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Claudia Schellenberg und Claudia Hofmann

Fit fĂźr die Berufslehre! Forschungsbericht zur Berufswahlvorbereitung an der Schule bei Jugendlichen mit besonderem FĂśrderbedarf


© 2013 Edition SZH / CSPS Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik (SZH) Bern Fondation Centre suisse de pédagogie spécialisée (CSPS) Berne Fondazione Centro svizzero di pedagogia specializzata (CSPS) Berna Fundaziun Center svizzer da pedagogia speciala (CSPS) Berna

Alle Rechte vorbehalten Die Verantwortung für den Inhalt der Texte liegt beim jeweiligen Autor / bei der jeweiligen Autorin. Printed in Switzerland Druckerei Ediprim AG, Biel ISBN 978-3-905890-14-3


Inhaltsverzeichnis

Vorwort Dank

9 11

1. 1.1 1.1.1 1.1.2 1.1.3 1.2

Einleitung Ausgangslage und theoretische Konzepte Ausgangslage Begriffsklärungen Berufswahlvorbereitung an der Schule Ziele und Fragestellungen des Forschungsprojekts

13 13 13 14 15 21

2. 2.1 2.2 2.2.1 2.2.2 2.3 2.3.1 2.3.2 2.2.3

Methodisches Design Übersicht Qualitative Teilstudie Auswahl der Interviewpartnerinnen und -partner Interviewleitfäden und Auswertung der Interviews Quantitative Teilstudie: schriftliche Befragung von Lehrpersonen Fragebogen Auswahl der Schulen, Vorgehen und Beschreibung der Stichprobe Auswertungsmethoden

23 23 24 24 27 28 28 29 32


3. 3.1 3.1.1 3.1.2 3.1.3 3.1.4 3.1.5 3.2 3.2.1 3.2.2 3.2.3 3.2.4 3.2.5 3.3 3.3.1 3.3.2 3.3.3 3.3.4 3.3.5 3.4 3.4.1 3.4.2 3.4.3 3.4.4 3.4.5 3.4.6

Ergebnisse Berufswahlsituation von Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf Ablauf des Berufswahlprozesses Selbsteinschätzung: sozialer Vergleich vs. Schonraum Praxisbezug: grosse Bedeutung – schwieriger Zugang Die Berufswelt: hochfliegende Träume und reale Möglichkeiten Zwischenfazit Berufswahlunterricht in der Schule Schulinterne Organisation und Rahmenbedingungen Aktivitäten, Themen und didaktische Formen im Berufswahlunterricht Koordination und Kooperation im Rahmen des Berufswahlunterrichts Anliegen der Lehrpersonen und Optimierungsmöglichkeiten des Berufswahlunterrichts Zwischenfazit Lehr- und Arbeitsmittel im Berufswahlunterricht Bekanntheit und Verwendung von Lehr- und Arbeitsmitteln Beurteilung der vorhandenen Lehr- und Arbeitsmittel Internetnutzung im Berufswahlunterricht Entwicklung von neuen Materialien: Bedarf und wichtige Aspekte bei der Optimierung Zwischenfazit Berufsfindung und Berufswahlvorbereitung in der französischsprachigen Schweiz Berufswahlsituation Berufswahlunterricht Koordination und Kooperation Lehr- und Arbeitsmittel im Berufswahlunterricht Optimierungsmöglichkeiten Zwischenfazit

33 33 33 37 39 43 46 55 55 58 64 72 74 85 85 89 95 98 99 115 115 117 120 122 124 125


4. 4.1 4.2

129 129

4.3

Gesamtfazit und Schlussfolgerungen Zusammenfassung Schlussfolgerungen f端r den Berufswahlunterricht und Lehr- / Arbeitsmittel Angepasstes Berufswahlmodell

5.

