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Themenheft von Hochparterre, März 2019

Stadt in der Hauptrolle Auf der Brache der Glashütte wird Bülach nicht einfach weiter, sondern Stadt neu gebaut. Eigenwillige Architektur und markanter Städtebau prägen das Glasi-Quartier.


Piazza Santeramo: Der Platz, benannt nach der Partnerstadt von BĂźlach, ist als eleganter Stadtsalon konzipiert.


Editorial

Stadt neu bauen Duplex Architekten liessen für das Glasi-Fest 2018 vier Guckkastenmodelle bauen. Sie zeigen auf spielerische Art vier detailreiche Quartierleben-Bilder des zukünftigen Glasi-Quartiers. Modellbau: Gruber Forster, Zürich ; Innenleben: Elena Haller, Bruno Fischer, Claudia Tolusso Foto: Niklaus Spoerri

Inhalt

4 Wo, wenn nicht hier ? Starke Verdichtung in Bülach Nord: Das Bauprojekt auf dem Glasi-Areal setzt Bülach auf die Landkarte urbanen Wohnens.

8 Schräge Typen Wie Architekten mit einer spielerischen Herangehensweise und einem ungewöhnlichen Entwurfsprozess zu überzeugen vermochten.

16 Halber Preis, doppeltes Risiko Sechs Meilensteine für die drei Entwicklungspartner – mit einer klaren Rollenverteilung.

18 Vielerlei Stadt Der städtebauliche Studienauftrag hat gezeigt: Es gibt viele Arten, ein Stadtquartier neu zu erschaffen.

22 Digitales Neuland Die neue Planungsmethode BIM war für fast alle Beteiligten ein Sprung ins kalte Wasser – aber letztlich ein Erfolg.

Wer kennt es nicht, das grüne Einmachglas aus der Glashütte Bülach ? Meine Mutter zumindest hatte einige davon in der Küche, und auch unser Christbaum stand in einem Tropfenfuss aus grünem Glas, wie er von Bülach aus seinen Weg in unzählige Schweizer Haushalte fand. 2002 wurde die Produktion in der Glashütte nach 111 Jahren eingestellt. Die Schliessung stellte das Bülacher Selbstverständnis tiefgreifend infrage – über mehrere Generationen hatte die ‹ Glasi › die Stadt geprägt. Die Verlagerung der Produktion nach Osteuropa hinterliess eine 42 000 Quadratmeter grosse Industriebrache im Norden der Stadt. Nach dem ersten Schock konnten die Bülacher die schmerzhafte Wunde des Strukturwandels aber auch als Chance sehen. Auf einen Schlag wurde zentral gelegener Raum für Nachverdichtung frei. Schon bald initiierten sie deshalb den langen politischen und planerischen Prozess zur Umwandlung der Industrie- in eine Wohn- und Gewerbezone. 17 Jahre später wird mit dem Bau des neuen Stadtteils auf dem ehemaligen Glasi-Areal begonnen. Das vorliegende Themenheft erzählt die Geschichte der Planung des Glasi-Quartiers nach und skizziert Chancen, aber auch Risiken des neuen Stadtteils. Der Artikel ‹ Halber Preis, doppeltes Risiko › etwa erklärt, wie sich die drei ungleichen Entwicklungspartner für den Bau der rund 550 Wohnungen gefunden haben. ‹ Wo, wenn nicht hier ? › verortet Bülach als Regionalzentrum im Einzugsgebiet des Flughafens und der Stadt Zürich auf der raumplanerischen Karte. In ‹ Schräge Typen › erfährt man, warum die Architekten ihr Stück Stadt als Anlass für ein Entwurfsexperiment nahmen und weshalb die 21 Häuser alle unterschiedliche Fassaden haben. Der Artikel ‹ Vielerlei Stadt › zum städtebaulichen Studienauftrag aus dem Jahr 2013 fächert auf, welche Vorstellungen von Stadt die elf eingeladenen Architektenteams für das Areal entwickelten. Und wie planen Architekten und Fachplaner heute einen neuen Stadtteil ? Der Text ‹ Digitales Neuland › fasst die sieben Faktoren zusammen, welche die umfangreiche BIM-Planung der 21 Häuser zum Erfolg werden liessen. Begleitend kommentieren vier unabhängige Spezialisten den Masterplan, die Aussenraumgestaltung, die Sockelnutzungen sowie den Anschluss des Glasi-Quartiers an die Stadt Bülach. Die Bilder für dieses Heft hat der Fotograf Patrik Fuchs gemacht. Er hat dafür die vier Guckkastenmodelle der Architekten ins Studio geholt. Sein Blick auf die Werkzeuge des Architekturmachens gibt diesem Making-ofHeft das visuelle Fundament. Roderick Hönig

Impressum Verlag Hochparterre AG Adressen Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon 044 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag@hochparterre.ch, redaktion@hochparterre.ch Verleger und Chefredaktor Köbi Gantenbein Verlagsleiterin Susanne von Arx Konzept und Redaktion Roderick Hönig Fotografie Patrik Fuchs, www.patrikfuchs.com Art Direction Antje Reineck Layout Barbara Schrag Produktion Daniel Bernet, Linda Malzacher Korrektorat Dominik Süess, Elisabeth Sele Lithografie Team media, Gurtnellen Druck Stämpfli AG, Bern Herausgeber Hochparterre in Zusammenarbeit mit Steiner AG, Logis Suisse AG und Baugenossenschaft Glattal Zürich Bestellen shop.hochparterre.ch, Fr. 15.—, € 10.—

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Bülach auf einen Blick Glasi-Quartier Schützenmatte ( Gewerbe- und Logistikquartier ) Guss-Areal Spital Herti-Quartier / Bushof / Bahnhofplatz Altstadt Kantonsschule Perimeterleitbild Bülach Süd Kaserne Bahnhof 0

200

400 m

Bülach im Kanton Zürich

Wo, wenn nicht hier ? Das Bauprojekt auf dem Glasi-Areal setzt Bülach auf die Landkarte des urbanen Wohnens. Dafür gibt es gute planerische Gründe – man hat aus der Erfahrung gelernt. Text: Rahel Marti Plan: Duplex Architekten

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Es gab eine Zeit, da war Bülach bekannt bis in die Winkel des Landes – dank der legendären Einmachgläser aus der ‹ Glasi ›. 1891 waren die Öfen in der Bülacher Glashütte angefacht worden. 2002 wurden sie ausgelöscht und die einst grossen Unternehmen Glashütte und Bülachguss fast gleichzeitig stillgelegt siehe ‹ Flaschen für jeden Zweck ›, Seite 6. Die damalige Untergangsstimmung ist aber längst gewichen, und es ist gut möglich, dass die Stadt in den sanften Hügeln des Zürcher Unterlands dank der Glasi bald wieder von sich reden macht – dieses Mal punkto urbanes und dichtes Wohnen und Stadtumbau. Doch schön der Reihe nach. Wann beginnt Bülachs Geschichte ? Am Anfang, natürlich. Bloss, wann der genau war, wissen wir nicht. Ab dem 9. Jahrhundert gibt es Spuren. Zuerst herrschte das Kloster St. Gallen über den Ort, dann die Strassburger, dann die süddeutschen Freiherren

von Tengen, es wechselt jedes Jahrhundert. Ab 1384 aber gehört Bülach sich selbst: Stadtrecht ! Seither ist das städtische Selbstverständnis den Bülacherinnen eingepflanzt. Einmal Stadt, immer Stadt. Am Rand, aber dabei Eine Stadt braucht Infrastrukturen, und diese wachsen in Bülach fast von selbst. Obwohl es nicht zum Millionenzürich zählt, liegt es doch immer irgendwie richtig. Am 30. April 1865 raucht und faucht der erste Zug aus Oerlikon ein. Bülachs Lebensader in die Grossstadt ist gelegt. Später wird es zur Station an der Schnellzugstrecke Zürich – Schaffhausen – Stuttgart. Ab 1990 fährt die S-Bahn im Stundentakt, fünf Jahre später im Halbstundentakt direkt an den Zürcher Hauptbahnhof. Seit Ende 2018 unterstützt die S3 die S9 nach Bülach, sodass in den Hauptverkehrszeiten der Viertelstundentakt gilt. Und wenn 2035 die zweite S-Bahn-Generation in Betrieb gehen wird, zählt Bülach gerade noch zur « inneren S-Bahn », einer Schnellbahn mit weniger Haltestellen, die die Zürcher Agglomeration

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im Viertelstundentakt zusammenzurren wird. Diese Erschliessungsgunst entspricht dem Status als Zentrum des Zürcher Unterlands, den der Kanton Bülach schon in den ersten Regionalplänen der Fünfzigerjahre zugedacht hatte. Selbst eine Autobahn verläuft in Bülach vor der Haustür. Die kantonale A51, 1969 erbaut und soeben aufwendig saniert, hat mit Nord, West und Süd nicht weniger als drei Anschlüsse im Bereich Bülach und ist Umfahrung und Schnellzubringerin nach Zürich zugleich. 27 000 Autos verkehren hier pro Tag, am Gotthard sind es 17 000. Allerdings verläuft die Schaffhauserstrasse durch den Hardwald erst zweispurig, sodass der Verkehr manchmal bis Eglisau stockt. Doch der Ausbau ist bereits beschlossene Sache. Ab 2020 wird im Hardwald eine vierspurige Mini-Autobahn gebaut, mit einem Kreisel verflüssigt und mit der A50 Richtung Glattfelden verknüpft. Um die Ecke liegt zudem der Flughafen Zürich, der Bülach zu einem günstigen Standort für Betriebe rund um das Fluggeschäft und einem idealen Wohnort für Mitarbeitende macht. Die deutsche Hotelgruppe Niu, die im GlasiQuartier ein Hotel betreiben wird, wirbt schon heute mit dem Standort ‹ Zürich-Bülach ›. Aus der Distanz sieht man manche Dinge eben deutlicher. Der Wachstumsknick Eine anheimelnde Altstadt, ein Spital, eine Kantonsschule, eine Kaserne ( die vielleicht einmal umgenutzt werden kann ), ein Freibad: Es sind auch diese Zutaten, die Bülach zum regionalen Zentrum machen, das wächst und wächst. 1963 knackt die Stadt die 10 000-Einwohner-Grenze, dann geht es lange gemächlich geradeaus. Ab 2004 knickt die Kurve jäh nach oben. Jedes Jahr kommen bis zu 700 Menschen hinzu. Allein in den letzten zehn Jahren ist Bülach um ein Viertel gewachsen und hat heute knapp 20 000 Einwohner. Das macht die Stadt zur zehntgrössten im Kanton Zürich, etwa gleich gross wie Opfikon und Kloten. Der Bezirk Bülach ist mit knapp 150 000 Menschen der drittgrösste nach Zürich und Winterthur. Bülach Süd: Es wird gebaut, aber nicht Stadt Dieses Wachstum und das Selbstverständnis als Stadt schlagen sich in den vergangenen zwanzig Jahren zweimal in städtischen Erweiterungsplänen nieder. Zum ersten Mal 1999 im Leitbild Bülach Süd. Das 37 Hektar grosse Neubauquartier zwischen Bülach und Bachenbülach soll zum Stadtteil mit etwa 5000 Wohn- und Arbeitsplätzen werden, schrieb der Stadtrat im Leitbild. Der Stadtrat will eine « verantwortungsbewusste Siedlungsentwicklung » und führt einen städtebaulichen Wettbewerb durch. Das Leitbild vereint die beiden besten Entwürfe von Hans Zehnder, Glattbrugg, und Hesse + Schwarze + Partner mit Albers + Cerliani, Zürich. Es sieht je nach Mikrolage angepasste Wohntypologien vor, einen Quartierplatz mit Läden und als grüne Lunge in der Mitte den renaturierten Bach. Die Verfasser achten auf Platzbildung, differenzieren Verkehrsachsen für Autos, Velos und Fussgängerinnen. Der östliche Teil wird zur Wohnzone W3, der westliche bleibt Industriezone, die Mitte wird zur grossen Zentrumszone mit mindestens achtzig Prozent Gewerbefläche pro Gebäude. Das klingt nach überlegter Durchmischung, und auch sonst steht im damaligen Leitbild für den neuen Stadtteil vieles, was auch in einem heutigen stünde. Selbst ein Beirat wird eingesetzt, um die Umsetzung der Ideen zu begleiten und zu koordinieren. Das Leitbild Bülach Süd hat nur ein Problem: Es ist nur ein Leitbild. Die Stadt denkt damals, ein rechtlich verbindlicher Gestaltungsplan sei ein zu hartes Instrument, das Investoren vertreiben würde. Sie glaubt deshalb an das →

