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Garagentüftelei ist nicht gut? Von ­wegen! Wir waren zu Besuch in den USA, um zwei Weltklassefirmen zu ­besuchen, die in einer Garage ent­ standen sind – und sich zum Teil sogar noch dort befinden! Text: frank weckert I fotos: weckert, boyce, wolter

Von Rockbands kennt man die Story ja: Ein paar Freunde tref­ fen sich in der elterlichen Garage, schrammeln etwas auf ih­ren Instrumenten herum, und ehe man sich’s versieht, sind aus den pickligen Teenagern weltbekannte Rock­stars gewor­ den. Doch auch im Motocross-Business kann dieser Werde­ gang durchaus klappen. Zwei Marken, bei denen das so war, sind Hinson Kupplungen und Troy Lee Designs. Nahezu jedes halbwegs professionelle Rennteam setzt auf die Kupplungs­ körbe und -komponenten von Hinson. Und der Name Troy Lee sollte nun wirklich jedem schon mal untergekommen sein, sei es eines der knalligen Helmdesigns, die MX- und Freizeit­ bekleidung oder in Form eines erfolgreichen Renner­geb­nisses der Teamfahrer im amerikanischen MX-Zirkus. Wir waren neu­ gierig, wer und was sich hinter den Kulissen verbirgt, und haben bei einem USA-Abstecher kurz mal vorbeigeschaut.

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01 I Am Computer werden die neuen Teile konstruiert 02 I Aus dem vollen Alu-Strang... 03 I ... werden kleine Stücke geschnitten... 04 I ... aus denen die Teile, zum Beispiel der Mitnehmer... 05 I ... oder die Kupplungsdeckel, gefertigt werden 06 I Die Kupplungsdeckel vor und nach dem Lasern 07 I Schnell noch verpacken und ab in die Post 08 I Der legendäre erste Hinson-Kupplungskorb 09 I Reichlich MX-Prominenz wie Ryan Dungey setzt auf Hinson

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Hin(son) und weg Das Firmengebäude der Kupplungsgötter von Hinson zu finden ist gar nicht so einfach. Wie so häufig in den USA liegen die Gegensätze so nah: Auf der einen Seite gibt es riesige Beton­ gebäude wie bei Pro Circuit und Fox und dann gibt es diese kleinen, versteckten Hinterhof­ garagen, in denen Pomp und Schnickschnack nichts zu suchen haben. Dort wird getüftelt, dort riecht es nach Öl und Metall. Hinson ge­ hört zu Letzteren. Erst nach mehrmaligem Nach­fragen finden wir die zwei Hinterhofga­ra­ gen-Eingänge und nur ein kleiner Sticker zeigt an, dass wir hier richtig sind. Wir öffnen die Tür von Unit E. Der Empfangs­ be­reich ist eher als mickrig zu bezeichnen, bei ge­nauerem Hinschauen merkt man aber sofort, dass hier Motocross-Geschichte geschrieben wurde. Überall hängen Number-One-Plates, ein paar Helme stehen herum, und wenn man ge­-

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nauer hinschaut, dann liest man dort Namen wie Reed, Dungey & Co. In der Glasvitrine ste­ hen Kupplungs­körbe und -deckel, auf denen Namen wie Ste­wart, McGrath und Carmichael stehen. Wow! Aufregung macht sich bei uns in diesem kleinen Büro breit. Wir sind nicht angemeldet – hoffentlich passt das den Leuten hier überhaupt! Aber sofort werden wir in typisch kalifornischer Manier su­ pernett von ­Dave Dye in Empfang genommen. Welche Po­si­tion Dave in dem Familienbetrieb, der von Wayne Hinson 1992 gegründet wurde und noch heute im Besitz der Familie ist, inne­ hat, ist nicht klar, denn auf der Visitenkarte steht nur sein Name, nicht „HypersuperdupaManager“, sondern einfach nur sein Name – sympathisch. Man merkt sofort, dass Dave wichtig ist, denn er strahlt diese gewisse Kom­ petenz aus, und während er die Vitrine öffnet

