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Inhalt-Inside Pages

Editorial ......................................................................................................................... 3 DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR........................................................ ...5 Blick über den Tresen und den Tellerrand..................................................... 10 „Foto für Mama in Afghanistan“........................................................................... 11 „Ende dem Völkermord und der Diktatur in Äthiopien!“.............................. 12 Sie tragen eine schwere Last..................................................................................14 "Weder Fisch noch Vogel - oder eben beides?" .................................................16 ÖKOPAX e.V......................................................................................................................18 Exhausted sound . ..................................................................................................... 20 Der Musiker Heinz Ratz radelt gegen Diskriminierung............................... 23 Armenien........................................................................................................................24 Asyl-Arbeitskreis der KHG: Über den Zaun schauen......................................26 „Der Traum vom Leben“.............................................................................................. 27 Interview.......................................................................................................................28 Dog or human?............................................................................................................. 32 Bayerisches Sozialministerium mit falschen Zahlen zu Asylmissbrauch.. ....34 Nachhaltigkeit und Menschenrechte...............................................................36 Leben in der GU..................................................................................................................38 Impressum ..........................................................................................................................40 Bericht aus einem libyschen gefängnis.............................................................42


Editorial

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Integration über Würzburg hinaus Eine Tasse Kaffee oder Tee und Integration geht fast wie von selbst Addis Mulugeta In der Geschichte der Menschheit hat die Migration stets eine bedeutende Rolle für die Weiterentwicklung der Weltgeschichte gespielt, und Migranten haben schon immer zur Kultur, Tradition und Gestaltung des betreffenden Landes beigetragen. In dieser Hinsicht sind effektive Kommunikationsmittel wie Willkommensangebote für Neuankömmlinge oder Projekte wie „Integration durch Sprache, Sport und Spiel“ bedeutende Elemente gelingender Integration als Gewinn für eine dynamische und produktive Gesellschaft. Die Gemeinschaftsunterkunft (GU) Würzburg ist eines der Flüchtlingslager in Bayern. Wegen schwerwiegender Probleme in ihren Heimatländern und oft genug, um ihr Leben zu retten, kommen hier Menschen aus unterschiedlichen Ecken der Welt zusammen, zum Beispiel aus Afrika, Asien, Russland, Mittelamerika, aus den Kaukasusrepubliken wie Armenien, aus dem Irak, Iran, Afghanistan und anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Diese vielen unterschiedlichen Flüchtlinge leben weitestgehend friedlich in der Unterkunft am Stadtrand von Würzburg. Sie haben sich alle vorher nicht gekannt, selbst Landsleute müssen sich einander vorstellen. Im Lager sind meist nur diejenigen, die bereits lange Jahre dort leben, integriert und miteinander vertraut. Sie essen gemeinsam und trinken mal einen Kaffee oder Tee zusammen. Sie spielen auch gelegentlich Fußball oder Tischtennis miteinander oder gehen nach Auszahlung ihres Taschengeldes ( 40 Euro pro Monat ) gemeinsam zum Einkaufen. Auch die Kinder im Lager spielen miteinander. Eine gute Gelegenheit, Familien kennen zu lernen, ist die Abholzeit im Kindergarten. Natürlich ist die Sprache der Schlüssel für eine effektive Integration, so auch, um die eigene Kultur, die Normen und Traditionen bekannt zu machen und ihnen dazu zu verhelfen, von anderen geschätzt zu werden. So ist zweifelsohne die Sprachbarriere im Flüchtlingslager eine große Herausforderung nicht nur in der Kommunikation der Bewohner untereinander, sondern sie ist auch ein

Hindernis für eine effektive Kommunikationsplattform zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Hier kommt den vielen ehrenamtlichen Helfern und Freunden, die ins Lager kommen, eine Schlüsselrolle zu, um diese Kluft zu schmälern. Dies geschieht beispielsweise in dem regelmäßigen offenen Angebot einer Cafeteria jeweils am Montag und am Mittwoch Abend. Montags wird diese durch eine gemischte Mannschaft aus Ehrenamtlichen und Flüchtlingen betrieben, mittwochs von den zahlreichen engagierten Studenten des Asyl-AK der Kath. Hochschulgemeinde. Es kann so einfach sein: Eine Tasse Kaffee oder Tee und Integration geht fast wie von selbst - in beide Richtungen. So kommen als Helfer beispielsweise auch pensionierte oder aktiv im Schuldienst stehende Lehrer in die Cafeteria, die interessierten Flüchtlingen dort die ersten intensiven Schritte in der deutschen Sprache ermöglichen. Das ist es, was wir uns schon immer ersehnt haben und was wir sehr wertschätzen. Es ist eine wichtige Chance für Flüchtlinge, die auf die Aufenthaltserlaubnis warten und hoffen, in diesem Land bleiben zu dürfen. Natürlich gibt es Stimmen, die sagen: “Wir wollen keine Integration mit Ausländern!“ oder „Wir wissen nichts über sie, und sie sind sowieso illegale Zuwanderer in dieses Land.“ aber ebenso gibt es Gegenstimmen wie diese: „Es ist wichtig, Ausländer einschließlich Flüchtlinge so rasch wie möglich zu integrieren.“ Es ist doch eine durch archäologische Funde bewiesene Tatsache, dass die gesamte Menschheit von einer nur kleinen Gruppe abstammt. Im Verlauf der Geschichte hat sich der Mensch über die ganze Erde verbreitet und, nachdem es nicht nur ums nackte Überleben ging, komplexe, anspruchsvolle soziale Beziehungen und Strukturen entwickelt. Mannigfaltige Ausdrucksweisen künstlerischer Begabungen wurden so erst möglich. Nicht nur zu allen Zeiten in der Vergangenheit, sondern erst recht heute ist das Interesse und der Wunsch der Flüchtlinge enorm, von den Einheimischen angenommen und integriert zu werden und umgekehrt auch das Interesse dieser Menschen an der Integra-

tion ihrerseits zu erfahren. In diesem Land und darüber hinaus in ganz Europa gibt es zahllose Beisiele sehr gelungener Integration. Ich hoffe, dass sich in diesem Anliegen religiöse Würdenträger sowie Kommunal- und Landespolitiker ihrer Verantwortung wie auch ihres Gewichtes und Einflusses bewusst werden und die wichtige Rolle wahrnehmen, sich gemeinsam mit aktiven Bürgern für eine rasche und gute Integration beider Seiten stark zu machen. Auf der einen Seite braucht es die nötige Infrastruktur der integrativen Angebote wie zum Beispiel von Sprackursen. Es braucht aber auch eine effektive Plattform für die Entwicklung und Durchführung solcher Maßnahmen zum Wohle der gesamten Gesellschaft. In der Regel ist die junge Generation der entschlossene und vitale Motor umfassenden Bewusstseinswandels. Bleibt abzuwarten, wie aktiv sie nun die Zukunftsgestaltung ihres eigenen Landes in ihre Hände nimmt. Alles an Investitionen in die Förderung beidseitiger Integration aller Ausländer, gleich ob es sich um alteingesessene Migranten oder neu angekommene Flüchtlinge handelt, wird sich für die Gesellschaft vielfach auszahlen durch eine Vielfalt zukunftsweisender, fruchtbarer multiethnischer Beiträge im Interesse und zum Wohle aller. Herzlichen Dank für jeden Beitrag zu dieser großen Idee!

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Die Würde des Menschen ist unantastbar

TEIL3

VON DAVOS NACH DAKAR: DIE UNBEQUEME WAHRHEIT Von hohen Zäunen und hoher Moral – die Zäune zuerst! oder „Wir kommen auch deswegen zu euch, weil ihr bei uns seid!“

Sie kennen es doch auch, spätestens seit der Pubertät: Es ist fatal, dem Irrglauben zu erliegen, man könnte über gewisse Ausdünstungen hinwegtäuschen, indem man seinen verschwitzten Körper mit Deo oder Parfum einnebelt anstatt der Wurzel des Übels mit einer kräftigen Dusche beizukommen. Das Täuschungsmanöver erweist sich als erbarmungsloser Bumerang. Deo statt Dusche – Davos statt Dakar: Der Schuss geht bei beiden nach hinten los, früher oder später. Was im ersteren Fall leicht zu korrigieren ist, erweist sich im hartnäckig verteidigten Weltbild der Mächtigen des Weltwirtschaftsforums als verhängnisvoll und tragisch für eine erdrückende Mehrheit der Menschen rund um den Globus. Eine Milliarde hungert, und wie viele Weitere leben in Elend und ohne Perspektive gerade so oberhalb der akuten Armutsgrenze? Zahlen lassen sich wegschieben, Menschen mit Namen, Gesicht und eigener Lebensgeschichte nicht. Da sind wir doch ganz froh, dass uns genau diese Konfrontation durch das Bemühen unserer fürsorglichen Politiker so weit wie möglich erspart bleibt. Das macht es leichter, auf die Schlagzeilen von illegalen Zuwanderern oder Wirtschaftsflüchtlingen, die sich hier nur auf unsere Kosten ein schönes Leben machen wollen, je nach Gemütslage mit einem gleichgültigen Schulterzucken oder mit feuerspeienden Stammtischparolen zu reagieren. Da machen wir es uns aber zu einfach. Wir sind nicht außen vor bei den Ursachen des Elends an vielen Orten der Welt, wir sind mitten drin, jeder von uns und erst recht alle gemeinsam mit unserem Lebensstil und unseren wachstumsorientierten Volkswirtschaften. Da wirkt auch all unser gut gemeinter humanitärer Einsatz mit Spenden, Projekten und Hilfswerken mehr als Deo denn als Dusche. Vor

Weihnachten vielleicht auch als moralischer Ablasshandel. Das Grundübel bleibt, und mancherorts wird es dadurch erst recht zementiert, dass wir, ganz im Sinne der lokalen Machtcliquen, den Druck aus dem Kessel nehmen. Die unbequeme Wahrheit hat nicht nur ein einziges Gesicht, aber was dieses Wechselspiel von Ursache und Wirkung anrichtet, lässt sich am besten am Beispiel Afrikas belegen. Jetzt, wo vom Maghreb bis in den Nahen Osten eine Welle der Selbstbefreiung geht, beeilen sich die von uns gewählten Regierungen, unsere mitunter jahrzehntelange opportune Unterstützung jedes noch so unterdrückenden Regimes zu leugnen und so zu tun, als wären wir schon immer auf der Seite demokratischer Bewegungen gewesen. Was für eine Heuchelei! Da wird beispielsweise der verhasste äthiopische Diktator Meles Zenawi auf der Münchener Sicherheitskonferenz mit allen Ehren willkommen geheißen, er steht schließlich einer veritablen „Demokratie“ vor. Der libysche Autokrat Gaddafi ist immer noch unser Freund und Partner, der uns zahllose Flüchtlinge brutal, aber diskret vom Hals hält. Und den Rest erledigt der neue Zaun zwischen der Türkei und Griechenland, so hoffen wir zumindest. Das ist zwar unmoralisch, aber wir können doch nicht halb Afrika in die EU hereinlassen. Das Boot ist voll – und die Boote im Mittelmeer auch. Also erst recht Zäune bis in den Himmel und dann vielleicht die Moral. Das ist legitimer Selbstschutz, reden wir uns ein. Ist es das wirklich – legitim? Das wäre es nicht einmal, wenn wir mit Blick auf die zerrütteten politischen Verhältnisse und die Verelendung vieler Millionen Menschen in Afrika unsere Hände in Unschuld waschen könnten. Denn die Würde des Menschen ist unteilbar und universell – und

dazu bekennen wir uns im Grundgesetz und in der UN-Charta der Menschenrechte, oder nicht? Und für das Recht auf Asyl gilt dasselbe. . Aber wir können unsere Hände und unser Gewissen nicht in Unschuld waschen. „Wir kommen auch deswegen zu euch, weil ihr bei uns seid! Ihr saugt unsere Länder aus, nehmt euch seit vielen, vielen Jahrzehnten, ja, Jahrhunderten, an unseren Ressourcen, was ihr wollt, aber wenn wir dann keine andere Wahl haben, als uns auf den Weg zu euch zu machen, schlagt ihr uns die Tür vor der Nase zu!“, sind die zornigen Worte eines jungen afrikanischen Ökonomen. Natürlich geschieht dies zur Sicherung unseres Wohlstands und unserer Arbeitsplätze. Und für den Gewinn der Profiteure all der Deals, die im Schlepptau eines jeden Staatsbesuchs ausgehandelt werden. Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur der Welt zum Beispiel lebt von den freundschaftlichen Beziehungen zu dankbaren „demokratischen“ Kunden. Aber eben nicht nur die Bilanzen unserer Wirtschaft profitieren davon, sondern wir alle. Die billigen Arbeitskräfte rund um den Globus bedienen unseren Konsum ohne Ende, unseren Billig-Wahn, als ob wir, verglichen mit der Lebensrealität von neunzig Prozent der Menschheit, nicht schon mehr als genug von allem hätten. Es war noch nie anders, als dass jegliche Moral flugs vergessen war, jedes despotische Regime unterstützt und hofiert worden ist, solange es unserem Wohlstand und unserem Wirtschaftswachstum von Nutzen war. Oder hat man jemals Vertreter humanitärer Organisationen statt Wirtschaftsbossen an der Seite unserer Politiker bei Staatsbesuchen in realen Diktaturen wie Äthiopien, Nigeria, Ägypten gesehen? Oder ist jemals in aller Deutlichkeit die demokratische Maske vom Gesicht dieser


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despoten gerissen worden? Statt dessen werden lukrative Verträge zwischen lokalen Machteliten und den Spitzen unserer Wirtschaft ausgehandelt, kupfer- und goldminen besucht, neben denen tausende Einheimische (ver)hungern. So läuft das geschäftsmodell ab, äußerst erfolgreich seit Jahrzehnten – und nur so lange, wie die lokale Bevölkerung arm und ungebildet bleibt, solange sie ihre ganze Energie auf den täglichen kampf ums Überleben aufwenden muss. Und genau deswegen stellt sich die ketzerische Frage, wer denn ein ehrliches, ernsthaftes interesse an einer wirklichen Entwicklung afrikas haben sollte ;an einem starken, selbstbewussten kontinent, dessen reichtum seiner eigenen Bevölkerung zugute kommt. die menschlich und solidarisch denkenden unter uns noch am ehesten. Und doch sind auch wir verstrickt in ein Wirtschaftssystem, das anderen lebensperspektiven raubt und sie in ihrer wirtschaftlichen Not die zukunftshoffnung einzig auf Europa setzen lässt – als verwerfliche Wirtschaftsflüchtlinge eben, als illegale Einwanderer, als potentielle Sozial-schmarotzer, deren man sich so schnell wie möglich entledigt, am besten noch jenseits der eigenen Sichtweite. die EU-Fischereiflotte hat die Meere vor Senegals küste leer gefischt. Was machen die einheimischen Fischer, um ihre Familien zu ernähren? die kanaren sind nicht weit ...

