Heimat
Neue Wurzeln schlagen Jäten, säen, ernten – drei Absolventinnen aus dem Departement Soziale Arbeit gingen der Frage nach, wie sich die Mitarbeit in einem interkulturellen Garten auf die Integration von Migrantinnen und Migranten auswirkt. Sie kommen zu einer eindeutigen Antwort.
Pflanzen aus der Heimat Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS) betreibt in der Deutschschweiz sechs solcher Projekte. Drei haben Susanne Frehner, Irina Schuppli und Felicia Nater für ihre Bachelor-Arbeit an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit näher betrachtet. Sie haben analysiert, wie sich die Teilnahme an einem Gartenprojekt auf die Integration auswirkt, und zwar im Hinblick auf Gesundheit, Bildung und soziale Netzwerke. «Ein
22 Hochschule Luzern 2 | 2014
Die gemeinsame Arbeit im Garten hilft, in der Schweiz heimisch zu werden.
interkultureller Garten ist ein Mikrokosmos, in dem sich Menschen ein Stück Heimat schaffen und sich mit der neuen Umgebung vertraut machen», fassen die Absolventinnen ihre Erkenntnisse zusammen, nachdem sie in den Gärten mitgearbeitet und Interviews geführt haben. Die Teilnehmenden würden mitentscheiden, was gesät wird – oft sind es Pflanzen aus der Heimat –, und mit dem Geernteten könnten sie Geschenke machen. «Sie lernen die deutsche Sprache, knüpfen Kontakte und erhalten eine Tages-
struktur. Das Selbstvertrauen steigt, die Gesundheit wird gefördert», sagen die Absolventinnen. Und was im Mikrokosmos Garten gelernt wird, hilft auch im Alltag. «Der Garten ist wie eine kleine Schweiz. Es gibt Regeln, die eingehalten werden müssen, und die sprachlichen Fortschritte nützen im Umgang mit der Bevölkerung», sagt Angela Losert vom HEKS. Ist der interkulturelle Garten einem Schrebergarten angegliedert, lernen die Teilnehmenden zudem die Bedeutung des Schweizer Vereinslebens kennen. Die Absolventinnen erkannten aber auch, dass der unsichere Aufenthaltsstatus der Teilnehmenden oftmals eine wirkliche Identifikation mit der neuen Heimat verhindert.
Ein eigener Garten in Basel Trotzdem ziehen sie ein positives Fazit: «Ein interkultureller Garten leistet einen wertvollen Beitrag zur Sozialintegration.» Deshalb empfehlen sie den Fachleuten der Sozialen Arbeit, vermehrt die Entstehung solcher Gärten zu ermöglichen. Irina Schuppli hat gerade selbst die Initiative ergriffen. Sie baut in Basel einen eigenen interkulturellen Garten für asylsuchende Frauen und Kinder auf. Yvonne Anliker
Foto: HEK S
Auf die Frage einer Göttinger Sozialarbeiterin, was die bosnischen Flüchtlingsfrauen, die sie damals in den 1990er-Jahren betreute, am meisten vermissten, antworteten diese: «Unsere Gärten». Damit war der Samen gelegt für den ersten interkulturellen Garten Deutschlands. In der Schweiz entstand rund zehn Jahre später das erste ähnliche Projekt. Interkulturelle Gärten sind Gemeinschaftsgärten, an deren Aufbau und Führung explizit Migrantinnen und Migranten, Asylsuchende und Flüchtlinge beteiligt sind. Beim Anlegen der Gärten geht es weniger um Selbstversorgung, sondern um die Integration der Menschen, um die Möglichkeit, an einem neuen Ort Wurzeln zu schlagen.