Wie das Glasi-Quartier an Bülach anbinden ? Die Frage ist hinsichtlich des Verkehrsanschlusses rhetorisch: Das Glasi-Quartier ist aufgrund seiner Lage am Bahnhof und an bestehenden städtischen und überkommunalen Strassen bereits gut angebunden. Mit einer arealübergreifenden schrittweisen Planung für das gesamte Gebiet Bülach Nord ist diese Ausgangslage optimal genutzt worden. Das Leitbild Bülach Nord wurde in die « Perspektiven der Stadtentwicklung » integriert und gestützt darauf eine Testplanung durchgeführt. Es wurde in Quartieren und ganzen Stadtteilen gedacht. Dieser Gesamtsicht ist es wohl zu verdanken, dass das Glasi-Quartier als eine grosse Begegnungszone geplant werden kann und dass mit der neuen Langsamverkehr-Passerelle über die Bahngleise ganze Stadtteile neue Verbindungen erhalten – und damit neue Anbindungen. Gute Anbindungen sind nicht nur Einbahnstrassen, sondern ermöglichen ein Hin und Her – und damit Austausch. Das Glasi-Quartier lädt zu einem arealinternen und auch zu einem quartierübergreifenden Austausch ein, und zwar mit seiner hohen Dichte, dem gewählten Nutzungsmix, dem hohen Anteil an gemeinnützigem Wohnungsbau und mit speziellen Nutzungen wie einem Wohnund Pflegezentrum und einem Hotel. Unter dem Aspekt des Austauschs muss es nicht schaden, dass im Areal kein Schulhaus und nicht einmal ein Kindergarten geplant ist. Besonders überzeugt mich, dass ein Wettbewerbsergebnis gewählt wurde, das weitgehend ohne halböffentliche beziehungsweise halbprivate Räume auskommt: Der Raum ist entweder privat oder öffentlich. Auf den Plätzen und in den Strassen ist Raum für alle und alles, was nicht im Privatbereich stattfindet. Das ist Stadt ! Mit dem planungsrechtlichen und städtebaulichen Rahmen sind wichtige Voraussetzungen zur Erreichung der Entwicklungsziele geschaffen. Eine Herausforderung wird sein, die ab 2021 zuziehenden Menschen in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben als Bülacher zu integrieren. Mit dem Glasi-Fest im September 2018 ist ein erster Schritt getan. Vielleicht bietet sich Gelegenheit, im Zuge der etappierten Bebauung weitere Vorläufernutzungen anzusiedeln, um den Standort auf die Alltags-Landkarte der Bülacher zu bringen ? Umgekehrt könnte die Einrichtung einer attraktiven Achse für Fussgänger und Velofahrerinnen von Bülach Nord über die Altstadt bis nach Bülach Süd dazu beitragen, dass die Glasi-Bevölkerung für Begegnung, Konsum und Freizeit nicht über den nahe gelegenen Bahnhof nach Kloten oder Zürich flüchtet, sondern von den vielfältigen Angeboten des bestehenden Regionalzentrums Bülach Gebrauch macht. Hansruedi Diggelmann ist Raumplaner, Jurist und Netzwerker. Er wohnt und arbeitet in Zürich und Danis GR.

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Flaschen für jeden Zweck Im Norden Bülachs wird 1891 die Glashütte gegründet. Sie liegt an den Bahngleisen, wo Quarzsand, Kalk und Soda direkt angeliefert werden können. Die Glasi Bülach produziert Hohlglas, also Behälter für Lebensmittel und Flüssigkeiten aller Art. « Flaschen für jeden Zweck », das verspricht die Werbung. Das grüne Einmachglas mit Metallbügelverschluss war in Schweizer Haushalten allgegenwärtig. 1944 setzt die Glasi 2,5 Millionen solcher Gläser ab, denn sie sind ideal,

um in Kriegszeiten Vorräte zu konservieren. 1917 wird die Glashütte Bülach von der Verrerie St-Prex aufgekauft, 1966 die Vetropack als zentrale Verkaufsund Managementgesellschaft gegründet. Obwohl die Vetropack die Anlagen in Bülach noch in den Neunzigerjahren auf den neusten Stand bringt, stellt sie den Betrieb nach 111 Jahren im Februar 2002 ein. Seither produziert Vetropack in St-Prex und an verschiedenen Standorten in Europa, in Bülach betreibt sie nur noch Verkaufsbüros.

Plakat für das berühmte Einmachglas aus Bülach. Gestaltung: Peter Birkhäuser, 1934. Bild: ZHdK / Museum für Gestaltung Zürich / Plakatsammlung

→ Leitbild als goldenen Mittelweg: nichts vorschreiben und doch etwas auf dem Tisch, um in Gesprächen mit Bauwilligen Qualität einzufordern. Doch der Wachstumsschub überwalzt das Wohlwollen. Die Erschliessung mit eigenem Autobahnanschluss und die ausladende Zentrumszone ziehen Projekte für Einkaufszentren, Fachmärkte und klobige Gewerbehäuser geradezu magnetisch an. Städtebau interessiert kaum jemanden, wieso auch, es gibt ja keine Verpflichtung. Die Stadt versucht, die Projekte gestalterisch zu verbessern, doch sind sie zonenkonform, muss man sie irgendwann bewilligen. Sorgfalt für den Quartierplatz erübrigt sich, es sind ja alle mit dem Auto unterwegs. Auch im Wohngebiet genügt der investorische Minimalismus, der Mehrfamilienhäuser monoton nebeneinander in die Wiesen stempelt. Es wird gebaut, aber nicht Stadt. Der Bauschub ist so rasant, dass zeitweise ein Verkehrschaos droht und der Stadtrat 2005 schliesslich mit einer Planungszone, faktisch einem Baustopp, die Notbremse zieht. Bülach Nord: Umgekehrte Vorzeichen Mit Bülach Nord wird der zweite neue Stadtteil in zwanzig Jahren realisiert. Genauer: ein Stadtumbau auf Industrie- und Gewerbebrachen. Dass gut gedachte Pläne aufgehen, ist natürlich nicht garantiert. Doch die Stadt hat Lehren gezogen, der planerische Zeitgeist weht strenger, der Gestaltungsplan ist inzwischen als Planungsinstrument akzeptiert, um Qualität verbindlich einzufordern. Die Planung beginnt auch hier mit einem Leitbild, das 2004 Stärken, Schwächen und Entwicklungsmöglichkeiten für Bülach Nord herausarbeitet. 2010 folgt die städtebauliche Testplanung für die Areale Glasi, Bülachguss, SBB und Herti, darauf aufbauend 2016 der Gestaltungsplan. Die Industriezone von Glasi und Bülachguss soll zur Mischzone für Wohnen, Gewerbe, Dienstleistungen, Hotels, Freizeit und Kultur werden. Die Testplanung bescheinigt Bülach Nord die Eignung fürs Wohnen. Denn im Unterschied zu Bülach Süd und der Jahrtausendwende sind die Vorzeichen umgekehrt: Wegen der steigenden Einwohnerzahlen wollen Investoren nun achtzig Prozent Wohnungen bauen statt achtzig Prozent Gewerbe. Einkaufsflächen sind auf tausend Quadratmeter pro Einheit begrenzt, man will keine Grossmärkte mit Verkehrschaos mehr. Auf dem Bülachguss-Areal sind die 490 Wohnungen 2019 fertig. Die bauliche Dichte hat zwar städtisches Mass, doch

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der reinen Wohnnutzung, den massigen Blöcken mit den monotonen Fassaden fehlen städtische Abwechslung und öffentlicher Charakter. Stadt ist anders. Die Erdgeschosse sind bewohnt, die Mischnutzung konzentriert sich auf den denkmalgeschützten, sanierten Industriebau an der Schaffhauserstrasse und das Areal Guss 39, das der Stadt gehört und wo diese eigene Bedürfnisse unterbringen können wird. Glück im Unglück Bleibt für den Städtebau das Glasi-Areal der drei Entwicklungspartner Steiner, Logis Suisse und Baugenossenschaft Glattal Zürich siehe Seite 17. Der Wohnanteil liegt zwar auch hier bei achtzig und der Gewerbeanteil bei zwanzig Prozent. Doch in die Sockelgeschosse sollen Gewerbeund Allmendnutzungen kommen. Es wird einen langen Atem brauchen, um für alle Flächen Mieter und ein Publikum zu finden. Der hohe Anspruch an Durchmischung und Durchdringung mit Öffentlichkeit ist aber richtig – nicht nur wegen des nahe gelegenen Bahnhofs. Die Reurbanisierung bringt die Menschen zurück in die Städte. Die Raumplanung verlangt inzwischen verbindlich die Siedlungsentwicklung im Bestand. Bülach zählt zu den urbanen Gebieten im Kanton Zürich, die den grössten Teil des Bevölkerungswachstums schlucken sollen. Der regionale Richtplan sieht für Bülach Nord eine starke Verdichtung vor. Diesem Ziel kommt der Flughafen ein Stück weit in die Quere. Bülach liegt zwar in keiner Anflugschneise, aber im Knickpunkt der startenden Flugzeuge, die nach Osten abbiegen. Im Westen der Stadt verbieten die Lärmgrenzwerte heute, Wohnungen zu bauen ; bestehende Bauzonen und Reserven können darum nicht oder nur beschränkt ausgebaut werden. Dagegen liegen die Industrie- und Gewerbebrachen in Bülach Nord knapp ausserhalb der Grenzwerte. Dem Bau von Wohnungen steht hier nichts im Weg. Städte zu verdichten und weiterzuentwickeln ist das Gebot der Stunde. Mit Blick auf Bülachs Stadtgeschichte und seine regionale Bedeutung stellt sich die Frage: Wo im Zürcher Unterland, wenn nicht hier ? So katastrophal die gleichzeitige Aufgabe der Fabrikareale Glasi und Bülachguss einst war, die Stadt Bülach hatte damit Glück im Unglück: Die Industriebrachen kamen zur richtigen Zeit, und sie liegen am richtigen Ort.