Ausblick

153

136 150

Literatur

157

Abbildungsverzeichnis

161

Zu den Autorinnen

163


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Vorwort

Für behinderte oder von Behinderung bedrohte Jugendliche in der Schweiz stellt sich spätestens am Ende des 9. obligatorischen Schuljahres die Frage nach der Berufswahl respektive nach einer anschliessenden Berufs- oder einer weiterführenden Ausbildung. Für Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf ist diese Frage ebenso bedeutungsvoll wie für alle anderen Jugendlichen, beinhaltet sie doch eine wichtige Weichenstellung für den Aufbau einer eigenen Identität und für die berufliche Integration im Erwachsenenleben. Für diese Jugendlichen ergeben sich zudem je nach Form und Grad der Beeinträchtigung und je nach besuchtem Schultypus spezielle Erfordernisse an die Gestaltung des Prozesses der Berufswahl. Oft sind die Wahlmöglichkeiten zudem eingeschränkt. In einer qualitativen Vorstudie untersuchten Claudia Hofmann und Claudia Schellenberg, wie der Prozess der Berufswahl bei Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf verläuft und wie die Berufswahlvorbereitung sowie der Berufswahlunterricht an Sonderschulen, Kleinklassen oder aber an der Regelschule aktuell gestaltet werden. Dazu wurden verschiedene Akteure, so betroffene Jugendliche, Lehrpersonen, Eltern und Fachpersonen von Beratungsstellen und der Invalidenversicherung zu Konzepten, Verfahren, Prozessen, eingesetzten Mitteln und Erfahrungen interviewt. Anschliessend wurden 201 Lehrpersonen von Sonderschulen, Kleinklassen und Regelklassen zur Gestaltung der Berufswahlvorbereitung an ihren Klassen und Schulen, zu Lehr- und Arbeitsmitteln sowie allfälligen Optimierungsmöglichkeiten schriftlich befragt.


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Ergebnis dieser Untersuchung ist einerseits eine strukturierte Sammlung von aktuellen Vorgehensweisen und Lehrmitteln, die zur Berufswahlvorbereitung und für den Berufswahlunterricht in der Schule eingesetzt werden. Andererseits gelangen die Autorinnen zu 15 Empfehlungen, wie die Koordination der Beteiligten innerhalb und ausserhalb der Schule, der Berufswahlunterricht und die Lehrmittel optimiert werden könnten, um die Berufswahl von Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf noch besser zu unterstützen. Diese Empfehlungen motivieren zu weiterführenden Projekten möglichst in Netzwerken, sei dies in der Ausbildung, an Sonderschulen, in Kleinklassen oder in der Regelschule. Ich möchte den beiden Autorinnen an dieser Stelle für ihren Einsatz und diese Ergebnisse herzlich danken, dies sicher auch im Namen von Schülerinnen und Schülern, Praktikerinnen und Praktikern und Eltern, die von diesen Erkenntnissen profitieren werden! Urs Strasser Herausgeber der HfH-Reihe


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Dank

Das Projekt wurde vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen EBGB finanziell unterstützt. Regelmässige fachliche Unterstützung bot eine Projekt-Begleitgruppe, die sich aus folgenden Personen zusammensetzte: Daniel Jungo (Laufbahnzentrum Zürich, Mitautor des «Berufswahltagebuches»), Res Marty (Büro Bildung & Beratung, MP Bildung, Beratung und Verlag), Roland Egli (Schweizerisches Dienstleistungszentrum Berufsbildung SDBB), Michaela Studer (wissenschaftliche Mitarbeiterin HfH), Kurt Häfeli (Leiter Forschung & Entwicklung, HfH) und Peter Kägi (Volksschulamt des Kantons Zürich). Die verschiedenen Perspektiven, die so eingebracht werden konnten, und die anregenden Diskussionen ermöglichten es, den Forschungsprozess laufend zu optimieren und den Transfer Theorie-Praxis vorzubereiten. Ein herzlicher Dank geht an Géraldine Aeby, die alle Interviews in der Westschweiz organisierte und durchführte, an die Mitglieder der fachlichen Begleitgruppe für ihren grossen Einsatz sowie an unsere Interviewpartnerinnen und -partner und weitere Personen, mit denen wir im Rahmen der Organisation der Studie Kontakt hatten und die uns unterstützten.


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1.

