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Vorwort. Das ABC der Gefühle war mein erstes Projekt auf hierschreibenwir.de. Nun also Redewendungen einmal anders. Das Prinzip war das Gleiche: Die User schrieben ihre Kurzgeschichten zu verschiedenen Redewendungen, insgesamt gab es zehn Schreibaufgaben. Nun ist wieder fast ein Jahr vergangen. Ein Jahr, gespickt mit ziemlich vielen tollen Ideen, grandiosen Kurzgeschichten – und zehn Siegergeschichten. Denn immer konnte es nur einen Gewinner geben, was oftmals keine leichte Entscheidung war. Nun aber stehen die Siegertexte fest und ich bin genauso stolz wie auf mein erstes Baby, dem ABC der Gefühle. Alle SchreiberInnen haben ihr bestes gegeben und da ich weiß wie viel Arbeit so eine Kurzgeschichte macht, bedanke ich mich an dieser Stelle bei allen Usern, die teilgenommen haben. Ebenso gebührt mein Dank Pascal Hein, ein wirklich talentierter Fotograf, der uns das Cover designt hat. Schaut doch mal auf seine Seite mit wunderbaren weiteren Fotos: http://vipallica.deviantart.com/.

Und nun viel Spaß mit Redewendungen einmal anders! Euer Dexter (Alexander Karl)

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Inhalt Der frühe Vogel fängt den Wurm ................................................................... 4 Nur über meine Leiche .................................................................................... 5 Unter einer Decke stecken .............................................................................. 8 Was sich liebt, das neckt sich ....................................................................... 11 Glück im Spiel, Pech in der Liebe ................................................................ 13 Rache ist süß ................................................................................................. 16 Kann ich mal mein Leben kurz speichern und was ausprobieren? ............... 19 Mein Gehirn wäre ein Fest für jeden Psychologen. und Aus den Augen, aus dem Sinn........................................................................................................ 21 Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun (Molière)........................................................................... 23 Ich bin dann mal weg. ................................................................................... 25

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Der frühe Vogel fängt den Wurm Polarlicht – Bunte Tinte

Ich schreibe deinen Namen. Mit bunter Tinte. Meine Hände zittern, die Schrift ist verwackelt. Grün. Du hast mir Hoffnung gemacht. Ein Lächeln. Ein Blick. Eine Berührung. Ein Wort. „Anna.“ Mein Name. „Ja, Marvin?“ Dein Name. Er klingt so angenehm in meinem Kopf. Er ist so wie du. Wunderschön. „Magst du mich?“ Wie lange habe ich auf diese Frage gewartet. Gelb. Du bist mein Sonnenschein. Ein Lachen. Deine Augen lachen mit. „Warum fragst du?“ „Och, einfach nur so.“ „Wenn du meinst. Magst du mich denn?“ „Warum fragst du?“ „Einfach nur so.“ Er lachte. Ich lachte. Dann drehte er sich um. Und ging. Blau. Du bist ein Engel. Mit einem wundervollen Gesichtsausdruck küsst du sie. Dann siehst du mich traurig an. „Es tut mir leid.“ „Was tut dir leid?“, frage ich und schlucke. Tränen wollen in mir aufsteigen. Ich blocke sie ab und besehe meine Wunden. Mein Herz blutet. Als du sie wieder küsst, schiebe ich leicht meinen Ärmel hoch. Die Narben schillern rot und blutig. Dabei habe ich sie mir gestern hinzugefügt, sie sind nicht frisch. Du siehst sie nicht. Sie schon. Ich sehe ihren Blick. Sie wendet ihn schnell ab. Erschrocken stößt sie dich von ihr. Wäre ich doch schneller gewesen. Hätte ich es dir früher gesagt! Dann hätte sie nicht… Du hättest nicht… Es war doch alles so perfekt, warum hast du es zerstört? Warum hast du sie geküsst? Ich schaue mir die Wunden nochmal an. Sie glitzern blutig, sind ganz frisch, ich habe sie erst vorhin wieder geöffnet. Orange. Wie die Flamme in mir. Es klingelt zur Pause. Sie kommt rein. Deine Augen glitzern, als du sie siehst. Sie küsst dich – oder küsst du sie? – und Hand in Hand geht ihr raus. Draußen sehe ich euch eng umschlungen stehen. Frisst sie dich? Es brennt. In mir. Das tut weh, die Flamme schmerzt. Sie lodert auf, als sie dir etwas ins Ohr flüstert. Rosa. Du bist mein Herz. Mein Herz tut weh. Deine Haare stören, weißt du das? Aber dieses kleine rote Rinnsal auf deiner Stirn steht dir hervorragend. Ich schreibe deinen Namen. Mit deinem Blut. Meine Hände zittern, die Schrift ist verwackelt. Rot. Wie ‚ich liebe dich„. Du hast gesagt, dass du mich liebst. Ich hab„ gesagt, ich liebe dich. Doch es war zu spät. Sie war da. Du gehörtest ihr. Hätte ich es dir doch früher gesagt! Hättest du es mir doch früher gesagt! Aber sie war schneller als ich. Sie hat es dir zuerst gesagt. Dafür hasse ich dich. Und sie. Ich schreibe deinen Namen. Mit meinem Blut. Meine Hände zittern, die Schrift ist verwackelt. Dunkelrot. Wie das Blut, das dein blaues T-Shirt tränkt. Es ist lila. Es passt jetzt zu deinen verklebten, braunen Haaren. Jetzt bist du mein.

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Nur über meine Leiche Coco94 – Grenzen

Müde lehnt Roberto sich an die schmutzige Wellblechwand. Er spürt, wie sie sich hart gegen seinen Rücken drückt, ihn daran erinnert, dass sie unpassierbar ist. Der Wind ist kalt in dieser Nacht. Mit scharfen Klauen hat er die Wolken vertrieben, so dass sich nun ein klarer Sternenhimmel über ihm spannt. Mit klammen Fingern schlägt Roberto den Kragen seiner khakifarbenen Jacke hoch, die ihn als Wächter auszeichnet. Als Beschützer der Staaten. Weit unten sieht er die Lichter von San Diego leuchten, die sich eng an einander schmiegen, als würden sie versuchen, sich so vor der kühlen Nacht zu schützen. Eines der Lichter gehört zu seinem Haus, in dem seine Frau vermutlich grade die Kleinen ins Bett bringt. Er seufzt. Er hasst den Nachtdienst, denn es ist die Dunkelheit, die sie vorstoßen lässt. Wenn sich schwarze Schleier über den Himmel gelegt haben, kommen sie, in der Hoffnung unentdeckt zu bleiben. Aber sie werden immer gefunden, immer. Er wünscht sich, sie wären klüger. Geschickter. Aber sie sind unerfahren und oft jung, so jung. Nur wenige schaffen es. In der Ferne tauchen zwei Scheinwerfer auf, die sich in Serpentinen den schwarzen Berg hinunter bewegen. Sie haben also wieder welche. Roberto fröstelt bei dem Gedanken. Es ist, als würde er verblichene Fotos betrachten, die seine Geschichte erzählen. Müde schließt er die Augen und wünscht sich in die Arme seiner Frau. Schließlich hält ein großer Jeep vor ihm. Staub wirbelt auf und lässt die aussteigenden Menschen zu gesichtslosen Schemen werden. Schattengestalten. Zwei seiner Kollegen kommen auf ihn zu, die einen Jungen flankieren. Er ist fast noch ein Kind und schon allein. Roberto fragt sich, was mit seiner Familie ist. Der Junge humpelt leicht und unter seinen Augen liegen dunkle Ringe. Vermutlich ist er schon seit Tagen unterwegs. „Wir haben einen“, sagt der eine Grenzwächter. Als ob er das nicht sehen würde. Roberto nickt nur und geht auf seinen Wagen zu. Dann hält er die Tür auf, damit die beiden anderen den Jungen auf den abgewetzten Beifahrersitz verfrachten können. Wie eine leblose Marionette hängt er in den Armen der beiden Polizisten, hat noch nicht einmal mehr die Kraft sich zu wehren. Der eine bietet Roberto eine Zigarette an. Er schüttelt den Kopf. Dann steigen die beiden Grenzwächter wieder in den Jeep und fahren zurück in die Berge. Roberto bemüht sich, nicht auf die Traumscherben zu treten, als er in das Auto steigt. Er wendet sich dem Jungen zu, der apathisch aus dem Fenster starrt. Sein Blick ist auf die Wellblechwände gerichtet, hinter denen doch nichts so ist, wie er hoffte. „Lass mich deine Füße sehen“, murmelt Roberto und streckt eine Hand aus. Er hat die Löcher in seinen dünnen Stoffschuhen gesehen und er kann sich die Wunden vorstellen, die der glühendheiße Sand in die Fersen des Jungen gebrannt hat. Sie wissen nichts, haben keine Ahnung was auf sie zu kommt. Blind laufen sie ins Nirgendwo und erst wenn die Sonne ihnen das Wasser stiehlt und der Boden gnadenlos ihre Füße festhält, bemerken sie, dass sie das Unglück nicht hinter sich lassen, sondern direkt darauf zu laufen. Der Junge ignoriert Robertos Geste, lässt ihn verschwinden. „Ich will dir nur helfen. Ich kann deine Schmerzen ein wenig lindern, bis wir da sind.“ Abrupt wendet sich der Junge ihm zu und mustert ihn feindselig. „Wo bringen sie mich hin?“, fragt er in gebrochenem Englisch, „Ins Gefängnis?“ „Auffangstelle ist der geläufigere Begriff.“ Roberto sieht, wie ihm Tränen in die dunklen Augen steigen und verzweifelt rauft er sich das schwarze Haar. Dann beginnt er sich langsam vor und zurück zu wiegen. „Warum?“, flüstert er. „Warum, warum…“ 5


