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handelnextra KAMPAGNENMAGAZIN DES HILFSWERKS DER EVANGELISCHEN KIRCHEN SCHWEIZ

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Fr端hling 2012


INHALT

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Motto Schweizer Integrationspolitik im Umbruch

Einblick Die Programme und Projekte von HEKS in der Schweiz leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration sozial benachteiligter Menschen, indem Letztere mit niederschwelligen Projektangeboten und mit Hilfe von interkulturellen ÜbersetzerInnen und VermitlerInnen direkt aufgesucht werden. Vier Einblicke in die HEKS-Projektarbeit zeigen, wie das in der Praxis aussehen kann.

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«Vitalina» – Informierte Eltern erziehen gesunde Kinder HEKS AltuM – Das hält unsere Seele am Leben HEKS Wohnen – Den Alltag meistern HEKS schritt:weise – Spielend lernen

Rückblick Im März 2011 veranstaltete HEKS zum zweiten Mal die nationale Integrationswoche «Blickwechsel». Schweizer Prominente und HEKS-Projektteilnehmende zeigten sich gegenseitig ihre Lebenswelten. Wir werfen einen Blick zurück.

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Begegnungen schaffen Verständnis – Integrationswoche 2011

Ausblick Auch im Frühling 2012 organisiert HEKS wieder eine nationale Integrationswoche. Hier erfahren Sie mehr über die Prominenten, die sich an den diesjährigen «Blickwechsel»-Aktionen beteiligen, über die öffentlichen Veranstaltungen im Rahmen der Integrationswoche und über unsere spannenden Mitmachaktionen.

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«Blickwechsel»-Aktionen 2012: Das sagen die Prominenten HEKS-Integrationswoche 2012: Veranstaltungshinweise Mitmachaktionen 2012 Zu guter Letzt: Schenken Sie Hilfe

IMPRESSUM handeln extra. Kampagnenmagazin des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz. Frühling 2012. Inhaltliche Mitarbeit: Hanspeter Bigler, Corina Bosshard, Nina Gilgen, Antoinette Killias; Fotoredaktion: Ruedi Lüscher; Korrektorat: Erika Reist, Erlenbach; Gestaltung: Herzog Design, Zürich; Druck: Kyburz AG, Dielsdorf; Auflage: 4500 Exemplare Februar 2012

«handeln extra» Kampagnenmagazin «Blickwechsel» 2012

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«handeln extra» Kampagnenmagazin «Blickwechsel» 2012

Foto: HEKS/Walter Imhof

MOTTO

«Deutsch» – das Wort und die Sprache polarisieren. Nicht nur im Klassenzimmer des «Deutsch Intensiv» Sprachkurses für anerkannte Flüchtlinge in Bern. Nuruddin* weiss noch nicht genau, was er von dieser Sprache halten soll. Ist es Unsicherheit, die man in seinem Blick lesen kann? Stolz? Oder eher Neugier? Mit all diesen Gefühlen wird er konfrontiert, seit er im Oktober 2008 in die Schweiz kam. Der junge Mann hatte Somalia aufgrund der Konflikte im Land verlassen und in der Schweiz um Asyl ersucht. Seither ist Nuruddin mit Blicken konfrontiert – auf der Strasse, im Bus, in der Bäckerei. Weil er nicht versteht, was die Leute ihm sagen oder er nicht antworten kann. Es sind Blicke der Unsicherheit, manchmal ärgerliche Blicke, mal ängstlich, bisweilen neugierig. Nun sitzt Nuruddin im Klassenzimmer und lernt Deutsch. Denn Integration in eine fremde Kultur bedeutet, zu verstehen und verstanden zu werden. Die Sprache kann eine Barriere zwischen ihm und den Menschen um ihn beseitigen und einen Prozess in Gang setzen, der nicht nur die gegenseitigen Blicke, sondern auch den Zugang zu den Menschen und zur Gesellschaft positiv verändern kann. «Blickwechsel» ist auch das Motto dieses Kampagnenmagazins. Auf den folgenden Seiten finden Sie Geschichten von Begegnungen und Blickwechseln mit Menschen wie Nuruddin sowie weitere Informationen und Angebote zur nationalen Integrationswoche 2012 von HEKS, welche vom 26. bis 31. März stattfindet.

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Name von der Redaktion geändert


SOZIALE INTEGRATION

Schweizer Integrationspolitik im Umbruch In der Schweizer Sozialpolitik stehen in den kommenden Jahren wichtige Entscheide um die künftige Altersvorsorge, Invalidenversicherung und berufliche Vorsorge an. Kurz vor Abschluss steht auch das überarbeitete Ausländergesetz, welches die Integration von AusländerInnen verbindlicher regeln soll. Dieser Artikel wirft einen Blick auf den aktuellen Stand der Schweizer Integrationspolitik, andererseits aber auch auf die praktische Integrationsarbeit, die HEKS täglich leistet – für sozial benachteiligte AusländerInnen wie auch SchweizerInnen.

Die Vielfalt kantonaler Integrationspolitiken Das Thema Integration fand in der Schweiz relativ spät, erst im Verlaufe der Neunzigerjahre, Eingang in die nationale Gesetzgebung. Das 2008 in Kraft getretene Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG) legte erstmals die Grundzüge einer staatlichen Integrationspolitik von Bund, Kantonen und Gemeinden fest. Insgesamt enthalten die Gesetzestexte ein vages, offenes Integrationsverständnis mit sehr allgemein formulierten Zielvor-

gaben und bieten den umsetzenden Kantonen und Städten – in der Schweiz die zentralen Akteure der Integrationspolitik – einen grossen Ermessensspielraum. Dies schlägt sich in einer enormen Vielfalt kantonaler Integrationspolitiken nieder. Eine im Jahr 2011 durchgeführte Analyse zeigte, dass die Unterschiede vor allem entlang des «Röstigrabens» verlaufen: Die Romandie setzt tendenziell auf eine liberale, einschliessende Politikgestaltung im Bereich der Integration. Dem Grundsatz «Integration durch Partizipation» folgend, haben mit Ausnahme des Wallis beispielsweise alle Westschweizer Kantone das Ausländerstimmrecht auf Gemeindeebene für seit zehn Jahren niedergelassene AusländerInnen eingeführt. Das Wallis, Zürich und das Tessin bewegen sich im Mittelfeld, während die restriktivsten Integrationspolitiken in den ländlichen Deutschschweizer Kantonen zu finden sind. Diese stellen hohe Anforderungen an die Einbürgerung, bieten nur eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt, beispielsweise zu Anstellungen in der kantonalen Verwaltung, und stellen hohe Anforderungen an

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In der politischen Debatte in der Schweiz variieren die Auffassungen darüber, was Integration bedeutet und was Integrationspolitik beinhalten soll: Inwiefern wird Integration als Anforderungen an MigrantInnen, inwiefern als Aufgabe des Staates verstanden? In welchen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens soll Integration erfolgen? Und wann ist jemand «gut integriert»? Wenn er fliessend Deutsch spricht? Wenn er abstimmen darf? Oder eher, wenn er eine Arbeitsstelle und eine Wohnung vorweisen und selbständig für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann?

Foto: Keystone

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5 die kulturelle Integration. Ob diese kantonale Vielfalt eher nützlich oder schädlich ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der föderale Gestaltungsspielraum bietet einerseits die Möglichkeit, in einem relativ jungen Politikfeld unterschiedliche Ansätze auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Wenn es aber andererseits nicht gelingt, klare verpflichtende Mindeststandards zu verankern, wird es für die Schweiz auch künftig eine Herausforderung bleiben, die vielfältigen kantonalen Standards mit dem menschenrechtlichen Grundsatz der Gleichbehandlung in Einklang zu bringen.

Foto: Keystone

Foto: HEKS, Annette Boutellier

Foto: HEKS/Roger Wehrli

Foto: HEKS/Annette Boutellier

Die Schweiz im internationalen Vergleich Wie steht die Schweizer Integrationspolitik insgesamt im internationalen Vergleich da? Der «Migrant Integration Policy Index» (MIPEX) ist ein Länderindex, der die rechtlichen Rahmenbedingungen für Integration in allen Ländern der Europäischen Union, Kanada, den USA, Norwegen und der Schweiz analysiert und vergleicht. Dazu muss angefügt werden, dass nur die existierenden Gesetzestexte, nicht aber deren tatsächliche Umsetzung bewertet werden. Eine solche ganzheitlichere Untersuchung würde die folgenden Resultate wohl etwas relativieren: Im internationalen Vergleich lag die Schweiz für das Jahr 2010 deutlich unter dem Durchschnitt auf Rang 23 von 31. Völlig ungenügend wird der Schutz vor Diskriminierung bewertet (Rang 30 von 31), aber auch die Bedingungen für Familienzusammenführung, dauerhaften Aufenthalt und Einbürgerung wurden als restriktiv und integrationshemmend beurteilt. Bessere Bewertungen gab es für die Bildungspolitik, und beim Indikator «politische Partizipation» lag die Schweiz dank der Romandie im Mittelfeld. Allgemein kriti-

