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Themenheft von Hochparterre, April 2018

Vom Schul- zum Lernhaus Neue Schulformen verlangen Flexibilität, auch von den Gebäuden. Der Kanton Basel-Stadt investiert 790 Millionen Franken in Neu- und Umbauten, Erweite­rungen und Sanierungen.

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Neue Farben, Räume, Nutzungen und Materialien machen das alte Atrium zum neuen sozialen und räumlichen Herz der Schulanlage Bäumlihof.

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Editorial

Die Basler Schulraumoffensive

Inhalt

4 790 Millionen für Basels Schule von morgen Moderne Unterrichtsformen verlangen nach neuen Räumen und Tagesstrukturen.

6 Für Kind und Quartier Das Primarschulhaus Schoren ist dank öffentlicher Innen- und Aussenräume ein Treffpunkt fürs ganze Quartier.

14 Lernateliers mit Wohnzimmer Das Raumkonzept im Sekundarschulhaus Sandgruben entstand durch intensiven Austausch zwischen Lehrerinnen und Architekten.

22 Innere Verdichtung Das umfangreich sanierte Gymnasium Bäumlihof hat ein neues räumliches Herz erhalten.

30 Sieben weitere Sanierungen Schulhäuser Bläsi, Hebel, Münsterplatz, St. Johann, Theobald Baerwart, Wasgenring und Peters.

Schulbauarchitektur ist immer ein Abbild pädagogischer Programme und Konzepte. Deshalb ist sie ständig im Wandel, und deshalb ist sie für Architekten so interessant. Einen gewaltigen Wandel der Schweizer Schullandschaft hat die ‹ Interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule › ( Harmos-Konkordat ) ausgelöst, die das Schweizer Stimmvolk 2006 guthiess. Die Vereinheitlichung der Eckwerte des schweizerischen Bildungssystems initiierte im Stadtkanton nicht nur eine pädagogische Diskussion, sondern auch einen gewaltigen Bauschub, wie der Text ‹ 790 Millionen für Basels Schule von morgen › erklärt siehe Seite 4. Dieses Themenheft fokussiert auf das Schulhauspro­ gramm von Basel-Stadt, das das Harmos-Konkordat nach sich zog. 790 Millionen Franken hat der Kanton dafür budgetiert. Mit diesem Geld wurden und werden bis ins Jahr 2022 verschiedene Neubauten, Umbauten, Erweiterungen und Sanierungen realisiert – neue Räume für aus­ serschulische Betreuung und spannende Landschaften fürs Lernen sind dabei entstanden. Neu war in Basel, dass die Schulraumplanung des Erziehungsdepartements mit den Schulleitungen und der Fachstelle Tagesstrukturen lange vor Beginn der Bauplanung gemeinsam und sehr eng die Grundlagen mit pädagogisch inspirierten Layouts und Flächenbudgets entwickelt haben. Das vorliegende Heft präsentiert nun eine kleine Auswahl der insgesamt sechzig Bauvorhaben und zieht eine Zwischenbilanz. Der Neubau der Primarschule Schoren etwa zeigt, wie gut die neuen Lernlandschaften bei den Kindern ankommen und wie Quartier- und Schulhausplanung zusammengehen. Die einzigartigen Lernateliers des neuen Sekundar­ schulhauses Sandgruben zeigen auf, wie Schülerinnen und Schüler heute zunehmend eigenverantwortlich lernen und wie wichtig es war, dass Schulleitung, Bauabteilung und Architekten das Projekt von Anfang an gemeinsam entwickelten. Die sorgfältige Sanierung des Bäumlihofs zeigt, wie man die in der Baustruktur und den Grundrissen der 1970er-Anlage gespeicherte Energie elegant und sinnvoll für die kommenden Schülergenerationen aktivieren kann. Das Themenheft will aber nicht nur Erfahrungen weitergeben und Lehren ziehen, es ist auch eine fotografische Momentaufnahme: Der Basler Fotograf Derek Li Wan Po hat die drei Schulhäuser während des regulären Schulbetriebs besucht und Alltagsmomente eingefangen. Roderick Hönig

Impressum Verlag Hochparterre AG  Adressen  Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon 044 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag @ hochparterre.ch, redaktion @ hochparterre.ch Verleger und Chefredaktor  Köbi Gantenbein  Verlagsleiterin  Susanne von Arx  Konzept und Redaktion  Roderick Hönig  Fotografie  Derek Li Wan Po, www.liwanpo.net  Art Direction  Antje Reineck  Layout  Barbara Schrag  Produktion  Thomas Müller  Korrektorat Elisabeth Sele, Lorena Nipkow  Lithografie  Team media, Gurtnellen  Druck  Somedia Production, Chur Herausgeber  Hochparterre in Zusammenarbeit mit dem Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt Bestellen  shop.hochparterre.ch, Fr. 15.—, € 10.—

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790 Millionen für Basels Schule von morgen In der Basler Schullandschaft blieb kein Stein auf dem anderen. Der moderne Unterricht rief nach neuen Räumen und Tagesstrukturen. Es wurde neu gebaut. Und saniert. Text: Pieter Poldervaart

Gut acht Millionen Schulexpertinnen und -experten leben heute in der Schweiz und sorgen für eine lebhafte Diskussion darüber, was in der Bildung richtig und was falsch ist. Erst recht sind Debatten angesagt, wenn ein Bildungssystem so komplett umgekrempelt wird, wie dies im Kanton Basel-Stadt seit zehn Jahren geschieht. Die Wellen gingen schon im Vorfeld des grossrätlichen Beschlusses vom 5. Mai 2010 hoch: Doch das Parlament stellte sich mit 67 zu 12 Stimmen hinter die 93 Millionen Franken, die für bauliche Anpassungen bei einem Beitritt zur interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der obli­ gatorischen Schule ( Harmos ) nötig wurden. Im Zentrum steht das Bemühen, sich schweizweit auf eine möglichst einheitliche Struktur der Grundschule zu einigen, damit ein Wechsel des Wohnkantons für Kinder nicht länger zum Stolperstein in ihrer Schulkarriere wird. Diese Struktur setzt sich zusammen aus zwei Jahren Kindergarten, sechs Jahren Primarschule, drei Jahren Sekundarschule und vier Jahren Gymnasium. Ebenfalls Teil von Harmos ist der Lehrplan 21 mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule. Auch wenn eine Handvoll Kantone nicht mitmacht und andere in einzelnen Punkten ausscheren, beruhigt Harmos den im Bildungswesen besonders fiebrigen Kantönligeist. Reform von 1995 blieb schweizweit einzigartig In der Nordwestschweiz sind die kantonalen Grenzen dank Kooperationen traditionell durchlässig. 2009 gründeten die Kantone Aargau, Solothurn sowie die beiden Basel den ‹ Bildungsraum Nordwestschweiz ›, um die Anpassung der Bildungsstrukturen zusätzlich zu fördern. In

Im Jahr 2022 sollen alle Schulen über eine ­Tagesstruktur verfügen. Basel-Stadt war der Änderungsbedarf besonders gross: Erst 1995 war dort mit einer Schulreform ein System in Kraft getreten, das nach vier Primarschuljahren drei Jahre Orientierungsschule und zwei Jahre Weiterbildungsschule für alle brachte, schweizweit aber ein Unikat blieb. Allein schon der Harmos-Beitritt respektive die damit verbundene räumliche Anpassung war in Basel-Stadt ein beachtlicher Effort. So mussten Klassenräume zwischen

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Primarschul- und Sekundarschulhäusern neu aufgeteilt werden, und in den Primarschulhäusern wurden Spezial­ zimmer für naturwissenschaftliche Fächer fällig. Die Politik nutzte die Gunst der Stunde, um weit über Harmos hinauszugehen und lang gehegte Wünsche umzusetzen: – S chon mit der Schulreform Ende der Neunzigerjahre war jeder Klasse ein Gruppenraum versprochen worden. Aber erst mit Harmos wurden die je zwanzig bis dreissig Quadratmeter Fläche wo möglich auch umgesetzt. – Eine zweite Forderung betraf die flächendeckende Versorgung aller Schulhäuser mit einer Tagesstruktur. Verfügten 2010 erst zwei Standorte über Küchen und Essbereiche, sind es heute bereits 49 Standorte. Im Jahr 2022 sollen alle Schulen über eine Tagesstruktur verfügen. – Die Teilautonomie der Schulen war schon aufgegleist, wurde aber erst mit Harmos systematisch umgesetzt. Seither verfügen diese über eine eigene Schulleitung mit ausgebautem Sekretariat, führen die Einstellungsgespräche mit Lehrkräften und können – im Rahmen des Lehrplans – Akzente bei der Verteilung der Lektionen setzen. – An die Stelle der bisherigen Sonderschulen treten Integrationsklassen. Je zwei bis drei Kinder mit Lerndefiziten werden in eine solche Klasse aufgenommen, wofür zusätzliche Pädagogen eingesetzt werden. – Die meisten Schulgebäude mussten aufgrund ihres Alters an die aktuellen baulichen Standards und gesetz­ lichen Vorgaben angepasst werden. Wo nötig wurden sie energetisch saniert, und es wurden Brandschutz- und Erdbebenertüchtigungsmassnahmen angewendet. Die vielfältigen Reformprojekte von der reinen baulichen Umsetzung über Kompetenzverschiebungen bei der Rekrutierung von Personal und längere Schulwege bis zur neuen Unterrichtsform boten mannigfaltige Angriffsflächen und sorgten für Kritik. Am einzelnen Objekt ist diese Opposition bis heute lebendig, wenn etwa Lehrpersonen die zu grossen Klassen oder die Personalknappheit bei Integrationsklassen beklagen oder Eltern mit dem Schulweg unzufrieden sind. Ob man einem Primarschüler nun zuerst Französisch, Englisch oder keins von beidem zumuten kann und ob die neuen Lehrmittel dafür geeignet sind, wird ebenfalls weiterhin Tagesgespräch bleiben – so wie das Thema Schule schon immer ein beliebtes Politikum war. Doch auf den zusätzlichen Unterrichtskomfort mit den Gruppenräumen, dem Beamer-Anschluss in jedem Klassenzimmer und der flächendeckenden Tagesstruktur will heute niemand mehr verzichten. Während die Investitionen in harmosbedingte Spezialzimmer in den Primarschulen und in Gruppenräume für alle Schulstufen 93 Millionen Franken betragen, rechnet man für die zusätzlichen Instandsetzungen mit weiteren 450 Millionen Franken. 208 Millionen Franken sind für

