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Themenheft von Hochparterre, September 2019

Stimmung im Bad

Atmosphäre und Badezimmer – zwei grosse Themen der Architektur. Ein Blick darauf, wie Designer, Architektinnen, Handwerker und Hersteller sie produzieren.

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Die Toilette aus der Linie ‹ Geberit ONE › spült asymmetrisch.

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Inhalt

4 Die Badenden – einst und heute Eine kleine Geschichte des Badezimmers.

8 « Keramik braucht Fingerspitzengefühl » Ein Keramikmodelleur berichtet, wie er Waschtische und WCs formt.

12 Stimmung schaffen  Vier Architektinnen und Architekten über die Planung von Atmosphäre.

16 « Die Perfektion sichtbar machen » Ein Industriedesigner berichtet, wie er langlebige Produkte ohne modischen Firlefanz entwickelt.

2 0 Die Ökonomie des Badezimmers Vom Schweizer Badezimmermarkt, neuen Ideen und dem sorgsamen Umgang mit Wasser.

2 4 « Virtuelle Realität ersetzt das Anfassen nicht » Ein Badplaner berichtet, wie 3-D-Planung seinen Beruf verändert.

2 6 Das Bad von heute und von morgen Durchdachte Lösungen für den demografischen Wandel, platzsparende Technik und ressourcenschonendes Design.

Editorial

Sinnlichkeit, Glücksgefühl und Wohlbefinden Das Bad und die Atmosphäre. Beide Motive werden produziert: von Architekten, von Designerinnen, von Handwerkern und von Herstellern der Gerätschaften des Bads. Das Themenheft folgt der Geschichte des Badezimmers und ergründet, wie diese Themen zueinanderfinden. Dafür steigt Köbi Gantenbein in die Wanne und lässt Bilder von über die Jahrhunderte gemalten Badenden an sich vorüberziehen. Und kommt dabei zum Schluss: Schöner Baden ist keine Frage der Technik, sondern eine des Körpergefühls. Warum die Technik und die Möbel im Bad heute dennoch eine grosse Rolle spielen, zeigen Porträts dreier Macher dieser Geräte. Sie alle arbeiten mit der Firma Geberit, die diese Recherche ermöglicht hat: Ein Keramikmodelleur aus dem italienischen Gaeta, ein Badezimmerplaner aus Einsiedeln und ein Designer aus London berichten von ihrem Alltag mit der Keramik und dem Wasser. Besonders schön beschreibt der Modelleur aus Süditalien seine Passion: « Keramik schaffen wir aus den drei essenziellen Elementen unseres Planeten – Wasser, Erde und Feuer. » Wie aber entwerfen Architektinnen solche Emotion ? Worauf kommt es an, damit aus den von ihnen geplanten Stimmungen eine wohltuende Atmosphäre wird ? Wie hängen Gefühle, Technik und Gesellschaft zusammen ? Vier Architekten haben sich für dieses Heft Gedanken dazu gemacht. Die Architektin Jasmin Grego sagt: « Atmosphäre sind die persönlichen Rituale, die im Raum ihren Platz finden sollten. » Andrin Winteler hat für das Heft die gros­sen Fotografien gemacht. Was er von seiner Reise durch die Welt der Badezimmer mitnimmt ? « Die Komplexität der Keramikproduktion hat mich beeindruckt – die Stücke zeigen erst nach dem Brennen ihre eigentliche Form. » Genau so, wie wir Atmosphäre erst erleben, wenn wir einen Raum zum ersten Mal selbst betreten.  Lilia Glanzmann

Umschlagfoto vorne: Waschtisch ‹ Geberit ONE ›. Umschlagfoto hinten: Duschfläche ‹ Geberit Setaplano ›.

Impressum Verlag Hochparterre AG  Adressen  Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41 44 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag @ hochparterre.ch, redaktion @ hochparterre.ch Verleger  Köbi Gantenbein  Geschäftsleitung  Lilia Glanzmann, Werner Huber, Agnes Schmid  Verlagsleiterin  Susanne von Arx  Konzept und Redaktion  Lilia Glanzmann  Fotografie  Andrin Winteler, www.andrinwinteler.ch  Art Direction  Antje Reineck  Layout  Tamaki Yamazaki  Produktion  Linda Malzacher  Korrektorat Dominik Süess, Lorena Nipkow  Lithografie  Team media, Gurtnellen  Druck  Stämpfli AG, Bern Herausgeber  Hochparterre in Zusammenarbeit mit Geberit Schweiz Bestellen  shop.hochparterre.ch, Fr. 15.—, € 12.—

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Die Badenden – einst und heute Schöner Baden ist keine Frage der Technik, sondern eine des Körpergefühls. Ein Bericht aus der Badewanne erzählt vom Badezimmer und der Körperlichkeit im Wandel der Zeit. Text: Köbi Gantenbein

Ich bin kein Schwimmer, vor dem Meer habe ich Angst, auch im See schwimme ich schlecht, wenn schon, mag ich das Thermalbad. Auch die Badewanne ist mir angenehm. So schrubbe ich meine alte Wanne mit flüssiger Schmierseife und lasse handwarmes Wasser in sie laufen. Nach ein paar Minuten giesse ich Rosmarin- und Lavendel­ essenz dazu, ziehe mich aus, halte meine Zehen achtsam in die Wärme, prüfe die duftende Brühe, ich stehe in die Wanne, gebe acht, nicht auszurutschen, kauere nieder und lasse die Wärme langsam durch den Körper fliessen. Es prickelt auf meiner Haut, weil das Wasser zu warm war. Da liege ich nun ausgestreckt und dümple vor mich hin.

Gewiss, die, die da wohnten, waren mit Geld nicht gesegnet, aber das genügt als Erklärung nicht. Ein Speditions­ arbeiter wie mein Grossvater hat nicht gebadet, weil er das Baden zu Hause bis ins hohe Alter als schädlich empfand. Und als unziemlich. Meine Grossmutter war als Putzfrau zwar Spezialistin für inszenierte Sauberkeit und Ordnung, sie war ihr aber Produktionsmittel, mit dem sie ihr Brot bei den oberen Schichten verdiente. Die körperliche Selbsterkundung, die ihr Enkel sich putzend heute treibt, wenn er Rosmarinmilch und Lavendel in das Badewasser mischt, war meinen Grosseltern fremd. Sie wuschen sich fleissig ; Grossvater duschte allenfalls im Lagerhaus der Firma, aber das gehörte zum Ritual des Arbeitsplatzes, oder er besuchte das Bad im Volkshaus am Samstag nach der Arbeit und vor dem Gang in die Wirtschaft.

Nanas blasse Haut Nun friert es mich leicht. Ich lasse warmes Wasser nachfliessen. Auch die gesellschaftlich Bessergestellten zur Zeit meiner Grosseltern hatten das Baden noch nicht entdeckt. In der Bourgeoisie ist Baden im Haus erst Ende des 19. Jahrhunderts üblich geworden. Die grosse Neuheit 1908 – das Luxushotel von Cäsar Ritz in London – bot in den vornehmsten Zimmern ein Bad. In Paris, dem Vorbild der bürgerlichen Zivilisation der Moderne, standen erst ab 1880 in den mehrstöckigen Bürgerhäusern eigene Zimmer fürs Bad zur Verfügung. Gewiss spielten auch die technischen Herausforderungen eine Rolle: Nur bis schon all die Badeöfen geheizt waren. Oder all die Sorgen mit dem Zu- und Ablauf: Die Stadt war erst im Plan und in ihren Schauquartieren mit einem Durchlaufsystem ausgerüstet. Aber der Fortschritt war nie eine Frage nur des Geldes. Die Intimität, die das einsame oder gar zweisame Liegen im Wasser voraussetzt, war im 19. Jahrhundert in weiten Kreisen undenkbar. Die heutige Körperlichkeit und Hygiene waren nicht einmal für den gewagten Gesellschaftsroman ein Thema. So war es ein literarischer Skandal, als Émile Zola beschrieb, wie seine Heldin Nana lebte und leiden Was sich gehört und was nicht musste unter der furchtbaren Gewalt der Männer. Und wie Da, wo ich liege und sich meine äusseren Schichten sie dennoch ihre blasse Haut entdeckte und im Spiegel langsam aufweichen, war vor 15 Jahren noch keine Well- betrachtete. Erst langsam und gegen hartnäckigen Widerness, sondern die Küche. Das hundert Jahre alte Arbeiter- stand von Kirche und Moral fand der bürgerliche Mensch haus, das ich und meinesgleichen erworben und umgebaut sich und seinen Körper. Und stand öffentlich zu dem, was haben, hatte weder Badewanne noch Waschtisch noch er verborgen und verdrängend trieb. Die Szenen aber, in Duschschlauch noch Kalt- und Warmwasser, sondern ein denen Nana ihren Körper nahe betrachtet und untersucht, WC auf dem Flur und eine Kaltwasserleitung in der Küche. waren ungehörig bis weit ins 20. Jahrhundert – ja, sind → Kunsthandwerk Duftender Dampf steigt aus dem Nass. Ich studiere die Wohltaten vor meinen Augen, die mir die Fabriken für Badewannen, Armaturen, Seifen und anderes Zubehör bieten. Sie kreisen alle um ein Wort: Wellness. Ein Wort, das es nicht nur gut mit uns meint, sondern das auch mit Witz und technischem Sachverstand Badezimmer zu Lustkammern macht. Während ich mich drehe in meiner warmen Suhle und auf das Seifenschälchen gucke, denke ich an die beiden Keramik-Kunsthandwerkerinnen Isabelle Jakob und Barbara Schwarzwälder aus Biel, denen ich dieses Seifenbrettchen, die Becher für das Zahnputzzeug und die Kerzenhalter auf dem Badewannenrand einst abgekauft hatte. Sie stellen sie unter dem klingenden Namen ‹ Lavabo Lavabelle › selbst her – seit zwanzig Jahren nun. Solche Gegenstände sind ein ergänzender Gegentakt zu den Badewaren der grossen Firmen. Ich mag solchen Eigensinn, solche Sorgfalt und Autorinnenschaft. Sie gibt meinem Badezimmer eine persönliche Note, genauso wie der verseifte lindengrüne Kalkputz, der den Raum einkleidet.

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Neben der römischen ist die islamische Badekultur stilbildend. Darstellung des Bades in Behzad, Iran, im 15. Jahrhundert.

Jungbrunnen: In ihm baden ältere Frauen und steigen jung wieder heraus. Lucas Cranach gelang 1546 der grosse Trost des Bades.

Édouard Manet formte Nana 1877 – schon vor dem Schriftsteller Émile Zola.

