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EDITORIAL Mit einer Diskussion um die Profession des Architekten und seine Ausbildung reiht man sich zwangsläufig in einen Diskurs ein, der annähernd so alt ist wie der Beruf selbst. Die Betrachtung des historischen Kontexts führt dabei zur Frage nach den Leitbildern und weiter zu den Denkschulen der jeweiligen Zeit. Welche Leitbilder aber haben heute (wieder) Gültigkeit und welche Modelle verlangt die Zukunft? Es scheint in einer globalisierten Welt nicht (mehr) möglich, den sich stellenden Problemen mit einem einzigen Konzept zu begegnen. Derzeit populäre Ansätze können das Versprechen einer ganzheitlichen Lösung nur begrenzt halten. Die Universität als Ort der Lehre und des Diskurses scheint hierbei exemplarisch ein größeres gesellschaftliches Phänomen widerzuspiegeln: So ist das klassische Meister-Schüler-Verhältnis als persönliche Beziehung und Wertegefüge zunehmend einer unbegrenzten Zugänglichkeit zu Informationen in einer medialen Massengesellschaft gewichen. Stellungnahme oder Haltung wird heute, scheint es, zugunsten einer Macht der Bilder nur noch selten eingefordert; eine Selbstreflexion über unsere Rolle als Gestalter der Umwelt ist gerade deshalb vonnöten. „Die Architekten, denen es nicht gelingt, eine theoretische Perspektive ihrer Arbeit zu formulieren, sterben jung, verlieren ihre Entwicklungsmöglichkeiten.“ konstatiert Alejandro Zaera-Polo und formuliert damit auch eine Kritik der Ausbildung, die der Reflexion keinen Raum gibt und es versäumt, die Frage nach dem zentralen architektonischen Thema der Zeit zu beantworten. Dabei gilt noch immer, dass in der Herstellung einer Verbindung

von politischen und ökonomischen, aber auch sozialen und ökologischen Entwicklungen mit Entwicklungen von architektonischen Techniken, Strukturen und Programmen eine Hauptaufgabe für die ArchitektInnen liegt. Es gilt also, die Lage von Ausbildung und Architekturvermittlung vor dem Hintergrund einer veränderten fachlichen und gesellschaftlichen Landschaft zu diskutieren und das alte Verhältnis von Theorie und Praxis als parallele Disziplinen zu hinterfragen. Mit Blick auf William H. Whytes The Last Landscape tritt dabei neben der fachimmanenten Diskussion vor allem der Dialog zwischen den Bedürfnissen und Wünschen der Öffentlichkeit und dem spezifischen Wissen der Architekten und somit die Frage nach der Rolle des Architekten im gesamtgesellschaftlichen Diskurs in den Vordergrund. Es ist dabei nicht erheblich, ob ein architektonischer Diskurs aus dem Kritischen oder dem Produktiven entwickelt wird, das unbedingte Ziel der Entwicklung der Profession bei gleichzeitiger Annäherung an die Gesellschaft aber bleibt! Ob Architektur als Gut der Hochkultur oder Alltagspraxis mit Strategien der Partizipation, die Stadt als Utopie, Menschenobservatorium oder „ohne Eigenschaften“, lokale Interventionen unter Bürgerbeteiligung oder Architektur als Mittel zur Überwindung geopolitischer Grenzen, Bauen als Prozess, Statement oder Erzählung/ Bild-Archiv – die Frage „How to Architecture?“, wie sollen wir bauen, und wie darüber reden; ist gerade heute aktueller denn je! Die Herausgeber

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INHALTSVERZEICHNIS

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WIR DISKURSINGENIEURE - Ein Gespräch mit dem Berliner Autor, Herausgeber und Kurator andreas ruby über Architektur als res publica, anonymes Bauen und das Verlassen des Elfenbeinturms.

SIE MÜSSEN LERNEN, SICH ZU VERKAUFEN! frank zimmermann über die Krux der Architekturlehre, die Verbindung von Handwerk und Werkzeug und den Ausweg aus dem Babel der Experte-Laie-Kommunikation.

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SELBER BAUEN – SICH-SELBST-BAUEN. DIE ARCHITEKTUR WALTER SEGALS simon scheithauer über die Frage, ob die Leute eigentlich wissen, was sie wollen und die Demokratisierung des Bauprozesses.

ARCHITEKTUR DES AUGENBLICKS - Ein Photoessay zum Abriss der Philharmonie Suhl. Ein Streifzug durch vier Jahrzehnte ostdeutscher Moderne, von der nichts bleibt als ein Bild. konrad schmidt über das Gefühl, der Vergänglichkeit ein Stück geraubt zu haben.

OF TEACHING - How students become architects – jaan holt about the desire to bring out the best in every single one and about why one always receives more than one has given.

DAS DRAMA DER ARCHITEKTUR, DIE LÖSUNG DER ARCHITEKTUR - Die Stadt als Utopie – der Architekt, Lehrer und Künstler burkhard grashorn über die Goldenen Kälber der Industrie und warum das Bauen nicht von Architektur als Vision zu trennen ist.


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SCHÖNE NEUE STADT - elise richter über die Stadt als Menschenobservatorium, die institutionelle Regelung unseres Alltags und den Verlust des öffentlichen Raums als demokratischer Ort städtischen Lebens. Auszüge.

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VON MÖGLICHKEITEN DER ARBEIT AUF HÜGELN UND IN DEN BERGEN - Wie ein Dorf in Mittelthüringen durch seine tote Vergangenheit geprägt wird und darin das Rezept für die Zukunft findet. Kevin Helms über das Kulturprojekt schwarzwurzel in Steinach.

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DAS UNGEBAUTE KRITISIERT DAS GEBAUTE - Der Autor und Filmemacher alexander kluge trifft den Architekten und Theoretiker rem koolhaas. Ein Gespräch über „die Stadt ohne Eigenschaften“.

MY HOUSE IS PRACTICAL, BUT… - jonas malzahn auf der Suche nach dem Verhältnis von Funktion und Poesie in der Architektur und die Frage von Schönheit und Technik. Eine kommentierte Zitatesammlung.

WAS HAT ARCHITEKTUR NOCH MIT BAUEN ZU TUN? - Julius Kranefuss vom Berliner Label zweidrei über die Herausforderung, Arbeitswelten im Zeitalter der digital inhabitants neu zu denken und warum der White Cube die Antwort ist.

ENTWURF ZU EINER BRÜCKE - Wie Architektur politische Grenzen überwinden kann, zeigen florian pischetsrieder und moritz agné (ofa). Ein Plädoyer für Möglichkeiten.

NEO-NATURE - A talk with architect mark smout of London-based Smout Allen about the non-linearity of the design-process, about students as “test-objects” and the pleasure of driving a Range Rover.

ARCHIVED ARCHITECTURE - A talk with architect, writer and artist aristide antonas of Greece about why an idea doesn’t have to be built to be architecture and why we should learn to resist what we have learned.

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IMPRESSUM HORIZONTE

SCHRIFTEN

Zeitschrift für Architekturdiskurs Ausgabe 02 – 1. Jahrgang © horizonte | 2010

Korpus Regular/Italic - www.binnenland.ch mit freundlicher Genehmigung des Autors Sang Bleu Light Italic Liberation Mono

ISSN 2190 - 5649

PAPIER HERAUSGEBER

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Studentische Initiative horizonte Bauhaus-Universität Weimar Haus der Studierenden Marienstraße 18 D-99423 Weimar www.uni-weimar.de/horizonte horizonte@archit.uni-weimar.de

Invercote G 240g Munken Cream 15 90g Circle Offset Premium White 90g Natronkraftpapier 120g

PREIS Deutschland: 8,50 EUR Europa: 9,50 EUR

TITELBILD REDAKTION Michael Kraus (V.i.S.d.P.) David Bauer, Jonas Malzahn, Simon Scheithauer, Martin Schmidt

© Aristide Antonas, www.aristideantonas.com © Dipl. Des. Nicola Schenk, www.pueppilottchen.de

AUFLAGE 500

DESIGN, LAYOUT & SATZ Konrad Angermüller, Anna Kranebitter, Jelka Kretzschmar, Adrian Palko

Christian Rothe Die Artworks dieser und anderer Ausgaben von HORIZONTE sind als limitierte Sondereditionen direkt bei horizonte erhältlich: www.uni-weimar.de/horizonte

Die Redaktion behält sich alle Rechte, inklusive der Übersetzung und Kürzung vor. Das Verwertungsrecht der Beiträge verbleibt bei den Autoren. Ein auszugsweiser Nachdruck ist mit Genehmigung der Urheber und mit Quellenangabe gestattet. Ein Nachdruck von Photographien und anderen Abbildungen ist nicht gestattet. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Photographien wird keine Gewähr übernommen. Ein Autorenhonorar kann nicht gezahlt werden.

MITWIRKENDE DIESER AUSGABE

HORIZONTE dankt allen Autoren und Beteiligten für

Moritz Agné, Aristide Antonas, Burkhard Grashorn, Jaan Holt, Alexander Kluge, Rem Koolhaas, Julius Kranefuss, Michael Mischler, Florian Pischetsrieder, Elise Richter, Andreas Ruby, Konrad Schmidt, Kevin Helms, Mark Smout, Frank Zimmermann

die Unterstützung bei der Arbeit an der zweiten Ausgabe. Wir danken der Bauhaus-Universität Weimar und dem Studierendenkonvent StuKo. Dank gilt weiterhin allen, die uns mit Kritik und Feedback zur ersten Ausgabe weiter gebracht haben, insbesondere Kristian Faschingeder und Greta Taubert für die konstruktive Kritik. Besonderer Dank für die freundliche Unterstützung gilt dem Alumnus Philipp Mohr (www.philippmohr.com). Wir freuen uns über Anmerkungen und Kritik und vor allem über Einreichungen und Unterstützung für die dritte Ausgabe in schriftlicher, ideeller oder finanzieller Form.

ILLUSTRATION

DRUCK UND BINDUNG Universitätsdruckerei Bauhaus-Universität Weimar Liebeskind Druck GmbH Apolda Buchbinderei Weißpflug Großbreitenbach


ARCHITYPO

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ÜBER BINNENLAND - DIE SCHÖPFER DER HORIZONTE FLIESST� TEXTSCHRIFT KORPUS:

SCHRIFTENTWICKLUNG:

“Es besteht schon immer eine unmittelbare Beziehung zwischen der Entwicklung der Form eines Buchstabens und der zur Verfügung stehenden Techniken seiner Wiedergabe. Veränderungen in den Produktionsmöglichkeiten eröffnen neue Richtungen in der Schriftgestaltung.[…] Zur Entwicklung der Schrift Korpus wurden als Grundlage Fehlleistungen bei der Zeichenwiedergabe allgemeiner Art untersucht, insbesondere drucktechnische Mängelerscheinungen bei Satzmuster und Probedrucken des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Die Ungenauigkeiten, welche zum Teil bereits im Bleiabguss und dem folgenden Abdruck entstanden sind, dienten in freier Interpretation und Kombination als Basis für die neu formulierten Schriftzeichen.” 2 NAMENSGEBUNG:

Der Begriff Korpus stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ‘Körper’. Korpus (älter Corpus) bezeichnet im deutschsprachigen Raum eine für den Bleisatz verwendete mittlere Schriftgrösse. Ihre Kegelhöhe beträgt 10 Didot-Punkte. Im Schriftprobenbuch der Werkschriften der Großdruckerei und des Verlages WaldheimEberle AG, welches für die Recherchearbeit zur Schriftentwicklung verwendet wurde, waren die Schriftgrössen mit damals gebräuchlichen Begriffen angegeben. Eine dieser Schriften, welche bevorzugt auf ihre druckverfremdeten Zeichen untersucht wurde, war in Korpus gesetzt. Binnenland suchte nach einer passenden Bezeichnung für eine Schrift, die gewissermaßen auf der Materialität oder Haptik der Bleilettern aufbauen sollte. Da war der Begriff “KORPUS” mit seinen beiden Bedeutungen, also Körper und Schriftgrösse, für die Namensgebung natürlich naheliegend.

7 architypo -korpus

Binnenland wurde 2007 von Mika Mischler und Nik Thoenen gegründet. Die zwei Designer entwerfen, gestalten und vertreiben digital Schriften und stellen sich typografischen Auseinandersetzungen. Sie bieten Schriftprodukte an, die entweder gezielt für grafische Arbeiten oder aus Lust am Experiment und der typografischen Herausforderung entstanden sind. Binnenland geht in der Schriftgestaltung und in der Ausformung des einzelnen Zeichens strukturellen Ordungsprinzipien nach und hat seine Wurzeln im visuell grafischen Verständnis.


PLÄDOYER:

Die Schrift Korpus soll in diesem Heft als Sinnbild für einen konstruktiven Umgang mit Fehlern stehen, sie soll Archetyp für Risikofreude und Zuversicht sein und uns gleichzeitig bewusst machen, dass Schrift generell gesehen in ihrer Konstruiertheit Parallelen zu Architektur aufweist und gleichzeitig für die Vermittlung von Architektur unverzichtbar ist. Denn was wäre die Welt ohne Schrift, also ohne Text und vor allem ohne Bücher und Magazine?

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Archetypen: Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster

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Binnenland (2010) — Kontextbezogene Schriftproben Nr. 1, Bern , S. 9

y k g 3

architypo-korpus

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R Korpus Regular

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 110 pt

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Korpus Italic - 12 190 pt

Korpus Italic - 12

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190 pt 1 – Kehlungen bei Versalien zum Stamm aufgehoben, starke Betonung der Serifen den Anstrichen der Kleinbuchstaben angeglichen; 2 – abgewinkelte Einläufe simulieren das Zulaufen beim Druck; 3 – horizontal abgeflachten Einläufe der An- und Abstriche als eigenwillige Interpretation der Korpus; 4 – Ungleichgewicht zwischen Anstrichen und Serifen; 5 –Verwandschaft zu abgeflachten Einläufen bei n oder u als formale Eigenheit: 6 –Innenform der Tropfen abgeflacht als Teil der zitierten Druckverfremdung;

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Korpus Regular 350 pt


Wir Diskursingenieure

ANDREAS RUBY

Im Interview mit HORIZONTE spricht Andreas Ruby über die Möglichkeiten, Architektur zu vermitteln und die Unmöglichkeit, sie zu vermeiden; über die „professionelle Verbildung“ des Architekten und die Mechanismen dafür, auch fachfremdes Publikum zu erreichen. Anknüpfend an Bernard Rudofsky´s „Architecture without Architects“ erläutert er die Verbindung von Hochkultur und Alltagsleben und benennt in der wachsenden Aufmerksamkeit für architektonische Belange eine neue Perspektive: Die gebaute Umwelt im Zentrum breiten gesellschaftlichen Interesses als große Chance für die Architektur, ihrem Elfenbeinturm zu entkommen.

9 andreas ruby- interview

Architektur ist die Topographie des Alltags, damit auch res publica – eine öffentliche Angelegenheit, die jeden betrifft. Diesem Grundsatz folgen Andreas und Ilka Ruby, die sich mit ihrer Agentur für Architekturvermittlung „textbild“ seit 2001 und ihrem Verlag „Ruby Press“ seit 2008 der Konzeption von Büchern, Ausstellungen, Konferenzen und Symposien verschrieben haben. Parallel dazu haben sie seit 2003 an verschiedenen Architekturhochschulen weltweit im Bereich der Entwurfslehre und der Architekturtheorie unterrichtet.


Lieber Herr Ruby, unser aktuelles Thema hat zwei Schwerpunkte. Die Frage der Vermittlung – how to architecture? – beinhaltet zum einen, wie man Architektur lehrt – und zum anderen die Frage, wie man Architektur an sich vermitteln oder ein Verständnis für Architektur auch in fachfremden Kreisen herstellen kann. Sie und ihre Agentur für Architekturvermittlung „Textbild“ sind in dieser Hinsicht ja vom Fach. Wer ist die Zielgruppe Ihrer Arbeit? Die Fachöffentlichkeit, die breite Öffentlichkeit oder beides? Wenn es beides ist, wie unterscheiden sich da die Vorgehensweisen?

andreas ruby - interview

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Wir arbeiten für beide Zielgruppen. Aber unser besonderer Ehrgeiz besteht darin, Architektur an Leute zu vermitteln, die Architektur grundsätzlich interessant finden, aber davor zurückschrecken, weil sie glauben, dass sie dafür keine Experten seien. Dabei sind wir alle in bestimmter Weise Experten für Architektur, weil wir in unserem Leben tagtäglich mit Architektur konfrontiert sind. Um diese Schwellenangst zu reduzieren, versuchen wir die etablierten Codes, die Architektur entwickelt hat, um sich selbst zu vermitteln, zu vermeiden. Das spielt zum Beispiel eine Rolle, wenn wir Bücher machen. Da muss man sich überlegen, wie man Architektur anders zeichnen, anders fotografieren und anders erzählen könnte, als es in Fachpublikationen gemacht wird. Das betrifft unsere Arbeit auch dann, wenn wir keine Bücher, sondern zum Beispiel Ausstellungen machen. Die Ausstellung ist ein relativ populäres Medium. Sie erzeugt weniger Schwellenangst als ein klassisches Architekturbuch. Ausstellungen sind als kulturelles Medium poröser. Sie sind stärker Teil unserer Event-Gesellschaft und deshalb kann man dort – wenn man das richtig anfasst, am richtigen Ort ist, mit der richten Strategie an die Öffentlichkeit geht – Leute leichter dazu verführen, sich mit etwas zu beschäftigen, für das sie sich eigentlich nicht kompetent halten. Architektursymposien, die wir auch organisieren, wenden sich dagegen in der Regel stärker an ein Fachpublikum. Aber auch hier kann man Schnittstellen für ein darüber hinausgehendes Publikum einbauen. Wir profitieren dabei von der Tatsache, dass Architektur selbst ein Lifestyle-Medium geworden ist und dabei an kul-

tureller Relevanz gewonnen hat – bezeichnen- abzulehnen. Wir haben zum Glück auch so viele derweise in demselben Maße, wie sie politisch Anfragen, dass wir das tun können. Bei der Entgesehen an Relevanz verloren hat. Das geht fast scheidung ob man ein Projekt macht oder nicht Hand in Hand: In dem Maße, in dem sich Archi- ist die Frage eigentlich immer, ob man sich tektur ideologisch gesehen entpolitisiert hat, ist dabei zum Anwalt des Publikums machen kann. sie auf der Seite des Lebensstils und der Popkul- Ein konkretes Beispiel dafür ist das Steierische tur wichtiger geworden. Man kann darüber ver- Architekturjahrbuch2, das wir 2009 unter dem zweifeln oder, so wie wir das versuchen, das eine Titel „Über Menschen und Häuser“ für das Haus als Vehikel nutzen, um das andere wieder stark der Architektur in Graz gemacht haben. Wir finzu machen. Bei allen unterschiedlichen und den Architekturjahrbücher meistens furchtbar; partikularisierten Öffentlichkeiten, die Archi- sie sind peinliche Monumente des Scheiterns tektur haben mag, gilt es nicht aus den Augen einer Disziplin, sich selbst ins Gespräch zu bringen. zu verlieren, dass Architektur grundsätzlich Normalerweise hätte man so einen Auftrag eher eine res publica ist, eine auf den Mond geschosöffentliche Angelegensen. Das Haus der Archiheit, die eigentlich tektur Graz als Auftragjeden von uns als Zielgeber war sich des DiARCHITEKTUR IST gruppe hat. Das ist wirklemmas dieser Art von GRUNDSÄTZLICH EINE lich ein bemerkenswerPublikation jedoch sehr RES PUBLICA! tes kulturelles Kapital bewusst – dass Jahrder Architektur. Trotzbücher in der Regel von dem haben ArchitekArchitekten-Lobbyorten immer das Gefühl, niemand interessiere ganisationen, also etwa einer Architektenkammer, sich für ihr Tun. Dabei ist es aber viel leichter, gemacht werden, um der Gesellschaft zu sagen: jemanden für Architektur zu interessieren als „Guckt mal, das sind unsere tollen Mitglieder hier, zum Beispiel für theoretische Physik. Archi- und die können alle toll bauen. Gebt denen mal ein tekten können dieses kulturelle Kapital der paar Aufträge“. Von ihrer Machart her wenden Architektur nur dann erkennen, wenn sie sich sich diese Bücher aber nicht an die Gesellschaft, bemühen, ihr Publikum kennen zu lernen. Marty sondern nur an die Architekten selbst – ein teuSklar1, der frühere Präsident von Walt Disney res Selbstgespräch. Für uns ist die Zielgruppe Imagineering, hat dies im ersten von Mickey’s eines Architekturjahrbuchs dagegen jener Teil Ten Commandments so formuliert: “Know your der Öffentlichkeit, der grundsätzlich für Archiaudience – Don‘t bore people, talk down to them tektur ansprechbar ist, aber sich nicht für komor lose them by assuming that they know what petent genug hält, sich mit ihr beschäftigen zu you know.“ können. Bei der Konzeption des Buches haben wir deswegen darüber nachgedacht, wie man Wie finden Sie Ihre Themen? Sie machen zum jemanden, der normalerweise keine Zeichnuneinen Bücher. Darüber hinaus Symposien, die gen anschaut, dazu bringen könnte, genau das Sie genauso wie Ausstellungen möglicherweise zu tun und daran zu merken, dass das mitunim Auftrag ausrichten oder organisieren. Gerade ter die einzige Darstellungsart ist, bestimmte in Bezug auf Ihre Buchprojekte, die Sie auch mit Eigenschaften von Raum zu verstehen. Wie ein Ihrem zweiten Standbein Ruby Press veröffentli- Raum im Grundriss organisiert ist, ob ein Grundchen und die von Monografien bis zu thematischen riss, ob ein Haus gut organisiert ist, ob es Sinn Anthologien reichen: Wie bestimmen Sie die macht, wie die Räume zueinander ins Verhältinhaltliche Ausrichtung um dieses Ziel, von dem nis gesetzt werden, ob man sich gut durch das Sie sprachen – quasi mit dem Blick des Publikums Haus bewegen kann und ob es gute Orte gibt, auf die Masse zu zielen – zu erreichen? um sich zurückzuziehen. Eigentlich glauben wir, dass es für jedermann sinnvoll wäre, einen Die meisten unserer Projekte sind Auf- Grundriss lesen zu können. Dann könnten sich tragsprojekte. Wir behalten uns aber vor, Sachen die Leute bei der Wohnungssuche zum Beispiel


andreas ruby - interview

besser gegen unverschämte Immobilienmakler Wir haben das mit Absicht so deutlich inszewehren. Man sollte in der Schule lernen können, niert, damit man das Ganze nicht als Dokumenwie man einen Grundriss oder einen Schnitt tarfotografie missverstehen kann. Es gibt keine liest – genauso wie man dort zum Beispiel das Dokumentation, in der der Akt der Darstellung Kochen lernen sollte. nicht auch den Zustand der dargestellten WirkWas in der Architekturkommunikation am lichkeit beeinflusst. Immer dann, wenn man meisten fehlt, ist das Subjekt, an das sie sich einen dokumentarischen Anspruch hat, muss scheinbar am meisten richtet: die Nutzer. Um man den Akt, dass man dort etwas mitzuteilen das zu ändern, haben wir die Gebäude des Jahr- und zu erhellen versucht, mit kommunizieren. buchs so fotografieren lassen, dass die Nutzer Das Beobachten-Wollen wird zum Teil dieser selbst darin auftauchen (oder Statisten, wenn die Wirklichkeit, so wie das Werner Heisenberg3 in Nutzer nicht greifbar waren). Auf diese Weise seinem berühmten Unschärfe-Paradigma formuzeigen die Fotografien in unserem Jahrbuch nie- liert hat: Die experimentell untersuchte Realität mals nur das Gebäude wird immer auch vom an sich, sondern immer Experiment selbst mit ein Verhältnis zwischen beeinflusst. Die von dem Gebäude und den uns und der Fotografin 11 STATT DIE EINE WAHRHEIT, Menschen, die es nutLivia Corona4 konziDIE ES NICHT GIBT, ZU zen. Wir haben gemerkt, pierten Szenarien stelINDOKTRINIEREN, WOLLEN dass diese Art der Darlen ja auch nur einige von WIR ZEIGEN, DASS MAN stellungsweise auf Laien ganz vielen verschiedeVON UNTERSCHIEDLICHEN eine sehr viel einladennen Möglichkeiten dar. PRÄMISSEN AUSGEHEND AUCH dere Wirkung hat. Sie Man muss das als Leser ZU UNTERSCHIEDLICHEN können sich sofort in auch nicht unbedingt URTEILEN KOMMEN KANN. die Personen auf dem alles gut finden, weil Bild hineinversetzen, anman die Räume selbst statt wie bei normalen vielleicht so nie nutzen Architekturfotografien würde. Aber durch die einfach nur auf ein leeres Gebäude zu schauen. Reibung an der von uns gewählten Darstellung Auf diese Weise merkt der Leser sofort: hier kann kann sicher der Leser seinen eigenen Standpunkt man dieses und jenes machen. Und er kann sich bilden. Das ist auch der Grund für die textliche eine eigene Meinung bilden, ob er das interessant Darstellung im Buch, in der es keine normative findet oder nicht. Architekturkritik wie in einem klassischen JahrDieses Prinzip haben wir dann in die Zeich- buch gibt. Es gibt nur Statements von Leuten, die nungsebene übersetzt. Die Menschen, die in auf verschiedene Weise ein direktes Verhältnis der Fotografie erscheinen, tauchen in der Zeich- zu diesem Gebäude haben. Das sind Bewohnung wieder auf. Auf diese Weise konnte jemand, ner, Nachbarn, Passanten; es sind Politiker, die der sich zuvor die Fotos angeschaut, und darin irgendeinen Bezug zu dem Gebäude haben, es bestimmte Menschen und Räume kennen sind Gewerbetreibende, wie zum Beispiel der gelernt hat, diese Menschen und Räume im Banker, der den Kredit für den Bau gegeben Grundriss wiederfinden und so den Grundriss hat. Und natürlich kommen auch die Archileichter lesen. tekten selbst zu Wort. Das Spannende daran ist, dass diese Statements sehr unterschiedlich Trotz dieses Anspruchs, den Nutzer mit einzu- ausfallen, weil sie von Menschen stammen, die beziehen – was vielen Architekturpublikationen unterschiedlich alt sind, unterschiedliche Bilerst mal fehlt – gibt es aber auch sehr viele Fotos, dungshorizonte haben und auf ganz verschiedie einen sehr inszenierten Charakter haben, die dene Art mit Architektur umgehen. Es ist zum teilweise mit Schauspielern gemacht wurden. Ist Beispiel sehr interessant, was Kinder zu Archidas ein Widerspruch oder nicht und wenn nicht, tektur zu sagen haben, wie präzise sie wahrnehwarum nicht? men und wie kritisch sie Gebäude bewerten.


andreas ruby - interview

In der Auswahl der Statements haben wir keine Eigentlich ist Architektur in der Art und Weise, Partei genommen, sondern lediglich versucht, wie sie unser Leben konditioniert, so politisch, ein ausgeglichenes Bild zu zeichnen, damit kein dass man es sich gar nicht leisten kann, ihr Gebäude übermäßig kritisiert oder umgekehrt in gegenüber indifferent zu bleiben. Das grundsätzden Himmel gelobt wird. Es ging darum zu zeigen, liche Verhältnis der Gesellschaft gegenüber der dass es in der gesellschaftlichen Wahrnehmung Architektur ist meiner Meinung nach aber häufig von Architektur eben keinen Konsens gibt. In von Indifferenz gekennzeichnet. Wir versuchen der architekturgesteuerten Wahrnehmung von das zu durchbrechen. Wir als DiskursingeniArchitektur wird jedoch versucht, diesen Kon- eure – wie wir uns manchmal etwas augenzwinsens herbeizuzaubern. Das ist dann meist irgend- kernd bezeichnen – versuchen Leute zu verfüheine Art von affirmativem Statement. Man findet ren, ein Verhältnis zu Architektur aufzubauen. heute fast keine Architekturkritik, sondern eher ein Selbstverständnis, in dem allein die Tatsa- Der letzte Punkt ist sehr interessant. Sie haben che, dass ein Gebäude publiziert wird, Ausweis ja bereits gesagt, dass diese politische Relevanz seiner Qualität ist und etwas ganz besonderes das sich Kritik deshalb ist. In wieweit ist Archi12 gewissermaßen verbietektur gegenüber der tet. Wir sehen das difMusik, dem Theater, der ferenzierter: Wir als DAS GRUNDSÄTZLICHE bildenden Kunst und Kuratoren zeichnen die dergleichen, denn ein allVERHÄLTNIS DER GESELLGebäude in diesem Buch gemeines Kulturgut? Es SCHAFT GEGENÜBER DER aus, aber es ist auch völgibt da das, was AlexanARCHITEKTUR IST MEINER lig in Ordnung, wenn der Kluge als die HerstelMEINUNG NACH HÄUFIG VON jemand das anders sieht. lung einer authentischen INDIFFERENZ GEKENNDer Architekturdiskurs Öffentlichkeit bezeichnet ZEICHNET. WIR VERSUCHEN muss diese Meinungsund eben diese ÖffentDAS ZU DURCHBRECHEN. vielfalt abbilden, weil sie lichkeit mit seinen Kulja nun einmal existiert. turfenstern im deutschen Die Statements zeigen Privatfernsehen zu etabimmer wieder, dass ein lieren versucht. Initiatiund dieselbe architekven wie Liebe Deine Stadt, tonische Angelegenheit die  S c h l o s s - ,  Pa l a s t von zwei verschiedenen oder Stuttgart 21-BefürLeuten diametral entworter und Gegner begegengesetzt bewertet fördern in diesem Sinne werden kann – und das einen kritischen Dishäufig mit jeweils legikurs über Architektur –  timen Argumenten. jedoch immer nur auf Statt die eine Wahrheit, ein ganz bestimmtes die es nicht gibt, zu Thema begrenzt. Wie indoktrinieren, wollen aber schafft man es, in wir zeigen, dass man von unterschiedlichen Belangen der Architektur diese authentische Prämissen ausgehend auch zu unterschied- Öffentlichkeit, jenseits von Jahrbüchern oder lichen Urteilen kommen kann. Der schönste Ausstellungen, in einem wirklich breiten, kulEffekt dieser Texte ist eigentlich, dass man sie turellen oder sogar kulturalistischen Sinne nicht lesen kann, ohne sich selbst ein Urteil zu herzustellen? Es wäre doch vielleicht sogar das bilden – und wir wissen aus vielen Rückmel- ultimative Ziel, Architektur umfassend kultudungen, dass sie ausgesprochen intensiv gele- ralistisch – als Bestandteil dessen, was wir Allsen werden. Die Verhinderung von Indifferenz tagskultur nennen – verankert zu sehen. Das gegenüber Architektur ist ein schönes Ergebnis. würde bedeuten, zunächst den Clash zwischen


Pop- und Hochkultur überwinden zu müssen. Anders gefragt: Was braucht es, um dieses unterschiedliche Vokabular von Fachöffentlichkeit und breiter Öffentlichkeit im Alltäglichen, über den Bereich von publizistischer Tätigkeit hinaus, verschwinden zu lassen?

