Master Thesis von Eva Zoë Chen, MA Art Education, Hochschule der Künste Bern, 2021

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Ich und das Museum

Das Museum und Ich

Eva Zoë Chen Masterthesis 2021


Liebe*r Leser*in Grundrisse Kunstmuseum Bern Wenn Du Dir beim Lesen etwas mehr Bespielte Räume, Sammlungsausstellung 02.03.2021–24.10.2021 Orientierung wünschst, klappe die Buchdeckel vorne und hinten auf.

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5 4

3

2 Obergeschoss

6 VECTORWORKS EDUCATIONAL VERSION

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7

VECTORWORKS EDUCATIONAL VERSION

Erdgeschoss

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11

12

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Untergeschoss


Eva Zoë Chen Masterthesis 2021

Dokumentation

Praxis

Eine experimentelle Aneignung des Museumsraumes

Theorie

Ich und das Museum Das Museum und Ich


Grundrisse Kunstmuseum Bern

21 - Tage - Plan

Bespielte Räume, Sammlungsausstellung 02.03.2021–24.10.2021

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Anhang ≥ S. 94

Anhang ≥ S. 109

Anhang ≥ S. 110

Anhang ≥ S. 120

Beobachten

Fremdwahrnehmung

Theorie

Reflektieren

Körper

Sein

Folgen

Wie bewegen sich Besucher*innen im Raum

Institutionskritik

Wie nehme ich mich selber wahr?

Audioguide

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Tag 8

Anhang ≥ S. 128

Anhang ≥ S. 136

Anhang ≥ S. 146

Anhang ≥ S. 154

Verfremden

Wahrnehmen Kunstrezeption

Sprechen

Dialog

Beobachten

Zeichnen statt Schreiben

Blickfokusse fotografieren

Kinder sprechen lassen

Was machen Besucher*innen mit ihren Händen?

Tag 9

Tag 10

Tag 11

Tag 12

Anhang ≥ S. 169

Anhang ≥ S. 170

Anhang ≥ S. 178

Anhang ≥ S. 182

Aktion

Reflektieren

Körper

Sein

Folgen

Verfremden

Gedanken sammeln

An Ort und Stelle bleiben, Körperpositionen

Auditive Ablenkung (Podcast)

Perspektivenwechsel: Spiegel

Tag 13

Tag 14

Tag 15

Tag 16

Anhang ≥ S. 198

Anhang ≥ S. 216

Anhang ≥ S. 228

Anhang ≥ S. 239

Wahrnehmen I

Fremdbestimmung

3

2 Obergeschoss

Aktion

Kunstrezeption

Kunstrezeption

Wahrnehmen II

Beobachten

Reflektieren

Stimmung minus Raumeinfluss: Digitaler Raum

Raumatmosphären

Wie lange halten sich Besucher*innen in den Räumen auf?

Pause

Fremdwahrnehmung

4

Fremdwahrnehmung

Theorie

1

5

Fremdbestimmung

6 VECTORWORKS EDUCATIONAL VERSION

Theorie

8

9

7

VECTORWORKS EDUCATIONAL VERSION

Tag 17

Tag 18

Tag 19

Tag 20

Anhang ≥ S. 240

Anhang ≥ S. 248 Folgen

Anhang ≥ S. 261

Sein

Anhang ≥ S. 258 Verfremden

Sprechen

Körperzugänge durch Nachahmen

Räumlich und gedanklich leiten lassen

Boudieu übers Museum, im Museum?

Gespräch mit Julia Büchel

Tag 21

Tag 22 (Extra)

Anhang ≥ S. 266

Anhang ≥ S. 274

Wahrnehmen

Sprechen

Reflexion veränderte Wahrnehmung (Gesamtexperiment)

Gruppendynamik

Körper

Kunstrezeption

Fremdbestimmung

Aktion

Erdgeschoss

Dialog

10

Fremdwahrnehmung

16

11

12

13

14

15

Untergeschoss


Ich und das Museum Das Museum und Ich

Theorie

6 8 10 11

Einleitung und Fragestellung Raum & Vermittlung Methode Praxeologie

Teil 2 Experiment 15

Vorgehensweise Der Ort Die räumliche Konstante Die Wiederholung Der Zeitrahmen

21

Inhaltliche Struktur Aufbau des Experiments Dokumentationsformen

27

Erfahrungen Beobachten Sprechen Sein Wahrnehmen Folgen Verfremden

73

Erkenntnisse und Analysen Der starre Raum Die Einverleibung Der Körper Individuelle Erfahrung Wie weiter? - Ein Vorschlag

Praxis

Eine experimentelle Aneignung des Museumsraumes

Teil 1 Grundlagen

Eva Zoe Chen Masterthesis 2021

Dokumentation

Teil 3 Fazit 82

Reflexion Experiment Methode

85

Kontextualisierung und Relevanz

88 93

Quellen Anhang



Mein herzlicher Dank gilt Jacqueline und Priska für die Betreuung, Yoa, Luan, Yanick, Julia, Leonie, Lea, Ramona Z., Martina und Jessica für die Teilnahme, Ramona T. für die grafische und Rafaela und Jan für die orthografische Unterstützung.



Inhalt

Teil 1

Grundlagen

6 8 10 11

Einleitung und Fragestellung Raum & Vermittlung Methode Praxeologie

15

Vorgehensweise Der Ort Die räumliche Konstante Die Wiederholung Der Zeitrahmen

21

Inhaltliche Struktur Aufbau des Experiments Dokumentationsformen

27

Erfahrungen Beobachten Sprechen Sein Wahrnehmen Folgen Verfremden

73

Erkenntnisse und Analysen Der starre Raum Die Einverleibung Der Körper Individuelle Erfahrung Wie weiter? - Ein Vorschlag

82

Reflexion Experiment Methode

85

Kontextualisierung und Relevanz

88 93

Quellen Anhang

Teil 2

Experiment

Teil 3

Fazit



Teil 1

Grundlagen


6 Grundlagen  Einleitung und Fragestellung

Einleitung und Fragestellung Mit meinem Masterstudium in Art Education präzisiert sich mein bisheriger Schwerpunkt der räumlichen Vermittlung von Inhalten auf die Vermittlung als Hauptgegenstand. Als Innenarchitektin und Szenografin habe ich eine stark raumorientierte Perspektive ausgebildet. Durch die Planung und Umsetzung von gebauten und inszenierten Räumen wurde ich auf ihre Wirkungsweise und ihre Dramaturgie sensibilisiert und weiss, wie sehr sie dazu konzipiert werden, unsere Handlungen darin zu beeinflussen. In Anbetracht dieser handlungsorientierten Ebene, interessiere ich mich nebst dem physischen Raum gleichermassen für den sozialen Raum. Ein Raum, der mich seit langem fasziniert und in dem gesellschaftliche Strukturen, individuelles Handeln und gebaute Architektur besonders dynamisch miteinander interagieren, ist das Museum. Mich interessiert die Institution Museum im Diskursfeld zwischen Demokratisierungsprozessen, Repräsentationskritik und gesellschaftlicher Verantwortung, als Aushandlungsort von kunst- und kulturtheoretischen Prozessen, als Kommunikationsmedium zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, als inszenierter Ort und als Erfahrungswelt. Das Museum ist privilegiert, all diese Thematiken an einem Ort zu befragen, zu thematisieren und produktiv umzudeuten. Durch meine Positionierung als Szenografin einerseits und als angehende Kunstvermittlerin andererseits, verschränkt sich in meinem Interesse am Museumsraum das Theoretische, das Vermittlerische und das Praktische. Trotz meiner Ausbildung in Kunst und Kunstgeschichte, würde ich mich mehr als Expertin für den Ausstellungsraum als für die darin gezeigte Kunst einschätzen. Kunst rezipiere ich demnach mit fliessender Positionierung im Spektrum zwischen Laiin und Expertin. Tatsächlich empfinde ich Museumsbesuche, insbesondere in Kunstmuseen, oftmals als uninspirierend, erschöpfend und beklemmend, obschon ich beruflich und persönlich bedingt doch auch eine grosse Affinität dem Museum gegenüber hege. Ich erinnere mich kaum an eine nachhaltig prägende Erfahrung, die ich in den vergangenen Jahren im Kunstmuseum erlebt hätte. Aus diesen Gründen gehe ich selber nur selten freiwillig ins Museum bzw. pflege keine regelmässige Museumspraktik. Woran liegt das? Was macht Museumsräume zuweilen so langweilig für mich? Worin liegt die Diskrepanz zwischen meinem Interesse am Museum und meinen Erfahrungen darin? Um diese Fragen für mich selber beantworten zu können, möchte ich mich mit dieser Arbeit dem Museum als Ort der Vermittlung schlechthin1 praktisch und theoretisch annähern.

1 Vgl. Kapitel «Der Begriff der Kunstvermittlung im aktuellen Diskurs» in: Schönewald 2021.


7

Angelehnt an das popkulturelle Format der 21-Tage-Challenge habe ich dafür ein auf mein Erkenntnisinteresse abgeglichenes Selbstexperiment angelegt. Die Erfahrungen, die Beobachtungen und die Reflexionen die ich im Rahmen dieses Experiments gemacht habe, bilden das Fundament der vorliegenden Arbeit. Im ersten Teil der Arbeit werden die zugrundeliegenden theoretischen Ansätze und das methodische Vorgehen erläutert. Im zweiten Teil und damit im Zentrum der Arbeit steht die Herleitung, die Strukturierung, die Durchführung und die Reflexion des Experiments. Anschliessend werden die Erkenntnisse reflektiert und diskutiert, so wie weiterführende Fragen daraus abgeleitet. Zum Schluss folgt die Darlegung der Relevanz der Arbeit im Kontext der aktuellen Herausforderungen des Museums mit Bezugnahme auf den Forschungsstand. Obschon parallel zum gesamten Arbeitsprozess eine theoretische Auseinandersetzung stattgefunden hat, wurden die Ausformulierungen in enger Beziehung zur Reflexion des Experiments ausgearbeitet. Die gegenseitige Bedingtheit von Theorie und Praxis, die dadurch während der Bearbeitung begünstigt wurde, formuliert sich auch in der nun vorliegenden Arbeit. Sie ist integral als Prozess und Resultat, Theorie und Praxis sowie Erfahrung und Reflexion zu lesen und zu verstehen.

Grundlagen  Einleitung und Fragestellung

Ich suche demnach Antworten auf die Frage, warum ich eigentlich, trotz Interesse an Kunst und Vermittlung, selten freiwillig und intrinsisch geleitet ins Museum gehe. Die zu beantwortende Frage verfolgt demnach ein sehr persönliches Erkenntnisinteresse und knüpft stark an meine eigene Perspektive, an meine individuellen Voraussetzungen und Annahmen an.


8 Grundlagen  Raum und Vermittlung

Raum und Vermittlung Aufgrund der wechselseitigen Beeinflussung von gebautem Raum und sozialem Handeln verstehe ich Raum als ein dynamisches Konzept und lehne mich dabei stark an Martina Löws Raumsoziologie an. Löw beschreibt Raum als «[…] eine relationale (An)Ordnung von Menschen (Lebewesen) und sozialen Gütern.»2 Mit der spezifischen Schreibweise der (An)Ordnung verdeutlicht sie das Prozessuale, das sie dem Raumbegriff einschreibt. Die Bezeichnung (An)Ordnung verweist sowohl auf eine vom Raum geschaffene Ordnung, als auch auf die Relevanz der Handlungsdimension, die mit dem Anordnen suggeriert wird.3 Löw hält des Weiteren fest: «Raum wird konstituiert als Synthese von sozialen Gütern, anderen Menschen und Orten in Vorstellung, durch Wahrnehmung und Erinnerungen, aber auch im Spacing durch Platzierung (Bauen, Vermessen, Errichten) jener Güter und Menschen an Orten in Relation zu anderen Gütern und Menschen.»4 Obschon Löws soziologische Perspektive sich stärker am sozialen Raum orientiert, bietet ihre Raumtheorie konkrete Verbindungen zum architektonischen Raum. Löws Erläuterungen des Raumes ermöglichen mir persönlich einen sehr konkreten Zugang zu soziologischen Raummodellen. Umgekehrt ist ein Verständnis der sozialen Verräumlichung essenziell, um physische Räume zu gestalten, die Handlungen darin zu verstehen und die Vermittlung darin zu erkennen. Die gegenseitige Einflussnahme von Gesellschaft und Raum, egal ob in Form von gebautem oder sozialem Raum, ist immanent. Als Zugang zur Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Raum verstehe ich das Handeln. Als «Theorie des Erzeugungsmodus der Praxisformen»5 wird daher für diese Arbeit Pierre Bourdieus Habitustheorie hinzugezogen. Im Habitus verbinden sich der Aspekt der konstitutionstheoretischen Generierung von Praxis und erkenntnissoziologische Implikationen der Wahrnehmung und des Erfahrens.6 Während ich Löw vor allem zur Erläuterung des Verhältnisses zwischen räumlichen und gesellschaftlichen Strukturen heranziehe, so dient mir Bourdieus Theorie dazu, das «System dauerhafter Disposition»7 , welches mich als Subjekt ausmacht, zu theoretisieren.

2 Löw 2012, 166. | 3 Löw 2012, 166. | 4 Löw 2012, 263. | 5 Bourdieu 1976, 164. 6 Schwingel 2009, 60. | 7 Schwingel 2009, 61.


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Die Frage, warum ich persönlich nur selten ins Museum gehe, habe ich für mich bisher stark im Rahmen der Museumskritik des theoretischen Diskurses beantwortet. Als für mich relevante Aspekte wären hier vor allem die Überästhetisierung des Museumsraumes und die Sakralisierung und Intellektualisierung der Kunst zu nennen. Brian O’Doherty bringt diese grossen Kritikpunkte in seiner Beschreibung des White Cubes auf den Punkt: «The space offers the thought that while eyes and minds are welcome, space-occupying bodies are not […]».10 Da es bisher wenig aufschlussreich war, mir meine museumsverweigernde Haltung primär über eine theoretische Ebene zu erklären, sehe ich den Weg über die persönliche Erfahrung als essenziell an, um damit komplexere Zusammenhänge nachvollziehen und besser verstehen zu können. Dabei gehe ich von der These aus, dass das Museum als Raum gesellschaftlich-kulturell, institutionell so wie auch architektonisch so stark aufgeladen, reguliert, konstituiert ist, dass mir eine direkte Auseinandersetzung mit dem Inhalt vom Raum verweigert wird. Darin eingebettet liegt zweifelsohne eine Kritik an der Zugänglichkeit der Museumsinhalte, die ich auf die strukturelle innere Ordnung des Museums zurückführe. Indem ich meine subjektive Perspektive inklusive meinem räumlichen und vermittlerischen Zugang ins Zentrum der Arbeit stelle, möchte ich einen interdisziplinären Bezugsrahmen schaffen. Theoretisches Grundgerüst bilden allerdings Martina Löws Raumsoziologie und Pierre Bourdieus eng an die Habitustheorie geknüpfte Praxeologie, die im Rahmen der Methodik genauer erläutert wird.

8 Tyradellis 2014, 87. | 9 Tyradellis 2014, 87. | 10 O’Doherty 1986, 15.

Grundlagen  Raum und Vermittlung

Betreffend der Frage, was Vermittlung eigentlich ist, stellt Daniel Tyradellis in seinem Band Müde Museen fest, dass die Frage eigentlich heissen müsste Was ist nicht Vermittlung?8 Nicht nur bewusste Akte, sondern auch Zusammentreffen von Menschen und Dingen, Menschen und Orten und Menschen und Menschen sind vermittelnd.9 Wenn Raum also wie zuvor beschrieben als dynamisches Konzept verstanden wird, so ist es der Mensch, der über sein Handeln Beziehungen sichtbar machen kann.


10 Grundlagen  Methode

Methode Mit dem Versuch, anhand meiner eigenen Erfahrungen das Museum als sozialen und kulturellen Raum zu verstehen, verfolge ich einen autoethnografischen Ansatz, spezifischer eine evokative Autoethnografie.11 Unter Berücksichtigung meiner räumlich orientierten These, meiner Persönlichkeitsstruktur, wie auch verschiedener theoretischen Positionen habe ich ein auf mich abgestimmtes Selbstexperiment angelegt. Während einer fokussierten12 21 Tage langen Zeitperiode besuchte ich täglich das Kunstmuseum Bern und dokumentierte meine Erfahrungen und Beobachtungen. Der Fokus liegt dabei auf der Studie meiner persönlichen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster sowie auf mich einwirkende Faktoren räumlicher und struktureller Art. Mit immer anderen Fokussen und mit unterschiedlichen Dokumentationsmedien erfasste ich meine Erinnerungen und Beobachtungen im Museum. Damit soll mein innerer Prozess visualisiert, reflektiert und zugänglich gemacht werden.13 Das Ziel dabei ist es, dass ich mein persönliches Erleben durch eine reflexive, prozessuale Weiterverarbeitung dazu nutzen kann, beobachtbare Phänomene im Museum zu thematisieren. Dabei geht es nicht darum, die Wirklichkeit zu repräsentieren, sondern während der Bearbeitung Wissen und Bedeutung herzustellen.14 Das Einstreuen biografischer Kontextualisierungen ist dabei essenziell, damit meine Positionierung transparent dargelegt wird. Wie es meine bisherigen Ausformulierungen bereits suggeriert haben, orientiere ich mich auch mit dem räumlichen Fokus an meiner eigenen Schulung. Die zusätzliche Offenlegung meiner Persönlichkeitsstruktur, meiner unmittelbaren Gedankengänge und meiner individuellen Neigungen verleihen dem Ganzen insgesamt eine stark subjektive Färbung. Damit erhoffe ich mir, die Distanz zu Leser*innen abzubauen und mit dieser Verletzlichkeit an sie zu appellieren. Mit der Arbeit wird also keinerlei objektiver Geltungsanspruch erhoben, sondern mehr ein Versuch unternommen, den Museumsdiskurs (im weitesten Sinne) über die Methode eines sehr persönlichen Zugangs für mich selber und für Rezipient*innen zu erweitern.

11 Bonz/Eisch-Angus/Hamm/Sülze 2017, 424. | 12 «fokussiert» als eine Spezifizierung der ethnografischen Methode (vgl. Knoblauch 2001). | 13 Bonz/Eisch-Angus/Hamm/Sülze 2017, 425. | 14 Bonz/Eisch-Angus/Hamm/Sülze 2017, 425.


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Damit bleibt noch ungeklärt, inwiefern meine persönliche Erfahrung dazu beisteuern soll, das Phänomen der Museumsblockade und ansatzweise das Museum als Institution zu thematisieren und wie sich eine so stark subjektive Perspektive in einem wissenschaftlichen Kontext legitimieren soll. Ein wichtiger Aspekt meiner Auseinandersetzung hängt daher auch mit dem Diskurs rund um den Begriff der Subjektivität zusammen. In Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft beschreibt Pierre Bourdieu die Dualität zwischen Subjektivismus und Objektivismus als künstliche Spaltung der Sozialwissenschaft.15 Dabei kritisiert er den epistemologischen Bruch zwischen Primärerfahrung, das meint hier alltagspraktische Erkenntnis (Praxis), und der systematischen Logik theoretisch-wissenschaftlicher Erkenntnis (Theorie).16 Mit der Einführung einer sogenannten praxeologischen Erkenntnisweise hinterfragt er die Stellung der subjektivistischen «Illusion einer unmittelbaren Erkenntnis» und der objektivistischen «Illusion absoluten Wissens». Dem praxeologischen Ansatz, der die Eigenlogik der Primärerfahrung als relatives Bezugssystem ernst nimmt, liegt der Versuch zugrunde, die Differenz von theoretischer und praktischer Erkenntnis produktiv umzudeuten, ohne dabei Praxis und Theorie zu diskreditieren.17 Dieses Potenzial möchte ich in meiner Arbeit nutzen. Die Subjektivität wird transparent dargelegt, und die theoretisch-praktische Herangehensweise wird zum Ausgangspunkt einer transformierten Perspektive auf existierendes Wissen.18

15 Bourdieu 1987, 49. | 16 Schwingel 2009, 50ff. | 17 Schwingel 2009, 53. 18 Royo/Sánchez/Blanco 2013, 29.

Grundlagen  Praxeologie

Praxeologie



Teil 2

Experiment


14


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Vorgehensweise Weil meine Fragestellung sehr offen formuliert ist, lege ich mir einen systematischen Rahmen, um Erfahrungen und damit Material zu generieren.

Die Auswahl eines Kunstmuseums war für mich naheliegend, da hier verschiedenartige Epochen und Strömungen der Kunst zusammenkommen. Das Kunstmuseum als Museumstypus schien mir nicht nur aufgrund meines persönlichen Interesses an der Kunstrezeption, sondern auch hinsichtlich der Intellektualisierung der Kunst reizvoll. Mit letzterer wird häufig die soziale Exklusion einer breiteren Gesellschaftsschicht19 , die sich spätestens seit den 1960er Jahren mit der Etablierung der Konzeptkunst einstellte, verbunden.20 Die Zugänglichkeit von Kunst und damit Kunstmuseen generell scheint mir relevanter, da Wissensmuseen oder Themenausstellungen allein schon über ihre klar kommunizierten Inhalte in der Regel mehr Anknüpfungspunkte für ein breiteres Publikum bieten. Darüber hinaus werden Themenausstellungen in der Regel grafisch und szenografisch stärker gestaltet21 , da ihre Inhalte, anders als Kunstwerke (zumindest in der Theorie), keine Autonomie für sich beanspruchen, sich also nicht selber vermitteln. In meiner persönlichen Museumserfahrung beobachte ich ausserdem sich von Kunstmuseum zu Kunstmuseum ähnlich einstellende innere Affekte, die ich in Wissensmuseen weniger stark wahrnehme. Die Auswahl des Kunstmuseums Bern soll also als typologisches Beispiel fungieren. Ich beschäftige mich ausserdem ausschliesslich mit der Sammlungsausstellung des Kunstmuseums Bern. Dieser Umstand hat sich einerseits aus der zeitlichen Setzung meines Experiments ergeben, dient andererseits aber auch dazu, eine Differenzierung zwischen zeitgenössischer Kunst und Sammlungskunst aufzustellen. Inhalte von Sammlungen sehe ich in Anbetracht der Museumstypologie «Kunstmuseum» als universaler. So variieren von Haus zu Haus zwar die Werke, es repetieren sich aber in immer gleicher Weise historische Zugehörigkeiten und Strukturen. Zudem formuliert sich die kulturelle (eurozentristische) Auffassung einer breiteren Gesellschaftsschicht aus einem Kunstverständnis, welches bei grossen Namen wie Picasso, Van Gogh und Pollock anknüpft.22 Die Sammlung des Kunstmuseums Bern stellt daher eine von mir als sinnvoll erachtete Eingrenzung des untersuchten Gegenstandes dar. 19 Meint hier theoretische Fundierung wird vorausgesetzt. | 20 Zahner 2014, 3f. | 21 Gestaltung von dramaturgisch und visuell konzeptualisierten Raumprogrammen. | 22 Mit der Betitelung Werke aus der Sammlung - Vom Spätmittelalter bis zu Ferdinand Hodler, von Pablo Picasso bis Meret Oppenheim wird damit auch geworben.

Experiment  Vorgehensweise  Der Ort

Der Ort


16 Experiment  Vorgehensweise  Die räumliche Konstante

Die räumliche Konstante

1

Mit der Auslegung des formalen Rahmens meines Experiments kreiere ich mit der künstlichen Einschränkung auf das immer gleiche Museum ein Setting, in dem die Raumkonstante möglichst unverändert bleibt. Dadurch sollen sich affektive und körperliche Muster deutlicher herauskristallisieren. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass jedes Kunstmuseum anders ist - andere Architektur, andere Kunst, andere Strukturen und Strategien, die intern verfolgt werden. Folglich gehe ich nicht davon aus, dass meine Erkenntnisse unkritisch auf andere Museen übertragen werden können. Dennoch manifestieren sich, insbesondere hinsichtlich der Architektur und dem Raumprogramm von Kunstmuseen, oder spezifischer eben von Sammlungen, oftmals ähnliche Strukturen, die unsere Wahrnehmung und Erwartungen darin massgeblich beeinflussen. Im architektursoziologischen Kontext dieser Arbeit scheint mir dabei besonders die tief verankerte Vorstellung des Museums als neutraler Ort von zentraler Bedeutung zu sein.23 Tatsächlich würde ich den Museumsraum als einen gesellschaftlich und symbolisch äusserst aufgeladenen Raum bezeichnen. Mit dieser Aussage greife ich auf das Löwsche Raumverständnis und das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Strukturen und raumkonstituierenden Handlungen zurück. Die Raumkonstitution lässt sich laut Löw in zwei unterschiedliche Prozesse zerlegen.24 Das Spacing bezeichnet das Bauen und das (sich)-Positionieren.25 Hinsichtlich des Museums wirkt sich dieser raumkonstituierende Prozess von der architektonischen Intention, über die Hängung der Werke bis hin zur Besucher*innenführung aus. Die historische Entwicklung des Museums zeigt, wie dem Raum allein architektonisch etliche kulturhistorische Codes eingeschrieben werden. Beim Kunstmuseum Bern wird diese kulturelle Konnotation sowohl am Neorenaissance Stil des historischen Baus von 1879 (Abb. 1), angelegt als urbaner Konterpart zum Bundeshaus26 , sichtbar, als auch an dem an den White Cube erinnernden Neubau von Atelier 5 (Abb. 2), der 1983 eröffnet wurde.27 Die architekturhistorische Bezeichnung «Neorenaissance» nimmt direkten Bezug auf die vom Humanismus geprägte Epoche der Renaissance, welche abermals selber eine Wiederauflebung der griechisch-römischen Antike darstellt. Ähnlich steht es um die kunstund architekturtheoretische Entstehung des White Cubes, dessen Etablierung sich spätestens mit der Modernen Kunst einstellte.28 Der 23 Jannelli 2021, 151. | 24 Löw 2012, 158. | 25 Löw 2012, 158. | 26 Vgl. Webseite Kunstmuseum Bern (Stand 07.06.2021) | 27 Vgl. Webseite Atelier 5 (Stand 07.06.2021). 28 O’Doherty 1986, 7f.


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Experiment  Vorgehensweise  Die räumliche Konstante

Bruch mit formalistischen und strukturalistischen Konzepten der europäischen Kunsttradition, der besonders mit der amerikanischen Bewegung der Abstrakten Expressionisten vorangetrieben wurde, stellte neben der Bildebene auch den Ausstellungsraum in Frage.29 Die sterile Ästhetik, die mit der systematischen Abschottung vom Aussenraum, weiss gestrichenen Wänden, Oblichtern und klinischer Sauberkeit erzeugt wird, verfolgte das Ziel, einen möglichst neutralen Raum zu generieren, damit die darin ausgestellten Kunstwerke ihre volle Wirkung erzeugen konnten.30 Im Verlauf der Jahre hat sich die Kunst gewandelt, der Präsentationsmodus des White Cubes ist jedoch immer noch oft in Museen anzutreffen, hat sich also in gewisser Weise zu einer eigenen Ästhetik entwickelt. Solche strukturell eingeschriebenen symbolischen Markierungen und Kontexte nehmen, ob bewusst oder unbewusst wahrgenommen, immer auch Einfluss auf unsere Raumwahrnehmung. Die Wahrnehmungs-, aber auch Erinnerungsprozesse, die damit thematisiert werden, verdeutlichen sich in Löws zweiter Dimension der Raumkonstitution: der Syntheseleistung.31 Die Syntheseleistung bezeichnet den raumkonstituierenden Charakter, den Akteur*innen in Eigenleistung, z.B. mit persönlichen Verknüpfungen, Rezeptionsprozessen und Erinnerungen erbringen. Der gleichzeitige Einfluss von Spacing und Syntheseleistung prägen unser Denken, unser Wahrnehmen, unsere Verknüpfungen, und damit grundlegend unser Handeln. Die Kumulation beider Einflüsse münden dabei, so nehme ich es zumindest bei mir selber wahr, in einer systematischen Vorstellung des Museums als Raum, der darin ausgestellten Werke und meinen eigenen Handlungsmöglichkeiten - Von einem neutralen Ort kann also nicht die Rede sein. Ein Bewusstsein für diese Beeinflussung ist für meine persönliche Untersuchung ganz zentral. Es gilt sich demnach immer zu fragen, auf welche Faktoren, symbolischer und materieller Art, bestimmte Gefühlsregungen oder Assoziationen zurückzuführen sind.