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Neubauten inklusive temporäre Schulbauten eingestellt, und 39 Millionen Franken entfallen auf die Tagesstruktur. Inklusive der entsprechenden Mobiliar- und Umzugskosten ergibt sich ein Total von 790 Millionen Franken. Partizipation brachte viele Ideen ein « Neu am Prozess war nicht nur das Ausmass der Investition, sondern auch der Partizipation », erklärt Stephan Hug, der als kantonaler Schulraumplaner seitens des Erziehungsdepartements das Mammutprojekt begleitete. « Während früher die Schulleitungen allenfalls jemanden in die Projektplanung delegierte, wurde im Rahmen von Harmos an jeder Schule eine raumverantwortliche Person ernannt. Sie brachte die Wünsche der Lehrkräfte ins Projekt ein. » Ein besonderes Anliegen war es Hug zudem, die Meinung von weiteren Stakeholdern wie den Quartierbüros und Stadtteilsekretariaten einzuholen sowie die Sicht der Schülerinnen und Schüler einfliessen zu lassen. « Ein Studienbesuch in Berlin hat uns gezeigt, wie auch mit bescheidenen finanziellen Mitteln den Bedürfnissen dieser Nutzerinnen und Nutzer Rechnung getragen werden kann », berichtet Hug. Immer wieder pochte er darauf, endlich auch die Schulkinder zu fragen, selbst wenn dies auf Kosten der Vorstellungen der Erwachsenen ginge. « Das Einbinden der Kinder war für mich eine beeindruckende Erfahrung. » Der Aussenraum und die Schülerarbeitsplätze in den Gängen seien häufig nach Ideen der Schülerinnen und Schüler gestaltet worden. Wenn das Erziehungsdepartement ( ED ) als Besteller Forderungen stellte, pochten das Baudepartement und das Finanzdepartement – die drei Behörden bilden zusammen den Steuerungsausschuss – auf die Einhaltung des äusserst ehrgeizigen Terminkalenders und des Budgets. « Angesichts der sechzig Standorte ging es darum, den Blick aufs Ganze nicht zu verlieren und Prioritäten zu setzen », erzählt Marius Keller, der als Portfoliomanager bei Immobilien Basel das Finanzdepartement in der Baukommission vertrat. Jedes Objekt habe als Einzelfall behandelt werden müssen. Dabei musste auch das Alter der Bauteile berücksichtigt und beispielsweise der Austausch von Fenstern, die ihren Lebenszyklus noch nicht erreicht hatten, auf später verschoben werden. Knappe Termine, enges Korsett Dass sich kein Schulhaus mit dem andern vergleichen lässt, unterstreicht auch Bernhard Gysin, der bis Anfang 2017 im Bau- und Verkehrsdepartement ( BVD ) Basel-Stadt für das punkto Investitionsvolumen bisher einzigartige Baupaket verantwortlich war. Einheitlich war aber das Vorgehen: Der Nutzer, also das Erziehungsdepartement, bestellte beim Eigentümer, dem Finanzdepartement, die gewünschten Anpassungen an seinen Mietobjekten mit einem einfachen Raumlayout und dem Flächennachweis. Das Finanzdepartement beauftragte auf dieser Grundlage das Hochbauamt im Bau- und Verkehrsdepartement mit der weiteren Bearbeitung. Im Normalfall war dies der erste Schritt für den Start der Projektierung und den Architekturwettbewerb. Doch bei Schulhäusern aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende ist eine neue Raumaufteilung nur begrenzt möglich. Gysin war allerdings überrascht, wie durchdacht die Anordnung dieser « gutmütigen Bauten » heute noch ist. « Weil womöglich in zehn Jahren neue Vorgaben für den Unterricht gelten, ist es wenig sinnvoll, heute ein ganzes Schulhaus auf den Kopf zu stellen », so sein Fazit. Statt kurzsichtig störende Wände einfach niederzureissen, versuchte man, diese möglichst einzubeziehen. Aus der Not eine Tugend machten die Basler Schulhaussanierer, als es um die Erdbebenertüchtigung

ging: « Innerhalb von fünf Jahren analysierten wir sechzig Objekte. Das führte zu einer erheblichen Kompetenz, die wir für ein Forschungsprojekt nutzten », so Gysin, der heute beim Universitätsspital Basel die Bauprojektsteuerung leitet. Mit Mitteln von Bund, Kanton und den beiden Technischen Hochschulen ETH und EPFL konnten auf diese Weise allgemeingültige Empfehlungen für die Verbesserung der Erdbebensicherheit von Bauten mit Bruchsteinmauerwerk und Holzbalkendecken erarbeitet werden. Das monumentale Sanierungsprojekt bei den Primar-, Sekundar- und Gymnasiumschulhäusern ist ohne grös­ sere Zwischenfälle gelungen. Die Erleichterung über den erfolgreichen Kraftakt ist Sabine Schärer anzumerken, die vor einem Jahr im BVD die Nachfolge von Bernhard Gysin angetreten hat. « Unter anderem mussten wir die

Der Schulraumplaner pochte darauf, endlich die ­Schulkinder zu fragen. strengen Brandschutznormen befolgen, mit einem enorm komplexen Ablauf zurechtkommen, möglichst behindertengerecht planen und berücksichtigen, dass die Bauten häufig im Inventar der schützenswerten Bauten gelistet sind », beschreibt die Abteilungsleiterin Schulen das enge Korsett. Umso grösser sei die Befriedigung, dass man sich nun im Schlussspurt befinde. Auch in Zukunft flexibel sein Aktuell läuft die Sanierung des Gymnasiums Bäumlihof, der Fachmittelschule und des Primarschulhauses Wasgenring. In Planung befinden sich Massnahmen für das Wirtschaftsgymnasium und die Primarschulhäuser Gellert, Volta und Rittergasse. Schon jetzt ist klar, dass im Jahr 2022 zwar die Umstellung des Schulbetriebs auf Harmos, nicht aber die Umsetzung aller baulichen Massnahmen abgeschlossen sein wird. Die Schulraumplanung bleibt im Fluss. Aktuell muss sich der Kanton Basel-Stadt, wie andere Agglomerationen auch, auf stark wachsende Schülerzahlen einstellen. « Temporäre Schulbauten von nicht mehr benötigten Provisorien verteilen wir jetzt in der ganzen Stadt, um darin die neuen Klassen unterzubringen », erklärt Schärer. Darüber hinaus sind in Kombination mit städtischen Entwicklungsgebieten zwei neue Primarschulhäuser in Planung. Bei den Gymnasien habe man zeitlich noch etwas Luft – aber auch dort dürften die boomenden Schülerzahlen in einigen Jahren für Enge sorgen. Ein Kapitel für sich sind die 200 kantonalen Kindergärten, deren Zustand jetzt erfasst ist und die als Nächstes saniert und aufgewertet werden sollen. Noch weiter geht der Wunsch von Schulraumplaner Hug: « Idealerweise würden wir nach Abschluss der Sanierungen und Erweiterungen alle sechzig Objekte nochmals unter die Lupe nehmen und fragen, ob die Nutzer zufrieden sind und wo man nachbessern muss. » Denn obschon der reine Frontalunterricht passé ist: Irgendwann werden auch die heutigen ‹ L ernlandschaften › und ‹ Ateliers › Kritik anziehen und wie schon so viele Lernformate vor ihnen von Neuem verdrängt werden. Immerhin hat sich das Normzimmer mit seiner Grösse von sechzig Quadratmetern bewährt. Und weil man darauf achtete, jeweils zwei Gruppenräume à dreissig Quadratmeter möglichst nebeneinander zu platzieren, können aus diesen in zwanzig Jahren wieder klassische Klassenzimmer entstehen. 

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Das Schoren ist ein typisches Quartierschulhaus. An der Westseite grenzt es direkt an die Flach­ dachsiedlung von Artaria & Schmidt aus dem Jahr 1928.

Für Kind und Quartier Im Primarschulhaus Schoren machen die öffentlichen Innen- und Aussenräume das Haus zu einem Treffpunkt für das ganze Quartier. Text: Marion Elmer

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Ein Portikus auf der Ostseite betont die öffentliche Funktion des Schulhauses. Der Vorplatz erweitert den Pausen- zum Quartierplatz.

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Das neue Schulhaus Schoren steht schräg im Quartier. Weder seine kurze noch seine lange Gebäudekante steht parallel zur Strasse oder richtet sich an bestehenden Bauten aus. Mit dieser städtebaulichen Positionierung gelingt es den Architekten, auf allen Seiten Aussenräume freizuspielen: zur Stirnseite im Süden einen Spielplatz für den Kindergarten, entlang der Westseite des Gebäudes kleine, schmale Spielinseln, im Norden einen Pausenplatz für die Primarschüler und – dank seiner offenen Gestaltung – auch für alle übrigen Kinder und Familien des Quartiers. Entlang der Ostfassade, an der sich der Haupteingang der Schule befindet, betonen ein Portikus und ein Vorplatz die öffentliche Funktion des Gebäudes. Denn die Aula im Erdgeschoss und die elf Meter hohe Zweifachturnhalle im Untergeschoss wurden nicht nur für die schulpflichtigen Kinder gebaut. « Die Turnhalle ist grösser, als es für eine Primarschule nötig wäre », sagt Architekt Matthias Lorenz. Die Überlegung der Planer: Auch andere Teile der Quartierbevölkerung sollen die Räume rege nutzen, Volleyballund Handballvereine, Musikgruppen oder Tanz­ensembles. Zusammen mit dem benachbarten Coop soll im heterogenen Quartier eine neue, öffentliche Mitte entstehen. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet der neue Platz vor dem Gebäude einer Wohnbaugenossenschaft direkt neben der Schule. Er ist noch im Bau. Doch die Blickbezüge, die zwischen diesem Platz und dem Pausenplatz möglich werden, sind nur entstanden, weil der Projektwettbewerb für das Schulhaus städtebaulich über den Tellerrand schaute: Er verlangte einen Vorschlag für die Lage des Schulhauses und des daran angrenzenden Wohngebäudes. Quartier aus dem Dornröschenschlaf wecken Das Schorenquartier, das hinter dem Badischen Bahnhof liegt, wirkt vom Rest der Stadt Basel abgetrennt: durch die Bahnlinie, aber auch durch seine Bebauungsstruktur. Ist es ein Gewerbequartier mit Wohnbauten oder doch eher ein Wohnquartier mit Gewerbebauten ? Den Charakter des Viertels prägen auf der einen Seite die zweigeschossige Flachdachsiedlung des Neuen Bauens von Artaria & Schmidt von 1928 und die Gartenstadtzeilen von Hans Bernoulli. Auf der anderen Seite ragen bis zu 17-geschossige Wohntürme aus den 1960er-Jahren aus dem Boden, die Burckhardt und Partner 2016 um zwei neue →

Transparenz als Programm: Die verglasten Gruppenräume, die jeweils an einen der drei Innenhöfe grenzen, sind für ruhiges und konzentriertes Lernen ausserhalb des Klassenverbands gedacht.

Altersdurchmischtes Lernen wird im Schoren grossgeschrieben.

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Korridor, Klassenzimmer, Gruppenraum oder Garderobe ? Die wohnliche Lernlandschaft ist von allem etwas.

