung - der faschistische Wertekatalog Faschistische Machtergreifung und Machterhalt

GESCHICHTE DES FASCHISMUS IN DEUTSCHLAND x x x x x x x

Der Erste Weltkrieg und seine Vorgeschichte Die Kriegsfolgen in Deutschland Die Weimarer Republik Die Präsidialkabinette Die NSDAP Der Weg zur Macht und Machtübernahme Das Versagen der Linken

DER ITALIENISCHE FASCHISMUS x x x x x x x

Von der italienischen Einigung bis zum Ersten Weltkrieg Der Erste Weltkrieg Die Kriegsfolgen in Italien Das Zaudern der Linken Der Weg zur Macht Die Machtübernahme Die "Faschisierung" des Staates

DER FASCHISMUS AN DER MACHT x x x x SEITE|2

Machtsicherung Herstellung des "Nationalen Klassenfriedens" Beginn der aggressiven Außenpolitik Der "Totale Staat"

WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB... SECHS THESEN ZUM FASCHISMUS NACHWORT IMPRESSUM WEITERFÜHRENDE LITERATUR

3 4 4 5 5 6 7 8 10 10 11 12 14 14 14 16 18 20 23 28 30 32 32 33 35 39 39 41 42 44 44 45 46 46 48 50 55 56


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01| DIE ANFÄNGE IN ITALIEN UND DEUTSCHLAND

EINLEITUNG Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, besonders den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, beschränkte sich in Österreich bis Mitte der 1980er vor allem auf die Rolle Österreichs als "erstes Opfer des Nationalsozialismus". Des NSTerrors zu gedenken, hieß damit in erster Linie, sich nicht die eigenen, sondern deutsche Untaten in Erinnerung zu rufen. Inzwischen besteht weitgehend ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass während der NS-Ära nicht nur ungeheure Verbrechen stattfanden, sondern, dass zehntausende ÖsterreicherInnen maßgeblich an ihnen beteiligt waren. Jetzt, da die beteiligten Generationen im Aussterben begriffen sind, entwickelt sich auch endlich eine "Gedenkkultur", die von breiten Bevölkerungsschichten gutgeheißen oder zumindest nicht mehr offen bekämpft wird. Diese "Gedenkkultur" konzentriert sich - ebenso wie die Vermittlung des Themas an Schulen und Unis - vor allem auf den menschenverachtenden Wahnsinn, in dem der Nationalsozialismus letztlich gipfelte. "Nie wieder Auschwitz" ist eine Parole, die - spät genug - fast allen PolitikerInnen abseits der FPÖ relativ leicht über die Lippen kommt. Gehen wir ein bisschen in die Tiefe, ist es mit den Gemeinsamkeiten allerdings bald vorbei. Wie sah die Welt aus, die faschistische Bewegungen hervorbrachte? Worin ähnelt sie der Welt, in der wir heute leben, und wo unterscheidet sie sich von ihr? Wie gelangten Organisationen wie die NSDAP zur Macht? Waren die Horden Hitlers einzigartig, oder gab es auch in anderen Ländern ähnliche Bewegungen? Von welchen gesellschaftlichen Gruppen wurden die Braunen unterstützt, und von welchen bekämpft? Wer wurde von den Nazis unterdrückt - und wer profitierte von ihrem Terrorregime? Und wie sollen wir aus der Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft lernen, ohne Antworten auf diese Fragen?

Die vorliegende Broschüre stellt in Verbindung mit den beiden anderen von uns herausgegebenen Publikationen "Faschismus in Österreich" und "Faschismustheorien" den Versuch dar, sich theoretisch mit den Systemen hinter dem Grauen auseinander zu setzen. Nicht die faschistischen Regime und die Verbrechen, die sie nach ihrer Machtübernahme begingen, stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie die faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien überhaupt erst an die Macht gelangen konnten. Die angeführten Dokumente betreffen dabei vor allem den deutschen Faschismus. Einerseits, weil er am besten erforscht ist und bis heute keine umfassenden deutschsprachigen Übersetzungen von Dokumenten des italienischen Faschismus verfügbar sind. Andererseits aber auch, weil er für die meisten LeserInnen von größerem Interesse sein wird. Abschließend noch eine Bemerkung des Verfassers: Die Broschüre ist in geschlechtergerechter Sprache abgefasst. Dadurch soll darauf hingewiesen werden, dass Geschichte von Männern und Frauen gemacht wird, was in den herkömmlichen (rein männlichen) Formulierungen untergeht. Frauen werden dort bestenfalls "mitgedacht", es geht aber darum, ihren Anteil sichtbar zu machen. Aufmerksamen LeserInnen wird dennoch nicht entgehen, dass in der Broschüre nicht geschlechtsneutral formuliert wird. Das stellt keine Achtlosigkeit dar. Es wurde bewusst davon abgesehen, Frauen "mitzumeinen", wenn Geschichte dargestellt wird, in der so gut wie ausschließlich Männer eine aktive Rolle spielten und Frauen zur Passivität gezwungen waren: zu den Merkmalen des Faschismus zählt eine scharf antifeministische Haltung. Das und der Umstand, dass Frauen innerhalb faschistischer Bewegungen und Systeme nie Schlüsselrollen besetzten, ändert zwar nichts an den Sympathien, die zweifellos auch viele Frauen für den Faschismus empfanden. Aber nachdem sie nicht aktiv ins Geschehen eingreifen konnten, sondern praktisch nur Statistinnen abgaben, bleiben sie sprachlich ausgeklammert, wenn von faschistischen Akteuren die Rede ist. SEITE|3

Florian Wenninger Wien, im Herbst 2003


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DIE GESCHICHTE ALS SCHLÜSSEL ZUM VERSTÄNDNIS DER GEGENWART GESCHICHTE, WIE WIR SIE LERNEN... Die Frage, warum wir uns mit Geschichte allgemein und jener des Faschismus im Besonderen befassen sollten, wird sich jede/r im Lauf der eigenen Schulzeit gestellt haben. Und tatsächlich: Warum sollen wir Bescheid wissen über Feldherren und ihre Schlachten, über das pompöse Leben am Hof der Kaiser und Könige, über die Dekrete der Päpste? Was macht es aus, wer Amerika "entdeckt" hat? Welchen Sinn hat das Auswendiglernen der endlosen Abfolgen von Jahreszahlen und Herrschernamen? Wozu sollen wir wissen, dass Ludwig XIV. angeblich stolz darauf gewesen sein soll, in seinem Leben in Nichts außer Parfum gebadet zu haben? Welchen Wert hat für uns die Information über das Leben auf Burgen und die stolzen Taten der Ritter? Ist das alles wirklich "unsere" Geschichte? Weshalb haben wir das Gefühl, dass die Menschheitsgeschichte, die wir in der Schule lernen, so wenig mit uns zu tun hat? Wieso bleibt bei all dem, was uns da erzählt wird, die Geschichte von 99,9 Prozent der Bevölkerung ausgeklammert? Im Unterschied zur Geschichte der Herrschenden erfahren wir über das Schicksal der Beherrschten so gut wie nichts - ein Zufall?

"Fragen eines lesenden Arbeiters" Bert Brecht

Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? Wohin gingen an dem Abend, Wo die Chinesische Mauer fertig war Die Maurer? Das große Rom Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang Die Ersaufenden nach ihren Sklaven. Der junge Alexander eroberte Indien Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte Untergegangen war. Weinte sonst niemand? Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen?

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So viele Berichte. So viele Fragen.


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01| GESCHICHTE ALS SCHLÜSSEL ZUR GEGENWART

Fragen wir nach dem Sinn von Geschichtswissenschaft, bekommen wir meist eine verschwommene Antwort, die in der Erklärung mündet, wir sollten "aus der Geschichte lernen". Nur: Wie soll das gehen? DIE FUNKTION VON WISSENSCHAFT In anderen Bereichen der Wissenschaft lässt sich die Frage einfach beantworten: Durch die jahrhundertelange Beobachtung von Naturphänomenen war es dem Menschen mit der Zeit möglich, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Die Menschen stellten beispielsweise fest, dass Pflanzen abhängig von Jahreszeiten und Wetterlagen besser oder schlechter gedeihen. Sie leiteten ab, wann die Saat ausgebracht werden und die Ernte vonstatten gehen sollte - der Beginn von Astronomie und Agronomie (Landwirtschaftslehre). Die Erkenntnis, dass der Verzehr bestimmter Substanzen heilende Wirkung hat, bildete den Ursprung der Medizin - die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Auf der Basis des gewonnenen Wissens begannen die Menschen, Naturphänomene bewusst zu nützen und schließlich zu steuern. Kurz gesagt: Wissenschaft bildete zu allen Zeiten die Grundlage des technischen, somit aber auch des gesellschaftlichen Fortschritts. WISSENSCHAFT UND HERRSCHAFT Mit dem Anfang der Wissenschaft in den altorientalischen Hochkulturen vor ungefähr 5000 Jahren ging die Entwicklung der Klassengesellschaft einher. Bis dahin hatten die Menschen mehr oder weniger von der Hand in den Mund gelebt: Sie waren als NomadInnen umher gezogen und hatten von dem gelebt, was sie gerade jagen bzw. sammeln konnten. Die Anhäufung von größeren Reichtümern war kaum bzw. gar nicht möglich gewesen, weil alle nur besaßen, was sie tragen konnten. Das änderte sich zunächst mit dem Beginn der Viehzucht und in weiterer Folge mit den Anfängen des Ackerbaus und der damit verbundenen Sesshaftwerdung. Nun waren die Menschen erstmals in der Lage, mehr zu produzieren, als sie zum täglichen Leben be-

nötigten. Alles, was darüber hinaus ging, konnte nun in Vorratslagern aufbewahrt werden. Es war aber ab diesem Zeitpunkt auch möglich, sich den Überschuss, den andere produzierten, anzueignen. Diejenigen, die über die Macht verfügten, sich fortan den - von anderen geschaffenen - Überschuss anzueignen, werden in der marxistischen Theorie als herrschende Klasse bezeichnet. Ein zentrales Element ihrer Herrschaft war und ist seitdem der Versuch, die Wissenschaften möglichst weitgehend zu monopolisieren. Damit war die Masse der Menschen auf das Wissen einiger weniger angewiesen. Solange die herrschende Klasse die Wissenschaft kontrollierte, hatte sie maßgeblichen Einfluss auf den gesellschaftlichen Fortschritt.1 Wissenschaft erhielt nun eine ideologische Funktion. Es ging nämlich nicht mehr nur darum, Naturgesetze zu beobachten und daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Die Wissenschaft begann auch, die Welt zu interpretieren. Das heißt, sie begann, gesellschaftliche Phänomene mit dem gleichen "objektiven" Anspruch zu erklären wie zuvor Vorgänge in der Natur. Es war naheliegend, dass diese Analysen überwiegend den Interessen der Herrschenden entgegenkamen: x Arm und Reich wurden zu "natürlichen Zuständen" erklärt. x HerrscherInnen waren damit "natürlich" bzw. gottgewollt. x Den beherrschten Massen wurde "wissenschaftlich" erklärt, sie seien zur Unterordnung verpflichtet, dies wäre zu ihrem eigenen Besten. x Folgerichtig waren alle Bestrebungen, die sich gegen die Herrschenden und die ungerechten Besitzverhältnisse richteten, "unnatürlich" bzw. "sündhaft". Diese Tatsache ist keineswegs auf die graue Vorzeit beschränkt, Beispiele aus der Gegenwart gäbe es zuhauf - so etwa den Streit um Medikamente, die zur Bekämpfung von AIDS entwickelt wurden. Durch die Patentierung dieser Medikamente verhindern Pharma-Konzerne seit Jahren, dass Millionen Menschen diese, für sie lebensnotwendigen Erkenntnisse, nutzen können. Die Pharmaindustrie kann durch ihr Wissensmonopol die Preise diktieren, zu denen die Medikamente abgegeben werden. Wer nicht zahlen kann, ist zum Tod verurteilt. 1

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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Wissenschaft die Möglichkeit bietet, Gesellschaft und Natur planvoll zu gestalten und damit menschliche Bedürfnisse besser zu befriedigen. Gleichzeitig ist Wissenschaft aber ein Mittel der Herrschaft und der Unterdrückung. Wenn es im Interesse der Herrschenden lag, wurden Erkenntnisse verfälscht. Durch diese Verfälschung und deren Einbettung in ein irrationales Weltbild wurde der wissenschaftliche samt dem gesellschaftlichen Fortschritt gehemmt.2 Das irrationale Bild der Welt, das in den vergangenen Jahrhunderten im Dienste der Herrschenden entworfen worden war, wurde in zwei Etappen von den Naturwissenschaften entscheidend ins Wanken gebracht: x Kepler, Galilei und Newton wiesen nach, dass die Welt der toten Materie von inneren Bewegungsgesetzen gesteuert wird und nicht durch göttlichen Willen. x Darwin erbrachte den Beweis, dass sich alle Lebewesen (und damit auch der Mensch) durch Evolution weiterentwickeln. Die menschliche Entwicklung war damit nicht länger ein "göttlicher Schöpfungsakt", sondern ein erklärbarer Prozess.

SEITE|6 2 Ein historisches Beispiel wäre die Verfolgung und Reglementierung von Medizin, Physik und Astronomie durch die katholische Kirche.

WAS IST GESCHICHTE? Wir befinden uns in der dritten Etappe der Auseinandersetzung mit dem irrationalen Weltbild. Deren Kernfrage lautet: Ist die Menschheitsgeschichte ein zusammenhängender Prozess, der bestimmten Gesetzen folgt, oder besteht sie aus einer mehr oder weniger zufälligen Abfolge von einzigartigen Vorgängen und Persönlichkeiten? Darauf gibt es zwei Antwortmöglichkeiten: Wie vollzieht sich Geschichte? 1. Bürgerliche sagen: Geschichte ist einmalig und wiederholt sich nicht, weil.. x Geschichte keine Struktur besitzt, sondern nur eine chaotische Ansammlung individueller Begebenheiten darstellt. x Menschen einmalig sind und "große Menschen" (meist Männer) diese Geschichte machen. Aus den oben genannten Gründen ist ein Teil der Bürgerlichen folgerichtig auch der Meinung, es lasse sich wissenschaftlich nichts aussagen über das Woher und Wohin der Geschichte. Eine zweite Gruppe unter ihnen ist aber der Meinung, Geschichte folge durchaus eigenen Gesetzen. Durch Menschen "gemacht" wird die Geschichte aber trotzdem nur bedingt, weil... x ... der Mensch durch Triebe und Instinkte gesteuert und diesen "Naturgesetzen" unterworfen ist. x ... der Mensch nach dem Willen Gottes handelt: "Den letzten Sinn der Geschichte als Ganzes vermögen wir nicht zu verstehen; den kennt Gott alleine." Beiden Argumentationsmustern gemeinsam ist die Grundannahme, dass Geschichte kaum bzw. gar nicht durch rationales menschliches Handeln beeinflusst werden könne.


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01| GESCHICHTE ALS SCHLÜSSEL ZUR GEGENWART

Der Reichsverband der Deutschen Industrie zur "Autorität der Persönlichkeit": "Solange man in der Geschichte zurückblicken kann, vermag man festzustellen, dass die Schicksale der Völker von großen Persönlichkeiten geformt sind. ... Diese schöpferische Kraft der Persönlichkeit, die uns leider heute auch im Staate fehlt, können wir in keinem Wirtschaftsbetrieb entbehren. ..." Quelle: Veröffentlichungen des RDI, Nr. 48, 1929, Berlin 1919 - 1932.

Wie vollzieht sich Geschichte? 2. SozialistInnen sagen:

x Die Menschen machen ihre Geschichte selbst. Es gibt keinen Gott, der uns lenkt, und es gibt kein "Endziel der Geschichte"! x Geschichte ist nichts als die Summe menschlichen Handelns. Menschen tun Dinge, um bestimmte Zwecke zu erreichen. Geschichte besteht aus den Resultaten dieses Handelns, unabhängig davon, ob dabei die selbstgesteckten Ziele der Menschen letztlich erreicht werden oder nicht. x Trotzdem ist Geschichte kein "Zufall". Menschen können nicht unabhängig von einander und von ihrer Umwelt agieren, sondern sie müssen immer auf dem aufbauen, was sie vorfinden. Z. B. ist die Entwicklung neuer Medikamente nur möglich, weil auf bereits bestehenden Erkenntnissen aufgebaut werden kann; Sesshaftwerdung war nur dort möglich, wo die Nutzpflanzen angebaut werden konnten etc. x Veränderungen in der Gesellschafts- und Eigentumsordnung werden in der Geschichte immer erkämpft gegen den Widerstand der jeweils herrschenden Klasse. Das Grundgesetz der Geschichte ist die permanente Auseinandersetzung zwischen den Klassen - der "Klassenkampf".

WIE AUS DER GESCHICHTE LERNEN? Warum ist die Beantwortung der Frage, was Geschichte ist, so wichtig? Ganz einfach - weil von der jeweiligen Antwort abhängt, ob und wie wir aus Geschichte lernen können. Ist alles in der Vergangenheit nur Zufall, das Werk großer Männer oder gar Gottes gewesen, folgt daraus, dass wir am Lauf der Geschichte im Grunde gar nichts ändern können. Welchen Wert hat nun die Auseinandersetzung mit Geschichte? Eine Antwort darauf gibt uns die für Bildung und Wissenschaft zuständige Sektion der Vereinten Nationen, die UNESCO. Sie definiert Wissenschaft als "eine planvolle Anstrengung der Menschen, durch das objektive Studium betrachteter Phänomene Kausalzusammenhänge zu erkennen und zu beherrschen, um aus dem Verständnis der in der Natur und in der Gesellschaft beobachteten Prozesse und Phänomene Nutzen zum Wohle der Menschheit zu ziehen". 3 Bezogen auf die Geschichtswissenschaft bedeutet das, dass aus der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft Schlüsse auf deren Gegenwart und Zukunft gezogen werden können. Die Geschichtswissenschaft ist gewissermaßen das "Gedächtnis der Menschheit": So wie die Erinnerung an den Schmerz ein Kind davon abhält, mehrmals auf eine heiße Herdplatte zu greifen, kann also Geschichtsschreibung Gesellschaften davor bewahren, Fehler zweimal zu machen. Geschichte wiederholt sich nie exakt gleich. Aber es gibt Grundtendenzen, die gleich bleiben. Und genau diese Grundtendenzen müssen wir ausfindig machen. Dazu ist es notwendig, unsere Geschichte zu kennen. Unsere Geschichte ist nicht die der Herrschenden, sondern die der Beherrschten. Um Lehren für unseren Kampf um bessere Lebensbedingungen ziehen zu können, brauchen wir den Erfahrungsschatz der vergangenen Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende. Denn SEITE|7 Aus der "Deklaration zur Stellung der wissenschaftlichen Forscher", verabschiedet von der Generalkonferenz der UNESCO am 23.11.1974.

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FASCHISMUS um ein besseres Leben kämpft die breite Masse der Beherrschten seit Menschheitsgedenken. Wie viel aber wissen wir über die Erfolge, wie viel über die Ursachen der Niederlagen in diesem Kampf? Was wissen wir über unsere GegnerInnen? Wie haben sie sich in der Vergangenheit Reichtum und Macht gesichert, mit welchen Mitteln übten sie ihre Herrschaft in welchen Situationen aus? Diese Broschüre soll solche Fragen im Bezug auf den Faschismus klären helfen. Es ist klar, dass es sich nur um einen Einstieg handeln kann, jede/r ist aufgerufen, sich selbst weiterzubilden.

Der Begriff "Faschismus" leitet sich ursprünglich von einer Bewegung ab, die in Italien nach dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde, dem "fascio di combattimento" (Kampfbund). Das Wort "fasces" bezeichnet lateinisch das Herrschaftssymbol der Liktoren (einer Art Leibgarde der Herrscher im alten Rom), ein Rutenbündel mit einer Axt in der Mitte. Schon bald wurde der Name dieser Bewegung um Mussolini, die 1922 in Italien an die Macht gekommen war, zum (oft ungenauen) Sammelbegriff für ähnliche Bewegungen in anderen Ländern. Gemeinsam war ihnen ihre nationalistische, antisozialistische, autoritäre und antiparlamentarische Stoßrichtung. Was nun als "faschistisch" zu gelten habe und was nicht, darüber gibt es seit beinahe achtzig Jahren eine rege Diskussion mit vielen verschiedenen Ansätzen. Schwierig ist die Klärung dieser Frage auch deshalb, weil kaum eines der in Frage kommenden Regime sich selbst "faschistisch" nannte. Große Teile der Heimwehrbewegung in Österreich beispielsweise machten aus ihren Sympathien für Mussolini keinen Hehl. Der "Korneuburger Eid", den die versammelten Heimwehrführer am 18. Mai 1930 schworen, diente nach den Worten des Heimwehrführers Steidle dazu, "sich ... für das faschistische System zu erklären". Was das aber, neben der Abschaffung der parlamentarischen Demokratie und der Niederschlagung der organisierten ArbeiterInnenschaft, genau hieß, darüber herrschte auch in der Heimwehr wenig Einigkeit. Nicht wenige Repräsentanten der Heimwehr lehnten den Faschismus als "undeutsch" ab. Ebenso sahen viele italienische

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Ein Liktor mit fascis symbolisierte die königliche Macht im alten Rom, zu züchtigen (Rutenbündel) und mit dem Tod zu bestrafen (Axt)


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02| FASCHISMUS - VERSUCH EINER DEFINITION

- VERSUCH EINER DEFINITION

Gefolgsleute Mussolinis im "Fascismo" etwas typisch Italienisches, das nur in Italien funktionieren könne. Um heute zu einer brauchbaren Definition zu kommen, genügt es nicht, Geschichte oberflächlich nachzuerzählen. Es reicht nicht aus, sich in der Analyse der betreffenden Regime nur auf einzelne Aspekte zu konzentrieren, z. B. auf die Art und Weise, wie geherrscht wird. Und es ist auch nicht gut möglich eine Art "Checklist" zusammenzustellen, um eine Partei oder Bewegung anhand ihres Programms zweifelsfrei als "faschistisch" einstufen zu können. Ein politisches Phänomen wie der Faschismus kann nur verstanden werden, wenn die Vorbedingungen eingehend analysiert werden, unter denen er in der Vergangenheit groß werden konnte. Denn eine der größten Gefahren des Faschismus ist seine Wandlungsfähigkeit, seine Tarnung, seine Eigenschaft, erst wenn er an die Macht gelangt ist, zu zeigen, was ihm wirklich innewohnt. Das heißt, ein Urteil kann und darf nicht allein daraus abgeleitet werden, was ein Agitator oder eine Partei sagt bzw. in Programmen und Beschlüssen niederschreibt. Entscheidend ist die Tat, die real betriebene Politik. Wenn wir uns nun der Geschichte faschistischer Bewegungen in der Vergangenheit zuwenden, nützt es relativ wenig, nur die Schriften und Reden der "Führer" zu studieren, um das Wesen des Faschismus zu begreifen.4 Ebenso mag es zwar durchaus wichtig sein, die Gemeinsamkeiten faschistischer Bewegungen im Auftreten, hinsichtlich der (wie gesagt sehr widersprüchlichen) "Ideale" und der Organisationsstruktur etc. zu beleuchten. Aber eine Erklärung des Faschismus dürfen wir uns davon nicht erwarten. Denn

von entscheidender Bedeutung ist die Frage, wer von einer Gesellschaftsordnung, wie sie der Faschismus hervorbrachte, profitiert hat und welche sozialen Schichten unter ihr gelitten haben. Es geht kurz gesagt darum, die verschiedenen Aspekte zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, aus dem sich die soziale Funktion des Faschismus in seiner Aufstiegsphase und in der ersten Zeit an der Macht erklären lässt. Denn auch wenn ein Maschinengewehr aus vielen verschiedenen, für TechnikerInnen interessanten Teilen besteht, darf doch in der Auseinandersetzung mit diesem Sammelsurium von Schrauben, Federn und Rohren der eigentliche Sinn und Zweck nicht außer Acht gelassen werden: zu schießen - und zu töten. Der Versuch eine "faschistische Typologie" aufzustellen ist also aus den genannten Gründen problematisch, doch ist sie unerlässlich, wenn das Thema eingehend analysiert werden soll. Dazu sind Abgrenzungen nötig: Nicht jede bösartige Diktatur ist automatisch faschistisch. Die nachfolgende Liste übereinstimmender Merkmale versteht sich als grober Leitfaden.