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Wer vom Bahnhof her kommt, betritt das Quartier über den Glasi-Platz, wo sich Menschen auf dem Markt oder beim Open-Air-Theater treffen.

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e äg S pe c h n r Ty Zweite Phase: Die Teams entwerfen die Wohnungen an den Rändern.

Dritte Phase: Die Teams entwerfen die Wohnungen an den Strassen.

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Erste Phase: Vier Teams entwerfen die Wohnungen um je einen Platz herum.

Bevor sie die 21 Häuser des Glasi-Quartiers entwarfen, erfanden die Architekten von Duplex den Entwurfsprozess dafür. Ihr Prinzip: Der Stadtraum kommt vor dem Objekt. Text: Axel Simon Skizzen, Pläne und Visualisierungen: Duplex Architekten

Der sakralste Büroraum Zürichs steht an der Forchstrasse. Während sich unten die Autos Richtung Oberland zwängen, blicken unter hohem Dach und farbigen Rundfenstern 30 Architektinnen und Architekten auf ihre Bildschirme. Vor hundert Jahren hatte der Verband Christlicher Pfadfinder dieses Haus gebaut, heute residieren hier Duplex Architekten. Hoch oben im Büro-Schiff hängen grosse Porträts der Bürogründer Dan Schürch und Anne Kaestle. Jedes Jahr lassen sie sich von einem Fotografen inszenieren, mal mit Dauerwellenmähne und Pomadenfrisur am Schreibtisch, mal lasziv im Auto. Ihr ungeniertes Rollenspiel fällt auf in der oftmals stieren Schweizer Architektenszene. Auch die Heiterkeit, die sie ausstrahlen. Wir wollen spielen ! Doch Achtung: Ihr Anspruch an die Architektur ist nicht minder hoch als derjenige des Büros Meili Peter, wo beide lange gearbeitet haben. Die verchromte Espressomaschine, mit der Dan Schürch gerade kämpft, war ihr Abschiedsgeschenk in die Selbstständigkeit. Elf Jahre ist sie nun alt und beginnt langsam zu schwächeln. Mit Duplex verhält es sich umgekehrt: Sie starteten klein, mit einem Einfamilienhaus und einer Fabrikhalle. Mit dem Hunziker-Areal für die Super-Genossenschaft ‹ Mehr als Wohnen › in Zürich Nord wurden sie gross. Nun steht das Glasi-Quartier für einen weiteren Massstabssprung. Mit der Tasse in der Hand nimmt der Architekt die Treppe zur Kirchenempore, wo der Sitzungstisch steht. Richtige Stadträume In der Schlusspräsentation des Wettbewerbs um das Vetropack-Areal, wie es damals noch hiess, stand auf der ersten Powerpointfolie: « Die Agglo-Falle: Siedlung oder Stadt ? » Als Weg aus derselben zeigten die Architekten starke Stadtstrukturen: Manhattan, Barcelona, Rom. Richtige Stadträume, das waren die Vorbilder. Dicht, wie die Altstadt von Bülach. Die ersten Pläne erinnern an einen Linolschnitt: Kreuz und quer durchfurchen weisse Linien das Schwarz, teilen es in schräg zugeschnittene, schwarze Inseln – weiss die Strassen, schwarz die Gebäude. War eine dieser Inseln zu klein für ein Gebäude, schnitzte man auch sie weg. So entstanden vier Platzräume, die im hierarchielosen Gewebe für Orientierung sorgen.

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« Das ist kein Quartier, sondern ein Stück Stadt », sagt Dan Schürch und zeigt auf das grosse Modell auf der Empore. Seine Rhetorik und die unregelmässigen Baukörper erinnerten nicht zufällig an das Hunziker-Areal: Zur Zeit der Präsentation in Bülach waren die 13 Häuser in Zürich Nord noch im Rohbau. « Quartier statt Siedlung » hatte Duplex zusammen mit den Co-Entwerferinnen von Futurafrosch damals gefordert. Und dann daran mitgebaut. « Das Hunziker-Areal war mustergültig. » Als Beispiele nennt der Architekt die Nutzungsmischung oder die Dichte mit nur zehn Meter schmalen Gassen. Was er heute hinterfragt: dass fünf verschiedene Architektenteams die 13 Häuser entwarfen. Den « Dialog der Häuser », den sie anstrebten, lösten sie zu wenig ein, trotz Gestaltungsregeln und Entwurfsworkshops. Manche der Häuser reden mehr mit sich selbst als mit den Nachbarn.

um ganze Häuser. Man löste das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Fassaden, widmete sich technischen Fragen und machte aus den immer wieder weitergereichten Entwürfen ein Ganzes. Verputzte Glasfassaden Kann man so entwerfen ? Häuser, die auf einer Seite völlig anders aussehen als auf der anderen ? Klingt eher nach Disput als nach Dialog, Kollision statt Kollektion. « Ja, genau ! » Der Architekt strahlt. Es habe spannende Zusammenstösse gegeben. « Was in unserer geliebten gewachsenen Stadt an jeder Ecke vorkommt. » Wichtig sei, dass der Impuls von gegenüber komme. Dass ein Haus nicht nur mit sich selbst beschäftigt sei. Sie seien neugierig gewesen: Was macht das mit dem Ganzen ? Aussen und innen. Die Reibung zwischen den selbst auferlegten Entwurfsregeln und den gesetzlichen Bestimmungen, zum Beispiel beim Lärmschutz, hat manche Grundrisse regelrecht verformt. Auf solch ungewöhnliche ( und wohnliche ) Wohnungen wäre man wohl kaum einfach so gekommen. In einer letzten Entwurfsphase schliesslich fasste Duplex die nun zwanzig Häuser noch stärker zusammen – das Hochhaus war als einzige nachträgliche Ausnahme aufgrund der besonderen typologischen Anforderungen über einen Wettbewerb an das Büro Wild Bär Heule gegangen, der Aussenraum schon vorher von Vogt Landschaftsarchitekten an das Studio Vulkan. Jedes Haus erhielt einen Betonsockel, dessen Farbe und Oberfläche nur leicht variiert, und das gleiche Mansarddach, um die gefühlte Dichte zu entschärfen. Mit der Immobilienentwicklerin Steiner vereinbarten die Architekten einen Katalog von Bauelementen: acht Fenstertypen, vier Geländertypen, vier Sonnenschutztypen, zum Klappen, Rollen oder Raffen, aus Holz, Stoff oder Metall. Die Dämmung der Kompaktfassaden ist immerhin mineralisch, den farbigen Putz darauf bringen eingestreute Glassplitter zum Schimmern – eine Hommage an die Einmachgläser, die hier einst hergestellt wurden.

Spielerische Herangehensweise In Bülach wollten die drei Entwicklungspartner das Areal zuerst in einzelne Baufelder teilen, die nach Projektwettbewerben von verschiedenen Architekten geplant werden sollten. Schliesslich einigten sie sich darauf, dass Duplex alle Häuser entwerfen darf, wenn es aufzeigen kann, dass die Vielfalt des Stadtquartiers damit nicht gefährdet wird. Das Glasi-Quartier ist ganz klar das kommerziellere Projekt als das Hunziker-Areal: 21 statt 13 Häuser. Eine Dichte von 2,3 statt 1,4. Und kein hundertjähriges Genossenschaftsjubiläum als Anlass für ein Leuchtturmprojekt. Kann man mit weniger noch mehr machen ? Die Architekten nahmen die Herausforderung an und kehrten den üblichen Entwurfsprozess um. Sie begannen zu spielen. Und überzeugten damit die Entwicklungspartner. Nicht die einzelnen Häuser betrachten sie als Einheit, sondern die Aussenräume dazwischen. Die Fassaden rund um einen Platz oder an einer Strasse sollen einen Dialog führen, ein Ensemble bilden – an den einzelnen Baukörpern mischen sie sich jedoch mit andersartigen. Nicht Unikate oder Uniformen sorgen für Vielfalt, sondern eine « Kollektion von Gebäuden », Zitat Duplex. So weit logisch: Intellektuelle Handwerker Mit der Vielfalt der Häuser gelang es Duplex, die EntMode wird von einem einzigen Schöpfer entworfen. Aber geht das auch in der Architektur ? Kann ein Architektur- wicklungspartner zu überzeugen. Aufgrund der Auftragsbüro ein Ensemble aus 21 Häusern zeichnen ? grösse verstärkten diese die Architekten mit dem ausführungserfahrenen Büro IttenBrechbühl. Statt allerdings die Innere Teambildung Häuser auf die beiden Büros aufzuteilen ( Dan Schürch: Jein, fand Duplex. Und bildete vier Teams: zwei im « Das hätte den Entwurf kaputtgemacht » ), wählte die BauBüro an der Forchstrasse und je eines in Hamburg und herrschaft für die Ausführungsplanung eine SchnittstelDüsseldorf, wo die Architekten kleine Satellitenbüros be- le, die sonst eher bei komplexeren Bauaufgaben gewählt treiben. Die Teams entwarfen unabhängig voneinander. wird: Die Konstruktion der Hülle und der Treppenhäuser Allerdings schauten die beiden Chefs dabei jedem Team blieb in der Verantwortung von Duplex, das Innenleben über die Schulter und griffen auch mal ein, wenn es sich der Wohnungen ging an IttenBrechbühl – die Arbeit an zu weit von den anderen entfernte. Er habe sich ins Studi- einem gemeinsamen digitalen Gebäudemodell machte um zurückversetzt gefühlt, sagt Dan Schürch lachend. es möglich siehe Seite 22. Zu Beginn planten sie ihr Entwerfen. Es gab vier PhaBereits gab es erste Sparrunden, um die Kostenziele sen. Phase 1: Jedes Team bekam einen der Plätze zugewie- und damit die angestrebten preisgünstigen Mieten erreisen und entwarf alle angrenzenden Wohnungen mitsamt chen zu können. Das Gewächshaus als Ausgang der TiefFassade. So bekam jeder der Aussenräume eine starke garage etwa fiel dem Rotstift genauso zum Opfer wie der Identität, zum Beispiel derjenige mit horizontalen, weis- Betonsockel, den es nur noch an den Plätzen und Gassen sen Fassaden, Arbeitstitel: ‹ Tel Aviv ›. In Phase 2 wech- geben wird. Die Vielfalt des Sonnenschutzes konnten selten alle Teams den Ort und entwarfen einen Teil der die Architekten aber retten. « Wir wollen intellektuelle Wohnungen an den Rändern des Areals. Dort kam zum Handwerker bleiben », so Schürch – ein Begriff, den der Beispiel die lange Front zur Bahnstrecke dazu, die mit ih- Architekt von seinen Lehrmeistern vom Architekturbüro rer Wellenform fünf Häuser zusammenfasst – als Reaktion Meili Peter mitgenommen hat. Duplex’ Verlagerung der auf Lärm und Weite. In der dritten Phase galt es, die Woh- Aufmerksamkeit vom architektonischen Objekt auf den nungen entlang einer Strassenachse zu planen. Nun ge- Stadtraum stösst auf internationales Interesse. Nach dem rieten die Teams aneinander: Wessen Fassadengestaltung Hunziker-Areal und dem Glasi-Quartier plant das Zürcher hatte bei diesem oder jenem Haus Priorität ? Die der Gas- Büro bereits ein drittes Projekt mit diesem Thema. Das se oder die des angrenzenden Platzes ? Die vierte Phase städtebauliche Regelwerk für 3600 Wohnungen in Berlin nennt Schürch die « Aufräumphase ». Dort ging es erstmals ist sechsmal grösser als das Areal in Bülach.