Unsere hoch subventionierten agrarüberschüsse landen auf afrikas Märkten: Hähnchen-und putenreste, da wir nur noch Brust und Schenkel kaufen. tomatenmark, kartoffeln, Milchpulver, was die EU an Überproduktion so hergibt, ebenso wie altkleider und abertausende tonnen hochgiftigen Elektronikschrotts. Chancenlos jeder einheimische produzent. Welche Wahl hat er dann noch? Nicht nur China, Saudi-arabien und die Emirate am golf bringen riesige landstriche in ostafrika in ihren Besitz, um für ihre Bevölkerungen Ernährungssicherheit zu gewährleisten. auch westliche konzerne sind gut im landraub-geschäft, um in gigantischen Monokulturen Futter- und Energiepflanzen anzubauen für unseren Fleischkonsum und unsere tanks. Man könnte die liste beliebig fortsetzen mit Edelmetallen, diamanten, dem „schwarzen gold“ kaffee und kakao über Erdöl bis hin zur patentierung uralten Heilwissens und biologischer Vielfalt. Und wer fragt schon nach, welcher anteil unserer staatlichen „Entwicklungshilfe“bei projekten als indirekte Förderung westlicher auftragnehmer wieder in unsere taschen wandert? Eine endlose geschichte vom Neokolonialismus, vom ausverkauf eines kontinents, der der reichste unter, aber der ärmste über dem Erdboden ist, vom profitablen zusammenspiel der Mächtigen von Nord und Süd. Und

ein Wettlauf mit China um anteile am kuchen afrika, der im zeitraffer aufgeteilt wird. dieser wunderschöne, an sich vitale und lebensfrohe kontinent ist ein besonders drastisches Beispiel für globalisierte ausbeutung und Verelendung. das einzige Wachstum, das alle ausgebeuteten länder gemeinsam haben, ist folgendes: das der Slums in ihren großstädten. . Was hat das alles mit Menschenwürde zu tun? im artikel 25 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen ist zu lesen: „Jeder Mensch hat anspruch auf eine lebenshaltung, die seine und seiner Familie gesundheit und Wohlbefinden, einschließlich Nahrung, kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen leistungen der sozialen Fürsorge gewährleistet...“ Jeder Mensch... Wenn zur Würde eines jeden Menschen auch das recht auf Nahrung, auf Sicherheit, auf zukunft, auf ein selbstbestimmtes leben gehört, dann wird das Eis, auf dem sich das vorgeblich von einer werteorientierten leitkultur geprägte abendland wähnt, sehr dünn. dann ist es ebenso verwerflich, sich ohne Not und auf kosten anderer an seinen immer noch hohen lebensstandard zu klammern, wie auch legitim, sich als letzte Möglichkeit auf den Weg zu machen, als Wirtschaftsflüchtling eben. oder als politisch Verfolgter, als gebildeter, der das Spiel durchschaut und sich gegen seine eigene korrupte regierung gestellt hat. Und dann errichten wir zäune, dann drängt die grenzagentur Frontex die Flüchtlingsboote im Mittelmeer und atlantik ab, dann bezahlen wir gaddafi für Folterlager in der Wüste und deportationen der angeblichen Wirtschaftsflüchtlinge in die Sahara. irgendwann wird der leichenberg im "Mittelmeer so hoch sein, dass man von afrika trockenen Fußes nach Europa kommen kann," so ein afrikanischer Flüchtling. Und wir spenden dann morgen wie heute und versuchen zu retten, was zu retten ist. deo statt dusche eben. davos statt dakar. der dreck bleibt und nützt ganz wenigen ganz viel. aber er stinkt zum Himmel. Eva Peteler


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DIGNITY OF MAN – INVIOLABLE

PART3

From Davos to Dakar: An inconvenient truth

about high fences and high morals – the fences first! or: „We come to your place because you are in ours!“ you surely are familiar with what i'm talking about, at least going back in your memory to your times of puberty. it is a fatal error to believe you can disguise the odour of a sweating body by amounts of deodorant or perfume instead of eradicating the root of this evil by taking a shower. deodorant instead of a shower – davos instead of dakar: in both cases the results are unbearable but unfortunately in the latter case the high-impact predominance of the leading economic leaders is devastating for the majority of people in most parts of the world. about one billion of them is on the brink of starvation and who counts all those who are still struggling just above the level of bare survival, with no options beyond this daily goal? you can push aside numbers but not people, individuals with names looking in your face. therefore we should be grateful for the attempts of our political leaders to keep these disturbing experiences out of our sight, out of our daily life. that makes it easier to react to headlines about „illegal immigrants“, „economic migrants“ or „invasion of refugees“ either by indifference or by aggression. the truth is inconvenient but it must be told. We are deeply involved in the vicious circle of poverty, starvation, violence and consecutive migration, far beyond our imagination – but we deny this connection and furthermore we refuse to pay the price. our economies based on permanent growth and our individual consume-addicted way of life create an insatiable demand for global ressources of any kind including mineral deposits, fertile soil, cheap labour, natural ressources such as biological diversity and ancient medical knowledge. Facing all this our charity efforts are rather a deodorant than a shower, to speak honestly, in favour of our own interests not even attempting to abolish the roots of the disgraceful global imbalance. in fact our dona-

tions may even stabilize suppressive regimes by establishing at least basic services appeasing the population. the inconvenient truth to be told can be illustrated by the example of africa, the richest continent under and the poorest above its surface. „ We are heading for your place because you have been ta�ing possession of our home countries for decades and even centuries “, this is the angry voice of a young african economist. Who can deny the disastrous results of the profitable Western or Chinese „economic cooperation“ with the african elites in power, mostly neither established by true democracy nor committed to the prosperity of their own citizens? Most of them like Ethiopia's dictator Meles zenawi in the Munich Nato Security Conference or libya's gaddafi are welcomed and respected partners of our governments. and have you ever seen representants of human rights organizations invited to official meetings of top politicians instead of economic leaders? So what about values and principles and morals? We rather turn our back on the thousands of desperate migrants and refugees with no option but to leave their devastated countries. We construct deadly fences, we pay millions to dictators like gaddafi to deport the desperate african youth back to the desert for dying out of our sight or we willingly finance the European Frontex agency operating along the southeastern borders of the EU pushing the refugee boats offshore into the open sea or deporting people back to their countries or to cooperating partners like gaddafi's libya. Who cares? it cannot be our interest or our business to solve all the problems of the world, isn't it? We „wash our hands in innocence“... Who would doubt the legitimacy of this self-protective attitude? No, to be honest, we cannot „wash our hand in innocence“. We can ignore or deny the facts, we can go on worshipping our exploiting and selfish lifestyle and the god of economic growth. We

can keep on closing our eyes and refusing to face the impact of the current global imbalance on the poorest of the poor, on those who pay the price. We can go on watching our and their elites cooperating for their own benefit regardless the suffering of the common people. We can go on appeasing our conscience by humanitarian aid while the ressources and the future of the target countries are being sold out in the name of our economies. We can refuse to put the right questions and to demand the appropriate answers from those responsible for the allover big deals putting millions of lives into the ground. and of course we can keep on cultivating our ignorance of the iMF-strategies, Epas, exploitation of ressources, land grabbing, ruin of african markets by European heavily subsidised products and so on and so forth. But then we should face the facts: No fence, no border, no Frontex armed forces will finally stop the desperate – and they have any right of the world to claim their share in the big game of a life in dignity and hope for a better future. We have taken our share for centuries and up to this day we haven't really got the point of the „inherent dignity and of equal and inalienable rights of all members of the human family“¹ being even a benefit for our own future in peace and security as well. if „everyone has the right to a standard of living adequate for the health and well-being of himself and his family, including food, clothing, housing and medical care and necessary social services“² then millions of poor people and migrants in the world are pointing at us demanding their natural rights. Charity is no solution. that's deodorant instead of a shower. likewise davos instead of dakar. We should understand the difference. Eva Peteler ¹ preamble of the Universal declaration of Human rights ² article 25 of the Universal declaration of Human rights


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„Der Mensch ist ein Ja. Ja zum Leben. Ja zum Großmut. Aber der Mensch ist auch ein Nein. Nein zur Missachtung des Menschen. Nein zur Herabwürdigung des Menschen. Nein zur Ausbeutung des Menschen. Nein zur Vernichtung dessen, was das Menschlichste am Menschen ist: die Freiheit.“ Frantz Fanon - Schwarze Haut, weiße Masken

aus „Guter Moslem, böser Moslem“ von Mahmood Mamdani, Nautilus-Verlag © Sand im Getriebe/Attac 02/2011 Sandimgetriebe@listen.attac.de

GERECHTIGKEIT ist mehr als Recht und Gesetz ist mehr als vorgesehene Strafe für begangene Fehler GERECHTIGKEIT ist mehr als gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist mehr als das Verhältnis von Preis und Leistung GERECHTIGKEIT ist nicht klein zu kriegen lässt sich nicht abweisen

nicht für dumm verkaufen ist Gefährtin der Liebe und des Zorns GERECHTIGKEIT ist aufmerksam und nachdenklich empfindsam und verwundbar will nicht aufrechnen verschafft den Opfern Recht geht auf die Täter zu stößt Türen in die Zukunft auf GERECHTIGKEIT schreit vom Himmel © Vera Krause, Aachen


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Heimfocus 1.Mitmachen: artikel, kommentare, anregungen schreiben, informationen über themenrelevante Veranstaltungen mitteilen an heimfocus@yahoo.de 2.Verteilung Magazine verteilen an orten ihrer Wahl übernehmen, mit rückmeldung an heimfocus@yahoo.de [alle auslagestellen, die zuverlässig beliefert werden, sollen im Magazin veröffentlicht werden] 3.Kontakte vermitteln: zu regionalen und überregionalen partnern; interessenten, organisationen, gruppen, Verbänden, Firmen... 4.Anzeigen schalten: oder anzeigen-interessenten vermitteln 5.Spenden oder regelmäßiger Unterstützer werden

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Heimcafé 1.Mitmachen: Sprechen Sie uns an, wenn Sie interesse, zeit und offenheit mitbringen! kontakt siehe unten. 2.Sachspenden wie kartenspiele, domino u.a. einfache gesellschaftsspiele für Erwachsene; obst, Nüsse, gebäck, selbstgebackenen kuchen, kaffee, schwarzen tee (teebeutel)

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Heimcafé Heimcafé Heimcafé Blick über den Tresen und den Tellerrand Heimcafé

der raum füllt sich. Es hat sich herumgesprochen im lager. Erst kommen die jungen Männer, die iraker, afghanen, iraner; irgendwann gleicht der Saal der Cafeteria einem dicht gedrängten Mikrokosmos aller Hautfarben und vieler Nationalitäten. Musik schallt aus dem Cd-player, dazu freundliches Stimmengewirr, das klicken des tischtennisballs und des tischkickers. Manche setzen sich mit einer tasse tee still an einen tisch und beobachten erst einmal zurückhaltend, wie sich der abend entwickelt. andere Neuankömmlinge kommen lächelnd und mit ausgestreckter Hand auf uns zu, man kennt sich inzwischenitlich und freut sich auf das Wiedersehen. gerne greifen die Flüchtlinge nach dem bereitgestellten obst, keksen und kuchen. Besonders obst – davon bekommen sie viel zu wenig zugeteilt. kaffee- und teekannen sind im Nu geleert, der kantinenbetrieb ist eingespielt und sorgt für schnellen Nachschub.

Und an den tischen entwickeln sich angeregte gespräche mit den deutschen Freunden und Helfern, in mehr oder weniger gebrochenem deutsch, in Englisch oder auch mal – nicht minder herzlich – mit „Händen und Füßen“. Man ist füreinander da, man hört sich zu, man schaut sich in die augen und nimmt einander interessiert und freundlich wahr. das allein zählt. Manchmal sind die gesichter ernst und konzentriert, dann wieder füllt schallendes lachen den raum. da ist die junge Schülerin, die „nur mal zum Schnuppern“ vorbei gekommen ist und nun in ein intensives gespräch mit einer gruppe junger afghanen vertieft ist. dort haben zwei Frauen scheinbar das gewusel um sich herum ganz vergessen und schauen sich im gespräch aufmerksam an: die 83jährige engagierte dame, die erst vor kurzer zeit nach Würzburg gezogen ist und nun jeden Montag zuverlässig im Heimcafé erscheint, und die asylsuchende Journalistin, die von Woche zu Woche miteinander vertrauter werden und gezielt nacheinander ausschau halten. dort drüben sitzt eine lehrerin am tisch, mit Block und Stift in der Hand, umringt von einer traube junger Männer, die förmlich an ihren lippen hängen und ihre ersten lektionen in deutscheSprache bekommen – so ganz nebenbei. Später höre ich, dass ibrahim jetzt von Woche zu Woche immer besser wird, immer bemühter, die deutsch Sprache zu erlernen. dass er, wie so viele, richtig gierig und hungrig nach Verständigung ist, jetzt, wo er deutsche ansprechpartner und irgendwann vielleicht auch Freunde gefunden hat, mithin einen Sinn im ringen um kommunikation. am Nebentisch spielen einige deutsche Studenten vergnügt karten mit einer gruppe Äthiopier, dabei entwickeln sich offensichtlich witzige gespräche, es wird viel gelacht, die gesichter strahlen. Nebendran werden Handynummern ausgetauscht, es entstehen also Verbindungen über diese Begegnung hinaus.

den tischkicker kann man schon gar nicht mehr sehen, eine multinationale Spielergruppe wird von Fans umringt. auch die tischtennisspieler haben eine Schar zuschauer um sich versammelt, die geduldig warten, bis auch sie an der reihe sind. Es ist schwer in Worte zu fassen, welche gefühle, Wünsche, Hoffnungen einem so durch den kopf gehen, wenn man dieses friedliche, gelöste, heitere Miteinander hinter dem tresen beobachtet, wenn einem zwischendurch von dem einen oder anderen tisch zugewunken oder zugelächelt wird. Und wenn einem zum abschied zuhauf Hände gereicht werden mit einem „dankeschön“ auf den lippen. Es fällt schwer, kurz nach 21 Uhr alle diese erwachsenen Menschen wieder auf ihre zimmer zurück zu schicken, weil die deutschen Freunde um 22 Uhr das lager verlassen haben müssen. Nein, wir erreichen längst nicht alle der rund 440 Flüchtlinge; wir wissen nicht, wie viele sich nicht trauen, keine kraft, kein interesse haben, wie viele unbeachtet bleiben, ohne kontakt und ansprache. Wir können die lage der Flüchtlinge nicht wirklich verbessern, ihnen hier perspektive und Hoffnung auf ein selbstbestimmtes leben geben. Wir können auch nicht alle Bitten und Wünsche erfüllen: nach einem Wörterbuch, nach deutschunterricht, nach Busfahrkarten, nach diesem und jenem, was für uns selbstverständlich, für die Menschen dort aber oft unerreichbar ist. aber wir sind da, Flüchtlinge und deutsche gemeinsam, gastgeber und gäste zugleich, die bewirten, zuhören, einander zeit und Freundschaft schenken. im grunde ist es verblüffend einfach: Menschen brauchen Menschen, und es tut allen gut. dieser Blick über den tresen – und über den tellerrand – er lohnt sich. Eva Peteler


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Heimcafé Heimcafé „Foto für Heimcafé Mama in Afghanistan“ Heimcafé

Seit gut zwei Jahren besuche ich regelmäßig ein- bis zweimal in der Woche die gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge (gU), um mit asylbewerberinnen zu reden, tee zu trinken, zuzuhören... Bedingt durch äußere Umstände musste ich eine pause einlegen und so war ich kürzlich zum ersten Mal seit fast drei Monaten wieder in der „teestube“. ich war ziemlich gespannt, wie sich das Mittwoch-abend-treffen entwickelt haben mochte, wen ich wiedersehen und welche Bewohner ich vermissen würde, weil sie vielleicht in der zwischenzeit abgeschoben worden waren. im vollbesetzten raum – es mussten sogar zusätzliche Stühle herbeigeschafft werden waren angeregte gespräche im gange. an einem tisch war noch ein plätzchen frei, ich setzte mich dorthin und blickte in die runde: überwiegend unbekannte gesichter. Es stellte sich heraus, dass die Mehrzahl der anwesenden jungen Männer, die hier Schutz vor Verfolgung und krieg suchen, aus afghanistan stammt und erst seit kurzer zeit in Würzburg ist. kein Wunder, dass ich kaum jemanden kannte! die Männer genossen die atmosphäre in der teestube sehr, denn selbst als die übliche

öffnungszeit längst überschritten und das geschirr abgeräumt und gespült war, mochte kaum einer aufstehen und gehen. Wohin auch? in das Mehrbettzimmer im Männerhaus nebenan, um auf dem Bett zu liegen, in die luft zu starren und zu grübeln? Wie jeden tag? plötzlich bat einer der Männer alle anwesenden deutschen, sich mit ihm zu einem gruppenfoto zusammenzustellen: „Foto für Mama in afghanistan!“ die Mutter soll ihren Sohn lachend inmitten einer gruppe deutscher sehen, sie soll den Eindruck haben, dass es ihrem Sohn gut geht, dass er in Sicherheit ist und anschluss gefunden hat in deutschland, dass er einen platz gefunden hat in der Mitte der deutschen gesellschaft. Sie soll sich neben dem trennungsschmerz nicht auch noch Sorgen machen müssen um ihren Sohn. “Schau Mama, ich hab’s geschafft!“ das scheint er mit diesem Foto ausdrücken zu wollen. Was die Mutter nicht weiß: dass dieses Foto eine Momentaufnahme ist, die die Sehnsucht ihres Sohnes widerspiegelt und dass die realität weit von dem entfernt ist, was das Foto vermitteln soll. Hilde Stübler-Vittmann


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„Ende dem Völkermord und der Diktatur in Äthiopien!“ tausende Äthiopier protestierten am 05. Februar 2011 auf dem Marienplatz in München gegen die teilnahme des Äthiopischen premierministers Meles zenawi an der Nato-Sicherheitskonferenz. Es wurde berichtet, dass mehr als 80 unterschiedliche deutsche organisationen und gruppierungen an der demonstration teilgenommen haben. die Veranstaltung, deren einziger anlass der Widerstand gegen den premier Meles zenawi und seine Herrschaft in Äthiopien war, verlief weitestgehend friedlich. die protestierenden Äthiopier erhoben nicht nur ihre Stimme gegen Meles zenawi, sondern forderten die führenden politiker aus aller Welt auch auf, despotische afrikanische diktaturen nicht länger zu unterstützen, sondern auf das Ende ihrer Herrschaft hinzuwirken. „Ende dem Völkermord und der diktatur in Äthiopien/in afrika!“, „Beendet den Mord an kindern und Frauen!“, „Freiheit für Äthiopien!“, „Stoppt Folter!“ und weitere ausdrucksstarke Slogans waren auf den plakaten bei der demonstration zu lesen. Nach dem Niedergang der sozialistischen dErg-partei in 1991 kamen Meles zenawi und seine anhänger mit dem Versprechen an die Macht, den Frieden in Äthiopien wieder her-