Einleitung

1.1

Ausgangslage und theoretische Konzepte

1.1.1

Ausgangslage

Der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt erweist sich für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf häufig als schwierig. Oft gelingt der Einstieg, wenn überhaupt, nur über Zwischenlösungen und Umwege. Die Gründe dafür sind vielfältiger Art (Häfeli, 2008): In vielen Berufen ist das kognitive Anforderungsniveau gestiegen, parallel dazu wurden einfache Arbeitstätigkeiten ins Ausland verlagert. Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe konnte jedoch, auch dank intensivem Lehrstellenmarketing, gehalten werden. Gelingt der Einstieg dieser Jugendlichen nicht, drohen ihnen längerfristig Erwerbslosigkeit, Invalidisierung oder Abhängigkeit von der Sozialhilfe. Gerade in dieser Phase der Berufswahlvorbereitung benötigen sie deshalb eine besondere Begleitung und Unterstützung. Rechtlich gesehen liegt die Verantwortung für die Berufsfindung bei den Jugendlichen und den Eltern. Trotzdem übernimmt die Schule seit Langem die Aufgabe, ihre Schülerinnen und Schüler bei der Berufswahl zu begleiten (Egloff, 1998). Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) befasst sich seit Jahren in verschiedenen Forschungsprojekten mit dem erschwerten Übergang von der Schule in die Arbeitswelt bei Jugendlichen mit besonderen Bedürfnissen. Ein Fazit aus der Beschäftigung mit diesem Thema ist, dass neben der Schaffung passender Ausbildungs- und Arbeitsplätze in Betrieben vor allem auch eine gezielte Vorbereitung dieser Jugendlichen auf die Phase des Übergangs nötig ist (Häfeli & Schellenberg, 2009). An der Schnittstelle zwischen Schule und Berufs- / Arbeitswelt kommt der Berufswahlvorbereitung in der Schule eine besonders wichtige Bedeutung zu, gerade bei Jugendlichen mit Behinderungen, die hier mit mehr Schwierigkeiten zu rechnen haben. Aus Rückmeldungen von Lehrpersonen aus verschiedenen Praxisfeldern ging hervor, dass für diese Zielgruppen teilweise die passenden Lehr- und Arbeitsmittel und didaktischen Methoden für den Berufswahl-


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unterricht fehlen. Diese Problemlage bildete den Ausgangspunkt des Forschungsprojektes. Die Berufswahlvorbereitung von Jugendlichen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen ist auch aus anderen Gründen eine Thematik, welche für die Zukunft sicher von grosser Bedeutung ist. Zum einen stehen die Lehrpersonen von integrativ geführten Regeklassen vor neuen Herausforderungen, wie sie den Berufsfindungsprozess bei Jugendlichen mit und ohne Beeinträchtigungen angehen sollen. Zum anderen wächst der politische Druck auf Eingliederungsmassnahmen in den Arbeitsmarkt (6. IV-Revision, Berufsbildungsgesetz). Im Berufsbildungsgesetz (BBG, in Kraft seit 2004) werden die Arbeitsmarktfähigkeit und der Zugang zu Berufsbildungsangeboten speziell auch von Menschen mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung als zentrale Ziele deklariert. Eine wichtige Aufgabe des Bildungswesens stellt die Integration der jungen Menschen sowie von Erwachsenen mit verpassten Bildungschancen in Wirtschaft und Gesellschaft dar. Der Schule kommt in dieser Hinsicht ebenfalls eine wichtige Bedeutung zu, zumal sie den Schritt in das Erwerbsleben vorbereiten kann und soll. Ein verbesserter Berufswahlunterricht erhöht die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Übertritts auf Sekundarstufe II. Dies dient letztlich auch dem von der EDK, dem Bund und den Organisationen der Arbeitswelt formulierten bildungspolitischen Ziel, die Abschlussquote auf Sekundarstufe II bis 2015 auf 95 % anzuheben (EDK, 2006).