29 Sandler 2009, 12. | 30 O’Doherty 1986, 15. | 31 Löw 2012, 159.

1 Eingang Kunstmuseum Bern 2 Zentrale Halle Neubau Kunstmuseum Bern 1983


18 Experiment  Vorgehensweise  Die Wiederholung

Die Wiederholung Meine Persönlichkeit würde ich als zurückhaltend, introvertiert, eher konventionell, sehr gewissenhaft und harmoniebedürftig beschreiben. Nebst vielen Wesenszügen einer typisch introvertierten Person, habe ich ein hohes Level an Empathie und dadurch auch eine einigermassen intakte Sozialkompetenz. Ausserdem hege ich einen Hang zum Perfektionismus, einer extremen Strukturiertheit und einer sofortigen Gewohnheitsentwicklung. Im Übrigen erklärt sich dieses Verhaltensmuster wahrscheinlich auch stark damit, dass ich einen Grossteil meiner Kindheit und Adoleszenz als Spitzensportlerin (Kunstturnen) sozialisiert wurde. Geprägt bin ich von einer ambivalenten Erziehung, die wohl auch durch die unterschiedliche kulturelle Sozialisation meiner beiden Elternteile bedingt war. Auf der einen Seite gab mir mein aus China stammender Vater eine Leistungsorientierung und eine starke Gewichtung ökonomischer Prinzipien mit, auf der anderen Seite spürte ich eine eher antiautoritäre Tendenz von meiner schweizstämmigen Mutter. Nichtsdestotrotz wurde meine individuelle Selbstentfaltung stets von beiden Seiten unterstützt. Die Wichtigkeit von Bildung bildete einen gemeinsamen Nenner beider Parteien. Bereits als Kind habe ich mich immer gerne gestalterisch betätigt. Mein Interesse konzentrierte sich dabei immer stärker auf das Erlernen von technischen Fähigkeiten als auf den Ausdruck. Kombiniert mit meinem Perfektionismus macht es nun, reflexiv betrachtet Sinn, dass ich bereits in der 2. Klasse Architektin werden wollte. Obschon ich während meiner kurzen Karriere als Sportlerin keinen BG-Unterricht hatte, da universell über mich hinweg entschieden wurde, dass das für meine Bildung nicht relevant sei, habe ich spätestens im Gymnasium wieder zur gestalterischen Praxis zurückgefunden. Dieser kleine Persönlichkeitsexkurs kann partiell als Erklärung für meine Vorgehensweise in der Planung meines Experimentes verstanden werden. Aufgrund meiner Strukturiertheit und Tendenz zur Aneignung durch Wiederholungen neige ich demnach stark dazu, Gewohnheiten schnell in meinen Alltag zu integrieren. Von einem täglichen Museumsbesuch verspreche ich mir demnach zweierlei Dinge. Einerseits, dass sich in meinem Kopf durch die alltägliche Einbettung eine Art gesellschaftliche Konditionierung im Sinne eines traditionellen «Arbeitsortes» einstellt, mit der ich meine eigene Präsenz im Museum psychisch legitimiere. Andererseits, dass sich meine Denk- und Handlungsmuster durch die tägliche Auseinandersetzung vergleichsweise schnell offenbaren werden und damit zugänglich für mich werden. Die Vorgehensweise eines repetitiven Experiments, leitet sich inhaltlich und methodisch aus meiner biografischen und charakterlichen Disposition ab und lässt sich sehr adäquat mit dem Habituskonzept Pierre Bourdieus theoretisieren. Der Habitus entsteht gesellschaftlich und ist auf individuelle und kollektive Erfahrungen zurückzuführen.32 Vereinfacht bezeichnet er die Summe unserer Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, das heisst, wie wir die Welt um uns

32 Schwingel 2009, 62.


19 33 Schwingel 2009, 62. | 34 Wolf 2018, 40. | 35 Dangschat 2009, 317. | 36 Dünne/Günzel 2018, 302. | 37 Dünne/Günzel 2018, 302. | 38 Schwingel 2009, 63. | 39 Schwingel 2009, 63. | 40 Bourdieu 2001, 220.

Experiment  Vorgehensweise  Die Wiederholung

erfahren, wie wir sie deuten und interpretieren und wie wir darin handeln.33 Der Habitusbegriff siedelt sich in der Verknüpfung zwischen sozialer Struktur und Handlung an.34 Im Habitus äussern sich zudem individuelle Moral- und Wertvorstellungen, Gewohnheiten, Körperhaltung, soziale Schichtzugehörigkeit, verallgemeinert also die persönliche Strukturierung und Sicht auf die Wirklichkeit.35 Das Museum oder spezifischer der architektonisch manifestierte Museumsraum wird in dieser Arbeit als ein soziales Feld verstanden, während die bisher unternommenen Persönlichkeitsexkurse, Interessensschwerpunkte und mein individueller Bildungsweg Aspekte meiner persönlichen Disposition und meiner Perspektive auf den Raum verdeutlichen. Die Parallelen zu Löws Konzepten des Spacing und der Syntheseleistung kommen nicht von ungefähr, proklamiert sie doch Bourdieus Ansatz, in dem sozialer Raum als Feld beschrieben wird, als wichtige Basis ihrer Raumsoziologie.36 Anders als bei Bourdieu bleibt der Raum bei Löw aber nicht auf einer abstrakten Ebene, sondern wird in den physischen Raum übertragen. Damit wird jedoch keinesfalls eine Vereinfachung des Raumkonzepts vorgenommen, vielmehr beschreibt sie einen sozialen Interaktionsraum, in dem Akteur*innen, Gegenstände und symbolische Bedeutung relational zueinander entstehen, und damit ein Raumverständnis, in dem die Dualität von physischem und sozialen Raum überwunden wird.37 Indem ich Bourdieus Konzeption eines reflexiven Individuums zwischen Erfahrung und sozialem Raum auf mich anwende, verstehe ich den Habitus in meiner Auseinandersetzung als Zugang zu diesem komplexen Interaktionsraum. Allerdings liegt dem Habitus auch zugrunde, dass er sich unbewusst äussert.38 Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster wirken oft als wechselseitiges Beziehungsgefüge, und zeigen sich in der Praxis nur implizit.39 Deshalb wird der Aspekt der Wiederholung essenziell, um meinen Habitus überhaupt zu deuten. Des Weiteren schreibt Bourdieu: «Wenn das Erklären dazu beitragen kann, so vermag doch nur eine wahre Arbeit der Gegendressur, die ähnlich dem athletischen Training wiederholte Übungen einschliesst, eine dauerhafte Transformation der Habitus erreichen.»40 Damit wird präzise die Zielsetzung meiner Arbeit formuliert, nämlich meinen Museumshabitus zuerst zu verstehen und dann zu optimieren.


20 Experiment  Vorgehensweise  Der Zeitrahmen

Der Zeitrahmen «Do it for 21 days and it becomes a habit. Do it for 90 days and it becomes a lifestyle.» Ohne Funken von Ironie wird dieser Satz in unzähligen Selbstoptimierungsstrategien propagiert. Im Internet kreisen jede Menge solcher Formate. Ob Yoga, Sixpack, Willensstärke, Selbstliebe, 21-Tage Challenges scheinen eine einfache Vorlage zur strukturierten Selbstoptimierung zu liefern. Allen Ansätzen gleich unterliegt dabei ein persönliches Ziel, welchem durch die Methode der Repetition introspektiv nachgegangen wird. Der Ursprung, aus denen solche 21-Tage-Challenges resultieren, scheint dabei in der Tiefe des Internets verloren gegangen zu sein. Übrig bleibt eine oberflächliche Strategie der Aneignung. Bei einer etwas genaueren Recherche kann dieses Phänomen auf die in den 1960er und 70er modernisierte Literaturgattung der Lebensratgeber zurückverfolgt werden.41 Später in zahlreichen Selbsthilfebüchern propagiert, hat ursprünglich Schönheitschirurg Maxwell Maltz die 21-tägige Zeitperiode als Rahmen festgelegt, innerhalb dessen Patient*innen nach einem chirurgischen Eingriff ein neues Selbstvertrauen aufgebaut haben, sich demnach ihre physische Veränderung positiv auf ihr Selbstbild auswirkte.42 Ob die 21-TageRegel wirklich von da kommt, bleibt dahingestellt. Nichtsdestotrotz bietet dieses vielzitierte Format einen amüsanten Rahmen für mein eigenes Unterfangen, in dem ich, um es in der Sprache der Lebensratgeber zu formulieren, «meine Beziehung zum Museum aufzubessern versuche». Meine längerfristige Zielsetzung des regelmässigen Museumsbesuchs und die gleichzeitige Optimierung meiner eigenen Erfahrungen im Museum decken sich doch allemal mit den generischen Absichten von anderen 21-Tage-Challenges. Das Format liefert zudem einerseits einen formalen Rahmen, um dem Experiment seine wesentlichen Kennzeichen der Planbarkeit und der Wiederholbarkeit zu verleihen, anderseits aber auch einen spielerischen Zugang und eine, zumindest formalästhetische, Loslösung von einer streng wissenschaftlichen Methode.

41 Vgl. dazu Senne/Hesse 2019. | 42 Morselli 2007, 487.


21

Inhaltliche Struktur

Ausgehend von soziologischen, phänomenologischen, philosophischen und pädagogischen Überlegungen habe ich mir innerhalb des Experiments verschiedene Handlungsfelder zur Orientierung genommen. Die wichtigsten theoretischen Bezüge zu den Handlungsfeldern, die an dieser Stelle nur kurz aufgeführt werden, werden parallel zu den Ausführungen meiner Beobachtungen und Erfahrungen genauer erläutert. Die Handlungsfelder lauten:

Beobachten, Sprechen, Sein, Wahrnehmen, Folgen, Verfremden, Reflektieren Die 7 Handlungsfelder sind an Wochentage gebunden und werden in den 21 Tagen folglich 3 mal wiederholt. Die Formate, das heisst meine jeweilige Tätigkeit, orientieren sich an den übergeordneten Handlungsfeldern, variieren aber in der Herangehensweise. Diese Strukturierung verfolgt mehrere Ziele. Einerseits wird damit immer wieder ein neuer Fokus generiert, entlang deren ich kleine Formate für mich selber entwickeln kann. Damit möchte ich sicherstellen, dass ich nicht immer das Gleiche mache und dass ich jeweils in einem minim anders angelegten Setting agieren kann. Andererseits wird damit ein Rahmen gelegt, in dem eine Vielzahl unterschiedlicher Beobachtungs- und Reflexionsformen angeregt und zelebriert werden können. Die Methoden der systematischen Beobachtung, des dialogischen Austauschs und der systematischen Introspektion bieten unterschiedliche Zugänge, stellen aber auch sicher, dass verschiedene methodische Vorgehensweisen einbezogen werden. So wird eine Vielfältigkeit an Herangehensweisen, Erfahrungen und Reflexionen garantiert. Die Handlungsfelder sollen nicht als starrer Rahmen verstanden werden, sondern als lose Orientierung, welche primär prozessual gedacht sind. So bleibt das Experiment, trotz klarer Strukturierung, flexibel, sodass Gedanken- und Handlungssträngen auch intuitiv nachgegangen werden kann, bei eintretender Ideenlosigkeit aber trotzdem aus einem Repertoire geschöpft werden kann. Dadurch wird der formale Rahmen des Experiments im Voraus festgelegt, wobei die inhaltliche Auseinandersetzung jeweils stark von der Erkenntnisgenerierung innerhalb des Experiments abhängig gemacht wird. Wenn ich also interessante Beobachtungen oder einleuchtende Erfahrungen mache, können diese wiederum in die Planung der anschliessenden Formate einfliessen.

Experiment  Inhaltliche Struktur  Aufbau des Experiments

Aufbau des Experiments


22

21 Tage Habitusforschungschall

Experiment  Vorgehensweise  Aufbau des Experiments

Handlungsfeld ≥ Fokus ≥ Tagesthema ≥

Sonntag

Montag

Dienstag

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Anhang ≥ S. 94

Anhang ≥ S. 109

Anhang ≥ S. 110

Beobachten

Reflektieren

Sein

Fremdwahrnehmung

Theorie

Körper

Wie bewegen sich Besucher*innen im Raum

Institutionskritik

Wie nehme ich mich selber wahr?

Tag 8

Tag 9

Tag 10

Anhang ≥ S. 154

Anhang ≥ S. 169

Anhang ≥ S. 170

Beobachten

Reflektieren Theorie

Körper

Was machen Besucher*innen mit ihren Händen?

Gedanken sammeln

An Ort und Stelle bleiben, Körperpositionen

Tag 15

Tag 16

Tag 17

Anhang ≥ S. 228

Anhang ≥ S. 239

Anhang ≥ S. 240

Beobachten

Reflektieren Theorie

Sein

Körper

Wie lange halten sich Besucher*innen in den Räumen auf?

Pause

Körperzugänge durch Nachahmen

Fremdwahrnehmung

Fremdwahrnehmung

Tag 22 (Extra) Anhang ≥ S. 274 Sprechen

Fremdwahrnehmung Gruppendynamik

Sein


23

lenge Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Anhang ≥ S. 120

Anhang ≥ S. 128

Anhang ≥ S. 136

Anhang ≥ S. 146

Fremdbestimmung

Aktion

Verfremden

Wahrnehmen Kunstrezeption

Dialog

Audioguide

Zeichnen statt Schreiben

Blickfokusse fotografieren

Kinder sprechen lassen

Tag 11

Tag 12

Tag 13

Tag 14

Anhang ≥ S. 178

Anhang ≥ S. 182

Anhang ≥ S. 198

Anhang ≥ S. 216

Folgen

Verfremden Aktion

Kunstrezeption

Wahrnehmen I

Wahrnehmen II

Auditive Ablenkung (Podcast)

Perspektivenwechsel: Spiegel

Stimmung minus Raumeinfluss: Digitaler Raum

Raumatmosphären

Tag 18

Tag 19

Tag 20

Tag 21

Anhang ≥ S. 248

Anhang ≥ S. 258

Anhang ≥ S. 261

Anhang ≥ S. 266

Folgen

Verfremden

Sprechen

Wahrnehmen

Räumlich und gedanklich leiten lassen

Boudieu übers Museum, im Museum?

Gespräch mit Julia Büchel

Reflexion veränderte Wahrnehmung (Gesamtexperiment)

Fremdbestimmung

Fremdbestimmung

Aktion

Dialog

Sprechen

Kunstrezeption

Kunstrezeption

Experiment  Inhaltliche Struktur  Aufbau des Experiments

Folgen


24

Dokumentationsformen Da meine Beobachtungen und Erfahrungen als Fundament der weiterführenden Auseinandersetzung dienen, wird das Experiment auf drei unterschiedlichen Ebenen dokumentiert:

Ebene 1: Systematisch Bei jedem Museumsbesuch tracke ich mit einem Fitnessband passiv meine Bewegung im Raum. Hier wird die zeitliche Einbettung und die physische Begehung dokumentiert. Diese Ebene dient dazu, dass auch unbewusste Prozesse dokumentiert werden.

Experiment  Vorgehensweise  Dokumentationsformen

Ebene 2: Synchron Während den jeweiligen Museumsbesuchen geht es um das Beobachten oder Erleben. Dafür bediene ich mich an verschiedenen Dokumentationsformen wie der Fotografie, der Zeichnung, der Audioaufnahme, dem Protokoll etc. Damit soll das Erlebte einerseits dokumentiert und andererseits zugänglich gemacht werden. Das Format wird basierend auf meiner persönlichen Gemütsverfassung und auf Fragestellungen der jeweiligen Tagesstruktur festgelegt. Durch diese Variabilität wird der Intuition Spielraum gegeben.

Ebene 3: Reflexiv Ein täglich eingeräumtes Zeitfenster bietet Gelegenheit zur Reflexion. Die nachträgliche Auseinandersetzung mit dem Dokumentierten bestimmt jeweils den weiteren Verlauf des Experiments und soll vor allem auch die künstlerische Verarbeitung und Weiterentwicklung fördern. Ebenfalls führe ich ein Tagebuch. Dabei handelt es sich um ein direkt reflexives Tool, das vor allem Gefühlsregungen und echtzeitliche Gedankengänge thematisiert. Die drei Ebenen schaffen zwar den intentionalen Rahmen, werden während des Experiments aber stark ineinanderfliessen. Die Zerlegung auf drei Ebenen soll sicherstellen, dass zum Schluss aus einer differenzierten Materialsammlung geschöpft werden kann. Die Daten, Erzeugnisse und Ergebnisse, dienen als Prozessdokumentation und bilden das Fundament der weiterführenden Auseinandersetzung.


25 3

3 Überlagerung aller Tracking-Spuren


26


27

Erfahrungen

Zur Unterscheidung dieser beiden Ebenen, werden im folgenden Kapitel die stärker erzählerischen Absätze mit dieser Textformatierung hervorgehoben. Sie fassen den erfahrungsbasierten Beobachtungs-und Erkenntnisprozess zusammen. Die Beschreibung und Zielsetzung der verschiedenen Handlungsfelder sowie die theoretischen Ausführungen bleiben in der bisher verwendeten Formatierung. Beschreibung, Erklärung und Bildebene sind als integrale Erzählung zu verstehen. Zur optionalen Ergänzung, sind im Anhang alle persönlichen Tagebucheinträge, Protokolle, Zeichnungen, Fotografien und Notizen einzusehen. Mit Hilfe der Seitennavigation kann jeweils die Verortung aller zum Handlungsfeld gehörenden Experiment-Tage nachvollzogen werden. Als zusätzliche Orientierungsebene dienen die Darstellungen in den Innenseiten der Buchdeckel.

Experiment  Erfahrungen

Im folgenden Teil der Arbeit, werden die wichtigsten Beobachtungen und Erfahrungen meines Experimentes zusammengefasst. Mit Bezug auf ausgewählte theoretische Positionen wurden signifikante Phänomene exemplarisch ausgearbeitet, kontextualisiert und mit dem dokumentierten Material illustriert. Übersichtshalber werden die Ergebnisse entlang der strukturierenden Handlungsfelder Beobachten, Sprechen, Sein, Wahrnehmen, Folgen und Verfremden beschrieben. Die Reihenfolge wurde am Inhalt angepasst und stimmt deshalb nicht immer mit der der Chronologie in der Durchführung des Experiments überein. Die Kapitel sind als reflexive und kuratierte Einblicke in meinen Prozess zu verstehen und können bei Interesse mit der Dokumentation im Anhang vertieft werden. Sie setzen sich zusammen aus einer erzählerischen Ebene in der ich die wichtigsten Erkenntnisse der jeweiligen Handlungsfelder anekdotisch erläutere und einer stärker wissenschaftlichen Ebene in der ich theoretische Bezüge herstelle.


Tag 1 ≥ 94  Tag 8 ≥ 154  Tag 15 ≥ 228

Experiment  Erfahrungen  Beobachten

Beobachten

28


29 43 Beer 2003, 221.

Experiment  Erfahrungen  Beobachten

Wie bewegen sich die Besucher*innen im Raum? Was machen Besucher*innen mit ihren Händen? Wie viel Zeit verbringen Besucher*innen in den einzelnen Räumen?

Tag 1 ≥ 94  Tag 8 ≥ 154  Tag 15 ≥ 228

Das Handlungsfeld Beobachten lehnt sich am stärksten von allen Feldern an die klassisch ethnologische Feldforschung an. Der Beobachtungsfokus wurde dabei jeweils genau festgelegt und in zuvor aufbereitete Protokolle eingetragen. Dabei habe ich verdeckt gearbeitet, das heisst, ich habe den Museumsbesucher*innen nicht zu erkennen gegeben, dass ich sie beobachte. Die verdeckte Beobachtung verhindert, dass die Besucher*innen reaktiv handeln, das heisst ihr Verhalten aufgrund meiner Präsenz ändern.43 Die kurzen Beobachtungsphasen und die vielen Räume des Museums, welche ich nie alle gleichzeitig beobachten konnte, lassen meine Resultate natürlich etwas unsystematisch ausfallen. In meinem Experiment dienen diese Fremdbeobachtungen daher in erster Linie als Vergleichswerte von Verhaltensweisen, die ich bei mir selber festgestellt habe. Nebst allgemeinen Beobachtungen betreffend Personenkonstellationen, Interaktionsformen und Altersgruppen, lagen die systematischen Beobachtungsschwerpunkte auf den drei Fragen:


30

Am ersten Tag (Tag 1) ist mir aufgefallen, dass viele Besucher*innen den Wänden entlang durch die Räume schlendern und nur ganz selten vor einzelnen Werken länger stehen bleiben (vgl. Abb. 4–5). Die Zeit, die die Besucher*innen dadurch in den einzelnen Räumen verbringen, ist relativ kurz. Diese Beobachtung verdeutlichte sich auch mit meinem späteren Beobachtungsschwerpunkt der Aufenthaltsdauer pro Raum (Tag 15). Laut meinen Messungen verbrachten Personen durchschnittlich 3min und 56sec in einem Raum. Auf alle Werke verteilt bedeutet das, dass sie einem Werk durchschnittlich 24 Sekunden ihre Aufmerksamkeit schenkten. Das kann natürlich nicht so einfach runtergerechnet werden (es schauen sich ja auch nicht alle Besucher*innen jedes einzelne Werk an), als Feststellung finde ich die Werte trotzdem aufschlussreich (vgl. Abb. 6). Die meisten Besucher*innen waren alleine unterwegs, ab und zu auch zu zweit. Überrascht war ich von der relativ grossen Durchmischung von Altersgruppen, die ich während des gesamten Experiments beobachtet habe.

3

4

3

4

4

5


31 UG Raum 16, 11 Werke (drei kleine Stella Bilder je einzeln gezählt) Aufenthaltsdauer: 30 Minuten Person Nr.: 1 Geschlecht*: m

Alter: 25-35 J

Aufenthalt: 2min 30sec

Person Nr.: 2+3 Geschlecht*: w+w

Alter: 35-40 J

Aufenthalt: 6min 05sec

Alter: 6-8 J

Person Nr.: 4+5 Geschlecht*: m+w

Alter: 25-30 J

Aufenthalt: 1min 40sec

Person Nr.: 6+7 Geschlecht*: m+w

Alter: 25-30 J

Aufenthalt: 6min 05sec

Person Nr.: 8 Geschlecht*: m+w

Alter: 40-45 J

Aufenthalt: 5min 25sec

Person Nr.: 9+10 Geschlecht*: m+w

Alter: 30-40 J

Aufenthalt: 3min 40sec

Person Nr.: 11+12 Geschlecht*: m+m

Alter: 35-45 J

Aufenthalt: 1min 10sec

Person Nr.: 13+14+15 Geschlecht*: w+w+w

Alter: 16-22 J

Anmerkung: im Dialog

6

Aufenthalt: 5min 35sec

Seite 99/101

Tag 8: Beobachten

11.04.2021

Seite 99/101

4– 5 Besucher*innenbewegun gen, Protokolle Tag 1 6 Aufenthaltsdauer, Protokolle Tag 15


32

Umso interessanter schien es mir, dass sich gewisse Verhaltensmuster bei einer grossen Mehrheit in ähnlicher Weise ausdrückten. Besonders spannend fand ich die Sichtbarkeit solch ähnlicher Verhaltensweisen an der Gestik der Hände der Besucher*innen (Tag 8). Viele halten aktiv das kleine unnütze Raumplänchen, den Audioguide oder sonst ein Objekt (Smartphone, Brille, Kamera) in den Händen. Wer keinen Gegenstand dabei hat, lässt die Hände in den Hosentaschen verschwinden oder hält sich selber an der anderen Hand oder am Körper fest. Daran lässt sich, oder so nehme ich es zumindest wahr, immer eine gewisse Anspannung ablesen. Nur ganz selten wirken die Hände locker und entspannt. Nur ganz selten bewegen sich die Arme im Gehen mit. Diesen Umstand finde ich interessant, spüre ich diese Verkrampfung auch immer bei mir selber. Bei der Position, in der die Arme hinter dem Rücken verschränkt werden, realisiere ich in meinem Fall, handelt es sich sogar um eine Haltung die ich in meinem sonstigen Alltag nie antreffe.

Tag 1 ≥ 94  Tag 8 ≥ 154  Tag 15 ≥ 228

Experiment  Erfahrungen  Beobachten

Das Phänomen solch unbewusster Verkörperungen, die sich an spezifische Räume angliedern, beschreibt Löw als Routinen, die sich über das praktische Handeln in diesen sozialen Strukturen herstellen und verfestigen.44 Auf eine komische Weise fühle ich mich über diese kollektive Geste mit den anderen Besucher*innen verbunden, als ob wir uns alle den gleichen Machtverhältnissen unterwerfen würden.

Muss, wer Kunst im Museum anschauen möchte, also eine gewisse körperliche Unterwerfung in Kauf nehmen?

44 Löw 2009, 345.


33 7

8

9 8

10 achgestellte 7– 10 N Handgesten, Protokoll Tag 8


34 Tag 1 ≥ 94  Tag 8 ≥ 154  Tag 15 ≥ 228

Experiment  Erfahrungen  Beobachten

Eine so zugespitzte Frage schreit förmlich nach einem Exkurs zu Foucault. Tatsächlich sah ich zu Beginn meiner Recherche die Begründung einer räumlichen Wirkungsmacht im Museum vor allem in der Präsenz von Aufsichtspersonal, Überwachungskameras und der «ausgestellten» Position, die Besucher*innen im Museum einnehmen. Ein solches, räumlich konstituiertes Modell der visuellen Kontrolle, das durch Aspekte des Museums impliziert wird, brachte mich gedanklich zu Foucaults Überwachen und Strafen.45 Darin beschreibt er die institutionelle Machtausübung im 19. Jahrhundert, welche anhand permanenter Kontroll- und Überwachungsmechanismen erfolgte (bei Foucault auf Straf- und Gefängnisanstalten bezogen).46 In seinem Panoptismus beschreibt er die Bedeutung der beobachtenden Aufsicht als Automatisierung und Entindividualisierung der Macht.47 Durch die ständige Sichtbarkeit der man/frau im Museum ausgesetzt ist, bekommt sie eine Allgegenwärtigkeit, die dazu führt, dass wir selber beginnen uns zu «überwachen».48 Die Machtausübung von Museumsräumen mit Foucault zu begründen, würde an dieser Stelle einen gesamten Diskursraum eröffnen, der den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Ich möchte es hier lediglich bei der Erkenntnis belassen, dass ich betreffend der Wirkungsmacht des Museums mit meinem begrifflichen Instrumentarium bei Foucaults Überwachen und Strafen angelangt bin. Ich bin der Meinung, dass dieser Umstand einen wichtiger Einblick in meinen Prozess darstellt.

Aufgrund der Beobachtung der schnellen Raumdurchlaufung der Besucher*innen mit gelegentlichem Stopp vor einem Werk und auch aufgrund der vielen Einzelgänger*innen frage ich mich zudem auch vermehrt, mit welcher Erwartung die Menschen ein Museum besuchen. Geht es nur darum, in jedem Raum gewesen zu sein? Ist der Museumsbesuch ein Einzelerlebnis? Was bleibt den Besucher*innen nachhaltig im Gedächtnis? In der Besucher*innenforschung wird der Museumsbesuch mit unterschiedlichen Schwerpunkten erforscht.49 Als Untersuchungsgegenstand dienen dabei Lernprozesse der Besucher*innen, subjektive und kognitive Prozesse in der Kunstwahrnehmung, die Effektivität von Informationsvermittlung, die Kommunikation über Kunst etc.50 Diese Vielfalt der wissenschaftlichen Perspektiven verdeutlicht, wie komplex die Besucherrezeption ausfällt. Allerdings macht es durch die starke Fokussierung auf einzelne Aspekte des Museumsbesuches manchmal den Anschein, dass der Erfolg eines Museums auf einzelne Einflussfaktoren zurückgeführt werden könnte. Ganz grundsätzliche Fragen, wie mit welchem Ziel was wem wie vermittelt werden soll, geraten zuweilen in Vergessenheit.51

45 Dünne/Günzel 2018, 299. | 46 Kammler/Parr/Schneider 2008, 68. | 47 Kammler/ Parr/Schneider 2008, 280. | 48 Vgl. Kammler/Parr/Schneider 2008, 280 (hier angewendet auf Museum). | 49 Vgl. Vom Lehn 2006. | 50 Vgl. Vom Lehn 2006. | 51 Tyradellis 2014, 86. | 52 Kirchberg 2016, 130.


35

Hinsichtlich der gesellschaftlichen Verantwortung von Museen beschreibt Volker Kirchberg eine in den 1990er Jahren eingeläutete, noch heute anhaltende Phase der «existentiellen Selbstüberprüfung».52 Ein ständiges Infragestellen, nicht nur einzelner Aspekte der jeweiligen Ausstellungen, sondern auch der grundlegenden Positionierung und Zielvorstellung des Museums scheint mir dabei ganz zentral zu sein. Die drei Fragen des Handlungsfeldes Beobachten haben mich mein gesamtes Experiment begleitet und sind auch in anderen Handlungsfeldern präsent. Besonders im Handlungsfeld Sprechen konnte ich diese Anliegen genauer untersuchen und auch direkt thematisieren.

11

11 Betrachtungsperspektive Kameraüberwachung Raum 8


Tag 7 ≥ 146  Tag 20 ≥ 261  Tag 22 ≥ 274

Experiment  Erfahrungen  Sprechen

Sprechen

36


37 53 W ir sind alle gemeinsam aufgewachsen und noch heute eng befreundet, haben uns aber über die Jahre sehr unterschiedliche Interessensschwerpunkte gesetzt und auch unterschiedliche Museumsbezüge entwickelt oder eben nicht entwickelt. 54 Ihre Dissertation Repräsentation – Partizipation – Zugänglichkeit. Theorie und Praxis gesellschaftlicher Einbindung in Museen und Ausstellungen (Büchel 2021) erscheint im November 2021.