siert wurde, dass seit 2007 in allen oben genannten Bereichen keine wesentlichen Verbesserungen zu verzeichnen waren. Schweizer Integrationspolitik im Umbruch Dies soll sich nun, wenn es nach dem Willen des Bundes geht, ändern. Dieser ist unter anderem dabei, das bestehende Ausländergesetz (AuG) zu überarbeiten, und hat gemeinsam mit den Kantonen und Gemeinden eine breit angelegte Diskussion über Inhalt und Ziele der künftigen Integrationspolitik angestossen und eine Strategie erarbeitet, um die Integrationspolitik in der Schweiz zu stärken und die Integrationsförderung auszubauen. Dabei herrschte ein breiter Konsens bezüglich der vier Grundprinzipien: Chancengleichheit verwirklichen, Potenziale nutzen, Vielfalt berücksichtigen und Eigenverantwortung einfordern. Die Integration ist in den bestehenden Strukturen zu fördern – in der Schule, der Berufsbildung, am Arbeitsplatz, im Gesundheitswesen, im Sportverein. Im Fachjargon nennt man diese Orte Regelstrukturen. Dort, wo die Regelstrukturen Lücken aufweisen, kommt ergänzend und unterstützend die spezifische Integrationsförderung zum Zug. Diese soll verstärkt werden und neu im Sinne einer «Willkommenskultur» Begrüssung und Information für Neuzuziehende umfassen. Auch der Diskriminierungsschutz soll neu ein verbindlicher Bestandteil der kantonalen Integrationsprogramme sein. HEKS begrüsst diese Neuerungen und wertet es als positiv, dass die Integrationsförderung flächendeckend und in allen Kantonen nach dem gleichen Prinzip und den gleichen Zielsetzungen erfolgen soll.


SOZIALE INTEGRATION

Von der Integrationsdebatte zur Praxis Während die staatliche Seite sich erst seit rund zehn

Jahren mit Integrationspolitik befasst, haben verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen und Vereine seit Jahrzehnten pragmatisch Integrationsarbeit geleistet. Dort, wo es keine Angebote von Regelstrukturen gab oder diese die Menschen nicht erreichen konnten, haben sich HEKS und die Kirchen über die Jahre weitreichende Kompetenzen angeeignet und sich mit anderen Organisationen gut vernetzt, um die Integration sozial benachteiligter Menschen zu fördern. Dabei geht es keineswegs nur um die Integration von MigrantInnen: HEKS hat die Erfahrung gemacht, dass auch Schweizerinnen und Schweizer, etwa aus sozial tiefen oder bildungsfernen Schichten, Integrationsprobleme haben können und Unterstützungsangebote benötigen, damit sie im Alltag zurechtkommen. Bei MigrantInnen kann die soziale Integration durch fehlende Sprachkenntnisse und damit verbundene Informationslücken zusätzlich erschwert werden. Damit auch sie den Zugang zu Information und Beratung erhalten, hat HEKS stark auf interkulturelle Projekte gesetzt. Das bedeutet, dass Informationen zu Fragen der Erziehung, der Schule, der Gesundheitsförderung, des Wohnens oder der Altersvorsorge in der Muttersprache vermittelt oder durch interkulturelle DolmetscherInnen übersetzt werden. Aufsuchende Arbeit – nah bei den Menschen Neben dem Ausbau der interkulturellen Arbeit hat HEKS in den letzten Jahren auch vermehrt sehr niederschwellige und einfach erreichbare Projekte, insbesondere mit aufsuchender Arbeit, entwickelt. Dies bedeutet, dass MitarbeiterInnen von HEKS entweder auf Spielplätzen, in Quartiertreffs, Vereinen oder anderen öffentlichen Orten auf die Menschen

Fotos: HEKS/Keystone

Umstrittene Punkte Die Verlängerung von Aufenthaltsbewilligungen und die Erteilung der Niederlassungsbewilligungen sollen in Zukunft an eine gute Integration geknüpft sein. Durch die Koppelung des Aufenthaltsrechts an den Integrationsgrad wird Integration zunehmend zu einem Instrument der Zulassungspolitik, anhand deren «erwünschte» MigrantInnen ausgewählt werden können. Gerade für sozial Benachteiligte wird durch Androhung der Nichtverlängerung des Aufenthalts der Integrationsdruck erheblich erhöht. Die Wichtigkeit eines sicheren Aufenthalts als Grundlage für Integration erfährt damit eine fatale Umkehrlogik. Deshalb wäre ernsthaft darüber nachzudenken, ob Integrations- und Zulassungspolitik nicht klar getrennt werden müssen. In der parlamentarischen Debatte zum neuen Gesetzesentwurf wird neben inhaltlichen Aspekten auch die Finanzierung der neuen Integrationspolitik zu Kontroversen führen. Inhaltlich spaltet insbesondere das Instrument der Integrationsvereinbarung, welches MigrantInnen zu gewissen Integrationsleistungen verpflichten will, sowohl Sprachregionen wie Parteien. Die Verpflichtung der Kantone, Integrationsförderung zu betreiben, wird in den kantonalen und kommunalen Zuständigkeiten für Schule, Gesundheit und Sozialhilfe sehr schwer bis gar nicht eingefordert werden können. In diesen wichtigen Integrationsbereichen werden damit wohl weiterhin grosse Ungleichheiten bestehen bleiben, was zur Folge hat, dass auch die Forderung nach Harmonisierung noch deutlicher gestellt werden muss.

Fotos: HEKS/Keystone

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Politische Forderungen HEKS Gleichbehandlung: HEKS begrüsst die angestrebte Harmonisierung der kantonalen spezifischen Integrationsförderung. Es braucht aber zusätzliche Anstrengungen, verbindliche Mindeststandards zu definieren oder bereits vorhandene Mindeststandards auch umzusetzen. Prinzip der Gegenseitigkeit: Integration ist ein umfassender gesamtgesellschaftlicher Prozess. Er setzt sowohl den entsprechenden Willen der AusländerInnen als auch die Offenheit der schweizerischen Bevölkerung voraus. Es gilt, die Integrationskapazität der Gesellschaft insgesamt zu verbessern und bestehende Vorgaben umzusetzen. Integrationsvereinbarungen: HEKS befürwortet Integrationsmassnahmen, die auf Freiwilligkeit beruhen, einen beratenden und begleitenden Charakter haben und Anreize schaffen. Integrationsvereinbarungen mit Sanktionen hingegen steht HEKS ablehnend gegenüber. Dies insbesondere, da diese dem Prinzip der Gleichbehandlung widersprechen. HEKS bezweifelt zudem die Wirksamkeit dieses Instruments zur Integrationsförderung. HEKS setzt sich generell für eine Entflechtung der Zulassungs- und Integrationspolitik ein.

Fotos: HEKS/Beni Basler Fotos: HEKS/Annette Boutellier

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zugehen und Kontakt mit ihnen aufnehmen. Dadurch können auch Menschen erreicht werden, die normalerweise keine Beratungsangebote in Anspruch nehmen, sei es, weil sie diese nicht kennen oder weil die Hemmschwelle zu hoch ist. Eine andere Form sind Programme, die auf Hausbesuche ausgerichtet sind. Dieser Ansatz ermöglicht einen direkten Zugang zu den sozial benachteiligten Menschen in ihrer unmittelbaren Lebenswelt. Die Besuche in den eigenen vier Wänden erfordern Offenheit, Vertrauen und wichtige Beziehungsarbeit. Ziel der aufsuchenden Arbeit ist die Information, Beratung und Begleitung der betroffenen Menschen sowie ihre soziale Vernetzung und bei Bedarf die Vermittlung an Fachstellen und Behörden.

Die Hausbesucherinnen, Schlüsselpersonen, WohnbegleiterInnen und interkulturellen VermittlerInnen, die für HEKS arbeiten, orientieren sich bei ihrer Arbeit am Integrationsverständnis «Anerkennung der Vielfalt». Integration bedeutet nicht Gleichmacherei. Unterschiedliche Lebensformen und Biografien sind Normalität geworden. Damit das Zusammenleben in Vielfalt gelingt, braucht es eine Anerkennung dieser Vielfalt und einen positiven Umgang mit den Unterschieden. In den folgenden Projektreportagen erfahren Sie, wie dieser aufsuchende Ansatz von den Betroffenen erlebt wird und welche Veränderungen sich durch die Teilnahme an den unterschiedlichen Angeboten von HEKS ergeben haben.


EINBLICK

«Vitalina» – Informierte Eltern erziehen gesunde Kinder Die Gesundheit ihrer Kinder liegt allen Eltern am Herzen. Doch was heisst ausgewogene Ernährung? Wie viel Bewegung braucht ein Kind und wann ist es übergewichtig? Vor allem aus anderen Ländern zugezogene Eltern wissen oft nicht, wo sie Informationen auf solche Fragen erhalten. Das Projekt Vitalina schliesst diese Lücke.

