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Das studentenmagazin der Uni rostock auf PDF

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Parkstraße 6, 18057 Rostock Telefon: 0381-498-5608 Telefax: 0381-498-5603 www.heulermagazin.de Nr. 99 | Oktober 2012 Herausgeber Studierendenschaft der Universität Rostock

Werte Leser!

Redaktionsleitung Alfonso Maestro (V. i. S. d. P.) Stefanie Krauß redaktion@heulermagazin.de

Es begann vor fast zwanzig Jahren: Die Menschen trugen noch Jacken von Helly Hansen, die sie immer öfter zur Redaktionssitzung an die Garderobenhaken hängten. Jahr um Jahr kamen also mehr Studenten. Sie alle machten ein kleines unbesorgtes Cancan-Tänzchen auf dem bescheidenen journalistischen Parkett dieses Studentenmagazins. Und die Seiten schwollen (zunächst unbemerkt), die Farbensonne ging auf, und je nachdem welches Studierendenparlament die Hebel betätigte, ward es entweder Sturm oder smooth sailing für den heuler. Alleweil veränderte sich das Heft, und wie bei den Jahreszeiten war man stets dem Jetzt zugehörig.

Geschäftsführung Henning Wüstemann gf@heulermagazin.de Ressortleitung Sarah Schüler & Antonia Wolschon (Uni) Stefanie Krauß (Leben) Annika Riepe & Marten Neelsen (Politik) Alfonso Maestro (Kultur)

Jahre später war der heuler zum gonzo-journalistischen hellscream geworden, zum Matador unter den deutschen Campusmagazinen, und an der Spitze der Charts. Da war es zu spät! Wir hatten die Robbe neben den Menschen gesetzt – sie war zu schlau und gut designt geworden, nicht mehr zu stoppen! Doch die Gründungsväter hatten für diesen Fall einen Automatismus eingerichtet, den wir im Jahre 17 nach Buffalos nicht mehr erwartet hatten: Eine „systematisierte Drittgenerationsprogrammierung“ leitete eine „progressive Fluktuationsorientierungskonzeption“ ein. (Selbstverständlich zum Schutze aller Studenten.) Kurz: Leute gingen, und wir reformierten uns.

Layout & Grafik Dirk Ramthor & Steffen Dürre Korrektorat/Lektorat Christoph Treskow Mitarbeit: Andreas Doneith, Gesa Römer

Da wir als Triumphatoren nicht bemüht aussehen wollten, die Ausmaße unserer Fantasiekapazität aber bereits erreicht waren, soffen wir bis zum Nicht-mehr-Siezen und ergriffen damit die Flucht nach vorn. Einmal schauten wir noch zurück zu den 98 alten heulern, sie schunkelten voller Gefühl wie zärtliche Chaoten. Doch trotz der ganzen Schönheit vor uns versprach der naive Horizont: „Immer neu.“ Unter dem Motto „Mit uns die Sinnflut“ nehmen wir es mit der Zukunft auf, springen davon, und wir holen uns zurück!

Redaktionelle Mitarbeit: Hannes Falke, Ilja Gaidenko, Björn Giesecke, Carsten Gramatzki, Ulrike Heeder, Jakob Heier, Yvonne Hein, Caroline Heinzel, Stephan Holtz, Charlotte Kohl, Marten Neelsen, Dirk Ramthor, Annika Riepe, Gesa Römer, Sarah Schüler, Marei Stade, Marcus Sümnick, Gabriel Alexandro Volksdorf, Jana Wichert, Friederike Wollgast, Antonia Wolschon, Henning Wüstemann, Theresia Ziegs

Kennst du schon ... Try Clemens!

Credits: Alle nicht näher gekennzeichneten Bilder und Illustrationen: Dirk Ramthor & Steffen Dürre

Alfonso & Steffie

die Film-Impulse von Clemens Langer? Auf heuler-online gehen die vergleichenden Filmbetrachtungen des studierten Soziologen in die nun zwölfte Runde. Ihr wollt Sly, Sex und Business in geistvoller Kontemplation? Dann wagt einen Blick durch die scharfsinnige Brille von Clemens.


03 EDITORIAL & IMPRESSUM | 06 UNI | 07 EIN SOMMER IM MITTLEREN WESTEN | 08 WANDEL DURCH AUSTAUSCH | 09 DIE FINANZKRISE DES HISTORISCHEN INSTITUTS | 10 BITCOIN - GELD SELBT GEMACHT | 11 ACHILLES VERSE | 12 1001 UNI-FAKTEN: SPRACHENZENTRUM | 14 LEBEN | 15 VOM KOCHTOPF AUF DEN BOLZPLATZ | 16 DIE ULTIMATIVE JOB-ANALYSE | 20 ÄMTER IN EHREN | 22 POLITIK | 23 DENKFABRIK STATT KAMPFVERBAND? | 25 VON NATIONALSTOLZ UND KOMPROMISSBEREITSCHAFT | 26 REVOLUTIONSPATEN | 27 POLITISCHE BILDUNG | 28 KLARMACHEN ZUM ÄNDERN - DIE PIRATEN IN ROSTOCK | 29 DER MARSCH DURCH DIE INSTITUTIONEN | 30 GEFÄHRLICHES HALBWISSEN: ZWISCHEN VORURTEILEN UND RECHTFERTIGUNGEN | 31 LICHTENHAGEN IST NICHT VORBEI | 32 ROSTOCK PRÜFT SEIN ERINNERUNGSVERMÖGEN | 33 DER FALL DER EICHE | 33 »BIS ZUM ANSCHLAG« | 34 DIE SCHULD DER MEDIEN - EIN KOMMENTAR UND HILFERUF | 36 KULTUR | 37 DER RAVE-GRAF VON PUNTA CHRISTO | 38 DIE VORHAUT DES KAPITALS | 40 URBANE LEINWÄNDE | 42 SCHEIN ODER NICHT SCHEIN - HINTER DEN KULISSEN VON »HAMLET PRINZ VON DÄNEMARK« | 44 FUNNIEST PRANK EVER (PART I) | 46 GESCHMACKSPOLIZEI | 50 POSTSKRIPTUM | 50 HANNES' STRIP - VOLL AUF DIE NÜSSE | 51 RÄTSEL 4

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Illustration: Caroline Heinzel

HIELTEN SICH FÜR SCHLAUE LEUTE


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Ich bin dann mal weg, Geld holen …

Wir werden ständig daran erinnert, an den lieben, schnöden Mammon. Erst recht die Historiker, deren Institut von Geldsorgen geplagt wird. Der Informatiker ist da pragmatisch: Er entwickelt und erforscht virtuelles Geld einfach gleich selbst. Wer außervirtuell in die Ferne schweifen will, der kann sich am Sprachenzentrum inspirieren und von unserem Kearney-Bericht animieren lassen. Antonia Wolschon & Sarah Schüler, Ressortleiterinnen 6

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o machte ich mich im Juli zusammen mit fünf anderen Lehramtsstudenten der Anglistik auf den Weg. Zuvor hatten wir bereits das Glück gehabt, mit unserem Motivationsschreiben aus elf Bewerbern ausgewählt zu werden und dadurch überhaupt teilnehmen zu können. Jeder, der in den letzten Jahren in die USA eingereist ist, wird sich mit Freuden an die Sicherheitskontrollen am Flughafen erinnern. Besonders erquickend ist es nach einem Neun-Stunden-Flug, wenn man so wie ich noch ins Secondary Screening kommt. Dieses ließ mich ernsthaft um meine Einreise fürchten und war erst mal genug Abenteuer für den Anfang. Daraufhin wurde es aber nur noch entspannter. Hat man es dann bis Omaha geschafft, wird man von einem – eigentlich immer – sehr gut gelaunten Prof. Louishomme empfangen, der das Programm seit letztem Sommer betreut und den einige vielleicht noch von seiner Gastdozententätigkeit in Rostock von 2008 und 2010 kennen. Nach einigen Tagen Eingewöhnungszeit auf dem Campus konnten wir dann unser Praktikum an der Meadowlark Elementary School beginnen. Für das Praktikum sollte man definitiv in der Lage sein, bei möglicherweise glühender Hitze sechs Kilometer Fahrrad zu fahren. Dabei ist der Dresscode der Schule nicht zu vergessen; Minirock und Spaghetti-Top sind generell nicht zu empfehlen. Auch der Sprachgebrauch muss gut gewählt sein, und das Fahrrad

darf keinesfalls direkt vor der Schule bestiegen, sondern muss bis zur nächsten Straßenecke geschoben werden. Absurde Regeln begegnen einem in den USA in der Tat öfter und sollten nicht zum Anlass genommen werden, sich diese Erfahrung entgehen zu lassen. Wir konnten uns aussuchen, in welcher Klassenstufe wir partizipieren wollten, wurden von den Lehrern sehr dankbar aufgenommen und schnell in den Tagesablauf eingebunden. Der Unterricht läuft vor allem methodisch sehr modern ab, und man kann vom Praktikum definitiv mehr mitnehmen als nur verbesserte Englischkenntnisse. Die morgendliche „Pledge of Allegiance“ und je nach Klassenstufe gegebenenfalls tägliche patriotische Gesänge muss man allerdings über sich ergehen lassen. Zum Austauschprogramm gehören auch verschiedene Ausflüge wie eine Kanutour, ein Trip nach Denver und in die Rocky Mountains sowie zum Zoo in Omaha. Dieser gilt als „zweitbester Zoo Amerikas“ und ist eindeutig eines der Prunkstücke in Nebraska. Bei diesem Auslandsaufenthalt sollte einem immer bewusst sein, dass man sich im Mittleren Westen der USA befindet und absurde Fragen zu Deutschland an der Tagesordnung sind. Wir, voller Vorurteile, hatten ja mit vielem gerechnet, doch Fragen wie „Gibt es Fahrzeuge (Supermärkte, Fast Food, Glasflaschen …) in Deutschland?“, „Habt ihr eine eigene Sprache?“ und „Lernt ihr in der Schule auch was über WW2?“ haben meine Vorahnungen sogar noch übertroffen. Auch die Möglichkeit, dass es Menschen gibt, die freiwillig und gern in einem anderen Land als den USA leben, und dass wir nach unserem Studium eben nicht auswandern wollen, wird von vielen nicht zur Kenntnis genommen. Nach der vierwöchigen Praktikumszeit hat man die Möglichkeit, Kurse

Checkliste • Auslandskrankenversicherung • Eine auch die USA abdeckende Haftpflichtversicherung • Ein mindestens noch ein halbes Jahr gültiger Reisepass • ESTA-Antrag • Kreditkarte • Steckdosenadapter

Kosten Flug: ca. 1.200 € Wohnen: ca. 1.000 € Ausflugsprogramm/Studiengebühren: ca. 400 € + ggf. Kosten für Reisen innerhalb der USA u. Lebenshaltungskosten

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in die 30.000-Einwohner-Kleinstadt im Mittleren Westen und kommen – zumindest größtenteils – begeistert wieder. Die euphorischen Berichte waren auch für mich der Hauptanlass, am Programm teilzunehmen.

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Wer die Vereinigten Staaten von ihrer amerikanischsten Seite kennenlernen will, ohne ein Semester zu verlieren, für den könnte das Kearney-Austauschprogramm der Uni das Richtige sein. Seit 2001 fahren jedes Jahr deutsche Studenten von Juli bis Oktober

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Ein SOMMEr im Mittleren Westen

an der Uni zu besuchen, wobei man die im Vergleich zur Uni Rostock sehr komfortablen Studienbedingungen genießen kann, und natürlich zu reisen. Nebraska liegt hinsichtlich der OstWest-Ausdehnung der USA genau in der Mitte, und inneramerikanische Flüge sind schon für umgerechnet rund 100 Euro zu haben. Wir entschieden uns für einen Roadtrip an der Westküste, aber auch New York und Chicago sind schnell erreicht. Generell kann ich das KearneyProgramm allen weiterempfehlen, die Amerikas Gegensätze einmal selbst erleben wollen und dabei vor den doch teilweise sehr konservativen Ansichten nicht zurückschrecken. Für eine so kurze Zeit kann man in den Vereinigten Staaten auf jeden Fall eine Menge erleben und die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Übrigens: Lehrämter Gymnasium oder Haupt-/Realschule können dieses Praktikum auch als Orientierungspraktikum abrechnen. Für alle Interessierten wird es im November einen Informationsabend geben, der vorher rechtzeitig in der achten Etage des Bebeltowers bekannt gegeben wird.

Autorin: Friederike Wollgast spielt Cowboy und Indianer im Wilden Westen.


Wandel durch Austausch Wer überlegt, ein Semester oder sogar ein Jahr ins Ausland zu gehen, der steht vor einem gewaltigen Berg an Fragen. Wohin? Wie finanzieren? Welche Studienleistungen werden anerkannt, und welche Sprachtests braucht man? Wie viel kostet eine Auslandskrankenversicherung? … Zur Erleichterung des Einstiegs stellt euch der heuler einige Programme vor, die für ein Auslandssemester infrage kommen könnten.

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ERASMUS Der DAAD ist der bekannteste Anbieter von Stipendien und fördert Projekte weltweit. Er ist auch die Nationale Agentur des ERASMUS Mundus-Programms. Durch das „European Credit Transfer and Accumulation System“, kurz ECTS, ist es möglich, dass erreichte Studienleistungen „mitgenommen“ werden können. Auch kann man ggf. einen Doppelabschluss an zwei Universitäten erlangen. WOHIN: EU-weit bei Partnerhochschulen der Uni Rostock. Eine Liste der Partnerunis findet man unter: tinyurl.com/8tqhmp6 Wenn man eine Universität in der EU findet, an der man gern studieren möchte, mit der aber noch keine Partnerschaft besteht, kann man dort anfragen, ob der Fachbereich an einer Partnerschaft interessiert ist; dann kann bei gegenseitigem Interesse ein Vertrag geschlossen werden. WAS GEFÖRDERT WIRD: höchstens ein Praktikum oder ein Studienaufenthalt von 3 bis 12 Monaten Dauer KONTAKT: ERASMUS-Koordinator des jeweiligen Fachbereichs (siehe Liste der ERASMUS-Partnerschaften), an die man alle Fragen z. B. bezüglich der Fremdsprachenkenntnisse, der Organisation usw. richten kann ANMELDEFRISTEN: meist im Dezember fürs kommende Wintersemester FÖRDERUNG: etwa 170 Euro (ändert sich jährlich) sowie Deckung der Studiengebühren der Gastuniversität BEWERBUNGSVERLAUF: Nominierung erfolgt durch den ERASMUS-Koordinator; genauer Ablauf je nach Fachrichtung unterschiedlich geregelt VORAUSSETZUNGEN: Teilnahme erst ab dem 3. Semester möglich, ohne Altersgrenze; zwei Studienaufenthalte können nicht gefördert werden GEEIGNET FÜR: Studenten/Dozenten, die in Europa studieren/lehren wollen

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Autorin: Theresia Ziegs kämpfte sich ohne Machete durch den Info-Dschungel.

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b Praktikum oder Auslandssemester: Wer während des Studiums eine Weile im Ausland verbringen will, sollte mindestens ein Jahr vor dem Aufenthalt beginnen, sich damit zu beschäftigen. Wo man diese Zeit verbringen möchte, ist sicher eine der ersten Fragen. Je nachdem gibt es verschiedene Programme und Stipendien, für die man sich bewerben kann. Bevor man das Auslandssemester selbst organisiert, lohnt es sich, zunächst diese Fördermöglichkeiten zu prüfen. Die Uni Rostock unterhält nämlich Partnerschaften zu Universitäten auf der ganzen Welt. Außerdem kann man beim Stiftungsindex oder beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, kurz DAAD, Stipendien für Auslandsaufenthalte finden. Das Akademische Auslandsamt (AAA) in Rostock in der Kröpeliner Straße kann zusätzlich bei der Suche nach dem passenden Programm weiterhelfen.

PROMOS WOHIN: weltweit, außer ERASMUS-Partnerschaftshochschulen WAS GEFÖRDERT WIRD: 1 – 6 Monate lange Studienaufenthalte, Projektarbeiten, Sprachkurse, Studienreisen, Konzertreisen etc. KONTAKT: bei der PROMOS-Beraterin des AAA zu erfragen ANMELDEFRISTEN: werden von den Hochschulen festgelegt FÖRDERUNG: Teilstipendien, Reisekostenpauschale und mehr BEWERBUNGSVERLAUF: Motivationsschreiben, Lebenslauf, Sprach- und Studienleistungen sowie ein Auswahlgespräch GEEIGNET FÜR: Menschen, die ihre Traum-Uni nicht unter den ERASMUS-Partnerschaften gefunden haben oder schon einmal durch ERASMUS gefördert wurden

Weitere Programme

Auslands-BAföG

Es gibt eine Fülle weiterer Förderprogramme. An dieser Stelle sollen nur noch zwei weitere genannt werden: Für Stipendien in Süd- und Südostasien bietet sich das „Industrialised Countries Instrument - Education Cooperation Programme“ (ICI-ECP) an. Wer in die USA will, kann sich bei „ATLANTIS – Actions for Transatlantic Links and Academic Networks in Training and Integrated Studies“ bewerben. Wenn man kein Stipendium gefunden hat, kann man sich sein Auslandssemester auch selbst organisieren. Das erfordert viel Initiative, ist aber auch möglich. Info: www.semester-im-ausland.de

Unabhängig von Stipendien kann jeder Auslands-BAföG beantragen, der auch im Inland BAföG erhält, außerdem auch diejenigen, die seit Kurzem kein BAföG mehr bekommen. Auslands-BAföG ist nicht leistungsabhängig, und es werden vom BAföGAmt zusätzlich auch Studiengebühren von bis zu 4.600 Euro an die Gastuniversität gezahlt. Diese müssen nicht zurückgezahlt werden. Zusätzlich deckt es die Kosten für eine Auslandskrankenversicherung ab, und man erhält einen Reisekostenzuschuss.


DIe FINANZKrIse Des HIstOrIsCHeN INstItUts Der Universität Rostock mangelt’s an Geld – woraufhin dem Historischen Institut massiv die Gelder gekürzt werden. Der Fachschaftsrat Geschichte (FaIGe) hat sich zusammengesetzt und versucht, gegen dieses Problem mit allen Mitteln anzugehen. Denn die Leidtragenden sind letztendlich die Studierenden.

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eit dem 23. Mai 2012 ist bekannt, dass das Historische Institut in einer prekären fi nanziellen Lage steckt. Durch allgemeine Kürzungen bei der Philosophischen Fakultät stehen dem Historischen Institut nur ungefähr die Hälfte der vorherigen Gelder zur Verfügung. Das hat auch zur Folge, dass etliche Tutorien – wichtig für Studienanfänger – im kommenden Semester ersatzlos entfallen werden. Die studentischen Hilfskräfte wurden entlassen, und die Zuschüsse für Exkursionen fallen wahrscheinlich weg. Ohne Zweifel: Die Qualität der Lehre sinkt. Um diesem Problem entgegenzuwirken, hat sich der FaIGe im Juni in einer Vollversammlung beraten und kurz darauf an Bildungsminister Mathias Brodkorb gewandt. Dieser fand zwar keine Lösung für das Problem, verstand jedoch die Lage der Studierenden und bot ihnen zumindest eine Erklärung für das Desaster: Der Universität würden steigende Verwaltungskosten durch die wachsende Bebauung (z. B. der neue Arno-Esch- und Konrad-ZuseHörsaal) zufallen. Der Topf, der für die Deckung der Baukosten zuständig ist, sei zwar von dem des übrigen Haushalts getrennt, doch auch dieser könne von der Universität nur mit circa 96 Prozent gedeckt werden; dies führe schließlich dazu, dass mehr Kosten aus dem Haushaltstopf ausgeglichen werden müssen. Der Bildungsminister wolle sich zwar für die Studierendenschaft einsetzen, aber er könne nicht als Anwalt der Studierendenschaft fungieren, da er als Bildungsminister für die ganze Universität zuständig sei. Trotzdem versprach Herr Brodkorb, sich bei dem Rektor für die Belange der Fachschaft Geschichte einzusetzen und bot dem Fachschaftsrat an, ins Bildungsministerium zu kommen und sich dort die Finanzierung erklären zu lassen. Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Sorgen des Instituts hatte der FaIGe mit internen Problemen zu kämpfen: Die ehemalige Vorsitzende trat zurück, sodass Neuwahlen organisiert werden mussten. Sie

Illustration: Hannes Falke

behinderte die Bemühungen des Fachschaftsrates kurz vor und auch noch nach ihrer Amtsabtretung, indem sie ihm z. B. den Zugang zum Postfach des Rates verwehrte und die Zweite Vorsitzende während ihrer Amtszeit nicht in die Arbeitsabläufe miteinbezogen hatte. Bei den Neuwahlen stimmte man über ein neues Sprecherteam ab, das nun aus Anne-Maika Krüger und Max Paul Mielke besteht. Mittlerweile ist alles weitgehend demokratisiert, um eine ähnliche Situation künftig zu vermeiden. Währenddessen sprach der Fachschaftsrat das Finanzproblem auf der gegen Ende des Semesters durchgeführten Fakultätsratssitzung an, die auch für alle anderen Studenten zugänglich war. Der Dekan der Philosophischen Fakultät bemühte sich zwar sehr zu helfen, jedoch war die Tagesordnung einfach zu voll. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um das Hauptaugenmerk gezielt auf die Fragestellungen der Fachschaft zu legen. Das Ergebnis der Sitzung war dennoch überaus aufschlussreich. Einige Lehrende zeigten sich solidarisch und teilten die Auffassung der Fachschaft, stiefmütterlich behandelt worden zu sein. Ein Dozent brachte schließlich die Lösung des Problems auf den Punkt: Die Kraft der Philosophischen Fakultät liege nicht bei den Dozenten, sondern in der Masse der Studierenden. Um die Ausmaße ihrer Lage klar darzulegen, müssten diese sich zusammentun.

In einem öffentlichen Brief rief der Fachschaftsrat zum Dialog auf, prangerte die Missstände des Instituts an und forderte unter anderem Aufklärung über die Vergaberegelung der Gelder und Drittmittel. Die Reaktionen der Studenten darauf waren größtenteils positiv. Zusätzlich zu den Fachschaftsmitgliedern beteiligten sich drei weitere Freiwillige an der Sammlung der Unterschriften des Briefes, und mehrere Studenten hatten das Ende der Fachschaftssitzung abgewartet, um ihre Stimme abzugeben. Lediglich zwei protestierten via Mail. Anfang des kommenden Semesters wird der Brief mitsamt den 166 Unterschriften an die Institutsleitung, den Dekan, den Direktor und den Bildungsminister weitergeleitet. Bis auf die Wiedereinstellung der studentischen Hilfskräfte hat sich seitens des Instituts nicht viel getan.

Autorin: Charlotte Kohl nähme Schecks von Krösus an.


