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ABSCHIED VON MEINER ALTEN WOHNUNG

HEDI LAUFENBERG


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Wer sagt eigentlich, dass Wohnungsbesichtigungen nur was für Menschen sind? Bei mir spazierte eines Tages ein Eichhörnchen über die Balkontür herein. Ich verwies es der Wohnung, doch es schaute sich seelenruhig um, als ob alles, das ich hatte, zum Verkauf stünde. Mit dem Rollator folgte ich dem kleinen Kerlchen durch die Wohnung, in den Flur, ins Arbeitszimmer, schließlich zurück ins Schlafzimmer. Offensichtlich hatte es genug gesehen und ging einfach wieder. Im Gegensatz zu seinem Freund, der ausprobierte, wo man hier schlafen kann. Doch es war wohl nichts. Als ich am nächsten Morgen die Balkontür aufmachte, rannte er in rasendem Tempo raus. Und ich dachte nachts, die Kruschelei und das Gepolter im Schlafzimmer sei ein Geist.


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BA K ON


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Für meine Nachbarn im Innenhof ein ungewöhnlicher Anblick: Ein Mann klettert die Regenrinne herauf, wie Santa Claus, und steigt über die offene Balkontür in meine Wohnung. Aber es handelt sich nicht um Santa Claus und auch nicht um einen Einbrecher, sondern um meinen lieben Nachbarn Santa Davepon, der mir meine Wohnung von innen geöffnet hat, weil ich mich ausgesperrt hatte. Zum Glück ist er Dachdecker.


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Thures und meine Teegesellschaft wurde verlagert in den Gemeinschaftsgarten des Hauses, des schönen Wetters wegen und überhaupt. Stühle wurden nach unten gebracht, Teetassen und Tee, aus dem Keller ein Kabel verlegt, damit wir Musik hören und den Wasserkocher anschließen konnten. Und es kamen viele, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, vor allem Künstler, die ich von der Fachhochschule und meinen Streifzügen durch Galerien und Ausstellungen her kannte. Dann kam ein Anruf: Einer von ihnen hatte sich verirrt, fand nicht den Weg. Ich war – und bin – überzeugt, dass dies am Tumor in seinem Kopf lag, doch er war ganz anderer Meinung. Jedenfalls schickte ich jemand vor die Tür, der ihm ein Zeichen gab, wo er uns finden konnte. Daraufhin stolzierte er in den Garten, mit fatalen Folgen: Ihm fiel nichts Besseres ein, als meine kleine „Gartenparty“ zu kritisieren, aus der ich viel mehr hätte machen müssen: Ein kreatives Thema setzen, sich gegenseitig was vorlesen, etc. … Auch der Tee beruhigte ihn nicht. Wir hätten ihm den Weg nicht zeigen sollen.


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Der K41 hat eine magische Anziehungskraft auf Professoren und Professorinnen, sie saßen bei den Versammlungen in unserem Kreis, in dem sie sich i. d. R. sehr wohl fühlten, was sie allerdings nicht daran hinderte, ein zweites Mal unsere Gastfreundschaft auszuschlagen. Ihre Gründe: Wir waren lieb zueinander, aber nein danke, wir waren zu chaotisch, zu wenig intellektuell, etc. – Mitgliedsbeiträge zahlen sie aber trotzdem : - )


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Weihnachten 2015: Geschmack von Kukuuuuuuma, Chilililili, Pfffffeffer, Karddddammmmom, KKKKKKoriannnder, Ingwwwwerrrrrrrrrrrrrrrrrr, Krreuzzzküüüüüüümmmmmel, Nelelelelelelelke, Musssskat!!! Mmmmmmmmmmmmmmmh!!!


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Ostern 2017 hatte ich die - unschöne Gelegenheit, mein Bad sehr ausführlich kennenzulernen: Mein Pflegedienst kam mal wieder viel zu spät. Die sechs Stunden hätte ich gerne zum Ostereiersuchen verwendet.


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I don`t love my bicycle, I love my bath! Oben rein und unten raus – im selben Moment. Besser kann der Tag nicht anfangen.