Experiment  Erfahrungen  Sprechen

Entlang nur dreier Museumsbesuche konnte ich im Format Sprechen unglaublich viele Beobachtungen anstellen. Gerade in der Gegenüberstellung der Besuche, einmal mit den Kindern und einmal mit der Gruppe von vier meiner Freundinnen, wurden einige Aspekte deutlich. Beide Male verstummten beim Museumseintritt sofort die vorher lebhaft geführten Gespräche. Beim Eintritt in die Ausstellungsräume suchten beide Gruppen nach Anweisungen und Erklärungen, was zu tun ist. Y und L eher fragend an mich gerichtet, meine Freundinnen durch die Suche nach Texten zur Ausstellung oder den einzelnen Werken. Beiden schien also in der vorgefundenen Situation die erwartete Orientierung oder Handlungsanweisung zu fehlen.

Tag 7 ≥ 146  Tag 20 ≥ 261  Tag 22 ≥ 274

Das Handlungsfeld Sprechen setze ich hier absichtlich gleich anschliessend an Beobachten, da die beiden Felder sehr stark ineinander greifen. Denn obschon sich das Handlungsfeld natürlich dem Dialog widmet, habe ich es gleichzeitig auch dafür genutzt, meine Feststellungen der restlichen Tage an weiteren Teilnehmer*innen meines Experimentes einerseits beobachtend zu überprüfen, andererseits aber auch dialogisch zu thematisieren. Dabei wollte ich in diesem Format vor allem Sprechen lassen. Ich wollte herausfinden, wie und über was gesprochen wird, wie sich die Akteur*innen verhalten und was passiert, wenn ich möglichst wenig in die Situation eingreife. «Eingegriffen» habe ich dabei in der Auswahl meiner Teilnehmer*innen. Die beiden Brüder Y (10 Jahre) und L (8 Jahre) habe ich gewählt, um zu beobachten, wie sich Personen im Museum verhalten, die dem Museum gegenüber noch möglichst unvoreingenommen sind (Tag 7). Die Gruppe von Freundinnen habe ich gewählt, um individuelle Zugänge einer ähnlich sozialisierten Gruppe zu beobachten (Tag 22).53 Aufgrund unserer engen Beziehung zueinander soll ausserdem möglichst keine künstliche Erwartung an ein gewünschtes Verhalten generiert werden. Eine Ausnahme stellt das stärker strukturierte Interview mit Julia Büchel dar. Ich habe sie als Gesprächspartnerin gewählt, weil sie als eine in einem Museum arbeitende Szenografin, die theoretisch-praktische Perspektive, die mich interessiert, einnehmen kann. Die besprochenen Themen habe ich aus dem Fazit ihrer Dissertation abgeleitet (siehe Anhang Tag 20, S. 261).54


38 Tag 7 ≥ 146  Tag 20 ≥ 261  Tag 22 ≥ 274

Experiment  Erfahrungen  Sprechen

Diese unmittelbare Reaktion finde ich sehr aussagekräftig. Die sofortige inhaltliche Konfrontation, die auch räumlich nicht abgefedert wird (bei allen Ausstellungsräumen steht man/frau direkt inmitten der gezeigten Werke), scheint im ersten Moment eine Art Überforderung auszulösen. Sofort wird ein Versuch unternommen, sich über eine vertraute Vermittlungsebene in Form von Text oder Sprache einen Zugang zu schaffen. Es ist eine erste, brutale Konfrontation mit dem eigenen (Un)Wissen und versetzt die Besucher*innen in eine Lage, in der Sinn über eine reine Eigenleistung erzeugt werden muss bzw. die Erwartung herrscht, dass eine Erklärung folgt. Dramaturgisch fehlt der Sammlungsausstellung also der Startpunkt in der Besucher*innenführung. Könnte diese Situation zwar theoretisch auch als Eigenermächtigung verstanden werden, so hat sie, so vermute ich, auf viele Besucher*innen einen ausschliessenden Charakter. Anders formuliert, es tritt eine Vermittlung ein, die nur von Expert*innen verstanden werden kann.55 Eine Vermittlung, die fast ausschliesslich auf Vorwissen Bezug nimmt und sich demnach ohne diesen Kontext keinem breiteren Publikum erschliesst. Vermittlung also, die nicht verstanden wird. Keine gute Voraussetzung für eine produktive Auseinandersetzung.

Auf sich selber zurückgeworfen, entwickelten alle Experimentteilnehmenden eine individuelle Herangehensweise. Der Bewegungsablauf, die Körperhaltungen und Positionierungen im Raum stellt sich bei allen Akteur*innen in ähnlicher Form ein. Die Aneignungsstrategien unterscheiden sich allerdings von Person zu Person sehr. J, die noch nie freiwillig in einem Kunstmuseum war, konzentriert sich genau wie L nur auf Werke, die sie spannend fand. Für L muss es aktionsreich sein, für J gegenständlich und detailliert. Z, die zuvor geäussert hatte, dass sie im Museum ein Erlebnis sucht, Geschichten erfahren möchte, beginnt damit, sich im Dialog mit J einen eigenen Audioguide auszudenken. Dabei spinnt sie fantasievolle Erzählungen und erläutert sich die Motive selber. M und R bewegen sich sehr «museumskonform». Beide haben zuvor angegeben, dass sie öfters Kunstmuseen besuchen. Auch der zehnjährige Y scheint das Verhalten anderer Besucher*innen sofort nachzuahmen, liest die Werktitel, schaut sich ein Bild an, äussert 2-3 Gedanken und schreitet dann zum nächsten Werk weiter. Er stellt dabei Bezüge her wie, dass zwei Werke vom gleichen Künstler sind. Obschon er den Künstler nicht kennt, scheint dieses Wissen eine Relevanz für ihn zu haben. M und R nahmen sich viel Zeit, diskutierten in einer typischen Museumssprache über die Werke. Sie reden über die Art und Weise wie etwas gemalt wurde, mögliche kunstgeschichtliche Einordnungen und darüber, ob sie bei der Betrachtung etwas fühlen. R stört sich daran, dass ihr kein Kontext geboten wird, während M sehr intuitiv Werke auswählte, die ihr besonders gut gefallen, ab und zu ein Foto macht. Aus meiner beobachtenden Perspektive wurde relativ

55 Sturm 1996, 38.


39 12

12 «Natürliche» Körperhaltung und Positionierung im Raum


40 Tag 7 ≥ 146  Tag 20 ≥ 261  Tag 22 ≥ 274

Experiment  Erfahrungen  Sprechen

schnell klar, welche Zugänge sich die unterschiedlichen Personen schufen. In jedem einzelnen Ansatz sah ich viel Potenzial, weshalb ich die vier Freundinnen ermutigte, ihre unterschiedlichen Herangehensweisen miteinander zu teilen, gemeinsam Geschichten zu erfinden, in Worte zu fassen, warum sie welche Werke ansprechend finden und andere nicht. Dabei gab ich kunstgeschichtlichen Kontext, wo ich konnte. Alle liessen sich darauf ein, verfielen aber wieder in ihre individuellen Abläufe. Obschon meine Freundinnen und die Kinder sich sehr ähnlich verhielten, verging bei den Kindern keine zwei Minuten, bis eine Aufsichtsperson uns besorgt darauf hinwies, dass die Bilder nicht berührt werden dürfen und der Abstand von 30 cm eingehalten werden muss. Grundsätzlich wurde den Kindern also weniger Vertrauen geschenkt und autoritärer begegnet. Die Aufsicht schien allein durch die Präsenz von L und Y sichtbar nervös zu sein. An dieser Stelle wichtig zu erwähnen wäre, dass in den drei Wochen, in denen ich täglich im Museum war, keine einzige der Aufsichtspersonen danach gefragt hat, wieso ich immer da bin. Zu Beginn meines Experiments war ich sehr nah dran, das Museum als Institution in mein Vorhaben einzuweihen. In der Erwartung, dass früher oder später schon jemand des Personals nachfragen würde, wollte ich, indem ich nicht darüber aufklärte, herausfinden, wie lange diese Konfrontation auf sich warten liesse - vergeblich. Als Y und L im unteren Raum einen Tisch sehen, äusserten sie den Wunsch zu zeichnen. Ihre Motive waren völlig frei und aus der Fantasie entnommen. Ich fand es spannend, dass sie, obschon sie nicht so viel mit den Museumsinhalten anfangen konnten, trotzdem angeregt waren, sich selber künstlerisch zu betätigen. Sie waren also eher vom zeichnerischen und malerischen Prozess inspiriert als von den tatsächlichen Werken. Interessanterweise äusserte auch Z gegen Schluss des Besuches den Wunsch etwas zu zeichnen, obschon auf meine anfängliche gestellte Frage, ob die Gruppe etwas zum Zeichnen oder Schreiben möchten ein einstimiges Nein geäussert wurde.


41 14

13

15

16

13 –14 Z eichnung von L und Y Tag 7 15 Verstecktes Motiv, Zeichnung von Z, Tag 22 16 Aufnahme von «Thunersee mit Stockhornkette im Winter», Raum 5


42 Experiment  Erfahrungen  Sprechen Tag 7 ≥ 146  Tag 20 ≥ 261  Tag 22 ≥ 274

Mit dem Vergleich dieser Besuche frage ich mich stärker denn je, ob es der Museumsraum ist der unser Verhalten darin steuert oder die gesellschaftliche Erziehung. Schon beim zehnjährigen Y lässt sich andeutungsweise die «museumskonforme» Verhaltensweise von R andeuten. Das meint hier, langsame Bewegungen mit grosser Achtung für die Kunstwerke, die Betrachtung von einem Werk nach dem anderen, eine flüsternde Lautstärke und ein Rangen um Worte, mit denen technische und historische Bezüge hergestellt werden können. Parallelen beobachtete ich auch beim achtjährigen L und bei der museumsfremden J, beide liessen sich wenig vom Raum beeinflussen. Aus diesem exemplarischen Vergleich (wohl wissend, dass es sich um einzelne Beobachtungen handelt und die Situation mit anderen Personen vielleicht ganz anders ausgesehen hätte) finde ich doch interessant, dass sich ein bestimmtes Verhalten bei Personen, die öfters im Museum sind (Beispiel R) oder vielleicht eher zur Konformität neigenden Personen (Beispiel Y) schon früh einstellen und stark sichtbar sind. Eine mögliche Erklärung dafür könnte in der Repetition und daraus resultierenden Routinen ansetzen. Um Routinen zu verstehen, unterscheidet Soziologe Anthony Giddens zwischen diskursivem und praktischem Bewusstsein.56 Das diskursive Bewusstsein beschreibt Zustände, die von Handelnden sprachlich beschrieben werden können, während das praktische Bewusstsein nicht reflektiertes körperliches und emotionales Handeln beschreibt, welches sich im Alltag stets aktualisiert.57 Die Konstitution von Raum, so Löw, geschieht aus dem praktischen Bewusstsein heraus.58 Das heisst, wir können Räume lesen und sie verstehen, ohne dies tatsächlich in Worten zu formulieren.59 Durch eine regelmässige Praktik reproduzieren sich im Handeln sowohl persönliche Gewohnheiten als auch institutionalisierte (An)Ordnungen.60 Mit regelmässigen Museumsbesuchen entsteht eine museumsinterne Handlungsroutine, welche sich in aller Regel im praktischen Bewusstsein reproduziert.

56 Giddens 1988, 431ff. | 57 Giddens 1988, 431ff. | 58 Löw 2012, 161. 59 Löw 2012, 161. | 60 Löw 2012, 163.


43 17

18

19

17– 18 Dokumentation Handgesten und Positionierung vor Werken


Tag 3 ≥ 110  Tag 10 ≥ 170  Tag 17 ≥ 240

Experiment  Erfahrungen  Sein

Sein

44


45 20 20 Z eichnerische Verortung im Raum, Tag 10


46

Das Handlungsfeld Sein bot von allen Feldern die wahrscheinlich intensivste Auseinandersetzung. Vielleicht fast stärker als das Handlungsfeld Wahrnehmen, sind im Rahmen des Handlungsfeldes Sein eine Vielzahl von rezeptionsästhetischen Regungen eingetreten. Insbesondere weil ich durch die Selbstbeobachtung nicht nur ein Verständnis meiner individuellen Kunstwahrnehmung, sondern auch meiner Raumwahrnehmung entwickeln konnte. Dabei stellte sich mein Körper als vielleicht flexibelste Konstante im Raum heraus und wurde so zu einem wichtigen Instrument.

Tag 3 ≥ 110  Tag 10 ≥ 170  Tag 17 ≥ 240

Experiment  Erfahrungen  Sein

Im Handlungsfeld Sein drehte sich alles um meinen Körper und um meine physische Präsenz im Museumsraum. Es war ungewohnt für mich im Museum, wo alles so stark auf visuelle Reize ausgerichtet ist, meine Konzentration gegen innen, auf meine persönliche Körperwahrnehmung zu richten. Es gelang mir nicht, den Raum und die Kunst zu ignorieren. Stattdessen verlagerte sich mein Fokus sehr schnell auf die Interaktion von mir als physischen Körper, der in Interaktion mit der Kunst tritt. Erst im Rahmen dieses Formates realisiere ich, wie verkrampft ich der Kunst gegenübertrete. Hände und Arme dicht am Körper, Gleichgewicht auf meine rechte Seite verlegt, hinterfrage ich die immer gleiche Haltung, die ich in der Werkbetrachtung einnehme.


47 21

21 D arstellung Schmerzen und Verkrampfungen


48

22

23

22 Z eichnung aus liegender Perspektive, Tag 10 23 Dokumentation Körperpositionen, Tag 17


49 Experiment  Erfahrungen  Sein Tag 3 ≥ 110  Tag 10 ≥ 170  Tag 17 ≥ 240

Am 2. Tag des Handlungsfeldes Sein (Tag 10) fange ich an, subtile Eingriffe vorzunehmen. Meine Position ändert sich von stehend zu sitzend, auf dem Boden und auf den Sitzgelegenheiten, zu liegend. Ich merke, wie anders ich aus diesen Perspektiven wahrnehme, wie viel bereiter ich dazu bin, mit einem Werk in Interaktion zu treten. Gemütlich in einem Schneidersitz vor einem Bild sitzend, kann ich mich völlig entspannen. So simpel scheinen mir diese Eingriffe, trotzdem mache ich das in der Regel nicht. Am letzten Tag des Handlungsfeldes (Tag 17) versuche ich durch das Kopieren von in den Werken dargestellten Körperhaltungen «Kontakt» zur Bildwelt aufzubauen, fast eine Art Immersion damit zu erzeugen. Nicht nur nehme ich die Werke ganz anders wahr, im Kreise Giacomettis mit am Boden sitzenden Kindern, tanzend mit Moilliets Ballerinas, liegend in Mitten von Hodlers Nacht oder leidend mit den zehntausend Märtyrern, fühle ich den Bildraum und die Szenerie viel lebhafter, viel intimer. Es half, dass ich am Dienstagabend meistens allein im Museum war, dabei also niemanden störte. Auch in Momenten, in denen mich doch mal jemand fragend beobachtete, schien es niemanden zu stören. Ich glaube in den Köpfen der Besucher*innen wird eine solche Beobachtung vielleicht durch die Vorstellung bzw. das Wissen um einen von der Kunst ergriffenen Moment legitimiert. Vor allem durch meine Annahme, dass am Dienstagabend mehrheitlich regelmässige Museumsbesucher*innen im Museum anzutreffen sind. Es tut gut, den Körper einzusetzen. Ich merke, wie sehr ich den Bezug zu meinem eigenen Körper in den letzten Jahren verloren habe, er fast ein passives Gefäss für mich geworden ist. Besonders in Anbetracht der zuvor beschriebenen körperlichen Eingeschränktheit, die im Museum von vielen Menschen verspürt zu werden scheint, finde ich solche kleinen Interventionen enorm wirkungsvoll.


50

24

24 D okumentation Körperpositionen, Tag 17


Experiment  Erfahrungen  Sein

51 61 Villa 2008, 201. | 62 Villa 2008, 201. | 63 Bourdieu 1987, 136. | 64 Villa 2008, 205.

Tag 3 ≥ 110  Tag 10 ≥ 170  Tag 17 ≥ 240

Hinsichtlich meines introspektiven Beobachtungsfokusses scheint es mir hier wichtig, das Konzept des Körpers etwas auszuführen. Den Umstand, dass wir unserer Umwelt nicht unmittelbar ausgesetzt sind, begründet der Sozialanthropologe Helmut Plessner mit dem reflexiven Verhältnis zu uns selber.61 In Bezug auf unseren Körper heisst das, dass zwischen dem Körper als vorhandenes Gefäss und unserem Leib, der eine reflexive, körperliche Wahrnehmungsebene charakterisiert, unterschieden werden muss.62 Diese Differenzierung sehe ich als essentiell in meinem Experiment, versuche ich doch, stets unter Berücksichtigung des Habitus, immer auch meine eigene Wahrnehmung nicht nur von mir im Raum, sondern auch von mir als Körper mit zu reflektieren. Die oben beschriebenen performativen Aktionen lassen sich auf dieses Verhältnis zurückführen. So habe ich aus leiblichen, also reflexiven Beobachtungen des KörperRaum-Verhältnisses versucht, meinen Körper zu instrumentalisieren, um damit wiederum rückwirkend auf meine leibliche Wahrnehmung Einfluss zu nehmen. Ich habe also durch das Verändern meiner habitualisierten Körperbewegungen auf meine gewohnte Wahrnehmung Einfluss genommen. Ähnlich, wie ich auch meinen persönlichen Handlungsmustern versuche entgegenzuwirken. Der Körper wird im Übrigen auch von Bourdieu als wichtiger Faktor betrachtet. Die Übertragung solch innerlicher Prozesse in körperliche Handlungen, das heisst die Verschränkung von Körper, Leib und Habitus, wird bei ihm als Hexis bezeichnet.63 Wenn demnach im Körper die Verschränkung von sozialem Wissen und authentischem Fühlen und Denken in einem räumlich konstitutiven Bezugsrahmen institutionalisiert wird, kann dadurch eine Routine entstehen, die sich verfestigt.64 Mit einem Bewusstsein für diese Verschmelzung von Wahrnehmen, Handeln und Denken scheint der Zugang zu verinnerlichten Prozessen über den eigenen Körper als für mich «beherrschbares» Instrument sehr natürlich.


Tag 6 ≥ 136  Tag 13+14 ≥ 198  Tag 21 ≥ 266

Experiment  Erfahrungen  Wahrnehmen

Wahrnehmen

52


53 Mensch

Raum

Kunst

25

Ähnlich wie im Handlungsfeld Sein, machte ich im Feld Wahrnehmen vor allem introspektive Beobachtungen. Allerdings lag im Bezugsrahmen Raum-Kunst-Mensch der Fokus stärker auf der Kunst als auf dem Menschen (vgl. Abb. 25).

26

25 S chematische Darstellung Fokus 26 Empfundene Wahrnehmung/Ablenkung

Tag 6 ≥ 136  Tag 13+14 ≥ 198  Tag 21 ≥ 266

Im Handlungsfeld Wahrnehmen ging es mir in erster Linie um die Kunstrezeption. Schnell bemerkte ich aber, dass mich Raum, Positionierungen und Rahmungen stark von den tatsächlichen Werken ablenken.


54

28

27

29

30

31

27– 31 Fotografische Aufnahmen von Ablenkungsmomenten (Tag 6)


55 Experiment  Erfahrungen  Wahrnehmen Tag 6 ≥ 136  Tag 13+14 ≥ 198  Tag 21 ≥ 266

Wenn ich ein Werk betrachte und mich dabei selber oder den gesamten Raum hinter mir gespiegelt sehe, kann ich das Werk nicht betrachten. Wenn ich bei den abstrakt expressionistischen Werken weiss, speziell z.B. bei Rothko, wie wichtig es war, dass seine Bilder ungerahmt ausgestellt werden, kann ich das Werk nicht betrachten. Wenn ich in einem Raum in keiner Weise dazu eingeladen werde zu verweilen, dann kann ich das Werk nicht betrachten. Wenn ich die Atmosphäre in einem Raum erdrückend finde, dann kann ich das Werk nicht betrachten. Wenn ich nicht um eine Skulptur gehen kann, dann kann ich sie nicht betrachten. Wenn ich von einem abblätternden Stückchen Papier an der Wand, dass das Werkschild sein soll, abgelenkt werde, kann ich das Werk nicht betrachten. Wenn ich vor ein Werk trete und in meinem Sichtfeld eine Kamera auf mich gerichtet ist, dann kann ich das Werk nicht betrachten. Tatsächlich versammeln sich im Museumsraum unglaublich viele solche subtilen Ablenkungsmomente. Während mir solche Dinge bei einmaligen Museumsbesuchen partiell auffallen, kumulierten sie sich während meinen täglichen Besuchen.


56 Experiment  Erfahrungen  Wahrnehmen Tag 6 ≥ 136  Tag 13+14 ≥ 198  Tag 21 ≥ 266

Ebenfalls aufgefallen ist mir, dass durch eine starre chronologische Ordnung spannende Interaktionen zwischen den Werken entfallen. Wenn schon nicht mit Text gearbeitet wird, wären dann Gegenüberstellungen von zeitlich nicht zusammengehörenden, aber thematisch ähnlichen Werken nicht eine spannendere Weise, sie auszustellen? Bedeutung könnte zwischen den Werken erzeugt und von den Besucher*innen konstituiert werden. In einem Selbstversuch habe ich die Werke in einen anderen Kontext, nämlich den digitalen Raum versetzt. Dazu habe ich jedes einzelne Werk fotografiert und danach die Bilder in einem MiroBoard platziert (Tag 13). Das MiroBoard scheint mir ein besonders «neutraler» digitaler Raum zu sein, da er keinerlei vorgegebene Relationen aufweist, die Werke also nur in Relation zu sich selber stehen. Ich habe die Werke betrachtet und sie sehr intuitiv in Cluster eingeordnet (Abb. 32). Nicht nach Epochen, nicht nach dargestelltem Inhalt, sondern nach «Aura». Nebst dem aktiven Anordnungsprozess, der mich stärker dazu angeregt hat, mich mit den Werken auseinanderzusetzen, war es auch spannend, wie schnell sich ganz neue Fragen ergaben, wenn die Werke keinen offensichtlichen kunsttheoretischen Bezug zueinander hatten. Es eröffneten sich neue Assoziationsräume, neue thematische Ansätze und neue Bedeutungen. Am nächsten Tag (Tag 14) habe ich das MiroBoard via IPad in die Ausstellungsräume des Museums mitgenommen und habe sie vor Ort erneut im flexiblen digitalen Raum angeordnet. Dafür habe ich mich von Raum zu Raum bewegt und mich jeweils auf die Atmosphäre des Raumes konzentriert. Anhand der wahrgenommenen Atmosphären habe ich diejenigen Werke den Räumen zugeordnet, die für mich von ihrer Ausstrahlung her zur Atmosphäre passen. (Abb. 33) Die Gegenüberstellung zu den raumunabhängigen Clustern die am Vortag entstanden waren, waren sehr interessant und könnten einen Ausgangspunkt für eine weitere Auseinandersetzung dienen. Ich würde behaupten, dass ich eine intensivere Auseinandersetzung mit den Werken eingehen konnte, als ich mit ihren digitalen Äquivalenten gearbeitet habe. Vielleicht gerade, weil ich mit ihnen arbeiten konnte. Diese Form von Ermächtigung, die mit digitalen Medien erzielt werden kann, finde ich einen spannenden Ansatzpunkt, kommt man/frau im Museumsdiskurs doch sowieso nicht mehr um die Frage nach digitalen oder hybriden Formaten herum.


57 32

32 Bildcluster aus MiroBoard, betitelt Herzlich Willkommen, Tag 13


58

33


59 33 Bildcluster zu Raum 14 (Atmosphäre: offen und weit), Tag 14


Tag 4 ≥ 120  Tag 11 ≥ 178  Tag 18 ≥ 248

Experiment  Erfahrungen  Folgen

Folgen

60


61 Tag 4 ≥ 120  Tag 11 ≥ 178  Tag 18 ≥ 248

Das Folgen oder auch die Fremdbestimmung habe ich mit unterschiedlichen Herangehensweisen thematisiert. So habe ich mich räumlich, gedanklich und wie sich heraus gestellt hat sogar visuell (es wird einem sehr oft erklärt was man/frau sehen sollte) vom Audioguide führen lassen (Tag 4), habe mich mit einem Podcast in einen vom Museumsraum losgelösten Diskurs begeben (Tag 11) und habe mich zuletzt von einer Person führen lassen, sowohl physisch als auch im Gespräch und damit wiederum gedanklich (Tag 18). Vom Audioguide war ich sehr schnell gelangweilt. Wo bleiben kritische Kommentare? Wo bleiben lebensweltliche Anekdoten? Wo bleibt die Anregung? Die Willkür der Audiospuren, die einem zu suggerieren scheint, dass nur gewisse Werke überhaupt eines Kommentars wert sind, nur gewisse Werke eine Geschichte haben, finde ich irritierend. Der spannendste Moment mit dem Guide war, als ich versehentlich eine falsche Nummer getippt habe und für kurze Zeit nicht sicher war, ob ich jetzt einfach etwas ganz anderes sehe und wahrnehme als mir zu glauben gemacht wird. Die Diskrepanz, die sich dadurch zwischen Hören und Sehen einstellte finde ich total faszinierend und anregend. Es eröffnet sich dadurch ein gedanklicher Raum, dem ich sonst noch nicht begegnet bin. In meinem Tagebucheintrag beschreibe ich ihn als «spannenden Fantasieraum, der sich aus ‹realen› und imaginären Räumen konstituiert, der über meinen körperlichen Bezug zum Museumsraum fassbar wird.» Diese Diskrepanz provozierte ich bei meinem nächsten Besuch, indem ich mich mit einem Podcast akustisch auf einen anderen Raum als den des Museums konzentrierte. Weil ich dadurch gedanklich abgelenkt war, hatte ich keine Kapazität, mir gross zu überlegen, was ich genau mache. In diesem passiven Handlungsmodus habe ich visuell aussergewöhnlich intensiv wahrgenommen.

Experiment  Erfahrungen  Folgen

Das Handlungsfeld Folgen leitet sich aus einer Fokussierung auf die Fremdbestimmung ab. Zur Durchbrechung des Habitus wurden die Formate im Handlungsfeld Folgen darauf ausgerichtet, sich anders durch die Räume zu bewegen, um sich anderen Wahrnehmungsund Denkschemata anzueignen.


62 Tag 4 ≥ 120  Tag 11 ≥ 178  Tag 18 ≥ 248

Experiment  Erfahrungen  Folgen

Diese partiellen Verschiebungen in Konzentration und Wahrnehmung empfinde ich als spannendes Phänomen, das mich zu weiteren Versuchen anreizt. Die Vermutung liegt dabei nahe, dass durch die starke Aufmerksamkeit, die dem Sehen im Museum per se gewidmet wird, die Unmittelbarkeit der visuellen Wahrnehmung durch Erwartungen beeinflusst wird. Mein Verhalten reflexiv betrachtend, merke ich, dass ich mich, während ich mich auf den Podcast konzentriert habe, sehr intuitiv in den Ausstellungsräumen bewegt habe. Tatsächlich fand ich mich fast ausschliesslich in Räumen wieder, in denen ich mich generell gerne aufhalte. Besonders oft bin ich im grossen Raum im Obergeschoss (Raum 3) und im Raum mit den abstrakten Bildern im Neubau (Raum 16). Ironischerweise zeichnen sich die Muster in welchen Räumen ich am meisten Zeit verbringe ausgerechnet in dem passiven Modus, den ich in meinem fremdbestimmten bzw. abgelenkten Museumsbesuch wahrgenommen habe, am deutlichsten ab (Abb 34–37) .

Als ich mich beim letzten Mal im Handlungsfeld Folgen (Tag 18) bewege, folge ich einer anderen Person. Ich bitte sie darum, mich auf einen für sie natürlichen Museumsbesuch mitzunehmen. Ich nehme dabei eine interaktive Rolle ein, bestimme aber weder Bewegungsabläufe noch Gesprächsthemen. Sie ist selber kunstschaffend und hat eine sehr spannende Perspektive auf das Museum. Wir bewegten uns in einem Dialog, sodass die Bewegungsabläufe fast passiv wurden. Die Gespräche schweiften von Thema zu Thema und griffen sich ab und zu bei den Kunstwerken neue Anstösse und Assoziationen.