Es kann aber durchaus gewinnbringend sein, diese für die Öffentlichkeit bestimmten Gedanken von Hitler & Co. mit dem zu vergleichen, was dann in der Praxis aus ihnen wurde. So lässt sich nämlich feststellen, was davon einer vorauseilenden Legitimierung diente, etwa der Antimarxismus, der die Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung im Voraus zu rechtfertigen begonnen hatte. Darüber hinaus wird aber auch klar, was lediglich der Propaganda gedient hatte und nun, da die Möglichkeit bestand es auch tatsächlich umzusetzen, links liegen gelassen wurde.

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IDEOLOGIE: FÜHRERPRINZIP, NATIONALISMUS UND RASSISMUS

"Führer" und Gefolgschaft. Zu den wichtigsten Kennzeichen des Faschismus gehört eine Politik, die sich letztlich gegen die Masse der eigenen AnhängerInnen richtete

SOZIALE FUNKTION IM WIDERSPRUCH ZUR SOZIALEN BASIS Durchgehend haben sich faschistische Bewegungen in ihrer Aufstiegsphase als Bewahrer des kapitalistischen Privateigentums vor dem "marxistischen Bolschewismus" dargestellt. Gleichzeitig präsentierten sie sich als Retter der ArbeiterInnenschaft bzw. des "Mittelstandes" vor dem "raffgierigen Kapitalismus".

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In der Realität blieb von den Ankündigungen nur der Schutz der herrschenden Schichten vor der organisierten ArbeiterInnenschaft übrig: Zerschlagung der Linksparteien und der Gewerkschaften, Abschaffung bisher erkämpfter ArbeiterInnen-Rechte, die Ausstattung von Unternehmen mit militärischer Verfügungsgewalt über ihre ArbeiterInnen usw. Damit begannen die faschistischen Bewegungen, nach ihren jeweiligen "Machtergreifungen", Politik gegen einen Großteil ihrer eigenen Gefolgschaft zu machen. Die Masse des faschistischen Fußvolks kam nämlich aus dem Mittelstand, dem Kleinbürgertum und der unorganisierten ArbeiterInnenschaft.

Die Vorstellung von der prinzipiell unterschiedlichen Wertigkeit von Menschen und Völkern, von der "natürlichen Auslese", die dafür Sorge tragen würde, dass die "von Natur aus am meisten Befähigten" die Geschicke der Gemeinschaft leiten würden, ist vermutlich der Kernpunkt faschistischer Ideologie. Ein Blick in die politische Landschaft der Gegenwart genügt allerdings, um festzustellen, dass dieses hierarchische Prinzip keineswegs auf faschistische Bewegungen beschränkt ist. Im Gegenteil: Die unterschiedliche Wertigkeit, das Prinzip der Auslese, der Konkurrenzkampf - all das sind auch die bestimmenden Elemente der "freien Marktwirtschaft", wenn mittlerweile auch ohne (zumindest offen geäußerter) Ausdehnung auf "Rassen": "Der/die Tüchtige" oder "das beste Produkt" setzt sich durch - zum Wohle aller, versteht sich. Im Unterschied zu vielen anderen proklamierten Inhalten und Zielen waren weder FührerPrinzip noch Rassismus bloße Propaganda. Diese Inhalte dienten nicht der Maximierung des eigenen Gefolges in der Aufstiegsphase der jeweiligen Bewegungen. Sie sollten vielmehr geistig auf deren aggressive Außen- und Wirtschaftspolitik vorbereiten und der totalen Militarisierung der Gesellschaften in den betroffenen Ländern den Weg ebnen. Wenn nämlich Raubkriege geführt und Völker unterjocht und ausgebeutet werden sollen, dann bedarf das einer Erklärung.5 Die Minderwertigkeit der anderen Völker und die "natürliche Überlegenheit" der eigenen Nation ist die nächstliegende, simpelste und wirksamste propagandistische Rechtfertigung. Erstens, weil Angriffskriege und das Ausplündern fremder Länder dann zu "natürlichen" Vorgängen werden. Zweitens, weil sich damit auch für sozial deklassierte Schichten in der angeblich "höherwertigen Nation" die MöglichHier muß erwähnt werden, dass eine aggressive Aussenpolitik nicht Kennzeichen aller faschistischer Bewegungen war. In kleinen Ländern ohne entsprechendes militärisches Potential, wie z.B. Österreich, richtete sich der Faschismus "nur" gegen die Linke im eigenen Land. 5


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02| FASCHISMUS - VERSUCH EINER DEFINITION

keit ergibt, sich der Schar der Auserwählten zugehörig zu fühlen. Drittens, weil vorhandene Missstände im eigenen Land auf konstruierte "Außenfeinde" zurückgeführt werden, die es zu bekämpfen gelte.6 Über die Funktion von Außenfeinden "Es gehört zur Genialität eines großen Führers, selbst auseinanderliegende Gegner immer als nur zu einer Kategorie gehörend erscheinen zu lassen ... Daher muss eine Vielzahl von innerlich verschiedenen Gegnern immer zusammengefasst werden, so dass in der Einsicht der Masse der eigenen Anhänger der Kampf nur gegen einen Feind allein geführt wird." Adolf Hitler in "Mein Kampf"

PSEUDOREVOLUTIONÄRE RHETORIK UND FASCHISTISCHE MASSENBASIS Eine der Kernforderungen der ArbeiterInnenbewegung hatte sich bis nach dem Ersten Weltkrieg in den meisten europäischen Staaten durchgesetzt - die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Diese Konzession, das war auch den wildesten Gegnern eines solchen Schrittes in den Reihen der Rechten klar, war in Anbetracht eines drohenden linken "Umsturzes" nicht zu umgehen. Die Gründe für die Ablehnung des allgemeinen Wahlrechtes durch die Konservativen und Rechten liegen auf der Hand: Wer dann nämlich nicht Politik im Sinne der Mehrheit macht, läuft zwangsläufig Gefahr, von dieser früher oder später abgewählt zu werden (was, wie die Geschichte zeigt, allerdings lang dauern kann). Bevor die breite Masse der Bevölkerung wählen durfte, waren die bürgerlichen Parteien elitär strukturiert gewesen. Nach der Demokratisierung ihrer Länder, als der gehasste "Pöbel" wählen durfte, sah sich die politi6 Der deutsche Faschismus benannte etwa als Grund für die Wirtschaftsmisere "jüdische Machenschaften" sowie die Tatsache, dass Deutsche und Italiener Völker "ohne Raum" seien. Der benötigte "Lebensraum" (bzw. seine Reichtümer) sei "von Minderwertigen besetzt" und müsse "erkämpft werden".

sche Rechte genötigt sich ideologisch zu öffnen und zumindest öffentlich zu behaupten, ihre Politik auf die Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit abstimmen zu wollen. Anders war der Abstieg in die politische Bedeutungslosigkeit nicht zu verhindern. Das wohl sichtbarste Zugeständnis an die neue Zeit war in diesem Zusammenhang die Aufnahme der Adjektive "demokratisch" bzw. "sozial" in die verschiedenen Parteinamen. Der Horror der Schützengräben, das kriegsbedingt weiter verschlimmerte Elend breiter Schichten und schließlich die Wirtschaftskrise im Gefolge des Ersten Weltkriegs ließen die breiten Massen nach einer Alternative zum kapitalistischen System suchen, um Not und Armut endgültig zu überwinden. Diese Suche drückte sich anfangs vor allem in Aufständen, Hungerrevolten und Revolutionsversuchen aus. Nachdem sich die bürgerliche Demokratie als Staatsform fürs erste einigermaßen behauptet hatte, wurde der breite Wunsch nach grundlegenden Änderungen besonders in den Verliererstaaten des Weltkrieges auch in Wahltriumphen der Linksparteien deutlich. Diese schickten sich nunmehr an, so schien es vielen, das System auf demokratischem Weg aus den Angeln zu heben. Guter Rat war teuer, denn keine der bis dahin existierenden rechten Parteien verfügte über eine aktivierbare Massenbasis, die im Stande war den "Roten" entgegenzutreten. Und die Polizei- und Armeekräfte waren entweder - wie etwa in Österreich - selbst von "Umstürzlern" unterwandert oder ganz einfach militärisch nicht in der Lage, eine etwaige rechte Diktatur gegen den breiten und organisierten Widerstand der Bevölkerung zu erzwingen. Die Antwort der herrschenden Schichten auf dieses Problem war das Bündnis mit dem Faschismus. Denn als einzige rechtsradikale Strömung verfügte der Faschismus über eine relativ große und radikalisierte Anhängerschaft. Und weder Mussolini noch Starhemberg oder Hitler hatten Schwierigkeiten damit, in ihrer Propaganda zwar die Ausbeutung des "kleinen Arbeiters" durch "das Großkapital" und "die Bonzen" zu geißeln, gleichzeitig aber Gewerkschaften und Linksparteien vehement zu

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bekämpfen. Während auf den Straßen von einer "faschistischen Revolution" die Rede war, wurde den Reichen signalisiert, man werde sie und ihr Eigentum vor dem "Kommunismus" retten. Dem linken Begriff des "Klassenkampfs" setzte die faschistische Propaganda die Parole von der "Volksgemeinschaft" entgegen. Das Wirtschaftssystem dieser "Volksgemeinschaft" sollte "die Interessen sowohl der Arbeitenden als auch der UnternehmerInnen bündeln und damit letztlich dem Wohle aller dienen, statt sich gegenseitig unsinnig zu bekriegen."7 Dem Ruf nach der sozialistischen Revolution begegnete der Faschismus mit der Forderung nach einer "nationalen Revolution". Diese "nationale Revolution" würde "Arbeit und Brot für alle" bringen, ebenso das Ende des "volkszersetzenden Klassenkampfes". Statt dessen würden "Ruhe und Ordnung wieder(!)hergestellt". Mit diesem in sich widersprüchlichen Mix an Versprechungen und Beschuldigungen konnte der Faschismus große Teile des KleinbürgerInnentums, der BeamtInnenschaft, der Bildungseliten und der bäuerlichen Schichten für sich gewinnen. Ihm gelangen auch nicht unbeträchtliche Einbrüche in die ArbeiterInnenschaft,8 aber der ursprüngliche Zweck wurde verfehlt: Im demokratischen Wettbewerb konnte die Linke auch vom Faschismus nicht gestoppt werden, der nicht in der Lage war, aus eigener Kraft die Macht im Staat zu übernehmen. Das vermochte er in allen Ländern nur in einem breiten Bündnis mit den herrschenden Eliten. Hier wird deutlich, dass viele Vorstellungen des Faschismus weder von ihm geboren wurden, noch mit ihm untergingen: Noch heute erklären PolitikerInnen häufig, dass ArbeitnehmerInnen und UnternehmerInnen im selben Boot säßen. Dabei wird die Tatsache ignoriert, dass es einen grundlegenden Interessensunterschied gibt UnternehmerInnen wollen für möglichst viel geleistete Arbeit möglichst wenig zahlen, ArbeitnehmerInnen hingegen möchten für möglichst wenig Arbeit möglichst viel Lohn erhalten. 8 Allerdings gelang es kaum, die in Gewerkschaften oder Linksparteien organisierten ArbeiterInnen anzusprechen. Sie erwiesen sich gegenüber der faschistischen Propaganda als weitgehend immun. 7

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DIE ABSAGE AN DIE AUFKLÄRUNG DER FASCHISTISCHE WERTEKATALOG Eine Bewegung, die in sich derartig widersprüchlich ist wie der Faschismus, muss in ihrer Propaganda gewissermaßen die Quadratur des Kreises schaffen, um sowohl die reichen Gönner als auch das arbeitende Wahlvolk anzusprechen. Naturgemäß liegt es daher im Interesse faschistischer Führer, dass sich möglichst große Teile ihrer Gefolgschaft nicht rational, also vernunftgeleitet, mit Politik auseinandersetzen. Es gibt keine vernünftige Erklärung dafür, dass Besitzende und Besitzlose die gleichen Interessen haben sollen - die einen wollen mehr haben, die anderen aber möglichst wenig - am besten nichts - von ihrem Reichtum abgeben. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, einem wie auch immer gearteten Führer zu folgen, ohne Rücksicht darauf, für wen er Politik macht. Es gibt - auch abseits moralischer Einwände - kein vernünftiges Argument dafür, sich im Rahmen eines Raubkrieges, von dem die meisten Menschen nicht profitieren, verstümmeln oder gar töten zu lassen oder selbst zum Mörder zu werden. Von der Unmöglichkeit angebliche "rassische" Höherund Minderwertigkeit rational zu belegen ganz zu schweigen. Ganz logisch steht der Faschismus daher im Widerspruch zu den Werten der Aufklärung, also rationalem Handeln, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die faschistische Ideologie schafft dementsprechend ihre eigenen Werte: An die Stelle der Vernunft und des "schnöden Verharrens im Materiellen" tritt das Ideal eines organischen Volkskörpers, dessen angebliche Interessen über den Interessen der Einzelnen stehen. Statt für die möglichst große Freiheit der Person zu kämpfen, gibt der Faschismus vor "Volksfeinde zu bekämpfen", die "nationale Demütigung" revidieren zu wollen und der Nation jene Größe zukommen zu lassen, die ihr angeblich zustünde. Wem diese nationale "Größe" nützt - nämlich einigen wenigen - wird begreiflicherweise nicht thematisiert. Dem Ideal der Gleichwertigkeit der Menschen wird die angeblich


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02| FASCHISMUS - VERSUCH EINER DEFINITION

"wissenschaftlich bewiesene" Ungleichheit der Menschen und Völker, der Rassismus, entgegengestellt. Rassistische Politik, Ausplünderung ganzer Länder oder systematischer Völkermord werden so zu einem "natürlichen", angeblich unausweichlichen Prozess. Der Kerngedanke des Faschismus, der Glaube an die Ungleichheit der Menschen, schließt drei Grundgedanken mit ein: 1. Im Rahmen der "natürlichen Auslese" wird alles "Schwache" ausgesondert. Geschieht das nicht von selbst, muss eben nachgeholfen werden. "Schwäche", gleichgültig ob physisch, psychisch oder sozial, wird "vernatürlicht". Solidarität mit den Betroffenen ist von vornherein ausgeschlossen - ihr "natürliches Schicksal" ist in der faschistischen Ideologie die "Ausmerzung". 2. Ebenso "natürlich" wie "Schwäche" ist der faschistischen Ideologie zufolge auch "Stärke". Demzufolge sind Machtpositionen in einer Gesellschaft nicht etwa durch Privilegien, wirtschaftliches Potential oder militärische Macht begründet (und somit auch wieder änderbar), sondern sie sind "natürlich" und damit irreversibel ("unveränderlich"). Der "Führer" wird von der "Natur" bzw. der "Vorsehung" für seine Funktion auserkoren, seine Befehle sind naturgewollt, wer sich widersetzt, handelt "wider die Gesetze der Natur".9

Die Verhöhnung der Werte der Aufklärung in einem Nazi-Schulbuch. Originalunterschrift: "Freiheit - jeder kann tun was er will. Gleichheit der Fleißige gilt nicht mehr als der Lump. Brüderlichkeit - Alle Rassen sind gleich."

3. Indem der Faschismus die Mechanismen einer menschlichen Gesellschaft jenen der Natur gleichsetzt, sieht er Menschen und Völker einem permanenten "Lebenskampf" ausgesetzt. Anders als viele bürgerliche TheoretikerInnen meinen, wäre etwa ein "judenreines" Herrschaftsgebiet nicht der vom deutschen Faschismus angestrebte "Endzustand der Geschichte" gewesen: Die Aggressivität und das Vernichtungspotential des Faschismus kann sich schon deshalb nicht erschöpfen, weil er aus der Bekämpfung vermeintlicher "Feinde" und vorgeblicher "Bedrohungen" einen wesentlichen Teil seiner eigenen Legitimation ableitet. Dies schließt ein friedliches Zusammenleben aus und bedarf der Verklärung von Gewalt und Brutalität als Vorbedingungen für eine umfassende Militarisierung der Gesellschaft. Durch die Überhöhung dieser ("männlichen") Ideale ist der Faschismus seinem Wesen nach scharf antifeministisch. Und wieder: Etwas abgeschwächt ist dieser Gedanke weder vom Faschismus erfunden worden, noch endete er mit diesem (Kaiser und Könige führten ihre Machtbefugnisse stets auf das "Gottgewollte", mithin in gewisser Weise auch "Natürliche" zurück; der Grund, warum es Reichtum und damit gleichzeitig Armut geben muss, wird auch heute noch von den ApologetInnen der Marktwirtschaft damit begründet, dass dem schon immer so gewesen, es mithin "natürlich" sei. Der Wunsch, den gesellschaftlichen Reichtum gerecht zu verteilen, muss somit eine Illusion bleiben, weil "widernatürlich").

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Obwohl in den meisten Fällen säkular,11 erhebt der Faschismus zudem den Anspruch, eine "Gegenreligion" zu sein, in der "Gott" durch den "Führer", die "Natur" bzw. "Naturgesetze" ersetzt wird. Die faschistischen Rituale (Totenehrungen, etc.) und die Inszenierung von Auftritten der Führer hatten pseudo-religiösen Charakter. Interessant in diesem Zusammenhang sind die Querverbindungen speziell der nationalsozialistischen Bewegung zu esoterischen Inhalten und Gruppierungen, die im Versuch gipfelten, die SS zu einem quasi-religiösen Orden zu machen. FASCHISTISCHE MACHTERGREIFUNG UND MACHTERHALT: DAS BÜNDNIS MIT TRADITIONELLEN ELITEN, MASSENBEWEGUNG UND MASSENTERROR Sowohl die italienischen Faschisten als auch die deutschen Nationalsozialisten verwendeten erhebliche Mühe darauf, ihre jeweiligen Machtergreifungen im Nachhinein zu mystifizieren. Im einen Fall war es der "Marsch auf Rom" durch die italienischen Schwarzhemden, im anderen die "nationale Erhebung" bzw. die "nationale Revolution". Sinn dieser Verklärung war es, über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass es weder dem deutschen noch dem italienischen Faschismus (auch keiner faschistischen Bewegung irgendwo sonst) gelungen war, die Macht im Staat aus eigener Kraft zu erobern. Es handelte sich also nirgends, wo der Faschismus an die Macht kam, um eine Macht"ergreifung" sondern nur um eine Macht"übernahme" im Bündnis mit anderen konservativen Kräften.

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Die "traditionellen Eliten", die aus verschiedenen Gründen mit dem bestehenden System unzufrieden waren oder die Gefahr eines linken Umsturzes fürchteten, ebneten dem Faschismus seinen Weg zur Macht. Sie taten das, weil sie aus eigener Kraft zu schwach waren (oder sich zu schwach fühlten), die Demokratie gegen den Widerstand der linken Parteien zu stürzen. Dabei erlagen sie aber dem Trugschluss, dass es ihnen gelingen werde, Hitler, Mussolini & Co. auch nach deren Aufrücken an die Spitze des Staates vollständig zu kontrollieren.