Wissenschaftsserie

Bitcoin – Geld selbst gemacht

stellen oder andere Autoritäten. Geld wird übertragen, indem ein Benutzer an andere Benutzer Nachrichten sendet. Eine Bank ist nicht erforderlich. Geld entsteht – in rein digitaler Form – durch die Aktivität der Anwender. Diese lösen dazu auf ihren Rechnern eine sehr komplizierte mathematische Aufgabe – der Golddeckung des Dollar entspricht eine Art Rechenzeitdeckung.

Die Alchimisten haben davon geträumt, Gold selbst zu fertigen. Was vor vielen Hundert Jahren oft erträumt und nie erreicht wurde – heute wird es im Internet Realität. Der Vergleich ist natürlich übertrieben, wir sind aber neugierig geworden und wollen mehr wissen: Was ist dieses Bitcoin, das gern als digitales OpenSource-Geld bezeichnet wird

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er Informatiker nutzt mit Vorliebe dezentrale Architekturen: In diesen treten die Teilnehmer (sogenannte Peers) direkt miteinander in Kontakt – es werden keine Server benötigt, in deren korrektes Funktionieren jeder vertrauen muss und deren Ausfall alles lahmlegen kann. Gerade die robuste Natur dezentraler Systeme macht diese für den Techniker attraktiv. Im Idealfall werden hier nur jene Rechenknoten beeinträchtigt, die ausfallen, alle anderen arbeiten ohne Störung weiter. Im Internet sind beide Architekturen vertreten: zentrale, bei denen einzelne Server E-Mails oder Webseiten ausliefern, und dezentrale, wie die Filesharing-Anwendungen. Letztere sind nicht unumstritten, da sie oft zum Austausch von Dateien genutzt werden, für welche Dritte die Rechte verwalten. Sie zeigen aber auch die robuste Natur ihres Aufbaus: Da es keinen zentralen Server gibt, können sie nicht abgeschaltet werden. Unabhängig von der Bewertung dieser Anwendung der Technologie (neben dem unbefugten Verteilen von Dateien gibt es auch rechtskonforme Anwendungen) haftet ihr etwas Anarchisches und Selbstorganisiertes an. Die Rechner arbeiten an einem gemeinsamen Ziel – ohne koordinierende Zentralstelle. Vielleicht denken wir dabei an Wikipedia, die technisch gesehen auf einem zentralen Webserver läuft, inhaltlich aber selbstorganisiert arbeitet. Seit wenigen Jahren gibt es nun auch dezentrales Geld: Bitcoin. Traditionelle Geldsysteme setzen Vertrauen in zentrale Instanzen voraus. Als zu Zeiten der Golddeckung Papiergeld noch das Versprechen „Kann jederzeit bei der Nationalbank in Gold eingetauscht werden“ beinhaltete, musste man „nur“ diesem Mantra trauen. Heute beruht das Vertrauen in eine Währung in filigraner Weise darauf, dass wir glauben, unsere Cents beim Bäcker morgen in Brötchen umtauschen und unsere Euros übermorgen bei der Bank oder am Geldauszahlungsgerät abheben zu können. Die Bankenkrise hat viele Menschen veranlasst, über diesen Glauben genauer nachzudenken. So auch Satoshi Nakamoto. Hinter diesem japanisch klingenden Pseudonym verbirgt sich ein Kryptograph, der vor einigen Jahren Bitcoin entwickelt hat. Wir stellen uns darunter ein völlig dezentrales Geldsystem vor, das allein aus dem Konsens der Mehrheit seiner Nutzer lebt, ohne Banken, Ausgabe-

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Wir überlassen die sehr spannenden technischen Details dem Informatiker und fragen uns, wie Bitcoin konzeptionell funktioniert. Wir stellen uns ein System vor, bei dem jeder Teilnehmer sein Bitcoin-Programm am Laufen hat. Dort werden die Kontostände aller Bitcoin-Konten weltweit gespeichert. Wenn also Alice drei Bitcoin an Bob zahlen will, so versendet sie diese Buchung an alle Bitcoin-Konten weltweit. Alle, die diese Nachricht erhalten, wissen nun, dass Bob drei Bitcoin mehr besitzt. Sobald wir einige Millionen Teilnehmer im System haben, wird das kompliziert. Was passiert, wenn einige betrügen und Informationen falsch speichern? Doch seit der Erfindung des Internets hat die Informatik weitere Fortschritte erzielt, welche ermöglichen, die beschriebene Aufgabe effizient, sicher und anonym zu lösen. Aber noch sind nicht alle Fragen gelöst. Im September 2012 wurde unter Rostocker Leitung der erste akademische Bitcoin-Workshop veranstaltet – denn neben Bitcoin haben die von Satoshi Nakamoto entdeckten Prinzipien noch weitere spannende Anwendungsmöglichkeiten. Bitcoin, aber auch die dahinterstehenden technologischen Verfahrensweisen stellen einen interessanten gesellschaftlichen Prozess dar: Die Governance von Bitcoin – also wie Geld erzeugt wird und wie viel, nach welchen Regeln es verteilt wird und an wen – und viele weitere Fragen werden durch einen ausgeklügelten Mehrheitsmechanismus streng demokratisch festgelegt. Niemand kann manipulieren, einseitig eingreifen oder steuern, der nicht die Akzeptanz der Mehrheit besitzt. Demokratien als gesellschaftliche Konstruktionen verfolgen ähnliche Ziele: ihren Mitgliedern, in einem friedlichen Miteinander und von einem breiten Konsens getragen, ein Leben von elementarer Sicherheit bis hin zur Selbstentfaltung zu ermöglichen. Das Internet, die Wikipedia und eben auch Bitcoin sind Beispiele, wie solche Kooperationen auch in weltweiten technischen Systemen denkbar sind. Informatik wird damit zum Labor für den Soziologen! Zahlen wir in zwanzig Jahren also mit Euro oder Bitcoin? Diese Frage ist nicht so wichtig – aber die systemische Veränderung der Gesellschaft, die wir seit Entwicklung des Internets beobachten, ist mit E-Mail, Web und Smartphone noch lange nicht in unserer Mitte angekommen. Wir erleben hier gerade die ersten Vorbeben großer gesellschaftlicher Veränderungen.

Prof. Clemens Cap leitet den Lehrstuhl für Informations- und Kommunikationsdienste an der Fakultät für Informatik und Elektrotechnik der Universität Rostock.


Es ist an der Zeit, sich bei Herrn Prof. Weißbach zu bedanken. „Wofür?“, wird er sich fragen. Danke für ein erlebnisreiches Semester in Statistik! Die neue Vorgabe, die Klausur erstmals taschenrechnerfrei zu gestalten, brachte ungeahnte Emotionen in ein Fach, das sonst den Ruf hat, trocken wie Knäckebrot zu sein. Also weg von dem modernen Schnickschnack und dem ausgelagerten Gehirn, zurück zur traditionellen Neuronenbeanspruchung wie zu Zeiten von Gauß! Doch was war der Anlass für den Umschwung bei der Klausurgestaltung? Von offizieller Seite hieß es, dass die Gleichberechtigung durch die Verwendung verschiedener, potenziell programmierbarer Taschenrechner nicht gewährleistet sei. Interessant, dass diese Erkenntnis erst nach zahlreichen Semestern mit Taschenrechnerhilfe gereift ist. Böse Zungen sind der Meinung, dass die letzte Klausur im Wintersemester schlicht zu einfach war. Logische Konsequenz: Erhöhung des Schwierigkeitsgrades, um die signifikante Zahl der Durchfaller weiter zu gewährleisten? So oder so, Pech für die Nachschreiber, die nun ein weiteres Mal mit dem Stoff, aber diesmal unter einem anderen Vorzeichen, konfrontiert waren. Das wäre ja alles nicht so schlimm gewesen, wenn sich Vorlesung und Tutorium nicht so ambivalent zueinander verhalten hätten. Aufgrund der Kürze der Zeit sei es nicht möglich gewesen, für die Tutorien durchweg taschenrechnerfreie Aufgaben zu kreieren. Tja, ist auch halb so wild! Man hat den Taschenrechner ja auch sonst eher verwendet, um seine Kopfrechenergebnisse beim Logarithmieren oder anderen Grundrechenarten zu bestätigen. Trotz diverser Versuche, auf diese Unstimmigkeit hinzuweisen (an dieser Stelle noch einmal Danke an die Sofa!), war zumindest eines gelungen: eine nervenaufreibende Zeit für die Nach- und Erstschreiber, welche sich nicht nur mit der fachlichen, sondern auch der mentalen Prüfung in Statistik konfrontiert sahen. Es bleibt zu hoffen, dass Prof. Junge, der in seiner Funktion als Studiendekan in der Aushandlung des Problems proaktiv involviert war, seine Ankündigung wahr gemacht hat: das Überreichen eines Schokoladentaschenrechners an Herrn Prof. Weißbach! Diese Art von Totem hatte in archaischen Kulturen den Zweck der Lösung des Problems durch Einverleibung. Bleibt zu hoffen, dass die Studenten in kommenden Semestern nicht ihre Bleymüller-Formelsammlung essen, um sich aufs Kopfrechnen vorzubereiten.

Die Achilles Verse müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln. Schildert uns euer Problem und wir veröffentlichen es – auch anonym.

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>>> redaktion@heulermagazin.de Illustration: Björn Giesecke

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Minuten nach Einschreibungsbeginn sind die Grundkurse in Spanisch und Schwedisch meist schon ausgebucht.

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Autorin: Gesa Römer sammelt Fakten, Fakten, Fakten.


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Vom Kochtopf auf den Bolzplatz Die ultimative Job-Analyse Ämter in Ehren

Der durchschnittliche Student füllt seinen Kühlschrank nicht nur mit Erlösen aus Plasmaspenden. Wenn ihr also einen lukrativen, interessanten oder mitreißenden Nebenjob sucht, schaut doch einfach mal in den großen Studentenjob-Test. Wer keine Geldnot hat, weil Papi oder das Amt immer pünktlich überweisen, kann sich im Ehrenamt-Bericht Anregungen für gemeinnützige Arbeit holen. Oder lest über die Erfolgsgeschichte der BSG Helgas Kitchen: Dieser neugegründete und einzigartige Fußballverein kann zwar noch keine Erfolge aufweisen, hat dafür aber schon einen Hauptsponsor und eine Presseabteilung – und weiter absteigen geht auch nicht. Steffie, Ressortleiterin

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VOM KOCHtOPF AUF DeN BOLZPLAtZ Zahlreiche Fußballvereine rühmen sich mit jahrzehntelanger Tradition. Der neue Fußballverein BSG Helgas Kitchen kann behaupten: Tradition seit 2012!

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rfolg ist relativ. Die BSG "HK" Rostock, so der offizielle Name, bewegt sich streng genommen auf den Meisterplatz der Kreisklasse Warnow Staffel 1 zu, oder wie man auch sagen könnte: Wäre oben fortan unten, dann wären wir ganz oben! Zumindest theoretisch steht unserem Team aus Mitarbeitern, Gästen und Freunden von Helgas Kitchen einem Spiel gegen den FC Hansa nichts im Weg: Der Pressesprecher steht bereits in den Startlöchern, um das Spiel dann zu kommentieren. Der Hauptsponsor Mahn & Ohlerich hat uns schon mit Trikots geschmückt, sodass wir am ersten Spieltag einen auf ganz dicke Hose machen konnten. Noch haben wir keinen richtigen Heimspielort, aber mit der Videoplattform „Helga TV“ wurde schon der Grundstein für eigenes Stadionfernsehen gelegt. Der Inhalt unseres Fanshops beschränkt sich im Moment noch auf Bier und kalte Mixgetränke in den Räumlichkeiten von Helgas Kitchen, aber die Merchandising-Abteilung ist bestrebt, alles vom Klobürstenhalter bis zum Hundenapf mit unserem Logo zu verzieren. Mit der BSG wollen wir versuchen, das Vereinsleben vom Muff der Jahrzehnte zu entstauben und treten an, Rostocks fünftinteressante Mannschaft zu werden. Das Red Bull Leipzig von

Rostock. Aber natürlich steht bei uns der Ball im Mittelpunkt. 90 Minuten Leidenschaft, nicht für schnöden Mammon, nicht für Ruhm - aus Spaß am Spiel. Aus einer Bierlaune heraus forderten wir unsere Bäuche streichelnd zu mehr Sportsgeist auf. So redeten wir nicht lange um den heißen Brei und machten gleich Nägel mit Köpfen und bestimmten jemanden, der diese Betriebssportgemeinschaft auch auf dem Papier legitimieren würde. Mittlerweile sind wir schon 27 Vereinsmitglieder, vielleicht sogar noch mehr. Aller Anfang ist also gemacht. Wir möchten auch endlich mit dem Klischee aufräumen, dass nur männliche Trainer wissen, wie sie aus ihren Jungs das Beste herausholen können. Unsere Trainerin hat keinen Bart, dafür aber Eier, und jagt uns zweimal die Woche mit der Devise „Ich will euch schwitzen sehen, Männer!“ über den Platz. Nach einem wirklich schlechten Start in die erste Saison geht die Formkurve mittlerweile steil, weil wir jetzt auch endlich einen Stürmer haben. Jetzt müssen wir uns nur noch auf eine motivierende Einlauf-Hymne verständigen, dann ist die Katze im Sack. Übersteiger sind für dich keine Handwerker, Abseits gilt auch bei dir im Bett und du täuschst gern mal 'ne Bananenflanke vor? Du weißt und kannst nichts von alledem und siehst einfach nur gern Männern beim Schwitzen zu oder schlürfst gern ein kühles Pils in freundlicher Fußballathmosphäre? Dann ist unsere BSG genau dein Verein. Wenn du Lust hast, dich unserer liebenswürdigen Gurkentruppe anzuschließen, dann meld dich einfach bei uns. Wir freuen uns auf jeden, sogar auf Lothar Matthäus. Info: www.bsg-helgas-kitchen.de Autor: Dirk Ramthor wäre gern Weltmeister der Herzen.


Ein Jahrzehnt lang zu jobben, geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich habe in Nachtschichten am Tresen Bier gezapft, auf dem Weihnachtsmarkt Crêpes gebacken, auf Hochzeiten wild herumdekoriert, zur Fußball-WM im Trikot Flyer verteilt und im Kino Popcorn gemacht. Die restlichen Jobtests habe ich entweder in Günter-Wallraff-Manier ausgetestet oder durch Folter aus Redaktionskollegen gepresst, bis sie die Wahrheit über McDonald’s & Co. preisgegeben haben.

Autorin: Steffie Krauß macht für Geld nicht alles.

DIe ULtIMAtIVe JOB-ANALYse

»Schau mir in die ‚Video World‘, Kleines!« Was macht eigentlich ein Mitarbeiter in der „Video World“-Videothek im Friedhofsweg 3? Den ganzen Tag Filme gucken und nebenbei mal fi x einen Film raussuchen? – Ganz so entspannt ist es natürlich nicht. Man muss nicht wie der Ladeninhaber 90 Prozent der rund 7.500 vorhandenen Titel gesehen haben oder Filmwissenschaft studieren (was in Rostock ohnehin nicht möglich ist). Grundsätzlich ist jedoch ein gesteigertes Interesse an Filmen und eine umfangreiche Filmerfahrung für den Aushilfsjob in einer Videothek eine wichtige Voraussetzung. Daneben sollte man ein gutes Zahlengedächtnis haben, da alle Filme gemäß ihrer Zahlenkennung eingeordnet werden und jede Falschzuweisung umständliche Sucharbeit bedeutet. Während des gesteigerten abendlichen Betriebs und am Wochenende sollte man starke Nerven besitzen, da es ziemlich hektisch zugehen kann. Nebenbei fallen noch weitere Aufgaben an: neue Filme einordnen, die DVDs nach der Rückgabe in die Poliermaschine legen und das Geschäft sauber halten. Auch Verkäufertätigkeiten kommen hinzu, da ein reichhaltiges Getränke- und Snackangebot vorhanden ist. Öfters versuchen Minderjährige, Zigaretten oder Bier zu kaufen oder in die Ü18-Abteilung zu gelangen – dafür ist ein standhaftes Auftreten notwendig. Seit zwei Jahren ist der sympathische Filmfan Stephan einer der fünf Mitarbeiter im Geschäft. Da die persönliche Note immer eine große Rolle für die St a m m k u nden spielt, wird er häufig nach seiner Meinung zu einem Film oder zur Qualität einer Neuerscheinung befragt. Stephan fi n-

det, dass dieser Job ausgezeichnet für Soziologiestudenten geeignet ist, da Menschen allen Alters und Metiers vorbeikommen. Vielleicht taugt dieser Job sogar mal für ein Uniprojekt?!

Du hättest gern einen gut bezahlten Job, flexible Arbeitszeiten, wenig Arbeitsaufwand – und Spaß soll es auch noch machen? Alles in einem wirst du in Rostock leider selten finden, der übliche Stundenlohn liegt normalerweise zwischen fünf und sieben Euro. Glücklicherweise ist es aber oft so, dass wenigstens einige der gewünschten Punkte zueinanderfinden. Nun stehst du vielleicht noch vor der Frage, mit welcher Art von Arbeit du am liebsten deine spärliche Freizeit füllen willst. Möchtest du wie das Gros der studentischen Jobber in einem kleinem, netten Café kellnern oder doch lieber irgendwo im Büro oder an der Supermarktkasse sitzen? Neben den jeweiligen Vor- und Nachteilen hat der heuler einen subjektiven Bewertungskatalog aufgestellt, an dem du den Verdienst, den Stressfaktor und ein paar Tipps schnell ablesen kannst.

»Will noch jemand Eis?« Jobben im Cinestar-Kino

Arbeitszeiten: vier bis acht Stunden wird täglich von 11 bis 23 Uhr gearbeitet, was praktisch für Studenten ist, da sich die Arbeitszeiten gut in die Vorlesungszeit und ins Wochenende integrieren lassen. Vorteile/Nachteile: Als Mitarbeiter kommt man in den Genuss, viele Filme kostenlos ausleihen zu können. Das lohnt sich besonders für Filmfreaks, da das Archiv eine Vielzahl an klassischen und Undergroundfi lmen enthält. Ansonsten kann man auch mal das Klischee erfüllen und bei wenig Betrieb, zumindest mit halbem Auge und nebenbei, einen Film gucken. Nicht zu unterschätzen ist das oftmals unfreundliche Verhalten vieler Kunden. Mit Handy am Ohr und ohne Gruß wird die DVDHülle schon mal über den Tresen geschleudert. Da gilt es, Ruhe zu bewahren und trotzdem freundlich zu bleiben. Acht Stunden lang überwiegend zu stehen, ist zudem nicht so erholsam, wie es vielleicht aussieht. Stressfaktor: Spaßfaktor: Gesamt:

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Wie nervig ist doch der Kinonachbar, der sich als Einziger meldet und sich dann ewig nicht entscheiden kann, ach ja, und das Geld natürlich auch noch umständlich raussuchen muss. Aber: Möchtest du gern der Eisverkäufer sein? Ich habe selbst vor einigen Jahren einen Monat lang im Cinestar in der Innenstadt gearbeitet. Es stand zur Wahl, ob man lieber in den Service oder an die Kasse wollte. Als Servicemitarbeiter war die Zeit vor und nach dem Film kaum anstrengend: Man hat beim Einlass oder beim Ausschank auszuhelfen, um dann als Eisverkäufer seine Runden zu drehen. Während die Filme liefen, hatte ich oft viel Zeit zum Nichtstun. Ab und zu musste mal Popcorn gemacht werden – Vorkosten natürlich inklusive. Man kann sich wohl Schlimmeres vorstellen. Vorteile/Nachteile: Die Arbeitszeiten sind relativ flexibel, besonders am Wochenende zum Hochbetrieb haben die meisten Studenten Zeit zum Arbeiten. Bezahlung: Es gibt circa 6,50 Euro die Stunde, aber tot arbeitet man sich nicht, und man kann von Vorteilen wie Kinobesuchen zum halben Preis profitieren. Stressfaktor: Spaßfaktor: Gesamt:

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Bild: Steffie Krauß

Gesundheitszeugnis! Für alle Nebenjobs, bei denen du im weitesten Sinne mit Lebensmitteln zu tun hast, ist ein Gesundheitszeugnis notwendig. Das bekommst du für 26 Euro im Gesundheitsamt, Abteilung Hygiene und Infektionsschutz, Paulstraße 22.