Migrantinnen und Migranten geht es gemäss Bundesamt für Gesundheit gesundheitlich weniger gut als der einheimischen Bevölkerung. Sie finden weniger leicht Zugang zum schweizerischen Gesundheitssystem, treiben weniger Sport und ernähren sich ungesünder. Kinder im Vorschulalter sind besonders gefährdet, übergewichtig zu werden. «Eltern mit Migrationshintergrund sind nicht nachlässiger oder gleichgültiger als einheimische», sagt Andrea Ruder von der HEKS-Regionalstelle beider Basel und «Vitalina»-Projektleiterin. «Aber sie haben oft kaum Zugang zu wichtigen Informationen, besonders dann, wenn die Kinder noch nicht zur Schule gehen.» Das Projekt Vitalina ermöglicht fremdsprachigen Eltern mit Kindern im Vorschulalter diesen Zugang und setzt dabei auf einen niederschwelligen, aufsuchenden Weg: Von HEKS ausgebildete inter-

kulturelle Vermittlerinnen und Vermittler gehen dorthin, wo sich Eltern mit kleinen Kindern aufhalten, und sprechen die Mütter und Väter aus ihrem Kulturkreis direkt an: im Sommer in Parks und auf Spielplätzen, im Winter in Quartiertreffpunkten oder Frauengruppen. Sie diskutieren mit den Eltern in ihrer jeweiligen Muttersprache über Essgewohnheiten, informieren über den Zusammenhang zwischen Ernährung, Bewegung und Gesundheit oder geben praktische Tipps für den Familienalltag. «Diese Angebote sind wichtig», sagt die Tamilin Judith Silvakumar. Sie kam vor acht Jahren aus Sri Lanka in die Schweiz und lebt mit ihrer Familie in Liestal. «Beim ersten Kind hatten wir diese Informationen nicht. Dank ‹Vitalina› versuchen wir jetzt, alles richtig zu machen.» Die zweifache Mutter wurde vor zwei Jahren auf das Projekt aufmerksam, als die interkulturelle Vermittlerin Vasanthini Sivag-

Essen vor dem Fernseher kommt nicht mehr in Frage: Die Tamilin Judith Silvakumar (oben)

schätzt die Informationen, die sie durch «vitalina» erhalten hat – und setzt sie in die Tat um.

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Foto: HEKS/Ruedi Lüscher

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nanam ein Familienzentrum in Liestal besuchte. «Klar, ich wusste schon vorher, dass Bewegung gut und zu viel Zucker schlecht ist. Aber wie viel Zucker in einer Cola steckt oder dass die Kinder das Brunnenwasser hier trinken dürfen, das war mir nicht bewusst.» «Das Angebot von ‹Vitalina› entspricht definitiv einem Bedürfnis der Eltern aus meinem Kulturkreis», meint Vasanthini Sivagnanam. Die ausgebildete interkulturelle Vermittlerin in Tamilisch ist seit 23 Jahren in der Schweiz und gut vernetzt mit ihren tamilischen Landsleuten im Raum Basel. In Sri Lanka arbeitete sie als Hebamme, in der Schweiz als Pflegeassistentin. «In Sri Lanka leben wir in Grossfamilien. Oft hüten unsere Eltern oder andere Familienmitglieder unsere Kinder, geben uns Tipps. Hier in der Schweiz sind wir plötzlich auf uns allein gestellt. Ich war in Kontakt mit einer tamilischen Frau, die bekam in der Schweiz ihr zweites Kind, aber sie sagte mir, es fühle sich hier an wie ihr erstes. Sie sprach auch noch nicht gut deutsch und war völlig überfordert.» Oft kommen die Migranten auch schlecht mit der hiesigen Überflussgesellschaft zurecht. Aus ihrem Herkunftsland kennen die Eltern keine so grosse Vielfalt an vorfabrizierten Nahrungsmitteln. «Hier sehen die Kinder, dass alle ständig Cola trinken, und wollen es auch. Und die Eltern kaufen es, ohne sich bewusst zu sein, wie viel Zucker drin ist», erzählt Sivagnanam. «Ich frage die Eltern immer: Wie haben wir es damals in Sri Lanka gemacht, wie haben wir gelebt? Zum Beispiel haben wir dort praktisch keine zuckerhaltigen Getränke. Wir trinken Wasser und Tee. Cola und Fruchtsäfte sind etwas Feierliches, das gibt es dort nur an Hochzeiten und Geburtstagen.» Da die «Vitalina»-VermittlerInnen selbst Migrationserfahrung haben, die kulturellen Finessen des jeweiligen Ursprungslandes kennen und zudem meist selber Kinder haben, fällt es ihnen leichter, mit den Eltern in ein Gespräch über gesunde Ernährung und Bewegung einzusteigen – auf Augenhöhe von Frau zu Frau, von Mutter zu Mutter, von Tamilin zu Tamilin. Ein Vertrauen schaffendes Vorgehen, das die angesprochenen Eltern zu schätzen wissen. «Vasanthini ist für mich wie eine Freundin und Schwester», sagt Judith Silvakumar. «Weil sie mit mir tamilisch spricht, kann ich alles verstehen, offen mit ihr reden und Fragen stellen.»

«Vitalina» ist eine Initiative des Kantons BaselLandschaft und von Gesundheitsförderung Schweiz und wurde von HEKS beider Basel in Zusammenarbeit mit der Gesundheitsförderung Baselland entwickelt. Seit Mai 2010 sind die «Vitalina»-VermittlerInnen auch im Kanton Basel-Stadt unterwegs. Im Jahr 2011 konnten 17 interkulturelle VermittlerInnen in insgesamt 11 Sprachen rund 2800 Mütter und Väter mit Migrationshintergrund erreichen und informieren. Im Januar 2012 startete «Vitalina» auch in 10 Gemeinden in den Kantonen Aargau und Solothurn. Für Judith Silvakumar hat sich dank «Vitalina» einiges verändert. Da sie abends jeweils als Putzfrau arbeitet, liess sie ihre Kinder früher immer allein vor dem Fernseher essen. «Vasanthini erklärte mir, dass die Kinder dann gar nicht merken, was sie gerade essen und wann sie satt sind. Sie sagte, es sei wichtig, mit den Kindern am Tisch zu essen. Seit gut einer Woche setze ich das jetzt durch. Wir stellen den Fernseher aus und setzen uns gemeinsam an den Tisch.» «Vitalina» wirkt. Dafür hat Vasanthini Sivagnanam viele andere Beispiele. Die angesprochenen Eltern zeigen grosses Interesse an Informationen, Gesprächen und Austausch. «Viele Eltern sagen mir, dass sie den Kindern jetzt mehr Wasser und Früchte zum Znüni geben, keine Süssgetränke mehr kaufen, bunte Gemüsespiessli zum Abendessen machen oder die Inhaltsangaben auf den Verpackungen lesen. Wir können nur informieren und den Eltern sagen ‹Versucht es!›. Es ist schön, zu hören, dass die Eltern das Gehörte zu Hause auch umsetzen.»

Foto: HEKS/Vitalina

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EINBLICK

HEKS AltuM – Das hält unsere Seele am Leben Immer mehr ältere MigrantInnen verbringen ihren Lebensabend in der Schweiz. Das Projekt AltuM hilft ihnen, sich gut darauf vorzubereiten.

Rund zehn Mitglieder des Vereins serbischer Pensionäre sind heute Abend in den Örliker Schachclub «Svetozar Gligoric´» gekommen. Jeden Montag treffen sich die SeniorInnen hier zur gemeinsamen Turnstunde mit einer Gymnastiklehrerin mit anschliessendem geselligem Beisammensein. «Gesundheit ist das Allerwichtigste, sage ich meinen serbischen Landsleuten immer», sagt Milomir Illic´ nach der Gymnastikstunde. «Man muss die Leute halt manchmal überreden, damit sie kommen. Aber das ist ja mein Job.» Milomir Illic´ arbeitet als freiwillige Schlüsselperson für das HEKS-Projekt AltuM. Ziel von «AltuM» ist es, MigrantInnen ab 55 Jahren in ihrer jeweiligen Muttersprache auf die Probleme des Älterwerdens aufmerksam zu machen und sie bei altersspezifischen Schwierigkeiten zu begleiten. «Das bestehende Angebot im Bereich der offenen Altersarbeit und des Sozial- und Gesundheitswesens erreicht äl-

tere MigrantInnen häufig nicht», erklärt Projektleiterin Aida Kalamujic´. Aufgrund sprachlicher Barrieren, mangelnder Informationen oder Angst vor Behörden nutzen ältere MigrantInnen die angebotenen Dienstleistungen selten. Auch mit den hiesigen Vorsorgeeinrichtungen sind sie oft nur vage vertraut, was mit zunehmendem Alter zu finanziellen Problemen führen kann. «Wir möchten einer Isolation der älteren MigrantInnen vorbeugen und sie darüber aufklären, dass es auch im Alter Integrationsmöglichkeiten gibt.» Um diese Menschen besser zu erreichen, nehmen Schlüsselpersonen wie Illic´ eine Brückenfunktion ein. Ihre Aufgabe besteht darin, mit ihren Landsleuten eine Kulturgruppe aufzubauen und mit dieser verschiedene Aktivitäten wie Informationsveranstaltungen zu alters- oder gesundheitsrelevanten Themen oder Kurse in Altersgymnastik umzusetzen. «Ich wollte nach meiner Pensionie-