Der Badende vor dem Horizont der Industrie. Keine laszive Nacktheit, sondern züchtige Disziplin, kein Skandal, sondern Melancholie gelingt Georges Seurat 1884 mit ‹ Die Badenden in Asnières ›.

Die berühmteste Badende der Kunstgeschichte heisst Susanna. Hier in der Version von Arnold Böcklin ( 1888 ).

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert wurde der nackte Körper salonfähig. Paul Cézanne: ‹ Die grossen Badenden ›, 1906.

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→ es heute noch in weiten Teilen der Welt. Und die Art, vollen Zügen geniesse ; sorgsam tauche ich meinen Kopf wie Zola in seinem Roman ‹ Nana › Sitten und Bräuche ge- unter, pruste wie ein Wal, schenke mir ein Glas Rotwein ein, esse dazu gedörrte Feigen und Nüsse und blinzle ins schildert hat, ist stilbildend und vorbildlich bis heute. flackernde Licht der Kerzen. Woody Allen im Bad Der Riss der Zukunft Es ist erstaunlich, wie schnell es dann ging, bis nach Ich giesse Badezusatz nach. Fein entlang der Flasche dem Körper die Seele als bürgerliches Untersuchungsobjekt populär wurde. Es scheint sicher, dass zwischen dem scheint der Riss der neuen Hygiene auf. Viele der heutigen Bad, Nana und der Psychoanalyse ein Zusammenhang be- Beiträge zum Baden beschäftigen sich auf hohem Stand steht. Oder andersherum: Sigmund Freud hatte gewiss fast mit dem ausschweifenden bürgerlichen Körpergefühl und nur mit badenden Menschen zu tun, und auch Woody Al- Selbstwert. Sie wollen, so las ich, das « B ad als Lebenslen, der wohl am besten psychotherapierte Künstler, sieht raum und Ausdruck individueller Wohnkultur, als Fitnessin seinen Filmen immer so aus, als ob er geradewegs aus und Wellnesszone – die pure Sinnlichkeit mit Zukunft » der Badewanne käme, obwohl einem als Badezimmersze- beliebt machen. Das irritiert, fühle ich meinen eigenen ne in seinen Filmen bloss die Spinnenjagd in ‹ Annie Hall › Standpunkt schwanken. Denn für « sinnlich » hatte ich soin den Sinn kommen will. Immerhin, im Film ‹ S weet and wohl die Produktion von Badewannen als auch das ganLowdown › über den Gitarristen und Rüpel Emmet Ray sieht ze Design darum herum noch nie gehalten. Wenn schon, auch der Schauspieler Sean Penn in jeder Szene aus, als dann für konsequent, sauber, durchdacht, akzentuiert, dokäme er frisch aus dem Bad – die Liebe, die er schändlich minant, konstruktiv, funktional, intelligent gefertigt. Aber missbraucht, ist eine Wäscherin. Es heisst übrigens, Woody sinnlich ? Auch scheint mir all das Sinnliche eine genüssliAllen sei ein exzessiver Bader, der auf dem Set ein Bade- che Variante meines gegenwärtigen eigenen Tuns der Körzimmer grösser als ein Schlafzimmer für sich beanspru- per- und Seelenbetrachtung. Aber war so etwas zukünftig ? che und niemanden hereinlasse. Nicht einmal die schöne Wenn schon, muss Zukunft einen anderen Hygiene­ stumme Wäscherin Hattie in ‹ Sweet and Lowdown ›, die standard bedenken. Und wenn schon Wellness, dann biteine Haut haben soll, so blassrosa wie Émile Zolas Nana. te eine neue Theorie des Körpers nicht vergessen. Die Tyrannei der Intimität, unser bürgerliches Lebensgefühl, Den Körper abschliessen das Elixier, nach dem unsere Wirtschaftsweise allein Heute können wir es uns hierzulande ohne Weiteres zu existieren verspricht, hinterlässt ein eindrückliches leisten, für ein Bad dreimal das Wasser auszuwechseln. Schlachtfeld. Der Rückzug in die immer raffinierter ausgeWasser kostet pro Kubikmeter nur knapp zwei Franken. statteten Badezimmer mochte genüsslich sein und für die Dreitausend Mal weniger als die gleiche Menge Bier. Kurz: Fabrikanten profitabel ; ebenso Genuss versprachen auch nichts. Alle sagen, Wasser würde ein knappes Gut. Ich die immer aufwendigeren Verfahren, wie wir uns mit elelächle nur müde und weiss wohl, dass sich das ändern wird, gant gestalteten Brausemaschinen besprudeln lassen könangesichts des grossen Durstes, der uns allen droht, wenn nen. Sogar in individuellen Farben sind solche Apparate zu wir Wasser weiterhin verschwenden. Aber meine Badnei- haben. Aber ist das – sensorgesteuert – nötig ? Komfortagung und die Badfeindschaft unserer Vorfahren entstamm- bel ist es, ohne Zweifel, und profitabel auch. Aber zukünften weder ökologischen Bedenken noch ökonomischen tig ? Im Nebel erst zeigten sich Umrisse einer neuen HygiGründen, sondern die Nähe zum eigenen Körper bestimm- ene. Wie im 19. Jahrhundert, als der bürgerliche Mensch te sie. Und die hygienisch-medizinische Vorstellung. Ohne und später der Prolet seinen Körper samt Seele von nahe lange Familienforschung betrieben zu haben, unterstelle entdeckt hatte, werden nun im 21. Jahrhundert unsere ich meinem Urgrossvater, dass er, wie im 19. Jahrhundert Kinder und Enkel um eine neue Definition ihres Körpers üblich, seinen Körper als abgeschlossenes System auf- nicht herumkommen. Mit grossem Engagement suchen gefasst hatte. Käme dieses mit Wasser in Berührung, so sie diese. Sie bestreiken dafür die Schulstunde und rufen klappte es auf und liefe aus. Umgekehrt dränge das Was- am Freitag « Unser Klima ! » durch die Strassen der Stadt. ser in den Körper und trüge alles Fremde in ihn hinein bis Ihre Definition von Welt will diese mit ebenso viel Sorgfalt zum sicheren Tod. Darum – kein Wasser zum Körper. versehen wie den eigenen Körper. Sie haben einen grossen Vorteil. Sie sind Kinder der Wellness, sie sind Kinder, die Puder statt Wasser ihren Körper kennen wie keine Kinder vor ihnen. Sie ruWir kennen den Grund. Die Pest war der grosse Schre- fen, dass ihr Körper nur gesund ist in einer gesunden Welt. cken des Mittelalters in Europa. Sie brachte einen Drittel der Menschen um. Dieses Trauma wirkte lange nach und Die Musik tröstet trotzte den Erkenntnissen der Medizin. Der KörperlichWie diese herstellen ? Ich weiss nur, dass die Körperkeit und öffentlichen Badekultur der römischen Ober- und Seelenübungen der sexuellen Befreiung, mit denen schicht, die sich in Spuren bis ins Mittelalter hatte retten wir uns von unseren Vorfahren zu lösen versucht hatten, können, setzten die Pest und andere Seuchen zu. Ihrem uns heute vorkommen wie das Lockerungsturnen vor der Wüten folgte eine fünfhundert Jahre dauernde Theorie der strengen Bergtour, die den um das Klima besorgten KinAbschliessung und Verriegelung. Sie prägte die Bauern- dern und Jugendlichen bevorsteht. Denn die Fakten sind medizin im Prättigau genauso wie den ‹ haut goût › in Paris. bitter: Süsswasser wird die erste Ressource sein, die gloSchliesslich galt es da in den Kreisen, die den Life­style für bal knapp wird. Der grosse Durst wird das grosse Thema Europas Oberschichten bestimmten, noch im 17. Jahrhun- sein im Wandel des Klimas. In mehr als achtzig Prozent dert als unfein, mehr als seine Hände zu reinigen, den Kör- der Städte auf der Welt gibt es schon jetzt kein sauberes per gar zu waschen – nur pudern durfte man ihn. Die Be- Trinkwasser. Aber der priesterliche Furor ist mir im Laufreiung des Bürgers und viel später der Bürgerin schleppte fe der Jahre abhandengekommen ; auch stelle ich mir vor, etliche Einstellungen und Motive durch die Jahre. Ein wie ich jetzt als Prediger wirken würde, im Bad liegend, Jahrhundert war nötig – und darin viel medizinisch-tech- mit mittlerweile zartrosa Haut wie Nana, tropfend nass, nischer Fortschritt –, um das zu ändern. Nach einem wei- nackt und leicht benebelt. Also bleibe ich lieber noch etteren Jahrhundert haben wir nun ein präzises Gebaren der was liegen, schrubbe die Zwischenräume meiner Zehen Selbstentfaltung entwickelt und erprobt, das auch ich in und drehe angenehm säuselnde Musik auf. 

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In den Zwanzigerjahren wurde auch der Körper frei. Ernst Ludwig Kirchner: ‹ Badende ›.

Seit der Renaissance spornte die Badekultur in den Thermen die Fantasie der Künstler an – so stellte es sich Lawrence Alma-Tadema 1909 vor.

Pablo Picasso war ein Maler der Badenden: 1931 malte er ‹ Die Badende beim Februar zerrissen ›.

Gerhard Richters ‹ Kleine Badende ›, 1994. © Gerhard Richter 2019 ( 0150 )

Damien Hirsts Badezimmer in seiner ‹ Empathy Suite › in Las Vegas. Eine Nacht in der Suite kostet 100 000 Dollar. Foto: Palms Casino Resort

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Salvatore Santoro ( 51 ), Keramikmodelleur, Gaeta ( I ) Seit 27 Jahren arbeitet Salvatore Santoro als einer von vier Keramikmodelleuren im Geberit-Keramikwerk in Gaeta, zwei Stunden südlich von Rom. In Italien gibt es keine Ausbildung zum keramischen Modelleur ; den Beruf lernen die Fachleute in der Praxis, ergänzt mit Kursen an Kunstschulen. So war es auch bei Salvatore Santoro: Er hat sein Handwerk in Gaeta gelernt, sein Lehrmeister vermittelte ihm das nötige Wissen und alle Abläufe. Zusätzlich besuchte er Fachkurse. Aktuell arbeitet er an der Umsetzung einer neuen Toilette.