GESCHICHTE DER ERSTE WELTKRIEG UND SEINE VORGESCHICHTE Im November 1918 endete das größte bis dahin gekannte Massenmorden der Menschheitsgeschichte - der Erste Weltkrieg war vorbei. Die Mächte, die ihn begonnen hatten, Deutschland und Österreich-Ungarn, kapitulierten. Was war das für ein Krieg gewesen? Wer hatte ihn wofür und gegen wen geführt? Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Erste Weltkrieg keinesfalls wegen eines erschossenen Erzherzogs in Sarajewo begonnen wurde, sondern ein schlichter Verteilungskampf war. Im Gegensatz zu alten Industrienationen wie Großbritannien, war in Deutschland der Kapitalismus erst relativ spät dazu gekommen, sich zu entwickeln. Das hing vor allem mit der Tatsache zusammen, dass vor 1871 kein einheitliches Deutschland existiert hatte, sondern das spätere Staatsgebiet ein Sammelsurium kleinerer, teils konkurrierender Fürstentümer gewesen war. Mit einer Vielzahl von Zoll- und Steuerschranken hatten diese Ministaaten die Entwicklung einer gemeinsamen Wirtschaft massiv gehemmt. Der erste Schritt zu einem gesamtdeutschen Wirtschaftsgebiet war der Deutsche Zollverein von 1833 gewesen, der die Zollschranken zwischen vielen deutschen Staaten beseitigt hatte. Abgeschlossen wurde diese Entwicklung, die auch ein Ausnahmen bildeten etwa die Ustascha-Bewegung in Kroatien und Teile der österreichischen Heimwehr, die dezidiert katholisch waren. 10


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DES FASCHISMUS IN DEUTSCHLAND Das Grauen des Ersten Weltkrieges - zwei deutsche Soldaten mit ihrem MG während eines Giftgasangriffs an der Westfront

einheitliches Steuerwesen und eine einheitliche Gesetzgebung einschloss, durch den deutschen Sieg über Frankreich 1870/71. Der preußische König ließ sich damals in Versailles zum deutschen Kaiser krönen. Damit war das Zweite Deutsche Reich geboren und die Zeit für die deutsche Wirtschaft gekommen, durchzustarten: Innerhalb von nur 30 Jahren wurde Deutschland zum wirtschaftlich mächtigsten Industriestaat Europas. Solange die Interessen an Ressourcen, Arbeitskräften und Absatzmärkten nur mit den Anliegen der Menschen in Deutschland selbst kollidierten, wandte sich die Macht der deutschen Unternehmen auch praktisch nur gegen diese. Außenpolitisch blieb Deutschland in der Aufstiegsphase zur dominierenden europäischen Macht relativ ruhig. Im Inneren aber wurde gegen alles, was das "nationale Aufbauwerk" gefährdete, scharf vorgegangen. Militär, Kirche und Justiz wurden intensiv genutzt, um die sich zunehmend organisierende ArbeiterInnenschaft niederzuhalten.11 Etwa um die Jahrhundertwende stieß die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland aber an Grenzen: Im In der offiziellen Geschichtsschreibung wird immer wieder auf die angeblich vorbildhafte Sozialgesetzgebung des Bismarckschen Kaiserreiches hingewiesen. Dass diese einherging mit einer in Westeuropa beispiellosen Unterdrückung von SozialdemokratInnen und anderen Oppositionellen wird dabei meist übergangen. 11

Gegensatz zu den etablierten europäischen Mächten verfügte Deutschland über keine nennenswerten Kolonien, die auszuplündern waren, in denen investiert werden konnte und aus denen billige Arbeitskräfte rekrutiert werden konnten. Der Drang nach weiterer wirtschaftlicher Ausdehnung geriet in Konflikt mit der Tatsache, dass die Welt damals eben schon in Kolonien und Einflusssphären aufgeteilt war. Diese Aufteilung galt es nun zu ändern. Und für alle Beteiligten war klar: Eine solche "Neuordnung" der Welt konnte nur auf Kosten der alten Kolonialmächte, besonders Großbritanniens und Frankreichs, gehen. Da Deutschland immer vehementer seinen "Platz an der Sonne" verlangte, waren sich alle Beteiligten bewusst, dass früher oder später ein Krieg unausweichlich sein würde. Auf diese kommende Auseinandersetzung bereiteten sich beide Seiten intensiv vor, denn England und Frankreich hatten natürlich die Gefahr erkannt, die ihren Interessen von Deutschland drohte. Sie hofften darüber hinaus aber auch, eigene Expansionsziele durchsetzen zu können.12 Militärisch wurde gerüstet, was das Zeug hielt, aber auch ideologisch wurde nationaler Chauvinismus in den Massen bewusst verankert und immer weiter geschürt. Im Zentrum des Interesses lag dabei der zu dieser Zeit von der schwächelnden Türkei beherrschte Nahe Osten, einerseits wegen des Suez-Kanals, anderseits wegen der reichen Erdölvorkommen. 12

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Militarisierung und Aufrüstung als nationales Projekt: Propaganda für die deutsche Flottenrüstung um 1900

Das Wettrüsten eskalierte letzten Endes aber nicht zwischen Deutschland und den Westmächten. Der Weltkrieg brach aus, als das aufstrebende Serbien zu einem Gefahrenpotential für die bisherige Vorherrschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie auf dem Balkan wurde. Als in diesem schwelenden Konflikt der österreichische Thronfolger samt Gemahlin in Sarajewo von einem serbischen Nationalisten erschossen wurde, war der willkommene Anlass für den großen Krieg da. Weil sich in einen Krieg mit Serbien unweigerlich auch das Russische Zarenreich13 einmischen würde, stellte Österreich-Ungarn auf deutsches Drängen Serbien ein Ultimatum. Die darin erhobenen Forderungen waren absichtlich so überzogen, dass kein Staat, der auch nur ein Fünkchen Eigenständigkeit besaß, sie hätte annehmen können. Die nächsten vier Jahre entsprachen allerdings in keinster Weise den Erwartungen irgendeiner der europäischen Kriegsparteien. Die Kämpfe fuhren sich im Stellungskrieg fest, bei den vielen Versuchen, die zermürbenden Materialschlachten mit einem schnellen Sieg zu beenden, wurden Millionen Soldaten völlig sinnlos verheizt. Die europäische ArbeiterInnenbewegung war in ihrem ursprünglichen Vorhaben, das große Gemetzel im Fall eines Kriegsausbruches durch Generalstreiks zu verhindern, kläglich gescheitert. SEITE|16 Russland war seinerseits wiederum mit Frankreich und Großbritannien verbündet. 13

Eine Wende im europäischen Patt brachte erst 1917 der Kriegseintritt der USA. Kaum ein Jahr später, im Herbst 1918, waren die "Mittelmächte" Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei, obwohl die Front teils tief im Feindesland verlief, am Rande des Zusammenbruches. Um der Katastrophe zuvor zu kommen, boten beide Staaten einen Waffenstillstand an, der in Kapitulationsverhandlungen mit den Alliierten mündete. Auch das deutsche Armeeoberkommando hatte auf diesen Waffenstillstand gedrängt, um der Schmach zu entgehen, für ein völliges Zusammenbrechen der Front verantwortlich zu sein. DIE KRIEGSFOLGEN IN DEUTSCHLAND Aus den als erniedrigend empfundenen Friedensverhandlungen hielten sich die Militärs aber nobel heraus. Später setzten sie die Mär von der "im Felde unbesiegten Fronttruppe" in die Welt, die gerade von manchen ehemaligen Frontsoldaten dankbar angenommen wurde. Für viele von ihnen folgte auf das militärische Desaster, den Horror der Schützengräben und die Gefangenschaft nun die persönliche Katastrophe. Am Ende des Krieges, in der nachfolgenden Wirtschaftskrise, fanden sie nur schwer und viele gar nicht ins zivile Leben zurück und standen wirtschaftlich oft vor dem Nichts. Für die Eliten der Verliererstaaten bedeutete das Kriegsende, dass sämtliche Bestrebungen, die auf eine Vormachtstellung unter den kapitalistischen Mächten gerichtet gewesen waren, vorläufig ruhen mussten. Deutschland war zu umfangreichen Gebietsabtretungen gezwungen, die österreichisch-ungarische Monarchie hörte völlig auf zu bestehen. Darüber hinaus wurden von den Alliierten relativ hohe Reparationszahlungen und Rüstungsverbote verfügt. Praktisch alle deutschen Parteien sprachen in ihrer Propaganda nach dem Krieg von einem "Schandfrieden", der das deutsche Volk "entwürdige" und "knechte". Großzügig übergangen wurden dabei allerdings die Bedingungen des Friedensvertrages, der dem revolutionären Russland nach dessen Zusam-


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03| GESCHICHTE DES FASCHISMUS IN DEUTSCHLAND

menbruch 1917 von Deutschland und ÖsterreichUngarn aufgezwungen worden war ("Friede von BrestLitowsk").14 Ein Vertreter des deutschen Auswärtigen Amtes schrieb damals: "Das russische Verkehrswesen, die Industrie und die ganze Volkswirtschaft müssen in unsere Hände kommen. Es muß gelingen, den Osten auszubeuten. Dort sind die Zinsen für unsere Kriegsanleihen zu holen." Die Expansion nach Osten zählte also bereits lange vor Hitler zu den zentralen Interessen der herrschenden Schichten Deutschlands. Für die Gesellschaften der Verliererstaaten hatte der

Die Lüge vom "Dolchstoß" als Wahlkampfpropaganda der Rechten: "Sozialdemokraten in Gemeinschaft mit den Demokraten wollen uns zu Sklaven der Entente machen"

Krieg aber abseits der enttäuschten Profithoffnungen der Konzerne noch eine andere tiefgreifende Folge: Sie holten eine Entwicklung nach, die in den meisten anderen kapitalistischen Staaten bereits lange zuvor vonstatten gegangen war. Dort hatten im 17., 18. und 19. Jahrhundert bürgerliche Revolutionen gesiegt und das Gedankengut der Aufklärung hatte breite Schichten des BürgerInnentums erfasst. Die feudalistischen Strukturen waren überwunden und mitsamt den absolutistischen Regenten hinweggefegt worden. Statt dessen hatten bürgerliche, liberale und demokratische Vorstellungen Einzug gehalten. Nicht so im deutschen und österreichisch-ungarischen Kaiserstaat, wo sich das erst jetzt - angesichts der gewaltigen Niederlage vollzog. Den alten Eliten aus Militär, Politik und Wirtschaft konnte diese Entwicklung weder willkommen noch gleichgültig sein. Zunächst sahen sie sich aber einer noch viel ernsteren Bedrohung ihrer bisherigen Macht gegenüber. Nach dem Wegfall der Monarchie als idealem Rahmen ihrer Politik hatte ihnen die Russische Revolution recht eindrucksvoll vor Augen geführt, dass durchaus die reale Gefahr bestand, die politischen Umwälzungen könnten mit dem alten kaiserlichen System auch gleich die bisherige Eigentumsordnung beseitigen.

Die sich nun als Opfer gerierenden Kriegsverlierer hatten Russland einen Frieden diktiert, an dem gemessen der Vertrag von Versailles ein großzügiges Entgegenkommen der Sieger darstellte: Russland musste demnach auf 26 % seines Territoriums verzichten. Es verlor damit 27% des anbaufähigen Landes, 26% des Eisenbahnnetzes, 33% der Textil- und 73% der Eisenindustrie sowie 73% der Kohlengruben. 14

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Revolution in Deutschland - im Bild eine Machtdemonstration linker Soldaten, die sich in der "Roten Armee" zusammengeschlossen hatten und in München 1919 die bayrische Räterepublik ausriefen

Doch sie bekamen unerwartete Hilfe: Auch die deutsche Sozialdemokratie hielt nicht allzu viel von einer Revolution. Als sich vereinzelt Ansätze dazu zeigten,15 waren es sozialdemokratisch geführte Regierungen, die diese Aufstände mit Hilfe der reaktionären Armee und rechtsradikaler Freiwilligenverbände (den sogenannten "Freikorps") blutig niedermachen ließen.

Die linken Aufstände werden im Blut erstickt - Das rechtsradikale "Freikorps Oberland" rückt in München ein und massakriert Angehörige der "Roten Armee"

Während also die gesellschaftlichen Verhältnisse neu geordnet wurden, blieben die Besitzverhältnisse und damit auch der wesentlichste Teil der alten Machtstrukturen unangetastet. Um das zu erreichen, hatten die alten Eliten zwar Kompromisse eingehen müssen16, aber alles in allem waren sie trotzdem relativ glimpflich davongekommen. Die Armee der jungen Weimarer Republik, ihre Justiz, ihre Verwaltung, ihr Bildungsbetrieb und vor allem ihre Wirtschaft - all diese Schlüsselpositionen verblieben in den Händen SEITE|18 15 In Bayern 1919, im Ruhrgebiet 1920, in Thüringen 1921, in Sachsen und in Hamburg 1923.

jener, die sie schon unter der Monarchie innegehabt hatten. Dass diese Kreise nicht die geringsten Sympathien für Demokratie, Mitbestimmungsrechte und liberales, geschweige denn sozialistisches Denken hegten, liegt auf der Hand. Trotzdem beherrschten sie nach wie vor Deutschland. Und dieses Deutschland war zwar von Krieg, Reparationszahlungen, Gebietsabtretungen, der Einziehung seiner Auslandsguthaben und dem Verlust eines erklecklichen Teils der Exportmärkte geschwächt. Seine wirtschaftliche Potenz war aber nach wie vor enorm. DIE WEIMARER REPUBLIK Wenn im folgenden von der "herrschenden Schicht" (bzw. "Klasse") die Rede ist, sind damit vor allem zwei Gruppen gemeint: Einerseits die Eigner des Großkapitals (Banken und Industrie) und des Großgrundbesitzes (die sogenannten "Junker") und anderseits die alten Eliten des Kaiserreiches, das Militär, die Justiz und die Beamtenschaft. Diese Gruppen richteten ihr Bemühen in den Nachkriegsjahren darauf, ihre angekratzte Macht abzusichern und sie nach Möglichkeit wieder auszubauen. Zu diesem Zweck mussten auch ideologische Anstrengungen unternommen werden. Denn die alten "Werte" wie Militarismus, Obrigkeitshörigkeit, Rassismus (bzw. Antisemitismus) und selbstverständlich Antisozialismus hatten einen erheblichen Imageverlust bei weiten Teilen der Bevölkerung erfahren. Für den Fortbestand und Ausbau der eigenen Macht war es aber unerlässlich, dass eben jene "Werte", mit denen schon das Kaiserreich seine Untertanen kriegsbereit gemacht hatte, wieder Allgemeingut wurden. Diese Saat ging im Faschismus auf. Sie wurde bereits wieder ausgebracht, als die politische Leiche des Kaiserreichs noch nicht kalt war und die faschistische Bewegung in den Windeln lag. So wurden alte Forderungen der ArbeiterInnenbewegung erfüllt, etwa die Einführung des Achtstundentages, die Abschaffung der preußischen Gesindeordnung von 1810, Sozialer Wohnbau und eine Arbeitslosenunterstützung, die diesen Namen auch verdiente.

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Innerhalb der herrschenden Klasse gab es durchaus Interessensgegensätze und Meinungsunterschiede. Aber es existierte ein grober Grundkonsens, wohin die Reise gehen sollte: weg von der parlamentarischen Demokratie, der "Herrschaft des Pöbels", hin zu einer autoritären Staatsform. Um langfristig die eigene Macht zu gewährleisten, hart gegen sozialistische Bestrebungen vorgehen zu können und letztlich das gescheiterte Expansionsprojekt des Ersten Weltkrieges doch noch umzusetzen, musste dem "Missstand" Demokratie abgeholfen werden. Ein Teil der herrschenden Klasse hielt bereits 1920 die Zeit für gekommen, die Macht an sich zu reißen. Unter der Führung des rechtsradikalen Politikers Kapp versuchte sie einen Putsch ("Kapp-Putsch"), der aber von den damals noch starken Gewerkschaftsorganisationen durch einen Generalstreik abgewehrt werden konnte und bereits nach 100 Stunden zusammenbrach. Aus diesem Scheitern wurden Lehren gezogen. Die Hauptschwäche der autoritären Bestrebungen, so wurde gefolgert, bestand offensichtlich darin, dass sie über keine wie immer geartete Massenbasis verfügte, die sie jener der Linken hätte entgegenstellen können. Wollte die Rechte das nächste Mal nicht wieder mit wehenden Fahnen untergehen, musste sie das ändern. Parallel dazu kam es zu einem gewaltigen Konzentrationsprozess innerhalb der deutschen Wirtschaft. Um international wieder mitspielen zu können, entstanden gigantische Gebilde wie die "Interessengemeinschaft Farben", ein Zusammenschluss aus Konzernen der Chemieindustrie, oder die "Vereinigten Stahlwerke", ein mächtiger Verband der Schwerindustrie. Solange dieses "nationale Aufbauwerk der Wirtschaft" bis Ende der 20er Jahre weitgehend ungehindert vorangetrieben werden konnte und die wirtschaftliche Lage relativ stabil blieb, wurden keine offensiven Versuche mehr unternommen, das parlamentarische System zu beseitigen. Etwa 1926 war Deutschland wirtschaftlich wieder die unbestrittene Nummer Eins in Europa.

Kapp-Putsch 1920 - Die Einheiten des reaktionären Offiziers Kapp sperren Berliner Straßen mit Stacheldrahtverhauen ab. Durch einen Generalstreik der deutschen ArbeiterInnen bricht der Putsch nach nur hundert Stunden zusammen

Die - relative - innenpolitische Ruhe endete mit dem wirtschaftlichen Einbruch Ende des Jahres 1929, als die Weltwirtschaftskrise auch Deutschland mit voller Wucht traf. Unter dem Eindruck des Elends radikalisierten sich die beiden politischen Lager zusehends: Die einen, weil sie bereits hungerten, die anderen, weil sie Angst davor bekamen, entweder selbst zu verelenden oder zumindest von ihrem Reichtum etwas abgeben zu müssen. Während für die Besitzenden in jeder wirtschaftlichen Krise zwar grundsätzlich eine Gefährdung ihres Reichtums und ihrer Macht besteht, eröffnen sich ihnen aber gleichzeitig auch neue Handlungsspielräume. Gelingt es nämlich in einer solchen Situation, Wut und Ängste breiter Schichten zu kanalisieren und sich dabei selbst aus dem Schussfeld zu halten, dann besteht die reale Möglichkeit, den Wunsch nach starken Führungsfiguren zu wecken, die den Weg aus dem Elend weisen sollen. Die Bedingungen, die sich aus der Krise für demokratische Parteien und die ArbeiterInnenbewegung ableiten, sind gleichzeitig wesentlich weniger günstig: In den Augen vieler scheint es so, als würde die wichtigste Kampforganisation der ArbeiterInnen, die Gewerkschaft, bei einer

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schnellen Lösung der Krise versagen. Der Rechten wird viel eher als sonst ihre Argumentation geglaubt, die demokratische Politik hätte das Elend verursacht. Ihre dauernden Kompromisse wären schuld am gegenwärtigen Desaster. Eine Lösung könne nur durch rasche und radikale Schritte herbeigeführt werden. Und dafür brauche es harte, entschlossene Führer. Während sich die Rechte in der Krise also im Vormarsch befindet, muss sich die Linke ihrer Haut wehren. Im Krisenjahr 1929 forcierten die herrschenden Schichten in Deutschland noch nicht definitiv ein faschistisches Regime. Ihr Hauptinteresse war die Durchsetzung einer Politik, die der Bevölkerung in ohnehin schon schweren Zeiten weitere Opfer abverlangte. Wie das bewerkstelligt wurde, war vorderhand egal. Irgendjemand musste die Lasten der Weltwirtschaftskrise tragen, und die Unternehmer waren sich einig, dass das nicht sie sein wollten. Statt dessen sollten die ArbeitnehmerInnen die Zeche zahlen. Besonders die von der Krise stark in Mitleidenschaft gezogene Schwerindustrie drängte auf eine Sanierung durch staatliche Investitionen - was nichts anderes bedeutete, als den Staatshaushalt nicht mit Sozialausgaben zu belasten, sondern statt dessen Rüstungsaufträge zu vergeben.

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Die Reichswehrführung arbeitet Mitte der 20er Jahre wieder an Weltmachtplänen: "Nächste Ziele der allgemeinen deutschen Politik. ... Die obenstehenden Ausführungen über die politischen Ziele Deutschlands und die sich daraus ergebenden Abrüstungsforderungen für Deutschland ergeben klar, dass es sich für Deutschland in den nächsten Stadien seiner politischen Entwicklung nur um die Wiedergewinnung seiner europäischen Stellung und viel später erst um das Wiedererkämpfen seiner Weltstellung handeln wird ... Es ist ohne weiteres anzunehmen, dass ein wiedererstandenes Deutschland bei seinem späteren Kampfe um die Rohprodukte und Absatzmärkte in Gegensatz zum amerikanisch-englischen Machtkreise kommen ... wird müssen." (Quelle: Geheime Denkschrift des Truppenamtes des Reichswehrministeriums "Die Abrüstungsfrage nach realpolitischen Gesichtspunkten", März 1926)

DIE PRÄSIDIALKABINETTE Unter demokratischen Vorzeichen war nicht damit zu rechnen, dass die Bevölkerung sich so einfach derartige Lasten aufbürden lassen würde, im Gegenteil: sie würde sich aller Voraussicht nach wehren. Die logische Konsequenz war, dass es eben zu einer Änderung der politischen Vorzeichen kommen musste. Zunächst wurde - besonders auf Drängen der Schwerindustrie - die letzte demokratische Regierung 1930 gestürzt und durch insgesamt drei Präsidialregime ersetzt, die relativ unbehelligt von Parteien und Parlament mit Notstandsverordnungen aus dem Ersten Weltkrieg regierten. Aus mehreren Gründen verscherzte es sich das erste dieser Präsidialregime unter Heinrich Brüning relativ rasch mit zwei einflussreichen Gruppen, nämlich mit den Großgrundbesitzern und der Armee.

Nachdem Deutschland sich wirtschaftlich wieder gefestigt hat, wird von der Rechten wie vor dem Ersten Weltkrieg der Ruf nach Weltmachtstellung und Kolonien laut. Im Bild eine gemeinsame Kundgebung von Nazis und Deutschnationaler Volkspartei, etwa 1928


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Diese kritisierten vor allem das laxe Vorgehen Brünings gegen "die Roten" und brachten ihn schließlich zu Fall. Sein Nachfolger, Franz von Papen, entsprach schon eher den diesbezüglichen Vorstellungen, er war der "Prototyp eines antisozialen und reaktionären Staatsmannes", wie sein Kabinettskollege Schwerin von Krosigk versicherte. Dementsprechend sah auch seine Politik aus: Die Lasten der Deflationspolitik, die zur Überwindung der Wirtschaftskrise betrieben wurde, hatten die Arbeitenden zu tragen. Deflationspolitik verschärft Massenarmut Das Ziel der Deflationspolitik ist die Sanierung der Staatsfinanzen. Dazu werden in erster Linie Massensteuern angehoben. Gleichzeitig werden staatliche Leistungen gekürzt und der Staat "verschlankt", d. h. öffentlich Bedienstete entlassen. Die Staatsschulden werden somit auf die arbeitenden Menschen übergewälzt. Der Preis für die von der Deflationspolitik bewirkte Erhöhung der Geldwertstabilität bzw. für die kurzfristige (!) Sanierung der Staatsfinanzen ist die Verarmung breiter Massen, und die Ingangsetzung einer gefährlichen Abwärtsspirale: x Die sprunghafte Zunahme der Arbeitslosigkeit und das daraus resultierende Überangebot an Arbeitskräften führt zu Lohndumping. x Die Kaufkraft der Arbeitenden sinkt durch Lohnkürzungen, jene der Arbeitslosen geht gegen null. x Weil infolge dessen erheblich weniger Menschen Produkte kaufen können ("Rückgang des Massenkonsums") schlittern immer mehr Unternehmen in die Krise - und entlassen weitere ArbeitnehmerInnen. x Das Staatsbudget ist nun doppelt belastet. Die Ausgaben steigen, denn wenn Arbeitslose nicht verhungern sollen, müssen sie staatlich unterstützt werden. Gleichzeitig sinken die Staatseinnahmen, weil die mit Steuern belegten Produkte immer weniger nachgefragt werden.