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zustellen, die dauerhaften immensen Probleme des Landes zu bekämpfen und ein demokratisches Land aufzubauen. Diese ganzen Versprechen galten nichts. Theoretisch ist Äthiopien ein demokratisches Land, die Praxis ist Schaltjahre davon entfernt. Es hat sich für die Mehrheit der bitterarmen Bevölkerung des Landes nichts zum Besseren gewandt. Alle, die an die Macht gekommen sind, sind korrupte Betrüger, die Millionen und Milliarden in ihre eigenen Taschen schaufeln und die natürlichen und reichen Ressourcen des Landes stehlen. Was für ein brutales, unterdrückendes Regime!! Es gibt in Äthiopien kein Recht auf freie Meinungsäußerung, keine Bewegungsfreiheit, keine Medien- und Informationsfreiheit. Deshalb steht Äthiopien mit an der Spitze der Länder, die kritische Journalisten in großer Zahl verlassen müssen, um ihr Leben zu retten. Die Lage der Bevölkerung und der Menschenrechte im Lande verschlimmert sich von Tag zu Tag. Unter der Herrschaft der Partei von Premier Meles Zenawi, der „Revolutionären Demokratischen Front des Äthiopischen Volkes“ (EPRDF) (ver)hungern sehr viele Menschen, andere, wie eben Journalisten, die dazu in der Lage sind, fliehen aus ihrem Land, viele kämpfen ums nackte Überleben oder bleiben verstört und hilflos zurück. Aus diesem Grund zeigten Tausende Äthiopier, die das repressive Regime des Meles Zenawi aus ihrer Heimat vertrieben hat, lautstark und öffentlich ihren Zorn und ihren Widerstand gegen seine Akzeptanz als Demokrat auf internationaler politischer Bühne. Addis Mulugeta


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Sie tragen eine schwere Last Traumatisierte Flüchtlinge berichten

Oft ist es die Tasse Tee mit ganz viel Zucker, die meine Patienten irgendwann entspannt in den Händen bewegen, die zunächst hilft. Hilft, um in stockenden Worten über ihr Leid oder ihre derzeitige belastende Situation zu berichten. Neben mir liegt das dicke gelbe Wörterbuch, aber ich benutze es selten, denn im Gespräch ist das hinderlich. Viel wichtiger ist, dass mein Gegenüber verstanden hat, dass ich unter Schweigepflicht stehe. Egal wie: Ich werde das hier Gesprochene niemandem andeuten oder gar (einer Behörde) weitererzählen, es sei denn, sie selber wünschen es ausdrücklich. Meist braucht es dann viel Zeit, bis wir zum Kern der Geschichte kommen. Oft hat sich der ein oder andere auch schon der einfühlsamen Krankenschwester der Missionsärztlichen Klinik anvertraut, die schließlich auch den Kontakt mit mir oder zwei Kolleginnen angebahnt hat und die die verängstigten, scheuen Menschen sogar beim ersten Kontakt in meine Praxis begleitet hat. Viele Asylsuchende aus der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Asylbewerber ( GU )in Würzburg wissen mit dem Wort „Psychotherapie“ oder Krankheitsbegriffen wie Traumatisierung, Depression oder somatoforme Störungen nichts anzufangen. Manch' Betroffener würde sich deswegen gar nicht als krank bezeichnen. Trotzdem leiden sie massiv und brauchen dringend psychotherapeutische Behandlung. Im Folgenden möchte ich einige Fallbeispiele aus meiner Arbeit mit traumatisierten Menschen aus der GU geben: • Ein heftig stotternder junger Mann aus dem Irak erzählt über den Auslöser seiner Störung: Er musste einen Kameraden in einem unter Beschuss geratenen Panzer zurücklassen. Er kam als letzter heraus - der verletzte Kamerad bat ihn in diesem Moment, ihm zu helfen...zu spät. Die Erinnerung kehrt immer wieder zurück. Wenn er allein ist, plagen ihn die unauslöschlichen Bilder von da-

mals, die Geräusche der Geschütze auf dem Panzer und jener letzte Satz. Er hatte sich in der GU gänzlich zurückgezogen, kaum einer seiner Landsleute kannte ihn. Stundenlang starrte er in seinem Zimmer auf die Wand, hatte kein Interesse mehr an irgendeiner Aktivität. Auf dem Handy zeigte er mir irgendwann Fotos von seiner Familie. Ich fragte ihn, wann er das letzte Mal unbeschwert mit ihnen hatte lachen können. Endlich erzählte er eine kleine Episode. Das Seeleneis war gebrochen, wenigstens für einen Moment... • Da ist G.: Ihre Zimmernachbarinnen haben sich an die Krankenschwester gewandt, denn sie können nicht mehr schlafen. G. schreckt Nacht für Nacht auf, weint und redet wirres Zeug und lässt sich nicht beruhigen. Dann sitzen die beiden Zimmerkolleginnen an ihrem Bett in dem winzigen Raum, den sie sich zu dritt teilen und versuchen sie zu trösten. G. erzählt mir von ihren Träumen, in denen sie regelmäßig herumgestoßen und gequält wird. In ihrer Heimat hatte man sie nach dem Tod ihres Kindes des bösen Blickes bezichtigt und sie für die Missstände im Dorf verantwortlich gemacht. Sie weint lange über ihre Einsamkeit und die erfahrene Kälte hier. Ihre vertraute Familie, die sie aber seit dem Tod des Vaters nicht mehr beschützen konnte, fehlt ihr so sehr. Wir sprechen über die Notwenigkeit von Sicherheit und das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das es wieder zu gewinnen gilt, auch darüber, wie wir ihr Selbstbewusstsein stärken können und wie sie lernen kann, den Blick nach vorne zu richten. • Eine andere Frau berichtet mir erst nach vielen Kontakten unter Tränen über den erfahrenen sexuellen Missbrauch durch Regierungsbeamte ihres Landes. Diesen war sie durch ihre kritische Haltung aufgefallen, weswegen man sie so „zur Raison“ bringen wollte. Im Erstauf-

nahmegespräch hatte sie sich einem männlichen Beamten gegenüber nicht getraut, dieses für ihren Asylantrag wichtige Faktum anzugeben. • Ein junger äthiopischer Mann wiederum durchlief die verschiedensten Arztpraxen. Niemand konnte seine diversen körperlichen Beschwerden und Missempfindungen auf eine organische Ursache zurückführen. Er, der junge Student, hatte sich hier vollkommen vergraben, erzählte nur seinem Freund von Suizidgedanken, seinen sozialen Ängsten und der Sorge, die er mit fast allen Bewohnern der GU teilt, in Deutschland nicht bleiben zu dürfen, keinen Pass zu bekommen. Er befürchtete, wieder abgeschoben zu werden in jenes Land, in dem er wegen der Teilnahme am studentischen Protest für Meinungsfreiheit und Demokratie mehrfach verhaftet, eingesperrt und in einem Lager gefoltert worden war. Alle Inhaftierten mussten sich dort mit einer einzigen Rasierklinge selber die Köpfe scheren. Er hatte wahnsinnige Angst, sich mit Aids anzustecken, eine Angst, die ihn auch heute noch quält. Wir entdeckten, dass einige seiner körperlichen Missempfindungen in einem unbewussten Zusammenhang mit seinen damaligen Erfahrungen stehen. So könnten wir drei ehrenamtlichen Psychotherapeutinnen Beispiel an Beispiel reihen von jungen Menschen, die massiv leiden unter dem in ihrem Heimatland Erlittenen, aber auch unter den Umständen, unter denen sie hier leben müssen: Sie alle sind schreckhaft, schlafen oft nur noch oberflächlich, denn oft kommt die hiesige Polizei nachts, um vornehmlich im Dunklen und ohne vermeintlich viel Aufhebens abgelehnte Asylsuchende abzutransportieren. Mancher fragt sich dann ängstlich, wann er an der Reihe sein wird. Aber es entstehen auch unter den Bewohnern der Unterkunft selbst Aggressionen, die bewältigt werden müs-


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04 / 2011 sen. in der Enge der kleinen zimmer gibt es keine rückzugsmöglichkeiten oder ruhe für ein intensives gespräch. Nicht jede(r) findet unter den zimmernachbarn einen Freund, da wird auch gegeneinander intrigiert, es wird etwas von den wenigen Besitztümern entwendet oder die kulturspezifischen Unterschiede sind zu groß. Man kann sich nicht einmal in ruhe auf eine eigene toilette setzen oder gar baden - selbst kleine Seelentröstungen sind nicht zu finden. Und vor manch wohlwollender Begegnung verschließen diese Menschen sich aus angst und Misstrauen. Sie sind zutiefst verunsichert, der Bezug zum eigenen körper ist gestört, die dahinter liegenden seelischen Nöte verstecken sich gut getarnt hinter körperlichen Symptomen wie in den oben angeführten Beispielen. Die aktuelle psychotherapeutische Versorgung alle diese Menschen leiden in besonderer Weise. Hier in deutschland stünde ihnen eine durch die krankenkasse ermöglichte psychotherapie ihrer depression, ihrer posttraumatischen Belastungsstörung, ihrer Ängste zu. aber asylsuchende sind nicht krankenversichert und haben nicht einmal den Status wie Hartz-iV- Empfänger, die ja auch viele Nachteile in kauf nehmen müssen. Eine psychotherapie wird ihnen im gegensatz zu den Hartz-iVEmpfängern nicht bezahlt. asylsuchende und geduldete müssen mit ihrer Erkrankung alleine fertig werden. diese verschlimmert sich jedoch oft noch in der jahrelangen demütigenden Situation in einer gemeinschaftsunterkunft oder weitet sich aus. diese patienten isolieren sich zunehmend, können nicht an angebotenen kursen teilnehmen oder motiviert die neue Sprache lernen, stattdessen steigt ihre Verunsicherung und Verzweiflung, die Einsamkeit nimmt zu. Haben sie kinder, muss man sich fragen, wie sie denen Vertrauen, Stärke oder gar positive perspektiven aufweisen sollen. das rad der Verschlechterung dreht sich vielmehr weiter. letztlich führt dies, zumal wenn sie eines tages doch noch eine aufenthaltserlaubnis bekommen sollten, zu enormen zusätzlichen Folgekosten. Wichtig wäre es folglich, zu einem frü-

hen zeitpunkt eine entsprechende Finanzierungsform zu finden, damit den betroffenen asylsuchenden frühzeitige und adäquate Behandlung zuteil werden kann.

fen auf den heißen Stein. Es ist schwer zu ertragen, dass viele hoffnungsvolle junge leben durch mutwillige Verweigerung der für uns deutsche selbstverständlichen fachlichen Hilfe auf der Strecke bleiben. Warum eigentlich? Wie können wir dies zulassen? Wie gesagt: psychotherapie mit Flüchtlingen wird nicht bezahlt. Wir arbeiten ehrenamtlich. aber unser lohn ist dennoch gegeben: genesungsfortschritte, abnahme der traumafolgen, neuer lebensmut, entspannte gesichter, herzliche Umarmungen, eine Essenseinladung sind so viel wert!

Wissen über psychische Erkrankungen und deren Behandlungsnotwendigkeit aus der Sicht von Traumapsychotherapeuten Für alle psychisch leidenden asylsuchenden ist es wichtig zu wissen, dass depression, übersteigerte Ängste und die posttraumatische Belastungsstörung international anerkannte, mit entsprechenden international akzeptierten Codierungsziffern versehene Anne-Christin Wege-Csef Erkrankungen sind. psychotherapie diplompsychologin und spezielle traumatherapie sind psychologische psychotherapeutin ausgewiesene Methoden für eine traumatherapeutin erfolgreiche Behandlung. auch die kooperation mit dem Nervenarzt ist hilfreich bzw. in einzelnen Fällen unabdingbar, eventuell eine Medikation mit psychopharmaka. Jeder psychisch leidende patient sollte über Entstehung und Wesen dieser Erkrankungen informiert sein, über mögliche Ursachen in der eigenen Biographie, über konsequenzen für seine „Sie tragen eine schwere Last...“ körperliche und seelische Verfassung. Wissenschaftliche Studien beweisen, dass nach erfolgreicher traumatherapie das traumatisierte gehirn wieder koordinierter arbeiten kann, dass neue neuronale Verknüpfungen stattfinden und Stress, Spannungs- und Emotionsregulierung entscheidend verbessert werden können. Ein zuwachs an positivem Selbstwertgefühl, Verbesserung der Selbstregulation und Selbstfürsorge sind erlernbar. psychotherapie ist für viele asylsuchenden eine wichtige Möglichkeit, zu sich und den eigenen ressourcen und regenerationskräften zurück zu finden, sich zu stabilisieren und in einem ersten Schritt die furchtbaren traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten. im zweiten Schritt gilt es dann zu lernen, aktiv für sich zu kämpfen, neuen Mut zu schöpfen und sich schließlich in die neue kultur zu integrieren, in eine neue arbeit , in neue, von Vertrauen getragene Beziehungen. all dies ist möglich! leider wird diese Chance nur Wenigen zuteil! Unsere arbeit wirkt angesichts des enormen Bedarfs an psychotherapeutischer Behandlung wie ein trop-


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„Weder Fisch noch Vogel - oder eben beides?”

Die Erlebniswelt einer Migrantin in Melinda Nadj Abonjis „Tauben fliegen auf”

Was die schöne Literatur so wertvoll macht, ist unter anderem die Tatsache, dass sie dem Leser ermöglicht, in fremde Welten einzutauchen, an persönlichen Erfahrungen anderer teilzuhaben und somit neue Perspektiven einzunehmen. "Tauben fliegen auf" von Melinda Nadj Abonji, Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2010, ist solch ein Buch, das es dem Leser leicht macht, eine andere Lebenswelt unmittelbar zu erfahren. Die 1968 in der Vojvodina, einem ungarischsprachigen Gebiet im Norden Serbiens, geborene Autorin kam im Alter von fünf Jahren in die Schweiz, wohin sie im Rahmen der Familienzusammenführung ihren bereits vorher emigrierten Eltern folgte. Der autobiographisch geprägte Roman ist aus der Sicht der jungen Ildiko Kocsis geschrieben, die zusammen mit ihrer Schwester Nomi als Kind ihren Eltern, die ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen haben, in die Schweiz folgt, dort schnell die neue Sprache lernt und in der Schule erfolgreich ist. Ihre Eltern arbeiten sich mit unermüdlichem Fleiß nach oben, nach anfangs harter Arbeit, bei der sie von ihren Arbeitgebern skrupellos ausgenutzt werden, führen sie relativ bald eine eigene Wäscherei, dann ein kleines Café, bis sie schließlich die große, alteingesessene Cafeteria Mondial in hervorragender Lage übernehmen. Die Geschichte einer geglückten Integration, könnte man meinen. Sie endet aber nicht hier und wird auch nicht chronologisch erzählt. Der Roman beginnt mit der Ankunft der Familie bei ihrem Sommerurlaub in der alten Heimat: “Als wir nun endlich mit unserem amerikanischen Wagen einfahren, einem

Melinda Nadj Abonji Photo:Gaëtan Bally

tiefbraunen Chevrolet, schokoladefarben, könnte man sagen, brennt die Sonne unbarmherzig auf die Kleinstadt, hat die Sonne die Schatten der Häuser und Bäume beinahe restlos aufgefressen, zur Mittagszeit also fahren wir ein, recken unsere Hälse, um zu sehen, ob alles noch da ist, ob alles noch so ist wie im letzten Sommer und all die Jahre zuvor.” Diese Zeilen haben in den Rezensionen bereits viel Beachtung gefunden, und die Jury des Deutschen Buchpreises bezog sich darauf, als sie ihre Entscheidung unter anderem folgendermaßen begründete: “Was als scheinbar unbeschwerte Balkan-Komödie beginnt, [...] darauf fallen bald die Schatten der Geschichte und der sich anbahnenden jugoslawischen Geschichte.” Allerdings lässt das Bild der unbarmherzigen, Schatten fressende Sonne und der anschließende Bericht vom Besuch bei den toten Verwandten auf dem Friedhof als erste Station der Ankunft darauf schließen, dass es sich von Anfang an um alles andere als eine Komödie handelt. Zunächst wechseln sich die vierzehn Kapitel mit Erzählungen aus der Heimat und aus der Schweiz ab, verlagern sich aber schließlich

in die Schweiz. Die Heimat, das ist die zurückgebliebene Familie und der Ort der Erinnerungen an die frühe Kindheit. Gleich mit dem Eröffnungssatz erfährt der Leser, was es heißt, als Außenstehender zurückzukehren, nicht mehr dazuzugehören. Die Angst, dass sich etwas verändert haben könnte, mit dem einhergehenden Verlust der Heimat, macht dies deutlich. Es wird bald auch nahegebracht, was es heißt, ebenso im Exilland als Außenseiter zu gelten. Kurz nach der Eröffnung des Mondial stellt sich heraus, dass eine der Angestellten ihren neuen Vorgesetzten mit Missgunst begegnet: “Wir sind noch nicht fähig zu erkennen, wer Anita ist, aber in den nächsten Tagen und Wochen werden ihre Sätze immer unmissverständlicher: Ich wäre auch gern ein Asylant, fünf Franken am Tag, Ildi, damit lässt es sich doch leben, oder?, Ildi damit lässt es sich doch leben, oder?” Mit Neid wird die Familie immer wieder konfrontiert und das nicht nur in der Schweiz, wobei man sich fragt, worum sie eigentlich zu beneiden ist. Dies lässt sich zum Beispiel auch erahnen, als die Familie, als sie wieder einmal auf dem Weg zum Heimaturlaub ist, dieses Mal mit einem Mercedes Benz, an der Grenze besonders streng kontrolliert wird: “Und als wir endlich an der Reihe sind, blicken Nomi und ich mit Kindergesichtern in die strengen Augen des Grenzpolizisten, wir zeigen ihm, dass wir unschuldig sind, und nicht nur wir, sondern auch Vater. Der aus Stein gehauene Kommunist bringt es fertig, dass wir ehrerbietig und wieder hellwach sind, er, der gelassen in unseren Pässen blättert, sich zwischendurch Zeit nimmt, seinen deutschen Schäferhund zu tät-