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→ Hochhäuser ergänzt haben. Die neue Schule steht auf einem ehemaligen Areal der Novartis. Als feststand, dass der Chemieriese wegziehen und seine Mitarbeiter am anderen Ende der Stadt versammeln würde, erhielt die Stadt Basel ein Vorkaufsrecht für das Grundstück im Schorenquartier. 2009 beschloss sie dessen Kauf, Wohnbauten sollten darauf entstehen. Fast zur gleichen Zeit genehmigte das Kantonsparlament den Beitritt zum Harmos-­ Konkordat. Statt für nur vier Klassen wie bisher würde künftig jedes Primarschulhaus allen Schülern von der ersten bis zur sechsten Klasse Platz bieten und auch noch sonderpädagogische Räume unterbringen müssen. Da mit den neuen Wohnbauten im Quartier zudem ein Schülerzuwachs zu erwarten war, sah der Bebauungsplan für das ehemalige Novartis-Areal auch ein neues Schulhaus vor. Den Wettbewerb für das neue Schulhaus gewannen Lorenz Architekten mit ihrem Projekt ‹ Sleeping Beauty ›: Der neue öffentliche Bau, versprachen die Gewinner, sollte das Schorenquartier ein für alle Mal aus seinem Dornröschenschlaf reissen. Wie ein verwunschenes Schloss sieht das neue Schulhaus jedoch nicht aus. Mit sechzig Metern Länge und vierzig Metern Breite steht der zweigeschossige Bau massiv und gedrungen da. Das ist gut so. Es gelingt ihm auf diese Weise, zwischen den flachen Häuserzeilen im Westen, die er nur wenig überragt, und den Hochhaustürmen im Osten, neben denen er dank seinem Volumen bestehen kann, zu vermitteln. Die fein profilierte Fassade aus Ortbeton und die wuchtigen Pfeiler des Portikus erinnern an klassische Schulbauten, aber auch an Bauten des französischen Architekten Auguste Perret. Zwei sandgestrahlte Bänder ziehen sich um den ganzen Bau und betonen seine Länge. Zwei Fensterbänder, die von Lisenen rhythmisiert werden, bieten Ein-, Aus- und Durchblicke in die beiden Geschosse. So lassen sie die Öffnung und die Transparenz anklingen, denen sich Innenarchitektur und Pädagogik verschrieben haben. Während des Vorprojekts hatten sich Schulleitung und Lehrerschaft entschieden, nicht nur organisatorisch, sondern auch pädagogisch neue Wege zu beschreiten: mit altersdurchmischtem Lernen. Das bedingte, anders als beim klassischen Schulbetrieb, flexible und offene Raumabfolgen. Die Architekten haben diese im Diskurs mit der Schule entwickelt. Transparente Architektur, offenes Lernen Wer das Schulhaus betritt, findet sich erst in einem nüchternen, soliden Foyer wieder: Wände aus Sichtbeton, geschliffener Kunststeinboden, dunkles Metallgeländer, schlichte Signaletik. Das Schulhaus soll etwas aushalten können, waren sich Architekten und Pädagoginnen einig. Auch die übrige Erschliessung – die grosse Treppe, der Gang im oberen Geschoss und der Garderobentrakt im ersten Untergeschoss – ist mit diesen harten Materialien ausgestattet. Doch der Blick, der im Foyer weiterforscht, bleibt ungebremst, durchdringt das Haus: Denn auf drei Seiten bieten transparente Flächen Einblicke ins Innenleben der Schule und Durchblicke in den grünen Gürtel, der das Haus umgibt. Vis-à-vis dem Haupteingang schaut man durch eine Reihe Fenster, die sich fast über die ganze Länge des Baus zieht, den Schülerinnen und Schülern in der tiefergelegten Zweifachturnhalle beim Sport zu. Oder man schaut horizontal, quer durch die gesamte Raumtiefe der Halle und die gegenüberliegende Aussenfensterfront hindurch in den Schulgarten hinaus. Rechts vom Foyer führt eine Glastüre in die Aula. Mit einem klassischen Fischgrätparkett und einem roten Vorhang, der sich vor dem Fensterband zur Turnhalle ziehen lässt, entführt sie ihre Benutzerinnen in eine ­andere, →

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Situation

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Primarschulhaus Schoren, 2017 Schorenweg 23, Basel Projekt:  Neubau und Städtebau Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­- und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Partizipation Schülerinnen und Schüler:  Pausen( t )räume, Aussenraumgestaltung Architektur und Generalplanung:  Lorenz Architekten, Basel Bauleitung:  Fischer Jundt Architekten, Basel Gesamtleitung:  Fuhr Buser Partner Bau Oekonomie, Basel Bauingenieure:  ZPF Ingenieure, Basel Haustechnik:  W & Partner Fachkoordination, Otelfingen Landschaftsarchitektur:  Arge Gubler Paganelli, Basel Auftragsart:  offener Projekt­wettbewerb mit städtebaulichem Ideenteil, 2013 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  ca. Fr. 24 Mio.

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Schulhaus Wettbewerbsperimeter Gruppenraum offen Gruppenraum klein Lichthof Gruppenraum gross Garderobe Aula / Quartierraum Eingang Kindergarten Tagesstruktur

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Im Rahmen des Partizipationsprojekts Pausen( t )räume haben Schülerinnen und Schüler ihre Ideen in die Gestaltung des Pausenplatzes eingebracht.

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→ weichere Welt. Hinter einer Glastüre links des Foyers liegen sich die Räume des Mittags- und Nachmittagshorts samt Küche. Mieten Quartierbewohner oder Vereine die Turnhalle oder die Aula, können sie diese Räume bei Bedarf mitnutzen. Der Kindergarten befindet sich in der südwestlichen Ecke des Gebäudes und ist über die Garderobe mit dem Hort verbunden. Die Kindergärtler betreten ihre Welt aber durch einen separaten Eingang vom Garten her. Die Kleinsten sollen zwar erste Kontakte mit dem Schulbetrieb haben, ohne jedoch von der Grösse des Baus überfordert zu werden. Robuste Erschliessung trifft auf weiche Lernzonen Im Obergeschoss wird deutlicher, was transparentes, offenes Lernen bedeutet. Der Erschliessungsgang, an dem vier Werkräume und die Toiletten liegen, präsentiert sich noch klassisch. Nach wenigen Metern führt ein breiter Gang mit Garderobe im rechten Winkel zu den Gruppenmodulen, die sich um einen von drei Innenhöfen anordnen. Von hier dringt der Blick durch die Tiefe des Gebäudes, durch Innenhof und Gruppenräume bis in die Klassenzimmer, die sich an der anderen Längsseite des Hauses aufreihen und hinter – was sonst ? – verglasten Türen liegen. Pro Gruppenmodul sind zwei Klassenzimmer mit einer Türe verbunden. Zusätzlich teilen sich die beiden Klassen in der mittleren Gebäudeschicht die Garderobe sowie einen kleineren, geschlossenen Gruppenraum und einen grösseren, offenen Gruppenraum, den Aufbauten mit Oblichtern noch grosszügiger erscheinen lassen. Direkt an die drei Innenhöfe sind drei Spezialräume angebunden: eine Bibliothek, ein Natur-­MenschGesellschaft-Raum und ein Musikzimmer. Indem die Architekten alle Klassen- und Gruppenräume im Obergeschoss anordnen, setzen sie ein virtuoses Spiel des durch verschiedene Öffnungen einfallenden natürlichen Lichts und der Durchblicke durch die Raumtiefe in Bewegung. Gang und Klassenmodule sind zwei Welten: da feste, harte Materialien, die etwas aushalten können und müssen ; hier weiss gestrichene Wände, weiches Eichenparkett, lindengrüne Einbauten sowie Ablagen und Sitzbänke aus massiver Eiche. Das freundliche Grün gibt dem Blick Halt und bietet einen Rahmen für die unzähligen Schülerzeichnungen, Werkarbeiten und Tafeln, die diesen Teil des Schulhauses beleben. Die offenen Gruppenräume sind unmöbliert. Bei Bedarf kommen die eigens für das Schulhaus entworfenen Holzmöbel zum Einsatz, die sowohl als Stuhl wie auch als Tischchen dienen. Umsetzung gelungen, Schüler und Quartier glücklich Sind die offenen Lernlandschaften und die transparente Architektur gewöhnungsbedürftig ? Die Klassen und die Lehrerschaft hätten sich längst daran gewöhnt und fühlten sich sichtlich wohl in ihrem neuen Schulhaus, erzählt Schulleiterin Astride Wüthrich. Sie beobachtet, dass morgens viele Schulkinder etwas vor Unterrichtsbeginn in die Schule kommen, um in der Lounge im hintersten offenen Gruppenraum mit Kollegen oder Lehrpersonen zu plaudern. « Wie eine grosse Familie », sagt sie mit strahlenden Augen. Nicht nur für Lehrkräfte und Schülerinnen, sondern auch fürs Schorenquartier geht der Plan der Planer auf. Dank seinem offenen, transparenten Charakter hat der Bau nur ein Jahr nach seiner Eröffnung bereits seinen festen Platz im Quartierleben.

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Matthias Lorenz ( *1972 ) hat mit seinem Büro den offenen Projektwettbewerb für das Schulhaus gewonnen. Die städte­ bauliche Leitidee für den benachbarten genossenschaftlichen Wohnungsbau stammt ebenfalls aus seinem Büro. Lorenz Architekten entwickelten in den letzten Jahren weitere Schulhaustypologien für die heutige Pädagogik.

Orte des Lernens Gesprächsleitung: Marion Elmer

Die Schulleiterin, der Leiter Volksschulen Basel-Stadt und der Architekt erzählen, wie sich beim Primarschulhaus Schoren das Projekt im Laufe der Planung veränderte. Und wie sich der Neubau heute im Alltag bewährt. Wie hat der Austausch zwischen Lehrerschaft und Architekten das Projekt verändert ? Astride Wüthrich: Unser pädagogisches Konzept stand bereits vor dem Architekturwettbewerb. Es war die Grundlage für die Architekten. Während des Vorprojekts fassten wir allerdings den Entschluss, im Schoren altersdurchmischtes Lernen umzusetzen. Dazu braucht es spezifische Räume und Raumtypen, damit die Kinder im Klassenverband, in der Kleingruppe oder einzeln lernen können. Zudem brauchte es Fachräume, weil ältere Kinder sich Wissen spezifischer aneignen. Was bedeutete das altersdurchmischte Lernen für das Raumprogramm ? Matthias Lorenz:  Es wird nicht mehr das ‹ Grundmodul Klassenzimmer › repetiert. Stattdessen haben wir jeweils zwei Klassenzimmer, einen offenen Gruppenraum und einen geschlossenen plus eine Garderobe, die man auch als Gruppenraum nutzen kann, als Grundmodul bestimmt. Dieter Baur: Lernlandschaften könnte man grundsätzlich auch gestalten, ohne dass man Wände runterreisst. Letztlich ist es aber einfacher, wenn die Räume das pädagogische Konzept unterstützen. Es darf jedoch nie so sein, dass die Pädagogik von den Räumen abhängig ist.

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Astride Wüthrich ( *1963 ) ist Schulleiterin der Primarstufe Hirzbrunnen. Sie war massgeblich am pädagogischen Konzept für den Neubau der Primarschule Schoren beteiligt. Zusammen mit den anderen Lehr­kräften stand sie während der Projekt­ phase im Austausch mit den ­Architekten.