Küche vs. Service im Café Central »Tellertaxi« – im Servicebereich Rund zehn Jahre habe ich in der Gastronomie gearbeitet, da muss der Job schon Spaß machen. Von Kellnern, die die Bestellung vergessen, die falsche bringen oder zu langsam sind, weiß sicher jeder von euch zu berichten. Aber so einfach, wie es scheint, ist es oft nicht. Rechnen sollte man können, denn nichts ist peinlicher, als wenn man drei kleine Bier zu 2,10 Euro nicht im Kopf berechnen kann. Und man sollte sich auch ohne Block zwei bis drei Getränke und vielleicht noch das Essen dazu merken können. Freundlichkeit sollte wirklich immer gegeben sein, aber der Gast muss nicht immer König sein. Nützlich ist es indes, ein bisschen schlagfertiger zu sein, um in bestimmten Situationen deutlich zu machen, dass der Kaffee bei voller Terrasse und zum Bersten gefülltem Innenraum eben nicht innerhalb einer Minute kommen kann. Der Vorteil am gastronomischen Bereich ist, dass man meist in einem Team mit unterschiedlichsten Altersgruppen arbeitet, überwiegend auch unter Studenten ist. Vorteile/Nachteile: Man macht unglaublich viele Bekanntschaften wie mit einem Theaterschauspieler, der gern mal auf einen Chai Latte vorbeikommt. Wenn der Dozent auf ein Getränkchen vorbeikommt, ergibt sich vielleicht auch die Gelegenheit, eine Verlängerung der Hausarbeit zu erwirken. Beachtlich ist die körperliche Belastung, denn man ist oft acht Stunden ununterbrochen am Laufen; und nicht jeden Tag ist man in Topform, was man den Gast aber natürlich nie spüren lassen sollte. Der Stundenlohn ist nicht der beste, sondern liegt zwischen 5 und 6 Euro, aber das Trinkgeld wertet den Lohn wieder etwas auf. Andere Vorteile sind üblicherweise, dass man auch außerhalb der Arbeitszeiten vergünstigt essen und trinken kann. Tipps: Gutes Schuhwerk ist unerlässlich, schon Einlegesohlen um die 10 Euro lassen die Füße nicht so sehr leiden. Stressfaktor: Spaßfaktor: Gesamt:

Jedem Topf seinen Deckel Man muss kein gelernter Sternekoch sein, um in der Küche von normalen Rostocker Cafés mit warmem Speiseangebot zu arbeiten. Im Café Central habe ich mal zwei Küchenschichten ausprobiert und kann sagen: Auf Dauer wäre es nichts für mich. Frühstücksteller im Akkord belegen, dazu noch die Masse schwerer Teller in die Spülmaschine wuchten: Das geht extrem auf den Rücken. Und dann nach der Schicht noch den Boden schrubben – muss ja alles sauber sein, wenn man mit Lebensmitteln arbeitet. Vorteile/Nachteile: Wer eher menschenscheu ist, wird hier weitestgehend in Ruhe gelassen. Und man lernt so nebenbei einiges an Rezepten und über den Umgang mit dem Rohmaterial der Küche. Ich weiß jetzt zumindest, wie man einen vorschriftsgemäßen Wrap rollt. Man duftet übrigens immer nach diesem typischen Mix aus Spülmaschine und undefinierbarem Essensgeruch. Tipps: Schon nach vier Stunden landete ziemlich heiße Karotten-Ingwer-Suppe auf meiner Kleidung, also unbedingt immer Wechselkleidung mitnehmen und keine offenen Schuhe tragen. Stressfaktor: Spaßfaktor: Gesamt:

Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps: Arbeiten in Studentenclubs Dort zu arbeiten, wo andere die Nächte durchmachen, kann eine Weile lang interessant sein, aber wer ernsthaft an seinem Studienabschluss interessiert ist, sollte es nicht dauerhaft in Betracht ziehen oder wenigstens nicht zu oft unter der Woche nachts arbeiten. Nach längerer Tätigkeit ist man zum Beispiel schnell genervt von schlechten Anmachen, dem ständig erlebten Phasenverlauf von angetrunken bis total daneben, unhöfl ichen und pöbelnden Gästen und je nach Arbeitsplatz vielleicht auch von der Musik. Vorteile/Nachteile: Die Bezahlung beispielsweise im Studentenkeller ist überdurchschnittlich hoch, da man auch am Umsatz beteiligt wird. Mehr Gäste bedeuten dann zwar mehr Arbeit, aber eben auch mehr Geld. In Studentenclubs besteht oft die Möglichkeit, bestimmte höhere, verantwortungsvollere Tätigkeiten wie Werbung, Geschäftsführung, Einkauf oder Ähnliches zu übernehmen, was neben der Abwechslung auch einen nützlichen Einblick in diese Bereiche ermöglicht und im Lebenslauf ganz gut aussieht. Nach den oftmals langen Schichten à zehn Stunden oder länger bis morgens um 6 oder 7 Uhr ist man wirklich fertig und steht selten früher als mittags auf. Oft ist wegen des durcheinandergebrachten Biorhythmus der gesamte folgende Tag im Eimer. Stressfaktor: Spaßfaktor: Gesamt:


Promotionjobs Promotionjobs sind die wohl bestbezahlten Jobs in Rostock, aber sie sind zeitlich häufig nur auf wenige Tage begrenzt, wodurch die dauerhafte Sicherheit fehlt. Aber wer einmal als zuverlässiger, guter Jobber gilt, bekommt auch Nachfolgeaufträge. Die meisten Jobs sind sehr abwechslungsreich, und oft ist es leicht verdientes Geld. Mal muss man für bekannte Getränkemarken im Supermarkt herumstehen und Proben verteilen oder Zigaretten in Bars und Clubs verkaufen. Aber auch Cateringveranstaltungen auf Schlössern, z. B. bei Hochzeiten, sind möglich. Das kann sehr abwechslungsreich sein: Bei der Tischdeko kann man sich mal richtig kreativ auslassen, mitunter sind schwere Bänke, Bier- und Weinkisten zu schleppen. Die Arbeitszeiten bei Catering-Veranstaltungen können durchaus auch länger als zwölf Stunden sein. Vorteile/Nachteile: Viele Jobs kann man nur machen, wenn man ein Auto hat, und man muss oft zeitlich flexibel sein, also mehrere Tage am Stück Zeit haben, und zwar auch in der Woche, was in der Vorlesungszeit kaum möglich ist. Wenn man ein Auto benötigt, muss im Anschluss immer das Schreiben von Rechnungen mit eingeplant werden, denn die meisten Promotion-Agenturen verlangen das Abrechnen über den Gewerbeschein. Flyer zu verteilen, kann im Übrigen sehr nervig sein. Auch wenn man peinliche Kostüme tragen muss, fühlt man sich nicht gerade wohl dabei. Bezahlung: Je nach Promotion-Agentur und Auftrag liegt der Stundenlohn zwischen 8 und 10 Euro.

Das Callcenter ruft Die Arbeit im Callcenter gehört zu den Jobs, die wirklich nur zum Geldverdienen da sind. Auch wenn Frauen bekanntlich gern viel reden, ist ein Job im Callcenter sicher dennoch nicht ihr Traumjob. Je nachdem ob man im Outbound oder Inbound tätig ist, muss man entweder starke Verkäuferambitionen haben, den Leuten die neueste DSL-Verbindung aufschwatzen, oder wie beim Inbound, bei dem man zumindest nur angerufen wird, mitunter mit aggressiven, beleidigenden Kunden rechnen.

Info: Der Gewerbeschein Das eigentlich Wichtige am Gewerbeschein ist die Steuernummer, die du dann beim Schreiben der Rechnungen angeben musst. Der Nachteil ist, dass du nicht gesetzlich kranken-, pflege-, und rentenversichert bist. Ebenso gibt es keinen Anspruch auf Urlaub oder Krankengeld – dies gilt jedoch sowieso für die meisten 400-Euro-Jobs.

Vorteile/Nachteile: Bewegen muss man sich schon mal nicht viel, man sitzt ja hauptsächlich neben dem Telefon. Es gibt mitunter gute Aufstiegschancen zum Teamleiter, und so stehen alle Wege offen, in absehbarer Zeit nach dem Studium dann sein eigenes Callcenter-Imperium aufbauen und günstige, quasselige Studenten einzustellen. Allerdings: Die wenigsten Befragten haben nach Arbeitsende noch viel Lust zu reden, man büßt also vielleicht einige soziale Kontakte ein.

Anmeldung: im Stadtamt, Abteilung: Allg. Gewerbeangelegenheiten/-überwachung, Charles-Darwin-Ring 6. Kosten: 26 Euro Beispiele einiger Promotionagenturen: www.promotionbasis.de www.agentur-proevent.de www.augen-auf.de www.barongmbh.com

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»Arbeite klug, nicht hart« Jobs mit mehr Substanz Nichtwissenschaftliche Stellen an der Universität findet man auf der Uni-Hauptseite unter „Schnelleinstieg“. Auch auf der Internetseite www.asta.uni-rostock.de/jobs/andere-angebote findet ihr hin und wieder interessante HilfskraftAusschreibungen, ebenfalls für das Max-Planck-Institut. Dort und an der Uni werden die Jobs sehr gut bezahlt, und man arbeitet eher studienbezogen. Oft muss man allerdings sehr umfangreiche und spezielle Fertigkeiten mitbringen, der Bewerbungsaufwand ist relativ hoch und man muss jeweils auch noch das Richtige studieren. BWLer, Naturwissenschaftler und Informatiker sind besonders begehrt. Es lohnt sich aber in jedem Fall, auch im eigenen Institut stets die Augen offenzuhalten. Im Philosophischen Institut hängen beispielsweise immer wieder neue Ausschreibungen.

»Alle Jahre wieder« Arbeiten auf dem Weihnachtsmarkt Auf dem Weihnachtsmarkt ist normalerweise an jeder der zahlreichen Fressbuden Hochbetrieb. Das sieht nicht nur so aus, sondern ist tatsächlich oft sehr stressig, und man weiß nach einer Zehn-Stunden-Schicht, was man geschafft hat. Freunden, die kurz vorbeikommen, kann man meist gerade mal ein Hallo zurufen. Und das Putzen der fettigen Gerätschaften und Arbeitsplatten vor dem Schließen der Bude ist auch nicht gerade eine schöne Arbeit. Vorteile/ Nachteile: Das häufige Arbeiten auf dem Weihnachtsmarkt verdirbt einem das Besucher-Feeling und sogar die Lust auf Weihnachten. Steht die Arbeitsstätte neben einem Karussell oder einer Losbude, ist man schnell genervt von ständigen Ausrufen wie „Gewinne, Gewinne, Wahnsinnsgewinne!“ oder „Eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt!“. Arbeitet man dort, wo warmes Essen verkauft wird, muss man mit dem in den Klamotten hängenden Geruch leben. Oft liegt der Lohn bei 6 Euro, mehr ist aber auch möglich. Und auf Wunsch wird er auch bar ausgezahlt. Das hilft ungemein, wenn man noch schnell Geld für Weihnachtsgeschenke benötigt.

Erinnerungen „Mc Donald’s ward gegründ’t von den Brüdern Dick und Macke, obwohl es manchem mund’t, ist der Laden Kacke. Mit Burger King war’s ähnlich wie mit wicked wacked Doo: Eh’ ich da wieder jobbe, fick’ ich eine Kuh.“

Bild: flickr.com/ mytril_counts

In diesem weisen Ton begegnete mir einst der Arbeiter Patron – ich hört’ nicht auf den Greis. „Du darfst nicht allzu lang, an einem Burger pusseln, sonst droht als Reaktion der Heckmeck von den Dusseln.“

Tipps: Wenn ihr an einem Job zur Weihnachtszeit interessiert seid, solltet ihr am besten in der Phase des Aufbaus schon mal anfragen, ob Aushilfen gesucht werden. Wenn man stundenlang in einer Bude steht, sollte man sich immer warm anziehen, auch unter der Jeanshose – und warme Schuhe nicht vergessen!

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Am Montag wollt’ ich’s wissen und trug mein Capi falsch rum, das war als würd’ ich hissen, die HipHop-Flagg’ in Bab’lon.

Ich dacht’, es geht mit Rhythmus wie bei Skinner von The Streets, doch Burger braten ist nicht wie bei P-Funk in den Beats. Ne echte Schicht war anders, da hieß es schön hochbücken, inmitten des Brüll-Thunders waren’s nur Zahnlücken. Und wenn stilvolle Hommes, den guten Beau verpfeifen … Bei ’ner geklauten Pommes! Konnten sie es sich nicht kneifen? Die von nur ein bisschen Macht verdorb’nen Pickel-Truthähne fahnden Tag und Nacht, vigilieren meine Pläne. Die Burger sind so Plastik als die Compañeros hastig. Pickel krieg ich immer noch, denk’ ich nur an dieses Loch.

Autor: Alfonso Maestro hört trotzdem gerne „do Fries go With That Shake?“.


Ä M t er IN eHreN Es kann viele gründe geben, warum man sich freiwillig und ohne Bezahlung engagiert. Anderen zu helfen, macht glücklich und gibt dem Leben ein wenig mehr Sinn. Als Rettungsschwimmer den Strand in Warnemünde absichern, bei der freiwilligen Feuerwehr mitunter Leben retten, mit

Kindern und Jugendlichen in Toitenwinkel arbeiten oder Deutschunterricht für Immigranten geben: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, seine Fähigkeiten einzubringen.

Illu stration: Hanne

s Falke

Engagieren wir uns weniger als in Restdeutschland?

Anreize zu mehr Engagement:

Nach einer statistischen Auswertung von 2009 ist in Mecklenburg-Vorpommern zwar die Bereitschaft zur Ausübung eines Ehrenamtes groß, aber tatsächlich arbeitet nicht mal jeder Dritte (29 Prozent) freiwillig für das Gemeinwohl. Damit belegen wir einen der letzen Plätze, nur Hamburg, Berlin und Sachsen-Anhalt sind noch weniger bereit, unentgeltlich zu arbeiten. Am meisten engagieren sich die Menschen in Baden-Württemberg mit 41 Prozent.

Um mehr Leute für ehrenamtliche Tätigkeiten zu begeistern, gibt es mittlerweile Anlaufstellen wie die EhrenamtMessen MV, bei denen man sich über das Spektrum ehrenamtlicher Tätigkeiten informieren kann. Daneben lockt das Ehrenamts-Diplom, in dem die erworbenen Kompetenzen verzeichnet sind. Es ist eine schöne Geste, einmal ein Danke und etwas mehr Anerkennung zu bekommen. Bedingung dafür ist, dass man mindestens fünf Stunden wöchentlich für sechs Monate oder 250 Stunden im Jahr ehrenamtlich tätig ist. Unter den gleichen Auflagen kann man sich in Rostock die Ehrenamts-Card ausstellen lassen. Drei Jahre lang kann man dann von diversen Vergünstigungen, unter anderem in der Schwimmhalle, im IGA Park, bei einem FC-Hansa-Spiel oder Theaterbesuch, profitieren. Info: www.ehrenamtmessen-mv.de

Rund die Hälfte der elf Millionen Ehrenamtler in Deutschland ist vor allem an Vereinsarbeit interessiert. Daneben engagiert man sich in kirchlichen Einrichtungen, politisch für Parteien und Gewerkschaften, außerdem in Gruppen und Initiativen, nur etwa sieben Prozent jedoch in privaten Einrichtungen und Stiftungen. Besonders im Bereich des sozialen Engagements stehen wir laut der Studie hinter den alten Bundesländern weit zurück. Lediglich beim Engagement für Ältere schneiden wir mindestens genauso gut ab. Quelle: www.statista.com und www.deutscher-lernatlas.de

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Soziale Ehrenämter

Kreative Ehrenämter

Ehrenämter an der Uni

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) ist einer der großen Wohlfahrtsverbände in Deutschland. Bereits 500 Ehrenamtliche engagieren sich in Rostock und Umgebung beim DRK oder dem dazugehörenden Jugendrotkreuz. Die Aufgaben des DRK erstrecken sich über viele Bereiche: Rettungsschwimmer sichern den Strand in Warnemünde ab, der Sanitätsdienst kümmert sich bei Großveranstaltungen wie Spielen des Hansa Rostock um die Versorgung von Verletzten und stellt im Notfall auch ausgebildete Kräfte für den Katastrophenschutz. Kinder- und Jugendarbeit gehören aber genauso dazu wie Krankenpflege. Wer beim DRK ehrenamtlich arbeiten will, erhält vorab sogar eine Ausbildung im jeweiligen Bereich. Auch für Weiterbildungen wird gesorgt. Info: www.drk-rostock.de/pdf/info-ehrenamt.pdf

Ein Ehrenamt der besonderen Art ist die Arbeit bei unserem Magazin, dem heuler. Wenn du schon immer Lust hattest, dich im journalistischen Bereich auszuprobieren, mit deinen Ideen, Artikeln und einem Team ein Magazin zu gestalten, dann bist du bei uns genau richtig. Hier kannst du über fast alles schreiben, was dich begeistert. Auch lohnt sich mal ein Blick in alle Bereiche der Redaktion (z. B. Geschäfts- und Redaktionsleitung, Grafik und Layout, Lektorat, heuler-online). Wenn du also interessiert daran bist, Artikel zu schreiben, zu fotografieren oder deine Einfälle gestalterisch auszuleben, dann melde dich bei uns unter redaktion@heulermagazin.de. Du erfährst dann, wo und wann wir uns das nächste Mal treffen. Du bist herzlich willkommen und kannst schon bei der nächsten Ausgabe dabei sein.

Auch an der Uni kann man sich ehrenamtlich oder gegen eine kleine Aufwandsentschädigung engagieren. Dazu gehören die Fachschaftsräte jedes Studienganges, die ihr auf den jeweiligen Institutsseiten findet. Sie kümmern sich um die Verbesserung der Studienbedingungen, und man kann sich an sie wenden, wenn es Probleme, z. B. mit Dozenten, gibt. Sie organisieren außerdem Fahrten, Sportfeste oder Einführungsveranstaltungen für die Erstis.

MSV – Mit Sicherheit Verliebt – ist ein deutschlandweites Projekt von Medizinstudenten für Schüler. Schwerpunkt ist die AIDS-Prävention. Unter dem Motto „Schutz durch Aufklärung“ geht MSV an Schulen oder zu Jugendgruppen, um jungen Menschen den verantwortungsbewussten Umgang mit Sexualität näherzubringen. Info: www.msv.uni-rostock.de Die Idee des Teddybärkrankenhauses stammt aus Norwegen und breitete sich in den letzten 13 Jahren in ganz Europa aus. Auf unbeschwerte Art und Weise soll Kindern die Angst vor Ärzten genommen werden. An ihrem Teddybären wird ihnen ein Arztbesuch spielerisch erklärt. Auch in Rostock gibt es zahlreiche Medizinstudenten, die sich so engagieren. Info: teddybaerkrankenhaus-rostock.com Das Medinetz Rostock ermöglicht „medizinische Hilfe für Menschen ohne Papiere“. Es vermittelt Ärzte, die bereit sind, unentgeltlich zu behandeln, und, falls nötig, auch Dolmetscher. Teure Behandlungen werden durch Spenden finanziert. Medinetz entwickelte sich aus der weltweit agierenden Friedensorganisation „IPPNV – Ärzte in sozialer Verantwortung“. Die Rostocker Mitglieder haben sich in den letzten Jahren mit den Zuständen im Asylbewerberheim beschäftigt. Sie organisieren Seminare, Infoabende oder Ausstellungen zu Themen wie soziale Ungerechtigkeit, Organspende und Ähnlichem. Interesse? Info: tinyurl.com/9yx6rxq

Weitere Möglichkeiten: Insbesondere für Germanistikstudenten könnte es interessant sein, sich im Literaturhaus zu engagieren. Lehramtsstudenten können dort ihr notwendiges Sozialpraktikum absolvieren, indem sie Kinder an Literatur heranführen. Info: www.peterweisshaus.de Auch beim Jugend-, Sprach- und Begegnungszentrum MV e. V. können Studenten unter anderem helfen, Immigranten Deutschunterricht zu geben. Wer sich für Menschenrechte einsetzen möchte, kann sich beim Netzwerk für Demokratie und Courage oder Amnesty International schlaumachen. Info: www.jsbz.de www.netzwerk-courage.de www.amnesty-rostock.de Wer mindestens 25 Jahre alt ist, kann bei der Telefonseelsorge Menschen in psychischer Not Beistand leisten. Hospizdienst, Behindertenhilfe und noch einiges mehr gibt es bei der Caritas: Info: www.caritas-mecklenburg.de/55793.html www.kirche-mv.de/Rostock.117.0.html Der Ökohaus e. V. ist ein gemeinnütziger Verein mit 50 Mitarbeitern, der sich vor allem mit Asylarbeit und Projekten zur Welt- und Entwicklungspolitik beschäftigt. Einige Studenten arbeiten auch schon freiwillig für den Weltladen, der fair gehandelte Produkte verkauft. Angeboten werden zudem Schulungen und Projektarbeiten. Info: www.oekohaus-rostock.de

Die Fachschaften der einzelnen Studiengänge kümmern sich um Organisatorisches im Studium, indem sie beispielsweise Informationen für Studienanfänger herausgeben. Sie organisieren für die literaturwissenschaftlichen Studiengänge wie Germanistik unter anderem auch Lesetreffen, bei denen die Leseliste des Institutes zusammen abgearbeitet wird. Ein weiteres Sprachrohr für Studenten ist der StudentINNenrat, kurz StuRa. Er kümmert sich um den Haushalt der Studierendenschaft und darum, dass die studentischen Belange in die Hochschulpolitik einbezogen werden, wenn etwa Studiengänge modularisiert werden. Der StuRa wiederum wählt den AStA, den Allgemeinen Studentenausschuss, der die Beschlüsse des StuRa umsetzt. Bei beiden kann man sowohl politisch als auch sozial aktiv werden. Info: www.asta.uni-rostock.de

Ein bisschen Spaß muss sein! Eine ganz andere Möglichkeit ist das „Kabarett ROhrSTOCK“. Es wurde bereits 1970 gegründet und ist somit das älteste Studentenkabarett Deutschlands. Am Ende jedes Semesters werden Castings für den künftigen Spielplan durchgeführt. Die Studenten werden in einem Probenlager zusammengeführt und erarbeiten dann zusammen mit dem künstlerischen Leiter ein eigenes Kabarettprogramm, das dann im Raum Rostock und auch außerhalb aufgeführt wird. Info: www.kabarett-rohrstock.de

Links zur Studie von S. 18: tinyurl.com/97cub9n tinyurl.com/9zelb5n Autorinnen: Theresia Ziegs & Steffie Krauß fordern mehr Engagement.


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Burschenschaften – Revolutionspaten Politische Bildung – Die Piraten in Rostock Der Marsch durch die Institutionen – Lichtenhagen

KOALITIONSIRGENDWASODERWASGANZANDERES „Ich hab was für dich.“ – „Oh Gott! Ist es wieder etwas Grünes?“ – „Kann ja nicht jeder Freiheit für das Wichtigste halten! Aber nein.“ – „Kann ja nicht jeder Idealismus mit Realismus verwechseln! Was ist es denn?“ – „Sag mal, warum machen wir das hier eigentlich zusammen?“ … Die richtige Antwort: Für ein ausgewogenes Politikressort. Die ehrliche: Weil wir in den vergangenen Wochen noch mehr gemeinsam gelacht als gestritten haben. Wir wünschen euch ein ähnlich anregendes Leseerlebnis! Annika & Marten, Ressortleiter

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DeNKFABrIK stAtt KAMPFVerBAND? Beim Thema „Burschenschaft“ tun sich viele Fragen auf. Unter anderem: Wie viel Rechtsextremismus akzeptiert der Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ in seinen eigenen Reihen? Was die wenigsten wissen: Eben jener Dachverband wird momentan von Rostock aus angeführt. Eine zweifache Annäherung an die Unbekannte „Burschenschaft“.

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itte September 2008. Ich würde in wenigen Wochen in Rostock mein Studium beginnen. Alles, was fehlte, war ein Dach überm Kopf. Anspruch: zentral gelegen und nicht allzu teuer. Eigentlich keine leichte Aufgabe. Doch es gab da ein vielversprechendes Angebot: knappe 30 m² für um die 100 Euro in einer FünfMann-WG – und das auch noch in der Innenstadt. JACKPOT! Auf zur Zimmerbesichtigung: Nach kurzem Läuten stand ein adrett gekleideter, junger Mann vor mir, dessen Outfit durch ein eigenartiges Accessoire ergänzt wurde. Sichtlich irritiert trat ich ein, den Blick noch fixiert auf das ihn schmückende bunte Band. Der Mann stellte sich vor; seine linke Gesichtshälfte zierte ein roter Striemen, sodass ich, noch gefesselt von dieser Verletzung, nur dumpf das Wort „… Burschenschaft“ vernahm.