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Relevanz betrifft, hat Architektur ein enormes Pfund, mit dem sie wuchern könnte – ihre phänomenologische Unvermeidlichkeit. Wenn man zum Beispiel kein Theater mag, kann man leben, ohne ins Theater zu gehen. Wenn man keine bildende Kunst mag, kann man leben, ohne ins Museum zu gehen. Wenn man aber keine ArchiDer Schlüsselbegriff ist tatsächlich der des tektur mag, kann man nicht leben, ohne ArchiAlltags. Architektur wird von Architekten ein- tektur zu nutzen, weil sie uns ständig begegnet. fach noch immer mit einem großen A geschrie- Architektur formt die Topographie unseres Allben. Im Englischen gibt es diesen Ausdruck: tags. Diese noch ganz neu zu verstehende Alltägarchitecture with a capital A, was dort etwas mehr lichkeit der Architektur garantiert ihr eigentlich Sinn ergibt, weil architecture im Englischen nor- fast automatisch eine gesellschaftliche Relevanz. malerweise kleingeschrieben wird. In unserer Dafür aber müssten Architekten diesen Begriff Rechtschreibung kann des Alltags als Teil ihrer man Architektur aber Disziplin verstehen. Die nur mit einem großen A französische Soziologie 13 schreiben und vielleicht ALLE LÄNDER, IN DENEN hat mit Henri Lefebvre6 ist das auch Teil des Pround Michel de Certeau7 INFORMELLE BAUPRAKTIKEN blems. Es geht eigent- FÜR EINEN IMMER GRÖSSEREN gezeigt, wie ein Raumbelich darum zu verstehen, griff aus der Summe der TEIL DER GESELLSCHAFT dass das, was Architekalltäglichen Handlungen, LEBENSERHALTEND SIND, ten machen, nicht unbegleichsam bottom-up, HABEN FÜR MEINE BEGRIFFE dingt die Gesamtheit geprägt werden könnte. EINE FORM DER BAUKULTUR, dessen ist, was wir als Wenn man diese HandVON DER WIR UNS WAS Architektur verstehen lungen untersucht, merkt ABSCHNEIDEN KÖNNEN. sollten. Denken wir nur man, dass Architektur an den Begriff der vernadort sehr häufig vorcular architecture, für den kommt – nur in andere Bernhard Rudofsky5 die rhetorische Codes gekleiwunderbare kulturelle det, oder besser: der Übersetzung „Architecrhetorischen Codes entture without Architects“ kleidet, in denen Archifand – so der Titel seiner tektur mit dem großen epochalen Ausstellung A sonst immer auftritt. am MoMA aus dem Jahr Architekten müssten ei1964. Als eine Form der gentlich nur anfangen, High Culture hat Archizu entdecken, wo sich tektur immer auch in Architektur unabhängig einem Verhältnis zum von ihnen selbst ereignet. alltäglichen Bauen gestanden und daraus enorm viele Anstöße gezo- Aber braucht es dafür nicht auch umgekehrt eine gen. Man spürt zum Beispiel in den Schriften von bestimmte Grundeinstellung, eine bestimmte Loos, dass er das anonyme Bauen als einen ganz Bereitschaft des fachlich nicht vorgeprägten wichtigen Teil der Modernisierung des Bauens Bürgers? Wo fängt diese Bereitschaft, Archibegriffen hat. Architektur baut sich selbst ein tektur als einen Teil des allgemeinen KulturGefängnis, wenn sie sich von diesem alltäglichen begriffes zu sehen, an? Wenn man sich andere Bauen über Gebühr abkoppelt und sich als ein Länder – Skandinavien oder die Niederlande nicht-relationales kulturelles System zu repro- beispielsweise – anschaut, hat man doch den duzieren versucht. Was ihre gesellschaftliche Eindruck, dass das dort besser funktioniert;


möglicherweise weil Architektur Teil des Schulunterrichts ist oder man von Kindesbeinen an mit den Fragen der Guten Gestaltung konfrontiert ist?

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rung die Notwendigkeit, sich mit Gestaltung auseinanderzusetzen – weil nämlich niemand anders ihnen ein Haus baut und sie es selber machen müssen. Das ist eine aus der Not geborene Konfrontation mit Raum, die aber trotzdem Das ist sicher eine Möglichkeit, wie Archi- oder gerade deswegen eine beeindruckende tektur gesellschaftliche Relevanz erringen kann – Mündigkeit im Umgang mit Raum erzeugt. Ich indem sie als ein Gut der demokratischen Gesell- habe in Mexico-City vor drei Wochen Neza schaft sanktioniert wird. Das hat gewiss auch besichtigt, eine informelle Stadt, die ein Teil von mit dem Wohlstand dieser Gesellschaft zu tun, Mexico-City ist. Am Anfang – in den vierziger aber eben nicht nur. Design wird dort als Aus- Jahren des 20. Jahrhunderts – war das eine infordruck einer demokratischen gesellschaftlichen melle Siedlung und heute ist es eine Stadt mit 1,5 Kultur verstanden. Die Schweiz ist ein anderes Millionen Einwohnern und kein Ghetto. Es ist Beispiel, wo Architektur eine hohe Bedeutung vielmehr eine konsolidierte Mittelstandsstadt innerhalb des Systems von Leuten, die dort der Hochkultur inne hat. für sehr wenig Geld ein 14 Ich weiß nicht, warum Grundstück erwerben das in Deutschland WIR BRAUCHEN, IM GRUNDE konnten weil es dem, so nicht funktioniert. GENOMMEN, EIN NEUES ARCHI- der es ihnen verkauft Das hat vielleicht auch TEKTONISCHES WERTESYSTEM! hat, gar nicht wirklich mit unserer Kulturgegehört hat. Es ist gewisschichte zu tun, in der sermaßen illegal besetzdie Blüte unserer kultes Land, das dann parturellen Produktion 1933 woanders hingegan- zelliert und an Binnenmigranten verkauft wurde gen ist und es die beiden getrennten deutschen – also an Mexikaner, die aus ländlichen Gebieten Staaten – ebenso wenig wie ihre wiederverei- kamen, in der Stadt Arbeit gefunden hatten und nigte Version – nie geschafft haben, diese kultu- irgendwo unterkommen mussten. Der Staat relle Produktion in Deutschland wieder auf dem hat sich nicht darum gekümmert, weil die Stadt Niveau des Entre-Guerre institutionell zu veran- nicht mehr weiter wachsen sollte; die Menschen kern. So haben wir zwar diverse Nachfolgeinsti- waren trotzdem da. Es ist spannend zu sehen, tutionen des Bauhauses in Weimar, Dessau und dass sich dort über Jahrzehnte hinweg ohne Berlin, die das Erbe des Bauhauses wach halten irgendeine Art von autoritärer Planungskultur sollen; die phänomenale kulturelle Produktion und ohne Architekten eine funktionierende des historischen Bauhauses können sie uns aber Stadt entwickelt hat. Diese hat zwar Defizite nicht zurück geben. in der Gestaltung des öffentlichen Raums, aber Aber Architektur kann auch auf andere sie funktioniert in der Zur-Verfügung-Stellung Arten und Weisen Relevanz bekommen, wenn von privatem Wohnraum auf eine faszinierende Menschen ihren Raum aus existentiellen Grün- Weise – nicht viel älter als Halle-Neustadt, aber den selbst mit produzieren müssen und das städtebaulich eindeutig nachhaltiger. (Selbst)Bauen eine Art von Überlebenstechnik ist. Alle Länder, in denen informelle Bauprak- Die Frage, warum es in Deutschland dieses tiken für einen immer größeren Teil der Gesell- Gefühl für Gestaltung nicht in dieser Form zu schaft lebenserhaltend sind, haben für meine geben scheint, führt auch zu der Überlegung, ob Begriffe eine Form der Baukultur, von der wir man vielleicht Parallelen vom Architektur- und uns was abschneiden können. In Brasilien zum Design-Verständnis zur Discount-Kultur sehen Beispiel und Lateinamerika überhaupt ist Archi- kann. In keinem anderen westeuropäischen tektur mit dem großen A eine rare Gattung. Sie Land wird so wenig für Lebensmittel ausgegeexistiert, aber nur als Reiche-Leute-Phänomen. ben wie in Deutschland; dass es GammelfleischGleichzeitig aber gibt es für einen im Vergleich und Dioxinskandale hierzulande und eben nicht zu Deutschland viel größeren Teil der Bevölke- in Frankreich – zumindest nicht in der Masse –


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gibt, scheint doch nicht ganz von Ungefähr zu einer Form von Luxus, die sich nicht an teuren kommen. Kann man da Parallelen zur Architek- Materialien oder anderen Fetischen misst, sondern an der Qualität des Raumerlebnisses und der turrezeption ziehen? Lebensqualität. Auch andere Architekten arbeiDass die Deutschen zum Teil in einer ten an diesem spezifischen und unvollendeten selbstgeschaffenen Sinneswüste dahinvege- Projekt der Moderne weiter. Alejandro Aravena9 tieren – kulinarisch, aber auch anderweitig –, etwa, der es mit seinen Elemental10-Projekten in hat neben dem bierernsten Glauben an die Chile geschafft hat, Eigentumswohnungen für deutschen Tugenden sicherlich auch mit der Leute zu bauen, die vorher in Favelas gewohnt hierzulande üblichen bürgerlichen Konno- haben. Da sind Leute, die vorher wirklich am Existation von Hedonismus zu tun. Ein Sinnen- tenzminimum gelebt und die auf einmal so etwas mensch ist hier beinahe zwangsläufig ein Groß- wie ein Existenzmaximum bekommen haben. Kapitalist, der mit Zigarre und Brioni-Anzug auftritt. Umgekehrt wurde in Deutschland die Aber der Unterschied ist, dass er ihnen eben nicht einfach WohnIdee des Wohnens für raum gegeben hat – was das Existenzminimum auch der soziale Woh- 15 erfunden, 1930 auf ARCHITEKTEN MÜSSEN IHRE nungsbau in Deutschdem zweiten CIAMland tut sondern dass er Kongress in Frankfurt – IDENTITÄTSMODELLE ALS sie in die Lage versetzt jene überaus einflussKULTURELLE AKTEURE ÜBERhat, mit diesem Wohnreiche Doktrin, der PRÜFEN. raum Wert zu schaffen. zufolge der Grad des Der Raum ist also in räumlichen Komforts dem Sinne nachhaltig, am Budget zu messen ist: Großes Budget = viel Komfort; kleines als dass er im Zweifelsfalle auch wieder verkauft werden kann und so einen Mehrwert für die Budget = Existenzsicherung. In der Misere unserer realexistierenden Bewohner generiert. Was er als Architekt damit Baukultur bräuchten wir jemanden wie Jamie erreicht, ist auch ein ganz anderer Umgang mit Oliver. Oliver hat gezeigt, dass gutes Kochen dem Gebauten. Eines seiner Argumente war, nicht viel mit Geld, sondern vielmehr mit fri- dass ein 15-geschossiger sozialer Wohnungsbau schen, qualitativ guten Lebensmitteln zu tun wie man ihn sonst kennt, nach zwei Jahren einhat – und natürlich mit dem Wissen, wie man fach heruntergekommen ist. Es gibt wenige Beidamit kocht. Es geht also um Wissen und Zugang spiele, wie von den Smithsons etwa, die immer zu Ressourcen. Alles andere ist Hokuspokus. noch dastehen. Viele Gebäude sind einfach nach Jamie Oliver demokratisiert mit seiner Art des kurzer Zeit verwohnt, weil sie eben kein EigenKochens das Recht auf Sinnlichkeit, wie ich tum sind. Hedonismus einmal übersetzen möchte. Er hat Da geht es immer um die Frage der Aneigden Leuten vermittelt: Du kannst genauso gut wie ein Gourmet essen, egal wie wenig Geld Du nungsfähigkeit: Kann ich Architektur so bauen, hast. In der Architektur machen Anne Lacaton dass jemand anders das Gefühl hat, in seinem und Jean-Philippe Vassal8 etwas Vergleichbares. eigenen Haus zu leben, auch wenn es ihm gar Sie arbeiten beispielsweise in ihrer Architek- nicht gehört? Wenn das Haus Teil der Konstruktur ganz konzentriert darauf hin, das Prinzip tion meines eigenen Ichs wird und es Teil meines des sozialen Wohnungsbaus aufzubrechen. Sie sozialen Metabolismus wird, dann werde ich es vertreten die Auffassung, dass es auch möglich auch entsprechend wertschätzen, selbst wenn es sein muss, billig zu bauen und trotzdem viel und jemandem anderen gehört – das würde ich zuminguten Raum zu haben. In ihren Wohnprojekten dest hoffen. bekommen die Bewohner doppelt so viel Raum als es mit üblichen Bautechniken und -standards Die nächste Frage haben Sie nun schon vorweg möglich wäre. Sie vertreten die Möglichkeit genommen. Wir haben immer nur über diese


Rezipienten-Seite gesprochen, also was man ändern kann, damit Öffentlichkeit Architektur anders wahrnimmt. Wichtig wäre aber auch zu fragen was der Architekt tun kann, um aus diesem System einer Selbstreferenzialität herauszukommen?

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Architekten können viel dafür tun, indem sie sich selber verändern. Indem sie zum Beispiel das Denken ad acta legen, demzufolge ein Haus ein Objekt ist, das, einmal produziert, nicht mehr verändert werden darf. Es ist für mich eine völlige Verdrehung des Urheberrechts, dass ein Haus immer so bleiben müsse, wie es gebaut wurde. Wenn man sich die Architekturgeschichte anschaut, merkt man, dass Häuser immer verän16 dert, umgenutzt und neuprogrammiert wurden und eigentlich auch nur deshalb überlebt haben. Der Parthenon war über Jahrhunderte hinweg eine Kirche. Die Hagia Sophia würde nicht mehr existieren, hätte Sultan Mehmet II. sie bei der Eroberung von Konstantinopel 1453 nicht Von Menschen und Häusern Architektur aus der Steiermark


Architektur immer nur dann zeitgenössisch, wenn sie neu ist? Oder hat das Zeitgenössische eher mit jener zyklischen Verjüngungsfähigkeit zu tun, die ein Haus immer wieder neu aktuell werden lässt, egal wie alt es ist? Für mich ist das Letztere viel interessanter. Es gibt eine Menge Architektur, die in dem Moment, in dem sie gebaut ist, schon wieder derart antiquiert ist, dass man sie sich nur noch auf den Mond wünscht. Architekten müssen in dieser Beziehung ihre Identitätsmodelle als kulturelle Akteure überprüfen. Ein DJ empfindet es auch nicht als Bedrohung seiner kreativen Individualität, einen Track von jemand anderem zu remixen. Der DJ lebt vielmehr in dem Selbstverständnis, dass er Teil einer permanenten kulturellen Produktion ist, in der sein Beitrag darin 17 besteht, einem schon existierenden Musikstück eine neue Interpretation zu geben. Ich finde es aufschlussreich und frustrierend zugleich, dass die Form des Covers in der Musik eine absolut etablierte Form der musikalischen Produktion ist, aber für die gleiche Form der künstlerischen Empathie in der Architektur nur der Pejorativ des Plagiats existiert.

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zur Moschee umdeklariert. Dasselbe gilt auch für bauliche Veränderungen. Die Auffassung, Architektur müsse auf ewig der ursprünglichen Intention ihres Entwerfers verhaftet bleiben, verrät ein zutiefst gestörtes Verhältnis zu deren langlebiger Natur. Bevor ein Gebäude abgerissen wird, finde ich es doch tausendmal besser, wenn es verändert und sinnvoll umgenutzt wird. Ein Architekt baut keine solitären Inseln im Strom der Geschichte, sondern fügt der existierenden materiellen Geschichte nur eine weitere Schicht hinzu, die ihrerseits später wieder zum Gegenstand weiterer Transformationen werden wird. Nur wird dieses transitorische Verständnis von Architektur in der Architekturausbildung nicht wirklich etabliert, da geht es immer noch um das Einzelobjekt (und auch den Einzelentwerfer, noch so ein schrottreifer Mythos). Wir brauchen, im Grunde genommen, ein neues architektonisches Wertesystem. Wenn man sich fragt, was historische Städte so spannend macht, dann ist es doch häufig die Tatsache, dass jedes Haus erstens mit allen anderen Häusern in irgendeinem Zusammenhang steht und zweitens auch Produkt einer historischen Kontinuität ist. Es ist das Resultat von Tausenden von Überformungen. Das gilt für die anonyme Architektur des Alltags genauso wie für die meisten berühmten Gebäude der Architekturgeschichte. Die wenigsten sind genauso geblieben, wie sie einmal erbaut worden sind. Also kann man auch in Zukunft erwarten, dass sie weiter überformt werden. Es löst bei mir zum Beispiel eine Art urbanen Unterdrucks im Brustraum aus, wenn ich mir die Siedlung hier am Horn in Weimar anschaue. Eine steife Party architektonischer Autisten ohne irgendwie verführerische Anbahnungsaussichten, alles ist abgesteckt, distanziert, kontrolliert. Man hat auch nicht das Gefühl, das sich das Ganze auf eine interessante Weise zu etwas ganz anderem transformieren könnte – dafür müsste man den Hügel schon nach Mexiko verpflanzen, da würden die Häuser dann interessante Farben bekommen und in den jetzt klinisch toten Zwischenräumen würden sich aufregende Nutzungen ergeben. Die Siedlung am Horn ist einfach nichts anderes als eine modernistisch korrekte Suburbia. Eine weitere Frage ist auch, wie wir Zeitgenössigkeit von Architektur definieren. Ist eine

Das ist dort vielleicht auch schon eher eine Form des Respekts. Wird man gesampelt, steckt darin auch eine gewisse Wertschätzung. Was man so an den Hochschulen mitkriegt, sind aber immer nur die großen Architekten, eine Art Star-Kult des großen Künstlers, der einem vielleicht auch vermittelt, dass man das sein sollte; während man dasselbe zusätzlich noch durch einschlägige Magazine vorgehalten bekommt… Diese Art von Originalitätskult halte ich für absolut überholt und völlig unproduktiv. Die Architektur muss ihren Elfenbeinturm verlassen, die Welt ist immer viel interessanter! Das Interview führten Jonas Malzahn und Michael Kraus


1 Sklar, Martin: Walt Disney Imagineering, Education vs. Entertainment: Competing for audiences; AAM Annual meeting, 1987 2 Ruby, Andreas; Ruby, Ilka (Hrsg.): Von Menschen undHäusern. Architektur aus der Steiermark; Verlag Haus der Architektur Graz, 2009 3 Heisenberg, Werner (1901-1976) war ein deutscher Physiker und Nobelpreisträger. Heisenberg zählt zu den bedeutendsten Physikern des 20. Jahrhunderts, insbesondere auf dem Gebiet der Quantenmechanik. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er am Atomwaffenprogramm der Nationalsozialisten mit. Auf Heisenberg geht die nach ihm benannte Heisenbergsche Unschärferelation zurück, der zufolge zwei Teilcheneigenschaften nicht immer gleich genau messbar sind. Diese Unschärfe ist Resultat der Wellennatur der Teilchen in der Quantenphysik.

http://www.liviacorona.com/

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Rudofsky, Bernhard: Architecture without Architects: a

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18 Short Introduction to Non-Pedigreed Architecture; Univer-

sity of New Mexico Press, Albuquerque, NM, 1987 (originally published: Museum of Modern Art, New York, 1964); Bernhard Rudofsky (1905-1988) war amerikanischer Architekt, Lehrer und Autor. In seinem schriftlichen Werk schlägt er den Bogen vom Design bis zur Architektur. Besonderes Interesse gilt seinem 1964 erschienen Buch Architecture without Architects, in dem er die Anonyme Architektur beschreibt, das vernakuläre Bauen ohne Planer oder Architekten. Für Rudofsky stellt diese Auseinandersetzung keinen wie auch immer gearteten Hang zur Folklore, sondern vielmehr den Aufruf zu einer Alternative zur modernen Architektur dar. 6 Lefebvre, Henri: The Production of Space; Wiley-Blackwell, Oxford, 1991; Henri Lefebvre (1901-1991) war ein französischer Soziologe und Philosoph. Im Zweiten Weltkrieg Mitglied der Résistance, war er trotz eines Parteiausschlusses 1958 zeitlebens überzeugter Marxist und gilt als einer der Väter der französischen Studentenunruhen 1968. Lefebvres Rolle für die Architektur wird seit einigen Jahren wieder stärker, sein Werk als grundlegend für die kritische Stadtforschung eingeschätzt. Lefebvre beschreibt Raum als gesellschaftliches Produkt und bietet mit seiner Beschreibung der wechselseitigen Beeinflussung von Raum, Gesellschaft und Produktion alternative Zugänge zum Verständnis von Stadt. 7 de Certeau, Michel: Kunst des Handelns; Merve Verlag, Berlin, Auflage: Neuaufl. 01.1998 (Dezember 1988); Michel de Certeau (1925-1986) war ein französischer Soziologe und Philosoph. Als Jesuit promovierte er in Theologie und veröffentlichte zu Phänomenologie und Psychoanalyse. Seine Kunst des Handelns ist eine Theorie des Alltags und des Verbrauchers, basierend auf der Feststellung, dass sich unser Alltagsleben insofern von vielen anderen Tätigkeiten abhebt, als es weitestgehend unbewusst abläuft. Dabei ist der Verbraucher für de Certeau nicht nur passiver Konsument sondern auch aktiver Produzent, da er durch sein Kaufverhalten den Markt mit beeinflusst.

vgl. http://www.lacatonvassal.com

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9 http://www.alejandroaravena.com; siehe auch den Bericht über einen Abend mit Aravena in: Horizonte No.1 ‘Design | Response | Ability‘, Weimar, 07/2010

vgl. http://www.elementalchile.cl

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FRANK ZIMMERMANN «SIE MÜSSEN LERNEN, SICH ZU VERKAUFEN!»

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Es war irgendwann zu Beginn meines Architekturstudiums, dass ich zum ersten Mal über diese Worte gestolpert bin. Hinter mir hing eine zugegebenermaßen ziemlich wilde Collage von Handzeichnungen, Photokopien und Computerausdrucken, die ich noch in der Nacht zuvor mit Klebestift zusammengebastelt hatte und die man mit etwas Gutwilligkeit vielleicht meine ersten architektonischen Zeichnungen nennen könnte. Darunter stand ein Monster von einem Pappmodell, mit Klebeflecken, Cutterritzern und allem, was dazu gehört. In unbedarfter Blauäugigkeit hatte ich daran gerade meine erste architektonische Idee präsentiert. Und obgleich es inhaltlich kaum etwas auszusetzen gab, sagten mir der besorgte Blick und das Kopfschütteln des Professors, dass irgendetwas nicht ganz stimmte. Als dann auch noch das Klebeband seinen DIE ZEICHNUNG UND DAS Dienst quittierte und mein Plan mit lautem Krachen das Modell MODELL HABEN SICH ALS unter sich begrub, fiel schließEIN BRAUCHBARES WERKlich das kritische Urteil: «Wenn ZEUG DER VERMITTLUNG

VON ARCHITEKTUR ERWIESEN, DOCH WIE IN JEDEM HANDWERK BEDARF ES EINIGER ÜBUNG, BEVOR MAN SIE HALBWEGS SICHER ANZUWENDEN VERSTEHT.

Sie es als Architekt zu etwas bringen wollen, dann müssen Sie lernen, sich zu verkaufen!»