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Aussenraum und Erdgeschossnutzungen 1 Gewerbehaus 2 Ahornhof 3 Henri-Cornaz-Platz 4 Hochhaus Jade 5 Piazza Santeramo 6 Wohn- und Pflegezentrum 7 Glasi-Platz 8 Hotel Wohnen Gemeinschaftsräume Kita Gastronomie Gewerbe Erschliessung Nebenräume

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Das Glasi-Quartier ist ein Beispiel dafür, wie Urbanität städtebaulich geplant wird, ohne dass wichtige Voraussetzungen für ein städtisches Quartier gegeben sind. Denn Urbanität – und damit eine Nachfrage nach leistungsstarken Strassen, Plätzen, Detailhandels- und Gastronomieangeboten – entsteht dort, wo eine starke funktionale Durchmischung von Wohnen und Arbeiten besteht, wo hohe Frequenzen durch den öffentlichen Verkehr generiert werden und wo Einkaufs- oder Freizeithäuser Menschen aus Stadt und Region anlocken. Das Glasi-Quartier wird dereinst wohl eine Personendichte aufweisen, die mit dem Kreis 5 in Zürich vergleichbar ist. Die Mischung aus achtzig Prozent Wohnen und zwanzig Prozent Arbeiten entspricht allerdings eher dem Gartenstadtquartier Schwamendingen. Aufgrund seiner Lage zwischen Schienen, Strasse und Industriegebiet übernimmt das Quartier keine Scharnierfunktion in das Wohngebiet. Einzig entlang der Schaffhauserstrasse, der Schnittstelle zum Bülachguss-Areal, werden – unterstützt durch die geplante Passerelle – die Fussgängerfrequenzen hoch genug sein, dass eine Bäckerei oder ein Blumenladen sich halten können. Wer sich im Innern des Areals niederlässt, wird von der Frequenz im Areal leben müssen. Interessant ist das Quartier deshalb für stilles Gewerbe, das nicht auf Laufkundschaft angewiesen ist: etwa Grafikerinnen, Steuerberater oder Physiotherapeutinnen mit etabliertem Kundenstamm, der sich über die bahnhofsnahe Lage freut. Solche Angebote werden die Strassen und Erdgeschosse aber nicht mit Leben füllen. Helfen könnten bespielte Schaufenster: Ausstellungsflächen sind begehrt, und bekannte und weniger bekannte Labels könnten ein eingerichtetes Fenster mieten. Flächen könnten als Popups beispielsweise an Wanderköche oder Möbelgeschäfte vermietet werden. Allerdings müssten diese Anbieter entweder mit viel Herzblut ihre Kundschaft mitbringen oder genügend Werbebudget haben, um eine Ladenfläche auf Zeit ohne Anspruch auf Wirtschaftlichkeit zu mieten. Die geplanten Allmendräume schaffen zwar Treffpunkte für die Arealbewohner, tragen aber nicht zu zusätzlicher Frequenz bei. Kurz: Die vielen Fassaden, Strassen und Plätze sind hinsichtlich Belebung eine Herausforderung, und das in der Agglomeration stark nachgefragte Wohnen im Grünen wird hier nicht erfüllt. Der hohe Wohnanteil trifft dennoch auf eine Nachfrage. Das Glasi-Quartier wird ein Segment ansprechen, das eine hohe Priorität bei preisgünstigem, bahnhofsnahem oder nachbarschaftsorientiertem Wohnen setzt und dafür das urbane Kulissenwohnen in Kauf nimmt. Die Soziologin Joëlle Zimmerli führt das Planungsbüro Zimraum Raum + Gesellschaft in Zürich, das sich insbesondere mit Wohnen, städtischer Verdichtung und der Nutzung von öffentlichen Räumen beschäftigt.

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Patiohaus E für Singles und Wohngemeinschaften Architektur: Duplex, Zürich Bauherrschaft: Logis Suisse, Baden Studios, Kleinwohnungen und grosse Wohnungen mit geräumiger Wohnküche für Wohngemeinschaften mit zwei bis vier Personen sind um eine gemeinsame Mitte gruppiert. Der grosszügige Patio ist auch das Treppenhaus. Aus den Küchen blickt man in einen von oben hell erleuchteten Begegnungsraum.

Der Patio ist auch Treppenhaus.

Patiohaus E

Regelgeschoss

Wohnhaus G am Ahornhof Architektur: Duplex, Zürich Bauherrschaft: Baugenossenschaft Glattal Zürich, Zürich Die Wohn- und Esszimmer umschliessen L-förmig die Eckloggien des Gebäudes. Die 2-, 3½- und 4½-Zimmer-Wohnungen des Hauses G sollen von Familien und Paaren bewohnt werden. Im Erdgeschoss öffnet sich ein Gemeinschaftsraum auf den grünen Ahornhof. Auch die Bewohnerinnen der umliegenden Häuser dürfen ihn nutzen. Daneben zieht ein Laden ein.

Treppenhaus

Haus G am Ahornhof.

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Regelgeschoss

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Wohnen und Arbeiten im Haus D Architektur: Duplex, Zürich Bauherrschaft: Baugenossenschaft Glattal Zürich, Zürich Eine schöne Aussicht hat man aus den 3½-Zimmer-Maisonette-Wohnungen mit Balkon oder den kleineren Maisonettes für Einzelpersonen. Alle haben Zugang zum Gemeinschaftsatrium. Mit dreizehn 4½-Zimmer-Wohnungen ist das Haus D aber auch ein Familienhaus. Auf jedem Geschoss sorgt ein Büro mit mehreren Räumen für eine gute Durchmischung.

Haus D zur Bahn.

Treppenhaus Dachgeschoss. Regelgeschoss

Lobby. Visualisierung: Nightnurse Images

Hochhaus Jade Architektur: Wild Bär Heule, Zürich Bauherrschaft: Steiner, Zürich Mit sechzig Metern Höhe erhebt sich das Hochhaus am nördlichen Rand des ansonsten einheitlich hohen Quartiers. Es ist seine Landmarke. Die massiven, vorfabrizierten Betonelemente des Fassadenkleids übersetzen das Bild eines Gewebes und verleihen dem Wohnturm doch Gewicht. Die 18 Geschosse sind als Vier- oder Fünfspänner organisiert, die 75 Eigentumswohnungen haben 2½ bis 5½ Zimmer und teilweise doppelstöckige Raumteile. Ihre nach Süden gerichteten Loggien belegen die vier stumpfwinkligen Ecken des Hochhauses.

Regelgeschoss

0

5

10 m

Hochhaus J: Landmarke des Glasi-Quartiers. Visualisierung: Nightnurse Images Themenheft von Hochparterre, März 2019 — Stadt in der Hauptrolle — Schräge Typen

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Haus P: Altersresidenz Architektur: Duplex, Zürich Bauherrschaft: Steiner, Zürich Die Schweizer Tertianum-Gruppe betreibt in den fünf Obergeschossen Alterswohnungen. Alle richten sich auf die ruhige Seite zur Piazza Santeramo. Im Erdgeschoss sorgt ein Bistro für Öffentlichkeit. Ein weitläufiger Treppenraum entlang der Fassade bildet den Rücken zur verkehrsreichen Schaffhauserstrasse.

Altersresidenz

Regelgeschoss

0

5

10 m

Treppenraum

Regelgeschoss

Haus M

Haus M: Stöckli am Glasi-Platz Architektur: Duplex, Zürich Bauherrschaft: Logis Suisse, Baden Sowohl die Kleinwohnungen als auch die Clusterwohnung im Dachgeschoss sind auf ältere Bewohner ausgerichtet. Diese können auch den Allmendraum und die Dachterrasse nutzen. Weitere Einrichtungen im Haus stehen allen Quartierbewohnerinnen offen: Zwei unterschiedlich grosse Gemeinschaftsräume mit halböffentlichem Aussenraum dienen als Fest- oder Sitzungslokalität. Die Rezeption im Erdgeschoss ist Anlaufstelle des gesamten Glasi-Quartiers. Hier können Studios, Zusatz- und Gästezimmer gemietet oder kurzzeitig genutzt werden. Treppenhaus

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Themenheft von Hochparterre, März 2019 — Stadt in der Hauptrolle — Schräge Typen


Glasi-Areal, 2023 Schützenmattstrasse / Schaffhauserstrasse, Bülach ZH Entwicklungspartner: Steiner, Zürich ; Logis Suisse, Baden ; Baugenossenschaft Glattal Zürich Entwicklungsbegleitung: Wohnbaugenossenschaften Schweiz, Regionalverband Zürich Städtebau und Architektur: Duplex, Zürich Bauprojekt- und Ausführungsplanung: Planergemeinschaft Duplex, Zürich, und IttenBrechbühl, Bern Architektur Hochhaus Jade: Wild Bär Heule, Zürich

Landschaftsarchitektur: Studio Vulkan, Zürich Totalunternehmer: Steiner, Zürich Bauingenieure: K2S, Wallisellen ; Henauer Gugler, Zürich Gebäudetechnik: Gruner Gruneko, Basel Elektroingenieure: HKG, Schlieren ; HHM, Zürich Bauphysik: Kopitsis, Wohlen Brandschutz: Proteq, Schaffhausen Sicherheitsplanung: HKG Consulting, Aarau Altlasten: CSD, Zürich Verkehrsplanung: IBV Hüsler, Zürich Geologie und Entwässerung: Dr. Heinrich Häckli, Zürich

Umweltverträglichkeit: Emch + Berger, Bern Werkleitungen: Gossweiler, Dübendorf Betonspezialist: DGR, Rebstein Hotelspezialist: Red KG, Wängi Auftragsart: Städtebaulicher Studienauftrag, 2013 Anlagekosten ( BKP 1 – 9 ): Fr. 400 Mio.

