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Die Verfolgung und Ermordung des J.N. Ausgeklügelt vom

Autor Durchgeführt vom

Protagonisten Beifällig begleitet vom

Leser Ein Beitrag für die 4.Runde des Scriptathlon zu dem von J.N. empörenderweise gestellten Thema „Kreisverkehrt“


An ihm liege es nicht. Er habe sein Bestes gegeben. Sogar einen Kreis habe er in den Sand gemalt, da! In welchen Sand? Nun ja… am Strand eben… dort sei Sand. Genug, um einen Kreis hineinzumalen, nichtwahr. Das sei gar kein richtiger Kreis. Nein, natürlich sei das kein richtiger Kreis! Es sei ein verkehrter Kreis! So laute schließlich die Aufgabenstellung, oderwieoderwas! Die Geschichte spiele nicht am Strand. Ach ja! Die Geschichte spiele nicht am Strand! Welche Geschichte denn? Als ob Hochmögen Herr Autor sich überhaupt schon irgendeine Geschichte ausgedacht hätte, die überhaupt irgendwo spiele, wo irgendein verkehrter Kreis vorkomme, zu dem er, der Protagonist, überhaupt in irgendeine Beziehung zu treten respektive von ihm, dem Autor, gebracht zu werden die Erwartung hegen dürfe… Lachhaft! Er sei langsam ungeduldig – wann es denn losgehe? Wer denn da jetzt dazwischenquake? Ach, das sei bloß der Leser. Der habe nichts zu melden. Eh. Pah! Er könne das Buch auch zuklappen!


Das sei ohnehin das Beste. Scheißthema! Er hasse Schreibwettbewerbe! Er hasse Themenstellungen! Und mehr als alles andere hasse er die Themenstellung des J.N.! „Kreisverkehrt“! Dafür könne er ihn… Umbringen? Umbringen? Mooo-ho-ment! Das gehe nur ihn als handelnde Person etwas an! Der Leser habe solche Fragen nicht zu stellen, sondern sich gefälligst überraschen zu lassen. Er sei bereits überrascht. Und zwar davon, dass die Geschichte immer noch nicht…

Mittagsstille. Strand. Liegestuhl. Caipirinha. Behaglich sonnte sich J.N. im Glanze seines Intellekts. *lach Die Kopfnuss, die er kredenzt hatte, war irruptibel, das wusste er – im Gegensatz zu jenem tumben Autor, der nicht einmal ahnte, was irruptibel bedeutete, geschweige denn zu erfassen imstande war, wie der Themestellung „Kreisverkehrt“ beizukommen sei (nämlich gar nicht). Damit nicht genug – jener weigerte sich überdies beharrlich, den Strand als nächstliegenden


Schauplatz anzuerkennen. Er, J.N., war folglich hier in abrahamitischer Sicherheit. Seine unwiderstechliche Logik labte ihn. „Ein sardonisches Lächeln blitzte aus seinen eisblauen Augen“ – sagte man so? So sagte man. Was einzig ihn mit fortschreitendem Text ein wenig zu beunruhigen begann: Dass diese Situation, die er gegenwärtig erlebte, in der Vergangenheitsform erzählt wurde. Denn in Erzählstrukturen war er hinlänglich bewandert, um zu wissen: Alles, was ihm nun bevorstand, war bereits geschehen. Nachdenklich sog er an seinem Strohhalm. Leider war es… ...nicht möglich, ihn aufzuspüren.Er habe die Vogesen abgesucht. Und die Pyrenäen. Zu schweigen von den Karpaten. Bergauf, bergab. Talein, talaus. Kein J.N.. Ob er vielleicht doch am Strand… Nein. Die Geschichte spiele nicht am Strand. Ein für allemal. Ob er sich da mal kurz einmischen dürfe… NEIN!! Er habe aber gerade in diesem Text gelesen, dass…


NEIN!! Dann eben nicht. Er gehe sich jetzt – püh! – einen Kaffee kochen.

NA DANN BITTE!!! Mit drei Stück Zucker. Mit vier. Was das Hirn bei diesem Text an Glukose verbrauche…! Mit fünf. (Niemand wisse zu enträtseln, wem die Farbe Grün zuzuordnen sei. Sie werde daher im weiteren Verlauf nicht wieder in Erscheinung treten.) Das sei gut. Es sei ohnehin schon alles so… Mit sechs.