63 34

35

34 O G Dichtedarstellung meiner persönlichen Raumbegehungen 35 Ansicht Raum 3


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37


65 36 U G Dichtedarstellung meiner persönlichen Raumbegehungen 37 Ansicht Raum 16


Tag 5 ≥ 128  Tag 12 ≥ 182  Tag 19 ≥ 258

Experiment  Erfahrungen  Verfremden

Verfremden

38

66


67

Anschliessend an das Handlungsfeld Folgen, wurde das Feld Verfremden explizit dafür angelegt, bewusst in meine normale Museumsroutine einzugreifen. Das Handlungsfeld Verfremden ist im Laufe meines Experiments eher zu einem «was-ich-gerade-brauche-Freipass» geworden. Das lag wohl unter anderem am Umstand, dass dieses Handlungsfeld auf Donnerstag gefallen ist, und damit in der Mitte meiner jeweiligen pausenlosen 6-Tage Phase lag. Damit ist es zu einer Art Format geworden, indem ich mir selber Funktionsräume innerhalb des Museumssettings geschaffen habe.

In der ersten Woche tat ich das, indem ich einfach gezeichnet habe (Tag 5). Anstatt dass ich mich schriftlich mit meinen Gedanken auseinandergesetzt habe, tat ich das zeichnerisch. Der gedankliche Fokus sprang dabei von Selbstwahrnehmung zu Fremdwahrnehmung zu Bildwelten und zum Raum selber. In gewisser Weise werden dadurch auch meine sprunghaften Denkmuster visualisiert.

38 Z eichnerisch Denken, Tag 5


68 Tag 5 ≥ 128  Tag 12 ≥ 182  Tag 19 ≥ 258

Experiment  Erfahrungen  Verfremden

In der zweiten Woche habe ich im Handlungsfeld Verfremden den gesamten Museumsraum nur indirekt über einen kleinen Spiegel wahrgenommen (Tag 12). Das hat unglaublich viel Spass gemacht, weil ich dadurch ganz neue Perspektiven entdecken konnte. Aber nicht nur neue Perspektiven, sondern auch die Fähigkeit, selber in den Raum eingreifen zu können, schien mir ein wesentlicher Aspekt, weshalb ich so viel Begeisterung für diese kleine Intervention aufbringen konnte. In meiner nachträglichen Reflexion schrieb ich dazu: «ich kann Werke durch den Raum transportieren, neue Räume generieren und erweitern und alles wird dynamisch. Vor allem aber kann ich mich mit diesen scheinbar bedeutungslosen Spielereien viel näher an die von mir empfundene Raumwahrnehmung kommen. Grenzen werden aufgebrochen, Einrahmungen werden irrelevant, oben, unten, links, rechts verlieren ihre Bedeutung.» Ausser im losgelösten digitalen Raum hatte ich nie so viel Kontrolle über den Raum. Hier scheint mir interessant, dass sich das Verhältnis zwischen dem zuvor beschriebenen Prinzip des Spacing und der Syntheseleistung verschiebt. Das Spacing, das bei Löw mit den Begriffen des Errichtens, des Bauens und Positionierens beschrieben wird, hat im Vergleich zur Syntheseleistung etwas Starres, Unveränderliches. Natürlich wird es im Zusammenwirken mit der Syntheseleistung als Gesamtkonzept wieder dynamischer und die Starrheit dadurch relativiert, trotzdem unterliegt dem Prozess des Spacings etwas Definitives. Mit dem unscheinbaren Element des Spiegels werde ich des Prozesses des Spacings ermächtigt, indem ich nicht nur Einfluss darauf nehmen kann, wo ich mich selber, sondern auch andere Raumelemente positioniere.


69 39

39 S piegelperspektive, Tag 12


70

40

41

andspiegel als 40– 42 H (An)Ordnungstool, Tag 12

42


71 Experiment  Erfahrungen  Verfremden Tag 5 ≥ 128  Tag 12 ≥ 182  Tag 19 ≥ 258

Als ich am letzten Tag des Handlungsfeldes (Tag 19) die Theorie buchstäblich ins Museum hineinnahm und darin versuchte Bourdieu zu lesen, offenbarte sich mir der Museumsraum zufällig auf eine ganz neue Weise. Der Raum liess mich nicht lesen. Meine Augen waren sofort gereizt, der Körper am frieren. Offenbar sind die Räume nicht dafür gedacht, länger zu verweilen, nicht in Bewegung zu bleiben. Ich war jedoch auch schon an anderen Tagen länger unbewegt an Ort und Stelle. Es scheint so, als ob mir dieses körperliche Unwohlsein weniger bewusst war, wenn ich aktiv versuchte, mit dem Raum zu interagieren. Nun, als ich einfach nur zu lesen gedachte, merkte ich, wie mir der Raum dies zu verweigern schien. Ich konnte weder einen bequemen Ort finden, noch konnte ich bei den herrschenden Lichtverhältnissen länger als 30 Minuten lesen. Nach kurzer Zeit fühlte ich mich unwohl, mir war kalt und ich verspürte, so stark wie noch nie, ein Fluchtgefühl. Als ich das Museum verliess und in die warme Sonne trat, nahm ich auch zum ersten Mal die deutliche Trennung zwischen Aussenraum und Innenraum wahr.


72


73

Erkenntnisse und Analysen Meine 21-tägige Intensivauseinandersetzung mit dem Raum und die darauffolgende reflexive Aufarbeitung des generierten Materials haben mir sehr dabei geholfen, nicht nur mir mein eigenes Verhalten im Museum besser zu erschliessen, sondern teilweise auch Faktoren, die darauf Einfluss nehmen offenzulegen und sie zu theoretisieren. Eine meiner zentralen Erkenntnisse würde ich darin beschreiben, dass ich den Museumsraum als Raum mindestens eine Woche lang als starr wahrgenommen habe. Als Mensch werde ich vom unbeweglichen, leblosen Raum umschlossen. Meine Wahrnehmung des angebotenen Museumsraums tendiert damit eher zum absolutistischen als zum relationalen Raummodell von Löw.65 Damit ist gemeint, dass sich die strukturelle Beschaffenheit des Raumes mit meinem Handeln als Mensch nur schwer beeinflussen lässt. In meiner persönlichen Wahrnehmung wird dem Raum damit eine eigene Realität jenseits meines Handelns inhärent, und ich als Mensch damit unbedeutend.66 Dieser Umstand wird dadurch verstärkt, dass mich während meiner täglichen Museumsbesuche keine einzige der Aufsichtspersonen danach gefragt hat, wieso ich immer da bin. Als diese Situation bis zum Schluss nicht eingetreten ist, hat in mir selber eine Art Ermutigung in meinem Handeln stattgefunden, weil es dem Personal offensichtlich ziemlich egal war, dass ich jeden Tag da war. Den sicheren Raum, den ich mir in meiner normkonformen Art zu Beginn durch die direkte Offenlegung meines Vorhabens gerne geschaffen hätte, hat sich also schrittweise von selbst eingestellt. Es hat sich gezeigt, dass die Aufsichtspersonen, als lebendige Auswüchse des kontrollierten Museumsraumes, mich wahrscheinlich viel stärker beeinflussen als irgendwelche Kameras oder sonstige architektonischen Charakteristiken. Die scheinbare Gleichgültigkeit der Aufsicht hat mich zwar verwundert, gleichzeitig aber auch bestärkt und befreit.

65 Löw 2012, 63. | 66 Löw 2012, 63.

Experiment  Erkenntnisse und Analysen  Der starre Raum

Der starre Raum


74 Experiment  Erkenntnisse und Analysen  Die Einverleibung

Die Einverleibung Abgesehen von dem einen Mal, als ich mit Kindern da war, haben die Aufsichten mich immer machen lassen – egal ob laut diskutierend, stillschweigend am Boden liegend oder verwirrt umhergehend mit einem kleinen Handspiegel. Demnach kann nach einer gewissen Zeit die Starrheit, die unter anderem auch aus meinen eigenen Vorurteilen dem Museum gegenüber resultiert, partiell überwunden werden, sodass der Museumsraum eine gewisse Dynamik zuzulassen beginnt. So hat sich mir gezeigt, dass ich wohl teilweise auch falsche Vorstellungen davon hatte, was erlaubt ist und was nicht. Dabei ist mir auch bewusst geworden, wie stark Verhaltensregeln, wie beispielsweise das Flüstern, sich teilweise auf sich reproduzierenden Vorannahmen und Verinnerlichungen im eigenen Handeln, auf das Bewusstsein der «Sakralität der Kunst», aber auch auf ein solidarisches Verhalten anderen Besucher*innen gegenüber zurückführen lassen. Der Prozess der unbewussten Verleiblichung, der sich an konkrete institutionelle Räume bindet und aus dem heraus sich Routinen verfestigen, die dann in anderen Räumen reproduziert werden, kann als möglicher Ursprung vieler beobachtbaren Handlungen erklärend herangezogen werden. Die Einschreibung solcher Verhaltensmuster scheint mir insbesondere hinsichtlich der Vermittlung besonders relevant. Die anerlernten Muster äussern sich in Bewegungsabläufen, Betrachtungsmodi sowie Körperhaltungen und beeinflussen damit alle grundlegenden Wahrnehmungs-, Denkund Handlungsmuster im Museum. Die Vermittlung muss gezielt bei ihnen ansetzen, damit sie thematisiert, reflektiert und aufgebrochen werden können.


75

Obschon ich nach einer Weile selbstverständlicher ins Museum eintrat und mich durch die Routine, die ich entwickelt hatte, wohler gefühlt habe, habe ich gemerkt, wie viel Eigenleistung ich, zumindest in den untersuchten Ausstellungsräumen, erbringen musste, um interessante Interaktionen zu generieren. Als ein immer präsentes und für mich zugänglichstes Instrument habe ich dadurch den Einsatz meines eigenen Körpers sehr schätzen gelernt und eine Art neues Bewusstsein für seine Präsenz entwickeln können. Das ist für mich persönlich eine unglaublich wertvolle Erfahrung. Das Zurückgeworfenwerden auf den eigenen Körper als eine für mich zugängliche Instanz ist ein weiterer Indikator für die fehlenden Handlungsmöglichkeiten, die mir vom Museum angeboten wurden. Deshalb finde ich es rückwirkend betrachtet auch gut, dass ich so oft alleine da war. Andere Menschen haben für mich jeweils ein viel zu grosses Potenzial mitgebracht, sich mit ihnen zu beschäftigen und dabei meine eigene Position zu vergessen. Die Abwesenheit meines eigenen Körpers in allen Dokumentationen finde ich auch einen spannenden Aspekt, spielt sie doch konzeptuell irgendwie in die Leere des Museumsraums hinein. Allerdings lässt sich daraus auch eine Frage ableiten, nämlich, ob ich meine persönlichen Museumsbesuche aufgrund der langanhaltenderen Eindrücke die sich über den Dialog eingestellt haben, auch nach diesem Experiment noch als Einzelerlebnis proklamieren würde. Abschliessend kann also festgehalten werden, dass die Verleiblichung von bestimmten Verhaltensweisen idealerweise bereits bei der räumlichen Vermittlung mitgedacht und thematisiert werden sollte. Die geforderte Interaktion der Besucher*innen sollte durch eine dynamische Beziehung zwischen Inhalt und Raum angeregt werden und nicht in alleiniger Leistung produziert werden müssen. Die physische Anwesenheit eines Körper kann dabei als Voraussetzung gesehen werden, die in dieser Dynamik mitaufgenommen werden muss.67 Mit anderen Worten: Nicht jede*r hat die Zeit und die Voraussetzungen, sich in einer Intensivauseinandersetzung selber diverse Erfahrungsstrategien anzulegen, aber jede*r ist befähigt und berechtigt, sich je nach individuellem Interesse, auch ohne Führung, an einem Angebot von individuellen Aneignungsmöglichkeiten zu bedienen.

67 D ies allerdings mit Rücksicht auf unterschiedliche Körperlichkeiten verschiedener Menschen.

Experiment  Erkenntnisse und Analysen  Der Körper

Der Körper


76 Experiment  Erkenntnisse und Analysen  Individuelle Erfahrung

Individuelle Erfahrung Die Frage, warum ich persönlich, trotz Interesse an Kunst und Vermittlung, selten freiwillig und intrinsisch geleitet ins Museum gehe, lässt sich erwartungsgemäss nicht abschliessend beantworten. Die Diskrepanz zwischen Denk- und Handlungsraum, die sich bei mir persönlich stetig gezeigt hat, weist vielleicht tatsächlich darauf hin, dass mein Interesse an Kunst und Vermittlung zu sehr aus dem theoretischen Diskurs angeregt wird bzw. ich dadurch Erwartungen an das Museum stelle, welche, zumindest von den untersuchten Ausstellungsräumen, nicht erfüllt werden. Meiner Meinung nach sollte der Museumsraum spannende Atmosphären generieren, die das Sehen und Wahrnehmen, das Abdriften in Assoziationsketten und die gedankliche Anregung begünstigen. Aus meiner Position sehe ich viele tolle Möglichkeiten, die das Museum als Raum bieten könnte und die auch einen Besuch der Sammlungsausstellung zu einer spannenden Erfahrung machen könnten, von denen aber, zumindest in der untersuchten Sammlung, kein Gebrauch gemacht wird. Wieso also sollte ich mich in diesen starren Raum begeben wollen? Was bringt mir der Besuch, wenn ich nichts mit den Gedanken und Handlungsdrängen, die darin angeregt werden, machen kann? Ich sie alle beim Austritt aus dem Museum wieder vergessen habe? Wie könnte der Raum auch ohne elaboriertes szenografisches Konzept dynamischer werden? Reflexive Reaktionen auslösen?


77

In meinem Experiment sehe ich einen Ausgangspunkt für die Entwicklung eines weiterführenden Vermittlungsangebots. Einen Zugang über die 21-Tage-Challenge für Besucher*innen zu generieren wäre wohl etwas ambitioniert, ist sie doch sehr zeit- und kostenaufwendig. Ich denke da mehr in einer «I did it – so you don’t have to»-Mentalität. Da ich bei der individuellen Wahrnehmung und nicht bei der Provokation angesetzt habe, können die Formate die ich ausprobiert habe, bedenkenlos auf bestehende Museumsstrukturen adaptieren werden. Aus meiner persönlichen Erfahrung konnte ich zahlreiche Mikroerkenntnisse generieren und reflektieren. Manche konnte ich anhand der Beobachtung anderer Besucher*innen verallgemeinern, andere blieben auf einer sehr individuellen Erfahrungsebene. Um diese Erkenntnisse in die Praxis zu integrieren, schlage ich ein räumliches Konzept vor, welches aus kleinen Interventionen besteht. Die Interventionen setzen dabei, wie dies von mir auch im Experiment verfolgt wurde, stärker beim Verhalten der Besucher*innen als konkret an der Kunst an und beschränken sich dadurch nicht auf ein bestimmtes Museum. Formal orientieren sich die Interventionen an den Handlungsfeldern, inhaltlich an meinen Erkenntnisprozessen. Um mit der bestehenden räumlichen Struktur zu arbeiten, könnten sie anstelle der üblichen Verbotsschilder platziert werden. Solche Schilder wirken, zumindest auf mich, oftmals redundant und etwas anmassend. Dieser Tausch würde sowohl eine positive Umdeutung der gewohnten Handlungsanweisungen als auch eine szenografische Finesse in sich bergen. Dieser konzeptuelle Bruch mit habitualisierten Museumsroutinen soll die Interaktionsebene zwischen Museumsraum und Besucher*innen aktivieren und damit der räumlichen Strukturierung des Museumsbesuches entgegenwirken. Es handelt sich dabei um reflexionsfördernde Handlungsvorschläge, die den physischen Raum als Handlungsdimension thematisieren und nutzen.

Experiment  Erkenntnisse und Analysen  Wie weiter? - Ein Vorschlag

Wie weiter? - Ein Vorschlag


78

Schematische Darstellung des räumlichen Konzepts

Bestimme Dein Lieblingswerk und Dein Hasswerk in diesem Raum.

Fotografiere ein Werk und vergleiche es mit jedem weiteren Kunstwerk, dass Du betrachtest.

Schau Dir die gesamte Ausstellung nur durch einen kleinen Handspiegel an.

Nimm Dir 5 Minuten Zeit für ein einzelnes Kunstwerk.

Zusammenhangsloser Podcast

Stell Positionen von dargestellten Figuren nach.


79

Erfinde eine eigene Audiospur zu einem Kunstwerk.

Folge einer Person und schau Dir nur die Werke an, vor denen die Person stehen bleibt.

Platziere diese Reproduktion selber irgendwo im Raum.

Zeichne anstatt zu Denken. Leg Dich auf den Boden und betrachte ein Werk aus dieser Perspektive.



Teil 3

Fazit


82

Reflexion

Fazit  Reflexion  Experiment

Experiment In meiner täglichen Routine zwischen Museumsbesuch, Dokumentation und Tagebuchreflexion hat etwas die Zeit gefehlt, Gedankengängen nachzugehen und sie theoretisch zu reflektieren. Umso konsequenter haben sich diese Gedankengänge in den folgenden Museumsbesuchen weiterentwickelt. Allgemein hatte ich während des Experimentierens das Gefühl, viel zu viele Gedanken im Kopf und viel zu wenig Zeit dafür zu haben, mich ihnen zu widmen. Das Thema der räumlichen Atmosphäre zum Beispiel hat es in keine meiner drei Handlungsfeld-Reflexionen geschafft, obschon sie ein Element ist, welches mir während des gesamten Experiments als extrem zentral erschien. Genau gesehen macht es Sinn, dass ich sie in meinen tendenziell sehr konkreten Beobachtungen nicht thematisiere. Denn obschon Atmosphären in einem architektonischen Kontext von grösster Relevanz sind, gelten sie, so Gernot Böhme in Architektur und Atmosphäre, in der wissenschaftlichen Untersuchung als «nicht wirklich existierende Entitäten».68 Elisabeth Blum definiert in ihrem Band zur Atmosphäre den Begriff als «Gärungsprozess an der Kontaktzone zwischen Mensch und Subjekt»69 , Böhme wählt den Ausdruck der Gefühlsmacht.70 In ihrer räumlichen und gedanklichen Komplexität wirken Athmosphären praktisch und beständig auf unser Empfinden ein.71 Ihr Wirkungsort, so wurde wahrscheinlich bereits deutlich, ist irgendwo inmitten von räumlicher Wahrnehmung und raumkonstituierender Prozesse. Es verwundert also nicht, dass ich mich auch von Atmosphären stark beeinflusst fühle, sie aber lediglich in ihrer Unschärfe benenne. Sehr deutlich wird der Einfluss der räumlichen Atmosphäre an Tag 21 meines Experiments. Mit dem Fokus auf die Veränderungen meiner räumlichen Wahrnehmung, die ich im Unterschied zu Tag 1 benennen kann, bewege ich mich von Raum zu Raum. Es zeigt sich, dass die Raumatmosphäre immer noch stark in meiner Interaktion mit den Kunstwerken mitschwingt. Ich nehme hauptsächlich Werke positiv wahr, die sich in von mir als atmosphärisch angenehm empfundenen Räumen befinden. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass sich meine anfängliche Einstellung zu den einzelnen Räumen im Verlauf der 21 Tage kaum verändert hat. Obschon ich das Gefühl habe, mich im Museum allgemein wohler zu fühlen, halte ich mich mit Vorliebe in den Räumen auf, die ich bereits zu Beginn als angenehm empfunden habe. Bezogen auf die Kunstwerke realisierte ich bereits

68 Böhme 2006, 19. | 69 Blum 2010, 13. | 70 Böhme 2006, 19. | 71 Vgl. Böhme und Blum.


83

früh im Prozess, dass jene Werke, mit denen ich mich in irgendeiner Form länger beschäftigt habe, insbesondere aber auch über die ich Gespräche mit anderen Personen geführt habe, bei mir tendenziell am meisten auslösen. Ich frage mich deshalb, ob es die Werke sind, die zu mir sprechen, oder die Erinnerungen, die ich mittlerweile mit ihnen verbinde. Wenn wir, wie Eva Sturm dies tut72 , davon ausgehen, dass wir auch sprechend zu Wissen kommen und Wissen produzieren, das wir vorher nicht hatten, dann wäre es wohl eine Kombination aus Erinnerung und Werk. Im Moment des Sprechens, insbesondere über Kunst, wird das Werk zum Indikator eines innerlichen Prozesses.73 Subjektive Empfindungen verbinden sich mit der eigenen Wahrnehmung und mit dem eigenen Vorwissen und werden während des Sprechens präzisiert und verarbeitet. Im Dialog tritt das Ausgesprochene in Resonanz mit dem inneren Prozess des Gegenübers, und muss dadurch auch dialogisch reflektiert werden. Dieses neue Wissen bleibt mir auch im Alleingang in Erinnerung. Als letzter und im Rahmen dieser Arbeit wahrscheinlich anschlussfähigster Gedanke ist die enorme Diskrepanz zwischen Denk- und Handlungsraum, die mich während des gesamten Experimentes beschäftigt hat, zu erwähnen. In meinem Tagebuch wird dieser Zustand mit folgender Beschreibung verdeutlicht:

72 Vgl. Sturm 2010 | 73 Sturm 2010.

Fazit  Reflexion  Experiment

«Meinen Körper empfinde ich oft als verkrampft, angespannt, beherrscht, während meine Gedanken jeweils sehr frei und assoziativ kreisen.»


84 Fazit  Reflexion  Methode

Methode Im Rahmen dieser Arbeit konnte ich unglaublich viel über mich selber in Erfahrung bringen und auch viele theoretische Konzepte, die seit geraumer Zeit in meinem Kopf rumschwirren, über einen praktischen Zugang für mich konkretisieren. Beschaffenheit, Bedeutung und Möglichkeiten des Museumsraumes sind für mich dadurch fassbarer geworden. Insbesondere die Erfahrungs- und Beobachtungsebene und die stetige Auseinandersetzung - mit mir selber, dem physischen Raum und meiner theoretischen Vorstellung/Erwartung an den Raum - waren für mich aufschlussreich. Die systematische Ebene der Dokumentation, also das Tracken von Bewegung im Raum, hat mir aufgrund technischer Schwierigkeiten wenig geholfen.74 Ein Abgleich der damit beabsichtigten passiven Dokumentation mit meiner aktiven Dokumentation hätte wohl auch den Rahmen meiner Untersuchung gesprengt. Für eine vertiefte Auseinandersetzung wäre diese Gegenüberstellung sicherlich sehr spannend. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass, um Bewegungsmuster und zeitliche Komponenten zu untersuchen, Videoaufnahmen besser geeignet wären als das Tracking. Die Arbeitsweise mit den Grundrissen der Museumsräumen, die für mich logisch erfolgt, hat mir partiell aber trotzdem einen Einblick in das Zusammenspiel zwischen Bewegung und Raum geben können. Als Methode gefällt mir die prozessuale, stark reflexive Arbeitsweise der evokativen Autoethnografie sehr. Die autoethnografische Herangehensweise hat mir im Rahmen dieser Arbeit sehr geholfen, ein Bewusstsein für meine eigene Positionierung zu finden. Ob die Arbeit bei den Rezipient*innen zum Schluss auch die gewünschte Reflexion des eigenen Museumshabitus bewirken kann, bleibt abzuwarten. Diesen Prozess der Rezeption wiederum bewusst zu überprüfen und weiterführend erneut in meine Arbeit aufzunehmen und zu verarbeiten wäre sicherlich eine sehr spannende Fortführung des Prozesses. Ebenfalls würde ich das Beforschen des Museumsraumes auch unbedingt relativieren. Die starke Fokussierung auf mich persönlich als Subjekt und auch auf ein einzelnes exemplarisches Museum verstehe ich als «Startpunkt» einer Auseinandersetzung mit anderen Museen und für andere Personen.

74 D as GPS konnte mich im Raum jeweils schlecht verorten und liefert daher keine aussagekräftigen Daten.


85

Analysen zum Museum lassen sich nicht nur in den unterschiedlichsten Disziplinen antreffen, sondern widmen sich jeweils auch ganz unterschiedlichen Fragestellungen. In der Entscheidungsphase, welcher Fokus gesetzt wird - vielleicht kann hier auch von einer Verwissenschaftlichung gesprochen werden - wird das grosse Ganze oftmals ausgeklammert. Ein anschauliches Beispiel für diese Problematik stellen die vielfältigen Zugänge zur Besucher*innenforschung dar. Ähnlich verhält es sich mit dem Zugang über die Vermittlung. So schreibt Tyradellis, dass sich die Vermittlungsbemühungen seit der Jahrtausendwende zwar vervielfacht hätten, sich das Medium der Ausstellung aber kaum gewandelt hat.75 Durch die Konzentration auf einen spezifischen Aspekt der Vermittlung wurden also andere zentrale Elemente wie etwa ausgestellte Inhalte und räumliche Gestaltung vergessen. Noch tiefer liegend und vergessener als die wandelbare Innenraumgestaltung ist die Wirkung der Architektur. Gerade hinsichtlich der Strukturierung des sozialen Handelns gewinnt sie erst seit kurzem an expliziter Relevanz. Dies verdeutlicht sich mit der jüngsten Begründung der Architektursoziologie als eigene Disziplin, die sich in ihrer Selbstständigkeit erst noch beweisen muss.76 Obschon Raum und Gesellschaft ganz klar in einer Wechselwirkung zueinander stehen, scheint deren Manifestierung in der gebauten Architektur in soziologischen Raumtheorien oftmals vergessen zu werden. Natürlich kann auch ich keine Lösungsansätze für alle diese Problematiken liefern. Das Museum aber, so scheint es mir, stellt eine ideale Schnittstelle, nicht nur zwischen Theorie und Praxis, sondern auch für disziplinübergreifende Forschungsfragen, dar. Denn auch die Frage des Museums der Zukunft77 , wie sie so oft gestellt wird, kann meiner Meinung nach nicht ohne ein tiefgreifendes theoretisch-praktisch fundiertes Verständnis für das Museum als Raum beantwortet bzw. gar nicht erst sinnvoll gestellt werden. Obwohl ich mich dem Museum im Rahmen dieser Arbeit über einen tendenziell breiten theoretischen Zugang angenähert habe, konnte ich mich zeitlich nicht vertieft in sämtliche Disziplinen und bereits existierende Ansätze einarbeiten. Eine Ausführung die das Museum mit einem ähnlichen Fokus wie ich untersucht und die ich an dieser Stelle daher explizit erwähnen möchte, ist die Publikation Die Ausstellung verhandeln von Luise Reitstätter. In ihrer Auseinandersetzung mit der Ausstellung als «sozial umkämpfter Raum»78 verortet

75 Tyradellis 2014, 85. | 76 Delitz/Fischer 2009, 10. | 77 Vgl. Schnittpunkt/Baur 2021 78 Reitstätter 2015, 8.

Fazit  Kontextualisierung und Relevanz

Kontextualisierung und Relevanz


86 Fazit  Kontextualisierung und Relevanz

sie sich methodisch im Kontext der interpretativen Sozialforschung.79 Am Beispiel von drei verschiedenen Kunstinstitutionen und mit Erhebungsmethoden der Artefaktanalyse, der teilnehmenden Beobachtung und dem Interview, nähert sie sich über einen interdisziplinären Forschungsschwerpunkt dem Ausstellungsraum an. Sowohl meine Handlungsfelder als auch meine Erkenntnisse könnten direkt an dieser Publikation angegliedert sein. Ich bin (leider) erst nach der Durchführung meines Experiments und auch nach meiner theoretischen Auseinandersetzung darauf gestossen. Leider setze ich in Klammern, weil ich meine Resultate in Anbetracht dieser Publikation auf eine Weise nachträglich überprüfen konnte. Trotz ihrer sehr viel konkreteren und wissenschaftlicheren Herangehensweise, kommt sie betreffend zentraler Faktoren der Ausstellungserfahrung zu vergleichbaren Ergebnissen wie ich. So thematisiert sie die Ausstellung entlang des Handelns, der Architektur, des Körpers und des Sozialen und streift damit diverse Aspekte und Phänomene, die auch ich in meiner Arbeit als bedeutend beschrieben habe. Das scheint mir nicht gerade als hinreichende Legitimation, aber doch als starker Indikator dafür zu stehen, dass eben auch aus einer sehr subjektiven Perspektive für vertiefte Auseinandersetzung geeignete Resultate hervorgehen können. Abschliessend möchte ich noch anmerken, dass ein Verständnis für das Museum als Raum und die damit implizierten Bedingungen insbesondere auch im Kontext der Digitalisierung relevant sind. Aktuell wird in digitalen Angeboten dazu tendiert, räumliche Prinzipien und Darstellungsweisen des physisch gebauten Raumes zu simulieren, anstelle sie im Kontext des digitalen Raumes neu zu denken.80 Um die damit weitergeführte Reproduktion bestehender Strukturen zu durchbrechen, bedarf es in der Ausstellungskonzipierung, der Ausstellungsgestaltung wie auch in der Vermittlung eines beständigen Austauschs und der Einsicht in die Notwendigkeit kontinuierlichen Hinterfragens der Ziele und Anforderungen an Ausstellungen und Museen und kritischen Auseinandersetzung mit deren (versteckten) Normen.

