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ORIENTIERUNGSLAUF Ob schneller Ausdauerläufer, Wanderer oder mit Nordic-Walking-Stöcken – Wettkämpfe und Strecken bieten für jede Leistungsklasse passende Gelegenheiten, sich sportlich zu betätigen. Ab zehn Jahren können Kinder an Wettkämpfen teilnehmen und sich bis ins hohe Seniorenalter messen.

Karte, Kompass und eine Portion Mut

E

s ist dunkel, kalt und das Trikot klebt klamm am Kör-

Bei einem Wettkampf werden Wegpunkte eingezeichnet, die die

per. Mitten im ungarischen Wald steht Arno Bern-

Athleten in einer festgelegten Reihenfolge ablaufen müssen. Mit

hardt und versucht, sich zu orientieren. Der in Öl

einem Transponder hinterlassen sie an den Posten ihren digita-

gelagerte Kompass ist an den Daumen geschnallt,

len Stempel. „Bei einem 10-Kilometer-Rennen liegen die Punkte

die speziellen Laufschuhe sind durchnässt und die Karte weicht

Luftlinie einen Kilometer auseinander – allerdings ist der Weg von

im stärker werdenden Schneetreiben langsam auf. Nordlinien, die

Posten zu Posten in den meisten Fällen länger. Permanent muss

den Längengraden entsprechen, Geländemarken, Bewuchsgren-

man sich entscheiden: Laufe ich zum Beispiel über die Kuppe

Mehr Informationen und kartierte Strecken auf omaps.de, ol-wiki.de und orientierungslauf.de

zen, Wege und Höhenlinien sind immer schwerer zu erkennen –

und klettere die steile Klippe hinunter, habe aber nur 200 Meter

und umso öfter der Orientierungsläufer einen Blick auf seine Kar-

zurückzulegen – oder bewege ich mich auf einer Höhenlinie um

te wirft, desto mehr verwischen die so wichtigen Linien auf dem

die Kuppe herum, habe aber eine viel längere Strecke“, beschreibt

feuchten Papier. „Als dann noch ein Rudel Rotwild an mir vor-

der Orientierungsläufer eine immer wieder zu treffende Entschei-

Orientierungslauf geht auch auf Skiern: Auf einem Loipennetz müssen die Sportler die festgelegten Posten anfahren. Auch Mountainbiker können sich bei Wettkämpfen auf Postenjagd begeben. Sprintdistanzen, die in etwa 20 Minuten zurückgelegt werden, sind genauso üblich wie Marathons, die bis zu sechs Stunden dauern können. Beim TrailOrientierungssport spielt die Geschwindigkeit eine untergeordnete Rolle. Es geht vielmehr darum, von Aussichtspunkten aus Posten zu entdecken, und genau in Karten einzuzeichnen. Der Sport eignet sich deshalb gut für gehbehinderte Menschen.

beigaloppiert ist, wurde mir schon mulmig“, schildert der Sportler

dung beim Sport.

Die Wettkampfdistanzen teilen sich auf in Sprintdisziplinen mit einer Laufzeit um 15 Minuten und Langdistanzen, bei denen Läufer bis zu 90 Minuten unterwegs sein können.

vom Allgemeinen Sportclub 1990 Breidenbach seine Erfahrungen in einem Trainingslager in Ungarn. „Ich traf durch Zufall einen

Karten lesen zu können und das Gesehene auf die Realität zu

anderen Läufer. Gemeinsam haben wir dann das Ziel gefunden.

übertragen, sei sehr wichtig. Orientierungsläufer, die wegen un-

Verlorengegangen ist beim Orientierungslauf noch niemand“,

zähliger Trainingsrunden ihre Umgebung schon im Schlaf durch-

sagt Bernhardt schmunzelnd. „Das kann schon herausfordernd

laufen könnten, müssen kreativ werden, um diese Fähigkeit zu

sein, aber das sind besondere Ereignisse, die man auch beim Ori-

trainieren. „Profis schnappen sich für das Training zum Beispiel

entierungslauf nur selten erlebt.“

eine Zeitungsseite. Auf einer abgesteckten 10-Kilometer-Strecke rennen sie dann durchs Unterholz, müssen dabei die Seite lesen

Im spätsommerlichen Sonnenschein oberhalb des Breidenbacher

und im Ziel zusammenfassen“, sagt Bernhardt. Kniffe helfen da-

Sportplatzes geht es beschaulicher zu. Arno Bernhardt hat den

bei, sich im Gelände zu orientieren. Eine Bank am Wegesrand,

Mittwochs-Lauftreff zu einer kleinen Einführung in den Orientie-

ein markanter Hügel oder eine dichte Brombeer-Hecke, die auf

rungslauf eingeladen und verteilt gerade die speziellen Karten und

der Karte eingezeichnet sind, können Orientierungshilfen sein.

Kompasse unter den in bunte Laufklamotten gekleideten Läufern.

„Anhand des Maßstabs der Karten kann ich nachprüfen, welche Distanzen ich zurückzulegen habe. Bei mir sind etwa 40 Doppel-

Karte und Kompass – eigentlich erfunden, um Durchblick zu er-

schritte eine Strecke von 100 Metern – dieses Wissen hilft mir da-

möglichen – werden anfangs nur mit fragenden Blicken bedacht.

bei, mich im Gelände zu orientieren“, beschreibt der Wettkämpfer

„Auf den Karten seht ihr alles Wichtige eingezeichnet. Feste Wege,

wichtiges Grundlagenwissen. Grob- und Feinorientierung und

Waldwege, Schneisen, dicht verwuchertes Unterholz, aber auch

die Fähigkeit, Geländeformen zu lesen, sei genauso wichtig wie

Höhenlinien, besondere Orientierungsmarken, Zäune und Häu-

eine schnelle Laufleistung. „Im Wettkampf ist man etwa die Hälfte

ser“, beschreibt Bernhardt die Karten.

der Zeit, die man für die gesamte Strecke braucht, mit Orientieren beschäftigt“, schätzt Bernhardt. „Die meisten Fehler beim Navigieren passieren aber, wenn man sich zu sicher ist.“

Freizeit Aktiv 29.09.2018  
Freizeit Aktiv 29.09.2018  
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