1.1.2

Begriffsklärungen

Berufswahlvorbereitung / Berufsfindung / Berufsorientierung: In der Schweiz wird fast ausschliesslich von Berufswahlvorbereitung gesprochen; der Begriff ist auch in den Lehrplänen der Deutschschweiz zu finden. Einige Autorinnen und Autoren stufen ihn allerdings als unpräzis ein, da die Bezeichnung «Wahl» eine mögliche Fremdbestimmung ausser Acht lässt. Andere Begriffe wie Berufsfindung und Berufsfindungsprozesse findet man ebenfalls in der Literatur, welche diese Problematik umgehen (z. B. Beinke, 2006a). In Deutschland hat sich der Begriff Berufsorientierung an der Schule durchgesetzt. Nach Famulla (2007) beschreibt die Berufsorientierung einen lebenslangen «Prozess der Annäherung und Abstimmung zwischen Interessen, Wünschen, Wissen und Können» (S. 231). Wir verwendeten in der Studie (trotz den beschriebenen Problemen) den Begriff Berufswahlvorbereitung, da er in der Deutschschweiz v. a. im


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schulischen Kontext am meisten verbreitet ist und sich auf den Unterricht auf der Oberstufe bezieht. Manchmal wird im Text die Abkürzung BWV für Berufswahlvorbereitung oder BWU für Berufswahlvorbereitenden Unterricht verwendet. Jugendliche mit besonderem Förderbedarf: Besonderer Förderbedarf kann aufgrund Schulschwierigkeiten, geistiger Behinderung, Hörbehinderung, Sehbehinderung oder Körper- und Mehrfachbehinderung entstehen. Ziel der Untersuchung war, die Bedürfnisse von Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf im berufsvorbereitenden Unterricht zu erfassen. In der Stichprobe wurde darauf geachtet, dass Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungen oder Beeinträchtigungen einbezogen sind. In unserer Studie liegt der Fokus eher bei schulisch schwächeren Jugendlichen aus tieferen Bildungsstufen 1.

1.1.3

Berufswahlvorbereitung an der Schule

Kooperationsmodell als Basis der Berufswahlvorbereitung Der Phase des Übergangs von der Schule ins Erwerbsleben kommt während der beruflichen Entwicklung eine wichtige Bedeutung zu (Busshoff, 2009). Wichtige Aufgaben werden der Berufswahlvorbereitung in der Schule beigemessen. Eine gute Berufswahlvorbereitung kann für den gelungenen Übergang von der Volksschule in die Sekundarstufe II entscheidend sein. Bis heute liegen allerdings wenig gesicherte Erkenntnisse dazu vor, was «gute» Berufsorientierung in der Schule konkret bedeutet, insbesondere für leistungsschwächere Jugendliche (Pfäffli, 2010). Nach Egloff und Jungo (2009) und Egloffs Kooperationsmodell (1998) sollte die Berufswahlvorbereitung folgende Themenkreise beinhalten: • Ich-Bildung: Das Jugendalter wird als Phase der Unsicherheit und Neuausrichtung verstanden. Marty et al. (2003) verwenden den Begriff «Persönlichkeitsbildung» und «Identitätsentwicklung», welche die Schule unterstützen muss, indem sie für die Jugendlichen Berufe und Lebensrealitäten sicht- und erlebbar macht.

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Der Fokus liegt damit weniger bei Jugendlichen mit durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten, die mit speziellen Hilfsmitteln oder Unterstützungsangeboten eine reguläre Berufsausbildung oder auch weiterführende Schulen besuchen können.


