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Themenheft von Hochparterre, Juni - Juli 2017

Frauenfeld

Der Hauptort des Kantons Thurgau wächst nach innen. Und macht sich fit für eine Zeit mit weniger Autos und Einfamilienhäusern.

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Die Terrasse des neuen Staatsarchivs thront über dem Oberen Mätteli, siehe Seite 15.

Bildlegende randabfallende Bilder, nur im Themenheft Der Blick von der Terrasse aus: Die Gebäude der Stadtkaserne sollen weitgehend erhalten bleiben.

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Editorial

Inhalt

4 « Heute sind wir wählerischer » Ein Gespräch mit dem Baustadtrat, dem Stadtbaumeister und einer Architektin.

8 Grossstadtträume, gestern und heute Woher kommt Frauenfeld? Ein Spaziergang mit einem kritischen Geist quer durch die Stadt.

12 Bauten und Projekte Öffentliche Bauten.

16 Übersichtsplan 18 Bauten und Projekte Areale und Wohnungsbau.

24 Den Verkehr bändigen Wie fährt Frauenfeld? Velo, Fuss- und öffentlicher Verkehr gewinnen gegenüber dem Auto an Bedeutung.

2 6 Alternativen zum Hüsli Wie wohnt Frauenfeld? Ein Streifzug mit dem Stadtbaumeister durch die Wohngebiete der Stadt.

28 Frauenfeld verdichten Wo wird Frauenfeld zur Stadt? Das Quartier Langdorf entwickelt sich. 30 Der Stadtmacher Wie Architekt Thomas Hasler die Entwicklung der Stadt beeinflusst.

Grosse Kleinstadt im Grünen Frauenfeld, das ist Militär, Schloss und Verkehr. Mit diesem Bild der Thurgauer Kantonshauptstadt haben wir die Arbeit an diesem Heft begonnen. Das Bild stimmt. Aber nicht nur. So wie das Motto, das sich Frauenfeld schon vor Jahren gab: ‹ Die kleine Stadt im Grünen › – es stimmt, und es stimmt nicht mehr so ganz. Die Thurgauer Wiesen gibt es noch immer, die Felder und Wälder. Auch die Grosse Allmend ennet der Autobahn. Klein aber soll die Stadt bald nicht mehr sein. Für den Kanton ist Frauenfeld ein Zentrum, das wachsen soll. Und die Stadt will nach innen wachsen, nicht ins grüne Umland. Frauenfeld soll dort wachsen, wo jetzt noch das Militär bestimmt: Ein städtebaulicher Wettbewerb zeigte kürzlich das Potenzial rund um die Stadtkaserne auf. Auch beim Schloss wächst die Stadt, zum Beispiel mit der neuen Post, und dort, wo jetzt noch der Verkehr das alleinige Sagen hat: Im Langdorf plant Frauenfeld eine Neustadt mit hohen Häusern und Baumreihen entlang der Strassen. So soll das Grün rund um die wachsende Kleinstadt bewahrt werden. Anfangs gibt es aber erst einmal Grün auch im Innern: Der Murg-Auen-Park macht aus einem ehemaligen Truppenübungsplatz einen Erholungsort für alle, die schon da sind, und für viele, die noch kommen werden. Dieses Heft berichtet von solchen Veränderungen. Wir stellen den regen Frauenfelder Architekten Thomas Hasler vor. Wir sprachen mit dem Baustadtrat, dem Stadtbaumeister und einer Architektin. Wir liessen uns von weiteren Akteuren an die Hand nehmen und folgten ihnen durch ihr Frauenfeld. Wir haben sie gefragt: Was macht Ihre Stadt aus ? Wo zeigen sich in ihr Spuren des Neuen ? Und wie manifestieren sich einst gemachte Fehler ? Markus Frietsch begleitete all dies mit seiner Kamera. Von der repräsentativen Promenade bis zum gemütlichen ‹ G erbi ›-Quartier am Ufer der Murg. Vom ersten unterirdischen Kreisverkehr Europas bis zum letzten ‹ Hüsli ›-Areal der Stadt. Frauenfeld hat viele Seiten. Und ist dabei, weitere aufzuschlagen.  Axel Simon

Impressum Verlag Hochparterre AG  Adressen  Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon 044 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag@hochparterre.ch, redaktion@hochparterre.ch Verleger und Chefredaktor  Köbi Gantenbein  Verlagsleiterin  Susanne von Arx  Konzept und Redaktion  Axel Simon  Fotografie  Markus Frietsch, www.markusfrietsch.com  Projekttexte  Marion Elmer  Art Direction  Antje Reineck  Layout  Tamaki Yamazaki  Produktion  René Hornung, Thomas Müller  Korrektorat Elisabeth Sele, Dominik Süess  Bildnachweis Bauten und Projekte Seiten 12 – 15, 18 – 23  Roland Bernath: 12, 13; Heinrich Helfenstein: 13; Jürg Zimmermann: 14; Roger Frei: 14, 20; Maximilian Meisse: 15; Jürg Zimmermann: 15; Beat Bühler: 21; C2F: 28  Lithografie  Team media, Gurtnellen  Druck  Somedia Production, Chur Herausgeber  Hochparterre und Martin Hofer, Wüest Partner, in Zusammenarbeit mit der Stadt Frauenfeld  Bestellen  shop.hochparterre.ch, Fr. 15.—, € 10.—

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« Heute sind wir wählerischer » Frauenfeld verdichten. Ein Stadtrat, eine Architektin und der Stadtbaumeister reden über die Chancen und Herausforderungen, die das mit sich bringt. Text: Axel Simon Fotos: Markus Frietsch

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Wie sehen Sie Ihre Stadt ? Christof Helbling:  Ein Hauptort, der sehr durchgrünt ist. Urs Müller:  Ein beschaulicher Ort mitten im Grünen, der immer grösser wird. Heidi Stoffel:  Nicht beschaulich, aber intakt. Der alte Slo­gan ‹ Kleinstadt im Grünen › trifft es bei Frauenfeld wirklich. Entspricht dieses Bild auch dem, was Herr und Frau Frauenfelder von ihrer Stadt haben ? Urs Müller:  Bei denen, die länger hier wohnen, stimmt das Bild. Doch nun stehen wir an der Schwelle von der Kleinstadt zur Stadt, die Wahrnehmung verändert sich. Der Kanton sagt: Frauenfeld muss wachsen. Um 6000 Raumnutzer – also Einwohner oder Berufstätige – bis 2030, weitere 2500 bis ins Jahr 2040. Einzonungen kommen nicht infrage, ‹ Verdichtung nach innen › ist gefragt. Das braucht eine urbanere ­Vorstellung von  Stadt. Muss das idyllische Bild revidiert werden ? Urs Müller: Die Bevölkerung hat mit der inneren Verdichtung Mühe. Jedes Mal, wenn etwas Altes abgebrochen wird, reklamieren die Leute. Es wird gerade sehr viel gebaut, und die Frauenfelder Woche druckt viele Leserbriefe. Heidi Stoffel:  Dichter werden vor allem Orte, die man bisher als Leerstelle empfand. Dort ist Verdichtung durchaus positiv. Im Moment loten die Planer den neuen Massstab oft noch aus und schiessen auch mal übers Ziel hinaus. Jedes Geschoss mehr löst eine Diskussion aus. Politik und Verwaltung waren anfangs dem vom Kanton verordneten Wachstum gegenüber skeptisch. Warum ? Christof Helbling: Wir sind nicht skeptisch. Der Kanton verlangte, dass wir 46 Hektaren zusätzliche Richtplanfläche ausscheiden, also in die Breite wachsen. Das wollten wir nicht, wir sagten: Den Ausbau machen wir im Stadtkörper ! Urs Müller: Wir wehrten uns nicht gegen die neuen Raumnutzer, sondern gegen die Art und Weise, wie das passieren sollte. Im gemeinsamen Agglomerationsrichtplan von 2011 mit den Nachbargemeinden Felben-Wellhausen und Gachnang steht, wie wir uns das Wachstum vorstellen. Christof Helbling: Wir wollen qualitativ wachsen. Das hat dazu geführt, dass unser Wachstum bisher kleiner als in den umliegenden Gemeinden ist. Wenn nun der Druck auf Frauenfeld steigt, können wir nach wie vor Qualität einfordern – anderen Gemeinden ist das nicht mehr möglich. Wir konnten uns mit dem Kanton einigen, weil wir uns die Planungsinstrumente schon früh erarbeitet haben. In St. Gallen stehen Stadt und Kanton im ständigen Clinch. Wie ist das Verhältnis hier ? Urs Müller: Sehr gut. Wir haben kurze Wege. Stadtrat und Regierungsrat treffen sich mindestens einmal im Jahr. Das heisst nicht, dass es nicht auch einmal kracht. Aber insgesamt haben wir ein Miteinander, kein Gegeneinander.

Heidi Stoffel:  Das kann ich bestätigen. In der Praxis erleben wir Planerinnen und Planer eine grosse Gesprächsbereitschaft bei Stadt und Kanton. Hier gibt es keine stehenden Fronten. Ich bin immer erstaunt, dass die Zusammenarbeit andernorts so schwierig ist. Das Langdorf ist der wilde Nordosten Frauenfelds, ein Ort des Wildwuchses, aber auch der Ort mit dem ­grössten Verdichtungspotenzial. Langfristig soll dort ein neues Stück Stadt entstehen. Was passiert dort ? Christof Helbling:  Wir verdichten nicht die ganze Stadt, sondern jenen Teil, der noch keine Struktur hat: das Gebiet Langdorf. Dort stimmen wir Verkehr und Siedlungsaspekte aufeinander ab. Und auch den Freiraum. Denn Raum wegzunehmen wird nur akzeptiert, wenn man Freiräume mitdenkt. Darum fängt mit dem Murg-Auen-Park die Verdichtung an und geht nun schrittweise weiter. Im Langdorf ist der Widerstand am geringsten. Dort haben wir es nicht mit Einfamilienhäusern zu tun, sondern mit grossen Parzellen. Wir können das bestehende Angebot ergänzen – hochzoniert, dicht, Wohnen und Arbeiten kombiniert. Staufer & Hasler zeichneten zum Masterplan einen ­­‹ Szenenplan ›. Er vermittelt Stimmungsbilder, nicht Baukörper oder Strassenräume. Für wen ist dieser Plan ? Christof Helbling:  Das ist ein Kommunikationsinstrument nach innen wie nach aussen. Bei Bildern wie ‹ Boulevard › oder ‹ Strip › weiss jeder, was gemeint ist. Bei Investoren funktioniert dieses Instrument gut. Es zeigt Potenzial auf, Stimmungspotenzial, Adresspotenzial. Das kommt gut an. Urs Müller:  Erst blieb der Plan verwaltungsintern, dann hat man ihn immer wieder hervorgenommen. An die breite Öffentlichkeit sind wir mit ihm nicht gegangen. Heidi Stoffel: Der Szenenplan ist eine Anleitung, die Stadt anders zu denken. Auch wenn er keine Rechtsgültigkeit hat: Zum Denken und Verhandeln ist er wertvoll. Verdichtet werden soll auch zentral, nämlich bei der Stadtkaserne, entlang der Bahn. Bleibt das Bau­ensemble der Kaserne erhalten ? Heidi Stoffel: Das Kasernenareal hat für die Stadt grosse Bedeutung. Frauenfeld lebte lange vom Militär. Es ist ein Garnisonsstädtli mit allem, was dazugehört. Dass bei der Kaserne nun etwas passiert, stösst auf viel Wohlwollen. Der Siegerentwurf des Wettbewerbs schlägt neben der Kaserne am Rand des einstigen Exerzierplatzes Oberes Mätteli einen Neubau vor. Im Jurybericht ist von einer ‹ Architekturikone › die Rede, die zum Beispiel das H ­ istorische Museum aufnehmen könnte. Braucht ­Frauenfeld eine Architekturikone ? Urs Müller: Manche Stimmen im Gemeindeparlament forderten ein KKL für Frauenfeld. Doch wir sind nicht eine Stadt, die sich schreiend hervortut. Frauenfeld geht eher bescheidene Wege. Wenn es zu einer solchen Ikone kommt, ist man sicher nicht abgeneigt, aber es ist nicht die Grundhaltung.

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Urs Müller Seit April 2005 ist der Stadtrat im Nebenamt Vorsteher des Departements für Bau und Verkehr. Im Hauptberuf ist der Kultur­ingenieur ETH Leiter der Geschäftsstelle des GIS-Verbunds Thurgau.

Heidi Stoffel Die Architektin ETH mit ­einem Nachdiplomstudium in ­Architekturtheorie und -geschichte ist Mitglied der Fachkommission für den Hochbau der Stadt Frauenfeld. Mit ­Martin Schneider leitet sie das ­Architekturbüro Stoffel Schneider Architekten in Zürich und Weinfelden.

Christof Helbling Der Stadtbaumeister ist seit März 2010 im Amt. Der Architekt ETH mit Nachdiplomstudium ­Betriebswirtschaft leitet das Amt für Hochbau und Stadtplanung. Zuvor war er in diversen Architekturbüros und bei Ernst Basler +  Partner tätig.