Wie viel Grün für urbane Dichte ?

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0 Aussenräume und Bepflanzung Landschaftsarchitektur: Studio Vulkan, Zürich 1 Glasi-Platz 2 Piazza Santeramo 3 Henri-Cornaz-Platz 4 Ahornhof Die Strassen zwischen den Häusern bilden das Gewebe des Quartiers. Rechtlich sind sie Begegnungszonen mit Tempo 20. Anliefern ist erlaubt, grundsätzlich fahren Autos jedoch an den beiden Eingängen zum Areal direkt in die Tiefgarage, und der Aussenraum ist den Fussgängerinnen und Velofahrern vorbehalten. Vier Plätze schaffen Orientierung. Jeder hat ein eigenes Gesicht, alle machen Begegnungen möglich und laden zum Spielen und Verweilen ein: der gepflasterte und von Bäumen gesäumte GlasiPlatz, den zuerst betritt, wer vom Bahnhof her kommt. Die Piazza Santeramo, benannt nach der süditalienischen Partnerstadt von Bülach, ist ein eleganter Stadtsalon zu Füssen des Wohnhochhauses. Der Henri-Cornaz-Platz, terrassiert und baumbestanden, erinnert an den

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100 m

langjährigen Besitzer der Glashütte Bülach. An diesem Platz liegen Gemeinschaftsräume und eine Kinderkrippe. Der Ahornhof ist Spiel- und Liegewiese, Ort der Zusammenkunft und grüne Oase. Bewohnerinnen und Nutzer bestimmen den Gebrauch der unterschiedlich breiten Vorzonen vor den Gebäuden. Sie dienen als Schnittstellen zwischen den privaten und den öffentlichen Räumen und können flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen. Die öffentlichen und gemeinschaftlich genutzten Räume im Innern der Häuser richten sich zumeist auf die Quartierplätze, während die Hauseingänge an den Gassenräumen liegen. Ein gemeinsames Betriebskonzept der Wohngesellschaft Logis Suisse und der Baugenossenschaft Glattal Zürich definiert die Nutzungen der Erdgeschossräume, die wiederum die Gestaltung der Plätze bestimmt. Für das ganze Quartier gilt: Zum städtischen Flair gehört auch lebendiges Grün. An mehreren Stellen gibt es Wiesenflächen, Bäume und Sträucher. Entlang der Gleise verläuft ein neu angelegter Weg mit Bäumen und wildwachsenden Pflanzen.

Keine Frage, hier entsteht ein richtungsweisendes neues Stück Stadt, doch ist es auch ein zukunftsweisendes Projekt, das sich den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen in der Landschaftsarchitektur stellt ? Ein Ja, wenn wir das Glasi-Quartier aus der städtebaulichen Dichte debatte heraus betrachten, denn hier wird es dicht, und die Ansprüche an den Freiraum sind hoch: Er soll Vernetzung, soziale Interaktion, Zugehörigkeit, Austausch, Schutz, Rückzug, Geborgenheit, Sicherheit, Entspannung, Ruhe, Spiel und Erholung bieten, möglichst grün, aber städtisch. Ausserdem sollen es die Räume erlauben, eine sinnstiftende und erlebnisreiche Beziehung zum Ort herzustellen. Dieser sozialräumlichen Herausforderung stellen sich die Landschaftsarchitekten, indem sie der Dichte mit einer vielfältigen und ausdifferenzierten Pflanzen- und Materialwahl begegnen. Sie gestalten gut proportionierte Freiräume unterschiedlichster Art, die eine atmosphärische Vielschichtigkeit erlebbar machen. Trotz klar ausformulierter Flächen und deren Nutzungen bleibt Raum für Mitwirkung, Spontanes und Unvorhergesehenes. Die Gestaltung lehnt sich damit wohltuend auf gegen eine Konvention aus Asphalt und Reduktion, die oft schlicht langweilige Leere produziert. Wenig zukunftsweisend ist das Projekt allerdings, wenn es sich einer weiteren Herausforderung stellen wollte, die nicht nur als moralisch-ethische Motivation, sondern als pragmatische Notwendigkeit für die Gestaltung unserer Städte gesehen werden muss: der des Klimawandels. Warum wurde keine intensivere Dach- und Fassadenbegrünung zur Wasserspeicherung und Kühlung der Gebäude und Strassenräume angestrebt ? Warum kein integriertes Regenwassermanagement mit offenen Wasserläufen, um die üppige Vegetation im Sommer zu versorgen, das Quartier durch Verdunstung zu kühlen und Wasser erlebbar zu machen ? Hier blieb der Mut aus. Eine zusätzliche Anreicherung des Glasi-Quartiers aus bioklimatischer Sicht hätte der Diskussion, wie grün urbane Dichte sein soll, neuen Antrieb gegeben. Für unser Klima kann Dichte jedenfalls nicht grün genug sein. Anke Domschky ist Landschaftsarchitektin und Stadtanalytikerin. Als Dozentin lehrt und forscht sie an den Schnittstellen von Landschaft und Stadt am Institut Urban Landscape des Departements Architektur der ZHAW in Winterthur.

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Halber Preis, doppeltes Risiko Ausserhalb der Stadtzentren kosten Industriebrachen weniger, die Risiken bei der Entwicklung sind dafür höher. Sechs Meilensteine auf dem Weg zum Glasi-Quartier. Text: Roderick Hönig

Als 2002 die Nachfolgefirma der Glashütte Bülach, die Vetropack AG, die Produktion auf ihrem 42 000 Quadratmeter grossen Areal einstellte, wurden – gleichzeitig mit der Bülachguss auf der anderen Strassenseite – auf einen Schlag rund 90 000 Quadratmeter Industrieland direkt beim Bahnhof Bülach frei. Nachdem Behörden und Bewohner sich vom ersten Schock erholt hatten, malte die Zukunftskonferenz, die Bülach noch im selben Jahr anberaumte, als ersten Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen Stadtteil in Bülach Nord Morgenröte an den dunklen Horizont: Die zentrale Lage und die hervorragende Verkehrserschliessung der Industriebrachen erlaubten es, von mehr zu träumen als einer Umnutzung in ein reines Wohnquartier. So setzte der Stadtrat sich zum Ziel, dass in Bülach Nord innert einer Generation ein neuer, dichter und gemischt genutzter Stadtteil für rund 2000 neue Einwohner entstehen sollte. Klare Rollenverteilung Der zweite Meilenstein war die Testplanung Bülach Nord. Sie erbrachte 2010 den Beweis, dass die Umwandlung der Planungsvorgaben auch städtebaulich gelingen kann, und bildete die Grundlage für den dritten Meilenstein: den öffentlichen Gestaltungsplan, 2011 bis 2014 erarbeitet vom Zürcher Planungsbüro Suter von Känel Wild. Der Plan forderte für das Glasi-Areal explizit eine hohe Bebauungsdichte, siebzig Prozent Wohnen und einen Gewerbeanteil von dreissig Prozent, der später auf zwanzig Prozent gesenkt wurde. Vom Wohnanteil sollten mindestens 15 Prozent preisgünstig sein, schrieb der Stadtrat zudem in das Dokument. Mit der geforderten Nutzungsmischung wollte Bülach gewährleisten, dass kein reines Schlaf-, sondern ein « lebensfähiges » Quartier entsteht, wie es die Vision zum Glasi-Quartier formuliert. Der eingeschriebene Anteil an preisgünstigen Wohnungen hatte zur Folge, dass die Immobilienentwicklerin Steiner, die schon lange ein Auge auf das Areal geworfen hatte, bald beim Zürcher Regionalverband der Wohnbau-

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genossenschaften Schweiz anklopfte. Die Anfrage landete bei Andreas Wirz. Der Architekt ist im Verbandsvorstand für Immobilienentwicklung und Akquisition zuständig. « Könnte man allenfalls auch mehr als den geforderten Anteil an gemeinnützigen Wohnungen bauen ? », war Wirz’ erste Frage, dann käme man ins Gespräch. Man könnte, so Steiner. Das Interesse, das Wirz in einer ersten Runde bei seinen vornehmlich in Zürich aktiven Mitgliedern abfragte, war allerdings verhalten: Bülach ? 42 000 Quadratmeter ? Dreissig Prozent Gewerbe ? Ein noch unbewilligter Gestaltungsplan ? « Die meisten hatten Respekt vor der Grösse des Areals und schätzten auch die Entwicklungsrisiken als hoch ein », so der Architekt. Doch Wirz liess nicht locker und konkretisierte die Idee mit Steiner. Sie skizzierten ein Geschäftsmodell mit klarer Rollenverteilung: Steiner sollte das Gesamtprojekt entwickeln, den Bau als Totalunternehmerin realisieren und die Verantwortung für die Gewerbeflächen übernehmen, während die gemeinnützigen Bauträger das Land kaufen und die 400 Mietwohnungen bauen sollten. Weil Steiner aufgrund der Lex Koller als ausländisches Unternehmen in der Schweiz keinen Boden kaufen darf, müssen dies Entwicklungspartner übernehmen. Würde man sich handelseinig und das Projekt realisiert, würden die gemeinnützigen Bauträger das von Steiner entwickelte und bebaute Gewerbeland einem Investor weiterverkaufen. Mit dem Glasi-Quartier auf Roadshow In einem zweiten Schritt einigten die ungleichen Partner sich auf Baupreise und -qualität und verhandelten mit der Vetropack den Landkaufvertrag, noch ohne zu wissen, wer dann als Käufer einsteigen würde. Mit dem gemeinsam erarbeiteten Entwicklungsmodell gingen Andreas Wirz und Othmar Ulrich, Leiter der Immobilienentwicklung der Region Ost bei Steiner, Ende 2011 auf Roadshow. Mit dabei waren von Steiner auch Michael Schildknecht, Leiter Immobilienentwicklung, und vom Verband Felix Bosshard, damaliger Projektleiter Immobilienentwicklung und Akquisition. « Wir haben das Areal, sein Potenzial und das Zusammenarbeitsmodell immer wieder an Genossenschaftssitzungen präsentiert », erinnert sich Ulrich. Als Erste packte die Baugenossenschaft Glattal Zürich