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• Selbstbild: Das Suchen und Erproben des Selbstbilds macht einen wesentlichen Teil der Identitätsfindung aus. In der Schule kann dieser Prozess gefördert werden, indem Lernerfahrungen bewusst gemacht werden. Wichtig ist, das eigene Selbstkonzept zu stärken und Strategien der Frustrationsbewältigung einzuüben (Jung, 2003). • Erkundung der Arbeits- und Berufswelt: Über die Exploration der eigenen Interessen gelingt es den Jugendlichen am besten, den Zugang zu unterschiedlichen Berufsfeldern zu finden. • Zusammenarbeit zwischen den Kooperationspartnern: Neben den Jugendlichen und deren Eltern sind die Berufs- und Laufbahnberatung sowie betriebliche Ausbildnerinnen und Ausbildner wichtige Partner im Berufsfindungsprozess. Lehrpersonen müssen nach Famulla (2007) insbesondere lernen, wie sie Betriebe als Kooperationspartner gewinnen und diese Beziehungen dauerhaft pflegen können. Abbildung 1 zeigt das Zusammenspiel der wichtigsten Kooperationspartner nach dem Modell von Egloff (1998). Im Zentrum steht der Jugendliche, der sich mit fünf Schritten auf die Berufswahl zubewegt (vgl. auch Abbildung 3): 1) Ich lerne mich selber kennen, 2) Ich lerne die Berufswelt kennen, 3) Ich vergleiche mich mit der Berufswelt, 4) Ich erkunde Berufe und entscheide, 5) Ich verwirkliche meine Entscheidung. Die verschiedenen Bezugspersonen unterstützen den Jugendlichen auf diesem Weg. Als Partner im Berufsfindungsprozess werden neben den Jugendlichen und deren Eltern die Lehrpersonen, die Berufs- und Laufbahnberatung sowie die betrieblichen Ausbildnerinnen und Ausbildner betrachtet. Der Autor legt fest, welche Kooperationspartner sich welchen Zielen annehmen sollen. Die Lehrperson soll die Jugendlichen dabei fördern, zu einem realistischen Selbstbild zu gelangen und verschiedene Übergangskompetenzen wahrzunehmen. Zu den Übergangskompetenzen gehören beispielsweise Wahrnehmung und Beurteilung der Interessen, Fähigkeiten, Begabungen und Verhaltensweisen («Selbsterkundung»), aber auch das Finden und Auswerten laufbahnrelevanter Informationen («Berufserkundung»). Die Lehrperson übernimmt nach Zihlmann (1998) die Rolle als Impulsgeber: «Unterstützt von Lehrmitteln, halten sie die Prozesse bei den Jugendlichen in Gang, geben motivierende und klärende Anregungen und verweisen auf Unterstützungsmöglichkeiten der Eltern, auf die Dienstleistungen der Berufsberatung und die Angebote der Wirtschaft» (S.127). Lehrpersonen sind gemäss einer Untersuchung von Knauf und Oechsle (2007) in dieser Phase in vielerlei Hinsicht gefordert: Sie sollten eine persön-


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liche Vertrauensbeziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern aufbauen, über diagnostische Fähigkeiten und über Beratungskompetenz verfügen, welche nicht primär aus Ratschlägen besteht, sondern eine gemeinsame Problem- und Zielanalyse umfassen soll.

Abbildung 1: Kooperationsmodell von Egloff (Egloff & Jungo, 2009)


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Während die Lehrpersonen und die Berufsberatung die Jugendlichen bei der Exploration ihrer Interessen und der Berufswelt unterstützen, sind die Eltern neben der Ich-Bildung vor allem auch für die Entscheidungsphase und Realisierung der Berufswahl zuständig. Die Berufsberatung übernimmt die Funktion der individuellen Beratung, Diagnostik (Anwendung von Tests) und vertieften Informationsvermittlung zu Berufen / Lehrstellen. Marty (zit. nach Häfeli, 2008) grenzt die Aufgaben der Lehrpersonen und der Berufsberatung voneinander ab: «Die Berufswahlvorbereitung ist Teil eines umfassenden (Berufs-)Beratungskonzepts für alle Zielgruppen, die sich in einer schulischen oder beruflichen Übergangssituation befinden. Die Berufswahlvorbereitung richtet sich in der Regel eher an Gruppen oder Klassen, während die persönliche Berufsberatung sich eher an das Individuum richtet. Beide Massnahmen sind komplementär und bilden nur zusammen ein Ganzes» (S. 41). Die Schule hat dabei die Möglichkeit, den Berufsfindungsprozess längerfristig zu begleiten und so die einzelnen Schritte mit Geduld und Engagement zu unterstützen (Marty et al., 2011). Famulla (2008) stellt darüber hinaus aber auch klar, dass die Berufsorientierung als Bildungsauftrag einer gesamten Schule und nicht als Aufgabe einzelner Lehrpersonen zu betrachten sei. Jung (2003) fordert zudem, die Berufsorientierung interdisziplinär und Lernort übergreifend auszurichten. Berufswahlfahrplan in der Regelschule Die Berufswahlvorbereitung erfolgt in der Regel während dem 7. bis 9. Schuljahr, mit Schwerpunkt im 8. und zu Beginn des 9. Schuljahres. In der Regelklasse basiert der Unterricht zur Berufsfindung auf einem Curriculum (Lischer & Hollenweger, 2007): Inhalt und Ziele sowie der Umfang sind darin festgelegt. Rechtlich basieren die kantonalen Lehrpläne auf den (Volks-) Schulgesetzen der jeweiligen Kantone. Der Lehrplan für die Volksschule des Kantons Zürich (EDK, 2006) beschreibt als Bedeutung des Unterrichtsgegenstandes Berufswahlvorbereitung, dass sich Jugendliche mit Fragen der Berufswahl und der persönlichen Zukunftsgestaltung auseinandersetzen und darin gefördert werden. Die BWV wird sowohl als Unterrichtsprinzip (Vermittlung von Verhalten, Haltungen und Werten) als auch als Fachunterricht, in Einzelstunden und Projekten in der Schule und in der Arbeitswelt vermittelt. Weiter werden die Formen der Zusammenarbeit aller beteiligten Kreise (Eltern, Berufsberatung und Arbeitswelt) beschrieben. Die Verantwortung für die Berufswahl liegt gemäss Artikel 301 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches ZGB bei den Eltern (Schweizerisches Zivilgesetzbuch, 1907).


