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HKB-Zeitung

Thema: Science / Fiction – Retro / Future 5 Träumen Androiden von elektrischen Schafen? von Marcus Hudritsch   6 «In Blade Runner hat der Kapitalismus die Menschheit überlebt.»  Interview mit Kathleen Bühler und Benedikt Eppenberger 8

Rachael sagt nicht Nein von Roland Fischer

10 Träumen Analog-Synthis von klassischer Orchestermusik? von Michael Harenberg 11 Do All Androids Dream of Killing Us in Our Sleep? von Eugen Pfister 12 Was macht den Menschen zum Menschen? von Sibylle Heim und Fabiana Senkpiel

N°1/2019 Hochschule der Künste Bern HKB

März — Mai 2019 4 × jährlich

HKB aktuell | Agenda 13 Climate Fiction und Science Reality von Jonas Christen

17 Das HKB-Highlight im Frühling: Museumsnacht an der HKB

20 HKB-Agenda: März – Mai 2019

14 Haiku-Kanon zu Blade Runner von Ariana Emminghaus

18 Ausgezeichnet! Interview mit Felicitas Erb

15 Stellungnahme Macht Virtual Reality Science-Fiction-Träume wahr? von Dominik Landwehr

19 N  eu an der HKB HKB-Absolvent im Fokus: Florin Gstöhl Zu Gast: Eberhard Seifert

23 Der Masterstudiengang Contemporary Arts Practice stellt sich vor 24 Schaufenster – Arbeiten aus der HKB


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EDITORIAL

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1982 war ich knapp 20. No future! erklang es in den jugendbewegten Gassen auch in Bern. Ein sarkastischer Slogan, ein punkiger Aufbruch. Das war vor 37 Jahren. Es gab kein Internet, kein Mobiltelefon, keine Virtual Reality. Aber der Kalte Krieg, die in Europa stationierten Atomraketen, die Umweltzerstörung, der weltweit grassierende Hunger liessen die Zukunft auch so düster erscheinen. 1982 erschien Blade Runner, ein Film, dessen fiktive Gegenwart im Jahr 2019, also 37 Jahre später spielt. Der Rückblick auf diesen ScienceFiction-Klassiker entpuppt sich als eine höchst aktuelle Diskussion. Wo stehen wir – 200 Jahre nach Erscheinen von Mary Shelleys Frankenstein, 37 Jahre nach Blade Runner – heute? Die Digitalisierung, die rasante Entwicklung von Robotern und künstlicher Intelligenz nehmen unseren Alltag in Beschlag. Und dennoch scheint es, als wären die grossen Fragen immer noch weitgehend unbeantwortet: Was ist Mensch, was ist Maschine? Welche Rolle wollen wir Computern zugestehen? Dürfen Replikant*innen Gefühle haben? Müssen wir Replikanten genderneutral schreiben? 37 Jahre Blade Runner haben wir zum Anlass genommen, über diesen epochalen Film und die darin angelegten Fragen zu reflektieren. Lesen Sie in dieser HKB-Zeitung, wie der Film, film-historisch, sein ästhetisches Set-up, seine Musik aus heutiger Sicht zu bewerten sind. Es geht um das Verhältnis zwischen Science und Fiction, um, wenn man es so sagen kann, Wissenschaft und Kunst. Wir haben Expert*innen befragt und schreiben lassen, wie sie Blade Runner heute sehen. Und was sie zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft denken. Quotes aus dem Film begleiten die Illustrationen dieser Zeitung. Blade Runner ist zugleich Anlass der Museumsnacht 2019. Am 22. März reinszenieren wir am HKB-Standort Fellerstrasse 11 den Sci-Fi-Film, um Ihnen dabei in einer anregenden und erlebnisreichen Umgebung aktuelle Themen und Projekte der HKB-Forschung näherzubringen. Wir freuen uns, wenn Sie uns am 22. März an der Fellerstrasse besuchen kommen.

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Liebe Leser*innen

Mit besten Grüssen Christian Pauli, Leiter Redaktion HKB-Zeitung

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Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Diese Frage bezieht sich nicht auf die Psyche von AndroidSmartphone-Besitzer*innen, sondern ist der Titel des Buches von Philip K. Dick aus dem Jahr 1968 und die Grundlage, auf welcher der Science-Fiction-Film Blade Runner basiert. Dick war mit seiner pessimistischen Zukunftsvision seiner Zeit voraus.

Echt oder künstlich Ein Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch Blade Runner und auch durch seinen Fortsetzungsfilm Blade Runner 2049 zieht, ist die Frage nach dem Echten und dem Künstlichen. Im Grundplot beider Filme ist die Suche nach sogenannten Replikant*innen, sehr menschenähnlichen Robotern, die als Sklaven und Krieger eingesetzt werden. Die Spannung entsteht, weil man nie wirklich weiss, wer ein*e Replikant*in ist und wer nicht, und weil die vermeintlichen Replikant*innen meist mehr Gefühle zeigen als ihre menschlichen Jäger*innen. Nicht mal Ridley Scott ist sich mit seinem Hauptdarsteller Harrison Ford einig, ob die Hauptfigur Deckard ein Replikant ist oder nicht. Auch wenn wir dieses Mass an Ähnlichkeit bei den heutigen, neusten Robotern noch nicht erreicht haben, so sind zumindest deren Bewegungsmöglichkeiten nicht mehr weit davon entfernt. Es geht um die Frage, wie wir uns gegenüber künstlichen Menschen verhalten sollen. Diese Frage grenzt wahrscheinlich für manche*n schon an Blasphemie. Aber wir dürfen uns nichts vormachen, die Replikant*innen aus Blade Runner sind nicht mehr weit entfernt. IBM hat Mitte 2018 seinen Project Debater vorgestellt,

ein KI-System (KI für künstliche Intelligenz), das mit einem Menschen über Sprache debattieren kann. Für die meisten wirkt es erschreckend, mit welch optimistischer Einstellung die Japaner*innen die humanoiden Roboter weiterentwickeln. Sie scheinen keine Zweifel zu hegen, dass in Zukunft die Mensch-Roboter-Interaktion etwas Positives sein wird.

Virtuelle Realität Im zweiten Blade-Runner-Film aus dem Jahr 2017 wird die Frage nach dem Künstlichen auf die virtuelle Freundin der Hauptfigur K. ausgedehnt. K. ist selber ein Replikant und lebt mit seiner holografisch projizierten Freundin Joy zusammen. Eine holografische Projektion ist allerdings keine Zukunftsvision mehr, sondern heute mit Augmented Reality (AR) oder Virtual Reality (VR) bereits möglich. Mit einer AR-Brille (z.B. einer HoloLens-Brille) können wir uns 3-D-Objekte in unseren Raum projizieren lassen, sodass wir meinen, sie seien wirklich da. Mit einer VR-Brille (z.B. einer HTCVive-Brille) können wir, in Abhängigkeit der Kopflage, Bilder so produzieren lassen, dass wir uns an einen virtuellen Ort versetzt fühlen. Es spielt dabei keine Rolle, ob das Projizierte realistisch oder abstrakt ist. Durch die schnelle und lageabhängige Projektion wird unser Auge bzw. die Verarbeitung im Hirn so getäuscht, dass wir es unbewusst als «wahr» nehmen. Natürlich sind diese Brillen heute noch sehr klobig, aber dies wird sich in naher Zukunft verbessern. Bald werden wir diese Funktionalität in normalen Alltagsbrillen einbauen oder vielleicht sogar direkt ins Auge implantieren können. Man kann VR auch als maximales Bildgebungsverfahren bezeichnen, mit dem wir uns künstliche Wirklichkeit (eben VR) vorgaukeln können. Wir wissen heute noch nicht, wie wir AR und VR in Zukunft einsetzen und welche Art von Geschichten wir erzählen bzw. erleben können werden, wenn wir uns an einem virtuellen Ort befinden. Im Laufe der Geschichte von Blade Runner 2049 befreit K. seine Freundin Joy von ihrem Projektor, damit er sie mitnehmen kann. Diese Befreiung von künstlichen Wesen von ihren Schöpfer*innen ist der rote Faden durch den zweiten Blade-Runner-Film. Der erste Blade-Runner-Film lief 1982 an der Kasse schlecht, weil er gleichzeitig mit E.T. the Extra-Terrestrial im Programm war und weil die Geschichte für die Massen wahrscheinlich zu sperrig war. Filmen ohne klares Happy End oder ohne klare Einteilung in Gut und Böse bleibt der schnelle Erfolg meist verwehrt. Über die Jahre hat man allerdings erkannt, wie einzigartig die Ästhetik ist und dass der Film viel mehr Fragen stellt als beantwortet. Vordergründig stellt der Film Fragen, wer ein*e Replikant*in ist oder wie ich das Künstliche erkenne, und vielleicht auch, ob das Künstliche falsch ist. Im Hintergrund lauert aber immer die Frage, was eigentlich menschlich ist und wo unsere Empathie geblieben ist gegenüber dem*der Anderen, egal ob diese*r Mensch oder Roboter ist.

* Marcus Hudritsch ist Professor für Bildverarbeitung und Computergrafik im Informatikstudiengang der Berner Fachhochschule BFH.

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Es gibt wenige zeitlose Science-Fiction-Filme, die mit Würde altern. Meist wirken sie schon nach zehn Jahren eher peinlich und verschwinden deshalb in den Archiven. Noch seltener sind Beispiele dieses Genres, die man nach 30 Jahren renoviert und digitalisiert, um sie wieder im Heimkino erleben zu können. Wenn dann sogar noch das fiktive Jahr eines solchen Films eingetroffen ist, dann ergibt sich die seltene Gelegenheit, die Prophezeiungen des Films mit der Realität zu vergleichen. 2001 konnten wir dies mit 2001: A Space Odyssey machen, dem SF-Film schlechthin von Stanley Kubrick. Der Film wurde 1968 noch vor der Mondlandung gedreht und ist bis heute ein audiovisueller Meilenstein der Filmgeschichte. Viele der technologischen, ästhetischen und optimistischen Prophezeiungen im Film sind eingetroffen. Heute, im Jahr 2019, spielt Blade Runner von Ridley Scott aus dem Jahr 1982. Auch dieser Film ist bis heute stilprägend und wurde 2007 digitalisiert und mit dem Final Cut in die endgültige Version gebracht. Irgendetwas Schlimmes muss aber mit der Menschheit zwischen 1968 und 1982 passiert sein, denn das Zukunftsbild, das in diesem Film gezeichnet wurde, ist nicht mehr hell und optimistisch, sondern sehr düster und pessimistisch. Der Cyberpunk, wie dessen Ästhetik fortan genannt wurde, prägte bis heute viele Filme, Games und Comics. Im Film ist es immer dunkel und es regnet andauernd. Hell sind nur die riesigen Leuchtreklamen der Grossstadt, wo die Natur abhandengekommen ist. Der Film entstand in der Endphase des Kalten Krieges, als das Schreckensszenario eines Nuklearkrieges die Menschheit bedrohte.

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von Marcus Hudritsch*

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«In Blade Runner hat der Kapitalismus die Menschheit überlebt.»

INTERVIEW Christian Pauli und Peter Kraut

Blade Runner ist einer der grossen Science-Fiction-Entwürfe – ein künstlerisches Referenzwerk, nicht nur für den Film. Kathleen Bühler, Kuratorin Gegenwartskunst im Kunstmuseum Bern, und Benedikt Eppenberger, Redaktor Film & Serien bei SRF, erklären, was der Film für sie bedeutet: 1982, als er erschien. Und 2019, in dem Jahr, in dem der Film spielt.

Dystopie. In Blade Runner werden menschliche Identitäten konstruiert und infrage gestellt. Kein Wunder, wird er als einer der ersten grossen postmodernen Filme gehandelt.

Bitte erzählt uns zunächst, wer ihr seid und was ihr macht. Benedikt Eppenberger Von Haus aus bin ich Historiker; seit 2004 kaufe ich für das Schweizer Fernsehen Filme und Serien ein. Nebenan arbeite ich als Comiczeichner und habe filmhistorische Bücher publiziert. Seit ich gehen und reden kann, interessiere ich mich für den Film und auch für das Fernsehen. Blade Runner ist für mich ein Markstein: einer der ersten Erwachsenenfilme, die ich im Kino schauen ging. Kino wurde für mich damals zum Welterklärungsmodell. Diese exklusive Rolle hat das Kino aber mittlerweile verloren.

«Blade Runner wird als einer der ersten grossen postmodernen Filme gehandelt.» Ist Blade Runner Fantasy, Science-Fiction oder ein Politfilm?

«Kino war damals ein Welterklärungsmodell. Diese exklusive Rolle hat das Kino verloren.»

KB Alles zusammen. BE Blade Runner ist vor allem ein hochromantischer Film. Er spielt mit romantischen Figuren, dem tragischen Helden, ist wie Mary Shelley in ihrem Frankenstein fasziniert von den Nachtseiten der Aufklärung und Wissenschaft. Und der Film ist ein Markstein des postmodernen Kinos. Ein früher Höhepunkt jener popkulturellen Entwicklung, in deren Verlauf Figuren und Themen – in unserem Falle jene des fantastischen Genrefilms – die Hochkunst infiltrierten. Vampire, Zombies, Roboter, Biker, Mad Max, das waren unsere Punks, die aus dem Untergrund hochkrochen und dem etablierten Autorenkino den Krieg erklärten.

Kathleen Bühler Du hast mit einem schöneren Film begonnen. Bei mir war’s: Conan, der Barbar. BE Wow, das ist aber interessant. Ich habe nämlich etwas mitgenommen. (Zeigt ein Exemplar der Zeitschrift Cinema.) Das war meine Fachlektüre in der Zeit. 1981 kam diese Nummer heraus, mit Conan auf der Titelseite und innen eine Vorschau auf Blade Runner. Der Film hiess damals übrigens auf Deutsch Der Aufstand der Antimenschen. Wir haben hier eine interessante Vermischung von Fantasy und Science-Fiction. Das sind zwei Genres, die ineinandergeschoben wurden. KB Blade Runner steht einzigartig da, es ist ein Meisterwerk. Zwar habe ich mir auch Blade Runner 2049 angesehen, die zweite Version aus dem Jahre 2017, glaube jedoch nicht, dass diesem Film Ähnliches widerfahren wird. Ich war übrigens nie ein Science-Fiction-Fan, sondern stehe eher auf Fantasy. Doch im Grunde geht es in beiden Genres um dasselbe. Dank der ästhetischen Verfremdung ist eine Aussage zur Realität respektive zur Gegenwart möglich. Vielleicht kommen hier auch noch Genderdifferenzen zum Zuge: Mädchen stehen eher auf Schlösser, Prinzen und Fantasy, während Jungs sich eher für Technik und Fiktion interessieren?

Deckard als eine popkulturelle Figur? BE Unbedingt. KB Derweil Rachael, die Frau in Blade Runner, von unerreichter Schönheit und Eleganz ist, eine Art-déco-Inszenierung einer klassischen femme fatale. Mich erinnert das an das ästhetisch aufgeladene Rollenspiel von Roxy Music oder David Bowie zu der Zeit. Popkultur im besten Sinne: Revolte, Neuland und trotzdem kommerzieller Erfolg. BW Dabei muss man sagen: Zunächst war der Film ein Flop. KB Erst mit dem Director’s Cut 1992 und dem Videoverleih wurde Blade Runner zum grossen Erfolg. Blade Runner stellt Fragen nach der menschlichen Identität und ist damit immer noch hochaktuell. Was erzählt uns der Film heute, im Unterschied zum Erscheinungsjahr 1982?

Da sind wir ja schon mitten in den Themen ... aber Kathleen, bitte sage uns auch noch, wer du bist? KB Ich bin auch mit dem Fernsehen aufgewachsen und mit dem Film sozialisiert worden. Wenn mich meine Eltern ins Bett schickten, wusste ich, dass nun die richtig interessanten Filme am Fernsehen gezeigt werden wie Pasolini, Fassbinder oder Bergman. Dann besuchte ich den ersten Jahrgang im Studium Filmwissenschaften in Zürich, bei Christine Noll Brinkmann. Denn in der Kunstgeschichte hatten nur wenige Kompetenzen im Umgang mit Bewegtbildern. Dabei ist Film heute das Erzählmedium.

«Film ist heute das Erzählmedium.» Filmtechniken wie Zoom oder Montage haben andere Disziplinen, ja sogar die Literatur beeinflusst. Heute frage ich mich: Was sind die gemeinsamen Bezugspunkte? Sind das vielleicht Fernsehserien? 6

Kommen wir zu Blade Runner und der überraschenden Tatsache, dass der Film 2019 spielt. Ein Zeitsprung ... KB … was offenbar einen banalen Grund hatte. Der Film sollte ursprünglich 2020 spielen. Dieses Jahr hat man dann aber verworfen, weil es anders besetzt war. BE Interessant ist, dass Blade Runner sich in einer Art Möbiusschlaufe befindet, wo der lineare Zeitverlauf aufgehoben scheint.

«Blade Runner befindet sich in einer Art Möbiusschlaufe.» Seinen Ausgang nimmt Blade Runner beim film noir der 1940er-Jahre, der fiktionale Entwurf aber geht in eine 40-jährige Zukunft. Der Film ist also mittendrin, wie in Schwebe. Blade Runner hat aber auch etwas Prophetisches:

Der 1982 noch omnipräsente Ost-West-Konflikt findet nicht mehr statt, staatliche Strukturen sind fast verschwunden, die Welt wird von Konzernen regiert – ein Szenario, das 1982 eigentlich undenkbar war. Konfrontiert wird im Film-L.A. von 2019 auch das reaktionäre, weisse, männliche Rollenmodell durch verschiedene starke Frauen – die allesamt Maschinen sind. Während Blade Runner so Aspekte des heutigen Genderdiskurses vorwegnimmt, scheint er aber bei der Race-Frage blind. Im Film-L.A. von 2019 fehlen Schwarze fast völlig. KB Es gibt eine andere Theorie, wonach die Schwarzen mit den Sklaven im Film durchaus vorhanden sind. Interessant ist in dieser Hinsicht Deckards (Anmerkung: Harrison Ford spielt Deckard) Gegenspieler Roy (Rutger Hauer), der blond, blauäugig, weiss und ein Sklave ist. In diesem Film gibt es viele Brechungen, wie etwa die Kakofonie der Zeichen im Strassenbild oder die Montagen in der Architektur, eine Mischung aus Utopie und

KB Was macht dich, was macht mich zum Menschen? Was ist Menschlichkeit? Wie werden Menschen dehumanisiert? Können Maschinen die besseren Menschen sein? Was darf man machen mit Maschinen? Es ist ein moralischer Diskurs. Ist es der gleiche Diskurs wie 1982? BE Der Maschinendiskurs im Film war ja schon da. Mit 2001: A Space Odyssey setzte Stanley Kubrick das Thema 1968 als grosse Filmerzählung in die Welt. Oder Der Golem von 1920, Metropolis 1927, Frankenstein 1930 –  das Thema ist schon ewig im Kino. Ridley Scott hat sich übrigens in der Gesellschaftsanalyse auch von Kubricks Clockwork Orange inspirieren lassen. Aus heutiger Sicht kann man sagen: Blade Runner ist eine immer noch sehr aktuelle Analyse. Nicht der totalitäre Staat steht im Vordergrund wie etwa bei Brazil, der drei Jahre später erschien, sondern die Menschen sind vereinzelt, sie leben isoliert in


KB Wie alle Mainstream-Filme konstruiert auch Blade Runner Frauenbilder, die Sehnsüchte verkörpern. Die raffinierte Schönheit von Sean Young als Rachael und das sexy Cybergirl Ris, gespielt von Daryl Hannah, bringen die klassische Verführerin mit dem tödlichen Sexspielzeug zusammen. Auf der anderen Seite ist der Mann, Rick Deckard, ein melancholischer Loser, der sich nicht mehr zurechtfindet. Diese Genderkonstellation ist typisch Film Noir. BE Für mich war Blade Runner 1982 vor allem eine Lovestory. Und Rick Deckard ohne Frage ein Mensch. Der Director’s Cut hat diese Identität des Helden 1992 infrage gestellt. Es gibt in dieser Version verschiedene Hinweise, dass Deckard auch ein Replikant ist. KB Mich hat nachhaltig beeindruckt, wie der Film zukünftige Errungenschaften vorwegnimmt. In der Szene mit der Fotoanalysemaschine zu Beginn des Films begeht Deckard ein zweidimensionales Foto dreidimensional. Das ist zwar reines Wunschdenken, haben wir heute noch nicht erreicht, obwohl es technisch greifbar nahe ist. Virtual Reality wird in Blade Runner ja höchstens angetönt, in diesen Verheissungen, auf einem anderen Planeten Kurzferien zu machen. BE Ich denke, Blade Runner wollte das nicht. In Total Recall, einer anderen Erzählung von Philip K. Dick, die auch verfilmt wurde, wird Virtual Reality als Fluchtmöglichkeit durchaus thematisiert, in Form von implementierten Ferienreisen. KB Bei Blade Runner stehen Erinnerungen im Zentrum, nicht künstliche Erlebnisse. Gibt es heute Filme oder Regisseure, die an das Potenzial von Blade Runner herankommen? BE Das ist schwierig zu sagen. Die dystopische Serie Black Mirror? Aber bleibt das? Sehr beeindruckt war ich vom Mondlandefilm First Man von Damien Chazelle. Diese Retrospektive auf eine spektakuläre und visionäre Zeit, die es nicht mehr gibt, ist maximal romantisch und wirft uns zurück auf unsere Gegenwart: Alles ist banal geworden, weil wir bereits in der Science-Fiction leben.