RAUS!!!! --------------! Leser seien lästig. Aber unentbehrlich. Aber lästig. Nicht so lästig wie J.N.. Das stimme. J.N. sei so lästig wie zehn Leser zusammen. Noch lästiger als J.N. als J.N. sei nur J.N. als Leser. J.N. als Leser sei hundertmal so lästig wie J.N. als J.N. und folgerichtig das Allerlästigste, was ein Autor sich überhaupt vorstellen könne…


Den letzten Absatz solle er streichen. Das sei Geschwafel. Er habe sich da nicht einzumischen! Ein Protagonist, der sich in die Angelegenheiten des Autors einmische, sei noch tausendmal lästiger als J.N. als Leser, der seinerseits wiederum hundertmal lästiger sei als…

…ein Strohhalm, der sich durch stundenlanges (wenngleich zutiefst nachdenkliches) Saugen in seine Bestandteile auflöste. Würde es auch ihm so ergehen? Oder bereits ergangen sein? J.N. wäre nicht J.N. (gewesen?), wenn ihm nicht augenblicklich Pythagoras eingefallen wäre. Das war die Lösung: Er hatte einfach in die Vorvergangenheit zurückgekehrt sein müssen, weil er sich dadurch nach pythagoräischer Gesetzmäßigkeit in der Zukunft befinden wird, da bekanntlich alles ein ewiger Kreislauf… Er stockte. Ein Kreislauf war nach seiner eigenen Maßgabe doch verkehrt! Rasch fühlte er seinen Puls: Nichts. Also kein Kreislauf. Gut. Um ein Haar wäre er auf sich selbst hereingefallen. Das durfte nicht sein. Er streifte einen Handschuh über, zupfte besagtes Haar aus, strich


mit einem Spatel seine DNS heraus und warf es dann scheinbar achtlos in den Sand. Mochten sie es doch finden, in sämtlichen Laboratorien der Erde in ihre Speichelproben tunken und analysieren – er würde nicht ablassen, das letzte ungelöste Welträtsel zu bleiben! *lach Lässig erhob er sich aus dem Liegestuhl, wandte sich gen Morgen und entschwand… …mal kurz zur Toilette. Kaffee treibe. Nun sei er aber wieder da. Ob er etwas verpasst habe? Nicht der Leser habe dem Protagonisten die Schilderung seines Innenlebens zu unterbreiten, sondern dieser ihm. Vorausgesetzt, der Autor lasse ihm ein solches endlich zuteil werden. Oder wenigstens ein Außenleben. Aber der feine Herr habe es ja… Geschafft! Man habe ihn! Und da man ihn nun habe, werde man ihn jetzt auch kriegen! Der Showdown beginne! Hurra! Hach, sei das aufregend! Ups – der Kaffee treibe schon wieder! Er bringe ihn mal eben schnell…

...nach Ägypten. Amarna! Hier fühlte er sich zu Hause, hier war ihm alles anheimelnd vertraut. In der Ferne schimmerte das eisblaue Band des Nil,


das ihn immer so an seine Augen erinnerte, und gleich vor ihm erhob sich majestätisch die… Augenblick mal! Die Pyramide? Wo zum Apophis kam in Amarna eine Pyramide her? Das war doch… …eine Demütigung! Das mache er nicht! Er lehne die Rolle ab! Bitte, wie er wolle. Er habe als Autor die Freiheit, jederzeit einen anderen Protagonisten… Nein nein, so sei es nicht gemeint gewesen! Er solle doch nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen! Und er solle machen, dass er endlich in die Geschichte komme! Ja, er sei ja schon unterwegs, Himmelherrgottnochmal!

So. Drin. Zufrieden? Na, dann gehe die Geschichte jetzt wohl endlich los, wie? Los? Sie sei längst im Gange und steuere gerade ihrem Kulminationspunkt entgegen, die Ermordung des J.N. sei jetzt nur noch…

…ein schlechter Witz! Und wer war dieses Scheusal, das da plötzlich neben ihm auftauchte?


Wie konnte er fragen! Erkannte er ihn denn nicht? Er war es doch, Pharao Echnaton! Beziehungsweise seine Mumie, natürlich, haha! Aton schien gerade so schön, da hatte er ein bisschen frische Luft geschnappt und war nun auf dem Weg zurück in sein Grab. Wollte J.N. ihn nicht begleiten? Echnatons Grab – eine Pyramide? Was sonst? Pharaonen wurden immer in Pyramiden begraben. Das wusste doch jedes Kind. Er habe mal eine Dokumentation gesehen, über das Tal der Könige. Da gebe es aber keine… Sei er nun Leser, oder sei er Schwadroneur? Er sei ja schon still.

Ein kaum wahrnehmbarer Schmunzel stahl sich in J.N.s Mundwinkel. Das hier war doch nicht echt! Dieser Leichnam, der ihn aus seinen leeren Augenhöhlen so treuherzig anblickte, war niemals mit kostbaren Essenzen gesalbt worden, das roch er sofort. Außerdem war er schief gewickelt. Äußerst unprofessionell, wie das aussah. Das war eine ziemlich hässliche Bemerkung. Wenn man über dreitausend Jahre lang nichts aß, nahm


man logischerweise ein wenig ab, so dass die Binden sich lockerten und verrutschten. Im übrigen: Er war der gottgleiche Echnaton und deshalb einem gewöhnlichen Sterblichen wie J.N. überhaupt gar keine Rechenschaft schuldig! Daraufhin raffte er mit großartiger Geste seine Binden, warf hochmütig den Kopf zurück und schritt stolzen Gebeins der Pyramide entgegen. Was ihm denn einfalle, einfach wegzulaufen! Er verbitte sich als Autor solche Eigenmächtigkeiten! Aber J.N. habe ihn gekränkt! J.N. sei der Antagonist! Und Antagonisten seien die Bösen! Die täten so etwas eben! Dagegen müsse sich ein Protagonist behaupten! Genau das tue er gerade. Er lasse sich das nämlich nicht gefallen! So! Und wie dann der Antagonist zu Tode kommen solle, wenn der Protagonist die beleidigte Leberwurst spiele? Was wisse denn er? Seinetwegen könne J.N. sich ja an ihm vergiften. Eine dreitausend Jahre alte Leberwurst biete da gewisse Möglichkeiten. Geheimnisvoller Tod – namenloser HobbyÄgyptologe sterbe am rätselhaften „Fluch der Leberwurst“. Doch, ja, das sei immerhin…