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Gesamtschweizerisch wird vom 7. bis zum 9. Schuljahr durchschnittlich etwa eine Wochenstunde für die Berufswahlvorbereitung aufgewendet (Häfeli, 2008). BWV wird oft mit dem Fach Lebenskunde verbunden, da hier ähnliche Bildungsziele im Bereich Persönlichkeitsbildung angestrebt werden. Berufswahlvorbereitung bei Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf Der Berufsfindungsprozess bei Jugendlichen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen unterscheidet sich nicht grundsätzlich von demjenigen von Regelschülerinnen und -schülern (Lischer & Hollenweger, 2007). Verschiedene Studien der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik haben jedoch gezeigt, dass Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen beim Übergang Schule–Beruf besondere Aufgaben zu bewältigen haben, bzw. dass sie mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert sind, welche eine intensivere Kooperation der engsten Begleitpersonen (Eltern, Lehrpersonen, Berufsberatende etc.) bedingen (Audeoud & Häfeli, 2009; Audeoud & Lienhard, 2006; Hofer & Wohlgensinger, 2009). Besonders wichtig scheint es beispielsweise im Rahmen der Selbstfindung und Selbsteinschätzung zu sein, den Blick in speziellem Masse auch auf die eigene Behinderung sowie auf die Realitätsfindung zu richten. Eine Untersuchung von Adam (2009) zeigt, dass die befragten Pädagoginnen und Pädagogen (aus Sonderschulen) die Lehrmittel für die Jugendlichen ihrer Klasse als zu anspruchsvoll beurteilen: Für ihre Schülerinnen und Schüler brauche es gut strukturierte, überblickbare Arbeitsblätter. Hier seien oft Anpassungen notwendig. Auch der Expertenbericht von Lischer und Hollenweger (2007) empfiehlt, spezielle Materialien und Hilfsmittel zur Berufswahlvorbereitung für Jugendliche von Sonderschulen oder integrativ geführten Klassen auf sprachregionaler Ebene zu erarbeiten. Eine besondere Gewichtung einzelner Themen wie «Persönlichkeitsbildung» oder «Behinderung und Gesellschaft» sei dabei zentral. Häfeli und Schellenberg (2009) untersuchten, welche personalen und systemischen Ressourcen Jugendliche mit besonderem Förderbedarf unterstützen, den Übergang von der obligatorischen Schule ins Erwerbsleben erfolgreich zu absolvieren. Die Studie hat gezeigt, dass das Geschlecht, das Niveau des absolvierten Schulabschlusses, die ethnische Zugehörigkeit sowie die Schichtzugehörigkeit der Herkunftsfamilie bestimmende Faktoren im Berufsfindungsprozess sind. Nachteilige Startchancen können jedoch durch verschiedene Massnahmen kompensiert werden: Jugendliche, denen es trotz ungünstigen Voraussetzungen gelingt, eine Berufslehre anzutreten und erfolgreich abzuschliessen, berichten oft über gute Beziehungen zu ausbildenden Personen (Lehrpersonen und Berufsbildende), über schulische Begleitan-