Das Obere Mätteli soll unbebaut bleiben, heute ist es ein grosser Parkplatz. Auch der Bahnhofplatz ist eher eine Fläche des öffentlichen Verkehrs als ein Platz. Müssen die Frauenfelder den Umgang mit ­freiem Raum erst lernen ? Heidi Stoffel:  Nein. Es gibt zwei Plätze in Frauenfeld, die als Parkplatz genutzt werden und trotzdem zum Stadtgedächtnis gehören: der Viehmarktplatz und das Obere Mätteli. Ein- oder zweimal im Jahr steht dann dort zum Beispiel ein Zirkus, ähnlich wie beim Sechseläutenplatz in Zürich. So wie den Sechseläutenplatz könnte man auch die beiden Frauenfelder Plätze gerne aufwerten. Urs Müller: Frauenfeld ist keine Grossstadt. Auf einem leeren Platz wäre hier nicht viel los. Parkplätze sind pragmatisch, das passt – zumindest zum heutigen Zeitpunkt. In der Altstadt ist auch nicht mehr viel los. Können sich die Läden dort halten ? Urs Müller:  Die Stadt redet dort schon recht lang mit Grundeigentümern, Gewerbetreibenden und Kulturverantwortlichen. Wir diskutieren, welche Nutzungen es in der Altstadt haben sollte und mit welchen Mitteln wir dort die Aufenthaltsqualität steigern können. Auch über Verkehrsfragen diskutieren wir immer wieder. Allein schon eine Begegnungszone einzuführen, war eine Riesenübung. Die Parkplätze sind ein schwieriges Thema, aber wir bleiben dran. Zürich liegt nah. Was macht Frauenfeld, damit es keine Schlafstadt für Pendler wird ? Christof Helbling:  Die Wahrnehmung stimmt nicht. Wir sind eine Zupendlerstadt, das heisst, es fahren mehr rein als raus. Das Verhältnis zwischen Arbeitsplatz und Bevölkerung ist gut. Wichtig ist, die Arbeitsplätze zu erhalten, das Wohnen kommt dann automatisch. Und wie macht man das, Arbeitsplätze erhalten ? Christof Helbling:  Mit aktiver Bodenpolitik. Der Fensterbauer Skyframe ist ein Paradebeispiel: Die Stadt war Landeigentümerin, schaute, welche Arbeitsplätze sie möchte, und wählte das Unternehmen aus. Um das Land zu erhalten, musste Skyframe einen Architekturwettbewerb machen. Urs Müller:  Wir sind glücklicherweise so attraktiv, dass wir aussuchen können. Früher war Frauenfeld stolz, als das Paketpostzentrum herkam. Bis man gemerkt hat, dass es hochwertige und weniger hochwertige Arbeitsplätze gibt. Nun sind wir wählerischer. Wann kommt die Hochbau-Kommission zum Einsatz ? Heidi Stoffel: Bei Projekten mit Diskussionsbedarf, also bei den ganz schlechten, aber auch den ganz guten. Die Kommission, in der ich Mitglied bin, ist eine Möglichkeit, zu steuern, Empfehlungen zu geben, sei es einer Behörde oder einem Bauherrn. Den grössten Hebel haben wir bei städtebaulichen Fragen. Dort ist die Bereitschaft, etwas zu ändern, sehr hoch. Deutlich weniger können wir bei der architektonischen Qualität bewirken. Das heisst, es muss früh angesetzt werden. Welche ­Mittel hat der Stadtbaumeister ? Christof Helbling: Bei Baugesuchen erwarten wir ein Vorgespräch, dann können wir mitreden. Ausserdem arbeiten wir mit den üblichen Werkzeugen: Leitbild, Masterplan und, für die grösseren Areale, Konkurrenzverfahren. Was speziell ist im Kanton Thurgau: Unsere Gestaltungspläne sind exekutiv, das heisst, sie müssen nicht vors Volk oder den Gemeinderat, und das macht es viel schneller. Darum haben wir über 100 Gestaltungspläne. Wie stehts um die Qualität der Frauenfelder ­Architektur ? Heidi Stoffel: Wir haben es gehört: Frauenfeld ist in der Lage, Qualität anzuziehen. Vor allem, weil die Stadt sich traut, das Gespräch aufzunehmen. Andere Gemeinden im Thurgau können weder wählen noch steuern, die architektonische Qualität nimmt damit deutlich ab. 

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An manchen Orten, wie hier bei der Zufahrt zum ‹ Gerbi ›-Quartier, ist Frauenfeld beschaulich geblieben.

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Das Langdorf im Nordosten der Stadt. Vor allem hier will sich Frauenfeld in den kommenden Jahrzehnten entwickeln, siehe Seite 28. Themenheft von Hochparterre, Juni - Juli 2017 — Frauenfeld — Grossstadtträume, gestern und heute

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Grossstadtträume, gestern und heute Urs Fankhauser war kantonaler Denkmalpfleger im Thurgau. Der kritische Geist führt durchs repräsentative und lebendige, verkehrsgeplagte und ausgehöhlte Frauenfeld. Text: Axel Simon

Grossstadtträume hatte Frauenfeld schon mehrfach. Dort drüben, Urs Fankhauser weist auf die andere Seite des Bahnhofplatzes, da stand einst ein Hotel, dessen Fassa­ de an Montreux erinnerte. In den Siebzigerjahren, als Fankhauser kantonaler Denkmalpfleger wurde, kamen die Träume wieder, wurden ungemütlich: Eine Hauptver­ kehrsstrasse schnitt den Bahnhof von der Altstadt ab, und eine gesichtslose Kiste ersetzte das mondäne Hotel. Das Auto regierte. Es regiert heute noch, auch wenn der Durch­ gangsverkehr unter uns durch den weltweit ersten unter­ irdischen Kreisverkehr pulsiert. Oberirdisch müssen wir aufpassen, dass uns kein Bus streift. « Das ist kein Platz, das ist eine Verkehrsfläche », sagt Fankhauser. Gefährlich und anonym ist sie. Das habe man damals, in den Neunzi­ gerjahren, nicht zu Ende gedacht. Die randlose Brille täuscht: Der Mann mit dem weis­ sen Haar ist Praktiker. Er sei auf krummen Wegen zur Denkmalpflege gekommen, sagt der Siebzigjährige. Statt Kunstgeschichte oder Architektur zu studieren, lernte Fankhauser Hochbauzeichner, war Bauführer und be­ suchte nebenher Vorlesungen an der ETH. « Ich war im­ mer auf Baustellen », zum Beispiel als das Winterthurer Rathaus saniert wurde. Später, 1974, wurde er Thurgauer Denkmalpfleger und blieb es bis 2011. Er zählt die Rat­ häuser auf, deren Restaurierungen ihn beschäftigten, die Schlösser, Kirchen, Bürgerbauten. Es sind einige. Vor der Kaserne Auch beim Militär war der Oberst a. D. Fankhauser. Die Stadtkaserne hat die Garnisonsstadt Frauenfeld landes­ weit bekannt gemacht. Schräg gegenüber vom Bahnhof steht sie, gebaut kurz nach Eröffnung der neuen Eisen­

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bahnstrecke Zürich–Romanshorn Mitte des 19. Jahrhun­ derts. Der kantige Block mit spärlich ausgezeichneter Symmetrieachse ist ein Baudenkmal von nationaler Be­ deutung. Und wird weiterhin genutzt, auch wenn es so aussieht, als würde er leer stehen. Fankhauser holt ein Buch aus seinem Rucksack: ‹ Sie bauten den Thurgau ›, gemeint ist die Architektenfamilie Brenner. Die Kaserne stammt vom Ältesten, Johann Joachim Brenner, der sich an der Universität Zürich zum Architekten hatte ausbil­ den lassen. « D er hat fast alle Schulbauten im Kanton ge­ baut – manche davon gleich mehrmals », schmunzelt der Denkmalpfleger. 1864 stellte Brenner die Kaserne fertig, im gleichen Jahr wie Gottfried Semper sein ETH-Gebäude. Ein paar WK-Gestalten schlendern über den Kaser­ nenhof, vorbei an knorrigen Birken. Der Hof zwischen dem steinernen Kopfbau und der hölzernen Reithalle mit dem Doppelgiebel soll vorerst so bleiben, wie er ist, auch wenn das Militär hier bald auszieht. Das Siegerprojekt des kürz­ lich entschiedenen Architekturwettbewerbs nahm den Druck von den Kasernenbauten und den historischen Frei­ räumen, stattdessen ballte er grossstadtartig alle Neubau­ ten entlang der Bahn oder ans andere Ende des Oberen Mätteli. Über diesen ehemaligen Exerzierplatz hinter der Kaserne gehen wir nun. Wir bahnen uns den Weg zwischen den parkierenden Autos zur ‹ S chanze › des Staatsarchivs, einen vor einigen Jahren neugebauten Sockel aus rotem Backstein mit mächtigen Platanen darauf. Die Treppe hoch, bald stehen wir oben, auf der Ebene der Altstadt. Deren Häuser blicken mit ihren Rückseiten über die Kaserne auf das Kurzdorf, das Quartier jenseits von Bahnhof und Murg. Die Häuser hier oben sind meis­ tens klein, zweigeschossig, etwas heruntergekommen. Dazwischen findet sich heiterer Heimatstil mit Eck-Erker, dem Markenzeichen Albert Brenners, dem Nächsten in der dynastischen Reihe, wie der Denkmalpfleger auf dem Spaziergang durch die Stadt erklärt. Brenners stolzes

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Gewerbehaus, der Konsumhof, schiebt sich mit Giebeln, Dachlandschaft und Erker in die Zürcherstrasse, der wir nun folgen. Hier begann sich Frauenfeld vor über hundert Jahren zu entwickeln. Über die Promenade Was ist für Sie Frauenfeld ? Diese Frage hatte ich mei­ nem Begleiter gleich zu Beginn gestellt. Seine Antwort war: « Die Altstadt, vor allem aber die repräsentativen Bauten an der Promenade. » Dort sind wir nun angekom­ men. 1803 wurde die Stadt Kantonshauptort des Thurgaus. Weinfelden protestierte und bekam zum Trost die Kanto­ nalbank und hat in jedem Winterhalbjahr das Kantons­ parlament zu Gast. Die Promenadenstrasse legte man im Laufe des 19. Jahrhunderts auf dem zugeschütteten Stadt­ graben an. Bäume und Botanischer Garten luden zum Fla­ nieren ein. Hier zeigt der Kantonshauptort sein Gesicht: ehemalige Kantonsschule, Promenadenschulhaus, Ver­ lagshaus Huber. Brenner, Brenner, Brenner. Johann Jo­ achim war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, baute ein öffentliches Gebäude nach dem anderen. Die Kantonsschule wurde schon Anfang des 20. Jahr­ hunderts zur Kantonsbibliothek, das Schulhaus musste in den Sechzigerjahren dem ‹ Glaspalast › weichen, einem schneidigen Bürobau, für den der damalige Hochbauzeich­ nerstift Fankhauser seine ersten Linien zog. Das promi­ nenteste Haus schliesst den Raum der Promenade: 1868 bekam der Kanton Thurgau nicht nur die erste Verfassung, sondern auch ein Regierungsgebäude. « S olche Allüren kennt man sonst nicht von Frauenfeld. » Die Promenade mit der Wiener Ringstrasse zu vergleichen, sagt Fankhau­ ser, sei vielleicht doch etwas hochgegriffen – sein stolzer Blick sagt aber eher etwas anderes. Die neudichte Wohn­ überbauung, die hinter dem Frauenfelder Ring aufragt, schimpft er « unanständig ». Besonders abends zerstöre sie die schöne Lichtstimmung. In die Altstadt Aber es gab schon schlimmere Zeiten. Von ihnen er­ zählt der Denkmalpfleger nun. Durch eine enge Gasse schlüpfen wir auf eine der beiden Altstadtstrassen, bli­ cken auf die Fassaden schmucker Bürgerhäuser. « Das ist zum grössten Teil Kulisse. » Zweimal brannte Frauenfeld, 1772 und 1788. Nur wenige Häuser blieben damals stehen. Und das, was danach gebaut wurde, habe man später aus­ gehöhlt: das Luzernerhaus, die Krone, den Goldenen Be­ cher. Statt sich im Alten einzurichten, liess man nur die Fassaden stehen. Dort, hinter den Fenstergittern waren die Zellen des alten Kantonsgefängnisses: Raus, das Ge­ fängnis kam in einen Neubau im Langdorf. Dann richtete sich ausgerechnet das Archäologische Museum dort ein. « Und im Zürcherhaus verkaufen sie jetzt Unterwäsche. » Eine der beiden Altstadtstrassen ist gepflastert. Auf ihr dürfen Autos nur noch sporadisch fahren, am Wochenen­ de gar nicht mehr. Doch die Ladenbesitzer protestieren ob der ausbleibenden Kundschaft, manche schliessen. Fankhauser fragt sich, ob Läden die richtige Strategie für diesen Ort seien. Warum richte man in der Altstadt nicht wieder mehr Wohnungen ein ? « Statt auf dem Balkon könn­ te man hier auf der Strasse sitzen. » Auf diese Idee kommt man am südlichen Ende der Alt­ stadt nicht. Am Rathausplatz steht das Rathaus, doch ei­ nen Platz gibt es nicht mehr. Stattdessen kappt eine enge Durchgangsstrasse die Altstadtzeilen. « Hier ist keine Fas­ sade älter als fünfzig Jahre », schreit der Denkmalpfleger gegen den Verkehr an. Autos, Lastwagen, Busse, Frauen­ feld-Wil-Bahn – all das spült von Nordosten die Rheinstras­ se hinauf, wirbelt um den Kreisverkehr beim Schloss und

braust weiter Richtung St. Gallen. Der Verkehr, das spürt man an diesem Nadelöhr besser als irgendwo sonst, ist eines der ungelösten Probleme der Stadt. Fankhauser schlägt das Brenner-Buch auf, um zu zeigen, dass es hier nicht erst heute zu eng ist. Ein Geschäftshaus aus den Zwanzigerjahren blieb nach einem Wettbewerb Papier. Ex­ pressiv gezeichnet träumte es mit wuchtigem Stufengie­ bel und Arkade von der Grossstadt. Etwas die Strasse herunter geht der Traum aktuell weiter. Die Kuppel der alten Post ist eingerüstet. Von ihr gingen einst alle Telefonleitungen Frauenfelds ab. Dahin­ ter wächst ein Neubau mit Büros und Wohnungen stattlich in die Höhe. Höher als der braune Vorgänger aus den Acht­ zigerjahren, zu hoch für Urs Fankhauser. Die Architekten denken an Verdichtung. Er denkt in den Dimensionen der historischen Nachbarschaft, an Massstäblichkeit. Von der Bleiche zur Gerberei Hinterm Schloss überqueren wir die Murg. Was hier in den Achtzigerjahren links unterhalb der Brücke einen un­ schönen Anfang nahm, wurde rechts schliesslich gut. Der unschöne Anfang ist ein Coop-Grosskasten in der Bleiche, wie das Ufer gegenüber Schloss und Rathaus heisst. Fank­ hauser schüttelt den Kopf: « Dafür hat man schöne Häuser abgerissen, statt eine Beiz zu machen, direkt am Wasser. » Die Beiz kam dann doch noch. Vor zehn Jahren erweiterte man das Haus an der Strasse nach hinten und fasste mit einem Neubau den Platz dahinter. Nun kann man dort am Ufer einen Kaffee trinken. Auf der anderen Strassenseite haben kleine Gewerbe­ häuser überlebt. Das Wasser der Murg speiste hier lange Zeit eine Gerberei. Jetzt haben sich hier, in der ‹ Gerbi ›, Lä­ den des gehobenen Bedarfs in die Häuser aus Backstein, Fachwerk oder Putzpatina eingenistet, handeln mit Wein, Hifi-Anlagen oder fairen Lebensmitteln. Dass hier noch so viel erhalten blieb, liege wohl auch an den Altlasten im Boden, meint Fankhauser. Doch eine Studie zeigte das Potenzial dieses kleinteiligen Ortes, der nicht schön ist, aber gewachsen. Ein neuer Fussgängersteg quert die Murg Richtung Bahnhof. Man passiert Beizen, einen Blumenla­ den und blickt auf die vom Hochwasser bemoosten Sockel der alten Häuser, die auch die Wand der hier kanalisierten Murg bilden. Neben uns ragt die Baustelle des Postneu­ baus in die Höhe. Dessen Rückseite ist durch das tiefere Niveau des Bodens hier noch um zwei Geschosse höher, doch dieser Ort verträgt die Höhe, findet der Denkmal­ pfleger. « Hier entwickelt Frauenfeld städtische Qualitä­ ten », meint er versöhnlich. 