Roberto legt eine Hand auf seine Schulter und versucht beruhigend auf ihn einzureden. Wie er das alles hasst. „Fassen sie mich nicht an“, weist ihn der Junge zurecht und lehnt sich von Roberto weg, um seiner Berührung zu entgehen. Roberto weicht zurück. Schweigend steckt der den Schlüssel ins Zündschloss und fährt los. Immer weiter an der Grenze entlang, Richtung Zivilisation. Er versucht den Jungen nicht mehr anzuschauen, er will den Vorwurf in seinem Blick nicht sehen. Er wird ihm nicht gerecht. Er hasst diese Fahrten zu zweit. Wenn zu wenige dienstbereite Polizisten da sind, dann lassen sie einen mit Einzelpersonen allein. Es ist zu intim, zu nah und gefährlich. Aber Robertos Beschwerden an die höhere Instanz blieben bis jetzt unbeantwortet. Es ist für ihn schon fast ein Ritual geworden, sich sonntagabends mit einem Glas Wein in seinen Lieblingssessel zu setzen und seine Liste von Beschwerden fortzuführen. Es gibt so viele Ungerechtigkeiten, dass ihm manchmal ganz schlecht davon wird. Eines Tages wird er die Liste jemandem schicken. Jemandem, der die Fähigkeiten hat, etwas zu … Ein Schrei reißt Roberto aus seinen Gedanken und er schafft es gerade so, dem Faustschlag auszuweichen. Erschrocken hält Roberto an und wehrt die Fäuste des Jungen ab, der versucht, ihn mit Schlägen zu traktieren. Aus weit aufgerissenen Augen sieht er ihn an und sein Gesicht ist mit einer Mischung aus Dreck, Tränen und Rotz verschmiert. Roberto schluckt und nimmt die kleinen, kraftlosen Hände des Jungen in seine. „Tut mir Leid“, flüstert er und holt Handschellen aus seiner Tasche. Plötzlich ist der Junge wieder leblos und ruhig. Ohne eine Miene zu verziehen sieht er zu, wie sich das höhnisch glitzernde Metall um seine Handgelenke legt. Roberto fühlt, wie sich wieder das Bleigewicht auf seine Brust legt und das Atmen fällt ihm immer schwerer. Dann trifft ihn der kalte Blick des Jungen. „Warum tun sie das?“- „Weil es mein Job ist“, antwortet Roberto. „Ihre Arbeit ist es also, die Leben anderer Leute zu zerstören.“ Roberto erschrickt über sein eigenes Lachen. Grausam klingt es und bitter. „Wie hast du dir dein Leben hier denn vorgestellt? Du hast keine Familie, keine Arbeit, nichts. Denkst du, sie rennen dir hinterher und bewerfen dich mit ihrem überschüssigen Geld? Hast du das wirklich gedacht?“ Roberto beißt sich auf die Zunge. Ja, hast du das gedacht, fragt er sich. „Nein. Aber hier gibt es Arbeit. Ich würde meiner Familie Geld schicken und sie unterstützen, vielleicht könnten sie sogar nachkommen. Hier gibt es Wohlstand und Entwicklung, Bildung und Chancen.“- „Ja du hast Recht. Und dir als illegalem Einwanderer ohne Papiere stehen diese Türen natürlich alle offen. Du musst nur zugreifen.“ Robertos Spott ist verletzend, das sieht er in den Augen des Jungen, der versucht unbeteiligt zu tun. „Ich hätte schon einen Weg gefunden“, meint er trotzig. Wenn seine Handschellen ihn nicht bewegungsunfähig gemacht hätten, hätte er wahrscheinlich die Arme verschränkt. „Hättest du nicht. Alles, was du getan hättest, wäre auf der Straße zu leben, in ständiger Angst erwischt zu werden. Du hättest in Abfällen gewühlt und auf Parkbänken geschlafen, während dich das Heimweh innerlich zerreißt. Vielleicht hättest du irgendwann als Dealer Karriere gemacht, der seinen Stoff am liebsten selbst verwendet und dann wäre alles vorbei gewesen. Der Amerikanische Traum ist wie eine Seifenblase, kapierst du das nicht? Aus der Ferne schillernd schön, aber wenn du danach greifst, zerplatzt sie. Du kannst nicht gewinnen. Am Ende bleibt nur die Frustration, in deren Grau du dich verlieren wirst.“ Hast. Der Junge schweigt nachdenklich und Roberto fährt weiter. Vermutlich werden sich schon alle fragen, wo er bleibt. Die Stille dehnt sich wie klebriger Kaugummi und die stickige Luft im Auto riecht nach Hoffnungslosigkeit. 6


„So wie du“, murmelt er schließlich. Dieser Faustschlag hat gesessen, das sieht der Junge, und ein selbstgefälliges Grinsen umspielt seine Lippen. Robertos Knöchel werden weiß, als er das Lenkrad fester umklammert. Er versucht sich auf seine Umgebung zu konzentrieren, die ersten Straßenlaternen erleuchten die inzwischen asphaltierte Straße. Bald sind sie da. Doch Licht vertreibt nicht dunkle Gedanken. Meist nährt es sie nur. Lässt sie entflammen. Roberto kurbelt das Fenster runter, doch auch der eiskalte Fahrtwind vermag nicht, Erinnerungen fortzuspülen. „Wenn ich aus Erfahrung spreche, dann lässt es meine Worte doch nur wahrer werden“, meint Roberto schließlich. „Aber nicht besser. Vielleicht sogar schlimmer“, antwortet der Junge, ohne ihn anzusehen. „Ich verstehe dich“, flüstert Roberto und seine Stimme zittert. „Ich will nicht verstanden werden. Nicht von Ihnen.“ Die Mauer aus Feindseligkeit, die der Junge Stück für Stück aufbaut, wächst weiter. Und wieder wird es still in dem kleinen Auto. Schließlich hält Roberto vor einem grauen Gebäude, das sich neben der Straße in die Dunkelheit duckt wie ein Tier auf der Lauer. Roberto schnallt sich ab. „Warte“, meint er, als der Junge ungeschickt versucht, die Tür trotz Handschellen zu öffnen. Roberto greift in seine Jackentasche und holt ein Foto hervor, das vom vielen Herausholen, Falten und Aufklappen schon ganz zerknickt ist. Er hält es dem Jungen unter die Nase, der es kurz betrachtet. Es zeigt Roberto am Tag der Toten. Er steht vor einem heruntergekommenen Haus, in einem Arm eine Frau und vor sich zwei Kinder, die begeistert bunte Totenfiguren in die Luft strecken. Es waren andere Zeiten, denkt Roberto. Und sie sind schon zu lange vergangen. „Warum?“, fragt der Junge und mustert Roberto durchdringend. „Ich wollte nur, dass meine Kinder bessere Chancen auf ein gutes Leben haben.“ „Das meine ich nicht“, flüstert der Junge. Roberto weiß das. Und plötzlich kommt es ihm blöd vor, sich offenbart zu haben. Er wusste doch, was danach kommen würde. Diese schmerzhaften Worte, die in seiner Brust stechen. „Ich bin amerikanischer Staatsbürger. Ich leiste einen Dienst für das Land, in dem ich zuhause bin.“ „Wie kannst du…“ - „Ja, verdammt, es tut weh!“, unterbricht Roberto den Jungen. „Es lässt mein Herz in immer kleinere Teile brechen, weil ich mich so fühle, als würde ich jeden Tag erneut zum Verräter werden. Dabei bewahre ich euch doch nur vor dem, was ich durchgemacht habe. Ich bin Amerikaner. Und ich bin jemand, dessen Weg von Enttäuschung und Demütigung gepflastert wurde. Es begreift niemand, aber ich tue nicht nur meiner Heimat, sondern auch meinem Vaterland einen Dienst.“ Roberto bemüht sich, die Tränen zu verbergen, die sein Gesicht zu zeichnen drohen und wendet den Blick von dem stummen Jungen ab. Plötzlich reißt ein Polizist die Beifahrertür auf und starrt misstrauisch in den Wagen. „Was machst du hier so lange? Warum bringst du den Jungen nicht rein?“ „Tut mir Leid, ich habe nur seine Füße versorgt“, murmelt Roberto. „Bist du fertig damit, seine Mutter zu spielen?“, fragt der Polizist spöttisch und zerrt den Jungen aus dem Wagen. Niemals wehrt er sich. Roberto will die Tür hinter ihm zuschlagen, als der Junge sich noch einmal umdreht. Viel Glück. Zögernd und lautlos formt er die Worte und lässt sie als Abschiedsgruß zurück. Dir auch, namenloser Junge, denkt Roberto, dir auch.

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Unter einer Decke stecken Cutiepie – Mariella

Wir saßen uns gegenüber. Er hielt meine Hand, sah mir in die Augen. Im Hintergrund klirrten Gläser. Das war der Auslöser. Der Moment, an dem er sie zum ersten Mal ansah. Als er seine Augen von meinen löste, und ihr einen lächelnden Blick zuwarf. Ich hielt seine Hand weiter fest. Warum tat er es? Sie wusch doch nur ab. Doch als ich sie anblickte, gefroren meine Gedanken. Grüne, perfekt getuschte Augen. Glänzende, schwarze Locken. Sinnliche, volle Lippen. Aber vor allem eins: Jung. „Ja“, brach ich das Schweigen, „das ist Mariella.“ Er ließ seinen Blick nicht von ihr ab, sodass ich ihn gewaltvoll wegreißen musste. „Komm, lass„ uns ins Wohnzimmer gehen, Mariella soll in Ruhe ihren Abwasch zu Ende führen.“ „Ich liebe dich“, sagte er, „ich liebe dich mehr als alles andere auf dieser Welt.“ „Ich dich auch! Verlass mich nicht, okay? Ich will dich nie, nie verlieren müssen.“ Er küsst mich sanft. „Warum sollte ich? Du bist das Schönste was es geben kann.“ „Wirklich?“ Immer wieder und wieder sah er zur Küche zurück, egal was ich auch versuchte. Er hörte mir nicht zu, bis ich sagte: „Geh jetzt.“- „Warum?“ -„Geh einfach.“ Ich fühle mich betrogen, verraten. In den nächsten Wochen drängte ich darauf, mich bei ihm zu treffen, auch wenn er immer wieder fragte „Warum?“. Fast flehend blickte er mich dabei an und die Sehnsucht glitzerte in seinen Augen. Ich hasste es. Ich begann vorsichtiger zu werden, und ebenso misstrauischer. Ich betrachtete ihn prüfender, erwähnte sie nicht mehr und sah mir sogar die Nachrichten auf seinem Handy durch, bis er mich eines Abends dabei erwischte. Ertappt versuchte ich es mit meiner Hand zu verdecken – aber schon zu spät. Ungläubig riss er mir es aus der Hand. „Was machst du da? Warum …?!“ Ich fühlte mich schrecklich schuldig und schämte mich. Ich hatte ihn verletzt, ihm nicht vertraut. Stotternd gab ich zu: „Ich wollte sehen … ob es, ob es … noch eine andere gibt …“ Und da lachte er bloß, nahm mich in seine starken Arme und wiegte mich wie ein kleines Kind hin und her. Erleichterung durchfloss mich, als er flüsterte: „Es gibt nur dich. Nur dich.“ „Warum zweifelst du immer so an mir und meiner Ehrlichkeit? Bin ich dir nicht gut genug?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ach, weißt du, ich habe einfach Angst, irgendwann alleine dazustehen, ohne dich. Ich will das nicht, auf keinen Fall, verstehst du?“ „Aber das wirst du doch nicht.“ Er hielt mich im Arm, ich fühlte mich geborgen und gut. Wie dumm hätte ich nur sein können, ihm zu misstrauen. Wie, wie dumm. Als ich meinen Freundinnen davon erzählte, lachten sie und meinten, ich wäre wahrlich paranoid gewesen. Nur wegen Mariella hätte mich mein Mann verlassen wollen? Und endlich konnte ich mit einem guten Gefühl mitlachen. Alles war gut. „Ich weiß nicht genau. Manchmal mache ich mir so Gedanken. Was denkst du eigentlich von Mariella?“ „Mariella?“ „Ja, Mariella.“ 8


