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Liebe Leserin, lieber Leser SCOPE erscheint einmal jährlich zur Ausstellung Swiss Photo Award von ewz.selection. Das Magazin ergänzt den Katalog Swiss ­Photo Selection, der seit 1999 die Schweizer Fotografie dokumentiert und im Mai zur Ausstellung in Zürich erscheint. SCOPE geht unterschiedlichsten Standpunkten und Themen zur Fotografie nach und will diese einem breiten Publikum zugänglich machen. Diese dritte Ausgabe von SCOPE lädt zu einer Diskussion über verschiedene Aspekte von Fotografieschulen ein. Sascha Renner, DRS2-Kulturredaktor, zeichnet für die Redaktion von SCOPE verantwortlich. Wir danken ihm herzlich für die gelungene, facetten- und aufschlussreiche Ausgabe zu diesem wichtigen und vielleicht unterschätzten Thema. Der Inhalt der Beiträge muss dabei nicht mit der Meinung der Redaktion und der Herausgeber übereinstimmen. Das Team ewz.selection

Inhalt 11 Ein Sonnenuntergang macht Skandal Die Düsseldorfer Becher-Schule ist ein goldener Käfig. Elger Esser, ein Becher-Schüler auf Abwegen, erzählt, warum. Von Sascha Renner

16 Von der Qual zur Wahl Der europäische Bildungsraum verlangt Ausbildungs­modelle mit klarem Profil. Die Schweiz hat sie bereits. Von Martin Jaeggi

24 «Überrascht uns und euch selber!» Welche Trends, Schulen und Strömungen prägen künftig die Fotografie? Dozierende namhafter Fotoschulen von Tirana bis Tokio antworten. Von Walter Keller

34 Zwischen Ausdehnung und Auflösung Das herkömmliche Ausbildungsmodell wird der Fotografie nicht mehr gerecht. Wird der Fotograf zum Mediendesigner? Von Sandi Paucic und Andrea Gohl

45 Lob des ­Taugenichts Kunst ist auf schweifende Gedankenlosigkeit angewiesen. Höchste Zeit, zu entschleunigen. Von Daniele Muscionico

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Editorial

Ausdehnung und Auflösung in anderen Professionsfeldern. Erfolgreicher Praktiker wird nach Ansicht der beiden Autoren sein, wer einen eigenständigen Bildgedanken zu fassen, diesen gekonnt umzusetzen und medial präzis zu positionieren versteht. Dazu bedürfe es mehr Zeit für Experimente in der Ausbildung. Diese dürften nicht dem Leistungsdruck gestraffter Curricula oder den kurzfristigen Markt­bedürfnissen zum Opfer fallen. Mit Skepsis betrachtet auch die Fotokritikerin Daniele Muscionico die Akademisierung der Fotopraxis. Wo findet der Fotograf Musse, um als künstlerisch schöpferischer Mensch ins Unbekannte aufzubrechen? Ihr Beitrag ist ein Appell für eine starke Autorschaft. Was es heisst, von starken Mentoren zu profitieren, sich aber auch mühevoll von ihnen zu lösen, weiss keiner besser als Elger Esser. Der Kunstfotograf ist einer der jüngsten Abgänger der bekannten Düsseldorfer BecherSchule. Im offenen Gespräch mit ihm wird deutlich, wie und warum Schule als Autorengemeinschaft Schule macht und zum Erfolgsmodell avancieren konnte. Einen Blick weit über die Schweiz hinaus wirft Walter Keller. In Gesprächen mit Schulleitern und Professoren von Zürich über Tirana bis Tokio schält der Fotopublizist die Trends, Strömungen und Arbeitsweisen heraus, die die Fotografie in näherer Zukunft prägen werden. Als Fazit seines Beitrags kann die Aufforderung des Fotoprofessors Christian Gattinoni an seine Studierenden stehen: «Überrascht uns und euch selber!» Dem schliessen wir uns gerne an.

Schule macht Schule in der Fotowelt. Dies gleich in zweifacher Hinsicht: Schulen sind unbestritten ein Erfolgsmodell am Fotokunstmarkt. Gemeinschaften von Autoren teilen Stile oder Ideen und lancieren damit Trends. Prominentes Beispiel sind die Düsseldorfer und die Helsinki-Schule. Schulen sind aber auch Stätten der Ausbildung, die Menschen, Bildsprachen und Haltungen entscheidend formen. Beides ist derart prägend für die Zukunft und die Praxis der Berufsfotografie, dass wir diese Ausgabe von SCOPE der Schule als Schaffensgemeinschaft und als Ort der Lehre und des Experiments widmen. Die Schule als Ausbildungsstätte steht heute unter Reformdruck, weil sich das gestalterische Feld grundlegend verändert. Die Medien konvergieren, die Grenzen zwischen stehenden und bewegten, zwischen gefundenen und erfundenen Bildern fallen. Das postfotografische Zeitalter – die pragmatische, unverkrampfte, gleichzeitige Verwendung verschiedener analoger und digitaler Bildquellen und Verfahren – hat bereits begonnen. Aber auch der entstehende europäische Hoch­­ schulraum fordert die Schule heraus. Mit Bologna wachsen die internationale Vergleichbarkeit der Ausbildungsangebote und die Wahlmöglichkeiten für Studierende. Dies zwingt die Schulen, ein unverwechselbares Profil zu entwickeln. Die Schweiz hat bereits zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Ausbildungsmodelle. Beide ergänzen sich komplementär, wie unser Autor Martin Jaeggi in Sascha Renner seiner Analyse der schweizerischen Bildungs- Kulturredaktor Radio DRS 2 landschaft auf Hochschulniveau darlegt. Das traditionelle Berufsbild des Fotografen stehe an einem Kreuzweg, meinen Sandi Paucic und Andrea Gohl: zwischen immenser

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Ein Sonnen­ untergang macht Skandal Interview AUTOR Sascha Renner

Die Becher-Schule, aus der Fotokünstler wie Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth hervorgingen, gilt als ein Erfolgsmodell. Elger Esser, 43, ist einer der letzten Absolventen der legendären Fotoklasse von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie. Ein offenes Gespräch über künstlerische Verkrustungen, den Hunger des Marktes und den Argwohn der Kollegen. Sascha Renner: Herr Esser, es kursiert die Anekdote, Sie hätten einen Sonnenuntergang fotografiert und damit einen Skandal ausgelöst. Ist das wahr?

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Elger Esser: Ja, es stimmt. Ich sah die­ sen Sonnenuntergang in der Nähe von La Rochelle kurz vor Ende meines Studiums 1996. Ich fotografierte ihn, ohne genau zu wissen, was dabei herauskommen würde. Als ich das Bild später entwickelte, war das Staunen in der Klasse gross. Kommentare blieben nicht aus, so etwas könne man nicht bringen. Man hat sich gegen die Stimmungen, Emotionen und Erinnerungen in meiner Arbeit aufgelehnt. Der Preis, in einer Klasse mit einem grossen Namen zu studieren, waren harte Konfrontationen mit den Mitstudenten. Alle waren ähnlich grosse Egozentriker, wie ich selber einer war.

Bei den frühen Becher-Schülern fällt auf, dass sie den rigiden Formalismus ihres Lehrers Bernd Becher weitgehend übernommen haben. Wie erklären Sie diese Spurtreue? Sie hat mich selber schockiert. Der starke Formalismus, den Bernd in seiner eigenen Arbeit ausgeprägt hatte, hat sich unter seinen Studenten noch einmal verstärkt. Viele Schüler bekundeten später Mühe, sich davon zu lösen. Manche wie Candida Höfer haben die Ablösung nie ganz vollzogen. Für Thomas Struth war es ein harter Kampf. Woher rührt die Dogmatik innerhalb der Becher-Klasse? Im Prinzip ist es wie mit allen Ismen: Um alte Systeme zu stürzen, schafft man erst einmal alles Bestehende ab. Dann merkt man, dass man doch wieder Strukturen braucht. Diese neuen Strukturen führen eine Generation später zu Stagnation, und das ganze Drama beginnt von Neuem. Wenn man eine Idee derart strikt weitergibt, wie Bernd und Hilla es taten, führt das zwangsläufig zu Verkrustungen. Ich muss jedoch anfügen, dass Bernds Strenge durchaus ihr Gutes hatte. Er hat uns alle dazu gebracht,

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ein Alphabet zu schnitzen. Jeder hat sozu­ sichten mit. Der erste Abzug kam versesagen seinen eigenen Schriftschnitt gefunden. hentlich in einem sonnengelben Licht aus der Maschine. Der Fotograf in mir sagte: viel zu gelb, korrigieren. Aber der Künstler blieb stehen. Ich realisierte, dass ich nicht mehr auf eine Fotografie blickte, sondern auf ein Bild. Was ich sah, war kein blosses Abbild von etwas. Ich merkte, dass man durch das Einhauchen von Farbe das Bild entrücken und einen Abstraktionsgrad erreichen kann.

