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Outside in the cold distance A wildcat did growl, Two riders were approaching And the wind began to howl. — Jimi Hendrix, All Along The Watchtower


Inhalt eins

Gargellen und was Johannes am Joch entdeckt................................................................................................................................................... 6 zwei

Bregenz und wie Joe so drauf ist.......................................................................................................................................................................................... 10 (slot)

Der Schnee, der verdammte!. .....................................................................................................................................................47 drei

Wien und wo Joe endlich etwas findet................................................................................................................................................. 58 (slot)

Er wird sterben!..................................................................................................................................................................................72 vier

Z端rich und wen Joe da im Odeon trifft...................................................................................................................................................................... 73

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November 1975 Das Messer steckt bis zum Griff im Herz des Mannes. Er liegt auf dem Rücken, ausgestreckt in einer Mulde im Schnee. Seine weit aufgerissenen Augen sind auf die funkelnden Sterne gerichtet. Sie sehen nichts mehr. Die Dunkelheit deckt den Toten zu, schwarz und undurchdringlich. Ein blasser Mond steht am schlaflosen Himmel. An den Hängen klebt eisblau der Schnee. Stumm kriecht ein düsteres Wolkenband über die Kante des Jochs. Gelegentlich fetzen wilde Schneereiter himmelwärts. Mit einem dumpfen Fall verliert eine Tanne die weiße Last. Im Dorf brennen längst die Lichter. Wind kommt auf.


Gargellen: Johannes findet einen Toten Droben im Lärchenwald tritt Johannes vor seine Hütte und schaut hinüber zum Joch. Er reibt seine Hände gegeneinander. Es ist kalt und still. Der Schnee ist heuer früh gekommen. Zu früh, sagen manche. Johannes ist es egal. Er hat gut vorgesorgt. An der windabgewandten Seite seiner Hütte hat er Holz aufgestapelt. In der Vorratskammer lagern Lebensmittel für viele Monate. Nur mit dem Wasser gibt’s manchmal Probleme, wenn die Temperaturen zu tief fallen. Johannes steht ruhig da und lässt seinen Blick langsam über die mondhelle Winterlandschaft schweifen. Das Licht auf den Hängen changiert beinahe in ein kaltes Blau. Die Luft riecht nach Schnee, falls man Schnee überhaupt riechen kann. Der Atem stösst weiße Wolken aus. Wieder bleibt der Blick am Joch hängen. Dort oben fegt in solchen Nächten der Wind von der Schweizer Seite herüber und treibt den Schnee vor sich her. Menschen mit Fantasie sehen turmhohe Riesen übers Joch kommen, die bald wieder im Nichts verschwinden. Johannes glaubt fest daran, dass in Nächten wie diesen der Schnee dort oben Gesellschaft bekommt. Er kann nicht genau sagen, was oder wer es ist, aber er fühlt, dass es in der kalten Natur Wesen gibt, denen man lieber nicht begegnet. Er ist in den Bergen aufgewachsen und weiß, das hat nichts mit Aberglauben zu tun. Seine Hütte hat Johannes selbst gebaut. Das Holz lieferte ihm sein kleiner Wald. Weil er handwerklich geschickt ist, bereitete ihm der Bau keine Probleme, im Gegenteil, es machte ihm Spaß. Der Grundriss ist denkbar einfach: es gibt einen niedrigen Keller darauf ein Erdgeschoss ohne Trennwände und darüber ein weiteres Stockwerk, ebenfalls offen. Johannes liebt offene Räume. Wände hält er für überflüssig, genauso wie Grenzen. Vom Dorfleben hält er sich fern. Nicht, dass er die Leute nicht mag, aber er ist lieber für sich. In seiner Hütte kann er tun und lassen, was er will. Er hat einen kleinen Waldbesitz, das sichert ihm ein schmales Einkommen. Er bewirtschaftet den Wald selbst. Das ist viel Arbeit für wenig Geld. Doch Johannes ist zufrieden, denn der Wald sichert ihm seine Unabhängigkeit.

Die tragen dich übers weiße Meer. Von hier aus könnte er in einer Stunde am Joch sein. Drüben würde er dann abfahren. Er hat das oft gemacht, als er jung war, als man ihn manchmal dafür bezahlte, in wolkenverhangenen Nächten übers Joch zu führen. Das waren schlechte Zeiten. Johannes stoppt die Gedanken. Das Dorf ist seit Menschengedenken mit dem Joch verbunden. Von drüben kamen Waren. Manchmal geschmuggelt. Meistens legal. Von hier nach drüben gingen Menschen, wenn die Zeiten rau waren. Doch manche schafften es nicht mal bis zum Joch. Verschwanden und kamen nie wieder. Johannes wusste nur zu genau, was das damals bedeutete. Jeder im Dorf wusste es. Zumindest die Älteren. Darüber redete niemand. Das Dorf schwieg. Er geht wieder hinein und schließt langsam die Tür. Das Licht aus der Hütte wird vom Dunkeln gefressen. Draußen brandet das unwirkliche, fahlblaue Weiß des Schnees an Johannes’ einsame Hütte. Drinnen setzt er sich an den großen Tisch. Seit er an das Stromnetz angeschlossen wurde, hört er nachts gerne Musik. Er hat sich dafür einen Philips Kassettenrekorder gekauft. Er legt eine Kassette ein, drückt »Play« und stellt das Volumen auf zehn. Eine Amateuraufnahme, nicht gut ausgesteuert. Neben der Musik hört man Hintergrundgeräusche und Stimmengemurmel von Menschen. Doch das macht Johannes nichts aus. Er lauscht dem Sound und klopft mit dem Fuß den Rhythmus mit. Es sind die Gamblers. Er hat sie selbst gesehen, schon ’ne Weile her, Juli ’70, auf der Ruine Neuburg. Das legendäre Flint Festival. Mit der Botschaft des Festivals hatte Johannes nichts am Hut, dazu war er schon viel zu alt. Für ihn waren die Hippies unbegreifliche, freundliche junge Leute, die, wie er, gerne Rockmusik hörten. Johannes liebt den Sound. Wenn er Rockmusik hört, vergisst er alles rund um sich, seine Hütte, das Joch, einfach alles.

Wieder schaut er hoch zum Joch. Er dreht den Kopf, um besser zu hören. Nichts. Nur der Wind. Nochmals versucht er, ob er etwas hört. Nein. Nichts. Kein Laut. Alles ruhig.

Die Gamblers spielten damals mit dem Batruel und dem Schartner an den Gitarren. Les Paul. Gibson. Eine der besten Gitarren für elektrisch verstärkte Musik mit warmem, druckvollem Klang. Johannes war wohl einer der ältesten in der jungen Menge. Doch das störte ihn nicht. Er fühlte sich wohl auf der Neuburg. Obwohl schon ein alter Opa, hat ihm der Sound extrem gut gefallen.

Der Schnee liegt wie locker gepresste Watte auf dem Joch. Über einen Meter hoch, schätzt Johannes. Ein Mann würde bis zur Hüfte darin versinken. Falls er zu Fuß unterwegs wäre. Das braucht Kraft. Jeder Schritt ist eine Anstrengung. Mit Skiern geht’s natürlich besser.

Von einem Bekannten hat er später eine Schwarzkassette unter der Hand gekauft. Jetzt singt der Batruel gerade den Blues und lässt seine Les Paul jaulen. Johannes starrt auf das schwarze Quadrat eines Fensters und taucht ab in den Tonstrom aus Bass, Gitarre und

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Schlagzeug. I woke up this morning, and my Baby was gone… Gutes Solo jetzt. Schnellfinger. Nicht schlecht. Er zündet sich eine Hobby an und schaut weiter zum Fenster hinaus, ohne was zu sehen. Die Musik hat ihn. Voll und ganz. Bis er plötzlich aufsteht, auf »Stop« drückt und sich streckt. Er sollte schlafen gehen. Morgen muss er früh raus. Er will ins Holz. Das Ritual ist immer dasselbe. Noch eine rauchen. Zähne putzen. Ein Glas Wasser trinken. Ein paar Scheite nachlegen. Katze streicheln, die faul auf der Ofenbank liegt. Dieses Mal aber geht er nochmals raus.

Tage nicht zeigt. Er glaubt fest daran und fürchtet es. Er ist in den Bergen groß geworden. Mit Geschichten über die Fahrenden, die Geister und das Nachtvolk. Die guten und die bösen Geister. Ein letztes Mal schaut er dem Thöny in die toten Augen, bekreuzigt sich und fährt dann ab ins Dorf. Den Schneemann hat’s erwischt. Spät, aber doch, denkt sich Johannes.

Alles wie vorher. Langsam lässt er seinen Blick übers Joch streifen. Und sieht plötzlich im Mondlicht ganz deutlich eine Spur, die sich hinauf zieht. Es ist eine Skispur. Seltsam ist nur, dass sie einfach aufhört, etwa 200 Meter unter dem Joch. Komisch, denkt Johannes. Kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Er spürt, dass er unruhig wird. Er schaut nochmals genau hin. Die etwas dunklere Spur-Linie kommt vom Dorf her, er kann es gut sehen. Sie führt über den Bühel bis zur Mulde kurz vor dem Anstieg aufs Joch. Und hört dort auf. Dort oben liegt einer, denkt Johannes. Liegt allein im eiskalten Schnee. Schneegrab. Kann nicht sein. Wer geht denn mitten in der Nacht allein aufs Joch? Johannes überlegt nicht lange, schlüpft in seine Skihose, dazu ein Unterhemd und den dicken Wollpullover. Spannt die Felle auf die Ski und schaltet seine Stirnlampe ein. Schon nach wenigen Metern bricht ihm der Schweiß aus. Er geht zügig. Immer aufwärts. Dem Joch zu. Hinein in die Stille. Atmet aus, atmet ein. Seine Skistöcke kratzen auf dem Schnee. Sonst ist alles stumm. Nur sein Blut pocht in den Ohren. Er stößt von rechts kommend auf die Spur und folgt ihr. Schon von weitem streift sein Licht etwas Dunkles, das im Schnee liegt. Als er dort ist, hält er den Atem an. Ein Mann im Schnee. Mit einem Messer in der Brust. Neben ihm ein paar Tourenski und Skistöcke. Lebt nicht mehr, ist sich Johannes sicher und leuchtet dem Toten ins Gesicht. Er kennt ihn. Es ist der Thöny Fritz. Der Schneemann. Johannes bleibt nicht lange beim toten Thöny. Kann man nichts mehr machen. Hier in der Mulde sieht er dann die zweite Spur. Sie kommt vom Joch herunter und geht wieder hinauf zum Joch. Von drüben ist er gekommen, sinniert Johannes. Von drüben herüber und dann wieder übers Joch. Es ist ihm nicht ganz geheuer, hier oben, so allein mit dem Toten. Rundum ist es gänzlich still. Kein Laut. Nur gelegentlich hört er den Wind vom Joch herunterpfeifen. An sich perfekte Verhältnisse. Er hat Angst davor, dass jetzt in der Nacht das aufwacht, was sich am 8

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Bregenz: Joe bekommt einen Anruf. Der Wecker läutet um 6:30 Uhr. Landeskriminalbeamter Joe Mader schreckt hoch und schaltet ihn aus. Er kann sich nie ans Frühaufstehen gewöhnen. Scheiß Job. Joe macht Licht und schlurft in die Küche. Er kocht Kaffee und geht aufs Klo, bis der schwarze Sprit durch ist. Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt den ersten Schluck und zündet sich eine Marlboro an. Er raucht, trinkt und starrt vor sich hin. Eine Hand stützt den Kopf. Dann geht er ins Bad und putzt sich die Zähne. Wenn er in den Spiegel schaut, macht ihn das nicht glücklich, was er sieht. Er ist blaß, hat einen Dreitagebart, müde Augen und obwohl er noch keine 30 ist, bekommt er schon sichtbare Tränensäcke. Am Morgen sieht man immer wie Kotze aus, denkt er, und spuckt aus. Er schaut aus dem Fenster. Draußen regnet es. Scheiß Tag. Joe zieht sich an. Jeans, schwarzes Sweatshirt, Cowboystiefel. Noch ungelenk schlüpft er in seine schwarze Pelerine, verlässt seine Wohnung und schließt die Türe ab. Schließt nochmals auf und vergewissert sich, dass er die Kaffeemaschine ausgeschaltet hat. Joe holt sein Fahrrad aus dem Keller und macht sich auf den Weg zu seiner Dienststelle beim Landeskriminalamt in der Bregenzer Bahnhofstraße. Die Kapuze verdeckt ihm die halbe Sicht. Scheiß Regen. Kaum Autos auf der Straße. Joe tritt in die Pedale, das nasskalte Wetter geht ihm mächtig auf die Nerven. In seinem winzigen Büro im dritten Stock brüht er sich gleich noch einen Kaffee auf. Er hat eine kleine Herdplatte in der Ecke stehen. Mit der Tasse setzt er sich an seinen Schreibtisch, legt die Beine hoch und schaut zum einzigen Fenster raus. Seeblick. Immerhin. Scheiß See. Der liegt grau und glatt vor Joes Ausguck. Als das Telefon klingelt, lässt Joe fast die Tasse fallen. Jetzt hat er ihn, der Tag. Was für ein Scheiß Anfang. Joe brummt »ok, ok« und noch einmal »ok« und legt auf. Eine Leiche am Schlappiner Joch. Das darf ja wohl nicht wahr sein. Doch Joe wundert sich schon lange über gar nichts mehr. Dass er, ein eigentlicher Edelhippie, bei der Kripo gelandet ist, ist schon für ihn selbst schwer genug zu verstehen. Und jetzt also ein toter Mann auf dem Joch. Ich werde den Dienst-vw brauchen, denkt Joe. Unbedingt Kassetten mitnehmen, die Fahrt nach Gargellen ist lang. Der Kollege vom Gargellner Posten hat gemeint, es liege schon Schnee bei ihnen und es sei ziemlich kalt. Scheiß Schnee. Scheiß November.

Er muss ins Montafon. Das ist weit. Weit weg von Bregenz. Aber er kann wenigstens Musik hören auf der Fahrt. Das ist schon was. Joe wählt ein paar Kassetten aus. Grand Funk Railroad. Mountain. Colosseum. Landlady. Ein Toter am Joch. Die Bergrettung habe die Leiche mit dem Akja herunter geholt heute in der Früh. Gefunden habe ihn Johannes, der oben im Lärchenwald eine Hütte hat. Nein, das sei kein Deutscher, Johannes sei Gargellner. Ja, es handle sich um einen Mann und er sei tot. Mord vielleicht. Jedenfalls stecke ein Messer bis zum Heft in seinem Herz. Ja, man kennt den Toten, es ist der Thöny Fritz. Auch aus Gargellen. Spuren? Oben am Joch? Nein, ist alles zugedeckt worden vom Schnee. Es hat in der Nacht geschneit. Ja, er erwartet ihn auf dem Posten. Nein, Ketten braucht er wahrscheinlich nicht. Bis dann, verabschiedet sich der Kollege aus Gargellen und legt auf. Joe steckt eine neue Kassette in den Slot. Feldkirch hat er schon hinter sich. Landlady, seine Lieblingsband hier im Land. Georg Sutr und Hermann Schartner. Legendäre Typen. Gibson Les Paul und Fender Stratocaster. Ihre parallelen Gitarrensoli im Quartabstand. Oder waren es Quinten? Die Gamblers und Wanted sind ja auch ok. Aber Landlady! Mann, oh Mann! Was für ein Sound! Auf dem Beifahrersitz liegt eine Tageszeitung, die ein Kollege vergessen hat. Ein Treffen von Giscard d’Estaing und Schmidt hatte es auf die Titelseite geschafft. Joe mochte den Hamburger. Vor allem seine Schmidt-Schnauze. Nach Bludenz schaut er auf die Uhr. Zehn vorbei. Dann behindern Straßenarbeiten den Verkehr und er kommt plötzlich nur noch im Schritttempo weiter. Das nervt ihn, aber schon liegt die Baustelle hinter ihm und in knapp einer halben Stunde sollte er oben im Dorf sein. Da gehen sich noch einige Stücke aus. Joe zündet sich eine an, dreht den Lautstärkeregler bis zum Anschlag und gibt Gas. »Bist du der Mader?«, fragt der Postengendarm. Joe nickt und reibt seine Hände aneinander. Es ist schweinekalt hier in Gargellen. »Gute Fahrt gehabt?« Wieder nickt Joe und setzt sich auf einen Stuhl, der ihm angeboten wird. Langsam wird ihm wärmer. »Wo ist er?« »Drüben im Keller der Bergrettung. Ich geh’ gleich mit.«

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Zu zweit machen sie sich auf den Weg. Joe hat seine Pelerine an, die ist warm. Aber mit den Cowboystiefeln rutscht er ziemlich herum. Scheiß Schnee. Der Tote liegt noch im Akja. Joe schlägt die Wolldecke zurück, die man über ihn gebreitet hat und schaut sich den Thöny Fritz an. Alter ca. 50. Schon graues Haar. Braunes, wettergegerbtes Gesicht. Augen blau. Was noch? Das Messer steckt tatsächlich bis zum Heft in seiner Brust. Ging durch seinen Anorak durch. Jägermesser. Fingerabdrücke nehmen. Falls welche da sind. »Was weißt du über ihn?« »Den Thöny? Tja, ich weiß nur, was alle hier über ihn wissen. Hat sein eigenes kleines Haus am Ende des Dorfs. Skilehrer im Winter. Im Sommer Gelegenheitsarbeiten, alles, was so anfällt. Holzarbeiten, Lawinenverbauung. Der Fritz war nie wählerisch. Schlug sich immer irgendwie durch. Guter Skifahrer.« »Feinde?« Joe glaubt selbst nicht, dass er das Wort verwendet hat. Wie in einem schlechten Krimi. »Keine Ahnung. Glaub’ nicht. Hier im Dorf? Kann ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen.« Joe kann hier nichts mehr tun. Er hat für den Anfang genug gesehen. Oder viel zu wenig. Spuren oben am Joch gibt’s keine. Muss mit Johannes reden. »Hat er Familie?« »Der Fritz? Nein, lebte allein. Mutter gestorben, Vater gestorben.« »Schick ihn nach Innsbruck.« »In die Gerichtsmedizin?« »Ja, wohin denn sonst!« »Kennst du den Weg zum Johannes?« »Klar, ich mach dir eine Skizze.«

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Der Tote im Akja. Der Rettungsschlitten erinnert Joe an seine Liftdienstzeiten auf Schuttannen oberhalb von Hohenems. Er war damals vielleicht zwölf oder dreizehn. Wenn er Dienst hatte, musste er früh aufstehen, dann mit den Skiern auf dem Buckel und den klobigen Skischuhen an den Füßen zum Postplatz laufen. Traf er einen Bekannten, fragte der: »Goscht Skifahra? Woani?« Und Joe antwortete: »Tschutanna.« Am Postplatz warteten schon die kleinen wendigen Jeeps, die die Skifahrer nach Schuttannen brachten. Acht Leute hatten in einem Jeep Platz und die Fahrt bis zum Lift war immer ein Abenteuer. Man wurde hin und her gerüttelt, es ging steil bergauf und der Schnee lag stellenweise meterhoch links und rechts von der Straße. Die Fahrer waren wilde Hunde. Oben am Schlepplift war er der erste, der hinauffahren durfte. Sein Job war es, zusammen mit dem Sohn des Liftbetreibers, dem Reinhard, oben an der Ausstiegsstelle in einem beheizten Hüttchen zu sitzen und aufzupassen, dass es beim Aussteigen keine Probleme gab. Verhängte sich mal ein Liftbügel oder konnte ein Skifahrer den Bügel nicht rechtzeitig abwerfen, so mussten sie den Lift sofort abschalten. Auf einen großen roten Rillenknopf drücken. Dann per Telefon unten anrufen und sagen, es sei wieder alles in Ordnung und man könne den Lift wieder anfahren. An sonnigen Tagen saßen sie vor dem Hüttchen auf Stühlen und genossen die warmen Sonnenstrahlen, grüßten Bekannte beim Aussteigen oder schnitten Grimassen, wenn andere Jugendliche vorbeifuhren. Zwischendurch mussten sie mit großen Schneeschaufeln immer wieder mal die Ausstiegsstelle glätten, damit es die Liftbenutzer bequemer hatten. Wenn ihnen besonders langweilig war, zogen sie ihre Spezialperformance ab: sie warteten auf kleinere Jungs als sie es waren, dann schnappte sich einer von ihnen die Axt, mit der sie normalerweise Holz für den Ofen im Hüttchen hackten, und stürmte schreiend und die Axt schwingend auf das »Opfer« zu und tat so, als ob er gleich zuschlagen werde. Dann lachten die beiden aus vollem Hals und auch die »Opfer« grinsten und waren froh, dass das Ganze nur ein Witz war. Joe mochte es, Liftdienst zu schieben. Erstens bekam er Freikarten fürs Skigebiet, zweitens verdiente er ein wenig Geld und drittens war der Mann im Hüttchen irgendwie wichtig. Unten an der Talstation stand immer ein voll ausgerüsteter Akja, der der Bergrettung Hohenems gehörte. Joe hat es damals immer sehr beeindruckt, wie die Bergrettungsmänner mit dem Akja, in dem ein Verletzter lag, elegant die Piste runterfahren konnten. An langen Haltestangen fuhr einer vorne und einer hinten. Er wollte auch mal mit so einem Ding den Berg hinabfahren, aber die Männer von der Bergrettung verstanden keinen Spaß, wenn’s um ihr Rettungsgerät ging.

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Inzwischen ist es Mittag geworden. Höchste Zeit, etwas zum Zwicken zu suchen. Joe verabschiedet sich von seinem Kollegen und fährt die Dorfstraße entlang zum Hotel Madrisa. Gute Küche dort, erinnert er sich. Die Montafoner Stube ist halb gefüllt. Joe setzt sich an einen Zweiertisch und bestellt Bauernbratwurst mit Polenta. Dazu ein kleines Bier. Als das Essen kommt, steigt ihm der kräftige Duft der gebratenen Wurst in die Nase. Joe mag bodenständige Kost, auf Gemüse kann er verzichten.