Am 3. Dezember 1930 legt Brüning dem Reichstag seine Notgesetze vor, die aus der Republik faktisch eine Diktatur machen. Nachdem mit Widerstand durch die Linke gerechnet wird, riegelt berittene Polizei den Reichstag ab

Durch einen verfassungswidrigen Schritt wurde die letzte SPD-Landesregierung in Preußen liquidiert ("Preußenschlag"), dazu verfolgte Papen einen scharf antigewerkschaftlichen Kurs. Aber auch er beging Fehler: Die Rechte kritisierte seine "allzu große Nachgiebigkeit" in den Verhandlungen um Reparationszahlungen an Frankreich. Besonders innerhalb der Reichswehr wurde nun der Ruf immer stärker, die NSDAP an die Macht zu bringen. Dies umso mehr, als die Nazis, die bei den Reichstagswahlen am 6. November 1932, nach einem beispiellosen Aufstieg die erste schwere Niederlage einstecken mussten. Es bestand daher die nicht unbegründete Sorge, es könnte bald zu spät sein, und Hitler werde wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken. Nach Papens Rücktritt konnten sich jene Kräfte, die für eine sofortige Machtübertragung an die NSDAP plädierten, zunächst nicht durchsetzen. Es wurde ein letztes Präsidialkabinett unter dem General v. Schleicher eingesetzt. Der wusste, was von ihm erwartet wurde, und formulierte seine politische Zielrichtung so: "Der Staat muss zu einem aktiven Träger des Wehrgedankens werden. Der Wehrgedanke muss Kitt einer neuen Staatsgesinnung werden. Er muss zum heilenden Serum werden, gegen die volkszersetzenden Giftstoffe eines

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selbstmörderischen Pazifismus, der Staatsverleumdung und des Klassenkampfes. Opferbereitschaft, Disziplin, Kameradschaft im Dienste des Vaterlandes müssen wieder nationale Tugenden werden". Trotzdem sich Schleicher redlich Mühe gab, gewann schließlich jener Flügel innerhalb der herrschenden Schicht die Oberhand, der schon seit 1929/30 der Ansicht gewesen war, autoritäre Präsidialregime reichten nicht, es würde eine "effektivere Staatsform" brauchen, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Die Präsidialregime hätten ihre wesentlichsten Aufgaben demnach nicht zufriedenstellend erfüllt. Die Bezwingung der Krise, vor allem durch eine ausreichende Ankurbelung der Rüstung bei gleichzeitigem Sozialabbau, war nicht gelungen, ebenso wenig war die Knebelung der ArbeiterInnenorganisationen im gewünschten Maß erfolgt. Außerdem fehlte in der Bevölkerung nach wie vor ein gefestigtes, für die geplante Expansionspolitik unabdingbares Wertebild. Zunächst wurde daher erwogen eine Militärdiktatur zu errichten, allerdings stellte die Reichswehr fest, dass hierfür die eigenen Kräfte zu schwach bzw. zu unzuverlässig waren. Genauer gesagt: Gegen einen Feind "von oben" ohne Rückhalt im Volk sahen die Chancen der ArbeiterInnenbewegung, wenn es hart auf hart ging, nicht so schlecht aus, das hatte sich schon beim erwähnten Kapp-Putsch gezeigt. Die Reichswehrführung hielt es zudem durchaus für möglich, dass im Fall einer Konfrontation zwischen Militär und linken Kräften ein erheblicher Teil der faschistischen Massenbasis zur Linken überlaufen könnte.

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Reichswehr-Stellungnahme zu einer eventuellen Militärdiktatur 1932 " Angesichts der ständigen Verschärfung der innenpolitischen Lage im Reiche hatte die Führung der Wehrmacht zu prüfen, ob die Wehrmacht einem zukünftigen Ausnahmezustand gewachsen sein würde ... Als Ergebnis unserer Studie habe ich dem Reichswehrminister [General Kurt von Schleicher] gemeldet, dass alle Vorbereitungen getroffen seien, um einen etwa befohlenen Ausnahmezustand unverzüglich in Gang zu setzen. Es habe sich aber bei sorgfältiger Abwägung gezeigt, dass die Ordnungskräfte des Reiches und der Länder in keiner Weise ausreichten, um die verfassungsmäßige Ordnung ... aufrechtzuerhalten und die Grenzen zu schützen. Es sei daher die Pflicht des Reichswehrministers, die Zuflucht der Reichsregierung zum militärischen Ausnahmezustand zu verhindern. (Aus der Aufzeichnung des Botschafters a. D. Ott, eines engen Mitarbeiters von General Schleicher, über die Studie der Reichswehrführung von Ende November 1932)

Schleicher selbst erkannte das Problem der fehlenden Massenbasis für eine etwaige Militärdiktatur und wollte dem damit begegnen, eine Gemeinschaft aus Wehrverbänden, Teilen der NSDAP, dem rechten Flügel der SPD und der Gewerkschaften zu schaffen. Diese "Querfrontkonzeption" musste aber schon relativ bald aufgrund des Widerstands von rechts als gescheitert angesehen werden.


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DIE NSDAP An einem Septemberabend 1919 wurde ein Soldat17 zu einer Parteiversammlung im Hinterzimmer eines Münchner Gasthauses geschickt. Dort tagte eine der unzähligen rechtsradikalen Splittergruppen, die damals überall in Deutschland aus dem Boden schossen. In ihnen versammelten sich Zivilisten und Militärs, Kleinbürger ebenso wie Industrielle. Von Krieg und Untergang der Monarchie aus der Bahn geworfen, einte sie vor allem eines: der Hass auf die junge Weimarer Republik. Die empfanden sie als Diktat der Sieger, ihre Grundwerte waren ihnen fremd, und viele sahen sich durch sie ihrer bisherigen Privilegien und ihres sozialen Prestiges beraubt. Die Gruppe, deren Treffen der Soldat an jenem Abend besuchte, nannte sich "Deutsche Arbeiterpartei". Ihr Programm war schwammig, wirr, hass- und vorurteilsbeladen: "Die DAP will die Adelung des deutschen Arbeiters" ... "Die gelernten und ansässigen Arbeiter haben ein Recht, zum Mittelstand gerechnet zu werden" ... "Das Großkapital ist als Arbeit- und Brotgeber zu schützen" ... "Gegen Wucher und Preistreiberei" .... "Religionslehren, die mit den in Deutschland herrschenden Gesetzen von Moral und Ethik in unvereinbarem Gegensatz stehen, können nicht staatlich unterstützt, solche, die den Bestand des deutschen Volkes bedrohen, überhaupt nicht geduldet werden". Später bemerkte der Soldat in seinem Buch, ihm sei der ganze Haufen von "Vereinsmeiern", der sich großspurig "Partei" nannte, "lächerlich" vorgekommen. Der Soldat hieß Adolf Hitler, das Buch, in dem er über seine Sicht des Abends berichtete, sollte er einige Jahre später im Gefängnis schreiben und auf Anraten seiner Parteistrategen "Mein Kampf" nennen. Der schlechte Eindruck, den der "Haufen Wichtigtuer" beim ersten Treffen auf ihn gemacht hatte, hinderte Hitler jedoch nicht daran, der DAP beizutreten. Angehöriger des Bayrischen Reichswehrkommandos 4, dem neben militärischen Aufgaben auch die "politische Betreuung" im Raum München zukam. 17

Immerhin, so schrieb er "konnte man (hier) noch arbeiten, und je kleiner die Bewegung war, umso eher war sie noch in die richtige Form zu bringen". Er machte sich als Redner auf den Veranstaltungen der Partei bald einen Namen, der Zulauf wurde größer. 1920 wurde ein neues Programm beschlossen, dessen Hauptforderungen in einem "Zusammenschluss aller Deutschen in einem Großdeutschland", der "Aufhebung der Friedensverträge", der "Ausschaltung der Juden" und der "Schaffung einer starken Zentralgewalt" bestanden. Gleichzeitig benannte sich die Partei um, sie hieß fortan "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei". Mit Hilfe der Reichswehr und des Bayrischen Establishments wurde ihr Aufbau zügig vorangetrieben, ein Jahr später schließlich ließ sich Hitler zu ihrem "Führer" krönen. Mithilfe einer Vielzahl von Veranstaltungen, einer Parteimiliz, der "Sturmabteilung" (SA), die durch ihre Brutalität immer wieder für Aufsehen sorgte, und unterstützt von ihrer Propagandazeitung, dem "Völkischen Beobachter", erreichte die NSDAP einen bemerkenswerten Zulauf. Allerdings kam sie vorläufig nicht über die bayrischen Grenzen hinaus und konnte auch innerhalb Bayerns nur deshalb eine relative Größe erreichen, weil sie durch einflussreiche Kreise der bayrischen Landesregierung, der Reichswehr und des Beamtenapparates (und hier speziell der Justiz), massiv unterstützt wurde. Mit deren Hilfe gelang es den Nazis schließlich auch, in anderen Teilen Deutschlands Fuß zu fassen. Die Machtergreifung der Faschisten in Italien mit dem "Marsch auf Rom", Ende 1922, ließ auch die Nazis glauben, ihre Zeit wäre gekommen. Sie wähnten sich bereits derart stark, dass sie damit begannen, auch in München einen Putsch vorzubereiten. Als ein Jahr später, im Spätsommer 1923, die gesamte Lage in Deutschland durch separatistische Tendenzen im Rheinland und brodelnde Unruheherde in Mitteldeutschland instabil zu werden drohte, schien Hitler und den Seinen die Stunde zum Losschlagen gekommen.

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Nazi-Putsch 1923 - Straßensperre in München, im Vordergrund der spätere SS-Chef Heinrich Himmler

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Doch man hatte sich in der Einschätzung der Loyalität der Reichswehr einstweilen geirrt: Der Putsch endete jämmerlich im Kugelhagel der bayrischen Polizei. Die Niederlage brachte den erfolgsverwöhnten Hitler zunächst völlig aus der Fassung, er dachte an Selbstmord. Doch bald war er, nicht zuletzt durch den Zuspruch hochgestellter Persönlichkeiten und die Nachricht von regierungsfeindlichen Regungen innerhalb der Bevölkerung, wieder obenauf. Den Prozess gegen ihn und die anderen Putschisten, der mit einem lächerlich geringen Strafmaß und richterlichem Lob für den "rein vaterländischen Geist" der Tat endete, nutzten die Nazis zur Selbstdarstellung bis zum Exzess. Während Hitler seine, wie der Richter es nannte, "Ehrenhaft" absaß, schrieb er den ersten Teil seines Buches "Mein Kampf", das als Parteiprogramm und offizielle Parteigeschichte dienen sollte. Das Werk ist Ausdruck der zusammengeklaubten Hitlerischen Weltanschauung, verbunden mit Selbstbeweihräucherung und rührseligen Geschichten aus Hitlers ach so karger Jugend. Das Buch fand sich später in beinahe jedem deutschen und österreichischen Bücherschrank. Nach 1945 hieß es allgemein, es wäre von letztklassiger Qualität gewesen und deshalb hätte es niemand gele-

sen. Trotz dieser durchaus plausiblen Rechtfertigung hat damit Eingang in die großdeutschen Regale gefunden, was später angeblich niemand gewusst haben wollte: Radikaler Antisemitismus, die Vorstellung einer mörderischen "Lebensraum-im-Osten"-Politik und ein Expansionsdrang, der einen Krieg unausweichlich machte. Nachdem die Naziführer ihre Haftzeit verbüßt hatten, änderten sie ihre politische Konzeption: Nicht mehr ein Putsch sollte sie nun an die Macht bringen, sondern innerhalb des demokratischen Rahmens wollten sie die Macht im Staat erringen. "Wenn es auch länger dauert, sie (die Demokraten, Anm.) zu überstimmen als sie zu erschießen, so wird uns ihre eigene Verfassung den Erfolg garantieren", hielt Hitler damals fest. Allerdings schien es vorerst nicht so, als sollte er damit rechtbehalten, ganz im Gegenteil. Bei den Reichspräsidenten-Wahlen 1925 erhielt der NSDAPKandidat, der Weltkriegsgeneral Ludendorff, knapp über ein Prozent der abgegebenen Stimmen. Auch sonst waren die folgenden Jahre für die Nazis keine rosige Zeit. Von den Gönnern mehrheitlich im Stich gelassen und von einem großen Teil der Gefolgschaft wieder verlassen, fristete die NSDAP ein kümmerliches Dasein. Trotz ihrer immer noch regen Propagandatätigkeit wollte sich ein größerer Erfolg nicht und nicht einstellen: Im sächsischen und im thüringischen Landtag war die NSDAP mit je zwei Abgeordneten vertreten, im braunschweigischen Landtag und in der Hamburger Bürgervertretung mit je einem. Bei den Reichstagswahlen 1928 lag die Partei mit mageren 2,6 Prozent nur an 10. Stelle und büßte zwei ihrer sechzehn Mandate ein. Hinzu kamen innerparteiliche Querelen: Die Partei"linke" um Gregor und Otto Strasser verlangte eine stärkere Betonung der "sozialistischen Parteiinhalte". Sie hatte nicht begriffen, dass antikapitalistische Parolen nur als Lockmittel für die angestrebte Massenbasis dienen sollten. Die Gruppe um Hitler wusste genau, dass man keinesfalls die ohnehin spärlichen Gönner, etwa den Industriellen Hugenberg, mit allzu "roten" Forderungen verstimmen durfte. Sie bekämpfte daher alle "linken" Bestrebungen innerhalb der NSDAP vehement.


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Programmatische Änderungen, um reiche Geldgeber nicht zu verschrecken Hitler verlautbarte zum NSDAP-Programm von 1920 im Jahr 1928 folgende Erläuterung: "Gegenüber den verlogenen Auslegungen des Punktes 17 des Programms der NSDAP von seiten unserer Gegner ist folgende Feststellung notwendig. Da die NSDAP auf dem Boden des Privateigentums steht, ergibt sich von selbst, dass der Passus "unentgeltliche Enteignung" nur auf die Schaffung gesetzlicher Möglichkeiten Bezug hat, Boden, der auf unrechtmäßige Weise erworben wurde oder nicht nach den Gesichtspunkten des Volkswohls verwaltet wird, wenn nötig, zu enteignen. Dies richtet sich demgemäß in erster Linie gegen das jüdische Grundspekulationsgeschäft." Ende des Jahres 1928 bot sich nach langer Durststrecke für die Nazis die Möglichkeit, sich ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu katapultieren. Anlass war der sogenannte "Young-Plan", ein Übereinkommen zwischen Deutschland und den Alliierten über die Reparationszahlungen, wogegen Hitler & Co. nun gemeinsam mit anderen rechten Gruppen zu Felde zogen. Unter großem Propagandagetöse wurde ein Volksbegehren veranstaltet, dem letztlich geringer Erfolg beschieden war. Seinen Zweck für die Republikfeinde erfüllte es aber auf ganzer Linie: Mit einer ungeheuren Hetze war es gelungen, Stimmung gegen das demokratische System zu machen. Gleichzeitig stand die NSDAP wochenlang im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das schlug sich auch in den darauffolgenden Wahlen nieder: In Thüringen stellte die NSDAP mit Frick als Innen- und Volksbildungsminister fortan erstmals ein Regierungsmitglied. Zwei Jahre später schließlich, 1930, erreichten die Nazis bei den Reichstagswahlen sensationelle 18,3 Prozent und wurden zur zweitstärksten Partei hinter der SPD. Dazu trug besonders die Wirtschaftskrise bei, die 1929 Deutschland voll erfasst hatte. Die Arbeitslosenzahl explodierte, AnlegerInnen und vor allem SparerInnen wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Die daraus resultierende Panikstimmung in

weiten Kreisen der Bevölkerung konnten die Nazis für sich nutzen. Ihre Propaganda vermied sorgsam allzu konkrete Lösungsvorschläge 18, ihr Kampf war gegen, nicht auf irgendetwas gerichtet. In bis dahin ungekannten, perfekt inszenierten Großveranstaltungen boten die Nazis ihrem Fußvolk Unterhaltung und Gruppenerlebnis. Das geschah in Dimensionen, die sich die demokratischen Parteien schlicht und einfach nicht leisten konnten. Die NSDAP aber schwamm nach der Anti-Young-Plan-Kampagne in den Geldern der Industrie.19 Das Geheimnis, das die Nazis ursprünglich von der Linken übernommen hatten und nun weiter verfeinerten, bestand nicht einfach im Spektakel, sondern auch in der Aktivierung der Massen. Während andere bürgerliche Parteien politische Arbeit vor allem von bezahlten Funktionären erledigen ließen, vermittelten die Nazis den Menschen, durch In der Praxis äußerte sich das dann in Wahlslogans wie: "Wer will, dass es anders wird, wählt Adolf Hitler" 19 Zur Illustration einige Zahlen: Alleine im Bundesland Baden führte die NSDAP im März 1930 sage und schreibe 900 Veranstaltungen durch. Von den 4.135 Veranstaltungen in Hessen-Nassau zwischen 1. April und 30. August 1931 entfielen satte 1.910 auf die NSDAP, wohingegen die SPD im gleichen Zeitraum auf 447 Veranstaltungen verweisen konnte. 18

Die SA und ihr Terror in den ArbeiterInnenvierteln deutscher Städte werden von der republikanischen Exikutive meist nicht bekämpft sondern sogar gefördert: Nachdem Nazis im August 1932 das rote Hamburger "Gängeviertel" überfallen haben, setzt die Polizei mit einer Waffenrazzia nach. Um "die linke Gewalt zu bekämpfen", wie es heißt


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eigenes Engagement im Rahmen der NSDAP und ihrer Vorfeldorganisationen das eigene Schicksal verändern zu können. Gefordert wurden totale, uneingeschränkte Treue und Verfügbarkeit. Dem Verlangen nach Kampf und Opfer wurde durch aufsehenerregende, blutige Straßenschlachten entsprochen, die sich SA, SS und Hitlerjugend vornehmlich mit linken Verbänden lieferten. Die NSDAP war somit in gewisser Weise eine "potenzierte Partei", die ein Maß an Bereitschaft von ihren AnhängerInnen forderte, das bei den übrigen Parteien der Weimarer Republik nicht üblich war. Der enorme Aufwand, die endlosen Hetztiraden, hunderte Straßenschlachten (aus denen der NS-"Bewegung" durch die wohlmeinende Milde der Richter zumeist kein ernstlicher Nachteil entstand) und letzten Endes die bewusst geschürte Panikstimmung infolge der Wirtschaftskrise lohnten sich schließlich: Was für einen Sprung bedeuteten die 18,3% im Jahr 1930 für die Nazis, angesichts der 2,6% bei den vorangegangenen Reichstagswahlen von 1928! Damit einhergehend wuchs auch die Zahl der Mitglieder enorm an, die sich zwischen 1930 und der endgültigen Machtübernahme 1933 versechsfachte. Interessant im Zusammenhang mit dem Stimmen- und Mitgliederzuwachs ist vor allem das soziale Milieu, dem dieser Anhang mehrheitlich entstammte. Die soziale Zusammensetzung des NS-Wahlvolkes entsprach nämlich keineswegs den Vorstellungen Hitlers und seiner Mannen: Der Wahlerfolg unter den Werktätigen wurde zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd deren Anteil an der Gesamtbevölkerung gerecht, sondern blieb im Gegenteil weit hinter diesem zurück. Statt dessen waren Selbstständige und Beamte krass überrepräsentiert. Die Sozialstruktur der NSDAP 1930 Berufsgruppe

Arbeiter Angestellte Selbstständige

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Beamte Bauern Sonstige (männliche Pers.)

In der bürgerlichen Geschichtsschreibung ist oft die Rede davon, dass der Rechtsruck bei den Wahlen von 1930 wie auch die gesamte NS-Bewegung vor allem ein Produkt der Arbeitslosigkeit und des durch die Wirtschaftskrise bedingten Elends gewesen sei. Anhand der beschriebenen sozialen Zusammensetzung der NSDAP wird aber deutlich, dass es sich bei diesen Darstellungen zumindest um Geschichtsverdrehung, wenn nicht überhaupt um bewusste Lügen handelt. Nicht "die Arbeitslosigkeit" und "das Elend" waren Hauptmotivation, bei den Wahlen die extreme Rechte zu unterstützen, sondern die Angst vor der Armut. Diese Angst vor dem sozialen Abstieg packte besonders den von der Wirtschaftskrise arg gebeutelten Mittelstand. Obwohl der Einbruch in das wichtigste WählerInnensegment, das zur Erreichung der absoluten Mehrheit unbedingt nötig war, vorläufig noch nicht so recht geglückt war, war sich Hitler nach seinem Triumph am 24. September 1930 sicher, die politische Macht auf legalem Weg an sich reißen zu können. Die Nazis wollten deshalb keinesfalls Gefahr laufen, mit Hilfe der Notverordnungen, auf deren Grundlage der damalige Reichskanzler Brüning regierte, womöglich verboten zu werden.20 Um kein unnötiges Risiko einzugehen, erließ die NS-Parteispitze den Befehl, bestehende Gesetze unbedingt zu respektieren, andernfalls wurde mit dem Parteiausschluss gedroht. Doch diese zwangsweise "Anpassung" war nur relativ. Nach wie vor standen Aufmärsche und Terror gegen die Linksparteien, wenn auch in kurzfristig abgemilderter Form, auf der Tagesordnung. Ein besonderes Bestreben der Nazis war es außerdem, die Arbeit des Parlamentes bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu sabotieren. Langfristig Quelle: Deutsches Historisches Museum

Die NSDAP hatte nicht in allen Anteil der jew. Anteil der jew. Repräsentanz der jew. Be- Gesellschaftsgruppen den gleichen Berufsgruppe an Berufsgruppe an rufsgruppe in der NSDAP, Erfolg: Während nur 28 Prozent den Mitgliedern der Gesamtge- ausgehend von ihrem Anteil der NSDAP-Mitglieder Arbeiterder NSDAP sellschaft an der Gesamtgesellschaft Innen waren, betrug deren Anteil 28,1 % 45,9 % 61,2 % an der Gesamtbevölkerung 45,9 Prozent. Bei Angestellten und 25,6 % 12 % 213,5 % Selbstständigen war das Verhältnis 20,7 % 9% 230 % umgekehrt: Beide waren doppelt 8,3 % 5,1 % 162,7 % so stark in der NSDAP vertreten als 14 % 10,6 % 132 es ihrem Anteil an der Gesamt3,3 % 17,4 % 18,9 % bevölkerung entsprach


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sollte damit erreicht werden, dass die Republik den BürgerInnen als handlungsunfähiger Bürokratiekoloss erschien.21 Tatkräftig unterstützt wurden die Nazis dabei von den anderen Rechtsparteien, die bereitwillig das Ihre beitrugen, der Republik ihr Grab zu schaufeln. Im Superwahljahr 1932 machte sich diese Taktik für die Feinde der Republik, besonders für die Nazis, bezahlt - allerdings nicht genug. Hitler und seinem Anhang wurde trotz des Wahltriumphs bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 193222 deutlich vor Augen geführt, dass die erträumte absolute Mehrheit nach wie vor in weiter Ferne war - der Sprung über die 50-%Marke war nur in Teilen Norddeutschlands geglückt.23 Wahlergebnisse 1928 - 1933

Die Notverordnungen hatten unter anderem eine "Bekämpfung politischer Ausschreitungen" zum Ziel. 21 Mit besonderer Vorliebe nutzten die Nazis Misstrauensanträge dazu, GegnerInnen zu denunzieren und ihnen ihre politische Glaubwürdigkeit zu nehmen. Im Versuch, das deutsche Parlament, den Reichstag, vor den Augen aller der Lächerlichkeit preiszugeben, kam es zu skurril anmutenden Bündnissen: So konnten sich die Nazis bei fast allen Störaktionen auf die Unterstützung ihres Hauptfeinds, der KPD, verlassen, die damit - freilich mit anderen Hintergedanken - zeitweise indirekt zur Partnerin der Faschisten mutierte. Umso absurder erscheint das in Anbetracht des Umstandes, dass die Kooperation im Reichstag keine der beiden Seiten davon abhielt, sich zur selben Zeit blutige Kämpfe in allen Teilen Deutschlands zu liefern. 22 Die NSDAP wurde mit 37,4% der abgegebenen Stimmen zur stärksten Partei. 23 In Schleswig-Holstein erreichten die Nazis 51%. 20

Quelle: Hofer (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933 - 1945, Frankfurt/ Main 1957, S 23

4. Reichtagswahl 20.5.1928

5. Reichtagswahl 14.9.1930

6. Reichtagswahl 31.7.1932

7. Reichtagswahl 6.11.1932

8. Reichtagswahl 5.3.1933

Parteien

%

Mandate

%

Mandate

%

Mandate

%

Mandate

%

Mandate

NSDAP

2,6

12

18,30

107

37,4

230

33,1

196

43,9

288

DNVP

14,2

73

7,00

41

5,9

37

8,8

52

8

52

Kons. Volkspartei

n.a.

n.a.