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Meine Pfleger hatten, anstatt pünktlich – 18.30 Uhr – zu kommen, wohl mal wieder das Bedürfnis, mich etwas später – 21 Uhr – ins Bett zu bringen. Zum Glück kann ich in solchen Fällen meine lieben Nachbarn Herrn und Frau Davepon anrufen, die mir sehr gerne helfen. Frau Davepons Spezialität: Die Spritze super setzen und mich in den Deckenlift setzen!


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der Ankündigung. Schon als er hereinkam mit zittrigen Beinen und ängstlichem Blick, ahnte ich nichts Gutes. Ich bat ihr an, dass er auf die Terrasse gehen kann und öffnet dementsprechend die Tür. Doch panisch schloss sie sie wieder mit dem Hinweis, er werde sich womöglich vom Balkon in die Tiefe stürzen. Wir beschlossen, ihn in meinem Schlafzimmer allein zu lassen, so dass er sich beruhigen kann, und gingen ins Arbeitszimmer. Mit fatalen Folgen. Wir hörten ihn mit voller Wucht gegen die Fensterscheibe rennen. Dann kam er herüber, im Blick so etwas wie Schuld. Ich streichelte ihn. Zusammen gingen wir ins Schlafzimmer. Mit Ekel sah ich, dass er mitten auf den Teppich uriniert hatte. Sie hatte ihn gerade aus dem Tierheim „Hund in Not“ geholt. Beim nächsten Mal brachte sie ein „Hausmittel“ mit, um den Fleck zu beseitigen, doch mit umgekehrtem Erfolg: Wie ein See, der über die Ufer tritt, vergrößerte sich der Fleck. Vielleicht war der Hund in Not auch ein Elefant in Not.

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Sie hatte ihn einfach mitgebracht. Ohne ein Wort


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Unberechenbarer Besuch von Tina, doch ich war vorgewarnt, von einer sehr liebenswürdigen schizophrenen Leidensgenossin von ihr, Mary. Wir hatten nur über meine sechs Paris-Bilder sprechen wollen, meine Zeichnungen, die ich vor Ort erstellt hatte und die ich gerahmt hintereinander in mein Arbeitszimmer unter dem Tisch an die Wand gestellt hatte. Doch es kam alles anders. Ich ging ins Bad, um einen Selbstkatheter zu machen – eine langwierige Prozedur. Plötzlich hörte ich aus meinem Arbeitszimmer einen Schuss, einen lauten Knall, schnelle Schritte, die Wohnungstür wurde aufgerissen und fiel zu. Verwundert ging ich zurück in Arbeitszimmer, aber Tina war nicht mehr da. Erst ein Jahr später sah ich, was an diesem Tag geschehen war: Sämtliche Paris-Bilder waren von Tina durchschossen worden.


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Die Prinzessin und der Prinz suchten mit ihrer Gefolgschaft, einem Jagd- und einem Windhund, ein sicheres Versteck, um den Blicken der eifersüchtigen Frau des Prinzen nicht ausgesetzt zu sein. Außerdem hatten sie kein Geld. Alles beste Voraussetzungen, um in meiner Wohnung zu landen. Während mein Arbeitstisch, mein Bücherregal, meine Kunstutensilien und mein Drucker Zeuge intensivsten BlümchenKuschelsex wurden, führte ich in der Küche, bei Tee und Plätzchen, mit einem von mir herbeigerufenen Bekannten, seines Zeichens Reparateur von Ampeln – damit diese zum richtigen Zeitpunkt von Rot auf Grün umstellten und umgekehrt, ein leider wenig lustvolles Gespräch. Übrigens: Die Prinzessin und der Prinz sind nicht sehr anspruchsvoll, ihnen reicht ein Teppich als Unterlage.