In der Blockhütte: Joe spricht mit Johannes. Nach dem Kaffee und einer Zigarette holt Joe den vw und macht sich auf den Weg zur Hütte von Johannes. Er findet sich gut zurecht, die Zeichnung ist sehr genau. Sorgen macht ihm nur der Schnee auf dem Forstweg, der zu Johannes hinaufführt. In einer Steigung greifen die Reifen nicht mehr richtig, er lässt sich ein kurzes Stück zurückrollen und parkt den vw auf einem Holzplatz, der ihm gerade recht kommt. Jetzt muss er zu Fuß gehen. Schon nach wenigen Schritten sind Joes Cowboy Stiefel nass. Joe flucht und stapft tapfer aufwärts. Zum Glück ist die Hütte nicht mehr weit. Johannes’ Zuhause ist eine Blockhütte im nordamerikanischen Stil. Ziemlich groß, alles aus Holz und die Proportionen stimmen, registriert Joe. Es sind immer die Proportionen, die Bausünden verraten oder darauf hinweisen, dass Stümper am Werk waren. Er klopft an die Tür und macht sie auf, ohne einzutreten. »Bist du der Johannes?« »Ja.« »Joe. Joe Mader. Von der Kripo Bregenz. Du hast den Toten gefunden. Wollte kurz mit dir reden.« »Komm rein!« Drinnen ist es gemütlich warm. Johannes sitzt an einem mächtigen Holztisch, der zentral im Raum steht. Kachelofen, Ofenbank, weiter hinten so was wie ’ne Küche mit Herd, Brunnen und Küchenkasten. Eine Katze streicht um Joes Beine. »Setz dich doch. Kaffee?« »Gerne.« Joe fühlt sich wohl hier im Blockhaus. Am Tisch sitzend sieht er das Joch durch ein Fenster. Ist nicht weit weg, denkt er. »Hast du ihn gekannt?« »Den Fritz? Ja, ganz gut. Seit wir klein waren eigentlich. Sind viel Skitouren zusammen gegangen.« »Wie war er denn?«

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»Hast du einen Freund? Ich meine, nicht dass der Fritz mein Freund war. Nicht mehr. Aber wie er so war? Was ich dir sagen kann, trifft nur eine Seite. Du verstehst? Der Fritz war eigen. Hat sich immer nur für sich selbst interessiert. Nicht unfreundlich, aber eigen. Im Dorf hat man ihn, glaube ich, respektiert. Ich selbst hab ihn nicht mehr gemocht.«

»Ich schick dir mal ’ne Kassette, die sind nicht schlecht.«

»Warum?«

Johannes legt Holz nach. So eine Hütte wäre schon was, denkt Joe. Aber eigentlich passt es ihm in der Stadt am besten. Das Kino, der Club 70, das Heidelberger Faß. Obwohl, so ’ne Hütte wäre schon was. Könnte dann seine Fender einstecken und Hendrix nachspielen. Niemand würde ihn stören hier oben. Wäre schon was, verdammt, konzentrier dich, Joe!

»Alte Geschichten. Hat mit dem Krieg zu tun. Willst du gar nicht wissen.«

»Bist du noch in der Nacht rauf? Wann war das?«

Joe wird langsam schläfrig, die Wärme lullt ihn ein. Er schaut zu, wie Johannes der Katze Futter gibt. Ein groß gewachsener Mann, der Johannes. Sieht gut aus. Ein bisschen älter als er selbst. Knapp über 50 schätzungsweise. Schwarzes, dichtes Haar, kein Bauch, gesunde Gesichtsfarbe, grüne Augen. Hat Kraft. Ist sehnig. Arbeitet sicher viel draußen. Joe hat den geschulten Blick.

»So um elf war ich oben. Bin nicht lange geblieben. Ist etwas unheimlich dort oben allein in der Nacht.«

»Bist du oft da oben gewesen?«, fragt Joe und deutet durchs Fenster auf das Joch. »Früher schon, jetzt nicht mehr so viel, warum?« »Interessiert mich.« »Hab ’ne zweite Spur gesehen. Kam von drüben und führte wieder nach drüben.« »In den Prättigau?« »Ja.« »Weißt du, was er da oben wollte?« »Der Fritz? Keine Ahnung.« »Gibt’s noch Grenzer am Joch?«

Joe fallen keine klugen Abfragen mehr ein. Der Fall hat ja nicht gerade lehrbuchmäßig angefangen. Er verabschiedet sich von Johannes und verspricht ihm, an die Landlady-Kassette zu denken und fragt ihn, wie seine Adresse hier lautet. »Schreib Johannes, Gargellen, das reicht,« meint der. Joe stiefelt wieder los zu seinem Auto und ist froh, dass er zurück nach Bregenz kann. Auf der Fahrt hört er Valentyne Suite von den Colosseum. Ein Meisterwerk. Siebzehn Minuten lang. Joe liebt das Hammondorgelspiel von Dave Greenslade. Seine Füße sind Eis. Er heizt, was das Zeug hergibt. Im Büro schnappt er sich eine Karte von Vorarlberg. Schlappiner Joch, 2.203 m. Von Gargellen durchs Valzifenztal aufs Schlappiner Joch. Drüben in der Schweiz ist Klosters der nächste größere Ort vom Joch aus. Die zweite Spur. Jemand kommt von drüben, bringt den Thöny um und haut wieder ab. Macht doch alles keinen Sinn. Warum ist der Thöny da raufgestiegen in der Nacht? Wen hat er getroffen? Joe schmeißt alles hin und geht heim.

»Nein, heute nicht mehr. Früher halt.« Joe sieht den Kassettenrekorder und ein selbst beschriftetes Gamblers-Tape. »Du stehst auf Gamblers? Den Blues-Batruel?« »Guter Sound, ja. Gefällt mir.« »Schon mal Landlady gehört?« »Nein, du?«

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Bei Joe zuhause: Hendrix, verflixt! In seiner Wohnung macht er sich eine Flädlesuppe und haut sich vor den Fernseher. Eine aktuelle Doku über demonstrierende Studenten. Krawall. Lange Haare. Polizei mit Wasserwerfern. Paris wahrscheinlich. Das interessiert ihn alles nicht. Die eigentliche Revolution ist eine musikalische. Für Joe ganz klar. Er schaltet um und schaut sich Bonanza an. Rudi Dutschke? Ein Priester. Cohn-Bendit? Eine Quasseltante. Was ihn und seine Kumpels wirklich interessiert hat, waren die Geschichten, Geheimnisse, Skandale um und natürlich der Sound von Hendrix, Colosseum, Zappa, Grateful Dead, Canned Heat, The Who, Sly & The Family Stone, Cream, Jefferson Airplane, Iron Butterfly, Deep Purple, King Crimson, Fleetwood Mac, Santana, John Mayall, Grand Funk Railroad, Mountain. Und Johnny Winter. Drüben in Deutschland Amon Düül, Embryo, Frumpy und Popol Vuh. Und hier im Land die Gamblers, Wanted, Landlady, Cosmodrom. Die haben was bewegt. Zumindest deine Beine beim Tanzen. Ho, Ho, Ho Chi Minh? Joes eigenes Programm lautet: Meh, Meh, Moadla her! Für eine Frau lässt er jede politische Veranstaltung links liegen. Die einen quatschen und diskutieren, die anderen ziehen sich den Sound rein. Pur. Ohne Überbau. Mit dem Sound sind die Klamotten gekommen, Carnaby Street und so. Und die langen Haare. Und Knutschen und so. Und Pupillen, so groß wie Stecknadelköpfe. Die dann sehen wollen, was sich die Ohren wünschen: Je t’aime von Gainsbourg oder den Lemon Song von den Who. Der eine eine Streichelsuse für Weiche, der andere ein Gitarrenritt für Harte. Beides jedenfalls Musik, deren Autorität niemand kontrollieren kann. Das ist Revolution. Und ihre Sowjets heißen Akkord, Riff, Solo oder Hookline. Tausendfach verstärkt von den streng schönen Hünen in Schwarz: den fetten, mannshohen Marshall Amps, die stehen wie eine Mauer aus Schall, gegen die das Gekreische der Fans anbrandet. Vergeblich. Joe hat ein unkompliziertes Verhältnis zur Rockmusik. Schon als Kind durfte er mit seinem Vater zu den sonntäglichen Proben seiner Tanzcombo Schlossberg mitgehen. Schlagzeug, Bass, Gitarre, Handorgel und Klarinette. Er liebte es. Saß auf einem Stuhl und hörte sich begeistert die damaligen Gassenhauer live an: Monja / Es geht eine Träne auf Reisen / Weiße Rosen aus Athen / Rote Lippen soll man küssen, und so weiter. Geprobt wurde in einem unausgebauten Zimmer im Haus des Gitarristen in Altach. Vater und seine Kumpels hatten es voll drauf, es klang wie echt. 18

Joe hasst Musiktheoretiker. Adorno, was der nicht alles über Musik gelabert hat. Akademisch wahrscheinlich voll ok. Aber für Joe viel zu kopflastig. Rockmusik geht einfach rein. Direkt. Kein Umweg übers Gehirn. Es ist der Beat, der dich mitreisst und es sind die Bass-Lines, die dir in den Bauch hämmern. Was soll man lange darüber philosophieren? Er erinnert sich noch ganz genau an seinen ersten London-Trip mit vierzehn Jahren. Er und ein Kumpel sind im lkw von Lochau aus mitgefahren. Lochau, Ostende, London. Dort in einem Hostel abgestiegen. Dann in die Carnaby Street einkaufen und in Plattenläden in Soho. Wieder zuhause ist Joe eines Tages mit seinem neuen London Outfit durch seine Straße in Hohenems gegangen. Rotes Kurz-T-Shirt mit Glockenärmeln, Jeans und um den Hals ein gold glänzendes Pentagramm an einem Lederriemen. Dazu seine langen blonden Haare. Jedenfalls haben ihn die Nachbarn, einer war Textildrucker beim Otten, der andere Tischler, angeschaut, als ob er von einem anderen Planeten komme. Joe weiß noch, es ist ihm unangenehm gewesen, an denen vorbeizugehen und er ist besonders schnell gelaufen. Aber die Klamotten haben ihm gefallen, auch wenn er sich dafür geschämt hat, damals in seiner Straße in Hohenems. Joe stöpselt seine Fender in den kleinen Marshall Mini Amp ein und probiert das Solo von Hendrix’ All Along The Watchtower. Vielleicht das berühmteste Gitarrensolo überhaupt. Aber er bekommt es nicht so richtig hin. Der Groove fehlt. Obwohl er ein Plastikfeuerzeug zum Sliden griffbereit hätte. Joe hat genug für heute. Holt seinen Wanderführer Vorarlberg raus und geht mit ihm ins Bett. Sucht das Stichwort Schlappiner Joch: Übergang vom Montafon in das schweizerische Graubünden. Historischer Säumerpass und alter Schmugglerpfad. Von Schmugglern oft in der Nacht benutzt. Gehandelt wurde mit Wein, Tabak, Zucker, Kaffee. Die Säumerei endet 1866, weil das österreichische Veltlin und die Lombardei zum selbständig gewordenen Italien kommen. Die Schmugglerei geht allerdings bis nach 1900 weiter. Schmuggel? Kann nicht sein. Nicht mehr heute. Kein Motiv. Eine Schlepperbande? Der Thöny? Nein. Macht auch keinen Sinn. Da gibt’s bequemere Stellen am Rhein, wenn man ohne Pass in die Schweiz will. Joe klappt den Führer zu. Gute Nacht, Bregenz.

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In Joe’s Büro: wo ist meine Amon Düül? Am nächsten Tag geht Joe schon früh arbeiten. Zieht ein Schulheft aus der Schublade und schreibt eine kurze Zusammenfassung, was er über den Mord bisher weiß: Fritz Thöny, am 14. Nov. 1975 auf dem Schlappiner Joch gefunden, erstochen mit einem Messer, gemeldet von Johannes, der die Leiche noch in der Nacht entdeckt hat, zweite Spur übers Joch kommend, führt laut Johannes bis zum Toten und wieder zurück in die Schweiz, in der Nacht Schnee, Spuren zugedeckt, über Thöny nicht viel bekannt, eigenes Haus in Gargellen, lebt für sich, keine Familie, im Winter Skilehrer, im Sommer Gelegenheitsarbeiten, laut Johannes »sehr eigen«. Wer? Von wo? Klosters? Motiv? Wo ist eigentlich meine Amon Düül? Joe hat hier auf seiner Dienststelle einen Karton voll mit Kassetten, die meisten Schwarzmitschnitte. Die Amon Düül ist aber eine Bandkopie von einer Langspielplatte. Der Yeti lp. Die, mit dem Sensenmann drauf. Super Cover. Er sucht alles durch, findet aber nichts. Dafür fällt ihm ein Landlady-Tape in die Hand. Er nimmt es raus und öffnet den Deckel. Auf der Rückseite des selbst eingelegten Coverfotos, es ist ein schwarz-weiß Bild von ’nem Garelli Moped mit barbusiger Mieze drauf, hat er eingetragen: Landlady, Kino Hohenems, August ’69, Helmut Gassner dr., Jeff Wohlgenannt b., Georg Sutr guit., Hermann Schartner guit. Tolles Konzert. Im Kino Hohenems. Dort, wo er als kleiner Junge nie reingekommen ist, weil alle Filme immer über achtzehn waren. Damals, als es noch die Fox’ tönende Wochenschau gab. Im verfickten Kino Hohenems rumgehangen mit Kumpels, die auch nicht rein durften. Das einzige, was ihnen blieb, war, Popcorn zu kaufen und in den Schaukästen die Bilder der aktuellen Filme anzuschauen. Western mit knallharten Revolverhelden und Schmusefilme mit Miezen, bei denen man manchmal einen Ansatz von Busen auf dem Foto sah. Was meistens genügte, dass sie alle geil wurden. Und der verhasste Häfele, das war der Besitzer des Kinos, der Häfele, der streng darüber wachte, dass niemand unter achtzehn in »seine« Filmvorführungen reinkam. Dr. Schiwago, Oswalt Kolle, Rio Bravo, Schulmädchen Report. Mann, sie mussten immer draußen bleiben! Jetzt aber durfte er rein. Ins Hohenemser Kino. Denn das hier war ein Rockkonzert und Joe inzwischen einige Jährchen älter. Musik für Spinner mit langen Haaren. Joe weiß noch, er ist damals ganz vorne gesessen im Saal mit den pinkfarbenen und grauen Eternitplatten, auf einem schwarzen, ungepolsterten Kinosessel bei dem man die Sitzfläche runterklappen konnte und hat abgeschnallt, bei den Soli von Schartner und Sutr. Die spielten auf Gibson

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und Fender. Parallel-Läufe im Quartabstand, manchmal minutenlang. Das trug dich weg und dir blieb nur, Mund und Ohren aufzusperren und wie gebannt auf die Griffbretter zu starren, als ob du dadurch hinter das Geheimnis ihrer magischen Fingerchen kommen hättest können. Der Sutr war ja eigentlich ein Geiger, aber er konnte auch Gitarre spielen wie ein Teufel. Manche von den Soli haben Joe an eine bestimmte Stelle von Bleu von den Iron Butterfly erinnert. Verdammt ähnlich, aber verdammt gut. Joe hat damals auch einen Bekannten auf dem Konzert getroffen. Man sagte zu ihm nur »Puff.« Der Puff. Niemand wußte, wie er eigentlich wirklich hieß. Der Puff kam aus Lustenau, war ein zartgliedriger Junge mit roten Haaren und sehr weißer Haut. Und sehr sympathisch. Er dealte mit Stoff und Joe erinnerte sich, dass der Puff ihm manchmal ein kleines Peace andrehen wollte, er aber immer ablehnte. War nicht sein Ding. Auch der Elmar trieb sich dort wieder herum, beim Konzert der Landlady. Der Elmar war quasi der Haus- und Hoffotograf der damaligen Vorarlberger Rockszene. Man traf ihn auf jedem Konzert. Er muss tausende von Fotos geschossen haben. Sein Markenzeichen: Bart und grüner Parka. Man erzählte sich, dass er den Hendrix live in München gesehen habe und die Colosseum! Den Hendrix, zu dem Joe im Spaß immer sagte: Jimi Hennele. Für den Gig hatte Joe eine Militärjacke angezogen, original wk ii, von seinem Großvater Hermann. Das kam gut damals. Er weiß noch, wie der alte Häfele mit ihm kurz geredet hat, vielleicht, weil Joe schon etwas älter war als der Durchschnitt. Häfele hat dabei immer von »diesen Beatles« geredet. Meinte damit aber nicht die Beatles aus Liverpool, sondern das jugendliche Publikum mit langen Haaren. Joe legt das Landlady-Bändchen für Johannes beiseite. Versprochen ist versprochen. Joe ist klar: er muss nochmals nach Gargellen. Ins Haus vom Thöny. Vielleicht findet er da eine Spur, die ihn weiterbringt. Er steckt das Geschenk für Johannes ein und holt sich den Dienst- vw. Auf der Fahrt hört er Grand Funk Railroad: Mean Mistreater. Mean mistreater, you make me cry, you lay around, and watch me die. Er hat bereits mit seinem Kollegen in Gargellen telefoniert. Der Schlüssel zum Haus liege bereit. Sei nicht schwer zu finden, ca. 200 m vor dem Madrisa Hotel auf der linken Seite.

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Im Haus vom Thöny: eine Mauser auf dem Dachboden.

Im Kopf von Joe: zzziiiuuu macht die Stalinorgel.

Joe findet das Haus problemlos. Es ist alt und eigentlich winzig. Drinnen schlägt ihm abgestandene Luft entgegen, er öffnet ein Fenster im Wohnzimmer und schaut sich um. Fernseher, Polstergarnitur, das übliche Bild an der Wand: röhrender Hirsch am Waldesrand. Schrank mit eingebauter Bar. Auf dem kleinen Couchtisch ein leeres Glas, eine leere Flasche Bier und ein schmutziger Teller. Daneben das Fernsehprogramm. Nächster Raum Küche. Daneben das Bad. Im Alibert Rasierzeug, Pitralon, Kopfwehtabletten.

Auf der Rückfahrt beginnt es zu schneien. Scheiß Schnee. Hat sich bedankt, der Johannes, als ob’s was Besonderes wäre. Er werde das Bändchen gleich heute Abend anhören. Joe erzählte ihm, dass er gerade beim Thöny daheim gewesen sei und Fotos gefunden habe vom Thöny in Uniform. Ja, der Thöny Fritz sei ein scharfer Hund gewesen, meint Johannes. Ein Fanatiker. Ein Nazi halt. Er selbst? Ja, auch im Krieg gewesen. Sei halt eingezogen worden. Aber nicht freiwillig, das könne er ihm glauben. Nein, er sei nicht mit dem Thöny in derselben Kompanie gewesen. Ihn habe man nach Frankreich geschickt. Der Thöny habe seines Wissens gegen den Russen gekämpft. Schlimme Zeit damals.

Oben das Schlafzimmer. Über dem Bett ein La-Strada Poster. Ein Kasten mit Hemden, Socken, Unterhosen, ein Anzug, Parka, Blaumann. Nichts wirklich Interessantes. Joe weiß nicht recht. Scheint alles an seinem Platz zu sein. Dann entdeckt er die Tür zum Dachboden. Er zieht sie mit einem Stock herunter, klappt die Leiter aus und steigt nach oben. Ein alter Kasten, zwei Küchenstühle, Klamotten, bündelweise Zeitungen und eine große Truhe. Er öffnet sie. Verdammt! Das erste, was er sieht, ist ein Dolch. Schwarze Scheide, am Griff ein eleganter Adlerkopf aus Silber. Dann eine Mauser, in Ölpapier eingewickelt, Magazin leer, eine Gasmaske, ein Wehrmachtspass, ausgestellt auf Fritz Thöny, ein Kuvert mit Fotos. Der Thöny in Uniform. Der Thöny mit Kameraden. Der Thöny auf einem Lastwagen. Rauchend. Joe legt alles wieder in die Truhe. Der Thöny war also im Krieg. Das bringt ihn auch nicht weiter. Viele waren im Krieg. Auch Joes Großvater Hermann, der in Italien von Partisanen erschossen wurde. Der Hermann. Joe weiß noch, wie er das Bild seines Großvaters daheim bei seinen Eltern im Dachboden gefunden hat. Ein schneidiger Mann! Uniform ist ihm gut gestanden. Abgeknallt von italienischen Widerstandkämpfern. Die alte Militärjacke vom Hermann, auch im Dachboden gefunden, hat sich Joe geschnappt. Lagen voll im Trend, die Dinger. Joe schließt die Haustüre zu, legt den Schlüssel unter den Fußabstreifer und macht sich auf zu Johannes. Landlady-Tape vorbeibringen, wenn er schon in Gargellen ist. Freut sich hoffentlich, der Johannes.

Während der Fahrt nach Bregenz denkt Joe an Felix Pappalardi. Was für ein Name. Pa-ppalar-di. Bassist bei den Mountain. Zusammen mit Leslie West, eigentlich Weinstein, einem fetten Jungen aus Queens. Er sollte sich unbedingt die Mountain-lp besorgen. Stand schon lange auf seiner Liste. Vielleicht gleich beim Jäger vorbeischauen. Als Joe noch jung war, galt der Jäger in Hohenems als die erste Adresse für Langspielplatten im Land. Gute Auswahl. Man traf auch lokale Rockgrößen, wenn man Glück hatte. Den Hermann Schartner zum Beispiel oder den Rolf Aberer. Das war schon was! Der Schartner kam ja aus Hohenems und wohnte in einer kleinen Siedlung unter dem Bahnhof. Sehr bescheiden. Aber Zauberfingerchen auf dem Griffbrett. Der Schartner mit seinen langen lockigen, blonden Haaren. Kleines Spitzbärtchen und meistens im grünen Parka. Der wurde immer unterschätzt. Weil er auf der Bühne so ruhig spielte. Keine Show machte. Einfach spielte. Aber wie! Und der Aberer, der Rolf, der war auch aus Hohenems. Und dann noch der Batruel und der Bilgeri. Das Lustige daran war, dass Joes damalige Rock-Helden alle auf demselben Fleck in Hohenems wohnten. Der Schartner, der Batruel und der Bilgeri unter der Bahn, der Aberer über der Bahn. Aber alle in Sichtweite voneinander. Pappalardi kaufen gehen, entscheidet Joe und biegt von der Bundestrasse ab zum Geschäft. In seinem Bregenzer Büro legt er den Plastiksack mit der Mountain-lp auf den Schreibtisch, holt das Schulheft, das jetzt sein Tatort-Heft ist, heraus und trägt seine neuesten Erkenntnisse über den Thöny ein. Fritz Thöny, 51, wohnhaft Gargellen, am 14. Nov. 1975 auf dem Schlappiner Joch gefunden, erstochen mit einem Messer, gemeldet von Johannes, der die Leiche noch in der Nacht ent-

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deckt hat, zweite Spur laut Johannes übers Joch kommend, führt bis zum Toten und wieder zurück in die Schweiz, in der Nacht Schnee, Spuren zugedeckt, über Thöny nicht viel bekannt, eigenes Haus in Gargellen, lebt für sich, keine Familie, im Winter Skilehrer, im Sommer Gelegenheitsarbeiten, laut Johannes »sehr eigen«. War im Krieg. Russland. Angeblich fanatischer Nazi. Soldatenfotos in seinem Haus gefunden, er in Uniform, Wehrmachtspass. Mauser. Dolch mit Adlerkopf.

ihr höllisch schnelles Lied über tödliche Metallröhren spielte. Blutende Orgelpfeifen.