Chronologie Frauenfelds Frauenfeld entstand im 13. Jahrhundert als befestigte Kleinstadt. Der Bau des Schlossturms lässt sich auf die Zeit um 1230 datieren, 1246 wurde die Siedlung erstmals urkundlich erwähnt. 1460 eroberten die Eidgenossen den Thurgau, ab 1532 residierte der eidgenössische Landvogt im Schloss. Zwischen 1712 und 1798 tagte die Tagsatzung – die Versammlung der ­alten Eidgenossenschaft – häufig in Frauenfeld. Davon zeugen heute noch prächtige Gesandtschaftshäuser

wie das Bernerhaus. Seit 1798 ist Frauenfeld Hauptort des selbstständigen Thurgaus, das Kantonsparlament tagt jedoch im halbjährlichen Wechsel auch in Wein­ felden. Mit der Aufhebung alter Gewerbe­ beschränkungen entstanden Betriebe der Textil- und Metallindustrie sowie der Nahrungsmittelverarbeitung entlang der Murgkanäle. Der Textilfabrikant Bernhard Greuter liess den Stadtgraben ­auffüllen und 1816 die repräsentative Promenade anlegen. Den Bau der Kaserne von 1865 finanzierte die Bürgergemeinde.

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Wo heute der preisgekrönte Murg-Auen-Park zur Erholung einlädt, übte früher das Militär, siehe Seite 12.

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Das Gesicht Frauenfelds: Historistische Bauten prägen die Promenade, aber es gibt auch zeitgenössische Architektur. Themenheft von Hochparterre, Juni - Juli 2017 — Frauenfeld — Grossstadtträume, gestern und heute

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1 Murg-Auen-Park, Staufer & Hasler Architekten.

2  Umbau und Neubau Hauptpost, Staufer & Hasler Architekten, Grundriss Erdgeschoss.

BUSHALTESTELLE

Öffentliche Bauten Zurück zur Natur

Der Murg-Auen-Park ist ein Lehrstück für die überregulierte, verplante Schweiz. Auf dem ehemaligen Armeegelände, einer Fläche so gross wie sechs Fussballfelder, darf sich die Natur wieder frei entfalten. Sie muss nicht mehr nur nützlich sein. Ein Spazierweg führt durch eine Furt, einige Pfade liegen in den Schwemmauen und bei Hochwasser landunter. Wer nasse Füsse kriegt, ist selbst schuld. Überkonzipierte Spielplätze oder kindersichere Stege sucht man hier vergebens. Eltern, die sich für ihren Nachwuchs Freiräume wünschen, sollten einen Besuch im zum Park gehörenden sogenannten Buebewäldli ins Auge fassen, auch mit Töchtern. Der Murg-Auen-Park ist aber auch ein Lehrstück punkto Interdisziplinarität. Die Planung war ein Zusammenspiel aus Landschaftsarchitektur, Tief-, Hoch- und Brückenbau sowie Hochwasser- und Naturschutz. Als Initiator des Projekts übernahm Thomas Hasler mit seinem Büro die Gesamtleitung des Spezialistenteams. Er hatte das Potenzial der frei werdenden Fläche früh erkannt, die Behörden darauf aufmerksam gemacht und für den Stadtpark lobbyiert. Gerade im Zuge der rasanten Verdichtung in den Städten gilt es, rechtzeitig Grünflächen zu sichern, in der Menschen Erholung und Tiere Lebensräume finden können. Heute ist der Park im Masterplan der

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Rheinstrasse 3

2  Umbau und Neubau Hauptpost, Strassenansicht.

1 Murg-Auen-Park.

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BUSHALTESTELLE

Stadt Frauenfeld einer der grünen Finger entlang von Wasserläufen, die die Innenstadt mit dem umliegenden Naturraum verbinden. Drei neue Stege und ein neues Wegnetz führen durch das Schwemmgebiet und bieten Anschluss an die umliegenden Stadtquartiere. Der alte Flussverlauf wurde wiederhergestellt und mit Wasserläufen, Kiesbänken und Holzstämmen bespielt. Im Südspitz des Parks ersetzt ein Pavillon drei Militärbaracken. Die einfache Konstruktion aus Betonstützen und Holzdach besteht aus einem Innen- und einem Aussenbereich – der Pavillon ist damit Unterstand, Festhütte, Café und Holz­ ofenbäckerei in einem. Die Frauenfelder Bevölkerung hat den Park zwischen der Murg und dem Mühlewiesenkanal schon nach kurzer Zeit ins Herz geschlossen. Bei schönem Wetter trifft sich hier Jung und Alt beim Joggen oder Faulenzen, Kaffeetrinken oder Wasserstauen. Der Park gefällt aber auch der vom Aussterben bedrohten Nase, einem Fisch, der hier seit Kurzem wieder laicht. Für die vorbildliche Leistung erhielt das interdisziplinäre Team 2016 den goldenen Hasen siehe Hochparterre 12 / 16 und den Schulthess Gartenpreis 2017. Murg-Auen-Park, 2015 Mühlewiesenstrasse Bauherrschaft:  Stadt Frauenfeld und Kanton Thurgau Masterplan / Gesamtleitung:  Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld Auftragsart:  Planerwahlverfahren, 2011 Landschaftsarchitektur:  Martin Klauser, Rorschach Brücken und Stege:  Conzett Bronzini Gartmann, Chur Gesamtkosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 7,4 Mio.

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Kaffeetrinken in der Post

In alten Postmauern kann man heute vegetarisch essen, ein Hotelzimmer bewohnen oder Bücher ausleihen: Die Schweizer Post verlässt zunehmend ihre Repräsentationsbauten und überlässt es neuen Nutzern, die altehrwürdigen Räume sinnvoll auszufüllen. In Frauenfelds alter Poststelle wird man bald Kaffee trinken können. Diese war allerdings schon in den Achtzigerjahren aus dem historistischen Gebäude des Semperschülers und Bundespostbauers Theodor Gohl von 1898 ausgezogen und hatte ihre Schalter in einen neuen Anbau verlegt. Statt diesen zu sanieren, schlugen die Architekten einen fünfgeschossigen Neubau vor, der sich z-förmig um die alte Post legt. Zusammen fassen die beiden Gebäude einen Hof, sodass die rekonstruierte Rückfassade des Altbaus zur Geltung kommt. An der Rheinstrasse verweist die reliefartige Fassade des Neubaus auf die alte Post und entwickelt doch einen eigenständigen Charakter: Arkaden führen die Sockellinie des Altbaus fort, und regelmässig angeordnete, schmale Fensteröffnungen nehmen seinen Rhythmus auf. Im Attikageschoss, das auf Traufhöhe des Altbaus beginnt, wirken raumhohe Fenster wie zinnenartige Einschnitte, lockern so die Fassade auf und relativieren die stattliche Gebäudehöhe. Das historische Postgebäude erstrahlt in altem Glanz, nachdem es vor 25 Jahren entkernt und seine Fassade teilweise entfernt worden war. An städtebaulich prominenter Lage wird es im Erdgeschoss neu ein Café und Läden beherber-

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4  Verwaltungsgebäude Promenade, Staufer & Hasler Architekten.

3 Regierungsgebäude, Staufer & Hasler Architekten.

4  Verwaltungsgebäude Promenade, ‹ Glaspalast › .

Säulenachse

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3 Regierungsgebäude, Grundriss Erdgeschoss.

gen und damit den öffentlichen Raum und die Rheinstrasse als wichtige Verbindung zwischen Innenstadt und Schlosspark aufwerten. In den oberen Geschossen befinden sich Büroflächen und drei Wohnungen. Die Poststelle kommt wieder ins Erdgeschoss des Anbaus, im Geschoss darüber eine Postfinance-Filiale. In den 46 Wohnungen darüber lässt es sich städtisch wohnen. Hauptpost, 2018 Rheinstrasse 1 Bauherrschaft:  Die Schweizerische Post Architektur und Bauleitung:  Staufer & Hasler, Frauenfeld Auftragsart:  Wettbewerb, 2009 Landschaftsarchitektur:  Martin Klauser, Rorschach Bauingenieure:  SJB Kempter Fitze, Frauenfeld HLKK:  Calorex, Wil Gesamtkosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 35,5 Mio.

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Entrümpelter Palast

Die restaurierte Fassade des Thurgauer Regierungsgebäudes ist nicht nur für die Frauenfelder ein vertrautes Bild – es wagen sich sogar Waldtiere auf den Vorplatz ! Fuchs und Hase begrüssen zusammen mit einem Wildschwein, einem Biber und einer Eule die Passanten. Die Bronzetiere sind Teil der neuen Aussenraumgestaltung. Der Thurgauer Architekt und spätere Bauin­ spektor des Kantons, Johann Joachim Brenner, hatte den Regierungssitz 1868 fertiggestellt . Sein Sohn Albert Brenner hatte ihn in den 1930er-Jahren mit einem Betonanbau zur L - Form ergänzt. Den neuen Ostflügel – äusserlich gleich wie der Bestand – bezog damals das Staatsarchiv. Das bedeutete einen erhöhten Brandschutz, Ge-

schossabschlüsse und kleinteilige Raumeinheiten – der Flügel hatte eine ganz andere Nutzung als die, die man von aussen vermutete. Als dann das Staatsarchiv 2011 ins ehemalige Zeughaus umzog, ergriff man die Gelegenheit, die eigentlich grosszügigen Hallen und Räume zu entrümpeln und das Innere umzustrukturieren. Im Eingangsbereich öffneten die Architekten zugemauerte Bögen, im Treppenhaus Geschoss­ abschlüsse und Treppenläufe. Ein ehemaliger Archivraum unter Gewölbebögen dient heute als luftige Säulenhalle für repräsentative Anlässe. In den historischen Räumen sanierten die Architekten das Holzwerk, vermieden aber Brüche bei Materialien und Farben. Neu hinzugefügte Teile sind dennoch keine Rekonstruktionen, sondern Neuinterpretationen. Regierungsgebäude, 2013 Zürcherstrasse 188 Bauherrschaft:  Hochbauamt des Kanton Thurgau Architektur, Bauleitung und Landschaftsarchitektur:  Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld Auftragsart:  Wettbewerb, 2008 Bauingenieure:  SJB.Kempter.Fitze, Frauenfeld HLKK:  Calorex, Wil Kunst-und-Bau:  Joëlle Allet, Sirnach Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 23 Mio.

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Spurlos saniert

Dort, wo früher ein städtisches Schulhaus stand, setzten die Grenchner Architekten Müller und Haldemann im Jahr 1968 ein L - förmiges Verwaltungsgebäude. Trotz seiner radikal-modernen Formensprache fügt sich der sogenannte Glas-

palast erstaunlich gut in die Reihe der repräsentativen Regierungsbauten an der Promenade ein. Nach vierzigjährigem Gebrauch war eine Sanierung unumgänglich: Der Spritzasbest wurde entfernt. Statt der Luft- ist nun eine Wasserkühlung im Einsatz, die weniger Energie braucht, hinter der bestehenden Verkleidung liegt eine neue Wärmedämmung. Bauherrschaft und Architekten mussten einige schmerzliche Entscheide treffen. Aus Brandschutzgründen war es nötig, die offenen, leichten Stahltreppen durch sich abschliessende Fluchttreppenhäuser zu ersetzen. Der würdige Ersatz: Treppenkerne mit Sichtbetonwänden und Gelän­ dern aus poliertem Chromstahl. Auch die neu interpretierten Brüstungskanäle, die Liftauskleidungen und die grauen Kautschukböden fügen sich gut in den Bestand ein. Aussen hat der Umbau kaum Spuren hinterlassen. Dank einer neuen Umgebungsgestaltung ist das Gebäude aber nun besser zu sehen. Am Brunnenplatz zwischen Verwaltungsgebäude und Bibliothek spiegeln sich Gebäude und städtische Umgebung in vier Farbtafeln des Künstlers Christoph Rütimann. Verwaltungsgebäude Promenade, 2010 Promenadenstrasse 8 Bauherrschaft:  Hochbauamt des Kanton Thurgau Architektur, Bauleitung und Landschaftsarchitektur: Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld Auftragsart:  Wettbewerb, 2004 Bauingenieure:  SJB Kempter Fitze, Frauenfeld HLKK:  Calorex, Wil Kunst-und-Bau:  Christoph Rütimann, Müllheim Dorf Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 19 Mio.

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1  Kantonsspital, Projekt Horizont, Schneider &  Schneider Architekten.

2  Kantonsspital, Notfall- und Intensivstation.

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1–3  Die drei Projekte des Kantonsspitals. 3  Kantonsspital, Parkierungsanlage.

