Page 36

DE R ZEI TZEU G E

Hätte man ihm damals, am 1. April vor 27 Jahren, gesagt, dass er bis hauptung vielleicht für einen Scherz gehalten. Doch es kam genau so: Ruedi Lüscher, verantwortlich bei HEKS für die Fotografie und das gesamte Bildarchiv, geht in wenigen Wochen in Pension. 124 Ausgaben

Foto: HEKS/Ueli Locher

zu seiner Pensionierung bei HEKS arbeiten würde, er hätte die Be-

Augenzeugen VON RUEDI LÜSCHER

Vor 26 Jahren habe ich in der damaligen «HEKS-Zeitung» zum Fotoarchiv, zur Fotografie, zu den Fotos bei HEKS geschrieben: «Fotos zeigen uns Facetten des Lebens, die wir auf fast keine andere Art und Weise so direkt wahrnehmen können. Die Fotografie wirkt unmittelbar und ist an keine Sprache gebunden. Ohne Fotos blieben viele Fälle von Ungerechtigkeit, Verfolgung und Unterdrückung blass. Ich denke an Auschwitz, Hiroshima, Vietnamkrieg, Apartheid, Hungerkatastrophen, Bürgerkriege, Flüchtlingselend. Haben wir noch Blicke für Bilder? Lassen wir uns von ihnen überfluten oder drängen Fotos uns dazu, bewusster zu handeln? Was bedeutet es, wenn Regierungen das Fotografieren von Ereignissen verbieten? Vielleicht das, dass Bilder nicht lügen?» Nach 27 intensiven Arbeitsjahren, immer mit dem Anspruch im Herzen, die Welt ein bisschen zum Bessern zu verändern, verlasse ich HEKS und gehe in den Ruhestand. Die Bilderflut wurde während meiner HEKS-Jahre immer grösser, unermesslicher. Überall wird fotografiert. Von allen Ecken der Erde ist jederzeit zu allem sofort ein Foto erhältlich. Schön ausgeleuchtete, retuschierte Menschen, alles ist aufgeblitzt und funkelnd. Lügen deshalb Bilder nicht? Die Bildsprache der Medien, auch der Hilfswerke, hat unsere Sichtweise verändert, geprägt. Auch ich habe Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser des «handeln», Fotos von aktiven, starken und selbstbewussten Menschen gezeigt. Ich und HEKS haben unseren Begünstigten ein Gesicht gegeben. Die Fotos haben sicher nicht gelogen, sie waren authentisch. Trotzdem, sie waren nie die ganze Wahrheit, nie das Leben, die Realität der Ärmsten. Wir haben aber versucht, eine Ahnung davon zu vermitteln. Das Bild ist losgelöst von der Wirklichkeit realer geworden. Die Wahrheit sehen wir nicht mehr, wir sehen die Bilder. Bei HEKS haben wir selten solche Fotos gezeigt, wie von diesem hungernden Kind aus Niger. Weshalb? Die Empörung über solche Fotos ist gross. Wir reden dann bald von Würde und Ethik. Weshalb empören wir uns nicht über die Realität? Vermutlich weil das Leben dieses Kindes nicht mehr zu unserer Lebensweise, zu unserem Weltbild passt.

«handeln» 324 0214

36

Profile for Hilfswerk der Evangelischen Kirche Schweiz

HEKS-Magazin handeln, Nr. 324, Mai 2014  

Sie fragen sich, wie Themenschwerpunkte in HEKS-Projekten umgesetzt werden und wie die Arbeit praktisch aussieht? Es interessiert Sie, wie H...

HEKS-Magazin handeln, Nr. 324, Mai 2014  

Sie fragen sich, wie Themenschwerpunkte in HEKS-Projekten umgesetzt werden und wie die Arbeit praktisch aussieht? Es interessiert Sie, wie H...

Profile for heks
Advertisement