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Wie aus Ulrich Oxanas neuer Lover wurde: Stürmischer Herbsttag in Köln, von den Bäumen gerissene Blätter und schneidender Wind umtosen die Sülzburgstraße 202. Die Pflegerin Oxana kämpft sich mit dem Auto durch den Sturm. Nachdem sie geparkt hat, schlüpft sie eilends in den dritten Stock. Oben angekommen, empfängt sie der stets galante Ulrich, der auf dem Absprung gen Düsseldorf ist. Kurz treffen sich ihre Blicke. Blitzschnell hängt Oxana ihre Jacke auf. Ulrich will nun endgültig gehen, nimmt eilig seine Jacke, verschwindet nach draußen. Die U-Bahn erwischt er gerade so. Während der Fahrt nach Düsseldorf, fast schon am Zielbahnhof Benrath, klingelt plötzlich ein ihm fremder Klingelton eines Handys in seiner Jacke. Gleichzeitig in Köln: Oxana streift ihre Jacke über, greift in die Tasche und zieht einen ihr fremden Schlüssel hervor. Kurz vor Benrath: Ulrich holt das ihm fremde Handy aus der Jacke und geht ran. Ein erschrockenes „Wer sind Sie?“ und „Wo ist meine Frau?“ bahnt sich den Weg in Ulrichs Ohr. Eine verwechselte Jacke kann unter Umständen große Probleme hervorrufen…


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„Ich kriege das schon hin! Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Laufenberg!“ Behende schnallte sie mich auf den Treppensteiger und fuhr mich unter einem kurzen Stöhnen – offensichtlich war ich schwerer, als sie gedacht hatte – in den Hausflur. Ulrich beäugte die Situation kritisch, brachte sich vorsichtshalber vor mir in Position. „So, die Fahrt geht los!“, sagte sie, und schon nahmen wir die ersten Stufen. Mit jeder Stufe klang ihr Stöhnen schmerzvoller. Schließlich stand sie neben mir und rief aus „Ich kann nicht mehr! Ich schaff‘ das nicht!“ Panisch forderte ich sie auf, mich weiter zu fahren, doch sie sagte nur trocken „Nein, ich mach‘ jetzt gar nichts mehr.“ Ich fuhr den Treppensteiger durch einen Griff zurück die letzten zwei Stufen nach unten, so dass mein Schatz, der genau richtig stand, mich auffangen konnte.


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Im Haus gibt es einen eigenartigen Bewohner. Er bewegt sich, wenn er Hunger hat, stets von oben nach unten und von unten nach oben. Auffälligstes Merkmal ist sein großer Mund. Charakterlich gesehen ist er ein hilfsbereiter Zeitgenosse, der zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung steht. Ich würde ihn nicht als freundlich bezeichnen, aber man sollte positiv vermerken, dass er andererseits auch niemals schlechter Laune ist. Doch es kommt vor, dass unser kleiner Lastenaufzug zum Dieb wird und Dinge einfach verschluckt: Taschen, Schlüssel, Lebensmittel – einen Schinken von mir, sogar Portemonnaies.


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Der Kabuff, vielleicht die geheimnisvollste Ecke in meiner Wohnung, weil es dort alles gibt, alle Materialien, Kleber und Werkstoffe, die man sich vorstellen kann. Ein Raum, von dem ich nie genau wusste, ob er nicht ein Eigenleben führt. Einst war Martina zu Besuch und wollte den Raum aufräumen. Ich saß in meinem Arbeitszimmer und gestaltete ein Buch, im Hintergrund hörte ich sie. Doch irgendwann merkte ich, dass es still in der Wohnung geworden war. Martina ist nie wieder aufgetaucht. Wahrscheinlich hat sie sich in die Weiten des kleinen, engen, geheimnisvollen Raums begeben. Ich bin mir sicher, sie kann dort nur glücklich sein.


