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Der Aktion „Optimismus1000“ gewidmet


Eine Schar fröhlicher Kinder, durch Hag und Hain stapfend, ein munteres Liedchen auf den Lippen: „Wir sind keine trüben Tassen, wir sind heiter und gelassen. Statt in trüben, dunklen Kammern unser Schicksal zu bejammern, denken wir uns diese Welt gerade wie sie uns gefällt. Der Optimismus, wo jeder mit muss, das ist der Rhythmus, nach dem wir tanzen und marschier’n! Die Pessimisten sind Defaitisten, und alle müssten krepier’n!“ - ist es nicht dieses Idyll, das wir uns alle wünschen in schwerer, krisendurchschüttelter Zeit? Wer aber begegnet uns auf all unseren Wegen? Wer macht arglistig unsere treuherzigen Illusionen zunichte? Wer bereitet uns die Hölle auf Erden, weil ihm die Erde eine Hölle ist? Der Pessimist. Der geduckt einherschleichende, ewig freudlose, stumpfäugige, sorgenfaltendurchfurchte Pessimist. Wir schauen ihn an – und blicken in einen Zerrspiegel, dessen Brennpunkt jäh unsere Schutzschicht, den rosa


Babyspeck unseres sonnigen Gemüts, zerschmelzen lässt. Wie kommen wir dem bei? Die einfachste Antwort lautet: Umdenken. Dieser ambivalente Begriff ebnet Optimisten jedweden Charakters den Weg zu ihren luftigen Märchenschlössern. Der Sanftmütige betont es auf der zweiten Silbe – er umdenkt den Pessimisten und lässt ihn ins Leere laufen. Der Forsche betont auf der ersten - er denkt den Pessimisten um, bis er nicht mehr aufsteht. Dies ist jedoch nur der erste Schritt. Wer aus dem Jammertal heraus den Jubelberg erklimmen will, bedarf einer Läuterung des eigenen Denkens, diese wiederum erfordert eine Säuberung unserer Sprache, eine grundlegende Wendung ins Positive. Wie heißt es doch so richtig: Jedes Problem ist zugleich eine Chance. Und ist es nicht in der Tat eine beglückende Vorstellung: Millionen Männer mit Erektions-Chancen? Nun ist freilich die deutsche Sprache entschieden negativ geprägt, man kann sagen: Die Position der Negation gebiert die Negation der Position und umgekehrt. Wir kennen das doch alle: Bei der jährlichen Fotosafari durch die afrikanische Savanne knipsen wir unaufhörlich ganze Herden


galloppierender Antilopen – während die Prolopen unbeachtet vorübertraben. Das ist typisch deutsch. Ebenso die Herleitung der eigenen Kultur aus der Antike – die Proke kennt man hierzulande nicht einmal dem Namen nach. Bezeichnend auch, dass das geistige Prekariat sich auf Mallorca tummelt (nicht etwa Bonlorca!) – es ist hohe Zeit, dass endlich auch die Antillen von Prollen touristisch erschlossen werden. Falls der Veranstalter verlangt, dazu einen komplizierten Kontrakt zu schließen, sollte man schlicht den Prokt öffnen. Was die Sprache und damit das Denken vergiftet, sind besonders die unzähligen negativen Präpositionen wie „a-“, „un-“, „de-“ oder „in-“. Warum faszinieren uns arabische Nächte, nicht jedoch rabische Tage? Ist es so schwer, fröhlich seinen Lachbrand zu stillieren? Wer seine Kinder in der Schule terrichten lässt und sie anschließend zur Iversität schickt, wird gewiss Nimositäten bei ihnen wecken. Und welchem Mann, der als Vater den Mut zur Selbständigkeit hatte, lacht nicht das Herz bei einer Forderung nach Limenten! Besonders das „in-“ (lateinisch für „un-“) hat den aktiven und ktiven Wortschatz hemmungslos durchseucht. Seien wir novativ und tilgen es, wo wir es treffen! Helfen soll dabei ein Übungssatz, den es auswendig zu lernen und wie ein Mantra immer wieder laut zu tonieren gilt:


Die trigante Sulanerin Geborg, ein telligentes Dividuum mit Itiative, zeigt nach Timitäten ein fantiles Teresse an Gwerbier. Nirgends manifestiert sich der real existierende Optimismus so vollendet wie in diesem Satz! Dem positiven Sprechen muss natürlich das positive Handeln auf dem Fuße folgen. Mobilität heißt das Zauberwort des optimierten Lebens. Ziehen wir von traurigen Orten wie Miesbach, Weinheim und Bitterfeld nach Glückstadt, Freudenberg und Schönewalde, wandern wir von Niederbayern in die Oberlausitz aus! Als Spitzen und Stützen der Gesellschaft erkämpfen wir dann beim Tennis unserem Unterarm ein Überbein, wir verachten jede Unterweisung und gieren nach jeder Überweisung, wir unterschreiben nichts und überschreiben alles, wir unterzeichnen nichts und überzeichnen alles, denn wir wissen: Jeder Untergang ist für uns nur ein Übergang. Zukunftsmusik? Man mag es heute kaum glauben: Selbst in Deutschland gab es schon einmal eine Ära positiven Denkens. Ein Rentenalter liegt die Zeit nun schon zurück, als Informationen durch Formationen ersetzt wurden, als man Depressionen mit Pressionen bekämpfte, als


Antithesen verpönt, Prothesen jedoch gefragt waren wie nie zuvor. Dahin müssen wir wieder kommen. Um es magogisch zu sagen: Der Pessimist sei fortan Luft für uns. Eine Luft, die wir nicht mehr atmen wollen. Atmen wir Hoffnung! Atmen wir Zuversicht! Süßstoff statt Sauerstoff! Wir bewegen uns auf dünnem Eis – aber wir werden einen Durchbruch erzielen! Nieder mit dem Kontrast! Prost!

Optimismus Potztausend  

Eine Pologie Der Aktion "Optimismus1000" gewidmet