« Keramik braucht Fingerspitzengefühl » Salvatore Santoro will ebenso funktionale wie ästhetische Produkte modellieren. An der Keramik liebt er, dass sie aus den Elementen Wasser, Erde und Feuer geschaffen wird. Aufgezeichnet: Lilia Glanzmann Fotos: Andrin Winteler

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Als ich vor einem guten Vierteljahrhundert in die Firma eintrat, startete ich nicht als Modelleur. Ich füllte die fertigen Formen mit flüssigem Harz. Weil ich leidenschaftlich, sorgfältig und geschickt bin, wurde ich über die Jahre zum Keramikmodelleur ausgebildet. Der Tag beginnt damit, dass der Abteilungsleiter uns die zu erledigenden Aufträge verteilt: Wir sind zu viert, vermessen Teile, analysieren die Masse und modifizieren wo nötig die Formen und Modelle. Hierfür brauchen wir Lehren, Lineale und Formdetektoren. Den Gips modellieren wir mit Meissel, Raspel, Säge und Spachtel. Meistens arbeiten wir von Hand. CAD nutzen wir nur, um Modelle und Formen zuallererst zu konstruieren. Exaktes Arbeiten ist das A und O – immer geht es darum, ein Keramikbauteil zu erhalten, das unseren Qualitätsansprüchen entspricht. Ein guter Modelleur kann nicht nur eine technische Zeichnung interpretieren, er versteht es auch, diese Daten in ein dreidimensionales Objekt zu übersetzen. Er arbeitet mit dem Material und achtet darauf, jedes Detail einzuhalten. Dafür ist es nötig, den Produktionsprozess in- und auswendig zu kennen.

So wird unserer Arbeit Leben eingehaucht, sie wird zur Keramik. Die extrahierte Form trocknet, wird mit Glasur besprüht und schliesslich im Ofen fast einen Tag lang bei 1200 Grad gebrannt. Eccolo ! Fertig ist der Waschtisch oder das WC. Wichtig ist eine möglichst gleichmässige Temperaturkurve. Kühlen die Keramikstücke zu schnell ab, können Risse entstehen. In der Fabrik arbeiten die unterschiedlichsten Fachleute: Es gibt Formenhersteller, die Gips in die Harzmatrizen giessen, Fachleute, die an den Produktionslinien die Formen füllen und so die Teile fertigen, und eine Person, die kleinste Unebenheiten glättet. Daraufhin inspiziert jemand das trockene Stück vor dem Glasieren, die Qualitätskontrolle wiederholt dies nach dem Brennen, und der Logistiker schliesslich verpackt und verschickt das Produkt. Hinzu kommen Produktdesigner, Maschinen- und Ofenbauer sowie Ingenieure, Mechaniker und Chemiker. Wir Modelleure kooperieren mit allen Abteilungen. Was ich an meinem Beruf besonders mag ? Ich modelliere lieber, anstatt Einzelteile zu vermessen. Vor allem aber liebe ich die Keramik: Wir schaffen sie aus den drei essenziellen Elementen unseres Planeten – Wasser, Erde und Feuer. An meiner Aufgabe schätze ich die Dynamik der Werkstücke und des Modellierens. Zudem ist reizvoll, am Anfang eines Prozesses zu stehen.

Der Form Leben einhauchen Wir fertigen die Mutterformen, aus denen später die industriellen Stücke werden. Wir beginnen mit der Positiv­ form, die mit flüssigem Harz ausgegossen wird. So entsteht das Negativ. Im Brennofen schrumpft die Keramik um rund zehn Prozent. Ein gewisser Verzug ist dabei nicht zu vermeiden, das müssen wir beim Modellieren einberechnen. Die Form wird getrocknet und in der Giesserei auf die Produktionslinien montiert. Dort füllen meine Kollegen sie mit einem flüssigen Brei, dem sogenannten Schlicker. Er besteht aus Tonerde, Kaolin, Feldspat, Quarz und Wasser, die wir nach speziellen Rezepturen mischen.

Auf die Besonderheiten des Materials hinweisen Wir produzieren eine breite Palette an Formen. Neu sind die Stücke der Linie ‹ Geberit ONE ›. Auf unser Schaffen haben die unterschiedlichen Formen keinen Einfluss, wir arbeiten immer nach dem Grundsatz, eine neue Idee perfekt und originalgetreu umzusetzen. Denn: Keramik braucht Fingerspitzengefühl. Der Werkstoff verändert im Verlauf der Herstellung seine Struktur, Grösse und Form. Jede unsorgfältige Bewegung, jede Unachtsamkeit unsererseits wirkt sich auf den Prozess aus. Damit wir auch für neue Formen fit sind und diese schnell umsetzen können, optimieren wir die Abläufe im Formenbau stetig. →

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Die Glasur wird maschinell aufgetragen.

Der Waschtisch ‹ Geberit ONE › wird vor und nach dem Brennvorgang sorgfältig auf seine Massgenauigkeit geprüft.

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Die Rohkeramiken werden nachbearbeitet, vorgetrocknet und danach mit Glasur besprüht, bis sie für den Brennprozess bereit sind.

→ Um die Ansprüche der Designer zu erfüllen, machen wir die Gestalter früh auf die technischen Hürden des Materials Keramik aufmerksam. So finden wir meistens einen Weg, den Entwurf umzusetzen, ohne ihn verändern zu müssen. Ist die Aufgabe wider Erwarten nicht wie gewünscht lösbar, empfehlen wir Alternativen, die dem Vorschlag der Designer möglichst nahekommen. Unser Ziel ist immer ein ebenso funktionales wie ästhetisches Produkt. Die Produkte sind nicht alle gleich komplex: Ein Waschbecken etwa ist einfacher zu bauen als ein Bidet oder eine Toilette. Insbesondere Letztere setzt sich aus einer komplizierten Geometrie und vielen Einzelteilen zusammen. So sind beispielsweise die produktionstechnischen Anforderungen bei den zurzeit gefragten spülrandlosen WCs wesentlich höher als bei konventionellen Modellen. Sowieso sind die Toleranzen ausserordentlich gering. Beim Modell ‹ Geberit AquaClean Mera › etwa werden Dusch- und Föhnarm direkt durch die Keramik geführt – so lassen sie sich besser reinigen, und es entstehen weniger Fugen und Kanten, an denen sich der Schmutz festsetzen kann. Die Keramik wird millimetergenau auf einen Metallrahmen geklebt und muss passgenau darauf anliegen – mit diesem Kniff lässt der Designer die Toilette im montierten Zustand scheinbar schweben. Je mehr wir über den künftigen Einsatz der Stücke wissen, desto besser werden sie. Die Technologie hinter der Wand ist deshalb bereits für uns im Werk entscheidend: Nur wenn wir alle nötigen Elemente und Schnittstellen stringent mitdenken, schaffen wir neuartige Produkte wie die Linie ‹ Geberit ONE ›.

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Stimmung schaffen Wie lässt sich Atmosphäre planen und produzieren – und wie viel ist überhaupt nötig ? Vier Architektinnen und Architekten geben Auskunft. Aufgezeichnet: Lilia Glanzmann

« Boden und Fenster entscheiden den Raum » Ich beginne oft mit dem Boden, er ist die Stimmungsbasis, die Ausgangslage, darauf kann ich aufbauen: Ist es Holz, ist er fugenlos – das eine ist nicht besser als das andere, aber es ist prägend. Umso wichtiger ist der Boden im Badezimmer, weil wir ihn dort meist barfuss betreten. Stimmt der Boden nicht, stimmt später nichts. Die Nasszelle ist ein äusserst taktiler Raum, in dem alle Sinne berührt werden. Als Zweites kommen die Fensteröffnungen. Ich sage bewusst nicht ‹ das Licht ›, denn es ist relevant, dass es Tageslicht ist – gerade im Badezimmer. Diese beiden Komponenten sind entscheidend, um Atmosphäre im Raum zu schaffen. Spreche ich von Fenstern im Bad, heisst es oft: « Das geht doch nicht, dann sieht ja jeder rein ! » Nein, sage ich, das lässt sich lösen. Dann braucht es etwa einen Vorhang. Heute gibt es viele wasserabweisende Textilien, die auch haptisch überzeugen. Diffuses Tageslicht muss sein, das macht sehr viel mit dem Raum und schafft eine angenehme Grundstimmung im Badezimmer. Künstliches Licht setzen wir ergänzend. Wie genau ? Da habe ich kein Rezept, mal passt ein streuendes Oblicht, dann wieder ein Leuchter oder klassische Downlights, das ist abhängig von der Ausgangslage. Wesentlich für die gewünschte Atmosphäre ist, wofür und von wem das Bad genutzt wird. Ist es das Badezimmer eines Paares, der Eltern oder der Kinder, oder nutzen es viele gemeinsam ? Ein Gäste-WC inszenieren wir auch mal gewagter, als Show-WC – umso mehr, als es dort oft keine Fenster gibt. Das Badezimmer für den Alltag denken wir funktionaler. Wichtig ist, dass zwei solche Positionen gestalterisch miteinander zu tun haben. Das zeigt etwa ein Interieur, das wir für eine Wohnung im Zuger Park­tower entworfen haben. Das Projekt ‹ Azure Azure › ist ein Duett aus dem brasilianischen tiefblauen Quarzit ‹ Azul do Macaubas ›, mit dem wir die Wand im grossen Bad verkleiden, ergänzt mit einem massgefertigten Lavabo und kontrastiert mit den warmen Holztönen des Bodens. Diesen exotischen

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Auftritt multipliziert der madegassische dunkelgrüne Labradorit im Gästebad. Essenziell war es, persönliche Souvenirs des vielgereisten Bewohners in die Architektur zu integrieren. Priorität hat immer der Mensch, der später in den Räumen lebt. So kann und soll ein Badezimmer auch mal wohnlich sein. Wie das funktionieren kann, zeigt diese Kombination aus hygienischem Stein und warmem Holz. Schliesslich sind die verbauten Produkte das A und O für eine gelungene Stimmung im Bad. Da gibt es heute eine grosse Bandbreite. Relevant ist aber, dass etwas auch wirklich erhältlich ist – es bringt nichts, wenn wir bei unserer Recherche neuartige Produkte entdecken, der Hersteller dann aber sagt, dass er das nicht liefern kann. Vor der Wand passiert alles Funktionale, aber entsprechend inszeniert. Hier kann die Architektur vom Bühnenbild lernen. Oft gilt Inszeniertes als Feind des Praktischen. Das muss nicht sein. Wir sind herausgefordert, hygienisch und technisch einwandfreie Produkte zu verbauen und diese in die geschaffene Stimmung zu integrieren. Das ist ja das Tolle: Heute lässt sich die Technik perfekt hinter der Wand verstecken. Das wichtigste Adjektiv, um gelungene Atmosphäre zu beschreiben ? Beseelt.  Naomi Hajnos ist vielseitig tätig: Zum Portfolio der Zürcher Architektin gehören sorgfältig geplante Innenräume sowie Neu- und Umbauten. Aktuell arbeitet sie mit ihrem zehnköpfigen Team an einer Hotelsanierung im Herzen von Zürich, an einem Restaurantausbau in Kemptthal und an mehreren Mehr- und Einfamilienhäusern. Sie sass zudem als Expertin in der Jury des ersten komplett digitalen BIM-Studienauftrags der Schweiz.