«Gegenspieler sind gut, um sich wechselseitig zu stärken.»

Die Becher-Schule dominiert den Fotokunstmarkt seit den Neunzigerjahren. Im derzeitigen Artfacts-Künstler-Ranking rangiert einzig Cindy Sherman vor dem Trio der «Struffkys» – Struth, Ruff, Gursky – aus Düsseldorf. Wie war dieser Aufstieg möglich? Wie fanden Sie Ihren Weg als Künstler? Nach dem Überschwappen der KonAls später Becher-Schüler genoss ich zeptkunst aus Amerika und der Etablierung sicherlich eine gewisse Freiheit. Bernd konn- von Namen wie Ed Ruscha, John Baldessari, te mit mehr Energie auf seine Studenten Jeff Wall und Cindy Sherman verlangte der ein­wirken, als er noch jünger war. Dennoch Markt nach mehr. Düsseldorf war damals merkte ich früh, dass das alles nicht zu mir die einzige Schule, die entsprechende Bilder passte. Ich fotografierte zwei Jahre lang liefern konnte. In der Grösse, im Format, in systematisch Häuser in Serie, wie Bernd das der Qualität und im Themenspektrum. wollte. Aber danach hatte ich keine Lust Düsseldorf hatte sowohl die Absolventen mehr. Ich studierte in einem Verbund von als auch die Strukturen dazu; da waren vife Leuten, die sich nicht mehr über wahre Förderer wie Kaspar König, der die Schüler Inhalte abgrenzten. Wenn sich der eine vom in die richtigen Ausstellungen katapultierandern nur noch dadurch unterscheidet, te, und ein gut strukturiertes Galerienetz, dass er evangelische statt katholische Kirdas die Absolventen sofort aufsog. Wichtig chen fotografiert, dann hat das etwas sehr waren auch Satellitenfiguren wie KathaFiskalisches. Das langweilte mich. rina Sieverding in Berlin oder Wolfgang Tillmans, der mit seiner GesellschaftsfotoSie fanden in der Folge zu einer malerischen grafie ein ganz anderes Modell praktizierLandschaftsfotografie, die mit dem Becher’schen te. Gegenspieler sind immer gut, um sich Ideal des kühlen Registrierens wenig zu tun hat. ­ wechselseitig zu stärken. Wie kamen Sie darauf ? Das war am Ende meines Studiums. Gründet der Erfolg der Bechers und ihrer Schüler Ich hatte viele verschiedene Ansätze, aber ich auch darauf, dass ihr Formalismus an das neue Sehen hatte noch nicht in meine Arbeit gefunden. der 1920er-Jahre anschliesst? Dass er sich also scheinAus Frankreich brachte ich drei Stadtanbar nahtlos in die deutsche Fotogeschichte einfügt?

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Durchaus. Bernd hat ja viel dazu beigetragen, dass Sander, Renger-Patsch und Blossfeldt wiederentdeckt wurden. Und er hat sich bewusst in eine Reihe mit ihnen gestellt; die vier gelten als «the big four black and white» des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Geholfen hat sicherlich auch, dass der distanzierte Blick der neuen Sachlichkeit nach dem Holocaust unverdächtig war. Die Düsseldorfer Schule wird überdies stark mit der Blow-up-Fotografie identifiziert. Wer kam darauf ? Thomas Ruff hat die grossformatigen Abzüge 1986 eingeführt. Ich glaube, das war ein Tipp seines Galeristen in Zürich, der damals schon mit den Amerikanern Robert Longo und Chuck Close arbeitete. In der Folge wurde das grosse Format für Ruff zum Selbstläufer. Kurz darauf zogen andere nach; zuerst Gursky, dann Struth, Hütte. Der US-Fotokünstler Duane Michals persifliert in seiner jüngsten Arbeit explizit die grossformatigen Abzüge der Düsseldorfer, und er ist nicht der einzige. Trifft Sie diese Kritik? Nein. Duane Michals ist als Amerikaner mit dem klassischen fotografischen Format gross geworden, nicht mit der Sixtinischen Kapelle, mit den Fresken der Renaissance und den grossen Altarbildern wie wir Europäer. Hier entstand in der Verbindung mit dem Tafelbild eine andere Grundlage, auf der manche europäische Fotokünstler aufbauen. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass ein Bild nicht nur über sein Format funktionieren darf. Und ich gebe zu, dass es in der jüngsten Fotogeschichte viele Bilder gibt, die ihre Präsenz vorrangig über das Format behaupten. Aber diese Bilder werden früher oder später aussortiert.

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Der Hype um die Düsseldorfer Schule neigt sich dem Ende zu. Was bleibt davon übrig? Es werden sich nicht alle Düsseldorfer auf dem Niveau halten können, auf dem sie jetzt sind. Durch die Überschätzung einzelner hat eine Übersättigung stattgefunden. Ich bin aber überzeugt, dass die Düsseldorfer Schule auch in fünfzig Jahren noch ein Referenzpunkt sein wird. Es reicht, wenn fünf Schüler über die Zeit hinaus Geltung behalten. Dann rechtfertigt es sich auch, dieses Lehrer-Schüler-Verhältnis hervorzuheben.

«Das Filtern aus der Masse ist das Entscheidende.» Seit einigen Jahren macht eine Schule von sich Reden, die ebenfalls nach einem Ort benannt ist: die Helsinki-Schule. Spielen da ähnliche Mechanismen wie in Düsseldorf ? Die Helsinki-Schule nutzt Strukturen, die dem Düsseldorfer Modell nachgezeichnet sind: ein umtriebiger Lehrer in der Person von Timothy Persons, zehn, fünfzehn Jahre gute Aufbauarbeit, der Boom der Fotografie am Kunstmarkt. Helsinkis Kunsthochschule, die TaiK, praktiziert ein Ausbildungsmodell, das die Studierenden sehr früh mit den Spielregeln des Markts vertraut macht. Finden Sie das gut? Ein Bild ist ja nicht fertig, wenn es aus dem Plotter oder der Trockenpresse kommt. Zum Machen einer Arbeit gehört

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auch die Präsentation, das Bestimmen der Abzugsgrösse beispielsweise. Ich bin daher sehr damit einverstanden, dass die formalen ­Aspekte, die die Aussage direkt betreffen, Teil sind des Pakets, das man unterrichtet. Nicht einverstanden bin ich mit dem Ver­ mitteln von Kontakten und Netzwerken. Was soll daran schlecht sein? Bedenklich ist, dass die Künstler ihre persönliche Selbstfindung ein Stück weit abtreten an Galeristen, Sammler und Kuratoren – Leute, die für sie entscheiden, was Kunst ist und was nicht. Das hat dazu geführt, dass Künstler heute denken, sie müssten sich gleich auch noch ein Vermarktungskonzept einfallen lassen. Sie denken als erstes daran, in welche Vertriebskanäle sie ihre Arbeit schleusen und mit wem sie reden sollen, damit sie wahrgenommen werden. Das raubt die Konzentration, die erst einmal einzig der Arbeit zugute kommen sollte.

jeden Fall muss man mit viel Leidenschaft dabei sein, sonst hält man nicht durch. Man muss damit rechnen, dass sich kein Mensch für die eigene Arbeit interessiert. Es ist wie mit der Liebe. Ist die Bindung nicht stark genug, hält sie nicht. Wohin steuert die Fotografie? Die Fotografie hat noch längst nicht all ihre Möglichkeiten ausgeschöpft. Wie wenig Präsentationen sieht man, wo Fotografie mit Wänden verschmilzt, mit Decken oder mit dem Fussboden, oder wo sie ins Skulpturale ausgreift. Aus den wachsenden technischen Möglichkeiten – durchsichtige Folien, Tapeten, Leuchtbänder etc. – ergeben sich neue Ansätze. Die Gattungsgrenzen werden sich vollständig auflösen. Aber die grösste Herausforderung wird künftig sein, wie wir mit den Archiven umgehen. Mit der schieren Masse an Informationen. Wir erleben ja gerade einen Informationsgau. Die Amerikaner haben mit ihren Drohnen in Afghanistan 16 Millionen Bilder aufgezeichnet. Die Aus­ wertung würde 25 Jahre dauern. Wir sind gar nicht mehr fähig, die Informationen so zu kondensieren, dass sie zumindest ein präzises Detailbild abgeben.