und uns einen leicht angerosteten Kupplungs­ korb zeigt, fängt er an, in Hinsons Firmenge­ schichte zu schwelgen. Begonnen hat alles 1989 mit Quads. Ein Freund von Wayne Hinson kämpfte um die ame­­rikani­ sche Meisterschaft, aber nach circa zwei Drit­teln der Renndistanz flog diesem – wie auch den meisten seiner Gegner ­­– der Kupplungs­ korb um die Ohren. Wayne ging in seine Garage und fräs­te den ersten Kupplungskorb, der die brutalen Kräfte der Maschine seines Kum­pels aushalten sollte. Der Korb hielt und sein Kum­ pel gewann die Meisterschaft. Genau diesen Korb hält Dave gerade voller Stolz in Händen. Wayne baute die ersten Körbe aus Stahl, da die originalen Körbe aus zu dünnem Aluminium ge­ fertigt waren. Das Problem war aber das zu ho­ he Gewicht von Waynes Körben, also entschied er sich für eine härtere Aluminiumlegierung, die

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noch in einem speziellen Verfahren gehär­ tet und somit „kugelsicher“ gemacht wurde. Nach und nach kamen immer mehr Leute und wollten solch einen Kupp­lungskorb. Wayne war sich nicht ganz sicher, was er tun sollte, schließlich wollte er seinem Freund zu weiteren Meisterschaften verhelfen. Doch für den war das kein Prob­lem und so star­te­ te Wayne nach einigen Jah­ren in seiner Ga­ra­ge die Firma Hinson Clutch Components in Upland, Kalifornien. Dave führt uns durch eine Tür und wir sind im Metallverarbeitungswunderland. In Gara­

ge eins werden die riesigen Alu-Blöcke ange­ liefert, aus denen jedes Teil aus dem Vollen gefräst wird. Hier stehen nebeneinander mo­ derne computergesteuerte CNC-Maschinen und Maschinen aus dem Zweiten Weltkrieg, die Spindeln und Zahnkränze fräsen. Über­ wacht wird alles aus dem ersten Stock von einem Ingenieur, der gerade eine Rennkupp­ lung für einen Straßenrennfahrer entwickelt, während wir in sein Büro reinschneien. Dave erklärt uns: „Zuerst kommen die Alu­mi­ nium-Blöcke hier an, werden zugeschnitten und dann zu den unterschiedlichen Maschi­ nen gebracht. Hier gibt es Maschinen, die nur Kupplungsdeckel fräsen oder nur Körbe bearbeiten. Dann werden die fertigen Rohlinge gehärtet und mit einer Laserfräse be­kom­ men sie das jeweilige Logo eingraviert. Man­ che Teams wollen eine Sonderanfertigung,

so wollte Ken Roczen seinen Kupplungs­ deckel mit seinem Namen und seiner Start­ nummer versehen haben. Dann werden sie vor Ort verpackt und im Warehouse einge­ lagert. Alles wird hier ‚in house’ in Kalifornien gefertigt.“ Während wir in die Verpackungs­ abteilung kommen, bringt ein Mitarbeiter die eingeschweißten Kupplungsdeckel in Form für den Versand. Wir gehen zurück in den kleinen Empfangs­ raum und Dave zeigt uns die Sonderanferti­ gungen, die sie für McGrath gemacht haben. Dieser konnte mit Hinson-Kupplungen seine ersten Meis­terschaftserfolge erringen, was nur einige von 209 Titeln waren, die Hinson innerhalb von nur 19 Jahren zur erfolgreichs­ ten Motorrad­komponenten-Firma der USA gemacht hat.

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www.motorex-motoline.de

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01 I Kreatives Chaos 02 I Die Helmlackierabteilung hat einiges zu tun 03 I Der Race Team Workshop befindet sich direkt nebenan 04 I Die Lackierer sind alle auf unterschiedliche Dinge spezialisiert 05 I Jeff Ward hat seine alten KX bei Troy untergestellt 06 I Auch Travis Pastranas Barspin-Bike steht im Showroom