Sollte dieses Gefühl länger anhalten? Dieses Gefühl der Sicherheit? Dieses gute, warme, wissende Gefühl? Eines Tages kam ich ein wenig früher von der Arbeit zurück. Geradewegs in die Küche ging mein Weg. Das erste was ich sah, als ich die Tür aufschwang, waren zwei Personen, die erschrocken voneinander abließen und mich anstarrten. Mariella sah ich. Und ihn. Ein wenig nervös strich er sich durchs Haar und hielt mir dann einen Blumenstrauß hin. „Ich habe gedacht, ich bringe dir mal ein paar Blumen vorbei.“ Sein Lächeln hielt an. Es zuckte. Wortlos nahm ich sie an und stellte sie in eine Vase. Grüne, perfekt getuschte Augen. Glänzende, schwarze Locken. Sinnliche, volle Lippen. Aber vor allem eins: Jung. Die Vase war aus blauem Glas. Fast hätte ich sie zu Boden geworfen. Zu gern hätte ich sie in tausend Splitter zerspringen sehen. Schade eigentlich, dass ich mich beherrschte. „Mariella … ja, sie ist schon ganz nett.“ Ich schlucke. „Was heißt das für dich, ‚ganz nett‘?" Ich wusste ich, was an diesem Nachmittag in der Küche geschehen war. Zwischen den beiden. Ich wusste selber nicht, wie ich reagieren sollte. Hatten sie nur gesprochen? Geplaudert? Gelacht? Oder sogar mehr? Mir gegenüber verließ kein Wort über diesen Vorfall seinen Mund. Er tat, als hätte es ihn nie gegeben. Sollte ich es vergessen? Wollte er das mit seinem Schweigen bewirken? Lange war ich nicht mehr so ratlos gewesen und hin- und hergerissen zwischen Wut und Scham, weil ich ihm misstraute. „Warum willst du das denn so genau wissen?“ „Ich … ich … denke nur manchmal, magst du sie … besonders gern?“ Auch Mariella verlor über den Nachmittag kein Wort. In nächster Zeit trafen wir uns öfters bei mir, doch ich sorgte vor und hatte immer irgendwelchen Putzarbeiten für Mariella bereit. Aber trotzdem, immer wieder schaffte er es, in ihrer Nähe zu erscheinen. War es, als sie gerade den Dachboden vom Staub entfernte, den Boden in meinem Zimmer wischte oder sogar das Badezimmer reinigte. Immer, immer wieder kamen ein paar Ausreden auf. Und ich blieb allein zurück, nur mit einem Bild vor Augen: Grüne, perfekt getuschte Augen. Glänzende, schwarze Locken. Sinnliche, volle Lippen. Aber vor allem eins: Jung. Er lachte laut. „Du denkst doch nicht etwa …“ Er sprach es nicht aus. „Ja“, sagte ich. Ich wollte Klarheit. „Stehst du auf Mariella, hast du etwas mit ihr, …“ Sanft legte er seine Hand auf meinen Mund und schüttelte den Kopf. „Sie ist hübsch, natürlich, aber reifere Frauen gefallen mir einfach viel besser.“ Mein Verhältnis zu Mariella war eigentlich schon immer ein gutes gewesen. Deshalb traute ich mich eines Tages einfach zu fragen: „Wie findest du ihn eigentlich?“ Sie wusste sofort, wer gemeint war. „Ja, er ist ein guter Mann. Sehr nett und passt zu dir.“ Ich musste lächeln und hatte sie fast umarmt. Erst im Nachhinein wurde mir klar, wie platt diese Wörter geklungen hatten. „Ich liebe dich. Ich liebe nur dich.“ Vielleicht hatte ich es vorhergesehen – vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte ich den Gedanken im Hinterkopf gehabt – vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte ich es befürchtet, es im Unterbewusstsein gespürt – vielleicht auch nicht. War es Schicksal, Schicksal an diesem Tag, das mich mit einer Erkältung aus dem Büro hinaustrieb? Auf dem Weg nach Hause wehte mir der Wind ins Gesicht. Wollte er mich abhalten? Fast schien es mir, als flüsterte er mir etwas ins Ohr, was ich nicht verstand. Wäre ich im Büro geblieben, wäre alles anders gekommen. Wäre ich zum Arzt gegangen. Oder wäre ich einfach in der Küche geblieben. 9


Doch es kam, wie es kommen musste. Ich öffnete meine Schlafzimmertür – und erstarrte. Hörbare, vor Schreck eingesogene Luft. Deckenrascheln. Nackte Haut. Verstreute Kleidung am Boden. Stille. Furchtbare, ertappte Stille. Und inmitten sie beide. Ich fühlte irgendetwas in mir aufwallen. Etwas Großes, Heftiges. War es angestaute Wut, Angst oder bloß das Gefühl eines Verrats? Mein Atem ging heftig. Meine Finger umklammerten noch immer den silbernen Türgriff. „Lass„ es mich erklären, es ist nicht so, wie du denkst …“, stotterte er. Was? Sogar das versuchte er, zu wagen? „Raus“, sagte ich mit beherrschter, jedoch schon zitternder Stimme. „Fünf Minuten habt ihr noch. Dann raus. Alle beide.“ „Aber …“, begann Mariella, doch ich hielt es nicht mehr aus und schrie: „RAUS!“ und knallte die Tür zu. Grüne, perfekt getuschte Augen. Glänzende, schwarze Locken. Sinnliche, volle Lippen. Aber vor allem eins: Jung. Ich schrie. Schrie mir meine Gefühle aus dem Leib, als ich ihr Zimmer betrat. Eingerichtet hatte ich es sogar für sie. Ihr Möbel gekauft. Und sie … Ich trat vor den Spiegel, und schlug mit voller Kraft gegen ihn. Scheppernd fiel er zu Boden. Doch er zersplitterte nicht. Wütend hob ich meinen Fuß, der immer noch im Stöckelschuh steckte, und trat mit voller Kraft auf die glatte Fläche. Nochmal, nochmal, nochmal. Endlich, endlich klirrte es, Scherben auf dem Boden, hässliche Sprünge auf dem Spiegel. Unten schlug die Tür zu. Sie waren weg. Weg. Mariella würde wiederkommen, nachdem sich meine Gefühle gelegt haben würden, da war ich mir sicher. Aber er … Langsam ließ ich mich zu Boden gleiten und fing an zu weinen. Alles zerstört. Alles! Scheißkerl. Scheißversprechen. „Ich liebe dich. Ich liebe nur dich.“ Noch mehr Schluchzer durchrüttelten mich. Und sie. Mariella. Diese falsche Schlange! Diese kleine … ! Ich hatte alles versucht, sie von ihm wegzuhalten. Hatte ich es vorher denn schon geahnt? Aber vorher hatte ich sie immer als etwas anderes gesehen. Die Wahrheit darüber verdrängt, wer sie war, um den Schmerz zu verringern. Eine Spiegelscherbe, nur eine kleine Spiegelscherbe verriet es mir und zeigte mir mein Gesicht. Grüne, perfekt getuschte Augen. Glänzende, schwarze Locken. Sinnliche, volle Lippen. Aber vor allem eins: Alt. Ich schüttelte den Kopf, als mir klar wurde, wer sie, dieses Biest, das mich hintergangen hatte, wirklich war: Meine Tochter.

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Was sich liebt, das neckt sich White chocolate – 150 Millionen Kilometer weit weg

Sie liegen da und die Sonne scheint auf sie herab. „Wie wäre es damit? Deine Augen sind wie Sterne, die mir den Weg durch die Nacht leuchten?“ „Seit wann leuchten Sterne einem den Weg durch die Nacht? Also jetzt wirklich, ich finde es ist trotzdem immer noch ziemlich dunkel, selbst wenn Sterne da sind. Und seit wann ist es bei dir Nacht?“ „Gut, aber deine Augen strahlen nun mal wie Sterne.“ - „Das ist doch viel zu kitschig.“ „Okay. Ich überlege mir was anderes…mir ist aufgefallen, dass du nie deine Augen schließt, wenn sie von grellem Licht getroffen werden. Muss wohl daran liegen, dass sie durch den Blick in den Spiegel an helle Lichtstrahlen gewöhnt sind.“ - „O. Mein. Gott!“ „Aber du muss doch zugeben, dass es kreativ ist, oder? Ich werde hier gleich blind und du reißt deine Augen so weit auf, als wäre es überhaupt gar nicht hell.“ „Ja, aber was weiß ich woran das liegt. Hilfe, ich werde gerade von einer Kitschlawine überrollt.“ „Boah nervt mich die Sonne, ich kann dich gar nicht richtig angucken.“ „Kannst du gar nicht in meine so wunderschön strahlenden Augen gucken? Also so langsam müsstest du dich doch auch an ihr Strahlen gewöhnt haben, oder? Die Sonne dürfte dich doch eigentlich nicht stören.“ „Tut sie aber.“ - „Tja, so ist die Sonne halt. Sie ärgert gerne Leute.“- „Ach so.“ „Ja, du kannst mir gerne glauben. Weil nämlich…“- „Die Sonne ist böse!“ „Nein…die Sonne ist gar nicht böse. Die ist nur in die Erde verliebt.“- „Aha. Und woher weißt du das?“ -„Das ist doch wohl eindeutig, oder? Ab und zu ärgert die Sonne halt mal die Erde und dann blendet sie dich.“- „Ach so, und wo ist der Zusammenhang?“ -„Guck mal, die Sonne,…“ -„Die Sonne?“ -„Im Frühling siehst du es! Da schenkt sie der Erde so viel Liebe und Wärme, dass alles anfängt zu blühen und…“ -„…und im Winter ärgert die Sonne wieder die Erde?“ –„Nein…im Winter ist die Sonne traurig, weil sie so weit weg von der Erde ist, tausendtrilliarden Lichtjahre oder so.“ –„150 Millionen Kilometer.“ -„Ja genau, und weil die Sonne traurig ist, wird die Erde auch traurig und alles verblüht, die Blätter fallen von den Bäumen und so ‟nen Krams passiert dann.“ „Also ist die Erde auch in die Sonne verliebt, oder was?“- „Ja. Sogar sehr. Sie ist abhängig von ihr und braucht die Sonne, die Liebe der Sonne, die Wärme. Sie sehnt sich nach ihr, aber manchmal ist die Liebe der Sonne für die Erde nicht gut. Dann, wenn alles verdorrt und die Flüsse austrocknen. Die Sonne ist sozusagen der dominierende Part in dieser sehr komplizierten Beziehung.“- „Mh. Aber…wenn bei uns Winter ist, dann ist doch auf der andern Seite der Erde Sommer? Dann ist die Sonne doch gar nicht traurig.“- „Ja…“- „Tja, was sagst du jetzt?“ „Dann ist die Sonne halt nie traurig, sondern nur die Erde. Die Erde braucht die Sonne immer, beide Hälften. Und wenn auf der einen Hälfte Sommer ist, verkümmert die andere Hälfte der Erde, weil sie die Sonne vermisst.“- „Also liebt die Sonne die Erde gar nicht?“- „Doch, aber weil sie 150 Trilliarden Lichtjahre…“- „150 Millionen Kilometer.“- „...entfernt ist, merkt sie nicht, was die Erde braucht. Sie macht irgendwas, ärgert die Erde und verletzt sie damit, was sie eigentlich nicht vorhatte.“- „Das ist doch unlogisch. Die Sonne ist noch nicht mal ein Planet sondern nur ein Fixstern, wie soll sie lieben können?“ 11