Eigentlich wollten sie im Alter ja in die Heimat zurückkehren: Milomir Illic´ (oben) und seine

serbischen Landsleute bei der wöchentlichen Gymnastikstunde in Örlikon. (rechts)

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Foto: HEKS/Ruedi Lüscher

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rung aktiv bleiben», so der heute 70-jährige Illic´ . «Also habe ich mit Freunden im Jahr 2006 den ‹Verein serbischer Pensionäre› gegründet.» Beinahe gleich alt wie der Verein ist die Zusammenarbeit mit HEKS: «‹AltuM› hilft uns dabei, die Ideen, die wir haben, in die Tat umzusetzen.» Illic´ migrierte im Jahr 1965 in die Schweiz. «Wir waren quasi die erste Arbeiterbrigade aus Jugoslawien», erinnert er sich. Als gelernter Schreiner fand der damals 24-Jährige eine Anstellung in einer Schreinerei in Örlikon. «Zu jenem Zeitpunkt war ich überzeugt, dass ich nicht lange bleiben würde. Man lebte damals gut in Jugoslawien, nur fehlte das Geld. In der Schweiz hingegen konnte man sparen. Ich habe gedacht, ich würde bald in mein Heimatdorf zurückkehren und dort eine Familie gründen.» Doch es sollte anders kommen. An eine Rückkehr denkt Illic´ schon lange nicht mehr: «Heute ist die Schweiz meine Heimat. Hier habe ich geheiratet, zwei Söhne bekommen, zwei Schwiegertöchter dazu und jetzt sogar vier Enkelkinder.» Illic´ ist kein Einzelfall. Mit zunehmendem Alter bleibt rund jeder dritte Migrant hier, und ein weiteres Drittel pendelt zwischen dem Herkunftsland und der Schweiz. Viele der nun pensionierten GastarbeiterInnen bleiben, weil ihnen die Fremde zur Heimat und die Heimat fremd geworden ist. Nach der Gymnastikstunde erholen sich die serbischen Pensionäre bei Glühwein und angeregt in ihrer Muttersprache diskutierend. «Viele Leute hier sind wie ich seit vielen Jahren in der Schweiz und sprechen trotzdem kaum Deutsch. Die haben halt auch immer gedacht, sie würden nach einigen Saisons, spätestens aber nach der Pensionierung in ihre Heimat zurückkehren und müssten daher die Sprache nicht so gut lernen», sagt Illic´. Zudem weisen viele der heute pensionierten MigrantInnen aufgrund anstrengender körperlicher Arbeit einen schlechteren Gesundheitszustand auf als gleichaltrige SchweizerInnen und verfügen im Durchschnitt über ein geringeres Einkommen. Viele dieser Probleme kommen im Alter besonders stark zum Tragen. Aleksander beispielsweise berichtet gerade von seiner Altersvorsorge: Vor zehn Jahren habe er sich seine Pensionskasse auszahlen lassen und seither davon gelebt. Es werde langsam knapp. Was er denn tun solle, wenn ihm das Geld ausgehe? «Es gibt wirklich viele Dinge, die wir nicht so richtig wis-

«AltuM» (Alter und Migration) ist ein Projekt der HEKS-Regionalstelle Zürich/Schaffhausen in Zusammenarbeit mit Pro Senectute Zürich. Zurzeit existieren 8 Kulturgruppen, die von 29 freiwilligen Schlüsselpersonen aktiv unterstützt werden. Diese bereiten sich in Weiterbildungen von Pro Senectute Zürich und «AltuM» auf ihre Aufgabe vor. sen und verstehen, die wir nur vermuten», sagt Illic´. «Hier in der Gruppe trauen sich die Leute, Fragen zu stellen und auch Vorschläge für Themen zu machen, über die sie mehr wissen möchten.» Gemeinsam mit «AltuM» organisiert Illic´ Informationsveranstaltungen zu Themen wie AHV und Pensionskasse oder zu Alters- und Pflegeheimen. Ein serbischer Treuhänder unterstützt die Leute beim Ausfüllen der Steuererklärung. Und im Februar ist ein Kurs mit einem Arzt geplant, der Fragen zur Gesundheit beantwortet. Die Gruppe organisiert auch gemeinsame Ausflüge in der Schweiz, ja sogar Reisen ins Heimatland Serbien. Während die Damen noch «Chlaussäckli» für bedürftige Kinder in Serbien einpacken, hat Aleksander bereits seine Handorgel ausgepackt, meint: «So, fertig gschnurret jetzt» und blickt erwartungsvoll in die Runde. «Ich empfehle allen älteren MigrantInnen in der Schweiz, an einer Kulturgruppe teilzunehmen oder eine solche zu gründen», sagt Illic´ noch. «Weil – erst arbeitet man nur und dann ist man plötzlich pensioniert, fühlt sich überflüssig und ausgeschlossen. Dank unserer Gruppe treffen wir uns mindestens einmal die Woche, sind unter Landsleuten und Freunden. Das hält unsere Seele am Leben, während wir älter werden.»

Fotos: HEKS/Ruedi Lüscher

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EINBLICK

HEKS Wohnen – Den Alltag meistern Viele Menschen sind aufgrund eines Suchtproblems oder einer psychischen Erkrankung mit der selbständigen Haushaltsführung überfordert. HEKS Wohnen bietet ihnen die Begleitung, die sie brauchen, um ihren Alltag in den eigenen vier Wänden meistern zu können.

Die Wohnung in der Aarauer Altstadt ist klein und verwinkelt, aber sie ist liebevoll eingerichtet und strahlt Gemütlichkeit aus. Er habe extra gelüftet, erklärt Alex Schenk*, während er Kaffee serviert, er rauche halt manchmal hier drinnen. Kaum zu glauben, dass sich in dieser Wohnung vor nicht einmal einem Jahr ganz andere Szenen abgespielt haben. «Ja, ich spritzte die Drogen auch hier zu Hause. Am Ende zwei bis drei Flaschen Ketamin täglich», erinnert sich Schenk. «Die Drogen nahmen mehr und mehr Besitz von mir, aber ich glaubte es noch immer nicht. Ich war fest davon überzeugt, die Sache voll im Griff zu haben. Das war ein Irrtum.» Schenk kam vor dreissig Jahren von Hamburg in die Schweiz. Acht Jahre arbeitete er im aargauischen Sozialdienst in der Asylbewerberbetreuung, dann als selbständiger Taxiunternehmer und später in einer Bootswerft im Tessin. In den tristen Wintermonaten zog es ihn dort an den Wochenen*

den oft nach Milano, wo er erstmals mit Drogen in Kontakt kam. Als er dann die Diagnose HIV positiv bekam, kehrte er für medizinische Abklärungen in die Deutschschweiz zurück. Hier fand er nur schwer wieder einen Job. Der Griff zu den Drogen habe nahegelegen, der Absturz sei vorprogrammiert gewesen. Ein Jahr lang konsumierte Schenk fast täglich Drogen, gesundheitlich ging es immer mehr bergab. Am 17. Februar 2011 folgte dann ein Nahtoderlebnis in seiner Wohnung. «Meine eigene Beerdigung spielte sich wie ein Film vor meinen Augen ab. Ich sah meinen Namen und mein Todesdatum auf dem Grabstein eingraviert und meine Freunde weinen. Das meisselte meinen Entschluss in Stein: Ich muss Hilfe annehmen, ich muss da rauskommen.» Für einen Monat begab sich Schenk freiwillig in eine Entzugsstation, wo er viel Sport trieb und von Tag zu Tag stärker wurde. Doch aus der Entzugsstation müsse man irgendwann einmal raus, ins

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Sie öffnen verschlossene Türen: HEKS-Wohnbegleiter wie Michael Arnold (rechts) unterstützen ihre

KlientInnen durch regelmässige Besuche bei der selbständigen Haushaltsführung.