«Alles ist banal geworden, weil wir bereits in der Science-Fiction leben.»

BE Wenn alle Träume und Hoffnungen, aber auch alle Ängste erfüllt wurden, bleibt nicht mehr viel übrig. Heute kann vielleicht nur noch die Kunst Alternativen aufzeigen und für die Menschen Zukunftsszenarien und Visionen entwerfen. KB Das von der Kunst zu verlangen, ist ein anderes, grosses Thema. Dazu bräuchten wir nochmals eine Stunde … Dazu müsstest du, Kathleen, schon etwas sagen: Ist Kunst die letzte Freiheit in der allumfassenden, kapitalistischen Setzung der Gegenwart? KB Kunst kann Verschiedenes sein. Wir dürfen ihr diese Aufgabe nicht exklusiv zuschieben. Alternativ denken können müssen auch die Philosophie und die Politik. BE Blade Runner steht für eine popkulturelle Strategie: Man zitiert aus der Vergangenheit, aus Erinnerungen, entwirft aber trotzdem Zukünftiges und Alternatives. Es ist meine Hoffnung, dass solche Strategien auch heute noch möglich sind.

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Blade Runner stellt die Figuren in den Vordergrund, die technologischen Entwürfe nimmt er nur en passant mit. ScienceFiction wird via menschliche Beziehungen dargestellt, nicht mit technischen Gadgets. Vor diesem Hintergrund: Wie ist die Frauenfigur in Blade Runner zu interpretieren?

«Science-Fiction verhandelt die Sehnsüchte und Ängste der Menschen.»

Sprichst du vom Cyberpunk? Gibt es dieses role model noch? KB Das sind heute die Hacker. Sie leben am Rande der Gesellschaft, die sie mit hoher Kompetenz angreifen. Der Cyberpunk lebt aber heute im Kinderzimmer. Er braucht WLAN und fertig. KB Und sieht leider nicht mehr toll aus wie Rick Deckard … Aber ich möchte die Frage nach der Kunst zurückspielen. Wo steht die Kunstausbildung heute, wenn die Kunststudierenden vor allem lernen, sich gut zu verkaufen und sich zu vernetzen?

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Wohneinheiten. Nur noch die Replikant*innen agieren als soziale Gruppe. Der Kapitalismus hat die Menschheit überlebt.

(Kurze Pause) Das ist in der Tat ein grosser Spagat. Als Kunsthochschulen haben wir den bildungspolitischen Auftrag, unsere Studierenden berufs- und marktfähig zu machen. Andererseits wollen und müssen wir Künstler*innen ausbilden, die gestalten können, sich Freiheiten nehmen wollen. Wir müssen also auch Befreiung stiften. Eine Antwort könnte sein: Wir wollen kein goldener Käfig sein und sollten für uns und für die Studierenden in der Kunstausbildung möglichst intelligente «Hindernisse» erfinden. KB Kunst schafft im besten Fall Momente der puren Poesie. Und das kann man wohl nicht lernen, sondern muss es immer wieder als Geschenk akzeptieren.

Ist die Gegenwart wirklich banal geworden, Science-Fiction Realität und keine Vision mehr? Diese Aussage trifft auf junge Menschen wohl kaum zu. BE Da hast du wohl recht. In meiner kulturpessimistischen Perspektive droht der Film als adäquate Erzählung zu verschwinden. KB Die adäquate Erzählung findet woanders statt. In der TV-Serie zum Beispiel. Kommen wir nochmals auf Blade Runner zurück: Dieser Film hat 1982 als Fiktion Fragen aufgeworfen, auf die wir heute immer noch keine Antworten haben. KB Der Mensch betreibt Science-Fiction seit Jahrhunderten, weil es letztlich ein ethischer Diskurs über das Menschsein ist. BE Die Fragen nach dem Umgang mit neuen Freiheiten, mit technischen Errungenschaften sind so aktuell wie vor 200 Jahren, man denke nur an Mary Shelleys Frankenstein. KB Oder Fragen nach seiner aktuellen Verkörperung, dem chinesischen Arzt, der Zwillingskinder künstlich erzeugte. Zu Recht begegnet man ihm mit Empörung. Gleichzeitig können wir es nicht verhindern. Science-Fiction verhandelt die Sehnsüchte und Ängste der Menschen und erzählt darum mehr über die Gegenwart als über die Zukunft.

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Rachael sagt nicht Nein

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von Roland Fischer* Toller Film, ohne Zweifel. Architektur, Atmosphäre, erzählerische Anlage. Wäre da nicht ein Stolperstein: Blade Runner hat ein ernsthaftes Frauenproblem. Über das nachzudenken sich nicht nur als Hollywood-Analyse lohnt – weil es sich zeigt, dass der Film sogar in dieser Problematik ziemlich prophetisch war. Künstliche Frauen? Sind längst Alltag. Das Frappierendste, wenn man sich die Frauenfiguren im Original aus dem Jahr 1982 (wie im Sequel von 2017) anschaut: Es gibt eigentlich gar keine. Die paar Frauen, die vorkommen, sind allesamt Replikantinnen. Zwei der ausgebüchsten Kunstmenschen, die Harrison Ford (aka Rick Deckard) jagt und ohne viel Federlesens aus dem Verkehr zieht, sind weiblich. Zhora darf ihren perfekten Kunstkörper zuerst in der Garderobe eines Vergnügungsetablissements vorführen und dann auch noch draussen, auf der Flucht durch die Strassen von L.A., nachdem sie sich einen legendären Plastikparka umgeworfen hat, der wasser-, aber alles andere als blickdicht ist. Die andere, Pris, hat die Bezeichnung «basic pleasure model» und verhält sich meist auch so, ausser dass sie ihren geschmeidigen und durchtrainierten Körper auch mal nicht for pleasure einsetzt, sondern für einen wenig erfreulichen Angriff auf Deckard. Und dann ist da noch Rachael, für die der Blade Runner eine Schwäche entwickelt – und die er, der Einschätzung manchen Kritiker*innen zufolge, dann auch vergewaltigt oder zumindest gegen ihr Einverständnis – haben Kunstmenschen einen Willen? – küsst und verführt. Schön ist sie, und mysteriös, sonst allerdings bleibt sie blass wie alle weiblichen Figuren im Film. Denis Villeneuve hat das in Blade Runner 2049 übrigens nicht grundlegend anders gehandhabt, allerdings wohl mit mehr Absicht und Reflektion als 1982 Ridley Scott. «Blade Runner is not about tomorrow; it’s about today. And I’m sorry, but the world is not kind on women», meinte Villeneuve in einem Interview, auf das Blade-Runner-Frauenproblem angesprochen.

Sexroboter mit Empfindungen Aber zurück zu den Figuren. Und damit zur Frage, ob man eine Maschine überhaupt vergewaltigen kann. Oder mit anderen Worten: Was heisst «consent» denn genau, wenn es Menschen nicht mehr mit Menschen zu tun haben, sondern mit künstlichen Wesen? Ist deren Wille ebenso zu respektieren – sofern vorhanden? Können deren – künstliche – Gefühle ebenso verletzt werden? Noch sind das sehr hypothetische Fragen, aber es wird in

diversen Labors daran gearbeitet, Maschinen sentient zu machen, ihnen also nicht nur Intelligenz, sondern auch Empfindungsvermögen einzupflanzen. Erste Sexroboter bekommen Sensoren an empfindlichen Stellen, die man bis zum Höhepunkt kitzeln muss, und simple Lustprogramme. Der Mensch als soziales Wesen sucht Gegenüber, er will Rückkopplung, er will gespiegelte Neuronen. Und die Frage, ob das denn echte Gefühle sind, erübrigt sich ebenso wie die nach der echten Intelligenz –  es ist der Turing-Test in anderem Gewand. Jede genügend gute Simulation wird für uns nicht unterscheidbar sein vom Original. Längst alles andere als hypothetisch ist das, wo es nicht um Sex und Liebe, sondern um blosse «Gesellschaft» geht, um Gesprächspartner*innen oder Haustierersatz. Immer mehr sogenannte social oder companion robots kommen auf den Markt, und das Designkonzept, mit Maschinen nicht über Tastatur-Interfaces (also kommunikative Krücken), sondern ganz einfach mit der Stimme zu interagieren, dringt immer tiefer in unseren Alltag ein. Tatsächlich gibt es den unaufhaltsamen Trend, Geräte so zu bauen, dass man mit ihnen interagieren kann wie mit einem Menschen – da ist es nur natürlich, dass sie auch gleich eine Persönlichkeit verpasst bekommen. Es ist eine interessante und konfliktreiche Designaufgabe, Siri, Alexa und Konsorten, notabene samt und sonders weiblich, möglichst interessant – soll man sagen: liebenswert? – zu machen.

Beste soziale Interaktion Um das zu erreichen, wurden im Silicon Valley in den letzten Jahren unzählige Schriftsteller*innen angeheuert – die grossen Digitalfirmen konkurrieren da also heute schon nicht mehr nur in Sachen «bester Service» (eine klassische Ingenieursaufgabe), sondern auch «beste soziale Interaktion». Wie genau die auszusehen hat, ist den Digitalapologet*innen allerdings noch nicht so recht klar; unterdessen bevorzugt man die Defensivvariante. Ja nicht zu frech, ja nicht zu konturiert sollen die künstlichen, weiblichen Wesen sein. Wobei dieser Entscheid der Branchenführer Amazon, Apple und Google natürlich Chancen für

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* Roland Fischer ist Wissenschaftsjournalist.

andere eröffnet: Microsoft macht keinen Hehl daraus, ihren Smart Assistant Cortana ein wenig «edgier» als die Konkurrenz zu gestalten. Noch sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Frauenfiguren kosmetischer Natur (pun intended), ein Test der Quartz-Autorin Leah Fessler daraufhin, wie die Kunstwesen auf Anzüglichkeiten und übergriffige Fragen reagieren, fiel ernüchternd aus. Man versuche es bei Gelegenheit selbst: Alexa findet es höchstens «nicht so nett», wenn man sie eine Schlampe nennt. Aber sie muss sich ja auch einiges anhören: «Fick dich» gehört Insidern zufolge konstant zu den meisterkannten Begriffen der Alexa-Engine. Man könnte nun sagen: Wen sollte das kümmern? Die Maschinenwesen bestimmt nicht. Manche Expert*innen meinen: Roboter darf man so schlecht behandeln, wie man will, vielleicht sogar: je übler, desto besser – sie würden so schlechtes Verhalten absorbieren, das sonst Menschen gelte. Das geht so weit, Sexroboter auch für Vergewaltigungsszenarien zu konzipieren. Andere finden, das werde umso problematischer, je ähnlicher sich künstliche und echte Wesen (aka Frauen) werden. Non-consensual Sex mit einem Roboter würde in dieser Logik zum Versuchsfeld derjenigen Begierden, die besser gar nicht ausgelebt werden.

Alexa im Kinderzimmer Kant hat übrigens mal einen ganz ähnlichen Gedanken entwickelt im Zusammenhang mit Tierquälerei. Moralische Bedenken gegenüber Tieren? Ach was. Aber wenn die Quälerei uns als Menschen verrohen lässt, sah man das auch schon im 18. Jahrhundert als Problem. Auch hier gibt es wieder eine sehr konkrete Ebene, gewissermassen als Gedankenspiel im Jetzt: Soll man Kindern beibringen, höflich zu Alexa oder Cortana zu sein? Sollen sie Bitte und Danke sagen? Im englischen Sprachraum gibt es tatsächlich bereits einen Höflichkeitsmodus, der sich von den Eltern aktivieren lässt und der höfliche Art des Sprechens besonders honoriert und Kinder damit erziehen soll. Mag ein wenig seltsam klingen, aber glaubt man der Marktforschung, stehen die meisten Alexas derzeit in den Kinderzimmern. Und niemand weiss, ob Kinder Alexa als Maschine ansehen, die ein wenig menschlich ist, oder als Mensch, der ein wenig maschinell ist. Es ist eine der zentralen Fragen im Film: Was, wenn die Grenzen zwischen Mensch und Maschine nicht mehr klar sind? Was, wenn wir Gefühle entwickeln für Dinge, die ihrerseits bestenfalls Gefühlssurrogate haben? Man kann das auf viele Arten drehen und wenden, am Ende landet man doch immer bei derselben Überfrage: Spielt es eine Rolle? Beziehungsweise: Was, wenn es keine Rolle spielt? Was, wenn Menschlichkeit keine exklusive menschliche Eigenschaft mehr ist? Und zurück zum Film: Was, wenn Rachael Nein gesagt hätte, hätte sie sich getraut, was, wenn sie sich gewehrt hätte? Vielleicht ist es an der Zeit, Replikantinnen und smarte Stimmen nicht mehr unterwürfig zu zeichnen.


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Träumen AnalogSynthis von klassischer Orchestermusik?

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von Michael Harenberg* Mit der elektronischen Musik für den Science-Fiction-Klassiker Blade Runner hat Vangelis einen bis heute überwältigenden melancholisch-utopischen Soundtrack geschaffen – eine künstlerische und technische Meisterleistung. Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte der Funktion synthetischer Klänge im Film. Mit dem Soundtrack zu Blade Runner beauftragt Ridley Scott den griechischen Komponisten Vangelis, dessen exzentrische Klangwelten er aus seinen Schallplattenproduktionen mit Aphrodites Child und gemeinsamen Werbeclips surrealer Parfumwelten bereits kennt. Vangelis, Anfang der 1980er-Jahre im Exil aufgrund der griechischen Militärjunta, hat sein Studio direkt in London, was kurze Wege im Produktionsablauf garantiert. Dort sitzt er in einem wahrlich orchestralen Apparat aus Synthesizern, traditionellen Perkussionsinstrumenten und Tonbandmaschinen und improvisiert live zu den bereits grob geschnittenen Szenen, die er sich über VHS-Kassetten auf im Studio verteilten Fernsehern anschaut. Im Zentrum seines Studios steht ein grosser analoger Yamaha-CS-80-Synthesizer, der mit seinem polyfonen Aftertouch die individuelle Gestaltung eines jeden angeschlagenen Tons ermöglicht und auf dem er die für den Film typischen melancholisch-ausdrucksstarken Soli spielt. Zahlreiche Spielhilfen wie zum Beispiel ein grosser Ribbon-Controller steuern die umfangreichen Glissandi polyfoner Akkordschichtungen. Für Streicher und Chöre kommt ein Roland-VP-330-Vocoder zum Einsatz, sequencergesteuerte perkussive Sounds werden mit einem Roland-ProMars-CompuPhonic generiert und mit live eingespielten traditionellen Perkussionsinstrumenten kombiniert. Eher nostalgisch klingt dagegen das traditionell eingesetzte Fender-RhodesE-Piano. Am Ende fliessen alle Stimmen durch einen digitalen Lexikon-224-X-Sound-Prozessor mit bis zu – für 1982 völlig surrealen –  70 Sekunden Verzögerungszeit. Damit können erstmals die gigantischen Hallräume kontrolliert werden, die zum futuristischen Sounddesign der Musik Vangelis’ gehören. Aber es ist vor allem der warme, ausdrucksstark gespielte CS-80, der durch Blade Runner zu Vangelis’ Markenzeichen geworden ist. Der nostalgische Futurismus in der Filmmusik Vangelis’ hat seine Wurzeln im Verständnis und in der Verwendung seiner Klangmaschinen. Für ihn sind sie selbst wie Replikanten ihrer traditionellen Vorbilder. Verformte und seltsam spröde Tasten-, Saitenund Blasinstrumente scheinen sich nach einer längst vergangenen Zeit klassischen instrumentalen Spiels zu sehnen. Sie simulieren auf ihre je eigene Art die Klangerzeuger spätromantisch orchestraler bis jazziger Klangwelten, die von einem einzigen Menschen improvisiert werden können.

Historische Zukunftsmusik

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Für einen Science-Fiction-Film ist dies 1982 ein kühner Schritt, unterlag doch bis dahin die Imagination zukünftiger Klangwelten der Idee eines unvorstellbar Neuen, was immerhin die epochenbildende Triebkraft europäischer Musik der letzten 300 Jahre gewesen war. 1861 wird der Begriff der Zukunftsmusik vor allem als Spottbezeichnung für die Musik Richard Wagners verwendet, der eine gleichnamige Broschüre zu seinen Opern veröffentlicht hat. Auch zur Musik von Chopin, Liszt und Berlioz erscheinen eher kritische Kommentare zum utopischen Anspruch ihrer Neuerungen. Ihre Selbstdarstellungen werden als anmassend und eitel empfunden, wenn nicht gar als Versuch, «all die eigene Trägheit der Zukunft zuzuschieben», wie es kritisch in der Niederrheinischen Musikzeitung Nr. 4 von 1859 heisst. Die vielfältigen Neuerungen in Formen und Klangfarben führen zusammen mit der Erfindung der Schallaufzeichnung und der

synthetischen Klangerzeugung am Ende des 19. Jahrhunderts zur alles umwälzenden Krise der Spätromantik. Davor geistert eine «unerhörte» Musik der Geräusche durch die Vorstellungen, Romane und vor allem Ängste des 18. und 19. Jahrhunderts als Chaos mechanisch erzeugter Klänge und Geräusche. Seit Bacons New Atlantis von 1624, dem geheimnisvollen Professor X und seinem intelligentem Automatenorchester bei E.T.A. Hoffmann 1814 und den ästhetischen Utopien von Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst von 1907/1916 sind es vor allem technologische Neuerungen, die in der Fantasie der Zeitgenoss*innen zukünftige Instrumente, Klänge und Tonbeziehungen ermöglichen. Die gefürchtete Geräuschmusik, die mit den italienischen Futuristen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wirklichkeit wird, gilt dabei lange als Horrorvision der Auflösung aller Ordnungssysteme, Gesetzmässigkeiten und ästhetischen Traditionen. Dabei sind es vor allem die sagenumwobenen und scheinbar allmächtigen Musikautomaten, die in ihrer stumpfen Mechanik alles musikalische Leben töten und damit die Überhöhung einer geistigen Hypermechanik tief empfundener «Naturmusik» verhindern.