„Weißt du es? Hast du einen Beweis, ob Planeten und Sterne nicht lieben können?“ „Hast du einen für deine schwachsinnige Theorie?“- „Ich habe eine Theorie und solange du sie nicht widerlegen kannst, ist sie nicht falsch.“- „Aber auch nicht richtig.“- „Ja, meinetwegen.“ ... „Weißt du, ich verstehe dich nicht. Einerseits kritisierst du meine Komplimente, weil du sie für zu weit hergeholt hältst und andererseits denkst du dir eine Beziehung zwischen Sonne und Erde aus, die von noch weiter als 150 Millionen Kilometern hergeholt ist.“ „Ich mag es einfach nicht, wenn du so rumkitschst.“- „Und deine Theorie ist nicht kitschig?“ „Nein, sie ist, vielleicht schon, aber so Sätze wie ‚oh du hast so tolle Augen‟ sind doch gar nichts Besonderes. Das kannst du zu jeder sagen. Ich weiß nicht, ich stehe halt nicht auf Kitsch.“ „Aber trotzdem denkst du dir kitschige Sachen aus?“.- „Das ist doch nicht richtig kitschig gewesen. Das war halt in meinem Kopf, ich weiß auch nicht wie das da hingekommen ist. Außerdem muss mir ja nicht alles gefallen, was ich mir ausdenke.“ „Also mir gefällt alles, was ich mir ausdenke. Und du findest deine Theorie doch gut, sonst hättest du mir nicht von ihr erzählt.“- „Sag mir Bescheid, wenn du dir etwas ausgedacht hast, was dir nicht gefällt.“„Was verstehst du denn unter kitschig?“ „So schleimig und so. Genau. Ich mag das nicht, wenn du dich die ganze Zeit bei mir einschleimst. Das ist so unnötig irgendwie.“- „Du bist kompliziert.“- „Ja, das glaube ich auch.“- „Verstehst du dich selber?“- „Nein, du etwa?“- „Also dich verstehe ich nicht, mich schon.“ „Echt?“ „Meistens. Wollen wir gehen, mir wird kalt?“ Er steht auf und zieht sie aus dem Schnee. Sie steht neben ihm und klopft das weiße Pulver von ihrer Jacke auf seine Schuhe. „Darf ich dich was fragen?“ Sie sieht zu ihm auf. „Klar, warum nicht?“ „Ist es nach deiner Theorie kitschig, wenn ich dir sage, dass du meine Sonne bist?“ Sie sieht ihn lange an. „Ich bin aber nicht 150 Milliarden Kilometer von dir entfernt.“- „Millionen. Manchmal schon.“ - „Nein. Es ist nicht kitschig. Es ist hart. Die Sonne ist ja irgendwie..." „Aber du meintest, dass die Sonne die Erde liebt, obwohl man es nicht immer merkt?“ „Ja.“ In ihren Augen glitzert ein bisschen Salzwasser. „Jetzt wird es doch kitschig.“

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Glück im Spiel, Pech in der Liebe Sonjas Bücherfabrik – Nur ein Wort…

„Backmischung mit vier Buchstaben“, flüsterte ich leise. Natürlich wusste ich das. Das war schließlich leicht. Keine Herausforderung für mich. Voller Genuss schrieb ich die vier Buchstaben in die weißen, schwarz umrandeten Kästchen. „T-E-I-G.“ Jeder Buchstabe war ein Erlebnis. Das Geräusch des Kugelschreibers auf dem reinen Papier, der Geruch der Tinte, das Gefühl des Blattes unter meinen Fingern. Wundervoll, wieder war eine Frage beantwortet. Eine Frage weiter in dem Kreuzworträtsel. Doch es war noch nicht beendet. Auch die nächsten Fragen waren kein Problem. Und dann war es fertig. Eine frankierte Postkarte lag gleich neben dem Rätsel auf den Tisch. Ich schrieb, mit leichtem zittern das Lösungswort auf die Karte und fügte unten einen Aufkleber mit meiner Anschrift hinzu. Die Aufkleber waren ein Trostpreis gewesen. Zwar hatte ich nicht gewonnen, doch sie waren praktisch. So konnte ich mir das schreiben meiner Adresse sparen. Morgen würde ich die Postkarte versenden. Sie würde rechtzeitig zum Einsendeschluss ankommen. Ich legte die Postkarte in einen Karton der schon zur Hälfte voll war. Das gefüllte Rätsel schob ich an die Seite. Dann wurde die nächste Sonntagszeitung hervor gezogen. Die richtige Seite war schnell gefunden und der Kuli gezückt. Zuerst ein paar schnelle Blicke über die Fragen. Auch dieses Rätsel würde keine Herausforderung sein. Freude durchströmte mich als ich die erste Frage sah. „1. Senkrecht“, las ich leise. „N im Internationalen Alphabet. November.“ Es war November. Draußen war es nass und kalt. Der Regen prasselte an das Fenster, der Wind war stürmisch und wehte Laub und kleine Äste durch die Gegend. Bei mir war es warm und hell. Das Licht brannte immer. „2. Senkrecht. Satzteil.“ Ich fand die Kästchen und trug die Buchstaben ein. „W-O-R-T“. Wörter waren etwas Wundervolles. Sie brachten mich zum lächeln, sie machten mich glücklich. Nirgends fand man so viele verschiedene Wörter wie in Kreuzworträtseln. Mit einem Wort hatte es angefangen. „Kennst du einen Fluss der durch Bremen fließt?“ Er hob den Kopf und sah mich fragend an. „Weser?!“, schlug ich vor. Er senkte den Blick wieder auf das Blatt und schrieb die Buchstaben. „Es passt! Wieso bin ich da nicht selber drauf gekommen. Nun ja, Geographie war noch nie meine Stärke“ Er lächelte mich an und seine blauen Augen blitzten auf. Ich liebte seine blauen Augen. So tief wie der Ozean. „Ein Weltmeer. O-Z-E-A-N.“ Der Kugelschreiber hinterließ seine Tinte auf dem Papier. Ordentlich. Es war schon eine wahre Kunst die Buchstaben in die Mitte der Kästchen zu setzen, sodass sie nirgends herausragten. Seitdem ich Rätsel löste ist meine Handschrift wirklich viel besser geworden. Kein Probleme mehr beim lesen. Sie war ordentlich, schön, etwas verschnörkelt. Einfach stilvoll. Die nächste Frage wartete. „Ruhezustand des Körpers. Schlaf.“ „Willst du nicht langsam schlafen kommen?“ Seine Stimme lies mich aufsehen. Er stand in der Tür und sah mit zerzausten Haaren zu mir. Vor mir lag ein angebrochenes Kreuzworträtsel. Grade mal die Hälfte war ausgefüllt. „Ich bin nicht müde“ , sagte ich und fügte ein weiteres Wort ein. „Es ist drei Uhr Nachts! Du musst morgen früh arbeiten.“ Ich nickte kurz und setzte einen Buchstaben an die richtige Stelle. Er trat neben mich und drehte meinen Kopf, sodass ich ihn ansehen musste. „Kommst du mit ins Bett?“ Mit müden 13


Augen sah er mich an. „Ich bin gleich da. Nur noch zwei Minuten.“ Er seufzte und gab mir einen Kuss auf die Lippen. Sie waren so weich und warm. „10. Senkrecht. Das Gegenteil von kalt. W-A-R-M.“ Ein neues Wort, ein neues Glücksgefühl. Es waren nur noch wenige Wörter einzusetzen. Dann war auch dieses Rätsel beendet. Der Hauptpreis war eine Reise für zwei Personen in die Karibik. Dort war es warm und sonnig. Strand, Meer, Entspannung. Hier war es genauso schön. „Etwas aufbauschend darstellen. U-E-B-E-R-T-R-E-I-B-E-N.“ „Denkst du nicht dass du etwas übertreibst?” Er klang besorgt. „Wie?“ Dieses Rätsel verlangte danach gelöst zu werden. „Ich glaube du übertreibst.“ Er schob den Stapel Kreuzworträtselhefte zur Seite um freie Sicht über den Tisch zu mir zu haben. „Du bist nur noch am rätseln.“- „Bin ich nicht.“ 6. Waagerecht. Elternloses Kind. „W-A-I-S-E“, buchstabierte ich leise und schrieb. „Du schläfst doch kaum noch. Du isst nur wenn ich etwas koche oder mitbringe. Du trinkst nur wenn ich dir etwas hinstelle. Ich bin froh das du wenigstens noch selber auf Toilette gehst.“ Die nächste Frage war kniffliger. Doch nach ein paar Sekunden fiel mir die Antwort ein. „Hast du gehört?“- „Hm?“, ich sah erschrocken auf. Sein Gesicht war voller Sorge. „Bitte. Hör auf mit den Rätseln. Ich mache mir wirklich Sorgen um dich.“ In seinen Augen konnte ich versinken. „Ist gut. Ich versuche etwas kürzer zu treten.“ Er lächelte mich an. Sein Blick war voller Liebe. „Gabe des Herzens. Liebe.“ Die ersten Buchstaben waren blau. Dann wurden sie immer blasser. Schließlich war der Buchstabe ins Papier eingeprägt, aber nicht geschrieben. Ich schüttelte den Stift um das letzte bisschen Tinte aus ihm heraus zu holen. Doch er war am Ende. Es klapperte als er auf dem Holzboden aufschlug. Glücklicherweise hatte ich immer etwas zum schreiben da. Ich zog eine der Schubladen des Schreibtisches heraus und nahm einen neuen Stift. Ich würde Nachschub holen müssen. Sie war zwar noch fast voll, aber mein Verbrauch an Kulis war enorm gestiegen. Die Rätsel wurden immer anspruchsvoller, die Wörter länger. Der Tintenverbauch stieg. Und das obwohl ich nie ein Wort durchstreichen musste. Das letzte Feld war befüllt. Das Rätsel beendet. Ein schlechtes Gefühl ergriff mich. Angst. Ich kannte dieses Gefühl es umfing mich immer dann wenn ein Rätsel ausgefüllt war. Die Postkarte wartete schon. Die Adresse war schnell geschrieben, die Karte frankiert, das Lösungswort genannt und der Aufkleber geklebt. Meine Hand zitterte als ich die Karte in den Karton legte. Sie hörte erst auf damit als ich das nächste Rätsel nahm. „Zu keiner Zeit. 1. Waagerecht.“ „Das hätte ich nie von dir gedacht.“ Er kam zu mir an den Tisch und sah mich an. War er besorgt? Wütend? Ich wusste es nicht. „Dein Chef hat grade angerufen. Er hat mir gesagt du seist fristlos gekündigt. Als ich ihn gefragt habe wieso, meinte er du wärst seit zwei Wochen nicht mehr zur Arbeit gegangen!“ „Vampir mit sieben Buchstaben“, flüsterte ich und trug es sogleich ein. Grade als ich bei dem „U“ war griff er mich bei der Schulter und drehte mich mit meinem Stuhl um. Der Kuli machte einen Strich über das gesamte Papier. „Sieh was du getan hast!“ rief ich und stand auf. Das Rätsel war kaputt, zerstört. Es war nicht mehr zu benutzen. Enttäuscht zerknüllte ich das Blatt zusammen und warf es in den Mülleimer. „Hör mir zu! Du brauchst Hilfe!“- „Hilfe?“- „Ja, Hilfe. Sieh dich doch einmal um. Was ist aus unsere Wohnung geworden.“ Ich wusste nicht was er meinte. Es sah alles normal aus. Ich zuckte mit den Schultern und sah ihn fragend an. Diesmal war zu erkennen dass er zornig war. „Was ist hiermit?“ Er ging zu einem Rätselheftstapel der ihn bis zur Hüfte reichte. Er warf ihn um. „Was ist damit?“ Energisch ging er zu unserem Wohnzimmertisch und fegte die 14