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Neualtes Wahrzeichen

Das Kantonsspital Frauenfeld macht sich fit für die medizinische Zukunft: Der Gebäudekomplex von 1974 wird in mehreren Etappen saniert, erweitert und erhält ein neues Bettenhochhaus. Neu sollen auch ein hochmoderner Operationsbereich und eine interdisziplinäre medizinische Diagnostik-Abteilung Platz finden. Schon vor knapp zehn Jahren konnte das Spital die neue Notfall- und Intensivstation in Betrieb nehmen. Der zweigeschossige, längliche Bau fügt sich im Osten an den Sockel des Hauptbaus an. Wie Spielbauklötze stapeln sich Brüstungen, Pfeiler und Fensterstürze aus vorfabrizierten Betonelementen leicht versetzt aufeinander und schaffen ein plastisches Fassadenbild. Die grossen Fensteröffnungen sind vertikal unterteilt in zwei grössere Flügel und einen schmalen Lüftungsflügel, der von auskragenden Mattglasscheiben eingerahmt und akzentuiert wird. Fenster und Pfeiler im ersten und zweiten Geschoss sind versetzt und gespiegelt angeordnet und brechen die klassische Ordnung. Vom Eingang schmiegen sich Gänge wie die Flügel eines Windrads um einen zentralen Kern, die Notfallzimmer sind entlang der Fassaden angeordnet. Das Spital selbst bereitet ankommenden Besucherinnen und Mitarbeitern seit drei Jahren ebenfalls einen besser organisierten Empfang.

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Mit dem öffentlichen Verkehr Anreisende steigen direkt vor dem Spital aus dem Bus, wo sie ein markantes, von kräftigen Säulen getragenes Dach vor Wind und Wetter schützt. Wer individuell unterwegs ist, stellt sein Auto auf einen von 426 Plätzen in der neuen Parkgarage. Sie bildet zusammen mit der Einstellhalle der Rettungsautos den südöstlichen Abschluss des Spitalareals. Das langgezogene Parkhaus ist in das leicht ansteigende Gelände eingebettet und tritt von aussen nur eingeschossig in Erscheinung. Das prägnante Dach darüber, das auf V-förmigen Stützen steht, ist von den höher gelegenen Wohngebieten dank Dachbegrünung kaum zu sehen. Zwei weitere Geschosse sind in den Boden vergraben. Die Autos verschwinden über kurze Schlaufen in die Unterwelt und tauchen über kaskadenförmige Rampen wieder auf. Ein Farbsystem hilft den Besuchern, sich im Parkhaus zu orientieren: Grün leuchtet das Erdgeschoss, die Farbe Blau prägt das erste Untergeschoss, Rot das zweite. In der aktuellen Bauetappe fügen die Architekten nordseitig einen Operationstrakt an den Hauptbau an. Darüber wächst der neue Bettenturm wie eine Baumkrone aus dem Sockel. Mit sechs Geschossen ist er weniger hoch und nicht so feingliedrig wie sein Vorgänger. Die Fassade aus profilierten, vorgehängten Aluminiumelemen­-

ten und mehrfach geteilten Fensterflächen entwickelt eine beeindruckende Tiefenwirkung: Bestimmt wird der Bau aus der Ferne als Skulptur erkennbar und wie sein Vorgänger ein Wahrzeichen der Stadt Frauenfeld werden. Selbstredend muss die Fassade auch alle funktionalen Anforderungen erfüllen, etwa thermische Dynamik sowie äusseren Sonnen- und Blendschutz. Kantonsspital Frauenfeld 1 Projekt Horizont, 2020 Pfaffenholzstrasse Bauherrschaft:  Thurmed Immobilien, Frauenfeld Architektur, Gesamtleitung:  Schneider & Schneider, Aarau Auftragsart:  Wettbewerb, 2002 Landschaftsarchitektur:  Appert Zwahlen Partner, Cham Gesamtkosten ( SKP 1 - 9 ):  Fr. 277,8 Mio.  2 Notfall- und Intensivstation, 2008 Pfaffenholzstrasse Bauherrschaft:  Hochbauamt des Kantons Thurgau Architektur, Gesamtleitung:  Schneider & Schneider, Aarau Auftragsart:  Wettbewerb, 2002 Landschaftsarchitektur:  Appert & Zwahlen, Cham Gesamtkosten ( SKP 1 - 9 ):  Fr. 29,1 Mio. 3 Parkierungsanlage, 2014 Lachenstrasse Bauherrschaft:  Hochbauamt des Kantons Thurgau / Thurmed Immobilien, Frauenfeld Architektur, Gesamtleitung:  Schneider & Schneider, Aarau Auftragsart:  Wettbewerb, 2002 Landschaftsarchitektur:  Appert Zwahlen Partner, Cham Gesamtkosten ( BKP 1 - 9 ):  Fr. 12,9 Mio.

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4  Bildungszentrum Technik, Jessenvollenweider Architektur.

S T A A T S A R C H I V

5  Staatsarchiv Thurgau, Jessenvollenweider Architektur, Querschnitt.

6  Sanierung und Erweiterung Schulhaus Auen, Grundriss Erdgeschoss.

5  Staatsarchiv Thurgau.

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6  Sanierung und Erweiterung Schulhaus Auen, Jessenvollenweider Architektur.

Feinfühlig erweitert

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Zwischen Altstadt und Hofraum

Der langgezogene Rücken des Bildungszentrums wendet sich der Strasse zu, seine innere Kontur zeichnet die Flussbiegung nach. Dunkelblaues Aluminium und fast raumhohe Fenster prägen die Fassade. Fugenlos und beinahe unkenntlich schliesst sich die Erweiterung an den Bau an, den Antoniol + Huber 1976 realisiert haben. Einen Hinweis auf einen Wechsel vom Skelett- zum Massivbau liefert der Betonsockel in der südlichen Gebäudehälfte, über dem die beiden Obergeschosse auskragen. Im Innern unterscheidet sich der Neubau merklich vom alten: hier Sichtbeton, dort Leichtbauwände mit Kunstharzoberflächen in vier Grüntönen. Der alte, künstlich belichtete Mittelgang weitet sich an der Bruchstelle zu einem geräumigen Treppenhaus mit Tageslicht. Besucher der Mensa, die direkt unter der Auskragung liegt, geniessen den Blick auf das Flussufer und die vorbeifliessende Murg.

Wer das Thurgauer Staatsarchiv besucht, sollte sich ihm von unten nähern. Die eindrückliche Stützmauer aus Ziegeln in verschiedenen Rot­ tönen ist klar die Hauptattraktion. Sie birgt das dreigeschossig in den Hang gebaute Endarchiv. Eine Treppe führt zwischen Archiv und Mittelbau zur Aussichtsterrasse hoch, auf der die beiden ältesten Platanen der Stadt thronen. Links geht es weiter über Zeughaushof und Haupteingang in den Mittelbau mit Archiv, Bibliothek und Lesesaal. Im seitlichen Wagensaal liegen die Arbeitsplätze, unter dem Hof das Zwischenarchiv. Die einzelnen Bauten auf dem Zeughaus­ areal sind über zwei Jahrhunderte hinweg zu einer Einheit verwachsen: mit durchgehendem Sockel, gleichen Fenstergewänden und Farbtonalität. Das Staatsarchiv wurde von sechs Standorten an den heutigen verlegt und bietet Lagerplatz für die nächsten dreissig Jahre.

Bildungszentrum Technik, 2011 Kurzenerchingerstrasse 8 Bauherrschaft:  Kantonales Hochbauamt, Frauenfeld Architektur:  Jessenvollenweider Architektur, Basel Auftragsart:  Wettbewerb, 2006 Gesamtkosten (BKP 1–9):  Fr. 19,4 Mio.

Staatsarchiv Thurgau, 2011 Zürcherstrasse 221 Bauherrschaft:  Kantonales Hochbauamt, Frauenfeld Architektur:  Jessenvollenweider Architektur, Basel Auftragsart:  Wettbewerb, 2005 Gesamtkosten (BKP 1–9):  Fr. 19,4 Mio.

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Mutige Mittelachse

Die bemerkenswerte Schulanlage Auen von Alfons Barth und Hans Zaugg aus dem Jahr 1969 ist längst geschützt. Die Vertreter der Solothurner Schule ergänzten ihr Ensemble aus drei kubischen Bauten 25 Jahre später um einen vierten. Nach mittlerweile bald fünfzig Jahren stehen nun Sanierung und Erweiterung an. Mutig setzen die Architekten einen länglichen Pavillon und zwei Überdachungen in die Mittelachse der Anlage und erhalten damit die bestehende Symmetrie. Der Pavillon zwischen dem Schulhaus und der Turnhalle nimmt das Bistro und die Aula auf, darunter liegt eine Turnhalle. Die Glasfassaden der neuen Bauten haben ein offeneres Raster als die bestehenden. Die Dächer werden von aussenliegenden Stützen getragen. Sanierung und Erweiterung Schulhaus Auen, 2020 Thurstrasse 23 Bauherrschaft:  Sekundarschulgemeinde Frauenfeld Architektur:  Jessenvollenweider Architektur, Basel Auftragsart:  Wettbewerb, 2014 Landschaftsarchitektur:  Andreas Geser, Zürich Gesamtkosten (BKP 1–9):  Fr. 47 Mio.

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Areale und Planungen 1 Stadtkaserne, Park Architekten, ab 2021 2 Kaserne Auenfeld, Baumschlager Eberle, 2026 3 Walzmühle Areal, Antoniol + Huber + Partner, 2019 / 2022 L angdorf Öffentliche Gebäude 1 Murg-Auen-Park, Staufer & Hasler, 2015 2 Hauptpost, Staufer & Hasler, 2018 3 Regierungsgebäude, Staufer & Hasler, 2013 4 Verwaltung Promenade ( ‹ Glaspalast › ), Staufer & Hasler, 2010 5 Kantonsspital, Notfall- und Intensiv station, Schneider & Schneider, 2008 6 Kantonsspital, Parkhaus, Schneider & Schneider, 2014 7 Kantonsspital, Projekt Horizont, Schneider & Schneider, 2020 8 Bildungszentrum Technik, Jessenvollenweider, 2011 9 Staatsarchiv Thurgau, Jessenvollenweider, 2011 10 Schulhaus Auen, Jessenvollenweider, 2019

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Wohnungsbau 1 Stadthäuser im Algisser, Antoniol + Huber + Partner, 2008 2 Wohnüberbauung Teuchelwies, Harder Spreyermann, 2009 3 Parksiedlung Talacker, Ackermann Architekten, 2010 / 11 4 Wohn- und Gewerbehäuser, Meier Hug, 2009 5 Alters- und Pflegeheim Bürgergemeinde, ABE Architekten, 2017 6 Wohnen Lindenweg, Stutz Bolt Partner, 2020 7 Wohnüberbauung Murgareal, Burkhalter Sumi, 2017 8 Huberareal, Itten & Brechbühl /  Harder Spreyermann, 2015

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Verkehr 1 Zürcherstrasse Ost 2 Promenade 3 St. Gallerstrasse 4 Rheinstrasse–Rathaus 5 Bahnhofplatz 6 S-Bahnhaltestelle Langdorf 7 Oststrasse 8 Variante Erschliessung Langdorf 9 Stadtentlastung, mögliche kurze und lange Variante

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Weitere Orte 1 Eisenwerk 2 Cinema Luna 3 Promenade 4 Altstadt / Freiestrasse 5 Rathausplatz 6 Bleiche 7 ‹ Gerbi › -Areal 8 Tower-Kreisel 9 Einfamilienhausquartier Gertwies 10 Marktplatz ( ‹ Viehmarktplatz › ) 11 Gewerbehaus Skyframe 12 Paketpostzentrum

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1  Stadtkaserne und Oberes Mätteli, Park Architekten.

2  Mischnutzung Kaserne Auenfeld, Baumschlager Eberle Architekten.

1  Stadtkaserne und Oberes Mätteli.

Areale Zukunfts- statt Marschmusik in der Stadtkaserne

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Sich abends am Kasernenplatz auf ein Bier treffen ? Oder im Seminarhotel im Kasernen-Kopfbau eine Tagung besuchen ? Unter den Bögen des Eidgenössischen Zeughauses ‹ lädele › ? – Was heute noch wie Zukunftsmusik klingt, könnte für die Frauenfelder Bevölkerung bald Realität sein. Die Tage der Marschmusik sind gezählt: Die Schweizer Armee zieht 2021 aus der Stadtkaserne aus. Samt Parkplatz des Oberen Mättelis und der Park + Ride-­Halle sprechen wir von knapp 2,5 Hektaren Fläche. Das will geplant sein. Die Stadt führte Ende 2015 als Erstes eine Befragung der Bevölkerung durch. Resultat: In Frauenfeld wünscht man sich einen öffentlichen Ort mit einem vielfältigen, wirtschaftlich tragbaren Angebot in den Bereichen Bildung und Kultur. Das Areal soll aber auch Raum für Begegnung und Erholung bieten. Dieses Echo goss die Stadt in einen Wunschkatalog und startete einen mehrjährigen Planungsprozess: Der erste Schritt – ein städtebaulicher Ideenwettbewerb – wurde im Herbst 2016 abgeschlossen. Von den zwölf eingeladenen Teams siegten Park Architekten und ETH-Professor Philip Ursprung mit dem Projekt ‹ All day long ›. Bis Ende 2017 dürfen sie nun ihr

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Projekt, ebenso wie die Zweit- und die Drittplatzierten, zur Vertiefungsstudie weiterentwickeln, danach folgt der Masterplan für das Gesamtareal. Die Stadtkaserne beschreibt das Siegerteam als Heterotopie, gemäss Michel Foucault ein « anderer Ort », an dem Teile der Gesellschaft eigenen Regeln folgen. Nach dem Wegzug der Armee stellt sich die Frage: Heteropie ans Umfeld anpassen oder seine Charakteristik beibehalten ? Das grosse Gebiet mit den markanten Bauten sei eigentlich zu sperrig für Frauenfeld, so die Verfasser. Genau das fasziniert sie aber auch. Sie wollen die Leere nicht füllen und die Grösse nicht mindern. Das Kasernenareal soll integral erhalten bleiben, was wenige Eingriffe in die Substanz und geringere Investitionen bedeutet: So wäre es auch möglich, Räume für Start-ups und Jung­ unternehmer bereitzuhalten. Ebenso sollen die bestehenden Freiräume bleiben – Kasernenplatz, Kasernenhof, Oberes Mätteli. Neu hinzu kommt der Museumsplatz, der von Osten den Auftakt zum Areal gestaltet. Zwischen Bahnhofstrasse und Gleisen sind drei prägnante Längsbauten vorgesehen: zwei Neubauten und auf dem ehemaligen Eidgenössischen Zeughaus eine Aufstockung. Dass die Struktur des Bestands das Nutzungsspektrum stark einschränkt, war für die Stadt Frauenfeld eine wichtige Erkenntnis aus dem Ideenwettbewerb. Büros, ein Hotel oder Schulungsräume seien durchaus realisierbar ; ein modernes Museum im Kopfbau der Stadtkaserne

aber nur bedingt. Wohl deshalb setzen Park Architekten einen Kubus zwischen Oberes Mätteli und Museumsplatz, der Raum für Ausstellungen oder, konkreter, für ein neues Historisches Museum bieten soll. Stadtkaserne und Oberes Mätteli, ab 2021 Bahnhofstrasse Bauherrschaft:  Stadt Frauenfeld, Amt für Hochbau und Stadtplanung Auftragsart:  Städtebaulicher Ideenwettbewerb, 2016; Vertiefungsstudie, 2017 Architektur:  Park Architekten mit Philip Ursprung, Zürich Landschaftsarchitektur:  Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich

2  Ein grünes Quartier für die Schweizer Armee

Die Schweizer Armee zieht sich aus der Innenstadt zurück und hat den Frauenfeldern vor einigen Jahren auch das Buebewäldli überlassen, das ihr früher als Ausbildungsgelände diente siehe Murg-Auen-Park Seite 12. Dennoch soll Frauenfeld einer der wichtigsten Waffenplätze der Schweiz bleiben. Dafür wird das Areal Auenfeld nördlich der Stadt ausgebaut. Heute finden dort rund 650 Männer und Frauen Platz, bis 2030 sollen es 1700 sein. Die Architekten Baumschlager Eberle wollen aus dem Areal ein Quartier machen, in dem « eine Atmosphäre der Gemeinschaft » entstehen kann. Sie stärken die bestehende Struktur und erweitern sie behutsam. Das Rückgrat

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2  Mischnutzung Kaserne Auenfeld.