Musik der Zukunft Mit den ersten Versuchen in den neuen Medien Radio und Tonfilm, surreale oder ausserweltliche Geschichten zu erzählen, stellt sich die Frage schliesslich sehr konkret: Wie klingt es denn jetzt? Was liegt da näher, als alles Fremde und Unbekannte mit ebensolchen Klängen darstellen zu wollen? Und die existieren mit den synthetischen Sounds früher elektronischer Spielinstrumente immerhin bereits seit den 1920er-Jahren. Besonders das bereits 1918 erfundene Theremin mit seinem bis heute revolutionären, berührungslos gespielten Antenneninterface gehört mit seinen ätherischen Glissandi wie die Ondes Martenot zum Repertoire für Übersinnliches und Ausserweltliches in den einschlägigen Spuk- und Science-FictionFilmen. Von King Kong (1933) über Frankenstein (1935), The day the earth stood still (1951) bis zur Fernsehserie Star Trek und zu Thrillern von Hitchcock, der für seine Vögel bereits auf Oskar Salas Mixturtrautonium zurückgriff, etablieren sich synthetisch erzeugte Klänge für diese Genres. Der erste komplett synthetisch erzeugte Soundtrack zu einem Film kommt von dem New Yorker Ehepaar Louis und Bebe Barron für den Science-Fiction-Klassiker Forbidden Planet (dt. Alarm im Weltall) von 1956. Die Barrons benutzten ausser Tonbandgeräten lediglich Tongeneratoren, Ringmodulatoren und Effekte, mit denen sie leitmotivische elektronische Themen für die Figuren des Weltalldramas schufen, wie etwa ein halliges Sinusvibrato für Robi, den heldenhaften Roboter. Ganz andere Formen einer musikalischen Zukunftsvision findet Kubrick 1968 für 2001: A Space Odyssey. Der Soundtrack für den Film, in dem kaum gesprochen und viel laut geatmet wird, enthält klassische und zeitgenössische Musik, die Kubrick selbst während des Drehs am Set gehört hat. Er kontrastiert die für die Zeit hyperrealistischen Weltraumszenen einerseits mit anspruchsvoller zeitgenössischer Musik Ligetis und andererseits mit klassischer Walzermusik von Johann Strauss. Die um- und miteinander tanzenden Raumschiffe ergeben dazu einen interessanten Kontrast, während Werke des Komponisten Aram Chatschaturjan

genauso wie Also sprach Zarathustra von Richard Strauss für klassische Dramatik eingesetzt werden. Insgesamt entsteht wie auch bei Vangelis eine kontrastreiche und an Assoziationsmöglichkeiten reiche Musik, die den fast schon zum Klischee gewordenen elektronischen Sounds entsagt und von Zukunft ganz anders und komplexer erzählt.

Zukunft ästhetischer Ratlosigkeit? Wir sind heute in einer anderen Zukunft angekommen. Die neue heisst Blade Runner 2049, verspricht aber musikalisch ausser ein paar Reminiszenzen an die melancholischen CS80-Sounds von Vangelis wenig Interessantes. Dumpfes Grollen und flächig verzerrte Stimmensamples stehen wie der Rest des Films mehr für ästhetische Ratlosigkeit auf hohem technologischem Niveau denn für eine verheissungsvolle Zukunft. Weltweit zugängliche Archive lassen uns wie die Krise kapitalistischer Gesellschaften und das infrage gestellte Mensch-Natur-Verhältnis in einer Art pathologischer Obsession mit der Vergangenheit vor allem nach hinten schauen. Dagegen wäre nach einer musikalischen Zukunft zu fragen, die sich aus diesem notwendigen historisch informierten Blick ergeben könnte. Es existieren nur noch wenige Regisseur*innen wie Alejandro González Iñárritu, die über das Spiel mit Kontexten und Referenzsystemen nach einer solchen Wendung suchen. Neue Perspektiven und Erzählweisen werden heute in Netflix-Serien erprobt, die für junge Drehbuchschreiber*innen und Regisseur*innen – auch ökonomisch – interessanter sind als das alte Hollywood. Vielleicht erleben wir dort die Geburt einer auch musikalisch zeitgemässen Darstellung des Utopischen, eventuell sogar in Form einer filmischen Variante von Luigi Nonos bereits 1989 komponierter La Lontananza nostalgica utopica futura.

DECKARD 00 : 34 : 10 * Michael Harenberg ist Co-Studiengangsleiter Sound Arts an der HKB.


Do All Androids Dream of Killing Us in Our Sleep? Die Androiden unserer Populärkultur dienen als Projektionsflächen für weitaus ältere historische kollektiv-gesellschaftliche, politische und kulturelle Ängste.

Topos des mörderischen Androiden In unserem SNF-Ambizione-Forschungsprojekt Horror – Game – Politics suchen wir an der HKB gezielt nach Mythen in Horrorspielen, also nach (teils unbewussten) kollektiven Bedeutungen und Deutungsmustern im Sinne des Philosophen Roland Barthes. Das heisst, wir suchen nach ideologischen Aussagen, die durch dominante zeithistorische Diskurse und die Rhetorik (der Sprache) des Mediums und Genres vorgegeben werden, also auch abseits der bewussten Intention der Entwickler*innen. Auf der Suche nach ideologischen und politischen Inhalten in Horrorspielen begegnen wir auch regelmässig dem Topos des mörderischen Androiden. Zwar muss er sich im Augenblick – rein quantitativ gesprochen – dem Zombie als beliebtestem Monster geschlagen geben, doch ist er aus der Welt der Horrorvideospiele nicht wegzudenken, insbesondere immer dann, wenn Horror auf Science-Fiction trifft. Stählerne, nur entfernt menschenähnliche Maschinen verfolgen uns hier mit seelenlos flackernden Augen durch die Korridore ungezählter Raumstationen, mit unnatürlich

eingefrorenem Lächeln greifen sie nach uns und zerdrücken unsere Glieder dank der übermenschlichen Kraft ihrer Servomotoren. Oder aber – noch unheimlicher – wir erkennen sie nicht gleich als Maschinen. Wir halten sie für Verbündete, für Freund*innen, für Mitmenschen. Vielleicht müssen wir uns sogar am Ende die Frage stellen, was uns wirklich von ihnen unterscheidet. Hier zeigen sich zwei der zentralen ideologischen Inhalte, die anhand der Figur des Androiden in unserer Populärkultur immer wieder aufs Neue ausverhandelt werden. Zum einen steht die Rebellion der Maschinen stellvertretend für eine geradezu zeitlose Angst der Besitzenden vor dem Aufstand der Produktionsmittel, zum anderen stellt der «über»-menschliche Androide unsere Einzigartigkeit und Individualität infrage. Beiden Themen begegnen wir in Gestalt der Replikant*innen in Blade Runner, ebenso wie auch in vielen digitalen Horrorspielen.

Aufstand der Roboter Wenden wir uns zunächst dem mythischen Aufstand der Maschinen zu. Der etymologische Ursprung des Worts Roboter gibt uns bereits einen guten Hinweis, wie wir die Figur zu verstehen haben. Er geht auf das tschechische Wort für Fronarbeit zurück. Roboter, später auch Androiden und Replikant*innen, sind insofern nichts anderes als entmenschlichte Arbeiter*innen. So ist es bezeichnend, dass im Verständnis des Kapitalismus sowohl Arbeitskraft als auch Maschinerie gleichermassen Produktionsmittel sind, deren Sinn darin besteht, Mehrwert zu produzieren. Der Aufstand der Roboter ist vor allem eine Angst der Besitzenden. Aus einst verlässlichen Maschinen erwächst plötzlich eine Gefahr. Zwar kommt dieser Gewaltausbruch plötzlich, aber nicht unerwartet. Der Wille zum Aufstand dürfte ihnen schon immer innegewohnt haben, so unser Verdacht. Die Replikant*innen in Blade Runner wurden erschaffen, um als Arbeiter*innen in gefährlichen Umgebungen und als Prostituierte zu dienen. Erst als sie sich gegen ihr programmiertes Schicksal wenden, werden sie zur Gefahr. Etwas weniger differenziert, aber in die gleiche Richtung zielend, funktioniert auch die Figur des Working Joe im Horrorspiel Alien: Isolation. Die seltsam gummiartig wirkende bläuliche Haut der WorkingJoe-Roboter, ebenso wie ihre LED-Augen, erinnern uns immer wieder daran, dass wir es nicht mit Menschen zu tun haben, und doch erscheinen sie uns ähnlich genug, um teilweise noch unheimlicher zu wirken als das namensgebende Alien der Reihe. Ihre deplatziert wirkende Höflichkeit – «I’ve been very patient with you so far» – bringt uns ganz gezielt aus der Fassung. Ähnlich verhält es sich mit den Protokolldroiden aus System Shock II. Ungelenke humanoide Automaten – eine verstörende Parodie auf Lucas’ C3PO –, die uns unbeirrt durch die sonst verlassenen Korridore eines menschenleeren Raumschiffes verfolgen. Kommen sie uns nahe genug, explodieren sie, um uns mit sich in den Tod zu reissen. Kurz zuvor hören wir sie noch einprogrammierte Höflichkeitsfloskeln wiederholen: «If my service was unsatisfactory, please note my ID number.» Weitaus schlimmer noch als die vielen digitalen Kampfdroiden, denen wir in Spielen immer wieder begegnen, erscheint uns ein*e Diener*in, der*die sich gegen seine*ihre Herr*innen wendet. Der Mythos des rebellierenden Automaten funktioniert deshalb so gut, weil er gekonnt verbreitete historische gesellschaftliche Ängste bündelt und verhandelt. Er ist

gerne genutztes Versatzstück so manches First Person Shooters, er ist aber – ungeachtet der Intentionen der Spielentwickler*innen –  immer auch eine hochgradig kulturell aufgeladene Figur.

Zwischen Mensch und Replikant*in Bleibt die Figur des Androiden als Infragestellung unserer Existenz. Emotionaler Höhepunkt der Blade-Runner-Erzählung ist nicht so sehr der Kampf gegen mordende Replikant*innen als vielmehr die Frage, wo die Grenze zwischen Mensch und Replikant*in zu ziehen ist. Ist Deckards Love Interest Rachael nun Replikantin oder Mensch und – noch verunsichernder – ist vielleicht gar Deckard selbst gar kein Mensch? Kann man überhaupt noch unterscheiden? Einem vergleichbar verunsichernden Moment müssen wir uns als Spieler*in im Horrorspiel SOMA stellen. In dieser dystopischen Zukunftsvision sollen wir uns in einer scheinbar verlassenen Meeresstation auf dem Grund des Atlantiks zurechtfinden. Doch bedrohlicher noch als die merkwürdig verzerrten, nur noch entfernt menschenähnlichen Monster, die uns verfolgen, ist ein Moment in der zweiten Hälfte des Spiels, als wir in einen Spiegel schauen und in das Antlitz eines unheimlichen Maschinengebildes blicken. Wir erfahren, dass die Besatzung angesichts der imminenten Zerstörung der Menschheit ihre Rettung in der Übertragung ihres Bewusstseins in ein digitales Umfeld, eine virtuelle Kopie eines Garten Edens zu finden glaubte, gespeichert auf einem Satelliten, der die Erde umkreist. Der Mensch, der wir zu sein geglaubt haben, ist bereits lange verstorben und wir sind nur noch die Kopie seines Bewusstseins auf einem Androiden. Schlimmer noch, um voranzukommen, müssen wir unser Bewusstsein auf ein fortschrittlicheres und widerstandsfähigeres Modell übertragen. Um aber unsere Individualität zu bewahren, zwingt uns das Spiel jetzt, die ursprüngliche Kopie auf dem nun obsoleten Modell zu zerstören. Haben wir nun uns selbst getötet oder nur eine von potenziell unendlich vielen Kopien unseres Bewusstseins zerstört? Der Moment ist zutiefst verstörend. Selbstverständlich funktioniert die Figur des Androiden heute besonders gut, weil sie, angesichts der erstaunlichen Fortschritte in Robotik und Kybernetik, eine nicht mehr ganz so ferne Zukunft und anstehende gesellschaftspolitische Probleme verkörpert, zugleich ist sie aber auch immer mehr. Die Androiden unserer Populärkultur mögen sich dem ersten Anschein nach dadurch auszeichnen, dass sie eben keine Menschen sind, sondern nur menschgeschaffene Kopien. In Wirklichkeit aber dienen sie auch als Projektionsfläche für weitaus ältere gesellschaftliche, politische und kulturelle Ängste.

* Eugen Pfister ist Historiker. Das HKB-Forschungsprojekt Horror – Game – Politics untersucht die visuelle Rhetorik politischer Mythen in digitalen Horrorspielen.

HKB -ZEITUNG

Die Vorstellung, dass in einer nicht mehr ganz so fernen Zukunft Androiden mehr und mehr unsere Arbeit übernehmen, zugleich aber nur noch schwer auf den ersten Blick von uns Menschen zu unterscheiden sein könnten, hinterlässt bei vielen ein tiefes Gefühl des Unbehagens. Zum einen sorgt uns natürlich der Gedanke, irgendwann obsolet zu werden, vor allem aber auch die Angst, Mensch und Maschine nicht mehr voneinander unterscheiden zu können. Die Vorstellung ist uns im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich. Unheimlich ist nach Sigmund Freud nämlich nicht das Fremde, sondern das vermeintlich Vertraute. So erklärt sich in Blade Runner die Angst der auf der Erde verbliebenen Menschen vor jenen Replikant*innen, die wie Menschen aussehen, sich wie Menschen benehmen und auch wie Menschen fühlen, zugleich aber keine Menschen sind. Künstlich erschaffene Androiden (aus dem Griechischen: «dem Menschen ähnlich»), die uns vermeintlich in unserer Existenz, vor allem aber in unserer Identität als Menschen bedrohen. Dabei ist dieser Moment des Unheimlichen nicht ein Produkt der neueren Science-Fiction, basierend auf den immer rascheren Fortschritten im Bereich der Robotik und der künstlichen Intelligenz. Die Angst vor dem*der Doppelgänger*in respektive Automaten lässt sich viel weiter in unserer Kulturgeschichte zurückverfolgen, bis zur bezaubernden Pandora, die auf Zeus’ Geheiss von Hephaistos aus Lehm erschaffen worden war, um Unheil über die Menschheit zu bringen. Im Mittelalter verunsicherten dann Wechselbalge und Homunculi. Ihnen folgten der Doppelgänger und der Golem, bis schliesslich 1920 der tschechische Schriftsteller Josef Čapek den Begriff des Roboters prägte, eines künstlich für niedere Tätigkeiten gezüchteten Menschen, der sich in letzter Konsequenz gegen seine Schöpfer*innen auflehnt. Seitdem lehrt uns die Rebellion der Maschinen regelmässig in Romanen, Filmen und Computerspielen das Fürchten. Das natürliche fiktionale Umfeld des gefährlichen Androiden ist zum einen traditionell die Science-Fiction, die sich an potenziellen Zukunftsszenarien abarbeitet, zum anderen aber das Horror-Genre. Horror funktioniert nämlich immer dann am besten, wenn er – abseits billiger jump scares – gekonnt unsere kollektiven Ängste anzapft und weiter anfeuert.

M ÄR Z  –  MAI 2019

von Eugen Pfister*

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Was macht den Menschen zum Menschen?

HKB -ZEITUNG

M ÄR Z  –  MAI 2019

von Sibylle Heim und Fabiana Senkpiel* Dies ist eine der existenziellen Fragen um das Menschsein, die der Film Blade Runner aus dem Jahre 1982 verhandelt. Er entwirft für 2019 ein düsteres Gesellschaftsszenario, das im verregneten Los Angeles spielt und in dem sogenannten Replikant*innen eine Schlüsselrolle zukommt. Was haben Replikant*innen mit heutigen Kunstfiguren zu tun? Als Replikant*innen werden künstlich erschaffene Menschen bezeichnet, die sich äusserlich nicht von echten Menschen unterscheiden lassen, die jedoch mit viel grösseren körperlichen Kräften und einige Exemplare auch mit einer höheren Intelligenz ausgestattet sind. In diesem Sinne handelt es sich um optimierte Kreaturen, angepasst für die Aufgaben, die sie zu erledigen haben − als Werkzeuge für die Menschen. Replikant*innen werden ohne Bewusstsein erschaffen, aber mit der Zeit entwickeln sie Gefühle und so etwas wie einen eigenen Willen, was sie ausser menschliche Kontrolle geraten lässt. Die im Laufe der Zeit entwickelten Gefühle lassen sie emotional autonom werden, wodurch ihr Tun und Handeln im positiven wie auch im negativen Sinne unberechenbar wird. Aus diesem Grund ist ihre geplante Lebensdauer auf vier Jahre beschränkt. Lediglich einem Exemplar, der verletzlichen Rachael, werden versuchsweise künstliche Erinnerungen implantiert, die eine Kindheit und soziale Herkunft simulieren − gedacht als stabilisierende Massnahme, um die Probleme mit der emotionalen Entwicklung und dem entstehenden Bewusstsein in den Griff zu bekommen. Am Ende des Films ist es eine Replikantin und nicht ein Mensch, die menschlich handelt. Was macht also den Menschen zum Menschen, was zeichnet den Menschen überhaupt aus? Im realen 2019 angekommen, könnte man der Frage nachgehen, ob sich in der Gesellschaft von heute ein ähnliches, vergleichbares Phänomen verwirklicht hat oder, genauer gefragt, welche aktuellen Phänomene sich beobachten lassen, die mit Replikant*innen in Verbindung gebracht werden könnten. Auch wenn sich das Heute nicht ganz so düster zeigt wie im Film, sind im Kontext von künstlicher Intelligenz, Gentechnik, Reproduktionsmedizin und in der Vielfalt zeitgenössischer computergesteuerter Automaten, virtueller Wesen und Avatare viele Tendenzen des Filmes zumindest ansatzweise Realität geworden.