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04 / 2011 scheln, aber diesmal werden wir nicht so einfach davonkommen, fahren Sie bitte zur Seite, sagt der Polizist und macht eine minimale Handbewegung, die zeigt, dass er es ernst meint. Und diesmal werden wir Zeugen davon, dass es das wirklich gibt, die Untersuchung von Kopf bis Fuss.” Als in der Heimat der Krieg ausbricht, werden die Kocsis immer wieder darauf hingewiesen, dass sie froh sein müssen, in der Schweiz und somit in Sicherheit leben zu können. Aber Ildikos unermüdliches Erzählen verdeutlicht es, was es für einen Menschen bedeutet, seine zurückgebliebene Familie in Gefahr zu wissen. Sie macht sich zunächst Gedanken darüber, ob es denn nicht möglich wäre, wenigstens eine Verwandte in die Schweiz nachkommen zu lassen, aber als sie dies ausspricht, stößt sie bei ihrer Mutter auf einen wunden Punkt: “Meinst du, ich habe noch nie daran gedacht, was ich tun könnte für Tante Icu? Doch, schon, sage ich, aber Mutter lässt mich nicht weiterreden, ihre Augen, die mich ohrfeigen, weisst du, was ich nachts tue?, weisst du, ob ich schlafe?, du, du bist doch so empfindlich, Ildi, und jetzt? (Mutters Blick, der mich nicht am Ohr, sondern an der Wange trifft), und was meinst du würden Onkel Piri und Csilla tun ohne sie?, wie soll sie denn ausreisen, wie sollen wir ein Visum für sie bekommen?, meinst du, ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber, was wir tun könnten, weisst du, wie oft ich schon vergeblich mit der serbischen Botschaft telefoniert habe, seit 1991 der Krieg ausgebrochen ist?, Glaubst du, das lässt mich kalt, was unsere Familie jetzt ertragen muss?” Es gibt also keine Lösung für diese Situation. Die Kocsis müssen sich damit abfinden, sind zur Tatenlosigkeit verdammt, und die Sorgen und Gewissensbisse lasten schwer auf ihnen: “Die Pause ist fertig, sagt Mutter, steht auf, schaut mich nicht mehr an, weder mich noch Nomi, und wahrscheinlich ist es ihr Kleid, die Art, wie ihr Kleid seitlich und energisch ausschwingt, die mir verrät, dass es eine fast unmenschliche Energie braucht, um die Normalität, den Alltag hier aufrechtzuerhalten - eine Energie, die ich nicht werde aufbringen können.”

Zum Alltag in der Schweiz indessen gehört es, dass Idilko und ihr Vater eines Tages Flugblätter an der Eingangstür ihres Cafés mit ausländerfeindlichem Inhalt vorfinden: “Hülye csíny, sagt Vater. Was?, frage ich. Und Vater übersetzt, weil er glaubt, ich hätte die ungarische Wendung nicht verstanden, ein Streik, ein dummer Kinderstreik, sagt er, Streich, antworte ich (aber professionell geklebt, denke ich).” Idilko fällt es zunehmend schwerer, über solche Dinge, die ihre “Normalität” begleiten, wie ihre Eltern schulternzuckend hinwegzuschauen. Dafür, dass sie als integriert gilt, wird von manchen Leuten offensichtlich erwartet, dass sie sich von neu ankommenden Einwanderern, die doch am Anfang des Einlebens in einer fremden Welt stehen, distanziert, wie ein Gast im Mondial beiläufig bemerkt: “ich bin ja selbst Arbeitgeber, ich weiss ja, dass der Schweizer heute andere Ansprüche hat, und dann, wenn die Schweizer erst mal weg sind, muss man sich mit Albanern und sonstigen Balkanesen zufrieden geben; Herr Pfister, der jetzt irgendetwas merkt, bei Ihnen, das ist ja etwas anderes, Sie sind ja schon eingebürgert und kennen die Sitten und Gepflogenheiten unseres Landes, aber die, die seit den 90ern kommen, das ist ja rohes Material, sagt Herr Pfister und sitzt wieder aufrecht, spricht nicht mehr zu mir und zu seinem Hund, sondern wieder zu seinem Freund, der sicher auch Arbeitgeber ist, wissen Sie, der homo balcanicus hat die Aufklärung einfach noch nicht durchgemacht, sagt Herr Pfister.” Neuankömmlingen wird es offenbar nicht unbedingt zugestanden, dass das Einleben eine gewisse Zeit braucht. Wie auch hierzulande neuerdings gilt in der Schweiz als formale Voraussetzung für die Integration die Einbürgerungsprüfung, um zu belegen, dass man über einen ausreichenden Grad der “Aufklärung” verfügt. Die Erzählerin berichtet, wie sie und Nomi im Sommer 1987 ihren Eltern dabei geholfen hat, sich durch das Wissen über die politischen Strukturen des Schweizer Staates zu kämpfen, dessen alteingessene Bürger sicherlich nicht im Detail mächtig sind:

“Nomi, die sagte, bin ich froh, dass ich die Prüfung nicht machen muss, und es war ein verregneter Tag, an dem wir unseren Eltern Glück wünschten, und wir waren nicht überrascht, dass sie schweigend nach Hause kamen, nicht geschafft, sagte Mutter, wir müssen noch mal hin, ein paar Fragen hätten sie gar nicht verstanden, wie soll man da antworten, wenn man die Frage nicht versteht? Mutter, die der Prüfungskommission ein besonders ausgefallenes Strudelrezept aufgetischt hatte, weil sie das Wort Sudel nicht gekannt hat, das schweizerische Wort für Fresszettel, die Beamten, die ihr angeboten haben, sie könne sich auf einem Sudel Notizen machen.” Derartig lange Sätze prägen den Roman und füllen bisweilen ganze Absätze. Sie erzeugen den Eindruck, direkt etwas erzählt zu bekommen und man meint förmlich, die Stimme der Erzählerin zu hören. Von einigen Rezensenten wird dieser Sprachstil als belangloser “Plapperton” verurteilt und die Entscheidung der Buchpreis-Jury somit kritisiert. Allerdings ist es eben diese Geradlinigkeit des Erzählens, die auf so unmittelbare Art und Weise in die Lage eines Menschen, der zwischen zwei Welten lebt, versetzt. Die sprachliche Kunst liegt darin, verschachtelte Sätze mit mehreren Perspektivwechseln leicht klingen zu lassen. Es wird nicht immer alles Erlebte kommentiert zum Teil spricht das Dargestellte für sich und gibt Anstoß zum Reflektieren. Man hört Idilkos Erzählen gerne zu, und durch ihre jugendliche Sichtweise dürfte es auch jüngeren Lesern leicht fallen, sich mit ihr zu identifizieren. Aus diesem Grund, und durch die Tatsache, dass sich ihre Erfahrung auch leicht auf Deutschland übertragen lässt, ist „Tauben fliegen auf” auch hierzulande als Schullektüre besonders geeignet und stellt einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Migrationsdebatte dar. Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf. Roman. Salzburg: Jung und Jung Verlag, 2010. 304 Seiten. 22 Euro Monika Wolf


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ÖKOPAX e.V. seit 25 Jahren Friedens - und Umweltarbeit in Würzburg

die Würzburger Friedens-und Umweltgruppe ökopaX ist 1983 aus der studentischen initiative „Sand im getriebe” entstanden. die gruppe gab sich das Motto: „prinzip leben: ökopaX – die neue kraft“, nach einem Buchtitel von petra kelly, gründungsmitglied der grÜNEN, und Jo leinen. Seit 1986 ist ökopaX als gemeinnütziger Verein anerkannt, der pazifistische und antimilitaristische ziele verfolgt. Schwerpunkte sind der zusammenhang zwischen krieg, rüstung und rüstungsexport und die dadurch hervorgerufenen Umweltschäden. anlässlich des 50. Jahrestages der zerstörung Würzburgs am 16.März 1945 rief ökopaX eine Friedenskampagne ins leben unter dem Motto: „Frieden kommt in zivil!“ Mit folgender ankündigung wandte die gruppe sich an die Würzburger Bürger/innen: „gemeinsam mit ihnen wollen wir aus der schrecklichen kriegsvergangenheit unserer Stadt lernen. Wir meinen: krieg zerstört, was er zu erkämpfen vorgibt. die zukunft gehört zivilen, nicht-militärischen Formen der konfliktbewältigung. Frieden kommt in zivil, nicht in Uniform! das kostet Mut, zeit, geld – aber wer kann sich krieg schon leisten?“ leider ist auch nach 15 Jahren dieser aufruf noch sehr ak-

tuell, immerhin hat deutschland sich seither an zwei „heißen kriegen“(kosovo und afghanistan) beteiligt, und die Überlegungen zu „humanitären interventionen“ sind auch nach diesen beiden Flops nicht ad acta gelegt. Ebenfalls 1995 wurde der erst Würzburger Friedenspreis, initiiert von dr. thomas Schmelter, ökopaX, an den damals vorläufigen ausländerbeirat verliehen. Seither wurden 16 regionale Friedenspreisträger/innen mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet. Seit zwei Jahren ist die gruppe – ganz im Sinne des kampagnenmottos – auch regionalgruppe des „Forum ziviler Friedensdienst“, das seit Jahren Friedensfachkräfte ausbildet, die in konfliktregionen Versöhnungsarbeit leisten, darüber mehr in der nächsten ausgabe. darüber hinaus veranstaltet ökopaX jedes Jahr am karsamstag den Würzburger ostermarsch, 2011 schon zum 28. Mal. in den letzten Jahren hat sich die gruppe verstärkt um Vernetzung mit anderen initiativen bemüht und ist u.a. Mitglied im Würzburger klimabündnis. Armin Meisterernst


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Der Würzburger Friedenspreis in den letzten tagen des 2.Weltkrieges, am 16.03.1945, wurde die Stadt Würzburg nahezu vollständig zerstört. Von diesem trauma hat sich die Stadt auch nach ihrem Wiederaufbau nie ganz erholt. Jedes Jahr am 16. März wird unter anderem durch ein 20-minütiges glockenläuten an dieses schicksalhafte Ereignis erinnert. im März 1995, als sich die zerstörung von Würzburg zum fünfzigsten Mal jährte, fanden besonders viele gedenkveranstaltungen statt, und in der ganzen Stadt hingen plakate mit der aufschrift „Nie wieder krieg“. Für einige Menschen aus der Friedensbewegung war dies der anlass darüber nachzudenken, welche konsequenzen wir aus der Vergangenheit ziehen müssen, um ein friedliches zusammenleben in unserer gegenwart zu gewährleisten. außerdem überlegten sie, wie sie anstrengungen von Menschen, die sich für den Frieden einsetzen, unterstützen und bekannter machen könnten. aus diesen Überlegungen heraus wurde 1995 der „Würzburger Friedenspreis“ ins leben gerufen. „Nie wieder krieg“ wurde zum Motto für einen preis, der seitdem alljährlich im Juli an personen oder gruppen verliehen wird, die sich aus unserer region in besonderer Weise im Bereich Frieden, gewaltfreie konfliktlösung, Völkerverständigung und Bewahrung der natürlichen lebensgrundlagen eingesetzt haben. Frieden im zusammenleben von Menschen ist nichts Selbstverständliches. Man muss sich immer wieder darum bemühen. Frieden fängt im kleinen, in unserem alltag an. der preis wird nicht von der Stadt

Würzburg verliehen, sondern von einem komitee, das eigens zu diesem zweck gegründet wurde. diesem komitee können können Einzelpersonen, aber auch gruppen, Vereine, parteien usw. beitreten. Wer beitreten will, zahlt einen Beitrag von 15 € für Einzelpersonen und 60 € für gruppen. Mit diesem geld wird der preis, der zur zeit mit 1500 € dotiert ist und andere anfallende kosten finanziert. das Besondere am Würzburger Friedenspreis ist, dass er somit ein preis von Bürgern für Bürger ist. Es sollen nicht Menschen, die irgendwo auf der Welt etwas großes für den Friedenserhalt geleistet haben, ausgezeichnet werden, sondern Menschen aus der region Unterfranken, die sich mit ihren Mitteln und Möglichkeiten und - wie die liste der ausgezeichneten zeigt - auf ganz unterschiedliche Weise für den Frieden eingesetzt haben. Wir wollen dadurch, dass wir unsere auszeichnung für ein Engagement in unserer region verleihen, den vielfältigen, bestehenden aktivitäten helfen, bekannter zu werden und eine Würdigung zu erfahren. außerdem ist es das ziel der initiative, andere Mitbürger zur Nachahmung anzuregen und Menschen, die sich für diesen themenkomplex interessieren, eine Möglichkeit zum kennenlernen und zum Vernetzen zu geben. der Name "Würzburger Friedenspreis" benennt den Ursprungsort der initiative und erinnert an das besondere Schicksal dieser Stadt. die bisherigen preisträger entstammen jedoch dem ganzen unterfränkischen raum und sogar darüber hinaus. der Blick soll auch weiterhin so weit gefasst werden. Für die zukunft hoffen wir, dass wir zu den gut 20 Unterstützergruppen, die bisher vorwiegend aus dem raum Würzburg kommen, noch weitere aus dem großraum Unterfranken dazu gewinnen können. Vorschläge, wer mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet werden soll, kann jeder machen, der von dem aufruf in der presse oder den Flyern erfährt. das komitee wählt einen Vorbereitungsausschuss, der alle Vorschläge sichtet und eine engere auswahl trifft. Bei einer Vollversammlung, zu der alle Mitglieder, die den teilnehmerbeitrag gezahlt haben, eingeladen werden, werden diese Vorschläge vorgestellt, und alle anwesenden Stimmberechtigten wählen den neuen preisträger. in den kommenden tagen wird der aufruf nach Vorschlägen für den Friedenspreis 2011 erfolgen. Wir sind gespannt, welche interessanten und engagierten Menschen wir in diesem Jahr kennenlernen werden. Maria Leitner


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Exhausted sound Fear, frustration and going to the dark corner of life. I came here to Germany with a great hope and full of expectation, but I turned hopeless. I am here with guaranteed security, but I feel like insecure and alone. Augustus Laraba, 32, born in Nigeria, left his country of origin 18 months ago. “My experience in this particular refugee camp was okay so far”, he said, “but now I have seen a real existence of discrimination in a democratic and most developed country of Europe. The story was happening to me. I experienced a real discrimination between those who have the passport and those who don’t. One day, I went to the foreign office to request working permit. In this case, it is not an easy task to find a job if you don’t have the passport. However, after I have got the working permit, I got a job somewhere in a restaurant for two consecutive hours per day. Now the problem is before I am going to start the work, I should inform the type of work that I have got to the foreign office and I did it. I went to the foreign office once again to inform them, and after three days of waiting the reply and to begin the work, unfortunately, however, the foreign office

said, “Sorry! The work is taken over by somebody who has the passport”. No chance for work, no chance for discussion. It is not easy to find somebody to share all this experiences in a refugee camp in order to have got some relief. When I sent this article for publishing, I would have at least a little relief to get out stress, worry and/or from day to day boring and routine camp life.” One of our challenging problems in the refugee camps is being kept off from any benefits of human kind. It is not easy to get a response for our demands and needs. It is not easy to amplify our voice to concerned individuals. It is not easy to interact with the society; there is a big gap between us, the refugees on the one hand and the local people on the other hand. We came here because of our serious problems in our countries of origin. The crucial questions are: Why are you doing all these things? Why we, refugees, don’t have the right to move except within a limited district? Why my dignity has no relevance in the eyes of some others? Why not be allowed to integrate with the local people in any way? Why some officials are pushing us to the very dark corner of life as use-