Gab es Entwurfsideen, die auf den Widerstand der Lehrkräfte stiessen ? Astride Wüthrich: Ja, die gläsernen Wände der Gruppenräume. Im Büro der Architekten konnten wir aber ein Modell und eine Animation anschauen, die zeigten, was man sieht, wenn man im Raum steht. Danach hat die Lehrerschaft das Konzept besser verstanden und sich damit auseinandergesetzt. Heute arbeitet niemand hier, der nicht damit umgehen kann, beim Unterrichten gesehen zu werden. Auch für eine Lehrerin, die bald pensioniert wird, war das kein Thema. Und für Lehrpersonen, die sich das Unterrichten in altersdurchmischten Klassen gar nicht vorstellen konnten, fanden sich Plätze an anderen Schulen. Wie gefallen Ihnen die transparenten Schulräume ? Astride Wüthrich:  Wunderbar ! Ich komme am Morgen herein, laufe einmal durch die Lernlandschaften und habe schon alle begrüsst. Unser Schulhaus lädt ein, miteinander in Beziehung zu treten. Dieter Baur: Verglaste Türen und offene Räume unterstützen die Beziehung zwischen Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern und schaffen Vertrauen. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass sich der Vandalismus reduziert. Wie bewährt sich das Schulhaus im Alltag ? Astride Wüthrich:  Die Schüler geniessen die Lernlandschaften. Die einen liegen zu zweit auf der Garderobenbank und lösen eine Rechenaufgabe. Die anderen sitzen in den offenen Einbauschränken und lesen ein Buch. Es entstehen automatisch unterschiedliche Orte des Lernens, ohne dass es zusätzliche Möbel und Materialien braucht. Aus­ serdem besteht ja weiterhin die Möglichkeit, die Türe zu schliessen und im Klassenraum zu lernen. Es gibt Kinder

Dieter Baur ( *1955 ) leitet die Volksschulen Basel-­Stadt seit 2015. Er hat während ­seines ganzen Berufslebens unterrichtet. 18 Jahre lang war er Schulleiter einer ­Sekundarschule. Bei der Total­sanierung seiner Schule sammelte er Architekturund Bauerfahrungen.

und Klassen, die weniger rausgehen und das Nestgefühl geniessen. Und es gibt Klassenzimmer, die sich im Nu leeren, sobald der Lehrer oder die Lehrerin sagt, die Schüler dürften den Arbeitsort frei wählen. Ich finde es schön, dass beides möglich ist. Funktioniert die Idee des Schulhauses als öffentliches Gebäude für das Quartier ? Astride Wüthrich:  Das Schulhaus steht in der Mitte des Quartiers, ist gross, offen und hat einen Pausenplatz. Dank ihm haben die Schüler endlich einen Ort und eine Wichtigkeit im Quartier bekommen. Die Turnhalle ist jeden Abend von Vereinen besetzt, und die Aula wird von Organisationen genutzt. Am Wochenende treffen sich Familien auf dem Pausenplatz. Ich hörte Eltern sagen, dass sie nun endlich einen Ort hätten, an dem sie sich begegnen können, ohne etwas konsumieren oder sich verabreden zu müssen. Dieter Baur:  Diese Öffnung und Öffentlichkeit ist für alle Schulen gewünscht. Sie ist aber auch mit Schwierigkeiten verbunden. Das Areal wird von Familien genutzt, die Sorge dazu tragen, aber auch von nächtlichen Belagerern, die ihren Müll hinterlassen. Das macht es schwierig, denn am Montagmorgen sollte die Schule wieder funktionieren. Matthias Lorenz: Solche Dinge kann man über die Architektur und über den Städtebau steuern. Wenn der Wohnungsbau nebenan fertig ist, werden der Schulhof und der Vorplatz der Schule miteinander verbunden sein und vielfältige Durchblicke entstehen. Die Bewohner in direkter Nachbarschaft werden ganz automatisch eine indirekte Kontrolle ausüben. Dies macht die Arbeit des Hauswarts nicht unnötig, aber er wird am Montagmorgen weniger Müll zusammenfegen müssen.

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Das Grossraumlernen fordert seinen Tribut: In den Lernateliers darf nur geflüstert werden.

Lernateliers mit Wohnzimmer Die Lernateliers im Schulhaus Sandgruben sind in Architektur übersetzte Pädagogik. Sie sind das Resultat eines intensiven Austauschs zwischen Lehrpersonen und Architekten. Text: Julia Hemmerling

Einzeln erschlossen: Jeweils drei Lernateliers teilen sich ein eigenes Treppenhaus.

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Das Herz der Lernateliers sind die 210 Quadratmeter grossen ‹ Klassenzimmer ›, in denen Schüler und Schülerinnen den speziell entwickelten Lern­atelier­ tisch ‹ Typ Basel › frei positionieren können.

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Sanft dockt das neue Sekundarschulhaus Sandgruben an das alte Schulhaus an. 1949 bis 1951 von den Architekten Schneider & Gürtler erbaut zeigt der 2017 sanierte viergeschossige Bau nun wieder seinen ursprünglichen Charakter. Ein neues eingeschossiges Foyer verbindet Alt und Neu und dient als gemeinsamer Haupteingang. Im Architekturwettbewerb schlugen Stücheli Architekten den Abbruch der sanierungsbedürftigen Zweifachsporthalle vor, die sich L-förmig an den Hauptbau angliederte. Das schuf Platz für den Neubau. Dieser steht auch für einen pädagogischen Neuanfang. « Das pädagogische Herz des Sandgruben ist das Lernatelier », beginnt die Projektleiterin von Stücheli Architekten, Juliane Grüning, ihren Rundgang. Das Wettbewerbsprogramm, erarbeitet vom Hochbauamt in enger Zusammenarbeit mit der Schulleitung und dem Erziehungsdepartement, forderte die Architekten zu einer Neuinterpretation der Schulhaustypologie heraus. Jugendliche verschiedener Alters- und Niveaustufen sollten im Sandgruben in grossen Gruppen gemeinsam lernen und voneinander profitieren. Selbstständigkeit und Organisation, Rücksichtnahme und Kommunikation würden dabei gefördert und für eine zeitgemässe Ausbildung der folgenden Generationen sorgen, so die Architektin. Lernen wie im Grossraumbüro Nur ein Neubau erlaubte den Architekten eine direkte räumliche Umsetzung der pädagogischen Leitideen in Architektur: Auf drei Geschossen, an drei separate Treppenhäuser angegliedert, finden heute in seinem südlichen Trakt neun Lernateliers Platz. Sie fassen je drei niveauübergreifende Klassenverbände zu Clustern zusammen. Die jeweiligen Arbeitsweisen und Lernformen sind räumlich klar zugeordnet: Zentrum ist ein 210 Quadratmeter grosser, offener Raum, in dem bis zu sechzig Schüler und Schülerinnen sowie die Lehrkräfte an individuell eingerichteten Arbeitstischen Platz finden. Graue Sichtbeton­ wände, ein rostroter Linoleumboden und die weissen Arbeitstische treten farblich in den Hintergrund. Sie lassen Raum für bunte Ordner, selbstgemalte Namensschilder, Fotos und Notizen. Auffällig sind zwei Aushänge: Ein Plakat ruft zu Ruhe und Flüsterton im Lernatelier auf, ein Organisationsblatt zeigt, wer hier seinen Arbeitsplatz hat und wann wo arbeiten will. Neben dem eigenen Arbeitsplatz stehen auch Stehpulte mit Computern zur Verfügung. Direkt ans Atelier angegliedert ist der sogenannte Inputraum, der mit Tafel, Beamer und Schulbänken einem traditionellen Klassenzimmer am nächsten kommt und auch als solches nutzbar wäre. Er ist für den Frontalunterricht gedacht. Wer an seinem Pult sitzt, sieht durch eine Glastrennwand, was einem Teil seiner Ateliergruppe im Inputraum gerade unterrichtet wird und umgekehrt. Der dritte Ort des Lernens ist der Gruppenraum, wo die Schüler eigenständig zusammenfinden. Im Sandgruben ist die Lehrerin nicht mehr reine Wissensvermittlerin, sondern auch Beraterin. Sie begleitet das individuelle Lernen mehr oder weniger intensiv, je nach Hilfsbedürftigkeit der Schülerinnen und Schüler. Die einzelnen Räume der Lernlandschaft – Atelier, Input- und Gruppenraum – sind auch separat über ein Treppenhaus zugänglich, das sich jeweils drei Lern­ateliers teilen. Daran angegliedert sind die kleinteiligen Toilettenanlagen pro Geschoss, die sich mit leuchtend orangefarbenem PU-Boden und Wandkacheln in das Farbkonzept der Nebenräume einordnen. Über die Treppenhäuser der Lernateliers erreichen die Schülerinnen und Schüler die zweigeschossige Halle im Erdgeschoss. Sie liegt im Gelenk des Turnhallen-, Spezialraum- und Lernateliertrakts und ist Dreh- und →

Die Strassenfassade gegen den Ostring ist mehrheitlich geschlossen. Das Schulhaus öffnet sich gegen den Innenhof, den es mit dem Altbau aus den 1950er-Jahren fasst.

Sekundarschulhaus Sandgruben, 2016 und 2017 Schwarzwaldallee 161, Basel Projekt:  Neubau und Sanierung Altbau Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­- und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Partizipation Schülerinnen und Schüler:  Schülerarbeitsplätze in den Korridoren Architektur:  Stücheli Architekten, Zürich Gesamtprojektleitung:  Andreas Akeret Baumanagement, Bern Landschaftsarchitektur:  Bryum, Basel Tragwerksplanung:  APT Ingenieure, Zürich ( Neubau ) ; Gruner Lüem, Basel ( Altbau ) Fassadenplanung:  Bardak Planungsbüro, Schaffhausen HLKS-Planung:  Beag Engineering, Winterthur Bauphysik:  EK Energiekonzepte, Zürich ( Neubau ) ; Gruner, Basel ( Altbau ) Brandschutz:  A + F Brandschutz, Basel Signaletik:  Agnès Laube, Zürich Kunst-und-Bau:  Claudia & Julia Müller, Basel Auftragsart:  anonymer Projektwettbewerb im selektiven Verfahren, 2012 Anlagekosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 62,5 Mio. ( Neubau ) ; Fr. 10  Mio. ( Altbau )

Situationsplan: Ein langer Riegel schirmt die Schulanlage vom viel befahrenen Ostring ab. Neu­ bau, Altbau und Kindergarten ­fassen einen grossen Pausenhof.

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Situation Mst. 1:2000 Themenheft von Hochparterre, April 2018 —  Vom Schulzum Lernhaus — Lernateliers mit Wohnzimmer

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2.Obergeschoss Mst. 1:750

Schnitt durch die Turnhalle und den Spezialtrakt mit den Fachräumen.

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Atelier Inputraum Gruppenraum Wohnzimmer Pausenhof Haupteingang

A B C D

Ateliertrakt Spezialtrakt Altbau Kindergarten

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Erdgeschoss Mst. 1:750

Regelgeschoss mit Atelier-, Spezialtrakt und Altbau ( im Gegenuhrzeigersinn ). Rechts der sanierte Altbau.

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0 Erdgeschoss: Im Gelenk des Neubaus liegt das ‹ Wohnzimmer ›, von dem aus all seine Bereiche erschlossen werden.

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Auf den weiten und vom Verkehrslärm geschützten Pausenhof öffnen sich der Spezialtrakt ( links ) und der Ateliertrakt ( rechts ) mit grossformatigen Fenstern.