Welche Folgen hat das? Die Studierenden gehen nicht mehr durch eine Leidensphase, in der sie drei, vier Jahre lang an einem Thema arbeiten. Die Halbwertszeit der studentischen Arbeiten hat sich extrem verkürzt. Laufen sie damit auf Grund, bestärkt sie das nicht etwa auf Der Fokus der fotokünstlerischen Arbeit ihrem Weg. Sie beginnen einfach eine andere verschiebt sich demnach hin zum Weglassen, zum Arbeit und hoffen, dass sie damit bessere Editieren, zum Einkochen? Chancen haben – wie bei einem SongconJa. Ich glaube, weniger ist mehr. Das test. Doch sie haben nicht erkannt, dass sie Filtern aus der Masse ist das Entscheidende. noch gar nicht richtig singen können. Zu welchem stilistischen oder konzeptuellen Weg raten Sie heute einem jungen Fotografen? Zu gar keinem. Er soll ihn sich selber suchen. Ich kann nur beurteilen, ob seine Arbeit in Form, Inhalt und Haltung zu ihm passt und ob das Thema noch genug Aus­ wege in andere Arbeiten offen lässt. Auf

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Das Gespräch mit Elger Esser fand am 10. Februar 2010 in seiner Ausstellung «Elger Esser. Eigenzeit» im Kunstmuseum Stuttgart statt. Elger Esser wurde in Stuttgart geboren und wuchs als Sohn eines Schriftstellers und einer Pressefotografin in Rom auf. Von 1991 bis 1997 studierte er in der Fotoklasse von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie, ab 1996 als Meisterschüler von Bernd Becher. Bis Anfang 2010 war er Assoziierter Professor für künstlerische Fotografie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.

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«Die Künstler haben ihre Selbstfindung an Galeristen, Sammler und Kuratoren abgetreten.»

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Das fotografische Berufsbild im digitalen Zeitalter

Von der Qual zur Wahl

AUTOR Martin Jaeggi

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otografiestudiengänge an Kunsthochschulen stehen dieser Tage unter zwei­fachem Zugzwang. Einerseits wandeln sich durch die Digitalisierung das Medium, das Bildverständnis und die Medienlandschaft, in der sich Fotografen positionieren müssen. Andererseits wurde mit der Bologna-Reform ein europäischer Bildungsmarkt geschaffen, in dem Schulen zusehends miteinander im Wettbewerb um Studenten stehen. Überdies zeigt sich unter diesen neuen Vorzeichen ein klassisches ­Dilemma der Fotografieausbildung: Können Ausgabe 2010 - SCOPE

die Anforderungen einer berufsorientierten und einer kunstorientierten Fotografieausbildung unter einen Hut gebracht werden und ist dies überhaupt erstrebenswert? Diese verschiedenen, sehr unterschiedlich gelagerten Herausforderungen werden die Entwicklung der fotografischen Ausbildung in der absehbaren Zukunft prägen. Die Digitalisierung entpuppt sich als langwierigerer und tiefgreifenderer Prozess, als manche ursprünglich angenommen haben. Er verändert das Medium Fotografie fundamental. Die analoge Fotografie lebte wesentlich von ihrem Status als fotochemische Wirklichkeitsspur, Beweis und Dokument. Der Moment des Kameraklicks war für die Bildfindung entscheidend und erfuhr eine mythische Überhöhung. In der digitalen Fotografie 16


Gabriel Benaim Immigration Monument, Tel Aviv, aus der Serie „Tel Aviv at 100“ (zum 100. Gründungsjahr der Stadt), 2009, 20.3 x 25.4 cm, Silbergelatine Kontaktabzug / Vintage Print, Auflage 10, signiert und nummeriert.

Mit der Serie über Tel Aviv präsentiert der israelische Fotograf Gabriel Benaim (*1969) in seiner international ersten Einzelausstellung streng komponierte und emotional aufgeladene Bilder der Räume dieser „weissen Stadt am Meer“ mit ihrem besonderen Licht und ihrer faszinierenden Architektur. Ausstellung in der Galerie Walter Keller, Oberdorfstrasse 2, 1. Stock, 8001 Zürich. 1 Minute vom Bellevue, im Gebäude der Rämi-Post. Dauer: bis 29. Mai 2010. Öffnungszeiten: Regulär geöffnet Donnerstag & Freitag 12 - 18 Uhr, Samstag 12 - 17 Uhr. An den anderen Tagen gerne nach Vereinbarung. Kontakt: info@kellerkunst.com, www.kellerkunst.com, Tel. +41 (0) 43 268 53 65


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erhält die Nachbearbeitung des Bildes, die die Möglichkeiten der Dunkelkammer bei weitem übersteigen, ein ungleich grösseres Gewicht. Von perfekter Farbwertkontrolle über sanfte Retusche bis hin zu dreister Manipulation reichen ihre Möglichkeiten. Sie unterhöhlt den Dokument- und vertieft den Bildcharakter der Fotografie. Die Fotografie verliert zusehends ihre traditionelle Funktion als Realitätsgarantin. Besonders sichtbar wird dies an der Krise des Fotojournalismus, die freilich auch einem anderen Effekt der digitalen Kultur geschuldet ist: Die klassischen Printmedien, deren Geschichte im 20. Jahrhundert eng mit jener der Fotografie verflochten war, geraten durch das Internet, wie schon vorher durch das Fernsehen, immer stärker unter Druck. Alte Distributionskanäle für Bilder verschwinden, neue eröffnen sich, eine fundamentale Neustrukturierung der Medienlandschaft und der Nutzergewohnheiten ist im Gang. Welchen Platz Fotografen darin finden werden und unter welchen Bedingungen sie werden arbeiten müssen, bleibt ungewiss. Die Digitalisierung brachte aber auch eine Demokratisierung der Fotografie mit sich. Digitale Kameras sind einfach zu handhaben und allgegenwärtig, Fotografie ist nicht länger ein anspruchsvolles und zeitraubendes fotochemisches Handwerk. Dank Handy und iPhone ist heute jeder potenziell ein rasender Reporter. Davon zeugt der Umstand, dass bei jedem grösseren Ereignis, ganz zu schweigen von Katastrophen, Handybilder mittlerweile das Nonplusultra der Authentizität darstellen. Das Internet eröffnet den Massen die Möglichkeit, ihre Bilder in Umlauf zu bringen, Websites wie Facebook, Flickr und Co. lassen die Fotografie zu einem Massenkommunikationsmittel werden. Die Folge ist ein Statusverlust der Fotografen.

dar. Standen bei der Markteinführung der Digitalfotografie Studierende wie Dozierende gleichermassen vor der Frage, wie mit ihr umzugehen sei, treffen heute Dozierende, deren Ursprünge in der analogen Fotografie liegen und die einen je unterschiedlichen Umgang mit der Digitalfotografie entwickelt haben, auf Studierende, die mit Computer und Internet, Digitalkameras und Photoshop aufgewachsen sind. Gemeinsam verhandeln sie im Ausbildungskontext, welche fotografischen Traditionen und Bildsprachen noch relevant sind und wie jene der Zukunft aussehen werden. Reibungen und Spannungen sind dabei unvermeidlich und müssen von den Schulen ins Kreative gewendet werden, ansonsten droht Erstarrung. Die fortschreitende Digitalisierung wird in den nächsten Jahren auch dazu führen, dass sich Fotografiestudiengänge entscheiden müssen, in welchem Mass und wie zwingend für die Studierenden sie noch Analogfotografie unterrichten werden. Der Spardruck, dem Kunst­hochschulen immer ausgesetzt sind, wird Wirkung zeitigen: Je weiter sich die digi­ tale Fotografie entwickelt, desto teurer wird es, das ganze digitale und analoge Technikspektrum zu unterrichten, die materiellen und personellen Infrastrukturen in beiden Bereichen zur Verfügung zu stellen. Hier werden Fotostudiengänge in der näheren und mittleren Zukunft vor entscheidenden Weichenstellungen stehen. Doch nicht nur die Entwicklung des Mediums setzt Fotostudiengänge unter Druck. Durch den Bologna-Prozess ist ein europäi­ scher Bildungsmarkt im Entstehen begriffen, auf dem auch schweizerische Schulen bestehen müssen. Schulen sollen mit ihren Programmen um Studierende werben, Studierende sollen aus einer breitgefächerten Auswahl an Studiengangsprofilen ihre Wahl Diese Übergangszeitphänomene stellen die treffen können, so die Vision. Dies führt zu Rahmenbedingungen für eine fotografische einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Ausbildung am Anfang des 21. Jahrhunderts Angebote. Fotostudiengänge müssen definie­ Ausgabe 2010 - SCOPE