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« Ausstrahlung, Charakter, Identität » Atmosphäre entsteht immer, auch wenn man gar nicht darauf abzielt. Bei ihrer Genese sind alle Ebenen des Architektonischen beteiligt: der Raum, die Proportionen, das Material, die Farben, das Licht, der Geruch, die Form, der Stil – das macht ihre Faszination und zugleich ihre Komplexität aus. Atmosphäre ergänze ich durch die verwandten Begriffe Ausstrahlung, Charakter und Identität. Damit soll deutlich werden, dass es sich dabei auch um ein Phänomen der Architektur handelt, denn bisher ist Atmosphäre dominant mit der Innenarchitektur konnotiert und dazu eindimensional romantisch belegt. Es ist auch deshalb interessant, über Atmosphäre und Ausstrahlung zu sprechen, weil sie für die Architektur als Entwurfsmethode grosses Potenzial bergen: Es ist sinnvoll, zuerst den Charakter eines Projekts zu bestimmen und erst dann die einzelnen Entscheide davon abzuleiten. Im Moment arbeitet jedoch kaum jemand so. Bei meinem allerersten Projekt, dem Coiffeursalon ‹ Zelo ›, war das Ziel meiner Auftraggeber, mit ihrem Laden auf sich aufmerksam zu machen. Weil nicht viel Geld da war, mussten wir auf teure Formen oder Materialität verzichten. Also setzte ich auf Farbe, die weniger kostet. Damit lässt sich eine starke visuelle Präsenz erreichen. Die Wirkung wird zusätzlich dadurch gesteigert, dass es gar keine Materialien im Raum mehr gibt, nur noch Farbe und Licht. So bekam der Raum die Ausstrahlung einer Leuchtreklame. Nun geht es hier spezifisch um das Bad und seine Atmosphäre. Es gibt im Wohnen – wenn auch nicht unbedingt im Wohnungsbau – eine positive Tendenz. Genauso wie das Wohnzimmer ist die Küche inzwischen ein Lebensraum, in dem wir uns gerne aufhalten. Das Bad ist auf dem Weg dahin: weg von einer technokratischen Funktionalität, hin zu einer Kultur der Körperpflege. Eine mögliche Variante zeigt unser Projekt für ein Golfhotel in Sempach. Dort wurde das Badezimmer dekonstruiert, die Badewanne und das Waschbecken in die Hotelzimmer in-

tegriert. Das gibt den Zimmern eine Wellnessatmosphäre, und wir konnten diesen mühsam kleinen Raum, der das Bad häufig ist, vermeiden. Nur noch das WC und die Dusche sind abgeschlossene Räume. Beim Thema Bad und Atmosphäre interessiert mich vorrangig, die heute immer noch dominante und klischierte, labormässige Atmosphäre der weissen Plättli im Badezimmer aufzubrechen – und zwar zugunsten eines Reichtums an Stimmungen. Für die spezifische Stimmung sind der Kontext oder das Thema des Projekts entscheidend. In der Tamina Therme Bad Ragaz etwa war schon früh klar, dass es sich nicht um ein Spassbad handeln sollte. Im Kontext eines Fünf-Sterne-Resorts und der Wärme des Thermalwassers ist ein ruhiges und kultiviertes Baden die adäquatere und damit sinnvollere Badekultur. Geht es um Atmosphäre in der Architektur, kommt fast reflex­artig die Angst auf, man könnte zu weit gehen. Ich wundere mich darüber, denn eine überinszenierte Stimmung ist mir hierzulande noch nie begegnet. Ich sehe nicht die Überinszenierung, sondern eher die Unterinszenierung als pro­ble­ ma­tisch an. Deshalb schlage ich vor, dem dominanten Prinzip ‹ L ess is more › von Mies van der Rohe das Prinzip ‹ Too much is never enough › von Morris Lapidus entgegenzustellen – damit wäre die Balance wiederhergestellt. Denn eine lebendige Realität bewegt sich genau zwischen diesen Polen.  Joseph Smolenicky führt sein Architekturbüro seit 1992. Er war Dozent an der Université de Genève und Assistent an der ETH Zürich. Zu seinen wichtigsten Projekten zählen die Tamina Therme in Bad Ragaz, das Uhrenmuseum für IWC in Schaffhausen und mehrere Gebäude für den Golfclub Sempach.

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« Verwebt im Räumlichen des ganzen Hauses » Der Raum bildet die Voraussetzung für die atmosphärische Gestaltung eines Hauses. Deshalb steht für uns räumliches Denken am Anfang einer Konzeption, auch wenn materielle Überlegungen durchaus mitbestimmend wirken können. Stimmen die Proportion, wie der Raum in eine Raumfolge eingegliedert ist, die Aussenraumbezüge und die Lichtführung, können wir an der Verfeinerung und der Nuancierung mit Material und Farbe weiterarbeiten. So verstehen wir auch das Bad als integralen Bestandteil einer räumlichen Gesamtkonzeption. Gerade in Wohnbauprojekten ist das Bad und seine Wirkung immer wieder ein zentrales Thema. Wir behandeln diesen Bereich aber nicht mehr als in sich geschlossen. Das Bad ist kein Einzelraum, der alle Funktionen aufnehmen muss. Vielmehr versuchen wir, ihm zugeordnete Tätigkeiten einzeln zu betrachten und entsprechend freier zu verorten, um neue räumliche Konstitutionen und Stimmungen zu ermöglichen. Wie im Wohnhaus in Münchenstein: Hier ist das Bad keine traditionell geschlossene Zelle mehr, sondern eine offene Raumzone, die sich mit dem Rest des Hauses verwebt. Sie steht im Zentrum und erschliesst weitere Zimmer. Das Innenleben aus Beton, geglättetem Gips, Aluminium und silbergrau lasiertem Holz ist farblich und materiell fein abgestimmt. Die Fenster rahmen die Landschaft gleich Bildern ein. Das Haus wird zum Hintergrund für das Grün der Natur. Diese Stimmung geht auf das Quartier ein, das von zurückgesetzten Gärten geprägt ist. Natürlich geht es im Bad dennoch um Hygiene und Körperpflege. Wir begegnen uns dort schlaftrunken am Morgen oder abends nach einem langen Tag – in speziellen Randmomenten mit hoher Intimität. Die persönlichen Befindlichkeiten und Grenzen eines jeden lassen sich entsprechend ausloten. Toilette und Dusche müssen

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vielleicht separiert platziert werden, ein Waschbereich funktioniert möglicherweise integriert im Schlafzimmer. Eine Badewanne kann ebenfalls Teil eines anderen Raums werden, denn der Wasserdruck ist sanfter, und es braucht keine abgeschlossene Kabine. Das Abkapseln von der restlichen Wohnwelt ist heute auch aufgrund raumökonomischer Bedingungen nicht mehr gefragt. Das betrifft auch die Lichtsituation oder die Materialien, die sich nicht von den übrigen Räumen unterscheiden müssen. Mineralische Oberflächen können in den Badraum übergreifen ; gerade dieses Raue hat in einer Zone, die sich mit Körperlichkeit beschäftigt, seinen Reiz. Interessant finde ich Überlegungen zum Generationenbad. Schliesslich ist das Badezimmer Teil des ganzen Lebenswohnzyklus, es verändert sich mit der Familienentwicklung. Vor allem aber ist es abhängig vom individuellen Habitus: Es macht einen grossen Unterschied, ob ich gerne viel Zeit im Badezimmer und mit Wasser verbringe oder ob ich Baden als Notwendigkeit verstehe. Im Hotel ist die Bereitschaft der Menschen oftmals grösser, sich diesbezüglich auf Abenteuer einzulassen, sie suchen es sogar. Dieses Bewohnen auf Zeit ermöglicht atmosphärische Experimente. Hier spielen wir mit Licht und Schatten, Offenheit und Transparenz. Auch die Art und Weise, mit Wasser in Berührung zu kommen, kann im Hotel intensiver sein.  Andreas Bründler führt gemeinsam mit Daniel Buchner das Büro Buchner Bründler Architekten in Basel. Sie widersetzen sich wiederholendem Formalismus und entwickeln für jedes Projekt eine eigenständige architektonische Aussage.

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« Atmosphäre sind die persönlichen Rituale, die im Raum Platz finden » Atmosphäre. Da geht es um Emotionen und Sinnlichkeit, um Wohlbefinden, Glücksgefühle und vieles mehr. Alles, was generell als positiv und wünschenswert gilt. Atmosphäre ist das Ziel. Die Industrie sagt uns, wie man sie generiert, laufend werden dazu neue Produkte entwickelt. All diese Farben, Materialien, Möbel und anderen formschönen Objekte, die einem neutralen und nüchternen Raum Geschichte und Patina verleihen können. Sie versprechen uns, die Leere auszufüllen und die Sachlichkeit der Architektur zu vertreiben. Da werden wir uns wohlfühlen ! Uns scheint, das ist es, was sich die meisten Menschen heute unter Atmosphäre vorstellen. Sie hat damit die Magie des schwer Fassbaren komplett verloren. Der Begriff, dessen Herleitung und Definition doch einige Theoriebücher gefüllt hat, füllt heute vor allem Lifestyleblogs und Websites verschiedener Onlinehändler. Hier kaufen wir die Geschichte anderer Kulturen, die Lebenserfahrung der Designer und den Geschmack prominenter Persönlichkeiten ein. Da kann man nichts falsch machen, und genau das ist schwierig. Und nun zum Bad: Die sogenannten Wellnessoasen sind wenigen vorbehalten. Viele Badezimmer sind zugunsten des Wohnraums knapp bemessen und haben kein Tageslicht. Im Alltag einer Innenarchitektin muss Atmosphäre daher meist auf kleinem, funktionalem Raum geschaffen werden. Oft lässt sich an der räumlichen Anordnung nicht viel verändern. Wenn grosse Eingriffe nicht möglich sind, so sind die kleinen nicht weniger wertvoll. Wie unterschiedlich Badezimmersituationen sein können, zeigen die beiden abgebildeten Projekte: Das Bad in Horgen Foto oben funktioniert mit viel Raum und Architektur, dasjenige im Hotel Couronne in Solothurn Foto unten lebt genau umgekehrt von den Details und der Möblierung.