Kunst-und-Bau Im Zuge der Sanierung des Altbaus und anlässlich des Abbruchs der alten ­Turnhalle wurden drei Wandbilder von ­Rudolf Maeglin aus dem Jahr 1955 ­aufwendig versetzt. Die zwei auf vier Meter grossen Bilder schnitten Spezialisten ­mitsamt den Backsteinen aus dem Altbau heraus. In Feinarbeit frästen sie die Backsteine weg und bauten für die Bilder eine neue Hinterkonstruktion. Das Bild ‹ Baustelle › etwa wurde in den Ein­ gangstrakt des Neubaus integriert und verweist so fast siebzig Jahre nach seiner Fertigstellung auf das grösste Schulhausbauprogramm im Kanton Basel-­ Stadt. Geblieben ist auch der Brunnen mit den Bronzefiguren der Bremer Stadt­ musikanten des Künstlers Willy Hege aus dem Jahr 1952. Am neuen, zentralen Standort im Pausenhof werden diese ­auf­einander­getürmten Tiere der Gebrüder Grimm zum Sinnbild für die Vielfalt und die Experimentierfreude der Basler Schulland­schaft. Neu dazugekommen ist der farbige Fransenteppich aus Mosaik­ plättchen, der das ‹ Wohnzimmer › zu­ sammenhält und zugleich ein bisschen für das Schulhaus als Lernlandschaft steht. Die beiden Künstlerinnen Claudia und Julia Müller gewannen mit ihrer ­Arbeit ‹ Teppich ( It’s this rug I have, it really tied the room ­together ) › 2013 den ein­ geladenen Wett­bewerb für Kunst-und-Bau.

Das ‹ Wohnzimmer › ist ein Möglich­keitsraum: Es ist Pausenhalle, Znüniecke, Treffpunkt oder Chatraum.

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Das sogenannte Wohnzimmer ist die soziale und logistische Drehscheibe. Der Raum ist genauso offen wie seine Nutzungsmöglichkeiten.

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→ Angelpunkt des Hauses. « Wir nennen sie auch das ‹ Wohnzimmer › der Schulanlage », so Grüning. Die neuen, markanten Sitzmöbel im Foyerbereich wurden im Zuge der Sanierung auch in den Altbau integriert. Geschickte Brandschutzmassnahmen machen es möglich, das ‹ Wohnzimmer › als möblierbaren Aufenthaltsort zu nutzen. In seinem hinteren Teil ist eine Galerie eingezogen, oberhalb des Fensters, das Einblick in den Sportbetrieb gewährt. In diesem Zwischengeschoss liegt die in intensivem Grün gehaltene Bibliothek, die durch eine gewendelte Stahl­ treppe erschlossen wird. Auch die graue Halle ist farblich akzentuiert. Augenfänger ist allerdings der siebzig Quadratmeter grosse, grüne Mosaikteppich im Hartbetonboden. Die Kunst-und-Bau-Arbeit von Claudia und Julia Müller unterstreicht den wohnlichen Charakter. Das Zusammenspiel 25 Klassen mit 600 Schülerinnen und Schülern, zwei Sonderklassen, acht Klassen im Altbau sowie rund neunzig Lehrpersonen, Sozial- und Heilpädagogen finden seit dem Sommer 2016 in der neuen Schulanlage Platz. Das Thema Integration prägt das Schulhaus: Manch ein Schüler, der Spezialangebote in Anspruch nimmt, besucht Teile des regulären Unterrichts, manche Schülerinnen der regulären Klassen brauchen die Unterstützung der Heilpäda­go­gen. Die Einheit der Ausbildungsbereiche, verteilt auf Neu- und Altbau, wird im Städtebau deutlich. Stücheli Architekten grenzen das Schul- und Sportgelände räumlich und akustisch von der stark befahrenen Basler Osttangente ab. Doch statt einen einfachen Riegel zu wählen, wie es die meisten anderen Architekten im Wettbewerb vorgeschlagen haben, wählten Stücheli Architekten einen eingeschossigen Sockel um einen quadratischen Pausenhof, aus dem vier Körper herausstehen: erstens der Altbau, zweitens der Neubautrakt für die Spezialnutzungen, drittens der Trakt mit den Lern­ateliers und viertens ein eingeschossiger Doppelkindergarten. So fassen die Architekten einen platzartigen Innenhof, gegliedert durch Sitz- und Baumgruppen und kleinteilige Platten, die mit dem Gelände verlaufen. Der Kindergarten lehnt sich in seiner Ausgestaltung und Farbkonzeption an den Schulneubau an. Er ist lediglich durch sein Dach mit der Schulanlage verbunden. Dem Innenhof dreht er den Rücken zu und orientiert sich somit zu einem eigenen, ins Grüne orientierten Aussenbereich. Von hier aus geht es in wenigen Schritten zu den Sportwiesen, zur benachbarten Gewerbeschule, zur Berufsschule und zur Primarschule. Das Zusammenspiel der Baukörper ist das Resultat eines intensiven Austauschs im Planungsprozess. Ohne stetigen Dialog der Beteiligten, ohne transdisziplinäres Vorgehen wäre der in seiner Offenheit sorgfältig formulierte Architekturwettbewerb ebensowenig entstanden wie das klare pädagogische Programm und die nutzerorientierte Umsetzung. Ein solches Miteinander – keine Selbstverständlichkeit bei Grossprojekten dieser Art – steht im Schulhaus Sandgruben auch nach Bauabschluss im Zentrum: Drei Schulleiter mit unterschiedlichen Schwerpunkten teilen die Verantwortung und tauschen sich regelmässig mit der Lehrerschaft aus, zudem wird die nächste Generation nun explizit in diesen Bereichen geschult. Das klassen- und niveauübergreifende Zusammenspiel im Schulhaus Sandgruben ist vorerst bis 2023 befristet. Dann wollen die Verantwortlichen Bilanz aus ihrer ‹ Erfahrungsschule › ziehen. Einen ersten Hinweis, dass die Pädagogen auf dem richtigen Weg sein könnten, gibt es bereits: 2017 hat das Sandgruben einen von sechs ‹ S chweizer Schulpreisen › gewonnen. Damit werden besonders innovative, zukunftsorientierte Schulen ausgezeichnet.

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Ramon Ebri ( *1964 ) ist Bauherrenvertreter und Projektmanager beim Hochbauamt Basel-Stadt im Bereich Bildung und Kultur. Von 2011 bis 2016 war er verantwortlich für den Neubau der Sekundarschule Sand­ gruben von der Wettbewerbs- bis zur ­Ausführungsphase. Seit 2013 ist er stell­ vertretender Abteilungsleiter Schulen.

« Basler Schüler können nicht flüstern » Gesprächsleitung: Julia Hemmerling

Ein Gespräch über Basler Flüsterkultur, Zusammenarbeit, Eigen­initiative und Transdisziplinarität – in der Planung und in der Schule. Sandgruben gilt als Schlüsselprojekt im Rahmen von Harmos. Wie sind Sie das Projekt angegangen ? Ramon Ebri: Anfang 2011 haben wir im Hochbauamt die Vorgabe erhalten: Basel-Stadt braucht ein neues Schulhaus für 27 Klassen. Wir evaluierten also einen sinnvollen Standort und beantragten aufgrund der Dringlichkeit den Gesamtkredit für den Neubau. Dann erarbeiteten wir das Wettbewerbsprogramm – von Anfang an und in enger Zusammenarbeit mit der designierten Schulleitung. Götz Arlt:  Das Erziehungsdepartement wollte das einfache Abfüllen des Raumprogramms vermeiden. Stephan Hug, Leiter Raum und Anlagen, hat daher initiiert, dass zuallererst das pädagogische Konzept erstellt wird. Ramon Ebri:  Zu Wettbewerbsbeginn gab es neben der Begehung des zukünftigen Bauplatzes eine intensive pädagogische Einführung für die Architekten. Es ging darum, ihnen unsere Ideen bestmöglich zu vermitteln. Juliane Grüning:  Das Wettbewerbsprogramm war sehr offen formuliert, nicht jeder Raum war vorgegeben. Es wurde schnell klar, beim Sandgruben sollten die Architekten die Schulhaustypologie neu denken. Gleichzeitig war aber auch der Wunsch nach Anpassbarkeit formuliert – für den Fall, dass das pädagogische Konzept nicht aufgeht.

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Juliane Grüning ( *1979 ) arbeitet bei ­Stücheli Architekten in allen Leistungs­ phasen an Grossprojekten im Büro-, ­Wohnungs- und Schulbau. Seit 2012 ist sie als Projektleiterin tätig. Sie leitete das Projekt Sandgruben vom Vorprojekt bis zur Fertigstellung. Seit 2016 ist sie Mitglied des Kaders.

Das Projekt wurde in intensiver Zusammenarbeit z ­ wischen der Schule, dem Baudepartement und den Architekten entwickelt. Was war wichtig, damit dieses Vorgehen gelang ? Ramon Ebri: Dass die Schulleitung und das Erziehungsdepartement das Projekt über die ganze Planungszeit begleitet haben. Die Auseinandersetzung war intensiv, und die zukünftigen Nutzer entwickelten eine Mitverantwortung für das Gelingen des Projekts. Juliane Grüning:  Die intensive Begleitung war für uns Architekten ungewöhnlich, aber auch sehr gut. Es war immer jemand da, der sich in bauliche Fragen genauso hineinversetzen konnte wie in pädagogische. Gleichzeitig verlangte die Vermittlung zwischen Schul- und Bauseite viel Feingefühl und Sensibilität. Ramon Ebri:  Es herrschte immer eine Stimmung des gegenseitigen Respekts. Alle begegneten sich auf Augenhöhe, alle Ideen und Vorschläge wurden aufgenommen, analysiert und geprüft. Götz Arlt:  Vor allem aber ging es um eine gemeinsame Sprache. Dem einen waren die Finanzen wichtiger, den anderen die Pädagogik oder die Architektur. Wir haben deshalb mit viel Musse zuerst einmal eine Basis geschaffen für eine in ihren Grundzügen einheitliche Sprache. Könnte man das Sandgruben-Lernund -Lehrkonzept auch in einem anderen bestehenden Schulhaus umsetzen ? Götz Arlt: Die pädagogische Idee der Lernateliers an sich ist nicht völlig neu. Neu war der städtische Kontext. Vergleichsobjekte finden sich eher auf dem Land. Das sind oft Schulen, die, um zu überleben, kreative Lern- und

Götz Arlt ( *1971 ) ist einer von drei Schul­ leitern der Sekundarschule Sandgruben. Er ist auch Sandgruben-Projektleiter für das kantonale Schulerfahrungsmodell. Arlt ist Co-Präsident des Baslerischen Schulleitervereins.