0,80

4

n.v.

n.v

n.a.

n.v.

n.a.

n.v.

Christl. Soz. VD

n.a.

n.a.

2,50

14

0,9

3

1,2

5

1

4

Landbund

0,7

3

0,60

3

0,3

2

0,3

2

0,2

1

Landvolkpartei

1,9

10

3,20

19

0,2

1

0,1

n.v.

n.a.

n.v.

Bauernpartei

1,6

8

1.00

6

0,4

2

0,4

3

0,3

2

Volksrechtspartei

1,6

2

0,80

n.v

0,1

1

n.a

n.v.

n.a.

n.v.

DVP

8,7

45

4.50

30

0,2

7

1,9

11

1,1

2

Wirtschaftspartei

4,5

23

3,90

23

0,4

2

0,3

1

n.a.

n.v.

Deutsch-Hann.P

0,6

3

0.50

3

0,1

n.v

0,2

1

0,1

n.v.

BVP

3,1

16

3,00

19

3,2

22

3,1

20

2,7

18

Zentrum

12,1

62

11,80

68

12,5

75

11,9

70

11,2

74

DDP

4,9

25

3,80

20

1

4

1

2

0,9

5

SPD

29,8

153

24,50

143

21,6

133

20,4

121

18,3

120

USPD

0,1

n.v.

n.a.

n.v.

n.a.

n.v.

n.a.

n.v.

n.a.

n.v.

KPD

10,6

54

13,10

77

14,6

89

16,9

100

12,3

81

Sonstige

3

2

0,70

n.v.

0,2

n.v

0,4

n.v.

n.a.

n.v.

Summe

100

491

100,00

577

100

608

100

584

100

647

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Guter Rat war teuer. Denn obwohl das Ziel klar war die Macht im Staat - ergaben sich angesichts der fehlenden absoluten Mehrheit massive Schwierigkeiten. Das Hauptproblem der NSDAP bestand nämlich darin, dass eine Koalition mit anderen Parteien de facto nicht in Frage kam. Man hatte sich zwar die grundsätzliche Unterstützung der wichtigsten reaktionären Gruppen (Deutschnationale Volkspartei und Stahlhelm) durch den Abschluss einer Übereinkunft, theatralisch "Harzburger Front" genannt, gesichert. Aber zum Leidwesen der Nazis war dieses Abkommen keineswegs gleichbedeutend mit einer Selbstaufgabe von DNVP und Stahlhelm: Die verfolgten nämlich durchaus Eigeninteressen und waren mitnichten willens, als bloße Steigbügelhalter für Hitlers absoluten Führungsanspruch herzuhalten. Ebenso ausgeschlossen war es für die Nazis, eines der sich seit 1930 mehrenden Koalitionsangebote demokratischer Parteien anzunehmen. In diesem Fall wären Hitler und seine Mannen ja gezwungen gewesen, zu zeigen, dass sie nicht nur große Reden gegen "das System der Altparteien" schwingen konnten. Sie hätten innerhalb des verhassten demokratischen Systems Politik machen müssen - und bei den nächsten Wahlen die Rechnung präsentiert bekommen. Was also tun? Eine Schlüsselrolle kam in dieser Situation dem Reichspräsidenten Hindenburg zu. Ihm oblag es, Parteienvertreter mit der Regierungsbildung zu beauftragen. Doch der greise Erzreaktionär sträubte sich: Als Hitler am 13. August 1932 von ihm kategorisch gefordert hatte, zum Reichskanzler ernannt zu werden, zog Hindenburg ein Präsidialregime unter Papen vor. Grund dafür war nicht die Verteidigung demokratischer Werte, mit denen auch Hindenburg herzlich wenig am Hut hatte. Vielmehr dürften Standesdünkel des alten Aristokraten eine Rolle gespielt haben. Ihn schmerzte offensichtlich der Gedanke, dass ausgerechnet der Kleinbürger Hitler, den er wegen seiner Herkunft und seines niedrigen

DER WEG ZUR MACHT UND MACHTÜBERNAHME Nachdem Hitler das Angebot, Vizekanzler zu werden, zurückgewiesen hatte, beschritt die NSDAP zunächst den bewährten Weg der Fundamentalopposition. Wütend wurde das Kabinett Papen als "kapitalistisch" verunglimpft und gegen "das alte System der alten Herrschaften" gewettert. Als aber bei den neuerlichen Reichstagswahlen im November des selben Jahres im Bundesdurchschnitt 4,1% der Stimmen verloren gingen, brach auf dem braunen Kahn Panik aus: Hitler dachte wieder einmal an Selbstmord, Goebbels notierte verdrießlich in sein Tagebuch "wir siegen uns noch zu Tode" und auch die aus dem ganzen Reich in der Parteizentrale einlaufenden Meldungen beunruhigter lokaler Parteichefs, die von einem immer stärker werdenden Meinungsumschwung und damit Mitgliederschwund berichteten, waren nicht dazu angetan, den "Führer" und seine Vertrauten aus ihrer Depression zu holen. Zusätzlich verzeichnete die NSDAP, bedingt durch ihre aufwändige Propaganda, einen historischen Tiefststand in der Parteikasse, und das trotz großzügiger Unterstützung durch Industrielle - es musste also etwas passieren, und zwar schnell. Denn noch eine Entwicklung bedrohte nun die Ziele der Nazis: Es zeichnete sich allmählich ein Ende der Wirtschaftskrise ab. Folgerichtig hieß es auch in den "Deutschen Führerbriefen"26 vom 4. November 1932: "Der Sinn der Krise müsste für das Unternehmertum sein, dies System, auch mit vorübergehenden Un-

Grund für diese Bezeichnung war die Verwechslung von Hitlers oberösterreichischer Geburtsstadt Braunau/ Inn mit der gleichnamigen Stadt in Böhmen. 25 Das änderte sich mit der Wahlniederlage im November 1932. Unter Gregor Strasser formierte sich eine Strömung, die ihre Chancen den Bach hinuntergehen sah und wenigstens auf einen Teil der Macht nicht verzichten wollte. 24

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militärischen Grades stets abschätzig "böhmischen Gefreiten"24 nannte, die "alten Werte" an der Spitze Deutschlands repräsentieren sollte. Als Hitler in dieser Situation bei seiner Forderung blieb und das Angebot ausschlug, stellvertretender Reichskanzler zu werden, folgte ihm seine Partei noch geschlossen in die Opposition.25


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bequemlichkeiten, los zu werden (...) In der Konjunkturzeit wird man es nie mehr los werden." Die Gönner Hitlers aus Banken und Industrie waren schon im Wahlkampf vom Verhalten der Nazis nicht besonders erbaut gewesen. Nach den starken Verlusten der NSDAP versuchten sie diese zu beruhigen und sorgten sich offensichtlich, die Nazis könnten jetzt endgültig die Nerven verlieren. Am 12. November wandte sich Hjalmar Schacht, der deutsche Reichsbankpräsident, in einem Brief an Hitler und ersuchte ihn, von allzu harscher antikapitalistischer Agitation doch abzusehen. Schacht bat - trotz Verständnis für diese "kleinen Unebenheiten" in der Propaganda - um Mäßigung, "weil das ganze gegenwärtige System sich mit Sicherheit totläuft." Anderen fehlte diese Zuversicht offensichtlich: "Als die NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend", fasste der Bankier Kurt von Schröder während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses die damalige Situation aus der Sicht des Großkapitals zusammen. Auch der Industrielle Fritz Thyssen, Aufsichtsrat der Vereinigten Stahlwerke, beurteilte die Lage in einem Schreiben an Max Schlenker, den Geschäftsführer des "Vereins zur Wahrung der gemeinsamen Interessen in Rheinland und Westfalen", am 11. November 1932 ähnlich: "Es ist meiner Ansicht nach ganz unverantwortlich, dass man eine solche Bewegung solchen Gefährnissen [gemeint ist die Weigerung Hindenburgs, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, Anm.] aussetzt, die dadurch nur, wie es bei der Reformation geschah, aus ihrem geraden, eindeutigen Weg herausgedrängt werden kann." Thyssen und von Schröder wären keine guten Geschäftsleute gewesen, hätten sie die kommende 26 Die "Führerbriefe" waren streng vertrauliche Privatkorrespondenzen für die Führungskräfte der Wirtschaft, der (rechten) Politik und des Militärs. Sie standen unter dem Einfluß der IG-Farben, der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und des Braunkohleindustriellen Paul Silverberg.

Entwicklung dem Zufall überlassen: Bereits am 19. November richteten sie gemeinsam mit anderen Führern von Großindustrie, Bankwesen und Großagrariern eine Petition an Hindenburg. In dem Schreiben hieß es, man erachte es als "Gewissenspflicht, Eure Exzellenz ehrerbietigst zu bitten, dass zur Erreichung des von uns allen unterstützten Zieles Eurer Exzellenz die Umgestaltung des Reichskabinetts in einer Weise erfolgen möge, die die größtmögliche Volkskraft hinter das Kabinett bringt". Und weiter: "Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe (gemeint waren Hitler und die NSDAP, Anm.) wird die Schlacken und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen."27 Hindenburg, der aristokratische preußische Militär, gab dem massiven Drängen von Bankiers, Großgrundbesitzern, Industriellen und Reichswehrgenerälen schließlich nach. Er überwand seinen Widerwillen gegenüber dem "Plebejer Hitler" und ernannte ihn am 30. Jänner 1933 zum Reichskanzler. Dies geschah zwar unter der Bedingung, dass Papen das Amt des Vizekanzlers bekleiden sollte, aber den Nazis bereitete das wenig Die Eingabe wurde unterzeichnet von Hjalmar Schacht (Reichsbankpräsident), Kurt Freiherr von Schroeder (Mitinhaber des Kölner Bankhauses Stein), Fritz Thyssen (Schwerindustrieller), Eberhard Graf von Kalckreuth (Großgrundbesitzer), Friedrich Reinhart (Direktor der Commerz- und Privatbank), Kurt Woermann (Großreeder und Großkaufmann), Fritz Beindorff (Großreeder), Kurt von Eichborn (Bankier), Emil Helfferich (Vorstandsmitglied der Großreederei Hapag), Ewald Hecker (Vorsitzender des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller), Carl Vincent Krogmann (Großreeder), Dr. Erwin Lübbert (Industrieller, Stahlhelmwirtschaftsrat), Erwin Merck, Joachim von Oppen (Großgrundbesitzer), Rudolf Ventzky, Franz Heinrich Witthoefft (Großkaufmann), August Rosterg (Vorstandsmitglied des Kali-Konzern Wintershall), Robert Graf von Keyserlingk (Großgrundbesitzer), Kurt G. E. von RohrManze (Großgrundbesitzer), Engelbert Beckman (Vorstandsmitglied der Rhein. Landesbank); Albert Vögler (Generaldirektor der Vereinigten Stahlwerke), Paul Reusch (Generaldirektor der Gutehoffnungshütte Oberhausen) und Fritz Springorum (Stahlkonzern Hoesch) erklärten ihr Einverständnis mit der Eingabe, unterschrieben aber nicht das Original, SEITE|29 um sich politisch nicht zu exponieren; Während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse diente die Eingabe als Belastungsbeweis, Beweisdokument PS 3901.

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DAS VERSAGEN DER LINKEN

Das Bündnis von Nazis und alten Eliten ist am Ziel: Hitler wird Reichskanzler, Franz von Papen Vizekanzler, im Bild mit dem nunmehrigen Reichswehrminister, dem aristokratischen General Werner von Blomberg

Kopfzerbrechen - solange er einwilligte, ihnen die Macht zu übertragen, hatten sie nichts dagegen, "für den alten Herren" eine "gewisse Beruhigung ... zu schaffen", wie sich Wilhelm Keppler, wirtschaftspolitischer Berater Hitlers, ausdrückte. Denn mit der Ernennung Hitlers war zwar noch nicht direkt die faschistische Diktatur aufgerichtet, aber der Fuß war in der Tür. Nun konnten die Nazis und ihre Bündnispartner daran gehen, ihre Macht zu festigen, ihre Gegner auszuschalten und die Vorbereitungen für den großen Raubkrieg zu treffen.

Obwohl untereinander zerstritten, verfügt die Linke immer noch über eine Macht, die Wirtschaft und Militär bis zum Schluss Sorgen bereitet - Hier ein Aufmarsch der "Eisernen Front", einer gemeinsamen antifaschistischen Wehrformation von SPD und Gewerkschaft, in Berlin, März 1932

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An dieser Stelle soll aber auch darauf hingewiesen werden, dass es keine "Vorsehung", kein "Schicksal" gab, das die Machtübernahme durch die Nazis unausweichlich gemacht hätte. Auch wenn keineswegs mit Sicherheit zu sagen ist, dass ein geeintes Vorgehen der ArbeiterInnenparteien und ihrer Organisationen gegen die Nazis Anfang der 30er wie bei der Niederschlagung des Kapp-Putsches 1920 von Erfolg gekrönt gewesen wäre, lässt sich mit Bestimmtheit feststellen, dass es nur unter dieser Voraussetzung überhaupt erst eine reale Chance gegeben hätte, die Machtübernahme durch die NSDAP zu verhindern. SPD und KPD kamen sich im Kampf gegen den Faschismus aber erst nahe, als es bereits viel zu spät war, eine Einheitsfront zu bilden um gemeinsam die Nazis wirksam bekämpfen zu können. Die Aktivitäten der KPD in den Jahren des faschistischen Aufstieges konzentrierten sich vor allem darauf, die Fehler und den "Verrat der SPD an der Revolution" anzuprangern. In der Sozialdemokratie, nicht im Faschismus, sahen die KommunistInnen den eigentlichen Hauptfeind.


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03| GESCHICHTE DES FASCHISMUS IN DEUTSCHLAND

Statt den Faschismus zu bekäpfen zerfleischen sich die Linksparteien gegenseitig. KPD-Propagandaslogan gegen die "sozialfaschistische" SPD an einer Berliner Hauswand.

Auch wurde völlig verkannt, dass eine bürgerliche Demokratie, so wenig sie auch dazu angetan sein mag, soziale Gerechtigkeit zu schaffen, trotz allem wertvolle Rechte und Freiheiten garantiert. Mit dem systematischen Aushöhlen der Weimarer Republik trugen die KommunistInnen letztlich dazu bei, sich selbst einer besseren Ausgangsbasis für den Kampf gegen den Faschismus zu berauben. Die SPD agierte nicht viel besser: Während in den frühen Nachkriegsjahren sämtliche Revolutionsversuche in Zusammenarbeit mit dem monarchistischen Offizierskorps äußerst blutig niedergemacht wurden, fühlten sich die SPD und der an ihr orientierte Gewerkschaftsbund ADGB die gesamten 20er Jahre hindurch bemüßigt, ausgerechnet der bürgerlichen Ordnung und damit der Machtstruktur der alten, antidemokratischen Eliten das Wort zu reden. Die SPD glaubte noch 1927, als die Weltwirtschaftskrise sich bereits allgemein abzeichnete, dass mit größeren Krisen generell nicht mehr zu rechnen sei. Der "wilde" Kapitalismus, der zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges geführt hatte, sei einem "organisierten" Kapitalismus gewichen, begründeten führende TheoretikerInnen der SPD diese Erkenntnis. Folgerichtig begann die SPD, sich nahezu ausschließlich auf parlamentarischem Weg um Reformen zu bemühen. Die

Die Einigkeit gegen den Faschismus kommt zu spät: Gemeinsamer Aufmarsch von KPD und SPD in Berlin vor den Reichstagswahlen im Juli 1932

Aktivierung der Massen, etwa im Rahmen von Streiks, wurde (außer in Wahlkampfzeiten) lediglich als störend empfunden. Je stärker die Sozialdemokratie sich am bürgerlichen System beteiligte, umso stärker rutschte sie auch selbst im politischen Spektrum nach rechts und war bereit, Maßnahmen in Kauf zu nehmen und mitzutragen, die in erster Linie auf Kosten der eigenen Klientel gingen. Durch die Nicht-Aktivierung und die ständige Kompromisspolitik28 einerseits und eine völlig fehlende politische Perspektive andererseits wurden die eigenen AnhängerInnen über Jahre hinweg demoralisiert und zermürbt. Als die Rechte schließlich zum Sturm blies, hatte die Sozialdemokratie ihr nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Das dauernde Zurückweichen der SPD vor der Rechten gipfelte darin, dass sie als stärkste Partei die Präsidialkabinette und deren Politik, die offenen Verfassungsbruch bedeuteten, widerstandslos mittrug. 28

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DER ITALIENISCHE FASCHISMUS VON DER ITALIENISCHEN EINIGUNG BIS ZUM ERSTEN WELTKRIEG Ähnlich wie in Deutschland erfolgte das Ende des italienischen nationalen Einigungsprozesses erst relativ spät. Auch die Gründe für die Schaffung eines einheitlichen Nationalstaates statt vieler kleiner Herzogtümer waren ähnlich: Das Besitzbürgertum verlangte nach einem einheitlichen Wirtschafts- und Verwaltungsgebiet. Unterschiedliche Zölle und Handelsbestimmungen sollten nicht länger die ökonomische Expansion erschweren. Zusätzlich hatten große Teile des Adels die Fremdherrschaft satt (weite Gebiete Italiens wurden bis dahin von österreichischen und französischen Fürsten beherrscht). Um diese los zu werden, waren die einzelnen kleinen Staaten aber zu schwach, deshalb erstarkte auch in der italienischen Aristokratie die nationale Idee. Sowohl Aristokratie als auch Bürgertum beabsichtigten allerdings nicht, an den feudalen Besitzverhältnissen etwas zu ändern. Genau diese Besitzverhältnisse waren aber für die Not der völlig verarmten Masse der - zum überwiegenden Teil ländlichen italienischen Bevölkerung verantwortlich. Somit fehlte allen, die nicht den traditionellen Eliten oder dem aufstrebenden Besitzbürgertum angehörten, jegliche Motivation, sich am Kampf für ein einheitliches Italien zu beteiligen. Wenn sich an der Ausbeutung nichts änDer Kirchenstaat durchzog ursprünglich etwa auf der Höhe Roms die gesamte italienische Halbinsel. Seine Beseitigung hatte klarerweise nicht gerade Freudenstürme im Vatikan entfacht. Der damit entstehende Konflikt (die "römische Frage") war einer der Hauptgründe für die spätere positive Haltung der Kirche gegenüber dem Faschismus, der eine für beide Seiten befriedigende Lösung versprach. 29

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derte, war es schließlich egal, wer die Ausbeuter waren. Die fehlende Unterstützung im Volk war dann auch der Hauptgrund für die lange, schleppende Einigung Italiens. Ab 1871 vereinigte das Königreich Italien schließlich die meisten Regionen der Apenninenhalbinsel einschließlich des vormaligen Kirchenstaats.29 Unerfüllt blieb der italienische Wunsch nach der Angliederung Südtirols, des Trentinos und Triests, die weiterhin zum Habsburgerreich gehörten. Ebenso war dem Versuch des jungen Italien, Kolonien zu erwerben, wenig Erfolg beschieden. Das Königreich kam wie Deutschland - einfach zu spät, die Welt war großteils schon verteilt. Einige Versuche, wenigstens in Randzonen Fuß zu fassen, endeten in militärischen Fiaskos, so etwa in Abessinien (dem heutigen Äthiopien). Im Inneren war die Atmosphäre im Italien des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts geprägt von Revolten und Aufständen der verarmten Landbevölkerung und der ArbeiterInnen in den Fabriken30. Am Vorabend des Weltkrieges eskalierte die innenpolitische Situation schließlich. In allen Teilen des Landes brachen revolutionäre Massenstreiks los, in mehreren Großstädten kam es zur Besetzung von Ämtern und öffentlichen Gebäuden, vielerorts wurde die Republik ausgerufen. Die Aufstände konnten schließlich nur durch den Einsatz von Truppen niedergeschlagen werden, die ein Blutbad anrichteten. Die "Roten Wochen" erschütterten trotzdem die italienische Monarchie in ihren Grundfesten. Traurige Berühmtheit erreichte der Aufstand der sizilianischen Landarbeiter 1892-93, der von der Obrigkeit blutig niedergeschlagen wurde.