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ren, wie und in welchem Mass sie sich auf Medienindustrie und/oder Kunstbetrieb aus­­ richten, wie sie mit Digital- und Analogtechnik umgehen und sich anderen Medien ö­ ffnen. Mit der Umwandlung der Kunstschulen in Fachhochschulen und der Einführung des Bachelor-/Mastersystems setzte auch in der Schweiz verstärkt eine Angebotsausdifferenzierung ein. Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und die Ecole cantonale d’art de Lausanne (ECAL) bieten höchst unterschiedlich gelagerte Fotostudiengänge auf der Bachelorstufe an, mit denen sie sich im schweizerischen und europäischen Bildungsmarkt positionieren. Weder die ZHdK noch die ECAL bietet ein ausschliesslich fotografisch orientiertes Masterprogramm an; sie ­integrieren Fotografie in ein je unterschiedlich breit abgestecktes Feld, das mit der Ausrichtung ihrer Bachelorstudiengänge korrespondiert. Die ZHdK richtete sich in den 1990erJahren auf die Autorenfotografie aus und hat so wesentlich dazu beigetragen, dass die Fotografie ihren festen Platz im schweizerischen Kunstbetrieb erhielt. Diese Ausrichtung wird nun mit der Bachelorausbildung weiter geschärft und vertieft. Fotografie ist kein eigener Studienbereich mehr, sondern wird in der Vertiefung Fotografie im Departement Kunst & Medien unterrichtet. Während des dreisemestrigen Grundstudiums erhalten die Studenten eine praktische und theoretische Ausbildung in Fotografie, im Hauptstudium hingegen ist der Unterricht interdisziplinär. Die Studierenden der Vertiefungen Fotografie, Bildende Kunst, Mediale Künste und Theorie besuchen gemeinsam Module und entwickeln ihre Arbeit im interdisziplinären Austausch. Bereits während des fotografisch ausgerichteten Grundstudiums haben die Studierenden die Möglichkeit, andere Medien projektspezifisch einzusetzen. Fotografie ist Ausgangspunkt des Studiums, aber nicht zwingend dessen ausschliesslicher Endpunkt. Ausgabe 2010 - SCOPE

Dies entspricht der seit den 1960er-Jahren verstärkt einsetzenden Entwicklung, dass sich Künstler oft mehrerer Medien bedienen und Bilddiskurse medienübergreifend geführt wer­den. Der Studiengang setzt auf die Entwicklung künstlerischen Eigensinns und lässt den Studierenden dementsprechend grossen Freiraum in der Ausrichtung und Entwicklung ihrer Arbeit. Entsprechend der Struktur des Bachelorhauptstudiums bietet die ZHdK ­einen Master in Fine Arts an, der angehenden Kunstschaffenden und Theoretikern aus allen Medien offensteht.

Das Verhältnis von stehenden und bewegten ­Bildern wird neu verhandelt. Die ECAL geht einen anderen Weg, was sich bereits daran zeigt, dass die Fotografie hier im Departement Visuelle Kommunikation angesiedelt ist. Der dicht strukturierte Lehrplan sieht vor, dass die Studierenden die Fotografie in ihrer gesamten Breite erkunden, mit einem Schwerpunkt auf die unterschiedlichen Gattungen der Berufsfotografie – von redaktioneller zur dokumentarischen Fotografie, von hochspezialisierter Berufsfotografie zur freien künstlerischen Arbeit. ­Daneben besuchen die Studenten Module über Grafik-, Medien- und Interaktionsdesign. Der Lehrplan unternimmt den Versuch einer 22


Definition des fotografischen Berufsbildes im digitalen Zeitalter und verfolgt dabei ein klassisches Ausbildungskonzept, das den Fotografen als Akteur im Spannungsfeld zwischen Medienindustrie und Kunstbetrieb, zwischen Professionalität und Kreativität begreift, der mit Fotografie seine Brötchen verdienen muss. Die Studierenden sollen auf die Arbeit in der Medienindustrie vorbereitet werden und zugleich nebenher künstlerische Ansätze entwickeln. Da sich die Studierenden zwingend mit Fotografie in ihrer ganzen Breite auseinandersetzen müssen, sind die Aufgabenstellungen in den Modulen klar umrissen, der Studienverlauf schulisch streng geführt. Auf der Masterebene ist Fotografie an der ECAL in den Studiengang Art Direction (Type Design und Fotografie) eingegliedert, der den medienindustrieorientierten Ansatz des Bachelorstudiengangs vertieft. Die Studiengänge an der ZHdK und der ECAL verfolgen je unterschiedliche Ausrichtungen in der fotografischen Ausbildung, die sich im gesamtschweizerischen Bildungsmarkt komplementär ergänzen, was leider aufgrund des Röstigrabens noch immer viel zu wenig wahrgenommen wird. Beiden gemeinsam ist, dass sie Fotografie in einem grösseren Kontext unterrichten, wie es der durch die Digitalisierung bewirkten Hybridisierung entspricht, die die Fotografie immer stärker in andere Medien ausfransen lässt. Wie die Studiengänge, in denen Fotografie unterrichtet wird, in ein oder zwei Jahrzehnten aussehen werden, ist offen. Sicher ist nur, dass die bereits zu beobachtende Hybridisierung des Mediums und die Auflösung des Fachgebiets weiter fortschreiten werden. Zu vermuten ist, dass sich ein weiterer Aspekt der Digitaltechnik in der Ausbildung, insbesondere im Kunstbereich, verstärkt niederschlagen wird: die Neuverhandlung des Verhältnisses von stehenden und bewegten Bildern. Digitalkameras können sowohl stehende wie beAusgabe 2010 - SCOPE

wegte Bilder aufnehmen, beide können am Computer relativ einfach weiterverarbeitet werden, digitale Foto- und Videokameras rücken sich immer näher. Selbst ein Handy oder iPhone kann heute sowohl Fotos wie Videos aufnehmen. In Online-Medien stehen Fotos und Videos gleichberechtigt nebeneinander. Nicht nur das Fotografieren ist einfacher ­geworden, auch das Herstellen von Videofilmen. HDR-Videokameras erreichen schon heute fast Filmqualität, auf lange Zeit wird dem analogen Film die gleiche Zukunft blühen wie der analogen Fotografie. Dass immer mehr Fotografen auch mit ­Video arbeiten, zeugt von dieser Entwicklung, wie auch Video im Kunstkontext verstärkt eine Rolle spielt. Die Kameras der Zukunft werden noch mehr als die gegenwärtig erhältlichen den Benutzer vor die Wahl stellen, ob er ein stehendes oder ein bewegtes Bild aufnehmen will. Sie werden den reflektierenden Benutzer zu einer Auseinandersetzung mit den Eigenheiten beider Bildtypen zwingen. Diese sich schleichend anbahnende Neubestimmung des Umgangs mit stehenden und bewegten Bildern wird unser Medienverständnis noch einmal fundamental verändern. In den 1970er-Jahren prägte der Experimentalfilmer, Fotograf und Theoretiker Hollis Frampton visionär den Begriff der ­Camera Arts, der ein Feld beschreiben sollte, das Fotografie, Film und Video umfasst und die Medien zueinander in Beziehung setzt. Im digitalen Zeitalter beschreibt er eine zusehends greifbare Wirklichkeit, die jedoch noch viel zu wenig bedacht wird. Kühn spekulativ liesse sich postulieren, dass in der Antizipation dieser Entwicklung eine der grossen ­Herausforderungen und Chancen dessen liegen wird, was heute noch eine Fotografieausbildung ist. Martin Jaeggi ist freischaffender Kritiker, Kurator und Gastdozent.

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Wie wird Fotografie rund um den Globus gelehrt? Namhafte Fotodozierende von Tirana bis Tokio antworten.