Fickende Hölle, was hat das alles mit dem Schlappiner Joch zu tun? Joes Großvater war auch im Krieg. Eigentlich sagte ihm niemand was Konkretes. Erst auf sein beharrliches Nachfragen hin klärte man ihn auf, dass der Großvater, der Opa, im Zweiten Weltkrieg von Partisanen in Oberitalien erschossen worden sei. ’44 sei das gewesen. Aber nicht in einer Kampfhandlung. Der Hermann stand mit der italienischen Bevölkerung zu sehr auf du und du. Das sei ihm zum Verhängnis geworden. Jemand verriet ihn – den deutschen Wehrmachtssoldaten, der eigentlich ein Österreicher war – und dann hätten ihn Partisanen abgeknallt. Aus dem Hinterhalt heraus. Den Hermann.

Der Gregor war eben zur falschen Zeit geboren worden. Doch das verstand Joe eigentlich erst später, als er ein bisschen älter war. Dann erfuhr er, dass auch sein Onkel Edmund im Krieg »gefallen« sei. Sein Großvater Hermann in Oberitalien. Sein Onkel Edmund in Russland. Auf sein Bohren hin sagte man Joe, der Edmund sei erschossen worden. Das hat Joe tief beeindruckt. Sein Onkel, erschossen in Russland! Die Familie ließ ihn in dem Glauben.

Joe erinnert sich genau an das Bildchen vom Hermann in Uniform, das er auf dem elterlichen Dachboden gefunden hatte. Er sei ein sehr sanfter Mann gewesen. Joe wusste noch, dass, wann immer es seiner Großmutter schlecht ging, sie in Tränen ausbrach und rief: »Hermann hol mich, Hermann hol mich doch!« Sie meinte damit, dass der Hermann sie zu sich in den Himmel holen soll. Die Wahrheit über Hermanns Tod erzählte ihm der Gregor, der nach dem Krieg bei der Großmutter lebte, in wilder Ehe sozusagen. Im Sommer, wenn der Gregor Zeit hatte, setzte sich der kleine Joe auf die grün gestrichene Gartenbank vor dem Haus und lauschte Gregors Geschichten vom Krieg. Von der wahnsinnigen Kälte und vom hohen Schnee, und dass sie nichts zu essen hatten, drüben beim Russen. Es hieß immer nur: der Russe. Der Gregor sprach auch von den Rossen, die schwere Lasten ziehen mussten. Gregor verstand was von Pferden, er selbst führte vor dem Krieg ein Fuhrwerk für eine Brauerei. Damit ging’s sogar bis in den Bregenzerwald. Damals. Vor dem Krieg. Die Rosse taten ihm halt leid. Viele Rosse gingen ein, drüben beim Russen. Und wenn der Gregor dann von der Stalinorgel berichtete, spitzte der kleine Joe immer die Ohren. Die Stalinorgel! Das klang so mächtig! Höher als ein Haus! Die russischen Geschütze waren Mehrfachraketenwerfer und verschossen ein fürchterliches Trommelfeuer. Bei den Russen hieß sie Katjuscha. Der Klang sei gewesen wie der von einer zischenden Orgel. Nur, dass sie 24

Die Stalinorgel. Davor hatten alle deutschen Soldaten Schiss! Joe wollte von ihm wissen, ob er freiwillig in den Krieg gegangen sei. »Nein«, sagte der Gregor immer, »wir haben halt einrücken müssen«, was soviel bedeutete, wie: man hat ihn einfach eingezogen.

Später, als er in Innsbruck studierte, schrieb er einen Brief nach Berlin. An die Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Er wollte mehr herausfinden über seinen Onkel Edmund. Mit der Antwort aus Berlin kam eine von der Gemeinde Hohenems im Jahr 1951 beglaubigte Abschrift eines Schreibens von einem Oberleutnant Max Hosp. Der schrieb: »Im Felde, 10. April 1945. Ich habe ihren Brief vom 26. März 1945 erhalten und bedaure, Ihnen folgende Mitteilung machen zu müssen. Ihr Sohn Edmund war in der fraglichen Zeit der Dienststelle Feldpostnummer 09469C unterstellt. Meine sofort angestellten Ermittlungen haben folgendes ergeben. Ihr Sohn Edmund Fleisch verübte am 18.9.1944 Selbstmord. Ein Unglücksfall liegt nicht vor. Ihre Vermutung, dass Edmund aus Feigheit diese Tat beging, trifft bestimmt nicht zu, da er sich bei früheren Kampfhandlungen stets als braver und tapferer Soldat gezeigt hat. Seine Kameraden sagen einstimmig aus, dass er ein schweres Seelenleiden gehabt haben muss. Er hat oft tagelang mit keinem gesprochen und ging immer traurig seinen Gedanken nach. Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine andere Mitteilung machen kann. Heil Hitler. Hosp.« Das Schreiben des Oberleutnants war an Joes Großmutter mütterlicherseits, die Anna, gerichtet. Sie hatte also damals auch einen Brief geschrieben, weil sie wissen wollte, was genau mit ihrem Sohn Edmund, Joes Onkel, passiert war. Jetzt hatte er es schwarz auf weiß. Sein Onkel Edmund hatte sich selbst erschossen! In Russland, tausende Kilometer weit weg vom heimatlichen Altach.

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Joe erinnert sich, dass ihm die Tränen kamen und dass er eine Stinkwut auf seine Familie hatte, die ihn einfach im Dunkeln tappen ließ, aus welchen Gründen auch immer. Er war stolz auf Edmund. Hatte sich dem Ganzen entzogen. Freiwillig. Wollte nicht mehr mitmachen, nicht mehr töten vielleicht. Alles sinnlos. Joe verstand und bewunderte ihn. Den Brief aus Berlin zeigte er niemandem. Jetzt endlich kannte er die Wahrheit. Sein Großvater von Partisanen erschossen, sein Onkel von eigener Hand gestorben. Der Edmund war nicht »gefallen«, wie ihm seine Familie immer weismachen wollte, der Edmund hatte sich selbst aus der Schusslinie genommen. Im Begleitschreiben der Dienststelle stand, dass er bei den Gebirgsjägern war. Das bewies wohl klar, dass er eigentich hart im Nehmen war, denn bei der Truppe gings ganz schön zur Sache. Ein Seelenleiden. Heute würde man sagen, der Edmund war traumatisiert. Joe hob den Brief in einer eigenen Mappe auf. Das war sein Schatz. Ein Silberfaden zur Geschichte. Ein heller Schein am dunklen Firmament seiner Familiengeschichte. Für ihn war er ein besonderer Mensch. Der Edmund. Und auch der Hermann, sein Großvater. Ein Bildchen mit dem Hermann in Uniform legte er ebenfalls in die Mappe. Joe musste mehr über das Gebirgsjäger-Regiment 144 wissen! Zumindest fand er soviel heraus: in der Zeit, als sich Edmund das Leben nahm, hatte das Regiment bereits schwerste Verluste in Kämpfen gegen die Rote Armee in der Südukraine erlitten. Dann setzte sich die Truppe, die eigentlich nur noch ein Trüppchen war, an die Moldau nach Rumänien ab, die Rote Armee immer hart auf den Fersen. Schwerste Verluste. Joe konnte nur ahnen, was das bedeutete: viele Tote, viele Verletzte, viele Verstümmelte. Soldaten, die zur Schlachtbank geführt wurden. Da war doch ein Seelenleiden fast logisch. Und der Edmund war noch sehr jung, als er an die Front kam. Vielleicht gleich alt, wie Joe jetzt war. Fickende Hölle, dachte Joe, sie mussten töten oder wurden getötet. Und wir gehen eben mal auf ’ne Demo. Unlucky Generation. Die Jungs damals hatten gar keine Wahl, das hat ihm der Gregor erzählt. Verweigern? Desertieren? Vergiss es!

In der Blockhütte: Johannes und der Schneemann. Die Ergebnisse der Gerichtsmedizin aus Innsbruck waren da. Joe öffnet die dünne Mappe und überfliegt die paar Blätter. Todesursache: Messerstich ins Herz. Ein einziger Stich. Keine weiteren Stichwunden. Keine Abwehrverletzungen. Annähernde Todeszeit: zwischen 21:00 Uhr und Mitternacht. Der Tote: männlich, kräftige Statur, muskulös, gut trainiert. Besondere Kennzeichen: keine. Letztes Essen: Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat. Joe flucht. Das bringt ihn alles nicht weiter. Das einzige, was er vielleicht daraus schließen kann, ist, dass der Thöny seinen Mörder gekannt hat. Es gab keinerlei Abwehrverletzungen. Er greift zum Hörer und ruft die Kollegen in Klosters an. Dort hat man schon vom Toten auf dem Joch gehört. Nein, in der Nacht vom 14. auf den 15. seien keine besonderen Vorkommnisse gemeldet worden. Nein, es seien keine Grenzpatrouillen mehr unterwegs in dem Gebiet. Ja, er könne gerne jemand aufs Joch schicken, um nachzusehen, ob noch Spuren zu sehen sind. Ja, er melde sich wieder, sobald er was habe. Viel Glück bei der Arbeit. Tschau, Tschau. Joe kommt nicht weiter. Der Mord, und es war Mord, macht keinen Sinn. Warum steigt jemand in der Nacht aufs Joch, trifft dort seinen Mörder und wird umgebracht? Und wer hat Interesse oder ein Motiv, den Fritz Thöny aus Gargellen umzubringen? Es liegt überhaupt nichts gegen ihn vor. Sein Strafregister ist sauber und soweit es Joe bisher beurteilen kann, war der Thöny ein ganz normaler Gargellener, der zwar, laut Johannes, ein fanatischer Nazi im Krieg war, sonst aber alles im grünen Bereich. Eigenes Haus und immer Arbeit. Im Dorf verhielt man sich distanziert zu ihm, aber er war kein Außenseiter. Wer hat den Thöny umgebracht? Er wird nochmals nach Gargellen fahren müssen. Die Hütte von Johannes ist leer. Die Türe offen. Johannes ist nicht da. Scheiße, denkt Joe, warum hat er kein Telefon. Er setzt sich an den Tisch und wartet. Es ist gemütlich warm. Auf dem Herd steht eine Teekanne. Johannes nimmt sich eine Tasse vom Regal und schenkt sich einen Tee ein. Raucht eine. Trinkt Tee und wartet auf Johannes. Nach einer Stunde geht die Tür auf und Johannes kommt herein. Er staunt etwas über den Besuch, ist aber freundlich. »Du hast Tee gefunden?«

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»Ja, danke.«

»Leuten helfen.«

Joe grinst Johannes an und hebt die Tasse zum Zeichen, dass ihm der Tee schmeckt.

»Leuten helfen?«

»Ich muss nochmals mit dir reden.«

»Ja, Leuten helfen. Über die Grenze.«

»Über den Thöny?«

»Du hast Leute illegal über die Grenze gebracht? Wo?«

»Ja.«

»Am Joch natürlich. Leichter Übergang.«

»Du hast gesagt, ihr seid beinahe mal Freunde gewesen, früher.«

»Wann war das?«

»Kann schon sein. Lange her.«

»’38 vor allem, ’39 auch noch.«

»Vor dem Krieg?«

»Im Kriegsjahr?«

Ein Schuss ins Blaue. Doch Joe merkt, dass er ins Schwarze getroffen hat.

»Ja. Später haben sie die Grenze dichtgemacht. War nicht mehr möglich, übers Joch zu kommen. Sperrzone.«

»Vor dem Krieg, ja. Haben wir viel miteinander gemacht.« »Was denn?« »Schitouren, ich bin viel Schitouren gegangen mit dem Schneemann.« »Schitouren. Wohin?« »Überall. Piz Buin, Schesaplana, Brandner Gletscher, Sulzfluh und aufs Joch hinauf natürlich, oft.« »Im Winter? Auf die Schesaplana?« »Ja, das geht gut. Damals war ich ja noch jünger.« »Und dann?« »Haben sich unsere Wege getrennt.« »Warum?«

Johannes schenkt sich auch eine Tasse Tee ein und setzt sich an den Tisch. Er trinkt langsam. Zündet sich eine an. Raucht. Joe wartet. Wartet, dass Johannes weiter redet. Hat also als Schlepper gearbeitet oben am Joch. Na ja, Schlepper? Ein Führer eher, der sich im Gebiet auskennt, denkt Joe. Menschen über die Grenze geführt. Von hier nach drüben. In die Schweiz. In die freie Schweiz. Nicht schlecht. Joes Respekt vor Johannes steigt. Hört Gamblers und hat früher Leute über die Grenze gebracht. Bei Nacht und Nebel. »Du hast ihn vorhin den Schneemann genannt?« »Den Thöny Fritz, ja. Schneemann, so haben wir ihn gerufen. Weil er auf den Schitouren immer voller Schnee war beim Abfahren, auch wenn alle anderen kein Stäubchen Schnee am Körper hatten. Der Fritz war immer voller Schnee. Deshalb haben wir ihn den Schneemann getauft.«

»Er ist ein Nazi geworden.«

Joe weiß nicht weiter. Was soll er noch fragen. Ist zwar alles ganz interessant, was Johannes erzählt, aber es bringt kein Licht in die Mordsache. Wer hat den Schneemann umgebracht?

»Und du?«

»Was waren das für Leute, die du rüber gebracht hast?«

»Ich? Hab’ anderes zu tun gehabt.«

»Leute halt.«

»Was denn?«

»Ja klar, aber was für Leute?«

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»Rote und Juden.« »Rote? Du meinst Kommunisten?« »Manche ja, die meisten waren Sozialdemokraten.« »Sozialdemokraten? Wurden die auch verfolgt?« »Klar, ab ’34 ging’s los. Die kamen halt nur früher dran wie die Juden.« »Und die Juden? Männer und Frauen?« »Ja.« »Haben die dich bezahlt?« »Manchmal.« »Und du bist nie erwischt worden?« Johannes zögert für einen Sekundenbruchteil.

Beide schweigen und trinken weiter ihren Tee. Rauchen. Schauen zum Fenster hinaus. Man kann das Joch gut sehen. Das Schweigen dauert. Joe hat es nicht eilig. Ein Gedanke taucht auf. Hatte die Sache mit der Kriegszeit zu tun? Joe verwirft ihn. Kann nicht sein. Laut Johannes war der Thöny damals in Russland, als Soldat. War gar nicht hier in Gargellen. War weit weg, der Schneemann. Johannes räuspert sich. »Die Leute waren auf der Flucht vor den verdammten Nazis. Schlimme Zeiten. Konnten nichts dafür. Waren halt Sozialdemokraten und Juden. Wurden vertrieben. Und später eingesperrt und in den kzs umgebracht. Ganze Familien. Hier kamen einfach Leute aus Wien an, die wollten rüber in die Schweiz, weil sie hier in Österreich oder drüben in Deutschland nicht mehr sicher waren. Ihres Lebens nicht mehr sicher. Denen hab ich geholfen. Nicht wegen dem Geld, aber mir sind die Nazis schon damals extrem auf den Wecker gegangen. Und der Schneemann, ja, der Schneemann war einer von ihnen.« »Habt ihr das gewusst mit den kzs?«

»Andere schon?«

»Alle haben gewusst, was mit den Juden passiert, wenn man sie an der Grenze erwischt. Man musste nur das Tagblatt lesen. Wir haben einfach nicht das ganze Bild erfasst. Das ist uns erst nach dem Krieg klar geworden.«

»Ja, manche.«

»Aber die Nazis waren doch Anfang ’38 noch gar nicht an der Macht bei uns.«

»Aber du nicht?«

Johannes lächelt.

»Nein.«

»Wollte ihnen helfen. Waren auf der Flucht.«

»Stimmt, aber sie waren überall. Sind sogar mit den Grenzern Patrouille gegangen. Freiwillig natürlich. Eigeninitiative. Vor allem sa. Die wussten genau, dass viele über die Grenze gingen hier. Überall. Schlappiner Joch, Antönier Joch, durchs Brandnertal über den Lünersee zu den Übergängen dort. Und drunten über den Rhein.«

»Auf der Flucht?«

»Und wie hast du sie hinüber gebracht?«

Johannes mustert Joe eindringlich und schüttelt leicht den Kopf.

»Zu Fuß natürlich, im Sommer auf den Schleichwegen, im Winter durch den Schnee gestapft, manchmal mit Schi und Fellen.«

»Nein. Ich nicht.«

»Warum hast du das gemacht?«

»Du weißt nicht viel über die Zeit, oder?« »Nein, nicht viel, wenn ich ehrlich bin. Nur das, was mir der Gregor erzählt hat über den Krieg. Als ich noch klein war. Ein Freund in unserer Familie.« »Aha.«

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»Nachts?« »Ja klar.« »Und dann?«

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»Was dann?« »Wohin hast du sie gebracht?« »Klosters. Von dort aus sind sie selbst weiter.« »Wohin?« »Zürich, die meisten. Ja, Zürich.« »Und die Leute hier im Dorf? Haben die das gewusst?«

»Nein, ich war nie politisch. Bin so, wie ich bin. Kann es nicht leiden, wenn jemand Leute einsperrt, nur weil sie Juden oder Rote sind. Nur, weil’s einer befiehlt!« »Verstehe.« »Weißt du, wenn du in den Bergen aufgewachsen bist, dann tust du dir schwer mit Autoritäten. Zumindest ich. Ich bin es gewohnt frei zu leben, ohne dass mir jemand Befehle gibt. Weißt du, was ich meine?«

»Und der Thöny?«

Joe weiß es ganz genau. Und verflucht wieder mal seinen Entschluss, zur Kriminalpolizei gegangen zu sein. Es ist gegen seine Natur. Er will frei sein. Sound hören und eine Arbeit machen, die ihm nicht als Arbeit vorkommt. Aber er musste zu den Bullen gehen. Ganz schön blöd, sich so blenden zu lassen.

»Hat es auch gewusst. Ist ja freiwillig Patrouille gegangen. War ein scharfer Hund.«

»Ja, ich weiß, was du meinst.«

»Und ihr seid euch nie begegnet?«

»Wie hat dir das Landlady-Tape gefallen?«

»Nein. Man musste halt wissen, wo die Grenzer gehen.«

»Super! Woher hast du es?«

»Und was wäre gewesen wenn?«

»Mitschnitt von ’nem Konzert im Hohenemser Kino.«

»Weiß nicht. Wäre blöd gewesen.«

»Toller Sound. Fegt gut. Hab ich nicht gekannt. Danke!«

»Gefährlich?«

»Du, Johannes?«

»Weiß nicht. Aber man hat sich nicht erwischen lassen dürfen. Wäre schlimm ausgegangen. Gefängnis mindestens.«

»Ja?«

»Haben alle gewusst.«

»Hast du den Thöny gehasst?« »Gehasst? Nein, der war halt ein Nazi. Mir aber egal. Fanatiker halt. Heißes Blut.«

»Weißt du was über den Tod vom Schneemann?« Johannes schaut Joe direkt in die Augen.

»Und später seid ihr eingezogen worden?«

»Nein. Nichts. Hab’ ihn nur gefunden. Oben am Joch. Im Schnee, im verdammten. Lag einfach da und war tot.«

»Ja.«

»Hab ich mir eh gedacht. Na ja, danke fürs Gespräch.«

»Warst du selbst ein Roter?«

»Nichts zu danken.«

»Ich, ein Roter?«, Johannes lacht.

Joe steht auf, gibt Johannes die Hand und geht langsam zur Tür hinaus. Sein Kopf ist voll von den Geschichten, die ihm Johannes erzählt hat.