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Foto: HEKS/Ruedi Lüscher

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richtige Leben zurück, sagt er: «Hier fängt der steinige Weg erst an. Hier kommt das, was die Sucht ausmacht.» Schenks Sozialarbeiterin schlug vor, nach dem Entzug die HEKS-Wohnbegleitung in Anspruch zu nehmen. «Anfangs war ich gar nicht begeistert von der Idee. Dachte, jetzt kommt da einer in meine Wohnung und kontrolliert mich, meine Wohnung und mein Leben.» An das erste Treffen mit seinem HEKS-Wohnbegleiter Michael Arnold erinnert Schenk sich gut: «Ich hatte einige Kilo ungeöffneter Briefe rumliegen, eine ohnmächtige Menge. Ich hab in den Monaten zuvor alles schleifen lassen, hab es nicht mal geschafft, den Briefkasten zu leeren, weil ich wusste, da sind wieder Haftandrohungen, Mahnungen, Rechnungen.» Er erinnert sich, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel, als Arnold die Briefe in zwei Migros-Tüten packte, sie unter den Tisch stellte und sagte: «So, die sind vom Tisch, die nehm ich mit.» «Ich wollte erst mal alle Forderungen von aussen an ihn abblocken, damit er eine Chance hatte, wieder zu sich selbst zu kommen», erklärt Arnold. Im Rahmen des Projekts HEKS Wohnen besuchte der HEKS-Wohnbegleiter seinen Klienten ab dann einmal die Woche. HEKS Wohnen bietet Menschen mit Suchtproblemen, psychisch Erkrankten, Haftentlassenen, aber auch von Obdachlosigkeit bedrohten Familien Wohnraum an und unterstützt sie mit regelmässigen Besuchen und gezieltem Wohntraining im Alltag. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden wieder ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden führen können. «Anfänglich hat Michael alles für mich organisiert, und ich brauchte nur zu unterschreiben», erzählt Schenk. «Danach gab er mir immer mehr kleine Hausaufgaben, die ich zu erledigen hatte: den Betreibungsregisterauszug holen, die Steuererklärung machen. So fing ich an, wieder selbständig zu laufen.» Arnold wurde für Schenk zur wichtigen Bezugsperson: «Der Montag war immer ein Lichtpunkt, auf den ich mich konzentrieren konnte, weil ich wusste, dann kommt Michael», erzählt er und lächelt: «Auch wenn Michael das nie direkt von mir verlangt hat, so nahm ich seinen Besuch immer als Anlass, die Wohnung sauber zu machen. Ich hab mich nie kontrolliert oder unter Druck gefühlt, sondern es immer geschätzt, wenn er kam.» Schenk ist nun seit zehn Monaten drogenfrei. Alle Unterlagen sind wieder à jour, sein Schulden-

HEKS Wohnen Aargau bietet seit 1999 begleitetes Wohnen in den eigenen vier Wänden, in HEKS-eigenen Wohnungen und in möblierten Notwohnungen, darunter auch eine Familienwohnung. Die Nachfrage nach der Kombination von Wohnraumvermittlung und Wohnbegleitung ist gross, weil viele Gemeinden diese Dienstleistungen nicht selber erbringen können. Zurzeit begleitet HEKS Wohnen Aargau rund 85 KlientInnen in 48 Wohnungen. Das Projekt HEKS Wohnen gibt es auch in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft. berg ist abbezahlt. In der Entzugsstation erlernte er das Veloflicken und begeisterte sich dafür. Er hat eine kleine Velowerkstatt in seinem Keller eingerichtet, wo er alte Velos wieder in Schuss bringt. Zudem ist Schenk bis Ende Jahr in der Velostation am Bahnhof Aarau beschäftigt. Ab Anfang 2012 will er wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen. «Ich würde gern in einer Behindertenwerkstätte oder in einem Altersheim arbeiten. Auch die Arbeit mit Asylbewerbern könnte ich mir wieder vorstellen.» Ab dem neuen Jahr wird Arnold ihn nur noch zweimal im Monat besuchen. Über die Frage, was ohne die Wohnbegleitung gewesen wäre, denkt Schenk eine Weile nach. «Allein hätte ich es nicht geschafft. Ich hätte wohl wieder Rückfälle gehabt. Auch nach dem Entzug ging es ja emotional immer wieder rauf und runter. Nicht ganz so steil wie vorher, aber die Gefahr des Abgleitens war immer da. Michael hat mich immer unterstützt und ermuntert, aber er hat mir auch Leitplanken gegeben und Gefahren aufgezeigt, wo ich abrutschen könnte. Er war mir ein sehr wichtiger Partner auf einem sehr steinigen Weg.»

Foto: HEKS/Ruedi Lüscher

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EINBLICK

HEKS schritt:weise – Spielend lernen Fundamente für Schulerfolg und Zukunftschancen werden schon in den ersten Lebensjahren gelegt. Das HEKS-Projekt schritt:weise setzt sich dafür ein, dass auch Kinder aus sozial benachteiligten Familien auf diese Fundamente bauen können.

Die ersten Lebensjahre sind für die kindliche Entwicklung entscheidend. Kinder aus bildungsfernen oder finanziell schlechtgestellten Familien sind in der Schule oft benachteiligt, was sich auf ihre Zukunftschancen auswirkt. Eine früh einsetzende und altersspezifische Förderung kann die Startchancen sozial benachteiligter Kinder jedoch deutlich verbessern. Das HEKS-Spiel- und Lern-Programm schritt:weise richtet sich daher gezielt an sozial benachteiligte Familien, die Unterstützung in der Förderung und Erziehung ihrer Kleinkinder im Alter von 18 Monaten bis dreieinhalb Jahren benötigen. Wie Familie Yilmaz* aus St. Gallen: «Meine Eltern, Schwiegereltern und Geschwister sind in der Türkei oder sonst weit weg, ich habe kaum Kontakt zu ihnen», erzählt Meral Yilmaz, während ihre beiden Töchter, die dreieinhalbjährige Nura und die 13 Monate alte Nevin, neben ihr in einem Bilderbuch *

blättern. «Ich fühlte mich oft einsam, vor allem seit dann Nura zur Welt kam. Ich wusste nicht, wie man ein Kind fördert, wie man es erzieht. Nura hat so viel geweint und geschrien am Anfang. An manchen Tagen dachte ich, mir falle die Decke auf den Kopf.» Nach einem Bandscheibenvorfall verlor ihr Mann seine Festanstellung, und Konflikte mit der Familie des Ehemannes in der Türkei erschwerten die Situation der jungen Mutter, die nun mehrere Abende in der Woche zu arbeiten begann, zusätzlich: «Das war alles sehr belastend, für meinen Mann, für mich und auch für Nura.» Die Eltern wurden schliesslich von der Mütter- und Väterberatung auf «schritt:weise» aufmerksam gemacht und meldeten sich mit Nura für das 18-monatige Programm an. «Es ist nicht immer leicht, an die Familien, die Unterstützung benötigen, heranzukommen»,

Namen von der Redaktion geändert

Um viele Spielideen und gemeinsame Erfahrungen reicher: Meral Yilmaz nahm mit ihrer

älteren Tochter Nura (oben rechts) am Frühförderprogramm schritt:weise teil.

«handeln extra» Kampagnenmagazin «Blickwechsel» 2012

Foto: HEKS/Mirjam Wirz

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«handeln extra» Kampagnenmagazin «Blickwechsel» 2012

«schritt:weise» ist ein Projekt der HEKS-Regionalstelle Ostschweiz. Das Programm ist weitgehend identisch mit dem in den Niederlanden entwickelten Lern- und Förderprogramm «Opstapje» und richtet sich an sozial benachteiligte Familien ausländischer und schweizerischer Herkunft. Die Familien nehmen während 18 Monaten am Projekt teil und bezahlen für diese Dauer 270 Franken inklusive Materialien und Unterlagen. Per Ende September 2011 wurde der zweite Durchgang des im Jahr 2008 gestarteten Programms mit 15 Familien beendet. Die weiterführende Finanzierung des Projekts im Kanton St. Gallen ist noch offen. HEKS schritt:weise wird seit November 2009 auch in der Stadt Zürich durchgeführt.

Alle zwei Wochen finden zudem Gruppentreffen statt, an denen sich die teilnehmenden Familien austauschen. Gemeinsam werden auch Gemeinschaftszentren, Ludotheken oder Spielgruppen vorgestellt und besucht, mit dem Ziel, dass die Eltern diese Angebote später bei Bedarf selbständig nutzen und aufsuchen. Ziel von «schrittweise» ist es auch, die Eltern zu überzeugen, ihre Kinder in eine Spielgruppe oder Krippe zu schicken. Dort lernen sie Deutsch und gewöhnen sich an einen strukturierten Tagesablauf – beides wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start im Kindergarten. Nura beispielsweise konnte nach Abschluss des «schritt:weise»-Programms an eine Spielgruppe vermittelt werden, die sie jetzt an vier Halbtagen in der Woche besucht und wo sie sich gut eingelebt hat. «Sie hatte gar keine Angst, allein dort zu sein», sagt Meral Yilmaz. «Es war gut für sie, durch ‹schritt:weise› auch mal eine Fremde im Haus zu haben, sich an andere Leute zu gewöhnen.» «Dank ‹schritt:weise› habe ich immer Ideen, Anregungen und Spielsachen bekommen, die genau auf den Entwicklungsstand meiner Tochter angepasst waren», betont Meral Yilmaz. All die Ideen und Anregungen, die sie erhalten hat, will sie auch an ihre jüngere Tochter Nevin weitergeben, wenn diese das richtige Alter hat. Von vielem profitiert die Kleine jetzt schon: «Das Wichtigste und Schönste, was ich jetzt mit den Kindern viel öfter mache, ist das Geschichtenerzählen. Von ‹schritt:weise› habe ich diese Handpuppe bekommen ...» Nura hopst schon aufgeregt auf und ab, als ihre Mutter das kleine Häschen aus der Kiste holt und es mit ihrer Hand zum Leben erweckt, und die kleine Nevin quietscht vor Freude, als das Häschen mit den Ohren wackelt. «Mit dem erzähle ich den Kindern jetzt immer eine Geschichte, bevor sie schlafen gehen. Sie lieben das.»