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gebote, gute Kontakte zur Arbeitswelt (frühe Schnuppermöglichkeiten u. a.) und eine objektive und damit bessere Selektion seitens der Betriebe. Marty et al. (2011) berichten auch darüber, dass die «Freiheit der Berufswahl» je nach Grad der Behinderung mehr oder weniger eingeschränkt ist. Einschränkungen können auf der einen Seite an den körperlichen, geistigen oder psychischen Voraussetzungen oder auf der anderen Seite an der beschränkten Bereitschaft der Arbeitgeber, Menschen mit einer Behinderung eine Ausbildungsmöglichkeit anzubieten, liegen. In der BWV an der Schule sollte auch eine Auseinandersetzung mit diesen Themen erfolgen.


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1.2 Ziele und Fragestellungen des Forschungsprojekts Das Ziel des Projektes war, der Frage nach einer optimalen Berufswahlvorbereitung auf der Oberstufe bei Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf nachzugehen. In einem ersten Schritt wurde dazu eine Bestandesaufnahme der aktuellen Situation vorgenommen, d. h. es sollten Zielgruppen von Jugendlichen identifiziert und bisherige Erfahrungen verschiedener Beteiligter (insbesondere mit bestehenden Arbeitsmitteln) aufgezeigt werden. Ein zweiter Schritt befasste sich mit der Optimierung der Berufswahlvorbereitung bei Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf und der Formulierung von Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen. Es ergaben sich folgende Fragestellungen: 1) Definition der Zielgruppen und Beschreibung ihrer Bedürfnisse • Welches sind mögliche Zielgruppen von Materialien für die Berufswahlvorbereitung? • Welche (unterschiedlichen) Bedürfnisse haben verschiedene Gruppen von Jugendlichen in der Phase der Berufswahl? 2) Bestandesaufnahme didaktischer Massnahmen im Berufswahlunterricht • Wie wird der Unterricht zum Thema Berufswahl bei Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf gestaltet? • Wie ist der Unterricht organisatorisch im Schulumfeld eingebettet? • Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Berufsberatung, den Betrieben und anderen Fachpersonen? 3) Bestandesaufnahme und Einschätzung von Arbeitsmitteln • Welche Arbeitsmittel werden im Berufsfindungsprozess bei verschiedenen Zielgruppen schon eingesetzt? • Wie werden diese Arbeitsmittel von verschiedenen beteiligten Personen (insb. Lehrpersonen und Jugendliche) wahrgenommen und beurteilt? • Gibt es «Good Practice» Beispiele? Wo liegen die Probleme? • Wie unterscheidet sich die Verwendung von Arbeitsmitteln in verschiedenen schulischen Settings? 4) Lücken im Angebot und Optimierungsmöglichkeiten • Wo besteht Handlungsbedarf im Berufsfindungsprozess von Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf? • Wo bestehen Lücken beim vorhandenen Material? • Für welche Zielgruppen sollen weitere Arbeitsmittel entwickelt werden? • Wie sollen diese Arbeitsmittel strukturell, inhaltlich und visuell aufgebaut sein?


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Die Untersuchung soll vor allem die Unterschiede zwischen verschiedenen Schultypen (Sonderschule versus Regelklasse) beleuchten sowie den Bed체rfnissen von Jugendlichen bei der Berufswahl je nach Art der Behinderung oder Beeintr채chtigung nachgehen. Wir vermuteten, dass der Berufswahlunterricht an Sonderschulen andere Anforderungen an Lehrpersonen stellt als derjenige an der Regelschule. Ebenso gingen wir davon aus, dass je nach Art der Behinderung oder Beeintr채chtigung andere Unterrichtsformen und -inhalte gew채hlt werden.

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