Mumpitz! J.N. habe durch eine ebenso spektakuläre wie grausame Gewalttat umzukommen, so wie er es für seine hinterhältige Themenstellung verdiene (von der Mumie erwürgt? In Stücke gerissen? Bei lebendigem Leibe einbalsamiert? Man werde sehen)! Basta!

J.N. war nicht sicher, ob er sich in einen weiteren Disput einlassen sollte, deshalb blickte er nur schweigend auf den Kopf jenes Leichnams, der sich durch das heftige Zurückwerfen vom Rumpf gelöst hatte und im Sand bis vor seine Füße gekollert war, während die Restmumie unbeirrt auf die Pyramide zuschritt, die realiter gar nicht existierte, weil die letzte ägyptische Großpyramide bereits zweihundert Jahre vor der Zeit Echnatons gebaut worden war. Wem hätte er diese Information auch zuteil werden lassen sollen? Dem Kopf oder dem Rest? Wahrscheinlich hätten es alle beide nicht verstanden. Da! Was er gesagt habe! Alles sei falsch! Oh, er hasse Geschichten, an denen nichts stimme! Er solle sich nicht so aufspielen! Ob er schon mal etwas von dichterischer Freiheit gehört habe? Ob ihm schon einmal der Begriff „Phantasie“ zu Ohren gekommen sei?


Er liebe Phantasie. Aber er verabscheue „Phantasie“ als Ausrede für schlechte Recherche. Das mache er nicht mehr länger mit. He! Wo er denn hinwolle?

Wer war das nun wieder? Und wo kam er so plötzlich her? J.N. beäugte neugierig die sonderbare Gestalt. Eine Mumie war das jedenfalls nicht. Klein, dicklich, bebrillt, halbbeglatzt, unbeschuht, schlafbeanzugt – nicht gerade das, was man in der ägyptischen Wüste erwartete. Irritiert blickte der Leser sich um. Das war ihm noch nicht passiert. Es kam zwar oft vor, dass er in eine Geschichte, die ihn fesselte, regelrecht hineingezogen wurde – aber nun auch in dieses unsägliche Machwerk? Das also war ein Leser! Welche Fügung! Einen Leser hatte sich J.N. schon seit langem gewünscht. Den würde er mitnehmen, zähmen und sich als Hausleser halten. Wobei ein Hausleser natürlich ständig mit guten Geschichten gefüttert werden musste. Was lag da näher, als sich der Dienste eines begnadeten, von einem unbegnadeten Autor leider allzu unterforderten Protagonisten zu versichern!


Unbegnadet – ja, so musste man besagten Autor wohl leider bezeichnen. Das bewies allein schon der Umstand, dass er, J.N., immer noch lebte. Dabei wäre es so einfach gewesen: Hätte der Autor J.N. an jenen verwunschenen Ort mit den sieben magischen Kreisverkehren versetzt, alle so geheimnisvoll ineinander verschlungen, dass aufgrund der für keinen Sterblichen mehr durchschaubaren Vorfahrtsregelung ein tödlicher Unfall völlig unvermeidlich war, hätte er mit dieser glänzenden Erzählung den Wettbewerb gewonnen und hernach seinerseits ein so abgrundtief gemeines Thema gestellt, dass er, J.N., sich daran zuerst die Zähne ausgebissen und anschließend zu Tode gegrübelt hätte – so hätte er auf solche Weise höchst elegant eine Fliege mit zwei Klappen geschlagen. Aber so… *lach Der Gedanke sei gar nicht übel. Auch wenn er gallensteinerzeugenderweise von J.N. stamme. Wie aber sei eine Geschichte ohne einen Protagonisten zu schreiben? Wie ein Wettbewerb ohne Leser zu gewinnen?


Halt – er habe es! Er müsse an einen Punkt zurückkehren, an dem beide noch zur Verfügung gestanden hätten, und von dort aus die Handlung neu aufrollen! Welcher Punkt dafür der richtige sei? Das müsse er in Ruhe überlegen. Noch sei ja Zeit. Er werde sich an einen stillen Ort zurückziehen…

…am besten in jene Pyramide, denn da es sie ja laut J.N. gar nicht gab, würde ihn dort auch niemand finden – er wäre also völlig ungestört. Seine unwiderstechliche Logik labte ihn. Entschlossen verschwand er in der Pyramide. Und daraufhin diese mit ihm. Ein für allemal. Denn es gab sie tatsächlich nicht.


Die Verfolgung und Ermordung des J.N.