3  Überbauung Walzmühle, Antoniol + Huber + Partner.

2  Mischnutzung Kaserne Auenfeld. 3  Überbauung Walzmühle, Grundriss Erdgeschoss.

bildet die Militärstrasse, die sich mit der Haubitzenstrasse kreuzt und dort einen zentralen Platz ausbildet. Daran liegen das bestehende ovale Kommandogebäude, das aufgestockt wird, und ein neues, lichtes Versorgungszentrum, das an die Stelle des bisherigen tritt. Ein medizinisches Zentrum und zusätzliche Unterkunftsgebäude ergänzen die bestehenden Versorgungsbauten östlich der Quartierachse. Westlich davon befinden sich die Ausbildungshallen, das Lagergebäude und ein Werkhof. Um Ressourcen zu schonen, werden lediglich zwei Altbauten abgebrochen und der übrige Bestand auf Minergie-Standard ertüchtigt. Die alten Unterkunftsgebäude erweitern die Architekten um Zimmer- und Nasseinheiten. In den länglichen Neubauten im Norden des Areals entstehen zwischen Primärstruktur und Gebäudehülle nutzungsneutrale Flächen. Verschieden grosse Zimmer und Zonierungen erlauben es, die neuen Unterkünfte auf den jeweiligen Bedarf abzustimmen. Bäume sind ein zentrales Gestaltungselement: Sie machen die Militärstrasse zur Allee und fassen das Areal. Mischnutzung Kaserne Auenfeld, 2020–2026 Militärstrasse / Haubitzenstrasse Bauherrschaft:  Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, Bern Architektur:  Baumschlager Eberle Architekten, St. Gallen Auftragsart:  Wettbewerb, 2014 Landschaftsarchitektur:  Müller Illien, Zürich Gesamtkosten ( BKP 1 – 9 ): Fr. 270 Mio.

3 

Des Hofrats Vermächtnis

Heutige Gewerbler und künftige Bewohnerinnen des Walzmühleareals verdanken Josef Anton Müller einiges. Sein Regime im Walzmühlehaus war allerdings von kurzer Dauer. Der ehemalige Hofrat des russischen Zaren war 1831 in die alte Heimat gekommen, um einen Standort und Investoren für seine Vision zu finden: ein neuartiges Mahlverfahren. Bald nahm er den Bau des Walzmühlehauses am Ufer der Murg, südlich der Stadt, in Angriff, verstarb aber kurz nach Fertigstellung von Haus und Murgkanal. Auch seiner Vision war kein Erfolg beschieden: Die Walzenstühle funktionierten nicht wie gewünscht und mussten nachgerüstet werden. Die Mühle blieb trotz turbulentem Start bis 1872 in Betrieb. Später zog für einige Jahre eine Schnupftabakfabrikation ein und 1917 die Aluminiumwarenfabrik Ferdinand Sigg, die dort bis 1995 mit Turbinenkraft die bekannten Trinkflaschen und andere Erzeugnisse aus Aluminium herstellte. Aus dieser Ära stammen auch der Zentralbau, den Brenner & Stutz 1922 fertigstellten, und die Shed-Häuser von 1942. Seit die Firma Sigg in einen benachbarten Neubau umgezogen ist, nutzen einige kleinere Unternehmen, etwa eine Musikschule und ein Radio, die Räume im nördlichen Teil. Die neue Besitzerin möchte dem Areal nun mit einem Mix aus Gewerberäumen, Miet- und Eigentumswohnungen neues Leben einhauchen, ohne aber das industrielle Flair zu verlieren. Das

Walzmühlehaus und der Zentralbau sind denkmalpflegerisch wertvoll. Möglichst viel alte Sub­stanz soll erhalten bleiben. Nur die siebzigjährigen Shed-Häuser werden abgebrochen ; von ihnen bleibt nur die Nordfassade mit den hohen Glasfenstern übrig. Dort entstehen acht Reiheneinfamilienhauslofts mit grossen Innenhöfen. Im Zentralbau werden neben Atelier- und Gewerbe­ räumen auch Mietwohnungen realisiert. Die fachmännisch gefertigten Holzstützen samt Gebälk werden weitgehend erhalten und weiterhin den Charakter der Innenräume prägen. Im repräsentativen Walzmühlehaus mit seinen sieben Geschossen entstehen in der zweiten Bauetappe 21 Eigentumswohnungen mit 4,5 oder 5,5 Zimmern. Wer sich dort eine Wohnung leisten kann, wird dereinst den Blick nach Süden, zum Park und zum Murgufer, geniessen. Im Restaurant im Erdgeschoss können sich Bewohnerinnen und Besucher gleichermassen verköstigen. Das Walzmühleareal bleibt nämlich grösstenteils öffentlich begehbar: Der Murg-Wanderweg verläuft über das Areal, und auch der Park am Murgkanal ist öffentlich nutzbar. Überbauung Walzmühle, 2019 / 22 ( 1. / 2. Etappe ) Walzmühlestrasse 47–51 Bauherrschaft:  Hiag, Zug Architektur:  Antoniol + Huber + Partner, Frauenfeld Auftragsart:  Direktauftrag, 2012 Baumanagement:  Righetti Partner, Zürich

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2  Erneuerung Wohnüberbauung Teuchelwies, Harder Spreyermann Architekten.

4  Wohn- und Gewerbehaus zur Bleiche, Michael Meier und Marius Hug Architekten, Grundriss Regelgeschoss.

1  Stadthäuser im Algisser, Antoniol + Huber + Partner. 4  Wohn- und Gewerbehaus zur Bleiche. 3  Parksiedlung Talacker, Ackermann Architekt.

Wohnungsbau 1 

Kasbah im Grünen

Wo früher auf dem Bauerngut Algisser Pferde grasten, fügen sich heute Kuben aus Sichtbeton zu einem dichten Quartier. Fast wie in einer Kasbah führen schmale Gassen im Schutz von hohen Mauern zwischen die Zeilen und weiten sich zu halböffentlichen Plätzen. Auf der Westseite bieten Terrassen und Gartenhöfe private Aussenräume. Die sechs nord-süd-gerichteten Wohnzeilen sind in den zum Zentrum von Frauenfeld abfallenden Hang eingepasst. An ihrer Längsseite zeigt die Überbauung eine ruhige Horizontalität. Im Norden vermitteln höhere Kopfbauten zu den benachbarten Stadtvillen. Rund zehn Jahre nach Fertigstellung sind die Gebäude in die Umgebung eingewachsen. Stadthäuser im Algisser, 2008 ( Etappen seit 1999 ) Speicherstrasse 14–24 Bauherrschaft:  Bauherrengemeinschaft /  Stutz, Hatswil TG Architektur:  Antoniol + Huber + Partner, Frauenfeld Auftragsart:  Direktauftrag, 1999 Landschaftsarchitektur:  WMG Gartenarchitektur, Kreuzlingen TG Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 40 Mio.

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In alter Frische

Grün leuchten Markisen und Verputz und zeigen die Erneuerung der Wohnsiedlung Teuchelwies. Die drei versetzten und gestaffelten Bauzeilen aus den Sechzigerjahren wurden umfassend saniert und auf der Westseite um eine Schicht er-

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weitert. Das Entree, die Küche und das Ess-WohnZimmer bilden neu ein fliessendes Raumgefüge. Ein Schiebefenster zum Balkon und ein Panoramafenster blicken ins Grün der Umgebung. Dank Erker an den Stirnfassaden entstand ein zusätzliches Zimmer.

4 

Gestärkter Brückenkopf

Das Haus ‹ Zur Bleiche › erinnert an ein uraltes Handwerk, das vor dem Siegeszug der Chemie nicht aus der Textilverwertungskette wegzudenken war. Die Architekten haben das denkmalgeschützte Haus an der Brücke über die Murg behutsam saniert und hofseitig erweitert. Dort fasst Erneuerung Wohnüberbauung Teuchelwies, 2009 Teuchelwiesstrasse 8 / 10 / 12 es gemeinsam mit einem L - förmigen Neubau Bauherrschaft:  Helvetia Versicherungen, St. Gallen einen Platz, von dem aus man über den Fluss auf Architektur:  Harder Spreyermann Architekten, Zürich Schloss und Rathaus blickt. Gleichwohl betreten Auftragsart:  Studienauftrag, 2000 Landschaftsarchitektur:  Kuhn, Zürich Bewohnerinnen und Kunden der Läden das Haus Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 12,7 Mio. ‹ Zur Bleiche › von der geschäftigen Zürcherstras­ se. Seine grünliche Kratzputzfassade nimmt den 3  Durchblicke für Senioren Originalverputz des Riegelbaus auf und vermittelt Ergänzend zum benachbarten Alterszentrum zur gestockten Betonfassade des neuen Baukörbietet die Parksiedlung Talacker mit drei läng- pers auf Platzniveau. Über den Läden im Erdgelichen Volumen mit mehrfach geknickten Kan- schoss bieten die beiden Häuser Raum für das ten Wohnraum für Seniorinnen und Senioren. Stadtwohnen. Betonbrüstungen und Bandfenster prägen die Wohn- und Gewerbehaus zur Bleiche, 2009 viergeschossigen Bauten. Neben fünf Wohnun- Zürcherstrasse 146 / 148 Bauherrschaft:  Walter Bollag, Frauenfeld gen befinden sich auf jedem Geschoss eine Architektur:  Michael Meier und Marius Hug, Zürich Waschküche und ein Beschäftigungsraum, auf Auftragsart:  Direktauftrag, 2002; Gestaltungsplan, 2006 jedem zweiten Geschoss ein Pflegebad. Ausbli- Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 8 Mio. cke in den Park und Durchblicke in den Wohnungen machen die knappe Wohnfläche wett. Die 5  Altern im Stadtpark Hauptattraktion für Senioren und Besucherinnen Mit einem eleganten, L - förmigen Bau hatten die liegt aber vor der Haustür: der grosse, vielseitig Architekten Debrunner und Blankart 1956 den nutzbare Park. Stadtgarten im Norden gefasst und einen AbParksiedlung Talacker, 2010 / 11 schluss zur Strasse geschaffen. Später erfuhr das Zürcherstrasse 80, Oberwilerweg 3 + 5 Pflegezentrum verschiedene Erweiterungen. Seit Bauherrschaft:  Stadt Frauenfeld der neusten beruhigen zwei Anbauten das heArchitektur:  Ackermann Architekt, Basel terogene Ensemble. Ein eingeschossiger FlachAuftragsart:  Wettbewerb, 2006 bau dient als Haupteingang und vermittelt zwiLandschaftsarchitektur:  Martin Klauser, schen dem Bestand von 1956 und einem neuen, Rorschach SG dreigeschossigen Flügel. Der neue Pflegetrakt Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 30,3 Mio.

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6  Wohnsiedlung Lindenweg, Stutz Bolt Partner Architekten. Situationsplan (Bauprojekt)

8  Wohnüberbauung Huberareal, Harder Spreyermann Architekten, Lageplan.

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5  Erweiterung Pflegezentrum Stadtgarten, Allemann Bauer Eigenmann Architekten.

8  Wohnüberbauung Huberareal vom Park aus gesehen.

7  Wohnüberbauung Murgareal, Burkhalter Sumi Architekten.

wendet sich von den benachbarten Sportplätzen ab und blickt zum Stadtgarten. Zwischen den Bauten entsteht ein geschützter Aussenraum etwa für Demenzpatienten. Auch Besucherinnen der Cafeteria geniessen weiterhin den Blick ins Grüne. Die Keramikplatten des Sockels und der Putz darüber verweisen auf den Bestand. Erweiterung Pflegezentrum Stadtgarten, 2017 Stadtgartenweg 1 Bauherrschaft:  Altersheimstiftung der Bürgergemeinde Architektur:  Allemann Bauer Eigenmann, Zürich Auftragsart:  Projektwettbewerb auf Einladung, 2012 Landschaftsarchitektur:  Andreas Geser, Zürich Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 22 Mio. ( Neu- und Umbau ) 6 

Auenwohnlandschaft

Auf einem ehemaligen Werkhof entsteht eine Siedlung mit rund achtzig Wohnungen. Ein Gebäuderiegel begrenzt den Bauplatz zum Gleisfeld. Am anderen Ende platzieren die Architekten drei viergeschossige Bauten rechtwinklig zur Murg. Die flussufertypische Vegetation wächst mit der Zeit in die Siedlung hinein, Erschliessungsstege zwischen den Häusern evozieren das Bild einer Auenlandschaft. Leicht angehoben verleihen die Häuser dem Aussenraum mehr Gewicht. Der Längsbau kragt auf der Hofseite über dem geschosshohen Sockel aus, in dem Gewerbenutzungen vorgesehen sind.