In den darauffolgenden Jahren sollte ich diese Worte noch so oft zu hören bekommen, dass ich mich heute schon fast an sie gewöhnt habe. Damals jedoch hatten sie mich ein Stück weit irritiert. Zum einen wollte ich nicht ganz begreifen, wieso ich es bin, der hier verkauft werden sollte. Um jedoch niemanden eine solche Bösartigkeit unterstellen zu müssen, wie diese Behauptung sie implizieren würde, habe ich das Ganze schnell mit einer sprachlichen Ungenauigkeit entschuldigt. Da haben die Worte uns wohl ein Schnippchen geschlagen… «Sie müssen lernen, Ihre Architektur zu verkaufen», klingt doch gleich viel besser. Wirklich erklären jedoch wollte sich dieser Einwand mir trotzdem nicht. Sollte ich nicht erst einmal etwas haben, von dem ich überzeugt bin, dass es Wert ist, verkauft zu werden, bevor ich mir Sorgen darüber machen kann, wie ich es verkaufe? Und genau dieses gewisse Etwas ist es doch, wofür ich Architektur überhaupt studiere. Wenn es also inhaltlich an meiner Präsentation nichts auszusetzen gab, wieso konnte ich dann nicht einfach meinen Plan wieder aufhängen und mich über meinen ersten gelungenen architektonischen Entwurf freuen? Heute weiß ich, dass es sich hierbei um ein eher trauriges Beispiel der Architekturvermittlung handelt. Um meine Idee, an der ich ein Semester lang herumgebastelt hatte, dem Professor oder sonst irgendjemandem darlegen zu können, musste ich zuerst einen Weg finden, sie auch nachvollziehbar zu vermitteln. Traditionell haben die architektonische Zeichnung und das Modell sich hierfür als ein ziemlich brauchbares Werkzeug erwiesen, doch wie in jedem Handwerk bedarf es einiger Übung, bevor man sie halbwegs sicher


lich aufrichtige und wohlgemeinte Aufklärung des architektonischen

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anzuwenden versteht. Aus diesem Grund wird wohl auch ein souveräner Umgang mit diesen Werkzeugen unter Architekten so hoch geschätzt, suggeriert er doch automatisch einen gewissen Stand der Erfahrung. So fällt es einem meist deutlich leichter, einen Entwurf ernst zu nehmen, der auf eine entsprechende (lies: ansprechende) Weise präsentiert wird. Möglicherweise ist an dieser Stelle bereits der Samen der Oberflächlichkeit gesät, doch wird diese Einstellung schnell nachvollziehbar, wenn wir uns vorstellen, wir sollten einem Chirurgen unser Vertrauen schenken, der sein Skalpell wie ein Schlachtermesser führt. Auch die Unvoreingenommenheit kennt Grenzen. Trügerisch jedoch ist der Umkehrschluss, dass jeder Chirurg, der ein Skalpell zu führen versteht automatisch auch ein guter Arzt sein muss. Der Grund hierfür liegt ganz einfach in der Tatsache, dass ein Handwerk und seine Werkzeuge einander bedingen und das Eine nutzlos wird ohne das jeweils Andere. Für die Architektur gesprochen bedeutet dies, dass alles, was wir uns im Laufe unserer Ausbildung und auch darüber hinaus an «architektonischem Wissen», an Erfahrung, ansammeln, den Grundstock unseres Handwerks ausmacht; die Frage, wie wir unsere Arbeit anschaulich und nachvollziehbar darstellen, die Frage nach der Architekturvermittlung also, stellt dabei eines unserer ältesten Werkzeuge dar. Doch genau dieses Werkzeug – dessen wir uns neben vielen anderen bislang so selbstverständlich bedient haben – erfährt in der letzten Zeit anscheinend eine völlige Neubewertung, welche natürlich auch für die Architekturausbildung nicht irrelevant bleibt. Riklef Rambow hat in seinem Vortrag (horizonte, 22.06.2010; Anm. d. Red.) darauf aufmerksam gemacht, dass die Vermittlung von Architektur, die selbst unter Architekten nicht immer einfach ist, für Laien eine ernste Herausforderung darstellt. Da es jedoch zum Großteil architektonische Laien sind, welche Architektur (mitunter für horrende Summen) in Auftrag geben, appelliert er – und das mit gutem Recht – EIN HANDWERK UND an die Fairness der ArchitekSEINE WERKZEUGE BEDINten, sich um eine allgemein GEN EINANDER. DAS EINE verständliche Form der VermittWIRD OHNE DAS JEWEILS lung ihrer Architektur zu bemüANDERE NUTZLOS. hen, noch bevor diese zur gebauten Wirklichkeit geworden ist. An diesem Punkt setzt auch Andreas Ruby (horizonte, 11.05.2010; Anm. d. Red.) an, der sich ebenfalls als Architekturvermittler versteht, jedoch mit der etwas eigenwilligen Anspielung auf den Beruf des Kunstvermittlers, dessen Aufgabe es ist, die Kunst aus dem Elfenbeinturm ihres Diskurses zu befreien, um sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch dieser Ansatz scheint auf den ersten Blick ehrenwert; er bekommt jedoch einen ziemlich schalen Beigeschmack, wenn dies aus der Motivation heraus geschieht, so den Marktwert der Architektur zu steigern. Plötzlich nämlich finden wir uns mit der Frage konfrontiert, ob die vorgeb-


Laien nicht in der stillen Absicht geschieht, seinem Blick auf die Architektur ein Verständnis zu suggerieren, das er in dieser Tiefe nicht haben kann. Oder kurz: ob wir die Architekturvermittlung nicht missbrau-

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chen, um den langen Weg von der Urteilsfähigkeit eines Laien hin zu der eines vorgeblichen Experten abzukürzen. Dann nämlich befänden wir uns auf einem Holzweg, denn schließlich birgt dieser vermeintliche Umweg ja all jene Erfahrungen, welche den architektonischen «Experten» erst ausmachen. Wenn wir uns also nicht in unserer eigenen Kurzsichtigkeit verlaufen wollen, dann müssen wir uns vor Augen führen, dass eine blinde Flucht in Richtung des allgemein Verständlichen genauso wenig einen Ausweg aus dem Babel der Experten-Laien-Kommunikation bereithalten kann, wie der Rückzug in das vertraute Reich unserer Fachkompetenz. Vielleicht liegt hier ja das eigentliche Dilemma der Architekturvermittlung verborgen. Bei all unseren Bemühungen, die Architekturvermittlung als eines unserer wichtigsten Werkzeuge weiterzuentwickeln und zu einer allgemein verständlichen und nachvollziehbaren Darstellung unserer Arbeiten zu gelangen, sollten wir also nicht aus den Augen verlieren, inwiefern dies überhaupt möglich, vielleicht auch nur sinnvoll ist; vor allem aber müssen wir uns dabei die ehrliche Frage stellen, was genau wir damit eigentlich bezwecken wollen. Den Klienten mit einer fadenscheinigen Urteilsfähigkeit auszustatten, die auf einem Mangel an Erfahrung beruht, birgt nämlich allzu leicht die Gefahr, dass jene Fragen, die über eine DIE BLINDE FLUCHT IN unmittelbare Vermittelbarkeit hinausgehen, ins Hintertreffen RICHTUNG DES ALLGEMEIN geraten. Das aber hieße, den VERSTÄNDLICHEN KANN Architekten zu einem bloßen GENAUSO WENIG EINEN AUSDienstleister zu degradieren, WEG AUS DEM BABEL DER sodass wir schließlich tatsächEXPERTEN-LAIEN-KOMMUNIlich an jenem Punkt angelangt KATION BEREITHALTEN, wären, an dem wir unsere InteWIE DER RÜCKZUG IN grität und mit ihr auch gleich DAS VERTRAUTE REICH uns selbst zu verkaufen beginnen. UNSERER FACHKOMPETENZ. Trotz aller Aufklärungsarbeit, welche die Architekturvermittlung zu leisten imstande ist, muss der Klient sich doch immer auf die unumschränkte Aufrichtigkeit des Architekten verlassen können, dass dieser ihm sein Handwerk, seine architektonische Erfahrung, nach bestem Wissen und Gewissen in den Dienst stellt. Um der Verantwortung gerecht zu werden, die mit diesem ihm entgegengebrachten Vertrauen einhergeht, ist der Architekt dabei allein auf jene Urteilsfähigkeit angewiesen, die er sich in der langen Auseinandersetzung mit seinem Handwerk in Form von Erfahrung und Wissen angeeignet hat. In dieser Hinsicht also wäre es wünschenswert, wenn eine Schule, die sich die Ausbildung von Architekten zum Ziel gesetzt hat, aller aktuellen Trends zum Trotz, den Zusammenhang zwischen einem Handwerk und seinen Werkzeugen nicht aus den Augen verlieren würde.


SIMON SCHEITHAUER SELBER BAUEN – SICH-SELBST-BAUEN. DIE ARCHITEKTUR WALTER SEGALS.

Eines der im Zuge der zweiten Bauphase errichteten Häuser. (Foto: Martin Charles)

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Das Bauen unserer Zeit ist eine komplexe Angelegenheit. Anforderungen, Bedingungen und Vorschriften sind derart vielfältig, dass sie nur durch ein Netzwerk verschiedenster Akteure zu bewältigen sind, in dessen Zentrum sich der Architekt sieht. Bevor es seine Profession gab, war das Bauen weniger komplex und es wurden vornehmlich Kirchen, Paläste und Bürgerhäuser von Künstler-Handwerkern errichtet, während die übrige Bauproduktion durch die Nutzer unmittelbar selbst erledigt wurde. Bedurfte es im Falle der einzelnen Sonderbauten bereits der Absprache zwischen Baumeister und Bauherr, oder auch nur einer Weisung des letzteren, hatten die Nutzer als die anonymen Architekten1 unmittelbaren Einfluss auf die Ergebnisse ihrer Arbeit. Der Herausbildung des Architekten als Fachmann für Raumproduktion im 19. Jahrhundert folgte die Ausweitung der Tätigkeiten des Architekten auf alle Bereiche des Bauens. Gleichzeitig bedeutete dies auch das Einsetzen einer stärkeren Spezialisierung im Bauen. Die Architekten entwarfen allerlei Ideen zu allen möglichen Probleme, mit deren Lösung sie die Menschheit zu beglücken suchten; selbstverständlich waren alle ihre LösungBEVOR ES DIE PROFESSION en wissenschaftlich fundiert DES ARCHITEKTEN GAB,  und logische Folge intensiver HATTEN DIE NUTZER ALS Auseinandersetzung. Dennoch DIE ANONYMEN ARCHITEKTEN entsteht bisweilen der EinUNMITTELBAREN EINFLUSS druck, der ästhetische Impetus AUF DIE ERGEBNISSE des Architekten habe oftmals IHRER ARBEIT. über den Interessen der Nutzer oder gar des Nutzens, und allen Beteuerungen zum Trotz jenen manchmal sogar entgegen gestanden. Sicher wollte der Architekt den Bedürfnissen der Menschen entsprechen, so radikal seine totalen Entwürfe jedoch mit dem Bestehenden und seinen Missständen aufzuräumen suchten, so grundsätzlich beruhten ihre Vorschläge, wie Lucius Burckhardt2 und Walter Förderer 1968 kritisierten, „auf scharfen Reduktionen des Problems [...].“


Schematische Darstellung der Gründung. (Zeichnung: Jon Broome)

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Darstellung des Modularen Systems. (Zeichnung: Jon Broome)

Detail einer Außenwand mit Ecklösung. (Zeichnung: Jon Broome)


In seinem stilisierten Menschenbild sähe er nur „hier glückliche Hausfrauen ihr Mahl durch die Durchreiche stoßen, dort Väter sich nachbarlich den Hobbyraum teilen und anderswo freundliche Greise die für zwei Prozent der Bausumme angeschafften Kunstwerke des Altersheims betrachten“ jedoch keine komplexeren Zusammen-

Der zu Beginn der Auseinandersetzung mit den Leuten häufig anzutreffende Begriff der Partizipation, aus dem sich das aktuellere, umfassendere Konstrukt der Kommunikation entwickelte, ist dabei immer von entscheidender Bedeutung. In welchem Maße jedoch der Architekt plant, entwirft oder vielmehr beratend wirkt, ist sehr unterschiedlich. Die von Walter Segal4 angewandte Methode steht in diesem Zusammenhang für die unbedingte Demokratisierung des Entwurfs- und Bauprozesses. Für ihn bedeutete das, den Nutzer in die Lage zu versetzen eigene, vom Experten möglichst unabhängige Entscheidungen zu treffen. Sicher ist er mit diesem Gedanken keineswegs der Einzige oder auch nur der Erste, die praktische Emanzipation des Nutzers gegenüber dem Architekten jedoch hebt seine Arbeit unter ähnlichen Projekten hervor. Der grimmige Individualist, wie er sich selbst nannte, legte größten Wert auf die Unabhängigkeit seiner Arbeit: Er zeichnete größtenteils freihändig auf A4-Format und entwickelte die Konstruktion so, dass er sämtliche Arbeiten ohne Fachplaner oder Assistenten planen und leiten konnte. In seiner Laufbahn hat er stets versucht, seine architektonischen Lösungen im Dialog mit den Bauherren zu formulieren und durch ein von ihm entwickeltes Konstruktionssystem schnell umzusetzen. In den 1970er Jahren entwickelte er dann mit verschiedenen Selbstbauprojekten sowohl die Rolle des Bauherren, als auch die des Architekten weiter. Ein zum Ende des Jahrzehnts im Londoner Stadtteil Lewisham realisiertes Projekt, das 26 Häuser in Selbstbauweise umfasste, bringt seine wesentlichen

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hänge. So kam auch bereits vor dem Abriss der Siedlung Pruitt-Igoe3 und dem offenJE WENIGER DIE NUTZER sichtlichen Scheitern der WISSEN WAS SIE WOLLEN, großen Ideen der Moderne DESTO MEHR KOMMT ES DARAUF 1972 der Gedanke auf, die AN, DASS DER ARCHITEKT DIE Leute am PlanungsproRICHTIGEN FRAGEN STELLT – zess beteiligen zu müssen. ODER ABER DEM NUTZER DIE Trotzdem blieb das unter MÖGLICHKEIT GIBT, DIE ANTArchitekten bis heute allWORTEN SELBST ZU FINDEN. gemein bekannte Problem, wonach die Leute gar nicht wüssten was sie wollten, bestehen. Zwar tun das die Architekten dafür umso besser, dennoch entsprechen deren Lösungen noch heute nicht immer den Bedürfnissen der Nutzer. Je weniger diese jedoch wissen was sie wollen, desto mehr kommt es darauf an, dass der Architekt die richtigen Fragen stellt – oder aber dem Nutzer die Möglichkeit gibt, die Antworten selbst zu finden.


Vorstellungen zusammen. Indem die Bauherren aufgrund des von ihm entwickelten Systems in die Lage versetzt wurden ihre Häuser – wenngleich unter Anleitung – selbst zu entwerfen, wurde der Architekt eher zum Begleiter und Berater dieses Prozesses. Natürlich wussten auch hier die Leute nicht was sie wollten und vor allem nicht was sie konnten, im Laufe der Zeit entwickelten sie jedoch immer größeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

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Zuerst wurde gemeinsam der Grundriss entworfen, dann das Raster festgelegt und auf die Modulgrößen hin dimensioniert. Im Unterschied zum herkömmlichen Skelettbau wurde so die Konstruktion dem Grundriss angepasst, statt umgekehrt die VIELE VORSCHLÄGE DER Raumaufteilung in das Stützenraster eingepasst. Das stellt ARCHITEKTEN BERUHEN einen deutlichen Unterschied „AUF SCHARFEN REDUKTIObeispielsweise zum sogenannNEN DES PROBLEMS“. ten plan libre Le Corbusiers dar, der davon ausgeht, raumabgrenzende Bauteile in einem vorgegebenen Konstruktionsraster frei anzuordnen. Durch diese Unterscheidung wird eine enorme Flexibilität in der Planung erreicht, darüber hinaus sind Konstruktion und Bauweise leicht verständlich und von praktisch jedem ohne großartige Vorkenntnisse handhabbar. Wand- und Dachkonstruktion sind extrem vereinfacht, wodurch die Ausführung ohne nasse Arbeiten auskommt, was die DurchDIE VON WALTER SEGAL führbarkeit wiederum enorm erleichtert. Darüber hinaus ist ANGEWANDTE METHODE STEHT auch die fertige Konstruktion FÜR DIE UNBEDINGTE leicht zu verändern und kann DEMOKRATISIERUNG DES so sich wandelnden BedürfENTWURFS- UND nissen angepasst werden. Die BAUPROZESSES. Art der Gründung ermöglichte es, den Bau auch ungünstiger Topographie anzupassen, was maßgeblich zur Realisierung des Lewisham-Projekts beitrug. Für die Behörden, die den Bau im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus maßgeblich finanzierten, waren außerdem die geringen Kosten attraktiv. Die Materialkosten waren leicht zu kalkulieren, die Arbeit leisteten die späteren Bewohner selbst. Die Kosten gegenüber vergleichbaren Projekten konnten so erheblich reduziert werden, darüber hinaus sollte die Stadt nicht für den Unterhalt der Gebäude verantwortlich sein. Von der Warteliste der Wohnungsbehörde wurden 1976 die Bauherren für 14 Grundstücke der ersten Phase gelost. In Workshops wurde Segals System sowie Grundlegendes zu Elektro- und Sanitärinstallationen vermittelt. Die Verbindung mit dem Ort und dem baulichen Ergebnis, welche die Bewohner durch eigene Arbeit entwickeln konnten, beschreibt John McKean, in Learning from Walter Segal (1989), als „Sich-selbst-bauen“.


Segal ermöglichte den Bewohnern, sich Ort und Architektur anzueignen, diese zu ihrer eigenen zu machen und sich selbst darin zu verwirklichen. Zwar birgt seine Methode auch Nachteile im Ergebnis – so ist die ästhetische Erscheinung der Leichtbauweise vor allem von der Konstruktion dominiert, Schall- und Wärmeisolierung sind äußerst dürftig und darüber hinaus kann Walter Segals Ansatz keinesfalls eine umfassende Antwort auf die Frage des Verhältnisses von Architekt und Nutzer geben – seine Methode, das Bauen als Prozess zu demokratisieren, ist dennoch beispielhaft.

2 Lucius Burckhard (1925-2003) war ein Schweizer Soziologe. Seine Lehrund Forschungstätigkeit im Kontext von Architektur und Städtebau übte er unter anderem an der HfG Ulm und der ETH Zürich aus. Ab 1992 war Gründungsdekan der Fakultät Gestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar.

Die Siedlungen Pruitt und Igoe wurden als Soziale Wohnprojekte nach Plänen Minoru Yamasakis – der später auch das World Trade Center in New York entwarf – in St. Louis, Missouri errichtet. Das Planungskonzept scheiterte, die Siedlungen blieben zu großen Teilen unbewohnt, verwahrlosten und wurden zu Beginn der 1970er Jahre schließlich wieder abgerissen. Das Projekt gilt dem Architekten und Autoren Charles Jencks als Symbol für das Scheitern der funktionalistischen Moderne.

4 Walter Segal (1907-85) wuchs nahe Monte Verità bei Ascona in der Schweiz auf. Er sudierte Architektur in Delft und Berlin. 1936 siedelte er nach London über, wo er unter anderem an der Architectural Association School of Architecture lehrte und bis zu seinem Tod als Architekt arbeitete.

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Selbstbauer in Lewisham. (Foto: Phil Sayer)

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Bernard Rudofsky (1905-88) veröffentlichte 1964 sein Buch Architecture without Architects, das in Folge einer Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art entstand. Ausstellung und Buch waren der anonymen oder vernakulären Architektur gewidmet. 1


JAAN HOLT OF TEACHING

Of teaching , Pliny the Elder wrote: “lambendo paulatim figurant” or “licking a cub into shape”

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To teach, one must recognize the individuality of each person and shape that individuality as the grain suggests – some will be shaped into lions and some into leopards, some into elephants and some into eagles, some will become dancers and some will become architects. Once given to a path, there is not a method but there is the belief that each individual yearns to excel – to express – by some wondrous achievement beyond ones mortal self and beyond the moment of teaching – be it through a beautiful drawing, a metal cube of precise dimension, a thoughtful place of dwelling, or a photograph of hidden light. “ Treat people as if they were what they ought to be and you help them become what they are capable of becoming.” – Goethe All teaching must be free of the bureaucracy of education; there is the need for time but not of schedule, there is the presence of sequence but there are no prerequisites, there is a topic but there is no advanced topic; there is the seeking of the future, but the work is always grounded in the present. And yet, both parties to the teaching are sustained by the internal sense that there is an external sense to all presence – that all work is only offered to be returned – magnified in the eternal music of light and matter – and thus one always receives more than one has given. “For it is in giving that we receive” – St Francis of Assisi

JAAN HOLT, washington-alexandria architecture center school of architecture +design virginia tech


ARCHITEKTUR  DES AUGENBLICKS

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J. Konrad Schmidt


Normalerweise ruft mich ein Kunde an und will ein Bild von mir, mit dem etwas beginnt. Nur selten ruft jemand an und will ein Bild von etwas, das endet. Ein Foto als Abgesang auf etwas, was schon Tage später nicht mehr existiert und auch nie wiederkehren wird. Es geht um eine Dokumentation für das Amt für Denkmalpflege. Die Philharmonie in Suhl wird dem Haus der Wirtschaft, der IHK weichen. Der Status Quo ist zu dokumentieren. Jeder Raum soll ein Bild erhalten. Diese Bilder werden das Einzige sein, was neben Gedanken und Erin-

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nerungen von dem Gebäude bleiben wird. Damit es diesen fotografischen Zeitzeugen für viele Jahre geben wird, wird alles analog auf schwarz-weiß-Material aufgenommen und die Negative anschließend archiviert. Zum ersten Mal überhaupt in meiner Laufbahn muss ich meine Negative heraus rücken. Nur die gescannten Daten behalte ich. So entgleitet auch dem Fotografen selbst das Bild in einer Weise, die dem Abriss und dem Ende eines Baus sehr nahe kommt. Wenn ich die Negative abgebe, ist es vorbei. Am gleichen Tag kommen die Bagger. Das ist ganz und gar nicht melancholisch aber es ist befremdlich, der Letzte zu sein, der diesen Platz je sehen wird. So nehme ich die Kamera in die Hand und streife umher. Es gibt einen Plan, eine Abfolge, Pflichten, doch nach dem Bild als solches sucht man genau so „entspannt“ wie sonst auch. Die Räume sind leer. Fast alles, was ein Zimmer oder einen Bau ausmacht, ist bereits verschwunden. Doch irgendetwas lässt einen nie vergessen, dass man in einem Ensemble aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts steht. Obendrein entstanden unter dem Dach des Arbeiter- und Bauernstaates. Sozialismus wohin das Auge blickt.


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Die Zeit prägt jede Wand und jeden Flur. Doch die Bilder dürfen nicht „wertend“ sein. Nur dokumentarisch. Orten ihre augenscheinliche Bedeutung für ein Bild zu nehmen, fällt schwer. Es fühlt sich an, als fehle etwas. Man könnte auch Kunst aus den Bildern machen. Spielend. Doch Kunst – Ästhetik der Leere und des Verfalls im Laufe der Zeit – vermittelt der Nachwelt vielleicht einen falschen Eindruck. Die Zeit drängt. So lässt man vieles liegen, sieht weg um sich nicht zu ärgern, es nicht mitnehmen, fotografieren und so erhalten zu können.

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Was ich in diesen Tagen sehe, wird alles sein, was in 40 oder 50 Jahren von dem ehemaligen Prachtbau im Stadtzentrum noch übrig ist. Wenn ich versuche, 50 Jahre zurück zu denken, frage ich mich wie der Neubau, den ich nun mit der Kamera beerdige, wohl auf die Menschen gewirkt hat – vielleicht so wie ein Neubau heute. Durchdacht, schön und modern, hoffnungsvoll und zukunftsweisend. Ein Gedanke überfällt mich. Nicht nur Kinder sind einem nur für eine kurze Zeit geliehen. Die Architekten verleihen Ihre Bauten für eine gewisse Zeit an das Leben Ihrer Zeit. Nach dem Abriss ist alles wie vorher. Nichts wird übrig bleiben. Ideen, Nutzung und das Leben mit dem Bauwerk sind nur vorübergehend und mit ihm eingeäschert. Allein aus dieser begrenzten Zeit sollte sich der Anspruch an die Idee ergeben. Nicht viel wird bleiben. In 200 Jahren wird unsere Welt genau so krass verändert sein, wie die Welt sich von 1810 bis heute verändert hat. Der Raum, in dem ich stehe, wird die Zeit nicht überdauern. Als ich den letzten Film beim Amt abgebe, steht schon kein Stein mehr auf dem anderen. Es war eine große Freude. der Vergänglichkeit ein Stück geraubt zu haben. Wie viel endet dieser Tage ohne Bild und Erinnerung!


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alle Bilder Š J. Konrad Schmidt


BURKHARD GRASHORN DAS DRAMA DER ARCHITEKTUR DIE LÖSUNG DER ARCHITEKTUR AKTUELLE VERDEUTLICHUNG FÜR DIE JETZT - GEBORENEN Paris, 31.12.1991

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Die Programme aller Weltausstellungen sind verwandt. Immer wurde der Fortschritt der Technik als Heil der Menschheit verkauft, und immer wurden die „Goldenen Kälber“ der Industrie präsentiert. Ein Sinn am Beginn des dritten Jahrtausend in Hannover könnte darin liegen, die Ergebnisse und Folgen aller bisherigen Weltausstellungen, also „die riesigen technischen Entwicklungen, aber auch das Zerstörungspotential als Erbschaft dieses Jahrhunderts“ (Oskar Negt1) darzustellen. Vielleicht würde klar werden, dass da etwas schief gelaufen ist, in der Vergangenheit, dass da ein Defizit war, dass die Aufklärung, „das abendländische Wagnis der Moderne weitherum gescheitert ist“ (Max Frisch2), und dass das Defizit mit dem Aberglauben in die Technologie gefüllt DAS KUNSTWERK “STADT” wurde. Aus dem Vehikel FortIST ALS ER-LÖSUNG AUS schritt wuchsen Sachzwänge DEN ZUKUNFTSFRAGEN ZWAR bis der Sachschaden „Erde“ DENK- UND VORSTELLBAR, kam. Der mündige Mensch, ABER DER ÖFFENTLICHE Kants große Hoffnung, hat endGEBRAUCH DER URTEILSgültig gegen die ComputerKRAFT IST GLEICH NULL. Kälbchen verloren. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass die Tradition der Weltausstellungsprogramme hier fortgeschrieben wird. Am 19. Dezember 1991 erschien in der FAZ ein Bericht von Douglas Mulhall3: „Die Weltausstellung der Ökologie“. Prima! Sollte es gelingen, den globalen Umweltschutz zum THEMA der Expo 2000 zu machen, dann würde ein kleines Fernsehstudio reichen. Aber es bleibt dann eben nur ein Thema, auch wenn es ein radikales ist, denn was sonst sollte die Welt hier ausstellen? Sollte es aber gelingen, einige der ökologischen Probleme wirklich zu LÖSEN, so müsste dieses Projekt (Die Künste tragen die Stadt, Anm. d. Red.) dieser Ausstellung im Niedersächsischen Landtag den Weg zeigen, den Schneeball der katastrophalen Sachzwänge zu stoppen.


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Ich fürchte, der Vorschlag von Douglas Mulhall bleibt eine billige Hoffnung, solange er über die Schiene der unerbittlichen ökologischen Logik läuft, die die Mehrheit dieser Erde ausschließt, und die Expo könnte sich zur Rache der Zukunft in neun Jahren an uns AUS DEM VEHIKEL Heutigen verwandeln. Es ist die Rache, die globale Hässlichkeit FORTSCHRITT WUCHSEN übersehen zu haben, in der jenes SACHZWÄNGE BIS DER SACHSCHADEN „ERDE“ KAM. Bewusstsein haust, unsere Welt völlig zu enterotisieren. Oh, was wäre es für eine Weltausstellung, wenn zum ersten Male die Intelligenz der Welt nicht mehr nachhinkte und das Potential der Künste aller Zeiten zum Tragen käme. Möge aus einer destruktiven Ordnung und einem konstruktiven Chaos eine Blüte der Verantwortung wachsen, die den Jetzt-Geborenen eine offenere und reichere Welt zurückgibt. Dann hätte diese Ausstellung einen Sinn. 1 Oskar Rainhard Negt (*1934) ist deutscher Philosoph und Soziologe. In den 1960er Jahren war er Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und 1968 wichtiger Vertreter der außerparlamentarischen Opposition. Negt ist großer Unterstützer der Gewerkschaften und entwickelte einen Bildungsbegriff basierend auf Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen. Mit Alexander Kluge verbindet ihn eine lange Zusammenarbeit, aus der zahlreiche Bücher und Interviews hervorgegangen sind. 3 Douglas Mulhall ist Journalist, Dokumentarfilmer und Unternehmer. Er beschäftigt sich mit Nanotechnologie, Robotik, Genetik und künstlicher Intelligenz zur Lösung ökologischer Herausforderungen und gilt mit seinem Buch Our Molecular Future als einer der ersten Journalisten, die das Thema der NanoEcology behandelten, eine Verbindung aus Nanotechnologie und Ökologie. Für die EXPO 2000 in Hannover entwickelte er eines der ersten „grünen“ Technologiekonzepte.

2 Max Frisch (1911-1991) war ein Schweizer Architekt und Schriftsteller. Berühmt wurde er vor allem für seinen Roman Homo Faber, der von einem Ingenieur erzählt, der an seinem Technik-gläubigen rationalen Leben scheitert. Gemeinsam mit dem Soziologen Lucius Burckhardt und dem Historiker Markus Kutter verfasste er die Streitschrift achtung: die Schweiz, worin der Bau einer neuen Stadt zur EXPO 1964 vorgeschlagen wurde. Frischs bekanntestes Werk als Architekt ist das Freibad Letzigraben in Zürich.