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DER ERSTE WELTKRIEG Als der Erste Weltkrieg ausbrach, erklärte Italien - das ursprünglich mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet gewesen war - sofort seine Neutralität. Der Chefredakteur des sozialistischen Zentralorgans "Avanti" schrieb dazu: "Italien kann und darf nichts zur Ausbreitung des Brandes in Europa tun. Für diese Parole sind das Proletariat und die Sozialistische Partei bereit, mit allen Mitteln einzutreten". Der Chefredakteur der Zeitung und Autor dieser Zeilen war Benito Mussolini. Er gehörte damals dem linken Flügel der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) an und war einer ihrer einflussreichsten Wortführer. Die schweizer Polizeiakte des jungen Umstürzlers Mussolini, 1903

Während die italienischen SozialistInnen (im Unterschied zu ihren Schwesterparteien in Deutschland, Österreich, Großbritannien und Frankreich) eine scharf ablehnende Haltung gegenüber einem etwaigen Kriegseintritt ihres Landes einnahmen, drängten die Nationalisten großteils auf eine Teilnahme an der Seite Englands und Frankreichs. Deshalb wurde von rechts eine gewaltige Kampagne gestartet, um die pazifistische Haltung der Sozialistischen Partei zu diskreditieren. Gleichzeitig wurde mit einer vorderhand "linken" Agitation versucht, der sozialistischen Basis eine Teilnahme am "anti-monarchistischen Kampf" gegen "die Habsburger und Hohenzollern" schmackhaft zu machen. Doch obwohl die italienische Öffentlichkeit durch diese Propagandakampagne in ihrer AntiKriegs-Haltung mehr und mehr zu schwanken begann, blieben die SozialistInnen vorläufig bei ihrer Forderung nach Neutralität. Ausgerechnet der Exponent der Parteilinken, Mussolini, begann dann aber plötzlich zu lavieren. Überraschend betonte er, auch die SozialistInnen könnten sich der "nationalen Frage" und der Problematik der "unerlösten Gebiete"31 nicht entziehen. Der "Linksinterventionist", wie er sich fortan bezeichnete, vertrat die Auffassung, durch einen Kriegseintritt auf Seiten der demokratischen Westmächte solle in Italien die bürgerlich-demokratische Revolution durchgesetzt werden. Damit würde, so Mussolini weiter, die sozialistische Revolution vorbereitet werden. Als ihm die Sozialistische Partei (PSI) bei seiner Kehrtwende nicht folgen wollte, legte Mussolini alle Parteiämter zurück und begann eine öffentliche Agitation für den Kriegseintritt. Innerhalb kürzester Zeit konnte er dazu auch eine eigene Zeitung herausgeben. Sie wurde von Industriellenkreisen finanziert, in deren besonderem Interesse der Kriegseintritt angesichts der zu erwartenden Rüstungsaufträge lag.32 Gemeint waren vor allem Triest, Südtirol und Trentino, aber auch Istrien und Teile Dalmatiens. 32 Als Helfer in der Kontaktaufnahme mit diesen künftigen Finanziers stand Mussolini der Herausgeber eines nationalistischen Blattes, Filippo Naldi, zur Seite. 31

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In der Folge wurde Mussolini aus der PSI ausgeschlossen. Bei von ihm organisierten Kundgebungen von KriegsbefürworterInnen betonte er daraufhin vorläufig noch, er wolle keine eigene Partei gründen, sondern lediglich einen "Bund" ("fascio"), um sich für einen Kriegseintritt parteiübergreifend stark machen zu können. "Wir sind für den nationalen Krieg, der aber auch aus sozialen Gründen geführt werden muss", erklärte er, und führte aus, dass es nun gelte, an der Seite der westlichen Demokratien den Absolutismus zu bekämpfen. Die Neuheit dieser Argumentation lag darin, dass als Kriegsgrund nicht primär künftige nationale Größe genannt wurde. Stattdessen wurde behauptet, der Krieg läge auch im Interesse der arbeitenden Schichten. Damit sollte es gelingen, nicht mehr nur bürgerliche Kreise anzusprechen, sondern versucht werden, die Masse der Arbeitenden für einen Kriegseintritt zu begeistern. Wer, wenn nicht der ehemalige Sozialist Mussolini, wäre besser imstande gewesen, einen derartigen Standpunkt glaubhaft zu vertreten? Gerade weil es durch ihn erstmals möglich schien, die dem Krieg ablehnend gegenüberstehende ArbeiterInnenschaft zu spalten, war er für KriegsbefürworterInnen ein wertvoller Verbündeter. In seiner Propaganda begann Mussolini auch schnell, nicht nur für den Krieg sondern auch gegen die "Vaterlandsverräter der Sozialistischen Partei" Stimmung zu machen. Er bediente sich dabei einer (zunächst nur verbalen) Radikalität, die in der politischen Auseinandersetzung neu war: Offen sprach er von der Notwendigkeit, die politischen Gegner zu "töten", sie zu "liquidieren" und appellierte dabei immer an "die Jugend", die sich gegen die "fetten Alten" auflehnen müsse. Obwohl sein Programm reaktionär, aggressiv und nationalistisch war, versuchte er, die Rolle des Revoluzzers, der er in früheren Tagen gewesen war, beizubehalten. Er stellte sich dar als von Bürgertum, Aristokratie und Militär unabhängiger Rebell gegen "das System". Zur sozialen Revolution gesellte sich in SEITE|34

seiner Propaganda die "nationale", die "rassische" Revolution. In seinem ersten faschistischen "Manifest" 1915 schrieb Mussolini: "Der Klassenkampf ist eine leere Phrase, kraftlos und fruchtlos, solange ein Volk nicht in seinen eigenen, natürlichen Sprach- und Rassengrenzen lebt und die Nationalitätenfrage nicht gelöst ist". Ihm und seinen Anhängern, behauptete Mussolini, ginge es nicht einfach nur um "vulgäre wirtschaftliche Interessen". Er und seine Bewegung stünden für "Ideale, die über den Klassen stehen". In relativ kurzer Zeit konnten die "Fasci d´Azione Revoluzionaria" beachtlichen Zulauf verbuchen. Und immer wilder wurden die Ausritte gegen die Linke und das Parlament, das nach wie vor mehrheitlich eine neutrale Haltung Italiens favorisierte. Mussolini forderte, "Pazifisten vor das Kriegsgericht" zu stellen und schwadronierte, das "Heil Italiens" mache "die Erschießung einiger Dutzend Parlamentarier" notwendig. Bemerkenswert dabei war der Umstand, dass Mussolini bald nicht mehr nur gegen die Abgeordneten bestimmter Parteien Stellung bezog. Er ging einen entscheidenden Schritt weiter und griff das Parlament als solches an, das er als "Eiterbeule" bezeichnete, die "ausgebrannt werden" müsse, um eine "neue Ordnung aufzurichten". Mitte April 1915 wurden in mehreren Städten Italiens Großdemonstrationen für den Kriegseintritt inszeniert. Damit sollte der italienischen Regierung, die mittlerweile Geheimverhandlungen mit Frankreich, Rußland und England aufgenommen hatte, der Rücken gestärkt werden. Im Rahmen dieser Geheimverhandlungen wurden den italienischen Vertretern für den Fall eines Sieges über die Mittelmächte Südtirol, Istrien und weitere Kolonien in Afrika zugesichert. Unter dem Eindruck dieser erhofften Kriegsbeute und der Massenveranstaltungen der Faschisten kündigte Italien schließlich Anfang Mai 1915 den "Dreibund" mit Deutschland und Österreich-Ungarn auf. Drei Wochen später wurde der Krieg erklärt.


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Für die italienischen Kriegsherren verlief das Unternehmen aber von Beginn an nicht nach Plan: Obwohl die österreichisch-ungarischen Verbände relativ schwach waren, gelang es der italienischen Armee nicht, sie aus ihren Gebirgsstellungen zu werfen und einen entscheidenden Durchbruch zu erzielen. Wie an der Westfront zeichnete sich auch in Norditalien der Beginn eines jahrelangen, mörderischen Stellungskrieges ab. Die anfängliche Kriegsbegeisterung verflog entsprechend schnell. Mehr und mehr formierte sich Widerstand gegen das sinnlose Verheizen Zehntausender, gegen Lebensmittelknappheit und Zensur. Im Jahr 1917 erreichte Italien die Nachricht von der ersten Welle der Russischen Revolution. Vielen schien es unglaublich, dass so etwas möglich sein sollte - ein Volk in diesem europäischen Gemetzel hatte seinen obersten Kriegsherrn zum Teufel gejagt! Das war der Tropfen, der das Fass der Wut zum Überlaufen brachte. Es kam zu Unruhen, Aufständen und Massenstreiks im ganzen Land, die ein gemeinsames Ziel hatten: die Beendigung des Krieges. Zur Niederschlagung mussten schwer bewaffnete Polizei- und Armeeeinheiten eingesetzt werden, es gab hunderte Tote und tausende Verletzte. Den Unruhen im Inneren folgte das militärische Desaster an der Front: Nachdem den Österreichern in der letzten von insgesamt zwölf Schlachten am Isonzo durch deutsche Unterstützung und den Einsatz von Gas der Durchbruch gelungen war, brach die italienische Front zusammen. Nur mit knapper Not und Dank massiver britischer und französischer Unterstützung konnten die vordringenden österreichischen Truppen aufgehalten werden. Daraufhin musste die italienische Regierung im Oktober 1917 zurücktreten. Aber weder die Unruhen noch das Versagen der Armee konnten Mussolini und die Seinen von ihrer Kriegseuphorie abbringen. Im Gegenteil: Als die bolschewistische Revolution in Russland im Herbst 1917 gelang, bekundete Mussolini seine ganze Sympathie und behauptete

Der Kriegswillen in Europa ist gebrochen. Verbrüderung deutscher und russischer Soldaten an der Ostfront 1917

öffentlich, dies sei der endgültige Beweis für seine These, nur der Krieg werde zum Sozialismus führen. Deshalb müsse der Kampf gegen Österreich-Ungarn unter allen Umständen fortgeführt werden. Die Unruhen im Land denunzierte er als "konterrevolutionär", ihre FührerInnen als "Agenten des Feindes". Um sie zu unterdrücken, forderte er "die Anwendung der härtesten Maßnahmen". Der Ruf nach Frieden war aber zu Beginn des Jahres 1918 in allen kriegführenden Ländern unüberhörbar geworden. Aufstände in Italien, der Jännerstreik in Österreich-Ungarn, Meutereien im französischen Militär und schließlich Aufstände in der deutschen und französischen Marine machten deutlich: Der Wille, diesen Krieg fortzusetzen, war am Ende. DIE KRIEGSFOLGEN IN ITALIEN Obwohl Italien eigentlich zu den Siegern des Weltkrieges gehörte, war die Bilanz katastrophal: fast 800.000 Kriegstote, mehr als eine Million Verwundete, außerdem der volkswirtschaftliche Ruin. Erschwerend kam hinzu, dass Italien von seinen Verbündeten, England und Frankreich, um den versprochenen Anteil

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am Sieg geprellt wurde. Abgesehen von Südtirol, dem Trentino, Istrien und Triest blieben alle italienischen Ansprüche in der östlichen Adria, der Türkei und in Afrika unberücksichtigt. Ebenso abgelehnt wurde von den Alliierten der italienische Wunsch, das mehrheitlich von ItalienerInnen bewohnte Fiume (das heutige Rijeka) dem Königreich Italien anzugliedern. Die innenpolitische Folge war eine tiefe Legitimationskrise für die herrschenden Eliten: Von den ArbeiterInnen wurden sie für das soziale Elend im Lande verantwortlich gemacht und die Rechte, mit ihr die "Linksinterventionisten" um Mussolini, bezichtigten sie wegen des schlechten Abschneidens bei den Friedensverhandlungen des Verrats. Deshalb wurde versucht, dem Schicksal der Herrschenden in Deutschland und Österreich durch Kompromisse zu entgehen. So wurde etwa ein neues Wahlrecht eingeführt, das vor allem die Sozialistische Partei als einzige wirkliche Massenpartei begünstigte. Doch die Hoffnung, die innenpolitischen Spannungen damit entschärfen zu können, erfüllten sich nicht. 1919/20 erschütterten mehr als dreitausend Streiks das Land.

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die Linke einen beispiellosen Aufschwung. Nicht umsonst gingen jene Jahre als die "beiden roten Jahre" ("biennio rosso") in die Geschichte ein. Doch die Reaktion der Rechten auf diese Entwicklungen blieb nicht aus: Im ganzen Land kam es zu bürgerkriegsartigen Zusammenstößen zwischen der Linken auf der einen sowie der Rechten und der Staatsmacht auf der anderen Seite. Die Linke erwies sich dabei aber als so stark, dass die bürgerliche Regierung unter Giovanni Giolitti sich letzten Endes für den Verhandlungsweg entschied, um der Krise Herr zu werden. Das Ergebnis dieser Verhandlungen war eine Reihe wichtiger sozialer Reformen und günstigerer Kollektivverträge als irgendwo sonst in Europa. Dieser Kompromiss war zwar bedeutend weniger, als sich der linke Flügel innerhalb der PSI und der Gewerkschaften erhofft hatte. Er war aber definitiv mehr, als die Unternehmer, allen voran der mächtige Verband der metallverarbeitenden Industrie, zu akzeptieren bereit war.

In den Industrieregionen im Norden kam es massenhaft zu Betriebsbesetzungen. Im Süden begannen die landlosen Bauern im großen Stil, das Land, das bisher einigen wenigen Großgrundbesitzern gehört hatte, zu besetzen und unter sich aufzuteilen. Insgesamt erlebte

Die bunte Ansammlung von "Linksinterventionisten", die sich während des Krieges um Mussolini geschart hatte, blieb ihm auch nachher treu ergeben. Die Gruppe versuchte während der revolutionären Phase, die sozialistische Propaganda links zu überholen, freilich stets verbunden mit dem selben nationalistischen

In den Augen der Besitzenden eine unerhörte Gefahr, die so schnell wie möglich gebannt werden muss: Bewaffnete Arbeiter, hier in Lancia (bei Turin)

Soziale Unruhen im Nachkriegsitalien: Streikende Eisenbahner können nicht mehr - wie zuvor üblich - einfach mit Polizeigewalt zur Wiederaufnahme der Arbeit gezwungen werden


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Geheul wie zuvor. Diese Sozialdemagogie ging so weit, dass Mussolinis Anhänger im März 1919 eine der ersten Betriebsbesetzungen organisierten. Die Ansprache, die Mussolini bei seinem Auftritt in der betreffenden Fabrik in Dalmine (Provinz Bergamo) hielt, war bezeichnend für das, was er fortan als "nationalen Sozialismus" propagierte: "Ihr steht auf dem Boden eurer Klasse, habt aber die Nation nicht vergessen (...) Ihr belehrt gewisse Industrielle, besonders jene, die alles ignorieren, was sich in diesen letzten vier Jahren in der Welt ereignet hat, dass die Figur des alten, gierigen und ausbeuterischen Industriellen dem Industriekapitän weichen muss, der das Notwendige für sich verlangen kann, aber den anderen Schöpfern des Reichtums nicht Elend aufzwingen darf." Drei Tage nach dieser Rede gründeten Mussolini und seine Anhänger in Mailand den "Fascio Italiano di Combattimento" (Kampfbund). In dessen Grundsatzprogramm wurden die Forderungen der Linksparteien, die damals von den Faschisten auf der Straße schon bekämpft wurden, weitgehend übernommen: Republik, allgemeines Wahlrecht, Beseitigung der politischen Polizei, Abschaffung der Adelstitel, allgemeine Abrüstung, Gedanken-, Gewissens-, Religions- und Pressefreiheit. Gleichzeitig wurde betont: "Wir verabscheuen die theoretischen und philosophischen Systeme, denn unsere Mentalität ist gegen jede vorgefasste Doktrin." Der Forderungskatalog war unzusammenhängend und widersprüchlich33, ein Merkmal aller späteren faschistischen "Manifeste" in anderen Ländern.

ren rechten Gruppierungen aufzuweisen hatten, war die Stärke weit unter den Erwartungen Mussolinis geblieben. Bei den Parlamentswahlen im November 1919 scheiterten die Faschisten völlig. Die Niederlage brachte die Truppe an den Rand der Auflösung. Es waren vor allem zwei Faktoren, die es der faschistischen Bewegung trotzdem ermöglichten, wieder Fuß zu fassen: 1. Ende 1919 eskalierte der Streit zwischen Italien und Jugoslawien in der Frage Fiumes und Dalmatiens. In einem Handstreich besetzten ehemalige und aktive Angehörige der Streitkräfte mit Duldung weiter Teile des italienischen Offizierskorps Fiume und in Italien entbrannte eine heftige Diskussion um die Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens. Die Faschisten entfalteten mit finanzieller Unterstützung rechter Unternehmer eine enorme Propaganda, mit der es gelang, viele der nationalistisch orientierten Kriegsheimkehrer zu gewinnen und sie in neu gegründeten "Fasci" zu organisieren.

Der Faschistische Terror geschieht mit stiller Duldung der Behörden: Stürmung einer Arbeiterkammer durch Faschisten, Unterlagen und Möbel werden auf die Straße geworfen und verbrannt

Im Oktober 1919 umfasste die faschistische Bewegung 17.000 Mitglieder, die in 56 Kampfbünden organisiert waren. Auch wenn das mehr war, als die meisten ande-

So wurden etwa einerseits pazifistische Forderungen wie das Verbot der nationalen Waffenproduktion erhoben, andererseits aber die Annexion Dalmatiens gefordert. Auch der "sozialistische Charakter", der dem Programm von bürgerlichen HistorikerInnen oft attestiert wird, war mehr als zweifelhaft: Mit der Formulierung sozialer Anliegen war die Forderung nach Freihandel verknüpft worden.

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2. Nicht nur die Industriellenvereinigung, sondern vor allem auch Großgrundbesitzer fühlten sich durch die "Roten Jahre" bedroht, deren Folge ein enormer Machtzuwachs für die Gewerkschaften und die Sozialistische Partei war. Als sich die Lage Ende 1919 wieder einigermaßen beruhigt hatte, waren sie nicht länger bereit, Landbesetzungen, Lohnerhöhungen und Mitspracherecht für die arbeitende Bevölkerung zu akzeptieren. Sie finanzierten daher lokale "Fasci", vornehmlich bestehend aus Kriegsheimkehrern 34, die in ihrem Auftrag "Strafexpeditionen" gegen rote Ortschaften, Gemeindeverwaltungen, Organisationszentren und Streiks durchführten. Um den daraus resultierenden "permanenten Bürgerkrieg" in den ländlichen Regionen führen zu können, bedurften die Faschisten aber nicht nur der großzügigen finanziellen Zuwendungen durch die Großagrarier. Mussolinis Horden waren darüber hinaus auch auf die wohlwollende Duldung ihres Terrors gegen die Linke durch Militär, Verwaltung und Justiz angewiesen. Und wie in Deutschland fanden die Faschisten auch hier in vielen der um ihre Positionen bangenden Beamten willige Verbündete. Die Obrigkeit sah in den meisten Fällen tatenlos zu, wie von den Faschisten Landlose massakriert, Gewerkschafts- und Parteibüros gestürmt und zerstört und lokale linke Führungskräfte ermordet wurden. Mehr noch: Nicht selten gingen die Faschisten als "Hilfskräfte" gemeinsam mit Polizei- und Armeeeinheiten gegen "die Roten" vor.

sie hatten die WählerInnen in den "roten Hochburgen", vor allem in den ländlichen Regionen, so eingeschüchtert, dass viele SympathisantInnen der Linken gar nicht erst zur Wahl gegangen waren. Das Ergebnis waren schwere Verluste für die SozialistInnen und ein Wahlsieg der Rechten. Diese revanchierte sich bei den Schlägertrupps durch erhöhte finanzielle Zuwendungen, und von da an gab es kein Halten mehr: Alleine von Jänner bis Juni 1921 zerstörten die Faschisten nach eigenen Angaben 17 Druckereien, 59 Volkshäuser, 119 ArbeiterInnenkammern, 107 Genossenschaften, 83 Verbandslokale der LandarbeiterInnen und 141 Lokale der Sozialistischen Partei. Gleichzeitig wuchs die faschistische Bewegung trotz einiger Rückschläge weiter an, im November 1921 waren aus den ursprünglichen 56 Kampfbünden 2.200 geworden. Zu ihren 249.000 Mitgliedern zählten neben dem Sammelsurium der "Linksinterventionisten" vor allem enttäuschte Kriegsheimkehrer. Die vertraten einen radikal nationalistischen Standpunkt und sozialistische, demokratische Tendenzen waren ihnen völlig fremd. Trotzdem schaffte es der Faschismus, beiden Gruppen im bereits erwähnten widersprüchlichen Programm ausreichend Lockfutter hinzustreuen, um sie an sich binden zu können. Dies ist umso bemerkenswerter, als nach dem Ersten Weltkrieg neben den Faschisten noch ein anderer ultranationalistischer Verband entstanden war, die Associazione Nazionalista. Sie verfolgte ein strikt antiliberales, antisozialistisches, und diktatorisches Programm und wäre demnach für viele Rechtsstehende eine viel glaubwürdigere politische Heimat gewesen. Im Unterschied zu den Faschisten gelang es den Nationalisten aber trotzdem nie, tatsächlich breitere Massen zu organisieren.

Der faschistische Terror trug bereits 1920 erste Früchte. Die Faschisten hatten im Vorfeld der in diesem Jahr stattfindenden Gemeinderatswahlen systematisch linke Kundgebungen gesprengt. Sie hatten sozialistische KandidatInnen bedroht und ermordet. Und

Mehr und mehr verschwanden nun aus der faschistischen Propaganda die sozialistischen Elemente. Übrig blieb vor allem fanatischer Nationalismus. Das deutet darauf hin, dass die Erfolge unter ArbeiterInnen und damit der erhoffte Einbruch in das WählerInnensegment der Linken ausgeblieben war und deshalb zunehmend versucht wurde, vor allem die Mittelschichten anzusprechen.

SEITE|38 34 In ihrer Struktur und sozialen Zusammensetzung waren diese Trupps vergleichbar mit den deutschen "Freikorps".


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DAS ZAUDERN DER LINKEN Begünstigt wurde der faschistische Aufstieg aber auch durch die hilflosen Reaktionen der Linken. Die Sozialistische Partei und die Gewerkschaften verfügten 1922 noch immer über einen fast fünfmal so großen Mitgliederstand wie die Faschisten, trotzdem wichen sie Schritt für Schritt vor deren Aggression zurück. Eine Hauptursache dafür war die Struktur der linken Organisationen. Durch starke Dezentralisierung waren PSI und Gewerkschaft zwar flächendeckend vorhanden, ihre Entscheidungsstrukturen blieben aber relativ starr und schwerfällig. Sie waren deshalb meist nicht fähig, den äußerst flexibel agierenden Faschisten die Stirn zu bieten. Die "Fasci" hatten das sehr rasch verstanden und perfektionierten ihre Taktik binnen kürzester Zeit: Für "Aktionen" wurden aus der ganzen jeweiligen Region Männer und Waffen zusammengezogen und dadurch eine kurzfristige Übermacht geschaffen. Durch großzügige Zuwendungen von Großgrundbesitzern und Industriellen sind die Faschisten wesentlich besser ausgerüstet und können flexibler agieren als die Linken. Hier ein motorisierter faschistischer Stoßtrupp nach seiner Rückkehr von einer "Strafexpedition" gegen streikende LandarbeiterInnen

So war es möglich, ein Dorf oder eine Institution zu überfallen, in Brand zu stecken, lokale FührerInnen der Linken zu misshandeln oder zu töten. Bevor ein etwaiger Gegenangriff hätte erfolgen können, zerstreute sich die "Kampfgruppe" wieder. Dieser Zermürbungskrieg hatte zur Folge, dass die eigene AnhängerInnenschaft den linken Organisationen zunehmend demoralisiert fernblieb. Der zweite Hauptgrund für das Versagen der Linken war die Spaltung der Sozialistischen Partei, deren linker Flügel im Jänner 1921 eine eigene kommunistische Partei gründete. Von nun an widmeten die beiden linken Lager einander mehr Aufmerksamkeit als der Tatsache, dass der Faschismus zur selben Zeit auf dem Land die Rolle der Staatsmacht praktisch ersetzt hatte und ungehindert die linken Strukturen aufrieb. Zwar wurde eine - etwa mit dem österreichischen "Republikanischen Schutzbund" vergleichbare - sozialistische Miliz, die "Arditi del Popolo", geschaffen. Sie war aber schlecht ausgerüstet und konnte den Faschisten, von einigen wenigen Erfolgen abgesehen, kaum ernsthaft Widerstand leisten. DER WEG ZUR MACHT Am 7. April 1921 löste König Vittorio Emanuele III. auf Ersuchen des bürgerlichen Ministerpräsidenten Giolitti das Parlament auf und setzte Neuwahlen an. Giolitti erhoffte sich von diesem Manöver eine deutlichere bürgerliche Mehrheit als jene, die es bis dahin gegeben hatte. Sein Wunsch erfüllte sich nicht. Die SozialistInnen mussten zwar Verluste hinnehmen, blieben aber stärkste Partei und die neugegründete KP konnte einen Achtungserfolg verbuchen.35 Die schwache bürgerliche Mehrheit im Parlament war zersplittert und bot keine geeignete Basis für eine stabile Rechtsregierung. Giolitti trat daraufhin zurück, das neue Obwohl die KPI deutlich von einer politisch dominanten Rolle entfernt war, löste ihr bescheidener Wahlerfolg im BürgerInnentum erhebliche Unruhe aus. 35

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Kabinett unter Bonomi war aber noch wesentlich wakkliger. Bei dieser Wahl hatten die Faschisten erstmals in einer bürgerlichen Einheitsliste kandidiert, dem "Nationalen Block". Dadurch gewannen sie in bürgerlichen Kreisen zwar erheblich an Ansehen, gleichzeitig sorgte das Anbiedern an die traditionellen Parteien aber innerparteilich für schwere Turbulenzen. Im Bemühen, sich den Bürgerlichen als verlässlicher Bündnispartner zu präsentieren, der seine Organisation fest im Griff habe, rief Mussolini seine Gefolgschaft zur Mäßigung auf und versuchte, den im ländlichen Raum tobenden Bürgerkrieg zu beenden, indem er weitere "Aktionen" verbot. Ihm wurde deshalb vom "linken" Teil seiner Bewegung 36 vorgeworfen, als "Steigbügelhalter der Kapitalisten" zu fungieren. Unter diesem Druck musste der "Duce" (Führer) sogar kurzfristig aus dem faschistischen Exekutivkomitee (dem höchsten Gremium der faschistischen Bewegung) ausscheiden. Um seine Autorität wieder herzustellen, ging Mussolini einen Kompromiss mit seinen Unterführern ein. Er ließ ihnen vorläufig praktisch freie Hand, dafür tolerierten sie seine mittlerweile offen konservative, bürgerliche Propaganda und stimmten einer "Reorganisation" der faschistischen Bewegung zu: Mit der Gründung einer Partei, dem Partito Nazionale Fascista" (PNF), wurde eine zentrale, hierarchische Führung geschaffen, an deren Spitze Mussolini stand. Die Strategie der PNF bestand darin, sich einerseits den traditionellen Machtgruppen als treue Verbündete anzudienen, gleichzeitig aber dafür zu sorgen, dass im Land keine Ruhe einkehrte. So sollte der Ruf nach dem "starken Staat" provoziert werden, den "nur ein starker Mann mit einer großen, disziplinierten Bewegung hinter sich" führen könne, wie Mussolini ausführte. Zum Jahreswechsel 1921/22 kam es zu einer untypischen Koalition gegen die Regierung Bonomi: Im SEITE|40

In erster Linie von den kleinbürgerlichen Milizführern. Außer SozialistInnen und KommunistInnen gehörten der Koalition von Facta offiziell alle im Parlament vertretenen Parteien an.