Stifte, Hefte und einzelnen Blätter vom Tisch. „Siehst du das nicht? Unsere Wohnung ist eine Müllhalde. Überseht mit Rätselheften, leeren Kulis und Antwortkarten!“ Verzweifelt sah er mich an. „Du willst nicht dass ich Rätsel löse?“ Das war absolut unverständlich. „Nein! Du musst aufhören damit.“ Wieso? „Aber… Ich bin gut. Ich gewinne für uns. Ich gewinne immer! Sieh das habe ich letzte Woche gewonnen.“ Ich ging schnell zu einem Paket das auf den Boden stand und zog ein kleines weißes Becken heraus. „Ein Fußmassagegerät. Und hier, vorletzte Woche. Ein Handy. Das ist alles umsonst für uns!“ Freudig sah ich ihn an und zeigte ihm die gewonnenen Preise. Er kam auf mich zu und riss sie mir aus der Hand. Mit voller Kraft warf er sie in die Ecke. „Was tust du da? Das sind meine Gewinne!“ Schnell lief ich zu ihnen und hob sie auf. Sie waren nicht beschädigt. Zum Glück. Vorsichtig legte ich sie zurück in ihre Kisten. Zwei Hände packten mich an den Schultern. Er schüttelte mich. „Du bist süchtig! Du brauchst Hilfe!“ Ich schüttelte nur den Kopf. „Hilfe. Notruf mit fünf Buchstaben“, flüsterte ich. Das nächste Rätsel wartete schon. Es schien nach mir zu rufen. Was ich wohl dort gewinnen würde? Seine Hände ließen mich los. „Das hätte ich nie von dir erwartet“, flüsterte er. „Zu keiner Zeit. N-I-E.“ Ein kurzes Wort. Ein einfaches Wort. Und trotzdem aufregend. Einen Moment löste ich den Blick von dem Blatt. Ich lies ihn umherschweifen. Was hatte sich seitdem geändert? Es war hübscher geworden. Alles war vorbereitet. Eine Schublade voller Kulis. Eine Schublade voller Bleistifte, falls mir jemals die Tinte ausgehen sollte. Überall türmten sich Zeitungen. Sie kamen jeden Tag, aus allen Ecken des Landes. Bis zur Tür wurden sie mir geliefert. Eine weitere Schublade meines Schreibtisches, war gefüllt mit Postkarten. Eine andere mit Briefmarken. Alles für meine Rätsel. Alles für meinen Gewinn. Eine leichte Nervosität ergriff mich. Schnell nahm ich meinen Stift wieder zur Hand und machte mich an das nächste Wort. Die Nervosität lies nach. „Einsam, allein.“ Es dauert einen Moment bis mir das passende Wort einfiel. „Verlassen.“ „Ich verlasse dich.“ Seine Stimme klang wie aus weiter Ferne. „U-bahn in London“, flüsterte ich. Der Stift huschte über das Papier. „Hörst du? Ich verlasse dich.“ Seine Stimme klang anders. Irgendwie traurig. „Traurig. Gegenteil von lustig. Sieben Buchstaben. 5. Senkrecht.“ „Es tut mir leid, dass es dazu kommen muss. Ich habe keine andere Wahl. Wenn ich weiter Leben möchte, muss ich gehen. Verstehst du?“ „Gehen. Bewegungsform. Fünf Buchstaben.“ Meine Augen suchten das Papier nach der richtigen Einsetzzahl ab. Als ich sie nicht fand, geriet ich in Panik.. Doch, da war sie. Ich beruhigte mich wieder. „Es tut mir leid.“ Jemand berührte mich am Kopf. Warme, weiche Lippen die mir einen Kuss gaben. Schritte, die verklangen, eine Tür, die sich schloss. Stille umgab mich. „Was kann es sein?“ Panik kam in mir auf. Ich stand auf, ging umher, kaute auf meinem Stift bis meine Lippen blau waren. Es fiel mir nicht ein. Nein, das ging nicht. Ich kannte jedes Wort. Ich kannte alles. Jeden Fluss, jeden Berg, jede Abkürzung. Es gab kein Wort, das ich nicht kannte. „Was kann es sein? Was kann es sein?“ Meine Stimme klang erstickt. Etwas schnürte mir die Luftröhre zu. Die Angst hatte mich fest im Griff. „13. Senkrecht. Neun Buchstaben. Erster Buchstabe „V“. Die letzten drei „sen“. Was kann es sein?“ Ich bekam keine Luft mehr. An der Wand sank ich hinab bis auf den Fußboden. „Was kann es sein?“ schrie ich. Meine Worte verklangen zwischen den Zeitschriftstapeln. Tränen schossen mir in die Augen. Kein Wort das ich nicht kannte. Kein Wort das ich nicht fühlen konnte. Kein Wort… Die Abwesenheit bedauern- vermissen. 15


Rache ist süß Cutiepie – Es war Erziehung

„Peter! Ihr Team ist für den Wagen 5 verantwortlich.“- „Geht klar!“ Ich nicke, packe mit einer Hand den großen Erste-Hilfe Koffer und helfe mit der anderen Hand die Trage hochzuheben. Wir machen uns sogleich auf den direkten Weg zum Wagen, wenn man „ Wagen„ überhaupt noch sagen kann. Als der Zug entgleiste, ist der Wagen zur Seite gekippt und an manchen Stellen hat er enorme Schäden. Die Leute höchstwahrscheinlich auch. Dafür sind wir da. Es ist unser Job, sie zu retten. Sogleich helfen wir ein paar Leuten, die den Wagen durch eine eingebrochene Fensterscheibe verlassen. Verletzte werden auf Tragen gehoben, weinende Kinder beruhigt. Wir steigen in den Wagen ein. Das Innere des Zuges sieht furchtbar aus. Gegenstände, Koffer, Nahrungsmittel und Menschen liegen durcheinander am Boden. Sofort macht sich unser Team an die Arbeit. Leute schreien, manche sind unter schweren Gegenständen gefangen und haben höchstwahrscheinlich Knochenbrüche. Ich sehe eine kleine Kinderhand unter einem riesigen Koffer herausragen und rufe ein paar Männer herbei. Ich hoffe, sie kommen für das Kind nicht zu spät. Es wird heute viele Tote geben. Doch ich helfe nicht. Meine Arbeit ist erst einmal, an den Stellen zu schauen, die oft vergessen werden. In den Toiletten. Ich reiße die Frauentoilette auf. Leer. Dann die Behindertentoilette. Auch leer. Die Männertoilette. Sie ist verschlossen. Ich nehme mein Werkzeug zur Hand und stecke es in den Spalt von Tür und Wand. Ich muss es mehrmals in die entgegengesetzte Richtung drücken, beim vierten Mal gibt die Tür nach und springt auf. Gut so. Ich hasse verschlossene Türen. Sogleich mache ich mich auf das Schlimmste gefasst, doch mir fällt ein Stein vom Herzen. Die Toilettenkabine sieht nicht so chaotisch aus, wie ich schon viele erlebt habe. Ein Mann hockt am Boden, mit grauem schütterem Haar, seine Finger fest um eine Kopfwunde gekrallt. Der Boden ist nass, aber zum Glück hat der Mann vor der Entgleisung gespült. Ich will mich gerade zu ihm runterbeugen, als er mit seiner rauen Stimme sagt: „Helfen Sie mir auf, junger Mann!“ und seine Hand ausstreckt. Ich erstarre. Diese Stimmt, sie kommt mir bekannt vor, zu bekannt… Ich bin klein. Klein und ängstlich und verstecke mich hinter der Scheune. Tränen laufen mir unkontrolliert aus den Augen und ich zittere, wie ich zittere! Es hört nicht mehr auf. Dann höre ich eine Stimme… „Peter!“, sagt der Mann erstaunt. Mein Vater. Ich beiße die Zähne zusammen, als ich bemerke, dass sie mal wieder klappern. Vor Angst. Ich gebe mir einen Ruck. Nein. Diesmal nicht. Diesmal werde ich keine Angst haben. Ich sage nichts und tue nichts. Ich warte auf ihn, warte darauf, was er sagen und tun wird. Als erstes scheint er verwirrt und sein linkes Auge fängt vor Nervosität an zu zucken. Eine alte Macke. Doch er fasst sich wieder schnell und sagt wütend: „Peter, was soll das?! Helfe mir auf. Siehst du nicht, dass ich Hilfe brauche?“ Erst jetzt sehe ich, dass sein rechtes Bein hinter der Toilettenschüssel verklemmt ist, aber ich rühre mich nicht vom Fleck. Wie oft habe ich diese Stimme gehört, wie oft habe ich versucht, mich vor ihr zu verstecken… „Peter!“, ruft er wütend, „du kleiner Nichtsnutz! Verkriech dich nicht!“ Dann steht er plötzlich vor mir und ich möchte schreien, aber schon landen die ersten Ohrfeigen auf meinen Wangen. Eins, zwei, drei, viele. „Feige bist du! Hör auf zu flennen!“ Doch ich höre nicht auf. 16