DIE KRAFT DER BILDER AUS NEUEN INHALTEN – DIE STADT ALS THEMA DER EXPO 2000 Oldenburg, 03.12.1991

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Der Kern dieser Expo-2000-Ausstellung wurde vor einem Jahr in Oldenburg vorbereitet. Da sich meine Arbeiten in Kontinuität entwickeln und nicht den Moden vor- oder nachhinken, ist dieses Heft des Niedersächsischen Landtages als Ergänzung zum Oldenburger Katalog „Vier Ecken noch – und an dieser Statt – steht Oldenburg – die Wasserstadt“ zu lesen. Drei oder vier Mal habe ich dem Städtebau revolutionäre Impulse gegeben: 1965-71 „Der Stadtentwurf für Rom“ als Erweiterung des genius loci bis in unsere Gegenwart; 1980 „Der Turm der Architekturutopien“, auf der ersten Architekturbiennale in Venedig gezeigt, als Fortsetzung des unvollendeten Projektes „Stadt“; 1987-88 „Die Himmlische Stadt“ für den Spreebogen in Berlin, als kulturelles und politisches Zentrum und der „Horizontale Wolkenkratzer“ für New York; 1990 „Vier Ecken noch…“ als Aufhebung des Zentrum-Peripherie-Konfliktes. In allen Fällen wurde der DIE STADT IST DER Widerspruch – EinfamilienUMFASSENDSTE REGLER UND haus oder Hochhaus – gelöst. BEFEHLSGEBER UNSERES Schritt für Schritt wurde so LEBENS AUF ALLEN EBENEN aus dem Instinkt der künstGEWORDEN, ABER SO, DASS lerischen Produktion eine erWIR STÄNDIG LEBEN VERschütternde Wahrheit, dass SÄUMEN. zwar das Kunstwerk „Stadt“ als Er-Lösung aus den Zukunftsfragen denk- und vorstellbar ist, aber der öffentliche Gebrauch der Urteilskraft gleich Null ist. Das ist schon die erste beängstigende Folge der Stadtplanung, die Vernunft zu paralysieren und die zweite: die Demokratie durch die Medien zu simulieren; und die dritte: das Phlegma der Stadtbevölkerung, eingeschlossen das der Intellektuellen, die blind sind für die Kraft der Bilder, die sich aus neuen Inhalten ableiten. Die Flächennutzungspläne, die Bebauungspläne, die Verkehrspläne, also die Instrumente der Stadtentwicklung, sind Befehlsformen verselbstständigter wirtschaftlicher und administrativer Handlungssysteme geworden, die unser Stadtleben diktieren. Gepaart mit Investorendruck – die lautlose, alltägliche Gewalt ist etabliert! Die Stadt ist der umfassendste Regler und Befehlsgeber unseres Lebens auf allen Ebenen geworden, aber so, dass wir ständig Leben versäumen. Die ungeheuren Anstrengungen, um das versäumte Leben zu regulieren, erzeugen die bekannten Bitternisse, Hässlichkeiten und fördern die Eskalation der Naturzerstörung oder in Bezug auf die Expo-Planung sind es die Gutachten, aus denen erneut wirtschaftliche und administrative Befehle entstehen.


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Aus der hellwachen Distanz gesehen ist Stadtplanung heute Agonieplanung. Im Diktat der Sachzwänge wird Freiheit hässlich und die Demokratie geht hops. Im Automatismus der Sachzwänge werden die Türen der kleinen Gefängnisse geöffnet, weil sie alle innerhalb der Mauern eines noch größeren liegen – grenzenlose Ausweglosigkeit als kollektive Lebensform. Kritische Strömungen, die der zeitgenössischen Stadtplanung vorwerfen, dass sie nur noch dazu auffordere, die Koffer zu packen, um diesen Planeten schnellstens zu verlassen, versuchen ihrerseits mit gewaltiger Anstrengung über die Form der Architektur der Flucht Einhalt zu gebieten und offerieren über die Kunst wiedergefundene Paradiese. So folgt Stil auf Stil. Innerhalb eines Jahrzehntes wurde die Postmoderne vom Dekonstruktivismus abgelöst. Eine Verlegenheit deutet auf die DAS OBJEKT IST nächste. Verlassen wir nun die DIE STADT, DIE UNS sektiererischen Kalamitäten. SAGT: BLEIBT HIER! Der unversöhnliche Angriff auf die Instrumente der Stadtplanung ist vonnöten, denn sie haben ihre Unfähigkeit bewiesen, Raum zu formen, damit der Stadtentwurf Chancen hat. Dafür wurden in den letzten Jahrzehnten die Stadtflächen auf das Dreißig-, Vierzig-, Fünfzigfache der historischen Kerne ausgeweitet. 70% der gesamten gebauten Welt seit Beginn der Menschheit wurde erst in diesem Jahrhundert errichtet. Krasser kann nicht dargestellt werden, dass das ökologische Weltdilemma eine Weltkultur-Krise ist. Das ist das Thema der Expo 2000 in Hannover, und das Objekt ist die Stadt, die uns sagt: Bleibt hier! Es sollte nicht wieder eine Million Eigenheime gefordert werden, weil da wieder einmal einem fehlenden Bedarf hinterhergehinkt wird, der dann wieder einmal die ökologische Krise ausDIE VERKLOAKISIERUNG löst – sondern das Programm sollte sein: „Überlagert die UNSERES PLANETEN ENTunterschiedlichen Flächen des STEHT, WENN BAUEN VON Flächennutzungsplans  so, ARCHITEKTUR ALS VISION dass über den GewerbegebieGETRENNT WIRD. ten Gärten blühen, verzahnt die Bebauungspläne, so, dass kühne Stereometrien entstehen, so, dass die Verkehrsplaner arbeitslos werden, so, dass die Autoindustrie auf neue Ideen stößt, so, dass daraus ein neues Gesetz für den Stadt-Entwurf wird. Alles weitere wäre Einmischung in die inneren Angelegenheiten, in die der Künste, die den Raum schaffen, darin die Bewohner ihr Leben erkennen.“ Das ist mein Beitrag zur Expo 2000: Ein Modell als Partitur, die mit unserer eigenen Bewertung zu füllen ist, und ein Modell, das die Schuld und Unschuld der Stadtplanung beendet, die fortan nicht mehr behaupten kann, es habe keine andere Wahl gegeben.


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DAS DRAMA DER ARCHITEKTUR DIE LÖSUNG DER ARCHITEKTUR Weimar, Februar 2002

1. Das Programm der Architektur Die ENT-Faltung des Turms zu Babel als Entwurf zum END-Wurf. Anstatt Versiegelung der Erdoberfläche mit Rohlingen als Behausung für das NACKTE LEBEN, die Verdoppelung der brauchbaren Welt.

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2. Das Drama der Architektur Jede Utopie wird heute Anklage: Sie entlarvt die Fehler und das gesellschaftliche Unglück. Die Quantitäten (Peripherien) haben keine Entsprechung in der Ästhetik gefunden. Die Quantitäten sind Vermüllung. Die Verkloakisierung unseres Planeten entsteht, wenn Bauen von Architektur als Vision getrennt wird. „Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe“ – Walter Benjamin Es müssen Beziehungen zwischen den Dingen gefunden werden, deren Zusammenhang nicht aufgrund gesetzmäßiger Kontinuität gegeben ist. 3. Das Diktat der Architektur Das Fremdeste in der Fremdheit ist die Schönheit. Diese Provokation ist Kern und Aufforderung zugleich der unsichtbaren Architekturgeschichte: das Diktat. Quer zu Moden, Stilen und isoliertem Design erwächst die Schönheit aus dem Diktat der Architektur, so, dass die Schuld und Unschuld der Stadtplanung beendet wird, die fortan nicht mehr behaupten kann, es habe keine andere Wahl gegeben. „ … und die Frage der gegenwärtigen Inkarnation des Atheismus ist die Frage des Babylonischen Turms, der ausdrücklich ohne Gott gebaut wird, nicht zur Erreichung des Himmels von der Erde aus, sondern zur Niederführung des Himmels auf die Erde.“ – Fjodor M. Dostojewski 4. Der END-Wurf der Architektur Zwei Zeichnungen und ein Modell, als eine Grammatik, die aus der Orientierungslosigkeit führt, als Atlas zur Lösung, als Kanon für das GUTE LEBEN.


SCHÖNE  NEUE STADT

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Elise Richter


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Stellen Sie sich vor, die Erde, die Stadt ist plötzlich menschenleer. Zu hören ist nur noch das leise Sirren von Überwachungskameras, die verzweifelt ein Objekt zum verfolgen suchen, zu sehen nur noch die zuckenden Schatten von Helikoptern, die soeben die Stadt verlassen und sich in den Himmel geschraubt haben..! Manchmal fühlt es sich ganz ähnlich an. Da laufe ich durch die Straßen und sehe keinen einzigen Menschen, dabei wohnen hier wirklich nicht wenige! Was machen denn die Leute, wenn sie nicht mehr auf die Straße gehen? Sitzen sie zu Hause und reisen vor dort aus in die Welt? Oder fahren direkt von ihrer Wohnung im 35.Stock eines Hochhauses mit dem Aufzug in die Tiefgarage, um von da aus mit dem Privatauto ungesehen durch den Raum zu düsen? Inzwischen ist es wirklich erstaunlich leicht geworden, der Stadt und ihren „ungewollten“ Seite zu entgehen. Man nehme sein eigenes Auto, rolle in unglaublicher Geschwindigkeit auf gut ausgebauten Straßen, möglichst ohne anzuhalten oder den Blick von Steuer abzuwenden direkt von der eigenen Garage bis in jene des Zielorts und auf gleiche Weise zurück. Bewegt man sich nicht als Fußgänger durch die Stadt, so verkümmert die Straße zum reinen Bewegungsraum, wird zum Tunnel, in dem andere Menschen, ja das ganze Umfeld in Unschärfe verschwimmen. Der persönliche Bezug zur Stadt geht verloren, sie fungiert als reiner Dienstleister. Im besten Fall lebt man mittendrin und zugleichdurch eine Schutzschicht von ihr getrennt, in den oberen Stockwerken einer Wohnanlage oder in einer Sicherheitsenklave mit Wächter und hohem Zaun. [...]

Wenn ich heute durch unsere Städte laufe, gibt es genau genommen zwei Pläne nach denen ich mich orientiere und meinen Weg lenke. Der erste ist altbekannt und verzeichnet Straßen, Plätze, Sehenswürdigkeiten sowie topographische Strukturen. Der zweite allerdings kartographiert nicht die direkt sichtbaren Elemente, sondern unterteilt die Stadt nach mentalen Faktoren. Nicht aus eigenen Erfahrungen, sondern entsprechend medialer Überlieferung zeichnet sich im Kopf das Bild einer fragmentierten Stadt, bestehend aus sicheren und unsicheren, fremden und vertrauten, ordentlichen und gefährlichen Zonen, die entweder gern aufgesucht oder eben gemieden werden. Ich bewege mich nun nicht mehr durch ein dichtgewebtes, unkontrolliert auswucherndes Netz, wie es alte Stadtpläne verzeichnen, sondern nach dieser klaren Vorstellung von sicheren Inseln im unsicheren Ganzen. Mit einem Rotstift sind dicke Trennlinien gezogen worden, zwischen die repräsentativen Bereiche, welche den kaufkräftigen, konsumfreudigen Schichten zugeteilt sind und die weitaus kleineren Quartiere der Armen, Zuwanderer, meist in der Vorstadt oder bestenfalls außerhalb der Stadtgrenzen, die man als „normaler Bürger“ lieber nicht betreten sollte. Ein fragmentarisches Patchwork aus Hochsicherheitstrakten und Ghettos, die – statt sich anzunähern und wieder zu einem ganzen „festen Boden“ zu werden-, durch architektonische Gesten immer mehr ihre Abgeschlossenheit manifestieren. Die Stadt bewaffnet sich, richtet sich gegen sich selbst indem sie Teile diabolisiert und abstößt oder das „Böse“ darin versucht auszutreiben. [...]


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Spiel der Kräfte von Wachsen und Vergehen hin. Doch als die ihn bevölkernden Menschen entschieden, nicht mehr dem Zufall zu überlassen, was im Stadtkörper passiert, als sie das Dreckige, Unschöne und die manchmal brutale Natur ausschließen oder kontrollieren wollten, fing der Körper an zu kränkeln. Man packte ihn alsbald dick in Watte, um die wunden Stellen zu verdecken. Doch je mehr überpudert und zugeIm streng durchkomponierten Rhythmus ver- deckt wurde, umso heftiger trat das Geschwür schiedener Tempi, im Wechsel von Geschwin- an anderer Stelle zutage. Wie eine überbesorgte digkeit und Stillstand, laufen unaufhörlich ihre Mutter treffen Staat und eifrige Bürger nun pulsierenden Maschinen. Der Stadtkörper frisst Vorsichtsmaßnahmen gegen eventuelle neue sich in die Landschaft, saugt neues Leben ein und Katastrophen, schnüren jegliche Äußerung der spuckt unbekömmliches wieder aus. Er erneu- Krankheit ab und erklären die Stadt somit zum ert sich ständig und gibt sich dem natürlichen Kampfplatz. [...]

MANCHMAL ERSCHEINT MIR DIE STADT WIE EIN RIESIGER KÖRPER; DURCHZOGEN VON DICK GESCHWOLLENEN STRASSENADERN, DIE MENSCHLICHE ENERGIE VON EINEM ENDE ZUM ANDEREN TRANSPORTIEREN.


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WENN ICH JETZT DURCH DIE STRASSEN LAUFE, GLEICHT DIE STADT FAST EINEM ZOO. IHRE BEWOHNER SIND JE NACH ART, LEBENSWEISE ODER GEFÄHRLICHKEIT IN VERSCHIEDENE UMMAUERTE ODER UMZÄUNTE GEHEGE GESPERRT. Jeremy Bentham wäre auf jeden Fall begeistert gewesen, dass wir zur perfekten Überwachung nun nicht einmal mehr ein Panoptikum brauchen, sondern dass die ganze Stadt selbst zum Menschenobservatorium geworden ist. Ein dichtes Netz einander kontrollierender Blicke überzieht die Stadt und wird täglich enger. Keiner muss sich mehr um seine Sicherheit sorgen, denn der eigene Nachbar ist meist sogar eifriger als die Polizei. [...] Wenn ich jetzt durch die Straßen laufe, gleicht die Stadt fast einem Zoo. Ihre Bewohner sind je nach Art, Lebensweise oder Gefährlichkeit in verschiedene ummauerte oder umzäunte Gehege gesperrt, die verhindern, dass sie sich

gegenseitig anfallen oder Futter klauen. […] Entspricht denn die Feststellung, dass unsere Welt gefährlicher geworden ist, einer natürlichen Entwicklung, die wir lediglich eindämmen können? Liegt es nicht vielmehr im Interesse einzelner, das Bedrohungsszenario aufrecht zu erhalten, weil Angst uns alle schwach und kontrollierbar macht? Schließlich würde nicht nur die Polizei bei einem Ausbleiben von Verbrechen obsolet werden, sondern auch die Sicherheitsingenieure und Architekten, die inzwischen schon zu ihren Komplizen gezählt werden können. Wer einen sicheren Job möchte, stellt sich ganz einfach in den Dienst der Regierung und befolgt brav alle ihm auferlegten Regeln für eine „sichere“ Architektur:


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I. Vollkommene Einsehbarkeit aller Winkel II. Eliminierung jeglicher Verstecke III. Beleuchtung und Videoüberwachung des gesamten Stadtgebiets, auch unterirdisch IV. Befestigung und Kontrolle aller Zutritts- möglichkeiten gefährdeter Gebäude Durch gezielte Planung leisten clevere Architekten einen wichtigen Beitrag zur sozialräumlichen Kontrolle und zur allgemeinen Sicherheit. Bauliche Prävention ist das erfolgreichste Mittel, Regelüberschreitungen von vornherein durch Sichtbarmachung des potentiellen Täters zu verhindern. Keine Rede mehr vom Architekten als Künstler, von baulicher Tradition oder Charakteristik des Ortes. Jetzt, wo alle Bürger und Bürgerinnen potentielle Delinquenten und alle Räume primär mögliche Orte des Verbrechens sind, hat der Architekt wichtigere Aufgaben! […] Mittlerweile erscheint mir die Stadt wenig lebendig. Zwar fließt auf den dicken Straßenadern der Verkehr und bunt leuchtende Werbetafeln verkünden immer brandneue Attraktionen,

laden zu 3D-Kino, Horrorshow oder in vergnügungsparkartige Einkaufstempel. Doch habe ich einmal keinen Sou in der Tasche, merke ich sehr schnell, dass dann nicht viel übrig bleibt an Leben und Zeitvertreib außerhalb der eigenen 4 Wände. Das Straßenleben wird fortan nicht mehr von den Bürgern selbst produziert, sondern findet organisiert von sogenannten Stadtplanern, Investoren oder anderen Fachleuten für bewusst gestaltete Stadträume in dafür vorgesehenen Bereichen und Institutionen statt. Streng kontrolliert und getaktet nach Ladenöffnungsund Schließzeiten. Dafür natürlich nur ausgesuchte Qualität!

Leben bedeutet offensichtlich neben Arbeiten und Wohnen vor allem Erholung von ersterem in organisierter Freizeit. Die Gestaltung der freien Zeit, die ja inzwischen ein so unglaublich kostbares Gut geworden ist, wird nun nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern muss sinnvoll und effektiv genutzt werden. So wird es nicht langweilig und keiner kommt auf die Idee, durch


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zu viel Nachdenken das eigenen Leben und Tun infrage zu stellen oder zu bezweifeln, dass Konsum und Unterhaltung das Ziel aller Alltagsmühen sind. Ist ja auch verdammt praktisch, dass uns Shoppingmalls und Einkaufsgalerien gleich alle Aktivitäten und Angebote gebündelt vorsetzen und wir nicht mehr in der großen weiten Stadt suchen müssen. Wir ersparen uns die Enttäuschung, mit leeren Händen nach Hause zu gehendenn das ist angesichts der Fülle an Angeboten nahezu unmöglichund werden uns auch nicht in fremdem Terrain verlaufen. […] Der öffentliche städtische Platz hat seine Bedeutung als Markt und Handelsort schon längst verloren und an geschlossene Einkaufszentren abgetreten. Diese sind zwar meist privat oder zumindest von Privatinteressen gesteuert, lassen sich aber dadurch auch leichter kontrollieren und mit eigenen Verhaltensregeln belegen. Es geht nun nicht mehr ums Zusammenkommen von Menschen, sondern darum, wer rein kommt

und wer draußen bleiben muss. Ich bleibe also draußen und mache mich auf die Suche nach einem letzten Stück öffentlichem Leben. Gibt es das noch diese Orte, wo man Fremden begegnen und sich ohne Konsumzwang aufhalten kann; wo mir nicht ein Heer von Hinweistafeln und Verbotsschildern erklärt, was zu tun und zu lassen ist, wer den Platz nutzen darf und wann? Wenn ich recht überlege, sind die Orte ohne vorgegebene Aktivitäten ziemlich rar geworden. Selbst auf den nicht von privaten Interessen besetzten Plätzen gibt es immer einen, der aufpasst, so dass jegliches Sozialleben und Geselligkeit von vorherein unterbunden werden. Die vormals wilde Stadt, welche mit Anonymität und Unübersichtlichkeit neue Freiheiten verhieß, ist ziemlich brav geworden. Keiner möchte gegen die Regeln verstoßen oder sich auf entleerten, ereignislosen Straßen als einziger die Blöße geben und tun, wonach ihm der Sinn steht. […]


sen oder uns ein eigenes Universum zu schaffen. Weil die Welt so gefährlich geworden ist und wir keinem mehr trauen können, kämpft jeder allein ums Überleben. „Vorbereitet sein“ heißt die Devise. Mit dem Schlimmsten rechnen und immer bereit sein, im Falles des totalen Zusammenbruchs am besten schon kurz davor sich aus dem zu Staub machen. In unzähligen Ratgebern lesen wir von Techniken zum Überleben im Katastrophenfall, sowie zum Meistern des Alltags. Schon das tägliche Leben ist ein Kampf, der nicht verloren werden möchte. Selbstbewusstsein, softskills, Kreativitätalles gilt es zu erlernen oder zu beherrschen, um nicht auf der Strecke zu bleiben.

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Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, unter Fremden zu leben. Jeder ist sich selbst der nächste und auch wenn die Präsenz von Fremden, bei denen man nie wissen kann.., manchmal Verunsicherung hervorruft, haben wir vorgezogen, statt uns aufeinander einzulassen, uns selbst in einen dicken Kokon zu schnüren, der nicht nur vor Belästigungen und Angriffen schützt, sondern auch Unabhängigkeit von gesellschaftlicher Verantwortung verschafft. Statt an einer gemeinsamen sozialen Plastik zu arbeiten und aus jedermanns Gedanken und Fähigkeiten eine lebenswerte Welt zu schaffen, verwenden wir mehr Zeit darauf, uns an das Vorhandene anzupas-


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Es geht um die Zukunft, also muss das Fortbestehen der eigenen Existenz erlernt oder erkauft werden. Im Falle von realen Katastrophen wie Atomkrieg, Sturmfluten oder dem gesellschaftlichen Zusammenbruch im Chaos, wenn man sich also nicht durch eigene Kraft verteidigen kann, hilft nur noch die Flucht in Schutzräume. Wer es besonders klug anstellt, bekommt einen Platz im Luxusbunker, der atombombensicher zwei Stockwerke unter die Erde gegraben ist und bis zu 200 Personen, die es wert sind zu überleben, aufnehmen kann. Ansonsten ist gut bedient, wer für sich und seine Familie einen privaten Schutzraum anlegt, wer sich vorsorglich mit Lebensmitteln eindeckt,

wer Fluchtwege kennt und weiß, wie lange er zögern darf, bis es zu spät ist. „Die Zukunft gehört denen, die Gefahren erkennen, bevor Sie betroffen sind!“ mahnt ein Anbieter von vorfabrizierten

Schutzräumen und spricht damit aus, was wir schon vermutet haben: Die Zukunft gehört denen, die Geld haben und sich einen privaten Schutzbunker leisten können. Zwar gibt es vereinzelt öffentliche Schutzräume, doch stellt sich die Frage, wem diese im Ernstfall zugewiesen werden? Den Schnellsten, den Berühmtesten, denen mit den besten Genen oder denjenigen mit den meisten „connections“? Von wem wird entschieden, welcher Mensch es wert ist, zu überleben?[...]


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VON  MÖGLICHKEITEN DER  ARBEIT AUF  HÜGELN  UND IN  DEN  BERGEN

Kevin Helms / schwarzwurzel


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Ein Wochenendtag im Herbst. Amerikanische Herbstidylle. Ein alter Mann und ein nicht mehr ganz junges Paar gemeinsam am Scheitelpunkt eines Hügels. Wortlos schauen sie über das Grün. Der alte Mann dreht sich ein wenig hin und her. Er prüft den Wind. Schließlich scheint er sich für eine Richtung entschieden zu haben. Er öffnet die Hose und pisst die sanfte Böschung hinab. Das Paar neben ihm wartet geduldig. Kaum ist der alte Mann fertig, scheint auch die Entscheidung zum Aufbruch getroffen. Gemeinsam geht die kleine Gruppe zum Wagen am Fuß des Hügels und fährt davon. In aller Absurdität und Banalität ist hier ganz offensichtlich das Ende der Episode erreicht. Und doch scheinen sich zwei Möglichkeiten zur Verlängerung anzubieten. Eine erste kreist um die Protagonisten des ungewöhnlichen Wochenendausflugs. Es handelt sich um die Eheleute Arthur Miller und Marilyn Monroe. Gemeinsam mit dem von ihnen gewählten Architekten Frank Lloyd Wright sind sie nach Roxbury gefahren. Jener Hügel auf dem sie stehen ist der Standort für ein zu planendes Haus des Paares. Es soll ihnen als bescheidener Rückzugsort vom Trubel des Alltags dienen. Die zweistündige Autofahrt von New York hat Frank Lloyd Wright schlafend auf der Rücksitzbank des Wagens verbracht und die Rückfahrt sollte sich ebenso gestalten. Das erhoffte Gespräch zwischen Aufraggeber und Architekten beschränkt sich auf ein euphorisches „Oh ja!“ Wrights während er den Hügel hinab pisst. Wunderbarer Stoff also für eine Anekdote, wie sie Arthur Miller in seiner Autobiographie zum Besten gibt. Eine zweite Möglichkeit zur Verlängerung nimmt sich die hier etwas ungewöhnlich anmutende Praxis der Ortsbegehung zum Ausgangspunkt. Räumen wir die aufkeimenden Widerworte gleich am Anfang beiseite. Nicht der schwachen Blase des alten Mannes oder der Divenhaftigkeit des Stararchitekten verdanken wir diese Anekdote. Es ist vielmehr ein Akt der Aneignung des unbestimmten Raumes durch seinen neuen Eigentümer. Wright steckt an jenem Wochenendtag sein Feld ab und markiert das gezeigte Grundstück als sein eigenes. Ganz archaisch macht er die eigenen Ansprüche auf diesen Ort deutlich. Wir können diesen Moment getrost als den Augen-

blick verstehen, in dem Wright den Auftrag zum Bau eines Hauses annimmt. Mehr noch, er übernimmt nicht nur den Auftrag, er übernimmt das ganze Grundstück. Der wenig später abgelieferte Plan unterstreicht seine Absichten. Die Zeichnungen zeigen ein ebenso ausladendes wie prächtiges Haus, bedacht auf Repräsentation und Großzügigkeit. Der Entwurf ist Wrights Vision für den Ort, nicht der Wunsch Millers oder Monroes. Ihre Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und Ruhe lässt sich schwer aus den Plänen lesen. Jene Banalität vom Beginn des Textes entwickelt sich also über den Umweg der Anekdote hin zur raumgreifenden Praxis eines der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Aus der Zufälligkeit eines Wochenendnachmittags schält sich

ES IST DIE ARBEIT,  DIE AM ANFANG DER STADT STEINACH STEHT. der Moment heraus, in dem Frank Lloyd Wright Arthur Miller und Marilyn Monroe das Grundstück entwendete. Eine absurde Behauptung? Auf unsicherem Terrain hilft es mitunter, Unterstützung zu suchen. Ziehen wir also Michel Serres zur Lektüre jener Begebenheit hinzu. Er schreibt von eben jener Praxis der Aneignung des Raumes durch die Verschmutzung. Wie wird also das Eigene vom Fremden unterscheidbar? Auf was gründet sich das Eigentum am Raum? So wie das Tier mit seinen Exkrementen sein Revier als das Eigene markiert und vom Fremden abgrenzt, schreibt sich der Mensch mit seinen Auswürfen in den Raum ein. Der Bauer bestellt mit Fäkalien das Land. Der Geruch lässt die Wiese zum Feld werden, die unbestimmte Natur zu der Seinen. Das Kind spuckt in die Suppe. Kein Anderer wird sie mehr für sich beanspruchen. Die jungen Männer schreien durch die Straßen. Ihr Lärm dringt noch in die kleinste Nische und unterwirft sie ihrem Geschrei. Der Architekt pisst vom Hügel. Die Kette der Beispiele scheint vollkommen klar. Die Varianten der Einschreibung sind vielfältig, die zugrunde liegende Verschmutzung des Unbestimmten durch das Eigene eint sie. Nehmen wir Serres mit auf die Reise von den Hügeln Roxburys in die Berge Thüringens.


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BLAUER STAUB – aus kleinen und kleinsten Schieferstücken zusammengesetzt zeichnen sich Masken und Silhouetten an verschiedenen Orten der Fabrik Wittig ab. Als Erinnerung an die verlorene Arbeit und das Mühsal der Bergleute erheben sie den bedrohlichen, wie nutzlosen Schieferstaub zum Träger der Erinnerung. Arbeitersilhouetten und Masken aus Schieferstaub. Carolin Clausnitzer, Georg Götze.


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ES IST AUCH DIE ARBEIT, MIT DER SICH DER MENSCH HIER IN DIE LANDSCHAFT EINSCHREIBT.

sind es auch, die den Ort zur Stadt werden lassen. 1939 erreicht man mit 10.000 Einwohnern den Höhepunkt der Entwicklung. Insbesondere der Griffel, ein schmaler Schieferstift zum Schreiben Hier ist nichts überliefert von einem heroischen – auf den zugehörigen Tafeln, macht die Stadt weit oder auch nur absurden – Akt der Landnahme. über die Region hinaus bekannt. Kaum einer, der Um ein Hammerwerk in den Bergen siedeln sich in der Stadt lebt und nicht in irgendeiner Form die ersten Arbeiter an. Das umgebende Land hält mit dem Schiefer verbunden ist. Sei es der Abbau, alles bereit, was sie für ihre Arbeit brauchen. Da die Verarbeitung oder sein bloßer Gebrauch in sind die Erzvorkommen in den Bergen, die den verschiedensten Lebensbereichen. Selbst großen Wälder zur Gewinnung von Holzkohle die zahlreichen Brauereien profitieren vom und der kleine Fluss, der den Hammer antreibt. Schiefer und dem weichen Wasser, das durch die Schon bald verlagert sich ihr Interesse auf die Gesteinsadern unter der Stadt fließt. weitaus ergiebigeren Schiefervorkommen. Diese Die Arbeit ist es, um die sich Steinach formiert.