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Wir bleiben Troy Auch bei Troy Lee und seiner Firma Troy Lee De­signs fing alles in einer kleinen Garage an, genauer gesagt in der Garage von Troys El­tern. Hier entstand damals in seinen High-SchoolJahren die Passion für die Kunst mit der Air­ brush-Pistole. Anfangs besprühte Troy die Hel­ me seiner Freunde, mit denen er Offroad-Ren­ nen, seine zweite Liebe, fuhr. Troy interes­sierte sich für Offroad-Rennen jeglicher Art, egal ob Motocross, Sandbahnrennen, Hillclimbing oder Supermoto. Diese Passion hat Troy bis heute behalten und fährt selbst noch aktiv Motocross, mal abgesehen von seinem eige­ nen Su­per­cross-und-Outdoor-Race-Tam, das neben dem Geico und Pro Circuit Team zu den erfolg­reichs­ten in den USA gehört. Von den lackierten Helmen für Freunde aus der Garage heraus entwickelte Troy ein kleines Im­pe­ri­um und mittlerweile werden bei Troy Lee Designs Helme und Race-Equipment für die „schnells­ten Rennfahrer der Welt“, so Troy Lees Werbeslogan, produziert. Barrichello, McGrath und Pastrana sind nur einige der Namen, die man liest, wenn man durch die Workstations der Troy-Lee-Airbrusher geht. Troy Lee lackiert

Helme für fast alle Top-Rennfahrer der Welt, egal ob es sich dabei um Motorrad-Grand-Prix, Supercross, Nascar oder Formel 1 handelt. Es gibt keinen anderen Airbrusher in der Renn­ welt, der solch eine Reputation hat wie Troy Lee. Mit vielen Fahrern ist Troy persönlich be­­freundet. Geht man in dem Firmengebäude in Corona auf die Toilette, stehen da Shaun Pal­ mers Rennski, mit denen er den Skiercross bei den Winter X Games gewonnen hat. Troy Lee hat auch Shauns Race-Truck, einen überdimen­ sionalen Rockstar-Bus, designt. Natürlich stehen wir nicht mehr in der Garage von Troys Eltern, sondern befinden uns im Fir­ mensitz von Troy Lee Designs in Corona, dem Herzen der kalifornischen Motocross-Industrie. Hier ist jeder wichtige amerikanische TeilePro­duzent oder Klamottendesigner nur einen Steinwurf entfernt. Wie es sich für eine Firma à la Troy Lee Designs gehört, ist das Gebäude keine 08/15-Konstruktion, sondern ein altes Sägewerk mit all seinen Vor- und Nachteilen. Troy hat vor einigen Jahren seine Reputation im Rennzirkus genutzt und angefangen, eine eige­ ne Bekleidungskollektion für Motocross und

Mountainbiking zu kreieren, zu entwickeln und in die ganze Welt zu vertreiben. Das geschieht alles aus dieser genialen Location in Corona he­raus. Die Bekleidungslinie macht mittlerwei­ le fast 80 Prozent des Umsatzes von Troy Lee Designs aus und die Airbrush-Sparte dient eher zu Promotionzwecken. Aber natürlich ist dies der Ursprung der Company, an dem auch Troys Herz hängt. Der große Eingangsbereich ist eine Mischung aus Museum und Showroom. Hier hängen alle neuen Kollektionen zwischen alten MotocrossMaschinen, Mountainbikes und anderen Sport­ geräten von Legenden wie Palmer und Jimmy Deaton, Helmen und Ausstellungsstücken von Jeremy McGrath und anderen Stars und Kunst­werken aus der eigenen Schmiede. Es ist un­ glaublich, in jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken! In den Räumen hinter diesem Mu­se­umsraum liegen die Arbeitsplätze der Air­brush-Künstler. Es riecht nach Lack und Lö­sungs­mitteln und überall stehen halb fertige Helme. Hier werden auch die Spezialan­ fer­ti­­gun­gen der von Troy Lee Designs gespon­ serten Fahrer in Handarbeit gefertigt, Namen

und Nummern auf die Jerseys gedruckt etc. Da­hinter liegt der Workshop des Race-Teams, in dem die Maschinen von Christian Craig und Will Hahn für die nächsten Supercross-Rennen aufgebaut werden. Während in den Airbrush-Ar­ beitsstätten eine Art kreatives Chaos herrscht, riecht es hier nach Öl und Bremsenreiniger und vom klinisch reinen Boden könnte man guten Gewissens essen. Man merkt, hier wird Racing durch und durch gelebt und zelebriert! Die E­rfolge des Troy Lee Designs/Lucas Oil Teams können sich auf jeden Fall sehen lassen. Mit leuchtenden Augen verlassen wir auch die­ se Firma wieder und sammeln auf dem Rück­ flug nach good ol’ Germany nicht nur ein paar mehr Flugmeilen, sondern auch viele Ideen, was wir in unserer eigenen Garage so zustande bringen könnten, um vielleicht selbst einmal den MX-Olymp erklimmen zu können...

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