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Süddeutsche Zeitung

SZ WOCHENENDE

Portrait

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artin Parr sieht nicht aus, wie man sich einen weltberühmten Magnumfotografen vorstellt. Eher wirkt er wie der sympathische Hausmeister von Martin Parr. Er steht in ollen braunen Tretern und ausgeleiertem Pullover in seiner Küche, rührt mit hölzernem Kochlöffel in einem Zeug rum, das von den starken Farbkontrasten her durchaus zu Parrs schrillen Essensfotografien passen würde – orangegelbe, dickflüssige Suppe in einem zerbeulten Blechtopf – und sagt, die Osama-Devotionalien im Glasschrank gegenüber habe er alle erst nach dem Tod Bin Ladens ersteigert: Baseballkappen, Flaschen, Teetassen, alle jeweils mit einem höhnisch-triumphierenden Spruch bedruckt. „Ich bin nur wenige Stunden nach der Bekanntgabe seines Todes ins Netz, und da gab’s das alles schon auf Ebay. Quite strange, isn’t it.“ Martin Parr hat für seinen Besucher gekocht. „Na ja, ich hab’s warm gemacht. Kann Sie ja nicht verhungern lassen. Tee?“ Vor dem Fenster ist englischer Winter, alle Farbkontraste sind aus der nasskalten Stadtlandschaft rausgezogen, ganz Bristol liegt in monochromem Grau. Tee, oh ja, gerne! Schwarztee. „Yorkshire-Tea, to be precise!“, sagt Parr, den Zeigefinger erhoben. Und wenn wir schon bei der Präzision sind: Immer erst die Milch in die Tasse geben, dann das kochende Wasser drüber, zuletzt den Teebeutel. „Das ist eines der wenigen Dinge, die wir Briten euch Deutschen beibringen können: Wie man Tee richtig zubereitet.“ Oh, was könnt ihr uns denn noch beibringen? Parr steht unbeweglich in der Mitte der Küche, schaut zwei Sekunden in den Sprühregen und sagt dann trocken: „Well, nothing actually.“ Klingt nach stiff upper lip, das trifft’s aber nicht ganz, Parr nämlich scheint keine upper lip, ja er scheint überhaupt keine Lippen zu haben, wenn er den Mund schließt, sieht der aus wie ein von Magneten zusammengehaltener Schnappverschluss. „Hier, Ihre Suppe. Was genau führt Sie nochmal her?“

Samstag, 21. Januar 2012 Bayern, Deutschland, München Seite V2/3

Zugegeben: So sommerlich bunt sah es jetzt im Winter nicht aus bei Martin Parr. Aber die nonchalante Art, die passt auch zu diesem Besuch.

Halt’ das für uns fest

Foto: Derek Hudson/Contour by Getty

weil es Parrs Frau irgendwann zu viel wurde mit der Sammelleidenschaft ihres Mannes. Auf dem Boden liegt eine zerknautschte Gummimaske, ein Bösewicht mit glimmenden Augen und schwarzem Haar. Saddam? „Nein, Gaddafi, den muss ich ja jetzt auch sammeln.“ Spricht’s, steckt ihn unter seine Jacke und räumt dann, mit Gaddafi an der Brust, chinesische Bildbände ein, sein Assistent kam kürzlich mit 62 Kilo Fotobüchern aus der Volksrepublik wieder. Und? Hat er ein System, nach dem er sammelt? „Ja. Interessante Bücher.“ Ah. Danke. Interessant aber ist es nicht auf den ausgelatschten Pfaden, sondern im abseitigen, unerforschten Gelände. „Kuratoren und Kunsthistoriker leiden doch an einer Art Locked-In-Syndrom, die hocken in ihren Galerien und sortieren immer wieder dieselben Namen neu um. Die einzige Möglichkeit, lateinamerikanische Fotografie kennenzulernen, besteht darin, nach Lateinamerika zu fahren und sich auf die Suche zu machen.“ Lateinamerika war die letzten Jahre dran, Parr ist kreuz und quer durch den Kontinent gereist und schwärmt davon, dass es in Argentinien keine Fotoschule, aber lauter großartige Fotografen gibt. Es kommt eben nicht auf ein Studium an. Zumindest nicht in erster Linie. Worauf denn dann? „Neugier und Ausdauer. Du musst wirklich etwas wissen wollen.“

Sicher, Martin Parr ist ein großer Fotograf. Aber seine Bedeutung als Sammler und Förderer ist mindestens genauso groß. Ein Besuch in einer Schatzkammer. Von Alex Rühle

Kuratoren? Faule Säcke. Kunsthistoriker? Sortieren die immerselben Namen.