Lehrkonzepte entwickelt haben. Das hat in diesen Schulhäusern zu teilweise recht lustigen Lösungen geführt, die ihren ganz eigenen Charme haben. Der Neubau bot die Möglichkeit für eine klare, von Grund auf entwickelte Lösung – wir mussten keinen Kompromiss eingehen. Juliane Grüning:  Im Sandgruben sind etwa die einzelnen Treppenhäuser zu den Lernateliers prägend, sie schaffen Identität, Zugehörigkeit und Sicherheit. Diese Eigenheit unseres Entwurfs wäre in einem bestehenden Schulhaus nicht möglich gewesen. Zudem haben wir uns entschlossen, möglichst viel Erschliessungsfläche als nutzbare Fläche für das Atelier auszubilden und pro Einheit eine kleine Toilettenanlage zu planen statt eine grosse – weil es dem Konzept der Lernateliers am besten entspricht. Hat es das Harmos-Konkordat für diese zu Raum gewordene pädagogische Idee gebraucht ? Götz Arlt: Wir hätten eine Chance verpasst, wenn wir eine neue Schule dieser Grössenordnung gebaut hätten, ohne das pädagogische Modell von Grund auf neu zu denken. Ein wenig verrückt war es schon, Lernateliers mit sechzig Schülern und einer Flüsterkultur in Basel-Stadt vorzuschlagen. Einige Lehrer haben nur den Kopf geschüttelt und gesagt: « Die Basler Schüler können nicht flüstern. » Ramon Ebri: Offen gesagt war ich mir nicht ganz sicher, ob die gestellte Aufgabe in ihrer Komplexität überhaupt realisierbar war. Insbesondere die Lernlandschaften erforderten neue Entwicklungen in der Schulhaustypologie … und trotzdem entstanden im Wettbewerb viele kreative Lösungen. Dass es tatsächlich funktioniert, sehen wir heute: am gebauten Objekt und am Schulpreis, den das Sandgruben im Jahr 2017 bekommen hat. 

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Durchlässiger Wissensspeicher: Die Fenster­laibungen der Mediathek sind auch Arbeitsplatz und Besprechungsecke.

Innere Verdichtung Die umfangreiche Sanierung des Gymnasiums Bäumlihof war nicht nur eine technische: Das Schulhaus hat ein neues räumliches Herz erhalten, das auch sozialer Mittelpunkt ist. Text: Roderick Hönig

Das Atrium des Bäumlihofs vor der Sanierung: Der weite Luftraum erinnert an ein Parkhaus.

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Abgetreppte Terrassenlandschaft: Die gestapelten ­Riegel der Mediathek bringen Spannung in den Luftraum.

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Das Gymnasium Bäumlihof wurde 1974 unmittelbar neben der Primarschule Hirzbrunnen eröffnet. Der mächtige Betonbau machte aus der Primarschulanlage schlagartig einen der grössten stufenübergreifenden Schulstandorte im Kanton. 1400 bis 1500 Schülerinnen und Schüler besuchen heute das Bäumlihof, dazu kommen die 24 Primarschulklassen des Hirzbrunnen. Nach Abschluss aller Arbeiten wird das Bäumlihof von 36 Sekundarschulklassen und 22 Gymnasialklassen genutzt werden. Vischer Architekten, die 1957 schon das benachbarte Primarschulhaus entworfen hatten, zeichneten auch die Pläne für die Bauten des Gymnasiums. Die Basler Architekten knüpften städtebaulich an ihren Entwurf aus den späten 1950er-Jahren an und gestalteten ein regelrechtes Schulquartier an der Stadtgrenze zu Riehen: Sieben schroffe Betonkörper fassen mit den beiden filigranen Primarschulbauten zwei diagonal versetzte, offene Pausenhöfe, die luftig miteinander verbunden sind. Im Bäumlihof herrscht klassische Stadtrandstimmung: Offen trifft auf geschlossen, Grünauf Grauraum, 1950er-Jahre-­Architektur auf 1970er-Jahre-Brutalismus. Gegen Süden begrenzt der Bahndamm die Anlage, im Norden öffnet sie sich auf das Landgut Bäumlihof, das dem Quartier seinen Namen gibt. Mit den Schmal­seiten grenzt die Anlage an Wohnquartiere. Die Organisation der Räume ist klar und einfach: Ein zentrales, quadratisches Hauptgebäude fasst über fünf Geschosse alle Spezialräume wie Lehrerzimmer, Labors, Aula und Mensa, ab dem ersten Obergeschoss sind alle Räume rund um ein hohes Atrium organisiert. An den Zentralbau schliessen drei dreigeschossige Schulzimmerflügel windmühlenartig an. Turn- und Schwimmhalle liegen separat in eigenen Gebäuden. Rund vierzig Jahre nach seiner Eröffnung stand eine Gesamtsanierung an. Das Bau- und Verkehrsdepartement entschied sich, die Sanierung gleichzeitig mit der Neuorganisation und Ergänzung von Räumen und Funktionen anzugehen, die mit dem Beitritt zum Harmos-Konkordat nötig wurden. Die tiefgreifenden Sanierungsmassnahmen bestehen im Kern aus drei Teilprojekten: der Auswechslung und Erneuerung der Elektro-, Sanitär- und Heizungsanlagen, der Ertüchtigung der Statik zur Verbesserung der Erdbebensicherheit sowie einer neuen, besser isolierten Gebäudehülle. Harmos forderte zudem mehr Flächen für Lehrer- und Schülerarbeitsplätze, eine Mediathek und eine grössere Mensa.

Offen vom Erd- bis ins Dachgeschoss: Neue Blickachsen und Treppen verbinden die Stockwerke.

Verwandlung des hässlichen Entleins Obwohl die baulichen Eingriffe tiefgreifend waren und den grössten Teil der Sanierungskosten von rund 105 Millionen Franken ausmachten, ist heute nur ein kleiner Teil davon von Auge auszumachen: Die neuen Haustechnikanlagen mit ihren kilometerlangen Rohren und Schächten, die aufwendig verstärkten Fundamente im Keller oder die mit Stahlwinkeln verstärkten Deckenränder sind – gutschweizerisch – kaum sichtbar. Das Haus präsentiert sich heute als selbstverständlicher Mittelpunkt des Ensem­bles, alles scheint schon immer da gewesen zu sein. Wer es im alten Zustand kannte, reibt sich die Augen: Eine neue filigrane Fassade hüllt das Haupthaus sowie die drei Klassenzimmertrakte ein, und das zentrale Atrium hat sich vom hässlichen Entlein zum eleganten Schwan gewandelt. Auch beim Umbau der Innenräume reizten die Ar­ chitekten Enzmann Fischer Partner die Möglichkeiten aus, die das Haus bietet: Sie entstaubten den kaum genutzten Licht­hof und schaufelten über eine neue Verglasung mehr Tageslicht hinein. Sie belebten dieses leere Volumen, luden es mit von beiden Schulen genutzten Räumen wie Leh­ rerzimmer, Büros der Schulleitung oder Mediathek auf. → Unter dem Atrium verbindet die Aula das Erd- mit dem Untergeschoss.

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Leichte Glasfaserbetonelemente statt schwere Betonplatten: Die neue Fassade schreibt die Geschichte der alten weiter.

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1. Obergeschoss: im Zentrum das Atrium, darum herum die Klassenzimmerflügel.

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Erdgeschoss 1:1000

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Erdgeschoss: Im Zentrum des Hauptgebäudes liegen die Aula, darum herum Treppenhäuser und die Mensa.

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Situation

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Bäumlihof Hirzbrunnen, Turn- und Schwimmhalle Atrium Erweiterungen Klassenzimmertrakt Mensa Aula Eingang Mediathek

Schulhaus Bäumlihof, 2018 Zu den drei Linden 80, Basel Projekt: Gesamtsanierung und Erweiterung Eigentümervertretung:  Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­- und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Pilotprojekt: Schülerarbeitsplätze in den Korridoren Architektur:  Enzmann Fischer Partner, Zürich Gesamtleitung / Baumanagement:  FFBK Architekten, Basel Bauingenieure:  Heyer Kaufmann Partner, Zürich Landschaftsarchitektur:  Martin Gubler, Münchenstein ; Lucas Paganelli, Basel HLK-Planung und Bauphysik:  3-Plan Haus­t echnik, Winterthur Sanitärplanung:  Gruner Gruneko, Basel Elektroplanung:  Actemium Schweiz, Basel Fassadenplanung:  Fiorio Fassaden­­technik, Zuzwil Lichtplanung:  Michael Josef Heusi, Zürich Auftragsart: anonymer Projekt­wett­bewerb im selektiven Verfahren, 2011 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 105 Mio.

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Schnitt Hauptgebäude: Die Mediathek wurde ins Atrium hineingebaut. Schnitt A 1:500

→ So entstanden neue Wegführungen und Durchblicke. Spektakulär sind die Terrassen auf der neuen Mediathek, sie machen den Luftraum des Atriums quasi begehbar. Kurz, aus dem vormals lustlos gestalteten Lichtkamin wird das neue soziale und räumliche Herz der Anlage. Dass das ‹ neue Bäumlihof › praktisch nur an seiner Fassade und am umgebauten Innenhof sichtbar wird, zeigen die räumlichen, strukturellen und organisatorischen Qualitäten des nunmehr 44 Jahre alten Gebäudes. Der Entwurf von Vischer Architekten bewies sich immer wieder als robust genug, um auf neue Unterrichtsformen zu reagieren. Oder anders herum: Weil das Haus schon bei der Eröffnung klar und sinnvoll organisiert und strukturiert war, ist es bis heute funktional, brauchbar und gut geblieben. Der Umbau zeigt, dass Nachhaltigkeit in der Architektur nicht nur mit Material- oder Energieverbrauch zu tun hat, sondern eben auch stark mit guten Grundrissen zusammenhängt. Nur weil sich die Grundstruktur des Schulhauses bewährt hat und im Rohbau erhalten werden konnte, konnten auch die Harmos-Anforderungen innerhalb des bestehenden Baus gut umgesetzt werden. Ein Neubau wäre rund dreissig bis vierzig Prozent teurer gekommen, hat das Bau- und Verkehrsdepartement ausgerechnet. Wohl auch deshalb wurde die Diskussion, ob Neubau oder Sanierung, in Basel nicht allzu heftig geführt. Angepasst wurde im Laufe des Projekts allerdings der Umfang der Arbeiten: Um den Kostenrahmen nicht zu sprengen, wurde die Sanierung der Turn- und Schwimmhallentrakte aufgeschoben. Luftig und leicht statt schwer und behäbig Der Entwurf von Enzmann Fischer macht das Haus besser, als es vorher war, er zeigt den Wert der Denk­arbeit von Architekten. Sie schaffen es, die funktionale Raummaschine noch einfacher und selbsterklärender zu organisieren, aber auch, daraus ein sinnlicheres Haus zu machen. Ihr wichtigster Eingriff: die Anbindung des Atriums an das Erdgeschoss. Neu empfängt eine dreigeschossige Eingangshalle die Schülerinnen und Schüler. Sie verbindet den Zugang zur Aula im ersten Untergeschoss mit dem Atrium im ersten Obergeschoss. Eine weitläufige Treppe führt direkt vom Eingang in den höherliegenden Innenhof, der Blick ins Atrium ist nun schon vom Eingang her möglich. Die Architekten haben den neuen Haupteingang in die nordwestliche Ecke des Hauses verlegt. Wo vorher dunkle Parkplätze lagen, öffnet sich heute der Eingang zum Vorplatz mit einem ausladenden Vordach. Die Aula mit ihren 550 Sitzplätzen, die wie eine Wanne im Zentrum des Erdgeschosses liegt, knüpfen die Architekten mit zwei grossen Innenfenstern ans Erdgeschoss an. So entstehen neue Blickverbindungen. Der ehemals schwere Betonbau wirkt luftiger und leichter. Die Mediathek ist die sichtbarste Raumerweiterung. Sie besteht aus drei an den Ecken miteinander verbundenen Riegeln, die, u-förmig angeordnet, ins erste und zweite Geschoss der Halle hineingebaut sind. Weil sie in den Lichthof hineinragen, machen sie ihn im Licht zwar kleiner, dafür räumlich interessanter: Im Schnitt zeigt sich der Lichthof heute als vor- und zurückspringende Terrassenlandschaft. Die drei neuen Dachflächen der Mediathek sind begehbar: Auf einer liegt eine grosse Terrasse, die anderen beiden dienen als breitere, offene Korridore, die teils Arbeitsflächen und teils Verkehrsflächen sind. Die Einbauten nehmen dem Luftraum etwas von seiner Monumentalität und machen ihn auch vielfältiger nutz- und erlebbar – wer hier zu seinem Klassenzimmer läuft oder an einem der Arbeitstische Vokabeln lernt, ist nicht allein, er oder sie sieht und wird gesehen. →