Künstlerisch gestaltete Figuren

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Es lässt sich heute aber auch noch ein anderes, neues Phänomen beobachten, das der Film von 1982 noch nicht vorausgesehen hat. Gemeint ist das gegenwärtig medial weit verbreitete Phänomen der sogenannten Kunstfiguren. Bei diesem Phänomen geht es ebenfalls darum, einen neuen Menschen zu erschaffen, jedoch im Sinne eines Alter Egos. Lady Gaga ist eine solche Kunstfigur, ebenso wie Conchita Wurst oder Borat. Mit ihren Kunstfiguren bewegen sich die jeweiligen Darsteller*innen sowohl in künstlerischen als auch nichtkünstlerischen Kontexten − sie treten live auf, erscheinen im Fernsehen und sind in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter sowie Youtube aktiv. Bei Kunstfiguren handelt es sich also um künstlerisch gestaltete Figuren, die im Gegensatz zu den Replikant*innen nicht von einem*r externen Schöpfer*in erschaffen worden sind, sondern von den jeweiligen Künstler*innen selbst kreiert und verkörpert werden. Ihr Äusseres (Gesicht, Mimik, Gebärde, Kleidung usw.) ist bewusst sehr gekünstelt gestaltet, ja sogar karikiert, sodass sie von herkömmlichen Menschen deutlich zu unterscheiden sind. Schöpfer*innen von Kunstfiguren entwerfen nicht nur die nach aussen hin charakterisierenden und wiederkehrenden Markenzeichen selber, sondern auch deren innere Eigenschaften und Gefühlslagen, im Sinne von Verhaltensweisen und Charakterzügen, Werten, Anliegen etc. Kurz: Sie erschaffen eine neue Identität, der eine fiktive Biografie zugrunde liegt.

Zurück zur Ausgangsfrage, was also den Menschen zum Menschen macht. Um trotz aller Künstlichkeit glaubwürdig/menschlich zu erscheinen bzw. zu funktionieren, scheint in beiden Fällen so etwas wie eine Biografie notwendig. In Blade Runner ist Rachael die erste Replikantin, der versuchsweise Erinnerungen implantiert wurden. Die Unterscheidbarkeit zu einem Menschen wird dadurch noch schwieriger und selbst Rachael weiss zu Beginn nicht, dass sie nur eine Replikantin ist. Die Differenz liegt vielmehr in ihrer mangelnden Empathiefähigkeit, die nur durch den Voight-Kampff-Test, der die emotionalen Reaktionen überprüft, festgestellt werden kann. Auch Kunstfiguren brauchen eine ausgearbeitete Biografie, um als Figur glaubwürdig zu bleiben. Sie verfügen über eine Geschichte, die von den jeweiligen Darsteller*innen entworfen wird, machen beispielsweise bei ihren Auftritten aber auch Offstage-Erfahrungen. Sie entwickeln sich also und es entsteht so etwas wie Identität.

Replikant*innen, Kunstfiguren und Identität Sowohl das Beispiel der Replikant*innen im Film Blade Runner als auch Kunstfiguren verweisen durch ihre Gemachtheit auf Identität als Konstrukt und werfen Fragen über die Entstehung oder Formung von Identität auf. Zentral für Replikant*innen und Kunstfiguren, wie sie hier beschrieben werden, ist die Kopplung an einen real existierenden Körper − beide Gestalten sind keine Avatare oder Androiden. Aber beide, Replikant*innen und Kunstfiguren, sind nicht, was sie nach aussen zu sein scheinen. Damit lässt sich ein Riss in jener Echtheit der Person, in der völligen Übereinstimmung mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird, feststellen. Die so charakterisierte Identität von Replikant*innen und Kunstfiguren ist offensichtlich ein frei erfundenes Konstrukt und somit fiktiv. Obwohl die erste Generation der Replikant*innen über keine eigentliche Biografie verfügt, lernt sie über Erfahrungen, entdeckt so etwas wie eine kollektive (oder Gruppen-)Identität und versucht, die eigenen Interessen durchzusetzen (länger leben). Kunstfiguren hingegen zeichnen sich durch eine äusserst inszenierte Individualität aus und hinterfragen damit Identität als etwas Konstruiertes und Konstruierbares. Somit verweisen Replikant*innen und Kunstfiguren in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit auf ähnliche Themen um das Wesen der Menschen. Replikant*innen sind von einem*r externen Schöpfer*in künstlich erschaffene Menschen, die, obwohl sie ohne Gefühle ausgestattet wurden, Gefühle entwickeln können und am Ende menschlicher als die Menschen erscheinen. Im Gegensatz dazu werden die realen Menschen im Film gefühllos und isoliert dargestellt. In dieser Gegenüberstellung lassen sich Anonymität und Kälte der menschlichen Gesellschaft aufzeigen und infrage stellen. Durch die Konstruiertheit der Identität von Kunstfiguren hingegen inszenieren ihre Schöpfer*innen diese als übermenschliche Wesen. Die Künstlichkeit ihrer Identität und die künstlerische Darstellungsstrategie der Überhöhung werden genutzt, um menschliches Verhalten zu spiegeln und diesem auf den Grund zu gehen. Eine Kunstfigur kann mehr, darf mehr als herkömmliche Menschen und muss sich auch nicht immer an die sonst gültigen Regeln des sozialen Umgangs halten. Sie darf Dinge aussprechen oder aufzeigen, die auch mal wehtun können.

Künstlerische Überhöhung und künstliche Optimierung In Weiterführung des Gedankens der jeweiligen Gemachtheit von Replikant*innen und Kunstfiguren stellt sich ferner die Frage nach Gestaltungsmöglichkeiten und -grenzen: Wie weit dürfen eine künstlerische Überhöhung des Menschlichen und eine künstliche Optimierung des Menschen gehen? Mit dem anhand der Replikant*innen behandelten spezifischen Thema der veränderten Organismen ist Blade Runner angesichts der kürzlich durchgeführten Experimente eines chinesischen Wissenschaftlers, der durch Genmanipulation an zwei Kindern im Mutterleib ihre Resistenz gegen HIV erreichen wollte, tatsächlich brandaktuell. In diesem spezifischen thematischen Zusammenhang ist der Künstler und Performer Johannes Paul Raether interessant, da er eine Brücke zwischen Replikant*innen und Kunstfiguren schlägt, indem er gleiche und ähnliche Themen wie Blade Runner mit und durch seine Kunstfiguren verhandelt. Er hat gleich mehrere Kunstfiguren (bzw. Avatares, AlterIdentities, oder SelfSisters, wie er sie selber nennt) erschaffen, die für ein jeweiliges spezifisches Thema stehen. Mit seiner Kunstfigur Transformella, Königin der Trümmer und Leihmutter des Instituts für Reproduktive Zukünfte befasst er sich mit biomedizinischen Innovationen und der Reproduktionsmedizin. Damit nimmt er Bezug auf aktuelle Ereignisse (und manchmal nimmt er sie auch vorweg) und geht zum Beispiel der Frage nach der Tragweite der Änderungen bei den auf diese Weise hergestellten Kreaturen nach, also letztlich nach dem, was in der Optimierung überhaupt angelegt werden darf. Damit einher geht auch das Thema des technischen Fortschritts, das wiederum von einer anderen seiner Kunstfiguren − Protektorama, einer Gadget-Culture-Hexe − vermittelt und verkörpert wird. Diese setzt sich in ihren künstlerischen Aktionen insbesondere mit dem seit den späten 1990er-Jahren stattfindenden technologischen Wandel durch Smartphones und weitere digitale Geräte auseinander. Raether führt seine Performances und Aktionen, bei denen es um die Verabschiedung und Zerstörung besagter digitaler Geräte und damit einhergehend auch die Abhängigkeit und Besessenheit von so Elektrog-Gadgets geht, meistens im öffentlichen Raum und in Gemeinschaft mit einem ausgewählten Publikum durch, das aktiv an der jeweiligen künstlerischen Arbeit teilhaben kann.

Menschen als Parodien ihrer selbst

Einsatz von technologischem Fortschritt uns führen werden, darüber lässt sich nur spekulieren − ob bis im Jahre 2049 die Menschen vielleicht alle nur noch zu Kunstfiguren werden oder, wie die Kunstfigur Transformella es formuliert, «Open-Software angelehnte Versionisierungen ihrer selbst»? Die Frage aber, was den Menschen auszeichnet, wird bleiben und vielleicht noch dringlicher sein als gestern und heute.

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Mit Blade Runner 2049 ist 2017 die Fortsetzung des Kultfilms ins Kino gekommen. Die Replikant*innen sind unterdessen weiterentwickelt worden. Die Implantierung von Erinnerungen gehört mittlerweile zum Standard und damit ist die Grenze der Unterscheidbarkeit zwischen Menschen und Replikant*innen noch unschärfer geworden. Nun stellt sich vor dem Hintergrund der Entstehung und Inszenierung von Identität im Spannungsfeld von Kunst, Künstlichkeit und Wirklichkeit die Frage, ob die Menschen in der heutigen Gesellschaft durch Praktiken der Selbstinszenierung in den sozialen Medien nicht immer künstlicher, oberflächlicher werden – Parodien ihrer selbst. Wohin der Einfluss und der

* Sibylle Heim ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Theater der HKB und Theaterwissenschaftlerin. Fabiana Senkpiel ist Kunstwissenschaftlerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsschwerpunkt Intermedialität. Heim und Senkpiel forschten zusammen mit der Künstlerin Mira Kandathil von November 2016 bis September 2017 im HKB-Projekt Die Kunstfigur als performativ ästhetisches Gesamtkunstwerk. Bei Kunstfiguren handelt es sich um ein gesellschaftlich und medial weit verbreitetes Phänomen, das auf so unterschiedliche Erscheinungen wie Lady Gaga, Conchita Wurst, Borat, Charlie Chaplin oder den Harlekin angewendet werden kann. Das Forschungsprojekt näherte sich – mit einem Fokus auf zeitgenössische Kunstfiguren – diesem Phänomen an.


Climate Fiction und Science Reality von Jonas Christen*

Immersion dank Gestaltung Gerade weil der erwartete Erfolg im Unterhaltungssektor ausbleibt, zeigen sich die sinnvollen Anwendungen umso klarer: Architekt*innen zum Beispiel nutzen VR, um künftige Bauten räumlich wahrzunehmen, Trainingsapplikationen erlauben es, gefährliche Abläufe im sicheren Rahmen einzuüben, und psychologische Verhaltensstudien können in virtuellen Welten unter kontrollierten und immer gleichen Bedingungen durchgeführt werden. Eine solche Studie werde ich im Rahmen meines Studiums an der HKB in Design Research begleiten. Zu Beginn des Studiums interessierte mich die Anwendung von VR für Geschichtsvermittlung in Museen. Im Laufe der Recherche zum Thema bin ich immer wieder über Studien gestolpert, die aufgrund des Verhaltens von Versuchspersonen in virtuellen Welten allgemein gültige Resultate postulieren. Häufig liegt der Fokus der Untersuchenden aber stark auf dem Inhalt und weniger auf der Gestaltung der Welten. Als Designer möchte ich klären, inwiefern die ausgelösten Emotionen und die Immersion, also das Gefühl, sich in der virtuellen Welt zu befinden, von einer bewussten Gestaltung abhängen. Entsprechend werde ich gemeinsam mit Psychologen der Universität Bern die Reaktion von Proband*innen in drei visuell sehr unterschiedlichen Varianten des Aletschgletschers analysieren. Dabei können wir auf Material zurückgreifen, das im Rahmen meiner Tätigkeit an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) in der Fachrichtung Knowledge Visualization entsteht. Dort wird zurzeit das vom SNF finanzierte Projekt Expedition 2 Grad umgesetzt, in dem wir VR benutzen, um unter Jugendlichen eine Diskussion um den Klimawandel, die Verantwortung des* der Einzelnen und langfristige Auswirkungen von Entscheidungen auszulösen. Menschen können komplexe physikalische Systeme verstehen und ebenso komplexe Sprachen sprechen, aber sobald es darum

geht, weiter als ein Jahr im Voraus zu denken, versagt unsere Vorstellungskraft. Der Homo sapiens musste als Jäger*in und Sammler*in nie weiter als bis zum nächsten Winter planen. In der kurzen Zeit, seit wir so mächtig geworden sind, dass wir das Ökosystem des gesamten Planeten beeinflussen können, haben wir uns evolutionär nicht angepasst. Häufig werden Gier und Ignoranz angeführt, wenn es darum geht, die Untätigkeit der Menschheit angesichts der drohenden Klimakatastrophe zu erklären. Vielleicht verlangen wir aber schlicht zu viel von uns selber als Spezies, wenn wir erwarten, Probleme zu lösen, die erst unsere Kinder und Enkel*innen betreffen werden.

Letzte Station Zukunft Bei diesem Punkt setzen wir in der Narration der VR-Experience Expedition 2 Grad an: Wir beginnen im Jahre 1880, als der Aletschgletscher noch bis ins Rhonetal reichte und unter Wissenschaftler*innen erstmals die Idee aufkam, dass mehr CO2 einen Treibhauseffekt auslösen und unsere Erde erwärmen könnte. Dann lassen wir die Besucher*innen in einer örtlichen und zeitlichen Reise zu ihren Grosseltern im Jahre 1970 springen. Diese mussten den gleichen Gletscher bereits viel weiter oben besuchen und eigens dafür erbaute Seilbahnen nutzen. Als Nächstes kommen wir in die Gegenwart und sehen den Gletscher nur noch als Schatten seines früheren Selbst. Die letzte Station befindet sich weitere zwei Generationen in der Zukunft. Zu dieser Zeit werden nur noch letzte Reste von Gletschern sichtbar sein, aber indem wir bei den Entscheidungen unserer Vorfahr*innen anfangen und zeigen, was diese für uns für Auswirkungen hatten, hoffen wir, zum Nachdenken anzuregen und langfristige Prozesse verständlicher zu machen. Mitte der 2000er-Jahre wurde mit Climate Fiction (kurz Cli-Fi) ein Begriff für das literarische Genre geschaffen, das sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auseinandersetzt. Um die gleiche Zeit herum entstanden inspirierende Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und spekulativem Design, wie Flooded McDonald’s von Superflex. Unterdessen hat sich das Genre weitgehend in der regulären Sci-Fi aufgelöst, da der Klimawandel keine Fiktion mehr ist, sondern künftige Realität. Entsprechend ist in unserem Projekt keine Übertreibung nötig, der Gletscherrückgang in der virtuellen Realität ist so nahe wie möglich am wissenschaftlichen Modell unserer Partner*innen. Ob die realen Daten, richtig umgesetzt, genügend emotional sind, um bei den Benutzer*innen eine Erkenntnis auszulösen oder sogar eine Verhaltensänderung zu bewirken, wird sich zeigen. Erst geht es darum, herauszufinden, wie sehr das Medium VR geeignet ist für die Vermittlung von langfristigen Phänomenen und inwiefern dies von der visuellen Gestaltung abhängt. Früher oder später werden Millionen von Menschen VR täglich nutzen und die mögliche emotionale Beeinflussung durch diese Technologie sollte genügend früh analysiert werden. Dazu möchten wir mit unserer virtuellen Zeitreise einen Beitrag leisten.

* Jonas Christen studiert im Master Design an der HKB und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).

HKB -ZEITUNG

Nicht schon wieder die Gletscher. Die schmelzenden Eismassen werden häufig als Symbol gebraucht, um die abstrakten Auswirkungen des Klimawandels konkret sichtbar zu machen. Aber im Gegensatz zu einem anderen abgenutzten Bild, dem einsamen Eisbären, sind die Gletscher für die meisten Bewohner*innen der Schweiz ein bekanntes Objekt, zu dem eine emotionale Verbindung besteht. Und sie dienen nun mal hervorragend als buchstäbliche Gradmesser, um zu sehen, dass eine kleine, kaum messbare Temperaturzunahme grosse Auswirkungen haben kann: Die erwartete Erwärmung der Welt um mindestens 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter wird reichen, um die alpinen Gletscher verschwinden zu lassen. Diese Prozesse sind aber erst über längere Zeit ersichtlich. Es wird also eine Technologie benötigt, die Zeit komprimiert wiedergeben kann und gleichzeitig einen frischen Blick auf ein bekanntes visuelles Symbol verspricht. Erst durch die Reise in eine mögliche Zukunft können die Nutzer*innen verstehen, welche Auswirkungen die Entscheide von heute haben werden. Die virtuelle Realität, kurz VR, bietet sich als Medium dafür an. In den letzten Jahren hat sich die Technologie enorm weiterentwickelt und Giganten wie Facebook, Google oder Samsung versuchen, den Massenmarkt mit VR-Brillen zu erobern. Nun scheint der Hype fürs Erste bereits wieder vorbei zu sein. Vielleicht sind die finanziellen Hürden für den Einstieg immer noch zu gross oder die breite Öffentlichkeit hat im Zuge der allgemeinen Rückbesinnung auf einen bewussteren Umgang mit Technologien verständlicherweise keine Lust, sich weiter in immersive, digitale Welten vorzuwagen.

M ÄR Z  –  MAI 2019

Erst durch die Reise in eine mögliche Zukunft können wir verstehen, welche Auswirkungen klimapolitische Entscheide von heute für morgen haben. Virtuelle Realität bietet sich als Medium dafür an. Ein Plädoyer eines HKB-Studenten.

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Haiku-Kanon zu Blade Runner Die Feuerblüten auf dieser Grossstadtwiese im Spiegelauge.

Die Fahrzeugkugeln Chef Gaff baut Lebewesen gebastelte Welt.

Das Klavier flüstert Haare werden geöffnet Traum von Wirklichkeit.

Kochendes Wasser Hintergrundmusik brodelt Raum voller Kerzen.

Im Spiegelauge Schildkröte auf dem Rücken und Schweiss auf der Stirn.

Gebastelte Welt klappert an allen Ecken Rot leuchtet im Schwarz.

Traum von Wirklichkeit Albtraum von Erinnerung bitte küss zurück.

Raum voller Kerzen Vater und Sohn treffen sich Lebenslicht geht aus.

Viel Schweiss auf der Stirn überall blaues Licht und Zigarettenrauch.

Rot leuchtet im Schwarz die Träne fällt vom Auge auf den Lippenstift.

Bitte küss zurück auf den Gesichtern Streifen von dem Rollladen.

Lebenslicht geht aus verschwindet wie wir alle Tränen im Regen.

Zigarettenrauch löst sich auf in ein Leuchten der Fahrzeugkugeln.

Roter Lippenstift jede Sicherheit verblasst Das Klavier flüstert.

Hinterm Rollladen Augen, Münder, Hände, Ei kochendes Wasser.

Ariana Emminghaus studiert im zweiten Semester im Bachelor Literarisches Schreiben an der HKB.

HKB -ZEITUNG

M ÄR Z  –  MAI 2019

von Ariana Emminghaus*

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STELLUNGNAHME Macht Virtual Reality Science-Fiction-Träume wahr?