Foto: HEKS/Mirjam Wirz

sagt Amadea Thoma, Projektleiterin von HEKS schritt:weise in St. Gallen. «Auf Spielplätzen trifft man diese Eltern kaum an, denn viele leben isoliert.» Dank guter Vernetzung mit anderen Organisationen, umfangreichen interkulturellen Kontakten und aufsuchender Familienarbeit findet HEKS jedoch den Zugang zu den Familien. «Manchmal sprechen wir Mütter direkt in der Migros beim Einkaufen an. Oder Eltern, die am Programm teilgenommen haben, kennen andere Eltern, die ähnliche Schwierigkeiten haben, und empfehlen ihnen das Projekt weiter.» Eine wichtige Komponente des «schritt:weise»Programms sind die wöchentlichen Hausbesuche. Von geschulten Frauen werden den Eltern in ihrer Wohnung gezielte Spiel- und Übungseinheiten vermittelt, welche die motorische, kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes fördern. «Wir behandelten jede Woche ein anderes Thema und bekamen diesen grossen Werkordner mit all dem Material: Spielideen, Malvorlagen, Kinderlieder, Gutenachtgeschichten», erzählt Meral Yilmaz. Die Familie wurde zuerst von einer türkischsprachigen, später von einer Schweizer Hausbesucherin betreut. «Manchmal gingen wir auch nach draussen, und ich lernte, dass Nura auch mal rumtoben oder irgendwo hochklettern darf. Früher habe ich ihr das immer verboten, weil ich Angst hatte. Einmal durfte Nura auch in der Badewanne testen, welche Gegenstände sinken und welche schwimmen, was sich mit Wasser vollsaugt und was nicht. Wir haben beide so viel gelernt.»


RÜC KBLICK

Begegnungen schaffen Verständnis Im März 2011 organisierte HEKS zum zweiten Mal die nationale Integrationswoche «Blickwechsel». Wir werfen einen Blick zurück. «Die globalisierte Welt ist ein Dorf geworden», antwortete der Dichter und Schriftsteller Pedro Lenz auf die Frage, weshalb er an der HEKS-Integrationswoche teilnehme. «Deswegen ist es höchste Zeit, dass wir uns auf dieser Welt auch wie Dorfbewohner verhalten, dass wir aufeinander zugehen und uns dafür interessieren, wer mit uns das Dorf bewohnt.» Integration bedeutet für HEKS genau das: Dass Menschen aufeinander zugehen und einen Blick auf die Seite des anderen werfen. Im Rahmen der nationalen Integrationswoche organisierte HEKS daher unter dem Motto «Blickwechsel» Begegnungen zwischen prominenten Persönlichkeiten und VertreterInnen von HEKS-Integrationsprojekten. Ziel war es, dass die Teilnehmenden sich gegenseitig ihren Alltag zeigen und die Lebenswelt des anderen kennen und verstehen lernen.

vom HEKS-Projekt schritt:weise, das sich der Frühförderung von Kleinkindern widmet. Jetzt arbeitet sie als Haubesucherin in St. Gallen selbst für das Projekt. Im Rahmen des «Blickwechsels» stellte sie der Radio- und Fernsehmoderatorin Mona Vetsch ihre Arbeit vor. Vetsch wiederum lud Pioda ins Radiostudio in Zürich ein, wo sie ihr bei der Moderation der Morgensendung über die Schulter schauen durfte. Aargau/Solothurn: Ayten Gülkanat-Sarlar arbeitet als interkulturelle Dolmetscherin für Türkisch bei HEKS Linguadukt. Im Rahmen des «Blickwechsels» besuchte sie eine Vorstellung des Aargauer Bühnenpoeten Simon Libsig und einen seiner StoryWorkshops. Gülkanat-Sarlar wiederum führte Libsig durch Olten und zeigte ihm Stationen aus ihrem Leben. «Fasziniert hat mich die Arbeit von Ayten», meint Libsig nach dem «Blickwechsel». «Wie für mich als Poet ist auch für sie als interkulturelle Übersetzerin jedes einzelne Wort wichtig. Da wird nichts überhört oder weggelassen.» Basel: In Basel traf sich Georges Bourquard, Projektteilnehmer von HEKS-Wohnen, mit der Theaterdirektorin und Schauspielerin Caroline Rasser und konnte dabei einen Blick hinter die Kulissen der Theaterwelt werfen. Beeindruckt waren am Ende beide: «Die Sicht auf das Leben von Georges Bourquard hat mich beeindruckt», so Rasser. «Es ist eine Welt, die räumlich so nah und doch so verschieden ist zu meiner eigenen.» Zürich: In Zürich verbrachte der afghanische Asylbewerber Mahmud Wahidi einen Tag mit dem

6 x 2 Lebenswelten

Foto: HEKS/August Saalem

Bern: Der Schriftsteller Pedro Lenz verbrachte einen Tag mit der Eritreerin Tigist Haile. Die junge Asylsuchende zeigte ihm den Ort, wo sie dank HEKS ein Praktikum mit Behinderten machen konnte. Im Gegenzug nahm Lenz sie mit in sein Büro in einer ehemaligen Kartonagefabrik, wo sie dann gemeinsam für den Abend übten: Vor begeistertem Publikum trugen die beiden in einer Lesung im Berner Kornhaus ihre Texte auf Amharisch und Deutsch vor. Ostschweiz: Früher erhielt die junge, alleinerziehende Mutter Connie Pioda selbst Unterstützung

Foto: HEKS/Annette Boutellier

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Tigist Haile mit dem Berner Schriftsteller Pedro Lenz

Connie Pioda mit der Radio- und Fernsehmoderatorin Mona Vetsch


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Foto: HEKS/Ruedi Lüscher

Präsidenten des FC Zürich, Ancillo Canepa. Während Wahidi dem Training der 1. Mannschaft beiwohnen durfte und mit Canepa das FCZ-Museum besuchte, stellte er ihm danach im Gegenzug das HEKS-Integrationsprojekt «HEKS rollt» vor und radelte gemeinsam mit ihm durch Wädenswil. Lausanne: In Lausanne begleitete Chimène Maraviglia, Teilnehmerin im HEKS-Projekt Mentorat Emploi Migration, den Radiomoderator Etienne Fernagut ins Radiostudio, wo sie bei der Vorbereitung seiner Sendung «La ligne du cœur» mithalf und das Archiv des Radios besichtigte: «Endlich konnte ich wieder einmal in die Archivwelt tauchen», so die in Benin ausgebildete Archivarin nach dem «Blickwechsel». «Es war super, Leute kennenzulernen, die dieselbe professionelle Sprache sprechen wie ich.» Einen weiteren Eckpfeiler der Integrationswoche bildeten die von den HEKS-Regionalstellen organisierten Veranstaltungen in Zürich, Basel, St. Gallen, Bern, Aarau und Lausanne. Diese reichten von Tagen der offenen Tür über virtuelle Stadtrundgänge bis zu Lesungen und Erzählabenden. Die vielfältigen Aspekte und Herausforderungen der sozialen Integration wie auch die zahlreichen HEKSIntegrationsprojekte wurden den Teilnehmenden so auf überraschende und unterhaltsame Weise nähergebracht.

Georges Bourquard mit der Basler Theaterdirektorin Caroline Rasser

Foto: HEKS/Annette Boutellier

Auch während der HEKS-Integrationswoche 2012 werden wieder Blickwechsel zwischen HEKSProjektteilnehmenden und Schweizer Prominenten und regionale Veranstaltungen und Anlässe zum Thema soziale Integration stattfinden. Finden Sie mehr Informationen dazu auf den folgenden Seiten.

Foto: HEKS/Karin Ammon

Foto: EPER/Luca Da Campo/Strates

Mahmud Wahidi mit dem Präsidenten des FC Zürich, Ancillo Canepa

Ayten Gülkanat-Sarlar mit dem Bühnenpoeten Simon Libsig

Chimène Maraviglia mit dem Radiomoderator Etienne Fernagut


AUSBLICK

«Blickwechsel»-Aktionen 2012 Im Rahmen der Integrationswoche 2012 werden sich Schweizer Prominente wie -minu, Ivo Kummer, Walter Däpp, Michael Hüppi und Rolf Hiltl mit HEKSProjektteilnehmenden treffen und austauschen. Das sagen sie über ihre Motivation, an einem solchen Blickwechsel teilzunehmen:

BLICKWECHSEL AARAU/SOLOTHURN

BLICKWECHSEL BASEL

Ivo Kummer

-minu

Leiter der Sektion Film im Bundesamt für Kultur

Journalist und Fernsehkoch

«Woher man kommt, wo man steht, wohin man geht – ich freue mich auf den Blick- und Wortwechsel mit Menschen, deren Woher, Wo und Wohin ich nicht kenne und sie jenes von mir auch noch nicht.»