Er begann dann damit, mir das Zimmer im Haus der Alten Rostocker Burschenschaft Obotritia zu zeigen und ein paar Worte über das gemeinsame Wohnen zu verlieren. Als sogenannter Fux, quasi ein Mitglied auf Probe, würde ich unter anderem für die hauseigene Bar und deren Getränkebestand zuständig sein. Zudem müsste ich theoretisches Wissen über die Burschenschaft(en) erlernen, mich im Fechten üben und stets traditionelle Werte und Tugenden vertreten. Nachdem ich meine Galgenfrist absolviert hätte, wäre ich Bursche und dürfte bei Mitgliederversammlungen gleichberechtigt abstimmen. Dieses Recht würde ich lebenslang behalten, sofern ich die Regeln achtete und wahrte. Ein weiterer von meinem Gegenüber hervorgehobener Vorzug der Burschenschaft seien die abendlichen Diskussionen, bei denen sogenannte Soft Skills wie bewusst argumentatives Referieren geschult würden und man zu einem Akademiker mit gutem Allgemeinwissen heranreife. Zudem biete die Burschenschaft einen Fundus an „Vitamin B“: Die Altherren, so die Bezeichnung der ehemaligen aktiven Burschen, die ihr Studium absolviert haben und nun im Berufsleben stehen oder standen, bilden ein riesiges Netzwerk mit Erfahrungswerten und potenziellen Jobangeboten. Eben jene sind die

Finanziers, die durch ihren Mitgliedsbeitrag einen Großteil der anfallenden Hauskosten übernehmen. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken und mein Kopf war plötzlich voll von Begriffen wie „elitär“, „konservativ“ und „rechts gesinnt“. Um es abzukürzen: Ich suchte mir eine andere WG. Vier Jahre später: dieses Mal keine Wohnungssuche, sondern journalistisches Interesse. Wir machen uns an einem sonnigen Freitagnachmittag auf den Weg zur Rostocker Burschenschaft Redaria-Allemannia, um dem Mythos „Burschenschaft“ detaillierter auf den Grund zu gehen und vielleicht ja auch alte Vorurteile auszuräumen. Was sagen unsere Lokal-Burschen eigentlich dazu, dass sie überall als „rechts“ bezeichnet werden? Sind sie politisch aktiv, und warum gibt es in ihrem Dachverband gerade so viel Streit? Wir werden herzlich empfangen. Die Rostocker Redaren blicken auf eine lange Geschichte zurück. 1886 gegründet als akademischer Gesangsverein nahmen sie zunächst lediglich ein Liederbuch, aber noch keine Fechtwaffen in die Hand. Ein Vierteljahrhundert später änderte


sich dies. Nun rüsteten sie sich auch mit scharfen Klingen und durften sich 1921 mit der Aufnahme in die Allgemeine Deutsche Burschenschaft als ebensolche betiteln. Wie alle anderen deutschen Burschenschaften mussten sie sich 1935 dem allgemeinen Verbot von Verbindungen fügen und folglich auflösen. Bedingt durch das Burschenschaftsverbot zu DDR-Zeiten ist es also jahrzehntelang still um sie gewesen, doch nach der Wende und zwischenzeitlichem Exil in Hamburg kehrten die Redaren zurück nach Rostock. In der Heimat wieder angesiedelt schlossen sie sich kurze Zeit später mit der Burschenschaft Allemannia Berlin zusammen, die die Wiederherstellung der Redaren unterstützte. Der Name „Redaria-Allemannia“ war geboren. Zu Ehren der Bundesbrüder aus der Hauptstadt wurde im Verbindungshaus sogar ein besonderes „Allemannen-Zimmer“ eingerichtet: ein Salon mit dunklen Ledercouches und Bibliothek, der an Opas alte Zigarrenstube erinnert. Und auch in der Kneipe der Burschen dürfte schon so manches Bier bei hitzigen Diskussionen gestorben sein. Den berühmten „Kübel“ konnten wir jedoch nicht sichten. 2012 wurden die Rostocker Redaren zur Vorsitzenden Burschenschaft der Deutschen Burschenschaft (DB) gewählt, zu welcher momentan über 100 Mitgliedsbünde gehören. Stürmische Zeiten herrschen dort derzeit: Es tobt ein reger Machtkampf zwischen dem rechten und dem liberalen Lager. Die rechten Hardliner, die als Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) organisiert sind, haben in den vergangenen Jahren allzu gerne starken braunen Tobak verbreitet. Zum Beispiel forderten die Mitglieder der „Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ im vergangenen Jahr einen „Ariernachweis“ für Burschen. Hinzu kam, dass Raczek-Mitglied Norbert Weidner, Chefredakteur der „Burschenschaftlichen Blätter“, die Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers durch die Nationalsozialisten als „rein juristisch gerechtfertigt“ bezeichnete. Statt Weidner den Laufpass zu geben, scheiterte ein Abwahlantrag gegen den mutmaßlichen NPD-Freund in diesem Jahr. Von einem Zeichen gegen die Sub-Fraktion also keine Spur. Christoph Basedow, Rostocker Redare und Sprecher der Deutschen Burschenschaft, erklärte, dass die Betreffenden vom Verband abgemahnt worden seien. Für die Raczeks dürfte es jedoch nicht die erste Ermahnung auf dem Burschenschaftskonto sein. Wenigstens fand die Bundesregierung nach einem Begehren der Linken heraus, dass die Deutsche Burschenschaft keine verfassungswidrigen Strukturen hat. Da ist es auch nicht so wichtig, dass es „vereinzelte Kontakte beziehungsweise Doppelmitgliedschaften rechtsextremistischer Personen oder Organisationen zu einzelnen Burschenschaften“ gebe. Handlungsbedarf unnötig, schließlich sei die DB basisdemokratisch. Immerhin: Die Reaktionen unter den deutschen Burschen auf die Wiederwahl Weidners waren ungewohnt heftig. Es kam zum Eklat in Eisenach, der den Burschentag vorzeitig enden ließ. Im November wird es in Stuttgart einen außerordentlichen Burschentag geben, welcher sich mit den Reformen des Verbandes befassen wird. Hier soll ein Strategiepapier zur deutlichen Abgrenzung der DB von rechtsextremem, rassistischem Gedankengut zur Diskussion freigegeben werden. Dazu gehört auch ein Unvereinbarkeitsbeschluss mit der NPD. Außerdem sollen drei Burschenschaften vom rechten Außenrand („Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“, „Dresdensia-Rugia zu Gießen“ und „Danubia“ in München) ausgeschlossen werden. Fordern tun dies die Mitglieder der Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ), dem liberalen Flügel des Dachverbandes, die keine Lust mehr haben, sich ihre Burschenschaft durch rechte Kollegen kaputt machen zu lassen.

Die Rostocker Redaria-Allemannia ist nicht in der IBZ organisiert. Das ist verwunderlich – werden sie doch selbst in linken Kreisen als Teil einer liberalen Minderheit im Dachverband angesehen. Basedow sagte dazu, dass es für seine Burschenschaft aufgrund des Vorsitzes derzeit schwierig sei, sich näher zu positionieren. Man müsse vermitteln können und Kompromisse finden. Das mache sich schlecht, wenn man in das linke oder rechte Lager laufe. Deshalb wähle man die goldene Mitte. Inwieweit indes diese beiden Lager noch bereit sind, Eingeständnisse zu machen, ist sehr ungewiss. Wie der Kapitän auf der Titanic gibt sich Basedow optimistisch. Er sei in Kontakt mit verschiedenen Verbandsbrüdern und sehe viel Gesprächsbereitschaft. Christian Becker von den Bonner Raczeks dürfte die Schneise aber tiefer geschlagen haben als den Graben um die Wartburg. Im Kampf gegen seinen Rivalen Weidner ging Becker bis vors Gericht und prangert ununterbrochen die rechten Tendenzen einiger Burschenschaften an. Hierfür gründete er unter anderem die Initiative „Burschenschafter gegen Neonazis“. Zu seinem Rauswurf erhielt er eine Notiz: „Du hast es leider übertrieben.“ Becker nimmt die Ideale seiner ehemaligen Burschenschaft dennoch beim Wort und will sich nicht einschüchtern lassen. Auch die IBZ hat keine Lust mehr auf leere Versprechen. Sie zweifelt ihre Zukunft in der DB an, sollten keine klaren Entscheidungen im November getroffen werden. Es steht viel auf dem Spiel: Tritt die Initiative tatsächlich aus, ist eine rechte Radikalisierung des Rests wohl nicht mehr aufzuhalten. Die Mitte, zu der sich auch die Rostocker Redaren zählen, wird sich klar positionieren müssen, ob sie weiterhin einem Dachverband angehören will, der dann dem rechten Rand näher ist als je zuvor. Der Rostocker Basedow möchte zu diesem Szenario keine konkrete Aussage treffen: Die Redaria verbinde eine lange Tradition mit der Deutschen Burschenschaft. Der Ausstieg wäre eine schwerwiegende Entscheidung. Wie in der Bürokratie mahlen wohl auch die Mühlen bei der DB sehr langsam. Die Ampeln für grundlegende Veränderungen stehen zwar auf Grün, aber der Tatendrang und Aktionismus der Burschen lassen zu wünschen übrig. Der Traditionalismus als Grundidee der Burschenschaften war schon für so manchen der Fels in der Brandung. Aber große Steine liegen ja bekanntlich gern im Weg.

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Wurzeln des Burschenschaftentums Die Gründung von Burschenschaften lässt sich in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts datieren. Sie entstammen den Befreiungskriegen gegen Napoleon und kämpften für ein gesamtdeutsches Reich unter einer konstitutionellen Monarchie. Als Wegbereiter zur Abschaffung der deutschen Kleinstaaterei hin zu einem geeinigten Vaterland gilt die sogenannte Urburschenschaft. Sie konstituierte sich am 12. Juni 1815 in Jena und fußt auf nationalen, christlichen sowie freiheitlichen Vorstellungen. Es galten für sie damals wie heute Werte wie Ehre, Freiheit und Vaterland, die eine ethnische Solidarität sowie individuelle Freiheit betonen und jeden Einzelnen in die Pflicht nahmen, für das Ganze einzutreten. Diese burschenschaftlichen Grundsätze sorgten für große Begeisterung bei vielen Studenten, weshalb die Jenaer Burschenschaft Vertreter der deutschen Universitäten auf die Wartburg bei Eisenach einlud. Das am 17. Oktober 1817 ausgerichtete Wartburgfest stand vor allem im Zeichen des Gedenkens zum 300. Jahrestag des Thesenanschlags durch Martin Luther im Jahre 1517 sowie des Sieges über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Schätzungsweise über 500 Studenten nahmen an den Festlichkeiten teil, um durch die Zusammenführung der Studentenschaft an einer einheitlichen Organisation im universitären Bereich mitzuwirken. Sie sollte nicht nur symbolisch den ersten Schritt zur Einigung Deutschlands darstellen. Aus dem Nachklang des Wartburgfestes resultierte eine Art Parteiprogramm, in dem unter anderem die Einheit des politischen, religiösen und wirtschaftlichen Deutschlands, eine verfassungsmäßig garantierte Rede- und Pressefreiheit sowie auch die Abschaffung des Geburtsvorrechtes und der Leibeigenschaft gefordert wurden. In den folgenden Jahren gründeten sich an vielen Universitäten Burschenschaften, die für die Grundsätze dieses Programms eintraten. Die vielen kleinen Burschenschaften, die sich auch als Teil einer großen Burschenschaft verstanden, gründeten 1818 schließlich die Allgemeine deutsche Burschenschaft auf dem ersten Jenaer Burschentag. Diese Organisation ist sozusagen der Ururgroßvater des heutigen Dachverbands Deutsche Burschenschaft. Vom Moment der Gründung an entwickelte sich eine reiche Tradition, die sich trotz Daseinsverbot zur Nationalsozialismus- und DDR-Zeit bis heute erhalten hat.

Interview

Von Nationalstolz und Kompromissbereitschaft

Seit dem 1. Januar 2012 ist der Rostocker Redare Christoph Basedow Sprecher der Deutschen Burschenschaft (DB). Er berichtet „aus der Mitte“ des Dachverbands. heuler: Wie wird man Vorsitzende Burschenschaft des Dachverbands? Christoph Basedow: Der Vorsitz der DB wird jährlich auf dem Burschentag in Eisenach gewählt. Zur Wahl können sich alle Burschenschaften stellen, die Mitglied im Verband sind und noch aktive Burschen haben. Die RedariaAllemannia wurde übrigens mit großer Mehrheit gewählt. Welche Aufgaben hat der Vorsitz der DB? Als Vorsitz hat man zahlreiche administrative Aufgaben zu erledigen: die Planung von Festen, die Kontrolle und Leitung der laufenden Geschäfte. Hinzu kommt ein Großteil Öffentlichkeitsarbeit. Als Vorsitz fördern wir zudem die Kommunikation zwischen den Mitgliedern und schlichten im Falle von Streitigkeiten. Wir haben außerdem gewisse repräsentative Aufgaben. So sind wir auf wichtigen Veranstaltungen wie Jubiläen vor Ort und vertreten den Dachverband. Was bedeutet der Vorsitz für die RedariaAllemannia? Klar sind wir stolz darauf, dass wir gewählt wurden. Als Vorsitzende Burschenschaft haben wir die Möglichkeit, einen detaillierten Einblick in die Geschäfte und Geschehnisse des Dachverbandes der DB zu erhalten und so auch mehr Einfluss darauf zu nehmen. Die Arbeit ist derzeit nicht immer leicht, aber wir geben unser Bestes. In linken Kreisen geltet ihr als liberale Minderheit. Wo seht ihr euch selbst? Wir verstehen uns als liberale Burschenschaft. Das heißt, wir verorten uns genau in der Mitte des Dachverbandes. Am außerordentlichen Burschentag im November stehen wichtige Entscheidungen an. Wie wird eure Stimme zum Thesenpapier der IBZ und zum geplanten Ausschluss der drei Burschenschaften ausfallen? Dazu kann ich derzeit noch keine konkrete Aussage machen. Es ist so, dass bei uns im Haus

vorher basisdemokratisch entschieden wird, für was wir stimmen werden. Ich selber kann keine eigenständige Entscheidung fällen. Wie wahrscheinlich ist für euch eine Spaltung des Dachverbands? Noch bin ich optimistisch und denke, dass wir Kompromisse finden können. Wir sind ständig in Kontakt mit den verschiedenen Interessengruppen, und die Kommunikation läuft derzeit ganz gut. Näheres wird sich jedoch nach dem außerordentlichen Burschentag zeigen. Wie steht ihr zu dem Vorwurf, die Deutsche Burschenschaft sei durchweg rechts positioniert? Vor allem Menschen mit Nationalverdrossenheit erheben diesen Vorwurf. Nur weil wir unseren Nationalstolz leben und für die Rechte und Interessen der Deutschen Nation eintreten, heißt das noch lange nicht, dass wir eine rechte Gesinnung pflegen. Wir verstehen uns als Denkfabrik und nicht als politischer Kampfverband. Zumal wir parteipolitisch neutral ausgerichtet sind. Was sagt ihr zu den Geschehnissen auf dem Burschentag in Eisenach 2011, wo Mitglieder der NPD euch offenkundig ihre Unterstützung angeboten haben? Von dem Aufmarsch der NPD haben wir weder gewusst, noch war sie eingeladen. Wir positionieren uns klar und deutlich gegen diese Aktion und wollen damit nichts zu tun haben. Leider sind das die Bilder, die dazu führen, dass alle Burschenschafter als Rechte bezeichnet werden.

Autoren: Antonia Wolschon und Carsten Gramatzki gründen 'ne Geschwisterschaft.


Revolutionspaten „Den syrischen Frühling unterstützen“ – damit wirbt das Projekt „Adopt a Revolution“. Der Rostocker Allgemeine Studierendenausschuss zeigt sich solidarisch, hat aber auch Bedenken.

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as inzwischen ein Bürgerkrieg ist, begann zunächst friedlich: Im März 2011 gehen in Syrien die ersten Menschen für ihre Freiheit, ihre Rechte, für Demokratie und gegen die Unterdrückung durch das Assad-Regime auf die Straße. Berliner Studenten entwickeln daraufhin im Herbst 2011 ein Konzept, das den Demonstranten neben finanzieller Unterstützung auch Solidarität und Wissensaustausch zusichern will. Mittlerweile ist daraus ein Zusammenschluss deutscher und syrischer Aktivisten geworden. Gemeinsam unterstützen sie unter dem Namen „Adopt a Revolution“ vor allem Mitglieder der Union of Free Syrian Students (UFSS), die sich für den unbewaffneten

Direkte Hilfe für Rostocks Syrer >>> Rund 50 syrische Studenten sind derzeit in Rostock immatrikuliert. Vielen von ihnen fehlt als Folge des Bürgerkriegs in ihrem Land die nötige finanzielle Unterstützung von zu Hause. Universität und Studentenwerk haben sich daher zusammengetan, um kurzfristig einspringen zu können. Sie bitten jeden Angehörigen unserer Hochschule um Mithilfe – in Form von mindestens 1 Euro. Das gesammelte Geld soll es unseren syrischen Kommilitonen ermöglichen, die nächsten Monate über die Runden zu kommen. Wer helfen möchte, überweist bitte seinen Beitrag auf folgendes Spendenkonto: Kontonummer: 15341795 Bankleitzahl: 20030000 Kreditinstitut: HypoVereinsbank Rostock Kontoinhaber: Studentenwerk Rostock Betreff: SYRIEN

Kampf gegen das Regime in Syrien ausspricht. Die UFSS ruft unter anderem zum Boykott der Prüfungen am Semesterende auf, um die Solidarität mit inhaftierten und toten Kommilitonen zu demonstrieren. Durch weitere rein zivile Aktionen versuchen die syrischen Studierenden, die Uni-Gelände von Militärs und bewaffneten Milizen zu befreien. Solidarisch wollen sich auch die Rostocker Studenten zeigen. Juliane Klinger vom Ressort Soziales des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) erklärt, „Adopt a Revolution“ habe alle Hochschulen in Deutschland angeschrieben und für Unterstützung geworben. Der AStA überlegte: „Warum nur den Rostockern den Rücken stärken, wenn wir durch geringen Aufwand auch ausländische Studenten unterstützen können?“ Der StudentINNenrat schloss sich diesem Gedanken an. Werbewirksam findet man nun auf der AStA-Webseite ein Banner, das zur Solidaritätsbekundung bewegen soll. Mithelfen kann jeder Einzelne unter anderem übers Internet: Ein Appell an die Präsidenten der syrischen Hochschulen, der die Gestaltung der Uni als militärfreie Zone fordert, kann als vorformulierte E-Mail direkt von der Seite der „Revolutionspaten“ verschickt werden. Daneben wäre bei der Unterstützung von „Adopt a Revolution“ deutlich mehr möglich. So könnte der AStA Flyer und Plakate anfordern. Das war auch das anfängliche Bestreben der studentischen Vertretung. Jedoch kam nach zuerst regem E-Mail-Verkehr keine Rückmeldung mehr von dem Projekt. Die an-

dere Möglichkeit der Förderung, jene durch finanzielle Mittel, lässt die Finanzordnung der Studierendenschaft nicht zu. Auch tun sich Bedenken auf, denn Juliane Klinger bemerkt: „Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit über die Verwendung der Gelder.“ So könne man etwaige Waffenkäufe nicht ausschließen.

Doch es ist natürlich auch möglich, privat zu spenden. Der Internetauftritt der Initiative zeigt Fotos, Videos und Blogeinträge, in dem die einzelnen Komitees erklären, was sie von welchem Geld gekauft haben. Die Besorgungen reichen von Farbe und Stoff für Transparente bis zur Anschaffung von Satelliteninternet. Beim Bankeinzug kann bereits angegeben werden, wozu der gespendete Betrag verwendet werden soll, zum Beispiel für Essen oder geheime Wohnungen für Untergetauchte. Wenn man ein bestimmtes Komitee unterstützen möchte, wählt man dieses auf der Landkarte aus und kann dann auf der Internetseite verfolgen, was die Gruppe mit der Spende verwirklicht. Alle sechs bis acht Wochen folgt ein Bericht.

Autorin: Jana Wichert ist unsere Expertin für Finanzen, Jahreszeiten und Untergrundaktionen.

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Politische Bildung

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Politische Bildung: Termine 18.–20.10.2012

QueerFilmFest

Filmvorführungen rund ums queere Lebensgefühl Peter-Weiss-Haus, Doberaner Straße 21 >>> www.queerfilmfest.de 23.10.2012–20.11.2012

Jugendopposition in der DDR Ausstellung Haus Böll, Mühlenstraße 9 >>> www.boell-mv.de

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ehr als 15 Prozent der Menschheit leiden an Hunger, gleichzeitig ist jeder Fünfte übergewichtig. Diese fehlende Verteilungsgerechtigkeit ist neben Verschwendung, Landraub und Gentechnik die größte Herausforderung der weltweiten Ernährungssituation. Wie kann es sein, dass noch immer so viele Menschen hungern müssen? Eine Frage, über die es sich zu informieren und auszutauschen lohnt. Daher sind die Entwicklungspolitischen Tage, die im November in Rostock, Greifswald, Schwerin und anderen Städten Mecklenburg-Vorpommerns stattfi nden, in diesem Jahr nicht von ungefähr dem Thema „Globale Ernährung“ gewidmet. Gewählt wurde dieser Fokus nicht nur aus Dringlichkeit, sondern auch in Anlehnung an die Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen. Ihr Ziel besteht darin, Bildungschancen zu schaffen: Alle Menschen sollen sich Wissen und Werte aneignen sowie Verhaltensweisen und Lebensstile erlernen können, die für eine lebenswerte Zukunft und eine positive gesellschaftliche Veränderung erfor-

derlich sind. Die Veranstalter der inzwischen 12. Entwicklungspolitischen Tage versuchen, diesem Anspruch mithilfe vielfältiger Aktionen näherzukommen und einen aufschlussreichen Einstieg in das Thema zu ermöglichen. So sind verschiedene Vorträge, Filmabende, Stadtrundgänge und Workshops geplant. Koordiniert werden diese durch das EineWelt-Landesnetzwerk M-V, das von weiteren Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen bei der Gestaltung und Verwirklichung der Veranstaltungsreihe unterstützt wird. Alles zu wissen, aber nicht alles zu essen, ist die Losung. Denn: Essen ist mehr als Geschmack und Nährwerte!

24.10.2012 20:00 Uhr

Psychoanalyse des Antisemitismus Vortrag des Ethnologen Felix Riedel Peter-Weiss-Haus, Doberaner Straße 21 >>> www.peterweisshaus.de

06.11.2012, 16:00 Uhr / 17.11.2012, 11:30 Uhr

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das schmeckt ... Stadtrundgang im Rahmen der Entwicklungspolitischen Tage Treffpunkt jeweils: Neuer Markt, vor der Post >>> www.eine-welt-mv.de 08.–11.11.2012

Was kommt, wird gegessen!

Alle Termine und Infos zu den Entwicklungspolitischen Tagen findet ihr unter:

Aktionstheater-Workshop im Rahmen der Entwicklungspolitischen Tage Ökohaus, Hermannstraße 36 Teilnehmerbeitrag für Studierende: 15 Euro Anmeldung unter bildung@oekohaus-rostock.de >>> www.oekohaus-rostock.de

>>> www.eine-welt-mv.de

20.11.2012, 19:00 Uhr

Autor: Marten Neelsen verzweifelt an argentinischen Brotpreisen.

Verarmungstendenzen und Ausgrenzungsprozesse

Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Soziologen Werner Seppmann Bildungskeller, Ulmencampus, Haus 3 >>> www.bildungskellerhro.blogsport.de


KLArMACHeN ZUM ÄNDerN! DIe PIrAteN IN rOstOCK Die Piraten sind zurzeit wie kaum eine andere Partei in den Medien präsent, sei es aufgrund ihrer rasant angestiegenen Mitgliederzahl, ihrer Ziele oder ihrer Wechsel auf der Führungsebene. Einige halten sie für Idealisten, andere für eine Spaßpartei ohne wirkliches Programm. Es ist daher an der Zeit, sich die Rostocker Piraten genauer anzuschauen.