Part 4 less creatures of God? I believe that all human beings are valuable and most precious creatures of God. We should support each other as human beings instead of going and walking back to back. You should understand us; we are leaving our dear families behind risking our lives on our way through terrible seas, wandering through intimidating deserts and suffering journeys of life and death in search of security and better life. Some of our families are under the control of those dictator governments. Problems are already there in our places of birth and also in the place which we decided for to rescue our life. In addition, as a refugee in this country, we are lacking anything; I don’t have even the knowledge and information about how long refugees are waiting in a camp to be free. In this case, having been here in a refugee camp for nearly two years. I experienced a lot of things. What we are asking you democratic countries: please give attention to our exhausted sound, understand our real problems and please stop discrimination! Isaa Yakubu

Stimme der Erschöpfung Angst, Frustration und die finstere Seite des Lebens: Ich kam nach Deutschland mit großen Hoffnungen und voller Erwartungen. Nun hat mich die Hoffnung vollends verlassen. Sie gewährleisten mir hier Sicherheit, aber in Wirklichkeit fühle ich mich unsicher und allein gelassen. Augustus Laraba ist 32, geboren in Nigeria. Er hat seine Heimat vor 18 Monaten verlassen. "Meine eigene Erfahrung in diesem besonderen Flüchtlingslager war soweit in Ordnung,“ beginnt er zu erzählen, "aber dennoch machte ich die unmittelbare Erfahrung krasser Diskrimi-

nierung in diesem demokratischen und am höchsten entwickelten Land Europas." Diese Geschichte ist mir wirklich widerfahren. Die Geschichte des alles entscheidenden diskriminierenden Unterschieds zwischen Besitzern und Nichtbesitzern der Aufenthaltsgenehmigung, des „Passes“. Eines Tages bin ich zur Ausländerbehörde gegangen, um nach einer Arbeitserlaubnis zu fragen, und ich habe sie tatsächlich erhalten. Dann bin ich losgezogen auf der Suche nach einem Job. Es ist sehr, sehr schwer, überhaupt eine Arbeit zu finden, wenn man kei-

Teil 4

nen Pass hat, ich weiß. Immerhin: Irgendwann hatte ich eine Jobzusage in einem Schnellimbiss, für zwei Stunden täglich. Nun musste ich also nochmals die Erlaubnis der Ausländerbehörde für diese konkrete Stelle einholen. Voller Hoffnung und Vorfreude habe ich drei Tage auf die Zustimmung gewartet; nichts passierte. Also ging ich wieder hin und bekam zu hören: „Tut uns Leid, diese Stelle wird von jemandem mit einem Pass übernommen.“ Ein Schlag ins Gesicht. Keine Chance auf Arbeit, keine Chance auf Diskussion.


04 / 2011 Es ist schwer, in dieser Lage jemanden im Lager zu finden, um sich mitzuteilen, den aufgestauten Druck loszuwerden und Trost zu bekommen. Indem ich euch all das hier erzähle, spüre ich wenigstens eine kleine Erleichterung, eine winzige Möglichkeit, den Stress und die Sorgen mitzuteilen, der lähmenden tagtäglichen Langeweile und Routine des Lagerlebens zu entfliehen. Eine unserer großen Herausforderungen in den Flüchtlingslagern ist die dort erfahrene Verweigerung von Menschlichkeit. Es ist nicht einfach, unseren Anliegen und Bedürfnissen Gehör zu verschaffen. Es ist nicht einfach, unsere Stimme stark genug zu machen, um von betroffenen Menschen vernommen zu werden, die sich unserer annehmen würden. Es ist nicht einfach, mit der Gesellschaft da draußen in Beziehung zu treten; ein tiefer Spalt klafft zwischen uns Flüchtlingen auf der einen und den Einheimischen auf der anderen Seite.

21 Wir kamen doch nur her wegen ernst- durch die Wüsten und erfahren Auhafter Schwierigkeiten in unseren Hei- genblicke zwischen Leben und Tod auf matländern. Und nun stellen wir euch der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben. So manche unserer diese entscheidenden Fragen: Warum tut ihr uns all das an? Warum Familien gerät dann ins Visier der Dikdürfen wir Flüchtlinge uns nur in ein- taturen zu Hause geschränkten Bezirken bewegen? Wa- Probleme in der Heimat, denen wir rum ist unsere, meine Würde nichts entfliehen mussten, Probleme in den wert in den Augen anderer? Warum Ländern, von denen wir uns lebensretwerden wir mit allen Mitteln von An- tende Sicherheit erhofften. näherung, von Integration an unserem Hinzu kommt, dass ich als einer der Aufenthaltsort, mit den Menschen Flüchtlinge in diesem Land, die beiseidort, ferngehalten? Warum behandeln te geschoben sind und an (so vielem) uns manche Behördenmitarbeiter wie Mangel leiden, nicht einmal weiß, wie unnütze Geschöpfe Gottes und lassen lange Flüchtlinge in einem Lager ausuns die finstere Seite des Lebens er- harren müssen, bevor sie endlich frei sein dürfen. Ich habe hier schon fast fahren? Ich glaube, dass alle Menschen wert- zwei Jahre im Lager verbracht. In dievolle und höchst kostbare Geschöpfe ser Zeit bin ich um viele Erfahrungen Gottes sind. Wir sollten uns gegensei- reicher geworden. tig als eben solche menschliche Wesen Was wir von euch als demokratischen schätzen und unterstützen, anstatt ei- Ländern erbitten: Hört und beachtet unsere Stimmen der Erschöpfung, benander den Rücken zuzukehren. greift unsere wirklichen Anliegen und, Ihr solltet erkennen und begreifen: Wir verlassen unsere geliebten Famili- bitte, beendet die Diskriminierung! en, wir riskieren unser Leben bei ÜberÜbersetzung: elos fahrten auf hoher See, auf Märschen


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Der Musiker Heinz Ratz radelt gegen Diskriminierung von Flüchtlingslager zu Flüchtlingslager Heinz Ratz und seine Band besuchen verschiedene Flüchtlingslager in Bayern. Der Musiker Heinz Ratz ist mit dem Fahrrad unterwegs, um die Lager zu besichtigen.Ratz trat hier in Würzburg am Donnerstag, den 03. März, im Café Cairo auf.Viele Menschen, darunter Studenten, aber auch einige der Flüchtlinge selbst, besuchten das Konzert.Er sagte, die Idee hinter der Fahrradtour von Lager zu Lager sei, auf die Situation der Flüchtlinge und den Umgang mit ihnen aufmerksam zu machen, direkt dort, wo sie leben müssen. Der Gedanke sei, laut Ratz, sich verantwortlich zu fühlen für diejenigen, die sonst keine Stimme und keine Heimat haben. „Diese Menschen sind wegen der schwierigen politischen Situation in ihren Heimatländen zu uns gekommen. Dennoch werden sie hier schlecht und unmenschlich behandelt. Es liegt in unserer Verantwortung ihnen zu helfen“, sagte er und erklärte, trotz der Schwierigkeiten im Winter in Deutschland mit dem Rad unterwegs zu sein, sei es für ihn ein wichtiger Zeitpunkt um die Situation der Flüchtlinge zu überprüfen. In den meisten Fällen sind sie in keiner guten Lage. Sie brauchen wirklich Hilfe. Er sagte, die meisten Flüchtlinge seien sehr froh, wenn man sie besuche. In vielen Fällen gebe es sehr viel Verunsicherung, Leid und einige seien wirklich ohne jede Hoffnung.

„Wenn ich diese Erlebnisse den Deutschen während der verschiedenen Konzerte erzähle, können sie gar nicht glauben, wie es in Flüchtlingslagern hier zugeht. Einige von ihnen behaupten, die Flüchtlinge kämen nur in dieses Land um uns die Arbeitsplätze wegzunehmen oder vom Sozialsystem zu profitieren. Darum geht es aber gar nicht. Der springende Punkt ist, ihre momentane Situation ist sehr schlecht, oft sogar im Vergleich zu ihrer vorherigen Lage. Der Besuch ist eine Chance, die Menschen auf beiden Seiten miteinander in Verbindung zu bringen.“

Heinz Ratz

im Café Cairo


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Armenien Ich möchte Ihnen die vergangene Pracht unseres uralten Heimatlandes Armenien und den Reichtum seines kulturellen Erbes vorstellen. Armenien ist eines der Länder im westlichen Asien, umgeben von Georgien im Norden, Aserbaidschan im Osten, Iran im Süden und der Türkei im Westen. Gemeinsam mit Georgien und Aserbaidschan bildet Georgien die interkontinentale Landbrücke zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, somit auch zwischen Asien und Europa. Das Klima des sehr bergigen Landes variiert je nach Höhe und ist ein Kontinentalklima mit langen, heißen Sommern und gemäßigten Wintern. Wie gesagt, Armenien wird von einer Hochgebirgslandschaft dominiert und ist häufigen Erdbeben ausgesetzt. Das letzte schwere Erdbeben von 1988 hat drei Städte und mehr als 60 Dörfer dem Erdboden gleich gemacht. Mehr als 25000 Menschen sind damals ums Leben gekommen und rund eine halbe Million Einwohner hatten ihr Zuhause verloren. Zur Geschichte Armeniens: Bereits im 9. Jahrh. v. Chr. wurde auf dem Gebiet des heutigen Armenien das Urartische Königreich gegründet mit seiner Hauptstadt Van. Im frühen 4. Jahrh. n. Chr. wurde Armenien christlich, darüber hinaus wird verschiedentlich angenommen, dass es das erste Land ist, in dem das Christentum zur Staatsreligion wurde. Während der nachfolgenden Jahrhunderte der Fremdherrschaft über Armenien hat die armenische Kirche maßgeblich zum Erhalt einer kollektiven Identität der Menschen beigetragen. Sie wurde zu einem mächtigen Symbol der armenischen Nation. Die meisten Armenier gehören der Armenisch-Apostolischen Kirche an. Im Winter 1918 sind die Führer von Armenien, Georgien sowie moslemischer Gruppen zusammengekommen, um die Transkaukasische Föderation auszurufen und die Unabhängigkeit Trans-

INCLUDEPICTURE "http://www.worldmapnow.com/images/2010/11/armenia_map_4.jpg" \* MERGEFORMATINET kaukasiens von Russland zu erklären. Am 26. Mai 1918 wurde die Unabhängigkeit Georgiens erklärt, zeitgleich mit dem Ausrufen der „Musavat-Republik von Aserbaidschan“ durch die Moslems. Dieser neue türkische Staat, gebildet aus dem geschichtlich zum östlichen Armenien gehörenden Landstrich, bekundete sogleich und ohne Scham seine Besitzansprüche auf die armenischen Territorien in Karabakh, Zangezur und Nakhichevan. Die zwei Kontrahenten stießen mit ihren Truppen am 28. Mai 1918 in der Nähe von Sardarapat aufeinander. Aus der Schlacht gingen die armenischen Truppen als klarer Sieger hervor. An die 30000 türkische Soldaten kamen damals ums Leben. Der besiegte türkische Befehlshaber Vahib-Pascha bezeichnete die armenischen Soldaten als die besten Kämpfer weltweit. Noch am selben Tag, den 28.Mai 1918, wurde Armenien als unabhängige Republik ausgerufen.

Die armenische Gesellschaft unterhält enge Familienbande, oftmals leben viele Mitglieder der weitverzweigten Familie unter einem Dach. Ja, Familie und Freunde bilden das Zentrum des gemeinschaftlichen Lebens in Armenien, und der Respekt vor den Älteren verbindet die Generationen. Armenien ist stolz auf seine ausgeprägte und reiche kulturelle Tradition. Die traditionelle armenische Küche und Musik ähneln denen der Länder im Mittleren Osten. Auch heutzutage sind die meisten Menschen gebildet und verleihen dem Land an sich ein großes Potenzial. Der gebildete Intellekt und die geschickten Hände der Armenier sind in der ganzen Welt hoch angesehen und willkommen. So kann man zum Beispiel die armenische literarische Tradition bis ins 5.Jh. n. Chr. zurückverfolgen. Zu den frühesten Zeugnissen zählt auch histo-


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04 / 2011 risches und religiöses Liedgut auf der Grundlage bäuerlicher Gesänge; die Art und Weise der frühen Notation aus dem 9. Jh. wurde später im 19. und 20. Jh. von dem großen armenischen Komponisten Komitas aufgegriffen. Dieser Komponist wird als die Perle der armenischen Musik bezeichnet. Er ist an der Echmiatsin-Akademie und am Berliner Konservatorium ausgebildet worden. Zerwürfnisse an der Echmiatsin-Akademie führten dazu, dass der Komponist schließlich nach Istanbul auswanderte. Fünf Jahre später wurde er Augenzeuge des Schreckens des Genozids an den Armeniern in der Türkei. An diesem Erlebnis zerbrach er, verfiel dem Wahnsinn und komponierte nie mehr. Er starb 1935 in Paris. Zum Gedenken an die Opfer des Völkermordes an den Armeniern im Jahre 1915 ist ein Denkmal auf dem Tsitserna kaberd-Hügel errichtet worden. Im Zentrum des Mahnmals befindet sich ein Gedächtnisraum mit einem Ewigen Licht und zwölf Basaltsäulen, die über dieser Flamme aneinander gelehnt sind. Einen eindrucksvollen Teil des Monuments bildet eine pfeilförmige, 44m hohe Säule aus Granit, die die spirituelle Wiedergeburt und den tapferen Geist der Armenier symbolisiert. Das Völkermord-Museum ist ein besonderer, wesentlicher Teil des Komplexes. Zu der Ausstellung gehören viele großformatige, von Augenzeugen aufgenommene Bilder, Archivdokumente, Dokumentarfilme sowie von internationalen Organisationen und Parlamenten erlassene Originaldokumente. Diese verurteilen den Völkermord. Einige der 3000 Dokumente befinden sich im Bundestag in Berlin. Die Hauptstadt Armeniens, Eriwan, ist auch die größte Stadt des Landes. Die dortige Universität wurde 1919 gegründet. Mit den bedeutendsten armenischen Museen wie dem Staatlichen Historischen Museum, der Staatlichen Gemäldegalerie und dem Staatlichen Museum für Literatur und Kunst ist die Hauptstadt der kulturelle Mittelpunkt des Landes. Dort ist auch das Staatliche Akademie-Theater für Oper und Ballett zu finden. Im Jahre 1959 ist das Matenadaran Manuskript-Museum erbaut worden und beherbergt die ältesten armenischen

Manuskripte, insgesamt rund 30000 an der Zahl, darunter ca. 2500 mit Miniaturmalereien versehene Werke. Diese illustrieren verschiedene Bereiche der uralten und mittelalterlichen armenischen Kultur und Wissenschaft: Geschichte, Philosophie, Pharmazie, Chemie Medizin, Himmelskunde, Geographie, Kunst, Musik, Literatur, Theater und auch Manuskripte in Arabisch, Persisch, Griechisch, Aramäisch, Latein, Äthiopisch, Japanisch und in anderen Sprachen. Die Bibel und zahlreiche historische Dokumente geben Zeugnis von der armenischen Mal- und Illustrationskunst. Viele biblische Illustrationen stammen von armenischen Künstlern, zum Beispiel solche vom Berg Ararat. Die Bestände des Museums nehmen mit weiteren Entdeckungen alter Schriften stetig zu, und auch das schwerste Buch der Welt soll hier zu bewundern sein. Ferner sind armenische Manuskripte auch in anderen Museen zu finden wie im Londoner British Museum und in der Pariser Nationalbibliothek. Im Jahr 2010 beging Eriwan seinen 2.793. Geburtstag. Bereits im 8. Jh. v. Chr. wurde durch den Urartischen König Argisi die Festung Erebuni-Stadt errichtet. Seit dem 14. Jh. n. Chr. bis zum 18. Jahrh. war Eriwan die Hauptstadt Armeniens, wobei es Invasionen aus der Türkei und aus dem Iran ausgesetzt war. Im Jahre 1827 besetzten Russen die Stadt. Leider hat kein bedeutendes historisches Gebäude oder Denkmal vom 7. bis 19. Jahrhundert in Eriwan bis heute überlebt. Nachdem 1902 schließlich eine Bahnlinie nach Eriwan gebaut worden ist, sind die bedeutendsten Gebäude der Stadt im 20. Jahrh. errichtet worden. Die Armenier sind ein uraltes Volk und gehören zur indogermanischen Rasse. Dort sind sowohl die Wurzeln der armenischen Sprache mit ihrem alten, 39 Buchstaben zählenden Alphabet aus dem 5. Jh. n. Chr., wie auch die ethnische Ausformung des armenischen Volkes zu lokalisieren. Mehr als neunzig Prozent der ca. 3,5 Millionen zählenden Bevölkerung gehören einer einziger Volksgruppe an, den „Hai“. Ferner wären als Minderheiten die Russen, Kurden, Griechen und Syrer zu nennen. Die tragischen Ereignisse des Geno-

zids am armenischen Volk in der Türkei am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts versprengten die Armenier in die ganze Welt, nicht nur nach Deutschland, sondern auch nach Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Frankreich, Italien, Großbritannien, Belgien, Portugal, Spanien, nach Ägypten, in den Libanon, in den Iran, nach Syrien, aber auch in die USA und nach Kanada, nach Argentinien, Brasilien und Uruguay und sogar nach Indien, China und Australien. Einer Einwohnerzahl von ca. 3,5 Millionen in Armenien stehen rund 10 Millionen Armenier in der ganzen Welt gegenüber! Und auch heutzutage verlassen viele Armenier auf Grund des repressiven Regimes und der desolaten politischen Lage ihre Heimat, meist in die USA und nach Europa. Die neue Verfassung erteilte dem Präsidenten als dem Staatsoberhaupt weitreichende Vollmachten. Politisch motivierte Übergriffe und Morde sind an der Tagesordnung. Der mächtige Regierungsapparat braucht während seiner Herrschaft keine Verurteilungen zu befürchten für seine furchtbaren Taten. Ich wünsche Armenien von Herzen eine gute Regierung und seinen Menschen die Erfüllung ihrer Sehnsüchte, damit wir nach Hause zurückkehren können. Möge Armenien mit der Türkei und mit Aserbaidschan in Frieden leben können. Ich wünsche mir auch, dass Deutschland und die Türkei den Zugang zu allen relevanten Dokumenten ermöglichen, damit das große historische Trauma des armenischen Volkes aufgedeckt und aufgearbeitet werden kann. Jeden Tag träume ich nur von Armenien. Ich kann nicht zurück in mein Heimatland. Und es ist sehr, sehr, sehr schwer, weit weg von meiner geliebten Heimat leben zu müssen. Das Leben eines Menschen ist von Bedeutung, wenn er es dazu verwendet, sich für das Gute einzusetzen und das Böse zu bekämpfen, wann und wo immer es notwendig ist. Und mein Leben ist nun sehr bedeutsam. Gohar Ghazaryan