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Im Auto: Joe wird weich bei hartem Rock. Auf dem Rückweg legt er ein altes Tape der Gamblers ein. Hat er schon lange nicht mehr gehört. Die Gamblers. Das waren die Anfänge. Joe weiß es noch wie heute: sein erstes Konzert mit einer Rockband aus dem Land war das mit den Gamblers. Batruel, Kyzia, Hämmerle. Gitarre, Bass, Schlagzeug. Im Schützenheim, einer Wirtschaft in Hohenems. Neben dem Gasthaus stand ein kleiner Schlepplift, der Schütz, und man konnte ganz gemütlich Ski fahren dort. Auch Joe lief oft mit den Schiern auf der Schulter von Zuhause zum Schütz, um dort Ski zu fahren. Im Sommer saßen die Leute auf der Terrasse. Im Gasthaus gab es eine Art kleinen Saal, der nach hinten raus ging. Normalerweise hielt man dort Jassabende oder Tanzveranstaltungen ab. Die Roulettis vielleicht? Dann aber die Gamblers. Ohne Podest. Auf gleicher Höhe wie die Zuschauer. Joe sieht das Bild klar vor sich: Batruel spielte über einen großen Marshall Amp und hatte seine Gibson Les Paul umgeschnallt. Diese hob und senkte er, parallel zum Rhythmus. Dazu zuckte sein Oberkörper vor und zurück. Voll im Sound gefangen, der Typ. Das hatte schon damals Eindruck auf Joe gemacht. Kyzia spielte, wenn er sich recht erinnerte, über einen Orange Verstärker. Er wusste noch, wie ihn die Gambler-Songs aus den Schuhen warfen. Alles EKs. Eigenkompositionen. Es war, wie wenn man Zug fährt, du wirst ständig leicht hin und her geschaukelt. Nur tausendmal stärker. Die Tonwand aus den Verstärkern warf dich gnadenlos hin und her, vor und zurück. Und die Basslines flogen dir wir ein Hammer entgegen, ein Hammer, der dir mit der Spitze nach vorn in den Bauch geschlagen wird. War der Schartner auch dabei, damals droben im Schützenheim, in Hohenems? Oder war der schon bei den Wanted? Joe saß auf einem gewöhnlichen Wirtshausstuhl direkt vor der Band, wippte mit dem Fuß und hatte das Geschehen auf Armeslänge vor sich. Batruel hatte es voll drauf auf seiner Gibson. Er spielte sogar mit den Zähnen. Super Trick. Lange Mähne, Oberlippenbärtchen, das über die Mundwinkel herunterhing, cooles Hemd mit Blumenmuster und die unvermeidliche schwarze Hose mit Schlag. Wow, der Typ konnte den Blues spielen. Seine Spezialität aber war, dass er sich eine brennende Zigarette in die Saiten bei den Gitarrenwirbeln steckte. Manchmal nahm er einen Zug und steckte sie wieder dorthin zurück. Damals, als Joe noch etwas jünger war. Im Schützenheim. In Hohenems. Extrem progressive Zeit für ihn. Mit dem Schützenheim verband Joe eine andere Begebenheit. Als er noch ein kleiner Bub war, streifte er mal mit seinem Bruder unterhalb des Schützenheims im Wald herum, wie

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immer auf Abenteuer aus. Plötzlich traten da zwei große Jugendliche aus dem Gebüsch, oh Schreck, der Zeller und der Sulpa. Der Zeller sagte zum Sulpa: Pezi, hol Lianen. Tja, und mit Baumlianen fesselten die beiden meinen Bruder und mich, und wir waren etwa zwei Stunden die Gefangenen vom Zeller und vom Sulpa, bis sie uns dann wieder frei ließen. Wir hatten einen ziemlichen Schreck. Der Zeller war der Sohn vom Metzgermeister Zeller und galt als Raufbold. Der Sulpa hat sich später eine 750er Honda gekauft und ist zu den Hells Angels gegangen. Über den Gamblers-Chef, den Batruel, hat man sich im Ort den Mund zerissen. Er sei ein Gammler, ein Beatle. Er sei schon in Spanien gewesen, habe schon in Spanien gespielt. Im Sommer konnte man ihn in den Hohenemser Baggerlöchern sehen. Das waren kleine Baggerseeen, die parallel zum Alten Rhein lagen, direkt an der Grenze zur Schweiz. Der Batruel beim Baden. Beim Sonnenbaden. Braungebrannt. Mit Miezen. Immer waren da junge leckere Frauen mit von der Partie, die – Joe erinnerte sich ganz genau – irgendwie geil auf dich wirkten und deine Fantasien beflügelten, bis sie sich in deiner Badehose zu einem Steifen manifestierten. Später dann vielleicht, in einer schönen Sommernacht, habe er dann in der Bonanza-Bar einen Soloact nur mit seiner Acoustic gespielt. Die Bonanza-Bar war eine Spelunke, nichts für brave Hohenemser. Und noch nichts für Joe. Er war zu jung. Aber die Bonanza, wie man sie nannte, war wie ein Versprechen für ihn. Ein Gemisch aus jugendlich fabuliertem Geheimnis, Verbot und magischer Anziehung. Dort hingen schräge Vögel und die Rocker ab. Der Batruel habe dort spät nachts immer einen Favoriten fürs Publikum gespielt: Schatz kof mir a Voglhüsli und i ha di gern, Schatz kof mir a Voglhüsli und i han di gern. Und dänn voglamr mitanandr in dem Hüsli ummanandr bis mr gnua hond vonanandr du und i. Das war der Batruel, dachte Joe. Der erste Rockmusiker im Land. Das Konzert der Gamblers im Schützenheim, Joes erstes Rockkonzert, war für ihn ein Schlüsselerlebnis. Man kann es eine Offenbarung nennen. Joe hatte solchen Sound noch nie gehört. Zuhause besaß er ein paar Platten mit Liedern wie Mendocino von Holm oder Es geht eine Träne auf Reisen von Adamo. Die Gamblers aber warfen ihn buchstäblich um. Damals ging er auf Wolke sieben nach Hause. Und dachte, dass es auch in Hohenems ein anderes Leben geben musste, als das, das er zu führen gezwungen war. Tag für Tag. Die Gamblers hatten beim jungen Joe so etwas wie ein revoltierendes Potential aufgetan. Zumindest aber einen nicht mehr auszulöschenden Hang zur Revolte gegen alles Autoritäre freigesetzt. Joe fühlte sich wie Schneewittchen. Geweckt vom magischen Kuss der Bluestonleitern. Für Joe war Hohenems zu jener Zeit, neben der grenzenlosen Langeweile, definitiv der Nabel

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seiner Rockwelt. Alles, was er ersehnte, spielte sich hier ab. Der Plattenladen vom Jäger, Konzerte im Schützenheim, im Kino und auf dem Fußballplatz, der Batruel, der Schartner, der Aberer, der Bilgeri. Die Gamblers, die Wanted und die Landlady. Super Sound und flotte Miezen. Beste Simultanwelten, in die einzutauchen es sich immer lohnte. Kleine Biotope als Bollwerk gegen die Oden der Öde. Das Interessante war, dass der Batruel, der Schartner und der Bilgeri alle in derselben Straße in Hohenems wohnten. Der Bilgeri in einem Haus mit Balkon und gepflegtem Garten, der Schartner in einer Wohnung in den Südtirolersiedlungen und der Batruel in einem damals noch unverputzten Häuschen, alle direkt unter der Bahnlinie, in der Herrenriedstraße, einen Steinwurf vom Hohenemser Bahnhof entfernt. Sollte mal einer nach den Wurzeln der Rockmusik in Vorarlberg suchen, so wäre die Herrenriedstraße so was wie das Epizentrum der gitarrenverstärkten Erschütterungen, die mit Dopplereffekt durch ganz Vorarlberg jaulten. Von diesen Musikern sprach man im Kreis seiner Kumpels nur mit höchster Ehrfurcht. Und wenn Joe am Bahnhof Hohenems auf den Zug zu seinem Gymnasium in Dornbirn wartete — meistens begann der Schultag für ihn und seinen Kumpel Sandro an einem Flipperkasten im Café Jasmin — konnte er manchmal den Aberer sehen, wie er am Gleis stand mit seinem Riesen-Kontrabass-Koffer, auf dem Weg nach Bern, wo er die Jazz-Schule besuchte. Der Aberer. Die Jazz-Schule. In Bern! Wenn er dir dann sogar auch noch zunickte, zum Zeichen des Wiedererkennens, dann fühltest du dich haushoch. Zugenickt, der Rolf. Dir. In Hohenems. Am Bahnhof. Mann! Joe ist wieder zurück in Bregenz. Scheiß Job. Er kommt nicht weiter. Immerhin hat er von Johannes Interessantes aus der Vorkriegszeit erfahren. Nicht schlecht, der Typ, bringt einfach Leute über die Grenze, obwohl es verboten ist und, wenn er erwischt worden wäre, sicher mit Gefängnis bestraft worden wäre. Auf seinem Schreibtisch stapelt es sich. Er hat in den letzen Tagen alles liegen gelassen. Der Schneemannfall geht vor. Sollen ihn doch alle mal. Eigentlich müsste er schon längst das Handtuch werfen. Scheiß Job. Warum bin ich hier gelandet? Joe kommt sich verloren vor. Er sitzt in seinem Büro, schaut auf den Scheiß See hinaus, während draußen die Welt in einem einzigen Riesenfick aus geilen Hooklines explodiert. Ich sage nur Albatros von Fleetwood Mac und Going Home von Alvin Lee. Joe macht sich auf den Heimweg. Kann eh nichts mehr tun hier. Der Bericht der Spurensicherung soll morgen erst kommen. Er hat keine Lust mehr, im Büro herumzuhängen.

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Bei Joe zuhause: Cohen beruhigt, Susi nervt. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Er haut sich eine Bratwurst in die Pfanne und isst sie mit Brot und Senf. Trinkt ein kleines Bier dazu. Dann geht er ins Wohnzimmer und – er ist selbst erstaunt über seinen erlesenen Musikgeschmack – legt Leonard Cohen auf. Bird on the Wire. Er will den Abend ruhig angehen. Das Zimmer ist spärlich möbliert. Ein niedriger Couchtisch steht mitten im Raum auf dem unbehandelten Riemenboden. Drei riesig große Kissen, schwarz-weiß-diagonal gemustert stehen herum. Im Eck steht der Fernseher und an einer Wand seine Stereoanlage. Daneben eine rote Lava-Lampe und ein Stapel Langspielplatten. Keine Pflanzen. Auf dem Tisch ein paar Patchouli Räucherstäbchen. Seine Vorliebe für diesen Duft hat er aus seiner Jugend herübergerettet. Ein Bowie-Plakat klebt über der Musikanlage. Zu Cat Stevens sagt Joe immer noch: die Katze Stefens. Er sollte sich wieder einmal bei Susi melden. Jetzt gerade ist Pause zwischen ihnen. Beide haben beschlossen, sich eine Weile nicht zu sehen. Susi ist Joes Freundin. Eigentlich. Oder auch nicht. Joe findet Frauen sehr anstrengend. Vielleicht ist es aber auch nur Susi, die nervt. Vielleicht ist er es selbst. Who the fuck knows. Mit ihr ist es manchmal ziemlich ok. Zumindest im Bett, oder wenn sie im Sommer an die Pipeline baden gehen. Aber dann kommt wieder so ’ne strenge Zeit, wo dann alles wieder auf den Kopf gestellt wird und Fragen über Fragen auftauchen, was er denn eigentlich von ihr wolle und ob er sich ein Kind vorstellen könne und ob sie sich nicht eine Wohnung kaufen sollen / können / müssen. Verdammt, Joe hat noch nicht einmal einen Bausparvertrag. Eine Familie? Ja, schon. Aber nicht jetzt. Jetzt bitte leben! Den Lautstärkeregler bis auf zehn aufdrehen und abtauchen in die tiefen Fluten des wogenden, wiegenden Rocks. Abtauchen in die Fluten des Rocks. Joe kann es hören. Und beinahe riechen. Am Morgen findet Joe den Bericht der Spurensicherung auf seinem Schreibtisch. Thönys Kleidung: Skihose, Pulli, Anorak. Spuren darauf: keine. Tatwaffe: Messer mit langer, kräftiger Klinge, vermutlich Bowie-Messer. Fingerabdrücke: keine. Das war’s dann auch schon. Dazu noch zwei Schwarzweiß-Fotos vom Fundort der Leiche, aufgenommen von den Kollegen vom Posten Gargellen. Viel zu sehen ist nicht. Eine kleine Mulde im Schnee, dort wo der Tote wahrscheinlich gelegen hat, die Schispur zurück aufs Joch, die Johannes gesehen hat, ist auf dem Foto verschwunden. Zugedeckt, denkt Joe. Schnee, nichts als Schnee. 37


Joe schmeißt den Bericht in eine Schublade. Was hat er? Er zieht sein Tatort-Heft heraus und liest: Fritz Thöny, 51, wohnhaft Gargellen, am 14. Nov. 1975 auf dem Schlappiner Joch gefunden, erstochen mit einem Messer, gemeldet von Johannes, der die Leiche noch in der Nacht entdeckt hat, laut Johannes zweite Spur übers Joch kommend, führt bis zum Toten und wieder zurück in die Schweiz, in der Nacht Schnee, Spuren zugedeckt, über Thöny nicht viel bekannt, eigenes Haus in Gargellen, lebt für sich, keine Familie, im Winter Skilehrer, im Sommer Gelegenheitsarbeiten, laut Johannes »sehr eigen«. War im Krieg. Russland. Angeblich fanatischer Nazi. Fotos in Uniform in seinem Haus. Wehrmachtspass. Mauser. Dolch mit Adlerkopf. Motiv in der Vergangenheit? Johannes sagt, der Thöny sei freiwillig Patrouille gegangen mit den Grenzern. Johannes selbst als Schlepper unterwegs. Sozialdemokraten und Juden über die Grenze gebracht. Spurensicherung ergibt nichts, keine Fingerabdrücke auf dem Messer, keine auf der Kleidung des Toten. Zwei Fotos zeigen die Stelle, sonst alles vom Schnee zugedeckt. Johannes erzählt, er sei mit dem Thöny früher Schitouren gegangen. Man habe ihn den Schneemann genannt. Das ist zwar einiges, aber eigentlich auch gar nichts. Joe erkennt kein Motiv. Jemand kommt vom Joch her, trifft den Schneemann, ersticht ihn und geht wieder übers Joch nach Graubünden hinüber. Das sind die mehr als dürftigen Fakten bisher.

Der Johannes lockt den Schneemann aufs Joch, bringt ihn um, kräftig genug ist er, der Johannes, und meldet dann, dass er den Thöny oben am Joch gefunden habe. Tot. Der Fall wäre gelöst. Nur: der Johannes hat gesagt, dass er nichts mit dem Tod des Schneemanns zu tun hat. Und Joe glaubt ihm. Und noch was: der Mord passiert erst 30 Jahre nachdem die beiden dort oben aktiv gewesen sind. 30 Jahre sind eine lange Zeit. Zu lange, denkt Joe. Er kann den Johannes streichen. Wer hat den verdammten Schneemann gekillt? Joe ist nun sicher, dass er graben muss. Mehr in der Vergangenheit rumstochern. Wie wenn ’ne Lawine runterkommt. Dann muss man auch graben, tief manchmal. Er weiß, wer ihm weiterhelfen könnte. Max. Der liebenswerte, menschenscheue, versponnene Max. Der kennt sich aus mit Geschichte. Der weiß alles. Joe ruft ihn an. Max ist zuhause. Er sagt, was los ist und fragt ihn, ob er ihn über die Grenze im Krieg löchern könne. Hier im Land. Geht klar. Treffen wir uns im Faß, meint Max.

Joe hat jetzt zwar ein klareres Bild vom Thöny, vom Schneemann, und weiß, dass er vor dem Krieg sogar freiwillig mit den Grenzern die Grenze »gesichert« hat, dass er wahrscheinlich ein fanatischer Nazi war, aber das hilft ihm alles nicht auf die Sprünge. Johannes’ Geschichte über die Verhältnisse an der Grenze kurz vor dem Krieg fand er interessant. Joe hatte keinen blassen Schimmer davon, dass hier im Land damals viele Schicksale entschieden wurden. Dass es um Leben oder Tod ging, dass die Leute einfach abhauen wollten über die Grenze in die Schweiz. In die Freiheit. Dass es Menschen gab, die diesen Flüchtlingen halfen, so wie der Johannes. Und dass es Fanatiker gab, die das verhindern wollten. So wie der Schneemann. Johannes und der Schneemann. Sind einmal Freunde gewesen. Dann aber verschiedene Wege gegangen. Er brachte Leute über die Grenze, der andere versuchte, das zu verhindern. Ein super Motiv, eigentlich. Johannes auf der einen Seite, der Schneemann auf der anderen. Johannes ein Menschenfreund, der Schneemann ein Menschenfänger. Zuerst Freunde. Dann aber Feinde?

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Im Heidelberger Fass: Max wirft Geschichte an. Joe kommt etwas zu früh und sucht sich einen ruhigen Tisch. Max ist pünktlich, wie immer. Heute ganz in Schwarz. Schwarze Jeans, schwarzes zerknittertes Hemd und ein schwarzes Irgendwas von einer Jacke. Hat sich auch einen Bart wachsen lassen, seit ihn Joe das letzte Mal getroffen hat. »Hallo Max.« »Joe.« Sie bestellen beide große Helle und Joe zündet sich eine an. Max raucht nicht. »Der Schneemann also?« »Der Schneemann.« »Darüber weiß ich natürlich nichts. Ist dein Fach. Ich bin nur ein Konservator. Du verstehst?« Max grinst über seine eigenen Worte. Joe hat den Max während des Studiums kennen gelernt. Er Jus, das er später abgebrochen hat, Max Geschichte, Philosophie, Politikwissenschaft. In Innsbruck, wo alle Vorarlberger studierten. Oder fast alle. Damals. Max ist ein Gelehrter. Ihn interessiert alles, was man in Büchern lesen kann oder in Lexika, Akten, Papieren. Das Leben muss warten. Joe weiß noch, er konnte in die Disco gehen und morgens um drei noch bei Max läuten auf dem Rückweg zu sich nachhause. Max schlief nie. Max war immer wach. Meistens hatte er ein Buch in der Hand. Sie machten dann zwei starke Espressi, setzten sich an den kleinen Küchentisch und diskutierten. Falsch, Joe hörte zu. So war das. Max hielt Monologe, auf ein Stichwort von Joe hin. Vietcong und Viet Minh, Maoismus, Widerstand, Robesspierre, Danton, aber auch de Sade, Benjamin (»Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«), Popkultur, Bob Dylan, Bambule, Für eine Handvoll Dollar. War immer spannend, Max zuzuhören. Joe war immer von den Socken, was in Maxens Kopf alles gespeichert war. Ein lebendes Lexikon. Der Preis dafür war Einsamkeit. Max dankte es Joe, dass er manchmal bei ihm vorbeischaute und ihn rausriss, raus ins Leben. Joe schleppte ihn meistens in ein Bierlokal. Unter Leute kommen sei wichtig, sagte Joe. Und dann waren sie unter Leuten, und Max fühlte sich richtig wohl, aber er nahm seine Umgebung nicht

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wirklich wichtig. Er erzählte, redete, schwadronierte. Mitteilen, das war der Motor für Max. »Schlappiner Joch, Max. Sagt dir das was?« »Gargellen. Grenzjoch. Warenverkehr immer schon von drüben ins Montafon. Vor dem Krieg Schlupfloch für Flüchtlinge. Das wolltest du doch wissen, oder?« »Ja klar. Hast du noch mehr auf Lager?« Max nahm einen Schluck und lehnte sich gemütlich zurück. »Kurz nach dem Anschluss gab es hier in Vorarlberg richtige Fluchtwellen. Sozialdemokraten und Juden vor allem. Kamen zu Tausenden und wollten rüber nach St. Gallen. In den Kanton halt. Die Nazis haben das geduldet, zuerst. Haben die Juden aktiv vertrieben, haben denen sogar falsche Pässe ausgestellt. Mussten aber alles Geld und Wertsachen zurücklassen. Gutes Geschäft für die braunen Brüder.« »Du sagst, Tausende?« »Ja. Am Anfang begüterte Juden, die es sich leisten konnten. Reisten legal mit der Eisenbahn über Feldkirch in die Schweiz aus. Etwas später kamen dann die aus Ostösterreich, die mussten aber schon illegal über die Grenze. Zu Fuß. Man zwang sie, eine Erklärung zu unterschreiben, nie wieder nach Österreich zurückzukehren. Dann zwang man sie, innerhalb von 24 Stunden quasi illegal über die Grenze zu gehen. Weigerten sie sich, wurde ihnen mit der Einlieferung nach Dachau gedroht.« »Woher weißt du das alles, Max?« »Tja, ich habe so meine Quellen, das solltest du doch inzwischen wissen, guter Joe.« »Die Juden gingen hier über die Grenze?« »Ja. Über den Alten Rhein bei Hohenems nach Diepoldsau, über das Brugger Horn nach St. Margrethen. Das waren die Hauptrouten in die Schweiz. Es gab Tage, da gingen sie in ganzen Trauben über den Alten Rhein. Manche ertranken, wenn sie an tieferen Stellen rüberschwammen. In Diepoldsau-Widnau hatten die Schweizer sogar ein Auffanglager für Juden. Es konnte bis 300 Personen fassen. Wurde von der israelitischen Gemeinde in St. Gallen finanziert.« »Moment mal, du sagst der Alte Rhein bei Hohenems?« »Klar. Dort gab’s seichte Stellen und man konnte gut hinüberkommen in die Schweiz.« 41


Joe wurde es ganz anders. Dort, wo er als kleiner Junge gebadet hatte, dort, wo er den braun gebrannten Batruel um seine Miezen beneidet hatte, dort sollen kurz vor dem Krieg hunderte, wenn nicht gar tausende Juden über den Alten Rhein gegangen sein? Auf der Flucht in die Schweiz. In den Baggerlöchern, die in Hohenems »Baggrlöchr« hießen. Im Badeparadies seiner Kindheit und Jugend! Joe war perplex. Das war jetzt wie lange her? ’75, heute, minus ’39, Kriegsbeginn, gibt ’37. Gar nicht so lange her also. Hatte ihm niemand erzählt. Auch der Gregor nicht. Joe schaut Max an. »Erzähl weiter, Max!« »Der Alte Rhein. Am meisten frequentiert. Dann gab’s noch ’ne gute Stelle bei Feldkirch Tisis. Von dort kamen sie nach Mauren in Liechtenstein, wenn sie rüberkamen. Und dann natürlich die Grenzpässe. Silvretta und Rätikon, hinüber nach Graubünden. Schwierig allerdings. Den Weg gingen nicht viele. Man musste ortskundig sein oder besser noch einen ortskundigen Führer haben.« »Der Johannes hat mir erzählt, dass er Leute übers Schlappiner Joch gebracht hat.« »Der Johannes?« »Ein früherer Freund vom Schneemann. Vom Toten. Sind sich später dann aus dem Weg gegangen.« »Verstehe. Ja klar. Schlappiner Joch. Eine beliebte Fluchtroute. Ein leichter, aber langer Fußmarsch. Im Winter der Schnee. Mussten ja bis Klosters. Sicher sind Hunderte über die Gebirgspässe insgesamt.« »Ich hab’ da was für dich Joe. Bericht von ’nem St. Galler Grenzpolizist über den Sommer ’38. Willst du ihn haben?« »Gib her!« Joe nimmt das mit Maschine geschriebene Blatt und beginnt zu lesen: Durch den alten Rhein seien sie gewatet, alle durchs gleiche Loch geschlüpft in Diepoldsau, etwas rechts vom Zollamt, dort im Gebüsch, wo diese Erlenstauden standen. Seicht sei der Rhein dort gewesen. Zuerst seien praktisch nur Männer gekommen. Lauter Väter mit ihren Söhnen. Und sofort habe der Kurierdienst höllisch funktioniert bis nach Wien. Plötzlich habe jedes Jüdli haargenau gewusst, wo es durchmusste. Die hätten Skizzen und Fotos dabei gehabt, um den Weg zu finden. Sonst habe man ihnen ja alles abgenommen, ohne Hab und Gut seien

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sie über die Grenze, vollständig ausgebeutet. Aber die Skizzen und Fotos hätten sie sich von niemandem wegnehmen lassen. Joe kennt die Stelle genau. Auch er ist manchmal dort baden gegangen oder zumindest auf seinen Streifzügen in den Baggerlöchern dort vorbeigekommen. Im Sommer. Als er noch jünger war. Die Furt war gleich nach dem Schwimmbad in Hohenems Richtung Lustenau. Joe kannte sie nur zu gut. War damals quasi sein Abenteuerrevier. Er und seine Kumpels streiften dort umher, zwischen den Gebüschen, dem Schilf und dem Wasser. Auf Abenteuer. Immer auf Ausschau nach etwas Aufregendem. Meistens mit einem roten Bazooka im Mund. Die Bildchengeschichten mit dem Bazooka-Joe sammelten sie ja damals alle. Joe konnte sich an die Libellen erinnern, vor denen hat er sich immer gefürchtet. Die saßen immer fett auf den Schilfkolben, die aus dem Wasser wuchsen. Hatte Angst, dass sie ihn stachen. Waren aber total harmlos, die Tierchen. An die schrecklichen Libellen erinnerte er sich genau. Die Libella Limonade dagegen, die schmeckte ihm. Wo er seine Rin-Tin-Tin- und Robinson-Crusoe-Fantasien mit seinen Kumpels auslebte, dort sollen, vor nicht einmal 40 Jahren, jüdische Flüchtlinge den Fuß auf die Erde und ins Wasser gesetzt haben? Dieselben Kieselsteine berührt, dasselbe Schilf gesehen. Auf Pfaden, die für Joe in die unendlichen Abenteuer amerikanischer Vorabendserien, für die Flüchtenden aber in die heiß ersehnte Freiheit führten. Dieselben verdammten Pfade und Wege, damals in den Hohenemser Baggerlöchern, dachte Joe und konnte nicht glauben, dass seine eigene Geschichte unschuldig territoriale Berührungspunkte zur Geschichte der Judenvertreibung hier im Lande hatte. Es erfasste ihn ein leichtes Unbehagen. Er schüttelte sich. »Ich kenn’ die Stelle genau,« sagt Joe zu Max. »Nettes Dokument, nicht?« »Ja, hab’ nix gewusst darüber. Und die Pässe?« »Viel schwieriger. Obwohl, die konnte man nicht so leicht kontrollieren. Die Chancen standen gar nicht so schlecht.« »Und die Jöcher?« »Schlappiner und Antönier Joch waren die Hauptrouten, manche gingen sicher auch übers Brandnertal, Lünersee und dann Gafalljoch oder Schweizertor.