Umso wichtiger ist es, als Bewohnerin im Lauf der Zeit die eigene individuelle Ordnung im Raum zu finden und eine eigene Dramaturgie zu entwickeln. Die persönlichen Rituale sollten im Raum ihren Platz finden. Was brauche ich in meinem Alltag ? Was macht mir Freude beim Wohnen ? Was kann mein Badezimmer leisten ? Wie fängt mein Tag am besten an ? Was brauche ich am Morgen, um aufzuwachen ? Ist es der erste Kaffee, das Schminkritual oder das Aussuchen der passenden Garderobe ? Sind es die Morgennachrichten im Radio oder das Checken der Mails ? Und was rundet den Tag am Abend ab ? Das Ablegen der Kleider, das Waschen der Hände oder ein ausgedehntes Bad bei Kerzenlicht ? Wer die richtigen Fragen stellt, findet auch Möglichkeiten, sie im Raum zu beantworten. Vielleicht steht die Kaffeemaschine in Zukunft im Bad. Vielleicht brauche ich die eigene Playlist statt einen munteren Radiomoderator. Vielleicht braucht es ein anderes Leuchtmittel, eine neue Farbe oder ein Bild anstelle des Spiegelbildes – oder vielleicht sollte auch einfach nur das Katzenklo endlich raus. Ich bin sicher, Sie kennen die Antwort.  Jasmin Grego führt gemeinsam mit Stephanie Kühnle ihr Büro für Architektur und Innenarchitektur Grego in Zürich. Sie gestalten Hotels, Restaurants und Bars, Läden, Bürogebäude, Ausstellungsräume, Seniorenresidenzen und Privathäuser. 

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Christoph Behling ( 49 ), Industriedesigner, London Geboren in Genf und aufgewachsen in Deutschland studierte Christoph Behling an der Kunstakademie in Stuttgart bei Richard Sapper. 1995 schloss er seine Aus­bildung in Industriedesign mit dem Pro-­ jekt eines solarbetriebenen Bootes ab, das er entwarf und selbst baute. Nach dem Studium arbeitete Behling für Agenturen in Tokio und London. Bevor er 2004 sein eigenes Studio Christoph Behling Design gründete, war er ab 1997 Mitarbeiter bei Ross Lovegrove. Heute übernimmt er mit seinem Team Aufträge aus den Bereichen Kommunikationstechnologie, Luxusgüter, Uhren und Transportation Design. 2004 startete er seine Tätigkeit als Chefdesigner für TAG Heuer, 2006 für Geberit.

« Die Perfektion sichtbar machen » Was unsichtbar ist, bestimmt das Design mit. Christoph Behlings Toiletten und Waschtische zeigen das Know-how von Geberit, das einst hinter der Wand stattfand. Text: Meret Ernst Fotos: Andrin Winteler

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hotels wurden eröffnet. Design galt als Fashion und als sexy. Das war neu, befreiend und aufregend: Man musste ein Produkt nicht verbessern, sondern ihm ein neues Gesicht geben. » Was Behling als erste Stufe der Designinflation beschreibt, beschleunigte den Designprozess: Statt in die Tiefe zu entwickeln, ging es um « look and feel ». In London, als er bei Ross Lovegrove arbeitete, folgte die nächste Stufe der Beschleunigung. Hersteller in Ostasien fertigten die Entwürfe ohne Engineering. « Wir Designer entwarfen, und zack, stand das Zeug im Regal. » Mit der dritten Stufe wurde ein weiterer Flaschenhals beseitigt: Die Fülle der Produkte fand auf den Regalflächen keinen Platz mehr – bis der Onlinehandel den unlimitierten Vertrieb ermöglichte. Doch diese ‹ Rettung › hatte auch eine Entwertung des Designs zur Folge: « Die Produkte mussten nur noch anders, aber nicht besser sein. » Mitte der Nullerjahre waren die Kosten für Entwicklung und Herstellung so klein, dass die Produzenten ihre Margen verdreifachten. « Man verkaufte das Design an sich. » Als Behling jung war, mangelte es an wirklich guten Produkten, sodass er eine Sehnsucht danach aufbauen konnte. Heute übersteige das Angebot die Nachfrage um ein Vielfaches.

Das Studio Christoph Behling Design liegt in Londons Westen an der Lonsdale Road in einem zweigeschossigen Backsteingebäude. Eine steile Treppe führt hinauf in einen offenen Arbeitsraum. Hier sitzen bis zu acht Designerinnen und Designer an einem grossen Tisch. Die Atmosphäre ist ruhig und konzentriert. An den Wänden hängen Bestandteile von Uhrwerken, aber auch Modelle und Skizzen. Christoph Behling führt nach hinten in ein Besprechungszimmer. Er spricht leise und bestimmt. Wenn er auch schon bald 25 Jahre in London lebt, gibt es kaum ein deutsches Wort, das er nicht mehr findet. Seit 2006 entwirft Behling für Geberit ; es ist das zweite Schweizer Unternehmen und exklusiver Sanitärhersteller in seinem Portfolio. Seine Arbeit für die Uhrenfirma TAG Heuer aus La Chaux-de-Fonds brachte ihn zu Geberit. Ein Uhrenlabel und eine Sanitärfirma, die damals bekannt war für ein System, das nicht sichtbar ist – wie geht das zusammen ? Die Frage, die sich auch Behling zuerst stellte, erübrigte sich schnell. Als er vor 13 Jahren erstmals Langlebiges Design die Fertigung in Rapperswil-Jona besuchte nämlich: « Ich sprach mit den Technikern und Ingenieurinnen und wussSo konnte es nicht weitergehen. Behling suchte nach te sofort: Das wird funktionieren. » De­sign­auf­gaben, die eine langlebige formale Sprache verlangten. Uhren zum Beispiel, die im besten Fall vererbt Ein neues Gesicht für die Produkte werden. Die gleiche Sorgfalt und dasselbe Bemühen um Diese Erkenntnis hat eine Vorgeschichte. Behling Langlebigkeit lernte er bei Geberit kennen. Das war es schildert sie anhand seines Werdegangs, den er an der auch, was die beiden Bereiche verband, erinnert er sich. Entwicklung des Designs spiegelt. Ausgebildet im stren- « D er erste Satz, den ich bei meinem Besuch in Jona hörte, gen Geist von « form follows function » boten die Achtzi- war: ‹ Wir haben 25 Jahre Ersatzteilgarantie. › Was für angerjahre eine verlockende Alternative. Die semantische dere Ohren banal klingt, haute mich um. » Ebenso wie die Dimension des Designs, das Bewusstsein, dass sich Funk- Tatsache, dass die Entwicklungsabteilung grösser war als tion auch über Zeichenhaftigkeit vermittelt und dabei die des Marketings – ein Glücksfall für das Design. Dieses neue gestalterische Spielräume eröffnet, erlebten er und an der Sache interessierte Denken in grossen Zeiträumen seine Zeitgenossen als Befreiung. « Die Welt hatte sich ver- sei nicht nur ökologisch verantwortungsvoll ; es bedeute ändert. 1995 kam das Magazin ‹ Wallpaper › heraus, Design- auch eine Absage an modischen Firlefanz. Andernfalls →

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Die in die Wand integrierte Nischenablage ergänzt die bodenebene Dusche: Sie spart Platz und verhindert Wasserränder und Schmutz.

Die Linie ‹ Geberit ONE › schafft Raum im Badezimmer.

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→ generiere man einen immensen, unökonomischen Lagerbestand. Die leicht obsessive Schweizer Perfektion, mit der Spülkästen konstruiert wurden, beeindruckte ihn ebenfalls: « Sie hat beinahe etwas Religiöses. Die Ingenieure, die ich kennenlernte, wissen, dass jede Verbesserung die Entwicklungskosten verdoppelt – was nicht unbedingt hilfreich ist. Aber sie können gar nicht anders. » Der Kompass zeigte 2006 in die richtige Richtung, erinnert sich Behling. Was in Bezug auf die Konstruktion im Überfluss vorhanden war, fehlte aufseiten des Designs. « Ich musste die Perfektion, die Geberit hinter der Wand aufgebaut hatte, vor die Wand bringen und sichtbar machen. » Zuerst entwickelte er die Betätigungsplatte, mit der die WC-Spülung ausgelöst wird. Er traf ein Design an, das mit elliptischen Formen spielte. Mit der ‹ Sigma 20 › schlug er runde Formen und einen flachen Querschnitt vor, mit einer kleineren Taste für die kleine und einer grös­seren für die grosse Spülung. 2008 lanciert und millionenfach installiert prägten die beiden Chromringe auf weissem Kunststoff fortan das Produktdesign von Geberit. Zehn Jahre später überarbeitete Behling diese Form und schlug eine leicht bombierte Oberfläche der Tasten vor. Auch diese Lösung basiert auf einer hohen Fertigungsqualität. Neben der formalen Weiterentwicklung, die immer möglich ist, interessieren Behling vor allem funktionale Verbesserungen, wie etwa die in die Betätigungsplatte eingebauten Kohlefilter, die es seit 2011 gibt. Die Aktivkohlefilter eliminieren schlechte Gerüche, die direkt in der Toilettenschüssel abgesaugt werden. Beruhigte Geometrie, verständliche Formen Mit ‹ Geberit ONE › sollte Behling die Vorteile der Vorwandtechnik ins Badezimmer bringen. Damit beauftragt wurde er 2016. Geberit hat das System dieses Frühjahr an der Messe ISH in Frankfurt lanciert. Die Kollektion umfasst WC, Waschplatz und Dusche. Zuvor musste geklärt werden, welche Form dem Know-how hinter der Wand entspricht. Der Designer überzeugte die Chefetage mit seiner Analyse der jüngeren Designgeschichte für eine zurückhaltende Formensprache. 613 unterschiedliche hängende WCs zählte Behling 2016 auf einer Anbieter-Plattform, eine Zahl, die in den darauffolgenden zwei Jahren auf 825 stieg. « Alle sehen gleich aus, und alle bieten dieselbe Funktion – es sind weisse Keramikklumpen mit Plastikdeckel. Wenn Geberit diesen Wettbewerb eingeht, bin ich draussen. » So weit kam es nicht. Was als einfacher Unterputzspülkasten begann, entwickelte Geberit zum System. Heute dient die Vorwandtechnik als Grundlage für die Gestaltung von Badezimmern und WCs. Das bringt Vorteile für Planung und Montage, aber auch für eine raumsparende Installation. Diese Vorteile richtig auszuspielen, war die Designaufgabe, die es zu lösen galt. Christoph Behling setzte für ‹ Geberit ONE › auf ein beruhigtes, geometrisch klar verständliches Design. Ziel war es, im Bad mehr Platz zu schaffen und die Reinigung zu vereinfachen. « Ein grosses Bad funktional einzurichten, ist keine Kunst. Es geht darum, auf kleiner Fläche mehr Komfort zu bieten. » Mehr Platz entsteht etwa dadurch, dass im Vorwandsystem der Dusche eine Ablage eingefügt ist. Auch optisch entsteht mehr Raum, weil der Wandablauf der boden­ ebenen Dusche es ermöglicht, die Keramikfliesen durchgängig zu legen. Der Spiegelschrank ist ebenfalls in die Wand gefügt ; die Spiegelfläche hat eine integrierte Beleuchtung. Der Waschtisch ist nur 40 Zentimeter tief, und weil Wandarmaturen und Abfluss in einer Funktionsbox in der Vorwand eingebaut sind, kann der Unterschrank voll genutzt werden – kein Siphon nimmt Platz weg. Der