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er die Rostocker Piratenpartei genauer kennenlernen möchte, sollte eine ihrer Stammtischrunden besuchen. Jeden Dienstag treffen sich die Mitglieder in der Lounge von Lenk’s Restaurant und diskutieren bei Speis’ und Trank über politische und gesellschaftliche Fragen, die Rostock und Umgebung betreffen. Und so schaue auch ich vorbei und erlebe zunächst eine Überraschung: Nicht alle hiesigen Piraten sind studierte Informatiker, besitzen Mac und iPhone. Im Gegenteil: Die Parteimitglieder sind ein bunt gemischtes Trüppchen aus Medizinern, Köchen, Betriebswirten, Mediengestaltern, Selbstständigen, Juristen und immerhin ein paar Informatikern und Studenten. Ihr Stammtisch folgt immer einem zuvor veröffentlichten, festen Ablaufplan, sodass sich jeder auf die Themen vorbereiten kann. Die Rostocker Piraten befassen sich mit nahezu allem, was für die Stadt relevant ist, sei es nun die ACTADemo, der OptOutDay oder die Unterstützung des Hansa Rostock. Zudem organisieren sie immer wieder Infoveranstaltungen zu unterschiedlichen politischen oder gesellschaftlichen Themen. An diesem Dienstag wird zuerst der letzte Landesparteitag der Piraten in Mecklenburg-Vorpommern ausgewertet. Probleme, Ziele und Hauptdiskussionspunkte werden vorgestellt. Wie etwa könnte ein Parteiprogramm auf Landesebene aussehen? „Mehr Demokratie wagen“, heißt es. Es kommt zu hitzigen Auseinandersetzungen über die Abschaffung der Fünfprozenthürde und das Herabsetzen des Wahlalters auf sechzehn. Als Nächstes spricht man über die „Offliner“, all jene Mitglieder, die keinen Internetzugang haben und auch keinen wollen, also dauerhaft offline sind. Diese mögen für jede andere Partei kein Problem sein, für die Piraten allerdings, die sich für eine „Liquid Democracy“ einsetzt, freies WLAN ins Gespräch bringt und ihr komplettes Infomaterial via Mail verschickt, schon eher. Aber wollen die Piraten Offliner überhaupt erreichen?, gibt jemand zu bedenken. Widerspricht es nicht dem Ideal der Partei, „offline“ zu sein? – Immerhin gibt es in jeder etwas größeren Stadt regelmäßige Stammtischrunden,

die eine Möglichkeit des sozialen Engagements bieten und denen jeder, ob offline oder online, Mitglied oder nicht, beiwohnen kann. – Schweigen in der Runde. Die Piraten schauen sich an, die meisten nicken und lassen zustimmende Worte hören. Es wird beschlossen: „Lasst uns darüber doch noch mal auf dem nächsten Landesparteitag diskutieren; mal sehen, was die Teilnehmer aus anderen Städten für Argumente haben.“ Weiter geht es mit Vorbereitungen für die Partizipation an den Gedenkveranstaltungen rund um Lichtenhagen … Wie im gesamten Bundesland ist auch die Mitgliederzahl der Rostocker Piraten kontinuierlich gestiegen. Zu jedem Stammtisch erscheint jedoch nur ein kleiner fester Kern, die meisten machen ihre Anwesenheit von den Themen abhängig. Mitdiskutieren können aber alle, man muss kein Mitglied sein. Es soll keine Hierarchie geben, Gleichberechtigung ist ein zentraler Grundsatz bei den Piraten, denn jeder soll die Möglichkeit haben, sich aktiv an politischen Prozessen zu beteiligen. Transparenz, Nachvollziehbarkeit, der e e H lr ik e politische Partizipation und vor n: U o i t stra I llu allem Gleichheit – dafür möchten die Piraten stehen. Gibt es Schnittpunkte mit anderen Rostocker Parteien, arbeiten sie auch mal mit diesen zusammen (zum Beispiel bei der Bekämpfung des Rechtsradikalismus). In einem Punkt sind sich die Rostocker Piraten sicher: Hätten die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern nach denen in Berlin stattgefunden, hätten sie es auch nach Schwerin geschafft. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich die Piratenpartei von Mecklenburg-Vorpommern in Zukunft entwickeln wird.

Autorin: Yvonne Hein ist davongesegelt.

POLITIK


Der Marsch durch die institutionen Geht Good Governance?

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Im großen „Mosaik des Lebens“ der letzten heuler-Ausgabe wurden zahlreiche Fragen aufgeworfen. Einige Leser wunderten sich bestimmt: „Was soll das Ganze?“ Doch wen quälen nicht die vielen Fragen, wen dürstet nicht nach Auflösung? Ich will versuchen, wenigstens diese eine zu beantworten: Geht Good Governance?

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ibt man den Begriff „Good Governance“ bei Wikipedia ein, wird man automatisch zu dem Artikel „Gute Regierungsführung“ umgeleitet. Doch hinter dem englischen Wort „governance“ steckt mehr: Es umfasst neben individuellem Handeln von Personen auch dessen normative Grundlagen. Was gilt als Richtschnur? Auf welcher Basis werden Entscheidungen getroffen? Handlungen alleine reichen nicht, um über Gut oder Schlecht zu entscheiden – sie sind nicht einmal vordergründig wichtig. Keiner der zeitgemäßen politischen Denker konzentriert sich auf das gute, tugendhafte Handeln von Personen. Ja, das gute, tugendhafte Handeln des Herrschers ist ein zutiefst mittelalterliches Konzept, das spätestens mit Max Weber und Niklas Luhmann und ihrer Beschreibung der funktional differenzierten Gesellschaft abgelegt wurde. Entscheidend für Prosperität und Glück einer Gesellschaft ist demnach die gute Ausgestaltung ihrer Institutionen. Niccolò Machiavelli drückte es in seinen „Discorsi“ wie folgt aus: „Das Heil eines Freistaats oder eines Königreichs hängt nicht von einem Machthaber ab, der zu seinen Lebzeiten weise regiert, sondern davon, dass er dem Staat Einrichtungen schafft, die dieser sich auch nach seinem Tod erhalten kann.“ Wir sollten uns also nicht blenden lassen von der auf Personen ausgerichteten, mediatisierten Politik. Stattdessen geht es um Institutionen: um soziale Regelsysteme, die verschiedene Interessen innerhalb der sozialen Bedürfnisse ausgleichen sowie öffentliche Güter herstellen und verteilen sollen.

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Die Frage nach den guten Institutionen ist zuerst die Frage nach den gerechten Institutionen. Gerecht ist, was den Ausgleich schafft zwischen den Antagonisten Freiheit und Gleichheit. Jede Frage nach gesellschaftlicher und institutioneller Gerechtigkeit lässt sich letztlich darauf zurückführen, in welchem Maße Freiheit zugelassen und Gleichheit verwirklicht wird – und das nicht nur in der Abstraktion, sondern ganz konkret. Ein Beispiel: Eine Institution unserer Gesellschaft ist das Recht. Als Wladimir Putin an die Macht kam, sprach er davon, eine „Diktatur des Rechts“ zu errichten. Nach den Erfahrungen der Jelzin-Jahre mit ihren chaotischen Verhältnissen schien das für viele Russen eine verlockende Alternative zu sein. Es schien, als könnte man unter Mithilfe der Justiz die Korruption beenden und sichere Verhältnisse für eine freie wirtschaftliche und persönliche Betätigung schaffen. In Teilen mag das auch tatsächlich gelungen sein – doch wer würde mit der heutigen Erfahrung im Falle Russlands von Good Governance sprechen wollen? Es reicht eben nicht, dass es heute in Russland wieder einen starken Staat gibt, der in der Lage ist, das abstrakte Recht durchzusetzen. Denn die Richter urteilen im konkreten Fall nicht frei, sondern gemäß Anordnung. Es gibt in Russland die Institution des Rechts, es gibt aber kein gutes Recht, da es nicht auf den klar definierten normativen Grundlagen von Freiheit und Gleichheit basiert, sondern auf der Willkür der Herrschenden. Good Governance bedeutet also: das Vorhandensein von Institutionen und einer normativen Basis, an die diese gebunden sind und die im Kern die Prinzipien der Freiheit

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und Gleichheit ausmacht. Und ja, um die zuvor gestellte Frage zu beantworten, ich glaube, dass das geht! Ich glaube des Weiteren, dass es für das „Handwerk“ Good Governance eine interdisziplinäre Ausbildung braucht, die das institutionelle Wissen (Recht, Wirtschaft) mit dem normativen Fundament (Philosophie, Soziologie, Politik) verbindet. Ob die Universität Rostock das mit ihrem Studiengang Good Governance leistet, wäre die Fragestellung eines anderen Artikels. Noch ein Hinweis: Nicht verwechseln darf man Good Governance mit dem, was man als Sinnstiftung bezeichnen könnte. Wenn man heute politisch engagierte junge Menschen fragt, warum sie tun, was sie tun, bekommt man trotz der allgegenwärtigen Desillusionierung meistens die Antwort, dass sie die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Politik als GoodGovernance-Handwerk verstanden bedeutet dagegen, den Betätigungsrahmen für solche Weltverbesserungshandwerker zu schaffen. Wer in der Politik selbst nach Visionen sucht, der sollte zum Arzt gehen, sagte schon Helmut Schmidt. Doch die Politik wieder aus ihrem Elfenbeinturm zu befreien, aus ihrem autopoetischen System, sie zum Zuhören und Hinsehen zu verurteilen, sie zurückzuholen zu den Menschen und ihren Visionen, das ist sicherlich eine lohnende Aufgabe.

Autor: Henning Wüstemann will kein guter König sein.


Bild: Marcus Sümnick Illustration: Caroline Heinzel

GeFÄHrLICHes HALBWIsseN: ZWIsCHeN VOrUrteILeN UND reCHtFertIGUNGeN Als Rostockerin hatte ich mir eigentlich nie besonders viele Gedanken über die Anschläge in Rostock-Lichtenhagen gemacht. Ohne groß zu hinterfragen, lebte ich immer mit dem Halbwissen, dass damals eine große Gruppe von rechtsextremen Jugendlichen für die Ereignisse verantwortlich gewesen sei. Heute weiß ich es besser.

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n Groß-Klein lebend bekam ich als Neunjährige nur am Rande etwas von den Ausschreitungen vor 20 Jahren mit. Von der fünften Etage unseres Hochhauses mit Blick auf das weit entfernte Lichtenhagen kann ich mich nur an die Rauchwolken erinnern, die bis zu uns gezogen waren. Nach dem Pogrom wurde das Thema weitestgehend totgeschwiegen, weder wurde es in der Schule thematisiert, noch kam ich sonst irgendwie damit in Berührung. Erst als ich in Kiel ein Gymnasium besuchte, änderte sich dies: Mit fremden Kulturen hatte ich bis dahin eigentlich kaum Kontakt gehabt. Ich wunderte mich ein wenig über den

höheren Anteil an Mitschülern mit Migrationshintergrund, in Rostock kannte ich lediglich flüchtig eine Handvoll russischer Mitschüler. Auch wurde ich durch meinen damaligen Deutschlehrer mit „Lichtenhagen“ konfrontiert. Als „Ostdeutsche“, so wurde offen angeprangert, hätte ich doch sicherlich etwas zum Thema Rechtsradikalismus beizutragen, schließlich käme ich aus Rostock. Diese Stigmatisierung hat mich damals ziemlich getroffen. Doch auch nach dieser Konfrontation zog ich es nicht in Betracht, mich näher mit dem Thema zu befassen, das Ereignis war mir noch immer zu „fern“.

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LICHTENHAGEN IST NICHT VORBEI I m vergangenen August jährte sich zum 20. Mal das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen: 1992 hatte ein Haufen Vollidioten die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter angegriffen – tagelang und unter dem Beifall Tausender Schaulustiger; die Polizei guckte dabei größtenteils tatenlos zu. Nachdem das Sonnenblumenhaus in Brand gesteckt worden war, kam die Feuerwehr lange nicht durch. Nur der Courage der Eingeschlossenen und sehr viel Glück ist es zu verdanken, dass letztlich niemand ernstlich verletzt wurde – zumindest körperlich. „Rostocking“ entwickelte sich zum Begriff für fremdenfeindliche Übergriffe. Eine angemessene Aufarbeitung erfolgte bislang nicht, auch wenn die diesjährigen Gedenkveranstaltungen sicherlich positiv hervorzuheben sind.

Alles änderte sich mit dem diesjährigen Gedenken an die Ausschreitungen von 1992: Eine Woche lang besuchte ich eine Veranstaltung nach der anderen. Als im Lichtspieltheater Wundervoll die vor zehn Jahren entstandene ARD-Dokumentation „Die Feuerfalle von Rostock“ gezeigt wurde, blieb bei mir und den vielen anderen Zuschauern eine bedrückende Fassungslosigkeit zurück. Im Anschluss fand eine Podiumsdiskussion mit Regionalpolitikern und Vertretern diverser Vereine statt, die sich zur heutigen Debatte bezüglich der (Im-)Migration in der Bundesrepublik Deutschland äußerten. Auch das Open-Air-Gedenkkonzert „Lichtenhagen bewegt“ im Stadthafen, bei dem regionale Bands auftraten und zeitgleich mit dem Sonnenuntergang Zeitzeugenvideos gezeigt wurden, war besonders eindrucksvoll. Von der Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck schließlich bekam ich nicht viel mit – zu ablenkend waren die „Heuchler“-Rufer, die unter anderem die Vermeidung des Begriffs „Pogrom“ in seiner Rede anprangerten. Im Anschluss befragte ich meine Eltern zum ersten Mal direkt zu den Ereignissen, doch sie

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Viele Engagierte organisierten Podiumsdiskussionen, Konzerte und Theaterstücke, Filme wurden gezeigt, der Bundespräsident hielt eine Rede, es wurde gemeinsam demonstriert und Fahrrad gefahren. Dennoch bleiben bis heute zahlreiche Fragen offen: Warum versagten Politik und Polizei? Heizte die Lokalpresse die Bevölkerung bewusst an? Weshalb gibt es in Rostock nicht längst ein Mahnmal? Wieso wird das Thema in den Schulen kaum behandelt? Könnte Ähnliches wieder passieren? Und: Wie hätte ich mich verhalten? Einen guten Überblick über die Ereignisse von 1992 sowie deren Vorgeschichte bietet eine Publikation des Instituts für Politik- und Verwaltungswissenschaften, die online abrufbar ist. Info: tinyurl.com/cznwf9o

Autorin: Annika Riepe hat Angst vor Feuer.

reagierten eher verhalten. Gegen die Vietnamesen hätten sie persönlich damals nichts gehabt, die waren ja immer freundlich zu ihnen und arbeiteten auch, so ihre Begründung. Aber die „Zigeuner“, denen wäre schon alles zu Recht passiert. Sie rechtfertigten diese Ansicht mit Augenzeugenberichten über Belästigungen von Kassiererinnen, die in Diebstahl und dem Verteilen von Exkrementen in der Kaufhalle gipfelten – alles lediglich durch Hörensagen verinnerlicht und weitergetragen. Gestank, Lärm und vor allem das „Herumlungern“ der Roma hätten sie sogar selbst wahrgenommen und wie so viele Einwohner der Stadt Rostock als belästigend empfunden. Auch auf meinen Einwand, dass die Asylbewerber keinen Platz hatten, wo sie sonst hingekonnt hätten und die Stadt respektive das Land im Zugzwang gewesen wäre, kamen nur Erwiderungen wie „Aber dann doch bitte nicht zu uns!“ oder „Trotzdem haben sie sich nicht wie Menschen verhalten“. Darauf blieb mir kaum noch etwas zu entgegnen. Ich bin überzeugt, dass gerade die überwiegende Masse der stillschweigend oder durch Beifall zustimmenden Rostocker einen großen Beitrag dazu geleistet hat, dass die Ausschreitungen derar-

tig eskalieren konnten. Die in der Folge enttäuschenden Erfahrungen nach der Wende, das Schwelgen in Erinnerungen an die DDR-Zeit, in der „jeder“ Arbeit hatte … Für existierende Probleme wie Arbeits- und Perspektivlosigkeit wurden Sündenböcke gesucht. Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund, mit denen viele Rostocker bis dahin kaum oder nie Berührungspunkte hatten, waren eine willkommene Erklärungsmöglichkeit. Aber ist es deshalb nachvollziehbar, dass sich Unzufriedenheit in solch feindseligen Reaktionen gegenüber als fremd empfundenen Menschen entlädt? Wir sollten daran arbeiten, die immer noch existierenden falschen Vorstellungen von den damaligen Ereignissen richtigzustellen, und gemeinsam Vorurteile gegenüber anderen Kulturen abbauen. Ein erster Schritt ist, sich dem Thema „Lichtenhagen 1992“ nicht weiterhin zu verschließen, sondern sich bewusst damit zu befassen. Die zahlreichen Artikel dieser Ausgabe zum Thema sind als Anstoß in diesem Sinne zu verstehen.

Autorin: Steffie Krauß sucht die Schuld gar nicht erst in den Sternen.


rOstOCK PrÜFt seIN erINNerUNGsVerMÖGeN

heuler: Frau Nelles, was wussten Sie über Rostock, bevor Sie vor sechs Jahren hierherzogen? Stephanie Nelles: Ich war 1992, als die Anschläge in Lichtenhagen verübt wurden, Sozialarbeiterin in Berlin-Neukölln. Dort war der Anteil an Migranten damals schon recht hoch. Für mich war das also tägliche Arbeit. Als ich gesehen habe, was in Lichtenhagen passiert ist, war das für mich einfach unvorstellbar. Ich gebe ehrlich zu, dass ich als „Außenstehende“ damals auch einen sehr negativen Eindruck von der Stadt hatte. Als Rostockerin ist es für mich heute wichtig, aus den Erfahrungen von Lichtenhagen zu lernen und das Thema nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Die letzten Wochen und Monate haben mir jedoch auch gezeigt, wie schwierig das für viele nach wie vor ist. Sie haben an der Organisation zu den Gedenkfeierlichkeiten mitgewirkt. Wie war Ihr Eindruck: Haben die Rostocker die Veranstaltungsreihe gut angenommen? Ich hatte damit gerechnet, dass noch mehr Menschen kommen, kann es aber auf der anderen Seite auch verstehen, wenn Familien mit ihren Kindern gewisse Bedenken hatten; durch die Medien war gegangen, dass kurz vorher die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal deutlich verschärft würden. Das lag vor allem am Besuch des Bundespräsidenten Joachim Gauck, der am Gedenktag eine Rede vor dem Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen hielt. Wie war Ihr Eindruck: War das ein klassischer repräsentativer Auftritt oder hat er auch etwas bewirkt? So etwas finde ich immer schwierig. Er ist ja nicht eingeladen worden, um direkt etwas zu bewirken. Wir sind seit ungefähr eineinhalb Jahren in verschiedenen Arbeitsgruppen damit beschäftigt, wie wir diese Gedenkwoche am besten würdigen können. Da war von einem Bundespräsidenten Joachim Gauck noch keine Rede. Den Vorschlag der Landes-

regierung, den Bundespräsidenten einzuladen, fanden wir gut, und wir sind ihm auch sehr dankbar, dass er diese Einladung angenommen hat. Ich hatte den Eindruck, für den Bundespräsidenten war es, genauso wie für uns, ein wichtiges Anliegen, hier in Lichtenhagen „Gesicht zu zeigen“. Bezüglich der Wirkung waren von meiner Seite aus keine besonderen Erwartungen an den Besuch des Bundespräsidenten geknüpft. Für mich ist es ein Zeichen von Größe, dass er da war. Die Stadt zog unter anderem durch den Besuch Joachim Gaucks, der selbst Rostocker ist, viel mediale Aufmerksamkeit auf sich und das Thema Rassismus. Weshalb ist es sonst nicht so präsent? Die Berichterstattung zum Thema Rassismus ist oft mit bestimmten Ereignissen verbunden. Man hat es über das Jahr gemerkt, dass immer wieder Interviewanfragen kamen. Kurz vor den Gedenktagen spitzte sich das zu. Bei unserer Arbeit für Integration ist es ständig ein präsentes Thema. Es gibt viele Vereine in Rostock, die sich quasi im Stillen täglich dieser Angelegenheit annehmen, allerdings ist darüber wenig vordergründig in der Presse zu lesen. Gibt es aktuell eine starke Ausländerfeindlichkeit in Rostock? Ich habe den Eindruck, dass es hier ein höheres Maß an Unerfahrenheit im Umgang mit anderen Kulturen gibt. Hier in Rostock leben, im Vergleich zu anderen Städten in Deutschland, nur wenige Bürgerinnen und Bürger ausländischer Herkunft. Ich würde das jedoch nicht als Rassismus bezeichnen. Es ist viel Unsicherheit, die sich dann in einer gewissen Ablehnung äußert: Was ich nicht kenne, das macht mir erst einmal Angst, und dagegen muss ich mich wehren. Ich erzähle Ihnen mal ein Beispiel: Mich erreichte vor Kurzem ein Brief von einer Frau, die hier mit ihren Kindern und ihrem Mann im Urlaub war. Sie war sehr entsetzt darüber, dass ihre Kinder hier so angestarrt worden sind.

Bild: Marcus Sümnick

Seit eineinhalb Jahren ist Stephanie Nelles die Integrationsbeauftragte der Stadt Rostock. Nicht nur anlässlich der Lichtenhagener Gedenkfeierlichkeiten beschäftigt sie sich täglich mit Migration und kultureller Identität, mit Fremdenfeindlichkeit und Vergangenheitsbewältigung. Der heuler traf sie zum Interview.

Die Familie hat türkische und afrikanische Wurzeln und lebt in Hamburg. Der Besuch in Rostock hat bei ihnen ein sehr beklemmendes Gefühl hinterlassen. Im Gegensatz zu Rostock wurden zum Beispiel im nordrhein-westfälischen Solingen nach den Brandanschlägen von 1993 einzelne Mahnmale in der Stadt aufgestellt. Wie werden die Anschläge von Lichtenhagen in Rostock und an den Schulen aufgearbeitet? Es wurde meiner Meinung nach bislang zu wenig aufgearbeitet. Wir müssen mehr in die Schulen gehen und auch die Lehrer informieren. Frau Dr. Heinrich von der Universität Rostock hat im August eine Veranstaltung für Lehrer zu diesem Thema angeboten, die dann leider ausfallen musste, weil die Nachfrage zu gering war. Aber da bleiben wir dran. Wir müssen die Schüler aufklären, damit so etwas nie wieder passieren kann. Auf der anderen Ebene, die Sie ansprechen, gibt es konkrete Pläne. Es soll eine Arbeitsgruppe entstehen, die sich damit beschäftigt, wie wir in der Stadt in Form einer Gedenkstätte oder durch etwas Ähnliches erinnern können. Es gehört zur Geschichte dieser Stadt, mit der man sich auseinandersetzen muss. Könnte ein Ereignis wie in Lichtenhagen heute so noch einmal passieren? Ausländerfeindliche Übergriffe können leider überall passieren, keine Frage. In dem Ausmaß, wie es damals vor 20 Jahren in Lichtenhagen stattgefunden hat, wo über Wochen und Monate ein Totalversagen von allen Seiten vorgeherrscht hat, ist das heute nicht mehr vorstellbar. Die Zivilgesellschaft ist dafür zum Glück jetzt viel stärker sensibilisiert.