Die neue Fassade macht die einzelnen Gebäudeteile zum einheitlichen Ensemble. Themenheft von Hochparterre, April 2018 —  Vom Schul- zum Lernhaus — Innere Verdichtung

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→ Das Atrium ist nicht nur das räumliche und soziale Herz, es spielt auch im Energiekonzept eine Rolle – als riesiger Abluftkamin: Aus den Schulzimmern strömt die Luft über ein Wandelement ins Atrium und wird an dessen höchster Stelle abgesogen. Mittels Wärmetauscher wird ein Teil der Wärme wiederum der Zuluft zugeführt. Damit sparen sich die Architekten Abluftkanäle in den Gängen, was mehr Raumhöhe ermöglicht. In der neu verglasten Kassettendecke des Atriums sind zudem Lüftungsöffnungen integriert, die im Sommer zur Nachtauskühlung und im Brandfall zur Entrauchung geöffnet werden können. Zusätzliche Schulflächen sind durch die Erweiterungen der Passerellen zwischen Hauptgebäude und Klassentrakten entstanden, durch die Möblierung der Korridore können sie auch als Lernlandschaften genutzt werden. Auch aussen handeln die Architekten nach dem Prinzip des Weiterbauens. Bandfenster und grossformatige Betonplatten bestimmten die Fassade. Die Architekten haben Öffnungsprinzip und Material übernommen, aber angepasst. Um alle vier Bauten legen sie eine feingliedrige, vertikal strukturierte Hülle und fassen so die vormals aneinandergesetzten Gebäudetrakte zu einer Grossform zusammen. Die alte Betonfassade wurde komplett rückgebaut und durch eine Holzkonstruktion ersetzt. Darauf sind die nur 18 Millimeter dicken Platten aus glasfaserarmiertem Beton montiert. So bleibt das Bild des Betonbaus erhalten, nur feingliedriger und eleganter – und besser isoliert: 300 Megajoule pro Quadratmeter und Jahr ( MJ / m2a ) verbrauchte das Bäumlihof an Heizenergie vor Baubeginn. Künftig wird der Heizwärmebedarf der 27 000 Quadratmeter Energiebezugsfläche bei rund 58 MJ / m2a liegen. Die Konstruktion ist auch ökologischer: Die dünnen Betonplatten benötigen gegenüber massiven Elementen weniger graue Energie, eine leichtere Unterkonstruktion und sind trotzdem sehr dauerhaft. Grossformatige Holz-Aluminium-Fenster mit Öffnungsflügel zeichnen die Schulräume aus, ohne Unterteilung zeigen sie die öffentlichen Räume des Hauptgebäudes nach aussen an.

Architect, Artist, Designer: Gestaltungsberufe stehen hoch im Kurs bei den Sekundarschülern im Bäumlihof.

Im Altbau steckt viel graue Energie Die Sanierung des Bäumlihofs ist nicht nur ein gelungenes Beispiel einer umfassenden Sanierung eines in die Jahre gekommenen 1970er-Jahre-Baus, sondern auch eine Lektion im Umgang mit grauer Energie in all ihren Facetten. Die Voraussetzung dafür ist eine ehrliche und sorgfältige Analyse der Möglichkeiten und des Bestands – weit vor Projektbeginn: Wie gut hält die Tragstruktur ? Können bestehende Leitungskanäle genutzt werden ? Wie kann das zusätzliche Raumprogramm organisiert und eingebaut werden ? Was würde durch einen Neubau gewonnen werden ? Zu welchem Preis ? Aber eben auch: Taugt die Architektur heute noch ? Sind die Grundrisse an neue Bedürfnisse anpassbar ? Ist die Gesamtstruktur robust genug ? Das Bau- und Verkehrsdepartement hat seine Hausaufgaben gemacht, das Haus vorab auf Herz und Nieren geprüft und Neubau und Sanierung sorgfältig gegeneinander abgewogen. Das Ergebnis dieser Analyse: Ein Neubau hätte die in der Grundstruktur gespeicherte graue Energie unwiderruflich vernichtet, wäre bei laufendem Betrieb nur mit sehr grossem Aufwand realisierbar gewesen, hinzu kam der erwähnte Mehrpreis von dreissig bis vierzig Prozent. Der Kanton hat aber auch den Wert der grauen Energie in die Rechnung einfliessen lassen, die in guten Grundrissen und guter Architektur gespeichert ist. Denn nur wenn die Gestaltung, die Grundrisse und die Organisation der Räume von Anfang an gut sind, lässt sich ein Schulhaus auch 44 Jahre nach der Erstellung so problemlos an heutige pädagogische Bedürfnisse anpassen. 

Gelebte Offenheit: Blick vom Schulzimmer in die Lernlandschaft auf dem Gang.

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Der grüne Boden in den Schulzimmertrakten hält die Räume zusammen. Im Gang stehen Arbeitsplätze für Gruppen­arbeiten oder selbständiges Lernen zur Verfügung.

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Sieben weitere Sanierungen

Verjüngtes Baudenkmal

Vielfarbiges Lesen und Lernen

Lernlandschaften bauen lernen

Neue alte Wandmalereien

Der Ausbau und die Sanierung des Bläsi-­ Schulhauses aus dem Jahr 1883 zeigt, wie ein denkmalgeschütztes Gebäude aus dem vorletzten Jahrhundert harmonisch und effizient an den heutigen Stand der Technik, Energie und Pädagogik angepasst werden kann. Für die neuen Räume im klassizistischen Haus wurden bis ­anhin ungenutzte Flächen ausgebaut. Das ­Dachgeschoss etwa wurde bis auf die ­ursprüngliche Dachkonstruktion zurückgebaut, neue Räume wurden eingebaut. Energetische Massnahmen, wie die Isolierung des Dachs oder die Erneuerung der Fenster, konnten im Einklang mit der Denkmalpflege umgesetzt werden. Die ­Eichenrahmen der Fenster etwa konnten im Originalzustand erhalten werden: Sie wurden sorgfältig renoviert, das Glas ersetzt. Die für den ­architektonischen Ausdruck der Fassade wichtigen Sand­ steinlaibungen blieben im Originalzustand erhalten. Die Steig­zonen der neuen Kommunikationskabelstränge liessen sich in mehreren Klassenzimmern elegant hinter den neuen Einbauschränken ver­ stecken. Das Farb- und Materialisierungskonzept wurde in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege ausgearbeitet. Zur Verbesserung der Erdbebensicherheit wurden die ­Balkendecken in den Rand­ bereichen durch Holzschalungen ver­stärkt. Damit wurde eine höhere Deckensteifigkeit erreicht.

Das 1953 eröffnete Hebel-Schulhaus ­wurde vom Basler Architekturbüro ­ Rasser & Vadi entworfen. Die im Inventar ­schützenswerter Bauten aufgeführte ­Anlage war in ihrer Bausubstanz mehrheitlich im Originalzustand erhalten. Die ­Pavillonschule ist ein Beispiel einer kinder­ gerechten Schulhausarchitektur mit ­einer übersichtlichen Gesamtorganisation, starken Bezügen zu den Aussenräumen, grosszügigen Fenstern, g ­ eschützten Pausen- und Aufenthaltsbereichen und ­liebevollen Details. Durch das behutsame Einfügen der neuen Elemente konnte die architektonische, räumliche und farbliche Qualität des Primarschulhauses ­erhalten werden. Mit Sondierungen und Quellenrecherchen wurden etwa die ­originalen Farbtöne erforscht und daraus ein Farbkonzept für die Sanierung ab­ geleitet. Die Vielfarbigkeit der Innenräume schafft nun wieder einen spannenden Kontrast zum schlichten äusseren Auftritt. Der wichtigste bauliche Eingriff war der Umbau der bestehenden Turnhalle in eine Aula mit öffentlicher Gemeindebibliothek im einstigen Zeichensaal. Die Aula wurde um ein Foyer und eine Darsteller- und ­Besuchergarderobe ergänzt. Ein kaminartiger Liftturm aussen am Gebäude ­gewährleistet neu einen hindernisfreien Zugang zur Bibliothek. Das Haus wurde umfassend isoliert: Sämtliche Fenster sind ersetzt, das Dach, das Untergeschoss, der Brüstungsbereich und die verputzten Fassaden neu gedämmt worden. So liess sich der Heizwärmebedarf um mehr als zwei Drittel senken. Die südlich ­orientierten Pultdächer erhielten eine Fotovoltaikanlage. Sie deckt einen ­erheblichen Teil des Strombedarfs der Schule ab.

Das Gymnasium am Münsterplatz ist das zweitälteste Gymnasium der Schweiz. 1589 entstand es aus der ehemals kirchlichen Lateinschule des 11. Jahrhunderts. Die Teilsanierung der Sanitäranlagen, die Umplatzierung der Physik- und Biologie­ labore, die Erneuerung der Fenster sowie die Erdbebenertüchtigung und der Einbau eines Innenlifts wurden bei laufendem Schulbetrieb und in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege realisiert. Neuen Wind bringen die poppigen Schüler­ arbeitszonen in den Gängen ins Haus. Sie wurden zusammen mit Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen in Workshops entwickelt. Bei der Entwicklung des ­Möbelprototyps wurde vor allem auf seine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an verschiedene Lehrmethoden geachtet. Themen wie Ergonomie wurden in direktem Austausch mit den Schülerinnen und Schülern angegangen. Ihre Inputs und ­Vorschläge konnten sie dann in Mustern und Arbeitsmodellen im Massstab 1 : 1 überprüfen. Das Resultat: Im Münsterhof können die Schülerinnen und Schüler nun im Liegen, stehend oder auf Kreiseln an Stehpulten lernen. Sie können in Gruppen an runden Tischen arbeiten, ein Mittagsschläfchen machen oder auch zu zweit während des Znünis zusammensitzen. Das Mitwirkungsverfahren hat Schülerinnen und Schüler ins Sanierungsprojekt eingebunden, sie wurden so zu Mitgestaltern des eigenen Lernraums.