Waschtischablauf ist am hinteren Rand des Beckens platziert, bedeckt von einer mittels Magnet fixierten Blende, die sich mit einem Handgriff entfernen und reinigen lässt. Fällt beispielsweise ein Fingerring in den Ablauf, hilft der Fänger. Der Überlauf ist – wie auch das Ablaufventil und der Siphon – in der Vorwand untergebracht. Der Kern des Designs Neu entwickelt hat Behling mit den Konstrukteuren auch die wandhängende Toilette. « Da gingen wir jedes einzelne Kapitel durch », erklärt er den Prozess. Zum Beispiel die Spülung: Oft betätige man sie zweimal. « Bringt man das besser hin, ist das wassersparend. Das ist kein Hexenwerk, aber bislang hat sich keiner darum gekümmert. » Die Spülung ist nun effizient und leise. Erreicht wird das durch die asymmetrische Innengeometrie. Die patentierte Lösung ‹ TurboFlush › lässt das Wasser seitlich und in spiralförmiger Bewegung in die Schüssel ohne Spülrand fliessen. Das Vorwandsystem ermöglicht es zudem, die Toilette in der Höhe zu verstellen – etwas, das nicht nur im Hinblick auf ein hindernisfreies, altersgerechtes Badezimmer Vorteile bietet. Die wandhängende Installation erleichtert auch die Bodenreinigung. Alle Elemente sind an Geberits Installationssysteme angebunden. Statt formaler Differenzierung löst das Badezimmer ein, was Behling in der Überfülle der bestehenden Angebote vermisste: ein unaufgeregtes Design, das funktionale Vorteile bietet. Es entspricht dem, was er als Kern des Designs versteht: « Wir denken über den gesamten Lebenszyklus von Produkten nach. Sie sollen so gut sein, dass man sie nicht mehr von der Wand nehmen will. » Formale Langlebigkeit ist dafür eine Bedingung. Vor allem bei ressourcenintensiven Produkten, wie sie im Badezimmer eingesetzt werden. « Meine Aufgabe als Designer ist es, Produkte zu schaffen, die so lange wie möglich funktionieren und die auch so lange wie möglich ästhetisch befriedigen. Das gelingt, wenn wir eine Beziehung zu ihnen aufbauen und sie uns auch noch nach zwei Jahren gefallen. Und ich nach zwei weiteren Jahren ein bisher übersehenes Detail entdecke und schätze. » 

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Die Ökonomie des Badezimmers 142 l Bei 142 Litern pro Tag liegt der Pro-KopfWasserverbrauch in der Schweiz.

Wie der Schweizer Werkplatz um die Badezimmerbranche aufgestellt ist: von Grosshändlern und Nischenanbietern, neuen Geschäftsfeldern und dem Umgang mit Wasser. Text: Marc Iseli Infografik: Tamaki Yamazaki Quellen: Geberit, Bundesamt für Statistik, NASA

25 l

Bei 25 Litern pro Tag liegt der Pro-KopfWasserverbrauch in Indien.

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Es war ein Fehlentscheid mit Folgen. 2003 machte sich die Zürcher Firma Closomat daran, ein neues Dusch-WC zu entwickeln. Der Spülkasten sollte erstmals hinter der Wand verschwinden. Ein Kredit der Zürcher Kantonalbank sorgte für die nötige Liquidität. Doch das Ganze erwies sich letztlich als Problem: Das neue Gerät funktionierte nur leidlich, jedes zweite wurde zu einem Garantiefall. Der Kredit konnte nicht zurückbezahlt werden, die Firma ging im Herbst 2007 in Konkurs. Kopf-an-Kopf-Rennen Damit endete eine Ära, die in den Fünfzigerjahren begonnen hatte. Der Tüftler Hans Maurer erfand 1956 das weltweit erste Dusch-WC. Die Vision dazu soll er eines Nachts in seinem Haus am Zollikerberg gehabt haben. Maurer galt als bockig und stur, eckte an. Ständig wechselte er die Stelle. Die Idee eines Dusch-WCs aber fesselte ihn. So tüftelte er mit einem Gartenschlauch und einem Föhn an einem Prototyp, patentierte schliesslich das System und machte damit Karriere. Vom Urmodell verkaufte Maurer 300 Stück. Die Nachfrage stieg, und der gelernte Maschinenzeichner lieferte über die Jahre 100 000 seiner Closomaten aus. Vor allem vermögende Kunden aus der Schweiz, Deutschland und Österreich interessierten sich für das System. Das WC des bockigen Bauernsohns galt als das raffinierteste, das auf dem Markt erhältlich war. Das Absaugen und Filtern der schlechten Gerüche war eine Pioniertat. Ebenso das auf Körpertemperatur erwärmte Wasser und der starke Druck des Strahls.

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Ende der Siebzigerjahre verfiel der Patentschutz. Gleich im ersten Jahr nach der Patentklippe lancierte Geberit ein eigenes Dusch-WC. Drei Jahrzehnte war es ein Kopfan-Kopf-Rennen. Maurer wuchs mit seinem Unternehmen, das nunmehr von seinem Sohn geführt wurde, auf einen Umsatz von mehr als zwanzig Millionen Franken und beschäftigte in der Spitze rund sechzig Personen. Geberit behielt aber die Oberhand und ist mittlerweile der grösste europäische Hersteller. Mit dem Bereich ‹ Badezimmersysteme ›, zu dem das Dusch-WC-Geschäft gehört, machte das Unternehmen 2018 mehr als eine Milliarde Franken Umsatz. Das entspricht einem Drittel des Konzernumsatzes – mit dem Ziel, diese Kategorie weiter auszubauen. Hergestellt werden die Dusch-WCs in Rapperswil-Jona. Die Keramik stammt aus einem Geberit-Werk in Deutschland, die Technik aber wird am Zürichsee verbaut. Der Konzern hat die arbeitsintensiven Schritte 2012 am Hauptsitz gebündelt und so achtzig Stellen geschaffen. Trotz aufgewertetem Franken sind die Jobs bis heute in der Schweiz geblieben. Drei Werke betreibt das Unternehmen hierzulande, zwei in Rapperswil-Jona und eines im freiburgischen Givisiez, wo Teile der Rohrleitungssysteme fabriziert werden. Der Grad der Automatisierung ist hoch, etwa bei den sogenannten Betätigungsplatten, dem Geberit-Klassiker. Diese sind mit dem Spülkasten verbunden, der heutzutage meistens in einer Trockenwand verbaut ist.

295 l Bei 295 Litern pro Tag liegt der Pro-Kopf-Wasserverbrauch in den USA.

1,4 Mrd. km³

0,0001 %

0,0001 Prozent des Wassers auf der Erde ist leicht zugängliches Süsswasser.

Hinter der Wand – vor der Wand Die Serienproduktion des ersten Unterputzspülkastens aus Kunststoff startete 1964. Seinerzeit war das Unternehmen Geberit noch im Besitz der Familie Gebert. Schwere Rohre aus Blei, Eisen oder Kupfer gehörten damals zum Alltag des Sanitärinstallateurs. Die Wahl des neuen Materials war revolutionär, Gegenstände aus Kunststoff galten als minderwertig. Geberit bewies das Gegenteil: Weit über sechzig Millionen Unterputzspülkästen hat das Unternehmen seither verkauft, zwölf Zentimeter schlank ist die Standardversion. Der Wassertank wird im Blas­giess­verfahren in einem Arbeitsgang gefertigt. Historisch war Geberit als Sanitärtechnikfirma für die Installations- und Rohrleitungssysteme hinter der Wand bekannt. Lange waren das Dusch-WC und die Betätigungsplatten die einzigen Produkte vor der Wand, unterdessen ist die Produktpalette gewachsen. Hierfür akquirierten die Rapperswiler Sanitec, den damals grössten Keramik- und Badezimmermöbelhersteller in Europa. Neu bietet Geberit Waschtisch, WC-Keramiken, Urinal, Bidet, Spiegel und Badezimmermöbel aus einer Hand. Die Sanitärkeramiken von mehreren einstigen Sanitec-Marken werden seit April in der Schweiz nur noch unter der Marke Geberit vertrieben. Sanitärinstallationen sollen lange halten. So sind Spülwassertanks aus Polyethylen noch immer ein Markenzeichen in Schweizer Badezimmern, oft kombiniert mit einer Keramik des basel-landschaftlichen Unternehmens Keramik Laufen. Zusammen mit Geberit waren die beiden Betriebe über Jahre das WC-Duo schlechthin. Kurz vor der Jahrtausendwende übernahm die spanische Roca-Gruppe die Firma Keramik Laufen. Sie bezahlte im Sommer 1999 fast eine halbe Milliarde Franken für das Traditionsunternehmen aus der Nordwestschweiz. Das Keramikwerk ist geblieben. Auch zwanzig Jahre nach dem Handwechsel gibt es in der gleichnamigen Ortschaft eine Keramik-Laufen-Fabrik. Output, Umsatz und Gewinn sind nicht öffentlich: « Als Teil der Roca-Gruppe, die sich im Familienbesitz befindet, veröffentlichen →

1,4 Milliarden Kubikkilometer Wasser gibt es auf der Erde.