Alles wird noch schlimmer. Mein ganzer Körper wird von Schluchzern und Zittern geschüttelt. Schimpfwörter und Schläge prasseln auf mich ein, während ich versuche, mir schützend die Hände vors Gesicht zu halten. „Peter!“ Er wird ungeduldiger. Fast schon drohend spricht er: „Du hilfst mir, jetzt!“ Er betont das ‚jetzt„, so als würde er dabei auf den Tisch schlagen. „Sei anständig!“ Oh, wie oft habe ich anständig sein müssen, wie oft. Es ist dunkel um mich herum und ich friere. Der Schnee setzt sich auf meiner dünnen Jacke ab und ich weine. Es ist mir so, als wären tausend Ungeheuer um mich herum, die ihre langen Finger nach mir ausstrecken. Ich habe Angst. Ich will nicht hier sein. Ich will zurück ins Bett. Aber das ist meinem Vater egal. Er kennt meine Ängste und er schämt sich dafür so einen kleinlichen Sohn zu haben. ‚Abhärtung‘ nennt er es, wenn er mich mitten in der Nacht aus dem Bett zieht und in den Schnee schmeißt. „Wenn ich morgen komme, sitzt du immer noch da! Sei ein Mann!“ Ich weine, Rotz und Tränen laufen mir über das Gesicht. „Ich will nicht! Ich fürchte mich so sehr und es ist so kalt!“ Ein heftiger Schlag lässt mich zurück in den Schnee fallen. „Sei anständig!“ Er geht zurück ins Haus und schließt ab. Ein paar Minuten verharre ich zitternd in der Dunkelheit, aber dann halte ich es nicht länger aus. Die Nacht ist so schwarz und still und ich höre mein eigenes Herz laut und rasend pochen. Mir ist es, als komme die Dunkelheit immer weiter auf mich zu, sie verschluckt mich immer weiter, ein riesiges Ungeheuer… Schreiend springe ich auf und renne so schnell ich kann zur Haustür. Mit beiden Fäusten hämmere ich panisch gegen die Tür, immer wieder und wieder, aber sie bleibt verschlossen. Ich weine so heftig, dass ich kurz keine Luft mehr bekomme und zu husten anfange. Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht! Schluchzend falle ich ihn mich zusammen und vergrabe meinen Kopf in den Armen. Ich versuche alles zu vergessen und schließe meine Augen. Aber ich kann nicht. Es ist zu schlimm. Ich denke, ich muss sterben. Ja, was wäre, wenn ich wirklich gestorben wäre? „Peter!“, ruft er nochmal. Ich betrachte seine runzligen Finger, die seine Wunde umklammert halten. Sie sind rot vom Blut. Oh ja, das waren sie früher auch. Aber jetzt ist es sein Blut. Plötzlich packt mich eine unbändige Wut. All die Jahre hat er mich geschlagen, misshandelt und auf mir für immer Narben hinterlassen. Nicht nur körperliche, auch seelische. Bin ich nicht jedes Mal zusammengezuckt, wenn jemand die Hand, auch nur zum Gruß, gehoben hat? War ich nicht ständig unter Druck und hatte auch Jahre nach dem Verlassen meines Vaters Angstzustände? Habe ich mir nicht oft als Jugendlicher diese Situation erträumt? Mein Vater, hilflos am Boden, ich, der Mächtige. Habe ich mir nicht oft erwünscht einfach mal zurückzuschlagen? Ja, habe ich nicht jetzt diese Gelegenheit? Endlich meine Angst zu überwinden und es ihm endlich heimzuzahlen. Ich schaue ihn an, wie er da kläglich am Boden sitzt, alt und zerstört. Aber mein kleines Fünkchen Mitleid wird sofort verdrängt, wenn ich an die Vergangenheit denke. Wut bahnt sich an, rote, heiße Wut. Nie hatte er Mitleid mit mir, nie. Ich humpele und mir ist schlecht. Die Sonne knallt unbarmherzig auf mich herab und schon seit Stunden stehe ich in den Beeten. Vater sitzt im Schatten und kontrolliert finster dreinblickend alle meine Schritte. Ich halte die Harke in der Hand und laufe zum nächsten Beet. Jedes Mal, wenn ich auftrete, schmerzt mein Fuß. Ich bleibe stehen und wische mir erschöpft den Schweiß von der Stirn. Mein Kopf dröhnt und ich kann nicht mehr. Trotzdem weiß ich, dass ich nicht aufhören darf. Ich bücke mich über das Beet, doch die Harke fällt mir aus der Hand. Das hätte nicht passieren sollen. Ich zucke zusammen als Vater mit großen Schritten auf mich zukommt, die Wut ist in seinem Gesicht geschrieben. Ich möchte die Harke schnell aufheben, aber es ist zu spät. Vater reißt sie mir aus der Hand und ich schreie vor Angst und Schmerz auf, als er immer und immer wieder auf mich damit einschlägt. 17


Ich will stark sein, ich will so sein, wie mein Vater mich will, aber meine Beine fühlen sich an wie Gummi, sie schlottern und schlottern und ich falle in mich zusammen. Er wird noch rasender, aber ich kann nichts dagegen tun, ich versuche mein Gesicht in den Rasen zu drücken, um alles zu vergessen, während die Harke immer und immer wieder auf mich niedersaust. Meine Finger verkrampfen sich, wenn ich an diese Erinnerung denke. Ich sehe ihn vor mir. Wie gern würde ich ihn treten, schlagen, alles. „Peter!“, ruft er ungeduldig und dies gibt mir den Rest. Ich spüre Kraft durch mich fließen, sie verdrängt meine Angst und lässt nur noch Gedanken für eines: Rache. „Du hast mich geschlagen“, sage ich kühl, „du hast mich blutig geschlagen, mir das Essen verweigert, mich bei Schnee und Hitze hart schuften lassen und es war dir egal, wie es mir je ging. Nein, es war dir nicht nur egal, du schertest dich einen Scheißdreck darum!“ Meine Augen sind starr auf ihn gerichtet und er blickt mich ungläubig an. Nie habe ich das gewagt, nie. Aber jetzt ist die Zeit dafür. Er ist nervös, ich sehe wie sein linkes Auge wieder zu zucken anfängt, während er stockend sagt: „Peter, nun hör doch auf. Es war Erziehung! Warum denkst du sonst, hast du jetzt eine Arbeit und auch Geld! Ohne Erziehung wäre da nichts!“ Als ob. All dies habe ich mir selber erarbeitet. All die Jahre versucht über diese „Erziehung“ hinwegzukommen. Ich möchte es ihm endgültig zeigen. Ich weiß, dass er ratlos ist und auch ein kleines Fünkchen Angst in ihm immer weiter wächst. Nein, schlagen werde ich ihn nicht. Etwas Schlimmeres werde ich tun. Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn und sein Auge zuckt wie verrückt. „Erziehung“, hallt es in meinem Kopf, „es war Erziehung!“ Ich lächele. War da nicht ein winzig kleines bisschen Zweifel mitgeschwungen? Zweifelt er daran? „Peter“, sagt er erneut, „Peter!“ Aber ich hebe nur die Hand, er zuckt zusammen und ich lächele erneut, während ein „Tschüss, Vater“ meinem Mund entschlüpft. Ich drehe mich um und laufe aus der Tür. Mit jedem Schritt wird mein Grinsen breiter und breiter. Es fühlt sich so gut an, endlich das richtige getan zu haben. Fast schmecke ich sogar noch die Süße der Rache auf meiner Zunge. Es wird ihn noch jemand finden, klar, doch wichtiger ist: Ich habe ihn zurückgelassen. Mit seiner größten Angst. Dass er mit seiner Erziehung scheitern könnte.

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Kann ich mal mein Leben kurz speichern und was ausprobieren? Goldschatz – Höhe und Tiefe

Cancle! Cancle! Abbrechen! Sofort abbrechen! Verdammt wo ist der Knopf den ich drücken muss? “Maia! Komm da sofort wieder runter!” Ha! HA! Wie denn?! Begib dich mal in zehn Meter Höhe und lass die sagen, du sollst da wieder runterkommen, obwohl du ganz genau weißt, dass die einzige Möglichkeit springen wäre! “Maia, ich sag es nicht noch einmal! Beweg deinen Hintern wieder auf Mutter Erde!” Leck mich! Ich hocke bestimmt nicht zum Spaß auf dem Fenstersims und kralle mich verzweifelt in den Rillen der Hausmauer fest. Oh Gott, ist das tief. “Maia Maria Muster! Wenn du nicht sofort da wieder da runter kommst, dann setzt es was!” “Alter, ich sitze hier oben fest, habe scheiße Höhenangst und dieses beschissene Fenster klemmt. Was glaubst du wohl, warum ich hier sitze und dir ohne Probleme auf den Kopf spucken könnte, wenn ich wollte? Was denkst du wohl, mh? Weil ich es geil finde den Nervenkitzel zu spüren? Scheiß drauf Mann! Ich will hier runter, also hol Hilfe und sag mir nicht, was ich zu tun haben!” Um eines klar zu stellen: Normalerweise rede ich nicht so mit meiner Mutter, aber wenn ich Todesangst habe, was genau in diesem Moment der Fall ist, dann vergesse ich die Etikette des guten Benehmens und mach alles zur Sau, was meint, blöde und unsinnige Kommentare von sich geben zu müssen. Meine Mutter, immer noch dabei mir böse Blicke zuzuwerfen, zieht ihr Handy aus der Tasche und wählt die 112. Langsam bekomme ich das Gefühl, dass ich so oder so sterben werde, egal ob ich jetzt hier runterspringe oder später von meiner Mutter eiskalt gekillt werde. Und alleine schon die Tatsache, warum ich wie ein hilfloses Hünchen hier hocke, ist Grund genug mich nach meiner Rettung einweisen zu lassen oder später auf meinen Grabstein zu schreiben: Hier ruht Maia, denn sie wollte nur was ausprobieren. Scheiße. “Die Feuerwehr kommt gleich!”, ruft meine Mutter von unten. Ich werde nie wieder testen, ob man mich durch mein Fenster hindurch beobachten kann. Und zu allem Überfluss steht der Grund, warum ich dieses waghalsige Experiment auf mich genommen habe auch noch hinter seinem Fenster und starrt mich an. Mist, mist, mist. Einen schlimmeren ersten Eindruck KANN es gar nicht geben. Verlegen lächle ich dem neuen Jungen aus Haus 25b an und hoffe, er denkt nicht, dass ich Suizid gefährdet bin oder andersgleichen. Seine Reaktion jedoch ist dermaßen schockierend, dass den Gedanken an Selbstmord für einen Moment als konsequente Möglichkeit in meine Überlegungen hier wieder runterzukommen mit aufnahm. Denn er lachte mich aus. Sekunden später hatte ich ein Dutzend Schimpfwörter auf den Lippen und musste mich ernsthaft beherrschen sie nicht quer über die Straße zu schreien, denn, ich hätte es eigentlich kommen sehen müssen, unter mir hatte sich eine Gruppe Menschen gebildet, von denen mindestens fünf ihr Handy nach oben hielten, als wollten sie Marsmännchen anrufen, bis ich kapierte, dass sie Fotos machten. “Mama, sag denen, dass sie aufhören sollen!”, schrie ich nach unten und als ich sah, dass stattdessen noch mehr ihr Handy in die Luft hielten, schrie ich hinterher: “Oder ich springe!” Ich schwör euch, wenn ihr jemals versuchen solltet, geschickt euren Nachbarn auszuspionieren, dann vergewissert euch nicht, ob er euch hinter den Gardinen sehen kann, indem ihr auf das Fensterbrett klettert um von außen hineinzugucken. Das Fenster könnte nicht mehr aufgehen. 19


Ungeduldig und mit Entsetzen feststellend, dass meine Blase drückte, wartete ich auf die Feuerwehr, doch ich hatte das dumpfe Gefühl, dass ich meiner Mutter von hier oben noch frohe Weihnachten wünschen konnte, bis sie hier eintreffen. Vermutlich dachten sie, hier säße eine Katze fest und ich sage euch, wenn sie dadurch schneller fahren würden, finge ich jetzt an zu Miauen. Der Junge hinter dem Fenster schaute immer noch amüsiert zu mir rüber und ich tötete ihn mit meinem Blick. Was für ein Arschloch. Wenn der wüsste, dass ich nur wegen ihm mir hier den Arsch abfriere und in den nächsten sechzig Sekunden vermutlich sterben werde, wenn die Feuerwehr hier nicht gleich eintrifft, dann schwör ich bei Gott, dass im ich Falle eines Wiedersehens, meine Identität wechseln und von zu Hause abhauen werde - oder ihn in eine Mülltonne stopfen und warten bis die Müllabfuhr überflüssiges Material beseitigt. Mit lauten Sirenen kündigte sich schließlich mein Retter an und ich war schockiert, als ich bemerkte, dass mindestens drei der fünf Feuerwehrleute in meinem Alter und aus meiner Jahrgangsstufe waren. Ich spielte kurz mit dem Gedanken mich jetzt einfach nach unten fallen zu lassen, dann hätte die Aufschrift meines Grabsteines vermutlich geheißen: “Hier ruht Maia, denn sie beschloss vor Scham im Boden zu versinken” und die Frage um das Thema, “Wie werde ich den schlechten Ruf der Fensterbankhockerin wieder los”, wäre gelöst. “Hey Maia”, schrie Sven von unten, einer der freiwilligen Feuerwehr und in meiner Klasse, “Hast du da oben was verloren?” Ich riss überrascht die Augen auf und ließ meinen Blick langsam nach oben wandern. “Nein, aber ich sehe dein Hirn hier grade vorbeifliegen. Hat wohl zu viel Helium intus.” Kurze Zeit später stand ich wieder auf festen Boden und hatte immer noch keine Antwort auf die Fragen, ob man vom Nachbarhaus in mein Zimmer blicken konnte.