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( BGZ ) die Gelegenheit beim Schopf, vor den Toren Zürichs zu wachsen. « 2010 hatte unser Vorstand eine massvolle Expansion beschlossen und erste Grundstücke ausserhalb der Stadt gekauft und bebaut », sagt Kurt Williner von der BGZ im Rückblick. « Weil das Angebot an Arealen nicht so gross ist, zeigte unsere Genossenschaft schnell Interesse. » Beim schnellen Entscheid geholfen habe auch die Entscheidungsstruktur der BGZ, so der Leiter Bau und Unterhalt. Der Landkauf musste nicht von der Generalversammlung abgesegnet, sondern konnte vom Vorstand allein beschlossen werden. Weil die BGZ das Land zwar kaufen, laut Statuten aber nicht wieder verkaufen kann, und auch weil die Genossenschaft das Projekt nicht mit Steiner allein stemmen wollte, holte man als Dritten die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft Logis Suisse ins Boot. « Die Anfrage kam genau im richtigen Moment, die Logis Suisse wollte wieder in Neubauten investieren », erinnert sich Geschäftsführerin Jutta Mauderli. Viele Jahre hätte die Logis Suisse vor allem den Bestand saniert. Nach langen Absprachen und Sitzungen kam es zum vierten Meilenstein: Die drei Entwicklungspartner erwarben 2012 die 42 000 Quadratmeter Land von der Vetropack. Danach ging es schneller voran: Ein Jahr später schrieben die drei Bauherrschaften den städtebaulichen Studienauftrag aus, für den sie elf Architekturbüros einluden, ihre Vorstellungen für ein Stadtquartier mit knapp 100 000 Quadratmeter Geschossfläche zu formulieren siehe Seite 18. Endlich war ein konkretes Projekt geboren. Mit der Fertigstellung des Masterplans waren 2015 dann auch die städtebaulichen Entwicklungslinien des Areals gezogen. Baubeginn sieben Jahre nach Grundstückskauf Heute sind die Aufgaben und Bauprojekte klar verteilt: BGZ und Logis Suisse bauen preisgünstige Mietwohnungen mit öffentlicher Erdgeschossnutzung. Steiner erstellt 150 Eigentumswohnungen und baut zudem, verteilt auf vier Gebäude, 20 000 Quadratmeter Gewerbefläche. 2015 legte der Gemeinderat das Planungspaket fest und bewilligte einen Rahmenkredit von knapp 19 Millionen Franken zur Erneuerung und Ergänzung der Infrastruktureinrichtungen in Bülach Nord. Im selben Jahr genehmigte die Baudirektion des Kantons Zürich die kommunalen Planfestsetzungen. Als fünfter Meilenstein erlangte der Gestaltungsplan Ende 2015 endlich Rechtskraft. 2018 wurde die Baubewilligung für die 21 Wohn- und Gewerbebauten erteilt – der sechste Meilenstein. 2019 wird mit dem Bau auf der leer geräumten Brache begonnen. Hohe Ansprüche, auch an die Entwicklungspartner Und wie funktioniert die Entwicklungsgemeinschaft im Alltag ? Die Konstellation der ungleichen Partner funktioniere gut, sagt Kurt Williner: « Jeder bringt seine Stärken ein. Wären es allerdings mehr als drei Partner, wäre der Koordinationsaufwand zu gross. » Auch Jutta Mauderli ist vom Projekt überzeugt: « Es setzt die Messlatte hoch und ist in sich stimmig, unterschätzt haben wir allerdings die Baukosten – die Logis Suisse ist sich weniger komplexe Bauprojekte und konventionellere Architektur gewöhnt. » Othmar Ulrich ist zuversichtlich: Er freut sich etwa über die Nachfrage bei den grösseren Gewerbeflächen. Mit der Hotelgruppe Novum Hospitality und der auf Wohnen für Senioren spezialisierten Tertianum-Gruppe habe Steiner gute und wichtige Ankermieter gefunden – die auch für die Belebung des Quartiers sorgen werden. « Ich bin aber froh, wenn der Bau endlich beginnt, denn zwischen dem Grundstückskauf und der Baubewilligung sind nun sieben intensive Jahre vergangen », schliesst der für die Region Ost zuständige Immobilienentwickler der Steiner Gruppe.

Drei Entwicklungspartner

Investor

Das Glasi-Quartier wird von der Steiner AG, der Baugenossenschaft Glattal Zürich ( BGZ ) und der Logis Suisse AG entwickelt, geplant und gebaut. Begleitet werden die Partner dabei vom Zürcher Regionalverband der Wohnbaugenossenschaften Schweiz.

Steiner Investment Foundation Die 2016 gegründete Stiftung dient schweizerischen Pensionskassen mit zeitgemässen und nachhaltigen Anlagegruppen bei der Kapitalanlage. Aktuell haben 49 Pensionskassen mit ihrem Beitritt zur Stiftung ihr Vertrauen in das Konzept und das Management ausgesprochen. Mit der ersten Anlagegruppe Swiss Development Residential baute die Steiner Investment Foundation ein attraktives Wohnungsneubauportfolio auf, das aus neun Projekten besteht – mit einem Marktwert bei Fertigstellung von zirka 600 Millionen Franken. Das Leuchtturmprojekt Glasi-Quartier kam Anfang 2017 zum Portfolio. Die Stiftung ist hier Eigentümerin von vier Gebäuden, die sie an Anbieter von Seniorenwohnungen und Pflegeplätzen, Gewerbebetriebe sowie an einen Hotelbetreiber vermietet.

Baugenossenschaft Glattal Zürich Die BGZ zählt zu den grössten Wohnbaugenossenschaften der Schweiz: Sie besitzt rund 1700 Wohnungen und 180 Reiheneinfamilienhäuser in Stadt und Kanton Zürich. Die BGZ wurde 1942 gegründet. Im Glasi-Quartier wird sie nach dem Prinzip der Kostenmiete Wohnungen für Familien, Paare und Singles sowie Raum für Kleingewerbe anbieten. Logis Suisse AG Die Logis Suisse AG ist eine gemeinnützige Wohngesellschaft. Seit vierzig Jahren schafft und sichert sie für breite Bevölkerungsschichten bedarfsgerechten und bezahlbaren Wohnraum. Momentan vermietet sie mehr als 2800 Wohnungen in der ganzen Schweiz, mehr als tausend sind geplant oder im Bau. Im GlasiQuartier erstellt Logis Suisse sechs Häuser: das Stöckli für Personen ab fünfzig, ein Mehrgenerationenhaus für gemeinschaftliches Wohnen, das Patio-Haus mit Kleinwohnungen und Wohnungen für Wohngemeinschaften sowie drei Stadthäuser speziell für Familien oder für kombiniertes Wohnen und Arbeiten. Räume fürs Gewerbe ergänzen das Angebot. Steiner AG Das Unternehmen mit Sitz in Zürich ist einer der führenden Schweizer Totalunternehmer, Generalunternehmer und Projektentwickler und bietet Dienstleistungen in den Bereichen Neubau, Umbau sowie Immobilienentwicklung an. Im Geschäftsjahr 2017 / 18 erzielte die Steiner Gruppe mit rund 600 Mitarbeitern einen Umsatz von 794 Millionen Franken. Im GlasiQuartier bietet die Steiner AG im Hochhaus und einem weiteren Gebäude Wohnungen zum Kauf an. Daneben wird Steiner Mietobjekte für das Wohnen im Alter, Büros, Verkauf und weitere gewerbliche Nutzungen erstellen.

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Vielerlei Stadt Wie kann man von Grund auf ein Stadtquartier erschaffen ? Die Antworten sind vielfältig, wie der Blick zurück auf den internationalen Studienauftrag für das Glasi-Quartier zeigt. Text: Marcel Bächtiger

Es war 2013, als das zukünftige Glasi-Quartier erstmals Gestalt annahm. Damals wurde der Studienauftrag durchgeführt, an dessen Ende das Beurteilungsgremium den Entwurf von Duplex Architekten und Vogt Landschaftsarchitekten zur Weiterbearbeitung empfahl. Die Gewinner hatten sich gegen zehn Teams durchgesetzt, darunter so illustre Namen wie Dominique Perrault, Erbauer der Bibliothèque Nationale in Paris, oder der damals erst 39-jährige dänische Überflieger Bjarke Ingels mit seinem Büro BIG. Die Veranstalter hatten bewusst eine internationale Auswahl von Architekten eingeladen. Die Frage, wie man von Grund auf ein zeitgemässes und lebendiges Stadtquartier erschafft, sollte möglichst breit und offen diskutiert werden können. Finanzielle Bedenken Es gab in diesem Studienauftrag keine vorgefertigte städtebauliche Ideologie, die es bloss noch zu konkretisieren galt. Vielmehr stand Grundsätzliches zur Debatte: Was ist überhaupt ‹ Stadt ›, was ein ‹ Quartier › ? Und welche Vorstellung passt nach Bülach ? Wie lebt man im 21. Jahrhundert zusammen ? Wie entsteht Gemeinschaft, wie entwickelt sich Identität ? Zu beantworten galt es schliesslich auch eine Frage, die sich bei vielen vergleichbaren Arealentwicklungen als entscheidend erwiesen hat: Wie gelingt die räumliche und gesellschaftliche Anbindung des Neuen an das Alte ? Es lohnt sich der Blick zurück, denn tatsächlich hatte das vielfältige Teilnehmerfeld auch zu einer ausserordentlich vielfältigen Palette an städtebaulichen Lösungen geführt. Mit kräftiger konzeptioneller Kelle richtet das Rotterdamer Büro MVRDV an: Es findet sich hier als identitätsstiftendes Herzstück des Areals nichts Gebautes, sondern ein Stück Wald. Hochhäuser, farbenfroh materialisiert und in guter niederländischer Tradition vor- und zurückspringend, umschliessen den Waldpark wie ein Ring. Die Jury lobt den Entwurf als « überraschend » und « raffiniert », benennt jedoch auch dessen wirtschaftliche Problematik: Die grosse Freifläche im Innern ist nämlich nur dank mehrerer Hochhäuser möglich. Diese aber sind teuer zu erstellen und verunmöglichen den vom Auslober angestrebten kostengünstigen Wohnraum. Ähnlich ungewohnt, da offensichtlich unschweizerisch, ist auch der Vorschlag von Dominique Perrault: Im Stil eines französischen ‹ grand projet › schlägt sein Büro sechs schlanke Hochhäuser auf einem mäandrierenden Sockel vor. Auch hier überwiegen im Beurteilungsgremium bei allem Respekt vor der « planerischen Gewandtheit » Perraults die finanziellen Bedenken. Vor allem aber empfindet die Jury den Vorschlag als « etwas zu grossstädtisch ». Der Massstab der Bebauung

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baut zwar Beziehungen zu den noch bestehenden Industriebauten oder zum Gleisfeld auf, bleibt im kleinstädtischen Kontext Bülachs aber dennoch fremd.