79 Reitstätter 2015, 12. | 80 Boast 2021, 82.


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Quellen

Literatur Beer 2003 Bettina Beer, Methoden und Techniken der Feldforschung, Berlin: Reimer Verlag, 2003. Blum 2010 Elisabeth Blum, Atmosphäre : Hypothesen zum Prozess der räumlichen Wahrnehmung, Baden, Lars Müller Publishers, 2010. Boast 2021 Robin Boast, «Future, what Future?», in: Schnittpunkt, Joachim Bauer (Hrsg.), Das Museum der Zukunft. 43 neue Beiträge zur Diskussion über die Zukunft des Museums, Bielefeld: transcript-Verlag, 2021, S. 151-154. Böhme 2006 Gernot Böhme, Architektur und Atmosphäre, München: Fink, 2006. Bonz/Eisch-Angus/Hamm/Sülze 2017 Jochen Bonz, Katharina Eisch-Angus, Marion Hamm und Almut Sülze (Hrsg.), Ethnografie und Deutung. Gruppensupervision als Methode reflexiven Forschens, Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiedbaden GmbH, 2017. Bourdieu 1976 Pierre Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1976. Bourdieu 1987 Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987. Bourdieu 2001 Pierre Bourdieu, Mediationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001. Büchel 2021 Julia Büchel, Repräsentation – Partizipation – Zugänglichkeit. Theorie und Praxis gesellschaftlicher Einbindung in Museen und Ausstellungen, Bielefeld: transcript Verlag, 2021. Dangschat 2009 Jens S. Dangschat, «Symbolische Macht und Habitus des Ortes. Die ›Architektur der Gesellschaft‹ aus Sicht der Theorie(n) sozialer Ungleichheit von Pierre Bourdieu», in: Heike Delitz und Joachim Fischer, Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld: transcript-Verlag, 2009, S. 311 – 341. Dünne/Günzel 2018 Jörg Dünne und Stephan Günzel (Hrsg.), Raumtheorie. Grundlagetexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, 9. Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2018 (Erstauflage 2006).

Quellen  Literatur

Giddens 1988 Anthony Giddens, Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung, Frankfurt am Main: Campus Verlag, 1988. Delitz/Fischer 2009 Heike Delitz und Joachim Fischer, Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld: transcript-Verlag, 2009. Jannelli 2021 Angela Jannelli, «Museum und Gefühle», in: Schnittpunkt, Joachim Bauer (Hrsg.), Das Museum der Zukunft. 43 neue Beiträge zur Diskussion über die Zukunft des Museums, Bielefeld: transcript-Verlag, 2021, S. 151-154.


89 Kammler/Parr/Schneider 2008 Clemens Kammler, Rolf Parr und Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.), Foucault Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 2008. Kirchberg 2016 Volker Kirchberg, «Soziologische Forschung zu den gesellschaftlichen Herausforderungen an Museen», in: Beatrix Commandeur, Hannelore Kunz-Otte und Karin Schad (Hrsg.), Handbuch Museumspädagogik. Kulturelle Bildung in Museen, München: kopaed Verlag, 2016, S. 125-134. Knoblauch 2001 Hubert Knoblauch, «Fokussierte Ethnographie: Soziologie, Ethnologie und die neue Welle der Ethnographie», in: Sozialer Sinn, 2/1, 2001, S. 123-141. Löw 2009 Martina Löw, «Die ›Architektur der Gesellschaft‹ aus strukturierungstheoretischer Perspektive» in: Heike Delitz und Joachim Fischer, Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld: transcript-Verlag, 2009, S. 343 – 364. Löw 2012 Martina Löw, Raumsoziologie, 7. Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2012, (Erstauflage 2001). Morselli 2007 Paolo G. Morselli, Maxwell Maltz, Psychocybernetic Plastic Surgeon, and Personal Reflections on Dysmorphopathology, Heidelberg: Springer Science + Business Media, 2007. O’Doherty 1986 Brian O’Doherty, Inside the White Cube. The Ideology of the Gallery Space, San Francisco: The Lapis Press, 1986 (Erstauflage 1976). Reitstätter 2015 Luise Reitstätter, Die Ausstellung verhandeln. Von Interaktionen im musealen Raum. 1. Aufl. Bielefeld: transcript Verlag, 2015. Royo/Sánchez/Blanco 2013 Victoria Pérez Royo, Jose A. Sánchez und Cristina Blanco, «In-definitions. Forschung in den performativen Künsten», in: Sybille Peters (Hrsg.), Das Forschen aller. Artistic Research als Wissensproduktion zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft, Bielefeld: transcript-Verlag, 2013. Sandler 2009 Irving Sandler, Abstract Expressionism and the American Experience: A Reevaluation, Lenox (Mass.): Hard Press Editions, 2009. Schnittpunkt/Baur 2021 Schnittpunkt, Joachim Bauer (Hrsg.), Das Museum der Zukunft. 43 neue Beiträge zur Diskussion über die Zukunft des Museums, Bielefeld: transcript-Verlag, 2021. Schönewald 2021 Sarah Schönewald, Kunst auf Sendung, Bielefeld: transcript-Verlag, 2021.

Senne/Hesse 2019 Stefan Senne und Alexander Hesse, Genealogie der Selbstführung, Bielefeld: transcript-Verlag, 2019.

Quellen  Literatur

Schwingel 2009 Markus Schwingel, Pierre Bourdieu. Zur Einführung, 6., ergänzte Auflage, Hamburg: Junius Verlag GmbH 2009 (Erstauflage 1995).


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Sturm 1996 Eva Sturm, Im Engpass der Worte. Sprechen über moderne und zeitgenössische Kunst, Berlin: Reimer, 1996. Sturm 2010 Eva Sturm, «Wie man anlässlich von Kunst sprechend zu Wissen kommen kann. Und was das mit Kunstvermittlung zu tun hat.» in: Kunstportal, Didaktisches Forum November 2010. Tyradellis 2014 Daniel Tyradellis, Müde Museen. Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten, Hamburg: Edition Körber-Stiftung, 2014. Villa 2008 Paula-Irene Villa, «Körper», in: Nina Baur, Hermann Korte, Martina Löw und Markus Schroer (Hrsg.), Handbuch Soziologie, Wiesbaden: GWV Fachverlage GmbH, 2008, S. 201-218. Vom Lehn 2006 Dirk vom Lehn, «Die Kunst der Kunstbetrachtung: Aspekte einer pragmatischen Ästhetik in Kunstmuseen», in: Soziale Welt, 57/1, 2006, S. 83-99. Wolf 2018 Julian Wolf, Netzwerkpraxis im Krankenhaussektor. Eine Analyse der subtilen Beziehungsdynamiken, Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, 2018. Zahner 2014 Nina Tessa Zahner, «Das Laienpublikum als Herausforderung für die Feldanalyse», in: Dagmar Danko, Olivier Moeschler, Florian Schumacher (Hrsg.), Kunst und Öffentlichkeit. Perspektiven der Kunstsoziologie II. Reihe “Kunst und Gesellschaft”, Wiesbaden: Springer VS, 2014, S. 187-210.

Internetquellen Kunstmuseum Bern https://www.kunstmuseumbern.ch/de/service/ueber-uns/organisation_0/ geschichte_0-2218.html (18.05.2021) Atelier 5 https://atelier5.ch/arbeiten/1983-kunstmuseum-bern (18.06.2021)

Bildnachweise Anmerkung: Die verwendeten Aufnahmen der Kunstwerke habe ich vor Ort fotografiert. Alle abgebildeten Werke waren im Rahmen der Sammlungsausstellung 02.03.2021–24.10.2021 des Kunstmuseums Bern ausgestellt. Eine Werkliste des Kunstmuseums Bern mit sämtlichen Werkangaben kann zusätzlich eingesehen werden. (Online bereitgestellt vom Kunstmuseum Bern, Zugriff 25.03.2021). Als Bildnachweise spezifiziert werden nur Werke, die explizit der alleinige Fokus einer Fotografie darstellen. Plangrundlage (adaptiert und weiterverarbeitet) Dokument: Zukunft Kunstmuseum Bern. Entscheidungsdossier mit drei Lösungskonzepten. Dachstiftung KMB-ZPK, 2019.

Quellen  Literatur

Abbildung 1 Eingang Kunstmuseum Bern https://www.bern.com/de/detail/kunstmuseum-bern (02.06.2021) Abbildung 2 Zentrale Halle Neubau Kunstmuseum Bern 1983 https://www.kunstmuseumbern.ch/de/service/ueber-uns/organisation_0/ geschichte_0-2218.html (02.06.2021) Abbildungen 3–10 Darstellungen, Fotografien und Zeichnungen aus dokumentierten Materialien. Abbildung 11 Sichtbares Werk: Ferdinand Hodler, Bildnis Louise Jacques (?) (Mädchen mit Mohn-


91 blume), um 1892, Öl auf Leinwand, 65 x 40 cm. Abbildung 12–15 Darstellungen, Fotografien und Zeichnungen aus dokumentierten Materialien. Abbildung 16 Sichtbares Werk: Ferdinand Hodler, Thunersee mit Stockhornkette im Winter, 1912, Öl auf Leinwand, 65,5 x 88,0 cm, Kunstmuseum Bern. Abbildung 17–31 Darstellungen, Fotografien und Zeichnungen aus dokumentierten Materialien. Abbildung 32 Im Cluster abgebildete Werke (von links nach rechts): Edouard Manet, Une allée du jardin à Rueil, 1882, Öl auf Leinwand, 82 x 65 cm. Vincent van Gogh, Le Café de nuit à Arles, 1888, Gouache auf Papier, 44,4 x 63,2 cm. Cuno Amiet, Damenporträt (Rosi), 1894, Öl auf Leinwand, 134,5 x 110,5 cm. Félix Vallotton, La Blanche et la Noire, 1913, Öl auf Leinwand, 114 x 147 cm. Lucio Fontana, Concetto Spaziale, 1965, Tempera auf Leinwand, 145,7 x 114,2 cm. Niklaus Manuel (Deutsch), Altar der heiligen Anna: Der hl. Eligius in der Werkstatt eines Goldschmieds, 1515, Mischtechnik auf Fichtenholz, 120,5 x 83,3 cm. Cuno Amiet, Garten, 1913, Öl auf Leinwand, 115,5 x 103,5 cm. Gustave Courbet, Dorfmädchen mit Ziege, 1860, Öl auf Leinwand, doubliert, 73.3 x 60.3 cm. Cuno Amiet, Ruth Kaiser. Mädchenbildnis, 1906, Öl auf Leinwand, 101 x 80,3 cm. Pablo Picasso, Trois personnages, 1971, 6. September, Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm. Claude Monet, La Seine près d’Argenteuil, 1874, Öl auf Leinwand, 55 x 65,2 cm. Félix Vallotton, Der Deich von Honfleur bei Sonnenuntergang, 1915, Öl auf Leinwand, 54,4 x 80,9 cm. Abbildung 33 Im Cluster abgebildete Werke (von links nach rechts): Giovanni Giacometti, Paesaggio di giugno, 1910, Öl auf Leinwand, 50,5 x 61,5 cm. Edouard Vuillard, Lesende Frau, 1917, Tempera auf Papier auf Leinwand, 106 x 55 cm.

Vincent van Gogh, Le Café de nuit à Arles, 1888, Gouache auf Papier, 44,4 x 63,2 cm. Pierre Bonnard, La carafe provençale (Marthe Bonnard et son chien Ubu), 1915, Öl auf Leinwand, 63 x 65 cm. Frank Stella, New Madrid (rot), Hampton Roads (gelb), Sabine Pass (blau), kleine Version, 1961, Alkyd auf Leinwand. Cuno Amiet, Pont-Aven, 1892, Öl auf Leinwand, 63 x 79 cm. Paul Cézanne, La Montagne Sainte-Victoire, 1897 Öl auf Leinwand, doubliert, 73 x 91.5 cm. Maria [Eleonore] Lassnig, Tod mit Ohr, 1961, Öl auf Leinwand 195 x 129.6 cm. Abbildungen 34–42 Pläne, Darstellungen, Fotografien, Zeichnungen aus dokumentierten Materialien.

Quellen  Internetquellen + Bildnachweise

Félix Vallotton, La Blanche et la Noire, 1913, Öl auf Leinwand, 114 x 147 cm.



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Anhang


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Tag 1

Beobachten

Datum: 04.04.2021

Wochentag: Sonntag

Zeit: 13:00 - 15:30

Aufenthaltsdauer: 2.5h

Tagebucheintrag Fokus: Wie bewegen sich die Besucher*inne im Raum? Bei welchen Werken bleiben Sie stehen? Gemütszustand: Motiviert und entspannt Anmerkungen: Es ist Ostersonntag und draussen ist es sonnig und 20°C Es ist Ostersonntag und ich bin gespannt, wie viele Leute heute ins Museum gehen. Zu Beginn sind nur vereinzelt Menschen in den Ausstellungsräumen anzutreffen. Gefühlt gibt es pro Besucher*in 3 Aufsichtspersonen. Im Verlaufe des Nachmittags füllt sich das Museum allmählich. Viele Leute sind es trotzdem nicht. Überraschenderweise ist in der kleinen Anzahl von Menschen eine grosse Diversität an Altersgruppen. Allein sind nur vereinzelt Personen da. Es hat viele Paare die sich die Sammlung anschauen, vereinzelt auch Familien. Die Atmosphäre ist entspannt, die Räume sind sehr ruhig. Weil seltener andere Menschen ein Werk blockieren, bewegen sich die Leute sehr frei. Der Eindruck, dass die meisten Besucher*innen sich bemühen, alle Räume durchlaufen zu haben, bestätigt sich mit unkonzentrierten Rundläufen bei denen jedes Werk nicht länger als 20 Sekunden angeschaut wird. Es braucht schon einen grossen Namen, ein bekanntes Motiv oder knallige Farben, damit die bereits etwas ermüdeten Besucher*innen einen Moment stehen bleiben. Die, die gerade erst gekommen sind, diskutieren noch motiviert vor jedem einzelnen Bild. Eine Person rast in einem wahnsinnns Tempo durch den Raum macht dabei aber von jedem einzelnen Werk ein Foto. Vielleicht wird sie sich die Werke tatsächlich zu einem späteren Zeitpunkt noch anschauen, ich bezweifle es. Als ob ihr das ein Gefühl von «ich hab alles gesehen» und die Bilder für die ich keine Energie mehr hatte, die habe ich fotografisch dokumentiert. Als hätte man das Museum nur erlebt, wenn man alles gesehen hat. Ähnlich geht es mir in meiner Beobachtung. Kann ich die Bewegungsabläufe aller Menschen die an mir vorbeilaufen festhalten? Nein - aber wer wird das später wissen ausser mir?

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

Reflexion Es fält mir schwer die Kunst um mich herum zu ignorieren und mich nur auf die Menschen zu konzentrieren. Das fühlt sich irgendwie falsch an. Während ich mir die Werke, vor denen die Besucher*innen länger stehen geblieben sind notiere, überlege ich mir was sie in den Werken gesehen haben, was in ihren Köpfen vorgegangen ist. Interessieren Sie sich für das Motiv? Die Farben? Den Duktus? Welche Gedanken machen Sie sich? Für was interessiere ich mich? Was lässt mich ein Werk länger betrachten? Komische Kompositionen, zweideutige Motive, vertraute Wohnzimmerstimmungen, bewegter Farbauftrag.. Am wohlsten fühle ich mich im grossen Raum im Obergeschoss, am unwohlsten im grossen Raum im Erdgeschoss. Fragen: Welche Erfahrungen streben Besucher*innen an, wenn Sie sicherstellen, dass Sie alle Werke registriert aber nicht betrachtet haben? Mit welcher Grundmotivation besuchen sie das Museum? Was haben die Bilder dem Museum zu leid getan, die eingequetscht in den Ecken hängen? Anmerkungen: - Beobachtungsauftrag spezifischer und fokussierter anlegen - erst ab 14:00 planen (mehr Besucher*innen)


So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

Tracking Tag 1

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96

Person Nr.: 1

Geschlecht*: m

Alter: 30-40 J

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo: Zügig, nimmt sich Zeit für Werkbetrachtung Bleibt stehen vor: Eduard Manet, Stillleben mit Weinglas und ... Gustave Courebt, Winterlandschaft Gustave Courbet, Frauenportrait

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

Bewegung im Raum:

4

Raum Nr.: 4

Allein x In Begleitung


97

Person Nr.: 1

Geschlecht*: m

Raum Nr.: 3

Alter: 30-40 J

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein x

Zügig, nimmt sich Zeit für Werkbetrachtung

In Begleitung

Bleibt stehen vor: Pierre Bonnard, Figure à la lampe Pierre Bonnard, La Famille Claude Terrasse, Henri de Toulouse-Lautrec, Femme rousse Auguste Rodin, Kauernde Paul Gauguin, Im Garten Eduard Manet, Une allée du jardin à Rueil, Paul Cézanne, Portrait de l’artiste au chapeau à large bord

3

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

Bewegung im Raum:


98

Person Nr.: 1

Geschlecht*: m

Raum Nr.: 16

Alter: 30-40 J

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein x

Zügig, nimmt sich Zeit für Werkbetrachtung

In Begleitung

Bleibt stehen vor: Bridget Riley Mark Rothko Lee Krasner Jackson Pollock (übersprungen weil “besetzt”) Frank Stella

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

Bewegung im Raum:

16


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Person Nr.: 2

Geschlecht*: w + m

Alter: 25-30 J

Raum Nr.: 8

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein In Begleitung x

Schlendernd, nur Werke mit Audioguide Bleibt stehen vor: Arnold Böcklin, Frühlingstag Arnold Böcklin, Meeresstille

Bewegung im Raum:

8

VECTORWORKS EDUCATIONAL VERSION

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

VECTORWORKS EDUCATIONAL VERSION


100

Person Nr.: 2

Geschlecht*: w + m

Alter: 25-30 J

Raum Nr.: 16

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein

Schlendernd, nur Werke mit Audioguide

In Begleitung x

Bleibt stehen vor: Frank Stella (Foto)

Bewegung im Raum:

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

16


101

Person Nr.: 3

Geschlecht*: m

Alter: 25-30 J

Raum Nr.: 16

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein x

gemässigtes Tempo, gemütlich

In Begleitung

Bleibt stehen vor: Frank Stella Lee Krasner Jackson Pollock Bridget Riley (sehr lange)

Bewegung im Raum:

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

16


102

Person Nr.: 4

Geschlecht*: m + w

Alter: 20-25 J

Raum Nr.: 16

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein

gemässigtes Tempo, schlendernd

In Begleitung x

Bleibt stehen vor: Lucio Fontana Lee Krasner

Bewegung im Raum:

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

16


103

Person Nr.: 4

Geschlecht*: m + w

Alter: 20-25 J

Raum Nr.: 12

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein

gemässigtes Tempo, schlendernd

In Begleitung x

Bleibt stehen vor: Chaim Soutine, Paysage de Cagnes Marc Chagall, Dédié à ma fiancée Johannes Itten, Ländliches Fest Robert Delaunay, Formes circulaires, soleil no 3

Bewegung im Raum:

12

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So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

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104

Person Nr.: 5

Geschlecht*: m + w

Alter: 25-30 J

Raum Nr.: 3

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein

schmusend, sehr aufeinander fokussiert

In Begleitung x

Bleibt stehen vor: Félix Vallotton, Modèle assis sur le divan de l’atelier Paul Cézanne, La Montagne Sainte-Victoire Vincent van Gogh, Le semeur Pierre Bonnard, Effet de glace ou Le tub Pierre Bonnard, La carafe provençale Gustav Klimt, Helene Klimt

Bewegung im Raum:

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

3


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Person Nr.: 6

Geschlecht*: w

Alter: 25-30 J

Raum Nr.: 3

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein

eher zügig, locker

In Begleitung x

Bleibt stehen vor: Gustav Klimt, Helene Klimt Félix Vallotton, La Lecture Félix Vallotton, Modèle assis sur le divan de l’atelier Pierre Bonnard, La carafe provençale Paul Cézanne, La Montagne Sainte-Victoire Paul Cézanne, Château des environs de Paris Edgar Degas, Avant la course

Bewegung im Raum:

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

3


106

Person Nr.: 6

Geschlecht*: w

Alter: 25-30 J

Raum Nr.: 8

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ) Tempo:

Allein

eher zügig, locker

In Begleitung x

Bleibt stehen vor: Léo-Paul-Samuel Robert, Echo

Bewegung im Raum:

VECTORWORKS EDUCATIONAL VERSION

So, 04.04.2021  Tag 1  Beobachten

8

VECTORWORKS EDUCATIONAL VERSION


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Tag 2

Reflektieren

Datum: 05.04.2021

Wochentag: Montag

Zeit: -

Aufenthaltsdauer: -

Es ist hier sicher eine Notiz wert, dass ich mir für meine tägliche Lektüre das Kapitel «Museumskritik» in Anke te Heesens «Theorien des Museums» ausgesucht habe. Ich lasse das mal so stehen.

Mo, 05.04.2021  Tag 2  Reflektieren

Tagebucheintrag


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Tag 3 Sein

Datum: 06.04.2021

Wochentag: Dienstag

Zeit: 18:30 - 20:30

Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: Wie fühle ich mich im Raum? Wie fühlt sich mein Körper an? Gemütszustand: unwohl und verstimmt Anmerkungen: Als erstes zieht es mich sofort in den Raum in dem ich mich bis anhin am wohlsten gefühlt habe. Der Raum fühlt sich vertraut an und es hat einzelne Besucher*innen. Sehr bewusst darauf achtend, wo ich meinen heutigen Besuch starte, knüpfe ich an einem Bild an, dass mich bereits beim letzten Besuch länger beschäftigt hat. Es ist ein schönes Gefühl mich nicht auf die anderen Menschen zu konzentrieren, sondern meine Wahrnehmung von mir selber im Raum zu reflektieren. Die Zeit vergeht schnell, während ich mich mit dem Werk befasse. Schon nach kurzer Zeit bin ich ganz alleine in dem Raum. Die Aufsicht hat mich zur Kenntnis genommen, versucht ab und zu einen Blick in meine Notizen zu werfen, lässt mich aber bald auch für mich sein. Ich fühle mich wohl, ich mag den Raum im Obergeschoss. Die kleinen Seitenräume interessieren mich weniger. Ich breche auf ins EG. Den exakt gleich geschnittenen Raum im wie ein Stockwerk darüber, empfinde ich hier als sehr unangenehm. Die Räume unterscheiden sich formal lediglich durch die Wandfarbe und die fehlenden Oblichter. Die Kunst ist natürlich eine andere. Die Stimmung passt zu den grossformatigen, erdrückenden Hodler Malereien. Auch hier meide ich die Seitenräume, den einen ganz bewusst, der andere sagt mir persönlich weniger zu. Ich begebe mich nun in das Untergeschoss. Mittlerweile bin ich alleine im Museum. Ich schlendere durch die Räume, in den beiden letzten Räume verweile ich. Das Licht ist hier ein warmes, die Atmosphäre ist allerdings eine komische. Mit den niedrigen Decken fühlt sich der hinterste Raum ein wenig wie ein unbenutztes Wohnzimmer an. Ohne Sitzgelegenheit werde ich weniger eingeladen zu verweilen. Ist das Absicht? Beim Gang zurück realisiere ich wie stark das Licht die Atmosphäre der beiden hintersten Räume verändert. Warm und einladend im Gegensatz zu kalt und steril. Reflexion Bereits heute fühle ich mich mutiger, wohler. Ich habe das Gefühl die Aufsichten beobachten mich bereits weniger stark als noch am Sonntag. Mir fällt stark auf wie unterschiedlich die Atmosphären in den Räumen sind. Sie sind teilweise gut vergleichbar, weil sich die wiederholende Raumaufteilungen sehr direkt nebeneinander stellen lassen. Es nimmt mich wunder ob es nur die Räume sind die mich die Atmosphären so unterschiedlich wahrnehmen lassen oder ob die Kunstwerke auf den Raum ausstrahlen. Fragen: Was prägt mein unterschiedliches Wohlbefinden stärker, der Raum oder die Kunst?

Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

Anmerkungen: - An Tag 3 aktiv etwas machen, sonst verliere ich mich zu sehr in Gedanken - Sehr angenehm Abends im Museum zu sein


Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

Tracking Tag 3

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112 Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

Zweideutigkeit: Störende Diskrepanz zwischen dem was dargestellt sein soll (Betitelt) und dem was wahrgenommen wird.


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Räumlichkeit in zweidimensionalem Raum: Welche Räume eröffnen sich in den einzelnen Werken? Welche Durchbrechung des physischen Ausstellungsraumes hat dies zur Folge? Wie sähe so ein erweiterter Raum aus?

Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

Verlust der Relativität Eröffnet neue Imaginationsräume der räumlichen Verortung


Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

Überwachung

Verkrampfung

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Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

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I dare you!


Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

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117 Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

Privat oder öffentlich? Ambivalenz zwischen Wohnraum und Ausstellungsraum ≥ Die Lichtstimmung macht unglaublich viel aus


Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

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Auflösung des absoluten Raumes

Di, 06.04.2021  Tag 3  Sein

Wiederkehrende Themen Räume in Räumen: Erweiterungen, Auflösung, Heterotopie


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Tag 4

Folgen

Datum: 07.04.2021

Wochentag: Mittwoch

Zeit: 14:30 - 16:50

Aufenthaltsdauer: 2h20

Tagebucheintrag Fokus: Geführt vom Audioguide Gemütszustand: müde, etwas gestresst da ich die Zeit vergessen habe Anmerkungen: Es ist Museumswetter! (Kalt und grau) Mit mir tummeln sich eine Menge Menschen im Museumseingang. Alt, jungt, Einzelpersonen, Familien, Paare.. Es war wohl ein Irrtum, dass ich das Gefühl hatte die Menschen besuchen Sonntags die Museen. Heute lasse ich mich fremdbestimmen. Heute denke ich nicht, sondern lasse mich von dem Audioguide führen. Durch den Audioguide bin ich sehr zielgerichtet unterwegs. Werke die keine Audispur haben beachte ich kaum, den Raum schon gar nicht. Man findet sich schnell fokussiert vor einem Werk wenn einem darüber etwas erzählt wird, bereits nach Anker, Böcklin, Hodler und Rothko bin ich gelangweilt. Teilweise weil beschrieben wird, was ich sowieso sehe kann, teilweise weil es sich um die immer gleiche, kanonisierte Lobeshymne handelt. Klar, ich habe das alles bestimmt schon ein Duzend mal gehört, deshalb fühlt es sich vielleicht etwas repetitiv für mich an. Ich denke mir, etwas kritischere Kommentare wären vielleicht auch spannend. Wenn ich dann nicht nur erfahren würde, wie die Maler*innen gemalt haben (das kann ich grösstenteils auch selber sehen) sondern etwas über die Zeit in der sie gemalt haben, oder über die Positionen die Ihnen entgegneten, vielleicht eine dramatische Auseinandersetzung mit einem/einer anderen Künstler*in oder eine Alltags-Anekdote. Für mich sind die Audioguides nichts.. Der spannendste Moment heute war, als ich eine falsche Nr. getippt habe und mir die Erzählstimme von einem Werk zu erzählen begann, welches ich nicht vor mir sah, oder doch? - nein, oder? Einen Moment lang glaubte ich daran, einfach etwas ganz anderes zu sehen als die Erzählerin. Als ich mir sicher bin, einen Fehler getippt zu haben verfalle ich sofort in ein räumliches Denken bei dem ich die unendlichen Museumsräume - das heisst auch die abgeschlossenen Räume, die tiefer liegenden Räume, die unsichtbaren Räume - gedanklich nach dem Bild absuche. Es ist ein spannender Fantasieraum, der sich aus «realen» und imaginären Räumen konstituiert, trotzdem aber sehr fassbar bleibt, weil er sich anhand meines eigenen Körpers physisch mit dem Museumsraum verbindet.