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Meistens Sozialdemokraten, kaum Juden, manche vielleicht. Man musste sich auskennen, den Weg kennen, genug Kraft haben. Im Winter kannst du dich da leicht verirren. Viel Schnee. Die meisten haben sich einen Führer genommen. Die wussten Be-scheid, wo man gut rüberkommt und wo die Grenzer gehen.« »Stimmt, der Johannes hat so was erzählt. Meinst du, der Schneemann hat einen erwischt, oben am Joch?« »Vielleicht, wenn er ein scharfer Hund gewesen ist. Manchmal sind ja Freiwillige mit den Grenzern Patrouille gegangen. Kann sein, dass die jemanden gestellt haben. Kamen alle ins kz.« »kz? Von hier? Wohin denn?« »Da muss ich passen. Aber ich kann dir einen Kontakt zum döw machen, die haben tausende von Akten über politisch Verfolgte. ’38 bis ’45. Vielleicht findest du da was. Hast du einen Namen, den du suchst?« »Nein, nichts. döw?« »Widerstandarchiv in Wien. Ich kenn da den Herbert. Kann ihn mal anrufen, wenn du willst.« »Ja super, aber ich weiß praktisch überhaupt nichts. Nur dass der Schneemann verhindern wollte, dass Leute über die Jöcher gingen, sagt der Johannes. Mal schauen. Ich weiß einfach viel zu wenig.« Joe nimmt einen letzten Schluck Bier und ordert ein neues. Auch Max sagt nicht nein. Schweigend warten sie auf ihre Bestellung. Was der Max da alles ausgegraben hat, muss Joe erstmals verdauen. Tatsache war also, dass Vorarlberg im Krieg ein Fluchtland war. Dass Tausende hier über die Grenze gingen. Dort, wo er als Junge im Sommer immer gebadet hat. In Hohenems am Alten Rhein. Der Gregor hat ihm nichts erzählt von Juden, die über die Baggerlöcher hinüber in die Schweiz gingen. Die Furt in die Freiheit. Es ist verrückt, denkt Joe. »Darf ich das behalten?« »Klar, ist eine Kopie. Gern.« Joe steckt den Bericht des St. Galler Grenzpolizisten ein. Er wird die Kopie in sein TatortHeft kleben. Gehört zur Geschichte des Schneemanns, davon ist er überzeugt. Er weiß nur noch nicht, ob all die Dinge überhaupt zusammenpassen. 44

Im Büro: Joe kündigt, Schneeman adieu! Joe sitzt in seinem Büro und klebt gerade Maxens Dokument in sein Tatort-Heft ein. Irgendwie kommt es ihm so vor, als ob er jetzt was in der Hand habe. Einen Fetzen Papier, an dem er sich festhalten kann. Aber er blickt einfach nicht durch. Der Fall ist eine harte Nuss. Joe legt die Beine auf seinen Schreibtisch, es läuft ein Tape von Johnny Winter. Er schaut raus auf den See, es ist ein schöner, kalter Tag. Das Wasser liegt da wie eine Glasur. Ruhig und unbewegt. Joe ist unzufrieden. Er kommt nicht weiter. Schlimmer aber ist, das hat ihm das Gespräch mit Johannes nur allzu deutlich gezeigt, dass er für sich selbst keine Zukunft sieht. Seine Freundin? Hat sich von ihm zurückgezogen. Der Fall? Steckt fest. Sein Job? Ist eigentlich ein Albtraum. Alle seine Kollegen sind zufrieden, sind stolz darauf, Beamte zu sein, mit sicherer Aussicht auf eine satte Pension. Joe aber weiß nicht, was ihn damals geritten hat, als er freiwillig zur Kriminalpolizei gegangen ist. Joe nimmt ein weißes Blatt Papier und spannt es in die Schreibmaschine ein. Sehr geehrte Herren. Er schreibt seine Kündigung. Aus einem Impuls heraus, das weiß er. Sollte er nochmals darüber schlafen? Er schreibt weiter. Fühlt sich immer besser, je weiter er Richtung Hochachtungsvoll kommt. Er unterschreibt, faltet das Blatt zweimal und steckt es in ein Kuvert. Beim Eingang unten sagt er dem diensthabenden Kollegen, er solle bitte dieses Kuvert dem Chef geben, aber verlässlich. Der nickt nur und wirft es in die Ablage. Dann haut Joe ab. Raus aus dem Gebäude. Er fühlt sich gut. Verdammt gut. Der Schneemann kann warten. Ist ja eh schon tot. Der hat Zeit. Er schlendert die Straße entlang, überquert sie und geht am Seeufer entlang bis zu einem kleinen Cafe. Schnappt sich einen Stuhl und bestellt ein Bier. Zuhause legt er Led Zeppelin auf. Das fetzt. Fährt ein. Volle Pulle. Er geht spät schlafen und träumt nichts. Am nächsten Tag wird er zum Chef gebeten. Die Unterredung ist kurz. Man bedauere, ob man ihm mit irgendwas entgegenkommen könne, man verliere nicht gerne einen kompetenten Kollegen, ob es an dem Fall liege, ob er nicht weiter komme, ob er davon abgezogen werden möchte, ob er private Probleme habe. Das alles wurde in gut drei Minuten abgehandelt und von Joe mit kategorischen Neins beantwortet. Tja, dann müsse man ihn wohl ziehen lassen und wünsche ihm viel Glück. Was er denn jetzt

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machen werde? Joe sieht seinen Chef an und zuckte nur die Schulter. Dann geht er in sein Büro, nimmt einen Karton und stapelt seine lps und Tapes hinein. Vom Schneemann-Fall macht er von allen Unterlagen Fotokopien und schmeißt die Papiere oben auf seine lps. Dann haut er ab. Ohne Bedauern. Schon gar nicht im Zorn. Man hatte ihm noch seinen Urlaub gutgeschrieben. Ein bezahlter Monat kommt zusammen. Joe ist beruhigt. In einem Monat muss er wissen, was er tun will. Zuerst mal wird er nach Amsterdam fahren. Mit dem Zug. Er hatte nur Gutes über die Stadt gehört. Die Melkweg Disco, die Grachten, die Cafés, wo man was zum Rauchen kaufen konnte. Obwohl, er stand gar nicht auf das Zeug. Wenn überhaupt, dann das bittere bolivianische Marschierpulver. Am nächsten Morgen steht Joe mit einem kleinen Handkoffer am Bahnhof Bregenz und wartet auf seinen Zug. Der kommt pünktlich, Joe steigt ein und macht es sich an einem Fensterplatz gemütlich. Zum Abschied winkt er nicht. Er kommt ja wieder zurück.

Der Schnee, der verdammte! Sie gingen los. Es war bitter kalt. Minustemperaturen. Die Nacht war dunkel. Wolken deckten den Himmel zu. Kein Mond. Das Gehen im Schnee war anstrengend. Schon nach kurzer Zeit waren die Füße nass. Das weiße Zeug blieb am Mantel hängen. Er sah nur den Schatten seines Vordermanns. Am Vortag war Schnee gefallen. Noch mehr Schnee, als hier schon liegt, dachte er. Sie waren zu viert. Der, der führte, und sie drei. Er kannte die anderen nicht. Aber ihre Gründe, abzuhauen, nur zu gut. Warum nur hatte er den langen, schweren Wintermantel anziehen müssen. Ein Anorak wäre bequemer gewesen. Er senkte den Kopf und schaute starr auf die Fussstapfen vor ihm. Nichts denken, nichts fühlen. Nur die Löcher vor ihm im Schnee zählten. Linker Fuß, rechter Fuß. Der, der führte, hatte eine Taschenlampe. Manchmal schaltete er sie ein. Aber die meiste Zeit gingen sie im Dunkeln. Im Schnee sah man die Spur, der man folgte, recht gut. Bisher war der Weg leicht ansteigend einem Tal gefolgt. Jetzt begann der Aufstieg. Er merkte es sofort an seinem Atem. Sein Puls jagte hoch. Der Schnee dämpfte die Stapfgeräusche. Von ihren Mündern wehten Kältefahnen. Ein und aus. Ein und aus. Kein Zeitgefühl. Es kam ihm so vor, als ob die Stunden dahinrieseln wie körniger Schnee. Der, der führte, sagte, wir machen eine Pause. Er war noch jung, fast so jung wie er selbst. Und ein guter Geher. Man merkte ihm nichts an. Unter einer Tanne, gut geschützt gegen neugierige Blicke, setzten sie sich auf den Schnee. Der lag hier nicht so hoch. Sie warteten. Sein Puls ging wieder normal. Er hatte Hunger. Der, der führte, nahm eine Thermosflasche aus dem Rucksack und gab ihnen Tee. Er schmeckte süß und war heiß. Das tat ihm gut. Sie brachen wieder auf und bald spürte er seine Füße nicht mehr. Jetzt durch fast hüfthohen Schnee waten. Der, der führte, legte die Spur. Das muss anstrengend sein. Es war, wie wenn man in einem Schwimmbecken schnell laufen will. Man merkte den Widerstand und kam nur langsam voran. Er hatte Schnee in den Schuhen und Schnee in den Handschuhen. Sein Pullover klebte nass am Rücken. Der, der führte, sagte, da oben. Sie schauten auf und sahen, noch ziemlich weit weg, die Kante des Jochs am dunklen Horizont. Links und rechts von den Schattenrissen der Gipfel begrenzt.

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Da rauf mussten sie. Zum Joch. Der Wind pfiff von oben herab und trieb lockeren Schnee wie eine turmhohe Lohe himmelwärts. Er war schon sehr müde. Der Schnee wurde sein Feind. Immer schwerer war es für ihn, in der Spur zu bleiben. Der Schnee wollte nicht weichen, er musste marschieren. Dann aber hatten sie es geschafft. Der, der führte, sagte, wir sind da. Da drüben müsst ihr hin. Sie hielten kurz an. Glücklich, hier oben zu stehen. Die beiden anderen gaben sich die Hand. Sie kannten sich. Auch ihm gaben sie die Hand und dem, der führte. Gesprochen wurde nicht. Alle schauten nach Süden, dorthin, wo die Hoffnung wohnt. Sie standen auf über 2.000 m. Die Luft bitterkalt.

Bei Joe zuhause: Freispiel. Shoot again! Joe kommt bestens gelaunt aus Amsterdam zurück. Die Stadt hatte ihm gezeigt, wie seine Zukunft ausschauen könnte. Sound, viel Sound, frei sein, so sein können, wie man ist, niemandem etwas beweisen müssen, es nehmen, wie es kommt. As it happens. Eine Arbeit machen, die ihm nicht als Arbeit vorkommt. Mit einem großen Happen Happening dazu. In seiner Wohnung sieht es aus, als ob er nicht weggewesen sei. Alles ordentlich aufgeräumt, alles an seinem Platz. Zur Feier des Tages legt er sein Landlady-Tape ein und trinkt einen Whiskey. Er hat noch drei Wochen Zeit zu entscheiden, was er machen soll.

Der, der führte, sagte, ich geh noch mit. Das war gar nicht ausgemacht, aber sie nahmen dankbar an. Der Abstieg war etwas leichter. Doch auch hier Schnee, Schnee, überall diese weiße Masse, gegen die sie sich stemmen mussten.

Als erstes ruft er Max an und erzählt ihm, dass er gekündigt hat. Max gratuliert ihm und meint, er habe sowieso nie verstanden, warum Joe zur Kriminalpolizei gegangen sei, es aber immer respektiert. Der gute Max. Ein wahrer Freund.

Inzwischen ging er rein automatisch. Er könnte tagelang so weiter machen. Irgendwann sagte der, der führte, da vorne ist das Dorf. Er schüttelte allen die Hand und machte sich auf den Rückweg.

»Du, sag’ mal Max, hast du ’ne Ahnung, was ich machen könnte?«

Dann sahen auch sie die Lichter. Sie brannten hell.

»Mmh, schwer zu sagen. Du hast immerhin studiert.« »Und abgebrochen.« »Na ja, Kanzlei vielleicht.« »Nichts für mich.« »Du könntest dich selbständig machen.« »Als was?« »Schnüffler, Privatdetektiv, Marlow und so«, kichert Max. »Ja klar, verarschen kann ich mich auch selbst.« »Ich denk’ mal nach«, verspricht Max und legt auf. Später ruft Joe »seine« Susi an und gesteht ihr die Kündigung. Er befürchtet Schlimmes. Doch sie nimmt’s gelassen, gratuliert ihm sogar wie Max und fragt, ob sie vorbei kommen soll. Sie verbringen edle Stunden im Bett. Joe fühlt sich großartig. Ihre Haut duftet nach frischem Pfirsich und ihre Muschi nach dunkelgrünem Tang. So könnte es weitergehen. Joe lebt wieder. Wie wenig man doch eigentlich braucht, denkt er. Eine kleine Reise, eine Freundin, einen Freund. Ein Triptychon, ganz nach Joes Geschmack. Squeeze me Babe,

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till the juice runs down my leg. Auch die Zeppelin, die inzwischen aus den Boxen hämmern, wußten definitiv, was zählt. Am nächsten Tag wacht Joe erst gegen Mittag auf. Sehr angenehm. Bei der Kripo hatte er um acht Uhr im Büro zu sein. Ein Wahnsinn. Joe war keine Lerche. Jetzt konnte er seinen Rhythmus leben. Die Zukunft versprach allerhand. Mit Susi, die seit langem wieder einmal ihr Fleisch gewordenes Versprechen eingelöst hatte. An seinem kleinen Frühstückstisch trinkt Joe den ersten, starken Kaffee. Er hat Optionen. Wachdienst? Zeitung? Personenschutz? Bibliothekar? Oder, wie Max im Spaß gemeint hatte, Schnüffler auf eigene Rechnung? Das wäre was. Kein Chef mehr über dir. Die saßen alle nur auf ihren fetten Ärschen und drückten dir ihr Ego rein. Joe hasste Chefs. Das wußte er hundertpro. Er hasste Chefs so tief, dass es fast körperlich weh tat. Eine Zigarette bringt ihn auf andere Gedanken. Er ruft bei der bh an und erkundigt sich über die Möglichkeiten, selbständig zu werden. Was er denn für eine Tätigkeit ausüben wolle, fragt man ihn. Eine Detektei. Er wolle eine Detektei aufmachen. Ja, ob er denn Qualifikationen dafür habe. Acht Jahre bei der Kripo Bregenz. Ja dann, dann sei das gar kein Problem. Er müsse nur einen Gewerbeschein beantragen. Das ist alles, fragt Joe. Das ist alles, antwortet ihm die freundliche weibliche Stimme aus dem Telefon. Joe legt auf und setzt sich erstmals hin. Er ist weit vorgeprescht. Aber es zieht ihn weiter. Einen Gewerbeschein anmelden. Keine Frage. Joe grinste. Die eigene Detektei. Nicht schlecht. Gut gelaunt stöbert er im Wohnzimmer in alten Fotos. Auf einem Bild: Joe mit seinem Kumpel Sandro. Beide noch blutjung. Mopedzeit. Damals in Hohenems. Neben dem Bahnhof gab es ein ziemlich hässliches Gasthaus mit einer Spielhalle, die man »Mufti« nannte, abgeleitet vom Übernamen des Betreibers, dem Gotthard, zu dem man eben Mufti sagte. Der Mufti. Das Mufti. Komm, wir gehen ins Mufti. Dort gab es eine ziemlich große Rennbahn für Spielzeug-Rennautos. Ein Autodrom für Formel-1 Liebhaber mit ihren kleinen Nachbildungen. Die Leute standen seitlich an der Strecke und steuerten ihre Autos mit Hilfe einer Fernbedienung. Es gab spannende Rennen und auch Meisterschaften. Das alles interessierte Joe und Sandro aber nicht sonderlich. Das eigentliche Ziel waren die Flipperautomaten, die rund um die Rennbahn aufgestellt waren. Jeden Sonntag, pünktlich

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um 14:00 öffnete der Gotthard/der Mufti die Türe zur Spielhalle. Die beiden warteten dann schon ungeduldig, stürmten rein und besetzten sofort den Flipper gleich links vom Eingang. Sie wurden richtige Experten auf diesem Kasten. Freispiele waren für die zwei ein Kinderspiel und sie spielten oft stundenlang umsonst. Tilt, Shoot again und Special waren die Vokabeln, um die sich ihre Sonntagnachmittage drehten. Am liebsten hörten sie das fette Tock bei einem Freispiel. Manchmal gelang es ihnen sogar, mehrere Freispiele hintereinander zu machen. Tock, Tock, Tock. Im Mufti. In Hohenems. Joe schmeißt die Fotos wieder zurück in die Schachtel, in der er seine Bild gewordene Vergangenheit aufbewahrt. Manchmal schaut er sie an, oft kommt es ihm aber so vor, als ob er Fremdes vor sich hat. Fremdes und einen Fremden, der ihn angrinst, anlächelt, bitter böse schaut, sich gelangweilt gibt oder frustriert, meistens aber nur ungeheuer gelangweilt. Die Langeweile war ein Dauerzustand in seiner Jugend in Hohenems. Oder besser gesagt: die Retrospektive war sein Alltag. Du hattest immer das Gefühl, dass alles schon vorbei ist. Dass du nicht dabei warst. Dass du zu spät gekommen bist. Nie spürtest du die Echtzeit, außer bei einem Rock-Konzert. Dann warst du da. Es passierte: jetzt. Face to Face. Die Stadt kaufte dir jedenfalls den Schneid ab. Du wolltest was tun, was machen, was bewegen, doch im nächsten Augenblick sankst du schon wieder auf das großes Sitzkissen zurück, warst gerade noch dazu in der Lage, ein Patchouli-Räucherstäbchen anzuzünden und Pink Floyd aufzulegen. Das verfickte Hohenems nahm dir den Atem und den Raum zum Leben. Wie ein Vampir saugte dir diese Kleinstadt das Hirn aus, und Hohenems war überall hier im Land. Straßen, endlos lange Trails, die du zu Fuß bewältigen musstest. Frisierte Mopeds hatten die anderen. Oder Autos, wenn sie schon alt genug waren. Du selbst liefst dir also buchstäblich die Hacken ab, an einem Sonntag in Hohenems. Ziele waren: das Kino, herumhängen auf dem Vorplatz, Bilder der gezeigten Filme in den Schaukästen anschauen, Popkorn kaufen. Der Marktplatz mit dem Nibelungenbrunnen, den der Vater von Sandro entworfen hatte, dort auf einer Bank sitzend, wie Pensionisten, nur, dass du erst fünfzehn bist, und dein Kumpel Sandro sogar erst vierzehn. Vorbeifahrende Autos zählen und wenn es schicke Schlitten waren, kommentieren. Ein Alfa Spider! Ein Morgan, Mensch!, hast du den Morgan gesehen? Der Fußballplatz. Dastehen und dem Training/den Spielen zuschauen. Senfbrot kaufen und Limo trinken. Oder selbst auf dem sogenannten H-Platz (Hart-Platz) stundenlang »Ussischüßa« spielen. Und das Mufti, jeden Sonntagnachmittag. Flippern.

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Aber auch dorthin zu Fuß. Als er noch in die Hauptschule ging, war Joe einmal, vor dem Hauptgottesdienst in der Pfarrkirche, auf dem gegenüberliegenden Pausenhof der Volksschule Markt herumgehangen. Ein paar andere Buben waren auch da. Zum Beispiel der kleine Bonanza (der große Bonanza war Rocker). Der wohnte in den Südtiroler-Siedlungen hinter dem Spital und war überall dabei, wenn’s darum ging, etwas zu tun, was man nicht tun sollte. In der Gruppe galt es als selbstverständlich, erst eine halbe Stunde zu spät in die Messe zu gehen. Wenn alle schon drinnen waren. Bei der Wandlung dann.

das Moped seinen Geist auf. Sie stoppten heim. Am nächsten Tag fuhr Joes Mutter die beiden zurück nach Rorschach. Das Moped holen. Da sie sich keinen Abschleppwagen leisten konnten, schoben sie es einfach. Von Rorschach nach Hohenems. Abwechselnd. Verdammte Schinderei! Aber sie waren im Africano gewesen, der besten Disco in der ganzen Gegend. Das war schon was. Hatten leckere Miezen gesehen. Träumten noch wochenlang davon.