Empfindliche Nahtstelle Nicht nur die internationalen Gäste streben in die Höhe: Die Basler Architekten HHF schlagen eine Doppelreihe von Hochbauten vor, die sich dem Gleisfeld entlang zieht und im Nordosten eine grosse Fläche freispielt. In der von der Jury aufgeworfenen Frage, ob sich diese periphere Fläche tatsächlich als Stadtplatz eignet, spiegeln sich die Bedenken bezüglich der räumlichen Einbindung in die Umgebung: So mutig und rigoros die urbane Setzung ist, so unvermittelt beginnt und endet sie auch. Den vorwärtsstürmenden Visionen radikal entgegengesetzt ist der Vorschlag der Zürcher Knapkiewicz & Fickert, die programmatisch festhalten, dass « die 3000-jährige Entwicklung der Rasterstadt keinen Irrtum darstellen kann ». Folgerichtig zeichnen sie eine streng orthogonale, gewissermassen idealtypische Stadtbebauung. Der in vielerlei Hinsicht faszinierende Vorschlag, der dank konsequent innerstädtischer Dichte auf jegliche Hochhäuser verzichten kann, schafft eine starke, da historisch tradierte Identität. Dimension und Massstab der Bauten erscheinen zudem als selbstverständliche Fortschreibung und Weiterentwicklung vorhandener Bebauungsstrukturen. Gerade dieser volumetrisch zurückhaltende Vorschlag aber leidet paradoxerweise an der relativen Kleinheit des Areals: Kaum etabliert, stösst das städtebauliche Muster bereits wieder an die Parzellengrenzen, wo die orthogonalen Baukörper ohne langes Federlesen diagonal beschnitten werden – eine empfindliche Nahtstelle zwischen Alt und Neu, die die Jury nicht restlos überzeugt. Hoher Wiedererkennungswert Hinsichtlich Massstab und Homogenität des Bebauungsmusters ist der zur Weiterbearbeitung empfohlene Entwurf von Duplex dem Projekt von Knapkiewicz & Fickert nicht unähnlich. Die Geometrien werden aber ungleich freier gehandhabt und suggerieren eine grössere Flexibilität in der räumlichen Bezugnahme auf die unmittelbare Nachbarschaft. Zumindest plangrafisch besitzt das einfache Figur-Grund-Muster zudem einen hohen Wiedererkennungswert. Das dichte Webmuster, von den Verfassern ‹ urban tissue › genannt und als Antithese zu den Siedlungsräumen der Agglomeration verstanden, soll zur gewünschten Identität des neuen Quartiers beitragen. Vor dem Hintergrund der konkurrierenden Wettbewerbsentwürfe erweist sich der Vorschlag als schlauer Kompromiss: Verweist das homogene Muster aus Strassen, Platzräumen und Bauten auf traditionelle Stadtbilder, entzieht sich der Entwurf mit den schrägen Geometrien und einer zeitgenössischen Sprache gleichzeitig einem offensichtlichen Historismus.

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Henri-Cornaz-Platz: ein terrassierter Quartierplatz, auf dem Boule und Ball gespielt werden soll. Er ist nach dem langjährigen Besitzer der Glashütte benannt.

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Das Pariser Architekturbüro von Dominique Perrault diagnostiziert ein « Umfeld mit nur wenigen Fix- und Anhaltspunkten » sowie die « Quasi-Absenz jeglicher urbaner Qualitäten » und schlägt deshalb ein autarkes Stadtquartier mit starker eigener Identität vor. Die wenigen Referenzpunkte der Umgebung werden dennoch aufgenommen und in das städtebauliche Konzept eingewebt. Sechs Hochhäuser schaffen Platz für zwei grosse Freiräume, die von niedrigeren Bauten umfasst werden. Die Gebäude sollen mit verschiedenen Nutzungen bespielt und dem Neben- und Miteinander den Bewohnern ein Mehr an Aufenthalts- und Lebensqualität bieten.

HHF Architekten aus Basel konzentrieren die gesamte Baumasse in einer dichten Abfolge von Sockel- und Hochbauten entlang der Gleise. Im Nordosten wird so ein grosser öffentlicher Raum freigespielt, der zwischen der Stadt, dem Wald und den Verkehrsachsen vermittelt. Die Plattform auf dem Sockelgeschoss, die eingelassenen Höfe und die Terrassen auf den Türmen schaffen Raum für gelebte Nachbarschaft. Die typologische Vielfalt – die Allmend, die Strassen, die breiten und schmalen Gassen sowie die verschiedenartigen gemeinschaftlichen Aussenräume – bildet für HHF die Grundlage für einen nachhaltigen Städtebau. Knapkiewicz & Fickert Architekten wollen nicht die Agglomeration weiterbauen, sondern eine Stadt gründen. Beispiele von Rasterstädten sind ihnen Anlass und Legitimation, ein dichtes Stadtmodell vorzuschlagen, das ganz auf Hochhäuser verzichten kann. Der öffentliche Raum ist von einem orthogonalen Strassenraster und von Plätzen verschiedener Grösse und Proportion geprägt. Die Strassenzüge münden jeweils genau in die Platzmitten, was für deren Charakter als Treff- und Mittelpunkte des städtischen Lebens wichtig ist. Parallel zur Schaffhauserstrasse gelegt, öffnen die Strassenräume gleichzeitig perspektivische Ausblicke in die weite Landschaft.

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( Un ) geliebte Ränder

Für die Zürcher Duplex Architekten bietet das Fehlen prägnanter Strukturen die Chance, einen für Bülach neuen Massstab und urbanen Typus von Stadt zu erzeugen. Ein wiedererkennbarer städtebaulicher ‹ Fingerprint › soll eine Identität als Ganzes schaffen. Die ungewöhnliche Geometrie des urbanen Strickmusters führt zu schrägen Gebäudetypen und dreieckigen Plätzen, die als wiederkehrende kleine Quartierplätze einen Ausgleich zum dichten Städtebau schaffen. In ihrer Einfachheit und mit den vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten orientieren sie sich an den Stadtplätzen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Für die Architekten von MVRDV in Rotterdam stellt das Glasi-Areal einen Übergangsbereich zwischen Stadt und Natur dar. Diese Qualität wollen sie verstärken, indem sie die Stadt- mit einer Walderweiterung kombinieren: Ein Ring von Bauten unterschiedlicher Höhe umfasst ein grünes Herz. Sie heben einige Bauvolumen an und platzieren sie auf anderen, sodass Zugänge entstehen, die den Wald im Innern öffentlich zugänglich machen. Mit den gestapelten Blöcken und der Farbigkeit soll das Areal zu einem Wahrzeichen für Neugestaltung und zu einer neuen Silhouette werden.

Das nicht orthogonale städtebauliche Layout des gewählten Entwurfs von Duplex Architekten erzeugt ein Quartier, das zwar eine hohe stadträumliche Kohärenz, aber keine eindeutigen Orientierungspunkte hat. Diese territoriale Einheit unterscheidet sich stark von ihrer Umgebung und wird von der homogenen inneren Entwicklungsidee geprägt und kontrolliert. So eigenständig der Masterplan auch daherkommt, so besteht er doch aus Zutaten, die immer öfter zur Anwendung kommen: – eine grossmassstäbliche Parzelle – ihre Grösse ist oft historisch bedingt , – eine Sondernutzungsplanung, die eine relativ hohe Dichte ermöglicht , – eine wachsende Investitionsdimension der Immobilienökonomie , – eine kulturelle Kapitalisierung durch Unterscheidungsmerkmale , – ein empfundenes Fehlen von städtebaulichen Sinnofferten in der Nachbarschaft, – ein Leitnarrativ der ‹ Stadt ›, – ein Fehlen eines verbindlichen arealübergreifenden städtebaulichen Plans , – ein Ausgrenzen möglichst vieler Emissionsquellen an die Ränder. Das Zusammenspiel dieser Zutaten transformiert ungenutzte Areale in vermeintlich unverwechselbare, homogene Gevierte. Die raumorganisatorische und logistische Komplexität ist dabei derart hoch, dass die zufriedenstellende Bewältigung der Innenverhältnisse meist die ganze Planungsenergie absorbiert. In diesem Zug geraten die Arealränder aus der Innenperspektive zu Systemgrenzen, städtebaulich jedoch sind sie das eigentliche Rückgrat des parzellenübergreifenden öffentlichen urbanen Raums. Als Beispiel dient die Schaffhauserstrasse, die entlang des Quartiers verläuft: Sie wird mehrheitlich von langgestreckten Lärmriegeln flankiert, deren strassenbegleitende Treppen und Korridore in den Erdgeschossen zur Hypothek für die zukünftige Aufwertung des Stadtraums werden. Der grosse Massstab dieser Orte verlangt jedoch vom zeitgenössischen Städtebau, entweder die arealübergreifenden stadträumlichen Verbindungen ins Arealinnere zu verlagern oder an und mit den Rändern ganze Stadtteile zu ordnen. Dafür stellen die strassenbegleitenden Punkthäuser am nördlichen Arealrand einen vielversprechenderen Ansatz dar: Die räumliche Porosität und die allseitige Ausrichtung der Punkthäuser lassen langfristig Anknüpfungen zu – in Bezug auf Zugänglichkeit, Nutzung und Ausdruck. Die Schützenmattstrasse ist somit, im Gegensatz zur Schaffhauserstrasse, als belebter Stadtraum antizipiert und durch seine Bebauungsart langfristig adaptierbarer. Simon Kretz ist Architekt und Städtebauer sowie Dozent am Institut für Städtebau der ETH und an der Universität Zürich. In seinem Doktorat erforscht er das Entwerfen.

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Im Bild des BIM-Modells des Glasi-Quartiers ist das Terrain ausgeblendet und die Hauswände sind zum Teil transparent. Zum Vorschein kommen die Werk- und Haustechnikleitungen, die je nach Funktion anders eingefärbt sind.

Digitales Neuland Sieben Faktoren haben die BIM-Planung zum Erfolg werden lassen. Die neue Planungsmethode führt auch dazu, dass die Beteiligten wieder mehr miteinander reden. Text: Reto Westermann Visualisierung: IttenBrechbühl

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Noch herrscht auf der Glasi-Brache in Bülach gähnende Leere. Im unscheinbaren Gewerbebau neben dem Areal sind die 21 Neubauten allerdings bereits Realität – zumindest digital. Denn jedes Mal, wenn Fachplaner und Architekten sich hier im Baubüro der Steiner AG zur Koordinationssitzung treffen, lassen sie die geplanten Gebäude auf einem zwei Meter breiten Touchscreen als dreidimensionale Modelle in die Höhe wachsen. Mal sehr wirklichkeitsnah, etwa wenn über Details der äusseren Gestaltung diskutiert wird, mal nur als schwache, von einem Netz aus farbigen Leitungen für Wasser, Abwasser, Lüftung und Strom durchzogene Silhouette, wenn die Haustechnik auf der Traktandenliste steht.

