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Informationen erschließen – Medien & Information.

Die Welt im Panorama-Blick „Wenn Sie aus dieser Idee nichts machen, dann verschenken Sie eine große Chance!“, so der eindringliche Rat von HTWK-Professor Klaus Hering vor sechs Jahren an einen seiner Absolventen. Die „Idee“? Ein Verfahren zur Erzeugung und LiveÜbertragung von Panoramavideos. Und die „Chance“? Ein mittlerweile erfolgreiches Leipziger Start-up. Text: Rebecca Schweier, Fotos: NC3 GmbH (S. 47 rechts), Johannes Ernst (S. 46 und 47 unten).

Januar 2015, strahlender Sonnenschein und ausreichend Schnee auf den Hügeln des bayrischen Voralpenlands. Der Getränkehersteller Red Bull feiert die Eröffnung eines eigenen Snowparks. Zahlreiche Snowboard-Profis sind anwesend und testen die Hindernisse und Schanzen des Parcours, machen Tricks und Kunststücke. Tausende Snowboardfans verfolgen die Eröffnung online. Drei Panorama-Kameras an drei Hindernissen übertragen das Event live ins Internet. Für den Zuschauer zu Hause wirkt es, als stünde er direkt im Snowpark – per Mausklick oder Wischbewegung auf dem Tablet lässt sich der Blickwinkel im Videoplayer so verändern, als ob man den Kopf drehen würde. Trägt man dabei gar eine Virtual-Reality-Brille (VR-Brille), also eine Art aufsetzbaren Monitor (vgl. S. 44), kann man sich im Snowpark umsehen, als wäre man direkt vor Ort. Technisch möglich wird das durch die spezielle 360-Grad-Technik des Leipziger Start-ups „videostream360“. „Für uns war der Auftrag im Snowpark ein

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Meilenstein“, erinnert sich Michael Kanna, Geschäftsführer von videostream360 und Medieninformatik-Absolvent der HTWK Leipzig. „Die Zugriffszahlen und das Feedback in den sozialen Netzwerken haben uns direkt gezeigt, dass unsere Idee wirklich gut bei den Online-Nutzern ankommt.“ Die Gründungsgeschichte als Abfolge von Meilensteinen – das Start-up-Vokabular hat Michael Kanna bestens verinnerlicht. Den ersten „Meilenstein“ datiert Kanna sieben Jahre zurück. Meilenstein 1: Gründungsidee Sommer 2009, Informatik-Fakultät der HTWK Leipzig. Sascha Weißbach verteidigt erfolgreich seine Masterarbeit über einen Algorithmus, der aus ringförmigen Bildern entzerrte Panoramavideos erzeugt  – ein erster Schritt in Richtung 360-Grad-Videos. Der Medieninformatiker besteht mit Prädikatsexamen, sein Professor Klaus Hering gibt ihm mit auf den Weg: „Wenn Sie aus dieser Idee nichts machen, dann verschenken Sie eine gro-

ße Chance!“ Im Publikum sitzt Weißbachs Freund und Kommilitone Michael Kanna. Beim Anstoßen auf die bestandene Verteidigung schlägt er vor, sich gemeinsam mit der Idee selbstständig zu machen. In den nächsten Jahren arbeiten die beiden tagsüber in ihren regulären Jobs, nach der Arbeit tüfteln sie an einem 360-Grad-Spiegelaufsatz für Videokameras und recherchieren: Wie viel Innovationspotenzial steckt in der Idee? Offenbar sind die jungen Medieninformatiker ihrer Zeit voraus – weltweit gibt es zu diesem Zeitpunkt noch keine 360-Grad-Kamera, die in Echtzeit Panoramavideos erzeugen kann. Meilenstein 2: Förderung und Firmengründung Mit Unterstützung von HTWK-Professor Michael Frank reichen sie ein Verfahrenspatent ein und beantragen erfolgreich eine Gründerförderung über das EXIST-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums. Zu diesem Zeitpunkt ist das Gründerteam auf vier

EINBLICKE. Forschungsmagazin 2016  

Mehr: www.htwk-leipzig.de/einblicke

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