«Überrascht uns und euch selber!» AUTOR Walter Keller

1996 «Die Klasse» in Zürich, 2004 «ECAL Photography/Fotografie» in Lausanne, 2007 «Photography, made in Zurich». Drei Bücher, schön gestaltet, umfangreich und Ausdruck von – ja, wovon eigentlich? Pierre Keller, seit mehr als einem Jahrzehnt umtriebiger Direktor der Lausanner Ecole cantonale d’art de Lausanne, Haute école d’arts et de design, schreibt im Vorwort zum Buch der Hochschule mit einem gewissen Stolz:

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«Die Spezialisierung in Fotografie auf Hochschul­ebene teilt die ECAL mit der Zürcher Hochschule der Künste in Zürich. Die ECAL ist somit eine der wenigen europäischen Schulen, die Fotografie als fundamentales Instrument für die visuelle Konzeption verstehen. Basierend auf einem breiten Verständnis, teilt sich die Lehre auf in Technik, Theorie, Workshops wie auch auf Begegnungen der Studierenden mit Profis aus der Welt der Mode und der Werbung, aus Dokumentar- und Kunstfotografie.» Die Verhältnisse scheinen paradiesisch. «Seit Beginn der 1990er-Jahre steht der Name Zürich für eine Fotografie, die frisch, neu und zeitgemäss ist. Und die Trends setzt, die von Kunstszene und Printmedien gie­rig aufgesogen werden.» So wirbt der Verlag Scheideg­ ger & Spiess für das oben genannte Buch von 2007. Ein engmaschiges Netz aus Schulen, Galerien, Kuratoren, Stiftungen, öffentlichen und privaten Stipendien und Museen kümmert sich um den Nachwuchs. Neuester Beleg für das gut geölte System ist, dass das Fotomuseum Winterthur im Sommer 2010 in seiner

g­ rossen Halle den 1977 ge­borenen Stefan Burger – auch er ein Absolvent der «Zürcher Schule» – mit einer Einzel­ausstellung ehrt. Überspitzt formuliert: Die Schweiz hat ein Fördersystem entwickelt, das so gut funktioniert, dass es für junge Künstlerinnen und Künstler mehr als unwahrscheinlich ist, nicht entdeckt zu werden. Sie müssten sich und ihre Arbeit schon sehr gut verstecken. Ortswechsel, Tirana. «Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kontakt mit der Welt unterbrochen. Unser Land blieb isoliert. Sogar Gjon Mili, der während Jahrzehnten für «Life» fotografierte und als Erster elektronischen Blitz und stroboskopische Lampen benutzte, erhielt keine Erlaubnis, das Land zu besuchen, in dem er geboren worden war. Private Fotostudios wurden geschlossen, die Foto­ grafen wurden zu Angestellten im eigenen Geschäft. Die Rolle der Fotografie wurde so definiert, dass sie den Bürgern Bilder für Dokumente und Familienerinnerungen liefern sollte. Andere junge Leute wurden zu Fotografen für die offiziellen Medien – die einzig existierenden –

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beziehungsweise zu Dienstleistern der kommunistischen Propaganda ausgebildet. Sie arbeiteten als Fotografen ohne das Recht auf eigene Identität. Während der Jahr­zehnte des totalitären Regimes waren alle Fotografen in Albanien Staatsangestellte; ihre Pflicht war es, der Propaganda des Einparteienstaates zu dienen.» Als Resultat dieser Entwicklung in einem Land, das von Zürich nicht weiter weg liegt als Norddeutschland, herrschte bis Anfang der 1990er-Jahre, als die Kunstakademie in Tirana mit den ersten Fotokursen begann, totales Unwissen über internationale Trends in der Fotografie. Da das technische Equipment fehl­ te, besuchten nur wenige diese Kurse. Erst 2007, mit entsprechender finanzieller Unterstützung aus dem Ausland, konnte im Kulturzentrum Lindart ein zehnmonatiger berufsorientierter Kurs ins Leben gerufen werden, in dem übrigens Dozierende aus der Schweiz eine zentrale Rolle für den Unterricht spielen. Bis jetzt ist das Pro­jekt 5.6 in Alba­nien mit sei­ ner Leiterin ­Eleni Laperi – von ihr stammt obiges Zitat – die einzige Schule mit professioneller Ausbildung in Fotografie.

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Schweiz und Albanien: zwei Extreme bezüglich ein und derselben Frage nach der Förderung der Fotografie. Dazwischen sind alle Schattierungen möglich, wie in einer guten SchwarzWeiss-Fotografie, und je nach Ländern und Kontinenten unterschiedlich. «Gegenwärtig kann ich in unserem Land keine wichtigen Richtungen be­ ziehungsweise Schulen wie etwa die Düsseldorfer Schule oder die Helsinki School erkennen. Es gibt bei uns derzeit in der Szene der Fotografie keine eigentliche Akademie. Es gibt sicher individuelle Meister-SchülerBeziehungen, aber diese resultieren nicht in Schulen. Japanische Fotografinnen und Fotografen arbeiten eher isoliert voneinander, in ihrer je eigenen Hemisphäre. Daraus ergibt sich, dass auch keine fruchtbaren Spannungen zwischen Akademismus und Anti-Akademismus bestehen. In Japan ist der Postmoder­ nismus hoch entwickelt. Ent­ sprechend schwierig ist der Vergleich mit den europäischamerikanischen Verhältnis­sen. Aber wir sehen in die­ser Abwesenheit einer kunster­ zieherischen Autorität durchaus auch gute Seiten. Denn weder von Schulen noch

von Autoritäten kann man wirklich neue Wertigkeiten erwarten. So ist es auch je­ dem Einzelnen überlassen, wie stark er sein historisches Bewusstsein schulen will, et­was, das ich für wichtig halte. Ältere und erfolgreiche Fotografen wie Daido Moriyama, Takuma Nakahira oder Nobuyoshi Araki beschäftigten sich intensiv mit der Geschichte nicht nur der Fotografie, sondern auch der bildenden Kunst, des Films und der Literatur.

«In Japan gibt es Meister-SchülerBeziehungen, aber keine Schulen» Dieses Bewusstsein für den historischen Kontext scheint in der jetzt jungen Generation von Fotografinnen und Fotografen zurück­ zugehen. Allerdings ist diese Geschichte auch nicht ohne Probleme. Man könnte sagen, dass die körnige, be­wusst ­ un­scharfe Fotografie der Mitglieder von ‹Provoke› in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren aus heutiger Sicht eine der wichtigsten

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Ein engmaschiges Ne Galerien, Kurato öffentlichen und pr und Museen kümmer Nachwuchs. Übersp Die Schweiz hat e entwickelt, das so dass es für junge K Künstler mehr als ist, nicht entdeck müssten sich und ihre gut vers Ausgabe 2010 - SCOPE

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Schulen in der japanischen Fotografie war. Allerdings war der Provoke-Stil doch eher nur ein Trend dieses bestimmten Zeitraums und kreierte daraufhin tendenziell nur noch Epigonen seiner selbst. Anti-Establishment wurde zur Mode, erst später folgte die kritische Würdigung.»

in der mit verschiedensten Kameras aus der Geschichte des Me­diums gearbeitet wird, seien es Camera Obscura, die u ­ r­sprünglich chinesische Volks­kamera Holga oder Handykameras. Die zweite Strömung nennt er «Documentary Fiction», sie wird von Künstlerinnen und Künstlern und «neuen Reportern» Yoko Sawada aus Tokio, dominiert, die mit Fotografie Verlegerin, Vermittlerin und und Video arbeiten. In Arles seit Jahrzehnten Kennerin der verfolgten die sechs permader japanischen Fotografie, nent anwesenden Lehrer vor fügt an: «Für Fotografinnen allem die zweite Richtung, und Fotografen in unserer doch würden Studierende Zeit der globalen Kunstinvor allem in ihrer Eigenart dustrie mit hoch entwickelten gefördert, indem sie während ihres dreijährigen Studiums Medien ist es aus meiner Sicht aber doch entscheidend, aufgefordert würden, auch dass sie auf dem NachdenTonaufnahmen, Zeichnunken darüber beharren, was gen, Webreportagen oder Fotografie heute überhaupt Künstlerbücher in Angriff leisten, was ihre zentrale zu nehmen. Das Motto laute Kraft sein kann. In diesem immer wieder: «Vergesst bei Sinn denke ich, dass Aspekte allem Studieren nicht eure wie Schule, Akademismus, eigenen Bilder! Überrascht Museum und Markt für die uns und euch selber!» jungen Fotografinnen und Fotografen nur periphere Dinge sein sollten.» Frits Gierstberg, Kunst­ historiker, Leitender Kurator am Nederlands FotomuseChristian Gattinoni, um und Professor an der Buchautor, Kritiker und seit Erasmus-Universität, beide 1989 Lehrer an der bekann- in Rotterdam, sagt: «Im ­ ten École Nationale SupériMo­ment sehe ich keine eure de la Photographie in spezifi­sche Schule in der Arles, Frankreich, sieht seine holländischen Fotografie. Studierenden zwei HauptManchmal sieht man den strömungen ausgesetzt: eiArbeiten junger Fotogranerseits der «Photo Povera», finnen und Fotografen an,

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wo sie zur Schule gegangen sind. Jede Akademie hat ihre mehr oder weniger eigene Signatur, aber einen klaren Rahmen, Stil oder eine einheitliche Arbeitsweise kann ich in Holland zurzeit nicht erkennen.»