Autorin: Sarah Schüler will’s ganz genau wissen.


Gedenkplakette als Mahnmal. Eine Friedenseiche: Das ist eine auch als „Deutsche Eiche“ bekannte Baumart. Warum ausgerechnet diese Wahl? Das fragte sich die Welt und ganz besonders die Antifa. Schon einen Tag zuvor war auf ihrer Demonstration immer wieder skandiert worden: „Nazis gehen über Leichen. Und was macht Deutschland? Es pflanzt Eichen.“ Die Kritiker des Baums problematisieren dessen Symbolkraft für die deutsche Nation. So prägte Eichenlaub nicht nur die D-Mark-Münzen, sondern ziert auch heute höhere Dienstgrade der Bundeswehr. Die Deutsche Eiche stehe seit dem Kaiserreich für den deutschen Militarismus, meinen insbesondere antifaschistische Gruppierungen. Dass ausgerechnet dieses Symbol nun als Gedenkbaum für die Opfer des Pogroms genutzt werden sollte, sei nicht hinnehmbar und rief daher eine Truppe aus dem Forst auf den Plan. Die „AG antifaschistischer Fuchsschwanz“ fällte in der Nacht zum 29. August die Eiche ab einer Höhe von circa einem Meter, zurück blieb nur der Stumpf. Das Bekennerschreiben der Gruppe erschien in einigen Internetforen. Mit dem Fällen des Baumes hörte die Diskussion naturgemäß nicht auf. So führen viele an, dass ein Baum keine Nationalität habe und er daher auch nicht wirklich als ein Symbol für den Militarismus eines Landes tauge. Zudem werden in Deutschland vielerorts Ei-

chen als Gedenkbäume gepflanzt, auch in Rostock steht bereits eine solche. Kritiker kramen an dieser Stelle wiederum in der Geschichte. Denn auch „Bismarckeichen“ oder „Hitlereichen“ wurden solche Gedenkbäume seinerzeit genannt, in einigen Kampfliedern wird die Eiche sogar besungen. Die Rostocker Senatorin Dr. Liane Melzer deutet das Absägen der Eiche vor allem als deutliches Zeichen dafür, dass der Aufarbeitungsprozess noch längst nicht beendet sei. Zuvor hatten sie und andere Vertreter der Stadt ihre Wahl verteidigt. Dahinter habe keine politische Aussage gestanden, sondern eine pragmatische Entscheidung: Es gebe nur wenige Baumarten, die geeignet seien, im Spätsommer gepflanzt zu werden. Das ist jedoch falsch: Aus botanischer Sicht spricht auch in dieser Jahreszeit nichts gegen andere Bäume, solange die Qualität der Jungpflanzen gewährleistet ist. Das weitere Vorgehen ist nun unklar. Zunächst hatten die Verantwortlichen der Stadtverwaltung angekündigt, eine neue Eiche einsetzen zu wollen, inzwischen munkelt man, sie würden darauf hoffen, dass der übrig gebliebene Baumstumpf neu austreibt – und ein Zeichen dafür entstehe, dass Demokratie nicht beschneidbar sei, aber wohl auch in der Erwartung, dass sich das Problem quasi von selbst löst. Doch sollten Kritiker und Befürworter des Baums nicht besser die verbale Konfrontation wagen, damit ein Weg zu einem wirklich beständigen Mahnmal gefunden wird?

nachvollziehbar zu machen. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung über die gestiegene Arbeitslosigkeit kurz nach der Wende entlud sich demnach über den Ausländern, die als Schuldige herhalten mussten. Viel Dokumentarisches ist in das Stück geflossen. Jungregisseur Christof Lange entwickelte es zunächst mithilfe der spärlichen Sekundärliteratur und des Materials aus Rostocker Archiven und Dokumentationen wie „The Truth Lies In Rostock“. Selbst mit der Thematik groß geworden und vor dem Hintergrund, dass sein Vater lange für die Initiative „Bunt statt braun“ tätig war, führte er zusätzlich einige Zeitzeugeninterviews. Bei den Proben und Aufführungen schließlich stand laut Christof Lange immer auch etwas Angst im Raum: Man befürchtete den ungebetenen Besuch hiesiger rechter Extremisten. Dieser blieb glücklicherweise

aus. Trotzdem wurden die Zuschauer mit der Frage entlassen, ob die Ereignisse von 1992 noch einmal passieren könnten. Nun liegt es an uns, dass es nie wieder zu einem Anschlag kommt. Wenn ihr Lust habt, selbst bei einem der Stücke der FTJ mitzumachen, meldet euch unter: freietheaterjugend@googlemail. Bild: Steffie Krauß com. Die nächste Gelegenheit, ihr zuzuschauen, gibt es ab Oktober bei „Leonce und Lena“ im Peter-Weiss-Haus.

Bild: Marcus Sümnick Illustration: Caroline Heinzel

Der Fall der Eiche

Wie es dazu kam, dass aus einem Baum ein Politikum wurde, das nicht nur in Rostock für jede Menge Gesprächsstoff sorgt …

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m 26. August fand anlässlich der 20. Jahrestage der fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen eine offizielle Gedenkveranstaltung vor dem Sonnenblumenhaus statt. Oberbürgermeister Roland Methling pflanzte eine „Friedenseiche“ mitsamt

„Bis zum Anschlag“ Das selbst geschriebene Stück „Bis zum Anschlag“ der Freien Theater Jugend aus Rostock wurde bereits 2011 uraufgeführt, erhielt jedoch zur Lichtenhagen-Gedenkwoche noch einige zusätzliche Vorstellungstermine. Bei diesen versuchten die Darsteller, die Umstände, die zu den Vorfällen geführt hatten, noch einmal ins Gedächtnis zu rufen.

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s ist bemerkenswert, wie die neun jungen Akteure der Freien Theater Jugend (FTJ), die das Pogrom von 1992 selbst gar nicht miterlebt haben, collagenartig die damaligen Ereignisse auf die Bühne bringen: Die Theorie des gezielten Nicht-Eingreifens der regionalen Polizei mit der Landespolitik fließt ebenso in das Stück mit ein wie der Versuch, das Verhalten der damaligen Schaulustigen

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Autor: Jakob Heier kann so schnell nichts umhauen.

Autorin: Steffie Krauß sitzt immer in der zweiten Reihe.


DIe sCHULD Der MeDIeN eIN KOMMeNtAr UND HILFerUF

Als „Vierte Gewalt“ sind Medien auch Sprachrohr des „Volkes“, doch das enthebt sie nicht ihrer Verantwortung der kritischen Berichterstattung. Über das Versagen der Presse rund um Lichtenhagen im Jahr 1992. Bilder: Marcus Sümnick

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nfang der 1990er sprach halb Deutschland vom „Ausländerproblem“. Wer Flüchtlinge für Schmarotzer hielt, die das Asylrecht missbrauchten, stand mit seiner Meinung nicht im Abseits, sondern hatte es kuschlig warm. Die Gründe dafür sind sicher zahlreich: Verteilungsängste, eine mangelnde Sensibilisierung gegenüber Rassismus, die typische Sündenbocksuche in als schwierig empfundenen Zeiten. Die gesellschaftliche Stimmungsmache ist erschreckend genug, noch schlimmer ist, dass selbst seriöse Medien bereitwillig mitmischten und sich auch in Bezug auf die Rostocker Geschehnisse nicht die Mühe machten, differenzierter hinzuschauen, sich Propaganda zu widersetzen und der Hetze andere Sichtweisen entgegenzustellen – wie es eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre. Stattdessen machten sie sich mitschuldig: „Ohne die begleitenden Töne aus den Medien wären die Ereignisse von Lichtenhagen nicht möglich gewesen.“ So deutlich sagt es Thomas Prenzel, Politikwissenschaftler der Uni Rostock, der zu den diesjährigen Gedenkveranstaltungen einen Überblicksband zum Pogrom von 1992 herausgebracht hat und zu diesem Zweck zusammen mit seinem Team mehrere Jahrgänge der Ostsee-Zeitung (OZ) sowie der Norddeutschen Neuesten Nachrichten (NNN) durcharbeitete, damals wie heute die wesentlichen Lokalzeitungen Rostocks.

gener Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge unter dem Titel „Möwengrillen in einer Einraumwohnung“. Darin brandmarkte sie Asylsuchende als Diebe und Randalierer – ohne diese selbst zu Wort kommen zu lassen. Weder die NNN noch die OZ beschrieben die Verhältnisse im Vorfeld des Pogroms auch nur ein einziges Mal aus Sicht der Flüchtlinge. Währenddessen mussten diese aufgrund der überfüllten Unterkünfte teilweise tagelang im Freien warten, schlafen, leben. Ohne Toilette, ohne fl ießendes Wasser, ganz zu schweigen von Essen, Betten oder nötigen Medikamenten. Die Presse jedoch interessierte sich lediglich für die Unannehmlichkeiten, die der hiesigen Bevölkerung aus diesem Umstand entstanden, und richtete entsprechende Appelle an die Politik. Daran änderten auch die Anschläge, die unter dem Beifall Tausender Menschen stattfan den, nichts: Eine Schuld der Bevölkerung wurde in keiner Weise thematisiert. In einem am Montag nach Beginn des Pogroms veröffentlichten Text von Ulrich Vetter, dem damaligen Redaktionsleiter der NNN und heutigem Pressesprecher der Uni, heißt es: „Wenn die Politiker nicht imstande sind, in Lichtenhagen für Ordnung zu sorgen, muß sich der gemeine Bürger eben selber zur Wehr setzen.“ Eine kritische Distanzierung fand nicht statt. Eine Entschuldigung der Rostocker Medien fehlt bis heute.

Beide boten Fremdenfeindlichkeit vor 20 Jahren immer wieder Platz, ließen diese unkommentiert und unhinterfragt: vor allem in Leserbriefen, aber auch in eigenen Berichten. So schilderte die OZ in einer Reportage die Zustände in der Lichtenha-

Doch auch wenn eine – zumindest öffentliche – Aufarbeitung bislang höchstens unzureichend geschehen ist, ist es nicht fair, in der Betrachtung vor 20 Jahren stehen zu bleiben. Thomas Prenzel bezeichnet die Vorfälle von Lichtenhagen als

„Schreckmoment“, nach dem die Medienschaffenden aufgewacht seien. Er entdeckte deutliche Anzeichen dafür, dass die Presse aus ihren Fehlern gelernt hat und Lehren gezogen wurden. Trotzdem lautet die Antwort auf die Frage „Könnte ein ähnliches Verhalten der Medien wie 1992 wieder passieren?“ leider höchstens: Jein. Sicherlich geht die Rostocker Lokalpresse inzwischen deutlich sensibler mit Themen wie Asylpolitik um, doch eine zumindest unterschwellig fremdenfeindliche Berichterstattung und Stigmatisierungen finden sich auch heute noch tagtäglich in den deutschen Medien. Man denke nur an die derzeitige Berichterstattung über die griechische Bevölkerung. Daher ein Appell: Traut euch, Journalisten der Welt, nicht mit dem Strom zu schwimmen, nicht unhinterfragt Gerüchte und Klischees zu verbreiten, nehmt euch die Zeit für gründliche Recherchen. Und traut ihr euch, liebe Leser, zu hinterfragen, was ihr vorgesetzt bekommt. Vergesst das eigene Nachdenken nicht. So ehrfurchtgebietend das geschriebene Wort auch wirken mag, nicht alles davon stimmt: nicht hier, nicht im Lokalteil und auch nicht bei den Großen. Ungekürzte Fassung unter: heulermagazin.de

Autorin: Annika Riepe träumt vom Pulitzer-Preis.


Wir vom heuler schreiben bekannterweise seit 1995 den pastellfarbenen Offl ine-Rausch der kontemplativen Meditation groß, aktuell unter dem Titel „Bismillah, lass es fl ießen“. Hier, auf dieser mit 36 bezifferten Heftseite, geschätzte Leser, beginnt ein Kultur- – mehr! – ein Reiseressort, das multiple Erasmen abschnurrt und – dank des Einsatzes unserer international erprobten Autoren – von Kroatien aus genau elf Dimensionen durchläuft, den Steppen und Dürren trotzt, bis es, kopfduckend und durch YouTube-Fenster springend, bei einer Grundfrage der dänischen Leidenschaft anlangt: Sein? Kurz: Gebt euch nicht die Blöße und lest die Kulturseiten. Alfonso, Ressortleiter

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Der Rave-Graf – Die Vorhaut des Kapitals Urbane Leinwände – Schein oder nicht Schein Funniest Prank Ever – Geschmackspolizei


Bild: Louise Condie

Der rAVe-GrAF VON PUNtA CHrIstO

Mit dem Dimensions Festival an der kroatischen Adriaküste bei Pula/Istrien hat im september 2012 ein neues elektronisches Festival seine Fortpforten �ür ein erlebnisreiches Wochenende eröffnet. Die Macher des etablierten Outlook Festivals haben damit zum sommerende ein geeignetes Pendant �ür Genießerohren – und damit den richtigen ton – in der elektronischen Minimal- und House-szene getroffen.

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s ist schon wieder viel zu kalt.« »Irgendwie ist es heute schwül.« »Dat Wetter is ja wie im April.« »Der Sommer in Rostock war auch schon besser.« »Die Ostsee war auch mal länger warm.« – Bla, bla, bla ... Und morgen unterhalten wir uns über schmutzige Wäsche wie alte Waschweiber. Irgendwas ist ja immer ... – Stopp!!! Die Lösung: ein neues elektronisches Musikfestival an der kroatischen Adriaküste! Man nehme einen Rave-Multivan, z. B. einen VW T5, sieben partyhungrige Hipster aus Rostock, jede Menge electronic music für den CD-Wechsler und vor allem beste Laune. Los geht’s! Was sie wollen? Insbesondere jede Menge erstklassige Beats, Spaß und Sonne pur! Das Dimensions Festival: ein absolutes Novum für den elektronischen Sonnenanbeter? Nun ja, nicht ganz. Bereits 2008 etablierte sich auf demselben Gelände des Fort Punta Christo in Kroatien das Outlook Festival, das 2011 bei den UK Festival Awards zum »Best Overseas Festival« gekürt wurde. Mit seinen fetten Dubstep-Beats lockte das Festival jährlich über 10.000 Menschen an. Diesen Sommer haben die englischen Organisatoren mit dem Dimensions auch einen elektronischen Ableger für die House- und Minimal-Fraktion geschaffen, und der findet nur ein paar Tage später statt. Für manch einen verlängerte sich daher das Outlook Festival einfach um eine weitere geniale Woche. Party on! Es war eine perfekte symbiotische Magie, die von der über 200 Jahre alten Befestigungsanlage Fort Punta Christo, den DJ-Stars und Newcomern der House- und Minimal-Technoszene aus London, Berlin, Frankreich und den Vereinigten Staaten ausging. Auf über fünf Floors drehten Acts wie z. B. Gold Panda, Nicolas Jaar, Carl Craig presents 69 live, Kyle Hall, Ben Klock, Shackleton, Moodymann, Marcel Dettmann ihre Plattenteller in die Gehörgänge der Besucher. Die besondere Mischung aus Licht, Sound und einer im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Flammeninstallation an den Flanken der »Fort Arena I« ließ die Hitze des jeweiligen Acts mit allen Sinnen spürbar werden

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und unterstrich noch einmal eindringlich die Einzigartigkeit des Areals. Zudem gab es um die Mittagsstunde herum lässigen »Feel Good«-HouseMusiksound aus einer gewaltigen Hi-Fi-Anlage am Strand. Eine wahre Ohrenfreude! Im Unterschied zur Partyinsel Ibiza, wo seit Jahren wilde elektronische Partys laufen und das Cocoon seine Heroen seit nunmehr zehn Jahren feiert, war auf dem Dimensions kein typisches Touripublikum zu finden, sondern vor allem junge, alternative Musikfreunde aus der hippen englischen Technoszene, die natürlich auch vor dem beständigen Mistwetter der Britischen Inseln geflüchtet waren. Nach 20 Stunden Autofahrt und einem kurzen Aufenthalt in einem der weltweit am besten gelegenen Hostels, in einer Bucht vor Pula, konnten es unsere sieben Rostocker Hipster kaum noch erwarten, bei einer der legendären boat parties in See zu stechen. Am frühen Abend sendete Tom Middleton erste überzeugende HouseBeats aus seiner DJ-Kanzel auf das Partydeck. Eine erste boat party zu »The Sound of the Cosmos« war somit eröffnet. Mario, einer der Jungs, bemerkte: »Eine boat party ist der optimale Offl ine-Rausch, vergiss Facebook! Geiler Sound, cooles Wetter und hippe Engländer lernt man hier kennen, und alles real.« Drei weitere wild-ekstatische Nächte in dem verwaisten und doch so belebten Fort und ausgelassene Beachpartys sollten noch folgen, und eines ist sicher: Nächstes Jahr gibt es wieder deutsch-englischen Rave-Kolonialismus.

Autor: Gabriel Alexandro Volksdorf steht am Südwall des Herzens, aber gegelt.


DIe VOrHAUt Des KAPItALs Kostenloses Morphium für Afghanistanveteranen

Was haben Odysseus und Stephan Meyer gemeinsam? Sie können die Freiheit fast schon schmecken, abseits des zermürbenden Alltags. Herr Meyer ist bei der Gartenarbeit, Odysseus wurde gerade ans Ufer gespült. Jetzt fi ndet sich endlich Zeit für den Blick aus einer anderen Perspektive. Niemand stellt anstrengende Fragen. Ich traf die beiden Autoren Martin Stegner, gebürtiger Sachse, und dessen Namensvetter Martin Badenhoop, gebürtiger Holsteiner, an einem sonnigen Mittwochnachmittag zu einem Interview in der Gelben Katze, einer gemütlichen Eckkneipe in der KTV, wo ich selbst geboren und aufgewachsen bin. Es ist mehr ein Gespräch als ein Interview, wir sprechen über Ostdeutschland, Kapitalismus und den Einfluss des Hip-Hops auf die rebellische Jugend, während ein paar kühle Blonde und Brünette uns Gesellschaft leisten. Badenhoop öffnet eine schwarze Schatulle und überreicht mir ein Exemplar ihres Buches, das ich fortan mein Eigen nennen darf. Dann stopft er sich einen Pfeifenkopf.

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ir plaudern ein wenig über die gelungene Buchvorstellung im PeterWeiss-Haus: Rund einhundert Gesichter füllen den Saal, kurz vor Beginn werden noch Klappstühle aus dem Nebenraum geholt. Dann schäumen sphärische Klänge aus dem KORG und münden in Meeresrauschen, aus dem Off leitet eine Stimme die Lesung ein. Während der Vorstellung können sich einige Gäste das Kichern nicht verkneifen, denn die beiden Autoren setzen die Ernsthaftigkeit ihrer Themen humorvoll in Szene, zeigen passend zum gesprochenen Wort geschnittene Cartoons auf Leinwand, präsentieren sogar einen selbst gedrehten Film, in dem sie mehrere Rollen spielen. Auch ein musikalischer Teil findet Platz, in dem Badenhoop kurzerhand zum Rapper avanciert und die wenigen Zeilen des Gedichtes „Freiheitsstaturen“ scheinbar bis zum Erbrechen wiederholt. Dann gesellt er sich für einen Moment ins Publikum und überlässt Stegner die Bühne. Immer wieder fällt mein Blick jedoch auf das menschengroße Renminbi-Symbol, welches mit einer Lichtinstallation im Bühnenhintergrund aufgestellt wurde. Es hat die Wirkung eines abstrakten Kruzifi xes und vereint auf wundersame Weise die undurchsichtigen Bereiche von Religion und Wirtschaft, den wohl wichtigsten Themen der Jetztzeit. Am Ende der rund eineinhalbstündigen Vorstellung gibt es den verdienten Applaus von den Saalgästen. Mit gesättigtem Humor schaffen es die beiden Autoren des Buches „Die Vorhaut des Kapitals“, im Wechselspiel Brücken zu schlagen und so mentale Bindungen zwischen den Gedankensphären ihrer unterschiedlichen Protagonisten zu erzeugen. Dabei kann es schon vorkommen, dass man die eine oder andere Seite noch einmal liest, nur aus Angst, man könne die vorgezogene Pointe übersprungen haben. Dabei geht der Text weder zu zäh noch zu flüssig ab, allenfalls verliert sich ein lethargisch müder Schachtelsatz in revolutionärem Kontext. Und das scheinen die weiteren Zeilen gekonnt zu unterstreichen. In einer Zeit, in der es schwer geworden ist, klare Fehler im System zu definieren, ohne auf die Abschussliste der hiesigen Kritikerszene zu geraten, erscheint dieses Werk als gelungene Abwechslung zum Mainstream, fast wie eine wiedergefundene Rarität aus vergangenen Tagen. Denn die in sechzehn Filmstreifen kurz abgehandelten Ausschnitte aus dem Leben haben in ihrem Inhalt an Aktualität nichts

verloren. Das bierselige Möpsegucken ist immer noch fester Bestandteil der Nachmittagsgestaltung im rauen Alltag von Leidensgenossen, Hausfrauen philosophieren immer noch bei Kuchen über die Endlösung der sozialen Frage. Kapitalismuskritik findet schließlich nicht nur in den Parlamenten statt, sondern ist seit jeher ein wichtiger Teil der Konversation von Jung und Alt, am Fließband wie zwischen den Hausaufgaben. Und doch stößt es einem hin und wieder säuerlich auf: Ist das eine finale Betrachtung über das Ende? Geht so unsere schnelllebige Welt den Bach runter? Das letzte Pochen eines lange verbrauchten Herzens? Vielleicht dann doch eher ein beispielhaftes Fazit auf eine Zeit, in der sich Norm und tatsächlicher Ablauf der Dinge auf ironische Weise widersprechen; die Unzufriedenheit mit dem Großen und Ganzen, die Glückseligkeit im Detail. „Die Vorhaut des Kapitals“ drängt nicht nach Aufklärung, spart sich das Pathos. Es gibt einen Einblick in die langweilig gewordene Routine der Gegenwart, in der man sich aufreibt an der Frage, ob ein Gedicht noch ein Gedicht ist, wenn es sich nicht reimt. Und dann wird es doch noch offensichtlich politisch. Ironisch wird die Frage gestellt: „How to save Capitalism?“ Warum etwas retten, was doch in seinen Wurzeln krankt? Warum sind nur fünf Packungen Kaffee pro Einkauf erlaubt, wenn die Regale sich doch biegen und brechen? Anscheinend kursiert die innere Angst, das alles könnte bald vorbei sein. Dennoch spürt man den gewissen Optimismus dieses Buches. Ich zitiere: „Am Ende der Nacht ist der Tag am längsten.“ Das Werk kommt als Taschenbuch mit etwa 65 Leseseiten, eingeteilt in 16 Gedichte, und ist erhältlich bei Weiland in Rostock, der „anderen buchhandlung“, im Peter-Weiss-Haus, bei Sequential Arts, beim Späti66 und natürlich auf der Homepage www.dievorhautdeskapitals.de. Martin Badenhoop & Martin Stegner Die Vorhaut des Kapitals Universitätsdruckerei Rostock 2012 6,99 Euro

Autor: Ilja Gaidenko im Lyrik-Jacuzzi des Kapitalismus.