Mi, 07.04.2021  Tag 4  Folgen

Reflexion Mir fehlt die Immersion. Ich hatte mal einen Audioguide, der nur ein wirres Gespräch war. Das war unheimlich unterhaltsam und interessant. Trotzdem wurden die kunsthistorischen «Fakten» vermittelt, allerdings in einem freieren Rahmen als die einer 2einhalbminütigen Idealisierung des Künstlers und einer Beschreibung von dem was wohl die allermeisten Besucher*innen auch selber sehen könnten. Am interessantesten waren die unbeabsichtigten Synergien von Erzählung und Bild, die über die falschen Tonspur entstanden sind. Auch spannend fand ich das Beispiel von Arnold Böcklin, Frühlingstag, bei dem das Dargestellte und die sprachliche Ebene des Titels inkongruent sind. Die Aufladung mit Bedeutung durch einen gesetzten Titel ist faszinierend. Die sprachliche Assoziations-/ Bedeutungsebene ist ein spannendes Element und kann viele Denkanstösse auslösen. Fragen: Müsste das Format des Audioguides grundsätzlich überdenkt werden? Anmerkungen: spannende Aspekte: - Interaktion Sprach- und Bildebene - Ungenutzte Bild- und Raumerfahrungen


Mi, 07.04.2021  Tag 4  Folgen

Tracking Tag 4

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Mi, 07.04.2021  Tag 4  Folgen

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Mi, 07.04.2021  Tag 4  Folgen

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Tag 5

Verfremden

Datum: 08.04.2021

Wochentag: Donnerstag

Zeit: 14:00 - 16:00

Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: Zeichnen statt schreiben Gemütszustand: müde, verkrampft Anmerkungen: Widerstand Heute zeichne ich meine Gedankengänge. Den Fokus bestimmt jeweils meine persönliche Wahrnehmung, wobei ich auch immer wieder die Wahrnehmung von mir selbst im Raum reflektiere. Von meiner Raumwahrnehmung als ganzes, zu den verkrampften Händen der Besucher*innen, über Kompositionen inspiriert von Werken zum blind zeichnen. Das Zeichnen scheint seinen Platz im Museum zu haben. 20 Minuten lang am gleichen Ort zu stehen, scheint sich sowohl für Besucher*innen als auch für Museumsaufsichten durch das Zeichnen zu legitimieren. Es fühlt sich so an, als ob Beobachtende beruhigt wäre, wenn sie sehen was ich mache. Wenn ich schreibend irgendwo sitze, wissen sie nicht, was ich schreibe. Wenn ich zeichne, scheint es allen klar, was ich da mache. Ich fühle mich unkontrollierter, in Ruhe gelassen. Das Zeichnen hat hier seine Eigenlogik. Die Zeit verstreicht unendlich langsam. Die zwei Stunden fühlen sich an, wie ein ganzer Tag. Fragen: Warum scheint den Menschen das Zeichnen im Museum logischer als das Schreiben? Kommt das nur mir so vor?

Do, 08.04.2021  Tag 5  Verfremden

Anmerkungen: Es verlangt eine andere Art der Auseinandersetzung mit einem eigenen Körperempfinden, wenn ich versuche es in eine zeichnerische Relation zu bringen. Die Schmerzen lösen sich durch das darstellen. Als ob sie sich irgendwie wahrgenommener fühlen.


Do, 08.04.2021  Tag 5  Verfremden

Tracking Tag 5

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Do, 08.04.2021  Tag 5  Verfremden

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Do, 08.04.2021  Tag 5  Verfremden

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Tag 6

Wahrnehmen

Datum: 09.04.2021

Wochentag: Freitag

Zeit: 10:00 - 12:00

Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: fotografische Blicke Gemütszustand: erschöpft, Muskelkater? Anmerkungen: Mein Körper und mein Geist sind strapaziert Heute fühle ich eine Art Muskelkater und frage mich, ob das von meiner täglichen Verkrampfung im Museum herrührt. Nichts desto trotz bin ich morgens motivierter ins Museum zu gehen als Nachmittags. Heute dokumentiere ich fotografisch, auf welche visuellen Fokussen ich mich jeweils konzentriere. Ich fotografiere teils assoziativ, teils gezielte Perspektiven. Mir fällt heute auf, dass sehr viel mehr französisch sprechende Besucher*innen anwesend sind. Natürlich habe ich nicht alle Personen reden gehört, allerdings ist mir das schon mehrfach aufgefallen, dass viele französisch Sprechende im Museum sind. Im UG vor Katharina Grosses Bild fällt mir auf, dass ich mit einem Schild am Boden daran erinnert werde, das Werk nicht zu berühren. Auch bei Riley und Stella werde ich daran erinnert. Erst jetzt realisiere ich, dass diese Warnung nur bei den Bildern anzutreffen ist, die von keiner Glasscheibe geschützt werden. Erst heute erkenne ich dadurch, dass die kleinen Alarm-Absperrungen in den oberen Stockwerken tatsächlich nur vor den Bildern stehen, die keine Glasscheibe haben. Eigentlich bedeutet das ja, dass ich die von Glas geschützten Bilder anfassen darf? Nach dem ich zwei Geschosse abgeklappert habe, werde ich im Gang von einer Aufsichtsperson angesprochen. Sie spricht mich an mit «Redet Dir dütsch?» und macht mich darauf aufmerksam, dass ich die Kamera nicht an meinem Handgelenk rumschwingen soll. Für den Fall, dass der Faden reissen würde und die Kamera dann durch den Raum geworfen wird. Ich finde es speziell, dass sie mit dieser Aufforderung gewartet hat, bis ich aus den Ausstellungsräumen ausgetreten war. Der Alltagsrassismus in der Annahme, dass ich vielleicht kein Deutsch spreche nehme ich ihr nicht übel, gibt es im Museum durchaus viele internationale Gäste. Trotzdem bemerke ich ihn natürlich. Im obersten Stock frage ich mich, ob ich diesen Raum nur so gerne mag, weil er viele Sitzgelegenheiten hat. Normalerweise sind Sitzgelegenheiten im Museum sowieso immer besetzt und ich rechne garnie mit ihnen. Komischerweise fällt mir jetzt, wo sie oft frei sind auf, wie wenige es von ihnen gibt. In der Garderobe höre ich wie eine Besucherin zu ihrem Begleiter sagt: «Ih ha nid gwüsst dases garke Usstellig het». Klar weiss ich, was sie damit meint und finde die Aussage legitim, trotzdem ist sie ein Armutszeugnis für die Überzeugungskraft der Sammlungsausstellung...

Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

Fragen: Darf ich die Werke die hinter Glas sind anfassen? Was möchte das Museum eigentlich mit der Sammlungsausstellung bezwecken?


Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Fr, 09.04.2021  Tag 6  Wahrnehmen

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Tag 7

Sprechen

Datum: 10.04.2021

Wochentag: Samstag

Zeit: 13:45 - 15:00

Aufenthaltsdauer: 1h15

Tagebucheintrag Fokus: Wahrnehmung und Verhalten von Kindern mit Y (10) und L (8)

Sa, 10.04.2021  Tag 7  Sprechen

Gemütszustand: gespannt, neugierig Anmerkungen: ich freue mich heute in Begleitung zu sein Die beiden Jungs waren noch nie im Kunstmuseum und wissen nicht so recht, was sie erwartet. Startend im Obergeschoss dauert es keine 2 Minuten, bis eine Aufsicht uns darauf aufmerksam macht, dass 30 cm Abstand zu den Bildern gehalten werden muss. Die Kinder wissen nicht so recht, was sie mit dem leeren Raum anfangen sollen und bewegen sich zu einem Bild hin. Als erstes bleiben beide vor dem Bild Der Deich von Honfleur bei Sonnenuntergang (Félix Vallotton) stehen. Beim Bild La charrette fragt Y, ob diese Bilder auch zuerst mit Bleistift vorgezeichnet werden. Ähnlich wie ich stellt er die Vermutung auf, dass die Bilder mit Absperrung besonders wertvoll sind. Bei Hodlers Das Jungfraumassiv von Mürren aus, kommentiert L, dass ihm dieses Bild gar nicht gefällt, weil es nur Farbflächen sind. Im grossen Raum im Obergeschoss scheint sie visuell gar nichts anzusprechen. Interessant ist, dass Y jeweils zuerst die Bildunterschriften liest und sich, obwohl er keine der Künstler*innen kennt, darauf achtet welche Bilder von den gleichen Künstler*innen gemalt wurden. Allgemein bewegt er sich schon sehr «museumskonform» der Wand entlang, von Bild zu Bild immer mit einem kurzen Blick auf die Unterschrift. L hingegen schaut sich die Bilder gar nicht erst an, weil sie ihn intuitiv nicht ansprechen. Mit flüchtigen Blicken bewegt er sich durch den Raum und setzt sich sehr schnell hin. Im Raum in dem viele Matisse Bilder hängen fragt L, wer denn eigentlich die Wand gestrichen habe, ob das auch ein/e Künstler*in sei. Er fände das sehr schön und regelmässig gemacht und findet es vergleichbar mit den Kunstwerken. Er beschreibt dass er aber lieber aktionsreiche Szenen hat. Entsprechend gefallen ihm im Erdgeschoss die Bilder Aussicht von der Gemmenalp mit Lämmergeier, Schädelstudie, Am Seziertisch und natürlich am meisten Die Zehntausend Märtyrer am Berg Ararat. Die grossen Hodler Bilder nehmen die Beiden kaum wahr. Im Untergeschoss schauen sie sich das Bild von Bridget Riley länger an. Y setzt sich an den Tisch in der Mitte des Raumes und fragt als er schon sitzt, ob er da sitzen dürfe. Weil es einen Tisch gibt findet er, das sei ein guter Platz um zu zeichnen. Nachdem sie im Vorraum gesehen haben, dass um 14:30 ein Film läuft, eilen sie durch die restlichen Räume damit sie rechtzeitig zum Filmstart wieder zurück sind. Die einzigen Werke die ihre Aufmerksamkeit gewinnen können sind Max Bills Konstruktion mit 10 Vierecken und Klees Ad Parnassum. Das Bild von Max Bill, weil es sie an ein Speil erinnert und das Bild von Klee, weil sie selber Motive darin entdecken können. Allgemein finde ich es spannend, wie Y sich mit 10 Jahren bereits sehr ähnlich wie die meisten erwachsenen Besucher*innen benimmt, obwohl er keinerlei Vorwissen hat (weder hinsichtlich den Werken noch den Künstler*innen). Er scheint auch 2 unterschiedliche Modi zu haben: wenn er vor den Kunstwerken steht sehr «museumskonform» wenn er aber auf den Sitzgelegenheiten ist, legt er sich hin, ist entspannt und scheint unbekümmert. L hingegen scheint sich noch etwas freier im Museum zu bewegen. Er setzt sich auch immer gleich vor den Bildern an den Boden, geht sehr nah ran, lehnt an den Wänden an etc. und vor allem spannend, stellt andere Bezüge zwischen Raum und Kunst her (Beispiel Wandfarbe). Auch interessant ist, wie stark beide bereits von anderen Museumsbesuchen geprägt sind (sie sind öfter im Creaviva und erkennen einen Tisch im Museum als Chance um zu zeichnen. Gleichzeitig scheinen sie aber beim zeichnen in ihrer Motivwahl überhaupt nicht von den Inhalten im Museum inspiriert zu sein. Was beiden fehlt, ist die physische Distanz vor den Werken, sie haben keine Angst sehr nah heranzugehen, teilweise fast das Bild zu berühren. 100-fach verstärkt, ist dafür meine Angst, dass sie die Bilder berühren, obwohl sie bereits zu Beginn bewiesen haben, dass sie die Werke nicht anfassen, sondern einfach sehr nah ran gehen, direkt am Bild zeigen. Fragen: Lernt man ein «museumskonformes» Verhalten Schritt für Schritt durch Erziehung und vergleichbare Institutionen oder gibt einem das Museum klare Anweisungen die man/frau ab einem gewissen Alter zu befolgen beginnt?


Sa, 10.04.2021  Tag 7  Sprechen

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Sa, 10.04.2021  Tag 7  Sprechen

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Sa, 10.04.2021  Tag 7  Sprechen

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Sa, 10.04.2021  Tag 7  Sprechen

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Sa, 10.04.2021  Tag 7  Sprechen

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Sa, 10.04.2021  Tag 7  Sprechen

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Sa, 10.04.2021  Tag 7  Sprechen

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Tag 8

Beobachten

Datum: 11.04.2021

Wochentag: Samstag

Zeit: 14:00 - 16:00

Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: Was machen Besucher*innen mit ihren Händen? Gemütszustand: entspannt Anmerkungen: Die Frau an der Kasse fragt mich mit eine Lächeln «Sie waren schon gestern hier oder?» Mir fällt auf, dass sie damit die erste Person ist, die mich auf die Tatsache, dass ich diese Woche täglich im Museum war anspricht. Klar rotieren auch die Aufsichten, einigen von ihnen bin ich in den 7 Tagen aber sicher 5 mal begegnet. Die Erkenntnis die ich daraus ableite, dass die Aufsichtspersonen sich überhaupt nicht dafür interessieren was ich da mache, solange ich 30cm Abstand von den Bildern halte ist eine sehr angenehme. Ich merke, dass gerade sie einen starken Einfluss auf mich ausüben, mehr noch als die Kameras, und denke, dass es einen grossen Einfluss auf mich hat, wenn ich mich von ihnen in Ruhe gelassen fühle. Die Besucher*innen beeinflussen mich weniger. Gerade mit der heutigen Analyse der Handpositionen, empfinde ich eine grosse Verbundenheit mit den Besucher*innen, weil wir uns doch alle so ähnlich verhalten und vielleicht auch fühlen? Es kommt mir vor wie ein homogener Besucherbrocken, dessen Handeln fast einheitlich wirkt. Einzig im Denken unterscheiden wir uns sehr. Welche Möglichkeiten gäbe es das individuelle Denken der einzelnen Besucher*innen stärker hervortreten zu lassen? Vielleicht wenn man ab und zu eine Aufforderung erhalten würde seine Gedanken ganz ungezwungen zu teilen? Ich habe den Eindruck, der Museumsbesuch ist für die allermeisten Personen, denen ich diese Woche begegnet bin ein Einzelerlebnis. Klar gibt es Menschen die in einer Gruppenkonstellation eintreffen, abgesehen von einzelnen Personen habe ich aber auch innerhalb der Gruppen kaum Austausch wahrgenommen. Ich kenne das von mir auch so, dass auch wenn ich mit anderen Menschen im Museum bin, ich mich alleine bewege und mich nur ab und zu kurz mit jemandem über etwas austausche. Das Museum ist für mich ein stark gegen innen gerichteter Raum. Das heisst, man fühlt sich sehr für sich, und beschäftigt sich mit seinen eigenen Gedanken und Interessen. Auf eine Art macht das auch Sinn, gerade weil Kunst so individuell wahrgenommen wird. Auf eine Art macht das aber auch irgendwie überhaupt keinen Sinn. Fragen: Soll der Museumsbesuch ein Einzelerlebnis sein? Ist das Museum ein Ort um sich vor allem mit sich selber zu beschäftigen?

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

Was könnte alternativ mit den Händen gemacht werden?


So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

Tracking Tag 8

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Person Nr.: 1 Geschlecht*: w

Alter: 40-50 J

Position: 1

hat etwas in den Händen x linke Hand: zusammengeballt rechte Hand: Saalplan Anmerkung:

Person Nr.: 2 Geschlecht*: m

Alter: 50-55 J

Position: 1

hat etwas in den Händen x linke Hand: Audioguide rechte Hand: Hosentasche Anmerkung:

Person Nr.: 3 Geschlecht*: w

Alter: 20-25J

Position: 1

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: Anmerkung:

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt


157

Person Nr.: 3 Geschlecht*: w

Alter: 20-25 J

Position: 2

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: hält andere Hand Anmerkung:

Person Nr.: 3 Geschlecht*: w

Alter: 20-25 J

Position: 3

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: Anmerkung:

Person Nr.: 4 Geschlecht*: w

Alter: 20-25J

Position: 1

linke Hand: rechte Hand: Anmerkung: Beide Hänge halten ein Notizbuch

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen x


158

Person Nr.: 5 Geschlecht*: m

Alter: 50-55 J

Position: 2

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: hält andere Hand Anmerkung: Daumen in den Hosentaschen, Hände wirken etwas verkrampft

Person Nr.: 6 Geschlecht*: w

Alter: 20-25 J

Position: 1

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: Audioguide Anmerkung:

Person Nr.: 7 Geschlecht*: w

Alter: 30-35 J

Position: 1

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung:

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt


159

Person Nr.: 8 Geschlecht*: w

Alter: 55-65 J

Position: 1

hat etwas in den Händen x linke Hand: rechte Hand: Audioguide Anmerkung:

Person Nr.: 9 Geschlecht*: m

Alter: 60-65 J

Position: 1

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung: Hände ganz in den Hosentaschen

Person Nr.: 10 Geschlecht*: w

Alter: 45-44 J

Position: 1

linke Hand: rechte Hand: Anmerkung:

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen


160

Person Nr.: 11 Geschlecht*: w

Alter: 18-25 J

Position: 1

hat etwas in den Händen x linke Hand: rechte Hand: Audioguide Anmerkung: Sitzt im Schneidersitz auf dem Boden

Person Nr.: 12 Geschlecht*: w

Alter: 25-30 J

Position: 1

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: IPhone Anmerkung:

Person Nr.: 12 Geschlecht*: w

Alter: 25-30 J

Position: 2

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: IPhone Anmerkung:

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt


161

Person Nr.: 13 Geschlecht*: m

Alter: 60-70 J

Position: 1

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung: Hände hinter dem Rücken verschränkt

Person Nr.: 13 Geschlecht*: m

Alter: 60-70 J

Position: 2

Alter: 60-70 J

Position: 1

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung: Hände in den Hosentaschen

Person Nr.: 14 Geschlecht*: w

linke Hand: rechte Hand: Anmerkung:

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen


162

Person Nr.: 14 Geschlecht*: w

Alter: 60-70 J

Position: 2

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: hinter dem Rücken Anmerkung: kurzer Moment

Person Nr.: 14 Geschlecht*: w

Alter: 60-70 J

Position: 3

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: greift linke Hand Anmerkung:

Person Nr.: 15 Geschlecht*: w

Alter: 60-65J

Position: 1

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen x linke Hand: in Hüfte eingestüzt rechte Hand: Saalplan und Tasche Anmerkung:

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt


163

Person Nr.: 16 Geschlecht*: w

Alter: 16-26 J

Position: 1

Alter: 16-26 J

Position: 2

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung:

Person Nr.: 16 Geschlecht*: w hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung: Zieht mit rechter Hand an linkem Finger

Person Nr.: 17 Geschlecht*: w

Alter: 16-26 J

Position: 1

linke Hand: zeigend rechte Hand: Saalplan Anmerkung:

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen x


164

Person Nr.: 17 Geschlecht*: w

Alter: 16-26 J

Position: 2

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: Saalplan Anmerkung: Beide Hände halten Saalplan

Person Nr.: 17 Geschlecht*: w

Alter: 16-26 J

Position: 3

hat etwas in den Händen x linke Hand: umschlingt Bauch rechte Hand: Saalplan Anmerkung:

Person Nr.: 18 Geschlecht*: w

Alter: 16-22 J

Position: 1

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen x linke Hand: rechte Hand: Iphone Anmerkung: Gelegentlich halten beide Hände Iphone

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt


165

Person Nr.: 19 Geschlecht*: w

Alter: 16-26 J

Position: 1

Alter: 40-50 J

Position: 1

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung:

Person Nr.: 20 Geschlecht*: w

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: hält linke Hand Anmerkung:

Person Nr.: 21 Geschlecht*: m

Alter: 45-55 J

Position: 1

linke Hand: hält rechte Hand rechte Hand: Brille Anmerkung:

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

hat etwas in den Händen x


166

Person Nr.: 21 Geschlecht*: m

Alter: 45-55 J

Position: 2

Alter: 50-60J

Position: 1

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung:

Person Nr.: 22 Geschlecht*: m

hat etwas in den Händen x linke Hand: Brille rechte Hand: Handy Anmerkung:

Person Nr.: 23

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

Geschlecht*: w

Alter: 22-28 J

Position: 1

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: Spiegelreflexkamera Anmerkung: Kamera hängt um den Hals

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt


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Person Nr.: 23 Geschlecht*: w

Alter: 22-28 J

Position: 2

Alter: 22-28 J

Position: 1

hat etwas in den Händen linke Hand: rechte Hand: Anmerkung:

Person Nr.: 24 Geschlecht*: m

hat etwas in den Händen x linke Hand: Saalplan rechte Hand: in der Hosentasche

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Bilder nachgestellt

So, 11.04.2021  Tag 8  Beobachten

Anmerkung:


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Reflektieren

Datum: 12.04.2021

Wochentag: Montag

Zeit: -

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Tag 9

Aufenthaltsdauer: -

Tagebucheintrag Ich freue mich, dass ich heute meine Gedanken sammeln kann. In dem Rhythmus des täglichen Museumsbesuches, anschliessender Dokumentation und Reflexion fehlte mir jeweils die Zeit, um mich mit all den Gedanken, die ich mir gemacht habe auch auseinanderzusetzen. Als häufig wiederkehrende Themen entnehme ich meinen Tagebucheinträgen Raumwahrnehmungen, Atmosphären, das Verhältnis von Bild und Sprache und Regeln. Allgemein kann ich zu meinem persönlichen Empfinden sagen, dass ich mich in meiner Kunstwahrnehmung stark vom Umraum, von den Aufsichtspersonen und von der allgemein uninspirierten Stimmung beeinflusst fühle. Da ich das Gefühl habe, dass auch die Aufsichten sich allmählich an meine tägliche Präsenz gewöhnt habe kann ich mich von diesem Einflussfaktor diese Woche etwas lösen. Ich habe das Gefühl, dass ich mir unglaublich viele Gedanken gemacht habe und dass ich den Museumsraum als sehr anregend empfinde. Die Gedanken haben nicht immer zwingend etwas mit der ausgestellten Kunst zu tun, entfernen sich teilweise sogar sehr weit davon, werden aber stark vom Ort bestimmt, sind vom Museumsraum angeregt. Präsenter als in meinem alltäglichen Leben sind mir mein eigenes Körperempfinden, Denkanstösse und der Drang etwas zu produzieren. Meinen Körper empfinde ich oft als verkrampft, angespannt, beherrscht während meine Gedanken jeweils sehr frei und assoziativ kreisen. Man könnte also sagen, während mein Denkraum durch meine täglichen Museumsbesuche enorm bereichert wird, ist mein körperlicher Handlungsraum stark eingeschränkt. Für Woche 2 möchte ich daher bestimmt und bewusst handeln.

Mo, 12.04.2021  Tag 19  Reflektieren

Fragen: Kann ich meinen Handlungsraum so sehr erweitern wie meinen Denkraum?


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Tag 10 Sein

Datum: 13.04.2021

Wochentag: Dienstag

Zeit: 18:15 - 20:15

Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: An Ort und Stelle bleiben, bewusste Positionen einnehmen Gemütszustand: entspannt, freudig Anmerkungen: letzte Woche empfand ich das Zeitfenster am Dienstag Abend als sehr angenehm

Di, 13.04.2021  Tag 10  Sein

Ganz selbstverständlich mache ich mich heute auf den Weg ins Museum. Ich empfinde dabei keinerlei inneren Widerstand und freue mich sogar auf den Besuch. Heute habe ich mir vorgenommen, mir intuitiv nur einzelne Werke anzuschauen und dabei unterschiedliche Positionen im Raum einzunehmen. Zum Start lande ich bei Mark Rothko. Ich starte mit meiner gewohnten Position: stehend. Assoziativ beschreibe ich meine Gedanken und suche zeichnerisch nach den Bewegungen, die ich im Bild finde. Ich mag das Bild sehr und es stört mich extrem, dass es hinter Glas und gerahmt gezeigt wird. Seine tatsächliche Wirkung, so empfinde ich, kann das Bild unter diesen Umständen nicht entfalten. Nichts desto trotz ist es ein Bild mit dem ich mich gerne länger beschäftige. Kaum bemerkt sind auch bereits 30 Minuten vergangen als ich mich für heute von dem Bild verabschiede. Als nächstes hocke ich mich in einem Schneidersitz vor das grosse Miro Bild im Untergeschoss. Von allen Räumen im Untergeschoss, fühle ich mich in diesem Raum am wohlsten. Es fällt mir heute auch auf, dass die Besucher*innen die diesen Raum aufsuchen kaum länger als ein paar Minuten darin verbringen. Ich kann mich also ganz ungestört davor hocken, ohne jemanden zu stören. Im sitzen verbringe ich gerne Zeit davor. Es fühlt sich auch sehr natürlich an. Das Bild nehme ich dabei kaum wahr, sondern wieder einmal den gesamten Raum der sich in der grossen Glasscheibe spiegelt. Gleich zwei Exit Schilder drängen sich ins Bild, und ein unendlich wirkender Gang der sich hinter mir in die Weite zieht. Interessant ist, dass ich dadurch, dass man das Bild bereits vom Raum am anderen Ende sehen kann, eigentlich sehr ausgestellt und beobachtbar bin. Komischerweise stört mich das hier aber gar nicht. Weiter bewege ich mich in den grossen Raum im Obergeschoss. Ich setzt mich auf den Polstersessel, mache es mir bequem. Wie immer fühle ich mich in diesem Raum äusserst wohl. Ich zeichne sogar mit einem tiefschwarzen Stift, sehr sichtbar für alle die an mir vorbeigehen, irgendwie stört mich das aber nicht. Im Gegenteil, ich bin eigentlich überrascht, dass mir das zeichnen mit diesem Stift hier überhaupt erlaubt wird. In meiner Zeichnung verliere ich mich völlig, vergesse alles um mich herum, nur der Raum bleibt mir sehr präsent, er ist auch auf eine Art und Weise mein Motiv. Fast schon in den Raum eingebunden fühle ich mich in meinem zeichnerischen Prozess. Als letzte Position lege ich mich hin. Was mir auffällt sind die vielen Linien die ich in diesem Raum wahrnehmen kann. Stören tue ich auch im liegen niemanden, allerdings sind auch sehr wenig Besucher*innen am Dienstag Abend im Museum. Ich bin überrascht wie entspannt ich meinen ganzen Besuch lang war. Ich glaube langsam gewöhne ich mich an die Räume und beginne mich davon inspirieren zu lassen.


Di, 13.04.2021  Tag 10  Sein

Tracking Tag 10

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Di, 13.04.2021  Tag 10  Sein

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Di, 13.04.2021  Tag 10  Sein

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Di, 13.04.2021  Tag 10  Sein

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Di, 13.04.2021  Tag 10  Sein

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Di, 13.04.2021  Tag 10  Sein

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Tag 11

Folgen

Datum: 14.04.2021

Wochentag: Mittwoch

Zeit: 14:45 - 16:45

Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: Auditiver Fokus (Podcast) Gemütszustand: gestresst Anmerkungen: ich wurde zu lange in einem Meeting aufgehalten und konnte meinen Aufenthalt nicht wie gewünscht planen

Mi, 14.04.2021  Tag 11  Folgen

Die Idee meines heutigen Besuches ist es, eine künstliche Diskrepanz zwischen akustischer und visueller Wahrnehmung zu erzeugen. Dazu höre ich mir während dem Museumsbesuch einen Podcast an. Ich starte mit dem Podcast Understanding space through art, merke aber schnell, dass der Podcast einen zu physikalischen Fokus hat. Ich switche zu dem Podcast Jaques Rancière and Farshid Moussavi on space and politics und merke wiederum schnell, dass mir bei diesem Podcast ein zu starker Fokus auf die Politik gesetzt wird. Allgemein merke ich, dass ich einen Anhalts- oder Bezugspunkt in der Kunst benötige, damit dieses Experiment Sinn (für mich) macht. Ich wechsle erneut und lande bei dem Podcast How much context and knowledge do you need to enjoy art? frage mich aber zu einem späteren Zeitpunkt, ob ich ev. die Diskrepanz zwischen Thematik und Rauminhalten bei Rancière etwas länger aushalten hätte müssen. Im diesem nun sehr museumsspezifischen Podcast werden viele, zwar interessante, jedoch auch schon 100 mal gehörte Themen diskutiert. Diskutiert werden Themen wie Identity Politics, Sinn und Zweck von Labels und Audioguides so wie Formen der Interpretation. Spannend finde ich dabei, dass das Gerede über Formen der Interaktion zwischen Kunst und Besucher*innen immer sehr oberflächlich wirkt. Als über die Smartify-App diskutiert wird, wird über das Ziel von solchen Vermittlungsformen meist so gesprochen, als ob der Erfolg darin läge, die Besucher*innen auf eine Weise in eine Interaktion oder schon nur eine längere Betrachtungszeit hineinzutricksen. Das finde ich irgendwie traurig. Mein Verhalten reflexiv betrachtend, merke ich, dass ich mich, während ich mich auf den Podcast konzentriert habe, sehr intuitiv in den Ausstellungsräumen bewegt habe. Tatsächlich finde ich mich nur in Räumen wieder, in denen ich mich gerne aufhalte. Der grosse Raum im Obergeschoss, die beiden hintersten Räume im UG und der Raum mit den abstrakten Bildern im Neubau. Ich merke langsam, dass sich starke Muster abzeichnen, welche Räume ich aufsuche und wie viel Zeit ich darin verbringe. In einem nächsten Schritt wäre es sicher sinnvoll, diesem Verhältnis auf die Spur zu gehen. Was mir auch auffällt, ist, dass ich sehr viel intensivere visuelle Erlebnisse wahrnehme, während meine akustische Konzentration dem Podcast gewidmet ist. Gerade das Bild von Bridget Riley entfaltet für mich heute zum ersten mal eine unglaublich intensive Wirkung. Ähnlich geht es mir mit anderen Werken. Vielleicht sehe ich also anders/besser/intuitiver, wenn meine Konzentration und meine Gedanken gar nicht dazu kommen Erwartungen an mein Sehen zu formulieren. Als der Podcast zu Ende ist, höre ich mir einen weiteren Podcast Abstract Expressionism: a legacy for a new generation an. Tatsächlich fand ich es sehr spannend, Bezüge zu den vor mir hängenden Werken machen zu können, ohne dass konkret über spezifisch diese Werke gesprochen wurde. Geblieben ist mir aber in erster Linie die Bedeutung des Rechtecks. Das Rechteck um wieder zurück zu Rancière zu gelangen als materielle und symbolisch aufgeladene Form, vielleicht sogar eine absolute Form? Fragen: Warum ist immer alles rechteckig? Anmerkungen: Muster von oft aufgesuchten Räumen festhalten


Mi, 14.04.2021  Tag 11  Folgen

Tracking Tag 11

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180 Mi, 14.04.2021  Tag 11  Folgen

Dichtedarstellung OG

Dichtedarstellung EG


Mi, 14.04.2021  Tag 11  Folgen

Dichtedarstellung UG

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Tag 12

Verfremden

Datum: 15.04.2021

Zeit: 10:05 - 12:05

Wochentag: Donnerstag Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: Perspektivenwechsel: Spiegel Gemütszustand: neutral, wohl Anmerkungen: gestern wurden die Corona-Massnahmen gelockert, heute sind bereits die Absperrungen weg. Zu Beginn trete ich sogar versehentlich ohne Maske ein ohne dass eine der beiden Aufsichten an denen ich vorbeigegangen bin etwas dazu sagt. Es ist eine Art Erleichterung spürbar. Heute bewege ich mich, indem ich meine Umgebung nur indirekt durch den Blick in einen kleinen Spiegel wahrnehme, durch das Museum. Die Spiegelungen in den Glasscheiben vor den Kunstwerken und die dadurch generierte Verbindung von Bildraum und Umraum faszinierte mich bisher jeden Tag. Heute wähle ich bewusst, eine überspitze Form dieses Sehens. Völlig fasziniert und vor allem absorbiert entdecke ich den Museumsraum dadurch vollkommen neu. Spielereien wie das einfangen der Bilder in das in meiner Hand liegende Mini-Format, oder die «Umplatzierung» der einzelnen Werke in neue Anordnungen ermöglichen mir ganz neue Möglichkeiten. Auch die Praktik der Ineinanderschachtelung verschiedener Kunstwerke und die Generierung von Bildkompositionen die den Museumsraum und die Werke in neue Zusammenhänge stellen faszinieren mich. Es macht einen riesen Spass, den Museumsraum auf diese Weise ganz neu zu entdecken. Aber warum? Vielleicht weil es mir so viele Handlungsmöglichkeiten eröffnet: ich kann Werke durch den Raum transportieren, Räume generieren und erweitern - alles wird dynamischer. Vor allem aber kann ich mich mit diesen scheinbar bedeutungslosen Spielereien viel näher an die von mir empfundene Raumwahrnehmung kommen. Grenzen werden aufgebrochen, Einrrahmungen werden irrelevant und oben, unten links, rechts verlieren ihre Bedeutung. Völlig vertieft und die unendlich vielen Möglichkeiten testend, vergesse ich auch die Zeit völlig. Erst meine sich verkrampfenden Finger von den Verbiegungen holen mich wieder in die Realität. Fragen: Ein Schritt näher an den Raum den ich mir wünschen würde?