«Studierende können profitieren, wenn sie im Wettstreit miteinander liegen.» Gierstberg relativiert den geschlossenen Eindruck, den man von der so genannten Düsseldorfer Schule oder der inzwischen weltweit ­ be­kannten Helsinki School haben mag: «Die Düsseldorfer waren bedeutend we­gen ihrer fotografischen Recherche nach Typologien, nach herrschenden visuellen Gewohnheiten – wobei man sich fragen mag, was zuerst da war, der Wunsch zur Erforschung oder die Gewohnheiten. Im Fall der Helsinki School erkenne ich eigentlich keinen klaren Fokus, vielleicht könnte man eher von einer ‹neuen Welle› junger

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Fotografinnen und Fotografen sprechen. So oder so, ich kann mir schon vorstellen, dass Studierende davon profitieren können, wenn man sie als Gruppe herausbringt beziehungsweise lanciert, es gibt da einen starken Marketingaspekt, der wirkt. Studierende können auch davon profitieren, wenn eine wirkliche künstlerische Debatte in ihrer Gruppe oder Schule stattfindet und wenn sie im Wettstreit miteinander liegen, aber schliesslich müssen dann doch alle Fotografinnen und Fotografen ihr je eigenes Werk schaffen, möglichst unabhängig vom Rest der Gruppe. Sonst entsteht tatsächlich Akademismus, unterstützt von einem Kunstmarkt, der immer sehr konservativ ist und bleibt.» Auch Gattinoni relativiert die Bedeutung der Schulen Düsseldorf und Helsinki: «Die Dominanz der beiden Schulen ist voll­kommen ideologisch – und ökonomisch, also vom Kunstmarkt – begründet; es gibt daneben viele verschiedene Wege für die zeitgenössische Fotografie, die nichts mit einem Land oder einer Stadt zu tun haben.» Bezüglich Markt: Bei eigenen Recherchen zur

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osteuropäischen Fotografie hat der Schreibende den Trend zu erkennen geglaubt, dass vermehrt Werke geschaffen werden, von denen man hofft, dass amerikanische oder westeuropäische Galerien sie ausstellen und verkaufen können. Grossformatig. Farbig. Inszeniert.

Gierstberg wiederum sieht folgende Herausforderung im hoch entwickelten System unserer westlichen Hemisphäre: «Die Frage ist, ob junge Fotografinnen und Fotografen ihre ursprünglichen Ideen und künstleri­ schen Ambitionen auch dann noch weiterverfolgen, wenn ihr Werk erst einmal Allerdings, könnte man gesammelt wird. Das ist eine anfügen, ist ironischerweise komplexe Herausforderung, gerade dieser Trend bei uns aber an sich nicht unmögbereits wieder am Abklingen. lich. Sie in der Bewahrung Schade, dass die klassische ihrer eigenen, authentischen Schwarz-Weiss-Sprache teil­- Ideen zu fördern, ist auch weise in den Hintergrund eine Aufgabe für Galeristen getreten ist. Finanziell ist der und Kritiker, welche die LeuWunsch junger Fotografin­ te aufklären und in Debatnen und Fotografen im Osten ten über die künstlerischen natürlich verständlich, denn Ideen verwickeln sollten.» der Markt, von dem Gierstberg spricht, ist dort in Sachen Hoffentlich tragen die Fotografie noch auf einem Schulen ebenfalls genau dazu anderen, wesentlich tieferen bei. Und zu grösstmöglicher Niveau als bei uns. Im Span­ Vielfalt. Dann bleibt es in der nungsfeld von Markt und Fotografie spannend. Auch Kreativität – dazu äussert in der Schweiz. sich Eleni Laperi aus Tirana Walter Keller ist Mitbegründer der Kunstbezüglich der Produktion zeitschrift «Parkett» und des Fotomuseums junger bildender KünstleWinterthur. Von 1991 bis 2006 leitete er den Scalo-Verlag, einen auf Fotografie und zeitrinnen und Künstler so: «In genössische Kunst spezialisierten Verlag. Er ist als Galerist, Kurator und Autor tätig. Albanien neigen die meisten jungen Künstler dazu, Werke zu kreieren, die für den Markt von Kunstgalerien geeignet scheinen. In der Fotografie sind wir noch nicht so weit, weil wir noch keine Galerien oder Museen haben, die sich ausschliesslich der Fotografie widmen.»

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Helvetia und die Fotografieausbildung

Ein Beruf zwischen Ausdehnung und Auflรถsung

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AUTOREN Sandi Paucic und Andrea Gohl

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s war einmal die Fotografie! Und es gab Berufsfotografen mit Standesbewusstsein und solider Ausbildung. Die Gewissheiten, die man aus dem ersten Professionalisierungsprozess der Fotografie im 19. und 20. Jahrhundert gewonnen hatte, waren aber nicht von Dauer; sie zerbrachen an der digitalen Revolution. Ein deutliches Indiz für die gegenwärtige Unsicherheit des Berufsstands ist die Diskussion um die Zukunft der Fotografieausbildung in der Schweiz. In dieser werden allerdings inhaltliche Kernfragen mit den Interessen der Berufsverbände, der Bundespolitik und der Ausbildungsanbieter durcheinandergebracht. Auf verschiedenen Stufen des Ausbildungssystems reklamieren Machbarkeitspragmatiker, Visionäre und Bologna-Umsetzer ihre Ausgabe 2010 - SCOPE

Modelle als zukunftsweisend. Angesichts des realpolitischen Gezänks wünschte man sich heute einen die Übersicht wahrenden Mastermind herbei, eine Helvetia der Fotografie, die dem streitenden Berufsvolk und der fotografisch naturgemäss unbedarften Beamtenschaft den Weg wiese. Der Blick durch den Sucher ist längst keine professionelle Selbstverständlichkeit mehr, gibt es doch die Sofortauswertung auf dem LCD-Screen, prägend als erste Erfahrung im Umgang mit dem Medium. Bilder werden mit Handys geknipst, landen auf Laptops und Internetportalen. Amateure sind die neuen Fotoreporter, die Augenzeugen unserer Zeit. Jeder kann fotografieren! Die Kreativwirtschaft adaptiert laufend gestalterische Trends, die sowohl freien künstlerischen Ansätzen entspringen wie auch aus dem Amateurbereich stammen. Cross-overs zwischen Kunst und Kommerz zeigen sich spätestens seit den 1990er-Jahren und stellen angestammte fotografische Genres in Frage. Dieses Phäno35


men, gepaart mit den technologischen Entwicklungen, konfrontiert den Berufsfotografen mit neuen Präsentationsformen, verlangt ihm komplexe Rollen und Kompetenzen ab: Vision, prononciertere Autorschaft, eine eigenständige Bildsprache und schliesslich versatile technische Fähigkeiten. Und da Gesellschaft, Technologie und Vertriebskanäle einen Rückkopplungseffekt verursachen, der zu immer mehr Bildern und zur Konvergenz der Gattungen führt, sehen sich die Bildungsverantwortlichen mit jungen Menschen konfrontiert, die eine neue, amorphe, aber sehr formbare Bildsensibilität in die Fotoausbildung mitbringen. Wohin soll also der künftige Ausbildungsweg führen, nachdem Grossvaters Kamera und sein Berufsethos ausgedient haben? Erfolgreich wird den Beruf wohl am ehesten ausüben, wer es schafft, aus der sich geradezu mechanisch von selbst vermehrenden Bilderflut aufzutauchen und dabei einen klaren und eigenständigen Bildgedanken zu fassen, diesen gekonnt umzusetzen und medial präzis zu positionieren. Ob er oder sie das im Selbstverständnis eines Berufsfotografen tun wird oder eher als Künstler, Designer, visueller Kommunikator, als Werbefrau oder Bildreporter, wird vielleicht gar nicht mehr so genau klassifizierbar sein. Fest steht: Im 21. Jahrhundert gibt es für die Berufsfotografie keinen festen Grund und keine durch exklusive Standesregeln und geschützte Berufsbezeichnungen umzäunte Reservate. Wenn die professionelle Fotografie nicht mehr ein kompaktes Gefäss ist, sondern zur Entgrenzung und Vermischung mit anderen Disziplinen neigt, ist ihr wahrscheinlich mit einem herkömmlichen, rein auf die fotografischen Kompetenzen beschränkten Ausbildungsmodell kaum gerecht zu werden. Eine totale Vereinnahmung der fotografischen Tätigkeit durch andere Professionsfelder birgt auf der anderen Seite ebenfalls die Gefahr der Auflösung des Berufs.