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Jeder innerhalb und außerhalb der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Asylbewerber in Würzburg=GU ist herzlich eingeladen zu folgenden Veranstaltungen in der KHG Katholische Hochschulgemeinde Hofstallstr. 4, 97070 Würzburg (weitere Informationen bei den Studenten mittwochs in der Teestube in der GU, unter khg-wuerzburg.de, oder per Mail asylak@web.de) „Äthiopien - Ein Land zwischen Himmel und Erde“ Vortrags- und Gesprächsabend zu Land, Kultur und Religion Äthiopiens Mi, 18.05.2011, 20:00 Uhr (vorher um 19:00 Uhr Äthiopisches Abendessen in der KHG-Bar) „Bilder aus einer anderen Welt“ Ausstellungseröffnung von Künstlern aus der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber So, 29.05.2011, 20:00 Uhr „Afrikanischer Abend“ Flüchtlinge kochen landestypische Gerichte und erzählen von ihrer Heimat Mi, 13.07.2011, 19:00 Uhr in der KHG-Bar, Hofstallstr 4, 97070 Würzburg


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„ „Der Traum vom Leben“

wie auf poetische Weise dem Menschen und dem Mensch-Sein nachspüren möchte und im Kleinen und im Fragment flackernde Lichter werfen will auf dessen Brüchigkeit und Verlorenheit, aber ebenso auf die Tollheit seiner Dabei liegt das Stück selbst nicht einmal voll- Hoffnung. endet vor. Auch ist die Besetzung der Darsteller noch flexibel. Ebenso gibt es derzeit keinen Die Premiere des als Stationendrama inszenierten Stücks wird im Frühsommer sein, festen Aufführungsort. im Juni 2011. Doch genau das ist Programm der bereits im Winter 2009/2010 entstandenen Initiative der Umrahmt werden soll es von begleitenden soziokulturellen Reihe „Wegmarken“, die hier Veranstaltungen professionelle Theatermacher und Flüchtlinge der Katholischen Akademie Domschule, aus der Gemeinschaftsunterkunft für Flücht- des Evangelischen Bildungszentrums Rulinge und Asylbewerber in der Veitshöchhei- dolf-Alexander-Schröder-Haus sowie mer Straße 100 in Würzburg auf eine gemein- der Akademie Frankenwarte Würzburg. same Reise schicken möchte. Entwickelt wird zusammen ein Theaterabend über Sehnsüchte, eingefrorene Wünsche, über Schicksale im Künstlerische Leitung: Wartestand. Barbara Duss / Alexander Jansen Interkulturelle Beratung: Eine Collage entsteht, eine vielfarbige Sze- Eva Peteler nenfolge in unterschiedlichen Sprachen, Liedern, Tänzen, Gesten... Eine Entdeckungsreise zum „Traum vom Leben“, die auf politische

Dies ist wohl eines der couragiertesten Projekte des Mainfranken Theaters dieser Spielzeit: das interkulturelle Vorhaben „Traum vom Leben“.


Interview

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„Ich will, dass alle, die zu uns kommen, sich hier wohl fühlen“ Petra Eicke-Abelmann-Brockmann erhielt 2007 den Würzburger Friedenspreis für ihr langjähriges Engagement und ihren persönlichen Einsatz im Arbeitskreis „Integration durch Sprache, Sport und Spiel“ im Würzburger Stadtteil Lengfeld. Der Arbeitskreis, den sie seit 1999 leitet und dem ca. 20 Personen aus den beiden Pfarrgemeinden,den Kindergärten, der Schule, der CARITAS und der KAB angehören, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen zu motivieren, Integration als zweiseitige Angelegenheit zu leben, sich gegenseitig einen Einblick in die eigene Welt zu genehmigen, um mit mehr Verständnis, Toleranz und gegenseitiger Akzeptanz für- und miteinander zu leben. © Würzburger Friedenspreis

Addis Mulugeta und Eva Peteler vom Heimfocus-Magazin haben Frau Petra Eicke-AbelmannBrockmann zu ihrer erfolgreichen Integrationsarbeit befragt: Heimfocus: Herzlichen Dank, Frau Eicke-Abelmann-Brockmann, dass Sie sich Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen. Wie kamen Sie vor rund 13 Jahren dazu, sich ehrenamtlich für das Thema Integration zu engagieren? Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Ich habe dieses Projekt aufgebaut, als damals am Rande von Lengfeld plötzlich blaue Mietshäuser in sehr einfacher Bauweise errichtet wurden, in denen Russlanddeutsche untergebracht werden sollten. Man hatte mit den Anwohnern nicht darüber gesprochen. Dann sind da also Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion untergebracht worden, in diesem Außenbezirk, fast eine Art Ghetto, sowohl von der Optik als auch von der Lage her. Das gab sehr viel Aufregung in Lengfeld: „Die Russen kommen!“, „wir sind nicht informiert worden“.... Diese Kontingentflüchtlinge sind selbst an uns herangetreten mit dem Wunsch, in die Gemeinschaft mit aufgenommen zu werden. Dabei erwies

Ich habe so für mich viel gelernt und erfahren. Es war und ist für mich ein zentrales Anliegen, dass eine Gemeinschaft entsteht, und Gemeinschaft geht nur durch gegenseitige Integration. Die Neuen sollten etwas von den Alten lernen und im Gegenzug sollten die Alteingesessenen von den Neuankömmlingen etwas annehmen. Jeder hat etwas zu geben und zu nehmen. Das ist auch heute noch das Hauptziel meiner Arbeit, diese Verbindung herzustellen, dass man aufeinander zugeht und etwas gemeinsam macht. Von Seiten der ausländischen Neubürger läuft die Integration in meinem Umfeld wirklich gut. Doch man muss weiter daran arbeiten, dass die Integration endlich auch bei den Deutschen ankommt, dass die Einheimischen nicht wieder in alte Schablonen zurück fallen und wieder sagen, das sind doch wieder “die Russen“, sondern dass sie die Neubürger als Lengfelder, als Würzburger einfach anerkennen. Das ist ein Problem, an dem man immer wieder, auch in vielen Kleinigkeiten, arbeiten muss, immer wieder aufzeigen muss, die gehören dazu, sie tun viel für uns alle, für die Gemeinde, Heimfocus: Warum liegt Ihnen persönlich das The- man muss es nur wahrnehmen und schätzen. Und immer wieder darauf ma Integration am Herzen? hinweisen, die ausländischen Mitbürger haben sich bemüht und viel von Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Es war für mich von Anfang an sehr unserer Kultur angenommen, aber wir interessant, mit Menschen aus ande- werden auch beschenkt und profitieren Ländern zusammen zu arbeiten. ren von ihrer Kultur. Dieses beidseitige Lernen und Annehmen ist mir ein ganz

sich die Sprachbarriere als ein großes Problem. Zwei Freiwillige von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung haben als Erste Sprachkurse angeboten, und bald bin ich um Mitarbeit gebeten worden für die mittlerweile fast 60 Schüler. Ich habe jedoch sehr schnell gemerkt, dass Sprache allein nicht hilft, man muss den Kontakt herstellen zwischen den Einheimischen und den Neubürgern. Heute ist die erwähnte Wohnlage durchmischt und die rund 120 russischen Neubürger sind mehrheitlich gut integriert. Die Zahl ist durch Wegund Zuzug relativ konstant geblieben, wobei die Neuankömmlinge schon von sich aus sehr um Integration bemüht sind und auch räumlich Wohnungen mitten in Lengfeld bevorzugen. Man könnte sogar sagen, die aktive Integration der ausländischen Mitbürger ist weiter als von deutscher Seite: Die neu Hinzugezogenen gehen aktiv auf Deutsche zu, in die Sportvereine, in die Gemeinden, sie nehmen teil und packen mit an. Und sind auffallend um Anpassung bemüht.


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04 / 2011 wichtiges Anliegen, das ich immer wieder betone und Menschen nahe bringen möchte.

Heimfocus: Sie begleiten und unterstützen Migranten nun seit immerhin 13 Jahren. In dieser langen Zeit haben Sie bestimmt auch Erfolgsgeschichten von Integration initiiert und begleitet. Können Sie uns hiervon ein Beispiel geben?

Heimfocus: Können Sie uns mehr zu Ihrem Projekt "Integration durch Sprache, Sport und Spiel“ sagen? Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Nachdem unsere ersten Sprachkurse gut angelaufen sind und auch Kinder und Jugendliche kamen, war offensichtlich, wir können mit ihnen nicht einfach nur die deutsche Grammatik pauken, sondern wir müssen uns mehr überlegen. Auf Anfrage einiger Frauen boten wir dann in Zusammenarbeit mit einem Verein die erste Möglichkeit zu sportlicher Betätigung an. Und zum Thema „Spiel“ entstand eine Theatergruppe, so dass auch Lernen durch Unterhaltung, durch Spaß, möglich wurde. Mit dem Theater treten wir bei Gemeindefesten auf, wodurch Kontakt zwischen der Gemeinde und den Neubürgern entsteht und gepflegt wird.

schen Abend mit Musik und typischen Speisen zum Beispiel, einen irakischen, afghanischen... Zum Sommerfest laden wir alle Flüchtlinge herzlich ein!

Heimfocus: Welche Rolle spielt das Ökumenische Zentrum Lengfeld für ihre Integrationsarbeit? Welchen Platz nehmen bei den dortigen Aktivitäten und Gruppen Heimfocus: Schließt Ihr Angebot auch die Flücht- die zugewanderten Neubürger ein? linge aus der hiesigen Gemeinschafts- Wie könnten auch Flüchtlinge von dieser Einrichtung profitieren, daran teilunterkunft ein? haben? Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Bisher haben wir keine Flüchtlinge Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: aus der hiesigen Gemeinschaftsunter- Das Ökumeniche Zentrum Lengfeld kunft betreut; unsere ausländischen ist eines der ersten ökumenischen Neubürger waren fast alle, wie gesagt, Zentren in Deutschland. Die GemeinKontingentflüchtlinge mit einem deräume werden von der Katholischen Sonderstatus und kamen fast alle aus wie auch der Evangelischen Gemeinde gemeinsam genutzt. Wie bereits erNürnberg. Aber auch aus der Gemeinschaftsun- wähnt, veranstalten wir ein großes terkunft könnten eigentlich Flüchtlin- gemeinsames Sommerfest und den ge gerne zu mir zum Sprachkurs kom- Lengfelder Advent. Auch sonst wird men. Die Kurse sind für alle kostenlos. das Zentrum von vielen verschiedenen Gruppen gerne angenommen. Für die Jeder ist willkommen. Es laufen verschiedene Sprachkurse Neubürger in Lengfeld soll das Zentauf unterschiedlichem Niveau. Anfän- rum eine Art Begegnungsraum, eine gersprachkurse gibt es allerdings kei- Art Zuhause sein. Da sollen sie sich willkommen und wohl fühlen. Und da ne mehr. Die Teilnehmer stammen vor allem ergeben sich auch immer wieder Mögaus der ehemaligen Sowjetunion und lichkeiten, mit anderen Menschen in aus dem ehemaligen Ostblock, es sind Kontakt zu kommen. auch türkische Neubürger dabei. Ferner wäre es denkbar, um mangels Um eine Brücke zu den Flüchtlingen Sprachkenntnissen mit den Flüchtlinin der Gemeinschaftsunterkunft zu gen eine einfache Kommunikationsschlagen, könnte ich mir beispielswei- ebene zu finden, eine Zusammenarse eine Kunstausstellung oder musi- beit über gemeinsame Sportprojekte kalische Darbietungen im Rahmen anzustoßen, ein Volleyball- oder Bedes Sommerfestes im Ökumenischen achball-Turnier beispielsweise, bei Zentrum Lengfeld vorstellen. Oder dem sich auch unsere Konfirmanden auch spezielle Vorstellungsabende un- einbringen könnten. terschiedlicher Länder, eine äthiopi-

Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Der schönste Erfolg für mich ist das alljährliche große Sommerfest in Lengfeld. Seit rund vier Jahren werden wir nicht mehr angefragt, ob die ausländischen Mitbürger mit ihrer Bewirtung beitragen, sondern sie sind selbstverständlich voll mit im Programm integriert und fest eingeplant. Es ist also eine Selbstverständlichkeit, reine Normalität geworden, dass es dort ein ausländisches Spezialitätenbuffet gibt. Das ist für mich eigentlich Integration, wenn man den anderen nicht als etwas Besonderes anschaut, sondern wenn er einfach ohne besonderen Aufhebens dazu gehört. Beim zweiten großer Ereignis in Lengfeld, dem Lengfelder Advent, übernehmen die ausländischen Frauen ebenfalls das Kochen und den gesamten Service. Viele Projekte, die ich angestoßen habe, sind heute keine Projekte mehr, sondern Normalität. Das ist mir ganz wichtig. Es gibt auch persönliche, individuelle Erfolgsgeschichten, zum Beispiel junge Menschen, die hier zunächst die Schule abgebrochen haben, die dann aber ihr Fachabitur gemacht oder eine Ausbildung erfolgreich absolviert haben. Es gibt auch Frauen, die über zunächst ehrenamtliche, unbezahlte Tätigkeit schließlich beruflich Fuß gefasst haben; ich denke da beispielsweise an eine in ihrer Heimat, der Ukraine, sehr bekannte Pianistin, die kein Deutsch konnte, als sie hierher kam, kein Engagement bekam, die dann bei mir Deutsch gelernt hat, unbezahlte Benefizkonzerte bei uns veranstaltete und heute als Dozentin an der Musikhochschule arbeitet. Wo wirklich unkomplizierte Erfolgsgeschichten zu beobachten sind, und das sehe ich in meinem beruflichen Umfeld täglich, das ist im Zusammenleben von Kindern unterschiedlicher Nationalitäten, von deutschen Kindern und russischen, türkischen und irakischen, albanischen und anderen. Die gehen zusammen zur Schule und zum Sport, da gibt es keine Vorurtei-


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30 le - weil Kinder von sich aus sehr offen sind und keine Vorurteile haben. Wenn man Kinder früh genug zusammen bringt, dann gibt es keine Probleme. Diese Erfahrung habe ich jedenfalls in meiner Arbeit mit Kindern in der Evangelischen Familien-, Kinder- und Jugendfürsorge in der offenen Ganztagsschule der Wolfskeel-Realschule zusammen mit der Gustav-WalleSchule gemacht. Es ist so wichtig, die verschiedenen Nationalitäten und Kulturen so früh wie möglich, am besten bereits im Kindergarten, miteinander zu mischen, dann geht man viel selbstverständlicher und offener miteinander um. Man muss die Aufmerksamkeit noch viel mehr auf die zahlreichen guten Beispiele von Integration lenken, auf die vielen ausländischen Mitbürger, die wirklich bestens integriert sind. Wenn man will, sieht man sie überall, im Alltag, in der Öffentlichkeit und Politik. Wir müssen endlich lernen, das Positive daran zu sehen, dass verschiedene Kulturen zu uns kommen, dass unsere Horizonte erweitert werden, dass wir auch von der Lebensfreude der Menschen, die zu uns kommen, etwas lernen können und von ihrer Toleranz, von ihrem Lebensstil. Von vielem können wir lernen, uns bereichern und davon profitieren. Diese Offenheit, die es dazu braucht, fehlt uns Deutschen vielleicht etwas. Nicht Angst haben, die nehmen uns etwas weg, sondern danke, wir bekommen viel von euch! Einfach mal sagen, danke, dass ihr da seid!