«Blickwechsel? – Wir wechseln täglich Hunderte von Blicken. Die einen Augen sind einem sympathisch. Die andern machen uns Angst. Aber können wir auf den ersten Blick hin urteilen? Beurteilen? Oder gar verurteilen? Der Blickwechsel ist stets der Anfang – für mich ist es wichtig, jemanden näher kennenzulernen, um ihn zu verstehen. Um zu kapieren, wie er reagiert. Um zu wissen: was und wer er ist. Vor allem aber: w a r u m er so ist. Deshalb finde ich die Serie der Blickwechsel von HEKS so wichtig. Sie schenken uns einen Ein-Blick – und helfen, falsche Blickwinkel abzubauen. So etwas unterstütze ich gerne.»

Ivo Kummer ist seit Juli 2011 Filmchef im Bundesamt für Kultur und verantwortlich für die Bereiche Filmproduktion und Filmkultur der Schweiz. Zuvor war er langjähriger Direktor der Solothurner Filmtage. Nach seiner Tätigkeit als selbständiger Journalist wurde Kummer 1986 Mediensprecher bei den Solothurner Filmtagen. Ein Jahr später gründete er die Mediengesellschaft Insertfilm AG, bei der er als Filmproduzent und Geschäftsführer arbeitete und zahlreiche Kino-, Fernseh- und Offscreen-Produktionen gestaltete, bis er im Jahr 1989 zum Direktor der Solothurner Filmtage ernannt wurde.

Der in Basel geborene Journalist, Schriftsteller und TV-Moderator -minu, eigentlich Hans-Peter Hammel, schreibt seit 1967 wöchentlich Kolumnen für die «Basler Zeitung» sowie Gastkolumnen für Schweizer Zeitungen. Seine Berichte aus dem Basler Gesellschaftsleben haben ihn berühmt gemacht: Er gehört heute zum Stadtbild wie das Münster oder der Basilisk. Auf Telebasel hat er seit 2008 die Sendung «-minus Monat» und seit dem Jahr 2000 die Kochsendung «Kuchiklatsch». Er ist Autor von mehreren Kochbüchern und seine Kolumnen und Geschichten sind in über 40 Bänden erschienen.

«handeln extra» Kampagnenmagazin «Blickwechsel» 2012

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BLICKWECHSEL OSTSCHWEIZ

BLICKWECHSEL ZÜRICH/SCHAFFHAUSEN

Walter Däpp

Michael Hüppi

Rolf Hiltl

Journalist und Autor

Rechtsanwalt, Politiker und Vizepräsident des FC St. Gallen

Chef des ältesten vegetarischen Restaurants Europas

«Fast ein Viertel aller 7000 Mitarbeitenden im Berner Inselspital sind Ausländerinnen und Ausländer. Sie kommen aus über 70 Ländern, und wir sind froh um sie. Allein in Bern leben Menschen aus 160 Ländern und aus den verschiedensten Kulturkreisen. Das ist für alle, für Ausländerinnen und Ausländer und für Schweizerinnen und Schweizer, eine Herausforderung. Aber auch ein Gewinn. Und eine Chance. Wenn wir bereit sind, einander mit Respekt zu begegnen – offen und neugierig aufeinander zuzugehen.»

«Sich begegnen heisst, Schritte aufeinander zugehen, Neues kennenlernen und den Horizont der Erfahrungen und das Verständnis erweitern. Ich freue mich darauf, jemanden kennenzulernen, dem ich in meinem Alltag bisher nicht begegnet bin und dem ich vielleicht nie begegnet wäre. Begegnungen sind das Salz in der Suppe des Lebens.»

«Unser Team im Haus Hiltl umfasst Menschen aus über 50 Nationen. Diese Vielfalt schätze ich enorm, und sie öffnet auch mir immer wieder neu meinen persönlichen Horizont. Deshalb und weil ich weiss, dass vor Gott jeder Mensch aus jeder Nation gleich wertvoll ist, nehme ich mit Motivation und Freude am ‹Blickwechsel› teil.»

Walter Däpp ist Journalist in Bern, vor allem bei der Tageszeitung «Der Bund». Von 1973 bis 1983 war er Redaktor von Schweizer Radio DRS. Unter dem Titel «We das jede wett» wurden hundert «Worte zum Tag» von Walter Däpp, die von 2002 bis 2006 von Schweizer Radio DRS ausgestrahlt wurden, als Buch veröffentlicht. Neben seinen RadioMorgengeschichten und Reportagen aus der Schweiz veröffentlichte Däpp im Jahr 2011 zusammen mit dem Fotografen Hansueli Trachsel zudem den Porträtband «Vom Traum, reich zu sein» über Armutsbetroffene in der reichen Schweiz.

Michael Hüppi lebt und arbeitet als Rechtsanwalt in St. Gallen, welches auch seine Geburtsstadt ist. Er ist Präsident oder Mitglied von verschiedenen Verwaltungsräten und Stiftungsräten diverser Ostschweizer Unternehmen und Stiftungen, war Präsident des St. Gallischen Anwaltsverbandes und ist derzeit Vorstandsmitglied des Schweizerischen Anwaltsverbandes. Er war Präsident des FC St. Gallen und ist seit 2010 dessen Vizepräsident.

Rolf Hiltl ist der Chef des ältesten vegetarischen Restaurants Europas, dem 1898 gegründeten Haus Hiltl. Rolf Hiltl führt es heute zusammen mit seiner Frau Marielle in vierter Generation. Er absolvierte eine Kochlehre im Grand Hotel Dolder in Zürich. Darauf folgten die Hotelfachschule in Lausanne und Aufenthalte in San Francisco, Acapulco und Paris. Der Urenkel des Gründers Ambrosius Hiltl übernahm die Leitung des Hauses Hiltl im Jahre 1998 – exakt 100 Jahre nach der Ersteröffnung. Im gleichen Jahr erschien das erste Buch von Rolf Hiltl: «Vegetarisch nach Lust und Laune» mit Rezepten des Restaurants, das zu einem Klassiker der gehobenen vegetarischen Küche geworden ist.


AUSBLICK

HEKS-Integrationswoche 2012: Veranstaltungshinweise REGIONALSTELLE AARGAU/SOLOTHURN

«Yeter Sits Blick auf Aarau» Ein Stadtrundgang Die aus der Türkei stammende Kurdin Yeter Sit kam 2007 als Asylsuchende in die Schweiz und wurde 2009 als politische Flüchtlingsfrau anerkannt. Sie wohnt in Aarau und arbeitet heute als interkulturelle Übersetzerin für HEKS. Bei einem Stadtrundgang stellt Yeter Sit «ihr» Aarau vor. Begleitet wird sie dabei von Susanne Dul, die seit mehr als zehn Jahren thematische Stadtführungen in Aarau anbietet. Gemeinsam schlagen die beiden Frauen einen Bogen zwischen Kurdischem und Schweizerischem, zwischen Aarau und Istanbul. Mit anschliessendem Apéro in der HEKS-Regionalstelle in Aarau. Anmeldeschluss: 16. März 2012 Datum: Zeit: Ort:

Dienstag, 27., Mittwoch, 28., und Freitag, 30. März 2012 17 bis ca. 18.15 Uhr Aarau, Besammlung am Holzmarkt

REGIONALSTELLE OSTSCHWEIZ

«Teigresten» – Texte, Geschichten, Szenen Szenische Lesung mit Joachim Rittmeyer Teigresten – das sind die Gebilde, die beim Guetzlen ausserhalb der Stanzformen entstehen. Bei Autor und Kabarettist Joachim Rittmeyer ist es der gesamte Edelausschuss – ausserhalb der Solostücke entstanden und einfach zu gut, um nicht auch vorgesetzt zu werden. Existenzielle Komik im Alltäglichen aus der entwaffnenden Sicht von AussenseiterInnen, KünstlerInnen und zugewanderten Personen. Eintritt: CHF 25.–, Anmeldeschluss: 15. März 2012 Datum: Zeit: Ort:

Donnerstag, 29. März 2012 19 – 22 Uhr St. Gallen, Jugendbeiz Talhof, Torstrasse 14

REGIONALSTELLE ZÜRICH/SCHAFFHAUSEN

«Literarische Lesung» Ein kultureller Abend mit Catalin Dorian Florescu Catalin Dorian Florescu floh im Sommer 1982 als Jugendlicher mit seinen Eltern aus Rumänien in die Schweiz. Seit dem Jahr 2001 arbeitet er als freier Schriftsteller. 2011 erhielt er für seinen Roman «Jacob beschliesst zu lieben» den Schweizer Buchpreis. Hören Sie Catalin Dorian Florescu in einer öffentlichen Lesung und erfahren Sie mehr über die HEKS-Programme in Zürich und Schaffhausen beim anschliessenden Apéro. Anmeldeschluss: 29. März 2012. Datum: Zeit: Ort:

Freitag, 30. März 2012 Türöffnung 18.30 Uhr, Beginn 19 Uhr, Apéro ab 20.30 Uhr Winterthur, Stadtbibliothek, Obere Kirchgasse 6