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Zusammenhang mit dem Zusammenbruch einer Bank, der Banco di Sconto, verscherzte es sich die Regierung mit den SparerInnen, indem sie der Bank gestattete, sämtliche Auszahlungen einzustellen und so die kleinen SparerInnen um ihr Geld zu bringen. Gleichzeitig weigerte sich Bonomi, dem Druck von Industrie- und Bankkreisen stattzugeben und die Banca di Sconto durch staatliche Finanzspritzen zu retten. Schließlich zerbrach die bürgerliche Koalition im Parlament an dieser Frage. Auch die Nachfolgeregierung unter Luigi Facta, die nur auf dem Papier von einem breiteren Parteienspektrum getragen wurde37, erwies sich schon bald als zu schwach und musste nach kaum vier Monaten zurücktreten. Die Faschisten intensivierten im Frühjahr 1922 ihre öffentlichen Aktivitäten enorm. Am 1. Mai überfielen sie in dutzenden Orten sozialistische Feiern und Umzüge. Ende Mai besetzten faschistische Milizen das "rote" Bologna und setzten ungehindert vom Militär die gewählte Stadtregierung ab. Es folgte die gewaltsame faschistische Besetzung von teils großen Städten wie Viterbo, Novara, Ravenna, Rimini und Pavia. Nach dem Rücktritt des Ministerpräsidenten Facta erklärte Mussolini, der zwar im Parlament nach wie vor relativ schwach vertreten war, sich aber der Unterstützung durch weite Teile von Unternehmern und Militär sowie des Königshauses sicher sein konnte, er werde nun keine wie immer geartete antifaschistische Regierung dulden. Die Folge war eine monatelange Regierungskrise. Der wachsende faschistische Druck brachte die Linke schließlich dazu, sich endlich geeint gegen den Faschismus zu stellen. Am 31. Juli 1922 riefen die beiden linken Parteien, PSI und KPI, gemeinsam den Generalstreik aus. Die Antwort ließ nicht auf sich warten - zwei Tage später begann die faschistische Gegenoffensive und es kam zu bisher beispiellos blutigen Straßenschlachten. Von einigen Ausnahmen abgesehen errangen die Faschisten fast überall den Sieg. Das war zwar zu erwarten gewesen, allerdings hatten auch die Faschisten selbst nicht auf eine so eindeutige Unterstützung durch die Behörden und die bürgerliche Presse zu hoffen gewagt, wie sie nun erfolgte. Zeitungen wie der Corriere


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04| DER ITALIENISCHE FASCHISMUS

Gegen sie wären Mussolinis Schwarzhemden im Ernstfall chancenlos Militär in Rom, das auf Weisung des Königs den Faschisten die Stadt widerstandslos übergibt

della Sera bejubelten die "Retter des Vaterlandes", die sich "dem Bolschewismus aus tief empfundenem Patriotismus entgegengeworfen" hätten. Die mailändische Richterschaft erklärte einstimmig, die Erstürmung der Stadt und ihre Besetzung durch die faschistischen Milizen sei weder illegal noch unangemessen gewesen. Und die neue bürgerliche Regierung mit demselben Ministerpräsidenten wie die vorige, Luigi Facta, sah tatenlos zu. Durch ihren Sieg bestärkt, verlangten die Faschisten Neuwahlen. Schon vorab machten sie aber klar, dass sie in der neuen Regierung eine zentrale Rolle beanspruchten, andernfalls würden sie einen Aufstand vom Zaun brechen. Was die realen Kräfteverhältnisse betraf, hätte sich die Regierung keinerlei Sorgen zu machen brauchen. Im Ernstfall konnten es die faschistischen Milizen nicht mit der Polizei und schon gar nicht mit dem Militär aufnehmen. Aber das war auch gar nicht das Ziel Mussolinis und seiner Anhänger: Ihnen ging es vorläufig nur darum, den bürgerlichen Parteien klar zu machen, dass der Faschismus inzwischen einen Machtfaktor darstellte, mit dem sie nicht mehr tun und lassen konnten, was sie wollten. Diese Strategie, "Zuckerbrot und Peitsche", das Umwerben von Unternehmern und Monarchisten einerseits und der fortgesetzte Terror auf den Straßen andererseits, zeigte letztlich Wirkung.

Von Polizei und Armee alleine gelassen: Mailändische ArbeiterInnen errichten zur Verteidigung der Stadt gegen die Faschisten Barrikaden

DIE MACHTÜBERNAHME In der bürgerlichen Geschichtsschreibung wird der "Marsch auf Rom" oft als putschartige Machtergreifung durch die Faschisten beschrieben: Die legale Staatsmacht sei angesichts der faschistischen Übermacht ohnmächtig gewesen. Das Gegenteil ist wahr. Die Behörden hätten Möglichkeiten genug gehabt, bereits die Zusammenziehung der faschistischen Milizen in jenen Orten zu verhindern, von denen aus der eigentliche "Marsch auf Rom" begann. Sie unternahmen nichts. Aber auch nachdem die Faschisten unbehindert ihre Vorbereitungen abgeschlossen hatten und nun tatsächlich auf Rom marschierten, wäre es ein leichtes gewesen, dem Spuk ein jähes Ende zu machen. Denn die relativ schwachen Verbände der "Schwarzhemden" (so wurden die Faschisten wegen ihrer Uniform genannt) waren dem Militär, das zu der Zeit in Rom stationiert war, wie bereits erwähnt, hoffnungslos unterlegen. Die Nationalisten, die sich an den Vorbereitungen des Marsches ebenfalls beteiligt hatten, waren sich dessen auch bewusst. Als es in letzter Minute wider Erwarten so schien, als ob die Regierung doch nicht freiwillig das Feld räumen würde, sondern ernsthaft Anstalten machte, das Militär einzusetzen, schwenkte die nationalistische Führung kurzfristig um. Weil sie keine Lust hatte, gemeinsam mit dem "Duce" unterzugehen, unterstellte sie ihre 4.000 "Blauhemden", die bis dahin

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Von "Putsch" keine Rede - Nach getaner Arbeit verlassen Mussolini und König Vittorio Emanuele III. nach der Angelobung Mussolinis zum Staatschef den Königspalast, 29. 10. 1922

mit den Faschisten marschiert waren, kurzfristig der Polizei. Auch Mussolini selbst war sich sehr wohl bewusst, dass seine 20.000 Milizionäre im Ernstfall keine Chance gegen die 28.000 Mann starke Militärmacht hatten, die in der Hauptstadt auf sie wartete. Er zog es deshalb vor, im fernen Mailand die kommende Entwicklung aus sicherer Distanz zu beobachten. Es sollte sich jedoch zeigen, dass seine Vorsicht unbegründet und die Nervosität der Nationalisten verfrüht gewesen war. Nicht zuletzt durch die Lobbyarbeit der Industriellenvereinigung im Vorfeld des Marsches weigerte sich König Vittorio Emanuele III. in letzter Minute, dem Militär den Befehl zum Losschlagen gegen die Faschisten zu geben. Als daraufhin die Regierung zurücktrat, war der Weg für Mussolini frei.

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DIE "FASCHISIERUNG" DES STAATES Die Faschisten, wiederum unterstützt von der Industriellenvereinigung und hohen Militärs, beabsichtigten nun, da ihr Plan aufgegangen war, nicht mehr, sich nur mit einem Teil der Macht zu begnügen. Das Angebot, in einem neugebildeten Kabinett vier Minister zu stellen, schlug Mussolini aus. Stattdessen bestand er erfolgreich auf seiner Ernennung zum Regierungschef. Als solcher schaltete er allerdings anders als später die Nazis in Deutschland - das Parlament nicht binnen weniger Monate aus. Zunächst begnügten sich die Faschisten damit, auf der Basis von Sondervollmachten zu regieren, ohne den Parlamentarismus offen abzuschaffen. Gleichzeitig wurde, quasi auf "demokratischem Weg", die Republik Schritt für Schritt in eine faschistische Diktatur umgemodelt. Während der Terror gegen die Linke unvermindert weiterging, wurde bereits im Jänner 1923 die faschistische Miliz, die "Squadre", zur offiziellen Sicherheitspolizei gemacht. Zum eigentlichen politischen Entscheidungsgremium wurde, ebenfalls Anfang


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1923, der "Große Faschistische Rat", dem die Regierung künftig verantwortlich war. In beiden Fällen wurden ursprüngliche Parteiorganisationen bzw. Parteigremien in den Rang staatlicher Institutionen erhoben. Es zeigte sich bald, in wessen Sinn Mussolini Politik machte: Neben der fortgesetzten Unterdrückung von Streiks und dem Terror gegen Institutionen der Linken war eines der ersten großen politischen Vorhaben die Neuordnung des Schulwesens. Hier wurde das Leistungsprinzip eingeschränkt und stattdessen die soziale Herkunft der Schüler wieder höher bewertet. Die Schulgelder wurden drastisch erhöht und dem klassischen Gymnasium, das schon bis dahin die Kaderschmiede der konservativen Eliten gewesen war, kam eine noch viel wesentlichere Rolle zu als vorher. Gleichzeitig wurden katholische Privatschulen den öffentlichen gleichgestellt. Darüber hinaus bemühten sich die Faschisten, dem Vatikan entgegenzukommen: Der verpflichtende Religionsunterricht wurde wieder eingeführt, die Militärkapläne ins Heer zurückgeholt und Kruzifixe in öffentlichen Räumen angebracht. Die marode vatikaneigene Bank, "Banco di Roma", wurde mit staatlicher Hilfe saniert und eine rasche Lösung der bereits erwähnten "römischen Frage" in Aussicht gestellt. Mussolini und seine Leute taten all das mit der Überlegung, dass es vor allem die eventuellen Widerstände des Vatikans waren, die sie daran hindern könnten, mit dem widerspenstigen Teil der mächtigen katholischen Volkspartei aufzuräumen (deren rechter Flügel war inzwischen ohnehin offen faschistisch). Angesichts der Kirchengeschichte in den 1600 Jahren zuvor ist es kaum verwunderlich, dass es den Faschisten letztlich auch gelang, die Duldung des Vatikans für die Verfolgung katholischer Oppositioneller zu erkaufen. Um den Beamtenapparat ganz in die Hand zu bekommen, verfügten die Faschisten eine Verwaltungsreform. Damit war es ihnen möglich, unliebsame Beamte ohne große Probleme zu entlassen bzw. eigene Gefolgsleute zu installieren.

Für die Unternehmerkreise schließlich machte sich die Unterstützung Mussolinis in den vorangegangenen Jahren nun ebenfalls bezahlt: Die Löhne wurden gedrückt, die Mietpreise freigegeben, staatliche Unternehmen privatisiert, die Besteuerung der Kriegsgewinne des Industrie- und Bankkapitals wurde abgeschafft und die Erbschaftssteuer aufgehoben. Als vorläufiger Höhepunkt des Ausbaus der faschistischen Vormachtstellung wurde ein neues Wahlrecht erlassen. Es sah vor, dass jener Partei, die landesweit die relative Mehrheit errang, im Parlament zwei Drittel der Sitze zukommen sollten. Gleichzeitig machten die Faschisten dem gesamten rechten Spektrum das Angebot, eine "Nationale Einheitsliste" zu bilden. Damit wollten sie das bürgerliche Lager so weit wie möglich hinter sich bringen und die übrigen Parteien im Parlament endgültig entmachten. Bei den darauffolgenden Wahlen vom 6. April 1924 sah das Ergebnis (auch dank massiver Repressionen gegen die Linke während des Wahlkampfes) entsprechend aus: Die Opposition war marginalisiert. Als der Chef der sozialistischen Abgeordneten im Parlament, Giacomo

Wütender Antimarxismus und Dankbarkeit für die Zugeständnisse Mussolinis an den Vatikan lassen den Klerus zu einer wichtigen Stütze des Faschismus werden

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Matteotti, die Regierung nach den Wahlen der Illegalität bezichtigte und Neuwahlen forderte, wurde er kurzerhand von Handlangern Mussolinis entführt und ermordet. Die vorsichtig kritische Berichterstattung über diesen Vorfall war schließlich der Anlass, die Pressefreiheit endgültig abzuschaffen. Die entscheidende Phase der "Faschisierung des Staates" wurde 1926 abgeschlossen, als alle dem Regime nicht genehmen Parteien und Organisationen aufgelöst und ihre RepräsentantInnen verhaftet wurden. Das große Rüsten konnte beginnen.

In den vorangegangenen Kapiteln wurde untersucht, wie es den beiden erfolgreichsten faschistischen Bewegungen gelingen konnte, an die Macht zu kommen. Dabei wurde deutlich, dass dies den Faschisten weder in Deutschland noch in Italien aus eigener Kraft gelang, sondern dass sie dazu Bündnisse mit anderen gesellschaftlichen Gruppen eingehen mussten. Erst mit Hilfe dieser Bündnisse, denen neben den Faschisten vor allem maßgebliche Unternehmer, Beamte und Militärs angehörten, ließ sich die "Machtergreifung" bzw. der "Marsch auf Rom" bewerkstelligen. Was in letzter Konsequenz aus dem faschistischen Projekt wurde, ist bekannt: Weltkrieg, Massenmord, unsagbares Leid und gigantische Zerstörung. Aber was geschah bis zum Kriegsbeginn, mit dem eine neue Qualität faschistischer Totalität einherging? 38 Aus Platzgründen können die Entwicklungsschritte des Faschismus an der Macht hier nur skizziert werden. Der Vollständigkeit halber soll aber zumindest das versucht werden.

Nach einer Rede gegen den Faschismus wird der Sozialist Giacomo Matteotti (Mitte) ermordet. Dieses Ereignis markiert das Ende der ohnehin nur mehr formalen Demokratie - der Faschismus betreibt seinen Terror nunmehr ganz offiziell

DER FASCHI S 1. MACHTSICHERUNG Die Zeitdauer, die der Faschismus benötigte, um seine Macht zu konsolidieren, war unterschiedlich. Während in Deutschland schon nach eineinhalb Jahren die Opposition zerschlagen, die Demokratie endgültig abgeschafft und interne Rivalitäten mit Waffengewalt "beigelegt" worden waren, dauerte diese Phase in Italien mehr als doppelt so lange. Charakteristisch für dieses Stadium der faschistischen Machterrichtung war neben dem nunmehr staatlich organisierten Terror gegen die Linke ein massiver Konflikt innerhalb der faschistischen Bewegung. Diese "neue Qualität" bestand im Versuch des Faschismus, sich von seinen Bündnispartnern zu emanzipieren. Während das den Nazis in Deutschland weitgehend gelang, schlug der entsprechende Versuch der faschistischen Heimwehr in Österreich völlig fehl. Auch Mussolinis "Schwarzhemden" in Italien waren in letzter Konsequenz nicht fähig, gegen Militär, Aristokratie und Beamtenschaft Politik zu machen. 38

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05| DER FASCHISMUS AN DER MACHT

Der Faschismus zeigt sich nach der Machtübernahme gegenüber seinen Förderern erkenntlich - Mussolini spricht vor einer Versammlung der italienischen Industriellenvereinigung

I SMUS AN DER MACHT

Sowohl in Deutschland als auch in Italien forderte ein Teil der faschistischen Basis nach dem Abschluss der "nationalen Revolution" (der Machtübernahme) die versprochene "soziale Revolution" ein. Dieser Wunsch geriet begreiflicherweise in massiven Widerspruch zu den Interessen der anderen Bündnispartner, die deshalb von der faschistischen Führung eine Ausschaltung der betreffenden Kräfte innerhalb der Bewegung verlangten. Diesem Wunsch wurde entsprochen - so wurden in Deutschland auf Geheiß der Führung mehrere hundert SA-Führer nicht nur abgesetzt, sondern zum Teil auch gleich physisch liquidiert. Die "carta del lavoro" von 1927 in Italien bzw. das "Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit" von 1934 in Deutschland.

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2. HERSTELLUNG DES "NATIONALEN KLASSENFRIEDENS" Einhergehend mit der Entmachtung der "linken" Kräfte im Inneren der Bewegung setzte die letzte Etappe der politischen Entmündigung der arbeitenden Bevölkerung ein. Nachdem dieser alle kollektiven Möglichkeiten zur Wahrnehmung eigener Interessen (Gewerkschaft, Parteien) bereits genommen worden waren, wurde nun auch Vorsorge gegen individuellen Widerstand getroffen. Durch den Erlass entsprechender Gesetze39 wurden Unternehmer zu "Betriebsführern" erhoben, denen die Belegschaft (nunmehr "Gefolgschaft") militärischen Gehorsam schuldete. Arbeitsverweigerung, "unge-

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4. DER "TOTALE STAAT"

Nachdem die Opposition im eigenen Land blutig niedergerungen wurde, bekommen auch andere, angeblich "rassisch minderwertige" Völker die Knute zu spüren: Äthiopier werden gezwungen, ein riesiges Transparent mit Mussolinis Konterfei demütig zu grüßen

bührliches Verhalten gegenüber dem Betriebsführer" oder der nicht genehmigte Wechsel des Arbeitsplatzes wurden unter Strafe gestellt. Frauen wurden systematisch aus dem Arbeitsprozess gedrängt, um fortan ihrer Bestimmung als entmündigte Gebärmaschinen gerecht zu werden. 3. BEGINN DER AGGRESSIVEN AUßENPOLITIK, ERSTE EMANZIPATIONSVERSUCHE VON PARTNERN

Der Faschismus hatte nun auch eine Stärke erreicht, die ihm eine erste Kraftprobe mit Teilen seiner Bündnispartner erlaubte. Konkret wurde nun vor allem versucht, nach dem Beamtenapparat auch das Militär gleichzuschalten. Unliebsame Offiziere wurden nach Möglichkeit ausgewechselt, der jeweilige "Führer" wurde zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte, und eine zweite militärische Säule, eine Art Prätorianergarde, wurde geschaffen.40

Der Holocaust, der angesichts des sich abzeichnenden Desasters an den Fronten noch intensiviert wurde, ist zweifellos ein Beispiel dafür, dass es in der letzten Phase des Faschismus in Deutschland eher zu einem "Primat der Politik"41 kam. Daraus aber abzuleiten, diese Totalität des faschistischen Staates hätte es von Anfang an gegeben, ist grundfalsch. Die relativ umfassende Herrschaft der Nazis konnte überhaupt nur durch die aktive Mithilfe der vielzitierten traditionellen Eliten erreicht werden. Unhaltbar ist die These vom Faschismus als gänzlich selbstständigem Regime auch im Bezug auf seine übrigen Bündnispartner. Um Militär und Beamtenschaft von ihrer Mitschuld freizusprechen, werden sie bis heute oft als "unpolitisch" oder als "der Führung [also Hitler bzw. Mussolini] völlig ausgeliefert" bezeichnet. Ignoriert wird dabei, dass sowohl der reaktionäre Beamtenapparat als auch die Armee bei der Machtübernahme des Faschismus von entscheidender Bedeutung waren. Sie hatten den Diktatoren darüber hinaus die Treue gehalten, als diese zuerst die eigenen

Das war in Deutschland die ursprüngliche Intention beim Ausbau der SS - sie sollte ein strikt loyales, bewaffnetes Gegengewicht zur Wehrmacht bilden.

Das heißt zu einer Vormachtstellung politischer Entscheidungsträger vor allem gegenüber der Wirtschaft, aber auch gegenüber dem Militär.

Nachdem im Inneren die Gesellschaft nach den Vorstellungen der Bündnispartner geformt worden war, die Aufrüstung begonnen hatte und eine immer stärkere Militarisierung der Gesellschaft betrieben wurde, begann der Faschismus, sich in jenen Ländern, die über ein entsprechendes militärisches und industrielles Potential verfügten, außenpolitisch offensiver zu betätigen.

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Mit dem Krieg erreichte die Macht der Faschisten ihren Zenit, in Deutschland deutlicher als in Italien. Die antijüdische Politik, die sich in Deutschland zum Projekt der Ausrottung auswuchs, lag nicht im direkten Interesse der Bündnispartner. Im Gegenteil: Mit der zunehmend kritischen militärischen Lage hätte die gewaltige Bindung von Ressourcen zum Zweck des industriellen Massenmordes diametral ihrem Hauptinteresse - den Krieg zu gewinnen - widersprechen müssen. Allerdings kooperierten die Verantwortlichen in Militär, Staatsapparat und Wirtschaft zum Großteil willig mit den Mörderbanden. Auch die Chance auf die Realisierung zusätzlicher Profite im Rahmen des Holocaust wurde dankbar wahrgenommen.

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05| DER FASCHISMUS AN DER MACHT

Der Holocaust war ursprünglich nicht ihr Projekt gewesen, doch die Möglichkeit am Massenmord kräftig zu verdienen lässt man sich nicht entgehen - Vertreter der IG-Farben besuchen Auschwitz

Länder und dann ganz Europa mit Terror überzogen. Nicht weil sie mussten, sondern weil sie von dieser Politik überzeugt waren - unabhängig vom Faschismus. Der von der Wehrmacht geführte Angriffskrieg und die deutschen Beamten, welche die unterjochten Länder administrierten, machten den NS-Massenmord erst möglich. In vielen Fällen waren beide auch aktiv daran beteiligt - ohne, dass dazu "Führerbefehle" nötig gewesen wären. Rassismus, Antimarxismus und Herrenmenschentum waren eben schon vor dem Faschismus fixe ideologische Bestandteile der deutschen Eliten gewesen. Erst als die Niederlage endgültig feststand, versuchten einige wenige42, das Ruder noch herumzureißen und ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Die Totalität des deutschen Regimes war also großteils auf die freiwillige Loyalität der wichtigsten Säulen des Staates zurückzuführen.