Impressum HKB-Zeitung Aktuelles aus der Hochschule der Künste Bern HKB, N°1/2019 Herausgeberin: Berner Fachhochschule BFH Hochschule der Künste Bern HKB

Redaktion: Christian Pauli (Leitung) Ariana Emminghaus Peter Kraut Marco Matti Nathalie Pernet Raffael von Niederhäusern Bettina Wohlfender

Baalschamin-Tempel von Palmyra digital zu rekonstruieren und als Virtual-Reality-Projekt erlebbar zu machen. Die Begeisterung von Archäolog*innen, aber auch von ihrem Publikum ist gross und zeigt: Hier liegt sicher Potenzial. So weit, so gut – und natürlich gibt es zahlreiche weitere Beispiele dafür, wie man die Virtual-RealityTechnik einsetzen kann: im Tourismus-Marketing, in der Chirurgie, in der Architektur – und auch Künstler*innen experimentieren mit den Möglichkeiten von VR. Die Kunst- und Kulturhistoriker*innen weisen übrigens zu Recht darauf hin, dass die Idee von Virtual Reality eine Tradition hat – sie denken dabei etwa an den Illusionismus: Bilder, die unsere Wahrnehmung täuschen. So malt ein Strassenkünstler einen Krater auf das Trottoir und natürlich ist da keine Grube, aber die Täuschung gelingt verdammt gut. Ein anderes Stichwort ist die Immersion – das Eintauchen in eine andere Wirklichkeit. Das Bourbaki-Panorama des Malers Edouard Castres (1838–1902) in Luzern aus dem Jahr 1881 ist ein wunderbares Zeugnis dafür. Was bedeutet das nun für die Entwicklung von Virtual Reality – und noch mehr für unser Verständnis von Realität: Das leichte Unbehagen, das viele von uns bei dieser Diskussion empfinden, ist verständlich. Die Entwicklung von Computer und Smartphone hat uns gezeigt, dass utopische Visionen manchmal schneller Realität werden, als uns lieb ist. Die Angst um einen Verlust der Realität ist real und ist so etwas wie ein Generalthema für eine kritische Diskussion über unsere mediatisierte Welt und damit eine Entwicklung, die nicht erst mit VR angefangen hat. Denn längst spielen die Medien bei der Konstruktion unserer Realität eine Hauptrolle. Wir mögen immer wieder glauben, das Ende einer Entwicklung zu erleben, bis wir darüber belehrt werden, dass es genau umgekehrt ist und wir am Anfang einer Entwicklung stehen. Überraschungen sind weiterhin programmiert. Was tun? Meine Empfehlung wäre: Solange es einen Knopf zum Ausschalten gibt, sind wir nicht verloren.

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Könnte es sein, dass wir uns alles, was wir erleben, nur einbilden? – Dass es die sogenannte Realität nur in unserer Vorstellung gibt? – Dass also alles um uns herum irgendwie Fake ist und wir selber vielleicht auch? – Merkwürdige Gedanken – und doch begegnen sie uns immer wieder in Science-FictionFilmen. Etwa im Film The Truman Show aus dem Jahr 1998. Truman Burbank findet eines Tages heraus, dass er in einer künstlichen Welt lebt, in der alles gespielt ist – und er eigentlich Hauptdarsteller in einer Fernsehserie ist. Solche Ideen gehen mir durch den Kopf, wenn ich Menschen mit einer sperrigen VR-Brille vor dem Kopf sehe. Nun, nicht allen geht es so: Die amerikanische Computerindustrie, allen voran Mark Zuckerberg von Facebook, sieht darin gar the next big thing. Für einen neuen Band in unserer Publikationsreihe Edition Digital Culture habe ich in den letzten Monaten ausgedehnte Recherchen zum Thema Virtual Reality oder abgekürzt VR unternommen. Gut möglich, dass Herr Zuckerberg sich getäuscht hat: Viele Gesprächspartner*innen äusserten Zweifel und Skepsis an der VR-Euphorie. Zwei gegensätzliche Beispiele zeigen, wo wir in Sachen VR in der Schweiz stehen: Das Montreux Jazz Festival legt seit seiner Gründung im Jahr 1967 grossen Wert auf eine umfassende Videodokumentation seiner Konzerte. So entstand ein weltweit einzigartiges Archiv von Live-Musik. Das Interesse an Virtual Reality ist bei den Macher*innen des Festivals gross, und so lag es auch nahe, das neue Medium auszuprobieren. Die Ernüchterung aber folgte schnell: Der Aufwand zur Herstellung der Aufnahmen war gross, die Resultate überzeugten nicht. Etwas positiver sieht man die Sache bei den Archäolog*innen der Uni Lausanne. Dort beschäftigt sich eine Forscher*innengruppe seit einigen Jahren mit den Kulturdenkmälern im syrischen Palmyra. Durch den Krieg wurde hier vieles zerstört und Fachleute weltweit fragen sich, wie man mit diesem Verlust umgehen soll. Die Universität verfügt über eine umfassende Dokumentation von Palmyra, die der Schweizer Archäologe Paul Collard (1902 – 1981) nach dem Zweiten Weltkrieg erstellt hat. Darin sind über 4000 Fotos, Zeichnungen, Skizzen und Pläne, und dank diesen Daten war man in der Lage, den

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von Dominik Landwehr*

* Dominik Landwehr ist Kultur- und Medienwissenschaftler. Er arbeitet beim Migros-Kulturprozent und ist Herausgeber der Publikationsreihe Edition Digital Culture, deren sechster Band im Mai erscheint (Dominik Landwehr / Migros-Kulturprozent: Edition Digital Culture 6. Virtual Reality. Basel: Merian 2019).

Gestaltungskonzept und Layout: Atelier HKB, Marco Matti (Leitung) Lara Kothe Lydia Perrot Renate Salzmann Druck: DZB Druckzentrum Bern Auflage: 7 800 Exemplare Erscheinungsweise: 4 x jährlich

© Hochschule der Künste Bern HKB. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Zeitung darf ohne schriftliche Genehmigung der HKB reproduziert werden. Berner Fachhochschule BFH Hochschule der Künste Bern HKB Fellerstrasse 11 CH-3027 Bern hkb.bfh.ch facebook.com/hkb.bern

Die Einnahmen aus den Inseraten kommen vollumfänglich dem Stipendienfonds zugute, der HKBStudierende in prekären finanziellen Verhältnissen gezielt unterstützt. hkb.bfh.ch/stipfonds

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MIRIAM CAHN ICH ALS MENSCH M ÄR Z  –  MAI 2019

22.02.–16.06.2019

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Eine Kooperation von:

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22.01.2019 14:59:19

Preisverleihung 13. «Der Bund»-Essay-Wettbewerb. Vom leeren Blatt Papier bis zur Preisübergabe. Wir präsentieren die Schreibtalente.

Der Traum von einer drogenfreien Welt – ein schlechter Trip? Ein Projekt von «Der Bund» und der Fondation Reinhardt von Graffenried. Programm: • Lesung: Drei Gewinner/-innen präsentieren ihre Essays • Slam: Drei Gewinner/-innen performen ihren Slam-Text • Moderation: Jürg Halter • Musik: Pamela Mendez (voc, g) • Bühne und Visuals: Hochschule der Künste Bern HKB • Wahl: Das Publikum wählt per Urnenabstimmung • Kulinarik: Apero riche vor der Rangverkündigung Datum: Zeit: Ort:

Dienstag, 23. April 2019 18.30 Uhr, Türöffnung 17.30 Uhr Dampfzentrale, Marzilistrasse 47, Bern

Eintritt: CHF 30.–/20.– (Ermässigung mit der espace.card) Abendkasse CHF 30.– Tickets: Online auf essay.derbund.ch oder Tel. 0800 551 800 (Gratis-Hotline)

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HKB aktuell | Agenda

N°1/2019

Brandschäden am Lack des Fluchtwagens, der 1997 beim legendären Postraub von Zürich verwendet wurde und heute im Museum für Kommunikation in Bern steht. (Amplitudenbild, entstanden im von Innosuisse mitfinanzierten Forschungsprojekt Aktive Thermografie II: Cornelius Palmbach)

Science / Fiction – Retro / Future Museumsnacht an der HKB Fellerstrasse 11 Fr 22.3.2019 18 – 2 Uhr Asiatische Strassenküche und Bar museumsnacht-bern.ch

Science-Fiction-Geschichten handeln ebenso vom Heute wie vom Morgen (und auch ein wenig vom Gestern). Die HKB nimmt sich nicht nur in dieser Zeitung den legendären Science-Fiction-Film Blade Runner aus dem Jahr 1982 zur Inspiration. Der Film spielt im Jahr 2019 – die fiktive Zukunft des Films wird zur Gegenwart der Museumsnacht an der Fellerstrasse. Der Film stellt Fragen zur künstlichen Intelligenz und zu Maschinenmenschen, die aktueller nicht sein könnten. Und die auch an einer Kunsthochschule interessieren: Was ist künstlich, was ist echt? Was ist von gestern? Was

ist erhaltenswert? Was ist wissenschaftlicher Fakt, was ist kreative Fiktion? Sind Replikant*innen (Maschinenmenschen) von Menschen unterscheidbar? Auf spielerische Weise werden ausgewählte Forschungsprojekte der HKB präsentiert, die sich auch mit solchen Fragen auseinandersetzen. Ein Spiel wird inszeniert, um herauszufinden, was real/echt und was Kunst/künstlich/Fake ist. Die Besucher*innen flanieren durch ein retro-futuristisches Vergnügungsviertel, die Filmmusik von Vangelis und Live-Strassenmusik von morgen liefern den Soundtrack. Viel Neon prägt die Atmosphäre,

eine Neon-Sign-Werkstatt bietet Einblicke in dieses besondere Handwerk, das zugleich ein bisschen von gestern und von morgen ist. Künstlerische Projekte aus dem HKB-Umfeld runden das Programm ab. In der Mediothek versammeln wir diverse Kunst von Maschinen und lassen die Besucher*innen herausfinden, ob sie diese von Menschenkunst unterscheiden können. Und in einem einzigartigen Raum im Untergrund dringen Kinder und Erwachsene gemeinsam zu den Tiefen der eigenen Kreativität vor. Ist sie vielleicht das, was den Menschen letzten Endes von der Maschine unterscheidet?

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Ausgezeichnet!

«Ein Spielplatz für Erwachsene»

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Felicitas Erb Worum geht es bei deinem Master-Projekt Die Schüchternen? Laiensänger*innen, die sich selber als schüchtern bezeichneten, sollten zusammen einen Chor bilden und mit einem Profiorchester zusammen Musik machen. Der schliesslich siebenköpfige Chor bestand aus einer Ärztin und einem Arzt, einer Pfarrerin, einer Tänzerin, einer Krankenschwester sowie einem Informatiker und einem Schreiner. Von früheren musikvermittlerischen Projekten her hatte ich bereits einen guten Kontakt zu Katharina Suske, der künstlerischen Leiterin des Profiensembles Die Freitagsakademie. Das Orchester erarbeitete zu der Zeit gerade die Harmoniemusik zur Mozartoper Don Giovanni. Zwar mag Don Giovanni zunächst nicht so recht zu Schüchternheit passen, auf den zweiten Blick schien mir aber gerade dieser Widerspruch interessant. Schüchterne Laien auf Profis loszulassen und umgekehrt. Profimusiker*innen dazu zu bringen, ihre «Maske» abzulegen und auch mal eigene Unsicherheiten zu zeigen. Bei der Aufführung im Mai 2018 sassen die Schüchternen abwechselnd mit den Profis in einer Reihe. Um die Profis miteinzubeziehen, fanden wir verschiedene Möglichkeiten, z.B. berührten wir die Musiker*innen beim Spielen, in einem anderen Stück schauten wir ihnen mit kritischem Gesichtsausdruck oder auch Kopfschütteln zu. Laut Rückmeldung von Katharina Suske war das eine besondere Erfahrung, sie fand es einerseits schön und andererseits durchaus verunsichernd. Wie bist du auf das Thema gekommen? Ist Schüchternheit für dich persönlich auch ein Thema? Dass ich gerade auf dieses Thema gekommen bin, ist natürlich kein Zufall. Schon früh bemerkte ich eine gewisse Spannung zwischen meiner Schüchternheit und dem Wunsch, Sängerin zu sein und auf der Bühne zu stehen. Insbesondere das klassische Klischee der selbstdarstellerischen Opernsängerin entspricht mir überhaupt nicht. Wie junge Sänger*innen teilweise von den Agenturen am Vorsingen behandelt werden, würde ich fast schon als menschenverachtend bezeichnen. Schüchternheit hat hier definitiv keinen Platz. Das hat sich mir nie ganz erschlossen, denn als Musiker*in musst du doch auch eine hohe Empfindsamkeit haben. Ein Ziel meiner Arbeit war es auch, dem professionellen Umfeld an der HKB, den Gesangsstudierenden diese Thematik näherzubringen. Was waren weitere Ziele, die du mit dem Projekt erreichen wolltest? Im Schwerpunkt Musikvermittlung / Music in

Letztes Jahr war ich mit Christine Grossenbacher, Musiklehrerin in Münchenbuchsee, an einem intereuropäischen Kulturvermittlungskongress der Initiative Europe in Perspective, an dem Lehrer-Künstlerinnen-Tandems aus ganz Europa teilnahmen. Als Pilotprojekt haben wir nun einen Kulturkoffer geschaffen, der von Schulklasse zu Schulklasse durch Europa geschickt wird. Ziel ist, dass Schüler*innen sich selbst als Jugendliche in ihrem Land auf künstlerische Weise beschreiben und so ein niederschwelliger Austausch entsteht. In Münchenbuchsee produzieren wir u.a. mit einer Musik-App und Geräuschaufnahmen ein Musikstück, begleitet von einem Tagebuch. Der Koffer bleibt einen Monat in einem Land, wird mit den Kunstwerken der Schüler*innen gefüllt und schliesslich an eine Schule in einem anderen Land geschickt. Teilnehmende sind Schulen aus der Schweiz, Polen, Österreich, Rumänien und den Niederlanden.

Foto: Susanna Drescher

Context an der HKB wird die Auffassung vertreten, dass eigentlich alle Gruppen von Menschen – seien dies nun Geflüchtete, Kinder oder auch eine Fussballmannschaft – geeignete «Objekte» für die Vermittlung seien. Mich hat nun aber interessiert, dass es innerhalb dieser Gruppen immer welche gibt, die vorpreschen, während andere sich zunächst eher zurückhalten. Wie komme ich an diese Menschen ran? Nur weil die sich erst mal nicht trauen, bedeutet das nicht, dass sie nichts zu bieten haben. Ich glaube, dass auch Musiker*innen durchaus schüchtern sind, diesen Teil von sich aber oft überspielen. Grundsätzlich war das Projekt eher prozess- denn zielorientiert. Es war etwa explizit nicht ein Ziel, dass die Teilnehmenden in dessen Verlauf ihre Schüchternheit überwinden, daher war auch nicht von Anfang an klar, dass es am Schluss zu einer Aufführung kommen würde. Was ist dir vom Projekt bis heute am meisten in Erinnerung geblieben? Mein Mentor Francesco Micieli hatte mich auf die Idee gebracht, dass alle Teilnehmenden für sich einen Text über (ihre) Schüchternheit schreiben könnten. Diese Texte bauten wir in die Aufführung ein, auch meinen eigenen. Heraus kamen sehr persönliche,

wirklich berührende Texte. Besonders gefreut hat mich die Rückmeldung eines Teilnehmers einige Zeit später, dass er nun erstmals auf dem Geburtstag seines Vaters spontan mit jemandem etwas gesungen habe. Eine Teilnehmerin meinte, durch das Projekt sei sie in direkten Kontakt mit sich selbst bzw. ihrem inneren Kind getreten. Du bist Sängerin und Gesangslehrerin und machst immer wieder eigene, v.a. musikvermittlerische Projekte. Wie muss man sich deinen Alltag vorstellen? Eine Konstante in meinem beruflichen Leben, auch finanziell, ist der Tag in der Woche, an dem ich an einer privaten Musikschule Gesangsunterricht erteile. Etwas weniger stet ist meine Tätigkeit als Sängerin: Vor Weihnachten hatte ich zum Beispiel jedes Wochenende Konzerte mit meinen diversen Ensembles, in diesem Bereich ist es momentan hingegen wieder etwas ruhiger. Daneben erfordern die eigenen Projekte einiges an Organisation, auch um Förderanträge und Werbung kümmere ich mich selber. Und daneben bin ich noch Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Kannst du ein Beispiel nennen für ein aktuelles eigenes Projekt?

Was machst du mit dem Preisgeld von 20 000 Franken? Ich will das Geld wieder in ein Vermittlungsprojekt investieren, am liebsten möchte ich wieder etwas mit Laien und Profis machen. Hierzu gibt es auch bereits erste Überlegungen und Pläne: Nächstes Jahr ist ein Liedprojekt mit Schüler*innen in Planung, ein grösseres Ziel für 2020 ist, eine Oper von Purcell zusammen mit Laien zu entwickeln und aufzuführen. Mein Traum ist es, einen Ort zu schaffen, an dem man sich einmal die Woche trifft und gemeinsam künstlerische Projekte entwickelt, welche die Laien auch echt mitgestalten können. Quasi ein Spielplatz für Erwachsene. Interview: Raffael von Niederhäusern

Die 1981 in Stuttgart geborene Sopranistin Felicitas Erb studierte Gesang an den Musikhochschulen in Stuttgart und Karlsruhe, später auch an der Schola Cantorum Basiliensis, und besuchte im Verlaufe ihrer Karriere diverse Meisterkurse. Von 2016 bis 2018 studierte sie an der HKB im Master Specialized Music Performance Klassik mit Schwerpunkt Künstlerische Musikvermittlung / Music in Context. Erb ist eine gefragte Solistin in der Schweiz und in Deutschland, bisher etwa mit Engagements an den Musiktagen Kassel, dem Beethovenfest Bonn oder dem Festival d’Art Sacré d’Antibes. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Alten Musik und beim Liedgesang. Ihre CD-Produktionen fanden grosse Beachtung und wurden in der Fachpresse hervorragend besprochen und mehrfach ausgezeichnet. Ein Highlight war die Echo-Nominierung für das Jahr 2017. Ende 2018 gewann Felicitas Erb den Ober-Gerwern-Masterpreis für herausragende Masterarbeiten an der HKB in der Höhe von 20 000 Franken.

In Kürze Irene Enzlin, Cellistin im Master Specialized Music Performance in der Klasse von David Eggert, gewann den dritten Preis beim Nationalen Cellowettbewerb in den Niederlanden. Zwischen all den Konzerten mit ihrem Delta Piano Trio nahm sie an diesem Wettbewerb teil und spielte im Finale im grossen Saal des Amsterdamer Muziekgebouw ein wunderschönes Schumann-Konzert.

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Der Schweizerische Nationalfonds hat vier neue Drittmittelprojekte bewilligt: – Cultural relations between Switzerland and South Africa, 1948 – 1994 von Chris Walton – Francesco Pollini and the early Italian piano tradition von Claudio Bacciagaluppi – Lebensmittel als Material in installativen und partizipativ-performativen künstlerischen Arbeiten – Dokumentation, Analyse, Rezeption von Fabiana Senkpiel – Digitales Kapital im Einsatz : zur Transformation digitaler Praktiken in der Kunstausbildung von Priska Gisler. Ebenfalls genehmigt hat der SNF das Projekt Jeremias Gotthelf Online Edition von Christian von Zimmermann der Universität Bern, in dem HKB-Dozent Jimmy Schmid als Juniorpartner mitarbeiten wird.