Dort, wo sie jetzt standen, auf einem kleinen Rasenabschnitt mit Waschbetonplatten zum Laufen, gab es Schaukästen von Hohenemser Vereinen, angebracht direkt an der Rückwand des Löwensaals. Der junge Joe schaute sich gerade den Aushang der Emser Wölflinge an, als der Liebe hinter ihn trat. Der Liebe war schon fünfzehn oder sechzehn, sah gut aus und war der Schwarm vieler Mädchen. Man sagte Liebe zu ihm, Joe wußte nicht, warum. Der Liebe trat also hinter Joe, der sich gerade Wölflingsfotos ansah und fragte spöttisch: »Ah, die Wölflinge! Interessant? Die Futwölflinge!« Und dann lachte er laut und sagte nochmals »Die Futwölflinge!« Joe grinste wie die Großen in der Gruppe und ging schließlich mit ganz schlechtem Gewissen verspätet in die Messe. Manchmal kam dann der alles erlösende Rock nach Hohenems. Konzert der Gamblers im Schützenheim. Konzert der Landlady im Kino, Konzert der Wanted im Bierzelt auf dem Fußballplatz. Platten hören beim Jäger. Wenn man Glück hatte, bekannte Musiker dort sehen. Etwas später, Joe immer noch fünzehn Sandro immer noch vierzehn, liehen sich die beiden aus lauter Tristesse das Moped eines Bekannten aus. Es hatte schon mal geschneit und die Luft war schweinekalt. Die Straßen aber schneefrei. Mit dem Moped also über die Grenze, ab nach St. Gallen in die Disco Africano, der angesagteste Schuppen überhaupt. Zuvor den blauen Personalausweis von Joe gefälscht, weil er noch nicht sechzehn war und eigentlich kein Moped fahren durfte. Das Geburtsjahr mit Tipex ausradiert und dann das gewünschte Jahr darübergetippt mit der Schreibmaschine seines Vaters. Dann mit dem Fingernagel darübergestrichen, dass dem Zöllner die bearbeitete Stelle nicht gleich auffiel. Joe und Sandro fuhren, was das Moped hergab. Es war frisiert, lief also gute 8o km/h. In St. Gallen im Africano bestellten sie Cola und saßen auf einer Polsterbank im Stroboskoplicht. Beide schüttelte es noch von der Kälte der Mopedfahrt. Sie konnten nicht allzu lange bleiben. Der Bekannte wartete auf sein Moped. Nach der Cola also wieder zurück fahren nach Hohenems. Noch nicht mal richtig aufgewärmt. Mitten auf der Strecke, in Rorschach, gab 52

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In der Crazy Diamond Detektei: Danke, Herr Joe! Joe ist glücklich. Seit einer Woche läuft seine eigene Detektei. Er hat alle Behördenwege erledigt, sich am Kornmarktplatz ein Büro gemietet, Visitenkarten und einen Werbebrief drucken lassen. Er sitzt an seinem neuen Schreibtisch, einem riesigen Ding, das er secondhand gekauft hat und schaltet seine neue, elektrische Schreibmaschine ein. Über eine kleine Stereoanlage läuft Hendrix’ All along the Watchtower. Er ist gerade mit seinem ersten »Fall« beschäftigt. Seitensprung. Das Übliche. Aber Joe macht es Spaß. Er erledigt das mit links. Arbeit, die für ihn keine Arbeit ist. Er schreibt an seinem ersten Bericht. Die Fotos für seine Klientin liegen auf dem Tisch. Schwarzweiß-Abzüge in bester Qualität. Sie wird zufrieden sein. Mit mir. Mit ihm nicht. Joe ist besonders stolz auf den Namen seiner Ein-Mann-Firma: Crazy Diamond Detektei für diskrete Beobachtungen und Nachforschungen. Das geht so richtig gut runter. Natürlich hat er sich von Pink Floyds Shine on you crazy diamond inspirieren lassen, doch das stört ihn nicht. Crazy Diamond klingt wie ein Edel-Strippclub, aber das hier ist ein Detektivbüro. Diese Spannung gefällt Joe. Dazu der Klang! Das Logo auf seiner Visitenkarte zeigt einen Lichtstrahl, der von einem Diamanten gebrochen wird. Licht in eine Sache bringt. Wie ein Leuchtturm, der seinen Strahl weit in die Dunkelheit wirft. Lighthouse Blues. Auch diese Inspiration hat er aus dem großen Rock’n Roll-Meer gefischt. Joe zündet sich eine Zigarette an und unterbricht seine Schreibarbeit. Öffnet die linke obere Schublade und zieht eine schmale Mappe heraus. Der Schneemann. Er hat ihn nicht vergessen. Nicht vergessen wollen.

Er findet sogar noch die zwei Fotos in Kopie und den Bericht des Schweizer Grenzpolizisten über die Juden, die bei Hohenems über die Grenze gingen. Der Schneemann. Wer hat den Schneemann umgebracht? Joe beschließt, weiterzumachen. Er wird dem Fall einen Tag in der Woche widmen. Das kann er verkraften, wenn die Geschäfte halbwegs laufen. Joe hat vor, sich anzustrengen. Crazy Diamond soll ihm sein Leben finanzieren. Er braucht ja eh nicht viel. Das Wichtigste aber hat er jetzt schon erreicht: er ist sein eigener Chef. Jetzt kann er sich selbst ausbeuten soviel und solange er will. Joe grinst. So soll es sein. Max hat mal einen Herbert aus dem döw in Wien erwähnt. Er ruft gleich bei Max an. Der ist wie immer zuhause, kann sich gut an den Fall erinnern und verspricht ihm, den Kontakt zu Herbert in Wien herzustellen. Der meldet sich schon am späten Nachmittag. Joe schildert ihm sein Anliegen und fragt ihn, aus einem Gefühl heraus, ob sie Akten haben über Juden, die an der Grenze in Vorarlberg verhaftet worden sind. »Jede Menge«, meint Herbert. »Könnte ich mir die mal ansehen?« »Das wird gehen. Du musst aber wohl nach Wien kommen.« »Das könnte ich einrichten.« Joe legt auf. Wien. Ist er schon lange nicht mehr gewesen. Als Student auf ’ner Demo. An das kann er sich noch erinnern. Ansonsten ist ihm Wien immer fremd geblieben.

Joe schlägt sein altes Tatort-Heft auf und überfliegt seine Eintragungen: Fritz Thöny, 51, wohnhaft Gargellen, am 14. Nov. 1975 auf dem Schlappiner Joch gefunden, erstochen mit einem Messer… Problem der Grenze vor dem Krieg. Juden und Sozialdemokraten. Johannes brachte illegal Leute übers Schlappiner Joch in die Schweiz. War streng verboten. Dem Schneemann sei das ein Dorn im Auge gewesen. Johannes als Täter aber unwahrscheinlich. Max bestätigt die Geschichte von Johannes. Motiv für den Mord nach wie vor unklar. Hat vielleicht mit dieser Zeit zu tun. Keine Idee, wie die Dinge zusammenspielen.

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Morbid hat er sie nie gefunden, die Stadt. Eher viel zu weit auseinandergezogen. Er ist auch kein Freund des berühmten Wiener Schmähs. Da sind ihm die trockenen Schweizer lieber. Er könnte nächsten Monat ein paar Tage frei nehmen, wenn’s gut läuft mit seiner Detektei und nach Wien zum Herbert ins döw fahren. Eventuell bringt’s was. Es klopft. Eine zierliche Frau mittleren Alters kommt herein und setzt sich auf den gemütlichen Besuchersessel vor Joes Schreibtisch. Frau Mathis. Joes erste Kundin. Frau Mathis hat kurze blonde Haare, ein kabukimäßig weißes, aber sehr schönes, frisches und gut proportioniertes Gesicht. Sie trägt ein dunkelgraues Kostüm. Könnte Dior sein. Eine riesig große Handtasche ganz aus schwarzem glänzendem Leder. Sehr elegant das alles. Aber sehr zerbrechlich die Gute. Joe schätzt sie auf die vierzig.

Der wirft einen Blick auf den Scheck und erschrickt. Viel zu hoch. Ausgemacht war viel weniger. »Mehr als, Frau Mathis, mehr als.« Frau Mathis nimmt den Schnellhefter mit Joes Bericht und den Fotos unter den Arm, gibt Joe die Hand und geht hinaus. Aufrecht. Eine elegante, aber jetzt sehr einsame Dame. Joe ist hin und her gerissen. Das Elend von Frau Mathis kämpft gegen die Freude über den Scheck. Joe ahnt, dass sein neuer Job auch Schattenseiten haben könnte. Doch die Summe auf dem Scheck lässt ihn das schnell verdrängen. Er küsst ihn und steckt ihn ein. Thank you crazy fucking diamond!

Ihr Mann ist irgendein hohes Tier in einem großen Unternehmen. Und ein Hurenbock, wie Joe herausgefunden hat. Joe nimmt die Fotos und legt sie vor Frau Mathis auf den Tisch. Sie schaut sie lange an. Jedes einzelne. Langsam rinnen ihr die Tränen herunter. Doch sie zeigt Fassung. »Ich wusste es.« »Tut mir leid, Frau Mathis.« Joe gibt ihr seinen gerade fertiggestellten Bericht. Der interessiert sie eigentlich nicht mehr. Sie hat genug gesehen. Sie weiß, was los ist. »Kann ich Ihnen einen Scheck ausstellen, Herr Joe?« »Ganz wie Sie wollen, Frau Mathis.« »Ich bin zufrieden mit Ihnen, Herr Joe. Ich werde Sie weiterempfehlen. Frauen wie mich gibt’s hier im Lande sehr viele. Und Bastarde wie ihn auch“, meint sie verächtlich. Frau Mathis bewahrt weiterhin Contenance. Steht auf, tupft sich die Tränen mit einem Tempo trocken, streift den Rock des Kostüms glatt, nimmt ein Scheckheft und einen Füller aus ihrer Handtasche und stellt Joe seinen ersten Scheck aus. »Ich glaube, das dürfte Ihre Kosten decken, Herr Joe?«

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Wien: Joe isst ein Gulasch und trinkt ein Bier. Joe nimmt den Nachtzug von Feldkirch nach Wien. Abfahrt 22:32 Uhr, Gleis drei. Er hat noch ein wenig Zeit und genehmigt sich im Bahnhofsbuffet ein kleines Bier. Hier sitzen seltsame Gestalten herum. Die Atmosphäre ist düster und arm. Spärlich, eigentlich. Die Kellnerin ist an die fünfzig und hat wahrscheinlich schon viel hinter sich. Die meisten Gäste sind Männer, die einzeln an kleinen Resopaltischen sitzen und Bier trinken. Manche rauchen. Gesprochen wird wenig. Joe denkt an die Juden. Hier also, am Bahnhof Feldkirch, wurden viele dazu gezwungen, ein Dokument zu unterschreiben, dass sie nie mehr nach Österreich zurückkehren dürfen. Andere wiederum wurden zurückgeschickt, was meistens Gefängnis oder kz bedeutete. Am Bahnhof Feldkirch, wo sich auch das Schicksal des Ulysses entschieden hat, als James Joyce 1915 auf der Durchreise bei der Grenzkontrolle beinahe verhaftet worden wäre, weil man ihn irrtümlich für einen feindlichen Spion hielt. Eigenartige Transitorte der Geschichte, sinniert Joe. Sein Schlafplatz ist in einem Sechser-Abteil. Joe muss ganz nach oben. Schlafen wird er nicht können, das weiß er jetzt schon. Er hat sich Unterlagen mitgenommen und liest im Schein der spärlichen Schlafplatzlampe. Max war so nett, alles, was er über Grenzverhältnisse in Vorarlberg kurz vor dem Krieg weiß, in einem knappen Bericht für ihn zusammenzufassen. Darin blättert Joe gerade und je mehr er erfährt, umso mulmiger wird es ihm. Er kommt total zerschlagen am Westbahnhof an und nimmt sich gleich ein Taxi zu seinem Hotel. Irgendein Hotel in der Nähe des Dokumentationsarchivs. Mehr kann er sich nicht leisten. Als sein eigener Chef muss er auch selbst bezahlen. Joe macht sich nur kurz frisch und verlässt das Hotel. Er hat mit Herbert einen Termin um 10:30 Uhr im döw. Herbert ist ein umgänglicher Mann mit grauen Haaren und einem breiten Lächeln. Er begrüßt Joe und der schüttelt die ihm entgegengestreckte Hand. »Max lässt dich grüßen.« »Danke. Was kann ich für dich tun?«

»Ja klar, das hast du mir schon am Telefon erklärt. Ich hab’ was vorbereitet für dich. Wird gleich kommen. 1937/38/39 sollte genügen?« »Glaub’ ich auch.« Joe wartet auf seine Akten und richtet einen Block und sein Schreibzeug her. Dann rollt ein Angestellter des Archivs einen kleinen Wagen herein und knallt Joe vier Stapel Akten auf den Tisch. Joe beginnt gleich mit der Arbeit. In jedem Stapel befinden sich schmale Schnellhefter, je eine Person betreffend. Darin dann die eigentlichen Akten. Zusammengestellt von Polizeidirektionen und Gestapo. Joe hat Herbert gesagt, dass er vor allem an Juden interessiert sei, die über die Grenzpässe in die Schweiz wollten. Schlappiner und Antönier Joch, Drusentor, Schweizertor, Salaruel Joch, und Bettler-Joch, hat ihm Max in seinem Bericht aufgeschrieben. Herbert meinte aber, dass er so punktgenau nicht erheben lassen könne. Joe muss also alles durchackern, was da auf seinem Tisch liegt. Nach fünf Stunden ist Joe erledigt und macht eine Kaffeepause. Er hat zwei Stapel geschafft, zwei fehlen ihm noch. Egal, er hat zwei Tage Wien einkalkuliert, das sollte reichen. Um 17:00 Uhr schließt das döw. Joe geht zu Fuß von der Wipplingerstraße ins Hotel zurück. Gleich in der Nähe hat er ein Beisl entdeckt. »Zum wilden Hund«. Das gefällt Joe. Er geht rein, setzt sich an einen Tisch und bestellt, ein Gulasch und ein Seidl. Das Essen schmeckt ihm sehr gut und er bestellt gleich noch ein Seidl, um seinen Durst zu löschen. Im Hotel trödelt er noch ein wenig am Empfang herum, schaut sich ein paar Zeitungen an und verzieht sich dann auf sein Zimmer. Da er als Nachtmensch nicht früh einschlafen kann, öffnet er die Balkontüre, stellt sich auf den Minibalkon und schaut runter auf die Straße, schaut den Autos zu und raucht. Am nächsten Tag ist er schon zeitig auf und geht sofort ins Archiv. Die restlichen zwei Stapel Akten warten auf ihn. Am Mittag ist er durch. Joe schaut auf seinen Block. Er hat vier Namen, drei aus dem Jahr ’38, einer aus den Jahr ’39: Adam Kramer/Wien, Chaim Seligmann/ Wien, Daniel Stern/Wien und Samuel Weizmann/Wien.

»Grenzübertritte, Juden, die in die Schweiz flüchteten, damals.«

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Joe ist zufrieden. Vier Namen, vier Exzerpte. Was er allerdings damit anfangen soll, ist ihm nicht klar. Auf seinen Exzerpten hat Joe alles aus den Akten abgeschrieben, was ihm interessant vorgekommen ist, fein säuberlich geordnet. Name, geboren am, wo und wann an welcher Grenze aufgegriffen, wohin verschickt. Dazu vier Personenfotos, die er kopiert hat. Joe faltet die vier vollgeschriebenen großen Doppelblätter zusammen und legt sie in sein Tatort-Heft. Dann verabschiedet er sich von Herbert. Sie rauchen noch eine zusammen und Joe ist weg. Für die Rückfahrt hat er nur einen einfachen Sitzplatz gebucht. Die Reise ist lang und Joe ist langweilig. Das einzige, was ihm bleibt, ist, in den Speisewagen zu gehen, um sich Würstel und ein Bier zu genehmigen. Vom Arlberg weg, schaut er bewusst aus dem Fenster. Fantastische Strecke, er ist jedes Mal ganz weg von der kargen Landschaft, durch die sich der Zug wie ein rotes Repitl ins Tal schlängelt. In Feldkirch steigt er um nach Bregenz. Es ist Abend geworden und Joe hat keine Lust mehr zu kochen. Gleich am Bregenzer Bahnhof holt er sich in der Altdeutschen ein halbes Hennile mit Pommes. Zuhause verschlingt er es und schaut fern. So um Mitternacht geht er nochmals raus. Joe mag es ganz besonders, nachts durch die dunklen Gassen von Bregenz zu schleichen. Er liebt die Nacht. Joe geht über den hell erleuchteten Leutbühel und biegt links in die Kirchstraße ein. Dann gleich wieder links ins sogenannte Apothekergässele. Das liegt im Dunkeln und nur das Schaufenster der Stadtapotheke wirft einen Lichtkegel in die Gasse. Seine Cowboyboots klingen auf dem Kopfsteinpflaster. Zwei funkelnde Augenschlitze schauen ihn an. Die getigerte Katze stiefelt vor Joe ganz gemütlich quer über die Gasse, setzt sich dann auf eine Haustreppe und beginnt ihr abendliches Putzritual. Joe bleibt stehen, geht in die Hocke und krault ihr das Fell, was die Katze genießt und zu schnurren beginnt. Es ist ein großes Tigermännchen und sehr zutraulich. Dann löst er sich langsam vom Kater und nimmt sein nächtliches Flanieren wieder auf. Begleitet von SingSang seiner Westernstiefel. Es würde ihn nicht wundern, wenn jetzt plötzlich ein Kavallerieregiment Blauröcke von der Maurachgasse heruntergeritten kämen und der Hornist das Signal zum Angriff bliese. In der engen Gasse hätte er keine Chance. Die schwarzen Gäule würden wie eine Flutwelle auf ihn zukommen, auf eisenbeschlagenen Hufen, klirrend das Geschirr und aus den Nüstern weiße Nebelfahnen herausstoßend. Eine Horde säbelschwingender Reiter auf ihren vierbeinigen Schlachtrossen. Dir entgegen, im heulenden Wind.Doch Joe ist allein und marschiert einsam durch die schlafende Stadt. Das Leben im Western wäre kein Honigschlecken. Das in Bregenz aber auch nicht, flüstert Joe und zieht seinen imaginären Colt. 60

Bei Joe zuhause: die Gesuchten aus Hohenems. Am nächsten Tag ist Samstag. Eigentlich ein freier Tag. Doch Joe geht ins neue Büro am Kornmarktplatz. Crazy Diamond. Seine Detektei. Er will zumindest am Vormittag arbeiten und die Wienreise wieder aufholen. Zuerst kümmert er sich um zwei neue Anfragen. Frau Mathis hat Wort gehalten. Sie hat ihn weiterempfohlen und zwei Damen haben angerufen und Nachrichten hinterlassen. Nicht schlecht. Joe legt gleich zwei neue Kundenkarten an. Dann nimmt er sein Tatort-Heft heraus und überfliegt die Wiener Exzerpte. Vier Namen. Vier Menschen. Vier Orte. Einer wurde am Schlappiner Joch erwischt, einer am Schweizertor, einer in Gargellen und einer am Lünersee. Alle vier sind im kz gelandet. Und dort wahrscheinlich auch gestorben, vermutet Joe. Zumindest weiß er jetzt so viel. Er hat vier Namen, die alle mit der Grenze zwischen hier und dort verbunden waren. Die Geschichten von Max nehmen Gestalt an. Es ist halt ein Unterschied, ob du weißt, dass Hunderte über die Grenze gingen oder ob du die Namen der Menschen hast, die rüber wollten. Plötzlich kannst du was einordnen. Statistik bekommt ein Gesicht. Eine Geschichte, die untrennbar mit diesem Land verbunden ist. Und der Schneemann ist ein Teil davon, das fühlt Joe. Der Schneemann ging Patrouille. Der Schneemann hatte was gegen Juden, die über die Grenze gingen. Der Schneemann war ein fanatischer Nazi. Der Schneemann ist tot. Umgebracht am Schlappiner Joch über Gargellen. In der Gegend also, wo zumindest zwei aus seiner Liste gestellt und verhaftet worden sind. Adam Kramer, Geburtsdatum 10.07.1890, Geburtsort Wien Verhaftung 24.11.1938 am Schweizertor, Überstellung nach Wien, Deportation nach Maly Trostinec, Deportationsdatum 31.06.1942, Todesort Maly Trostinec, Todesdatum 04.12.1942. Chaim Seligmann, Geburtsdatum 10.03.1895, Geburtsort Prag Verhaftung 03.12.1938 am Lünersee ob Brand, Überstellung nach Wien, Deportation nach Riga, Deportationsdatum 11.01.1942. Daniel Stern, Geburtsdatum 14.01.1920, Geburtsort Wien Verhaftung 04.01.1939 am Schlappiner Joch (Gargellen, hat Joe dazugeschrieben), Überstellung nach Wien, Deportation Theresienstadt, Deportationsdatum 20.11.1940, Überstellung Auschwitz am 01.03.1943. 61


Samuel Weizmann, Geburtsdatum 07.08.1909, Geburtsort Wien Verhaftung 13.02.1938 in Gargellen, Überstellung nach Wien, Deportation Ungarn/Stutthof. Nochmals liest Joe ganz genau, was er sich alles notiert hat im döw. Klar, Schlappiner Joch, dort ist auch der Schneemann umgebracht worden. Aber das muss nichts heißen. Er steckt wieder fest. Was soll er mit den vier Namen anfangen? Max anrufen, denkt er, vielleicht hat der ’ne Idee. »Schwierig«, meint Max. »Eventuell gibt’s noch Familienmitglieder, die überlebt haben. Einwohnerämter in Wien und Zürich. Viele sind ja nach Zürich gegangen, einige sind in der Schweiz geblieben, die meisten aber sind weiter nach Frankreich, England, Amerika. Kannst es ja auch in Amerika versuchen, bei den großen jüdischen Organisationen.Weißt du, wo sie geboren wurden und gewohnt haben?« »Alle in Wien.« »Versuchs nochmals beim döw, ich glaube, die sind gerade dabei ein Namensregister zur Erfassung österreichischer Holocaustopfer aufzubauen. Oder Einwohneramt.« »döw bringt nichts. Wenn die erst am Aufbauen sind. Ich brauch’ jetzt was, Max!« Joe verlässt der Mut. Wenn Max nicht weiter weiß, was dann? Er kann sich nicht vorstellen, dass er bis nach Amerika korrespondieren wird. Nur weil er unbedingt den Schneemann-Fall lösen will. »Weißt du übrigens was über kzs? Theresienstadt, Auschwitz, Maly Trostinec und Stutthof?« »Ich kann dir was zusammenstellen. Oder wir gehen auf ein Bier und ich erzähl’ dir was über kzs.« »ok, melde dich und danke, Max«, sagt Joe und legt auf. Er hat genug für heute und verlässt sein Büro. Geht Einkaufen und macht dann sauber in seiner Wohnung. Zum Putzen hört er Musik. Das bringt ihn in Schwung. Ein altes WantedTape. Als er »Play« drückt, wird er zurück in alte Zeiten versetzt. Wanted, die Gesuchten, die Gefragten. Mann, auch das war ’ne Band ganz nach seinem Geschmack. Joe hat sie zum ersten Mal bei einem Fest auf dem Fußballplatz Hohenems gehört und gesehen. Er selbst spielte damals in der Schülermannschaft des vfb Hohenems. Verein für Bewegungspiele. Es war wahrscheinlich so was wie ein Frühlingsfest. An einem 62