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Heute drängt auch der Fotografenberuf – die gute alte, am Bauhaus orientierte Kunstgewerbeschule und die duale Lehre hinter sich lassend – unaufhaltsam zu den Weihen höherer Berufsbildung. Ein Stück weit mag dies im Sinn eines fortschreitenden Professio­ nalisierungsprozesses und komplexer Anforderungen gerechtfertigt sein – es löst aber die Probleme nicht automatisch. Zudem ist nicht zu leugnen, dass der Drang nach oben auch schlicht die Konnotationen des sozialen Aufstiegs enthält. Schon Leonardo da Vinci hat um 1500 mit grossem theoretischem Impetus versucht, das Handwerk des Malers in den Stand der Wissenschaft zu heben. Ihm ging es nicht nur um den Wechsel des Bezugssystems angesichts gestiegener Anforderungen an die Malerei, sondern unverhohlen auch um die Nobilitierung des ehemals dem Handwerk zugerechneten Berufsstands.

Für Berufsfotografen gibt es keine umzäunten Reservate mehr. Die Sechzehnjährigen, die eine fotografische Erstausbildung suchen, möchte man, ginge es nach dem kürzlich geäusserten Willen des Bundesrats und des grössten Teils der organisierten Berufsleute, im Regen stehen lassen. Der Bund hätte auf Empfehlung der Fotografenverbände vfg (Verein fotografischer GestalterInnen) und SBf (Schweizer Berufsfotografen) die Fotografenlehre «ersatzlos ge­strichen», wenn nicht die Westschweizer ein Veto eingelegt hätten. Zweifellos sind die Welschen auch nicht frei von Partikulärinteressen wie etwa der Verteidigung des Veveyer 36


Sondermodells. Nun läuft eine Galgenfrist bis 2013, in der die abgespaltenen und neu als Union Suisse des Photographes Professionels organisierten Westschweizer eine Neukonzeption der Lehrausbildung in Angriff genommen haben. Zur Verteidigung des Sekundarstufe-II-Modells muss man im Einklang mit der dualen Schweizer Bildungstradition sagen: Wann, wenn nicht mit 16, ist man in höchstem Masse begeisterungs-, entwicklungsfähig und kreativ offen? Muss man denn wirklich zuerst das KV oder sonst eine fotoferne Ausbildung durchlaufen, um sich, bereits bedeutend abgeklärter, seiner Berufung zum Fotografen auf tertiärer Stufe zuwenden zu können? Nebenbei und unabhängig von der Diskussion um die Fotografie sei angemerkt: Den Jungen schlägt man gegenwärtig unbedacht eine der zweifellos grossartigen und wirklich bewährten Eingangspforten in die Welt der Gestaltung vor der Nase zu. Mit der schleichenden Demontage des legendären Gestalterischen Vorkurses, dem die meisten bisherigen Schweizer Gestalterinnen und Gestalter als berufliche Initialzündung erlebt haben, droht das Land, ohne erkennbares Ersatzkonzept, einen seiner gestalterischen Grundpfeiler umzustürzen. Die vom SBf initiierte und vom vfg mitgetragene Fotodesigner-Ausbildung tritt als Ersatz der Lehre und als pragmatische Antwort auf die gegenwärtigen Marktbedürfnisse auf. Die Gegner der Sek.-II-Ausbildung argumentieren hauptsächlich mit der Machbarkeit. Sie stellen fest, dass es kaum noch Lehrstellen gibt. Abgesehen davon verweisen sie auf die mangelnde Reife bei Lehrantritt angesichts erhöhter Komplexität des Berufsbilds. Sie sprechen gleichzeitig den zu jungen Lehrabgängern die fehlende Reife zur selbständigen Tätigkeit ab, die der Regelfall beim Fotografen ist. Sie fordern die Erweiterung des «Fotografen» zum umfassenden «Designer» und hoffen, dies werde das Überleben des Berufs Ausgabe 2010 - SCOPE

sichern. Die neue Ausbildung wurde erstaunlich schnell durch das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie geboxt und an zwei Schweizer Schulen verankert (in Bern/Biel und an der Zürcher Berufsschule für Gestaltung). Fragwürdig ist dabei bildungssystematisch, dass dieser Lehrgang, der im Prinzip auf keine vorhandene Grundausbildung mehr zurückgreifen kann, gleich auf der höchsten Stufe der Berufsprüfungen angesiedelt wird: Die Eidgenössische höhere Fachprüfung zielt als Meisterprüfung eigentlich auf Berufsleute mit viel Erfahrung ab. Die Prüfungsvorbereitung erfolgt im modularen Unterricht in nur 1400 betreuten Lektionen, die parallel zu einem auf zwei Jahre veranschlagten Praktikumsteil in Betrieben absolviert werden müssen. Zu schematisch und starr erscheint der Lehrplan, zu vieles ist auf sieben intensive Ausbildungsblöcke zusammengestaucht. Die unverzichtbaren gestalterischen Grundlagen, die früher unter anderem der Vorkurs lieferte, müssen gar ausserhalb des Programms in kostenpflichtigen «Dominokursen» erlangt werden. Es fällt auf, dass trotz des Anspruchs der Schöpfer der neuen Ausbildung, das Feld in Richtung Design zu öffnen, viel Herkömmliches übernommen wurde. Zudem wird man das Gefühl nicht los, hier sei ein Modell der Sekundarstufe II in die Weiterbildung für ­Erwachsene transponiert worden. Seit auf Fachhochschulstufe im Zuge der Bologna-Reform ganz neue Strukturen im Fotografiestudium entstehen, wird vermehrt in interdisziplinäres Arbeiten, in Theorie und Forschungsprojekte investiert. Dies führt zu einer Akademisierung der Fotografie, die für gewisse Theorie beanspruchende Ansätze sicher sehr produktiv ist. Dass die Fotografie an der Fachhochschule in Zürich bereits als Unterkategorie des Studienangebots Medien und Kunst beziehungsweise lediglich als künstlerische Vertiefungsrichtung auf Masterstufe in Erscheinung tritt, belegt ihre po37


tenzielle Klassifizierung als Teilmenge der bildenden Kunst. Zweifellos kann das kunstnahe Modell, bei Gewährleistung einer genügenden Erdung in der Praxis, einen guten Teil des fotografischen Feldes bedienen. Ob dieses erst in Umsetzung befindliche Modell die auch von Bologna geforderte «employability» gewährleisten kann, ist abzuwarten. Gegenwärtig hat man leider an den Kunstfachhochschulen eher den Eindruck, es gehe vor allem um die pekuniäre Ausmarchung und die Aufrechterhaltung der eigenen Studienangebote in der verschärften Konkurrenzsituation, die der ökonomisierte Staat zuletzt bewusst herbeigeführt hat. Deshalb scheint man eher zu leiden, als dass man die Vorteile der Reform schon geniessen könnte. Es sind die Straffung, die Verschulung und die krude Messung der Studienleistung in ECTS-Punkten, die den Bologna-Prozess in der jetzigen Form am Ziel vorbeischiessen lassen könnten. Und das gilt, wie allgemein festgestellt wird, gerade in den Künsten, die in ihrem delikaten Zusammenspiel von objektivierten Forschungsmethoden und subjektiver gestalterischer Praxis ganz eigener Ausbildungsmodelle bedürften. Unterschwellig droht, wenn man nicht aufpasst, die Gefahr, dass der Drang nach den Höhen der Masterschaft am Ende unversehens den Kunstschulen die Kunst und der Fotografieausbildung die Fotografie austreibt. Auf dieser babylonisch anmutenden Baustelle ist jedenfalls noch einiges unvollendet oder bedarf vor der Vollendung schon wieder des Umbaus. Bei der Entwicklung künftiger Fotoausbildungen sind zwingend genügend Freiräume in den Ausbildungscurricula zu schaffen. Denn Ausbildung muss stets auch Zeit für Experimente vorsehen, die nicht vollständig dem Leistungs- oder Produktionsdruck unterliegen. Der uniformierenden Macht bildungspolitischer Direktiven und dem kurzfristigen Marktdruck zu widerstehen, ist aber offensichtlich nicht leicht. Angesichts des im Fluss Ausgabe 2010 - SCOPE