Während der Bauprojektphase von Sommer 2017 bis Herbst 2018 trafen sich die Fachplaner, Architekten und Spezialisten alle drei Wochen. Diese regelmässigen Koordinationssitzungen sind ein wichtiger Baustein der Projektplanung mit Building Information Modeling ( BIM ). Dabei steht das digitale Gebäudemodell eines Bauprojekts im Mittelpunkt. An ihm arbeiten alle Planer gemeinsam. Das Glasi-Areal ist derzeit das grösste Bauprojekt in der Schweiz, bei dem das digitale Gebäudemodell durchgehend zur Anwendung kommt. Da zu Beginn der Planung weder die Beteiligten von Steiner noch die Architekten von Duplex über weitreichende Erfahrung mit der neuen Methode verfügten, suchte Beat Tschudi, Gesamtprojektleiter bei Steiner, einen passenden Partner für die Ausführungsplanung. Die Wahl fiel auf IttenBrechbühl aus Bern. Die Architekten und Generalplaner haben BIM bereits bei mehreren Projekten erfolgreich erprobt. « Besonders die

Themenheft von Hochparterre, März 2019 — Stadt in der Hauptrolle — Digitales Neuland


Erfahrungen aus dem Neubau des Hauptsitzes für Scott Sports in Givisiez, der im Frühjahr 2019 eröffnet wurde, konnten wir direkt in die Arbeit am Glasi-Areal einfliessen lassen », sagt Benjamin Hulliger, Projektleiter bei IttenBrechbühl. Die Generalplaner gründeten in der Folge mit Duplex Architekten eine Planergemeinschaft für die Bauprojekt- und Ausführungsplanung. Diese plant alle Bauten mit Ausnahme des Hochhauses, für das Wild Bär Heule Architekten zuständig sind. Sieben Erfolgsfaktoren Die beteiligten Fachplaner, die bezüglich BIM mit Ausnahme von IttenBrechbühl und dem Haustechniker alle Neuland betraten, waren bereit, sich ins kalte Wasser zu stürzen. Mit Erfolg, wie sich rückblickend zeigt: Die 15 Monate dauernde Bauprojektphase verlief ohne grössere Probleme. Dazu trugen sieben Faktoren bei: Erstens die Beschränkung auf erreichbare BIM-Ziele. Steiner hatte die BIM-Ziele vor dem Start der Bauprojektphase bestimmt und den Schwerpunkt auf drei Elemente gelegt: auf die modellbasierte Koordination der Teilmodelle aller Fachplaner, auf die datenbankbasierte Verwaltung der Informationen und Attribute ( Bauteildatenbank ) sowie auf die modellbasierte Ermittlung der Mengen für Kostenplanung und Ausschreibung. Dabei galt der Grundsatz: So viel BIM wie nötig, nicht so viel wie möglich. Deshalb verzichtete man beispielsweise darauf, Baukosten direkt aus dem digitalen Gebäudemodell heraus zu berechnen. Die Massenauszüge wurden im dreidimensionalen Modell ermittelt und dann mittels Excel-Tabellen in die Kalkulationsprogramme von Steiner überführt. Zweitens Open BIM. Die Alternative wäre ein geschlossenes System gewesen. Dazu hätten alle Beteiligten sich auf eine Software einigen und diese eventuell beschaffen müssen. Dank des Entscheids für ein offenes BIM konnten Architekten und Fachplaner mit ihren gewohnten CAD-Programmen arbeiten. Die Basis für ‹ Open BIM › bildet das IFC-Format, das einen von der Software unabhängigen Datenaustausch zwischen allen Beteiligten erlaubt. Beim Glasi-Areal erhielten die Planer jeweils ein dreidimensionales Basismodell der Gebäude im IFC-Format. Dieses importierten sie in ihre eigenen Systeme, erarbeiteten damit die Leitmodelle für ihre Fachdisziplin und transferierten diese dann via Datenplattform zurück an alle. Die BIM-Koordinatoren der Planergemeinschaft führten die Teilmodelle schliesslich zusammen und prüften sie. Drittens die Erfahrung. Die BIM-Spezialisten der Planergemeinschaft machten im Rahmen von Workshops alle Beteiligten mit BIM vertraut, strukturierten den Planungsprozess und koordinierten die mehr als 140 Teilmodelle – denn für jedes Gebäude braucht es jeweils sieben Fachplaner-Modelle, dazu kommen die Modelle für die Tiefgarage, die Werkleitungen und die Umgebung. Viertens die Organisationsstruktur. Statt einem hierarchisch gegliederten Organigramm wurde eine Matrixstruktur gewählt: Jedes der sechs Teilprojekte – Steiner hat das Areal in sechs kleinere Einheiten aufgeteilt – ist nach seinen eigenen Anforderungen organisiert, immer aber sind ein Projektleiter, ein BIM-Koordinator und die nötigen Fachplaner daran beteiligt. Überlagert wird diese Struktur von einer Querschnittsorganisation, die teilprojektübergreifend die jeweilige Fachplanung über alle Häuser hinweg koordiniert. Davon ausgenommen ist das Hochhaus, das als eigenständiges Teilprojekt organisiert ist. Fünftens die Planung der Planung. Die Vielzahl der Beteiligten sowie der Umfang des Projekts mit 21 Gebäuden und einer Bruttogeschossfläche von fast 100 000 Quadratmetern erforderten eine minutiöse Planung der Planung.

Während der Bauprojektphase trafen die Beteiligten aller Teilprojekte sich alle drei Wochen mit dem aktuellen BIM-Modell zur Koordinationssitzung in Bülach und zur Verteilung der Aufgaben für die nächsten drei Wochen. Zwischen den Terminen erfolgten die Bearbeitung und Koordination innerhalb der Gewerke, die Abstimmung der Fachmodelle sowie deren Prüfung durch die Architekten. Solch eng getaktete Abläufe sind auch bei klassisch geplanten Projekten üblich, haben bei der Arbeit mit BIM aber einen noch höheren Stellenwert: « Verzögern sich einzelne Schritte, kommt der ganze Prozess ins Stocken », sagt Benjamin Hulliger, Leiter des Planungsteams. Sechstens die Kollisionsprüfung. Die einzelnen Teilmodelle wurden jeweils im Rahmen des dreiwöchigen Zyklus vom BIM-Koordinator zusammengesetzt. Passte alles, fügten sich die einzelnen Modelle wie Teile eines ‹ Tetris ›-Spiels ineinander. Passte es nicht, vermerkte die Prüfungssoftware eine ‹ Kollision › – etwa wenn Rohrleitungen grösser geplant waren als die dafür vorgesehenen Schächte. Solche Problematiken wurden in den Koordinationssitzungen besprochen, und es konnte gemeinsam nach Lösungen gesucht werden. Siebtens die Bereitschaft. Die Umstellung auf BIM verursachte bei Architekten und Planern einen Mehraufwand. Doch Dan Schürch, Geschäftsführer von Duplex, nahm das Glasi-Areal zum Anlass, gleich das ganze Büro auf die neue Planungsmethode umzustellen: « Für uns war klar, dass wir uns dem Fortschritt nicht verschliessen wollen. » Schürch ist von den Vorteilen von BIM überzeugt: « Ohne BIM wäre beispielsweise die optimale Schnittstelle zwischen uns und IttenBrechbühl nicht realisierbar gewesen. Darunter hätte auch die Architektur gelitten. » Duplex kümmerte sich um die Gestaltung von Fassaden und Treppenhäusern, IttenBrechbühl verfeinerte die Wohnungsgrundrisse. Beides wurde schliesslich im 3-D-Modell zusammengeführt. Digitalisierung fördert Kommunikation Auch bei Steiner brachte die Umsetzung der neuen Planungsmethode viele aufwendige Neuerungen mit sich. Für Gesamtprojektleiter Beat Tschudi hat sich der Entscheid aber gelohnt: « Die Projektabwicklung nach BIM führte zu einer deutlich grösseren Transparenz in der Planung und zu einer Synchronisation des Planungsprozesses durch das digitale BIM-Informationsmodell. » Das habe präzise Massenauszüge und dadurch eine höhere Kostensicherheit ermöglicht, was wiederum helfe, das Risiko der Investoren und des Totalunternehmers zu senken. Die Erfahrungen der 15 Monate dauernden Planungsphase zeigten aber auch, dass die klassische Phaseneinteilung gemäss SIA nicht mehr zeitgemäss ist: « Viele Entscheidungen, die sonst erst im Ausführungsprojekt zur Diskussion stehen, mussten wir und die Bauherrschaft bereits in der Bauprojektphase fällen », sagt Dan Schürch. Entsprechend mussten alle Planerverträge angepasst werden, weil die Verteilung der Honorarprozente pro Phase nicht mehr mit der tatsächlich zu leistenden Arbeit übereinstimmte. « Hier entsprechen die Vorgaben des SIA nicht dem BIM-Planungsalltag. Das sollte der Fachverband anpassen », meint auch Beat Tschudi. Eine ganz andere Erkenntnis war für alle Beteiligten überraschend: BIM fördert die Kommunikation. « Die neue Form der Zusammenarbeit sowie die Herausforderung der digitalen Transformation der gesamten Branche hat alle Mitwirkenden zu einem lebhaften persönlichen Austausch angeregt – man redet beim Planen wieder mehr miteinander, sucht gemeinsam nach Lösungen und unterstützt sich gegenseitig », sagt Benjamin Hulliger erfreut.

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Foto Rückseite: Der Ahornhof ist das dicht bepflanzte Gartenhinterzimmer des Glasi-Quartiers und Spielund Liegewiese für alle.

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Stadt in der Hauptrolle 2002 wurde die Produktion in der Glashütte Bülach nach 111 Jahren eingestellt. Die Schliessung stellte das Selbstverständnis des Zürcher Regionalzentrums tiefgreifend infrage. 17 Jahre später wird mit dem Bau eines neuen Stadtquartiers auf der 42 000 Quadratmeter grossen Industriebrache begonnen. Das Themenheft erzählt die ungewöhnliche Planungsgeschichte des Glasi-Quartiers und skizziert seine Chancen, aber auch Risiken. Im Fokus steht der Entwicklungsprozess, der zum markanten Städtebau und zur eigenwilligen Architektur der 21 Häuser geführt hat. Das Heft verortet Bülach zudem auf der raumplanerischen Landkarte und erklärt auch, wie die drei ungleichen Entwicklungspartner zusammenspielen. www.glasi-buelach.ch

Atelier Zürich, Zürich Duplex Architekten, Zürich Gossweiler Ingenieure, Dübendorf Henauer Gugler Ingenieure und Planer, Zürich IBV Hüsler, Zürich IttenBrechbühl, Bern K2S Bauingenieure, Wallisellen Match Communications, Zürich Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, Zürich Tertianum, Zürich Wild Bär Heule Architekten, Zürich Wohnbaugenossenschaften Schweiz, Regionalverband Zürich


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Stadt in der Hauptrolle  

Auf der Brache der Glashütte wird Bülach nicht einfach weiter, sondern Stadt neu gebaut. Eigenwillige Architektur und markanter Städtebau pr...

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