Nachmittag, als es Programm für die Jungen gab. Beim Verein wollte man modern sein und auch der Jugend etwas bieten. Am Abend spielte eine Volksmusik. Humba humba tätarä. Aber an diesem Nachmittag hatten die Wanted ihr Konzert, in einem großen Zelt. Und Joe war dabei. Mit allen Kumpels aus dem Verein und viele Teens aus Hohenems, Dornbirn, Götzis, Altach, Mäder. Er weiß noch genau, dass er dort eine Wurst mit Senf aß und dazu die geile rote Limo trank, die es in den Flaschen mit den Rillen gab. Er stand mit der Limoflasche vor dem Zelteingang, ganz ungeduldig, dass die Wanted endlich anfingen. Der jüngste Bruder vom Gambler-Batruel, der Walter, hatte ein riesiges Grasbüschel ausgerissen mit feinen Wurzeln dran. Der sagte zu ihm, als er gerade ins Zelt reingehen wollte, greif mal und Joe griff. Fühlte sich gut an, ganz weich. Der Batruel-Bruder lachte und sagte: wie ein Fut, oder? Joe wußte nicht, was er meinte, lachte aber mit. Der Batruel-Bruder spielte mit ihm in der vfb Hohenems Schülermannschaft als rechter Verteidiger. Joe spielte linker Verteidiger. Dann ging’s los. Joe starrte rauf zur Band, bis er fast einen steifen Hals bekam. Ganz Ohr für die Wanted. Der Aberer am Baß, der Schartner an der Gitarre, der Gleeson am Schlagzeug, der Woldrich an der Orgel, der Marte als Bläser und der Bilgeri als Sänger und an der Posaune. Mann, hatte der eine Röhre. Der Aberer und der Bilgeri hatten vor der Habsburg in Hohenems beschlossen, die Wanted zu gründen, erzählte man sich. Der Aberer und der Gleeson seien jetzt sogar an der JazzSchule in Bern, wussten manche zu berichten. Der Aberer sei ein Genie und habe das absolute Gehör. Er habe alle Bands von Animals bis Zappa auf seinem Revox. Joe erinnert sich ganz klar, wie ihm damals der Opener-Schmäh vom Bilgeri einfuhr. Zuerst irgendein Gitarren-Intro-Geplänkel vom Schartner. Aber dann, als das Schlagzeug einsetzte, sprang der Bilgeri auf der ersten Beat in die Luft, hielt sich am Mikrophon-Ständer fest und schleuderte beide Beine parallel nach links in die Luft, fast wie Ballett, nur viel cooler, weil sein Sprung hundertprozentig zum Snare-Hammer des Schlagzeugs und zum Bass-Einsatz passte. Fantastische Einlage! Er hatte Haare, die ihm bis zum Arsch runterhingen. Der Bilgeri, von den Wanted. Die Wanted spielten extrem gute eks, mit damals hippen Namen wie »Blues I« und »Blues II«, »Stormy Day« und »Faceless Face«, »Three Days High Waves« oder »Evening Sun«. Die Stücke klangen alle irgendwie nach Chikago oder Blood, Sweat and Tears. Verdammt harmo-

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nische Bläsersätze. Man konnte ihre Musik fühlen. Woher sollte der junge Joe denn wissen, dass der Sound von einem Tüftler durcharrangiert worden war. Vom Aberer halt. Und natürlich waren da wieder die leckeren Miezen. In extrem verschärften Klamotten. Joe musste immer mal ’nen Blick riskieren. Er war neidisch auf die Jungs auf der Bühne, die so tolle Miezen hatten. Er wollte auch Rockmusiker werden. Aber davon war er mindestens so weit entfernt, wie l.a. von Hohenems. Die Wanted hatten also wieder einmal den Rock nach Hohenems gebracht und zumindest für zwei Stunden war Joe glücklich. Er kannte die Musiker vom Sehen und das machte die Sache noch gigantischer. Es waren alles Typen aus Hohenems, die meisten zumindest. Die schafften es, dass du für kurze Zeit vergessen konntest in dem verfickten Hohenems aufwachsen zu müssen. Bedienten dich mit besten Gitarren-Soli, super Bläser-Sätzen und einem Groove, der wirklich einfuhr. Die Wanted. Live in Hohenems, auf dem Fußballplatz, im Zelt.

die Inga viel viel schöner war als die Janis. Das Konzert war super. Und nach dem Gig ging er mit dem Sandro einfach backstage und traf dort wirklich die Inga Rumpf. Sie sagte so was wie »Na, Jungs, hat es euch gefallen?« und sie stammelten irgendwie zurück »Ja, super Konzert.« Sie hatten mit der Inga Rumpf geredet! Die war damals so knapp über zwanzig und sah in den Bühnenklamotten einfach chillischarf aus. Die Inga Rumpf. Von den Frumpy. Joe ist mit Putzen fertig und weiß nicht, was er mit dem Rest des Samstags anfangen soll. Er könnte vielleicht ins Metro Kino schauen. Vielleicht läuft ja was Interessantes. Gesagt, getan und schon bald versinkt Joe in den irren Technicolor Farben eines gewaltigen Westerns. Für eine Handvoll Dollar. Joe täte es auch für noch weniger, wenn er ein Revolvermann wäre.

Der Montag danach? Hart, voll hart. Wieder rein in die Hauptschule. Mit den etwas eigenartigen Lehrern, die nichts von den Wanted wussten und für die Rockmusik einfach Affenmusik war, obwohl der Vater vom Bilgeri wahrscheinlich schon einen Schimmer davon hatte, denn er sollte es ja wissen, unterrichtete er doch Musik an Joes Hauptschule. Joe mochte ihn gerne. Die Jungs von den Wanted waren jedenfalls wieder fix verschwunden in ihre geheimnisvolle Welt, zu der Joe keinen Zutritt hatte. Er wusste damals nicht, dass die meisten von ihnen ganz normale Jobs hatten. Joe kam es immer so vor, als ob Rockmusiker keine normalen Berufe haben können/dürfen. Rockmusiker waren von einem anderen Stern. Wie eben die Wanted. Und Joe driftete auf einer Umlaufbahn, die nur zu selten in die Nähe dieser funkelnden Glitzerdinger kam. Verficktes Hohenems. Doch die Zeit und der Ort hatten zumindest etwas Gutes. Du warst deinen Helden ganz nahe. Du konntest z.B. zufällig den Aberer von den Wanted oder den Schartner von den Landlady im Plattenladen beim Jäger treffen. Die hatten weder Berührungsängste noch waren sie arrogant. Du konntest sogar manchmal ein paar Worte wechseln mit ihnen, wenn sie gerade gut aufgelegt waren. Kein Problem. Es gab keine Distanz zu den Musikern. Die lebten ja auch hier im Ort. Die gingen dieselben Straßen wie du, standen am selben Bahnsteig wie du, kauften im selben Plattenladen wie du. Nur spielten sie eben in einer ganz anderen Liga wie du. Einmal war Joe mit seinem Kumpel Sandro nach Ravensburg gefahren. Inga Rumpf und die Frumpy anschauen. Mann, war das eine Frau! Die deutsche Antwort auf Janis Joplin, nur dass 64

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In der Taverne: Max erzählt. Joe wird blass. Joe macht seine Arbeit und die Monate gehen ins Land. Sein Tatort-Heft hatte er nicht mehr angerührt. Er musste Geld verdienen und die Geschäfte entwickelten sich gut. Sehr zur Überraschung von Joe. Er rechnete immer mit dem Schlimmsten, sprich mit dem Bankrott und dem schmachvollen Abstieg ganz nach unten. Aber Crazy Diamond brummte und er hatte genug um die Ohren. Ein eingehendes Fax erinnert ihn an den Schneemann. Es ist von Max. »Treffpunkt heute Abend in der Taverne, Infos über die kzs. Max.« Der gute Max hat sich diesmal Zeit gelassen. Aber egal. Joe hat sowieso keinen Schimmer, wie er im Schneemann-Fall weiterkommen soll. Er ist gespannt darauf, was Max herausgefunden hat. Als die beiden bei ihrem ersten Bier in der Taverne sitzen, entschuldigt sich Max für die Verzögerung. Er habe viel zu tun gehabt. »Geht mir gleich«, meint Joe. »Wo soll ich anfangen? Theresienstadt? ok. Lag in der Nähe von Prag und diente der ss als Ghetto für ca. 140.000 Jüdinnen und Juden. Katastrophale Haftbedingungen. Hunger, Krankeiten, Mangel. Und die ständige Angst vor der Deportation in ein Vernichtungslager.« »Vernichtungslager?« »Ja, oder Todeslager. Treblinka und Auschwitz waren zwei davon. Ende ’43 gestattete die ss dem ikrk einen Besuch in Theresienstadt. Der Delegation wurde dann im Juli ’44 die potemkinsche Fassade einer normalen Stadt vorgeführt mit Scheingeschäften, Kaffeehäusern, einem Kindergarten, einer Schule und so weiter. Von den 140.000 Menschen in Theresienstadt starben 33.000 im Ort, 88.000 kamen in die Vernichtungslager und wurden dort ermordet. Die Sowjets befreiten das Ghetto im Mai ’45. Es waren gerade noch 19.000 Menschen am Leben. Von 140.000!« »Verdammte Schweinerei«, entrüstet sich Joe. Er war fassungslos und musste gleich sein zweites Bier bestellen. »Weiter: Maly Trostinec war kein kz, sondern ein Gut einer ehemaligen Kolchose in der Nähe von Minsk. 1942 wurden dort in einem Kiefernwäldchen direkt beim Gut Tausende

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Deportationsopfer gleich nach ihrer Ankunft exekutiert. Großteils von der Waffen-ss. Die Opfer wurden vor Gruben aufgestellt und erschossen.« Wenn Max in Fahrt kam, vergaß er sogar auf sein Bier. »Riga in Lettland war ebenfalls ein Ghetto für Juden, von der ss betrieben und bewacht. Erbärmliche Haftbedingungen, ähnlich wie in Theresienstadt. In Riga kamen auch Gaswagen zum Einsatz. Jenen Menschen, denen der kilometerlange Fußmarsch vom Bahnhof zum Ghetto zu beschwerlich war, wurden Lastkraftwagen angeboten. Tatsächlich waren es Gaswagen, und die Mitfahrenden wurden während der Fahrt vergast.« Joe sitzt nur da und hört zu. Die anderen Gäste in der Taverne blendet er aus. »Stutthof war ein kz, östlich von Danzig, unterstand der Gestapo. Da weiß ich nicht viel mehr darüber, ist aber anscheinend kein Todeslager gewesen, nur wenige wurden dort vergast. Über Auschwitz brauch’ ich dir nicht viel erzählen. Das ist ja bekannt.« Joe ist platt. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein. Der reinste Albtraum! Er bestellt für Max und sich selber nochmals ein Bier. Sie reden noch über dies und das, dann verabschiedet sich Max. Er habe zu tun. Mehr sagt er nicht. Joe dankt ihm und macht sich auf den Heimweg. Menschen, die verfolgt werden, kommen hierher ins Land. Sie suchen nach Übergängen über die Grenze. Nach sicheren Übergängen. Die meisten gehen im Rheintal über die Grenze. Einige versuchen es über die Rätikonpässe. Manche werden erwischt. Kommen ins Gefängnis und später ins kz. Max hat ihm die Augen dafür geöffnet, was kz damals bedeutete. Die Chancen zu überleben waren gleich Null. Der Schneemann ist ein fanatischer Nazi und geht freiwillig mit auf Grenzpatrouille. Hat er einen von den Vieren auf seiner döw-Liste erwischt? Und dafür gesorgt, dass der ins Gefängnis kommt? Was bedeuten konnte, dass der Gefangene weiter in ein kz geschickt wurde. Wenn ja, warum hat man den Schneemann aus Rache oder sagen wir mal Gerechtigkeitssinn nicht gleich bei Kriegsende umgebracht oder zumindest eingesperrt? Max hat Joe von einer Widerstandsgruppe in Gargellen erzählt, die gegen Kriegsende verhinderte, dass sich Wehrmachtssoldaten, die nicht mehr kämpfen wollten, über die Grenze in die Schweiz absetzen konnten. Warum also hat diese Widerstandsgruppe damals nicht auch den Schneemann geschnappt?

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Laut Johannes wussten doch alle, was der für einer war. Warum also? Bleibt wohl im Dunkeln, ist sich Joe sicher. Am nächsten Morgen folgt er einer plötzlichen Eingebung. Er schwingt sich aufs Fahrrad und fährt zum Hauptpostamt. Fragt nach einem Telefonbuch von Zürich. Schlägt die Namen auf seiner Liste nach. Kramer. Negativ. Seligmann. Negativ. Dann eine Hand voll Sterns. Joe geht sie durch. Sein Atem stockt. Friedrich Stern. Telefonnummer mit Adresse. Niederdorf 17. Zufall, denkt Joe, und schlägt den vierten Namen nach. Weizmann. Nichts. Friedrich Stern, Zürich. Max hat ihm erzählt, dass einige, die es über die Grenze schafften, in Zürich geblieben sind. Die anderen fuhren weiter nach Frankreich, Amerika, England. Aber einige sind in Zürich geblieben. Sollte dieser Friedrich Stern mit dem Daniel Stern auf seiner Liste etwas zu tun haben? Joes Jagdinstinkt erwacht. Er schnappt sich das Telefonbuch und lässt sich ein freies Telefon zuweisen. Ruft die Nummer an. Niemand da. Joe lässt es lange klingeln. Doch niemand hebt ab. Er ist enttäuscht und fährt wieder nach Hause. Dort macht er sich einen starken Espresso und widmet sich seinem Tatort-Heft. Trägt den Namen Friedrich Stern, Niederdorf 17, Zürich ein. Er liest alles wieder und wieder durch. Ist sich sicher, dass er alle Fäden in der Hand hat. Muss sie nur noch miteinander verknüpfen. Aber wie? Am nächsten Tag setzt er sich ins Auto, er hat vom Scheck von Frau Mathis einen gebrauchten grünen Escort gekauft, und fährt noch einmal nach Gargellen zu Johannes. In der Hütte ist es wohlig warm. Johannes ist zuhause. Er lächelt freundlich und bittet Joe herein. Macht Tee und steckt das Landlady-Tape in den Kassettenrekorder. Dreht das Volumen etwas runter, sodass sie reden können. Joe berichtet ihm von seinen Fortschritten, von seinen Entdeckungen. »Sagt dir der Name Stern etwas. Daniel Stern?« Johannes denkt lange nach und schüttelt dann den Kopf. »Nein, ganz bestimmt nicht. Ich führte einmal einen Stern Friedrich übers Joch.« Joe hält den Atem an. »Friedrich Stern?«

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»Ja.« »Aber keinen Daniel Stern?« »Nein.« »Weißt du, was aus dem Friedrich geworden ist?« »Nein. Ich habe die Gruppe damals bis nach Klosters gebracht und bin dann übers Joch wieder zurück ins Dorf.« »Kannst du dich an ihn erinnern, an den Friedrich?« »Das ist lange her. Er war jung. 20 vielleicht. Jung und kräftig. Das weiß ich noch. Wir hatten Schnee, als wir übers Joch gingen. Die Nacht war kalt und der Marsch war wirklich hart. Aber der Friedrich hat sich gut gehalten.« »Weißt du, woher er war?« »Wien, glaube ich. Ja sicher, Wien.« Klick macht’s in Joes Gehirn. Daniel Stern, Wien, verhaftet am Schlappiner Joch. Friedrich Stern, Wien, ist mit Johannes übers Joch. Hat’s in die Schweiz geschafft. Zufall, dass beide Stern heißen? »Und nach dem Krieg hast du nichts mehr von diesem Friedrich Stern gehört?« »Nein. Nie etwas gehört von denen, die ich rübergebracht habe«. »Du weißt nicht zufällig, ob der Schneemann einen Stern verhaftet hat, damals?« »Nein. Ist alles auch schon verdammt lange her. Ich weiß nur, dass der Schneemann dabei war, als Leute verhaftet wurden.« Joe lehnt sich zurück und schlürft seinen Tee. Abwesend hört er dem Landlady-Tape zu, das Johannes einlegt und lässt seine Gedanken treiben. Er hat fast alle Puzzleteile zusammen. Eines fehlt ihm noch. Friedrich Stern. Joe verabschiedet sich von Johannes und dankt ihm für seine Auskünfte. Der meint nur, er freue sich immer über Besuch, wenn der Besuch ihm gelegen komme. Es tue ihm leid, dass er ihm nicht weiterhelfen konnte. Joe winkt ab, sagt Tschau, geht den Weg runter zu seinem Escort und fährt nach Bregenz. Auf der Fahrt hört Joe keine Musik. Das Brummen des Motors ist das einzige Geräusch im Auto. Joe denkt nur an Friedrich Stern. 69


Bei Joe zuhause: ein Telefonat nach Zürich. Am Samstag Morgen ruft Joe von zuhause aus noch einmal die Nummer an, die er sich auf dem Postamt notiert hat. Friedrich Sterns Nummer. Es läutet fünf Mal, dann nimmt jemand ab und sagt: »Stern?« Joe legt vor Schreck sofort auf. Er sitzt mit dem Höhrer in der Hand da, wie benommen. Stern. Es gibt ihn wirklich. Ist zuhause. In Zürich. 150 km weit weg von Bregenz. Nach einer Weile fasst sich Joe wieder und ruft nochmals an. Jetzt ist Stern gleich am Apparat: »Stern!« »Ja guten Tag, mein Name ist Mader. Joe Mader. Ich ruf’ aus Bregenz an. Sie kennen mich nicht. Ich wollte mit ihnen reden über einen Fall hier.« »Einen Fall?« »Einen Mord. Ich war bis vor kurzem bei der Kripo und war mit dem Fall beschäftigt. Der Mord ist immer noch nicht aufgeklärt und ich glaube, dass sie mir weiterhelfen können.«

Joe atmet aus. Er hat gewusst, dass die beiden Namen miteinander zu tun haben. Brüder! So einfach war das. »Tut mir leid, das mit ihrem Bruder. Ich bin in Wien auf den Namen Daniel Stern gestossen. Im döw. Er ist nach Auschwitz gebracht worden.« »Ja, und dort auch gestorben!« »Tut mir wirklich leid.« »Woher wissen Sie, dass er im Lager umgekommen ist?«, fragt Joe »Einer aus seiner Baracke, Daniels Freund. Der hat überlebt und mir einen Brief geschrieben. Damals war ich in Amerika.« »In Amerika?« »Ja. Zuerst Schweiz, dann Amerika, dann wieder zurück in die Schweiz. Ich wohne jetzt schon lange hier in Zürich.« »Fritz Thöny«, versucht es Joe noch einmal, »sagt ihnen nichts?«

»Kann ich mir nicht vorstellen«, meint Stern, nicht unfreundlich aber bestimmt.

»Nein.«

»Sagt ihnen der Name Fritz Thöny etwas«, fragt Joe in den Hörer hinein.

»Können wir uns vielleicht mal treffen? Möchte nur mit ihnen reden. Ich bin nicht mehr bei der Kripo.«

»Nein«, kommt es schnell zurück. Zu schnell. »Daniel Stern? Sagt ihnen das etwas?« Am anderen Ende der Leitung bleibt es still. Sehr lange. »Sind sie noch da?« »Ja«, räuspert sich Stern. »Also, was ist mit Daniel Stern?« Wieder Stille, unterbrochen von Interferenzen.

»Kommen Sie ins Odeon. Mein Stammcafé.« »Odeon? Das kenn’ ich.« »Passt es Ihnen morgen Sonntag, gegen Mittag?« »Ja, das geht gut. Aber wie erkenne ich Sie?« »Ich erkenne Sie!« Das Telefonat ist zu Ende. Joe ist plötzlich ganz ruhig. Er wird ihn treffen, den Friedrich Stern. Im Odeon in Zürich. Morgen schon. Dann werden wir sehen.

»Er war mein Bruder.«

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Er wird sterben!

Zürich: Einen Cognac, bitte!

Das Bild war wieder da. Ich sah ihn gut im hellen Mondlicht. Er kam von unten herauf und seine Steigbewegungen warfen bizarre spitze Schatten. Er ging ganz langsam. Wie alt er wohl sein mochte? Fünfzig? Sechzig? Beständig zog er seine Spur im Schnee.

Nach seinem Telefonat mit Zürich geht Joe früh schlafen. Er will fit sein für das Treffen. Traumloser Schlaf. Er erwacht bei Tagesanbruch, schläft nochmals ein und steht um 9:00 Uhr auf.

Die Landschaft um ihn herum wirkte wie ein eingefrorenes Architekturmodell ganz in weiß. Mir wurde kalt. Ich stand schon eine Stunde knapp unterhalb des Jochs jenseits der Grenze und wartete. Jetzt kam er. Bald würde er hier sein. Der Übereifrige. Der freiwillig mit auf Grenzpatrouille gegangen war und auf hart machte. Damals, als alle rüberwollten und viele erwischt worden sind. Der ein Loch in meine Familie gerissen hat. Der dafür bezahlen wird. Ein Leben für ein anderes. Biblisch? Damit habe ich nichts am Hut. Ich war zu einer Entscheidung gekommen, endlich, nach all den Jahren, all den Zweifeln. Er wird sterben. Hier oben am Joch, wo sich alles abgespielt hat. In der Weite einer Gegend, die mir damals sehr fremd war - und weiß wie Packpapier.