LIEBLINGSORTE einem zusätzlichen Fenster gleich öffnet sich der Blick auf die Straßen Steinachs. Zwischen der Statik des Betrachters und der Dynamik der gezeigten Kamerafahrt entsteht ein Portrait des Ortes im Spannungsfeld aus Zurückgezogenheit und Offenheit, Abschottung und Neugierde. Videoinstallation. Benjamin, Johanna und Mathias Wölfing.

VERBORGENE STOLLEN (nächste Seite) anhand alter Pläne und vager Erzählungen wird ein Modell der Stollen und Hohlräume unter Steinach gebaut. Ebenso fragil wie unvollständig, stehen die Teile für das Schwanken zwischen vormals benötigter technischer Genauigkeit und einsetzender mystischer Verklärung. Pläne, Gipsmodell und zeichnerische Abstraktionen: Karolin Leipold.

Es ist auch die Arbeit, mit der sich der Mensch in die Landschaft einschreibt. Der Waldboden wird aufgerissen, Bruchkanten tun sich auf, an den Hängen Eingänge zu Schieferstollen. Vor den Stollen und um die Brüche lagert sich der Abraum, die ungenutzten Reste des Schieferabbaus. Langsam formiert sich eine neue Kontur, die Landschaft wird vom Menschen und seiner Arbeit neu geschaffen. Die vielen Bruchstücke, Splitter und Staubpartikel, die Produkte, Reste und Abfälle sind es, die sich im vormals unbestimmten Raum ablagern und den Ort erfinden. Der in kleinen Stücken ans Licht gebrachte Schiefer, die unzähligen

Bruchstücke des Berges sind es auch, aus denen die Stadt physisch zusammengesetzt wird. Der Stein wird zum Baumaterial für Häuser, zu Wetzsteinen, Schultafeln und natürlich dem Griffel. Wie der Mensch an dem Land um ihn arbeitet, hinterlässt das Land auch Spuren in ihm. Der Bergmann spaltet in der Tiefe des Stollens die Schieferadern in kleinere Steine und bringt diese ans Tageslicht, wo sie weiter zerstückelt und geschliffen werden. Mühsam formt man den Schiefer, das Produkt verschwindet nahezu im Verhältnis zum dabei anfallenden Abfall. Tatsächlich ist es dann auch der feine Schieferstaub, der all diesen Arbeitsschritten gemein ist und

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sich kontinuierlich auf die Lungen der Arbeiter legt. Langsam schreibt er sich in deren Körper ein, verformt und zerstört sie letztlich. An anderer Stelle zeichnen sich weitaus weniger aggressive Einwirkungen des Ortes auf den Menschen ab. Die Sprache hat ihre eigenen Windungen und Auswüchse entwickelt, die Kinder spielen ihre gemeinsamen Spiele, man erzählt sich aus einem geteilten Schatz aus Geschichten und Traditionen. Eben diese Umkehrung, die Markierungen des Ortes im Menschen, sind es, die für die Stadt heute eine besondere Rolle spielen. Nachdem Ende der 60er Jahre der Schieferabbau eingestellt wurde, ist die Stadt in einer merkwürdigen Zwischenzeit gefangen. Das umgebende Land ist bis zur Unbrauchbarkeit in Besitz genommen und die dem Land zugrunde liegende Arbeit zugleich verschwunden. Es scheint für die Bewohner an der Zeit weiter zu ziehen. Tatsächlich ist die Stadt auf heute nur noch knapp 4.000 Einwohner geschrumpft. Allein, sie verschwindet nicht. Der letzte Halt liegt offenbar in eben jenen Einschreibungen des Ortes im Menschen. Die über Generationen geleistete, gemeinsame Arbeit hat als ihren ganz eigenen, speziellen Abfall, die Kultur entstehen lassen, die Identität des Ortes. Festgeschrieben in den hier Ansässigen, ist sie das, was man wohl in seiner Gesamtheit zu jenem diffusen Gefühl der Heimat zusammenfassen mag. Ergebnis und Basis der gemeinsamen Arbeit zugleich, gerät auch diese Zugehörigkeit langsam ins Wanken. Die allen gemeinsame Arbeit fehlt, klare Konturen zwischen Fremd und Eigen beginnen zu verwischen. Die Einschreibung des Ortes im Menschen droht zu ihrem eigenen Nachhall zu verkommen. Tourismus als ein erster Reflex auf der Suche nach neuen, gemeinsamen Motiven, geboren aus dem Stolz auf das von Generationen erarbeitete Bild der eigenen Landschaft. Der ausgegrenzte Fremde wird nun freudig erwartet. Die Kultur als eine weitere, überaus vage Hoffnung. Die Reste der gemeinsamen Identität werden dabei fest umklammert und im Festhalten verschwinden sie unweigerlich. In diesem Zustand der Unsicherheit, der Verfangenheit in alten, verblassenden Bildern und dem Wunsch nach neuen Motiven, versucht sich das

Projekt schwarzwurzel in einer Art assoziativen Feldstudie. Einem dünnen Transparentpapier gleich legen sich die Projekte in und über Steinach, zeichnen Bilder aus gefundenen wie erdachten Linien. Es geht um die Suche nach lesbaren Spuren, den Resten der gemeinsamen Identität, die Auseinandersetzung mit dem umgebenden Raum und den eingeschriebenen Geschichten. Es ist ein Versuch, den an die Vergangenheit verlorenen Raum zurück in die Gegenwart zu holen, ihn ein weiteres Mal in Besitz zu nehmen. Mit oder ohne Aufstieg auf einen Hügel ... Das Kulturprojekt schwarzwurzel fand vom 17.-25. Juli 2010 im thüringischen Steinach statt. Es entstand unter Mitwirkung von Carolin Clausnitzer, Georg Götze, Kevin Helms, Gregor Michael Hennig, Ragna Körby, Enrico Krumbiegel, Tobias Kurtz, Karolin Leipold, Susann Liebold, Bianca Metzner, Lucio Nardi, Marta Pohlmann-Kryszkiewicz, Claudia Rockstroh, Carlos Perrez, Benjamin, Johanna und Mathias Wölfing sowie zahlreichen Bürgern und Besuchern vor Ort. Ausschnitte und Einblicke gibt es unter schwarzwurzel.tumblr.com. Ende des Jahres wird ein zugehöriger Katalog erscheinen.


Das Ungebaute kritisiert das Gebaute

ALEXANDER KLUGE & REM KOOLHAAS

Im Folgenden treffen, ohne Übertreibung, zwei Lichtgestalten der europäischen Kultur aufeinander. Der Eine, Rem Koolhaas – ehemals Journalist, Regisseur und Autor, heute mit seinem Office for Metropolitan Architecture einflussreicher Architekt und Theoretiker – spricht aus seiner Vergangenheit, über seine Einflüsse und die eigene Profession. Der Andere, Alexander Kluge – promovierter Rechtsanwalt, Autor zahlreicher Romane, Gedichtbände und Filmschaffender mit der von ihm gegründeten Produktionsgesellschaft dctp – spricht darüber, wie man es noch sehen kann. Im beidseitigen Gespräch bekommt der Architekt die Rolle des stillen Chronisten antiautoritärer Wachstumsprozesse zugewiesen und der Europäer den Käfig des eigenen Egos aufgezeigt. Mit seiner Analyse der chaotischen Zustände eines süd-ostasiatischen Urbanismus prophezeit Koolhaas, dass im Erzählen von Stadt und Stadtentwicklung die zukünftige Hauptaufgabe für Planer liegt. HORIZONTE druckt exklusiv das am 27.02.2005 erstmalig in der Reihe „News & Stories“ auf Sat.1 ausgestrahlte Gespräch. Um die besondere Dynamik der Konversation auch in der Druckform zu erhalten, wurde das Transkript nur leicht redigiert und der Sprachrhythmus weitestgehend beibehalten.

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EIGENTLICH WIRD DIE ERDE GERADE WIEDER PLATT!


Ich habe als Journalist und Drehbuchautor angefangen und war auch einige Zeit Filmemacher und ich habe in den 70er Jahren, Anfang der 70er Jahre, mein Studium bezahlt mit dieser Aktivität. ALEXANDER KLUGE: Sie waren einerseits bei Foucault1, dem großen französischen Philosophen, haben aber auch für Russ Meyer, also einem ganz berühmten … 2 ... Er ist Pornograph, ja. … aber mit einer besten Qualität. 3 … Er ist sehr phantasiereich. Das kann man wohl sagen. Und das ist die Mischung. Die Ausgangsposition: Ihr Vater ist auch Autor gewesen. Und jetzt … Sie gelten heute als einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Architekt. 4 Ich finde es eigentlich seltsam: Architekt, so fühle 60 ich mich niemals, eher als eine Art Konstrukteur. It never feels right: in meinem Pass steht zwar Architekt, aber das fühlt sich ein bisschen fremd an. Aber die Geltung gilt. Also das heißt, andere Menschen halten Sie dafür. Gestern waren da mehr als tausend Leute, die das alle auch dachten. Aber ein Städteliebhaber, das würden Sie doch sagen? 5 Das wohl. Und natürlich Städteliebhaber mehr als ein Städtebauer, glaube ich. Ich glaube, es ist auch immer schwer gewesen, wenn man Städte liebt, auch Städtebauer zu sein. Und ich weiß nicht, ob die zwei eigentlich kompatibel sind. Aber Städtegründer, das könnten Sie schon sein? 6 Städtegründer… Ja, in der Antike gibt es das und in Gilgamesch2, die Stadt Uruk, wird noch richtig gegründet. Und die Menschenseele wird durch eine Außenmauer und eine Mauer innen zusammengepresst, treibhausmäßig, wodurch sich auch der Mensch ändert. So etwas könnten Sie doch schon als Erzähler sein? 7 Ich glaube, was ich als Erzähler war, ist eigentlich ein Begründer einer neuen Typologie von Stadt, die schon besteht. Und ich glaube, dass man heute Dinge begründen kann, einfach dadurch, dass man Konzepte introduziert, die dann verdeutlichen, was eigentlich passiert. Und so bin ich in diesem Sinne der Erzähler der allgemeinen Stadt, der Stadt ohne Eigenschaften und damit gebe ich eine gewisse Legitimierung an einen Prozess, der ohne diese Legitimierung alles traurig und unüberzeugend macht.

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1 REM KOOLHAAS:

Und das sind zwei Seiten, das heißt, das, was Jahren eigentlich von England gemacht wurden. man nicht tun soll, ist genauso wichtig wie Damals hatten sie sich in erster Instanz als eine das, was man tut. typische moderne Stadt verstanden, es gibt Wol8 Absolut. Ich habe niemals eine Psychoanalyse kenkratzer, Motorways, Autobahnen und alle durchgeführt, aber ich war als Kind in Asien und Instrumente der modernen Stadt. Aber Lagos ist ich glaube, dass man in Asien wirklich nicht so ein dann ärmer geworden, korrupt geworden und so deutliches Gefühl von nur einer Identität hat. Und überwältigt durch diese vielen Leute. Aber noch ich habe seitdem immer das Gefühl, dass ich kann, immer nutzen sie auf eine ganz unvorgesehene was ich will, und dass ich viele Einflüsse aufnehmen Weise die alte Infrastruktur. Es ist im Grunde die kann und reagieren kann, ohne dieses Gefängnis Infrastruktur, die noch immer diese total neue von einem Ich im europäischen Sinne. Lage ermöglicht. Sie kommen aus Indonesien, da sind Sie Das ist eigentlich wie eine Maske. 10b geboren? Es ist mehr wie ein Skelett. Es ist so richtig un9 Nein, ich bin nicht in Indonesien geboren, als ich sichtbar, aber noch immer das Leitmotiv … Es ist Acht war, bin ich da hingegangen und das war nach natürlich, glaube ich, so, dass die Städte als solche der Unabhängigkeit Indonesiens von Holland. Sie deutlicher identifizierbar waren und dass dazwiwissen, dass es eine Art Krieg zwischen Holland schen eine andere Kondition der Landschaft war. und Indonesien gab. Mein Vater hat als Journalist Und heute ist es so, dass es eigentlich eine komdie Seite von Indonesien genommen in seiner Zei- plette Mischung ist. Deshalb habe ich probiert, tung und dann war er von der Independence einge- das Wort „Scape“ zu introduzieren, aber das ist laden, vier Jahre nach Indonesien zu kommen. So noch nicht gelungen. „Scape“? Stadtlandschaft? war ich von Acht bis Zwölf in Indonesien. Und in 11 Das ist noch nicht das richtige Wort, aber wir einem Lager, wo wir ideologisch wirklich als Indohoffen, noch ein richtiges Wort zu finden. Ich habe nesier leben sollten. Ich bin also in eine indonesigesehen, dass neue Worte zu erfinden auch sehr sche Schule gegangen, habe in Indonesien wie ein wichtig ist. Denn die Worte haben die Kapazität, Indonesier gelebt. Sie sind ja außerdem Professor in Harvard und uns etwas zu verdeutlichen und uns für etwas zu haben da das Harvard-Project über Städte, über interessieren, was unsere Unruhe ausmacht. Städteentwicklung gemacht und hier, in eiWas ich bei Ihnen gelernt habe ist, dass die nem Ihrer Bücher, steht sehr eindrucksstark Stadt inzwischen in die Menschen hineingebeschrieben, wie sich die Welt gerade da verwandert ist und sich in den Menschen wieändert. Dass zum Beispiel in Ländern, in denen derholt. So wie Groß-London sich in RobinArmut vorherrscht, die Tendenz Städte zu bilson wiederholt, auch wenn er auf der Insel den, zu agglomerieren, am größten ist. ist. Und alles, was vor, sagen wir mal, 2000 10a Ich glaube, dass nicht wirklich die Tendenz Jahren,- als Rom erfunden wurde -, das ist Städte zu bauen am größten ist, aber die Stadt für wie eine seelische Kraft. 12 die Emanzipation der Menschen das einzige MitEs ist gut, dass Sie über Rom sprechen, weil tel ist, egal ob arm oder reich, und damit gibt es in Harvard beschäftigen wir uns nur mit der eigentlich die Situation, dass in China heute erst Geschichte und wir haben ein Projekt, wo wir das etwa 30 Prozent der Leute in Städten wohnen, Römische Reich interpretieren als einen Prototyp aber jede Dekade etwa zehn Prozent dazu komvon Globalisierung und damit auch die römische men. Und das gleiche passiert auch in Afrika. Und Stadt, die immer sehr regelmäßig und eigentlich man kann nicht sagen, dass man dann die Stadt ganz klischeehaft nur bekannte Ingredienzien auf dafür baut. Es ist eher so, zum Beispiel in Lagos, eine bestimmte Weise organisiert. Und das sehen dass die bestehende Stadt eigentlich überfrachtet wir als generisches Vorbild der Stadt. In diesem wird, aber dass man auch entdeckt, dass Städte Sinne ist es auch eine Rückkehr zu einem alten eine unglaubliche Toleranz haben und dass sie Modell und das finde ich faszinierend. noch einigermaßen funktionieren, selbst wenn Faszinierend. Und sie haben da ihr ganz bees zehn Mal so viele Leute gibt, als je vorgesehen. stimmtes Theater, der Marktplatz, der Turm, Und das funktioniert mit unendlicher Improvisaalso das heißt, eine ganze Kette von Institution. Und Lagos, zum Beispiel, ist sehr faszinietionen, die sich immer wiederholen werden. rend, weil die Innenstädte von Lagos in den 60er


Embleme, ja. Jetzt haben wir Billboards und Und da gibt es diese fünf Städte, Hongkong, ShentIcons, wobei die Qualität von Wörtern nicht sin, Donguan, Suhai und Macao und alle zusammehr da ist. Oder doch? men haben sie heute etwa 12 Millionen Einwohner, Chris Dercon: Das ist natürlich aber das werden in 20 Jahren ca. 36 Millionen sein. auch sehr visuell. Und diese Leute erschaffen zusammen 500 Qua14 dratkilometermeter Stadt jedes Jahr. Und es fasziIch glaube, das faszinierte uns, weil wir nierte mich zu sehen, wie das gemacht wurde und erwarten, dass wenn wir über Rom nachdenwie es gemacht wird. Was wir entdeckt haben ist, ken, es einen riesigen Unterschied gibt und dass wir eigentlich mit endloser Anstrengung und eigentlich sind wir – nicht enttäuscht, aber dem Gefühl von Tödlichkeit über die Stadt nach– getroffen, dass die Unterschiede zwischen denken. Da gibt es die gemietete Zeit, das ist ein Rom und heute eigentlich viel kleiner sind, als Gebäudeentwurf, das ist etwa eine Woche. Und zwischen Mittelalter und Rom … Jetzt gibt es sozusagen den Caesar und das Spannende ist dabei, dass der Unterschied viel seine Legion, die kommen nach Gallien kleiner ist als man erwartet: eigentlich ist es das und sie wundern sich, dass die oppidae3 gleiche, ob wir nun mit ungeheurer Anstrengung dort, so wie die Gallier und die Kelten ihre den Potsdamer Platz machen oder ohne AnstrenStädte nennen, ganz anders sind als Rom. gungen eine Stadt in China, die Qualität ist eigentEs ist keine richtige Stadt, es sind befestigte lich die gleiche. Scheunen, da drinnen wohnt niemand. Und Ach, das ist eine Selbstregulation? 61 17 in den suburbs, also vor den Toren, da gibt es Ja und ich glaube, der Grund ist in heutiger diese Restaurants, diese Kneipen, so wie in Zeit, dass Geld das Dominierende ist. Und Dublin und dort wird erzählt. Das heißt, aus damit eigentlich diese Unterschiede viel kleiner Erzählung und Vorratsbehältern entsteht sind als wir hoffen, in vielen Fällen. hier noch einmal eine mitteleuropäische Das heißt, Sie haben ja gestern sehr stark Gegenbewegung, die nicht römisch sein will. votiert gegen die bloße Stapelbarkeit. 15 Also Wolkenkratzer sind gestapelte Büros Ich war gerade zwei Wochen in Italien, um beispielsweise. noch einmal zu sehen, wie das alles passiert Ja, ich war aber natürlich … Ich sage Dinge, …, ich war mit der Renaissance und dann sind wir mache Polemiken. Und eigentlich gibt es etwas in Assisi geendet und Assisi ist nun, aber ich Trauriges, dass den Wolkenkratzer, der einglaube es war das immer, eine Art Religionsfach am Anfang ein wirklich spannendes und maschine. Und da unten gibt es noch immer die in seiner Unbestimmtheit auch faszinierendes römische Stadt und ich glaube, das, was ich hier Konzept war, weil wirklich, es gibt mit Wolkeneigentlich erfahre, ist diese Konzentration auf kratzern Städte, wo niemand weiß, was passiert nur einen Aspekt. Ich bin der Meinung, dass da eigentlich. Das ist die Essenz der Wolkenkratdas Mittelalter damit sehr viel beschränkter zer und das finde ich natürlich eine ganz aufrewar als das offene Rom. Das finde ich schön. gende Erfindung, weil man immer denkt, dass Rom, so finde ich, dominiert eigentlich alles, man genau weiß, was in Städten passiert und aber es dominiert dadurch, dass es alles absorbiert und gleich macht, aber auch die römische passieren soll. Deshalb sind diese Unfähigkeit Identität anpasst. und dieser Unwille, Dinge zu definieren, schon Sie haben auch über den Pearl-Fluss, ja, also an sich ein Wolkenkratzer. Aber nun ist alles diese Agglomeration in China, auch eine nur ein externes Emblem geworden und Untersuchung, eine Erzählung gemacht. eigentlich ist es eine Polemik gegen die ame16 Ja. Wir waren da etwa fünf Jahre und sind viele rikanische Weise von einigen SupergebäuArbeiten angefangen, eigentlich alle, mit der Ent- den in der Welt. Und genau in dem Moment, deckung, dass wir dieses Riesengebiet haben, über als diese Tendenz zum Ende gekommen ist, das wir nichts wissen. Ich bin in Harvard damit wird diese Qualität nach Asien importiert, angefangen, dass ich nicht Wissen bringe, son- ohne dass man einige Anpassungen macht dern Wissen brauche und dass ich da mit Harvard am Prototyp. So ist es eigentlich mehr eine gemeinsam dieses Wissen aufbauen möchte. Und Polemik gegen den Zynismus von dieser Art so haben wir eigentlich statistisch gefragt: wo gibt Riesengebäuden. es heute die meiste Stadt, im Sinne von Substanz? 13


alexander kluge & rem koolhaas - interview

Sie haben ja sozusagen eine Graphik gezeigt, Denn damit haben wir eine Art ungeheuein großer Pfeil ist der Export von West nach res Kapitel in der Modernisierung, nämlich Ost bis Asien hin, der falschen Bauweisen eine Nostalgiemodernisierung. Und wie das oder der überkonzentrierten Bauweisen. zusammengeht, ist wirklich unglaublich. Und 17 Es ist nicht falsch an sich, glaube ich. Aber ich all diese Phänomene, das sieht man in Filmen, habe etwas anderes, was mich fasziniert, ich das sieht man wirklich überall. zeichne es für Sie. Wenn das der Begriff von Aber ist dann die Nostalgie, europäischem Städtebau war, dann haben kann man sagen, die Kulturwir etwa um vielleicht 1900 eine Art Plateau erbe-Pflege, preservation, was erreicht und bauen nicht viel mehr, das gleiche auch ein nostalgisches Modell passiert in Amerika. Und Asien ebenso. Das ist. Problem ist, dass wir, als wir aktiv waren und Aus der Bremse für eine adäquate BeschäfStädte bauten, da haben wir Hunderte von Manitigung damit. Also das heißt… 20 festen geschrieben und über die Frage nachgeDas ist das Alibi, die Frage nicht zu fragen. dacht. Heute und hier denken wir überhaupt Das ist … in Rom wäre das sozusagen ein nicht mehr nach und damit sind wir eigentlich stoischer Standpunkt und der hilft der ganz wie Roboter, wenn es um Städtebau geht. Republik nicht. Sie sind eigentlich wie ein Und gerade auf diesen Moment müssen die Geograph tätig. 21 62 Chinesen bauen. Sie bauen hier Ästhetik in ein Ja, wie ein Geograph oder Anthropologe, Vakuum, das wir für sie produziert haben und in fühle ich es mehr und mehr. das Vakuum injizieren wir diese toten Elemente. Und da sehen Sie eine unsichtbare Stadt. Es ist eigentlich wie eine seelische … Im Mittelalter sah man ein von SmaragAlso es bedeutet auch, dass den, Brillanten, bestehendes Jerusalem, es keine Energie mehr gibt? ein himmlisches Jerusalem, das wollen wir Denn Energie gibt es noch. erobern, da wollen wir hin. Und so ähnlich 18 haben Menschen ein Bild in sich. Ja, es gibt ungeheuerliche Energie. Und es 22 Ich glaube, dass es heute anders ist, dass die wird auch natürlich sicher chinesische QualiLeute nicht mehr dieses Jerusalem haben und täten geben. Und das kann man schon sehen, dass wir auf paradoxale Weise nur dieses Jerudass das auch passiert. Sie entstehen nicht mit Bewusstsein. salem produzieren. Es ist beinahe umgekehrt wie Marx das Es ist doch eine Sehnsucht. fordert, also die Menschen sollen ProAber eine Sehnsucht, durch die man duzenten sein, nein sie stehen neben der verhungert. Stellen Sie sich einmal vor, Produktion, aber in dem Projekt steckt Sie würden in einer Stadt leben, die nur sehr viel Vorangegangenes, was ja auch aus Gold, Geschmeide, Diamanten, Brilmenschlich ist. Also die Vorräte von 4,5 lanten besteht, das ist eigentlich ganz Milliarden Jahren Blauer Planet geben unmöglich, da mit dreckigen Schuhen aus noch eine kleine Hoffnung, dass wir ohne Norddeutschland hinzugehen. Das heißt, Kopf das schaffen … es ist eigentlich eine unmögliche Stadt. Es 19 Ja, absolut. Aber das ohne-Kopf wird dann ist eine falsche Phantasie. 23 ausgebeutet mit diesem toten Import. Und es Darüber schrieb ich in „Junk Space4“, dass ist wichtig, dass es das genetische Material ist, Jerusalem mit besteht, deshalb werden alle das tot ist. Gebäude Tower, es gibt mehr Granit, mehr Glanz, aber nur an der Oberfläche. Und das ist sicher nicht eine Frage von Publikum. Das ist genau die Traurigkeit jetzt in dem Ich finde es ungeheuerlich, dass Moment, wo es eigentlich andere Erwarwir in einer Modernisierungs- tungen gibt und die auch kultiviert werden könnten, dieses obstacle, dieses Hindernis welle leben, wo der Westen nur der Nostalgie auf einem Maßstab, der wirklich unübersehbar ist. Ich finde „Robustan Nostalgie glaubt. heit“ ein wunderschönes Wort.