Gruppen, ermöglicht haben. Das war sicher eine Sondersituation. Es waren aber auch durchaus Vorurteile auszuräumen und die neue Erkenntnis zu vermitteln, dass die Russen, die jetzt zu uns kamen, nicht „die Russen“ des Zweiten Weltkrieges waren. Das hat schon seine Zeit gebraucht, manchen Mitbürgern klar zu machen, das sind ganz normale Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen zu uns kommen. Heimfocus: Spüren Sie in Ihrer Integrationsarbeit mitunter auch die Ängste der Einheimischen vor Überfremdung, die Furcht, unsere Kultur, unsere Identität wird uns genommen oder verfremdet?

Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Das klingt manchmal bei der älteren Generation durch die eigene Kriegserfahrung, die man auch verstehen kann, durch, aber, und das ist für mich ein interessantes Phänomen, durchaus auch bei der ganz jungen Generation, bei den unter 20-Jährigen. Und da erkenne ich in Gesprächen ganz klar und sehe das als eine meiner ganz wichtigen Aufgaben, da fehlt einfach die Information. Da wird etwas aus den Medien aufgeschnappt und als Tatsache angenommen, ohne es Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: kritisch zu hinterfragen, ohne darüber Bei uns in Lengfeld haben wir sicher- nachzudenken. Es ist notwendig, dielich ganz besondere Erfahrungen ma- se Jugendlichen zu informieren, ihnen chen dürfen. Es gab durchaus etliche zu zeigen, es ist anders, als ihr denkt. ältere Mitbürger, die von Anfang an sehr offen und interessiert waren an Ebenso wäre es wichtig, gemeinsaKontakten mit den neu zugezogenen me Projekte in Kindergärten und in Menschen aus der ehemaligen Sowje- Schulen anzubieten, zum Beispiel intunion, die Türen geöffnet haben, die ternationale Spiele aus verschiedenen Begegnungen mit anderen, auch mit Herkunftsländern mit den Kindern zu

Heimfocus: Wir hören aus Ihren Schilderungen, dass nach der jahrelangen Arbeit das Thema Integration in Lengfeld eine Erfolgsgeschichte ist. In den Anfangszeiten mögen Sie durchaus andere Erfahrungen mit ihren Mitbürgern gemacht, andere Reaktionen erfahren haben. Was können Sie uns zu diesem Bewusstseinswandel sagen und zu der Art und Weise, wie Sie ihn erzielt haben?

spielen, darüber könnten sich alle ganz einfach verständigen und verstehen. Genauso Jugendliche über Musik; es gäbe ganz unterschiedliche Ansätze, um der Verschiedenartigkeit das Trennende zu nehmen und das Gemeinsame zu schätzen. Die Angst vor dem und den Fremden kann man nur durch Begegnungen und Kontakte nehmen. Danach ist man sich nicht mehr fremd und hat auch keine Angst mehr voreinander. Man muss solche Begegnungen viel, viel öfter möglich machen als es jetzt der Fall ist, Vorstellungsabende, Kennenlernabende verschiedener Länder und Menschen anbieten, man muss die Menschen locken, einander zu begegnen, sich nicht abzuschotten. Einfach aufeinander zugehen und fragen, erzähle mir etwas von dir; in Lengfeld, in Würzburg, in ganz Deutschland. Heimfocus: Wie sehen Sie die künftige Entwicklung des Themas Integration angesichts der aktuellen politischen Ausrichtung in vielen Ländern Europas und auch nach der Sarrazin-Debatte in Deutschland? Welche Herausforderungen gilt es zu meistern, welche Hindernisse zu überwinden, welche Vorurteile zu entkräften – und wie? Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Meine Vision von Integration ist eigentlich, dass man keine Integration mehr braucht. Das möchte ich in meinem Bereich gerne erreichen, wenngleich mir auch bewusst ist, dass es sehr schwierig ist. Ich glaube, dass wir in Deutschland mit dem Thema Integration noch sehr am Anfang stehen. Wir wollen hier bestenfalls die Ausländer bei uns integrieren, ihnen ständig eintrichtern, man macht das in Deutschland so und so; es ist natürlich bis zu einem gewissen Grad wichtig, dass man den Menschen bestimmte Grundlagen mitgibt. Uns selbst aber fehlt die Information: Wie haben die Menschen in ihrem Land gelebt? Das beste Beispiel für mich ist das Thema Schule. In der Schule sagt man, die Kinder müssen sich so und so benehmen, die Eltern müssen zum Elternsprechtag kommen und die Hausaufgaben kontrollieren und vieles mehr. Aber viele Eltern kommen aus Ländern, da war alles anders und wir haben davon keine Ahnung. Zum Beispiel haben Eltern in den Schulen der ehemaligen Sowjetunion ihren Kindern nie etwas


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zu essen mit in die Schule geben müsInteressierte heute noch längerfristig sen. Das sollten wir beispielsweise verpflichten, sondern sich bestenfalls den Eltern hier klar machen, dass sie nur für zeitlich begrenzte, umschrieden Kindern ein Pausenbrot mitgebene Aufgaben und Projekte anwerben sollen, dass es hier an deutschen ben lassen. Schulen in den Pausen für die Schüler keine kostenlose Schulspeisung Heimfocus: gibt. Wir müssen ihnen sagen, dass es Für Ihr langjähriges Engagement Pflicht ist, dass es erwartet wird, in die wurde Ihnen 2007 der Würzburger Sprechstunden oder zum Elternabend Friedenspreis verliehen. Welche Bezu kommen. deutung hat diese Auszeichnung für Wichtig ist für mich beim Thema InSie persönlich und für Ihr Projekt? Hat tegration also nicht nur, dass man die sich dadurch das Interesse von Öffentausländischen Neubürger aufklären lichkeit, Politik und Medien an Ihrer muss, wie es denn hier bei uns ist, sonArbeit verändert? Haben Sie dadurch dern dass umgekehrt wir Deutschen mehr Unterstützung bekommen? informiert werden über die Gepflogenheiten in den Herkunftsländern. Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Das ist wichtig, Integration ist keine Ich war überrascht, dass ich den FrieEinbahnstraße. Zu dieser Erkenntnis denspreis bekommen habe, weil meizu gelangen und sie auch umzusetzen, ne Arbeit für mich eine Normalität war das funktioniert bisher leider weder in und ist, eine Selbstverständlichkeit, der Politik noch in der Gesellschaft. die ich nicht als so verdienstvoll eingeVorurteile kann ich nur entkräften, inschätzt habe, um dafür den Friedensdem ich die Menschen informiere, inpreis zu bekommen. dem ich ihnen über das Leben in ÄthioFür meine Arbeit selbst hat sich durch pien, in der Türkei, in Russland erzähle die Verleihung nichts geändert. Anund den Kontakt herstelle, indem ich fangs kamen Solidaritätsangebote, ihnen die Möglichkeit gebe, dass sie aber das war schnell vorbei. Immerhin sich kennen lernen und einfach festunterstützt mich die Stadt Würzburg stellen, jeder von uns ist ein Mensch. mit einer Aufwandsentschädigung. So haben wir in Lengfeld zum Beispiel genarbeit ist oft mangelnde Anerken- Sonst mache ich einfach weiter wie ein Konfirmandenprojekt. Wir schau- nung und Solidarität, aber auch feh- vor 2007. en uns dann mit den Konfirmanden lende Vernetzung und Kooperation nicht nur Projekte an, sondern auch von Gruppen und einzelnen Aktiven. Heimfocus: verschiedene Kirchen, Gottesräume Wie ist Ihre Wahrnehmung in dem lan- Ihr abschließender Gedanke für unseunterschiedlicher Religionen. Wir ge- gen Zeitraum von 13 Jahren Ihrer Inte- re Leser? hen in die Synagoge, zu den ortho- grationsarbeit? doxen Christen, in die Moscheen, in Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: den Tempel der Sikhs, und auf einmal Frau Eicke-Abelmann-Brockmann: Ich sehe uns als Gastland und ich sehe stellen die Kinder fest, jeder glaubt an Da hat sich einerseits in meiner Wahr- mich auch immer als Gastgeber. Das einen Gott, jeder fastet, jeder macht nehmung in den Jahren vieles zum hat mir auch die Arbeit mit den ausdies und das, es gibt viele Gemein- Positiven entwickelt. Man findet aller- ländischen Mitbürgern immer sehr ersamkeiten. Und das ist so wichtig, die- dings leider nur selten Menschen, die leichtert, dass ich mich als Gastgeber se Erkenntnis zu ermöglichen. Wenn mitarbeiten wollen, weil es eben kein gefühlt habe und mich eigentlich auch man voneinander viel erfährt, dann Geld dafür gibt, und ich bezweifle sehr, Deutschland gegenüber verpflichtet hat man auch keine Angst vor dem an- dass sich dies auch heute wirklich nie- fühle, dass alle, die zu uns kommen, deren, so verschwinden Vorurteile und mand in Deutschland leisten kann. Es sich hier wohl fühlen. Und ich verstehe so funktioniert dann Integration. ist wohl eher eine Frage der Einstel- nicht, dass diese Einstellung nicht alllung zum Engagement. Ich bekomme gemein gültig ist. Auch nach Sarrazin, zu dem mir nichts für meine Arbeit zum Glück verbal viel einfällt, was man kultiviert ausdrücken Anerkennung, aber ich wünschte mir Herzlichen Dank, Frau Eicke-Abelkönnte, habe ich in unserem Stadtteil einige engagierte Menschen, die mit- mann-Brockmann, im Namen von Heimfocus für dieses Interview. bei den Altbürgern keine Verände- machen. rungen im Umgang mit den auslän- Was mich stört, ist der Mangel an Verdischen Menschen erlebt, wobei ich netzung und Bereitschaft zur Koopemich aus Stammtischdebatten schon ration. Man könnte gemeinsam sehr immer bewusst herausgehalten habe. viel mehr bewegen, Kräfte bündeln Die Menschen in den Sprachkursen und sparen. Die Vernetzung zuminhaben damals definitiv Angst gehabt, dest hier in Würzburg wäre mir besonhaben sich bange gefragt, was kommt ders wichtig, Austausch und Zusamjetzt wieder hoch, war wird jetzt? menarbeit. Man muss viel Geduld haben und die Heimfocus: Menschen an die Hand nehmen,. Man Einer der Schwachpunkte der Freiwilli- kann auch nicht erwarten, dass sich


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Dog or human? Part 4

One of the most beautiful exhortations of a given religion refers to the value of human being. Everyone is of value whether they are rich or poor, the locals or migrants and refugees and all deserve respect and help. This is also the essences and approaches of any democratic country to govern the population. They put it with a nice expression in the constitution that human beings are valuable because they are humans. I am 37 years old and I live in a refugee camp since almost 29 months. For some reason in recent time my body shocks and even when I am standing with my friends, my mind is going far away. At the same time, my mind creates a lot of questions at a time. But that is for nothing, zero answer. However, the most horrible question still is why some people hate me and who told them to play on my human dignity? Immediately something comes to my mind, it might be I am black, or it might be I am foreigner, I don’t know, in anyway, it is like my daily routine in the camp. The point is all the positive things are shadowed by a single black point in my mind, who comes first, dog or human? When I am thinking about my human dignity is less than those well treated German dogs, my body gets sweaty. In this case, I am asking myself, am I subhuman of the world? I don’t know, why people are so negative towards others particularly for people like me who are newcomers to this country with no idea what to do in refugee camps. It seems everything is a game. Have any of you ever experienced life this way when you were in a refugee camp during those critical days and times? Sometimes I would hide myself to think about all these situations deeply but that is impossible in general because there is no privacy at all. I would like to repeat once again what this official person in Zirndorf, first refugee arriving place in Bayern apart from Munich, said to me:“I do not have the time and energy to talk to you and to respond your immediate questions right now because I want to save my energy and time to play

with my dog.” I think in fact it is his obligation to use his time and energy to answer the questions of the refugees instead of keeping it for his dog. Of course dogs want to walk and to have fun but that should be priority number whatsoever. Without any doubt, you should give us the first priority for our needs and demands. After all these things, like embarrassing, harassing and discriminating, how can you go to sleep easily, eat and play with family? We, the refugees need you for shining a light on our dark side. We, the refugees need love from you instead of hate and ignorance. We, the refugees need you to give us strength when we are weakened by others. We, the refugees need you to understand our human value and lift us up when we are going down. We, the refugees need somebody to say; “Welcome to this country!” instead of “Go back”! We came here to Germany because we heard and believed that you are a democratic society and that your democratic mind will support us in any kind. Also that your democratic hands will be reached out to the refugees. Übersetzung: elos That should be your Christian love to give us shelters and rights. Democrats are democrats. They have Eine der schönsten Weisungen einer jetheir own characteristics including respec- den Religion widmet sich dem Wert des ting and fulfilling human rights. In this case, menschlichen Wesens. Ein Jeder, eine the people are the key element exercis- Jede haben einen innewohnenden Wert, ing the power. That is why we have come ob sie reich oder arm sind, ob Einheimihere to different democratic countries of sche oder Migranten und Flüchtlinge, Europe to rescue our lives. Otherwise why und alle verdienen aus diesem Grunde did we come here to Europe if our body is Respekt und Unterstützung. Diese Halobviously smelling like an unwashed and/ tung gehört gleicherweise auch zu den or dead dog to you? Wesenszügen und Grundsätzen eines In real life all of us will be judged by the next generations based up on the evi- jeden demokratischen Landes gegendence of how able and willing we are to über seinen Bürgern. In den meisten show the world our respect and commit- Verfassungen solcher Länder ist dies in klaren Worten zum Ausdruck gebracht: ment towards others.

Abasi Kibwana

Menschen sind wertvoll, weil sie Menschen sind. Ich bin 37 Jahre alt und ich wohne in einem Flüchtlingslager seit fast 29 Mo-


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Hund oder Mensch? Teil 4

meinem Bewusstsein: Wer kommt zuerst, Hund oder Mensch? Wenn ich darüber nachdenke, dass meine Menschenwürde weniger wert ist als die der wohl gehüteten deutschen Hunde, ist mein Körper in Schweiß gebadet. Da frage ich mich, bin ich ein Untermensch in dieser Welt? Ich frage mich, warum Menschen anderen gegenüber so abweisend sind, insbesondere gegenüber Menschen wie mir, die neu angekommen sind in diesem Land, in diesem Lager, und die sich so hilflos vorkommen in dieser Situation. Alles scheint ein großes Spiel zu sein. Hat jemand von Ihnen jemals eine Erfahrung dieser Art gemacht, wie das Leben ist während dieser kritischen Tage und Zeiten in einem Flüchtlingslager? Manchmal möchte ich mich verstecken, um über all diese Situationen tiefer nachzudenken, aber das ist grundsätzlich ausgeschlossen, es gibt überhaupt keine Privatsphäre hier. Ich möchte noch einmal wiederholen, was dieser Beamte damals in Zirndorf, dem neben München einzigen Erstaufnahmelager für Asylsuchende in Bayern, naten. Aus irgendwelchen Gründen zu mir sagte: „Ich habe jetzt weder Zeit zittert mein Körper in letzter Zeit unver- noch Energie für Sie und Ihre dringenmittelt, und auch wenn ich mit meinen den Fragen, weil ich meine Energie und Freunden zusammen bin, driftet mein Zeit für das Spielen mit meinem Hund Bewusstsein in weite Ferne. Gleichzeitig schonen will.“ wirft es eine Vielzahl von Fragen auf, alle Ich glaube, es ist seine Pflicht, seine auf einmal. Aber es ist vergebens, keine Zeit und Energie zur Beantwortung der dringlichen Fragen von Flüchtlingen einAntworten. Die schrecklichste Frage lautet immer zusetzen, anstatt sie für seinen Hund wieder: Warum hassen mich andere zu schonen. Natürlich lieben Hunde Menschen und wer hat ihnen erlaubt, Spaziergänge und Spiel, aber sie sollten mit meiner Menschenwürde zu spielen? doch in der Rangfolge der Prioritäten Augenblicklich drängt sich etwas in mein weiter hinten anstehen. Bewusstsein. Möglicherweise, weil ich Ohne Zweifel sollte unseren Bedürfein Schwarzer bin oder einfach weil ich nissen und Fragen absoluter Vorrang Ausländer bin, keine Ahnung, jedenfalls eingeräumt werden. Nach all diesen ist es Teil meines Alltags im Lager. Alle Beschämungen, Schikanen und Diskripositiven Erfahrungen sind überschat- minierungen, wie können solche Mentet von diesem einen dunklen Punkt in schen dann noch ruhig schlafen, gut es-

sen und mit der Familie spielen? Wir, die Flüchtlinge, brauchen Sie, damit Sie die Dunkelheit unseres Lebens mit einem Licht erhellen. Wir, die Flüchtlinge, brauchen Ihre Liebe und Zuwendung anstatt Hass und Ignoranz. Wir, die Flüchtlinge, brauchen Sie, damit Sie uns stärken, wenn wir von anderen klein und schwach gemacht werden. Wir, die Flüchtlinge, brauchen Sie, die unseren Wert als Mensch begreifen und uns aufrichten, wenn wir zerbrechen. Wir, die Flüchtlinge, brauchen jemanden, der uns sagt:“Willkommen in diesem Land!“ anstatt:“Zurück mit euch!“ Wir kamen hierher nach Deutschland, weil wir hörten und glaubten, dass es eine demokratische Gesellschaft gibt und dass Sie uns mit Ihrer demokratischen Überzeugung in jeder Weise unterstützen werden. Auch weil wir glaubten, Sie werden uns Flüchtlingen Ihre demokratischen Hände entgegenstrecken. Dies sollte Ihre christliche Nächstenliebe sein, uns Obdach und Rechte zu gewähren. Demokraten sind Demokraten. Sie haben ihre eigenen Wesenszüge, zu denen auch die Respektierung und Gewährung von Menschenrechten gehören. Es sind die Menschen, die den Schlüssel der staatlichen Gewalt in der Hand halten. Das ist es, weswegen wir in verschiedene demokratische europäische Länder gegangen sind, um unser Leben zu retten. Oder warum sind wir denn eigentlich hierher gekommen, wenn unsere Körper für euch anscheinend so übel riechen wie ein nasser oder ein toter Hund? In Wirklichkeit werden wir alle von den nachfolgenden Generationen danach beurteilt werden, wie fähig und entschlossen wir waren, Respekt und Einsatz für die Welt und für andere zu zeigen.