Joe macht sich Kaffee, zieht den einzigen Anzug an, den er besitzt und setzt sich um 10:00 Uhr in seinen Escort. Er hat ein paar Franken dabei, seinen Pass und sein Tatort-Heft. Das legt er neben sich auf den Beifahrersitz.

Jetzt schnallt er seine Skier ab und schaut mich fragend an. Ich sage nichts. Schaue ihn nur an. Sein Gesicht glänzt vor Schweiß. Der Aufstieg muss ihn doch angestrengt haben. Dann spreche ich ihn an: Geld, man will dir Geld geben, greife in meine Anoraktasche, hole mein Messer raus und steche es ihm in die Brust. Er hatte keine Chance zu reagieren. Er erwartete eine Belohnung. Und gerechten Lohn hat er bekommen. Ich ließ ihn da liegen, wo er zu Boden gegangen war. Wenn ich Glück hatte, würde der Schnee alles zudecken. Wenn nicht, auch recht. Der Messergriff ragte aus seiner Brust. Kann dort bleiben, dachte ich, ich hatte ja Handschuhe an. Keine Fingerabdrücke also. Noch einmal schaute ich auf die zusammengekrümmte Gestalt vor mir im Schnee. Es war vorbei. Ich fühlte nichts. Keine Freude, kein Hass. Es war, als ob ein erlegtes Tier vor mir liegt. Man schaut es neugierig an. Mehr nicht. Dann machte ich mich auf den Rückweg. Die Felle meiner Skier klebten am Schnee. Ich kam gut voran. Bald würde ich wieder über der Grenze sein. Wie damals. Nur, dass mir dieses Mal niemand im Nacken saß. Ich hörte nur den Wind, das Knirschen der Felle, das Einstechen meiner Stöcke und meinen Atem. Ein und aus. Das Bild war wieder da.

Er genießt die Fahrt nach Zürich. Bei Rorschach fährt er am See entlang. Der liegt grau und spiegelglatt da. Joe hört Black Sabbath. Wuchtige, kräftige Musik. Der tiefe Bass lässt ihn hinauf nach St. Gallen schweben. In Zürich parkt er irgendwo im Niederdorf und geht zu Fuß zum Odeon. Es ist ein strahlend schöner Tag. Als er das Café betritt, ist es schon ziemlich voll. Er findet einen Platz am Fenster, ein Zweiertischchen. Er bestellt Kaffee und schaut sich um. Das Odeon hat Joe schon immer gut gefallen. Der hohe Raum, die großen, überdimensionierten Fenster auf die Straße hinaus, der Kronleuchter, die Messingverkleidungen. Franz Werfel und James Joyce sollen hier ein- und ausgegangen sein. Er merkt nicht, dass er beobachtet wird. Nach einer Weile holt sich Joe die Zürcher Zeitung und setzt sich wieder. Er schlägt die Zeitung auf, überfliegt aber nur die Schlagzeilen. Plötzlich senkt sich ein Schatten über ihn. Joe blickt auf. Vor ihm steht ein älterer Mann in einem dunklen Anzug. Graue, exaltierte Fliege. Helle Haut, tiefe Falten im Gesicht, aber ganz energische Augen. Das Haar ist grau und geht schon ins Weiß über. Gepflegt, denkt Joe, und mustert ihn weiter. »Joe Mader?« »Ja.« »Stern. Friedrich Stern.« Sie schütteln sich förmlich die Hand. Stern nimmt Platz und bestellt sich einen Cognac. Etwas an ihm strahlt die Aura eines Intellektuellen aus. Aber nichts Weiches. Joe vermutet einen scharfen Verstand. »Hatten Sie eine gute Fahrt?«

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»Ja, danke.«

ein Todessymbol sozusagen.«

»Und sie wohnen also hier in Zürich?«

»Nein, das wusste ich nicht.«

»Ja, gleich hier in der Nähe.«

»Wir mussten damals durch den Schnee waten. Sehr hohen Schnee. Ich lernte den Schnee hassen. Er wurde mein Feind auf dem Weg in die Freiheit.«

Joe wusste nicht, wie anfangen. »Interessieren Sie sich für Kunst, Malerei«, fragt ihn Stern. »Ja schon, aber ich kenn’ mich nicht gut aus.« »Sagt Ihnen Giorgio de Chirico etwas?« »Mmm, schon gehört, den Namen meine ich, kenn’ aber keine Bilder von ihm.« »Schade. Er ist ein fantastischer Maler. Soulmate sagen die Amerikaner dazu. Seine Bilder sprechen mir aus der Seele. Sie sollten mal ins Kunsthaus gehen. Dort hängt ein de Chirico.« »Ja danke, vielleicht geh ich mal hin. Eigentlich wollte ich aber über Ihren Bruder mit Ihnen reden.«

»1938?« »Im Februar. Durch den verdammten Schnee hinauf aufs Joch.« Friedrich Stern verstummt und schaut zum Fenster hinaus. Das Bild war wieder da. Joe drängt nicht weiter, er hat ja Zeit. Stern macht Eindruck auf ihn. Zumindest kommt sich Joe etwas zweitklassig vor. Was kann er de Chirico, Hopper und Caspar David schon entgegensetzen? Die Gamblers, Wanted und die Landlady? Joe muss unwillkürlich grinsen. Warum denn nicht? Die zählen für ihn persönlich einfach mehr als die Maler, die Stern anscheinend so schätzt. Malen Joes Helden nicht auch ihre Bilder? Ohne Pinsel und Farben, aber mit satten Tönen und hartem Takt. Erbauung ist Sterns Ding. Joe dagegen weiß: Rockmusik, das ist die Auflösung im Hier und Jetzt.

Stern schaut Joe direkt in die Augen. »Ja, der Daniel. Wissen Sie, wie ich mich die ganze Zeit fühle? Kennen Sie Nighthawks von Hopper?« »Nein«, muss Joe zugeben. »Interessiere mich mehr für Musik.« »Die Isolation, die Kälte, ja die Deprivation. Es zieht mich in seinen Bann, das Bild.« »Ihr Bruder?«, versucht es Joe wieder. »Ja, der Daniel. Dem hätte das Bild nicht gefallen, es wäre ihm zu traurig gewesen. Er war viel zu fröhlich für Hopper. Das ist eher was für mich. Fast wie ein Caspar-DavidFriedrich-Gemälde, von der Isolation her gesehen. Das mit den Kreidefelsen, wo die drei Figuren herunterschauen, aber jede in eine andere Richtung. Das kennen Sie bestimmt.« »Ja klar«, sagt Joe, er traut sich nicht zuzugeben, dass er auch dieses Bild nicht kennt. Wollte nicht als kompletter Kunstbanause dastehen. »Wussten Sie, dass Schnee für Caspar David Friedrich sehr viel mit dem Tod zu tun hat,

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Im Odeon: Sitzen zum Entsetzen. Joe schaut sich schweigend im Odeon um, und denkt an Theme for an Imaginary Western in der Version von Jack Bruce. When the wagons leave the city, for the forest and futher on, painted wagon of the morning, dusty roads where they´ve gone... Warum, weiß er nicht. Er mag den Track und kommt sich hier im Kaffeehaus vor, wie in einem imaginären Western. Stern ist der alte Town Marshall. Die Berge sind hoch und das Wasser ist blau. Er holt das Bild von Daniel Stern heraus, das er im döw gefunden hat, und legt es auf den Tisch. Friedrich Stern schaut es an, rührt aber keinen Finger. Das Bild bleibt auf dem Tisch liegen. »Wissen Sie«, setzt Stern wieder an und bricht das Schweigen, »wissen Sie wie das ist, wenn man verschwinden muss?« »Nein, weiß ich nicht. Schrecklich, vermute ich.« »Damals in Wien wurde uns allen klar, was kommen wird. Ich selbst bin im Februar ’38 nach Feldkirch gefahren. Gargellen kannte ich ein wenig von einem Winterurlaub zusammen mit den Eltern. Ich vertraute mich einem Führer an. Wir waren zu viert.«

steil aufwärts, der Schnee lag tief, wir kamen nur langsam vorwärts. Auf dem Joch schüttelten wir uns die Hände. Gesprochen wurde wenig. Dann gingen wir hinunter nach Klosters. Von dort fuhr ich mit dem Zug nach Zürich. Ich hatte Verwandte in der Stadt. Ich blieb ein Jahr, dann ging ich nach Amerika.« »Wie lange sind Sie in Amerika geblieben?» »Lange, sehr lange. Aber es zog mich zurück nach Zürich. Ich fühlte mich wohl in dieser Stadt.« »Was wissen Sie von Daniels Verhaftung?« »Ein Freund aus seiner Baracke hat geschrieben, an die jüdische Organisation in der Schweiz. Die haben den Brief weitergeleitet. Irgendwann bekam ich ihn und erfuhr, was passiert war. Oben am Joch. Er nannte auch den Namen des Kerls, der Daniel verhaftet hat. Er kam aus Gargellen.« »Der Schneemann?« »Den kenne ich nicht. Nein, es war der Fritz Thöny.«

»War es der Johannes, der Sie übers Joch gebracht hat?« bricht es aus Joe heraus.

»Fritz Thöny ist der Schneemann«, ereifert sich Joe. »Man nannte ihn so, weil er auf Skitouren immer voller Schnee war. Der Schneemann halt.«

»Daran erinnere ich mich nicht mehr. Er war jedenfalls zuverlässig und hat uns bis nach Klosters begleitet. Der Weg war anstrengend, kräftezehrend, es hätte mich fast umgebracht. Der Schnee, der verdammte Schnee.«

»Dann weiß ich jetzt auch das. Jedenfalls hat mir die Nachricht hart zugesetzt. Ich liebte meinen Bruder und er war so jung. Ich hatte Glück, er hatte Pech. Dieser Thöny war anscheinend ein scharfer Hund. Das ist zumindest das, was mir berichtet worden ist.«

»Und Ihr Bruder?«

»Und dann?«

»Der Daniel? Der wollte nachkommen. Blieb noch bei den Eltern, die in Wien ausharren wollten. Mich schickten sie vor. Die Vorhut sozusagen. Daniel war Gymnasiast. Jung. Achtzehn. Es war ein Fehler, dass er nicht gleich mit mir gekommen ist.

»Dann? Nichts. Ich war traumatisiert. Total apathisch. Ich wollte es nicht glauben, dass Daniel tot ist. Ich stürzte mich in mein Studium, ich wollte Rechtsanwalt werden. Internationales Recht. Ich wollte dabei sein, wenn die Kriegsverbrecher verurteilt werden. Daraus ist nichts geworden, aber ich baute meine eigene Kanzlei auf und wurde ziemlich erfolgreich.«

Feldkirch. Mit dem Zug von Wien nach Feldkirch, dann Schruns, von dort zu Fuß nach Gargellen. Immer aufpassen, dass dich niemand sieht. In den Wald ausweichen, neben der Straße laufen, angespannt. Es war kalt, aber ich hatte einen dicken Mantel. Ich hatte die Adresse des Mannes, der mich führen sollte, bei mir. Ich fand auch sein Haus und traf die drei anderen, die auch weg wollten.

»Und dann, dreißig Jahre später, sind Sie wieder aufs Joch gegangen?«, lockt Joe. Stern schaut ihn lange an, schaut ihm ganz tief in die Augen. Eisig, denkt Joe. »Ich sag Ihnen, wie es war. Sie werden aber damit nichts anfangen können, vergessen Sie es. Es gibt keine Spuren oder Beweise. Der Schnee hat alles zugedeckt.«

Wir gingen in der Nacht los, nach Mitternacht. Am Anfang war der Weg leicht, dann ging’s 76

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»Jahrelang war ich wie gelähmt. Was sollte ich tun? Ich kannte den Namen Fritz Thöny. Aber was konnte ich tun? Eine Zeitlang hoffte ich auf die Entnazifizierung. Aber das wurde von den meisten Nationen nur halbherzig betrieben. Ich konzentrierte mich auf meine Kanzlei. Dann zog ich wieder in die Schweiz. Europa war mit einfach sympathischer als die USA. Auch hier arbeitete ich als Rechtsanwalt. Zürich ist ein guter Boden dafür. Jetzt war ich plötzlich wieder in der Nähe. Wieder dort, wo ich aufgebrochen war. Langsam reifte ein Plan in mir, der Wunsch, mich zu rächen, war viel früher da. Es ging um meinen Bruder. Um Daniel.« Stern nimmt einen winzigen Schluck aus seinem Cognacglas. Joe unterdrückt sein Verlangen nach einer Zigarette. Bestellt nochmals Kaffee. »Ich wusste, was zu tun war. So fuhr ich nach Gargellen und hörte mich um. Vorsichtig. Nur nicht auffallen. Der Krieg war lange vorbei, doch ich wusste, dass die Leute immer noch misstrauisch waren, wenn man über den Krieg sprach. Ich fand ihn, den Schneemann, wie Sie ihn nennen. Er lebte sein Leben, nichts Aufregendes, und wenn ich ihn so beobachtete, konnte ich gar nicht glauben, dass er meinen Bruder auf dem Gewissen hatte. Ich fuhr wieder zurück nach Zürich. Wieder verging eine lange Zeit. Doch dann handelte ich. Ich traf ihn auf dem Joch, kurz unter dem Joch eigentlich. Ich ließ ihm keine Chance, er wusste nicht, was ich vorhatte. Mein Messer hat ihn völlig unvorbereitet getroffen. Doch ich hatte genau das getan, was ich mir vorgenommen hatte. Am nächsten Tag war ich schon wieder in Zürich und ging meine Wege.«

vom Thöny, dass er ein fanatischer Nazi war, der freiwillig mit auf Patrouille ging. Ich hatte die Informationen von meinem Freund Max über die Grenzverhältnisse bei uns im Land vor dem Krieg und ich habe die Akte über ihren Bruder im döw in Wien gefunden. Alles war da. Jetzt weiß ich endlich auch, wie alles zusammengehört. Danke jedenfalls für Ihre Offenheit!« »Vergessen Sie das alles, Herr Mader. Es ist etwas Persönliches und geht nur mich was an. Die Geschichte hat längst schon vergessen und ist mit der ganzen Macht über die damalige Zeit hinweggegangen. Wer interessiert sich heute schon dafür! Ich habe überlebt, Daniel ist gestorben. Es ist, wie es ist. Jahrelang hatte ich ein großes Loch in mir. Das ist zwar nicht verschwunden, aber ich habe für Gerechtigkeit gesorgt. Ich als Rechtsanwalt habe das Gesetz persönlich in die Hand genommen. Und mein Messer in seine Brust gebohrt. Auch der Schneemann ist jetzt Geschichte.« Joe weiß, was Stern meint. Es gibt nichts mehr zu sagen und nichts mehr zu fragen. Joe bleibt sitzen. Stern lehnt sich in seinem Sessel leicht zurück, winkt dann dem Kellner und bezahlt die Rechnung, auch Joes Kaffee. Er steht auf und verabschiedet sich mit Handschlag von Joe. Dann geht er etwas gebeugt auf die Tür zu und Joe sieht, wie er langsam aus seinem Blickfeld verschwindet. Joe zündet sich eine Marlboro an und schaut aus dem Fenster. Draußen scheint die Sonne. Zürich glänzt und glitzert.

»Aber warum ist der Thöny aufs Joch gekommen?«, wollte Joe wissen. Stern lächelt. »Das älteste Lockmittel der Welt. Geld. Ich versprach ihm Geld. Erfand irgendeine Geschichte, wieso ich ihm Geld geben wollte, es habe mit dem Krieg zu tun, jemand habe sich an mich gewandt, den Rechtsanwalt. Ich soll ihm eine bestimmte Summe übergeben. Für Verdienste vor dem Krieg. Er hat den Köder geschluckt, und ist daran erstickt.« Joe sitzt da und wartet, wie es weitergeht. Doch Stern schweigt. Joe ist sicher, dass es keine Beweise für Sterns Tat geben wird. Er ist zu schlau, denkt sich Joe und lehnt sich zurück. Was soll er jetzt machen? Joe räuspert sich. »Ich habe mir gedacht, dass alles irgendwie zusammengehört. Ich wußte

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Im Escort: Alvin Lee lässt’s krachen! Am Montag Vormittag sitzt Joe im Büro seiner Detektei und hat das Tatort-Heft vor sich. Er trägt alles ein, was ihm Friedrich Stern im Odeon erzählt hat. Das wär’s, denkt er, als er fertig ist. Der Schneemann-Fall ist gelöst. Für ihn gelöst. Für die Kripo wahrscheinlich ein Fall, der irgendwann zu den Akten gelegt wird. Er ruft Max an und gibt ihm eine Kurzfassung. Max hört zu und meint abschließend: Lass es gut sein, Joe. Gerechtigkeit ist getan worden. Lass es gut sein. Joe legt auf und holt den Escort. Er will nochmals nach Gargellen. Zu Johannes. Ihm alles erzählen. Interessiert ihn wahrscheinlich, wer den Schneemann umgebracht hat. Die Hütte ist wie immer nicht abgeschlossen. Joe macht die Türe hinter sich zu und begrüßt Johannes, der ihm gleich einen Tee anbietet.

Dürfte er eigentlich nicht mehr tun. Aber was soll’s. 1965, im März, wird er fündig. Es steht klar da, schwarz auf weiß. Friedrich Stern, Zürich, 12. bis 15. März 1965. Zweck: Urlaub. Jetzt weiß Joe auch das. Die Geschichte, die ihm Friedrich Stern erzählt hat, stimmt. Er klappt das Gästebuch zu und fragt, ob er eine Kopie machen darf. Der Mann an der Rezeption zögert und nickt dann knapp. Joe bedankt sich und geht zu seinem Escort. Er steckt eine Ten-Years-After-Kassette in den Slot und dreht die Lautstärke auf. Alvin Lee. Good Mornin’ Little Schoolgirl. Es ist zwar schon später Nachmittag, aber der nächste Morgen kommt bestimmt. Vielleicht wird sich dann ein frischer Joe von seinem Nachtlager erheben, Kaffee kochen und Susi anrufen. Mal schauen.

»Du weißt, wer ihn gekillt hat?«, blitzt ihn Johannes an. »Ja«, sagt Joe und nimmt am Tisch Platz. Auf der Rückfahrt ist Joe guter Dinge. Er weiß jetzt ganz genau, was zu tun ist. Er wird sein Tatort-Heft in ein großes Kuvert packen und einem Rechtsanwalt seines Vertrauens übergeben. Bedingung: nach meinem Tod der Kripo Bregenz zukommen lassen. Dann, und Joe hofft, noch lange zu leben, wird Friedrich Stern schon längst unter der Erde liegen und niemand wird ihm mehr etwas tun können, niemand wird ihn zur Rechenschaft ziehen können für das, was er getan hat. So wird er es machen. Max und Johannes werden dichthalten. Das haben sie Joe versprochen. Der Tag ist schön und die Fahrt nach Bregenz lang. Doch wenn er schon mal in Gargellen ist, kann er gleich hier vor Ort noch etwas überprüfen. Hotel Madrisa. Friedrich Stern hat ihm erzählt, dass er die Lage ausgekundschaftet hat vorher. Dass er den Thöny beobachtet hat. Witterung aufgenommen hat, sozusagen. Und Joe tippt aufs Madrisa, dessen Belle-Epoque Flair ein Zürcher Rechtsanwalt nicht widerstehen konnte. Der Mann an der Rezeption schaut ihn freundlich an. Joe fragt nach den Gästebüchern der letzten zehn Jahre. Er bekommt sie und einen ruhigen Tisch. Joe hat die Kripo-Karte ausgespielt. Bregenz. Landeshauptstadt. Landeskriminalbeamter.

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Danke an…

Der Autor

…Rolf Aberer, vom Jazzseminar Dornbirn. Er hat mir eine Setlist seiner früheren Band The Wanted geschickt.

Hermann Braendle ist Werbetexter bei Sägenvier in Dornbirn / studierte Germanistik und Geschichte an der Uni Innsbruck / spielte Bass bei den Commercials / mischte längere Zeit in London mit (Maurice & Borris, Paradise Productions, Open University) und ist heute im Netz anzutreffen (gutername.blogspot.com, www.saegenvier.at).

…Peter Niedermair, von www.erinnern.at Er war meine Rückversicherung, Master of Ceremony and Context. Greetings mcc!

Die Figuren Joe Mader, Johannes, Fritz Thöny und Friedrich Stern sind fiktive Personen und damit frei erfunden.

Historisches Beim geschichtlichen Hintergrund über die Grenzverhältnisse in Vorarlberg während des Zweiten Weltkriegs beziehe ich mich auf:

Veröffentlichungen Hot Shot, Ö1 Literatur, 1980 / Widerstand und Verfolgung in Vorarlberg 1934 – 1945. Co Autor. Bregenz, 1983 / Von Herren und Menschen. Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933 – 1945. Co Autor, Bregenz 1985 / Strictly Garage, in: Kein Außen, kein Innen, Bregenz 1994 / Texte auf der lcd Lichtzeile im Flex Wien, 2002 / Scars: Männer über vierzig, Bucher Verlag 2007 / Schneemann: Ein Berg und Tal Krimi, Bucher Verlag 2009 / Rätikon Reader, Bucher Verlag 2009. Lebt in Bregenz, Österreich. Liebt Bergwandern … und manchmal Rockmusik.

Edith Hessenberger: Grenzüberschreitungen, von Schmugglern, Schleppern, Flüchtlingen, Schruns 2008. Gerhard Wanner: Flüchtlinge und Grenzverhältnisse in Vorarlberg 1938 bis 1944, in: Rheticus, Heft 3/4, 1998, Seite 227 bis 271.

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Tracks, die Joe gerne hört Eigenkompositionen von Gamblers, Landlady, Wanted

Shine On You Crazy Diamond Pink Floyd

Theme For An Imaginary Western Jack Bruce

All Along The Watchtower Jimi Hendrix

Bird On The Wire Leonard Cohen

Good Mornin’ Little Schoolgirl Alvin Lee/Ten Years After

Valentyne Suite Colosseum

Black Sabbath Black Sabbath

Impressum © 2009 Hermann Braendle – Alle Rechte vorbehalten Gestaltung: Oliver Ruhm, Klaus Österle, Wohnzimmer, Büro für Gestaltung, www.wz-bfg.com Lektorat: Peter Natter, Dornbirn Herstellung und Verlag: Bucher Verlag Druck Netzwerk, Hohenems, www.quintessence.at Schneemann ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der schriftlichen Erlaubnis des Autors. Auflage: 2.000 Exemplare Printed in Austria ISBN 978-3-902679-15-4 www.saegenvier.at



Schneemann