Ferner hat die HKB-Forschung folgende Unterstützungsbeiträge zugesprochen erhalten: – Klebstoffgitter für die restauratorische Verklebung von Leinwandgemälden von Karolina Soppa (Innosuisse) – Ästhetik des Klangs – der legendäre «altitalienische Lack» von Stefan Zumbühl (Karolina Blaberg Stiftung) – woodNANObonding von Karolina Soppa (Gebert Rüf Stiftung) – Das Archiv des Schweizerischen Tonkünstlervereins – eine explorative Studie zu seiner Erschliessung von Thomas Gartmann (Ernst von Siemens Musikstiftung). Gleich zwei Absolventinnen des Schweizer Opernstudios sind in den beiden weiblichen Hauptrollen der Neuproduktion von Puccinis La Bohème, die im November eine erfolgreiche Premiere gefeiert hat, am Konzert Theater Bern zu hören: Oriane Pons interpretiert die Rolle der Mimì und Orsolya Nyakas, die ihr Studium erst im Juni dieses Jahres abgeschlossen und für ihre Interpretation im Bund eine fantastische Kritik erhalten hat, singt die Musetta. Weitere Aufführungsdaten und Tickets: konzerttheaterbern.ch.

Michael Harenberg, Co-Leiter Sound Arts an der HKB, wurde mit seiner Komposition M-Medusa (2001) für die Anfang November 2018 erschienene DEGEM CD 16 drop the beat der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik ausgewählt. Die Arbeit M-Medusa ist Teil eines grösseren MedusaZyklus. Gemeinsam ist allen Medusen-Arbeiten, dass sie hauptsächlich mit dem PhysicalModelling-Synthesizer VL-1 von Yamaha entstanden sind. Die Edition DEGEM erscheint auf dem Kölner Label aufabwegen. aufabwegen.de

Performance an der HKB, von der Mitgliederversammlung zum ordentlichen Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste gewählt. Damit ist er seit Bestehen der Akademie das jüngste Mitglied, das in die Sektion Musik aufgenommen wurde. Zu Mitgliedern können Künstler*innen und Kunsttheoretiker*innen gewählt werden, die sich durch ihr Werk in besonderer Weise ausgezeichnet haben. Die Akademie versteht sich als Ort des künstlerischen Austauschs und als Forum für die kritische Begleitung der öffentlichen Kulturdebatte.

Saki Shirokoji aus der Violinklasse von Tianwa Yang hat am 13. JSCM Competition for Contemporary Music Players in Japan den ersten Preis gewonnen.

Beim 3. Allrussischen Musikwettbewerb in Moskau wurde Ilya Ramlav, Student im Master Specialized Music Performance aus der Klasse von Tomasz Herbut, im November 2018 mit dem 2. Preis ausgezeichnet. Angesichts der enormen Konkurrenz und Talentdichte sowie der grossen Musik- und Pädagogiktradition in Russland eine ganz besondere Auszeichnung.

Drei ehemalige HKB-Studierende haben einen Schweizer Literaturpreis gewonnen: Elisa Shua Dusapin für Les Billes du Pachinko (Editions Zoé), Patrick Savolainen für Farantheiner (verlag die brotsuppe) und Julia von Lucadou für Die Hochhausspringerin (Hanser Berlin). Am 22. Oktober 2018 wurde Lennart Dohms, Leiter der Masterstudiengänge in Music


HKB-Absolvent im Fokus

Florin Gstöhl

Neu an der HKB

«Wir Publizieren» – ein gemeinsames Projekt der HKB und der Hochschule für Künste Bremen – beschäftigt sich mit kollektiven Praktiken des Herausgebens, des Vervielfältigens und des Verteilens von Zeitungen, Zeitschriften, Magazine, Zines, etc. Das Projekt umfasst eine Sammlung von unabhängigen und radikalen Publikationen seit den sechziger Jahren mit Schwerpunkt Schweiz. Für den weiteren Aufbau eines nicht-kommerziellen, öffentlich zugänglichen Archives suchen wir unabhängige Publikationsprojekte seit den 1960er-Jahren (alle Drucktechniken, aber auch Webseiten oder Mailinglisten). Die Publikationen werden in möglichst grosser Auswahl digital reproduziert, zugänglich gemacht und in Auswahl im Dezember 2019 in einer Ausstellung in der Kunsthalle Bern gezeigt. wir-publizieren.ch Das Y Institut lanciert eine neue Serie von Y-Talks. Ab dem Frühlingssemester 2019 finden die Gespräche unter dem Motto Kritik und Kunst in Zusammenarbeit mit dem Lehrerzimmer im PROGR statt. Das neue Setting bietet dem Publikum die Möglichkeit, mitzudiskutieren und nach dem Y-Talk auf die anwesenden Künstler*innen zuzugehen. hkb.bfh.ch/de/aktuell/veranstaltungen 2003 bildete sich aus der damaligen Hochschulbigband-Besetzung das Swiss Jazz Orchestra. Seit der Gründung hat die Bigband, die weit über die Landesgrenzen bekannt und jeden Montag im Berner Bierhübeli zu hören ist, zehn CDs veröffentlicht. Neben wichtigen Vertreter*innen der Schweizer Szene sind auch regelmässig internationale Stars zu Gast. Auf der neusten Produktion präsentiert das Swiss Jazz Orchestra, bei dem auch jetzt noch viele Alumni, Mitarbeitende und Dozierende des Studienbereichs Jazz der HKB tätig sind, neue Werke des Argentiniers Guillermo Klein, einer der spannendsten zeitgenössischen Komponisten in diesem Bereich. Am 8. April 2019 wird das neue Album im Bierhübeli getauft, am 3. Mai 2019 auf dem Label Sunnyside veröffentlicht. swissjazzorchestra.com Gleich zwei Ensembles des Fachbereichs Musik der HKB werden kurze internationale Tourneen absolvieren (siehe auch HKBAgenda auf S. 20/21). Zum einen eine Big Band unter der Leitung von Django Bates (Spanien und Frankreich) mit Studierenden der HKB und ausländischer Jazzhochschulen sowie die Musiktheaterproduktion Machinations von Georges Aperghis (Deutschland und Schweiz). HKB Jazz are delighted to welcome English saxophonist and founder of the European Improvised Music scene Evan Parker, as Artist in Residence 2018/19. Parker makes three visits to the HKB – accompanied by notable acoustic and electronic musicians, and bringing together students from Jazz, Classical and Sound Arts. Born in 1944, Parker is now widely acknowledged as “one of the music’s greatest living instrumentalists” (The Times), “one of the world’s finest ensemble improvisers” (Chicago Reader) and “one of the modern era’s most original voices” (The Wire). evanparker.com.

Foto: Franz Henn, Bern, 1931.

Berner*innen kennen es alle: das SUVA-Haus an der Ecke Laupen- und Seilerstrasse. Mit seiner abgerundeten, dynamischen Front und der charakteristischen Beschriftung verlieh es der Bundesstadt schon zur Zeit seiner Fertigstellung 1931 einen Hauch grossstädtischen Flairs. Das ist kein Zufall. Architekt Otto Salvisberg, gebürtiger Könizer, verbrachte die 1920er Jahre in Berlin und war dort Teil des Neuen Bauens, bevor er für einen Lehrstuhl an der ETH in die Schweiz zurückkehrte. Gegenwärtig beleuchtet ein SNF-Forschungsprojekt Salvisbergs Leben und Werk neu – und mittendrin, als einer von drei Projektmitarbeitenden, ist Florin Gstöhl, bis Sommer 2014 Master-Student in Konservierung

und Restaurierung an der HKB, heute Doktorand am Institut für Kunstgeschichte der Uni Bern. Schon während seines Studiums an der HKB merkte Gstöhl, dass ihn v.a. die Vorarbeit der Restaurator*innen interessierte, die kunstgeschichtliche Einordnung, die naturund materialwissenschaftliche Analyse, das Sammeln von Backgroundinfos. Warum hat ein Objekt einen Schaden? Was kann man dagegen tun? Und: Wie lässt sich das Vorgehen bestmöglich ethisch absichern? Irgendwie logisch also, dass der Weg des ehemaligen Baumalers in die Forschung führte. Und doch auch ein bisschen zufällig, denn auf seinen heutigen Doktorvater Bernd Nicolai traf er erstmals an der HKB-Diplomfeier,

wo dieser als Gastredner für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Denkmalpflege und Restaurator*innen plädierte. «In der Euphorie» habe Gstöhl, aufgrund eigener Erfahrungen derselben Auffassung, Nicolai kurz darauf einfach mal ein Mail geschrieben, seither habe sich alles irgendwie ergeben: Via zweijähriges Master-Studium in Research on the Arts landete er schliesslich im Sommer 2017 im Salvisberg-Projekt. Unter anderem mit dem Ziel eines möglichst vollständigen Werkverzeichnisses schaut sich Gstöhl einerseits die noch stehenden, anderseits auch die nur projektierten, meist als Wettbewerbsentwürfe verbliebenen Bauten Salvisbergs in der Schweiz an. Die Recherchen führen ihn auf Bauämter, in Stadt- und Saatsarchive, aber auch in Privat-, Firmen- und Spezialarchive wie das Roche Historcial Archive in Basel oder das gta Archiv der ETH Zürich, wo der Nachlass Salvisbergs und vieler weiterer Architekt*innen bewahrt wird. Die Pläne, Entwürfe und Skizzen, die er dort findet, haben nicht nur wissenschaftlichen Erkenntniswert für das Projekt, sondern könnten auch für die Wanderausstellung interessant sein, die später in Deutschland und der Schweiz gezeigt werden soll. Immer mal wieder reist Gstöhl auch nach Berlin, wo ein anderer Projektmitarbeiter dasselbe tut wie er in Schweiz. «Das ist etwas Schönes an der Arbeit als Architekturhistoriker, du kommst ziemlich ’rum.» Für seine berufliche Zukunft nach Projektabschluss 2020 hat Florin Gstöhl noch keine konkreten Pläne, vorstellen könnte er sich eine Tätigkeit irgendwo an der Schnittstelle von restauratorischer Praxis und Theorie. Sicher ist sich der gebürtige Liechtensteiner indes – bei aller Reisefreude –, dass er bis auf Weiteres in Bern, der Beinahe-Grossstadt, bleiben will: «Hier habe ich meinen Lebensmittelpunkt, hier fühle ich mich wohl.»

HKB -ZEITUNG

Die Zukunft muss gebaut werden. Für die HKB gilt das insbesondere. Historisch gewachsen als Zusammenschluss verschiedener Kunstschulen ist die HKB heute verteilt auf zahlreiche Standorte in Bern und Biel. Dies erschwert Organisation, Austausch und Begegnungen. Dank einem Neubau Campus Bern, den die Berner Fachhochschule BFH im Weyermannshaus plant, werden die Bereiche der performativen Künste der HKB ab dem Jahr 2026 unter einem Dach organisiert sein, während das Schweizerische Literaturinstitut in Biel und der Satellitencampus Visuelle Künste an der Fellerstrasse in Bern Bethlehem verbleiben. Der Kanton Bern als Bauherr hat Ende Januar das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs zum Campus Bern vorgestellt. Das einstimmig zum Gewinner erkorene Projekt «Dreierlei» eines Planerteams unter der Leitung der wulf architekten gmbh aus Stuttgart überzeugte die Jury v.a. durch die innovative Gliederung der Gebäude. campus-bern.ch

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von Raffael von Niederhäusern

Zu Gast

Eberhard Seifert von Reto Witschi

Eberhard Seifert ist eigentlich nicht zu Gast an der HKB. Vielmehr ist er Teil der HKB, so lange arbeitet er schon mit ihr zusammen. Das erstaunt auf den ersten Blick. Denn: Prof. Dr. med. Eberhard Seifert ist Arzt am Inselspital Bern. Er leitet seit 2000 die Abteilung Phoniatrie der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Kopf- und Halschirurgie. In diesem langen Kliniknamen versteckt sich der Grund für die Verbindung zwischen Insel und HKB: Im Hals liegen die Stimmlippen. Und diese sind der wichtigste Teil des störungsanfälligen Instruments unserer Sänger*innen: der Stimme. Entstanden ist die Zusammenarbeit zwischen der Insel-Phoniatrie und der HKB bereits 2004. Anlass dazu war der Weltstimmtag. Zusammen mit der langjährigen HKB-Gesangspädagogin Marianne Kohler rief Seifert die seither alljährlich stattfindende Stimmwelten-Tagung ins Leben: Als Verbindung zwischen Medizin, Logopädie und Gesangspädagogik lotet Stimmwelten das Spannungsfeld zwischen gesunder, kranker und schöner Stimme aus. 2011 wurde Seifert zum regelmässigen HKB-Mitarbeiter: Als Teil eines interdisziplinären Teams half er mit, den Weiterbildungsstudiengang CAS Singstimme aufzubauen. Die Studienleiterin Nina Grunder stellte fest, dass es oft herausfordernd ist, Sänger*innen mit beeinträchtigter Singstimme gesangspädagogisch und logopädisch zu betreuen. Der CAS Singstimme verbindet Medizin, Logopädie und Gesangspädagogik. Er fördert die Teilnehmenden darin, Fehlfunktionen der Stimme erkennen, abbauen und vermeiden zu können. Sie sollen Profis und Laien mit Stimmstörungen helfen können, wieder zurück zu einem guten Singen zu finden. Der CAS Singstimme war von Anfang an ein Erfolg: Die erste Durchführung war bereits

Foto: Corinne Futterlieb

ausgebucht, bevor der Flyer aus dem Druck kam. Die Nachfrage ist hoch geblieben. Momentan läuft der siebte Durchgang des CAS Singstimme und zahlreiche Teilnehmende reisen aus dem Ausland an. Eberhard Seifert ist als ärztlicher Leiter und Dozent noch immer im Kernteam des Studiengangs dabei. Er vermittelt die medizinischen Themen wie Anatomie und Physiologie und erklärt die verschiedenen Störungsbilder. Seifert will darüber hinaus die verschiedenen Berufsgruppen miteinander vernetzen und Berührungsängste abbauen. Er erlebe die Zusammenarbeit mit der HKB als ausserordentlich angenehm, sie sei von grossem gegenseitigem Vertrauen geprägt.

Auch bei der Stimmwelten-Tagung am 4. Mai (siehe HKB-Agenda auf S. 21) ist Seifert wieder mit dabei. Und das nächste Gastspiel an der HKB gibt er im Herbst im Rahmen des CAS Popgesang: In diesem zweiten Studiengang des Weiterbildungsschwerpunkts Singstimme erarbeiten sich klassische Gesangspädagog*innen ein Fundament, um später Popgesang unterrichten zu können. Seifert lehrt in diesem CAS die physiologischen Unterschiede beim Singen von Pop und Klassik.

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März–Mai 2019

HKB-Agenda

M ÄR Z  –  MAI 2019

MÄRZ Konzertreihe Klassik / Jazz Do, 14. — 18 Uhr

Intensivworkshop PreCollege

Halt auf Verlangen

Musik Klassik Fr/Sa, 1./2. — 10–13/14–17 Uhr

Meisterkurs Violine mit Sigiswald Kuijken

HKB Papiermühlestrasse 13a, Bern Kammermusiksaal

Oper Sa, 2. — 19 Uhr

Minuit, l’aventure d’un faune

Szenische Studierendenprojekte von Chloé Suard, Salvador Pérez. HKB Burg, Biel, Saal Oper Blasmusik Sa, 2. — 19.30 Uhr

HKB -ZEITUNG

Les notes du Japon

Das HKB Wind Orchestra spielt unter der Leitung der Masterstudierenden Blasmusikdirektion Werke von Yasuhide Ito, Yuzo Toyama, Keiko Abe. Solistin: Romane Bouffioux Yehudi Menuhin Forum, Bern Vortragsreihe Mi, 6. — 17.30 Uhr

Forschungs-Mittwoch Thema: Practicing Art/Science, Host: Priska Gisler. HKB Fellerstrasse 11 Konzertreihe Klassik/Jazz Do, 7. — 18 Uhr

Halt auf Verlangen

Geige (Klassen Corina Belcea, Bartek Niziol, Tianwa Yang). Jazzspot: Karrer:Zuberbühler (Saxophon/Drums). Berner GenerationenHaus Oper/Forschung Fr, 8. — 19.30 Uhr

Premiere: Das Schloss Dürande

Szenische Uraufführung der Neufassung von Othmar Schoecks Oper. Weitere Aufführungen bis am 6.7.2019. meininger-staatstheater.de Meininger Staatstheater, Meiningen (D) Musik Klassik Mo, 11.

Highway to Hell

A Day with Fausto Romitelli and his Italian Predecessors. 10–12.30/14–16 Uhr, Vorträge 19.30 Uhr, Konzert HKB Papiermühlestrasse 13d, Bern Musik / Forschung Di, 12. — 18.30 Uhr

L’Art pour l’Aar

Vorführung des 1/16-Ton-Klaviers durch H. E. Frischknecht. Gemeinsame Veranstaltung mit der SMG Bern. HKB Ostermundigenstrasse 103, Bern, Auditorium Jazz Di–Sa, 12.–16. — 18.30/19.45/21 Uhr

HKB Jazzorchestra

Die Big Band der HKB unter der Leitung von Bert Joris am 44. Internationalen Jazzfestival Bern. Hotel Innere Enge, Bern, Jazzzelt Vortragsreihe Mi, 13. — 17.30 Uhr

GK-Talk mit Dunja Herzog Talk über Kunst, ihre Produktion, ihren Begriff der Autorschaft und ihren Wert in verschiedenen Gesellschaften HKB Fellerstrasse 11, Auditorium

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Jungstudierende des PreCollege Bern HKB. Berner GenerationenHaus

Théâtre musical Fr, 26. — 20 Uhr

Tryout – Best of Szenen

Printemps de la poésie

Georges Aperghis: Machinations

Theaterstudierende präsentieren eine Auswahl aus dem Szenenstudium. Vidmarhallen, Liebefeld, Vidmar+ Forschung Fr/Sa, 29./30.

Abschluss-Wochenende HKB geht an Land 2019

Programm siehe 3. Bund dieser Zeitung. Diverse Orte, Burgdorf hkbgehtanland.ch Musik Klassik Fr/Sa, 15./16. — 10–13/14– 17 Uhr 

Meisterkurs Tuba/ Posaune/Euphonium mit Simon Styles

HKB Papiermühlestrasse 13a, Bern Kammermusiksaal

Jazz Di–Sa, 19.–23. — 18.30/19.45/21 Uhr

Forlorn Elm

Klänge von Rock, Modern Jazz und Pop. Die 2. Woche HKB am 44. Internationalen Jazzfestival Bern. Hotel Innere Enge, Bern, Jazzzelt Forschung Mi, 20. — 18 Uhr

Forschungsapéro 2019

Siehe Highlight auf der rechten Seite. HKB Fellerstrasse 11, Bern Gesprächsreihe Mi, 20. — 18.30 Uhr

Y-Talk mit Lukas Bärfuss Lesung und Gespräch über Krieg und Liebe, Moderation: Christine Lötscher. Zentrum Paul Klee, Bern Fr, 22. — 18–2 Uhr

Museumsnacht an der HKB

Siehe HKB-Highlight auf S.17. HKB Fellerstrasse 11 Oper Fr, 22. — 19 Uhr

Frauenliebe und Leben

Szenisches Studierendenprojekt nach Robert Schumann von Jeanne Dumat. HKB Burg, Biel, Saal Oper Musik Klassik So, 24. — 18 Uhr

KulturKehrsatz

4 HKB-Studierende präsentieren ihr Projekt Geisterklänge. Ökumenisches Zentrum, Kehrsatz Musik Klassik Di, 26. — 19.30 Uhr

Open Chamber Music

Virtuose Kammermusik von M. und J. Haydn, A. Zimmermann und L. Hoffmann, mit David Sinclair am Kontrabass. Konservatorium Bern

Musik Klassik/Oper Sa, 13. — 20.45 Uhr So, 14. — 17 Uhr

Siehe Highlight auf der rechten Seite. Konservatorium Bern Theater Sa/So, 30./31.