Do, 15.04.2021  Tag 12  Verfremden

Anmerkungen: Ich könnte mir vorstellen, dass so eine Entdeckungsreise im Museum vielen Menschen Spass machen würde.


Do, 15.04.2021  Tag 12  Verfremden

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Tag 13

Wahrnehmen I

Datum: 16.04.2021

Wochentag: Freitag

Zeit: 11:40 - 13:00

Aufenthaltsdauer: 1h20

Tagebucheintrag Fokus: Stimmungen, Kontext digitaler Raum Gemütszustand: entspannt, vertraut (widerstandslose Bewegung zum Museum) Anmerkungen: Der Weg ins Museum fühlt sich heute ganz selbstverständlich an, seit ich morgens aufgewacht bin, bin ich vollkommen darauf eingestimmt Weil ich den digitalen Raum gerne auch miteinbeziehen möchte, überlege ich mir ein 2-Tage andauerndes Format. Dies lässt sich mit meinem Zeitplan vereinbaren, weil ich einen Dialog-Termin organisatorisch auf den Sonntag (25.04.2021) verlegen musste. Heute transferiere ich sämtliche ausgestellte Werke in den digitalen Raum und ordne sie intuitiv nach Clustern neu an. Dies tue ich, in dem ich alle Werke fotografiere und sie danach in einem neutralen digitalen Raum betrachte. Dadurch sollen die Kunstwerke ohne ihren gewohnten Kontext wahrgenommen werden. Am darauf folgenden Tag besuche ich das Museum mit dieser digitalen, veränderbaren Sammlung. Während ich mich physisch in den Ausstellungsräumen befinde, ordne ich die Werke den Räumen zu. Der Auswahlprozess soll dabei möglicht intuitiv vorgenommen werden, das heisst ich ordne die Kunstwerke zu den von mir empfundenen Atmosphären in den jeweiligen Räumen zu. Dabei interessiert mich der Vergleich der beiden Zusammenstellungen.

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Im Museum: Dass ich Bild für Bild fotografiere ohne mich dabei gross mit den Werken auseinanderzusetzten, macht wohl einen etwas komischen Eindruck. Vielleicht ist es nur mein Empfinden, aber ich habe das Gefühl, die Aufsichten verfolgen meinen Gang durchs Museum aufmerksamer als an anderen Tagen. Ich frage mich wie das wohl rüberkommt und denke, dieses Verhalten widerspricht dem konventionellen Verhalten im Museum sehr. Ich stelle mir vor, dass es spürbar ist, wie wenig präsent ich mental im Museum anwesend bin. Ich frage mich, ob ich etwas verbotenes tue und komme zu dem Schluss dass dem nicht so sei, dass sich mein Verhalten eigentlich nicht gross von dem Anderer unterscheidet, ausser dass ich eben in keine Interaktion mit den Werken trete und wohl auch relativ schnell unterwegs bin. Niemand sagt was, vielleicht ist es also auch alles Einbildung. Zurück bei mir zu Hause öffne ich sämtliche Bilder in einem Miroboard. Das Miroboard ist ein unglaublich repräsentativer digitaler Raum. Er ist in alle Richtungen grenzenlos und braucht Relationen um sich als Raum erkenntlich zu geben. Weil ich zu Beginn etwas überfordert bin, beginne ich relativ schnell damit den Clustern Titel zu geben. Diese Vorgehensweise stellt sich schnell als interessanter Fehler heraus. Ich frage mich woher dieser Drang kommt, sofort alles benennen zu wollen, darin Orientierung zu finden. Sehr schnell merke ich auch, wie sehr mich die Worte beeinflussen. So muss ich mich gelegentlich davon abhalten die Bilder nicht nur nach den Worten zu ordnen, sondern nach ihrer Wirkung. Den Prozess des Ordnens finde ich wahnsinnig spannend und anregend. Sofort entstehen neue Geschichten, andere Atmosphären, persönliche Zusammenhänge. Mit jeder Paarung entstehen sofort neue Bedeutungen und es fühlt sich so an, als ob es immer Sinn machen würde, egal welche Werke man nebeneinander stellt. Besonder viel «Bedeutung» rechne ich den Skulpturen zu, die sogar dem digitalen Raum sehr viel Dimension verleihen. Der Vorgang hat etwas sehr meditatives aber auch ermächtigendes.

Fragen: Reicht ein abstrakter aber lebensweltlicher Begriff, ein Sprachfetzen um die Fantasie anzuregen, das Denken ins Rollen zu bringen?


Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Tracking Tag 13

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Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Unendliche Räume

Cluster 1

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Cluster 2

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Totenstille 201


Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Karg und leer

Cluster 3

202


Cluster 4

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Fassaden 203


Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Nicht alltäglicher Alltag

Cluster 5

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Cluster 6

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Behütet 205


Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Herzlich Willkommen

Cluster 7

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Cluster 8

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Losgelöst 207


Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Eine Welt in einer Welt

Cluster 9

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Cluster 10

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Verschlossene Traumwelt 209


Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Leidend

Cluster 11

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Cluster 12

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Hier und Dort 211


Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Bedrängnis

Cluster 13

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Cluster 14

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

We are one 213


Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Absolut

Cluster 15

214


Cluster 16

Fr, 16.04.2021  Tag 13  Wahrnehmen I

Unsichtbare Orte 215


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Tag 14

Wahrnehmen II

Datum: 17.04.2021

Wochentag: Samstag

Zeit: 11:30 - 13:00

Aufenthaltsdauer: 1h30

Tagebucheintrag Fokus: Bildstimmung und Raumwahrnehmung Gemütszustand: geringer Widerstand Anmerkungen: Heute habe ich keine Lust ins Museum zu gehen und auch wenig Energie. An der Kasse werde ich zum ersten mal direkt danach gefragt, ob ich an einem Projekt arbeite. Das empfand ich als sehr aufmerksam, weil ich die Person an der Kasse sehr viel seltener gesehen habe als die meisten Aufsichtspersonen. Ich gehe so vor, dass ich mich von Raum zu Raum bewege. In der Mitte des Raumes platziert, schaue ich alle Werke auf meinem Tablet an und ordne ganz intuitiv die Werke, die für mich zur Raumatmosphäre passen zu. Nachdem ich alle Räume durchlaufen habe, mache ich eine zweite Runde in der ich die ersten Empfindungen der Raumatmosphäre jedes Raumes notiere. Es interessiert mich, ob sie in meinen Bildclustern spürbar wird. Physische Faktoren wie die Raumgrösse und logistische Machbarkeit werden dabei vernachlässigt. Auch diesen Ordnungsprozess finde ich sehr spannend. Es entstehen inhaltlich sehr absurde Kompositionen. Als ich mir die Bildordnung später anschaue, finde ich manche Zusammenstellungen sehr harmonisch (z.B Raum 6 und Raum 14), manche funktionieren für mich überhaupt nicht. Interessant finde ich, dass bei Raum 8 «still und leblos» sehr viele dynamische, bewegte Bilder platziert sind. Als ob ich vielleicht unterbewusst der Atmosphäre mit den zugeordneten Werken versucht habe entgegenzuwirken. Ebenfalls fällt mir auf, dass ich den Raum in dem ich mich normalerweise am liebsten aufhalte als kalt und steril beschreibe. Dabei handelt es sich um den grossen Raum oben, der viele impressionistische Malereien beinhaltet. Eventuell projizieren diese Werke in meinem empfinden tatsächlich sehr viele angenehme Stimmungen in den Raum. Ebenfalls fällt mir auf, dass ich in Räumen in denen ich die Atmosphäre eher negativ beschreibe, tatsächlich viele Werke die ich weniger mag platziere (z.B. Raum 4, Raum 1). Ich finde diesen Prozess sehr spannend und denke man könnte unglaublich viele Relationen und Vergleiche aufstellen. Es ist aber auch sehr willkürlich und verschlüsselt, weshalb ich dem ganzen nicht zu viel Bedeutung geben möchte.

Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

Anmerkungen: Heute sind verhältnismässig sehr viele Menschen im Museum. Allerdings bewegen sich, obschon keine Gruppen da sind, sonderbar traubenartig durch die Räume so dass die Räume entweder ganz voll oder ganz leer sind. Ich frage mich ob sich da eine Art Gruppendynamik in der Bewegung eingestellt hat.


Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

Tracking Tag 14

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Raum 1 kalt und leer

Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

Raum 2 weit und warm

Raum 3 kalt und steril


Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

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Raum 4 eng und beklemmend

Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

Raum 5 strukturiert und einsam

Raum 6 warm und hell


Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

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Raum 7 einsam und stickig

Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

Raum 8 still und leblos

Raum 9 laut und kühl


Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

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Raum 11 unterirdisch

Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

Raum 12 emotionslos

Raum 13 flüchtig und kalt


Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

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Raum 14 offen und weit

Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

Raum 15 kahl und leicht

Raum 16 laut und leer


Sa, 17.04.2021  Tag 14  Wahrnehmen II

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Tag 15

Beobachten

Datum: 18.04.2021

Wochentag: Sonntag

Zeit: 13:40 - 16:20

Aufenthaltsdauer: 2h40

Tagebucheintrag Fokus: Wie lange halten sich Besucher*innen in Räumen auf?

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

Gemütszustand: geringer Widerstand Anmerkungen: Der Widerstand legt sich mit meinem Eintritt ins Museum, fühlt sich schon fast normal an Mit einem freundlichen hallo legt mir die Person an der Kasse das Eintrittsschildchen hin. Der geringe Widerstand den ich zuvor verspürt hatte hat sich bereits gelegt und ich fühle mich sehr neutral. Allerdings habe ich bereits beim Start meines Besuches starke Schmerzen im Kreuz. Das stellt sich bei mir meistens bei Stress ein. Ich starte wie des öfteren im OG, weil ich die Räume dort gesamthaft am liebsten mag. Bereits nach kurzer Zeit fühlt es sich irgendwie so an, als ob die Aufsicht mich sehr genau ins Visier genommen hat. Sie verfolgt mich regelrecht von Raum zu Raum und ich empfinde dies als sehr unangenehm. Es wäre mir lieber sie würde das Problem, dass sie mit meinem Verhalten zu haben scheint direkt ansprechen als mich schleichend zu beobachten. Da ich heute andere Personen beobachte, fühle ich mich dadurch auch sehr schnell selber schlecht, weil ich mir nie so ganz sicher bin ob meine Beobachtungen ethisch korrekt sind. Allgemein habe ich das Gefühl, dass auch die Aufsichten sehr viel aufmerksamer auf einem werden, wenn es um das Wohlergehen anderer Besucher*inne geht. Wie so oft frage ich mich was ich alles darf, welche Rechte ich im Museum habe. Vielleicht bilde ich mir diesen ganzen Konflikt auch nur ein, mich beschäftigt er auf jeden Fall des öfteren. Meine Beobachtungen sind natürlich sehr willkürlich, ich weiss z.B. nicht, ob die Besucher*innen die innerhalb von zwei Minuten durch einen Raum rasen dies tun, weil sie die Inhalte vorher schon betrachtet haben, oder weil sie der Raum einfach nicht anspricht. Ich wollte eigentlich die Strategie verfolgen, in jedem Raum 10 Minuten zu verweilen und dabei die Aufenthaltsdauer aller Besucher*innen notieren. Allerdings merke ich schnell, dass das wahrscheinlich die falsche Strategie ist, passiert es mir doch gleich in 2 Räumen nacheinander, dass innerhalb von zehn Minuten nur vereinzelte Besucher*innen sich überhaupt in den Raum verirren. Ich frage mich sogar, ob ich irgendwie abstossend wirke, da ich mich sehr oft alleine in Räumen vorfinde, obschon heute relativ viele Besucher*innen im Museum sind. Ich entscheide, dass ich lieber spezifische Räume auswähle in denen ich 20-30 Minuten bleiben kann, damit die Chance grösser ist, dass sich während dieser Zeit einige Leute durch den Raum bewegen. Ich starte in dem Raum im Neubau. Hier mag ich die Kunstwerke, aber nicht den Raum. Mich interessiert auch der hinterste Raum in der Raumreihe im UG, genau umgekehrt mag ich da den Raum aber nicht unbedingt die Kunstwerke. Als letztes interessieren mich noch die Räume im EG, der grosse Raum mit den Hodler-Gemälden und auch der Raum mit den christlichen Darstellungen. Beide Räume mag ich nicht besonders. Mir fällt auf, dass die Räume im EG sehr wenig frequentiert sind. Mir fällt auf, dass sich kaum jemand für die grossen Malereien von Hodler zu interessieren scheint. Sie packen kaum jemanden und die Besucher*innen bleiben meist nur sehr kurz stehen. Ich finde das speziell sind die Bilder doch grossformatig, gegenständlich und dramatisch. Eine Mischung die normalerweise noch gut ankommt, so habe ich es zumindest immer empfunden. Liegt es vielleicht am Raum? Ich weiss es nicht...


So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

Tracking Tag 15

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OG Raum 1, 11 Werke Aufenthaltsdauer: 10 Minuten Person Nr.: 1+2 Geschlecht*: m+m

Alter: 40-50 J

Aufenthalt: 4min 28sec

Person Nr.: 1+2+3 Geschlecht*: w+w+w

Alter: 45-55 J

Aufenthalt: 4min 25sec

Alter: 14-18 J (2x)

OG Raum 2, 10 Werke Aufenthaltsdauer: 10 Minuten Person Nr.: 1+2 Geschlecht*: m+w

Alter: 60-65 J

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Aufenthalt: 3min 0sec


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OG Raum 3, 27 Werke, 4 Skulpturen Aufenthaltsdauer: 20 Minuten Person Nr.: 1+2+3 Geschlecht*: w+w+w

Alter: 20-25 J

Aufenthalt: 2min 15sec

Person Nr.: 4 Geschlecht*: m

Alter: 25-30 J

Aufenthalt: 4min 02sec

Person Nr.: 5+6 Geschlecht*: m+w

Alter: 20-25 J

Aufenthalt: 1min 50sec

Anmerkung: Audioguide

Person Nr.: 7 Geschlecht*: m

Alter: 20-25 J

Aufenthalt: 15min 10sec

Person Nr.: 8+9 Geschlecht*: m

Alter: 35-40 J

Aufenthalt: 7min 23sec

Kind

Alter: 6 J

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)


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OG Raum 4, 8 Werke, 1 Saaltext Aufenthaltsdauer: 13 Minuten Person Nr.: 1+2 Geschlecht*: m+w

Alter: 25-30 J

Aufenthalt: 4min 28sec

Person Nr.: 3 Geschlecht*: m

Alter: 50-55 J

Aufenthalt: 5min 50sec

Person Nr.: 4+5+6 Geschlecht*: m+w

Alter: 35-45 J

Aufenthalt: 3min 30sec

Kind

Alter: 10 J

Person Nr.: 7+8 Geschlecht*: m+w

Alter: 50-60 J

Aufenthalt: 5min 0sec

Person Nr.: 9+10 Geschlecht*: m+w

Alter: 20-25 J

Aufenthalt: 4min 5sec

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)


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OG Raum 5, 9 Werke Aufenthaltsdauer: 10 Minuten Person Nr.: 1 Geschlecht*: w

Alter: 55-65 J

Aufenthalt: 1min 18sec

Person Nr.: 2+3 Geschlecht*: w+w

Alter: 18-25 J

Aufenthalt: 3min 17sec

Person Nr.: 4+5 Geschlecht*: m+w

Alter: 18-25 J

Aufenthalt: 0min 10sec

Person Nr.: 6+7 Geschlecht*: m+w

Alter: 40-50 J

Aufenthalt: 1min 38sec

Person Nr.: 8+9 Geschlecht*: m+w

Alter: 40-50 J

Aufenthalt: 2min 15sec

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)


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UG Raum 16, 11 Werke (drei kleine Stella Bilder je einzeln gezählt) Aufenthaltsdauer: 30 Minuten Person Nr.: 1 Geschlecht*: m

Alter: 25-35 J

Aufenthalt: 2min 30sec

Person Nr.: 2+3 Geschlecht*: w+w

Alter: 35-40 J

Aufenthalt: 6min 05sec

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

Alter: 6-8 J

Person Nr.: 4+5 Geschlecht*: m+w

Alter: 25-30 J

Aufenthalt: 1min 40sec

Person Nr.: 6+7 Geschlecht*: m+w

Alter: 25-30 J

Aufenthalt: 6min 05sec

Person Nr.: 8 Geschlecht*: m+w

Alter: 40-45 J

Aufenthalt: 5min 25sec

Person Nr.: 9+10 Geschlecht*: m+w

Alter: 30-40 J

Aufenthalt: 3min 40sec

Person Nr.: 11+12 Geschlecht*: m+m

Alter: 35-45 J

Aufenthalt: 1min 10sec

Person Nr.: 13+14+15 Geschlecht*: w+w+w

Anmerkung: im Dialog Alter: 16-22 J

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

Aufenthalt: 5min 35sec


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UG Raum 15, 8 Werke, 1 Skulptur Aufenthaltsdauer: 25 Minuten Person Nr.: 1 Geschlecht*: w

Alter: 20-25 J

Aufenthalt: 1min 20sec

Person Nr.: 2+3 Geschlecht*: w+m

Alter: 25-30 J

Aufenthalt: 4min 05sec

Person Nr.: 4+5 Geschlecht*: m+w

Alter: 20-25 J

Aufenthalt: 3min 15sec

Person Nr.: 6+7+8 Geschlecht*: w+w+w

Alter: 20-25 J

Aufenthalt: 3min 05sec

Person Nr.: 9+10+11 Geschlecht*: m+w+w

Alter: 45-55 J

Aufenthalt: 3min 30sec

Person Nr.: 12+13 Geschlecht*: m+w

Alter: 35-45 J

Aufenthalt: 5min 30sec

Person Nr.: 14+15 Geschlecht*: m+w

Alter: 55-65 J

Aufenthalt: 3min 50sec

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

Alter: 16 J (w)


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EG Raum 8, 9 Werke, Aufenthaltsdauer: 30 Minuten Anmerkung: im Dialog

Person Nr.: 1+2 Geschlecht*: w+m

Alter: 60-70 J

Aufenthalt: 3min 50sec

Person Nr.: 3+4 Geschlecht*: m+m

Alter: 30-40 J

Aufenthalt: 7min 10sec

Person Nr.: 4+5 Geschlecht*: m+w

Alter: 35-45 J

Aufenthalt: 1min 10sec

Person Nr.: 6+7 Geschlecht*: w+m

Alter: 20-25 J

Aufenthalt: 2min 00sec

Person Nr.: 8+9 Geschlecht*: m+w

Alter: 30-35 J

Aufenthalt: 2min 50sec

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)


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EG Raum 9, 6 Werke, Aufenthaltsdauer: beobachtet vom grossen Raum Person Nr.: 1+2 Geschlecht*: m+m

Alter: 30-40 J

Aufenthalt: 6min 50sec

Person Nr.: 3+4 Geschlecht*: m+w

Alter: 35-45 J

Aufenthalt: 4min 10sec

Person Nr.: 5+6 Geschlecht*: m+w

Alter: 30-35 J

Aufenthalt: 2min 30sec

So, 18.04.2021  Tag 15  Beobachten

* Lediglich eine optische Einschätzung (Heteronormativ)


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Tag 16

Reflektieren

Datum: 19.04.2021

Wochentag: Montag

Zeit: -

Aufenthaltsdauer: -

Tagebucheintrag Fokus: Pause Gemütszustand: erschöpft Anmerkungen: Nach 15 Tagen mehr oder weniger ohne Pause, lege ich heute mal alles bei Seite. Fragen: Wie geht es mir mit diesem Experiment?

Mo, 19.04.2021  Tag 16  Reflektieren

Ich muss ehrlich sagen, ich habe mich sehr schnell an meine täglichen Besuche gewöhnt. Und mit der Gewohnheit hat sich auch eine Neugier und ein Interesse meiner Möglichkeiten eingestellt. Ich empfinde es als unheimliche Bereicherung, dass ich mich voll und ganz auf diese Auseinandersetzung einlassen kann. Gerade im Rahmen des Master-Studiums, in dem oftmals 3 Institutionen nebeneinander balanciert werden müssen, erlebe ich dieses Experiment als sehr angenehm. Durch meine täglichen Besuche bin ich nicht nur physisch, sondern auch mental sehr in die Thematik vertieft. Es bleibt mir so zu sagen gar nichts anderes übrig als mich dem Ganzen vollkommen hinzugeben. Sobald ich bemerke, dass ich mich von der Auseinandersetzung distanziere, bin ich auch schon wieder im Museum und damit voll drin. Es ist aber auch anstrengend so viel zu denken. Ich merke körperlich wie auch mental, dass ich etwas erschöpft bin. Deshalb tut es gut, heute eine Denk- und Handlungspause einzulegen.


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Tag 17 Sein

Datum: 20.04.2021

Wochentag: Dienstag

Zeit: 18:30 - 20:45

Aufenthaltsdauer: 2h15

Tagebucheintrag Fokus: Zugang über meinen Körper finden Gemütszustand: mein Gemütszustand ist heute äusserst neutral Anmerkungen: Draussen scheint die Abendsonne und seit gestern sind die Restaurants wieder geöffnet. Die Menschen sind im wohlverdienten und auch wohlersehnten Feierabendbier. Ich erwarte also nicht viele Besucher*innen im Museum. Nachdem ich meine Sachen in den kleinen quadratischen Spind 91 rechts oben platziert habe, gehe ich an der Kasse vorbei und höre wie die soeben eingetroffene Besucherin fragt «wo söui ahfah?», worauf die Dame an der Kasse antwortet «Dir chöit hie (EG) ahfah, när ufe und am Schluss no iz UG». Sie sagt das so überzeugt und normativ dass ich mich kurz frage ob ich die Geschosse schon jemals in dieser Reihenfolge besucht habe. Vielleicht tat ich dass bei meinem allerersten Besuch, seither ist dies Reihenfolge für mich irgendwie nicht mehr sinnvoll. Anyhow... Heute möchte ich in Interaktion mit Raum und Bild treten indem ich die Posen der dargestellten Figuren einnehmen, mich über meinen eigenen Körper in die Bildkompositionen eindenke und einfühle. Damit möchte ich gezielt meine übliche Betrachtungshaltung und Perspektive verändern. Zum Start orientiere ich mich an einigermassen gegenständliche Figuren oder Kompositionen in denen zumindest eine Art Figur erkennbar ist (Miro). Während ich auf der Suche nach Körperhaltungen bin merke ich, dass ich normalerweise sehr wenig Fokus auf die Figuren lege. Viele von ihnen habe ich entweder noch nie gesehen oder eher unbewusst wahrgenommen. Ich finde es also äusserst interessant die Kunstwerke auf einen Aspekt hin zu betrachten der offenbar sonst nicht so zentral für mich zu sein scheint. Als ich in Ballet-Posen stehe fühle ich mich auch auf eine Weise zurückversetzt, weil ich früher Ballet tanzen musste, was ich überhaupt nicht gerne tat. Gesten also, die persönliche Erinnerungen bei mir auslösen, die ich bei der Bildbetrachtung alleine nicht verspüre. Ich bin sehr absorbiert während ich Arm-und Beinverläufe rekonstruiere sie nachstelle und dabei versuche mich in die Settings der Bildwelten zu versetzten. Besonders Giacomettis am Boden sitzende Kinder scheinen einem regelrecht in ihrem Kreis zu begrüssen wenn man sich zu ihnen setzt. Auch Hodlers «Nacht» wird für mich sehr viel persönlicher und zugänglich wenn ich es in der Horizontale liegend betrachte. Ich finde diesen Zugang sehr spannend und anregend, frage mich allerdings auch wie gut man ihn anwenden könnte, wenn viele Menschen im Museum wären..

Di, 20.04.2021  Tag 17  Sein

Fragen: Welche Erinnerungen kann der Körper wecken?


Di, 20.04.2021  Tag 17  Sein

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Di, 20.04.2021  Tag 17  Sein

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Di, 20.04.2021  Tag 17  Sein

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Di, 20.04.2021  Tag 17  Sein

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Di, 20.04.2021  Tag 17  Sein

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Di, 20.04.2021  Tag 17  Sein

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Tag 18

Folgen

Datum: 21.04.2021

Wochentag: Mittwoch

Zeit: 15:00 - 17:00

Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: räumlich und sprachlich leiten lassen Gemütszustand: entspannt Anmerkungen: Bereits auf dem Weg ins Museum sind wir in ein Gespräch vertieft, der Eintritt ins Museum erfolgt fast unmerklich

Mi, 21.04.2021  Tag 18  Folgen

Heute begleitet mich L. Sie ist selber Künstlerin und regelmässige Museumsgängerin. Sie soll mich sowohl räumlich führen als auch gesprächstechnisch anleiten. Es fühlt sich gut an nicht zu überlegen, wie ich mich heute durch die Ausstellungsräume bewege. Auch L geht es so, dass Sie in alle Räumen zumindest kurz eintreten muss, damit sie nicht das Gefühl hat «etwas verpasst zu haben». Dabei geht es ihr weniger darum alle Werke kurz angeschaut zu haben, sondern mehr darum zu wissen, dass sie überall physisch war. Das finde ich sehr interessant, geht es mir doch meistens ähnlich in Ausstellungen. Während unseres Besuches diskutieren wir verschiedenste Themen die sie mit dem Museums oder der Kunst assoziiert. Ls Perspektive finde ich dabei sehr bereichernd, weil sie selber Kunst studiert hat und auch künstlerisch tätig ist. Der Rhythmus der sich einstellt ist spannend: wir bewegen uns in einem Dialog, so dass die Bewegung fast passiv wird (für mich sowieso, da ich mich von ihr leiten lasse). Die Gespräche schweifen von Thema zu Thema und greifen sich ab und zu bei den Kunstwerke neue Anstösse und Assoziationen. Alles in allem empfinde ich den Besuch als wertvolle Erfahrung, obschon nur einzelne Werke diskutiert wurden. Viel interessanter waren die Gespräche die sich darüber hinaus entwickelt haben.