Urbane Leinwände, oder: Ein Appell an das regenbogenfar „R

aschel-raschel, klacker-klacker, pfft‑pfft“, erklingt es in der Nacht. Ansonsten Stille. Im Schutze der Dunkelheit erwachsen aus dem kalten Beton grobe Umrisse. Erst verschwommen, doch das Morgenrot der Sonne bringt Erkenntnis. Mit jedem Strahl ein neues Detail. Aus dem Unkenntlichen entspringen allmählich klare Strukturen, farbenfrohe Muster, die der kargen Landschaft von aneinandergereihten Wohnblöcken Leben einhauchen und den tristgrauen Moloch unserer massenverschachtelten Skyscrapergesellschaft durchbrechen. Beim Anblick jener künstlerischen Verzierungen des Urbanen peitscht Schlips tragenden Konformitätsjägern, sichtlich von Ekel gepackt und

mit biederem Unterton, das Wort „Graffiti“ über die Lippen, auch wenn sie „Vandalismus“ meinen: So mancher, dessen inneres Kind noch nicht durch die Krawatte erdrosselt wurde, vermag kurz innezuhalten und der bunten Pracht seinen Tribut zu zollen. Begeistert folgen AUGEN den zunächst wüst anmutenden Linien, um am Ende dieses Labyrinths einen BLICK fürs Ganze zu erhaschen.

Mit „Graffiti“ wird im Allgemeinen eine bebilderte oder textuelle Gestaltung des privaten oder zumeist öffentlichen Raums bezeichnet. Die Produktionsmittel und Techniken zur Herstellung sind dabei umfangreich und gehen weit über die übliche Spraydose hinaus. Gleichermaßen wird nämlich gekratzt, geklebt oder sogar mittels Verätzungen die Umwelt nach Belieben verändert.

Tragik, denn dieser AUGENBLICK ist zumeist nur von kurzer Dauer, wenn alsbald der exekutive Feudel des Blitzblankbundeslandes alarmiert wird und sich mit schwerem Gerät daran versucht, eben jene Farbenpracht zu verbannen, um das Monotongrau wieder Einzug halten zu lassen.

Historisch betrachtet datieren erste Graffiti aus dem Alten Ägypten. Hierbei ist nicht die Rede von den gängigen Malereien in beispielsweise Grabstätten, sondern zumeist von geritzten Inschriften oder auch Karikaturen unter anderem an Tempeln oder auf Felsen. Diese Ausdrucksform hat sich seither bewahrt, ist weltweit verbreitet


Bilder: Carsten Gramatzki

farbenliebende innere Kind und transportiert symbolisch die Gedanken der Freiheit und Selbstverwirklichung. In heutigen Gesellschaften werden Graffiti oftmals als „sinnlose Schmierereien“ aufgefasst oder etwa mit kriminellen Gangs assoziiert. Im letzteren Kontext dienen Graffiti und sogenannte Tags (also Signaturkürzel) häufig als Reviermarkierungen, und dieses Verhalten kann zu einer Art Wettstreit avancieren, um Gebiete zu annektieren. Gleichermaßen als „populär“ anzusehen sind vor allem Schriftzüge und (Kampf-)Ansagen, die politisch motiviert sind. So ruft zum Beispiel ein gespraytes „Anarcho-A“ zur Anarchie auf, „ACAB“ verteufelt die ordnungsschaffenden und ausführenden Organe des Staates, und „Zona

Antifa“ deklariert die Rostocker Innenstadt zum antifaschistischen Territorium. Neben dem Streben, Bereiche als das Seinige zu vereinnahmen oder seine Überzeugungen kundzutun, artikuliert sich die Motivation des Graffitierens einer Untersuchung der Universität Potsdam zufolge in positiven Emotionen wie Alltagsflucht, kreative Selbstverwirklichung oder Nervenkitzel. Kulturgegenstand oder mutwillige Zerstörung: Die Meinungen sind diesbezüglich verschieden. Es zeichnet sich jedoch ab, dass Graffiti zunehmend Anerkennung erfahren. So sehen auch Museen und ähnliche Institutionen Graffiti inzwischen vermehrt als Kunstform an, und Städte vergeben explizit Flächen, um ausge-

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wählte Projekte zu verwirklichen, die sich ihren Vorstellungen gemäß ins Stadtbild einfügen. Das Spannungsgefüge involvierter Parteien jedoch wird vermutlich auch in Zukunft bestehen bleiben, was für den einen oder anderen Schaffenden wohl gerade ein Anreiz ist, sich auf einer blanken, ungenutzten urbanen Leinwand zu verewigen.

Autor: Carsten Gramatzki kennt sich aus in den schattenverheißenden Ecken deiner hood.


sCHeIN ODer NICHt sCHeIN Hinter den Kulissen von »Hamlet – Prinz von Dänemark«

19:25 Uhr Eine probe ist eine probe, keine Könne

Der rote Samtvorhang schließt sich für die erste Szene. Als Endprodukt komplett im Dunkeln, kann ich jetzt in der Probe noch das sehen, was dem Zuschauer später verborgen bleibt. Mit Erscheinen dieses heuler ist der Premi- Gespräch mit dem Regisseur Kay Wuschek Nun fragt die Inspizientin: „Ton?“ Die Regieassistentin, die erenvorhang für die Schauspielproduktion und dem Dramaturgen Lukas Pohlmann erdie CD-Probenanlage bedient, entgegnet: „Ja, läuft!“ Ein we„Hamlet“ zwar schon gefallen, doch der fahrt ihr Wissenswertes über das Stück und nig Fantasie ist gefragt, um sich als projektferner Zuschauer gemeine Zuschauer weiß gar nicht, wie die nötige Vorarbeit. Außerdem lest ihr in das fertige Bühnenstück mit Spiellicht und Dolby Surround die Vorstufe des Endprodukts aussieht. Wir einem Probenbericht, wie viel Arbeit eine auszumalen. Auftritt: Sandro Šutalo, der in der ersten Szene bieten euch im Folgenden einen Exklu- derartige Produktion bedeutet und was aldie Bekanntschaft mit dem Geist von Hamlets Vater macht. Ansiveinblick in die Probenküche. Aus dem les schiefgehen kann. weisung vom Regisseur: „Du musst nicht in diesem Realismus denken!“ Dann öffnet sich langsam der Vorhang zur zweiten Szene. Der Regisseur liest den noch abwesenden Schauspieler ein, der kurze Zeit später endlich erscheint. Sofort wird mit Bilder: Ang elik a Wedde ihm noch einmal alles wiederholt. Zwei Schauspieler, auf ihren Einsatz wartend, nutzen die Unterbrechung und gesellen sich in den Zuschauerraum, um den Kollegen zuzuschauen. Wiederholte Anweisung von Wuschek: „Dann noch mal von vorne, mit Übergang und Abgang!“ Der Vorhang schließt und öffnet sich noch zweimal. Alle gehen auf ihre Position und, auf das gewünschte Stichwort, zurück, dann Musikeinsatz – weiter geht es. Der klassische Scherz „Eine Probe ist eine Probe, keine Könne“ bewahrheitet sich, denn ich kann die verschiedenen Spielangebote der Darsteller für die gleiche „Noch Szene verfolgen, die vom Regisseur nur Das Model ng m l... Umsetzu ie d E d i n Pro a l von A n fa n unterbrochen werden, wenn es unbedingt ... u b en b e n richt v g a n, bitte! nötig ist. Der Streit Hamlets mit seiner Mut“ om 26 .09.20 ter wird von den Darstellern im Innern der 12 Holzhütte gebrüllt, da es dort noch keine Mi18:59 Uhr 18:42 Uhr krofone gibt. Die vollständige Geräuschkulisse Und wo ist der Kollege? Was ist mit der Axt? muss jetzt noch der Vorstellung überlassen bleiben, weil der Ton oft erst bei den finalen Proben hinRegisseur, Bühnenbildnerin, Souffleuse, Ins- Die Bühnenprobe scheint pünktlich anfangen zu zukommt. Mal von seinem Sitzplatz am Regiepult in pizientin und die Regieassistentin sind ver- können, zumindest fast. Denn ein unentbehrlicher der achten Reihe, mal auf die Bühne kommend gibt der sammelt, aber es gilt wie so oft, noch einige Kollege für den Ablauf des ersten Teils ist noch nicht Regisseur einem einzelnen oder mehreren Darstellern Probleme zu lösen. Denn die Axt ist weg. da. Außerdem muss erst noch die Axt ausprobiert Anweisungen, was er anders, stimmiger haben möchte. Alexander Flache in der Rolle des Horatio soll werden. Um mögliche Verletzungsgefahren noch Die Gruppe der Schauspieler, die den Streit von Mutzum ersten Mal mit einer scharfen Axt auf weiter einzuschränken, muss Alexander Flache eine ter und Sohn vor der Holzhütte mitbekommen, haben der Bühne Holz spalten. Doch diese wurde Schweißerbrille tragen, außerdem haben alle UmsteFragen bezüglich ihres Verhaltens: „Und wie? Tun wir aus Angst vor Verletzungen der technischen henden einen großen Sicherheitsabstand einzuhalten. so, als ob wir das hören?“ Der Regisseur gibt wieder Sicherheitsbestimmungen noch nicht endgül- Lediglich ein Techniker steht zur Seite und gibt dem Anregungen: „Ihr müsst das wie privat ...“, „Alle hötig freigegeben. Zeit für Kompromisse gibt es Schauspieler, der noch nie in den Genuss gekommen ren es natürlich, aber ...“. Mit der Aufforderung „Dann nicht, in ein paar Tagen sind schon Endpro- ist, Holz zu spalten, unterstützende Tipps. 19:21 Uhr. noch mal!“ geht es wieder zurück zum Stichwort, und ben, und deshalb muss mit der echten Axt Die eigentliche Ablaufprobe kann beginnen – doch die Szene wird so lange wiederholt, bis der Regisseur endlich probiert werden, damit der Regisseur der Kollege fehlt immer noch und geht auch nicht ans vorerst zufrieden ist. Dieses Mal aber die Ansage: „Egal im Notfall noch auf eine andere theatralische Telefon. Dann der Kompromiss vom Regisseur: „Er wie es dann wird, ich lasse es laufen.“ Der Spielfluss soll Möglichkeit ausweichen kann. Verantwortli- wird eingelesen.“ 19:25 Uhr geht es los. Die Regieasnicht weiter gestört werden. Der Vorhang ist zu schlieche werden angesprochen, und der Regisseur sistentin Miriam Szwillus gibt den Befehl: „Bitte Vorßen, aber der Techniker ist noch nicht da. Er muss erst macht eindringlich klar, dass nicht mehr hang zu!“ Auf einmal erscheint die Inspizientin Claugerufen werden. „Also mit oder ohne Vorhang?“, wird ohne geprobt werden kann. Plötzlich ist sie dia Westphal hinter ihrem Pult und gibt das nächste gefragt. Aber der Techniker ist schon im Anmarsch, es doch da; gleichzeitig treffen die ersten Schau- Problem bekannt: „Kein Bild auf dem Monitor!“ Auch geht also weiter. spieler erwartungsvoll auf der Bühne ein. auf den muss heute wohl verzichtet werden.


Bilder: Steffi

e Krauß

Das Regiepult – Schaffensort des künstlerischen Leiters

19:57 Uhr »äh ... Text«!

Wissenswertes über den »Hamlet« und den Probenprozess

Der erste Texthänger eines Schauspielers wird mit „Waaaaas?“ an die Souffleuse gerichtet, die in einem vom Zuschauer nicht einsehbaren Bereich der Bühne sitzt. Aber der Text sitzt schon überwiegend, nur noch wenige Hänger sind zu verzeichnen. Jeder Schauspieler hat da seine eigene Angewohnheit, dies kundzutun, am häufigsten ist wohl der Ruf „Text!“ zu hören, worauf die Souffleuse mit einem Stichwort oder ganzen Sätzen reagiert. So reiht sich Szene an Szene, die nur gelegentlich durch ein „Warte mal, warte mal!“ kurz unterbrochen wird. Nun tritt Hamlet mit seinem Monolog auf und jeder Schauspieler weiß, wann er aufzutreten hat. Obwohl die Probe noch deutlich als solche zu erkennen ist, überzeugt mich der smarte Sunnyboy-Verschnitt Simon Jensen als Hamlet. Mal wirkt er sehr zerbrechlich wie ein kleiner, unsicherer Junge, dann irritiert er als irrer Prinz von Dänemark.

Probendauer:

Vor der allerersten Bühnenprobe findet immer eine Konzeptionsprobe statt, bei der sich alle beteiligten Schauspieler und das Regieteam (Regisseur und Ausstatter) mit den Gewerken des Theaters (der jeweilige Leiter der Abteilungen Ton, Beleuchtung, Technik, Kostüm, Maske, Requisite und Dramaturgie) an einen Tisch setzen. Bei diesem ersten „Kennenlernen“ wird das Konzept des Regisseurs allen Beteiligten vorgestellt und der Text das erste Mal gemeinsam gelesen. Zu „Hamlet“ fand diese erste Probe am 1. August statt, was bis zur Premiere rund acht Wochen Zeit bedeutete. Das ist die ideale Zeitspanne zum Proben – Regelfall aufgrund der vielen geplanten Produktionen am Volkstheater Rostock (VTR) sind jedoch oft effektiv nur fünf bis sechs Wochen. Laut Dramaturg Lukas Pohlmann wären acht Wochen für ein Stück wie „Hamlet“ auch nötig gewesen, doch aufgrund zweier Krankheitsfälle, einem am Anfang und einem nach drei Wochen, wäre diese großzügige Probenzeit wieder hinfällig geworden.

21:29 Uhr der Eiserne Plötzlich ertönt ein penetranter Alarmton: Der „Eiserne“ (also der Vorhang) kommt herunter. Unverständnis in Simon Jensens Mimik, der gerade seinen nächsten Monolog spielt, aber er macht einfach weiter. Zuerst kann man nicht sagen, ob es sich vielleicht um einen Regisseur Kay Wus chek gibt Regieeinfall handeln könnte. Aber das Regieanweisungen . Team ist ebenfalls verwirrt. Sofort erscheint der Bühnenmeister auf der Bühne und verkündet, dass die Probe erst einmal unterbrochen werden muss: Es liege wohl ein technischer Fehler vor. Erst nach einer Zwangspause kurz vor Ende der Probe kommt die Erklärung. Aus noch nicht erfindlichen Gründen ist der „Eiserne“, der sonst mittels Strom betrieben wird, über einen Notstrom-Akku betrieben worden, der nun anscheinend leer war. Bei Fehlermeldungen würde er als Sicherheitsvorkehrung heruntergelassen, so der Techniker. Unerwartet schwer scheint es zu sein, diese Nothandlung rückgängig zu machen. Es ist niemandem bekannt, wann dies schon einmal bei einer Probe vorgekommen wäre. Somit ist jetzt vorzeitig Schluss. Die Haustechniker müssen nun an dem Problem arbeiten und es schnellstens beheben. Die Probe ist zwar beendet, aber stattdessen verabredet man sich in der Kantine zum kritischen Nachgespräch. Danach haben die Schauspieler dann Feierabend. Bis zur nächsten Bühnenprobe am kommenden Morgen um 10:00 Uhr ist hoffentlich alles behoben.

Hauptdarsteller Simon Jensen ist Preis-

träger des „proskenion Nachwuchsförderpreises für Darstellende Künste“, der dieses Jahr zum ersten Mal verliehen wurde.

Warum die Fassung von Fontane?

Über zehn Fassungen haben Regisseur und Dramaturg vorab gelesen. Die vom 23-jährigen Theodor Fontane übersetzte und von ihm selbst nie veröffentlichte Fassung kam dadurch zustande, dass er sein Englisch für eine bevorstehende Englandreise verbessern wollte. Die Fassung sei deshalb besonders interessant, weil sie bisher kaum gespielt, im Kontext des Vormärz verfasst und geprägt wurde und über eine konkrete Sprache, eine schöne Mitte aus Verssprache und Prosa, verfügt.

Autorin: Steffie Krauß will Dolche nur reden, nicht gebrauchen.

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Kay Wuschek: Von der Zusammenarbeit profitieren beide Seiten, da keiner die vollständigen Finanzierungskosten trägt. Wir arbeiten viel mit freien und institutionellen Theatern zusammen, um vor allem unser Repertoire ständig zu erweitern. „Der Schimmelreiter“ war ein Test und sehr erfolgreich. Nun muss die kommende Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz entscheiden, ob dies auch in den nächsten Spielzeiten fortgesetzt wird. Bild:

heuler: Warum gibt es immer wieder Kooperationen mit dem Theater an der Parkaue aus Berlin?

Steffi

e Kra

Regisseur Kay Wuschek im Interview

Wie schafft es der Intendant eines Theaters, noch an einem anderen zu inszenieren?

Wir haben an unserem Haus in Berlin großartige Mitarbeiter, ein tolles Team. Sie zeigen immer wieder, dass der Laden auch ohne mich läuft, manchmal erfahre ich von Problemen sogar erst hinterher, wenn sie schon gelöst wurden. Ich bin zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, aber das ist eine Frage der Leidenschaft, des Theaterblutes. Wir hatten im September eine Auslastung von 98 Prozent, und da sind die Mitarbeiter mitunter auch froh, wenn nicht der Chef da ist, der 100 Prozent will.

2006 gab es in der Inszenierung von Johanna Schall den letzten „Hamlet“. Braucht Rostock schon einen neuen?

Wir hatten auch andere Stoffe für die Kooperation in der Diskussion, aber ich habe schnell gemerkt, dass mich dieser Stoff anfixt. Allerdings habe ich bei den Proben auch festgestellt, was für ein Wagnis die „Mona Lisa der Weltliteratur“ ist. Ich war aber nicht an einer tristen, traurigen, melancholischen Inszenierung interessiert. Wir leben schließlich in einer Gesellschaft, die ichbezogen reagiert, da sind ebenfalls Schrecken und Komödie zuhause. 50 Prozent des Abends macht sowieso die Besetzung aus. Es war auch ein langer Prozess zu entscheiden, wer was spielt. Mit einigen Darstellern hatte ich schon gearbeitet, aber ich könnte mir heute keinen anderen Hamlet vorstellen.

Gab es gravierende Wir mussten sehr oft die Bühne wechseln, erst probten wir bei der Polizei, bisweilen Probleme bei der im ehemaligen Orchesterprobenraum und auf der Probebühne hier im Großen Haus, Produktion? die dann aber wieder gesperrt wurde, weshalb wir schließlich wieder zur Polizei mussten. Jemand, der sich der Kunst widmet, stellt immer eine Herausforderung für den Apparat im Theater dar. Er muss inhaltlich interessiert und flexibel sein. Warum sollte jeder Man würde sonst was verpassen! Jeder kennt das Bild mit dem Schädel und den Rostocker den Hamlet unzähligen berühmten Sprüchen, aber was da wirklich drin steckt, das muss man unbedingt sehen? selbst sehen und erleben. Was gibt es zu der Die Rostocker sind sehr von dem fatalen politischen Spiel beeindruckt. Es wäre Situation des VTR wünschenswert, wenn sie mit größerer Leidenschaft für das Bedrohte eintreten. noch zu sagen? Was einmal weg ist, kommt nicht wieder. Was da ist – was die Menschen hier am Theater die letzten eineinhalb Jahre durchgemacht haben –, braucht Beachtung von mehr Rostockern. Wer neugierig auf das Ensemble, die neuen Kollegen ist und sehen will, was sie können, sollte da hingehen. Was hat es mit dem Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Wenn mir heute klar ist, dass der erste Tag Schädel im Stück vom Rest meines Lebens begonnen hat, gehe ich vielleicht anders durch die Welt. auf sich? Manchmal daran erinnert zu werden, am besten heiter, ist wichtig.

Endlich ist die Hausarbeit vom Tisch, denke ich. Zumindest von meinem. Dafür liegt sie jetzt auf dem eines Dozenten und ich habe Zeit, mich meinen Artikeln für den heuler zu widmen. Jetzt also bloß keine Ablenkung. Dabei geht es doch diesmal genau darum.