Manifesto

Mit Studierenden des Master Expanded Theater. Teil 1 — 17.30 Uhr/Teil 2 — 20 Uhr HKB Zikadenweg 35, Bern

APRIL Musik Klassik/Oper Mo, 1. — 19.30 Uhr

Images sonores

Vortrag und Gespräch mit Peter Eötvös im Vorfeld der Schweizer Erstaufführung seiner Lady Sarashina (siehe Highlight auf der rechten Seite). HKB Ostermundigenstrasse 103, Bern, Auditorium Konzertreihe Jazz Di, 2. — 20.30 Uhr

Singer’s Night

Géraldine Schnyder/Petite Obole Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern Konzertreihe Klassik/Jazz Do, 4. — 18 Uhr

Halt auf Verlangen

Gitarre (Klasse Elena Casoli)/Posaune (Klasse Ian Bousfield). Jazzspot: Matthieu Mazué (Piano). Berner GenerationenHaus Weiterbildung Do, 4. — 18.30 Uhr

Infoabend CAS Teaching Artist

Als Teaching Artists können Künstler*innen ein zweites Standbein aufbauen. hkb.bfh.ch/cas-teaching-artist HKB Fellerstrasse 11, Studio (1. OG) Konservierung & Restaurierung Fr, 5.

Präsentationen Master-Thesis

HKB Fellerstrasse 11, Bern, Auditorium

Gesprächsreihe Do, 28. — 18.30 Uhr

Springtime 19

Y-Talk mit Dorothee Elmiger

Lesung und Gespräch über Politik, Poetik und Plastikstühle. Lehrerzimmer, Bern

Guest Lecture Festival

Jährlich stattfindendes Festival, organisiert und moderiert von Studierenden des Master-Studiengangs Design. Diverse Orte, Bern Konzertreihe Jazz Di, 16. — 20.30 Uhr

Singer’s Night

Alisha Dauti/Blattgold Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern Vortragsreihe Mi, 17. — 17.30 Uhr

Forschungs-Mittwoch

Gäste: Liz Waterhouse & James Leach Host: Priska Gisler. HKB Fellerstrasse 11, Bern

H. Biedermann/G. Vergelin Soler Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern Vortragsreihe Mi, 10. — 17 Uhr

Forschungs-Mittwoch

Mikrointervallische Tonsysteme und ihre Entwickler*innen. Host: Martin Skamletz. HKB Ostermundigenstrasse 103, Bern, Auditorium Musik Klassik/Oper Mi/Do, 10./11. — 19.30 Uhr

Lady Sarashina

Siehe Highlight auf der rechten Seite. Dampfzentrale Bern

Siehe Highlight auf der rechten Seite. Gare du Nord, Basel Musik Klassik Fr–So, 26.–28. — 10–13/14–17 Uhr

Meisterkurs Violine mit Josef Hell

HKB Papiermühlestrasse 13a, Bern, Veress Saal

Jazz Mo, 29. — 20 Uhr

Concierto – Jahresprojekt Komposition HKB Jazz Werke, die sich mit längeren Formverläufen, instrumentalen Texturen sowie der Vernetzung von Improvisation und Komposition auseinandersetzen. HKB Ostermundigenstrasse 103, Bern, Auditorium Weiterbildung Di, 30. — 18–20 Uhr

Infoabend CAS Kulturelle Bildung

Kreativität ermöglichen ab der frühen Kindheit – Weiterbildungsangebot für Kulturschaffende und Pädagog*innen. hkb.bfh.ch/cas-kulturelle-bildung HKB Fellerstrasse 11, Raum 229 (1. OG) Konzertreihe Jazz Di, 30. — 20.30 Uhr

Singer’s Night

Leoni Altherr / Triologue Demontage Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern

MAI

Oper Mi, 17. — 19 Uhr

Intrigues amoureuses

Airs d’opéra scéniques der Studentin Sarah-Anne Worms. HKB Burg, Biel, Saal Oper Konzertreihe Klassik/Jazz Do, 18. — 18 Uhr

Halt auf Verlangen

Bratsche (Klassen Patrick Jüdt, Gertrud Weinmeister)/Akkordeon (Klasse Teodoro Anzellotti). Jazzspot: Eva Kesselring (Kontrabass). Berner GenerationenHaus Oper Do, 18. — 19 Uhr

Es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen Szene und Lieder dargeboten von Studentin Lena Tschinderle. HKB Burg, Biel, Saal Oper Konzertreihe Jazz Di, 23. — 20.30 Uhr

Singer’s Night

Damaris Brendle/Sibylle Erb Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern

Georges Aperghis: Machinations

Singer’s Night

Buchhandlung Bostryche, Biel

Design Mo–Do, 15.–18.

Dancing On Frith Street

Typoclub Afterwork Lecture mit Krispin Heé

Lesung mit Student*in des Literaturinstituts

Siehe Highlight auf der rechten Seite. Teatro Sociale Bellinzona

Théâtre musical Di, 23. — 19 Uhr

Konzertreihe Jazz Di, 9. — 20.30 Uhr

Literatur Do, 28. — 18 Uhr

Lady Sarashina

Jazz So, 7. — 20.30 Uhr

Vortragsreihe Typografie Mi, 27. — 18 Uhr

Lecture über neue, innovative Ansätze der Buchgestaltung. krispinhee.ch HKB Fellerstrasse 11, Bern

θree

Musik Klassik Sa, 30. — 19.30 Uhr

Studierenden-Konzert. La Prairie, Bern

Offenes Haus La Prairie

Oper Fr, 12. — 19 Uhr Sa, 13. — 14 Uhr Szenisches Studierendenprojekt von Yi-An Chen mit Liedern von taiwanesischen Komponisten. HKB Burg, Biel, Saal Oper

Zusammenarbeit mit L’Auditori de Barcelona und dem Orchestre National de Lille. 21-köpfige Band mit Studierenden aus Bern, Barcelona und Lille spielen Musik von Loose Tubes. Leitung: Django Bates. bee-flat, PROGR, Bern Weitere Konzerte: Do, 4.4.2019, Barcelona Fr, 5.4.2019, Granollers So, 16.6.2019, Lille

Musik Klassik Di, 26. — 20 Uhr

Studierende des Literaturinstituts lesen im Rahmen des Lausanner Poesiefestivals. La Grange de Dorigny, Lausanne

Internationales Symposium über aktuelle Musiktheaterproduktionen. Dampfzentrale Bern (Fr) HKB Papiermühlestrasse 13a, Bern Kammermusiksaal (Sa)

Rising Stars!

Musik Klassik Do–So, 14.–17.

Gestaltung & Kunst Mi–Fr, 13.–15. Austauschplattform für Studierende und Alumni der HKB mit ausgewählten Gästen. Kuratorin: Dunja Herzog. HKB Fellerstrasse 11, Auditorium

Literatur Do, 11. — 12.15 Uhr

Werkstatt Freies Musiktheater

Musik Fr–So, 1.–3.

Uraufführungen von Kompositionen Jungstudierender am PreCollege Bern HKB. Diverse Orte, Lenk im Simmental

Theater Fr, 29. — 19.30 Uhr

Siehe Highlight auf der rechten Seite. HKB Ostermundigenstrasse 103, Bern Vortragsreihe Typografie Mi, 24. — 18 Uhr

Typoclub Afterwork Lecture mit Sandra Doeller Lecture über die Entwicklung grafischer Lösungen für Erscheinungsbilder, Ausstellungen und Webseiten mit klarer und reduzierter Designsprache. sandradoeller.com HKB Fellerstrasse 11, Bern Oper Do, 25. — 19 Uhr

Kori Allachu

Bolivianische Lieder, dargeboten von Studentin Paola Alcocer. HKB Burg, Biel, Saal Oper Gestaltung & Kunst Do–So, 25.–28.

BLOCC (Building Leverage Over Creative Capitalism)

Do, 18 Uhr, Vernissage/Weblaunch Grand Palais, Bern

Théâtre musical Mi, 1. — 16.30/20 Uhr

Georges Aperghis: Machinations

Siehe Highlight auf der rechten Seite. Festival Acht Brücken, Köln Vortragsreihe Mi, 1. — 17 Uhr

Forschungs-Mittwoch Host: Sebastian Dobrusskin. HKB Schwabstrasse 10, Bern Musik Klassik Do, 2. — 10 Uhr

Konzert IZM/HAP

Historische Aufführungspraxis & Interpretation in Zeitgenössischer Musik. HKB Papiermühlestrasse 13d, Bern Grosser Konzertsaal Konzertreihe Klassik/Jazz Do, 2. — 18 Uhr

Halt auf Verlangen

Klarinette (Klasse Ernesto Molinari) / Euphonium (Klasse Thomas Rüedi). Jazzspot: Mascha Corman (Gesang), Matthieu Mazué (Piano). Berner GenerationenHaus Musik & Bewegung Fr, 3. — 10/19 Uhr

Cantus

Wenn Mozart trotz seines Eigengoals den FC Opus 125 in den Sieg führt. Master-Projekt von Stephanie Ibrahim. X-Project, Biel Theater Fr, 3.

Bachelor-Projekte Theater

HKB Zikadenweg 35, Bern

Musik & Bewegung Fr, 3. — 17.15 Uhr Sa, 4. — 20 Uhr

Passo Continuo

Altstadt-Rundgang in Biel, geführt von Tanz und Musik. Master-Projekt von Ursina Bösch. Besammlung: Obertor, Biel Tagung Sa, 4. — 13.30–18 Uhr

Stimmwelten

Tagung zu stimmphysiologischen Prozessen, illustriert durch beeindruckende Bilder aus dem Inneren von Sänger*innen. hkb.bfh.ch/singstimme HKB Papiermühlestrasse 13d, Bern Grosser Konzertsaal


Abschlusskonzerte

Singer’s Night

Bachelor und Master Musik Klassik. Diverse Orte Konzertreihe Jazz Di, 7. — 20.30 Uhr

Singer’s Night

Filou Meets Flair/Mascha Corman Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern Vortragsreihe Mi, 8. — 17 Uhr

Forschungs-Mittwoch

Vorträge über Instrumentalunterricht im Fokus musikpädagogischer Forschung. Referent*innen: Andrea Ferretti, Andreas Cincera. HKB Ostermundigenstrasse 103, Bern, Raum 309 Oper Do, 9.

Opern-Marathon

Ein Tag ganz im Zeichen der Oper.Details ab Mitte April auf der HKB-Website. HKB Burg, Biel Vortragsreihe Kunstvermittlung Do, 9. — 18–20.30 Uhr

Lunchpaket mit Irit Rogoff

Dinner Edition zum Thema Becoming Research. Universität Bern, Schanzeneckstrasse 1 Musik Klassik Do, 9. — 19.30 Uhr

Selina Brenner / Mélanie Epenoy Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern Musik Klassik Mi, 22. — 19.30 Uhr

Konzert der Talentförderung Hofwil

Die jungen Musiker*innen des Gymnasiums Hofwil präsentieren sich mit Solowerken und Kammermusik. HKB Papiermühlestrasse 13d, Bern Grosser Konzertsaal Vortragsreihe Typografie Mi, 22. — 18 Uhr

Typoclub Afterwork Lecture mit Reto Moser

Forschung Mi, 20.3. — 18 Uhr

Forschungsapéro 2019

Im Rahmen von künstlerischen Performances, Vorträgen und einer Posterausstellung berichten Forschende aus ihrer aktuellen Projekttätigkeit. Dieses Jahr spricht der Kommunikationsdesigner Marius Disler über den nachhaltigen Zugang zum Kaffeerösten für alle, die Künstlerin Tine Melzer veranschaulicht Phänomene des Aspektsehens und die Interpretationsforschenden Jane Achtman und Kai Köpp lassen Musiksaiten aus Schafdarm neu erklingen. Darauf folgt ein erstes Preview in interaktive Forschungsbeiträge, die an der Museumsnacht Bern am 22. März, ebenfalls am HKB-Standort an der Fellerstrasse 11 in Bern Bethlehem, zu sehen und zu erleben sein werden. HKB Fellerstrasse 11, Bern

Lecture über Schriftentwicklung sowie innovatives und eigenständiges Autorendesign. studio-rm.ch / grillitype.com HKB Fellerstrasse 11, Bern

Musik Klassik Sa, 30.3. — 19.30 Uhr

Rising Stars!

Antonín Dvořáks berühmte Serenaden bezaubern bis heute. Erleben Sie diese romantischen Kammerorchesterperlen in den Händen von Student*innen des HKB-Weiterbildungsstudiengangs in Dirigieren, gespielt vom Berner Kammerorchester. Ganz in der Tradition klassisch-barocker Abendmusiken sind Streich- und Blasinstrumente voneinander getrennt. Zu Dvořáks Serenaden haben Kompositionsstudent*innen neue Werke geschaffen. Die Kompositionen setzen sich mit der spezifischen Klanglichkeit der getrennten Ensembles auseinander. Die Werke von Charlotte Torres, Jonathan March, John Michet und Ivo Ubezio gelangen an diesem Abend zur Uraufführung. Tickets: bko.ch Konservatorium Bern

Jazz Mi–So, 22.–26. — 20 Uhr

Pop-up Festival

Eine Werkschau des aktuellen Jazz und seiner vielen Formen, präsentiert im gemütlichen Ambiente des Gewölbekellers im PROGR. PROGR, Bern, Sonarraum U64 Gesprächsreihe Do, 23. — 18.30 Uhr

Y-Talk mit Bettina Wilpert Kammermusik Excellence und Koschka Linkerhand Die besten Kammermusikgruppen der HKB präsentieren ihr Können. HKB Papiermühlestrasse 13d, Bern, Grosser Konzertsaal Théâtre musical Mo, 13. — 19 Uhr

Georges Aperghis: Machinations

Siehe Highlight auf der rechten Seite. Société de Musique Contemporaine Lausanne Konzertreihe Jazz Di, 14. — 20.30 Uhr

Singer’s Night

α-ray/Kapharnaüm Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern Literatur Mi, 15. — 12.30–13.30/16–17 Uhr

Bieler Fototage

Lesungen zwischen Fotografien, mit Studierenden der HKB. bielerfototage.ch Biel Musik Klassik Do, 16. — 16 Uhr

Philharmonie am Nachmittag

Studierende des CAS/DAS Dirigieren mit der Philharmonie Baden-Baden. Kurhaus Baden-Baden (D), Weinbrennersaal Konzertreihe Klassik Do, 16. — 18 Uhr

Halt auf Verlangen

Die besten Kammermusikgruppen der HKB präsentieren ihr Können. Berner GenerationenHaus Theater Do/Fr, 16./17.

The Colours Of Hope

Lesung und Gespräch über politische Haltung in der Literatur. Lehrerzimmer, Bern Literatur Do, 23.

Zweisprachige Lesung

Abendveranstaltung mit Absolvent*innen des Schweizerischen Literaturinstituts, Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Farelhaus, Biel Musik Fr, 24.

Fokustag Musikvermittlung / Music in Context

Präsentationen mit Studierenden und Dozierenden zu den Themen Make Art Great Again! und Was kann Musik? HKB Papiermühlestrasse 13d, Bern Grosser Konzertsaal Musik Klassik Di, 28. — 20 Uhr

Offenes Haus La Prairie Studierenden-Konzert. La Prairie, Bern Konzertreihe Jazz Di, 28. — 20.30 Uhr

Singer’s Night

Mirjam Hässig/Octante-et-onze Die Serie mit mehr oder weniger jazzigen Klängen und viel Gesang im Kairo-Keller. Café Kairo, Bern Vortragsreihe Kunstvermittlung Mi, 29. — 17.30 Uhr

Lunchpaket mit Elke Krasny

Dinner Edition zum Thema Kunst. Vermittlung. Bildungsarbeit. HKB Fellerstrasse 11, Bern Vortragsreihe Mi, 29. — 17.30 Uhr

Koproduktion Master Expanded Theater HKB und Südpol Luzern am Auawirleben-Festival. auawirleben.ch Dampfzentrale Bern

Forschungs-Mittwoch

Musik & Bewegung Fr/Sa, 17./18. — 20 Uhr

Konzertreihe Klassik/Jazz Do, 30. — 18 Uhr

Akkortanz

Halt auf Verlangen

Ein Männerchor und eine 5. Primarklasse aus Biel treten gemeinsam auf. Master-Projekt von Jeanne Lehnherr. Theater am Rennweg 26, Biel Jazz Mo, 20. — 19 Uhr

Solo/Duo/Trio

Die Studierenden im letzten Semester Master Music Performance loten die Möglichkeiten dieser Kleinstformate aus. HKB Ostermundigenstrasse 103, Bern, Auditorium

M ÄR Z  –  MAI 2019

Konzertreihe Jazz Di, 21. — 20.30 Uhr

HKB -ZEITUNG

Musik Klassik Mo–Fr, 6.5.–28.6.

Gast: René Spitz Hosts: Arne Scheuermann, Robert Lzicar HKB Fellerstrasse 11, Bern

Klavier (Klasse Tomasz Herbut). Jazzspot: Cyril Ferrari (Gitarre). Berner GenerationenHaus

Musik Klassik/Oper Mi/Do, 10./11.4. — 19.30 Uhr, Sa, 13.4. — 20.45 Uhr, So, 14.4. — 17 Uhr

Lady Sarashina – Opéra en neuf tableaux

Peter Eötvös gehört zu den bekanntesten Komponisten der Gegenwart. Für seine gefeierte und vielgespielte Oper Lady Sarashina (Uraufführung 2008) erstellte Eötvös nun eigens für die HKB eine neue, kammermusikalische Fassung. Anfang April wird er für deren Umsetzung die ersten Proben begleiten. Die Klangwelt dieses Stücks vereint radiofonisches Hörspiel, Soundtracks von Cartoons, elektronische Klangtransformationen, Raumklang, akustische Kunst- sowie Film- und Theatermusik. Inszeniert wird das Stück von Kami Wilhelmina Manns, das Ensemble Vertigo leitet Lennart Dohms. Als Lady Sarashina ist Christina Daletska zu erleben, weitere Rollen besetzen Gesangsstudierende des Schweizerischen Opernstudios HKB. Mi/Do: Dampfzentrale Bern Sa/So: Teatro Sociale Bellinzona Théâtre musical Di, 23.4., Fr, 26.4., Mi, 1.5., Mo, 13.5., Do, 22.8.