Wohnsiedlung Lindenweg, 2020 Lindenweg Bauherrschaft:  Ernst Herzog, Frauenfeld Architektur:  Stutz Bolt Partner Architekten, Winterthur Auftragsart:  Wettbewerb, 2013 Landschaftsarchitektur:  Brogle Rüeger, Winterthur Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 55 Mio. 7 

Flussluft statt Ölduft

Auf dem Tanner-Areal, wo der namengebende Patron vor rund 140 Jahren sein Ölhandelsimperium aufzubauen begann, sind heute Kultur und Menschen zu Hause. Neben dem Altbau Tanner und dem daran von Staufer & Hasler angebauten Kino Luna spannen sich drei fünfgeschossige Baukörper zwischen Murguferweg und Bahn. Sie bilden den Abschluss des Lindenparks und spiegeln drei Wohnbauten, die nördlich des Altbaus stehen. Vom Bahnhof her überquert man einen langgezogenen, neuen Platz. Im Erdgeschoss der Bauten sind Ateliers, Gewerbenutzungen und ein Café vorgesehen. Die 2,5- und 3,5-Zimmer-Wohnungen darüber sollen Senioren, Studentinnen und Arbeitspendler mit Leben füllen. Aus ihren Wohnzimmern an den Stirnseiten blicken sie auf Fluss oder Gleise. Um die Schlafzimmer an der Längsseite vor Einblicken zu schützen, sind die französischen Fenster davor versetzt zur gegenüberliegenden Fassade angeordnet.

Wohnüberbauung Murgareal, 2017 Lindenstrasse 4, 6, 8 Bauherrschaft:  Profond Vorsorgeeinrichtung, Thalwil ZH Architektur:  Burkhalter Sumi Architekten, Zürich Auftragsart:  Wettbewerb, 2001 Landschaftsarchitektur:  Vogt, Zürich Gesamtkosten ( BKP 1–9 ):  Fr. 25 Mio. 8 

Botanisch wohnen

Das Gewerbehaus und die Huber-Villa sind die letzten gebauten Zeugen auf dem Areal des fast 200 Jahre bestehenden Ostschweizer Verlagsund Druckimperiums Huber. Zwischen die beiden Bauten haben die Architekten zwei Wohnriegel eingefügt: einen kürzeren mit Eigentumswohnungen und einen längeren mit Mietwohnungen. Der Park im Süden verbindet sich mit dem angrenzenden botanischen Garten. Aussen zeichnen die Balkone und die dunkleren Putzfelder um die Fensteröffnungen einen skulpturalen Körper. Wohnüberbauung Huberareal, 2015 Promenadenstrasse 16–18 / Schulstrasse 2–4 Bauherrschaft:  Wohnpark Promenade, Frauenfeld Architekten:  Harder Spreyermann, Zürich ( Projekt ) ; Itten + Brechbühl, Zürich ( Ausführung ) Auftragsart:  Wettbewerb, 2010 Landschaftsarchitektur:  Hoffmann & Müller, Zürich Gesamtkosten ( BKP 1 – 9 ):  Fr. 39,93 Mio.

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Reist man mit der Bahn nach Frauenfeld, ist der Bahnhofplatz das Entrée.

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Beherrscht die westliche Ortseinfahrt: die Zuckerfabrik. Themenheft von Hochparterre, Juni - Juli 2017 — Frauenfeld — Den Verkehr bändigen

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Frauenfeld 2030: Schlüsselprojekte S tadtentlastung Bahnhof Plus Innenstadt L angdorf

Den Verkehr bändigen Frauenfeld hat Verkehrsprobleme. Ob und wann die diskutierte Umfahrungsstrasse gebaut wird, ist ungewiss. Vorerst soll ein Mobilitätskonzept Abhilfe schaffen. Text: Suzanne Michel Visualisierung: C2F

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Die Tour mit Stadtingenieur Thomas Müller zu den Brenn­ punkten der Verkehrsführung in Frauenfeld beginnt bei einem ‹ Jahrhundertbauwerk ›. « D er erste unterirdische Kreisel Europas und in seiner spezifischen Anlage auch der erste der Welt », so heisst es in der Broschüre zur Er­ öffnung im Jahr 1999, liegt unter dem Bahnhofplatz. Müller muss laut sprechen. « Heute würde das wohl nicht mehr so realisiert », sagt er und zeigt am Kreisel auf die direkte Einfahrt in die Einstellhalle des benachbarten Einkaufszentrums. Samstags kommt es häufig vor, dass die Einkaufenden Rückstau auf den Kreisel produzieren. Trotzdem: Es hat schon etwas Verlockendes, den Auto­ verkehr unter den Boden zu verbannen, der Bahnhofplatz

gehört seither dem öffentlichen Verkehr und den Fuss­ gängern. Dennoch: Das Auto ist im Kanton Thurgau und in Frauenfeld bei Weitem das wichtigste Verkehrsmittel. Die Bevölkerung wächst kräftig, der Autoverkehr noch mehr. In Frauenfeld stecken die Stadtbusse und Postautos am Mittag und am Abend im Stau fest und verpassen teil­ weise ihre Anschlüsse am Bahnhof. Für Autofahrende be­ trägt der Zeitverlust in der Hauptverkehrszeit am Abend auf der Stadtdurchfahrt zwar nur rund vier Minuten. « Ver­ glichen mit anderen Städten scheint das harmlos », sagt der Stadtingenieur. « Aber verglichen mit den Verhältnis­ sen vor zehn Jahren hat sich die Situation verschlechtert. » Velo fahren ist neben dem dichten Verkehr ungemütlich, flanieren und einkaufen ebenso. Die Verkehrsprognosen verheissen nichts Gutes. Jahr für Jahr soll der Verkehr in der Region um ein Prozent zunehmen. Wie soll Frauenfeld das bewältigen ?

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Eine Umfahrungsstrasse, Stadtentlastung genannt, soll es richten. Wie vielerorts verspricht man sich auch in Frau­ enfeld von einem Tunnel die beste Lösung. Allerdings be­ ginnt und endet auch eine Umfahrungsstrasse mit einem Tunnel irgendwo an einer schon bestehenden Strasse. Ent­ lastet man die Innenstadt, droht anderen, angrenzenden Quartieren Mehrverkehr. Kurzer Tunnel, langer Tunnel 2007 kam ein erstes Projekt für eine zentrumsnahe Umfahrungsstrasse mit Tunnel zur Abstimmung und wur­ de von der Frauenfelder Stimmbevölkerung knapp abge­ lehnt. Die Vorlage für eine Kostenbeteiligung von 11,5 Milli­ onen Franken scheiterte am Widerstand der Quartiere, die mehr Verkehr abbekommen hätten. Wenige Jahre später folgte ein neuer Anlauf. Der Kanton Thurgau und die Stadt Frauenfeld nahmen ein neues Projekt für eine Stadt­ entlastung in das Agglomerationsprogramm Frauenfeld auf und reichten es 2011 beim Bund zur Mitfinanzierung ein. Diesmal eine zentrumsfernere Linienführung abseits von Wohnquartieren, rund 2,5 Kilometer lang und gröss­ tenteils in einem Tunnel. Geschätzte Kosten: 220 bis 290 Millionen Franken. Das zuständige Bundesamt für Raumentwicklung ( ARE ) gab dem Vorhaben die Priorität C: Grundsätzlich attestierte das ARE zwar einen hohen Nut­ zen, es stufte das Projekt aber als zu teuer und damit unre­ alistisch für eine kleinere Agglomeration mit vergleichs­ weise geringen Verkehrsproblemen ein. Die weiträumige Stadtentlastung ist damit für eini­ ge Jahre vom Tisch. Kanton und Stadt prüfen nun erneut stadtnahe Linienführungen. Im Vordergrund steht wieder eine Tunnellösung, diesmal mit Kosten in der Grössenord­ nung von maximal 80 bis 100 Millionen Franken. Die Frauenfelder dürfen frühestens ab 2030 mit weni­ ger Verkehr im Stadtzentrum dank Stadtentlastung rech­ nen. Um bis dahin Abhilfe zu schaffen, hat der Stadtrat in Absprache mit dem Regierungsrat ein Mobilitätskonzept verabschiedet. Es postuliert, dass der Autoverkehr nur noch minimal zunehmen darf. Der zusätzliche Verkehr soll rund zur Hälfte mit Bus und Zug und zur anderen Hälf­ te mit dem Velo bewältigt werden. Stadtingenieur Thomas Müller plant dazu markante Verbesserungen im Angebot der Stadtbusse. Die Velos sollen analog zum neuen regio­ nalen Radweg in Ost-West-Richtung eine neue Hauptver­ bindung in Nord-Süd-Richtung erhalten. Brennpunkt Tower-Kreisel Das Mobilitätskonzept sieht vor, in den kommenden zehn Jahren fünf Hauptstrassenabschnitte umzugestalten. Nun fahren wir im erdgasbetriebenen Dienstwagen des Amtes für Tiefbau und Verkehr Richtung Osten, hinaus aus der Altstadt durch das Quartier Langdorf, vorbei an Gewerbebetrieben, Fastfoodrestaurants mit Drive-in-The­ ke, Fachmärkten, Garagen und eine paar verloren wirken­ den Wohngebäuden bis zum Tower-Kreisel. Der ist ober­ irdisch. Doch auch da, beim silbergrauen Büroturm mit China-Restaurant, muss Thomas Müller die Stimme er­ heben. 24 000 Fahrzeuge brausen täglich hier vorbei. Die Zürcherstras­se Ost ist die am stärksten belastete Einfallsachse Frauenfelds. Sie wird als Erstes umgestaltet. Weil die Strasse recht breit ist, dürfte das verhältnis­ mässig einfach sein. Der Stadtingenieur zeigt zurück Rich­ tung Stadtzentrum: Neu sollen die Busse an Haltestellen auf der Fahrbahn statt in Busbuchten halten. Das sichert ihnen ein besseres Vorankommen und mehr Fahrplan­ stabilität. Auch die Autos sollen zügiger vorankommen. Heute verursachen linksabbiegende Fahrzeuge oft einen Rückstau. Wenn künftig eine neue Mittelzone als War­

teraum dient, hat der Verkehr daneben freie Fahrt. Für Velostreifen soll es weiterhin Platz haben. Das Projekt ist wichtig für die Stadt. Der Kanton will die Siedlungsent­ wicklung auf die Regionalzentren konzentrieren. Frauen­ feld hat das Gebiet Langdorf als einen Schwerpunkt da­ für erkoren. Es soll bis 2050 markant verdichtet werden. Wohnraum für rund 6500 Menschen, mehr als 10 000 Ar­ beitsplätze und 73 000 Quadratmeter Einkaufsflächen sind vorgesehen – rund doppelt so viele wie heute. Die Um­ nutzung und Verdichtung ist etappenweise geplant und wird mit den Ausbauschritten der Verkehrsinfrastruktur verknüpft. Langdorf soll attraktive Fuss- und Velowege er­ halten, eine zweite, von der Zürcherstrasse Ost unabhän­ gige Quartierzufahrt und – auf der Thurtal­linie der SBB – eine S-Bahn-Haltestelle. Die Ziele sind ehrgeizig: Heute wird für rund 90 Prozent der Fahrten ins Langdorf das Auto benutzt, im Endzustand soll noch jede zweite Fahrt mit dem Auto erfolgen. Keine Gratisparkplätze mehr im Stadtkern Nun gehts durch die von Altstadthäusern gesäumte, enge Vorstadt zurück ins Stadtzentrum an die breitere Promenade mit Platanen und Kastanien, Parkplätzen und Strassencafés. Promenade und Vorstadt stehen län­ gerfristig zur Umgestaltung auf dem Programm, zusam­ men mit der St. Gallerstrasse und der Rheinstrasse mit­ samt Rathausplatz. Die Ausgangslage ist verzwickt. Die Strassenräume sind eng und vom Autoverkehr dominiert. Mehr Bus- und Veloverkehr bedeutet normalerweise die Bevorzugung von Bussen an Ampeln, separate Busspuren und Radstreifen – kurz gesagt: mehr Platz für Busse und Velos. Das Mobilitätskonzept betont mehrfach, dass die « heutigen Verkehrskapazitäten und Durchfahrtszeiten für den motorisierten Individualverkehr jederzeit gewährleis­ tet sein sollen ». Wie passt das zusammen ? Und macht der Kanton mit ? Weil es sich um Staatsstrassen handelt, liegt die Hauptverantwortung beim kantonalen Tiefbauamt. Thomas Müller sagt dazu diplomatisch: « Natürlich steht für den Kanton eher der Verkehrsfluss im Vordergrund, während für uns auch die Stadträume wichtig sind. Aber letztlich ist man aufeinander angewiesen. Schliesslich beteiligt sich die Stadt ja auch an den Kosten. » Fakt ist: Nicht nur der Stadtrat, auch der Kanton hat zum Mobili­ tätskonzept Ja gesagt. Das Umsetzungsprogramm gibt die Richtung vor. Für Thomas Müller ist das die Hauptsache. Zurzeit erledigt Frauenfeld die seit Längerem anste­ henden Hausaufgaben. Auf den zentralen, öffentlichen Parkplätzen führt die Stadt flächendeckend Parkierungs­ gebühren ab der ersten Minute ein. Am Bahnhof sind bereits zusätzliche Veloabstellplätze entstanden, und bis­ herige Fahrverbote für Velofahrende werden aufgehoben. Bei der Umgestaltung der Freie-Strasse wird sich ein ers­ tes Mal weisen, wie klar der Stadtrat das Mobilitätskon­ zept umsetzen will und kann. Die hübsche Altstadtgasse könnte noch deutlich gewinnen, wenn die Parkplätze auf­ gehoben und in eine nahe gelegene neue Einstellhalle ver­ lagert würden. Die eigentliche Nagelprobe wird das Buskonzept 2030 sein. Bis 2019 sollen alle fünf Stadtlinien im Viertelstun­ dentakt fahren und am Abend länger unterwegs sein als heute. Das Liniennetz wird punktuell ergänzt. Ein zweiter Ausbauschritt soll den 10-Minuten-Takt bringen. « Das er­ fordert allerdings beträchtliche Investitionen in den Fahr­ zeugpark, in die Haltestellen am Bahnhofplatz und in ein neues Busdepot », sagt Müller. Dann wird sich zeigen, ob am Mobilitätskonzept und seinen ehrgeizigen Zielen fest­ gehalten wird. Oder ob ein Tunnel als nächstes Jahrhun­ dertbauwerk die Probleme lösen soll. 