Aus guten Fotobüchern kann man mehr lernen als aus jeder Vorlesung. Ehrlich gesagt, eine Bildungslücke. Martin Parr kennt heute jeder, der sich für Fotografie interessiert: Der Fotograf, der die englische Gesellschaft erstmals in kodacholerisch bunten Bilder ausstellte. Der ihr so nah auf die sonnenverbrannte Pelle rückte, dass man die Orangenhautporen und die eingetrockneten Lotionreste in den Halsfalten erkennen konnte. Der den Zerfall der Gesellschaft unter Thatcher ausstellte wie keiner vor ihm, der dabei aber auf das handelsübliche Pathos der humanistischen Dokumentarfotografie verzichtete und durch schneidenden Witz ersetzte. Viele legten ihm seine schrille Bildsprache als Zynismus aus, als er sich bei Magnum bewarb, reagierten einige Mitglieder, als wolle der Satan selbst der Agentur beitreten: „Ihn aufzunehmen, hieße, einen erklärten Feind aufnehmen“, fand damals der Vietnamkriegs-Fotograf Philip Jones Griffiths. Parr habe „stets die Werte abgelehnt, auf denen Magnum aufgebaut ist“. Irgendwo im Trivialwissensspeicher lagert auch die diffuse Ahnung, dass Parr ja so ein manischer Sammler ist: Thatcher-Memorabilien, Saddam-HusseinUhren, neuerdings anscheinend auch tödlicher Osama-Spott. Aber dann erschien im Herbst im Steidl-Verlag diese phantastische Pappkiste, „The Protest Box“: Reprints von fünf politischen Fotobüchern, alle aus den sechziger und frühen siebziger Jahren, zwei aus Südamerika, eines jeweils aus Italien, Japan und Deutschland, alle längst vergilbt, vergriffen, verges . . . – „Ah“, unterbricht Parr, „ich erinnere mich, Sie kommen wegen der Box.“ „Die war nur der Anlass. Mich interessiert generell Ihre Fotobuchsammlung. Warum einer 13 000 Fotobände sammelt.“ „Ja. Fertig mit der Suppe? Dann kommen Sie mit.“

So geht das mit Martin Parr. Fragen werden mit einer Blende von einer halben Sekunde angeschaut, gleichzeitig wird scharfgestellt und klick, kommt die Replik. Nächste Frage. In den folgenden vier Stunden wird er sich kein einziges Mal in rhetorischer Lüftlmalerei versuchen, im Gegenteil, manche Fragen schießt Parr einfach nur mit einem knarzigen yes/no ab, weiter bitte, schließlich kann man in derselben Zeit ja auch darüber reden, dass aus guten Fotobüchern mehr zu lernen ist als in jeder Vorlesung. Dass William Klein „New York“, das einflussreichste Buch der Fotogeschichte schuf, allein schon, weil in den Bildern und ihrer Montage die nervöse Energie und chaotische Dynamik dieser Stadt steckte. Oder man kann über den zu Unrecht vergessenen Dirk Alvermann reden, der diesen frischen Blick hatte, 1960, im muffigen Adenauerdeutschland. Der als 18-Jähriger nach Algerien reiste und aus dem Unabhängigkeitskrieg Fotos mitbrachte, die er zu einem Buch kompilierte, so modern, aber auch so eindeutig parteiergreifend für die aufständischen Algerier, dass kein westdeutscher Verlag das damals drucken wollte. „Marvellous, isn’t it“, wird Parr am späten Nachmittag sagen, in seiner sogenannten Schatzkammer, einem Raum

unterm Dach, in dem er seine bibliophilen Trophäen hütet, Unikate, die schönsten Erstausgaben. Überall liegen schon Bücherstapel, gerade hat er einen Bildband über deutsche Reichsautobahnen auf dem Boden ausgebreitet – „Ah, ist jedes Mal ein Genuss, deutschen Besuchern dabei zuzuschauen, wie sie verschämt durch Nazibände blättern“ –, jetzt reicht er das Original von Alvermanns Algerienbuch herüber, das ebenfalls in Steidls „Protest Box“ Wiederauferstehung feiert, sehr dünnes Papier, Taschenbucheinband, Alvermann hatte es am Ende in Ostberlin drucken lassen.

7.000.000.000 Menschen – und trotzdem muss er alles selber machen. Parr erinnert sich, wie ihm vor einigen Jahren der Kölner Sammler Markus Schaden erstmals von Alvermann erzählte. Es gebe da in Ostdeutschland diesen vergessenen Fotografen, der in den sechziger Jahren unglaubliche Sachen gemacht habe. „Schauen Sie, wie das kom-

poniert ist“, sagt Parr, „die Montagetechnik, die harten Schnitte, die Wiederholungen einzelner Bilder, die krassen Ausschnitte, das erinnert an Eisenstein. Es gibt kein zeitgenössisches politisches Fotobuch von vergleichbarer Qualität.“ Oh, steile These. Occupy, Madrid, Tahrir – alle filmen mit, aber kein Fotograf schafft es, die Spannungen unserer Zeit in einem Buch wiederzugeben? Parr schaut selbst etwas ratlos drein, als er sagt: „Es gibt sehr gute Fotoblogs – aber ich habe zu all den Großereignissen kein einziges gutes Buch gefunden. Was glauben Sie denn, warum ich in der Protest Box nur Schwarz-Weiß-Bände wieder aufgelegt habe? Bestimmt nicht aus Nostalgie. Das waren einfach die besten.“ Parr, der kein Deutsch kann, fuhr nach seiner Entdeckung des Algerienbuchs kurzerhand in die Welteinsamkeit von Mecklenburg-Vorpommern und klingelte bei Dirk Alvermann. Um zu erfahren, was diesen Mann dazu gebracht hatte, in die DDR überzusiedeln. Warum einer, der Anfang der sechziger Jahre derart moderne Bücher machte, später völlig aufgehört hat mit dem Fotografieren. Parr erzählt all das voller Verwunderung. „Was genau verwundert Sie?“ „Dass keiner vor mir da hingefahren ist.“ Sieben Milliarden Menschen auf dieser