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Und vielleicht habe ich Ambitionen das zu sein, denken können. Und was mich da natürlich aber ich fühle mich sehr naiv, wenn ich wirklich faszinierte, darum habe ich eine Figur wie sehe, wie komplex das alles ist. Maxim Gorki6 introduziert, die Sympathie für Aber das ist auch ein wunderschönes Wort. das Volk hatte, aber unsichtbar war. Bei Hölderlin5 heißt es, Naivitée der WisEr hat es nicht verstanden. 27 senschaft, die äußerste Wissenschaft, wo Und dass man es immer unterschätzt als ich etwas empfinde. Hier gibt es Ihr Buch Hässlichkeit und Leere. Dann habe ich ent„Delirious New York“. Das hat mich also deckt, dass es eigentlich drei Generationen von absolut, auch als Erzählung, bewegt, weil Entwicklung gab und probiert das zu rekonstruSie Manhattan aus der lustvollen Wildheit ieren. Und dann entdeckt, dass eigentlich viele von Coney Island entwickeln. Wenn Sie Menschen von New York da schon in embryomir mal dieses Coney Island beschreiben. nischer Weise anwesend waren. Und eben, dass 24 Ich habe entdeckt, dass, als ich dieses Buch die Wolkenkratzer eigentlich nicht verstanden angefangen habe in den 70er Jahren, New York werden können, ohne diesen Prototypus, oder auf einem Tiefpunkt von Untotalität war. Jeder dass diese Leuchttürme eigentlich nur frivole stimmt überein, dass es etwas Schreckliches war Dekoration waren. und es war auch in einer aktiven Krise, es war Ja aber das ist ja sozusagen das Spiel mit der immer gefährlich usw. Und was mich faszinierte Schwerkraft, also der Sturz, die Lebensgeist, dass in der Architekturgeschichte niemand fahr, die aber immer nur ein Schein ist. 28 über New York gesprochen hat, eben weil es Ja und wo nun natürlich der Wolkenkratzer gerade eine Art Ekstase über Architektur insnoch immer eine Rolle spielt. Und, wie wir am pirierte. Deshalb war New York eigentlich das 9/11 gesehen haben, auch ganz explizit wird unterdrückte Bewusstsein moderner Archivon Zeit zu Zeit. tektur und ich möchte das alles heraus bringen. Und dann, als zweites, Großbau, also zum Und vor New York war Coney Island das UnterBeispiel in Form eines Elefanten, was Sie drückte. Es ist aber eigentlich … beschreiben. Beschreiben Sie diesen Elefanten in Coney Island einmal. ... ein retroaktives Manifest. Das heißt, Sie 29 Es ist eigentlich angefangen mit diesem Elegehen wieder auf einen Kern zurück. 25 fanten, ich verstehe noch immer nicht, warum Ja, ich probiere es zu finden. Und ich fand fasein Elefant und was die Faszination mit dem Elezinierend, dass man in Europa immer Manifeste fanten ist. Vielleicht Afrika oder vielleicht eine schreibt und darum nicht realisiert. Und in New Art Urform. Aber der Elefant ist so groß, dass es York schreibt man überhaupt nichts und realiein Hotel und ein nutzbares Element wird. siert viel. Und das war damals meine Ambition, Ein Tabakladen, Zigarrenladen in einem ein Manifest zu schreiben, als ob New York der Füße und in dem anderen der Aufgang der Soldat dieses Manifests wäre. Und damit zum Hotel. eigne ich mir die Stadt an. Und was ich dann 30 Ja. Und das Schöne daran ist natürlich, dass entdeckte, und es hat angefangen natürlich es in der Architektur immer die Prätention nicht in Büchern, aber mit Mitteln wie Souvegibt, als ob wir alles vorsehen können und nirs, Postkarten usw., da ist eigentlich eine ganz dass nichts zufällig ist. Und was mich noch unglaubliche Welt entstanden dabei, wo man fasziniert, dass man auch in einem Elefanten zum ersten Mal auf eine populistische Weise leben kann und dass damit eigentlich die ganze mit Artifizialität experimentiert hat. Also zwei Dinge kommen zusammen. Auf Legitimierung von Architektur idiotisch wird. der einen Seite wirkliche MenschenmasUnd es ist ja ein Omnipotenzgefühl, ich sen, mit einem Hunger nach Lust. Sie kann doch stolz sein, wenn ich sozusagen sprechen von der Abschussrampe des dieses Riesentier mir untertan mache. 31 Proletariats, zu den Sehnsüchtigen. Und Ja und dass eigentlich die Willkür eins der auf der anderen Seite Unternehmer, mit schönsten Gebiete von Phantasie ist. schnellen Ideen. Und da gibt es auch, wie man sagt, die Tak26 Ja, schnelle Ideen und auch keine limits, tik. Und die Taktik, das waren natürlich keine Grenzen, was sie machen können und


Wenn man sich vorstellt, dass in Paris statt des Arc de Triomphe, was mal geplant war, ein Riesenelefant, so groß wie der Arc de Triomphe stünde, auch besteigbar, mit Überblick über Paris, passt! Dalí und Le Corbusier erobern New würde das die Stadt verändern? Sie ist ja York. Warum mussten die Europäer aufsozusagen mit lauter unsichtbaren Fäden passen? zusammengehalten, also der Louvre ver32 New York war das unterdrückte…, wie sagt hält sich zum Arc de Triomphe … 38 man das? Es ist eigentlich unglaublich, Paris war natürIm Bewusstsein unterdrückt. lich einmal die Stadt der Surrealisten und es 33 gibt viele von diesen Elementen in Paris. Und Ja, aber das unterdrückte Selbst hat den … Das unterdrückte Selbst, dazu gehört New viele protektionistische Eingriffe, wie zum BeiYork. Wir haben etwas getan in unserer spiel die Buttes-Chaumont 7. Und es ist vielleicht Zivilisation und dieser Fortschritt … wir vielsagend für unsere Kultur, dass Paris einmal sind nicht mehr auf der Höhe dieses Forteine sehr fremde Stadt war, wo zum Beispiel die schritts und verachten ihn. Situationisten auch diese Verfremdung weiter 34 Ja, und dieses Verachten war für Leute wie durchführten und wo wir mit der gleichen Subs64 Le Corbusier stimulierend und er hat dazu tanz heute nur den Klassizismus erkennen. Und eigentlich alle Argumente geliefert, um es damit, glaube ich, dass wir auch uns selbst diese zuzulassen. Aber ihm war damit natürlich Rigidität permanent auferlegen. Und sicher, die auch bewusst, dass eine große Bedrohung für Franzosen sind noch heute absolut sehr bedroht seine eigene Welt besteht. Und so ist es dann durch diesen Aspekt von ihrer eigenen Stadt. natürlich auch abgelaufen. Und Du überreichst ein ganz Aber Sie sagen, dass in der Französischen gutes Beispiel. Natürlich die Revolution, in Le Corbusier, ein Hochmut Krise seit … der Tour Eiffel... 39 steckt, ein Omnipotenzgefühl und dies Es gibt kein fremdes … , und dann vielist sozusagen eigentlich auch gegen die leicht beurteilt und nicht beurteilt und dann Moderne gerichtet. Kann man das so sagen? gemacht. Und dann ist das Komische, dass 35 Ja. Paris sich nun versteht als eine Stadt des 19. Die Moderne hat diesen Akzent in sich. Jahrhunderts. Und dieses Element, das eigent36 lich eine ganz radikal andere Richtung angibt, Modernisierung ist der Prozess und das Moderne ist natürlich etwas, was immer Moral eigentlich negiert, und noch immer nicht ins introduziert und immer Urteile hat. Und Bewusstsein durchgedrungen ist. Deshalb eigentlich kann man über Modernisierung glaube ich, dass sie nicht nur einen Elefanten nicht urteilen. Und das ist das Beeindruckende gemacht haben könnten, sondern dass wir mit in New York, dass Urteile immer nach hintangeder Architektur eine Art Superelefant schon setzt sind. Und das man macht und dann urteilt permanent in unseren Häusern haben. Aber vielleicht haben wir Paris und wir urteilen und machen dann. völlig falsch interpretiert und Aber die Beurteilung…, Du hast, das fängt schon an mit Walter als Du Journalist warst, zwei Artikel geschrieben über ArchiBenjamin8. Walter Benjamin tektur, nur zwei, und einer von hat total keine Ahnung vom den Artikeln war ein Artikel unterirdischen Aspekt von über Le Corbusier, wo wirklich Paris. Und vielleicht dauert mit Missachtung über Le Cordas noch eine Weile, weil es busier gesprochen wird. zum Beispiel eine konstante 37 Das glaube ich nicht. Ich habe als Journalist Krise in der Pariser Stadtentniemals Missachtung. Aber ich beschrieb sehr wicklung gibt, wie z.B. das präzise. Und er war am Ende seines Lebens, es war Unterirdische von Les Halles. mehr eine Art Portrait von einem Mann, einem Und was damals passiert ist alten Mann. Aber sicher keine Missachtung.

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bestimmte Stilmittel, wie die paranoischkritische Methode, denn es gibt in „Delirious New York“ dieses Kapitel: Europäer aufgepasst! Europäer aufgepasst, nicht Amerikaner aufgepasst, Europäer aufge-


in den 60er und 70er Jahren mit Les Halles, vielleicht geht das wieder weiter. Sie arbeiten jetzt an Les Halles… 40 Wir haben für die Franzosen eine Graphik gemacht über ihre eigene Haltung zur Modernität. Da fängt etwa 1850 der Enthusiasmus an, dann gibt es 1876, und dann geht das alles so durch, ohne Komplexe, bis etwa 1964. Dann werden Les Halles erneuert und es gibt dann eine Riesenkrise, die sich assoziiert mit dem Mai 1968. Und damit wird der Mai 1968 eigentlich überhaupt keine Revolution, sondern eine Utopie oder ein Protest, ein Protest gegen die Zerstörung. So the protest against

der französische Staat kann mit den Grand Projets9 von Mitterrand noch die Modernität durchführen. Und das ist faszinierend, dass es so auf diese einzige Zerstörung dieser Gebäude, das Ganze gekippt ist. Eigentlich ist der Mai 1968 eine Art von nostalgischer Kulturerbepflege. 41 Und alle Helden von dieser architektonischen Heldenbewegung, sie sind doch alle in der Moderne noch immer sehr aktiv. Wenn Sie so eine Stadt sehen, das hat eigentlich eine Grammatik. Es gibt eine Vergangenheit, die ist Erinnerung, es gibt eine Zukunft, das sind Hoffnungen. Und es gibt eine Gegenwart und einen Konjunktiv, die Möglichkeitsform. Und das ist Ihr Pathos, wenn ich das richtig verstehe. Also „the unreal conditional“… … nicht unrealistisch. Das ist nicht unrealistisch, im Gegenteil. Für sie selbst ist es ganz wichtig. Es ist aber nicht hier und jetzt, sondern gleich neben mir. Es ist die Heterotopie, es ist nicht die Utopie, die es nie gibt… Aber das gibt es auch in ganz verschiedenen Projekten von Koolhaas. In Paris zum Beispiel, der Parc de La Vilette10, der Skandal war damals, dass Koolhaas gesagt hat, ich mache nur ein Szenario, ein Skript, machen Sie es selber.

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taking down the buildings, becomes the Leitmotiv, and from that moment on, you can call the French intellectuals antimodern, und nur


Und das Potential ist natürlich, dass es genau darum… Paris in unserer eigenen Arbeit ja immer das meist inspirierende ist, dass wir unsere beste Arbeit für Paris vorgestellt haben. Das Très Grande Bibliothèque Projekt, was hervorragend war. La Vilette, glaube ich, war 1984 oder 1983, 1981, dann gibt es die Très Grande Bibliothèque und jetzt gibt es Les Halles. 43 Aber immer in der Sicherheit, dass es niemals klappen könnte. Hier haben Sie gemalt oder gezeichnet, einen römischen Kaiser, aber mit dem Gesicht eines Napoleon, wie er aussähe, sagen wir mal, wenn er etwas länger gelebt hätte, etwas länger geherrscht hätte, ein sehr fetter ... 44 Aber natürlich war Napoleon auch durch seine Maler immer römischer vorgestellt… Und er war ein wunderbarer Kindeskopf, also sozusagen ein kindliches Gesicht und dann, als römischer Schauspieler, wie er sozusagen im Winter, also in sehr kalten Gefilden, umkommt. Es gibt einen Text von Immanuel Kant, damit eröffnet er seine „Kritik der reinen Vernunft“ und das ist die Architektur der Vernunft und er sagt, eigentlich brauchen wir Menschen Wohnungen für unsere Erfahrung. Und dann plötzlich kommen wir darauf, dass wir dieser Erfahrung nicht vertrauen, sondern Hochhäuser bauen, den Turm von Babel bauen. Und darüber entzweien wir uns, dafür streiten wir uns. 45 Wir wurden auch dafür bestraft. Weil wir sozusagen allzu große Gebäude bauen, die unfunktionell sind für unser Selbst. Und er sagt, die Philosophie ist eigentlich dafür da, wieder Wohnungen für die eigene Erfahrung zu entwickeln… 46 Das ist eigentlich meine Preokkupation heute, das Gegenbild zu entwickeln und nicht nur vom architektonischen Gesichtspunkt, aber zu erfinden, wie man lebt und was man machen, was man haben möchte. Und damit ist das Heremitage-Projekt und Lagos, das sind eigentlich alle die gleiche Anstrengung. Das geht dann über diese Konditionen und Vorteile von Vernachlässigung. 42

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Ja, von Vernachlässigung oder Abstinenz von Architektur. Wenn jemand etwas nicht tut, hat man auch etwas getan. Das ist sozusagen, wir haben in unserem Vorderhirn eigentlich eine große Zahl von Entwicklungen, die unsere Taten hemmt. Was uns vom Leoparden entfernt, vom Raubtier entfernt und uns gleichzeitig genau zu Menschen macht. Das kann man doch sagen? 48 Ja, absolut. Und das ist natürlich auch das Schöne. Oder sozusagen wie Sokrates sagt, wir müssen feststellen, was zu fürchten und was zu lieben ist. Das ist ein nichtreligiöser Standpunkt. 49 Und so probiere ich heute viel mehr zu sehen, was zu lieben ist. Mit acht Jahren, da sind Sie, stelle ich mir vor, bei den Gegenfüßlern. Sie sind in Indonesien. Wo sind Sie mit 18? 50 Mit 18 bin ich Journalist. Und mit 28? 51 Fange ich an „Delirious New York“ zu schreiben. Und mit 38? 52 Mit 38 fange ich an wirklich zu …, mit 38 bin ich Vater geworden und fange ich an, wirklich Architekt zu werden, wirklich zu bauen. Und 48, das ist 1992? 53 1992, mit 48, das ist eine Art phantastisches Jahr, weil es das Moment war, als Europa den Eindruck erweckte, ein ungeheuer kräftiges Abenteuer zu werden. Wir glaubten, es beginne eine augustinische Zeit. 54 Ja genau. Und das hat eine sehr große Auswirkung auf unsere Projekte wie die Bibliothek in Paris gehabt, aber zum Beispiel auch das Zentrum für Medientechnologie in Karlsruhe, weil da von … Das sind zehn optimistische Jahre. 55 Ja, genau. Zehn Jahre des Irrtums, aber auch des Urvertrauens. Also da kommt ein Vertrauen ins Jahrhundert zurück. 56 Ja. Und jetzt haben wir das 21. Jahrhundert, Sie sind also wieder zehn Jahre älter, 2002, was ist da? Wir sehen doch eigentlich zunächst auf ein voraus gelagertes Trümmerfeld. 47


ENDE

Michel Foucault (1926-1984) war ein französischer Philosoph, Historiker und Soziologe. Sein Werk umfasst vor allem wegweisende Betrachtungen zu den Begriffen Macht, Wissen und Diskurs, Foucault gilt als Begründer der Diskursanalyse. Für die Architektur wurde insbesondere sein Werk Überwachen und Strafen bedeutsam, in dem er die polymorphe Macht und ihre Mechanismen, prototypisch umgesetzt im Gefängnisprinzip des Panoptikums von Jeremy Bentham, bespricht.

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2 Gilgamesch war nach sumerischer Überlieferung König der Stadt Uruk und zu einem Drittel Mensch, zu zwei Dritteln Gott. Seine geschichtliche Existenz ist durch eine Tontafel aus Nippur bestätigt, sein Leben ist jedoch weitestgehend Legende. Das Gilgamesch-Epos, das in die Zeit zwischen 1800 und 2400 v.Chr. datiert wird, thematisiert mit seinem Leben als erste Erzählung die Loslösung von den Göttern einerseits, die damit verbundene Angst vor der Vergänglichkeit andererseits. Gilgamesch gilt als tyrannischer Herrscher, dessen rege Bautätigkeit der Stadt Uruk aber u.a. eine wehrhafte Stadtmauer bescherte.

oppidae: Der Begriff Oppidum (lat: Befestigung, pl: oppidae) bezeichnet eine befestigte Siedlung, die häufig von einer mit Steinen oder Erde verfüllten Holzwand eingefriedet ist. Die Bezeichnung geht auf Cäsars Schrift De Bello Gallico (Der gallische Krieg) zurück. 3

4 Junk Space ist ein von Rem Koolhaas in seinem gleichnamigen Essay geprägter Begriff, der insbesondere die wuchernden Nicht-Orte (vgl. auch Marc Augé) der modernen Dienstleistungsgesellschaft beschreibt: Shopping-Malls, Großraumbüros, Raststätten. Normierung und Wiederholung schaffen austauschbare Orte ohne Identität: „If space-junk is the human debris that litters the universe, junk-space is the residue mankind leaves on the planet.” (Rem Koolhaas) 5 Friedrich Hölderlin (1770-1843) war ein deutscher Lyriker. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Poeten der deutschen und abendländischen Literatur und als weitestgehend selbstständig neben Klassik und Romantik. Neben seiner eigenen Lyrik übersetzte Hölderlin auch Dramen wie König Ödipus und Antigone von Sophokles. 6 Maxim Gorki (1886-1936), eigentlich Alexei Peschkow, war ein russischer Schriftsteller und politischer Aktivist, der in den revolutionären Jahren um 1905 berühmt wurde. Gründete u.a. die Nowaja Shisn (Neues Leben), deren Chefredakteur Wladimir Iljitsch U. Lenin war, mit dem er sich aber später über die Oktoberevolution von 1917 verstritt. Auch Gorki war zwar für eine sozialistische Revolution, bezweifelte aber die Bereitschaft des russischen Volkes, diese auch erfolgreich in einen neuen Staat zu überführen. 7 Buttes-Chaumont: Der Parc des Buttes-Chaumont ist ein öffentlicher Park im 19. Arrondissement in Paris. Die Planungen gehen unter anderem auf den Pariser Städteplaner Baron Haussmann, der auch für die radikale Neugestaltung von Paris um die Mitte des 19. Jahrhunderts verantwortlich zeichnet, zurück und wurden aus Anlass der Pariser Weltausstellung 1867 übergeben.

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Eigentlich ist es auch sehr spannend, weil eigentlich ist es ein Moment, wo dass atlantische Europa schwächer wird und das uns nun endlich ermöglicht, China nicht nur zu sehen als eine Art Fremde, sondern als eine intime Verbindung mit China und Indien. Aber auch ein Abschied von Amerika. 58 Ja, damit, ja. Das heißt also, die Globalisierung beispielsweise basiert als ein Projekt von Industrieunternehmen, funktioniert dort nicht, aber in Wirklichkeit funktioniert sie wiederum… 59 Vielleicht auf einer politischen Ebene. Und damit wird dann auch Europa viel wichtiger und die Artikulierung über Europa auch viel wichtiger. Und das fordert eine neue Erdbeschreibung und das tragen wir einmal in uns als Vorstellung, als Image und andererseits existiert sie durch zusammenwachsende Gesellschaften oder Städte. 60 Ja, ich glaube, ich habe es mir auch so vorgestellt, eigentlich wird die Erde wieder platt, weil es ja von China nach Europa geht und dann gibt es Grenzen … Dann kriegen wir noch mal das alte ptolemäische Weltbild11, das ganz heimisch wird, es beruht auf einer Illusion… 61 Ja, genau und das ist vielleicht auch eine spannende Einschränkung… 57


8 Walter Benjamin (1892-1950) war ein deutscher Philosoph und Kritiker, den Freundschaften mit Adorno, Horkheimer, Brecht, Arendt, Hesse und Weil verbinden. Sein 1936 erschienener Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ist eine medientheoretische und kulturpolitische Analyse des Zusammenhangs von Verlust der Einmaligkeit durch Vervielfältigungsmechanismen und der daraus entstehenden Emanzipation und Politisierung der Massen. Um einer möglichen Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen, nahm sich Benjamin 1940 in Spanien das Leben. 9 Grands Projets: Mit den Grands Projets (auch: Grands Travaux) sind im Allgemeinen die großen öffentlichen Baumaßnahmen in Paris unter der zweiten Präsidentschaft François Mitterands von 1988 bis 1995 gemeint. Dazu gehören u.a. das Hochhaus Grande Arche im Stadtteil La Défense von Johan Otto von Spreckelsen und Paul Andreu, die Glaspyramide am Louvre von I.M. Pei, die neue Bibliothèque Nationale de France von Dominique Perrault sowie das Arabische Kulturinstitut Institute du Monde Arabe von Jean Nouvel.

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10 Parc de La Villette: Der Parc de La Villette ist ein Park im 19. Arrondissement in Paris, der ab 1986 nach Plänen von Bernard Tschumi realisiert wurde. Am Wettbewerb von 1982 nahm auch OMA/ Rem Koolhaas teil, konnte sich aber nicht durchsetzen. Der Vorschlag basierte auf der Feststellung, dass das vorgegebene Programm zu groß für den Park sei und versuchte als Lösung „programmatische Instabilität mit architektonischer Spezifik“ zu einem neuen Ganzen zu verbinden, wobei die Unabhängigkeit der einzelnen Funktionszonen voneinander, aber ihre ungewollte Einflussnahme aufeinander, die Instabilität der Metropole spiegeln.

Claudius Ptolemaeus (ca. 100-170) war ein griechischer Mathematiker, Geograph und Astronom und wirkte als Bibliothekar an der antiken Bibliothek in Alexandria. Seine Weiterentwicklung des geozentrischen Weltbildes wurde später als Ptolemäisches Weltbild bezeichnet und erst im 13. Jahrhundert durch Kopernikus, Kepler und Galilei widerlegt. Nach seiner Theorie stand die Erde als unverrückbares Zentrum im Mittelpunkt des Weltalls, die anderen Planeten bewegen sich auf perfekten Kreisbahnen um die Erde.

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ENTWURF  ZU EINER  BRÜCKE

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F.P. Moritz, was war der Ausgangspunkt zur Idee einer Brücke? Ein Auftrag vom Zentrum für Politische Schönheit in Berlin, einer Institution um den Aktionskünstler P. Ruch, die mithilfe von Architektur Leben retten möchte. Gemeinsames Ziel ist eine kontinentale Verbindung, eine Brücke zwischen Afrika und Europa. Dass der rein formale Ansatz im Prozess der Konzeption durch die Gewichtung des Themas in Bezug auf Politik, Wirtschaft etc. eine viel tiefgründigere Bedeutung bekam, ist verständlich. Jetzt, nach den Überlegungen und durch vorliegende Publikation sind die Grundsteine gelegt.

M.A. Du spielst auf Stanley Kubricks Film 2001Odysse im Weltraum an? Prinzipiell, ja. Dort erscheint unvorhersehbar aus dem Nichts ein Monolith und er ist nicht nur ein Stein oder ein Produkt unbekannter Herkunft, sondern so präzise wie seine Form definiert ist und die Art und Weise wie er in der Lanschaft präsent ist, führt er zu einer Bewusstseinsveränderung. Wir müssen verstehen, dass die Welt nach dem Bau der Brücke eine andere sein wird. Die wahre Aufgabe dieses Projekts beginnt also im Kopf.

F.P. Moritz, wieso sieht die Brücke nun schlussendlich so aus, wie sie nun vor uns liegt? M.A. Florian, wann kann mit dem Bau der Brü- Die meiste Zeit haben wir damit verbracht cke begonnen werden? uns zu fragen, welche Gestalt eine Brücke von Heute, morgen — wann immer wir den Mut dazu solch architektonischem Ausmaß und politihaben. Aber zu allererst müssen wir uns darüber scher wie philosophischer Dimension haben klar werden, dass wir zwei Erdteile miteinander darf. Aber wir bauen eine Brücke in einen verbinden und dass sich daraus nicht nur räumli- Zwischenraum. Dadurch ist sie wie ein Unparche Konsequenzen ergeben. Denn der Bau zweier teiischer, der dazwischen steht und vermittelt. Anfangssteine, von jeder Seite einer, ist ein Akt der Bewusstseinsänderung. F.P. Aktuelle Brücken lassen anderes vermuten... Richtig, doch unparteisch zu sein, heißt für mich nicht, eine Abwesenheit von Architektur zu


erzeugen wie Du es andeutest, sondern gerade Sinne eine Erzählung – ein Theaterstück mit das Gegenteil. Das Objekt, das so leicht und vage neun Kapiteln, gleich der Anzahl der sie definieim Raum schwebt, verlangt nach einer eigenen renden Kreise. Mit dem Bau beginnen die einGestalt, Ästhetik und Bedeutung. Nur weil es zelnen Kapitel – und dadurch die Veränderung schon einen Punkt A und B gibt, heißt das nicht, der Welt. dass eine direkte Linie zwischen den beiden Punkten die beste Lösung sein muß. F.P. Wie real ist dann dieser Gedanke – und schlussendlich diese Konstruktion? Viele werF.P. ...sondern ein neuer Punkt C. den den Bau angesichts dieser Größe bezweifeln. Genau, sind wir doch beide der Meinung, dass Ich möchte hier an den französischen Revolueine Brücke mehr ist als nur die infrastruktu- tionsarchitekten Étienne Louis Boullée, mit relle Verbindung zweier Punkte, spannen wir seinem Entwurf des Newton Kenotaphs im 18. doch einen Ort dazwischen auf. Das ist auch der Jahrhundert erinnern. Damals wie heute ist Grund, warum die Brücke diese Dimensionen man der Meinung, dass eine solche Konstrukhat. tion nicht baubar ist. Das mag im einzelnen auch stimmen: Vielleicht sind die Wände für solche M.A. Die Brücke ist in der Mitte über 3 km breit Dimensionen zu dünn, um das Gewicht zu traund hoch. gen, vielleicht sind sie zu dick und das Konstrukt Das ist richtig. Jedoch erst im Endzustand der würde in Folge seiner Eigenlasten in sich zusamFertigstellung besitzt die Brücke diese Ausmaße. menfallen. Diese Probleme sind uns bewusst, Die Verbindung der Kontinente ist bereits zu aber ich meine, dass die Konstruktion einen einem wesentlich früheren Zeitpunkt möglich. gravierenden Vorteil hat und das dieses BeiDie Vollendung der Form ist nur noch ein kul- spiel für mich wichtiger macht als so manches turell zu erreichendes Ziel. Die Brücke beitzt Gebaute. Boullées Entwurf bildet ein Ganzes, zuerst lebensrettende Funktion, dann wird sie es gibt nichts Additives. Er schafft es, mit einer zur Weltbühne. Ihre Errichtung ist in diesem Form unser sämtliches Wissen abzubilden. Mit

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einer Fläche, die er um den Sarkophag Newtons herumlegt, umhüllt er den Entdecker mit seiner eigenen Entdeckung. Die architektonische Vereinfachung der Form stellt in diesem Sinne also keine Banalisierung sondern die Verdichtung des Entwurfsgedanken dar. In diesem Sinne darf man an eine gebaute Utopie glauben.

reduziert auf das Wesentliche – aber nicht sinnentleert, sondern gerade durch die Abstraktion sinnerklärend - die zu einer Überhöhung der Architektur beitragen. Der Mensch als Ausgangsmaß, eingeschrieben in den Kreis, bringt die Brücke zurück in den aktuellen Architekturbezug, den dieser oftmals verloren hat.

M.A. Florian, wo siehst Du die Brücke in der heutigen Architekturdebatte? Die Brücke ist sich ihrer Verantwortung und Ihrem Vergleich gegenüber der Geschichte bewusst, denken wir nur an das Atlantropa-Projekt von Herman Sörgel. Doch sie zitiert nicht aus der ein oder anderen Epoche oder ergeht sich gar im Stilpluralismus – vielmehr versucht sie aus der Geschichte zu lernen: Sie ist ihr eigenes Prinzip, ortsbegreifend aber nicht zwingend davon abhängig. Sie sucht ihre eigene Form in der Konstruktion und den vorhandenen Parametern, wird Prinzip und dadurch auch anwendbar wie der Knoten von Konrad Wachsmann. Dabei sind es die klaren architektonischen Elemente,

F.P. Wie lässt sich der Entwurf nun lesen. Wir möchten mit Poster, Titel und Zeichnung ein informatives Flechtwerk aufspannen um die Arbeit zu begreifen. Dabei haben wir bewusst auf eine Hierarchisierung, etwa durch eine Inhaltsangabe, verzichtet. Der Rezipient darf und soll unmittelbar dem Entwurf gegenüberstehen. Die Arbeit wünscht sich die Zeit, verstanden zu werden, im Sinne, selbstständig Bild, Text und Grafik miteinander zu verbinden und aus der Vielschichtigkeit an Informationen die eigenen Konsequenzen zu ziehen - und damit schlussendlich den Mut zur Umsetzung.

Die beiden Architekten im Gespräch zum Entwurf


JONAS MALZAHN MY HOUSE IS PRACTICAL...

„My house is practical. I thank you, as I might thank Railway engineers or the Telephone service. You have not touched my heart.“1


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Der Entwurf, ein höchst rationaler, der Logik folgender Strom welcher zum einzig denkbaren Resultat führt. Der Architekt, welcher wissenschaftlich, mathematisch schlussfolgernd zu seinem Ergebnis gelangt. Bei dem jegliche Entscheidung eine durchdachte Abwägung der Vor- und Nachteile, der besten Möglichkeiten ist. Technologie bestimmt unser Handeln. Die Konstruktion und die Funktion sind zum Gral auserkoren worden. Wir leben in einer Zeit des technischen und wissenschaftlichen Fortschrittes und haben uns diese zum Paradigma gemacht. Ist die Architektur in dieser, unseren Gegenwart also tatsächlich und notwendig an die Technische Revolution unserer Zeit gebunden? Wissenschaft, die Suche nach dem Eindeutigen und dem einzig Wahren, der Gebrauch von bestimmten festgelegten Methoden und Prinzipien zur Feststellung von Ergebnis und Bedeutung. Dieser Weg zu arbeiten ist unserer Zeit entsprechend, in der es auf Effizienz, Ökonomie, Präzision und Vorhersehbarkeit ankommt. Die Gesellschaft möchte wissen, was sie bekommt. Sie verlangt das perfekte, fehlerlose Produkt. Um zu diesem zu gelangen ist der wissenschaftliche, technologische Weg wohl der beste. „Die technologische Realität ist ein nicht zu ignorierendes Faktum. Sie ist weder auswechselbar noch wegzudiskutieren. Sie abzuschaffen […] würde die Negierung der Entdeckungen, die Beendigung der Entwicklungen und damit auch der Verwirklichung einer verbesserten Gesellschaftsordnung bedeuten. […] Einleuchtend ist, dass der Rückzug auf den ökonomischen und gesellschaftlichen Status der Mythologisten (und des Irrationalismus) ein Dasein mit Menschen ohne dimensionales Bewusstsein, zurück zur Periode der Jäger und der Höhle, zurück zu einer gesellschaftlichen Sklavenordnung bedeuten würde.“2

Doch ist nicht Architektur mehr als ein Prozess des reinen Problem Formulierens, Problem Analysierens, Problem Lösens? Ist Architektur nicht mehr als die technoide Abbildung einer Funktion oder einer Konstruktion? Liegt nicht unser Empfinden für Schönheit in unseren, sagen wir, Instinkten, ist weniger ein logischer Prozess? Wenn wir etwas als schön empfinden, denken wir nicht lange nach, prüfen und wägen ab, es liegt in der Natur des Gegenstandes. Schönheit überfällt uns, sie kommt ohne Vorahnung, Deus ex machina, sie ist kein Ergebnis eines Gedankenprozesses. Schön ist nicht das Innere eines Apple iPod, sondern sein Äußeres. Wir verbinden das Schöne nicht mit dem technischen Aspekt des Produktes, sondern seine äußere Beschaffenheit, die Reduktion seiner Erscheinung, die Oberfläche, die Haptik seines Materials und dessen Langlebigkeit. Diese Gegenstände in unserem täglichen Leben, die eine Einfachheit und Ganzheit ausstrahlen, welche für jeden leicht zu nutzen sind, in unterschiedlichen Situationen und Umständen, diese sind es, welche uns begeistern und anziehen.