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Alternativen zum Hüsli Die Stadt Frauenfeld muss umdenken, wenn sie sich vom Wohnen im Einfamilienhaus lösen will. Eine Autofahrt mit dem Stadtbaumeister zeigt, wie und wo das gelingt. Text: Andres Herzog

Christof Helbling biegt mit seinem Smart in die Quartierstrasse ein und seufzt. Nicht weil Kinder, die auf dem Asphalt herumtoben, ihm den Weg versperren. Sondern weil das Neubauviertel Gertwies in die falsche Richtung weist. Jeder hat dort für sich allein gebaut. « Das Einfamilienhaus ist eine Hypothek für Frauenfeld », sagt der Stadtbaumeister. Wir sind am Siedlungsrand, wo die Gemeinde kurz vor Helblings Amtsantritt vor sieben Jahren Ackerland einzonte, damit ein paar Zuzüger ihren Traum verwirklichen konnten: mit Sattel- oder Flachdach, breiter Vorfahrt und Doppelgarage, englischem Rasen und Gartenhag. Für Stadtplaner ist das Einfamilienhaus ein Albtraum. Die Infrastrukturkosten und der Landverschleiss pro Einwohner – genauer Steuerzahler – sind exorbitant. Eine Studie des Bundesamtes für Raumentwicklung rechnete Anfang Jahr vor: Ein Hüsli kostet eine Gemeinde bis zu 4000 Franken pro Einwohnerin, um es mit Wasser, Strom und Verkehr zu versorgen, ein Hochhaus dagegen nur halb so viel. Als Christof Helbling sein Amt antrat, machte er klar: Das Hüsli ist Geschichte. Das revidierte Raumplanungsgesetz und die steigenden Landpreise taten ihr Weiteres, um Einzonungen à la Gertwies zu verhindern. « Frauenfeld ist mit dem Auto gewachsen », sagt Helbling. Die Entwicklung lässt sich grob in zwei Etappen gliedern, getrennt durch die Eröffnung der Nationalstrasse  7 von Winterthur nach Frauenfeld im Jahr 1976. Davor expandierte die Stadt vorwiegend westlich der Murg in der Ebene, wo Ein- und Mehrfamilienhäuser entstanden und viele Ausländerinnen leben. Danach vor allem am Hang im Osten, auf dem sich meist Schweizer im Einfamilienhaus niederliessen, wie eben in der Gertwies. Das Hüsli ist seither die dominante Wohnform, wie in vielen regionalen Zentren. Und wer sich sein Eigenheim in der Stadt nicht leisten kann, zieht aufs Land. « Die Dörfer rund um Frauenfeld sind in den letzten Jahrzehnten doppelt so stark gewachsen wie die Kantonshauptstadt », sagt der Stadtbaumeister. Haushälterischer Umgang mit dem Boden sähe anders aus. Massvolle Verdichtung ist also nötig, um die Hüslibesitzer vom Stadtleben zu überzeugen. « Es gibt viele andere gute Wohnformen », ist Helbling überzeugt. Frauenfeldverträgliche Dichte Helbling drückt sanft aufs Gaspedal, kurvt durchs Quartier und hält vor einer Siedlung, die ab den 80er-Jahren vormachte, wie diese wohnräumliche Umerziehung geht: Die Überbauung Algisser, in der der Stadtbaumeister selbst wohnt. Auf dem Weg grüsst er seine Tochter, die mit Freunden unter einer knorrigen Linde spielt. Der Baum gehört zum alten Bauernhof, um den herum die Siedlung in Etappen entstanden ist. Zwei- und dreigeschossige Häuser, adressbildende Wohngassen, Reihenhäuser mit separaten Eingängen: Die Überbauung zeigt ein frauenfeldverträgliches Dichtemass, in dem sich auch Hüslimenschen zu Hause fühlen. Frauenfeld muss Wohnraum schaffen für ältere Personen, damit in deren Einfamilienhäusern Platz

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für junge Familien frei wird. Im Alter sind die Menschen froh um kurze Wege. Aus den umliegenden Gemeinden, wo der öffentliche Verkehr nur sporadisch fährt, ziehen sie in die Stadt. Mehrere Alterswohnsiedlungen sind gebaut oder in Planung, meist in der Nähe von Altersheimen, um die Wege kurz und die Versorgung hoch zu halten. Seit 2013 unterstützt die Fachstelle für Alters- und Generationenfragen die Bevölkerung. Im Stadtteil Kurzdorf läuft seit drei Jahren das Pilotprojekt « Älter werden im Quartier », das Nachbarschaftshilfen oder eine Talentbörse organisiert und ein Mehrgenerationenhaus anvisiert. Neben den Alten brauchen die Armen Unterstützung, um den Anschluss nicht zu verlieren. Geringverdiener geraten unter Druck, seit die Leerwohnungsquote in den letzten Jahren unter ein Prozent gesunken ist. Entgegen dem Ruf der Marktliberalen beschloss der Gemeinderat in den letzten Jahren zwei Reglemente, um aktiv Einfluss auf den Immobilienmarkt zu nehmen und kostengünstigen Wohnraum zu fördern. Die Stadt soll inskünftig Land im Baurecht abgeben oder Darlehen gewähren, damit Genossenschaften bezahlbare Wohnungen bauen können – ein wichtiger Schritt hin zu einer Stadt für alle Einkommen. Zwischen Altstadtflair und Naturnähe Wieder im Smart, fahren wir an die Murg, die sich durch die Stadt schlängelt. Bei der Badi, direkt am Wasser, entstanden 1974 genossenschaftliche Kleinwohnungen mit engem Balkon und weitem Blick über den Fluss, die Bäume, Schwimmbecken und Liegewiese. Wie sich die Zeiten geändert haben, verdeutlichen die Eigentumswohnungen aus dem Jahr 2012 daneben, die mit viel Glas die Aussicht betonen. Flussabwärts entstehen auf dem Areal des Baugeschäfts Herzog und auf dem Murgareal weitere grosse Wohnbauten. Ein paar Schritte durch die Siedlung, und schon erblicken wir das Schloss Frauenfeld. Wer hier wohnt, muss sich nicht entscheiden zwischen Altstadt­ flair und Naturnähe. Frauenfeld, die Wohnstadt der positiven Gegensätze. « Die Stadt konnte gut gegen die Entleerung des Kerns halten, die viele Gemeinden plagt », sagt Helbling. Dank Coop und Migros, die geblieben sind. Und dank einer Nutzungsstrategie, die die Stadt zusammen mit dem Netzwerk Altstadt erarbeitet hat. Viele Häuser wurden umgebaut und neuer Wohnraum erschlossen. Wir steigen wieder ein, fahren über den Fluss auf die andere Seite der Stadt und halten beim Eisenwerk, einem Industriezeugen, der zur Kulturinstitution umgenutzt wurde. Daneben reihen sich vier L - förmige Wohnblöcke pensionskassengerecht nebeneinander und beweisen: Zünftig verdichten geht auch in Frauenfeld. « Trotz Gestaltungsplan ist es schwierig, die architektonische Qualität hoch zu halten », sagt Helbling. Er sei darum froh, wenn das Glas mindestens halbvoll sei. Die Erneuerung ist wichtig, um das Quartier durchmischt zu halten. Viele Bauten aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren kommen ins Alter. Helbling versucht es mit Anreizen für Sanierungen. Oder indem er das Sozialamt anhält, die aufgenommenen Flüchtlinge in der ganzen Stadt zu verteilen, wenn sie das Asylzentrum verlassen können. Eines ist klar: Im Hüsliviertel Gertwies wird wohl keiner Unterschlupf finden. 

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Viel Platz für wenig Bewohner: Frauenfelder Einfamilienhaus.

Nachbarschaftlich und haushälterisch: Überbauung Algisser, siehe Seite 20. Themenheft von Hochparterre, Juni - Juli 2017 — Frauenfeld — Alternativen zum Hüsli

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Frauenfeld verdichten Frauenfeld entwickelt sich nach innen. Eine zentrale Rolle nimmt dabei das Quartier Langdorf ein. Ein ‹ Szenenplan › soll helfen, aus dem Dorf eine Stadt zu machen. Text: Fiona Scherkamp, Wüest Partner Pläne: Staufer & Hasler

Frauenfeld wächst. Ausgehend von der bisherigen Entwicklung wird der Stadt in den nächsten Jahren ein weiterhin starkes Wachstum prognostiziert und im Richtplan vorgesehen. Die Zahl der Raumnutzer ( Wohnbevölkerung und Arbeitsplätze ) soll bis ins Jahr 2030 von heute rund 40 000 um 15 Prozent oder 6000 ansteigen, bis zum Jahr 2040 sogar um 8500. Dieses grosse Wachstum wird sich nicht mehr wie bisher durch Einzonungen für neue Einfamilienhausquartiere realisieren lassen. Das revidierte Raumplanungsgesetz hat im Mai 2014 die ‹ Verdichtung nach innen › vom allgemeinen Trend zur landesweit verbindlichen Rechtslage gemacht. Das Mobilisieren der inneren Reserven soll die Zentren und öffentlichen Räume aufwerten und das umliegende Kulturland schützen und als Erholungsraum erhalten. Der Kanton Thurgau nimmt das Thema ernst und hat in den letzten Jahren unter dem Motto ‹ Raum +  › alle seine Bauzonenreserven erhoben und analysiert. Die Stadt Frauenfeld hatte dabei mit 69 Hektaren die absolut grösste Reserve, 39 Hektaren davon in Wohn- und Mischzonen und 19 in Arbeitszonen. Relativ gesehen bestehen also für jede Raumnutzerin in Frauenfeld noch rund 17 Quadratmeter Bauzonenreserve. Die grosse Herausforderung der Innenverdichtung ist die Mobilisierung dieser Reserven, die sich grösstenteils im Eigentum Privater befinden. Das Amt für Raumentwicklung hat kürzlich eine detaillierte ‹ Arbeitshilfe Innenentwicklung › herausgegeben, die die Gemeinden und Städte des Kantons bei der Umsetzung der passenden planerischen Grundlagen anleiten soll. Frauenfeld 2030 Die Stadt Frauenfeld ist das erste und beste Beispiel für eine gezielte Stadtentwicklung im Thurgau. Städtische und regionale Zielvorstellungen hat man hier mit dem städtischen ‹ Leitbild Siedlung und Verkehr › ( 2008 ), dem ‹ Richtplan Siedlung und Verkehr › ( 2011 ) und dem neuen Stand des Agglomerationsprogramms ( 2016 ) aufeinander abgestimmt. Die grossen Ziele der Stadtentwicklung sind die Sicherstellung einer stadtverträglichen Mobilität, die Förderung des öffentlichen Raumes mit verschiedenen Erholungszonen und einem attraktiven Stadtbild und eine nachhaltige und bedarfsgerechte Bebauung und Verdichtung. Für Letztere ist vor allem eine grosse Arealentwicklung im Quartier Langdorf vorgesehen. Das Langdorf liegt nordöstlich der Altstadt und erstreckt sich über eine Fläche von rund 140 Hektaren zwischen dem Fluss Murg, der Zürcherstrasse und der Autobahn. Das heute noch lückenhaft bebaute Gebiet soll in Zukunft als verdichtetes Zentrum für Handel, Gewerbe

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und Industrie die beschränkten Flächen der Innenstadt ergänzen und gleichzeitig durch neue Wohnanteile im Zonenplan einen grossen Teil der kantonal geforderten Siedlungsreserven abdecken. Staufer & Hasler Architek­ ten haben ihren Masterplan von 2011 für die langfristige Verdichtung von Frauenfeld und die Ansätze der Stadtentwicklung für das Langdorf zu einem integrativen Siedlungs- und Verkehrskonzept weiterentwickelt. Dessen wichtigsten Ziele sind die Erhöhung der Nutzungsdichte und der städtebaulichen Qualität. Seine einfachen planerischen Rahmenbedingungen sollen den Einzelnen Entwicklung ermöglichen und so gezielte Anreize für eine Bautätigkeit schaffen – Mehrwert sowohl für die Stadt und die Öffentlichkeit als auch für die Grundeigentümerinnen, Betriebe und Investoren. Charakterzüge im Langdorf Im ‹ Szenenplan › definieren die Planer für die einzelnen Teile des heute eher gesichtslosen Gebiets neue Charakteristika. Als zentrale Achse wird der ‹ B oulevard Zürcherstrasse Ost › die grosszügige ‹ Industrie- und Handelsstadt › mit der Innenstadt von Frauenfeld verbinden. Die ‹ Zeitinsel Langdorf › als traditionelles Wohnquartier wird durch ein neues Entwicklungsgebiet mit Blick auf den Fluss und Murg-Auen-Park ergänzt. Vor allem dort, in den zentrumsnahen, südwestlichen Bereichen des Langdorfs soll der Wohnanteil nach einer Zonenplanrevi­sion deutlich steigen. Da der erwartete Mehrverkehr die Kapazitäten des bestehenden Verkehrsnetzes übersteigen wird, müssen parallel zur baulichen Verdichtung einerseits das Strassennetz ergänzt und andererseits der öffentliche Verkehr und der Velo- und Fussgängerverkehr gestärkt werden. Die Studie gruppiert ihre konkreten Massnahmen zu zeitlich gestaffelten Szenarien, von den Sofortmassnahmen des Szenarios A bis zum langfristigen Zielpunkt Szenario D, in dem zirka 2050 alle städtebaulichen Vorstellungen verwirklicht sind und der Öffentliche und Langsamverkehr 50 Prozent erreicht haben. In der ersten Etappe des Masterplans bis zirka ins Jahr 2025 könnte die Einwohnerzahl im Langdorf von heute 3650 auf rund 6100 steigen, die Zahl der Beschäftigten gar von 5000 auf mehr als das Doppelte. Neben den heutigen publikumsintensiven Verkaufsflächen könnten neu vor allem weniger verkehrsbelastende Büro- und Gewerbeflächen entstehen. Der Anteil der Autofahrer an allen Wegen im Quartier würde durch die neuen ÖV-Angebote, den ‹ Regionalen Radweg › und eine Parkplatzbewirtschaftung von heute über 90 auf maximal 80 Prozent und langfristig noch tiefer sinken. Falls die Entwicklung des Langdorfs wie geplant verläuft und zentrale Punkte wie die S-Bahn-Haltestelle gesichert werden können, wird die Stadt Frauenfeld hier ein Vorbild für gesundes Wachstum durch innere Verdichtung liefern. 