Das Petersschulhaus ist eine eher kleine Schule und das einzige Primarschulhaus in der Altstadt. Es stammt aus dem Jahr 1927, gebaut nach Plänen der Architekten Mähly und Weisser. Der denkmalgeschützte Bau wurde erstmals seit seiner Eröffnung umfassend saniert. Heute leuchtet die Fassade wieder so blau wie in den Zwanzigerjahren. Neu hat es nur noch sechs statt acht Klassenzimmer pro Geschoss. Die zwei übrig gebliebenen Zimmer wurden zu Gruppenräumen. Dank einem neuen Lift ist das Haus rollstuhl­ gängig, neue Brandschutztüren machen die neue Organisation der Nutzungen möglich. Die Abwartswohnung im Dachstock wurde durch eine kleine, aber feine Aula ersetzt. Mit viel Liebe zum Detail haben die Architekten das Haus in den farblichen Urzustand zurückgeführt: Die Holzverkleidungen kommen in lichtem Grau daher, die Wände wurden in einem sanft gebrochenen Weiss gestrichen. Die Fenster sind zwar neu, aber in ihrer ursprünglichen schlanken Form. Alfred Heinrich Pellegrinis Wandmalereien im Eingang wurden sorgfältig restauriert.

Bläsi-Schulhaus, 2015 Müllheimerstrasse 94, Basel Projekt:  Gesamtsanierung und Ausbau Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Partizipation Schülerinnen und Schüler:  Aussenraumgestaltung Pausenplatz Architektur und Gesamtleitung:  Zwimpfer Partner, Basel Auftragsart:  Planerwahlverfahren, 2012 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 13 Mio.

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Hebel-Schulhaus, 2015 Langenlängeweg 14, Riehen Projekt:  Gesamtsanierung und Umbau Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Gesamtleitung:  Arge MET Architects Proplaning, Basel Architektur:  MET Architects, Basel Landschaftsarchitektur:  MET Architects mit August Künzel, Basel Auftragsart:  Planerwahlverfahren, 2010 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 18,6 Mio.

Schulhaus Münsterplatz, 2016 Münsterplatz 15, Basel Projekt: Teilsanierung Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Partizipation Schülerinnen und Schüler:  Schüler­arbeitsplätze Architektur und Gesamtleitung: FFBK Architekten, Basel Auftragsart:  Planerwahlverfahren, 2012 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 12 Mio.

Petersschulhaus, 2016 Peterskirchplatz 5, Basel Projekt: Gesamtsanierung Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Partizipation Schülerinnen und Schüler:  Wohlfühlklassenzimmer, Schüler­arbeits­ plätze Korridore Architektur und Gesamtleitung:  Villa Nova Architekten, Basel Auftragsart:  Planerwahlverfahren, 2013 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 12 Mio.

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Roman Weyeneth Tilo Richter

NEUE SCHULRÄUME 18011_wey_Neue_Schulraeume_Cover_25x30.indd 1

Robuster Klassiker

Innerhalb der Struktur

Leichtbau auf Schwergewicht

Das Schulhaus St. Johann wurde nach den Plänen von Kantonsbaumeister Heinrich Reese gebaut. Das dritte Basler Schulhaus in einem Aussenquartier stand bei der ­Eröffnung 1888 als monumentaler  Schulpalast im Neorenaissance-Stil noch auf der grünen Wiese. Weil die Bausubstanz gut war und auch die Raumanordnung ­immer noch gut funktionierte, wurde die erste Gesamtsanierung erst 128 Jahre nach der Eröffnung nötig. Dabei konnte die robuste Grundrisstypologie beibehalten werden. Hinzugekommen sind Zimmer für textiles Werken, Zeichnen und für den ­Naturkunde- und Geografieunterricht. Sie wurden im ausgebauten Dachgeschoss untergebracht. Da die Denkmalpflege mit dem Vorschlag einer markanten, den räumlichen Eingriff nach aussen sichtbar machenden Befensterung nicht ein­ verstanden war, mussten die Architekten ihren Entwurf anpassen: Anstatt Fledermausgauben bringen heute dachbündige Holz-Metall-Dachflächenfenster Licht ins ausgebaute Dachgeschoss. Der Ersatz bestehender Bauteile, etwa die neuen ­Eichenfenster und -böden, orientiert sich eng am historischen Bestand. Die neuen Elemente, etwa zur Erdbebenertüchtigung, für den Brandschutz und die Sicherheits-, Medien-, Haus- und Elektrotechnik wurden so integriert, dass sie die räumlichen ­Qualitäten des Altbaus nicht beeinträch­ tigen. Der Lift, der die rollstuhlgängige ­Erschliessung bis in das Dachgeschoss ­gewährleistet, fand seinen Platz im neu ­gestalteten Sanitärblock. Zu Fuss führt der Weg ins Dachgeschoss über eine neue Treppenanlage, die zentral platziert wurde.

Das Schulhaus Theobald Baerwart wurde 1902 von den Architekten Kelterborn als Primarschule erbaut. Als klassischer Bauzeuge der Gründerzeit wies das ­imposante Schulhaus von Beginn weg ‹ Lernlandschaften › auf. Sie mussten nur wieder ‹ freigelegt › werden, um den heutigen Ansprüchen der Pädagogik zu genügen. Schon im Wettbewerb zeigten die Architekten dieses Raumpotenzial auf: Ein Ausbau des Sockelgeschosses und des mächtigen Dachstocks würde aus­ reichen, um die notwendigen Räume und Flächen für die neue Sekundarstufe zu schaffen. Unter dem Dach sind heute eine Bibliothek, die Räume fürs Bildnerische Gestalten, Lehrerinnenarbeitsplätze und Zimmer des Schulpsychologischen Dienstes untergebracht. Wenig umgebaut wurden die Regelgeschosse, doch sie sind neu organisiert: Drei Klassenzimmer und ein Lernatelier bilden heute eine ­pädagogische Einheit, zwei gibt es davon pro Geschoss. Die für die Stimmung ­wichtigen Ausbaudetails wie Wandtäfer, profilierte Türen und Fenstergewände ­wurden aufgefrischt und wo nötig ergänzt. Nur die alten Holzböden konnten nicht mehr erneuert werden, sie mussten einem Linoleumbelag Platz machen. Die Statik konnte in der schon bestehenden Struktur ­verstärkt werden: Alte Lüftungskamine wurden zur Erdbebenertüchtigung ausbetoniert und der Boden des neuen Dach­ geschosses neu als Scheibe aus­gebildet.

Die Wasgenringschule von 1953 und 1955 ist ein frühes Hauptwerk des Architekten Fritz Haller und gehört in Basel zu den ­herausragenden Bauten der Nachkriegs­ moderne. 1994 ergänzte der Architekt ­Peter Zinkernagel die denkmalgeschützten Gebäude der ersten und zweiten ­Etappe um einen Neubau. Darauf haben Stähelin Architekten nun ein neues Geschoss gebaut. Es stellt die Spezial­räume bereit, die durch Harmos zusätzlich ­nötig geworden sind. Der Aufbau spricht die Sprache des bestehenden Hauses. Der Eingriff ist kaum erkennbar, einzig die Fenster des neuen Geschosses sind nicht mehr zweigeteilt. Im Innenraum wird der Kontrast des Leichtbaus aus Beton, Stahl und viel Holz jedoch gegenüber dem Bestand ­ablesbar: In den Schulzimmern sorgen beige Böden und die Holzdecke für eine nahezu wohnliche Atmosphäre. Im Korridor herrscht eine helle, eher industrielle Stimmung. Nebst der Erweiterung ­waren auch werterhaltende Massnahmen nötig: Innenräume wurden saniert, sani­ täre und elektrische Installationen ersetzt, Brandschutzmassnahmen getroffen. Für eine bessere Erdbebensicherheit wurden in Längsrichtung Betonwände eingebaut. In Querrichtung verstärkten die Ingenieure das Gebäude mit vorgespannten kohle­ faserverstärkten Lamellen, die man auf die bestehenden Betonwände applizierte. Das neue Fundament bilden Mikro­pfähle, die 16 Meter tief in den Boden gebohrt wurden.

Schulhaus St. Johann, 2016 Spitalstrasse 50, Basel Projekt: Gesamtsanierung Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Partizipation Schülerinnen und Schüler:  Schülerarbeitsplätze Korridore Architektur:  MET Architects, Basel Baumanagement:  Caretta + Weidmann, Basel Auftragsart:  Planerwahlverfahren, 2013 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 12 Mio.

Schulhaus Theobald Baerwart, 2015 Offenburgerstrasse 1, Basel Projekt: Gesamtsanierung Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Partizipation Schülerinnen und Schüler:  Schüleraufenthalt Tagesstrukturen Architektur und Gesamtleitung:  Brogli & Müller Architekten, Basel Landschaftsarchitektur:  Martin Gubler, Münchenstein Auftragsart:  Planerwahlverfahren, 2012 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 20 Mio.

Basler Schulbauten in Buchform Der Bildband ‹ Neue Schulräume › zeigt am Beispiel der Stadt Basel, wie in den letzten Jahren neue Schulräume für neue Lernformen entstanden sind und wo die Schule von morgen ihren Platz findet. Das Buch zeigt anhand von Lernateliers, Gruppenräumen, Spezialräumen, Tagesstrukturen, Aulen und Turnhallen, wie bestehende Schulen baulich transformiert und neue Schulbauten konzipiert werden können. Die Porträts von drei Schulhausneubauten dokumentieren die Symbiose von Architektur und Pädagogik. Gross­ formatige Fotografien des Basler Fotografen Roman Weyeneth und Texte von Tilo Richter geben Einblick in die veränderte Nutzung, in Räume, Materialien und Farben. Das Buch erscheint im Herbst 2018. Neue Schulräume. Bauen und Lernen im Wandel. Christoph Merian Verlag, Basel 2018

Schulhaus Wasgenring, 2015 Welschmattstrasse 30, Basel Projekt:  Erweiterung und Sanierung Eigentümervertretung: Immobilien Basel-Stadt Bauherrenvertretung:  Bau­und Verkehrsdepar­te­ment Basel-Stadt Nutzervertretung:  Erziehungs­depar­te­ment Basel-Stadt Architektur:  Stähelin Architekten, Basel Bauingenieure:  Jauslin Stebler, Basel Auftragsart:  Planerwahlverfahren, 2014 Baukosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 25 Mio.

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Vom Schulzum Lernhaus Auslöser war die ‹ Interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule ›. Diese Vereinheitlichung der Eckwerte des Schweizer Bildungssystems initiierte nicht ­nur pädagogische Diskussionen, sondern auch einen gewaltigen Bauschub. Der Kanton Basel-­ Stadt steckt bis ins Jahr 2022 rund 790 Millionen Franken in Neu- und Umbauten, Sanierungen und Erweite­rungen. Entstanden sind spannende Landschaften zum Lernen und neue Räume für aus­serschulische Betreuung. Der Kanton hat den Umbau der Basler Schullandschaft parti­ zipativ angepackt, hat auch die Schulleitungen, ja Schülerinnen und Schüler miteinbezogen. ­Dieses Heft präsentiert eine Auswahl der sechzig ­Bauvorhaben und zieht eine Zwischenbilanz.

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Vom Schul- zum Lernhaus  

Neue Schulformen verlangen Flexibilität, auch von den Gebäuden. Der Kanton Basel-Stadt investiert 790 Millionen Franken in Neu- und Umbauten...

Vom Schul- zum Lernhaus  

Neue Schulformen verlangen Flexibilität, auch von den Gebäuden. Der Kanton Basel-Stadt investiert 790 Millionen Franken in Neu- und Umbauten...