Mi, 21.04.2021  Tag 18  Folgen

Tracking Tag 18

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Mi, 21.04.2021  Tag 18  Folgen

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Mi, 21.04.2021  Tag 18  Folgen

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Tag 19

Verfremden

Datum: 22.04.2021

Wochentag: Donnerstag

Zeit: 11:00 - 12:30

Aufenthaltsdauer: 1h30

Tagebucheintrag Fokus: Gemütszustand: unmotiviert, uninspiriert Anmerkungen: Der Donnerstag hat sich in meinem Wochenzyklus zu einer Art «auf-was-ich-gerade-Lusthabe-Freipass» entwickelt. In meinem dichten Wochenprogramm hatte ich diese Woche kaum Zeit mich theoretisch weiter zu vertiefen. Ich beschliesse deshalb meinen heutigen Museumsbesuch dazu zu nutzen. Es ist auch auf eine Art interessant die Texte die ich normalerweise stark aufs Museum zu beziehen versuche ins Museum mitzunehmen.

Do, 22.04.2021  Tag 19  Verfremden

Heute lese ich also Bourdieu im Museum. Seine Theorien schwanken für mich immer sehr zwischen abstrakter Sozialtheorie und anwendbarer Raumtheorie. Es interessiert mich also, ob ich mich anders damit befasse, wenn ich im Museum lese. Ich starte im grossen Raum im Obergeschoss und setzte mich auf die Sitzgelegenheit. Schon bald habe ich das Bedürfnis mich zu bewegen, weil einerseits die Aufsicht mich zunehmend auffällig mustert und andererseits weil mir kalt wird. Ich wechsle den Raum und setze mich in den Ankerraum, nicht jedoch auf die Sitzgelegenheit, sondern auf den Fenstersims. Zu Beginn habe ich das Gefühl, dass es hier angenehmer zum lesen ist, bereits nach weniger als 30 Minuten beginnen meine Augen zu schmerzen und mir wird fast ein wenig Sturm. Ähnlich ergeht es mir im dritten Raum in dem ich mich hinsetzte: der Raum im Neubau im UG. Meine Augen sind spürbar gereizt und ich frage mich woran das liegt. Natürlich ist mir bewusst, dass Licht und Temperatur sich nach konservierendem Massstab richten müssen. Trotzdem bin ich überrascht, dass alle drei Räume, alle drei in ihrer Atmosphäre sehr verschieden und auch unterschiedlich ausgeleuchtet, sich so schlecht eignen um zu lesen. Nebst meinen gereizten Augen ist mir auch sehr kalt und ich frage mich, sind diese Räume wirklich so schlecht geeignet zum lesen? Allgemeiner zum verweilen, nicht in Bewegung zu sein? Damit stellt sich eine subtile Raumanweisung ein, die ich bisher noch nie so bewusst wahrgenommen habe. Immerhin sass ich auch schon länger vor einzelnen Werken. Nach einer Weile fühle ich mich körperlich tatsächlich sehr unwohl und ich verspüre ein starkes Bedürfnis das Museum zu verlassen. Nach nur 1.5h aushalten tue ich das auch. Es ist das erste mal, dass ich es alleine nicht länger ausgehalten habe. Als ich dann draussen in die warme Sonne trete, fällt mir auch zum ersten mal so richtig stark auf, wie anders die im Museum herrschende Atmosphäre im Vergleich zu Draussen ist. Wie sehr der Museumsraum einem von der unmittelbaren Umwelt abschottet, einem von der Aussenwelt, ganz wie ODoherty das beschrieb, total abgrenzt. Uninspiriert gestartet, entwickelt sich die heutige Körpererfahrung als sehr intensiv und einschneidend.


Do, 22.04.2021  Tag 19  Verfremden

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Tag 20

Sprechen (Ausnahme)

Datum: 23.04.2021

Wochentag: Freitag

Zeit: 10:00 - 11:30

Aufenthaltsdauer: 1.5h

Tagebucheintrag Fokus: Partizipation, Teilhabe und Repräsentation (Titel Dissertation Julia Büchel) Gemütszustand: gespannt, interessiert Anmerkungen: Ich freue mich auf das Gespräch mit Julia. Sie hat mir im Voraus das Fazit ihrer Dissertation (Aktuell in Korrektur, voraussichtliche Veröffentlichung Herbst 2021) zukommen lassen. Es fühlt sich irgendwie komisch an Julia zu einem Gespräch im Museum einzuladen. So als hätte ich irgend eine Berechtigung den Museumsraum für mich in Anspruch zu nehmen. Und eigentlich tue ich das als Besucherin ja auch auf eine Art und Weise. Das Gespräch, mit einem Leitfaden den ich aus dem Fazit der Dissertation abgeleitet habe, hätte ich genau so gut an einem unabhängigen Ort durchführen können. Für mein Experiment, ist es aber wichtig, dass wir im Museum sind. Auf eine Art fühlt es sich auch ermächtigend an den Raum so sehr für meine privaten Zwecke zu nutzen. Gleichzeitig interessiere ich mich natürlich auch für ihre Perspektive spezifisch auf die Ausstellungsräume im Kunstmuseum Bern, so dass es dann doch wieder Sinn macht sie ins Museum einzuladen.

Das Gespräch mit Julia war sehr aufschlussreich. Das Fazit ihrer Diss spricht sehr viele Aspekte an, die ich in meiner Arbeit thematisiere und ich freue mich darauf die Erläuterung in ihrer Dissertation zu lesen. Ihr fundiertes Wissen zur Museumslandschaft allgemein, zu den aktuellen Diskursen und die Schilderungen ihre Praxiserfahrungen waren sehr bereichernd für meine Arbeit. Als forschende Praktikerin übt sie eine Arbeitspraxis aus, die ich als erstrebenswert sehe. Schnell hat sich auch gezeigt, dass sie mit einer ähnlichen Perspektive wie ich an das Museum herantritt. Die Kombination aus Szenografie und Theorie auf deren Basis sie praktiziert macht ihre Position sehr anschlussfähig für mich. Ich hatte sehr stark das Gefühl, dass wir dieselbe Sprache sprechen. Das Gespräch hat mich während meines gesamten Arbeitsprozesses nachhaltig geprägt. Die wichtigsten Themen die wir besprochen haben, vor allem hinsichtlich meiner Arbeit, habe ich zur Einsicht transkribiert.

Fr, 23.04.2021  Tag 20  Sprechen (Ausnahme)

Julia hat eine sehr spannende Positionierung, weshalb ich sie als Gesprächspartnerin eingeladen habe. Nebst einem Masterabschluss in Neuer deutscher Literatur- und Medienwissenschaft" ist sie auch als Szenografin ausgebildet (Integrative Gestaltung Masterstudio Design, FHNW, HGK, Basel). Gearbeitet hat sie in der Kommunikation, der Dramaturgie, an Forschungsprojekten und als Szenografien. Sie kuratiert und arbeitet nun an Ausstellungsprojekten und Vermittlungsformaten und schrieb parallel ihre Dissertation mit dem Titel Repräsentation – Partizipation – Zugänglichkeit. Theorie und Praxis gesellschaftlicher Einbindung in Museen und Ausstellungen (Veröffentlichung November 2021). Damit arbeitet sie theoretisch und praktisch, weshalb ich ihre Perspektive auf das Museum als tollen Vergleichswert sah.


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Transkribierte Auszüge aus dem Gespräch mit Julia Büchel, Museumsforscherin Gespräch im Kunstmuseum Bern vom 23.04.2021, 10:00 - 11:30. I: Ich J: Julia

Themen Museum allgemein

Audio ab 00:00

Demokratisierungsprozess

Audio ab 11:35

Architektur und Szenografie

Audio ab 29:20

Digitalisierung vs. Partizipation

Audio ab 47:45

Demokratisierungsprozess I: Beim Kapitel des Demokratisierungsprozesses sprichst Du von der Öffnung oder vom System Museum. Was verstehst Du unter dem System Museum?

Fr, 23.04.2021  Tag 20  Sprechen (Ausnahme)

J: Das Museum als Institution ist so wie ein eigener Kosmos, hat seine eigene Funktionslogik. Zumal es traditionell auch hierarchisch aufgebaut ist und sich nicht per se auf der dialogebene ansiedelt. Das sieht man ja zum Beispiel auch daran, dass die Vermittler*innen immer erst zum Schluss miteinbezogen werden und dann noch ein bisschen etwas zu sagen haben wenn sie mit den Schulklassen etwas machen.. I: Also eher als Nachgedanke? J: Genau wie ein Nachgedanke. Persönlich sehe ich das System Museum eher als Vermittlungssystem – Du möchtest ja Inhalte vermitteln und zur Diskussion stellen. Wenn ich von der Öffnung des System Museums spreche meine ich damit, dass da angesetzt werden sollte, dieses System mehr aufgebrochen werden müsste – schon nur intern im Dialog – damit dieser Dialog auch gegen Aussen geführt werden kann. Ich glaube nicht dass die, die ganz Oben sitzen aber nicht nah an der Vermittlungs- oder der Ausstellungsarbeit dran sind wissen was funktioniert und was nicht. I: Das meinst Du damit, wenn Du sogar von einem autoritativen System redest? J: Genau. I: Und auch diese strenge Hierarchie? J: Ja


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I: Wie würdest Du dann z.B. die Rolle der Kurator*in und der Vermittler*in in dieser Hierarchie sehen? Bzw. wie trennst Du persönlich diese Rollen? Du kennst es ja auch von der Praxis, was meinst Du wie interagieren diese beiden Rollen? J: Ich finde das Museum für Kommunikation macht das nicht schlecht. Die haben Kurator*innen die für die Ausstellung zuständig sind, aber sie haben auch ganz klar die Vermittler*innen in ihrem «System», die ganz zentral sind damit der Dialog mit den Besucher*innen funktioniert. Die Vermittlung wird von Anfang an mitgedacht, und zwar in jeder Ausstellung. Wie kommen die Vermittler*innen dazu, wann kommen sie dazu, was machen sie? Wie geht man/frau mit den Besucher*innen um? Sehr oft hast Du eben Museen die fast wie Burgen sind – das heisst sehr geschlossen wirken und die überall Verbotsschilder haben. Solche Verbotsschilder vermitteln ja auch, aber eben eher das Gegenteil von dem was im besten Fall vermittelt werden sollte. Ich beschreibe meine Erfahrung mit der räumlichen Kommunikation der werkspezifischen «Nicht berühren»-Schilder und vereinzelten Absperrungen, bei denen ich erst nach 1.5 Wochen realisiert habe, dass sie nur bei Werken sind, die keinen Glasschutz haben und nicht bei Werken die – so wie ich zu Beginn und auch der zehnjährige Y später vermutet hatten – besonders wertvoll sind.

I: Das ist spannend, weil ich mich auch öfters während meines Experiments gefragt habe, ob das Museum eine Einzelerfahrung oder als soziales Erlebnis gedacht werden soll. Ich habe auch viel Literatur gelesen, in der sehr normativ suggeriert wird, dass der Museumsbesuch eine soziale Erfahrung ist. Gleichzeitig hatte ich hier die letzten drei Wochen den Eindruck, dass die meisten Besucher*innen alleine hier sind bzw. wenn sie zu zweit hier sind, dann schauen sie sich die Werke meist alleine an und tauschen sich nur punktuell aus. Da frage ich mich schon: Was soll es sein? Und gerade für die Vermittlung scheint mir diese Frage sehr zentral. Wie würdest Du diese Frage für Dich beantworten? J: Das ist wahrscheinlich schon die Diskussion, insbesondere bei Kunstmuseen bei denen es immer um das «auratische» Werk geht, also um Dich und das Werk. In dieser Gegenüberstellung geht es dann mehr darum, was das Werk zu Dir sagt, das heisst um den Dialog zwischen Dir und dem Werk und nicht zwischen Dir, dem Werk und allen anderen. Da kann man/frau dann schon sagen, dass das ja auch eine Form von Dialog ist. Das Problem ist dann ja aber, dass immer die gleichen Leute ins Museum gehen, dass da auch eine demografische Einschränkung passiert, weil diese Form von Dialog nur eine sehr kleine Menge von Personen anspricht. Viele Kunstmuseen bleiben bei einem klassischen Ausstellungsmodus, versuchen aber dann mit zusätzlichen Formaten und Veranstaltungen oder auch Konzerten zum Beispiel, anderes Publikum anzusprechen. So werden Museen dem Kompromiss zwischen historischer Tradition und gleichzeitiger Öffnung gegen Aussen gerecht.

Fr, 23.04.2021  Tag 20  Sprechen (Ausnahme)

J: Ich hatte letztes Semester einen Studenten, der meinte, für ihn sei ein Museum ein Ort an dem man/ frau still sein muss – in seinem Fall positiv gewertet. Eben nicht ein Ort an dem man/frau zusammen diskutiert und etwas gemeinsam macht. Der stille Raum ist für ihn Museum, und deshalb mag er Museen auch. Und wir wollen ja eigentlich das Gegenteil.


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I: Das heisst aber dass die Öffnung eigentlich mit anderen Inhalten angestrebt wird? J: Genau I: Das finde ich eben dann auch problematisch.. J: Z.B. Yoga im Museum im Kunstmuseum Basel oder auch im Historischen Museum in Bern. Es stellt sich dann schon die Frage ob man/frau den Menschen wirklich die Kunst näher bringt... Deshalb finde ich es eigentlich spannender vom Werk auszugehen und das Werk zu konzeptualisieren und zu inszenieren als einfach eine unabhängige Aktion im Museum zu platzieren. I: Beim Stichwort Inszenieren würde ich dann gerne gerade an der Szenografie anknüpfen. Spezifisch bei der Frage wieso Szenografie gerade in Kunstmuseen eigentlich nachrangig ist. J: Bei Wissensmuseen haben immer mehr Museen interne Szenograf*innen angestellt. Nicht im Sinne, dass er/sie alle Ausstellungen im Alleingang plant, aber dass er/sie eben von Anfang an mitreden kann. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das in der Tendenz auch ansteigen wird. Ich war an meinem aktuellen Arbeitsort ursprünglich auch als Szenografin tätig, bin aber jetzt auch Teil des Vermittlungsteams. Und es zeigt sich eben schon deutlich, dass es gerade auch bei der Planung von Ausstellungen ein grosser Vorteil ist, wenn Du die gleiche Sprache wie beispielsweise die Architekt*innen oder die Ausstellungsmacher*innen sprichst. Also eine Art technische, angewandte Sprache. Es vereinfacht den Prozess. Dieses ganzheitliche Denken gehört für mich zum Museum dazu. Eben auch Stichworte wie Storytelling und Dramaturgie, die ganz essentiell für das Ausstellen sind. Auch museumsintern ist eben nicht immer ganz allen klar, was Szenografie ist. An meinem aktuellen Arbeitsort wurde ich zum Beispiel auch immer als Grafikerin bezeichnet. Es hat also sogar im ganzen Planungsprozess diverse Schnittstellen, bei denen nicht allen Beteiligten klar ist, was Szenografie eigentlich ist oder für was der/die Szenograf*in zuständig ist.

Architektur und Szenografie I: Räumlich und damit im Aufgabenbereich der Szenografie liegend finde ich eben auch die Museumsarchitektur als System ganz zentral. Gerade hier im Kunstmuseum Bern fand ich die Gegenüberstellung von historischem Bau und «White Cube Ästhetik» interessant. Ganz klassisch sind hier die Impressionistischen Werke als Beispiel im Historischen Bau und die Moderne Kunst im Neubau.

Fr, 23.04.2021  Tag 20  Sprechen (Ausnahme)

J: Das ist ja im Kunstmuseum Basel auch so – das wird meistens genau so gemacht. I: Genau und es macht eben kontextuell auch irgendwie Sinn aber ich frage mich trotzdem ob das immer so unhinterfragt reproduziert werden sollte. Mich würde natürlich an dieser Stelle auch deine Stellungnahme zu solchen standardisierten räumlichen Konzepten interessieren. Bzw. vielleicht betreffend der Gegebenheit, wie sehr der Raum immer mitredet und daher sehr zentral ist, er jedoch öfters gar nicht miteinbezogen wird. J: Ich glaube das ist grundsätzlich ein Problem. Nicht nur bei den Kunstmuseen sondern auch bei den Wissenmuseen. Meistens wird Architektur als Architektur gebaut, das heisst sie steht im Zentrum. Der eigentliche Ausstellungsraum, also der Innenraum ist dann oftmals sekundär. Das ist zum Beispiel auch deutlich am Neubau des Kunstmuseums in Basel, wo man/frau eigentlich nicht in die Wände bohren sollte. Die Funktionsweise des täglichen Museumsbetriebs und die funktionale räumliche Ebene wurde also dem Bau als Architektur völlig untergeordnet. Oftmals haben eben auch die die es bauen gar kein Verständnis von der Funktionsweise eines Ausstellungsraumes. Wenn Du dann


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einen Raum hast, indem man/frau z.B. nur sehr umständlich etwas von der Decke runter hängen kann, dann schränkt es nicht nur die Flexibilität der Ausstellungsräume sondern eben auch die Szenografie bereits extrem ein. I: Apropos Szenografie: Hier finde ich eben auch die Lieblosigkeit wie mit der Sammlung umgegangen wird problematisch. Also zum Beispiel die Werkschilder aus Papier. Ich meine es ist die Sammlung, was kostet es das Museum, saubere Bildunterschriften auf ein Material aufzuziehen. Da es die Sammlung ist, können solche Werkschilder ja dann immer wieder verwendet werden. Solche Sachen vermitteln eben auch… Es wird klar, dass in diese Sammlungspräsentation wenig Mühe gesteckt wurde. J: Es wäre eben auch mit ganz einfachen Mitteln möglich zu inszenieren. Also gerade auch bei Sammlungen die mit ganz klassischen Werken der Bildenden Kunst arbeiten, wenn z.B. schon nur mit der Blickrichtung der Skulpturen gearbeitet wird, kann schon sehr viel Story hergestellt werden. Es muss demnach nicht immer alles gestaltet sein, sondern es kann eben auch allein mit der Platzierung, der Ausrichtung oder der Gegenüberstellung der Kunstwerke Bedeutung erzeugt werden. I: Genau Aspekte wie Platzierung und Ausrichtung bestimmen ja auch immer, wie die Dramaturgie des Raumes funktioniert. Das passiert sowieso. Also eben auch die Skulpturen die hier an der Wand stehen, beeinflussen die Bewegung im Raum. Das Problem sehe ich eher darin, dass eben wenn keine Optionen geboten werden, der Raum etwas autoritäres bekommt. Ich führe aus zu meinen Handbeobachtungen.

Fr, 23.04.2021  Tag 20  Sprechen (Ausnahme)

J: Ja und man/frau fühlt sich ja auch immer beobachtet. Also das «Ich darf nicht» ist sehr dominant in der Wirkungsweise des Raumes. Es wird überall eher verboten als angeregt. Das vermittelt dann das Gefühl dass man/frau gar nichts machen darf oder soll.


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Tag 21

Wahrnehmen

Datum: 24.04.2021

Wochentag: Samstag

Zeit: 11:30 - 13:30

Aufenthaltsdauer: 2h

Tagebucheintrag Fokus: Dokumentation Raumanweiseungen und Reflexion Gesamtexperiment Gemütszustand: ich habe weder Lust noch Motivation ins Museum zu gehen Anmerkungen:

Sa, 24.04.2021  Tag 21  Wahrnehmen

Heute möchte ich mich noch einmal auf die Räume achten, speziell auf ihre Handlungsaweisungen. Während sich die Räume mittlerweile sehr vertraut anfühlen, tun das die Werke gesamthaft nicht. Nur einzelne Werke erscheinen mir vertrauter, näher, zugänglicher geworden zu sein. Ich finde es spannend mir zu überlegen, wie sich mein Zugang zu den ausgestellten Sammlungsobjekten und den Räumen gesamthaft verändert hat. Ich beschliesse also mich noch ein mal von Raum zu Raum zu bewegen und mir dabei zu überlegen, zu welchen Kunstwerken ich innerhalb der letzten drei Wochen einen Zugang finden konnte und wie ich die Räume mittlerweile wahrnehme. Tatsächlich habe ich intuitiv den Eindruck, dass sich meine anfängliche Einstellung zu den einzelnen Räumen im Verlauf der 21 Tage kaum verändert hat. Bezogen auf die Kunstwerke realisiere ich schnell, dass ich speziell in den Räumen im Obergeschoss tatsächlich jene Werke, mit denen ich mich in irgend einer Form länger beschäftigt habe, insbesondere aber auch über die ich Gespräche mit anderen Personen geführt habe, mich am stärksten ansprechen. Ob in Form von einem kurzen Kommentar oder im Rahmen einer längeren Diskussion spielt dabei weniger eine Rolle. Bei den Werken der abstrakten Expressionisten, speziell jenes von Rothko und (das Blaue?) erscheint es mir eine persönlichere Beziehung zu sein. Ich merke aber auch, dass bis heute, nach 21 Tagen die Raumatmosphäre immer noch stark in meiner Interaktion mit den Kunstwerken mitschwingt. Obschon ich mich also als Person in den Räumen wohler fühle, mich an sie gewöhnt haben, kann ich trotzdem nicht ihren Einfluss auf mich ausblenden.


Sa, 24.04.2021  Tag 21  Wahrnehmen

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Sa, 24.04.2021  Tag 21  Wahrnehmen

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Sa, 24.04.2021  Tag 21  Wahrnehmen

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Tag 22

Sprechen (Woche 2)

Datum: 25.04.2021

Wochentag: Sonntag

Zeit: 13:30 - 16:00

Aufenthaltsdauer: 2h30

Tagebucheintrag Fokus: Gruppendynamik Gemütszustand: freudig und interessiert Anmerkungen: Zum Abschluss besuche ich heute das Museum mit vier meiner engsten Freundinnen. Sie haben alle sehr unterschiedliche Bezüge zu Kunstmuseen oder Museen allgemein und zeichnen sich durch sehr unterschiedliche Interessen aus. Weil wir uns alle seid gut zwanzig Jahren kennen und bis heute eng befreundet sind, sehe ich diese Konstellation als tolle Gelegenheit um vor allem im Verhalten und im miteinander sprechen keine hemmende Voraussetzungen zuhaben. Bevor wir ins Museum eintreten, frage ich wie oft die einzelnen Teilnehmerinnen ins Museum gehen. J war noch nie freiwillig in einem Kunstmuseen. Die wenigen male die sie in Museen war, waren es thematische Ausstellungen. L besucht das Museum in der Regel nur in einer Touristinnenrolle, das heisst wenn sie im Ausland ist. R besucht öfters Museen, vor allem thematische Ausstellungen. Im Kunstmuseum spezifisch schätzt sie ein, dass sie ca. 7x im Jahr ist. M schätzt ihre jährlichen Museumsbesuche bei ca. 8x. Davon 30-40% Besuche spezifisch in Kunstmuseen. Die Erwartungen gehen stark auseinander: Während M und R als Haupterwartung Ruhe und persönliche Erfahrungen nennen, erwartet L eine Story, möchte etwas erleben. J erwartet ein spannendes und lehrreiches Erlebnis. Zu dieser Aussage stimmen alle zu. Ich bitte die Gruppe darum das Museum möglichst so zu durchlaufen, wie sie das normalerweise tun würden. Selber nehme ich dabei eine beobachtende Rolle ein, stehe Ihnen aber auch gerne für Fragen zur Seite.

So, 25.04.2021  Tag 22 (Extra)  Sprechen

Unmittelbar nach Eintritt in den ersten Ausstellungsraum (EG) kommt von R und L die Frage, ob es irgendwo einen Saaltext gibt oder sonst in irgend einer Form Informationen. Als ich darauf mit nein entgegne, sagt R, dass sie dann wenigstens den Saalplan benötigt. Beim Übertritt von Museumsshop zu Ausstellungsraum verstummen sofort die Gespräche. Alle bewegen sich als Gruppe und treten gemeinsam in den kleinen Raum mit den Mittelalterwerken ein. Schon in diesem ersten Raum werden die unterschiedlichen Tempi sehr deutlich. J bewegt sich sehr viel schneller als alle anderen und verlässt den Raum schon sehr bald wieder. Bereits nach dem ersten Raum, haben sich alle verteilt und bewegen sich alleine weiter. Das Bedürfnis nach Kontext wird erneut geäussert, die Werke vermitteln sich offensichtlich nicht von selber. Auch die Idee des Audioguides wird genannt, worauf ich sie bitte dieses Angebot heute aussen vor zu lassen und zu versuchen sich selber zu recht zu finden, sich selber Zugänge zu schaffen.


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Tag 22

Sprechen (Woche 2)

Datum: 25.04.2021

Wochentag: Sonntag

Zeit: 13:30 - 16:00

Aufenthaltsdauer: 2h30

Sehr schnell wird die Vielfalt an Verhaltensweisen und individuellen Zugängen sichtbar. Die 4 lassen sich verallgemeinert relativ gut in verschiedene Kategorien von Museumsbesucherinnen zuordnen, die ich wie folgt grob formulieren würde: Die Gegenständliche Je gegenständlicher und detaillierter etwas dargestellt ist, desto besser gefällt es. Lässt sich eher weniger auf abstraktere Werke ein und macht sehr viele pragmatische Bezüge wie ob man auch etwas kaufen kann, welche Bilder sie selber in ihrem zu Hause aufhängen würde und wieso einige Werke hinter Glas sind und einige nicht. Sie kennt Namen von grossen Künstler*innen aber nicht ihre Werke und ist überrascht von dem Abstraktheitsgrad z.B. eines Picassos. Erwartet wurde eine gegenständliche Ästhetik. Die Fantasievolle Sie eignet sich die Werke über persönliche Lebenswelten an, dichtet Geschichten zu den Werken und sucht nach versteckten Elementen. Sie liest nicht die Namen der Künstler*innen, sondern nur die Titel der Werke. Sie braucht Dialog und reisst Gesprächspartner*innen in ihre Fantasiewelt und in ihre Geschichtsspinnerei mit, will ihre Gedanken kommunizieren und sucht den Austausch. Die Intuitive Was gefällt und was nicht ist sehr breit gefasst. Weniger sind es Inhalte und Kontext die ein Werk für sie ansprechend machen, sondern erste Eindrücke, Ästhetik und Ausdruck. Es fällt ihr schwierig in Worte zu fassen warum ihr einige Werke gefallen und wiederum andere nicht. Es kann die Farbigkeit sein, das Motiv, oder die allgemeine Ausstrahlung. Gefallen und nicht gefallen tun Werke aus allerlei Epochen. Die klassische Museumsgängerin Sie agiert sehr museumskonform. Ihre Sprache, ihre Bewegung durch den Raum und auch ihre Zugänge kommen dem sehr nah, was man/frau typischerweise vom Verhalten im Museum erwartet. Sie flüstert, fragt nach Kontext, bedient sich an ihrem eigenen Kontextwissen um sich neue Inhalte anzueignen und ist sehr wissenshungrig. Sie nimmt sich sehr viel Zeit für die einzelnen Werke und möchte auch alles gesehen haben. Auch stellt sie kulturelle und gesellschaftliche Bezüge und Fragestellungen her, die von einem breiteren Kontextwissen und einer Informiertheit zeugen.

Während unserer Besuches versuche ich einzuleiten, dass die Teilnehmer*innen gegenseitig von ihren unterschiedlichen Zugängen profitieren können. Ich stelle ihnen kleine Aufgaben die ich von der Beobachtung ihrer individuellen Zugängen ableite. So bitte ich Sie zu viert in einen fantasievollen Dialog über mögliche Stories zu treten, versammle sie um ihnen zu den Werken bei denen ich das liefern kann kunstgeschichtliche Kontextualisierungen zu geben, lasse sie in Worte fassen warum ihnen ausgewählte Werke sehr gut gefallen und andere wiederum gar nicht. Man/frau könne also sagen ich ermutige sie dazu ihre eigens generierten Verhaltensmuster und Zugänge miteinander zu teilen damit sie gegenseitig davon profitieren können. Es war ein toller Besuch für mich. Nicht nur weil ich viele spannende Sachen beobachten konnte, sondern auch weil ich im Dialog mit ihnen sehr intuitiv verschiedene Zugänge selber erfahren/ausprobieren konnte. Fragen: Welche Möglichkeiten gibt es, Formate zu entwickeln die alle 4 (und potenziell noch viel mehr) «Museumstypen» gleichzeitig ansprechen/abholen können?

S0, 25.04.2021  Tag 22 (Extra)  Sprechen

Diese Vielfalt finde ich unheimlich faszinierend und sehr spannend zu beobachten. Es ist mir auch gut möglich auf einzelne Anliegen zu reagieren, weil nicht alle unbedingt nach einer «korrekten» kunstgeschichtlichen Einordnung fragen und suchen.


So, 25.04.2021  Tag 22 (Extra)  Sprechen

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Impressum Mentorat Jacqueline Baum & Prof. Dr. Priska Gisler Text und Gestaltung Eva Zoë Chen Druck Druckerei Hofer, Bümpliz Masterthesis Eva Zoë Chen 2021 MA Art Education Hochschule der Künste Bern © 2021, CH-3027 Bern. Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Übersetzung. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung reproduziert oder über elektronische Systeme verbreitet werden. Die Genehmigung ist bei der Hochschule der Künste Bern einzuholen.