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Aufsteiger des Jahres Frauenfeld war 2016 der stärkste Aufsteiger des Jahres. Im ‹ Bilanz ›-Städteranking nach Lebensqualität von Wüest Partner hat sich die Nummer 30 unter den 162 Städten der Schweiz um 16 Ränge auf Platz 25 verbessert. Mit den 25 000 Einwohnern konnte sie sich gegen deutlich grössere Konkurrenten wie L ­ ugano, Thun, Freiburg oder Biel durchsetzen. In fast allen Themenbereichen vom Arbeitsmarkt über Kultur und Freizeit bis zu der Steuergünstigkeit liegt ­Frauenfeld in der oberen Hälfte des Felds und leistet sich im Unterschied zu den meisten anderen Städten keine Ausreisser nach unten. Frauenfeld zeigt sich als lebenswertes Gesamtpaket – gerade auch bei den Besonderheiten, wie das 2015 erreichte Energiestadt-Label in Gold beweist.

Aktueller Zustand Langdorf.

Masterplan, Ausschnitt Langdorf.

Immobilienmarkt Frauenfeld überzeugte im Städteranking auch in klar messbaren Bereichen. Die Bevölkerung wuchs in den letzten zehn Jahren mit 11,7 Prozent fast so stark wie in Zürich oder Winterthur ( 13,4 und 14,3 Prozent ). Dieser Boom schlägt sich in einer hohen Bautätigkeit nieder. Pro Jahr wurden in den letzten zehn Jahren rund 140 Wohneinheiten erstellt, was etwa 1,1 Prozent des Bestands entspricht und sogar das Wachstum von Zürich ­übertrifft. Die Angebotspreise für Mietwohnungen sind im Mittel um 15 Prozent gestiegen und liegen heute etwa im Schweizer Durchschnitt. Bei den Eigentumswohnungen war die Preissteigerung seit Anfang 2007 mit 49 Prozent mehr als  dreimal so hoch, das heutige Niveau ist aber immer noch landesweit unterdurchschnittlich. Dieses Verhältnis von Miet- zu Eigentums­ preisen führt zu einer relativ guten ­Rendite auf Wohneigentum. Auch die ­Erschwinglichkeit bezogen auf die ­ mittlere Kaufkraft der Bevölkerung ist ­ungewöhnlich hoch. Wohnungen in ­Frauenfeld bilden somit eine interessante Alternative zu den eher unerschwinglichen Angeboten in Zürich oder Winterthur.

Szenenplan, Ausschnitt Langdorf. Entwicklung Langdorf, Siedlungs- und Verkehrskonzept, 2013 Auftraggeber:  Stadt Frauenfeld Planungsteam:  Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld ; ERR Raumplaner, St. Gallen ; Büro Widmer, Beratende Ingenieure für Verkehr, Umwelt, GIS, Frauenfeld

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Der Stadtmacher Gesellschaftlich engagiert, planerisch geschickt und architektonisch überlegt beeinflusst Thomas Hasler die Entwicklung Frauenfelds. Ein Architektenportrait. Text: Palle Petersen Foto: Markus Frietsch

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und eine Baustelle leitete, diplomierte er an der ETH Zürich als Architekt. Dort packte ihn eine Wahlfacharbeit derart, dass er sie zur Doktorarbeit machte: Drei volle Jahre widmete er dem damals beinahe vergessenen RheinSommer 2015 im Murg-Auen-Park. Ein Doppelfest: Stau- länder Kirchenbauer Rudolf Schwarz und bekam dafür die fer & Hasler Architekten feiern ihr 20-jähriges Bestehen ETH-Medaille. Hasler spricht von einem « zweiten Studiund den neuen Stadtpark. Über 300 Freunde, Kunden, Fa- um », von Gestaltphilosophie, Verschiebung und Überlamilienmitglieder, Fachplanerinnen und Handwerker sind gerung, Abstraktion und Figuration in der Romanik. Er ist gekommen. Im japanisch inspirierten Pavillon zeigen die einer, der mit Dorfpolitikern und Handwerkern, KunsthisAngestellten, was sie ausser Architektur können. Sie sin- torikern und Planungstheoretikern sprechen kann. gen, erzählen Geschichten und spielen Jazz. Für die Kinder gibt es ein Zelt mit Zauberer, Fussball auf der Wiese Ostminister des Büros und Eselreiten am renaturierten Flussbett. Die Bürogeschichte ist eng verbunden mit dem EisenDer Murg-Auen-Park ist das Ergebnis kluger Stadt- werk und der Stadtpartei ‹ Chrampfe & Hirne ›, kurz CH. Die planung und zivilgesellschaftlichen Engagements. Be- kulturinteressierten Intellektuellen kauften 1984 die alte auftragt vom Stadtbaumeister zeichneten Staufer & Has- Schraubenfabrik und machten daraus eine bunte Genosler den Masterplan zur Umnutzung des Armeegeländes senschaft mit Wohnungen, Kunst- und Gewerbeateliers, am nördlichen Rand der Stadt. Unermüdlich warb Tho- Theatersaal und Restaurant. « Die SP ist mir zu brav, CH mas Hasler für das Projekt und schmiedete Allianzen. Ei- ist viel weniger Partei, sondern eine Plattform, um Dinge nen SVP-Stadtrat bat der 59-Jährige um einen Besuch des möglich zu machen », sagt Hasler, der Anfang der NeunPariser Parc des Buttes-Chaumont. Er kam als Unterstüt- zigerjahre mit CH-Mitstreitern im Eisenwerk wohnte. Im zer zurück. Weil sich Naturschutz und Naherholung verei- Dachatelier starteten er und Astrid Staufer 1994 das genen, flossen Bundesgelder, und die Stadt musste weniger meinsame Architekturbüro. Kontinuierlich wuchs es auf als die Hälfte der Kosten tragen. Mit Zweidrittelmehrheit heute 66 Mitarbeiter. Nebst vier Partnern, Architektinnen, wurde der Baukredit 2011 angenommen. Zeichnern und zwei Modellbauern, gibt es auch fünf BauDie Architekten bauten lediglich Follys aus Holz und leiterinnen und Kostenplaner. Staufer & Hasler wollen ihre Beton sowie den Pavillon. Für den Rest des Parks übernah- Entwürfe konstruieren und behalten die Projekte da­rum men sie als Gesamtkoordinatoren die formale Verant- bis zum Schluss in der Hand. Unter Wettbewerbs-Erstliwortung, ohne selbst zu zeichnen. « Dank kleiner Einzel­ gisten ist das selten. Eine scharfe Trennung zwischen den Aufgaben gibt es aufträge konnten wir die richtigen Leute engagieren », sagt Hasler und meint damit Wasserbauer aus Frauenfeld, bei Astrid Staufer und Thomas Hasler nicht. Gemeinsam Landschaftsarchitekten aus Rorschach und Ingenieure führen sie den Lehrstuhl an der Technischen Universität aus Chur. Am Jubiläumstag führen sie thematisch durch Wien und fällen auch wichtige Büro- und Entwurfsentden Park. Bauingenieur Jürg Conzett erläutert die drei Brü- scheide stets gemeinsam. Beide führen je die Hälfte der cken. Eine ist S-förmig geschwungen, und um sie vorzu- Mitarbeitenden, betreuen Bauten und Planungen und juspannen, übertrug Conzett das Prinzip von Velo-Brems- rieren Architekturwettbewerbe. Doch während Staufer kabeln, wo Ringe das Kabel vom Mantel trennen. Zurück in Zürich wohnt und dort auch das Ad-hoc-Büro für lokale im Pavillon gibt ein befreundeter Kabarettist den fiktiven Projekte führt, lebt und arbeitet Hasler in Frauenfeld. DerThurgauer Kantonsrat Schnyder, voll des Lobes über das zeit wohnt er in einem Stadthäuschen von Johann Joachim Unternehmen Staufer & Hasler. Wie schön, dass die Archi- Brenner, der die Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrtekten weit über die Region ausstrahlen, Wertschöpfung hunderts prägte. Wenn die Kinder ausgeflogen sind, zieht sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Zürich bis er mit seiner Frau vielleicht in den selbst entworfenen Konstanz anziehen. Neubau bei der Hauptpost. Die laufenden Stadtplanungsprojekte in Frauenfeld verantwortet er, und bis letzten Sommer war er Obmann des BSA Ostschweiz. Schreiner und Doktor Ende der Neunzigerjahre war das noch anders. « Die Im Eisenwerk reihen sich mittlerweile zahllose Mebekommen nie einen Auftrag », wetterte der damalige tallregale, Holzmodelle und Arbeitsplätze zwischen geStadtpräsident, nachdem Thomas Hasler so vehement schlämmten Wänden, Stahlstützen und Holzbalken. Das wie vergeblich das Tunnelprojekt mit grobschlächtigen Büro ist mit dem Ort verwachsen, umziehen wollten sie Portalen und unterirdischem Kreisel beim Bahnhof be- nie. « In Frauenfeld konnten wir lange im Verborgenen kämpft hatte. « Ich kann schon poltern », grinst Hasler heu- arbeiten », sagt Hasler, « und heute profitieren wir vom te und hat sich seither gewiss nebst Respekt und Freun- guten Handwerk in der Ostschweiz und von Baufachleuten aus der Region bis nach Konstanz. » Im Kanton haben den in Frauenfeld auch ein paar Feinde geschaffen. Haslers Biografie zeigt keinen Stromlinienschwim- Staufer & Hasler inzwischen schon so manches gebaut, mer, aber einen Rastlosen: Als Bauernbub in Guntershau- in Frauenfeld jedoch überraschend wenig. Mit dem botasen bei Aadorf geboren, lernte er erst Schreiner, dann nischen Garten und der Sanierung des kantonalen VerwalBautechniker am Winterthurer Technikum. Nachdem er tungsgebäudes und des kantonalen Regierungsgebäudes in einem Frauenfelder Büro zeichnete, Kosten berechnete haben sie allerdings die Promenade geprägt, wo früher

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Thomas Hasler Geboren 1957 in Uzwil SG, diplomierte Thomas Hasler nach ­ ­ chreinerlehre und einem einer S Fachhochschulstudium an der ETH Z ­ ürich als Architekt. Bis 1997 schrieb er seine Doktorarbeit über den Kirchenbauer Rudolf Schwarz aus Köln. Seit 1994 führt er gemeinsam mit Astrid ­Staufer das Architekturbüro ­ Staufer & Hasler in Frauenfeld und Zürich. Hasler lehrte an den ETHs Zürich und Lausanne und an der Universität Genf. Seit 2011 ist er ordentlicher Pro­fessor an der Technischen ­Universität Wien. 2015 verlieh das Bundesamt für Kultur ihm und A ­ strid Staufer den Prix ­Meret Oppenheim.

der Stadtgraben war und heute jeweils Stadtfeste und der wöchentliche Gemüsemarkt stattfinden. Mit dem ‹ Cinema Luna › gleich neben dem Bahnhof bauten sie aus­ serdem das lokale Studiokino. Schirmherr der Projekte Die Beziehung ist stärker planerisch als baulich. Zwölf Jahre sass Hasler für CH in der städtischen Baukommission, und als Staufer & Hasler den öffentlichen Raum der Promenade bearbeiteten, schlug er vor, einen Szenenplan zu erarbeiten. « G esät ist gesät », sagt er heute – ein Jahr später kam der Auftrag. Der Szenenplan ist ein grossmassstäblicher Plan, der nicht Zonen schafft, sondern Raum­ identitäten. Der Murg-Auen-Park war darin bereits einer jener « Grünfinger, die man schützen und deren Ränder man definieren muss ». Hasler bewundert die Stadtplanung des 19. Jahrhunderts als robust und allgemeinverständlich. Er sagt, Architektur könne Orte schaffen, doch Planung müsse in Strukturen und in langen Zeithorizonten denken. Die Zürcherstrasse, wo sich zweigeschossige Belanglosigkeit für Jumbo und McDonald’s ausbreitet, brauche « eine grosszügige Logik für die nächsten 200 Jahre ».

Noch immer mischt sich Hasler in Frauenfelds Stadtentwicklung ein, wenn ihm etwas nicht passt oder wenn er Ideen hat. Er ist vielleicht diplomatischer als früher, sicher vernetzter. Beim Rundgang durch das Verwaltungsgebäude rufen die Empfangsdame, ein Besucher und eilig vorbeihuschende Politiker « Hallo, Thomas ». Man kennt sich in Frauenfeld, und Hasler schätzt das. « Hier kann man was bewirken », sagt er, auch wenn die letzten Jahrzehnte ebenso viel Scheitern wie Erfolg brachten. Und die Zukunft ? Für das Entwicklungsgebiet östlich des Murg-Auen-Parks haben Staufer & Hasler den Szenenplan vertieft. Auf dieser Grundlage gab es einen Wettbewerb auf Kasernenareal und dem Exerzierplatz ‹ Oberem Mätteli ›, den Kredit für einen zweiten auf dem ‹ Unteren Mätteli › jenseits der Bahngleise lehnte das Stimmvolk vorerst ab. Auch der Murg-Auen-Park bekam nur drei von fünf Brücken, die Orangerie und der Turm fehlen. Doch irgendwann kommt die richtige Gelegenheit. Hasler sagt: « In der Planung muss man Schirmherr der Projekte sein und ihre Entwicklung verfolgen. » Immerhin sind Brücken, Orangerie und Turm im Gestaltungsplan des Murg-AuenParks eingetragen. Gesät ist gesät. 

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Frauenfeld

‹ Die kleine Stadt im Grünen › wird gross. Sie wächst nach innen statt ins grüne Umland. Im Zentrum zeigt sich schon hier und da ein neuer Massstab. Im Langdorf-Quartier soll aus der Klein- eine Grossstadt werden, der MurgAuen-Park macht den Auftakt. Frauenfeld hat viele Seiten. Und ist dabei, weitere aufzuschlagen.

harder spreyermann architekten eth / sia / bsa ag

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Themenheft von Hochparterre, Juni/Juli 2017. Der Hauptort des Kantons Thurgau wächst nach innen. Und macht sich fit für eine Zeit mit wenige...

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