„Das BedĂźrfnis des Menschen zu bauen, manifestiert sich zuerst in der Errichtung von Gebilden sakraler Bestimmung, magischer, sakral-sexueller Bedeutung. Der erste Pfahl, ein Steinhaufen, ein aus dem Fels gehauener Opferblock sind die ersten Gebilde, menschgemachte Gebilde mit einer spirituellen Bedeutung, Bestimmung, sind Architektur. Ihre Funktion ist eine rein geistige, magische. Materielle Funktion haben sie nicht. Sie sind reine Architektur, zwecklos.“3


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Architektur ist Material. So lässt sie sich zurückführen auf den einzelnen Stein, den Holzbalken, das Glas. Diese wiederum sind pur, präzise, und fehlerlos. Sie lassen dem Betrachter aufgrund ihrer Einfachheit eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten. Sie können mehr als nur eine Bedeutung haben. Deshalb empfinden wir sie als schön. Die Vielfalt und Differenz der Beurteilung eines Gegenstandes ermöglicht Kommunikation über den Gegenstand hinaus und fördert sie, so evoziert sie Produktivität. Die Schönheit spricht uns auf einer Ebene an, die wir nicht verstehen müssen. Wir können uns ganz auf unsere Gefühle, unsere Sinne verlassen. Da Architektur nicht nur gesehen wird, sondern auch gefühlt, gehört und gerochen, spricht sie nicht nur zu unserer Ratio, sondern auch zu unserer Seele. Somit ist die Atmosphäre, die Aura eines Bauwerkes essentiell für die Architektur. Wir erleben Architektur jeden Tag, doch sind nicht zwanghaft von ihr herausgefordert, unsere Ratio zu benutzen. Dies ist ein Vorteil – wir sollten nicht andauernd über die Dinge nachdenken müssen, mit denen wir leben.

„Einem Zeitalter, in dem die Technologie begonnen hat, den bis dahin verschlossenen und gesichtslosen Raum des Kosmos zu öffnen, das Erkenntnisvermögen auf eine noch nie dagewesene Weise zu erweitern, steht heute in der Kunst und in der Architektur ein Irrationalismus und Individualismus gegenüber, der den Anspruch erhebt, Gegensatz und zugleich Ausdruck dieser Zeit zu sein. Der Antirationalismus will vergessen machen, dass er täglich mit der Ratio und durch die Ratio lebt. Die Bedingungen, die die Zivilisation herstellt, sind für die Irrationalisten ebenso lebensnotwendig wie für uns. [Das Leben in der Industriegesellschaft, die Benutzung der technischen Prothesen, ist für die Antirationalisten eine Selbstverständlichkeit. Die Tragik dieser Haltung besteht darin, dass sie diese durch die Kunst bekämpfen, aber mit ihr leben, leben müssen und leben wollen.“4

Ist es wirklich das Eine oder das Andere? Müssen wir uns von der Technologie abwenden um lebendige Bauwerke zu entwerfen und gibt es keine Atmosphäre in technischen, konstruktiv geprägten Gebäuden? Besteht nicht ein Dazwischen? Ist nicht genau dies das Merkmal unserer Zeit, so wie es Michel Foucault beschreibt, dass wir in der Epoche des Simultanen sind, in der Epoche der Juxtaposition, des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander und des Auseinander. In einem Netz von Verbidungen, einem Gewirr von Verknüpfungen. Um das Schöne, die gute Architektur zu schaffen, brauchen wir die Präzision, die Perfektion, durch die wir zu klaren und puren Architekturen gelangen. Diese Präzision liegt im Detail. Die Reduktion, das Vermeiden der großen Maschine bringt uns wieder zum Realen und zum Kern der Architektur. Doch ist die Technik ein wichtiger Bestandteil, zu diesem zu gelangen, da sie, richtig angewandt, eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet. Doch sie ist nur ein Hilfsmittel und kein eigenständiges, unabhängiges Phänomen.


„DURING THE PAST DECADES ARCHITECTURE HAS OFTEN BEEN COMPARED WITH SCIENCE, AND THERE HAVE BEEN EFFORTS TO MAKE ITS METHODS MORE SCIENTIFIC, EVEN EFFORTS TO MAKE IT A PURE SCIENCE. BUT ARCHITECTURE IS NOT A SCIENCE. TIC PROCESS OF COMBINING THOUSANDS

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IT IS STILL THE SAME GREAT SYNTHE78

OF DEFINITE HUMAN FUNCTIONS, AND REMAINS ARCHITECTURE. IT´S PURPOSE IS STILL TO BRING THE MATERIAL WORLD INTO HARMONY WITH HUMAN LIFE. TO MAKE ARCHITECTURE MORE HUMAN MEANS BETTER ARCHITECTURE, AND IT MEANS A FUNCTIONALISM MUCH LARGER THAN THE MERELY TECHNICAL ONE. THIS GOAL CAN BE ACCOMPLISHED ONLY BY ARCHITECTURAL METHODS – BY THE CREATION AND COMBINATION OF DIFFERENT TECHNICAL THINGS IN SUCH A WAY THAT THEY WILL PROVIDE FOR THE HUMAN BEING THE MOST HARMONIOUS LIFE“.5


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Den Zwischenraum in dem wir uns befinden, reich an Optionen, beladen mit technischem Wissen, müssen wir uns zu Nutzen machen, wenn was wir als schön empfinden auf Differenz beruht. Der Differenz zwischen dem, was wir denken, fühlen und uns vorstellen und dem, was Andere in diese, unsere Äußerungen hinein interpretieren. Wenn wir uns in diesem Feld bewegen und uns unserer Chancen im Dazwischen bewusst werden, kommen wir vielleicht zu etwas, was Friederich Kiesler als magische Architektur beschreibt. Architektur, die ein Ausdruck menschlicher Kreativität ist. Architektur, die in unsere tägliche Realität passt. Die die Balance hält zwischen den zwei Polen, auf der einen Seite die Maschine und auf der anderen die Ablehnung der Wissenschaft. Die ihre Möglichkeiten bezieht allein aus dem Schatz der Vielfalt, der in uns schläft. Architektur als Ausdruck menschlicher Kreativität, nicht beschränkt auf die gerade vorherrschende Strömung oder den Trend der Zeit. Egal ob technoid, historisierend, minimalistisch oder brutal, die Hauptsache ist der kreative Gedanke aus dem die Architektur entspringt. „In den Zwischenräumen zwischen Kunst und Technik, zwischen Idee und Realität, zwischen Funktion und Fiktion, zwischen Traum und Wirklichkeit liegt die Welt der Vorstellung, der Hypothesen und Imaginationen. Die Räume der Kunst und des Denkens sind ohne feste Grenzen und Kategorien.“

Le Corbusier: Toward an Architecture; Getty Research Institute, Los Angeles, 2007 /

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Lohse, Richard Paul: Kunst im technologischen Raum; Zürich, 2. Oktober 1982 / 2

Hollein, Hans: Zurück zur Architektur, Vortrag in der Galerie St. Stephan in Wien, 1. Februar 1962 / 3

Lohse, Richard Paul: Kunst im technologischen Raum; Zürich, 2. Oktober 1982/ 4

Aalto, Alvar: The Humanizing of Architecture; Originally published in English in: The Technology Review, Nov. 1940/ 5

Oswalt Mathias Ungers

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Alle Abbildungen © Jonas Malzahn

„In den Zwischenräumen zwischen Kunst und Technik, zwischen Idee und Realität, zwischen Funktion und Fiktion, zwischen Traum und Wirklichkeit liegt die Welt der Vorstellung, der Hypothesen und Imaginationen. Die Räume der Kunst und des Denkens sind ohne feste Grenzen und Kategorien.“6


Neo Nature

MARK SMOUT

With HORIZONTE, Smout talks about the importance of non-linearity and iteration for the design-process in order to gain new knowledge, about the experiences he had made with students during his teachings at the Bartlett and gives an insight into how dinner with BLDGBLOGger Geoff Manaugh is not only funny, but highly inspiring.

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He wouldn´t deny that students sometimes are guinea pigs in the laboratory of educational research, explains architect Mark Smout. Together with Laura Allen he runs the Postgraduate Unit and the Final Year Thesis Programm at the Bartlett School of Architecture in London. Their practice Smout Allen focuses on conceptual and theoretical approaches, which operate with the ephemeral and enduring forces of change in the environment. With their first book Augmented Landscapes in the prestigious Pamphlet Architecture Series, they provided an overview over the last eight years of work in their Architectural Design and Research Practice. Smout Allen are nominated for the 2010 Chernikhov Prize and are laureates of the Royal Academy of the Arts’ Award for Architecture.


Thanks for coming to Weimar today, Mark. Let’s start with this fantastic book of yours in the Pamphlet Architecture Series: Augmented Landscapes. Why is it so important for you as architects to publish your work in this way?

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What’s interesting is that this book is a bestseller in the States, but it didn’t really shift that much in Europe at all. So the majority of the stuff that we get is all over the US – and Australia. We were invited to probably four lectures in the UK in the aftermath of the book – and way more often in the States. Maybe it’s because they are more open to the speculative work that we do – which, interestingly enough, is quite the opposite of what they often teach in the States. To answer your question: One of the things about this book is that it kept us busy for about a year and a half … How does this dealing with it for one and a half years and putting this book together help self-reflect your position? When you do something every day and are suddenly asked to put it together, do new combinations, new references arise from that? Do the projects, in a way, connect better with one another, after reflecting them through working on a book? That’s a very interesting and difficult question to answer, because there is really not much there as a book – it’s very slim – and that’s eight years worth of work in there. And the actual process of putting it together was the most in- teresting, the most poignant moment for us in terms of reframing the design research that we do. The act of collecting eight years of work, putting it together and then ask yourself ‘how do you think about it?’ and ‘how do you write about it?’ in the context of all the other projects we do as well. As you said – when they sit next to each other, connections start to appear but then, after that point, a lot of people just want to talk about the stuff in the book. It’s not about where you can go now anymore! Now it’s often more about the old projects, like: “Can you tell us a bit about these projects?”. Are you saying the book now limits you more than it gave you the freedom to reflect?

Well, it did, in a way, up until about a year ago when we started doing a whole new body of work. We’re doing this piece of work at the moment called neo-nature, which is an expression but also looking at what envirographic architecture might be, how you might be able to draw architecture out of a positive relationship with the environment. We’re only six months in now, so we don’t really know what it is yet, but it’s a new thing for us anyway.

petitions and competition boards and competitionsheets. And you can’t get anyone else to do anything. That is the big problem we have: we don’t have a research assistant to build a model from a drawing we did. It’s really just Laura and I. But in the end I think it’s really just another way to look at architecture and architectural research.

At the Bartlett School you are in charge of the Post-Graduate Teaching. In an earlier interview you said that you feel that to be a privilege, having When you’re saying that you’re “only six months” students coming into your unit that know quite into it and don’t know where that work might take well what they want to do. And it seems that a lot you, does that reflect a more general attitude you of the student’s work is quite similar to your own. apply to your work? Saying that it’s a process and So the question at hand would be how that teachthat this process is open-ended? Being open to ing influences your practice and vice versa, what what might develop from it? is that nurturing relationship between the two? There is a great book by Dave Hullfish Bailey You are referring to an interview we did for (What’s Left?, Sternberg Press, Berlin, New York, the bldgblog and what we were saying to Geoff 2009; eds.) on the non-linearity of the design (Manaugh; eds.) was that it’s quite a privilege, process. Now, that is something that doesn’t sit being out at the Bartlett, because there are so well with people who want to pay your wages many people passing through and there are so or with people who want to fund you, particu- many good students and great facilities and so larly to do something. Because saying ‘I need on. And it’s good for us as well, because the stusome money for investigating something’ and dents going through are of a fairly high caliber and not having an answer so they test us academito questions like “OK, cally! And I feel that we so how many drawings gain a lot from them acaare you going to do?” – THE ACT OF COLLECTING demically. More than which is a question we we do in design terms. EIGHT YEARS OF WORK WAS get at the Bartlett – or What we do, perhaps THE MOST POIGNANT MOMENT “How many models are more than other peoFOR US IN TERMS OF REFRAyou going to do?” and ple, is to translate ideas MING THE DESIGN RESEARCH “How big are they going into … stuff. So a stuTHAT WE DO. to be?” is really difficult dent may have a fanto mediate. tastic idea about X and What we like to do is you can talk about that to see where the project takes us. We do have a idea really quite freely and then at the end rough idea in the beginning, we do have a sort of of the talk you could say “Well, you could acturesearch question as it were, but we don’t neces- ally do a research topic out of this!” or “Well, sarily know what the best means of assessing that you could design a building from this!”. So design problem are until we actually are confron- I think that translation into design is someted with and have shaped the problem very well. thing that we do very well and that’s probably And that’s about half way through the project. So why with a lot of the stuff of the students the the non-linear process is something we grew to complexity is maybe quite similar to ours. It’s enjoy. And on the one hand it’s quite good, it’s quite rich and full, but each one of these compoexperimental and interesting and inventive and nents in there is a conversation, represents a conwhat not, but on the other hand it’s really quite versation, or maybe even just a series of unrelated a slow process. You are not knocking out com- conversations that have somehow found their


No! God, no! I mean, at the Bartlett, although I show all those juicy images, we are noted at the Bartlett as a Building Unit! Because everything we do has to be reflected in a building. And we are quite veheSo it’s not like what ment about that! You Neil Spiller says in the know, Neil Spiller is WHAT WE LIKE TO DO IS TO foreword to your book really quite interesting that your students are but they don’t do any SEE WHERE THE PROJECT “guinea pigs” to test your buildings in their Unit TAKES US. ideas? at all! In our Unit there is always a set of plans (laughs) I don’t know! and sections at the end What we find at the moment, because we started of it. So with what I said before it’s that you get a doing new work, really new work – as opposed discussion, you get the idea, we then discuss that to the last set of projects where we’ve been wor- it might become ‘stuff’ and then we kind of presking with other people, we are actually doing our sure the students to turn that stuff into a piece 83 own work again now – at the moment we find it of architecture – but it’s probably three or four to be quite interesting, stages up to that point. because we are a part of the Unit. And I’m not You have only recently sure if it’s good or bad. finished an exhibition But we do test things at SCIARC, something out on students, yes. I that we might read as test out a lot of techan exchange of ideas nical stuff; I set them between faculties, interquite difficult technical national even in this problems to deal with. case. Exchange in the See, I run the thesis prosense that something gram, which is the final like this exhibitions does year program, a technisomething very similar cal program at the Bartto what the book did lett, and if someone has for you – it opens up the an idea about something discussion as it takes that has generally to do those ideas of yours out with environmental sciof their environment, ence or about new ways brings new people into of living with various the discussion and thereenvironmental technofore generates new input. logies, I maybe discuss Is this exchange somewith them that their thing that is needed to idea might make an put forth your concepinteresting addition to a particular project that tions of architecture or would the more traditionwe’re working on. al teacher-student-relationship within the Unit suffice to test your ideas? That means that the actual technical requirements to put those designs into reality are not I think it’s important, but I suppose we’re quite being left out? selective about the people that we do speak to. For example Geoff Manaugh is a good friend and, whether you like it or not, when you talk to him,

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way into a model of some sort. But in return, and even if it’s just subconsciously, we get quite a lot from our students … but we probably like to think that we don’t. (laughs)


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you’re bouncing ideas off him and he’s bouncing ted Landscapes. What we are really trying to say, ideas off you. He’s just full of ideas, constantly. I I think, is that there are augmented contexts. mean, he’s lucky, because he never has to turn And so, although we are interested in the natuthem into anything (laughs) – he just needs to ral environment, we are primarily interested in write about them. Well, he came by the house the context within which a piece of architecture some time ago and I cooked him dinner and he sits. That could be an urban project as well and I’d was discussing these ideas for a new project we’re quite like it to be an urban project and so would going to be doing together in Reno and he was Laura but we haven’t had that opportunity yet to talking about some lasers optimizing something do something like that. But we would like to do it. in the sky, the doorbell rang, he went to get the I think there is just as much that we could draw door, than came back and started talking about from the seemingly natural world that is around these diamonds growing somewhere and then us now as we could from sitting in a camp out in he went half way up the countryside – it’s all the stairs and then manufactured! came back down again, talking about something That’s a good point since WHAT WE ARE TRYING TO 84 different again. Well, landscape is not the SAY IS THAT THERE ARE he’s really extraordinary. AUGMENTED CONTEXTS. AFTER same as nature – it’s a He cannot stop. So we ALL IT’S ALL MANUFACTURED! man-made thing, right? enjoy speaking to peoThe very term rural did ple like him! There are not exist before the a couple of people at the term urban. Or before Bartlett we enjoy talthe city, or urbanity as king to and I travel quite we know it today, came a bit, so I get to meet a into existence with the good many other people industrialization at the around the place and turn of the 20th century that is all fantastic! But and so did the rural as its if I’m perfectly honest: counterpart. Would you Laura and I would be say that you are focusdoing this stuff if we ing on the man-made in were unemployed, sitgeneral? ting in our shed and never met anyone! It’d Yes, absolutely! I probably be very diffemean, we have a partirent though, but we’d cular aptitude to what still do it! It’s like a drug, we call landscape in the isn’t it? After all that’s UK. People think that why we’re all here right anything that’s green now, isn’t it? has been like this since the prehistoric times, but actually it’small Your work is concerned to a large part with the farmed, it’s completely manufactured! I have notion of landscape, nature at times. However, with to say we’re not that interested in landscape the world becoming a metropolis today, the urban particularly – the book’s probably really got aspects of planning are ever-growing. How do you the wrong title – but we are interested in the deval with this seemingly anachronistic aspect of natural, or the seemingly natural environment. your work? For example with the work we’re doing at the moment we’re looking at speciation of things Yeah, we get that question a lot. Sometimes that might live on other things or speciation of we wish we had never called the book Augmen- particular types of flora and fauna that might


description of the place, this technique suggests to bring in something very different, like a piece of art, to develop something like a legend on a map that would then be applied to describe the site. There is the element of sincerity and rigor about the site as it is but than what’s being added is the element of imagination, in your projects this Does architecture then, in a scenario like that, might be an implemented nature maybe. Do you become a machine of some sort that harvests the see any similarities between those operations and positive effects of those organisms? your work? exist around an architectural construction. And we’re looking into things like how to force a weather system into a particular piece of architecture. Things like that. So, it’s not necessarily landscape, it’s more about how a piece of architecture relates to its context and vice versa.

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It’s a facilitator rather than machinery. It I don’t know if there is a similarity, but could have a particular use or seemingly seren- we are well aware of Jane’s work and we know dipitous relationship her very well – she’s opwith the environment posite from us in the that surrounds it. I Bartlett building. But I think we’re at a kind of think because we have 85 crux at the moment and WE ARE JUST AS INTERESTED such an emphasis on we are excited about the back end of the arIN CULTURE AS WE ARE IN how we deal with envichitectural project, the TECHNOLOGY. ronmental issues and thing, the drawing, the I think that one of the model, whatever the problems we face is that stuff is; because of that a very environmentally responsive reaction to we see much less importance in tweaking up theclimate change is not very appealing to a lot of front end, like, setting the agenda. And I don’t people. You know, there are reasons as to why know if that’s right or wrong, I’m prepared to be people drive around in big Range Rovers and moved either way, but I think we are just as intethings like that, you know, because it actually rested in culture as we are in technology, as we feels quite good and they look nice and it’s a are in history, you know, and particularly techgood driving experience. So if we’re going to do nology in a lot of projects. And I think perhaps something in architecture to counter that, to we worry a little bit more about where we get our make the world a better place, than we have to context from and then put all our efforts into the come up with something better than the Range actual reflection of that in a built proposal. With Rover. We have to provide an even better experi- Jane it’s weighted the other way, it’s a different ence than the Range Rover. We’re not just selling shape. I mean, it’s interesting in how we look at these things to other architects or architecture problems as, in that regard, we probably do the students saying “Look, these are wonderful sche- same sort of things – but visually rather than texmes!” After all, architects probably make up some tually. It’s difficult to compare the two approa000000000,5 percent of the world’s population. ches, as she is really taking the issue and going So I think we’re trying to make something that’s the other way. But we could perhaps take it from tantalizing and interesting to the general public. there and then do something with it. (laughs) And it is of course an architectural response to Laura and I have talked a lot about our relation that. to people like Jane and we talked to Jane about it as well. And I think the effort that one has to put You mentioned context as a driving force of your in to, for example, do a competition or a series work, which means that the very properties of a of drawings, design a Retreating Village or whaspecific place are of awe importance to the project. tever it is; that effort is just so consuming, it’s Authors like Jane Rendell from the Bartlett have all-consuming really. There is an intensity to it, described site writing as a possible technique to but there is also a sort of mundanity to it, I think identify those properties. Besides a very rigorous – we fool around a lot at work – which makes it


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enjoyable, makes it able to slot into your life… up but actually is quite strategic. You put the eggs I drifted off topic there, didn’t I? on the top and the potatoes at the bottom, don’t you? But it’s all in there! Well, to come back to it: you said that you were actually emphasizing a lot on the actual, the final Let’s talk a bit more about that process of yours. product. Looking at the work, looking at all the Do you take steps back? I mean, with every step drawings that are part of the process that leads that you take, you learn something new about to the final product, one could find that the draw- your project, right? At least that would be nice. ings are the product in themselves, right? They An iterative process would be that you take what are not representational drawings, they are more you’ve learned in the previous step and you go like devices intended to facilitate coming up with and take that step again, only this time with the the final solution, aren’t knowledge that you have they? gained through taking that step the first time. Yes, I see what you OUR PROJECTS ARE PERFECTLY Is that something that mean. It’s the non-linea- BUILDABLE – IF YOU HAD THE you do in your work? 86 rity we already discussed. MONEY AND THE TIME … It’s an interesting quesYes, we tend to do tion, because we sort of it through drawings never leave questions though. Just because of about our work, I supthe nature of how the pose. See, the majority of the work at the Bartlett drawings are constructed, you know, they are all is theoretical, it’s written, you know, and in the done on paper! So you have to do one, and then conclusion about a written work, you kind of sign look at it and do another one, then change a little off with a few questions. Traditionally at least you bit in that and do another one, and another one and sort of reiterate questions at the end of your con- so on. So we construct drawings in that semiotic clusion. But we always have this idea that we do sense, where you change your role from the drawer a piece of work and if someone would say “What to the viewer. With the models, however, we don’t do you mean?”, we’d just show him that particular so much. They are quite different approaches actupiece of work and discuss it. And that’s probably ally. Here we use 3D technologies. With it, we try what I mean by “stuff” or “the finished object”: I to tackle two or three visual conundrums within don’t necessarily mean that it’s finished, but that a project and try to represent them. So they are the argument has, perhaps, expired within that bit presented as questions, which kind of contradicts of work. It doesn’t necessarily mean it’s completely what I said before, but the point is that they are done. And the non-linearity to it, I think, relates two very different tracks that we take. But the to the fact that the drawings ARE instruments! drawing one is definitely an iterative process and And the models ARE instruments to look at the the drawing one also is the one that we always given problem. start with. For example in the book, there is a series of models that are designed to be hand-held. So they And what do you end with? are not just architectural models that are done to sit there and be looked at. Instead, you have to pick We end with some drawings and some models them up; you turn them around, line them up with (laughs) the horizon and so on. And the drawings are not of a particular orthographic. Instead, they might be How about a building? Have you been building yet? drawings that show the development of something through time, but they also show a section through Oh, I’ve built some pretty nasty stuff through a roof detail. So they are devices that embrace all my practice in London, you know, when I worked the different ideas within a project. They are like a as an architect in an office. Those were the dark shopping bag – something that looks a bit jumbled days, let me tell you! (laughs)


Well, at some point you just have to make a living, design research that we want to get done. We I guess?! got various projects set up for at least six months now, so that will keep up busy. Right! And I was really lucky, because I kind of But we have this real project now in Reno, got offered three jobs at different universities in Nevada, (curated by Geoff Manaugh; eds.) which one day. I received three phone calls in quick suc- will be a very large installation, filling a large galcession and I said “Yes!” to all three of them. So lery space. That will be our first large physical after that, for three or four years, I spent most of commission and we are in fact determined for my time on a bike commuting between teachings it to be an architectural intervention, not just at different universities in London. So yeah, I was hanging trinkets or something. And then after really lucky, although it was hard work, very hard that we’ve got another couple of things in the work. Actually, I think it was the hardest I’ve ever pipeline as well. So yes, we’re definitely headed worked. that way, we just don’t know when it’s all finally going to come together. Because it will also mean To come back to your work process: you said that a major change in how we do things, we’d have the final “thing” is not the site or the notions of to start employing people etc., which is a very the site, but the actual object or product, which big step for us. would be the building, right? Is there an attempt to put any of that work into reality and if so, what Because it would have an effect not only on the consequences do you think this might have on the work itself, but also the way how it’s conceived? process that you practice so far? Yes, absolutely! But we are headed that way Well, the shit would definitely hit the fan! and the thing next August will be the first step (laughs) Seriously though: there is definitely an towards that. ambition to do that! We are not yet set up to do it. We both have So if a building is the ultimate goal, could it as well a large teaching load and we also have a lot of be in an urban setting?

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Well, it is no lie that we often talk about doing much more urban competitions, but the limit of time and the pressure of our jobs makes it quite difficult for us to do that. So at some point we’ll just have to choose particular pieces of work that will satisfy the university and satisfy ourselves as well – in the short amount of time that we have. At the moment it’s possible that we’re doing something in Japan, then the thing with Geoff and we’re doing some projects along the river Severn, you know, along Wales. There are proposals to build the world’s largest tidal generator there, using the enormous tidal range of up to 15 meters! And we are going to design some speculative projects for it. mark smout - interview

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So all in all you are not afraid of the confines and restraints of reality? No, not at all! We would quite like that! I mean, all of the things that we design are quite real, you know? The Landmark Projects for example. These are perfectly buildable, if you had the money and the time… Interview conducted by Ortrun Bargholz and Michael Kraus


WAS  HAT  ARCHITEKTUR  NOCH  MIT  BAUEN ZU  TUN? rubrik - titel - autor

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ZweiDrei / Julius Kranefuss


zweidrei medienarchitektur - projekt

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Vor einiger Zeit, ich schätze es war Herbst 2008, habe ich ein Buch eines Stuttgarter Theorie Professors1 gelesen, dessen einleitender Satz mich lange bewegte. Er schreibt „Architektur hat oft nur am Rande etwas mit Bauen zu tun. [...] Im Grunde kommt es noch nicht einmal darauf an.“ Ich fühlte mich sehr angesprochen. Nicht weil mich dieser Satz verwunderte, sondern weil ich erfreut war, dass es jemand einmal so deutlich zu mir sagte. Zu oft habe ich Architektur mehr als eine gebaute Idee verstanden und dann doch versucht, sie in die Realität zu übersetzen und zu bauen. Häufig führt dies zu sehr speziellen Kompromissen, die sich gegenseitig schwächen oder sogar in Frage stellen. Umso erfreuter war ich über den Gedanken, Baukunst und Bauen nicht mehr verbinden zu müssen. Doch bleibt weiterhin die Frage, wie etwas bauen, wenn man A nicht bauen kann was man B nicht bauen muss, da die bloße Idee schon ausreicht. Nicht lange danach sollte ich die Gelegenheit bekommen, mir diese Frage zu beantworten.