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as passiert, wenn ich mich ablenken lasse und zum Beispiel nicht nach dem erstbesten YouTubeVideo die Seite wieder verlasse, sondern mir stattdessen einen der vorgeschlagenen Filme ansehe? Und noch einen. Und dann noch einen. Wo komme ich hin, wenn ich das Ganze, sagen wir mal, eine Stunde so treibe? Ich mache also den Selbstversuch und starte mit einem Video, das nicht passender sein könnte. Noah Kalina begann im Jahr 2000, täglich ein Foto von sich zu machen. Damit hat er es bis zur aktuellen Fassung seines Zeitrafferlebens vom Juni 2012 auf 4.514 Bilder und einen Kurzfilm von 7:48 Minuten Länge gebracht. Erschreckend, wie zwölfeinhalb Jahre in nicht einmal zehn Minuten an einem vorbeiziehen können. Ebenso wie eine Stunde unentwegtes Klicken durch die Irrungen und Wirrungen von YouTube. Ich beginne also meine Tour und könnte eine von Bill Clintons Reden anschauen, die mit einer Länge von knapp 50 Minuten mein Experiment recht monoton enden ließe,


Gutschein

gültig bis zum 30.11.2012 pro Student / Studentin einmal einlösbar

) I t r A P ( r e V e K N A r P t s e I N N U F entscheide mich dann aber doch für die Kurzfassung des noahschen Videos in der „The Simpsons“-Variante. Ich bleibe vorerst bei den „Simpsons“, bis das Vorschaubild eines Videos mit einem Löwen, der bedrohlich neben einem Mädchen kauert, meine Aufmerksamkeit erregt. Es leitet einen Film ein, in dem ich mir ansehen muss, wie diverse Löwen Menschen angreifen, und beim Anblick dieser Bilder bricht mir der Schweiß aus. Ich klicke mich weiter und gelange über Fake-Videos zu einem Film über einen zugeparkten Kombi, der es in zwölf Zügen schafft, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Darauf folgt ein Film über eine eingeschneite britische Region, in der der Verkehr zum Erliegen gekommen ist. Nur ein einzelner Linienbus schafft es, ohne Komplikationen die Steigungen und Kurven zu meistern. Das Ganze wird unterlegt von klassischer Musik und macht diesen Clip zum momentanen Highlight der YouTube-Flimmerstunde. Ich folge dem „Angesagten Video“ und bekomme es mit einer vollbusigen Frau zu tun, bei der es laut Titel des Videos unmöglich sei, nicht auf die Brüste zu starren. Der Titel behält recht. Es folgt eines der „EVER“-Videos, in diesem Fall die angeblich beste Zeile Eric Cartmans aus der Serie „South Park“. Ich muss schmunzeln, würde allerdings andere Sätze zur „best line EVER“ küren. Dann passiert etwas Überraschendes: Mir wird ein Video vorgeschlagen, das mir bereits als Nachfolger des Noah-Videos angeboten worden war. Ich schaue mich aber weiter um und es folgen spröde Filme über PhotoshopFauxpas und Filmfehler. Superheldenclips bringen mich zu einem nicht jugendfreien Trailer von „Toy Story“. Dann kommen Wasserrutschenfilme und eine Schwertmuschelfanganleitung. Ich bin entnervt von meiner Auswahl. Dann taucht in der Vorschlagleiste erneut das poten-

eine gratis Kaffeespezialität (ohne Alkohol)

zum Frühstück, Mittagstisch, Kuchen oder Abendessen .....................................................

zielle zweite Video meiner Tour auf. An diesem Punkt komme ich erst auf circa 40 Minuten Video-Gesamtlaufzeit und schaue also weiter. Ein Video über etwas Unidentifizierbares an einer japanischen Küste und irgendeinen riesigen Fleck in Floridas Gewässern. Dann komme ich wieder zu einem dieser „EVER“-Filmchen, in dem mir die fünf „Scariest Supernatural Clips“ angeboten werden. Nach 2:37 Minuten breche ich ab und versuche etwas weniger Nervenaufreibendes. Zur Aufheiterung sehe ich mir nun doch eines der „PRANK“-Videos an, die ich bis jetzt bewusst verschmäht habe. Was ich übersehen habe, ist, dass der letzte Streich ein furchtbar realistischer Fake ist – und das Ende dadurch für mich absolut schockierend. Meine Anspannung ist also wieder auf dem Niveau des Geistervideos.

Die Speisetafel ist der einzige Ort, wo man sich niemals während der ersten Stunde langweilt. Jean Anthelme, Französischer Politiker, Richter, Gastrosoph

Central

Ich finde einen Clip mit dem Titel „Knock and don’t run“: Ein Typ klopft an Türen und versucht, so lange wie möglich die Personen hinter der Tür davon abzuhalten, diese wieder zu schließen. Alberne Spielchen, die unterhalten. Bitte mehr davon. Ich klicke auf „Swear Bingo“ und „My Ball“, dann endet meine Stunde.

Café - Bar - Lounge seit 1998

Fazit: Ich habe eine Stunde, neun Minuten und 16 Sekunden gelacht, geschwitzt, die Stirn gerunzelt, hin- und weggeklickt, und nicht einmal ist mir die GEMA untergekommen. Dafür wurde mir fünfmal das gleiche Video angeboten und ich kann nur sechs der 39 geguckten Filme weiterempfehlen – und drei davon sind Clips der „Simpsons“. Abzüglich des abgebrochenen Geistervideos habe ich meinen Selbstversuch erfolgreich abgeschlossen, und bei dieser geringen Ausbeute an guten Videos nehme ich mir vor, vielleicht doch schon mit der nächsten Hausarbeit anzufangen, statt noch einmal eine Stunde bei YouTube zu versauern.

Leonhardstraße 22 18057 Rostock 0381-4904648 CafeCentral@gmx.de

363 Tage im Jahr 9.00 Uhr – ca. 1.00 Uhr

Hier beginnt die Tour: tinyurl.com/9btqs2s

Wir freuen uns auf Euch!

Autor: Hannes Falke ist imaginativ und verzichtet auf Busenmousepads.

Euer Central-Team

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Die unzensierten Rezensionsseiten

WeNN DAs MAN GUt GeHt! Neues Material aus dem Hause Kempowski

M

it der Veröffentlichung des sogenannten „Sockeltagebuchs“ wird nicht nur das Lesevergnügen der Kempowski-Fans genährt, sondern auch der Literaturwissenschaft wieder reiches Material zur Forschung gegeben. Dieses frühe Tagebuchwerk, welches schon zu Lebzeiten des Autors für eine Veröffentlichung vorgesehen war und nun durch Dirk Hempels Engagement der Leserschaft in großen Teilen zugänglich gemacht wurde, wird ergänzt durch zahlreiche Aufzeichnungen aus Notizheften, Fotos und spannenden Auszügen aus diversen Briefwechseln, u. a. mit Klaus Beck und Fritz J. Raddatz. So entfaltet sich innerhalb des Text- Zeitstrahls ein unterhaltsamer Dialog mit dem Verleger und Freunden, der neue und alte Facetten der Person Kempowski offenlegt und die Textgenese seines Erstlingswerks „Im Block“ kommentiert.

Innerhalb des langen Zeitraums von 1956–1970, den das Buch erfasst, stellt sich der Werdegang eines jungen, frisch aus der achtjährigen Haftzeit entlassenen Mannes dar, der sich eine bürgerliche Existenz neu erarbeiten muss. Das Schreiben, insbesondere das des Tagebuchs, dient dabei nicht nur der Vergangenheitsbewältigung als ein Medium zur Erinnerung, sondern vor allem dem Abtasten des „Zwischenbewusstseins“, der Neuordnung des eigenen Denkens und der aufrichtigen Selbstbeobachtung: „Im Affekt rede ich wie ein Mensch, der alle andern für Schweine und Banditen und Idioten hält.“ Das Reden im Affekt und dessen Stilisierung sowie der darin eingebettete kluge Witz, meist eingehüllt in lakonischem Sprachgewand, gehört zu den Stärken kempowskischen Erzählens. Dieser Schreibstil und der Protokollcharakter seiner Syntax, in der

das „Ich“ bisweilen über Bord fällt, musste sich jedoch erst formen, so scheint es. Die hier versammelten Aufzeichnungen bieten in erster Linie einen intimen Einblick in den künstlerischen und menschlich-sozialen Reifungsprozess Kempowskis. Wer dem Autor beim Hineinwachsen in die soziale Rollenwelt nicht zuschaut, verpasst somit vor allem die Möglichkeit, manch „eigentümliche“ Haltungen des späteren Tagebucherzählers nachzuvollziehen oder gar zu verstehen. „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ – Gelesen sollte man ihn trotzdem haben.

Autor: Martin Fietze wird eines Tages den Fernsehpreis verweigern.


GRAPHIC NOVEL

Craig Thompson: »Mach’s gut, Chunky Rice«

Bilder: Craig Thompson

Wie einst Or-feuß und Eu-rü-dicke

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hunky Rice verlässt Dandel, um zu den Kahootney-Inseln zu gehen. Er muss, sagt er. Warum, sagt er nicht. Und Dandel lässt ihn ziehen, vollkommen ohne Klagen und Klammern – um ihn dann umso schmerzlicher zu vermissen. Chunky Rice ist eine Schildkröte, seine Freundin eine Maus: Platzhalter für jeden Mann und jeden Jungen, jede Frau und jedes Mädchen mit derselben Geschichte. In Craig Thompsons „Mach’s gut, Chunky Rice“, im echten Leben, da gibt es sie, die Käpt’n Chucks, die ihre Frauen vermissen, die Salomons, die dem Glück nachweinen, die Livonias und Ruths mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Alle haben sie etwas verloren, etwas gehen lassen. Und keiner von ihnen absichtlich. In Thompsons Debüt aus dem Jahre 1999, das jetzt erstmals in deutscher Sprache bei Reprodukt verlegt worden ist, geht es um das Lebewohl am

Ende von allem. Von einer Beziehung, einer Freundschaft, einem Lebensabschnitt, einem Urlaub, einer Schiffsfahrt, was auch immer. Zum Schluss ist nur noch Platz für den Abschied und das, was davon übrig bleibt. Chunky lässt seine Freundin Dandel in ihrem Hafenstädtchen zurück und stürzt sie damit in tiefe Trauer. Sie lässt sich jedoch nicht davon abbringen, ihrem geliebten Chunky eine Flaschenpost nach der anderen übers Meer zukommen zu lassen. Ohne Worte. Chunky kämpft in der Zeit ebenfalls mit der Entfernung zu Dandel. Nie sieht man den Schildkröterich lächeln. Nur dieses eine Mal, als ihre Musik läuft: Motown, die Hottentottenmusik. Ansonsten ist die Welt nur schwarz und weiß. Wie auch „Blankets“ und „Habibi“ funktioniert Thompsons Erstling ohne Farben. Licht ist weiß, Schatten schwarz, und das Meer, ständiger Begleiter der Figuren und des Lesers, setzt sich aus

beidem zusammen. Ebenso die Eigenschaften und Emotionen der Verlassenden und Zurückgebliebenen: immer für einen da und doch nicht beständig, wütend, gewaltig und grenzenlos. Das Meer trägt die Geschichte, die Charaktere und die Handlung bis zum Ende, wo Dandel wartet. Auf Chunky? Auf den Leser? Es bleibt einem nur die Gewissheit, ein gutes Buch gelesen zu haben. Eines, das einem mit dem Lebewohl auf der letzten Seite einen Anfang für den eigenen Abschied bereitet. Irgendwann, irgendwo, vom eigenen Chunky Rice.

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Autor: Hannes Falke schöpft zum Baden aus dem Schwarzweißbrunnen.

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Das britische Trio The xx ist zurück und knüpft mit seiner lang ersehnten, aktuellen LP „Coexist“ sowohl stilistisch als auch atmosphärisch nahtlos an sein Debütalbum an. Doch gehen wir zunächst ein paar Jahre zurück: Die 2009 miteinander konspirierenden Engländer, gerade mal um die 20 Jahre jung, belebten mit dem signifi kant minimalistischen Sound ihrer ersten Platte „xx“ die Musikwelt, und ihre Debüt-Singleauskopplung „Crystalised“ beeindruckte bereits Kritiker sowie Publikum. Unaufhaltsam und von Fans herbeigesehnt tourten sie durch die ganze Welt, zulasten ihrer damaligen Keyboarderin und Gitarristin Baria Qureshi. Ihren Aussagen zufolge verließ sie die Band aufgrund von „Erschöpfung“ und „persönlichen Differenzen“. Romy Madley Croft (Gesang, Gitarre), Oliver Sim (Gesang, Bass) und Jamie xx Smith (Drum Machine) setzten die Tournee von dort an nur noch zu dritt fort. Der Eifer und die Hingabe des Trios wurden 2010 schließlich mit dem Mercury Music Prize belohnt, der das beste britische Album jedes vergangenen Jahres prämiert. Die Erwartungshaltungen nach solch einem phänomenalen Durchbruch sind hoch, wenn nicht gar erdrückend, doch die jungen Künstler haben es geschafft, den Austritt Qureshis zu kompensieren und einen gleichwertigen Nachfolger zu produzieren. Er wirkt ein Stück weit reifer, strenger und gewohnt reduziert. Neben den miteinander harmo-

Arterhaltung – LP

Die Geschichte von Jakobli Jack Jacques Jakob Breiter – Roman

nierenden Stimmen von Croft und Sim besticht das Album durch feines guitar picking und sanfte Beats, die phasenweise durch dezente Steeldrums und akzentuierte Becken begleitet werden. Die vertraute Atmosphäre des Vorgängers ist auch in „Coexist“ wiederzufi nden, wenngleich die Platte noch etwas reduzierter und minimalistischer wirkt. Trotzdem oder gerade deshalb ist es erneut gelungen, durch das durchdachte Zusammenspiel dieser wenigen Elemente ein emotional geladenes und gleichzeitig beruhigendes Feeling zu kreieren, das jedem, der das Vorgängeralbum mochte und mag, Hörvergnügen bereiten wird.

Es beginnt in Felix-Krull-Manier in einem noblen Hotel in St. Moritz. Die Gier nach Erfolg und gesellschaftlichem Aufstieg treibt den jungen Jakob Breiter zur Hochstapelei. Doch anders als Thomas Manns Felix ist Jakobli kein vom Schicksal Bevorzugter und scheitert mit seinen Täuschungen auf ganzer Linie. Jacques Breiter ist aber einer, der sein Schicksal trotz Rückschlägen selbst in die Hand nehmen will, einer, dem sein eigenes Schicksal weit wichtiger ist als das der Welt und der Zeit – und der Zeitgeist hält für ihn alles bereit, was er braucht. Man kommt nicht umhin zu sagen, dass er den schweizerischen „Way of Life“ in der Zeit des Nationalsozialismus repräsentiert. So steigt er zum Topverkäufer eines Schweizer Chemiekonzerns auf, der den Nazis das Polarrot für ihre Fahnen verkauft. „Breiter verkaufte und verkaufte und erfreute sich an jeder neuen Hakenkreuzfahne, wo immer sie auch hing, […] es waren seine Fahnen. Seine, de Mijouters und die der Gugy AG. Nur dank ihnen leuchteten sie den Deutschen mit ihrem Rot so klar den Weg in ihre bessere Zukunft, eine Zukunft mit kleiner werdenden Schlangen vor den Arbeitslosenstellen und Straßenküchen, mit Autobahnen, riesigen Urlaubsanlagen und Erholungskreuzern, mit Prachtbauten gesäumten Alleen, ungezählten Festaufmärschen und mit einem von der Schande des Versailler Vertrags nach und nach erleichterten Gemüt.“ Bleibt es dabei? Lässt sich das Schicksal wie ein zahmer Gaul reiten, in einer Zeit, in der die Welt in den Abgrund schaut? Es bleibt dem Leser überlassen, den Schicksalsbrüchen, Identitätskrisen und Weltverstrickungen des Jakobli Jack Jacques Jakob Breiter zu folgen. Ich empfehle den neuen Roman des Schweizers Patrick Tschan nicht nur historisch Interessierten, sondern allen, die sich für eine vielschichtige Charakterentwicklung begeistern können.

PATRICK TSCHAN: THE XX: »COEXIST« »POLARROT«

Coexist – The xx 7. September 2012 Label: Young Turks

Autor: Carsten Gramatzki kann mundvoll schweigen.

Polarrot – Patrick Tschan 1. September 2012 Verlag: Braumüller 21,90 Euro

Autor: Henning Wüstemann ging hinaus ins Buch.


Bild: HBO.com

Der Winter naht … erneut – TV-Serie

»GAME OF THRONES« STAFFEL II Huch, schon wieder »Game of Thrones«?! Ja! Denn die Serie geht erfolgreich in die zweite Staffel und entwickelt sich weiter. Wo sich die erste Staffel noch streng an die Romanreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin hielt und nur wenige Abweichungen wagte, löst sich die zweite Staffel nun öfter von den Büchern, was wieder einmal zeigt, dass eine gezielte »Befreiung« von der Vorlage durchaus fruchtbringend sein kann. Fans der Saga haben die Serienschmiede HBO inzwischen regelrecht angefleht, einen Stream zur Verfügung zu stellen, damit sie die Folgen aufgrund ihrer ungezügelten Leidenschaft nicht illegal herunterladen »müssen«. Laut »DIE ZEIT« waren es zum Teil 2,5 Millionen Downloads pro Tag, aber HBO lehnte ab. Was geschieht also in der zweiten Staffel? Es herrscht Chaos in Westeros, von allen Seiten wird Anspruch auf den Eisernen Thron erhoben. Während der tyrannische Kindkönig Joffrey, den man einfach sofort hassen muss (übrigens eine tolle Leistung von Jack Gleeson), derzeit auf dem Thron sitzt, versuchen seine beiden Onkel, an die Macht zu kommen. Im Norden marschiert Robb Stark nach Süden, um Rache für die Hinrichtung seines Vaters zu nehmen, und weit entfernt im Exil bereitet auch die junge Daenerys ihre Rückkehr nach Westeros und die Eroberung des Throns vor. Wieder stehen das Streben nach Macht und die Intrigen im Vordergrund der Handlung, wobei es nicht an Spannung und Gewalt fehlt. Viele neue Figuren werden eingeführt, die es – wenn auch großartig besetzt – manchmal erschweren, den Überblick zu behalten. Daher lohnt es sich abermals, auch die Bücher zur Hand zu nehmen. Auf Deutsch ist der zehnte Band »Ein Tanz mit Drachen« vor Kurzem veröffentlicht worden. Leider ist die Serie trotz der Fanaufrufe zurzeit nur über Pay-TV zu Autor: empfangen, doch wahrscheinlich Marten wird die zweite Staffel 2013 auf Neelsen RTL 2 gesendet. bleibt sauber.

Reif mit Zacken – Single

ROBBIE WILLIAMS: »CANDY« Der Conférencier der depravierten Sitte ist wieder da. In seinem neuen Clip „Candy“ kombiniert er ein unten herum gewohnt konzis geschneidertes rosa Jackett mit der Haltung eines Bowlingbahnschlägers. Diese elaborierte Aufmachung ist dem arg storylastigen Libretto der Single geschuldet: Robbie Williams ist der persönliche Schutz-Dschinn der 1992 geborenen Kaya Scodelario, bekannt aus dem britischen Teen-Drama „Skins“. Sie ist Candice (great but nefarious) – eine Figur, die der Sänger in jahrelanger und aufopfernder Feldarbeit zu untersuchen Gelegenheit hatte. Diesem Typus setzt der Song ein Denkmal. Denkmalwürdig sind vor allem ihre aptitudes érotiques, mithilfe derer sie jedem Kontrahenten im Liebesspiel glauben macht, es gebe „a hurricane in the back of her throat“. Durch die Londoner Straßen läuft die schöne Sterbliche also, und Williams zappelt schützend um sie

Autor: Alfonso Maestro zählt Musik zu den Lebensbäumen.

herum, prügelt sich mit humorlosen Komparsen, wird von Taxis überrollt, alles was das Herz begehrt. Und die Candice reagiert ob ihres Glückes so unehrfürchtig wie einst Molières Don Juan: „LMAO“ postet sie mit dem großen Galaxy beim Anblick des malträtierten Kantors. Doch Robbie selbst ist mehr als ein klassischer Schutz-Gabriel: Er rammelt mit einem Ellenbogenschwung auch Omas von der Bordkante, wenn sie das runzelige Wagnis unternehmen, sich mit einem Schnittchen wie Candice den Gehweg teilen zu wollen, und geht auch mal in Flammen auf, wenn Friedenstauben den sinnlichen Vibe in der Luft verderben. Moralische Bilanz: Das Flittchen hat nicht nur Glück, es gehört auch ein pervertierter Genius dazu, so unbehelligt und ganz ohne Beitrag für die Mitmenschen durch’s Leben zu stolzieren. Ach, es gibt noch Gerechtigkeit auf dieser Welt, wenigstens bei Robbie Williams! Sein am 9. November erscheinender neuer Longplayer „Take the Crown“ ist übrigens ein kompositorisches joint venture des RW mit (Achtung Signalwort!) Take Thats Gary Barlowe. Der Sound ist eine Mischung aus Wassermatratze und Geigen-Chandelier. Du hasst ihn zuerst, doch er bleibt an dir wie eine Geschlechtskrankheit! Verabschieden wir den Depri-UFO-Privatier und heißen den depraved angel ein weiteres Mal willkommen!

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Nieder mit dem Fachschismus! Seht es euch an, dieses tolerante und weltoffene Rostocker Studentenvolk. In über dreißig Ländern können von Studierenden multiple Erasmen erlebt werden. Doch zu Hause? Alles Fachschisten. In der heimischen Mensa wird es zum Volkssport, den Anstehenden in der Schlange ihre vermutlichen Studiengänge zuzuordnen. Da gibt es den Typen mit hochgeschlagenem Polokragen in diversen epilepsiefreundlichen Farben, den Karohemdträger, den Typen mit langen Haaren, selbst gedrehter Zigarette und schlabberigen Klamotten (ganz in Erdtönen gehalten) oder den frechen Oberlippenbartträger in keck-hellem Jeansensemble. Doch kann irgendwer das Rätsel im Nachhinein auflösen? Meistens nicht, da viele während ihres Studiums nur mit Leuten aus verwandten Fachrichtungen zu tun haben. Richtig schlimm wird es, wenn der Person neben einem vermeintlichen Studiengang auch noch charakterliche und körperliche Eigenschaften zugeordnet werden, zum Beispiel der verbale Schlag ins Gesicht, der vielen Sportstudierenden als Flirtverhalten nachgesagt wird. Und was kann der arme Maschinenbau dafür, dass er sich auf Samenstau reimt? Mein Vorschlag: zugeloste Weihnachtsfeiern. Immer zwei bis drei Fakultäten unterschiedlicher Institute, die Stück für Stück gemeinsam die Wand aus Glühweinkartons abbauen. Das hat doch Symbolkraft, und der Alkohol wird seinen üblichen Beitrag leisten. Da hätten die Soziologen hinterher sogar noch etwas zum Auswerten. Darum: Studierende aller Richtungen vereinigt euch. Denn schließlich sind wir ein Studentenvolk. Autor: Stephan Holtz hat eine süße Freundin.

VOLL AUF DIE NÜSSE Comic: Hannes Falke

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PE NG-SeUrPschüttet n. I L H Ü R HER-F hte üb tatore

C ik ic AR ABeIlSle ZeitgeschgestürztenliDchen Gewi6ninn

ktu öst uen e1 Die a mmer ne em gar k n finde di und i n i n t i r te te da uns m ch du mi n willst, genen Wo das u e r rd tern bo na Wen hüttet we uppe ver nden Let arten s e k n sc über uchsta be übrig bleib z wei Frei e k! n c n o i der B aus den t s ew Ro bilde gswort. G kst heater n l o u s V Lö as f ür d

Lösungen bis zum 15.11. an: redaktion@heulermagazin.de

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10 Jahre BACK-FACTORY –

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Schoko-KokosKuchen

Willkommen bei BACK-FACTORY! Seit nunmehr 10 Jahren erwartet Dich bei uns zu jeder Tageszeit ein optimales Frische-Erlebnis. Bis in den Abend bieten wir ofenfrische Backwaren, aber auch Snacks sowie warme und kalte Getränke. Dieses Jahr feiern wir Jubiläum und bedanken uns bei unseren Kunden mit dem leckeren Jubiläumskuchen. Schau doch mal rein!

N ur e i n G u t s c h e i n p ro Pe r s o n . Wi rd d u rch S tempeln en t wer tet. Beim Kauf eines Stücks Schoko-Kokos-Kuchen erhältst Du bis zum 31.10.2012

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Gilt nur in der BACK-FACTORY Rostock Kröpeliner Strasse 47 | 18055 Rostock Mo - Fr 7 - 18.30 h | Sa 8 - 18 h

www.back-factory.de

DIE BACKGASTRONOMIE.

heuler - das Studentenmagazin #99  

Der heuler ist das Studentenmagazin der Universität Rostock. Dies ist die Ausgabe im Wintersemester 2012/13.

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