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Mein Gehirn wäre ein Fest für jeden Psychologen. und Aus den Augen, aus dem Sinn Omayra – Überall wo ich bin Ich sehe sie jeden Tag, jede Stunde und fast jede Sekunde. Ich wache morgens auf und sie sitzt auf meiner Bettkante. Ihre zarten Augen starren mich an. Wenn ich mit der rostigen Bahn zur Schule fahre, steht sie an der mit Graffiti bemalten Haltestelle. Wenn ich aus dem hohen Schulfenster gucke, sitzt sie unten auf dem leeren Schulhof und starrt zu mir hinauf. Gehe ich wieder nach Hause, läuft sie leise hinter mir her oder steht plötzlich hinter der nächsten Straßenecke. Nach der Schule gehe ich zur Arbeit und begegne ihr wieder. Ich blicke zaghaft auf die andere Straßenseite und sehe ihre braunen, krausen Locken zu zwei Zöpfen gebunden. Ihre dunkelbraunen Augen fixieren mich. Ein rotes Auto fährt auf sie zu, bremst nicht ab, wird nicht langsamer. Es fährt einfach durch sie durch. Für einige Minuten ist sie wie vom Erdboden aufgesogen. An der nächsten Kreuzung ist sie jedoch wieder da und ihre geschmeidig-braune Haut glänzt in der Sonne, wie schmelzende Schokolade. Sie ist wunderschön. Wenn sie mich beim Kellnern beobachtet, sage ich manchmal ihren lieblichen Namen. Ich sage ihren Namen mit einem von Schuld, Verzweiflung und Angst gefärbten, gleichzeitig sehnsüchtigem Klang. Ich weiß, dass mich die Menschen um mich herum dann komisch ansehen, aber ich blende es in diesen Momenten aus. Wenn ich in ihre leuchtenden Augen sehe, dann weiß ich nicht, ob ich mich freuen soll, oder mich hassen soll. Ich frage mich, warum ich sie sehe. Ich kenne sie doch gar nicht und sie mich nicht. Ich habe sie von mir getrennt, bevor sie mich überhaupt hätte kennen lernen können. Eine Zeit lang habe ich gedacht, dass sie wirklich existiert. Ich war mir sicher sie würde leben und ich würde sie wirklich sehen und erleben. Sie war mir so unendlich nah und ich war ihr noch viel näher. Unsere sanften Blicke trafen sich immer öfter und das transparente Band, welches uns für immer verbinden wird, nahm mehr und mehr eine feste Form und Farbe an. Ich habe so oft mit ihr gesprochen und mich gefühlt als wären wir vereint. Wenn ich nach der Arbeit auf den Bus warte und sie neben mir steht, sehe ich sie lächelnd an und nehme ihre kleine,weiche Hand. Sie fühlt sich so warm und echt an. Eine Zeit lang konnte ich gar nicht mehr begreifen, dass sie nicht existiert. Ich wollte nicht akzeptieren, dass sie tot ist und das sie nie gelebt hat. Mit jedem stockenden Tag mit dem ich älter werde, wächst auch sie heran. Und ich sehe, wie sie älter wird, wie sie sich verändert und immer mehr aufblüht. Sie ist immer bei mir, aber manchmal ertrage ich ihre stumme Anwesenheit nicht, weil sie mich immer mit dem gleichen, traurigen Augen fixiert und mich intensiv anblickt. Und dann weiß ich, dass sie sagen will: „ Mami, wieso hast du das getan?“ Und dann frage ich mich auch, wieso ich das bloß getan habe. Ich frage mich, wieso ich ihr das Leben genommen habe, bevor sie leben durfte. Wenn ich sie in meinem dunklen Zimmer sehe, muss ich oft weinen. Ich versuche jedes mal weg zu gucken, doch es geht nicht. Langsam halte ich es nicht mehr aus. Ich kann sie nicht loslassen, aber sie kann auch nicht bleiben, weil ich verrückt werde vor Schuldgefühlen. Ich brauche Hilfe. Ich weiß, dass sie eine Projektion meines Gehirns ist und dass ich mir nicht die Schuld geben darf, für das, was passiert ist. Es war damals das Beste, doch ich kann es einfach nicht vergessen. Kann sie nicht vergessen. Sie wird immer da sein und immer zu mir gehören. 21


Es tut mir so Leid! Hätte ich sie vorher schon gesehen, hätte ich sie niemals aus dem Leben genommen, aber ich war so verzweifelt. Ich brauche Hilfe um meine und ihre Existenz in den Griff zu bekommen. Ich werde sie nie vergessen, aber ihre braunen Augen dürfen mich nicht mehr so verfolgen, sonst kann ich nicht mehr normal weiter leben. Manchmal werde ich richtig wütend, wenn ich sie sehe. Ich raufe mir die Haare und fange an konfus vor mich hin zu reden. Ich wünsche mir, dass sie verschwindet und brülle sie sogar vorwurfsvoll an. Doch sie bleibt. Nur nachts, wenn ich schlafe, habe ich meine Ruhe. Wenn ich träume, bin ich frei. Wache ich wieder auf, ist auch sie schon längst wach. Es kommt mir so vor, als hätte sie mich die ganze Nacht beobachtet. Ich schaffe das nicht mehr. Sie soll endlich verschwinden und mich mein Leben leben lassen! Ich liebe sie über alles, doch sie macht mich kaputt. Heute morgen habe ich einen Entschluss gefasst. Sie muss aus meinem Leben treten. Sie muss in den Himmel steigen und glücklich werden, doch nur ich kann ihr dabei helfen. An diesem morgen sehe ich sie nicht an. Ich bin bereit. Ich muss es tun. Silberne Tränen fliessen meine Wangen hinunter, als ich das Küchenmesser mit meinen zitternden Händen umfasse. Mit wackligen Knien gehe ich in mein Zimmer, wo sie immer noch sitzt. Sie sieht mich mit ihrem typischen, starren Blick an. Ich ertrage es nicht mehr und renne auf sie zu. In diesem Moment kann ich nichts mehr denken. Ich steche einfach nur mit dem Messer. Ich schreie und weine und steche. Blut spritzt in meinen Augen. Plötzlich wird alles dunkel. Ich spüre, wie mein Körper auf den Boden fällt und ich sehe, wie rote Farbe meine sterbliche Hülle verziert. Ich lächele und bin glücklich. Wir sind nun endlich frei! Plötzlich verwandelt sich die klammende Dunkelheit in meinen Augen in glänzendes, weißes Licht. Ich stach, und stach und stach. Nicht sie, sondern mich.

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Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun (Molière). Schlauchen – Chaostheorie

Es gibt diese winzigen Augenblicke im Leben, die es irgendwie lebenswert machen. Momente, Gedanken, Gefühle, all das ist nichts im Vergleich zu diesen magischen Sekunden, in denen die Welt um einen herum versinkt und man sich auch nicht fragen muss, ob man mit dem was man hat wirklich zufrieden ist. Man genießt. Man ist einfach. Ich sehe zur Seite. Sein Blick bohrt sich in meinen, das Herz poltert in meiner Brust, versucht mit heftigen Schlägen seine Aufmerksamkeit weiter auf mich zu ziehen. Die grünbraunen Augen, seine gebräunten Oberarme, die dunklen, kurzen Haare, die schwarzen Augenbrauen, die sich verführerisch und fragend heben. Das ist dieser Augenblick. Ich sehe uns, ihn, mich, wie ich ihn frage, ob er zu mir nach Hause kommen will. Um zu reden. Um über die kleine Kuhle, die zarte Narbe über seinem Mund streichen zu können, um ihm nahe zu sein, ihn kennenzulernen. Ob er lieber Fleisch oder Fisch mag? Ich würde ihm Wein anbieten, sehen, wie sich seine Lippen über das teure Glas, das mir meine Tante zum Einzug geschenkt hatte, stülpen, wie sich seine Zunge dem fruchtigen Geschmack entgegensehnt, wie ich ihn dabei beobachte. In meinem Kopfkino streichelt er meine Wange, legt den Kopf dabei schief, ein wenig nach links, ein wenig anders als andere. Wenn er nervös ist, setzt er ein winziges, ein wenig schräges Lächeln auf. An dem rechten Schneidezahn fehlt ein Stückchen, er hat sich in der sechsten Klasse mit einem Jungen geprügelt, der dafür eine krumme Nase bekommen hat. Er würde es mir erzählen, während ein Finger meinen Arm entlang wandern und mein Kopf an seiner Schulter lehnen würde. „Gehst du morgen auch mit ins Kino?“, reißt mich plötzlich ein Gesprächsfetzen aus meinen Vorstellungen. Die Lichter in der U-Bahn flackern, das Stimmengewirr, das ich unterbewusst ausgeblendet habe, dringt an mein Ohr, ein Husten, ein Lachen. Ich blinzle, rufe meine Gedanken zurück in die Realität, verlasse meinen Traum, sehe zur Seite, weiche seinem intensiven Blick aus. Mein Puls rauscht in den Ohren, in meinem Bauch tobt ein Wattebällchen-Krieg. Unzählige, kleine Wesen hüpfen auf ihnen herum und verpassen mir das wundervollste Gefühl an diesem Mittwochabend. Ich weiß, dass er aussteigen, die Kinder rufen und zur Jugendherberge gehen wird. Ich fahre in der Bahn, weil ich mein Jackett im Büro vergessen habe. Werbedesgin. Ich müsste nur die Straße überqueren, ein kleines Stückchen laufen und im Foyer auftauchen, um dem Lehrer wieder zu begegnen. Einen weiteren zufälligen Moment hervorrufen. Seine Augen wandern über mich hinweg, eine Gänsehaut folgt der Spur, die sein Blick auf mir hinterlässt. Die Haltestellendurchsage lässt mich leicht zusammenzucken Ich blende ungewollt alle Geräusche aus, konzentriere mich auf ihn, auf diesen Moment. Seine warme, seltsam rauchige Stimme hallt durch das Abteil, die Kinder stehen auf, drängeln sich an die Türe. Eine französische Schulklasse, ich verstehe nichts von seinen Worten. Habe nie Französisch gelernt. Auch wenn ich das Gefühl habe, jede Silbe zu begreifen, jeden melodischen Ton zu verstehen. Die Türen öffnen sich, ich steige aus. Und mit mir dieser kleine Augenblick. Ich frage mich, wie es wäre, wenn ich einfach auf ihn warten würde. Wenn ich einfach stehen bleiben, nicht die Straße überqueren, sondern ihn einfach ansprechen würde. Doch ich tue nichts. Gehe meinen Weg, laufe leichtfüßig die Stufen der Haltestelle hinab, lasse ihn seine Arbeit machen. Mein Rock tanzt zu der imaginären Musik der Nacht, auf meinem Gesicht klebt dieses dümmliche Grinsen, das man nur nach diesen Augenblicken hat. 23