befindlichen Verständnisses der Fotografie als Medium müssen solche Freiräume in erster Linie der medialen Befragung dienen. Ausbildungen sollten, neben der weiterhin notwendigen Aneignung von technischem Wissen, die bewusste Konfrontation mit ganz unterschiedlichen, auch widersprüchlichen fotografischen Positionen und Haltungen umfassen. So können Offenheit und Neugierde im Umgang mit der Fotografie gefördert werden, auch wenn dies zunächst im Widerspruch zur vielerorts geforderten raschen Spezialisierung steht. Das Aushalten der medialen Ambivalenz in der Ausbildung kann mittelfristig sicher zu einem neuen Bewusstsein beim fotografischen Nachwuchs beitragen und Kräfte im Hinblick auf die eigene Autorschaft, die Überwindung alter Gattungsbegriffe und den Umgang mit neuen Formen der Fotografie freisetzen. Sandi Paucic ist Rektor der F+F Schule für Kunst und Mediendesign. Andrea Gohl leitet den Diplomstudiengang Fotografie an derselben Schule.

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Lob des Taugenichts AUTORIN Daniele Muscionico

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enn er sich zum Mittagsschlaf zurückzog, hängte der Dichter Saint-Pol-Roux an seine Tür das Schild: «Poet bei der Arbeit». Denn er wusste: Müssiggang ist aller Ideen Anfang. Und das gilt nicht nur für die Poesie. Die Erleuchtung zu seiner Gravitationstheorie ereilte Isaac Newton, als er in Ausgabe 2010 - SCOPE

seinem Obstgarten einen Apfel betrachtete. Dem Chemiker Friedrich Kekulé offenbarte sich die lange gesuchte Struktur des Benzolrings im Traum. Und René Descartes, der Begründer des modernen Rationalismus, entwickelte seine Gedanken mit Vorliebe morgens im Bett. Dort sann er über Träume nach oder löste im Kopf mathematische Rätsel. Musse zum Nachdenken? Wo soll in unserer Beschleunigungsgesellschaft dafür noch die Zeit herkommen? «Publish or perish» lautet schliesslich die Devise: Publiziere oder verschwinde. Dem Fotografen geht es in dieser 45


Hinsicht kaum besser als dem Rest der Gesellschaft. Er wird an seiner Öffentlichkeitswirkung gemessen, an seiner Performance wie der Politiker an Polls, der Chefredaktor an Quoten, der Manager an Vierteljahresbilanzen. Der Fotograf, wie jeder proaktive Mensch, ist deshalb in erster Linie Unternehmer, Manager seiner Ich-AG. Er ist ein Marketingmime und Beeindruckungsakteur und kommuniziert mit Newsletters, um der Welt das Neueste mitzuteilen aus seiner Factory: die aktuelle Ausstellung, die letzte Publikation, die druckfrische Nomination, Selektion, Edition; den Ankauf eines Bildes durch Museum X, die Laudatio an seiner Vernissage durch Kurator Y. Zieht der Fotograf mit seiner Kamera durchs wilde Kurdistan, wird seine Online-Gemeinde über jeden Schritt des Kamels orientiert. Und die Kunst? Sie besteht zur Hauptsache aus dem Talent, von sich reden zu machen. Noch nie war es so leicht wie heute, sich mit einer Kamera in der Hand zum Künstler hochzustapeln. Denn woher nimmt der Fotograf die Musse, um neue Ideen zu entwickeln? Und neue Ideen sind solche, die von der Wut und vom Willen leben, die Väter zu überwinden, die Lehrer und Mentoren. So wie sich ein künstlerisch schöpferischer Mensch instinktiv von seinen Vorbildern lösen will. Wo findet der Fotograf die Musse, die ihn auf frische Fährten und ins Unbekannte führt? Auf dem Stundenplan der fortschrittlichen Fachhochschulen? Welches Institut hat den Müssiggang als Pflichtfach und führt gar Anwesenheitskontrollen ein? Welche Ausbildung unterrichtet die Odysseus-Strategie, die Fesselungskunst, der es bedarf, um nicht den Sirenengesängen der unendlichen Möglichkeiten zu erliegen? Wo lernt man, sich selbst zu entschleunigen und das Gehirn tagträumend so weit herunterzufahren, bis es in den heilsamen Offline-Modus schaltet? Wo gilt Ausgabe 2010 - SCOPE

das Seelenschaukel-Obligatorium? Wer erinnert daran, dass noch wichtiger als das Performanceprinzip das Prinzip des Taugenichts ist? Steht solches im Leistungsreglement der Masterdiplome? Kunst ist auf Mussestunden angewiesen, auf schweifende Gedankenlosigkeit und nutzlose Zeitverschwendung. Auf Musse, die keiner Verwertungslogik unterliegt und keinem Nützlichkeitsdenken. Ziellose Tagträumerei und Müssiggang als Lebenswert an sich – eine spätromantische Fantasie? Der neue Fotograf verriegle die Zimmertür und lege sich zur Arbeit ins Bett. Daniele Muscionico ist Autorin diverser Künstlermonografien und arbeitete während Jahren für die Neue Zürcher Zeitung als Kulturredaktorin. Zurzeit ist sie freie Kulturkritikerin.

Impressum Herausgeber: 3view GmbH, Romano Zerbini, Postfach, CH-8026 Zürich, Telefon +41 44 240 22 03, Fax +41 44 240 22 02, info@ewzselection.ch, www.ewzselection.ch. Redaktion: Sascha Renner. Gestaltung: Heads Corporate Communiation AG BSW. Druck: Tipografia Poncioni SA. Korrektorat: Text Control. Inserate: Bruno Bolinger und Romano Zerbini, 3view GmbH/ewz. selection. Auflage: 30 000 Ex. © 2010 Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Magazins darf in irgendeiner Form ohne schriftliche ­Genehmigung der 3view GmbH oder der Autoren reproduziert werden.

Agenda Swiss Photo Award, Ausstellung: 8. bis 16. Mai 2010. Opening Night und Award-Verleihung: Freitag, 7. Mai 2010, 20 Uhr. ewz-Unterwerk Selnau, Selnaustrasse 25, CH-8001 Zürich. vfg-Nachwuchsförderpreis, Austellung: 7. bis 16. Mai 2010. Vernissage: Donnerstag, 6. Mai 2010, 18 Uhr. Photogarage Romano Zerbini, Werdstrasse 128, CH-8003 Zürich.

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Foto: Franziska Schädel, cap

cap fotoschule für Menschen mit Biss und Begabung. Gute Fotografie

hat nur bedingt etwas mit dem Auge zu tun. Aussergewöhnliche Bilder basieren immer auf einer neuen Sicht des Gewöhnlichen. cap fotoschule richtet sich an angehende, ambitionierte Fotografinnen und Fotografen mit dem Bedürfnis, aussagekräftige Bilder zu gestalten und ihr Erfahrungsspektrum entscheidend zu erweitern.

cap professional

ist eine Tagesschule für Menschen mit Talent. Während 11 Monaten vermittelt cap professional an 65 Studientagen in zwei voll ausgerüsteten Studios und on Location die ganze Bandbreite der professionellen Fotografie. Ziel des cap professional Studienlehrgangs ist die Förderung des kreativen Potenzials und die Festigung des technischen und theoretischen Wissens für die Umsetzung qualitativ hochstehender Bilder. Der erste Schritt auf dem Weg zum Profi-Fotografen.

cap upgrade

ist der nächste entscheidende Schritt in Richtung erfolgreicher Berufsfotografie. Der weiterführende Studienlehrgang cap upgrade bietet Absolventen von cap professional (oder Quereinsteigern mit gleichwertigem Ausbildungsstand) die Möglichkeit, den Fokus noch gezielter auf die berufliche Praxis zu richten und das fotografische Know-how zu vertiefen. Der Weg zur individuellen Bildsprache.

cap expo – am Do 6. Mai 2010 ist der letzter Orientierungsabend vor Anmeldeschluss (Ende Mai 10). Infos:

www.cap-fotoschule.ch



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