Lust, auch mit ihm unterzugehen. Nachdem klar war, dass der Krieg verloren war, wurde Mussolini 1943 einfach abgesetzt und verhaftet - allerdings nicht von linken PartisanInnen, sondern durch seine alten Freunde aus Aristokratie, Beamtenschaft und Militär. Das Verhalten der Wegbereiter des Faschismus in dessen Endphase war also durchaus unterschiedlich. Ihre spätere Behauptung, es hätte keine Alternative gegeben als ihn zu unterstützen, ist aber in jedem Fall eine schlichte Lüge.

Die erzkonservativen Militärs sind auch nach der Machtübernahme treue Verbündete des Faschismus - bis zum bitteren Ende. Vertreter des Oberkommandos der Wehrmacht unterzeichnen 1945 die bedingungslose Kapitulation

In Italien verhielt sich die Sache etwas anders, dort war die Identifikation mit dem Regime nicht so weit gediehen. Die honorigen Herrschaften, die dem Faschismus zur Macht verholfen hatten, verspürten wenig Die heutige Forschung geht davon aus, dass dem Kreis der Widerständler des 20. Juli 1944 und ihren Sympathisanten nicht einmal 0,5 % des Offizierskorps angehörten.

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W A S V O M TA G E Ü B R I G B L I E B . . . SECHS THESEN 1. Faschistische Regime waren überall das Produkt einer Koalition verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Deren gemeinsames Ziel bestand darin, ihre bedroht (geglaubte) Macht zu sichern, die Demokratie zu beseitigen, Arbeitenden die erkämpften Rechte wieder zu nehmen und eine expansive Außenpolitik zu betreiben.

2.

Das Bündnis, das die faschistischen Bewegungen an die Macht brachte, war eine Reaktion der herrschenden Eliten auf eine schwere Krise des bürgerlich-kapitalistischen Systems im Gefolge des Ersten Weltkrieges - auf eine Systemkrise also, die vom System selbst hervorgebracht worden war.

3.

Der Faschismus war nicht bis in die letzte Konsequenz ein bloßer Handlanger kapitalistischer Interessensgruppen. Er verfolgte durchaus eigenständige politische Ziele, die ursprünglich nicht von seinen Gönnern verfolgt wurden. Der Faschismus peilte langfristig völlige Unabhängigkeit von seinen Bündnispartnern an, was ihm in Italien gar nicht, in Deutschland jedoch beschränkt gelang. Dennoch war die faschistische Politik eine radikale Weiterführung bürgerlicher, kapitalistischer Ideologie und Politik mit terroristischen Methoden. Die grundsätzliche Vorstellung, dass es Menschen unterschiedlicher

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Wertigkeit gäbe; das Prinzip des Stärkeren, der sich im "Lebenskampf" gegen das "Schwache" behauptet (der allumfassende "Wettbewerb"); das KostenNutzen-Prinzip auf allen Ebenen - all das hat der Faschismus nicht erfunden. Aber er unternahm den Versuch, diese bürgerlichen Auffassungen, die das ideologische Grundgerüst des Kapitalismus bilden, bis in die letzte Konsequenz durchzusetzen. Im faschistischen "Lebenskampf" wurde das "Schwache" "lebensunwert" und folgerichtig "ausgemerzt".

4.

Auch wenn sich mit dem Zusammenbruch der faschistischen Regime manches geändert haben mag - viele der Grundbedingungen, die in der Vergangenheit für ihren Aufstieg verantwortlich waren, finden sich auch heute noch. Wir leben nach wie vor in einem System, dessen wirtschaftliche Grundlage nicht nur enorm krisenanfällig ist, sondern Krisen notwendigerweise bedingt. Unsere Gesellschaft ist noch immer von einer massiven materiellen Ungerechtigkeit gekennzeichnet, was einen permanenten Verteilungskampf zur Folge hat. Es gibt kein Gesetz dafür, wie dieser Verteilungskampf aussehen muss. Wie er aussehen kann, hat der Faschismus uns aber in all seiner Scheußlichkeit vor Augen geführt. Geschichte


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06| THESEN ZUM FASCHISMUS

ZUM FASCHISMUS wiederholt sich nie exakt gleich. Aber solange ihre Spielregeln über weite Strecken die selben bleiben, können auch Tendenzen, Allianzen und Herrschaftsmethoden wiederkehren.

5.

Die grundlegende Ideologie des Faschismus kehrt nicht wieder, sie war immer da. Was bedeutet die Allerweltsweisheit "Der Bessere setzt sich durch" im Umkehrschluss? Was folgt aus der gebetsmühlenartig wiederholten Beteuerung der Wirtschaft, UnternehmerInnen und Arbeitende säßen "in einem Boot"? Teile der bürgerlichen Presse stellen dieser Tage das Streikrecht offen in Frage - wer garantiert uns denn, dass die Forderung, "die Wirtschaft muss vor dem Klassenkampf der Gewerkschaften in Schutz genommen werden", nicht wieder mit anderen Methoden durchgesetzt werden könnte? Der Kapitalismus produziert notwendigerweise Wirtschaftskrisen; diese Krisen müssen bezahlt werden und bringen so immer wieder Legitimationskrisen für die herrschenden Schichten mit sich; welche Sicherheit haben wir, dass die Herrschenden sich beim Versuch, diese Krisen unter Wahrung ihrer Interessen zu meistern, immer nur auf die Überzeugungskraft von verbalen Argumenten verlassen werden?

6.

Erich Fried hat geschrieben, "ein Antifaschist, der nur Antifaschist ist, ist kein Antifaschist". Die Gefahr des Faschismus zu bannen heißt, ihm die Grundlage zu entziehen. Diese Grundlage ist nicht nur die bürgerliche Ideologie, sondern auch deren ökonomisches Fundament. Wirtschaftskrisen, Armut und Angst vor einer Zukunft, die uns von einem Tag auf den anderen alles, was wir haben, nehmen kann, sind keine "natürlichen" Zustände. Konsequenter Antifaschismus kommt nicht umhin, für eine Welt ohne Angst zu kämpfen, eine Welt, in der Reichtum gerecht verteilt ist und in der niemand mit der dauernden Gefahr leben muss, plötzlich wertlos zu sein. Wer deshalb vom Kapitalismus nicht reden mag, soll auch vom Faschismus schweigen. Die anderen aber sollen kämpfen!

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NACHWORT

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"Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen durchgesetzt - man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug." Mit diesen Worten kommentierte der Schriftsteller Stefan Zweig den Aufstieg des Nationalsozialismus. Auf dessen immer radikaleres Auftreten, auf sein immer breiteres Wirken, hinein in alle Kreise der Bevölkerung, mag das zutreffen. Aber insgesamt greift Zweigs Erklärung für die faschistische Machtübernahme zu kurz. Denn bei seinem Aufstieg zur Macht profitierte der Faschismus überall von einer schweren gesellschaftlichen und ökonomischen Krise. Damit aber nicht genug: um an die Macht zu kommen brauchte er darüber hinaus noch die tatkräftige Unterstützung einflussreicher Kreise. Hier möchten wir mit dieser Broschüre ansetzen. Wir wollen darstellen, wie sich der Faschismus entwickelte, wer ihm half, weshalb es seinen GegnerInnen nicht gelang ihn zu verhindern und (sehr kurz gefasst) wie er, einmal an die Macht gekommen, agierte. Herausgearbeitet werden soll, dass diejenigen, die den Faschismus in die Schaltstellen des Staates hievten, die gleichen gewesen sind, die schon zuvor - und auch danach - die "Herrscher der Welt" waren. Es waren jene Kapitalisten, denen zur Unterdrückung der arbeitenden Menschen die in der bürgerlichen Demokratie vorhandenen reaktionären Parteien nicht mehr schlagkräftig genug erschienen. Es waren jene Spießbürger, die sich vor der ArbeiterInnenbewegung und vor der von ihr erkämpften Demokratie fürchteten und um ihre alten Privilegien bangten. Es waren jene Militärs, deren Weltmachtträume sich kurz zuvor zerschlagen hatten, und die nun auf dem Rücken der Arbeitenden erneut zum Krieg rüsten wollten - Für "nationale Größe". Und für klingende Münze. Wie wahr ist die Aussage Max Horkheimers, wonach jene, die vom Kapitalismus nicht reden wollen, auch vom Faschismus schweigen sollen!

Alle in dieser Broschüre angeführten Fakten sind nicht neu. Aber weil an Schulen und Universitäten vor allem einzelne Aspekte behandelt werden, scheint das Gesamtphänomen des Faschismus vielen unerklärlich und verschwommen. Entweder gibt es in ihrem Bild dann nur Täter - womit Faschismus gewissermaßen genetisch veranlagt wäre. Oder es gibt nur Opfer, als einzige Schuldige bleiben dann die "Führer" übrig, die alle anderen verhext und ins Verderben geführt haben. Um zu verhindern, dass vor lauter Bäumen der sprichwörtliche Wald nicht mehr gesehen wird, ist es deshalb notwendig, die Grundmuster des Faschismus und der Bedingungen, auf denen er aufbauen kann, wieder und wieder in Erinnerung zu rufen. Wenn es nämlich "faschistische Gene" gibt, können wir dagegen genauso wenig tun wie gegen Hexer, die im Bedarfsfall ganze Völker verzaubern. Wenn wir aber zum Schluss kommen, dass konkrete gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingungen damals wie heute faschistische Strömungen begünstigen, dann können wir sehr wohl etwas gegen die Gefahr von rechts in der Gegenwart unternehmen. Die Musikgruppe "Schmetterlinge" haben in ihrer berühmten "Proletenpassion" gesungen: "Was haben wir davon, bescheid zu wissen, wenn wir nicht sehen, dass wir was ändern müssen?" Anders formuliert: Was nützen die vielen Sonntagsreden und mahnenden Ansprachen an Gedenktagen, wenn ihnen keine Taten folgen? Denn uns allen muss klar sein: Faschismus lässt sich am ehesten in seiner Anfangsphase bekämpfen - ist der Schneeball erst zur Lawine geworden, hält ihn niemand mehr auf. Aber auch so ist echter Antifaschismus schwer genug. Er bedingt nämlich die Einsicht, dass es das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ist, in dem wir leben, das wir in Frage stellen müssen, wenn wir nicht sehenden Auges den selben Fehler ein zweites Mal machen wollen. Den Mut, diese Wahrheit laut und offen auszusprechen braucht jede/r Einzelne von uns. Die Möglichkeit, auch wirklich etwas zu tun haben wir hingegen nur, wenn wir gemeinsam handeln. Andreas Kollross|Verbandsvorsitzender


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IMPRESSUM Medieninhaber: Trotzdem Verlag GmbH Sondernummer I/2004 Verlagspostamt: 1050 Wien, Erscheinungsort Wien Zulassungsnummer: GZ02Z032957S Herausgeberin: Sozialistische Jugend Österreich, alle Amtshausgasse 4, 1050 Wien 3. Auflage Erscheinungsjahr: 2004 Autor: Florian Wenninger Herzlichen Dank für alle Hilfestellungen, besonders an: Prof. Hugo Pepper, Fabian Steinschaden, Martina Punz, Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung Mag. Christian Stadelmann, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Klaus Kienesberger, Devrim Gerekly, Jakob Feinig und Torsten Engelage Layout: Michael.Schneider@modularplus.com powered by BMSG, gem. §7 Abs. 2 B-JVG

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DER DEUTSCHE FASCHISMUS Quellen & Dokumente:

x Hörster-Philipps, Ulrike (Hgin.) 1978: Großkapital und Faschismus 1918-1945. Dokumente, Köln

WEITERFÜHRENDE

Eine breite Auswahl von Dokumenten und -Auszügen zu den Bündnispartnern des deutschen Faschismus.

x Konrad, Helmut, Schmidlechner, Karin M. 1991: Revolutionäres Potential in Europa am Ende des Ersten Weltkrieges, Wien - Köln

x Kühnl, Reinhard (Hg.) 2000: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln

Anschauliche Darstellung gesellschaftlicher Brüche und Umstürze (bzw. Umsturzversuche) während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg.

350 Dokumente und entsprechende Erörterungen ermöglichen ein fundiertes Bild der Diktatur, ihrer gesellschaftlichen Grundlagen und Voraussetzungen. Als Arbeitsmittel für Schule, Studium und politische Bildung hervorragend geeignet.

x Kühnl, Reinhard 1993: Die Weimarer Republik. Errichtung, Machtstruktur und Zerstörung einer Demokratie. Ein Lehrstück, Heilbronn

x Michaelis, Hermann u. Schraepler, Ernst (Hg.) 1964ff: Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte, Berlin

x Manstein, Peter 1989: Die Mitglieder und Wähler der NSDAP 1919-1933. Untersuchungen zu ihrer schichtmäßigen Zusammensetzung, 2. überarbeitete Auflage, Frankfurt/ Main

Eine 26 Bände umfassende Quellenedition, ideal bei der Suche nach ungekürzten Quellentexten.

Gut lesbare Darstellung der Weimarer Republik mit vielen interessanten Details.

Wer folgte dem "Führer"? Waren manche gesellschaftlichen Schichten anfälliger für den Faschismus als andere? Mansteins Buch gilt nicht umsonst als Standardwerk zur Beantwortung dieser Fragen.

Nachschlagewerke

x Benz, Wolfgang (Hg.) 1990: Legenden - Lügen Vorurteile. Ein Lexikon zur Zeitgeschichte, München Exzellentes Nachschlagewerk, um Legenden und revisionistischen Lügen Paroli bieten zu können.

x Gutman, Israel u. a. (HgIn.) 1993: Enzyklopädie des Holocaust, Berlin In über 1.000 Stichwörtern werden Hintergründe, Abläufe und Auswirkungen des Holocaust im von den Nazis beherrschten Europa dargestellt.

Monografien

x Klee, Ernst 1989: "Euthanasie" im NS-Staat. Die "Vernichtung lebensunwerten Lebens", 3. Auflage, Frankfurt/ Main SEITE|56

Das Standardwerk zur Verfolgung und Ermordung behinderter Menschen im Nationalsozialismus.

x Messerschmidt, Manfred 1988: Militärgeschichtliche Aspekte der Entwicklung des deutschen Nationalstaats, Düsseldorf Das Buch beschäftigt sich mit dem Verhältnis des deutschen Militärs und der NS-Bewegung. Im einzelnen weist Messerschmidt - ein bürgerlicher Historiker - nach, dass es zwischen konservativen Militärs und braunen Machthabern nicht nur starke gemeinsame Interessen hinsichtlich der politischen Ziele (Aufrüstung, aggressive Aussenpolitik) sondern auch eine weitgehende Übereinstimmung in der Grundanschauung gab (Antiparlamentarismus, Antimarxismus, Antisemitismus, "Starker Staat").

x Pätzold, Kurt, Weißbecker, Manfred 2002: Geschichte der NSDAP. 1920 bis 1945, Köln Umfassende Darstellung der politischen, ideologischen und organisatorischen Entwicklung der NSDAP, Untersuchungen zur faschistischen Massenbasis und Interessen der Bündnispartner.


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09| WEITERFÜHRENDE LITERATUR

LITERATUR DER ITALIENISCHE FASCHISMUS Leider sind relativ wenig umfassende Veröffentlichungen, etwa Quellensammlungen, zum italienischen Faschismus in deutscher Sprache im Handel erhältlich. Daher wird hier vor allem auf Einstiegsliteratur verwiesen, manche der unten angeführten Werke sind dennoch ausschließlich über Antiquariate bzw. Bibliotheken beziehbar.

Überblickswerke

x Mantelli, Bruno 1998: Kurze Geschichte des italienischen Faschismus, Berlin Leicht zu lesender Einstiegstext.

x Österreichische Gesellschaft für Zeitgeschichte (Hgin) 1982: Faschismus in Österreich und international. Jahrbuch für Zeitgeschichte 1980/81, Wien Liefert einen guten Überblick zu faschistischen Bewegungen und Regimen im Europa der Zwischenkriegszeit. Wiedergegeben werden außerdem Auszüge von Diskussionen unter hochrangigen WissenschaftlerInnen.

x Scheuer, Georg 1996: Mussolinis langer Schatten. Marsch auf Rom im Nadelstreif, Köln Der österreichische Sozialist und Widerstandskämpfer behandelt im Unterschied zu Mantelli neben einem Abriss über den Faschismus 1922 - 1945 auch die neofaschistische Problematik nach dem Zweiten Weltkrieg.

x Tasca, Angelo 1986: Glauben, gehorchen, kämpfen. Aufstieg des Faschismus in Italien, Wien Eines der bekanntesten Bücher über die faschistische Bewegung Italiens. Der Autor war Sozialist und im Widerstand gegen den Faschismus. Das Buch verfasste er ursprünglich 1922, seine Analyse ist trotzdem in vielen Punkten zutreffend. Interessant ist das Buch auch deshalb, weil es sich aus zeitgenössischer Sicht mit möglichen Gegenstrategien befasst.

x Feldbauer, Gerhard 2002: Marsch auf Rom. Faschismus und Antifaschismus in Italien - Von Mussolini bis Berlusconi und Fini, Köln Wie schon am Titel zu erkennen, arbeitet Feldbauer mit einem ziemlich diffusen Faschismus-Begriff. Interessant an dem Buch sind allerdings die faschistischen Kontinuitäten nach 1945, die relativ detailliert geschildert werden.

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Sammelbände

x Petersen, Jens, Schieder, Wolfgang (Hg.) 1997: Faschismus und Gesellschaft in Italien. Staat, Wirtschaft, Kultur, Vierow bei Greifswald Einer der umfassendsten Sammelbände in deutscher Sprache

x Schieder, Wolfgang (Hg.) 1983: Faschismus als soziale Bewegung. Deutschland und Italien im Vergleich, Göttingen Der Sammelband mit Beiträgen bürgerlicher Historiker beschäftigt sich vergleichend mit der faschistischen Basis in Deutschland und Italien, insbesondere auch mit der Frage, welche Schichten von der faschistischen Politik profitierten bzw. welchen Gruppen eine eigenständige Rolle innerhalb des faschistischen Bündnisses zukam.

x Woller, Hans 1996: Die Abrechnung mit dem Faschismus in Italien 1943 bis 1948, München In keinem anderen Land wurde an den FaschistInnen so blutig Rache genommen wie in Italien. Allerdings wurde in Italien auch die erste Nachkriegsamnestie für faschistische Verbrecher erlassen und blieb der Faschismus länger als in Deutschland gesellschaftliches Tabu. Die Aufarbeitung des bürgerlichen Historikers Woller ist interessant zu lesen und enthält viele Details, bleibt eingehendere Analysen aber schuldig.

x Petersen, Jens 1976: Faschismus und Industrie in Italien 1918 - 1929. In: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie, Heft Nr. 7, Frankfurt/ Main, S. 133 - 189

Monografien Autobiographisches

x Kuß, Stephan 1995: Römische Kurie, italienischer Staat und faschistische Bewegung. Der Vatikan und Italien in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zur totalitären "Wende" des Mussolini-Regimes (1919 - 1925), Frankfurt/ Main Über das Verhältnis der katholischen Kirche zur faschistischen Bewegung. Interessant, aber in der Bewertung des Faschismus einigermaßen problematisch.

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x Lussu, Emilio 1991: Marsch auf Rom und Umgebung, Wien/ Zürich Autobiografischer Essay des bekannten sardischen Schriftstellers ("Ein Jahr auf der Hochebene"), der die Nachkriegszeit in Italien und die Machtübernahme Mussolinis schildert. Sehr empfehlenswert.


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10| ADRESSEN

HIER KANNST DU UNS ERREICHEN Sozialistische Jugend Österreich Amtshausgasse 4 1050 Wien Tel.: 01/523 41 23 Fax: 01/523 41 23 85 www.sjoe.at office@sjoe.at

Jusos Salzburg Wartelsteinstrasse 1 5020 Salzburg Tel.: 0662/ 42 45 00 21 Fax: 0662/ 42 45 00 50 www.jusos-salzburg.at salzburg@sjoe.at

Sozialistische Jugend Burgenland Permayerstrasse 2 7000 Eisenstadt Tel.: 02682/ 775 292 Fax: 02682/ 775 295 www.sj-burgenland.at office@sj-burgenland.at

SJ Steiermark Hans Resel Gasse 6 8020 Graz Tel.: 0316/ 702 632 Fax: 0316/ 702 438 www.jusos.cc jusos@gmx.at

SJG Kärnten 10. Oktober Strasse 28 9020 Klagenfurt Tel.: 0463/ 57 9 87 Fax: 0463/ 57 9 87 34 www.sjg.at info@sjg.at

Jusos Tirol Salurnerstrasse 2 6020 Innsbruck Tel.: 0512/ 53 66 15 Fax: 0512/ 53 66 21 www.jusos.at office@jusos.at

SJ Niederösterreich Kastelicgasse 2 3100 St. Pölten Tel.: 02742/ 22 55 222 Fax: 02742/ 22 55 255 www.sjnoe.at office@sjnoe.at

SJ Vorarlberg Mutterstrasse 65 a 6800 Feldkirch Tel.: 05572/ 23 26 30 Fax: 05572/ 23 26 3 14 www.jugendkaempft.com sj-jugendkaempft@gmx.at

SJ Oberösterreich Landstrasse 36/3 4020 Linz Tel.: 0732/ 77 26 34 Fax: 0732/ 77 26 34 25 www.sj-ooe.at office@sj-ooe.at

SJ Wien Landstrasser Hauptstrasse 96/2 1030 Wien Tel.: 01/ 713 8 713 Fax: 01/ 713 8 713 9 www.sj-wien.at office@sj-wien.at

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LOB DES LERNENS Bertolt Brecht

Lerne das Einfachste! Für die, Deren Zeit gekommen ist, Ist es nie zu spät! Lerne das ABC, es genügt nicht, aber Lerne es! Laß es dich nicht verdrießen! Fang an! Du mußt alles wissen! Du mußt die Führung übernehmen. Lerne, Mann im Asyl! Lerne, Mann im Gefängnis! Lerne, Frau in der Küche! Lerne, Sechzigjährige! Du mußt die Führung übernehmen. Suche die Schule auf, Obdachloser! Verschaffe dir Wissen, Frierender! Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe. Du mußt die Führung übernehmen. Scheue dich nicht, zu fragen, Genosse! Laß dir nichts einreden, Sieh selber nach! Was du nicht selber weißt, Weißt du nicht. Prüfe die Rechnung, Du mußt sie bezahlen. Lege den Finger auf jeden Posten, Frage: wie kommt er hierher? Du mußt die Führung übernehmen.


Broschüre "Die Geschichte des Faschismus in Deutschland und Italien"  

Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen.

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