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C HA N CEN G LEI CHH E IT Z A H LT S ICH A U S

Flüchtlingssonntag, 15. Juni 2014

«Hier bin ich niemand, solange ich keine Arbeit habe.» Die Flüchtlingstage rufen uns das schwere Schicksal von Flüchtlingen in Erinnerung und unsere humanitäre Pflicht, ihnen zu helfen. Immer am dritten Wochenende im Juni wird in über 200 Schweizer Städten und Gemeinden gemeinsam mit den Flüchtlingen gefeiert. Im Fokus steht die soziale Integration. Auch die 48-jährige Kolumbianerin Luz Marina Cantillon Romero, die vor zwei Jahren ihr Land verlassen musste, kämpft um ihre Integration in der Schweiz und um die Anerkennung ihrer 20-jährigen Erfahrung als Geschichtslehrerin und Menschenrechtsaktivistin. VON JOËLLE HERREN

L

UZ MARINA CANTILLON ROMERO, die wie der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez aus dem kleinen kolumbianischen Ort Aracataca stammt, musste von einem Moment auf den anderen aus ihrem Land fliehen. Ihr Leben, das so gar nichts mit den magischen Geschichten des Schriftstellers gemeinsam hat, geriet an jenem Tag ins Wanken, als sie den bewaffneten Männern entkam, die sie aus ihrem Haus verschleppen wollten. Durch die Hintertür floh sie ins Auto zu ihrem Sohn und kam nur knapp mit dem Leben davon. Von einem Tag auf den anderen musste sie ihr Zuhause, ihre Arbeit, ihre Familie und alles, was sie sich bis dahin aufgebaut hatte, hinter sich lassen.

Asylantrag auf Botschaft Sie bat die Schweizer Botschaft in Bogotá um Hilfe und versteckte sich – ohne auch nur ein Mal ihre Verwandten anrufen zu können sechs Monate lang mit ihrem 24-jährigen Sohn in

einem Kloster, bis sie schliesslich Antwort von der Botschaft erhielt. Die Schweiz nahm Mutter und Sohn auf, beide beantragten schliesslich erfolgreich Asyl. Das war vor zwei Jahren. Auch wenn Luz Marina die unfassbare Gewalt noch längst nicht verdaut hat, gehört sie zu denen, die nach vorn schauen. In Kolumbien unterrichtete sie als Mittelstufenlehrerin seit 20 Jahren Geschichte und arbeitete parallel an einem Forschungsauftrag der Universität. Sie hatte eine sichere Stellung und war anerkannt. Daneben engagierte sie sich ehrenamtlich für den Schutz der Rechte von Müttern, die Opfer bewaffneter Konflikte geworden waren. In diesem Zusammenhang erhielt sie den Auftrag der politikwissenschaftlichen Fakultät, die Geschichte von Menschen aufzuschreiben, die in einem Bananenanbaugebiet Opfer von Folter, Verschleppung, Tötung und sexueller Gewalt geworden waren. Allein in dem Dorf, in dem sie arbeitete, zählte

man 823 Tote. «Durch diese Aufgabe war ich nützlich für die Gesellschaft, sie gab meinem Leben einen Sinn. Es ging mir nie nur darum, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es war mir immer schon wichtig, mich einer Sache mit ganzer Hingabe widmen zu können.» Ich würde gerne arbeiten Mit dem Erhalt der B-Bewilligung stellte sich für Luz Marina unmittelbar die Frage nach einer Arbeitsstelle. «Ich bin der Schweiz sehr dankbar dafür, dass sie mir Unterkunft und Verpflegung bezahlt, aber ich möchte arbeiten, um nicht länger auf Hilfe angewiesen zu sein. Das ist für mich eine Frage der Würde.» Die französische Sprache macht es zusätzlich schwer. Als sie in die Schweiz kam, sprach sie kein einziges Wort Französisch. Motiviert und ausdauernd nimmt sie an verschiedenen Sprachkursen teil, unter anderem an einem Kurs der Association Découvrir, der sich an qualifizierte Frauen mit viel-

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HEKS-Magazin handeln, Nr. 324, Mai 2014  

Sie fragen sich, wie Themenschwerpunkte in HEKS-Projekten umgesetzt werden und wie die Arbeit praktisch aussieht? Es interessiert Sie, wie H...

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