Als ich an der roten Ampel warten muss, überkommt mich der Drang, einfach länger stehen zu bleiben. Etwas Neues zu wagen. Ihn anzusprechen. Es zu tun, weil ich es sonst nie tun würde. Weil es sonst nur ein Teil meiner Gedanken, ein Teil meiner Fantasie bleiben würde. Ich werfe einen Blick auf die Ampel. Immer noch rot. Die Lichter im Bürogebäude sind ausgeschaltet, ich kann den Kopf von Olga, der Putzfrau durch die Scheiben erkennen. Soll ich wirklich warten? Im selben Moment komme ich mir albern, mir kindisch vor. Es ist Teil des Spiels, Teil des Lebens diese Leute nicht anzusprechen, nicht mit ihnen zu reden. Weil es immer so ist. Denk lieber an dein Jackett, ermahne ich mich in Gedanken. Ich setze mich in Bewegung, überquere die Straße, drehe den Kopf, um ihn nochmal anschauen zu können, sehe ihn hinter den Kindern laufen, den Kopf heben. Unsere Blicke verhaken sich erneut ineinander. Ein kleines Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen, als sich seine Augen plötzlich weiten. Sein Mund formt ein stummes O, seine dunklen Augenbrauen ziehen sich erschrocken zusammen. Mein Gang ist federnd, leicht, beschwingt, mein Herz singt, die Wesen in meinem Bauch hüpfen auf den Wattebällchen, mein Puls veranstaltet einen Wettkampf mit den örtlichen Rasern. Chaostheorie. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich fällt es mir ein. Eine Freundin hat mir davon erzählt, das interessanteste an ihrem nervtötenden BWL-Studium sei die Chaostheorie: Sie soll besagen, dass alles, was einem passiert etwas anders zur Folge hat. Ich sehe Julia vor mir, wie sie sich am Kinn kratzt, im für sie typischen Schneidersitz, sich eine Haarsträhne hinter die Ohren schiebt und drauf los plappert. „Wenn jemand, der normalerweise um 7.13 Uhr das Haus verlässt, an jenem Tag aber einen Kaffee verschüttet, den Schlüssel vergisst und umknickt, erst sieben Minuten später aus dem Haus geht, passieren verschiedene Ereignisse, die nicht geschehen würden, wenn alles nach Plan gelaufen wäre. Alles, was passiert, hat eine andere Auswirkung auf die Welt. Die Chaostheorie rechnet jede dieser Möglichkeiten aus.“ Ich frage mich, wieso ich nicht einfach stehen geblieben bin. Warum ich mich dagegen entschieden habe, einmal gegen die ungeschriebenen Regeln zu verstoßen, warum ich mich nicht getraut habe zu warten, bis die Kinder in der Jugendherberge sind, um mit ihm zu reden. Chaostheorie. Was wäre wenn. Ich hätte es tun sollen. Es hätte mir das Leben gerettet. Mein Körper wird vom harten Aufprall zwei Meter weggeschleudert. Der Druck des Wagens, die Wärme durchströmt mich wie ein Blitzschlag, Adrenalin mischt sich darunter. Ich strecke instinktiv die Arme aus und versuche meinen Fall abzuschirmen. Doch die Sekunden sind schneller als meine Bewegungen. Mein Schädel kracht auf den Asphalt. In meinem Kopfkino läuft nun ein anderer Film. Keine was-wäre-wenn Reportage. Es ist mein vergangenes Leben, das an mir vorüberzieht.

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Ich bin dann mal weg. WüCo - Aus Liebe zu dir

Meine Hände gleiten durch die Luft, die für mich nicht mehr notwendig ist. Ein Hauch Wehmut trübt meine Umgebung und ich kann spüren, wie die Atmosphäre an meinem Geist zerrt. Ihn auslöschen will und versucht, ihn mit den anderen zu vereinen. Vielleicht ist die Zeit gekommen, endlich zu verschwinden. Das Schicksal gibt mir einen Wink und überredet mich, ihm zu folgen. Aber ich bin noch nicht bereit für die Zukunft. Ich jage lieber meiner Vergangenheit hinterher und spüre die Gegenwart auf...bis ich sie gefunden habe. Kichernd und japsend vergräbt ein Mädchen ihre blonden Engelshaare in dem Schoß einer Frau, ihrer Mutter. Diese küsst den übermütigen Schopf und greift der Kleinen unter die Arme. Lachend hebt sie sie hoch, reibt ihre Nase an die des Kindes und herzt das Mädchen. Kreischende Kleinkinder lassen diesen Anblick verschwimmen, ihn verblassen, aber nicht an Realität verlieren. Denn was gibt es natürlicheres als eine Mutter, die mit ihrem Kind auf einem Spielplatz spielt? Wind zerrt an meiner transparenten Gestalt und rückt mich ein wenig zur Seite. Entfernt mich immer weiter von der Szenerie. Ich begreife nicht, warum so etwas mir passieren musste? War mir ein solch kleiner Funken Glück nicht vergönnt gewesen? Ich schließe die Augen, sehe immer noch alles um mich herum, aber auch durch es hindurch. Einen winzigen Augenblick gehe ich zurück in die Vergangenheit, um meinen Abgang noch einmal erleben zu dürfen. Erleben zu dürfen, wie ich alles verlor. Kalter Schweiß perlt meine heiße Stirn hinab, die vor Schmerz gerunzelt ist. Ich kann kaum atmen, geschweige denn all meine Kräfte aufbringen, um jemandem das Leben zu schenken. Gepresst stöhne ich, während die Hebamme mir in einer fremden Sprache Mut zuspricht, hoffentlich. Ein kurzes Lächeln zuckt über ihr Gesicht und gibt mir die Gewissheit auf ein baldiges Ende der Qualen. - Und ich habe recht. Nach dem letzten Aufbäumen all meiner Kräfte, spüre ich Leere und Entspannung. Es ist meine Art von Befreiung. Quiekend schreit das Baby zum ersten Mal und ich hebe mit Mühe den Kopf, um zu sehen, wie man es mir auf die Brust und den erschlafften Bauch legt. Blutig und runzelig ist es auf die Welt gekommen und ruht nun auf mir, zeigt mir, wie sehr es all sein Vertrauen in mich legt. Außer diesem kleinen lebendigen Bündel, das in diesem winzigen Augenblick beginnt, sich an mich zu binden, meine Stimme zu verinnerlichen, während ich es beruhige, nehme ich nichts wahr. Alles dringt höchstens wie durch eine wattierte Wand zu mir durch, aber meine ganze Aufmerksamkeit gilt diesem kleinen, verletzlichen Wesen. Geborgen und gelassen kuschelt es sich in meine Arme, atmet stetig aus und ein und ruht sich von der anstrengenden Geburt aus. - Bis man es von mir reißt und aufschreckt. Die Hebamme übergibt mein Kind jemand anderem und macht sich dann daran, meinen Schoß voller weißer Tücher zu stopfen, die sich bereits über meine verkrampften Schenkel wölben. Zitternd wispere ich, dass sie mir mein Baby wiedergeben soll, aber sie schüttelt nur hilflos den Kopf und ruft nach jemandem oder etwas...oder einfach nur um Hilfe. Denn mein Baby ist bereits aus dem Raum verschwunden und meine Versuche, mich zu erheben, funktionieren nicht. Aber vor allem spüre ich, wie sich eine klamme Kälte in mir ausbreitet und die erfreuliche Wärme der neuen Mutterschaft verdrängt. Ich kann erkennen, wie die Hebamme die Tücher auswechselt. Die vor glänzendem Blut triefenden, gegen die makellos 25


weißen austauscht. Langsam schließe ich die Augen und die Lider verdrängen die Tränen, die nun heraustreten. Fast kann ich hören, wie mein Mädchen nach mir schreit, aber dann Übernimmt die Taubheit meiner Haut auch all meine anderen Sinne und ich schwinde langsam dahin. Meines Lebens und meines Kindes beraubt. Langsam packt die Mutter die Buddelsachen, die im ganzen Sandkasten verteilt liegen, ein und verstaut sie im Netz des Kinderwagens. Sie zieht sich die Socken und Schuhe an, ohne das Kind aus den Augen zu lassen, das weiterhin im Sand herumtollt, und hebt dieses schließlich wieder hoch in ihre Arme, um es zum Wagen zu tragen. Ich warte darauf, dass sie einen fatalen Fehler begeht. Mir zeigt, wie unfähig sie in ihrer plötzlichen Rolle als Mutter ist. Als Mutter von einem wildfremden Kind. Es muss etwas Falsches an ihrem ganzen Gebaren geben. Wie kann man ein Kind erziehen, wenn man es nicht selbst in sich getragen hat? Wenn man die Anstrengungen der Geburt und die damit verbundene Erleichterung nicht am eigenen Leib erfahren hat? Kann man sich dann überhaupt Mutter nennen? Die Frau setzt mein Kind in den gepolsterten Sitz, schnallt es an und gibt ihm den Schnuller, den es so liebt. Sanft fasst sie den Lenker und manövriert den Wagen von der Bank weg. Ich trete ihr in den Weg, will sie mental aufhalten und zwingen, mir mein Kind zu geben, was sie sich einfach genommen hat, als man es ihr anbot, aber sie nimmt mich nicht wahr und läuft mit einem seligen Lächeln auf den Lippen weiter auf mich zu. Hat sie jemals an mich gedacht? Die Mutter ihres Kindes? Glaubt sie, ohne mich klarkommen zu können? - Ich vermute ganz klar: Ja. Die ganze Zeit über, die ich sie beobachtet habe, hat sie mir gezeigt, wie sehr sie dieser bedeutenden Rolle gewachsen ist und wie sehr sie ein Kind lieben kann, das ihr weder gehört noch instinktiv ihre Stimme erkennen würde. Niemand anderes hätte mein Kind so sehr lieben können, dass es sich so geborgen fühlt, wie am Tag seiner Geburt. Diese Frau, mit ihrem zarten Gesicht und dem beflügelten Ausdruck darin, ist perfekt. Stück für Stück kommt sie näher und dringt schließlich in mich ein. Zuerst berührt der Kinderwagen mich und das Kind schaut hinauf in die Wolken und gleichzeitig in meine Augen, die seine durchbohren und in sich aufnehmen. Schließlich ist es durch meinen Geist geschlüpft und seine neue Mutter folgt ihm. In dem Bruchteil einer Sekunde sind wir eins und ich schenke ihr all meine Erinnerungen an das Kind. Wie meine Gefühle mit jedem Monat wuchsen, die ich meine Tochter unter dem Herzen trug und wie sie dieses stahl, als ich sie das erste Mal erblickte. Das alles gebe ich ihr, damit sie sich wie eine wahre Mutter fühlen kann und ihr Abbild nicht wie Gift in meinem Herzen bleibt. Denn jetzt sind wir eine Person. Wir haben die gleichen Erinnerungen und besitzen das gleiche Kind in unserem Herzen. Wenn ich durch sie hindurch bin, wird sie denken, ein frischer Wind wäre aufgekommen und zieht vielleicht unserer Tochter eine Jacke über...aber das kann ich nicht wissen. Denn noch bevor ich wirklich von ihr getrennt bin, erfasst mich eine kräftige Böe, kräftiger als der Sog von vorhin, und nimmt mich mit auf eine Reise, ohne Wiederkehr. Aber ich weiß, dass ich alles tat, um dich, mein Kind, zu schützen und dir einen leichten Weg in die Zukunft zu bereiten. Aus Liebe zu dir.

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REA - Unser Buch  

Redewendungen einmal anders. Eine Anthologie

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