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→ wir keine Geschäftszahlen », sagt deren Geschäftsführer Klaus Schneider. Zwei Zahlen nennt er: 280 Personen beschäftigt die Firma in der Schweiz ; das Marktvolumen der hierzulande verbauten WC-Schüsseln schätzt er auf 250 000 Installationen. « In der Schweiz werden jährlich circa 50 000 neue Wohneinheiten erstellt und ungefähr doppelt so viele renoviert », erläutert Schneider diese Hochrechnung. Je nach Verhältnis zwischen Miet- und Eigentumsobjekten rechne man pro Einheit mit rund 1,7 Toi­ let­ten, was multipliziert das ungefähre Volumen ergebe. Ein weiterer Riese im nationalen Sanitärmarkt ist Sanitas Troesch. Sowohl Keramik Laufen als auch Geberit vertreiben ihre Ware zu einem grossen Teil durch diese Firma. Beobachter schätzen den Marktanteil des Grosshändlers auf knapp dreissig Prozent. Auch Sanitas Troesch ist mittlerweile nicht mehr in Schweizer Händen. Ende 2004 verkauften die Berner Besitzerfamilie Ringgenberg und der Aargauer Merker-Clan ihre Anteile an den französischen Saint-Gobain-Konzern. Zum Zeitpunkt des Verkaufs zählte Sanitas Troesch 720 Mitarbeitende an 27 Standorten. Jahresumsatz: knapp unter einer halben Milliarde Franken. Inzwischen sind es laut Firmenangaben rund 860 Mitarbeitende und 545 Millionen Franken Jahresumsatz. Dreissig Sanitärshops zählt das Unternehmen heute. Dazu kommen achtzehn Ausstellungen und sechs Logistikzentren. Exklusiver Vertrieb Neben den Grosshändlern vertreiben auch Nischenanbieter Sanitärprodukte. Rolf Senti gehört zu den bekannteren. Der Bündner Unternehmer setzt auf eine reine Markenstrategie. Kunden bezahlen Eintritt, um den Showroom zu besuchen. Eigenkreationen aus Fernost, wie sie etwa bei Sanitas Troesch zu kaufen sind, gibt es nicht. Stattdessen bietet der einstige Radprofi einzigartiges Material in der Nasszone: individuelle Wannen aus Holz oder Stein, Dampfbäder, Saunas und Fliesen aus Italien, dem Mutterland aller Plättli. Solche Bad-Lounges sind in Wohnungen und Fünf-Sterne-Hotels gefragt. So realisierte Senti im Zürcher Mobimo-Tower rund 200 Nasszellen. In Abu Dhabi stattete er diverse Hotels mit Wellnesszonen aus.

280 l So viel Wasser braucht es für die Herstellung von 1 Kilogramm Toilettenpapier.

8 m²

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19 Mio. $

So viel kostet die teuerste Toilette der Welt, verbaut in der ISS-Raumstation.

In der Schweiz profitiert Senti derzeit von einem ausgeschiedenen Mitbewerber. Das zur Meier-Tobler-Gruppe gehörende Keramikland hat letztes Jahr geschlossen ; vier Standorte waren betroffen. Auch in der Nische der hochstehenden Produkte steige der Konkurrenzkampf, sagt Martin Schäppi, Leiter der Unternehmenskommunikation von Meier Tobler. Das Geschäft sei seit Jahren rückläufig gewesen. Ein Blick in den Geschäftsbericht zeigt: Der Umsatz sank im Jahr vor der Schliessung auf unter zehn Millionen Franken. Das Minus vor Steuern betrug fast eine halbe Million Franken und verzehnfachte sich im Jahr darauf, als der Konkurs Tatsache wurde. 2018 erwirtschaftete Keramikland einen Verlust von mehr als 4,5 Millionen Franken – für diesen Betrag gäbe es beim ehemaligen Spitzensportler Senti mehr als 4000 Holzwannen aus pflegeleichter Esche, gefertigt in einem Hightechverfahren, das laut eigenen Angaben der Formel 1 entlehnt ist. Zukunft: Wasser sparen Vor vier Jahren hat Rolf Senti eine zweite Firma auf die Beine gestellt: die Swiss Eco Line mit Sitz in Chur. Sie vermarktet umweltfreundliche Armaturen. Diese Idee entwickelte Senti auf Geschäftsreisen in wasserarmen Ländern. Sechs Jahre dauerte es, bis das Produkt markt­reif war. Die Metrostationen in Saudi-Arabien sind nun unter anderem mit einer Spray-Technologie ausgestattet, die den Wasserverbrauch um neunzig Prozent reduzieren soll. Bald sollen alle saudi-arabischen öffentlichen Anlagen wie Schulen und Universitäten folgen. Senti ist mit seiner Idee auch in der Schweiz erfolgreich – etwa in seinem Heimatkanton, wo das Wasser insbesondere in Berghütten knapp ist. Auf der Lenzerheide wird das kostbare Nass in einem doppelten Boden in der Luftseilbahn auf das Rothorn gebracht. Das Spray-System verspricht einen Verbrauch von rund einem Liter Wasser pro Minute bei gleichem Reinigungseffekt. Durch einen herkömmlichen Wasserhahn fliessen in derselben Zeit fünf bis zehn Liter. Das rechnet sich auch hierzulande, wo

So gross ist das durchschnittliche Badezimmer in der Schweiz.

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« Umfassende Lösungen für das Bad entwickeln » ein Durchschnittsbewohner laut Statistik jeden Tag knapp 15 Liter Wasser allein beim Händewaschen verbraucht. Für das Baden und Duschen sind es weitere 37 Liter, und die Toilette verschlingt sogar mehr als 40 Liter. Weil auch noch gekocht, gespült und gewaschen wird, kommt so eine Summe von 142 Litern pro Tag zusammen. Sparsame Systeme sind denn auch im Trend. Neben der vorrangigen Nachfrage nach mehr Hygiene und Wohlbefinden hat Branchenführer Geberit das seit Jahren auf dem Radar: Der Duschvorgang bei dessen Dusch-WC verbraucht im Schnitt etwa einen Liter Wasser. Das mag zunächst irritieren, wird aber in den versteckten Zahlen der Trockenreibkultur deutlich: Die Produktion von WC-Papier verschlingt grosse Wassermengen: 280 Liter werden für die Herstellung von einem Kilogramm Toilettenpapier benötigt. Die Toilette der Zukunft könnte ganz ohne Wasser auskommen. Die Vorlage dazu lieferten Forscher der ETHWasserforschungsanstalt Eawag vor sieben Jahren. Das Produkt wird aber kaum in Schweizer Badezimmern stehen, sondern in Entwicklungsländern – Microsoft-Gründer Bill Gates will damit die sanitären Bedingungen von fast drei Milliarden Menschen verbessern. 

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Reto Bättig leitet bei Geberit die Schweizer Geschäfte. Im Interview spricht er über die helvetischen Bedürfnisse und das Unternehmen im Wandel. Welche regionalen Eigenheiten prägen den Schweizer Markt ? Reto Bättig: Früher hat man mit Nasswänden gebaut, also den Spülkasten in die Wand gemauert. Heute werden meist Trockenwände gebaut. In Mietwohnungsüberbauungen ist das unterdessen praktisch Standard. Dabei geht es auch um Schallschutz: Trockenwände isolieren besser, was besonders bei grösseren Siedlungen wichtig ist. In ländlichen Gegenden mit vielen Eigenheimen wird oft noch klassisch gebaut. Dann ist das Dusch-WC in der Deutschschweiz weiter verbreitet als in der Romandie, auch weil Geberit in der Deutschschweiz schon viel länger in den Aufbau der Dusch-WC-Kategorie investiert. In der Westschweiz haben wir da noch etwas Aufholbedarf. Und die Rohrleitungssysteme unterscheiden sich: In der Entwässerung wird schweizweit mit Polyethylen gearbeitet, aber in Genf gibt es aufgrund der alten Bausubstanz immer noch viele Gussrohre. Was bedeutet die Übernahme von Sanitec für die Wertschöpfung hierzulande ? Aufseiten von Entwicklung und Ingenieurwesen haben wir Kompetenz in die Schweiz geholt. Von den knapp 12 000 Mitarbeitenden sind 1400 in der Schweiz tätig – vor zehn Jahren arbeiteten hier erst knapp tausend Personen für den Konzern, das sind im Schnitt also vierzig neue Stellen jährlich. Und zwar eben nicht nur in der Produktion, sondern auch im Vertrieb, in der Administration, im Marketing und in der Forschung. Unser Ziel ist es, unser sanitärtechnisches Know-how mit Designkompetenz zu verschmelzen und so umfassende Lösungen für das ganze Bad zu entwickeln. Wir wollen Innovationen bringen, die nicht einfach zu kopieren sind, wie etwa den Waschplatz ‹ Geberit ONE ›, dessen Siphon in eine Funktionsbox in der Vorwand eingelagert ist siehe Seite 18. Diese integrierten Produkte bringen Vorteile für den Endkunden, aber auch für den Installateur, der Zeit beim Einbau spart. Damit sind Sie näher beim Endkunden. Bricht Geberit mit der Politik der Zwischenhändler ? Wir sind und bleiben dem dreistufigen Vertriebsweg treu: Wir verkaufen nur an den Fachhändler, dieser dann an den Installateur, der wiederum die Ware dem Endkunden verkauft. Da sind wir konsequent, auch weil wir es richtig finden, dass jeder seine Aufgabe wahrnimmt. Unsere Experten begleiten und beraten die Installateure, Planer und Architekten natürlich auch in Zukunft eng.

So lang ist eine Standard-Badewanne in Mietwohnungen.

Reto Bättig ist seit 2013 für Geberit tätig. Zu Beginn arbeitete er im Team für die Akquisition und Integration der finnischen Firma Sanitec. Im September 2016 wurde er Leiter Vertrieb Endkunden, Fachberatung und Kundendienst im Schweizer Markt. Seit April 2019 ist er an der Spitze der Geberit Vertriebs AG und leitet die hiesigen Geschäfte.

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Alfons Iten ( 63 ), Badplaner, Einsiedeln Nach der Lehre im Betrieb des Vaters arbeitete der Sanitärinstallateur und Spengler einige Sommer in Thun. Die Wintermonate verbrachte er als Skiakrobatiklehrer auf der Riederalp. Mit 28 übernahm Iten den väterlichen Sanitär- und Spenglereibetrieb in Einsiedeln. Bald geht dieser in die Hände des Sohns über, der bereits Mitbesitzer und Geschäftsleiter ist. Alfons Iten wird weiterhin die Spenglerei führen, Projekte kalkulieren und Badumbauten planen.