Erde. Und keiner kommt auf die Idee, Dirk Alvermann wiederzuentdecken. Alles muss man selber machen. Die Anekdote führt in den innersten Kern der Parrschen Sammelleidenschaft, ja seines Selbstverständnisses. Denn Sammeln und Fotografieren sind für Parr nur zwei Seiten einer Medaille. „Das Fotografieren, das Sammeln und das aus dem Sammeln hervorgegangene Kuratieren – das sind alles Varianten des Dokumentierens. Oder umgekehrt gesprochen: Wenn ich fotografiere, sammle ich ja auch. Zeigen, was da ist. Aufsammeln, was da ist.“ Was seine Bücher betrifft, so ist Parr kein Fetischsammler, all die Bände werden nicht stolz präsentiert, sondern möglichst effizient in den Regalen verräumt. Auf die Frage nach seinem teuersten Buch, einem Band des Surrealisten Hans Bellmer, muss er erst suchen gehen, sagt dann mit dieser Loriotschen Trockenheit: „Hmm, hab’ ich anscheinend verloren“, um es später überrascht aus einem ganz anderen Regal zu fischen. Parr weiß gar nicht, wie viele Fotobücher er insgesamt hat, „ich schätze 12 000 bis 13 000, ich lasse das gerade inventarisieren.“ Er steht jetzt auf einer Leiter, in seinem Archiv, einem riesigen Raum im Stadtteil Bedminster, den er anmieten musste,

Zwischen 12 000 und 13 000 Fotobücher hat Martin Parr gesammelt. Und dann müssen ja irgendwo noch die Thatchertassen, die Teller und die Saddam-Uhren untergebracht werden.

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So sind Ausstellungen wie Colour Before Color, in der er europäische Farbfotografien der siebziger Jahre aus seiner Sammlung zeigte, immer auch Angriffe auf die orthodoxe Kunstgeschichtsschreibung, Versuche, gegen die Faulheit und all das schlampige Halbwissen anzukuratieren: William Eggleston hat den europäischen Fotografen die Farbe gebracht? Mag ja für einige gelten, aber schaut euch doch die bunten Sachen des Dänen Keld Helmer-Petersen oder die Stadtlandschaften von Luigi Ghirri wenigstens mal an, bevor ihr solche monokausalen Dogmen nachbetet. Als er, zurück aus dem Archiv, vor der Haustür, den kleinen Gummi-Gaddafi aus der Jacke zieht, sieht Parr, dass die Maske schon zehn Jahre alt ist. Das Gesicht ist die Rückseite eines Fußballs. „Nein“, sagt Parr, „nein, kein Fußball, das ist ein American Football, be precise! Und schauen Sie mal: Made in Taiwan, sieht man auch nicht mehr oft. Los, fragen Sie weiter.“ Gut. Wie teilt er seine Zeit auf zwischen Sammeln, Kuratieren und eigenem Fotografieren? „Ein Drittel der Zeit sammle ich, ein Drittel kuratiere ich – aber den weitaus größten Teil meiner Zeit fotografiere ich.“ Hmm, der Mann scheint mehr als drei Drittel Zeit zur Verfügung zu haben. Er betont aber auch mehrfach, dass er jeden Morgen um sechs Uhr aufsteht. Und er erwähnt im Verlauf des Gesprächs derart viele eigene Bücher, die 2012 erscheinen sollen – eines über Strände, eines über Australien, dann waren da noch Finnland, Atlanta und Teetassen –, dass man irgendwann etwas ermattet nachfragt: „Kann das sein? Sie geben fünf Bücher in den kommenden zwölf Monaten heraus?“ „Exactly.“ Nach vier Stunden erst sagt Martin Parr: „I might have a tea now. What about you?“ Wahrscheinlich ist das dann doch ein zarter Hinweis darauf, dass es nun reicht. Noch ein letzter Tee also, dazu Mince pie, dann fragt er: „Fahren Sie jetzt in Ihr Hotel? Wie trist. Gehen Sie lieber ins Kino.“ Und sucht noch schnell einen guten Film raus, „Las Acacias“, ein extrem stilles Roadmovie aus Argentinien, 1500 Kilometer in einem Lastwagen, unbekannte Schauspieler, unbekannte, weite Landschaften im Norden Argentiniens, dem Land, in dem sie keine Fotoakademie, aber so viele hungrige Fotografen haben. Die orangegelbe Mittagssuppe übrigens war ganz köstlich. Linsensuppe, to be precise.

Fotos: © Martin Parr / Magnum Photos / Agentur Focus (3)

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