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REGIONALSTELLE BEIDER BASEL

«Blickwechsel durch Sprachwechsel» Interkulturelle Abende mit Sprach-Crashkursen In vielen Projekten der HEKS-Regionalstelle beider Basel spielen Sprachen eine zentrale Rolle. Interkulturelle ÜbersetzerInnen und VermittlerInnen sorgen mit ihrer Arbeit für eine bessere Verständigung zwischen der einheimischen und der zugezogenen Bevölkerung. An zwei Abenden erhalten Sie Gelegenheit, einen Einblick in eine andere Kultur zu bekommen und auf ungezwungene Weise erste Worte einer fremden Sprache zu erlernen. Mit einem interkulturellen Apéro bei tamilischen respektive arabischen Klängen ist auch für das leibliche Wohl gesorgt. Veranstaltung: Datum: Zeit: Ort:

« – Ich verstehe nur Bahnhof», Tamilisch in drei Stunden Dienstag, 27. März 2012 18 – 21 Uhr Basel, HEKS-Regionalstelle beider Basel, Pfeffingerstr.41

Veranstaltung: «Arabisch all inclusive» Datum: Donnerstag, 29. März 2012 Zeit: 18 – 21 Uhr Ort: Basel, HEKS-Regionalstelle beider Basel, Pfeffingerstr.41

REGIONALSTELLE BERN

«Begegnung in Wort und Klang» Lesung mit Zwischentönen von und mit Walter Däpp Der «Bund»-Journalist und Autor Walter Däpp liest aus seinem reichen journalistischen Fundus, während er von Tashi Swawatsang auf einem traditionellen tibetischen Saiteninstrument begleitet wird. Der Musiker ist Flüchtling und seit neun Jahren in der Schweiz. Das Zusammenspiel zweier verschiedener Kulturen lässt neue, überraschende Perspektiven entstehen. Anmeldeschluss: 25. März 2012

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Datum: Zeit: Ort:

Donnerstag, 29. März 2012 ab 18.30 Uhr Bern, Kornhausforum, Kornhausplatz 18

SECRÉTARIAT ROMAND

«Regards croisés» Semaine d’intégration de l‘EPER Information zur Veranstaltung unter www.heks.ch/blickwechsel Das definitive Programm mit detaillierten Informationen zu den einzelnen Anlässen finden Sie auf unseren Flyern zur Integrationswoche. Anmelden können Sie sich auch auf unserer Website www.heks.ch/blickwechsel


AUSBLICK

Mitmachaktionen 2012 Für das Jahr 2012 haben die HEKS-Regionalstellen wieder spannende Mitmachaktionen in verschiedenen Regionen der Schweiz erarbeitet, bei denen Interessierte auch nach der Integrationswoche mit HEKS-Projekten und -Projektteilnehmenden in Kontakt treten können. Es gibt viele Möglichkeiten, aufeinander zuzugehen. Machen Sie den ersten Schritt! Mitmachaktionen in den «Neuen Gärten» Im Rahmen des Projektes «Neue Gärten» pachtet HEKS Gartenparzellen in öffentlichen Schrebergartenarealen in verschiedenen Kantonen der Schweiz und bewirtschaftet diese zusammen mit Flüchtlingsfrauen und Flüchtlingsfamilien. Die Mitmachaktionen in den HEKS-Gärten bieten Ihnen die Möglichkeit, mit den an den Gartenprojekten teilnehmenden Frauen und Familien in Kontakt zu treten, aber auch selbst tatkräftig im Garten mitzuhelfen:

Regionalstelle Aargau/Solothurn Für alle offene Aktion gemeinsam mit der Regionalgruppe Bioterra Solothurn im HEKS-Garten in Solo28. April 2012, thurn (Familiengartenareal Allmendstrasse, Weststadt). 9.00 – 13.00 Uhr 4. Mai 2012, 15.00 bis ca. 17.30 Uhr

Im HEKS-Garten in Buchs (Familiengartenareal Buchs Bollimatte) können Interessierte gemeinsam mit Projektteilnehmenden Hand anlegen und einen Kiesplatz erstellen.

Regionalstelle beider Basel Interessierte können gemeinsam mit den HEKS-Projektteilnehmenden und in Zusammenarbeit mit Bioterra 12. Mai 2012 auf einem HEKS-Garten im Familiengartenareal Reinach Mischkulturbeete nach biologischen Richtlinien 14.30 Uhr anlegen – eine haut- und erdnahe Erfahrung. Regionalstelle Bern Erntedankfest 2012 Datum/Ort noch offen

Zum Erntedankfest organisiert die Regionalstelle Bern eine Mitmachaktion für Interessierte in den «Neuen Gärten» in Bern.

Regionalstelle Zürich/Schaffhausen Mitmachaktion zum Thema «Herbstanfang» in den «Neuen Gärten» Zürich (Familiengartenareal «Im un22. September 2012 teren Erlen», Auzelg Zürich) Zeit noch offen

Weitere Mitmachaktionen Regionalstelle beider Basel Herbst 2012 Die beiden HEKS-Projekte Vitalina und Edulina in Basel bieten Interessierten einen gemeinsamen WerkDatum/Ort noch offen stattnachmittag an, an dem Eltern mit ihren Kindern die Arbeit von HEKS in der frühen Förderung und der interkulturellen Vermittlung erleben und erfahren können: direkt und konkret, spielerisch und spielend. Regionalstelle Ostschweiz Juni 2012 Die HEKS-Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende St. Gallen/Appenzell/Thurgau gibt Ihnen einen realistischen Einblick in das «wirkliche» Leben von Asylsuchenden in der Region. Sie besuchen eine Asylunterkunft, sprechen über aktuelle Sorgen und Nöte der Flüchtlinge und erhalten Informationen über die rechtlichen Rahmenbedingungen im Asylverfahren. 14. November 2012 14.00 – 17.00 Uhr

HEKS TG job öffnet Ihnen die Türen zum Atelier und bietet die Gelegenheit, unter Anleitung gemeinsam mit den Projektteilnehmenden Weihnachtskarten herzustellen. Im Anschluss gibt es bei einem Glas Glühwein die Möglichkeit zum Austausch mit den Mitarbeitenden.

Detaillierte Informationen zu den einzelnen Mitmachaktionen finden Sie auf unserer Website www.heks.ch/blickwechsel. Wenn Sie laufend über unsere Aktionen informiert werden möchten, abonnieren Sie den HEKS-Newsletter unter www.heks.ch/newsletter

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23 Zu guter Letzt: Schenken Sie Hilfe Möchten Sie die HEKS-Projektarbeit in der Schweiz unterstützen und gleichzeitig einem Verwandten oder Bekannten eine Freude bereiten? Die Aktion «Hilfe schenken» von HEKS macht’s möglich: Sie überraschen Ihre Liebsten und Freunde mit einem Geschenk, das Freude bereitet und gleichzeitig Hilfe für sozial Benachteiligte in der Schweiz leistet. Ihr Geschenk kommt doppelt an: bei Ihren Liebsten als stilvolle Schenkungsurkunde, bei den HEKS-Projekten als tatsächliche Spende.

Unterstützen Sie HEKS-Projekte in der Schweiz und schenken Sie Hilfe … … die ein Leben lang nachwirkt Die Fundamente für erfolgreiche Bildungs- und Lebensverläufe werden in der frühen Kindheit gelegt. Kinder, welche zu Hause nicht gefördert werden, tragen oft ein Leben lang an der fehlenden Unterstützung. Das HEKS-Projekt schritt:weise unterstützt Kinder aus sozial benachteiligten Familien mit einem 18 Monate dauernden Spiel- und Lernprogramm. Die Kleinkinder werden gefördert und deren Eltern für ihre Bedürfnisse sensibilisiert. Unterstützen Sie «schritt:weise» mit einer Spielzeugkiste! Spielzeugkiste für nur Fr. 75.–

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… damit eine Flüchtlingsfamilie Boden unter den Füssen bekommt Menschen, die aus ihrem Heimatland fliehen mussten, sind weit entfernt von ihrem gewohnten Umfeld und entwurzelt. Deshalb fällt es Flüchtlingen oft schwer, sozialen Anschluss zu finden. Mit gemieteten Familiengärten schafft HEKS einen Begegnungsort. Dort treffen sich Familien unterschiedlichster Herkunft, pflegen zusammen den Garten und ihren Wortschatz – denn die gemeinsame Sprache ist Deutsch. So entstehen neue, vielfältige Gemüsegärten, die Heimat bilden für Gross und Klein. Gartenzwerge für nur Fr. 50.–

Das Bestellformular und viele weitere originelle Geschenke finden Sie unter: www.hilfe-schenken.ch


Foto: HEKS/Annette Boutellier

Kulturunterricht in ihrer Erstsprache Türkisch. Die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft unterstützt die

persönliche Entwicklung, wirkt identitätsstiftend und hilft den Kindern bei der Integration in der Schweiz.

Hauptsitz Zürich HEKS Seminarstrasse 28 Postfach 8042 Zürich Telefon 044 360 88 00 Fax 044 360 88 01 info@heks.ch Postkonto 80-1115-1 www.heks.ch

Im Kleinen Grosses bewirken. Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz

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Das HEKS-Programm AKEP in Basel fördert Kinder und Jugendliche aus der Türkei mit integrativem Sprach- und

Das Magazin zur HEKS-Integrationswoche  

Erfahren Sie Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und nun hier in der Schweiz einen Neuanfang machen. Lesen Sie über...

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