« Virtuelle Realität ersetzt das Anfassen nicht » Schon vor zwanzig Jahren hat Alfons Iten die Vorteile von 3-D-Visualisierungen erkannt. Bei der Badplanung achtet er auf eine gute Beleuchtung und ausreichend Stauraum. Text: Melanie Keim Foto: Andrin Winteler

« Das kannst du mir alles genau so bestellen. » Das habe ich schon ein paarmal von Kunden gehört, nachdem sie sich mit der Virtual-Reality-Brille in ihrem geplanten Bad umgeschaut hatten. Virtual Reality ist ein grossartiges Mittel, um ein Gefühl für die Platzverhältnisse im Raum zu entwickeln. Die Kunden können sich besser vorstellen, wie ein Schrank in einem engen Bad wirkt, wenn sie sich im virtuellen Raum bewegen, Schubladen aufziehen und Schranktüren öffnen. Auch bei der Entscheidung, wie hoch man fliesen soll, kann ein Blick durch die VR-Brille Klarheit schaffen. Doch Virtual Reality ersetzt das Anschauen, Anfassen und Ausprobieren der geplanten Einbauteile und Materialien nicht. Deshalb empfehle ich meinen Kunden, die Möbel und sanitären Apparate wie Waschtische und Armaturen in der Ausstellung beim Lieferanten in echt anzuschauen und auszuprobieren. Hier im Betrieb können sie etwa die zwei gefragtesten Dusch-WCs von Geberit testen. Kein Zusatzaufwand für ein Zukunftsmodell Die Badezimmerplanung ist lediglich ein Standbein unseres Familienunternehmens, das in einen Sanitärbetrieb und eine Spenglerei unterteilt ist. Heute haben diese Bereiche nicht mehr viel gemeinsam. Auch den Doppelberuf Spengler / Sanitärinstallateur, den ich im Betrieb meines Vaters hier in Einsiedeln gelernt habe, gibt es nicht mehr. Früher waren bei Sanitäranlagen sowohl Spengler- als auch Sanitärkompetenzen gefragt. Als Kind habe ich erlebt, wie mein Vater für die Verbindung von Abflussrohren mit Blei arbeitete, und in der Lehre habe ich selbst noch Bleisiphons hergestellt. Dass diese beiden Berufe historisch aus dem Kupferschmied hervorgingen, sieht man übrigens in unserem Stammbaum: 1790 gab es den ersten Kupferschmied Iten, auf den später Spengler sowie Sanitär- und Heizungsinstallateure folgten. Und ich, der Handwerker mit Herzblut, arbeite heute im Betrieb, den ich vom Vater übernommen habe, mit iPad, Computer und VR-Brille. Mit 3-D-Plänen arbeite ich schon seit mehr als zwanzig Jahren. Das Einarbeiten in die Programme erforderte damals einige Zusatzarbeit neben dem regulären Betrieb. Aber ich habe immer gerne gearbeitet, und da in unserem Familienunternehmen Wohnen und Arbeiten eng verknüpft sind, konnte ich Familie, Beruf und Freizeit gut vereinbaren. Virtual Reality, die ich seit einem Jahr nutze, um Badezimmerumbauten zu planen, bedeutete für mich keinen Zu­satz­auf­wand. Und ich sehe darin ein Zukunftsmodell.

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Als Profi kann ich mir die Räume auch ohne VR-Brille gut vorstellen. Und doch fällt mir manchmal ein Detail auf, wenn ich einen geplanten Raum mit der VR-Brille betrete: vielleicht eine Ablage, die ich anders gestalten könnte, oder die Position von Duschmischern, die noch nicht ganz stimmt. Auch bei der Zusammenarbeit mit anderen Handwerkern können 3-D-Visualisierungen hilfreich sein. Als ein Plattenleger einmal eine Spezialanfertigung für eine Fernsehnische im Bad machen sollte, schaute er sich die Situation bei uns durch die Brille an. So konnten wir Detailfragen, wie der Plattenraster auf die Position der Wanne und der Möbel abzustimmen sei, besser besprechen und fanden eine bessere Lösung. Genügend Stauraum und dimmbares Licht Heute plane ich vor allem Badezimmerumbauten in Häusern, die vor rund dreissig Jahren gebaut wurden. Diese Bäder sind zwar noch funktionstüchtig, aber die Besitzer wollen ein zeitgemässeres Badezimmer mit mehr Komfort. Wir machen den gesamten Umbau, von der Beratung über die 3-D-Planung bis zur Umsetzung, für die ich die nötigen Handwerker zusammenbringe. Meistens arbeiten wir mit fertigen Sanitärmöbeln, es gibt ja eine enorme Auswahl. Aber wo es schwierige Ecken gibt oder Kunden spezielle Wünsche haben, braucht es Sonderanfertigungen. Wir sind lediglich in Einsiedeln und Umgebung tätig, was vielleicht etwas altertümlich klingt, aber nachhaltig ist. Wenn möglich fahre ich mit dem E-Bike zu den Kunden und nehme vor Ort Masse und Wünsche auf. Für die Kunden soll das Resultat natürlich vor allem schön und komfortabel sein. Ich muss oft empfehlen, mehr Stauraum einzuplanen. Spiegelschränke sind heute nicht nur praktisch, sie können auch ganz anders aussehen als früher, etwa mit einer Lichtumrandung. Überhaupt lege ich gros­ sen Wert auf das Licht, wobei ich für die Atmosphäre oft mit dimmbaren Quellen arbeite. Mit einer guten Beleuchtung können auch ältere Fliesen noch schön aussehen. Früher habe ich bei vielen Neubauten auch die Sanitärplanung übernommen und ging mit dem Architekten und den Kunden in die Bäderausstellung, um Badewanne, Toilettenmodell, Waschbecken oder Armaturen gemeinsam auszuwählen. Heute sind bei Neubauten vermehrt Fachplaner im Einsatz. Wir planen nicht mehr mit, sondern sind nur noch für die Ausführung der sanitären Installationen, die Konstruktion der Vorwände, die Auslieferung und Montage der Apparate zuständig. Vom Sanitärplaner und dem Architekten erhalte ich die Detailpläne, auf denen schon bestimmt ist, wo am Ende die Zahnbürste hinkommt. Doch da mische ich mich natürlich nicht ein. 

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Das Bad von heute und von morgen Welche neuen Ideen gibt es für die Nasszelle ? Von der Hygiene ohne Papier, optimaler Raumnutzung, cleverer Technik, generationengerechten Badezimmern und dem Mut zur Farbe. Fünf Ausblicke. Text: Lilia Glanzmann, Fotos: Andrin Winteler

Wellnessoasen im Wohnzimmer, das Badezimmer als Fitnessraum, riesengrosse Grundrisse mit poolähnlichen Wannen: In Zeiten überzeichneter Badewelten ist es klug, über alte Rituale nachzudenken, diese zu hinterfragen und neue Lösungen zu suchen. Der demografische Wandel etwa ist ein Thema, das uns alle umtreibt und beschäftigen wird. Ökologische Ansätze sind gerade im Badezimmer sinnvoll, wenn Wasser dereinst knapp werden wird. Und auch digitale Ansätze überzeugen, wenn sie mehr sind als reine Spielerei. Die folgenden Bilder liefern Ideen, in welche Richtung sich das Badezimmer zu­ künftig wandeln könnte.

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Papierlose Hygiene 280 Liter Wasser sind nötig, um ein Kilogramm Toilettenpapier herzustellen, und allein des WC-Papier-Konsums hierzulande wegen fällen wir jährlich zwei Millionen Bäume. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 21 Kilogramm WC-Papier pro Jahr liegt die Schweiz weit über dem europäischen Durchschnitt. Um unserer Umwelt Sorge zu tragen und mit vorausschauendem Blick auf zukünftige Generationen, verzichten wir auf Plastik am Watte­ stäb­chen, sparen den Watte­bausch – und eben auch das Toi­lettenpapier. Da Hygiene ein primäres Bedürfnis ist und bleibt, bieten Dusch-WCs ein ideales Mittel für das Wohlbefinden und unterstützen darüber hinaus den sorgsamen Umgang mit der Ressource Wasser.

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Sharing Deluxe Verdichtet bauen bedeutet, den beschränkt vorhandenen Raum optimal auszunutzen. Das ermöglichen im Badezimmer kompakte, aber modulare Einbauten, die sich auf die persönlichen Bedürfnisse abstimmen lassen – ergänzt durch clevere Technik, die konsequent hinter die Wand verlegt ist und so Platz schafft. Wer trotz des begrenzten privaten Waschraums nicht auf etwas Luxus verzichten möchte, setzt in Zukunft auf die Gemeinschaft und teilt Fläche. Denn Teilen bedeutet auch Komfort: Neben dem privaten Badezimmer könnte etwa im Mehrfamilienhaus ein den Bewohnerinnen und Bewohnern zugänglicher SpaBereich Wohlbefinden für alle bedeuten – dem Hammam ähnlich.

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Color up Nach den poppig-bunten Achtzigerjahre-Bädern galt lange Zeit nur noch Weiss als akzeptabel. Nun kommt wieder Farbe ins Bad – wenn auch nicht zwingend bei Waschtisch, Wanne und WC, wo sich hygienisches Weiss bewährt hat. Denn es ist wenig nach­ haltig, ganze Gerätschaften nur der Farbe wegen bereits nach fünf Jah-­ ren zu ersetzen. Um dennoch Farbe und Wohnlichkeit ins Badezimmer zu bringen, setzen wir nun auf Pflanzen, Wandfarbe, Textilien und aus­ gewählte Möbelstücke. Dabei gibt eine Farbe den Ton an, drei bis vier wei­tere Akzente unterstützen den harmonischen Klang.

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Generationengerecht 105 Jahre: Die Hälfte aller Kinder, die heute geboren werden, sollen einst dieses Alter erreichen. Umso wichtiger wird künftig das Generationenbad – ein Badezimmer, das auf lange Sicht eine hohe Lebensqualität und Selbstständigkeit sichert sowie alterstypische Ansprüche erfüllt. Da hilft eine vorausschauende Planung mit universellem Design, zeitlosen Waschtischen und Armaturen, einer barrierefreien Ausstattung und einer boden­ebenen Dusche. Diese sieht in jungen Wohnungen minimalistisch gut aus, ist hygienisch und gut zu reinigen – und ermöglicht dereinst im Alter komfortables Duschen ohne fremde Hilfe.

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Digital Health Wir lassen unseren Schlafrhythmus vom Smartphone aufzeichnen, putzen die Zähne mit der elektrischen Zahnbürste und zählen unsere Schritte via Fitness-App. Doch in keinem anderen Raum ist uns der eigene Körper näher als im Badezimmer. Deshalb verschmelzen in Zukunft klassische Badprodukte und Hightechfunktionen zum digitalen Waschraum. Das Bad von morgen übernimmt die Aufgabe eines Gesundheitszentrums, in dem Wasser eine wichtige Rolle bei der Prävention spielt und das mit frischer Luft dank abgesaugter Gerüche unser Wohlbe­finden unbemerkt steigert.

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Stimmung im Bad

Das Themenheft steigt in die Geschichte des Badezimmers und ergründet die schöne Welt dieses persönlichen Orts der Ruhe und Entspannung. Dafür lässt es die Akteure des Schweizer Sanitärmarkts zu Wort kommen, gibt einen Einblick in die Produktion des Herstellers Geberit und bespricht die Atmosphäre im Bad mit zeitgenössischen Architektinnen und Architekten. Für einen sorgsamen Umgang mit der Ressource Wasser wagen wir einen Blick in das Badezimmer von morgen, mit Know-how hinter sowie sorgfältiger Formensprache vor der Wand. www.geberit.ch

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Hochparterre X / 18 —  Titel Artikel

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Stimmung im Bad  

Atmosphäre und Badezimmer – zwei grosse Themen der Architektur. Ein Blick darauf, wie Designer, Architektinnen, Handwerker und Hersteller si...

Stimmung im Bad  

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