Georges Aperghis: Machinations

Georges Aperghis hat mit Machinations ein erstes von drei grossen Werken geschrieben über das Verhältnis von Mensch und Maschine und Live-Electronics. Die HKB präsentiert nach langer Vorarbeit die erste Wiederaufführung dieser virtuosen, rund 60 Minuten dauernden Anlage und geht damit auf Tournee. Regie: Pierre Sublet, Klangregie: Benoît Piccand, Laurens Inauen. 23.4. — 19 Uhr HKB Ostermundigenstrasse 103, Bern 26.4. — 20 Uhr Gare du Nord, Basel 1.5. — 16.30/20 Uhr Festival Acht Brücken, Köln 13.5. — 19 Uhr Société de Musique Contemporaine Lausanne 22.8. — 19 Uhr Jardins Musicaux, Cernier 21


Öffentliche Ausstellung

Prix Mobilière 2019: Maya Rochat

Isa Genzken M ÄR Z  –  MAI 2019

Isa Genzken, Untitled, 2018. Courtesy Galerie Buchholz, Cologne / Berlin / New York. © 2018, ProLitteris, Zurich

23. Februar – 28. April 2019

Kunst & Nachhaltigkeit Vol. 11

KUNSTHALLE BERN

© Maya Rochat

HKB -ZEITUNG

10. April bis 16. August 2019 Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 7 bis 17 Uhr Mobiliar Direktion, Bundesgasse 35, 3001 Bern

12.

einunddreissigster Mai erster zweiter Juni zweitausendundneunzehn

JAZZ, BLUES, SOUL & LATIN Seit 2003 ist der Studienbereich Jazz der Hochschule der Künste Bern HKB im Jazzzelt zu Gast.

12. – 16. März 2019

HKB JAZZORCHESTRA conducted by BERT JORIS

19. – 23. März 2019

FORLORN ELM

Jaronas Höhener (flh), Manuel Schwab (as/ss), David Friedli (g/comp), Fabian Kraus (eb, 19.—21.3.), Christoph Buchs (eb, 22.—23.3.), Luca Weber (dr) 12. Ab 26. März 2019 treten Ensembles der «The New School of JAZZ, BLUES, SOUL & LATIN Jazz», des «Berklee College of Music» und der «Juilliard School» auf. Event—Zelt im Park Hotel Innere Enge Dienstag – Samstag 18.00 – 23.00 Uhr Gratiskonzerte: 18.30 – 19.15 Uhr 19.45 – 20.30 Uhr 21.00 – 21.45 Uhr Great Food & Drinks Lounge, Gallery & Bar Off—Festival Bar Video Gallery

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Ein HKB-Studiengang stellt sich vor

Andrea Gohl leitet den Masterstudiengang Contemporary Arts Practice an der HKB.

être saine d’esprit schrieb ich fiktive Briefe an den französischen und den tunesischen Staat. Daraus entstand eine Installation mit Teppichen, die ich von muslimischen Familien in Grenoble und Annemasse erhalten hatte. Über zwei Lautsprecher ertönt abwechselnd meine Stimme mit den Anreden und Grussformeln der Briefe, dazwischen jeweils so lange Stille, wie das Lesen des Briefs dauert. Die Briefinhalte können währenddem auf Papier nachgelesen werden. Das Projekt beschäftigt sich mit nationaler Identität und der Kultur zweier Länder, die über ihre kolonialistische Vergangenheit miteinander verbunden sind und zu denen ich als Kind einer tunesischen Mutter

Ich mache Kunst nicht für mich. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen oder auch mit meiner Rolle als Frau birgt durchaus einige Risiken, zumal in einem Land wie Tunesien. Würde ich die Kunst nur für mich machen, würde ich mich wohl mit anderen Themen beschäftigen. Ich denke jedoch, dass man Kunst prinzipiell nicht für sich selbst macht, sondern für die Allgemeinheit. Auf jeden Fall hoffe ich, dass meine Arbeit ein gesellschaftliches Echo hervorruft. Machst du also politische Kunst? Ja, sicher.

HKB -ZEITUNG

Im Master Contemporary Arts Practice (MA CAP) treffen sich Künstler*innen aus verschiedenen Sparten, denen der Fokus auf Fragen der Autorschaft gemeinsam ist. Die Auffächerung des Studiums in die Bereiche Fine Arts, Sound Arts, Literarisches Schreiben/Übersetzen und Performance Art ist schweizweit einzigartig und speist sich aus einem nationalen und internationalen Netzwerk. Der Studiengang ist ein Spezifikum der HKB und hat viele Absolvent*innen hervorgebracht, die sich erfolgreich am Kunstmarkt etabliert haben. Individuell gestaltbare Studienprofile ermöglichen die Vertiefung der eigenen künstlerischen Praxis. Ebenso finden in Kolloquien, auf Studienreisen und durch theoretische Inputs in Seminaren gemeinsame Reflexionen statt und es werden MöglichNeugierige Betrachterin. Romana Del Negro, Raumzeichnung 1, 2018 (Foto: Tom Bisig) keiten des Zusammenarbeitens zwischen den verschiedenen Szenen und Disziplinen erörtert. Allgemeines Wahlfächer Infrastruktur • Studienort: Bern • Fine Arts: Seminar Zeitgenössische Kunst, • helle Atelier- und Seminarräume Der MA CAP fördert Kompetenzen, • Nächster Studienbeginn: CH-Plattform mit den Master• Ausstellungsflächen die im Kulturbereich mit seinen Herbstsemester 2019 Studiengängen Fine Arts der Schweiz, • Küche und grosse Dachterrasse fluiden Berufsbildern unverzicht- • Bewerbungsfrist: 15. März 2019 Expanded Writing, Werkgespräche • MediaLab, analoges Fotolabor, Druckatelier, Mediothek, Werkstatt (Holz, Metall, • Sound Arts: Kompositorische Strategien, • Unterrichtssprachen: bar sind. So sind es nicht nur die Deutsch, Französisch, Englisch Kunststoff, Keramik und Textilien), Gehörbildung Elektronischer Musik, individuellen, sondern auch die Themenveranstaltungen mit nationalen MaterialPool, Tonstudio, Musikbibliothek, • Abschluss: Master of Arts in kollektiven Reflexionen zu künstContemporary Arts Practice (MA) und internationalen Gästen, Minor Bibliothek des Schweizerischen Literaturinstituts • Literarisches Schreiben / Übersetzen: lerischen Prozessen und schliessAteliers Literatur, Werkgespräche lich die gesellschaftliche und Unterrichtsfächer Literarisches Schreiben, Ateliers des Kontakt politische Relevanz künstlerischen • Künstlerische Praxis andrea.gohl@hkb.bfh.ch Schweizerischen Literaturinstituts • Thesis +41 31 848 38 29 • Performance Art: ACT – PerformanceArbeitens, die uns beschäftigen. festival der Schweizer Kunsthochschulen, • Input Medialität der Künste hkb-cap.ch Die Heterogenität von studentiPerformance Space – Performance Stage, • Medialität der Künste, Lektüreseminare schen Biografien, Arbeits- und Bodily Skills – Performance Skills, • Kolloquien Performance Art Context, • CAP-Forum Denkprozessen erweist sich als Performing New Technologies • Einführung in die Forschung Qualität und Antrieb im CAP. In dieser Zusammensetzung zeigt sich fortlaufend, wie sich räumliche, bildliche, klangliche, textliStudentin Cindy Bannani im Gespräch che, dramaturgische und auch soziale Prozesse gegenseitig Warum hast du dich für ein CAP-Studium an der und eines französischen Vaters einen direkten Woran arbeitest du im Moment? inspirieren, neu denken und Bezug habe. Mein aktuelles Projekt dreht sich um das HKB entschieden? umsetzen lassen. Das Studium Nach fünf Jahren an der Hochschule in Welches sind die wichtigsten Einflüsse deiner französische Wort beurette. Das ist die weibliche Form von beur, ein Ausdruck für arabische fördert, was die berufliche Praxis Grenoble suchte ich nach einem Ort, wo ich künstlerischen Arbeit? noch etwas mehr Zeit haben würde für die Der grösste Einfluss ist meine persönli- Einwanderer in Frankreich, insbesondere aus bedingt: die Formulierung einer Weiterentwicklung meiner künstlerischen che Erfahrung und hier v.a. meine Kindheit Nordafrika. Beurette hat eine rassistische und Praxis. In einem persönlichen Gespräch und Jugend in Quartieren mit sozialem Woh- sexistische Bedeutung und wird in letzter Zeit eigenen Position. Die Abschlussmit den CAP-Dozierenden Maria Iorio und nungsbau, sogenannten HLM (Habitation à auch immer mehr in einem pornografischen arbeiten der CAPster werden Raphaël Cuomo merkte ich, dass ich sehr loyer modéré). In diesen Quartieren wohnen Kontext verwendet. Nordafrikanische, aber während des Diplomfestivals vom gerne mit den beiden arbeiten würde. Dass grösstenteils muslimische Menschen aus den auch weisse Frauen werden als Beurettes beim CAP zudem die Vertiefung Literarisches Maghreb-Staaten. Aus diesem Umfeld kom- zeichnet, wenn sie angeblich zu viel Make-up 20. bis 25. Juni 2019 im Kunsthaus Pasquart und an ausgewähl- Schreiben/Übersetzen angeboten wird, fand mend, empfinde ich es als grosses Privileg, an tragen. Weil Beur und Beurette sehr ähnlich ich sehr interessant, denn in Grenoble, wo einer Kunsthochschule studieren zu können. klingen wie beurre (Butter), bezeichnet etwa ten Orten in der Stadt Biel in ich Visuelle Künste studiert habe, gibt es das Deshalb fühle ich mich auch verpflichtet, die- die extreme Rechte in Frankreich Nordafrikanicht. sen Menschen gewissermassen eine Stimme ner*innen als Beurre, die fettig und ungesund Ausstellungen, Konzerten, Welches war dein bisher interessantestes künstlerisei. Solchen Fragen will ich nachgehen. Eine zu geben. Lesungen und Performances der Inwiefern hast du den Anspruch, mit deiner Kunst Form der Umsetzung, die mir momentan vorsches Projekt? Öffentlichkeit präsentiert. Für das Projekt Bien évidemment, j’affirme die Gesellschaft zu verändern? schwebt, ist, Butterformen aus Holz zu kreie-

M ÄR Z  –  MAI 2019

Master of Arts in Contemporary Arts Practice

ren, quasi als Metapher für die Formung der «perfekten maghrebinischen Frau». Interview/Übersetzung: Raffael von Niederhäusern

Cindy Bannani (*1992 in Montreuil, Frankreich) studiert seit Herbst 2018 im Master Contemporary Arts Practice an der HKB mit den Vertiefungen Literarisches Schreiben/ Übersetzen und Fine Arts. Davor absolvierte die Frankotunesierin das Diplôme National d’Art Plastique (DNAP) und das Diplôme National d’Expression Plastique (DNSEP) an der École supérieure d’art et design de Grenoble-Valence. In ihrer noch jungen künstlerischen Karriere hat sie bereits mehrere Ausstellungen bestritten, mit ihren Fotografien ist sie in den letzten beiden Photodarium-Ausgaben des Berliner Verlags Seltmann + Söhne vertreten.

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Schaufenster—Arbeiten aus der HKB Nina Vedova & Julia Toggenburger

Abhärtungsübungen, Bern 2018 1. 2. 3.

HKB -ZEITUNG

M ÄR Z  –  MAI 2019

Andri Bänzinger & Sébastien Furer

4.

Übung de survie Wir haben décidé, dass wir survie lernen müssen. Sans l’aide der Zivilisation. Alors nous sommes in den Wald gegangen. Notre père spricht Deutsch und unsere Mutter parle Französisch. Die Eltern peuvent faire la Unterscheidung, aber nous, wir könnens nicht. Pour uns alles est mélangé und c’est pour ça que wir überleben können. Nous nehmen von la Zivilisation und wir prenons de der Natur. Je nehme von toi. Ich prends de dir. Notre erster Tag est difficile in la Natur, wir haben l’habitude nicht. Wir haben froid et sommes hungrig. J’ai ein bisschen peur. Ich habe un peu Angst. Wir trouvons Früchte zum manger. Nous haben in der Schule de la civilisation appris, welche fruits wir pouvoir essen. Nous bauen une Hütte, um nous protéger während la Nacht. Après deux Wochen die Zivilisation und la nature sind schon mélangés. Nous haben Technik, um les kleine animaux zu töten. Je werde stark. Ich deviens fort. Wenn wir retournons dans die Zivilisation, nous nehmen la nature mit. Wir mangeons nur, was nous besoin haben. Nous warten auf la pluie, pour uns zu waschen. Ich habe meine exercise fini. J’ai terminé meine Übung.

5. 6. 7. 8. 9. 10.

11. 12.

13.

14. Laura Marti & Marc-Adrien Coen

Cher frère – lieber Bruder Cher frère

Lieber Bruder

Cher frère

Lieber Bruder

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aujourd’hui j’ai un premier exercice pour toi. Durant une journée entière, à chaque fois que tu voudras dire quelque chose à quelqu’un, tu ne pourras le faire que si cette personne est en face de toi et que tu peux lui parler de vive voix. ich habe alle deine Anweisungen ausgeführt. Habe niemandem zurückgeschrieben. Ein Freund und ich wollten uns gestern Abend auf ein Bier treffen, doch er hat mir kurz davor abgesagt. Ich wollte ihm sagen, dass das okay sei für mich, aber konnte ich ja nicht, weil du es mir verboten hast. Also bin ich zu ihm nach Hause und habe ihm persönlich gesagt, wir könnten uns ein anderes Mal sehen. Jetzt sind wir keine Freunde mehr. Hier meine Aufgabe für dich: Das nächste Mal, wenn dich jemand fragt, wie es dir gehe, antwortest du ihm ehrlich. comme tu me l’as demandé, j’ai répondu honnêtement à la première personne qui m’a demandé comment j’allais. C’était mon voisin. Normalement, je le croise le matin avant d’aller au travail, et nos échanges se limitent à : « Ça va ? Bien et vous ? Ça va bien aussi. » Et chacun part de son côté. Mais hier, je lui ai raconté tous mes problèmes. Notre conversation a duré pendant deux heures, mais c’est moi qui ai parlé la plupart du temps. Je lui ai parlé des cauchemars que je fait régulièrement, de l’augmentation que je voudrais obtenir, du rhume que j’ai attrapé, du chat que j’ai écrasé en rentrant, … Et ce matin, quand je l’ai croisé, il ne m’a pas demandé comment j’allais. Le nouvel exercice que j’ai trouvé pour toi est le suivant : tu n’a pas le droit de refuser quelque chose à quiconque. der Tag hat ganz okay begonnen. Aber bereits auf dem Weg zur Arbeit begegnete ich drei verschiedenen Hilfsorganisationen. Die, die dich auf der Strasse ansprechen, damit du denen Geld spendest. Jetzt bin ich Pate von Noam, einem Kind in Nigeria, und von Schneeball, einem Eisbären in Grönland. Ich weiss nicht mehr, worum es bei der dritten Organisation ging. Da spende ich einfach etwas Geld. Dann bei der Arbeit musste ich für alle Kaffee machen und Tom hat mir alle meine Zigaretten weggeraucht.

15. 16. 17.

Sich gegen Koffein abhärten: Wir trinken zwei Liter Kaffee pro Tag. Sich gegen Alkohol abhärten: Wir trinken drei Liter Bier oder eine Flasche Wein pro Tag. Sich gegen Wut abhärten: Wir besuchen jede Parteiversammlung der SVP jedes Kantons, ein Jahr lang. Sich gegen Pfefferspray abhärten: Wir besprühen uns jeden Dienstagabend in unserem Badezimmer mit Pfefferspray. Sich gegen Gummischrot abhärten: Wir bewerfen uns dreimal die Woche eine Viertelstunde mit Röslichööl. Sich gegen die Abneigung gegenüber Röslichööl abhärten: Wir essen jeden Mittag einen Teller Röslichööl. Sich gegen die Melancholie abhärten: Wir hören jeden Tag morgens Chelsea Wolfe und schauen abends Eternal Sunshine of the Spotless Mind. Sich gegen Depression abhärten: Wir lassen die Psychopharmaka unangetastet im Badezimmerschrank stehen. Sich gegen den Kaufwahn abhärten: Wir verbringen mit einer Hunderternote im Sack zwei Stunden im Bücher-, Bio- oder Plattenladen, ohne etwas zu kaufen. Sich gegen die Ungerechtigkeit abhärten: Wir spazieren jeden Tag am Durchgangszentrum vorbei. Weiterführende Übung: Wir gehen hinein und schauen uns vom Keller bis zum oberstem Stock alles an. Jeden Tag. Sich gegen Sexismus abhärten: Wir gehen jedes Wochenende in die grausigsten Clubs/Bars und lassen uns zwei Cüpli bezahlen (nicht exen!) Sich gegen den Zwang, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, abhärten: Wir konsumieren hin und wieder etwas Crack. Weiterführende Übung: Wir konsumieren häufig Crack. Sich gegen das Weltleid abhärten: Wir schauen die ganze Doku-Reihe auf Arte zu den Menschenrechten an einem Abend und lesen jeden Tag eine halbe Stunde auf den Internetseiten von Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen und Human Rights Watch. Sich gegen das Klimaleid abhärten: Wir lesen jeden Mittag eine Viertelstunde auf den Internetseiten von Greenpeace, WWF und Sea Shepherd. Sich gegen die Umweltverschmutzung abhärten: Wir stehen jeden Morgen eine Viertelstunde auf der Kreuzung beim Wankdorf. Sich gegen Liebeskummer abhärten: Wir lassen uns fünf Mal das Herz brechen. Sich gegen Heroin abhärten:

Bettina Scheiflinger & Michal Steinemann

Abhärtung gegen Einsamkeit Die Abhärtung beginnt wie folgt. Tagelang verfolgen wir einander. Alles, wirklich alles, verrichten wir vereint. Wir leben wie eins, nur in zwei Körpern. Wir essen aus einem Topf, wir teilen uns das Bett und die Träume. Nachts, wenn einer erwacht, die Träume wecken uns, das kommt vor, flüstern wir einander die Träume zu, sodass der andere sie weiterträumt. Auf Spaziergängen durch den Wald halten wir uns an der Hand; finden wir Pilze, so kosten wir sie stets zusammen, stirbt einer, stirbt der andere auch. Verletzt sich einer von uns beiden, fügt sich der andere das Gleiche zu. Es führt so weit, dass sich beide den Arm brechen. Der eine fällt hin. Er schlägt den anderen mit dem heilen Arm und einem Stock so lange, bis sein Arm auch bricht. Spricht ein Dritter mit uns, geben wir stets dieselben Antworten. Und dann beginnt die eigentliche Abhärtung. Wir schlafen in getrennten Betten. Einer isst in der Küche, der andere in der Stube. Der eine schmiert Brote, der andere schüttet Milch über sein Müsli. Wir gehen auf getrennten Pfaden durch den Wald. Einer südwärts, einer nordwärts. Beeren sammeln, jagen, wir tun es nicht gleich. Es ist verboten, an den anderen zu denken. Tun wir es, bestrafen wir uns mit Verlängerung der Übung. Begegnen wir uns, so dürfen wir uns nicht erkennen. Die Übung ist hart, sie bedrängt unsere Seele, aus der wir zwei unabhängige bilden wollen.

ÜBUNGEN/EXERCISES Die germanofonen und frankofonen Studierenden des ersten Jahrs im Bachelor in Literarischem Schreiben haben den Roman Das grosse Heft von Ágota Kristóf gelesen und gemeinsam diskutiert. Danach haben sie in kleinen Gruppen literarisch auf das Thema der Abhärtungsübungen reagiert–transferiert in unsere Gegenwart, aufgespannt zwischen den Sprachen.

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HKB-Zeitung 1/2019  

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