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FREUNDESKREIS FÜR AUSLÄNDISCHE FLÜCHTLINGE IM REGIERUNGS- BEZIRK UNTER-FRANKEN E.V. Vorstand Michael Koch Textorstr. 9 97070 Würzburg Tel.: 0931/52142 Fax: 0931/57724 Bayerischer Flüchtlingsrat Augsburger Straße 13 80337 München Tel: 089 - 76 22 34 Fax: 089 - 76 22 36 kontakt@fluechtlingsrat-bayern.de www.fluechtlingsrat-bayern.de

Bayerisches Sozialministerium unterstützt mit falschen Zahlen die Mär vom Asylmissbrauch Das Sozialministerium spricht von nur 1,6% Asylanerkennung - dabei erhalten 33,8% Schutz in Deutschland. Im Rahmen der Debatte zur Situation von Flüchtlingen in Bayern operiert das Bayerische Sozialministerium mit ungenauen Zahlen und unterfüttert damit die gefährliche Mär vom „Asylmissbrauch“. Laut Online-Auftritt des Ministeriums handelt es sich um „0,3 % Anerkennungsquote für Asylbewerber in Bayern; 1,6 % für Gesamtdeutschland im Jahr 2009“. Faktisch

erhalten jedoch 33,8% der Antragssteller in Deutschland Schutz über das Asylverfahren – hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Anerkennungen über nachgeordnete Gerichtsverfahren. „Besonders Problematisch sind die falschen Zahlen, da der bayerischen Bevölkerung suggeriert wird, dass annährend 100 Prozent der Flüchtlinge keinen wirklichen Grund haben, aus ihrem Land zu fliehen und diese in der Folge oft als Asylbetrüger tituliert werden“, erklärt Joachim Schürkens, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrates, „Hierdurch wird eine sachliche Debatte

unmöglich gemacht und rassistische Ressentiments werden befeuert. Wir vermuten, dass hiermit unter anderem die Isolation von Asylsuchenden in menschenunwürdigen Flüchtlingslagern gerechtfertigt werden soll. Wir fordern das Sozialministerium umgehend auf, die Zahlen richtigzustellen und dies auch in ihrem tatsächlichen Handeln zu berücksichtigen.“ Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nennt detaillierter Anerkennungszahlen für 2009, nämlich: 1,6 % Anerkennung nach Art. 16 a GG;


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04 / 2011 26,6 % Flüchtlingsschutz nach § 60 Abs. 1 AufenthG 5,6 % Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 2, 3, 5 oder 7 AufenthG Nicht nur die politische Verfolgung nach Art. 16 a GG - vom Sozialministerium implizit als einzige Anerkennungsform dargestellt - wird als Fluchtgrund gewertet. Auch bei denjenigen, die ein Abschiebeverbot erhalten, liegt eine akute Gefahr für Leib und Leben im Herkunftsland vor. Hinzu kommt, dass aufgrund der so genannten Drittstaatenregelung nur noch derjenige Flüchtling eine Anerkennung nach Art. 16 a GG bekommen kann, der mit dem Flugzeug nach Deutschland kommt und keinen Fuß in ein Europäisches Nachbarland gesetzt hat. Diejenigen, die auf dem Landweg eingereist sind, erhalten im Falle von Verfolgung, die Flüchtlingseigenschaft nach § 60 Abs. 1 AufenthG zuerkannt.

Menschen, bei denen der Fluchtweg über ein Europäisches Nachbarland geführt hat und sie deshalb ihren Asylantrag in diesem Land stellen müssen. Hier werden die Fluchtgründe gar nicht erst geprüft. Schließlich nennt das BAMF eine Ablehnungsquote von 39,4 % im Jahr 2009. Nicht erfasst wird dabei die Zahl der Asylantragsteller, die bei einem nachgeordneten Gerichtsverfahren eine Anerkennung als Asylberechtigte bekommen. Auch von den abgelehnten Flüchtlingen bleibt ein großer Teil sehr lange Zeit in Deutschland, so zum Beispiel irakische oder afghanische Flüchtlinge, da sie aufgrund der Kriegszustände nicht abgeschoben werden. Dies alles verschweigt das Bayerische Sozialministerium und operiert hingegen mit einer Anerkennungsquote von 1,6 %, die der Wirklichkeit nicht entspricht. Bei Rückfragen und Interviewwünschen wenden Sie sich bitte an:

Richtigerweise liegt daher RA Joachim Schürkens die „Anerkennungsquote“ im Freundeskreis für Flüchtlinge Jahre 2009 bei 33,8% und in Unterfranken & Sprecher d. nicht bei 1,6 %, wie das Bayerischen Flüchtlingsrat Bayerische Sozialministerium Tel: 09721/730 700 E-Mail: angibt. schuerkens@fluechtlingsratbayern.de Nach der Statistik des BAMF Oder gab es 2009 bei 26,8 % der RA Michael Koch Entscheidungen nur eine Vorsitzender des Ablehnung aus so genannten Freundeskreises für ausl. "formelle Gründen“. Darunter Flüchtlinge in Unterfranken fallen beispielsweise Tel.: 0931/52142 E-Mail: koch@unsere-anwaelte.de


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MENSCHENRECHTE FÜR JEDEN? Gedanken zum Seminar

NACHHALTIGKEIT UND MENSCHENRECHTE in der Akademie Frankenwarte 19-.21.01.2011

Rund 20 interessierte junge Menschen der 12. Jahrgangsstufe der Montessori-Oberschule in Nürnberg haben sich mit ihren Lehrern auf den Weg auf die winterlich verschneite Frankenwarte hoch über Würzburg gemacht, um sich dort mit diesem spannenden und spannungsgeladenen Thema zu befassen. Was hat Nachhaltigkeit denn eigentlich mit Menschenrechten zu tun? Diese Frage beschäftige zunächst die engagierten Seminarleiter Martin Ladach, Daniel Wulf und Christoph Wolf – und sie entdeckten, je mehr sie sich den vielen Aspekten des Oberbegriffes Nachhaltigkeit in der globalisierten Welt von heute näherten, einen engen Zusammenhang mit der Frage der Menschenrechte: Die Gestaltung des Zusammenspiels von Ökonomie und Ökologie hat eine unmittelbare und mittelbare Auswirkung auf die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort und anderswo. Daniel Wulf lud die Jugendlichen mit der Grundfrage:“Was ist Menschenrecht?“ ein, sich dem eigenen Bild von elementaren Menschenrechten zu stellen. Eine spannende

Suche nach Oberbegriffen und Prioritäten, die in der Diskussion schnell offenbarte, dass Definitionen und Gewichtungen durchaus von individuellen und kulturellen Prägungen abhängen. Was sind allgemein gültige Grundrechte – und gelten sie für die ganze Schöpfung, also z.B. auch für Tiere? Ist es statthaft, diese Grundrechte zu relativieren oder auszusetzen, abhängig von Herkunft, von der jeweiligen Kultur-, Gesellschafts- und Herrschaftsform? Hat das Recht auf individuelle Freiheit, auf eigene Entfaltung in allen Gesellschaften oberste Priorität zu haben oder ist es mitunter nicht wichtig und legitim, das Individuum der positiven Entwicklung des Kollektivs unterzuordnen? Und sind die Säulen der Menschenrechte, wie sie von den Schülern formuliert wurden, das Recht auf Wahrung der Menschenwürde, auf körperliche Unversehrtheit, auf Frieden, auf freie Meinungsäußerung, auf Nahrung, auf Bildung, auf Chancengleichheit und Gerechtigkeit überhaupt realistisch, pragmatisch? Wenn ja, was behindert ihre Durchsetzung? Wenn nein, wie sonst geht die Menschheit mit sich selbst um?

Denn die Einhaltung der Menschenrechte , so wie einer der Jugendlichen formulierte, führe zu einer gesünderen Gesellschaft. Dazu dieses Statement einer Schülerin, das besonders nachklingt: „Wenn etwas krank macht, ist es falsch, weil es wider die menschliche Natur ist.“ Nach dieser interessanten und lebhaften Einführung lenkte der Referent die Aufmerksamkeit der SchülerInnen auf die Definition der 30 Menschenrechte durch die Vereinten Nationen. Unter dem Grundprinzip, dem Menschen komme durch seine bloße Existenz ein Wert zu, sei es der fundamentale Anspruch der Menschenrechte, universell und unteilbar zu sein, das heißt, sie seien ausnahmslos allen Menschen stets in ihrer Gesamtheit zu gewähren. Der nachfolgende Blick in die Geschichte zeigte die interessante Entwicklung und Wandlung des Begriffes an sich, aber auch, dass die Durchsetzung dieser Rechte stets Resultat von Kämpfen, Widerstand und Revolution war. Es war ein langer und leidvoller Weg bis zur Ratifizierung der Charta der Menschenrechte durch die UN-Vollversammlung am 10.Dezember 1948.


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Addis Mulugeta erzählt den Schülern von Äthiopien Dass die Perspektivität der Menschenrechte sehr wohl von lokalen kulturellen und politischen Einflüssen abhängt, offenbarte die interessante Auseinandersetzung mit dem Blickwinkel der „asiatischen Werte“ auf die Gewichtung von Individuum und Gemeinschaft in einer Gesellschaft. Während in der westlichen Kultur „kollektive“ Menschenrechte im Vergleich zu den individuellen so gut wie keine Rolle spielen, werden in der asiatischen Perspektive das Individuum und seine Menschenrechte dem Kollektiv untergeordnet und damit individuelle Repressionen legitimiert. Hier wird Individualismus eher als hinderlich für die gesellschaftliche Entwicklung gesehen. Beide Extreme wurden als problematisch angesehen und sind im Hinblick auf den Preis, der jeweils für die eine oder andere Sichtweise zu zahlen ist, sorgsam abzuwägen.

Was es ganz konkret bedeutet, in Studentenprotesten gegen die Dikseinen individuellen Menschenrech- tatur und von der ausweglosen Situten von einem diktatorischen, re- ation, die sie schließlich zur Flucht pressiven Regime massiv beschnit- gezwungen habe, um ihr Leben zu ten zu sein bis zur Gefahr für Leib retten. und Leben, führten den Schülern Was dies bedeutet, als Flüchtling zwei äthiopische Gastreferenten alles hinter sich zu lassen, was das aus der Würzburger Gemeinschafts- bisherige Leben ausgemacht hat; unterkunft für Flüchtlinge und Asyl- was Flüchtlinge auf sich nehmen bewerber, Addis Mulugeta und Abay müssen, um ihr Leben zu retten, Kiros, sehr eindrucksvoll vor Augen. war ein weiterer Punkt dieses SemiDieser Teil des Seminars, so be- nars, der den SchülerInnen Einblick richteten die Jugendlichen in der in einen Bereich der Globalisierung Schlussrunde übereinstimmend, gewährte, der leider weithin unbesei für am eindrucksvollsten sie- achtet bleibt trotz seiner menschgewesen, habe sie sehr berührt lichen und auch gesellschaftlichen und nachdenklich gemacht. Die Brisanz. Flüchtlinge gaben Zeugnis von ganz persönlichen Bedrohungen, vom Eine wertvolle und thematisch hoch hohen Preis sogar in Form von Ge- aktuelle Veranstaltung, die hoffentfängnis und Folter, den es in ihrer lich bei den Jugendlichen nachwirkt Heimat für die Wahrnehmung der und für die der Akademie Frankeneigenen Menschenrechte wie freie warte zu danken ist – verbunden mit Meinungsäußerung zu zahlen gebe, der Hoffnung, sie möge weitere Invom blutigen Niederschlagen von teressenten anziehen. Eva Peteler


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Leben in der GU

Ein junger Mann sitzt zwischen blühenden Rosen und lächelt in die Kamera. Orientalische Vorhänge zieren die Fenster eines Zimmers. Eine Frau posiert auf einer Treppe, hinter ihr ist ein großer, grauer Zaun zu sehen, der das Gelände eingrenzt. Diese Eindrücke konnten Besucher auf der Fotoausstellung „Leben in der GU¹“ Mitte Dezember im Mainfrankentheater Würzburg gewinnen. Nicht ein Fotograf von außen porträtiert die Flüchtlinge und ihr Leben, die Fotografen porträtieren sich und ihren Alltag selbst. Die rund 20 Fotografen sind alle Asylbewerber aus verschieden Ländern, die jetzt in der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg leben. Sie haben ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Fotografie, einige haben in ihrer Heimat schon fotografiert, andere hatten noch nie eine Kamera in der Hand. An einigen WorkshopTagen im Juni und im Dezember 2010 konnten sie ihr Wissen über Fotografie erweitern und


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ein Fotoprojekt mit Asylbewerbern

anwenden. An diesen Tagen kristallisierte sich das Thema „Heimat und Fremde, Leben in der GU“, heraus.Einige der Bilder, die während der Workshops entstanden sind, waren Mitte Dezember 2010 bei einer Fotoausstellung zu sehen. Mittlerweile gibt es auch ein Fotobuch zur Ausstellung, die wir gerne auch noch an anderen Orten präsentieren würden.

Sabine Metzger Annalena Vöckler Asyl-AK der Kath. Hochschulgemeinde Würzburg ¹ GU=Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Asylbewerber

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Impressum

1.Jahrgang, 5.ausgabe Redaktion: addis Mulugeta, abay kiros Redaktionskontakt: heimfocus@yahoo.de Erscheinungstermin: 01.04.2011 Erscheinungsweise: quartalsweise Auflage: Exemplare 2.500 Herausgeber: Eva peteler c/o ausländer-und integrationsbeirat der Stadt Würzburg rückermainstr.2 97070 Würzburg Fotos: redaktion Titelbilder: hotfile.com.pk, end-2012. com, emssolutionsinc.wordpress.com, redaktion Layout: anette Hainz,Maneis arbab Druck und Produktion: flyeralarm gmbH die in der zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. alle rechte vorbehalten. kein teil dieser zeitschrift darf ohne schriftliche genehmigung der redaktion in irgendeiner Form reproduziert werden. die Beiträge geben eine persönliche Meinung des autors wieder, die nicht mit der der Herausgeber übereinstimmen muss. die Verantwortung für den inhalt der Beiträge liegt ausschließlich beim Verfasser.

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DER GEGENSATZ VON LIEBE IST NICHT HASS, DER GEGENSATZ VON HOFFNUNG IST NICHT VERZWEIFLUNG, DER GEGENSATZ VON GEISTIGER GESUNDHEIT UND VON GESUNDEM MENSCHENVERSTAND IST NICHT WAHNSINN UND DER GEGENSATZ VON ERINNERUNG HEISST NICHT VERGESSEN, SONDERN ES IST NICHTS ANDERES ALS JEDES MAL DIE

liegt derzeit aus bei/in: Rathaus Weltladen Stadtbücherei Falkenhaus Bücherei Am Bahnhof, Veitshöchheim Mainpost-Geschäftsstelle Plattnerstr. Mainfrankentheater Kolping Kath. Hochschulgemeinde Evang. Hochschulgemeinde

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Heimfocus #05 - 04/2011  

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