Bei dem Projekt handelte es sich um einen temporären Arbeitsraum für eine sechswöchige Versammlung zum Thema „Arbeiten der Zukunft“. Dreißig Teilnehmer aus aller Welt konnten nach einem Bewerbungsverfahren zusammen leben und arbeiten und über neue Formen der Zusammenarbeit philosophieren. Bei Vorab-Workshops zum Entwurf des Arbeitsraumes stellten wir fest, dass ein Arbeiten in Gruppen heute oft noch immer den Regeln des klassischen Großraumbüros mit Arbeitsinseln folgt. Eine höchst rationale Struktur. In der Wahrnehmung wird aber interessanterweise zwar den notwendigsten Möbeln eine Funktion abverlangt, der Raum jedoch sollte vor allem ein Gefühl und eine Emotion

bedienen, während die Funktion als zweitranging bis unwichtig erachtet wird. Zurückgeführt wird dies auf die stetig wachsende Ortsunabhängigkeit des Arbeitsplatzes im Zeitalter der „digital inhabitants“.

„ARCHITEKTUR HAT OFT NUR AM RANDE ETWAS MIT BAUEN ZU TUN. [...] IM GRUNDE KOMMT ES NOCH NICHT EINNMAL DARAUF AN.“ Der Entwurf mit dem Titel White Cube gestaltet den Arbeitsraum durch eine große raumteilende Plastik. Durch das Schneiden eines Würfels, des klassischen „White Cubes“, in drei gleichgroße, zueinander gedrehte Teile, entstanden Einzelräume die fließend ineinandergreifen. Die primäre Funktion der Struktur war es, die Emotionen der Teilnehmer anzusprechen, um auf diese Weise ihre Zugehörigkeit und Produktivität zu steigern. Sekundär gliederte der White Cube den Raum in unterschiedliche Zonen, die sich jeweils in „Privat“ oder „Gruppenzugehörig“ unterteilten. Der Begriff des „White Cubes“ entstammt ursprünglich der musealen Präsentation von Kunst, in diesem Fall verkörpert sie den Leitgedanken des gesamten Camps. Der absolut weiße und leere Raum soll im Museum eine vollkommene Neutralität erzeugen, bei gleichzeitig maximalem Fokus auf die ausgestellten Exponate. Die rauminhärente Idee der vollkommenen Leere und Kontemplation fand unter den Künstlern großen Anklang und wurde schnell als räumliches Subjekt für totale Gestaltungsfreiheit, als sogenannter Kreativraum auch außerhalb der Museen verstanden. Heute, im multimedialen Zeitalter, gilt der „White Cube“ jedoch mangels beitragender Inspiration als kreativitätshemmendes Konzept und Worte wie „Neutralität“ und „Leerraum“ werden eher negativ aufgefasst. Ein Aufbrechen dieser Konventionen ist erforderlich, um den jetzigen Ansprüchen der „digital inhabitants“ gerecht zu werden. Die grundlegende Aussage dazu war es hier, den White Cube als einen Raum zu verstehen, der in seinen Grundzügen die ursprüngliche Idee des Raumes von Kreativität und den größtmöglichen Fokus auf ein zielorientiertes Arbeiten hin repräsentiert,


ALS ZU BEGINN DER VERANSTALTUNG DIE TEILNEHMER ENDLICH DEN FERTIGEN WHITE CUBE BETRATEN, PASSIERTE ETWAS ERSTAUNLICHES. der höher zu sein schien als erwartet. Dieser Identifikationsprozess führte dazu, dass man den irrealen White Cube als Leitmotiv auf die Einladungen zur Abschlusskonferenz setzte und an alle Gäste verschickte. Alleine die Vorstellung, solch ein Raum könnte wirklich existieren, ließ den White Cube nicht mehr wegdenken. Sogar als er unbaubar und zu teuer schien, glaubte jeder daran, den Arbeitsraum doch noch zu realisieren. Als zu Beginn der Veranstaltung die Teilnehmer endlich den fertigen White Cube betraten, passierte etwas Erstaunliches: sie brachen in eine allgemeine, minutenlange Euphorie aus, eigneten sich den Raum sofort an und machten somit den White Cube zu einem besonderen Ereignis.

Die Tatsache, dass der White Cube nur für sieben Wochen existieren sollte, störte mich nie. Ich musste vielmehr an Jean Baudrillards Paradoxon aus Requiem für die Twin Towers denken, worin es heißt: “Nur die namhaften Werke sind [der Zerstörung] würdig, da die Zerstörung eine Ehre ist. Diese Aussage ist nicht so paradox, wie sie klingt, und gibt der Architektur eine grundlegende Frage auf: Darf man nur bauen, was dank seines herausragenden Charakters auch wert wäre, zerstört zu werden? Die meisten Dinge lohnt es nicht zu zerstören oder zu opfern.“ Die Antwort auf meine ursprüngliche Frage war gegeben: Den White Cube zu bauen, haben sich viele gescheut, aber durch seine Existenz wurde er zu einem architektonischen Manifest. de Bruyn, Gerd: Die enzyklopädische Architektur. Zur Reformulierung einer Universalwissenschaft; Reihe Architektur Denken 2, transcript Verlag, Bielefeld, 2008

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zweidrei medienarchitektur - projekt

jedoch mit den Traditionen bricht und metaphorisch den Raum samt seinen Ideen „sprengt“. Der White Cube funktionierte als Bild bereits einige Wochen vor seiner materiellen Existenz. Es handelte sich um eine einfache Animation, die jedoch sehr abstrakt war und somit sehr viel Interpretationsspielraum ließ. Jeder, der das Bild des White Cubes sah, verband etwas Außergewöhnliches damit. Eine Idee von einem Raum,


NUR DIE NAMHAFTEN WERKE SIND [DER ZERSTÖRUNG] WÜRDIG, DA DIE ZERSTÖRUNG EINE EHRE IST.

JEAN BAUDRILLARD

rubrik - titel - autor

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Credits: Daniel Klapsing, Nils Krämer und Julius Kranefuss Fotos: Rosa Merk


Archived Architecture

ARISTIDE ANTONAS

In conversation with HORIZONTE, Antonas explains why an idea doesn´t have to be built to be architecture, but why an architect has to have the proposition to realize his ideas in order to serve his profession and talks about why he is not very much influenced by music and film; how he uses flickr and the Internet in order to conserve image memories and why students should learn how not to learn.

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Of course we ought to read floor plans and sections as a narrative, thinks Greek architect and writer Aristide Antonas. Furthermore we should become aware of architecture as a raconteur – something that can be both written and read. Antonas is associate professor at Volos School of Architecture and the University of Thessaly in Greece. He was co-curator of the Greek Pavilion at Venice Architecture Biennale in 2004 and his works have been nominated for the Mies van der Rohe Prize. Besides his architectural achievements he has written six works of fiction and a number of stage plays. The intensive use of new opportunities provided by the World Wide Web such as Blogs and Websites is representative for his oeuvre. Most of his thoughts and theoretical works have been published in the Internet.


Aristide, why all that? ...That was the question that summed up everything yesterday when we thought about this interview. The final question was: Why? The answer to this question is the work itself. If you say ‘Why that?’, it is over. Maybe you ask because I didn’t manage to convince you that there is a meaning in it. But there always is. We are sure there is and we are here to discuss that. So let us begin with your lecture.(horizonte, 08.06.2010; Anm. d. Red.) Yesterday you started with this little description we wrote about you.

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Yes, I was astonished because you have done a lot of reading to conclude where I wanted to start from.(he laughs) Well, we were intrigued by this ‘description versus construction’, as you called it, because it leads us to the question: Where does architecture start for you? We are already within architecture – there is no beginning. And it is important to leave this question without answer… I was studying philosophy as a post-graduate. I never left the field of an analogy between building and thinking; an analogy that defines a problem: if thinking is already constructing, there is an architecture of constructing the surrounding world. Observing is not a passive experience, it builds this world. Modern sciences often need this hypothesis of the neutral observer with its passive apparatus of recording, or a neutral recording ground. We usually forget how many assumptions we need in order to get a neutral recording. Neutrality itself is a construction. You do not just record things. It is never that simple. So I tried to construct what I was seeing… I started with reshaping things that were considered as given. It was something like an architecture of seeing; it was very close to an elementary theoretical exercise. Then I elaborated structures in order to create small things out of it. In the beginning they seemed to be mere observational results but from another point of view they could already be called buildings. They were

always already conscious actions. They built con- building they represent because your floor plans structions, which were commenting something are not like others. else already. Yes, I am conscious about it in a way. I try to Does it need the physical object of a building in include a multi layered narrative system into the floor plans and sections. And yes, I attach some order to be a statement of architecture? texts to my drawings. I use them to emphasize No. I think that it really doesn’t need that. We some elements of the design or I explain the stratcould test the constructing force of some proposi- egy. There is a long tradition of texts coming along tions. We could think, for example, of philosophers with buildings. I am deeply interested in it. In the as builders – even though their buildings are invis- polemic use of texts during Modernism, for ible. I am trained to understand philosophers as instance, the texts had to be convincing for the performing shapes. Who would not admire the buildings they were proposing, sometimes against unfounded symmetrical schemes of Heidegger1, the the common sense. Or during the so-called postgalactic juxtapositions of Deleuze2 or the sabotaging, modern period of architecture, a text was prounderground labyrinths of Derrida3 ? In my work I vided along with the building, as the official reading of it. The texts then try to form utterances formed parallel projects with designed buildto the buildings. I follow ings. That’s diffi-cult. It A BUILDING CAN BE ANALOall this literature with is never so delicate as great interest. The texts a literal textual construcGOUS TO A TEXT BUT AS claim their own right to tion. A building can be AN ARCHITECT I CANNOT BE the production; it is capanalogous to a text but AS ACCURATE AS THE tivating sometimes. Of I cannot be as accurate PHILOSOPHERS ARE WHEN course buildings and as the philosophers are I PROPOSE BUILDINGS AS drawings have their when I propose buildREADING MATERIAL. own life; they exist even ings as reading matewhen they are cut from rial. The use of language the ideas that made gives a unique concretethem. I never claimed ness and preciseness to propositions; even to their way of being decon- that we have to escape the text in order to replace structed texts form the field and in the same time it with different image languages. It is the oppoperform the action. With building we cannot do site that I want to do: to reinstall the textual that to the same degree. Anyway, we are experi- character in all possible places of a construction encing today a different relation to texts. We do field. My texts, even the most elementary not insist on them so much anymore. We rarely descriptions of the buildings I design, never proreturn to them and we forget them more easily. pose a final answer to questions shaped with the It is a great loss we are facing. We will have less buildings. My designs do not propose simple mesand less time for what was considered important sages. Even if they are used strategically in invisin the recent past. A dramatic change will occur ible wars they are programmed to only function to this tradition that formed the most important in a retardant mode. To paraphrase Derrida: “a achievements of the prior generations. In the building is not a building unless it hides from the same time our image culture may challenge the first comer, from the first glance, the law of its intellectual side of verbal constructions. I find it composition and the rules of its game”. This could urgent to insert fragments of elaborated thinking show ways to re-elaborate the analogy between the text and the building… into the literal use of architecture. But we are under the impression that many of your As a visual language there are certain convenprojects can only be understood after reading the tions of how to read a plan. You said yesterday: description. One cannot say exactly which type of “We use to understand architecture as the distance


between constructed obstacles.” Certainly there are elements that create their own space, but has our understanding of architecture become a little bit old-fashioned?

No. The program forms the meaning in most of the cases. Actually, I also deal with given programs, but only a few propose them to me. I need a little bit more free space than a client can permit sometimes.

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I do not condemn conventions; I try to study them, as much as I can. Therefore I am not sure if Well, sometimes you have to create a desire. That it is a question of fashion. What do we mean when is what advertisement professionals do, right? we use this word? It is again a question of precise- They tell you what you want before you know ness. We always need to you ever wanted it. be more and more precise. Maybe that is the way I said yesterday that my to go for architecture, education was propostoo. Many architectural MY TEXTS, EVEN THE MOST ing architecture as a comicons throughout history ELEMENTARY DESCRIPTIONS plex system of obstacles. OF THE BUILDINGS I DESIGN, appear to be milestones. This is my conclusion And even though some NEVER PROPOSE A FINAL from the Greek educaof these projects were 95 ANSWER. MY DESIGNS DO NOT tion of mine, which was never realised, they can PROPOSE SIMPLE MESSAGES. not bad. Space was probe seen as the first origiposed as a system per se. nal thought of a new The textual function way of how to deal with of the building was not things. a priority. Meaning in an architectural design Sure, but this is an was considered stabieasy way to escape lized out of the archifrom an actual problem. tect’s will; the society, A drawing predetera client and so forth mines a construction. were in charge of this. In Frampton’s4 ModThe architect was an ern Architecture we see invisible mediator in an unbuilt projects occuuncontrollable chain of pying an equal position actions that had to end as the built ones. This is up with a building. Treanot what we would wish; ting meaning could it shows that important show, nevertheless, a decisions to build are main access to archioften not made. Intertecture. Architecture in esting ideas are not built. that sense could be a But architecture’s relamaterial way to form utterances, a difficult exer- tion to reality is an important part of it. An archicise to perform in practice. In practice we have tect is responsible for traces. He is in charge of an strict requirements to meaning. That is why I do idiosyncratic trace-mechanism, addressed to what not build so much… I find it more interesting to we call reality. Using different types of knowledge, approach architecture as a text or a script. I am an architect describes something that is to be built, working for reading architecture. Reading, writ- a built trace. Even when proposing an immateing, describing or de-scripting all concern the rial situation, an architect can only act with same work for a visitor and an architect. tracing. Describing projections to the future… If I lose the promise to one day realize one of those So do you feel, then, that the meaning in your traces, the promise of an actual building, I am designs is more important than the program? not an architect any longer –I will not work with


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Images counter-clockwise from top left:  – Transparent Cells, TU Delft Configuring the contemporary condition for a School of Architecture  – Bus Hotel A two-level bus is transformed into a moving seven-bed hotel  – The Real Fake House 1 also known as the Fixed Timber Residence


a certain family tradition. My parents are architects. I was brought up in architecture. Aldo Van Eyck7, George Candilis8, John Habraken9, the Smithsons10 were visiting us in Athens. My parents’ work is mentioned by Tzonis and Lefaivre11 That’s interesting as this as an example of “Critiseems to be a particularI DO NOT CONDEMN cal Regionalism”. Archiity in architecture; That CONVENTIONS; I TRY TO STUDY tecture was always my examples from history, physical environment; THEM AS MUCH AS I CAN. both built and unbuilt, however, I was equally are treated equally. For attracted to the exotic instance Boullée5 ! One elements that were not of the greatest suggestive architectural thinkers, included in this environment. From the beginbut he never built anything. Or take Mies van der ning I was intrigued by a negation. I follow the Rohe’s land house in brick for instance. There work of many architects with great expectation 98 are not more than two drawings that exist but of course. It happens that I admire fragments of the building is treated as a genuine part of archi- their works; a part of a living room, a window, a tectural history. And it is funny that architecture terrace or a corridor in this or another project. assumes both fields, even though, like you said, the But for me, architecture cannot be isolated from a architect still has the ultimate goal to build. more general take on space. It can be read everywhere and at the same time it is confronted with Drawings can still perform propositions; major social schemes. they can prepare future architectures at least… (pauses) Could you name one of these non-architectural things that influence you, like film or music etc.? Let’s talk a bit about your education as an architect: Who has influenced you and how did your It has rarely been music. It would have been approach change since school? the structure of it, John Cage12, for instance. It is rare that it was an image of a film too. NorTalking about drawings, I am very interested mally, there are some unimportant things that in the architecture of Jean-Jacques Lequeu6 claim a right to enter my personal collection. I whose narrative character is more evident attribute to the pieces I find an importance they than Boullée’s that you mentioned; but if I obviously do not deserve. I like to do that. These had to pinpoint what influenced me in archi- things I am observing can be transformed into tecture I would not necessarily think of buil- something everybody would understand. Or dings or spaces that are they ask for an indesigned by architects. The pendent treatment post situationist tradias if they are already tion that relates archiSEEING THE WORLD IS monuments of a sort. tecture to art practices is It is difficult to reALREADY A CREATION. AND very important to me. ANY CONSTRUCTION IS A KIND fer to them because Also, the way how I persometimes they are OF SEEING. ceive simple things inclnot even named. I udes their architectonic observe them and I value. I cannot easily evoke them as influences distort them at the same time, to create out of but if I have to, these will be my most stable ones. them a relation to real and serious matters. So Things that are important to me do not belong to they are already in a state of becoming something the formed, official architectural canon. I, myself, different than what they seem to be. A part of a belong to a traditional architectural culture and to roof seen from a tall building may be transformed

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SketchUp or cast a model or draw in AutoCAD. I will not think about the dimensions of a column – I will not do all this. Without the restrictions and the imperatives of reality, I would be different.


to become the façade of a bank. A bus stop may be reconstructed as a multi storey narrow vacation building. Or a keg vehicle may be an apartment. I can never approach the excellence of my finds. But the transformations make it easier for other people to pay attention to them. As I cannot even name the categories in which they belong, my involvement with them is purely observational, if such a thing exists. I am the reader of the finds, this is often my only job; but reading is a work of distortion. So you are creating your own image memory?

You can find this argument in many philosophical observations. It’s almost banal. But when it gets practical, when you have to construct something literally, this relation between the world and us becomes confusing. Seeing the world is already a creation. And any construction is a kind of seeing. Besides your work as an architect, you are a writer. Another guest of ours, Didier Faustino, stated that “Only fiction can save the world.” Would you agree to him or is the writing already the fictional side of architecture?

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All of us do that. A Already, the world is selection of my memfiction. If that’s the case, ory can be seen on Didier is very optimistic, 99 Flickr13. The archived because the world would I CANNOT DISTINGUISH image memory is always be already saved WHAT I SEE FROM ITS much more extended by definition. The quesPOSSIBLE DISTORTION. than that. Practically tion would be for me: unusable (laughs) …It What kind of fiction do is impossible to elabowe have to perform with rate everything. But architecture? It is an ethisome of the entries get more important when I cal and political question. A personal grammar or remember them; then I have to return to them. an idiosyncratic way of practicing architecture is not the task. How can we construct a particuSo it is literally an archive of possible transfor- lar area of fiction that could be architectonic in mations? a political sense? This is the kind of questions I ask myself. Yeah, that’s a possible description. But there is a transformation already during the collection. In an interview you gave for the biennale about I cannot distinguish the Internet’s and the what I see from its posNew Media’s influence on sible distortion. I also design, you claimed that have to accept that THE CHALLENGE IS TO NEVER it was not as much as within that archive the many people think. LookLEARN. TO RESIST WHAT WE image is not as imporing at your personal work HAVE LEARNED. tant as the object or though, it seems to be linkthe material that is obed to the Internet a lot. served. Anyway, this How important is it for enters the kitchen of yourself and what do you my personal way of working; it is too personal to think you would be doing in a world without be proposed as a general strategy to follow. Internet? But it falls under the more general notion of the objects looking at us while we are looking at them, doesn’t it?

I do not know what I would be doing without Internet. And I don’t recall the frame in which I was proposing this idea. Maybe it has to do with a double strategy that may concern the Internet in its relation to architecture. I consider archi-


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tecture in two different ways in reference to the a change in whatever we could understand as Internet. The most obvious Internet architecture original. We run a particular period in the hishas to do with the Second Life rationale: how to tory of originality. Even outside of the Internet design buildings without gravity, in an Internet we are already in a special relationship to this sphere where a user can fly or walk under water, archived field that determines our present. We on the sea bed. In the same rationale, we could are never out of the archive. We are less and less meet in a Facebook-like 3D-animation labyrinth; un-archived. strange places would construct ourselves. ComIn this second architecture of the Internet, the munities are organized world is conceived as a around invisible squares residue of the Internet. or digital chat rooms. I am very interested in This first Internet archiTRANSFORMING THE RESIDUE investigating this field, tecture is prepared in while keeping a disOF EMPIRICAL CONCEPTS OF order to host illusions of SPACE INTO AN OPEN QUESTION tance from the banalimeeting places. A huge IS AN EXCITING COMMITMENT. ties of ecology. We are research field is opened out of an archive of data 100 and I think we will keep that can replace given receiving an abundance forms of sociality and of answers to those traditional experiences questions soon. A whole of space. Outside this culture of answering fake space the civilized those questions is being world is represented in prepared. a new imaginary conThe second archistruction already. Earth tecture of the Internet, or our real homes now which I am more interform a kind of military ested in, focuses on a basis that we use in order kind of threshold beto get elsewhere: the old tween this world and empirical concept of the other. The space we space is proposed today knew before the Interas a function of residue. net is getting transTransforming this resiformed to a threshold. due into an open quesTreating pace as a threstion is an exciting comhold to the Internet is mitment. We stand on a strong decision. Litearth in our homes as eral architecture would then be conceived as a if being outside: out of the ruins of the Internet preli-minary field lying in front of some Internet archive; expecting to enter back into them… An archived experiences of the community and its attitude of expecting characterizes the inhabitspaces. Between the archived and the so-called ants of this live archive. An intervention in this original world – which takes on strange shapes threshold is the most intriguing part in a discussince the Internet– architecture is asked to per- sion about architecture and the Internet today. form an auxiliary work. Living in the conscious- How to stand in this distorted material world; ness of fake environments constructed strong ready to return again and again into this stable representations of what the true environment archived life. This matter is more interesting to me might be. I am very suspicious about these rep- than the execution of an impressive 3d generated resentations. The Internet culture grows and space that tries in vain to imitate exaggerated digithe originality of this world becomes different. tal representations. This planet will still be human We may believe no more in any unique original as long as it necessarily stays cursed to the obligacharacter of the world but we already observe tions of gravity; its human inhabitants will never


How do you think the fact that the Internet is a worldwide thing and therefore the common image memory grows more and more together changes the face of architecture? Which used to rely a lot on cultural identities…? That is difficult to answer. What we have considered a region in the past, a physical region, will not be exactly the same if we talk over the Internet. Different regions are already organized in the Internet. We are together now because we belong to the same region; maybe without even knowing it. … Facebook?! Yeah, the Internet is not a global homogenous flat desert. It creates nesting areas and particular platforms with rules. Different mappings could describe this new land. One final question we always ask: What piece of advice would you give to students or recent graduates today? I would propose that we all stay open to whatever is considered finished. Learning is a procedure of finishing with things, getting rid of them. If I know something, I stop posing questions about it. I think the challenge is to never learn. To resist what we have learned. Furthermore: we have to learn how not to learn. This could be the higher level of what a university can provide; we cannot do this without knowing anything. We have to control a cognitive field in order to start resisting it. This conscious destabilization is a refusal of what is given. Everything seems unstable and vulnerable from this point of view. And our responsibility to the things, to reality is then decisive.

Interview conducted by Christine Dörner, Michael Kraus and Simon Scheithauer Martin Heidegger (1889-1976) was a German philosopher. As a phenomenologist, he became one of the most influential thinkers of the 20th century, though some of his theses remain subjects of question. In his analysis of the history of occidental philosophy he concludes that most concepts up until then were drawn by a strictly metaphysical approach, ultimately leading to technology, which, according to Heidegger, would also change our perception of the world by shifting focus to its usability. As a counterpart, Heidegger discusses art as an alternative model.

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2 Gilles Deleuze (1925-1995) was a French philosopher. As opposed to Platon, Deleuze suggested a totality of the universe, in which every realization is a nexus of virtualities. His most important works are the two books of Capitalism and Schizophrenia, critiques of both the psychoanalysis of Freud and the rationalism of Hegel, arguing for what he called nomadic science. His eclectic way of writing and combination of different cultural areas make Deleuze an equal resource to many fields of the humanities. 3 Jacques Derrida (1930-2004) was a French philosopher and the founder and leading thinker of Deconstructivism, a notion related to Heidegger’s destruction of metaphysics and its possible reconfiguration. In that sense, Deconstructivism implies an interrelation of destruction and new construction. With the 1988 MoMA exhibition Deconstructivist Architecture, curated by Philip Johnson, Derrida’s concepts became important for architecture, though the connection between Derrida and Peter Eisenman ended in a fight and the relation between the philosophical and architectural Deconstructivism is now being reduced to the name. 4 Frampton, Kenneth: Modern Architecture. A Critical History. 4th edition. Thames & Hudson, London 2007 5 Étienne-Louis Boullée (1728-1799) was a French architect whose mainly speculative work belongs to the era of French Revolutionary Architecture, a variation of Neoclassical Architecture dominated by utopian designs. Boullée’s designs include the Cenotaph for Newton and the National Library. He became influential to many generations of architects to follow. Peter Greenaway’s film The Belly of an Architect (1987) in which the American architect Stourley Kracklite creates an exhibition of Boullée’s work in Rome is homage to the fascinating power of his designs. 6 Jean-Jacques Lequeu (1757-1826) was a French architect and theorist. An important representative of the French Revolutionary Architecture, Lequeu applied the concept of an architecture parlante, one of the features of that style, in a very direct interpretation, a blatant approach in which designs are intended to directly express their use. One of Lequeu’s best known designs is a cow barn in the shape of a cow.

7 Aldo van Ejck (1918-1999) was a Dutch architect. He graduated from the ETH Zurich and taught at the Amsterdam Academy of Architecture as well as TU Delft School of Architecture. Van Ejck is an important protagonist of Structuralism in Architecture, a concept that questioned the prevailing Rationalism of the time as inhuman. In 1954, van Ejck was co founder of the influential architecture group Team 10. One of his most important designs is the Orphanage in Amsterdam.

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have the powers of flying, diving for unlimited time or teleporting. The planet is transformed to this strange residue of human imagination. I am very fond of this description. This is an already visible post apocalyptic reading of Earth. What kind of architecture would we be doing in this desert? I try to pose the question. If the Internet is important it is not because it is somehow shaped in my work but rather because it implies this particular stay; out of the Internet we encounter a different world.


8 George Candilis (1913-1995) was a French architect of Greek descent. He worked with Le Corbusier in 1945 and founded his own practice in 1954. Candilis was one of the members of Team 10, or Team X, a group that from 1953 on criticized the Rationalism of the CIAM and is named after the tenth CIAM conference, held under their leadership. Candilis’ most notable project is the Main building for the Humanities Section at FU Berlin. 9 John Habraken (born 1928) is a Dutch architect and protagonist of Pluralistic Architecture, a tendency in Structuralism founded by him and dealing with the idea of participatory planning as proposed in his seminal book Supports, an Alternative to Mass Housing. Habraken suggests involving inhabitants in the design of their house by separating between the structure of a building and its interior fit-out. From his credo:

Study the field as a living organism/ It has no form, but it has structure/ Find its structure and form will come. See also the article on

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102 Walter Segal in this Journal.

10 The Smithsons: Allison (1928-1993) and Peter (19232003) Smithson were British architects, lecturers and theorists and members of Team 10. The Smithsons are the founders of New Brutalism, a form of Structuralism dominated by the use of béton brut and geometrical shapes, though the Smithson’s approach deals more with a critique and reform of CIAM than concerns about form or materiality. Their school in Hunstanton is regarded as its first example. Their best known and also most controversial project is the Social Housing Complex Robin Hood Gardens in London

Lefaivre, Liane; Tzonis, Alexander: The grid and the pathway. An introduction to the work of Dimitris and Suzana Antonakakis; in: Architecture in Greece 15 (1981), Athens 11

John Cage (1912-1992) was an American composer and artist who is regarded as one of the most influential composers of the 20th century. Befriended with Marcel Duchamp and living with the dancer Merce Cunningham and the painter Robert Rauschenberg, he was also an important protagonist of performance art and improvisational music. Cage developed his own art as a form of music about music and text about text. His famous piece 4’33’’ is completely silent with variable length and number of artists and instruments. 12

http://www.flickr.com/photos/antonas/

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Die nächste Ausgabe von

HORIZONTE

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April

ZUM THEMA: „ReDefinition – Architektur auf der Suche nach neuen Wegen“

HORIZONTE - Journal for Architectural Discourse No.2 – How to Architecture?  

„Die Architekten, denen es nicht gelingt, eine theoretische Perspektive ihrer Arbeit zu formulieren, sterben jung, verlieren ihre Entwicklun...

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