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72 Jahre Frieden in Deutschland, von wegen! Wenn es stimmt, dass der Bürgerkrieg das Paradigma der Politik ist, wie ein namhafter italienischer Philosoph gesagt hat, dann kann dies nicht stimmen. Und es stimmt auch nicht! Mirko hatte den Beweis vor Augen, als er den Keller ausräumte: Horden bis auf die Zähne bewaffneter Kellerasseln hatten sich eine wahnwitzige Schlacht mit hoch aggressiven Spinnen geliefert, vergleichbar nur mit derjenigen auf den Feldern vor Leipzig im 19. Jahrhundert, und zwar bis alle tot waren. Zurückgeblieben sind die Berge der toten Kadaver der Gefallenen – ausgerechnet in Hedis Keller. Derzeit laufen die Verhandlungen mit der Stadt Köln bezüglich eines Denkmals, das die Verwerfungen zwischen Kellerasseln und Spinnen im kollektiven Gedächtnis wach halten soll.


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Ich habe einen besonderen Keller. In den letzten siebzehn Jahren ist er zwanzig bis dreißig Mal ausgeräumt worden und hat sich immer wieder aufgefüllt. Wenn ich ausziehe, wird er endgültig ausgeräumt. Doch eines ist sicher: Es kann niemand meine Wohnung bekommen, der meinen Keller nicht mit neuen Sachen „füttert“.


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Es war eine lärmintensive Woche, als die Bauarbeiter den Bürgersteig in der Straße aufrissen, um diesen neu zu machen, doch es hatte sich gelohnt: Jetzt konnte ich mich sowohl mit Rollator als auch mit Rollstuhl perfekt dort bewegen. Allerdings nur einen Monat lang, dann kam Netcologne und riss den Bürgersteig wieder auf. Jetzt ist er eine „Schlagloch-Piste“. Living in Cologne.


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Liebe(r) BetrachterIn, liebe(r) LeserIn, sicherlich können Sie nach dieser Lektüre nicht verstehen, warum ich eine solche Wohnung, mit der sich für mich so viel verbindet, verlasse, um in eine andere zu ziehen. Selbstverständlich lasse ich – nach siebzehn Jahren – diesen Kosmos hinter mir in Erwartung noch schönerer und absurderer Geschichten – auch wenn meine „große Reise“ mich, um ehrlich zu sein, nicht weit von hier weg führen wird, sondern in die unmittelbare Nachbarschaft. Vermutlich bleibt eh alles so, wie es jetzt ist, außer, dass ich von nun an eine behindertengerechte Wohnung samt Aufzug haben werde. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass es seinerzeit nicht die allerschönste Überraschung war, als ich kurz nach dem Einzug einen Schub bekam und behindert wurde. Ohne Aufzug ist man angewiesen auf einen Treppensteiger und qualifiziertes Personal, das diesen bedienen kann. Schwer zu finden, sage ich Ihnen! Mein Umzug wird auch etwas gutes für Sie haben. Selbstverständlich werde ich auch meinen neuen vier Wänden eine ähnliche Referenz erweisen wie mit diesem Buch meinen alten.


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Hedi Laufenberg, Dezember 2017. — Unter Mitarbeit von: Philipp Zdrojewski Peter BÜsenberg


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Liebe(r) BetrachterIn, liebe(r) LeserIn, sicherlich können Sie nach dieser Lektüre nicht verstehen, warum ich eine solche Wohnung, mit der sich für mich so viel verbindet, verlasse, um in eine andere zu ziehen. Selbstverständlich lasse ich – nach siebzehn Jahren – diesen Kosmos hinter mir in Erwartung noch schönerer und absurderer Geschichten – auch wenn meine „große Reise“ mich, um ehrlich zu sein, nicht weit von hier weg führen wird, sondern in die unmittelbare Nachbarschaft. Vermutlich bleibt eh alles so, wie es jetzt ist, außer, dass ich von nun an eine behindertengerechte Wohnung samt Aufzug haben werde. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass es seinerzeit nicht die allerschönste Überraschung war, als ich kurz nach dem Einzug einen Schub bekam und behindert wurde. Ohne Aufzug ist man angewiesen auf einen Treppensteiger und qualifiziertes Personal, das diesen bedienen kann. Schwer zu finden, sage ich Ihnen! Mein Umzug wird auch etwas gutes für Sie haben. Selbstverständlich werde ich auch meinen neuen vier Wänden eine ähnliche Referenz erweisen wie mit diesem Buch meinen alten.

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