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Open End Sammlung Goetz im Haus der Kunst


Inhalt 05 Okwui Enwezor Foreword 06 Ingvild Goetz Open End

08 Emmanuelle Antille Radiant Spirits

24 Isaac Julien Paradise Omeros

10 Pierre Coulibeuf The Warriors of Beauty

26 Ross Lipman The Interview

12 Sue de Beer The Quickening

28 Laurent Montaron Balbvtio

14 Sebastian Diaz Morales The Man with the Bag

30 Saskia Olde Wolbers Day-Glo

16 Stan Douglas Journey Into Fear

32 Clement Page Hold your Breath

19 Dominique Gonzalez-Foerster/Tristan Bera Belle Comme le Jour

35 Ann-Sofi SidĂŠn QM, I Think I Call Her QM

21 Teresa Hubbard/Alexander Birchler House with Pool

38 Yang Fudong Honey (mi)


Open End Wir kennen es aus unserer Kindheit. Das Wichtigste am Märchen war der letzte Teil – wie die Geschichte endet. Sie verläuft nach einem einheitlichen Schema: Das Böse wird fürchterlich bestraft, das Gute von seinem Leiden erlöst oder in seine ursprüngliche Gestalt zurückverwandelt. Und natürlich nimmt der Held letztendlich die Prinzessin zur Frau. Als Kinder waren wir erleichtert und glücklich, dass alles gut ausgegangen ist. So verlaufen auch fast alle Spielfilme. Heute bangt man um James Bond, obwohl man weiß, dass er in jedem Fall überleben wird. Ebenso wird im Krimi der Täter letztendlich gefunden, und im Western besiegt der Held Mann um Mann, bis er nur noch dem Anführer gegenübersteht, den er mit letzter Kraft niederstreckt. Sogar jene sogenannten Italowestern und ‚schwarzen Filme‘, die uns einen negativen Ausgang bescheren, bedienen das Bedürfnis nach einem definierten Ende, einer ‚Moral‘, selbst wenn sie in der Erkenntnis liegt, dass das Böse gesiegt hat. Wie ungewöhnlich war es, als der hervorragende Film Das weiße Band, 2009, uns mit einem offenen Ende zurückließ, obwohl wir die ganze Zeit über einer Auflösung entgegengefiebert hatten. Oft bleibt es uns überlassen, sich das Ende auszumalen. Wir können und dürfen es, aber eigentlich wollen wir es nicht. Wir rätseln, wie es vielleicht aussehen könnte. Doch insgeheim wünschen wir uns, doch noch irgendeinen Hinweis auf einen eindeutigen Schluss zu finden, den wir übersehen haben. So verhält es sich auch mit den Arbeiten der Künstler, die in der Ausstellung Open End gezeigt werden. Wir müssen das Skript selbst zu Ende schreiben. Bei diesen Arbeiten werden wir oft schon unterwegs allein gelassen. Die Erzählstränge sind meist unverständlich. Die Bilder drücken Stimmungen aus oder mystifizieren menschliche Handlungen. Sie lassen nicht nur das Ende offen, sondern beschreiben Traumerlebnisse und surreale Eindrücke. Daher befrachten wir die filmischen Vorgänge mit Inhalt, mit Bedeutung. Die Künstler liefern uns nur die Impressionen, die wir mit unseren Gefühlen und unserem Erfahrungsschatz verbinden. Ich werde versuchen, sie kurz zu skizzieren. Belle Comme le Jour von Dominique Gonzalez-­Foerster zum Beispiel ist uns zwar vertraut durch den Film Belle de Jour, 1967, von Luis Buñuel, aber es gibt so viele angedeutete, offene Passagen, dass wir mit unserem Vorwissen, aber auch mit unserer Fantasie gefragt sind, diese Lücken zu füllen. Die erotischen Filmszenen von E ­ mmanuelle Antilles Radiant Spirits kommen uns irgendwie bekannt

vor, aber in dem Moment, in dem wir denken, dass sie in eine bestimmte Richtung gehen, werden wir eines Besseren belehrt und gezwungen umzudenken. Eine Verquickung von Gegenwart und Vergangenheit, eigenen und fremden Gespenstern, die immer wieder auftauchen, finden wir bei Sue de Beers Film The ­Quickening. Auch in dem Film QM, I Think I Call Her QM von Ann-Sofi Sidén kämpft die Protagonistin mit ihrem Alter Ego. Deren psychotische Schübe lassen die Geschichte eskalieren, und so bleibt auch hier das Ende offen. Der Film Hold your Breath von Clement Page kommt ebenfalls aus der psychologischen Richtung: Es geht um einen kleinen Jungen, der in seinem Vater einen Wolfsmenschen sieht und nicht weiß, ob er sich ihm nähern darf oder besser auf der Hut sein soll. Surreale Geschichten finden wir auch bei Laurent Montaron in Balbvtio und bei Issac Julien in Paradise Omeros. Balbvtio (lat. Stottern) zeigt einen Jungen, der in einer verlassenen Kirche auf Tauben schießt und einer ein Stück Papier vom Bein löst. Der Zettel enthält eine kryptische Botschaft. In Paradise Omeros hält uns die Geschichte eines jungen Kreolen in Atem, die in Sequenzen vor- und zurückerzählt wird. Wie passen diese unterschiedlichen Arbeiten zusammen? Es steht uns bei allen frei, wie wir die einzelnen Erzählstränge ordnen. An eine surreale Traumwelt erinnern die Doppelprojektion The Warriors of Beauty von Pierre Coulibeuf und das Video Day-Glo von Saskia Olde Wolbers. In Ersterem tauchen wiederholt bizarre Figuren auf, die wie ferngesteuert vorgegebene Bewegungsmuster ausführen. Es sind gequälte Figuren, die kein Ziel und keinen Beweggrund für ihr Handeln zu haben scheinen. Bei Saskia Olde Wolbers geht es um eine Frau, die sich in einer Traumwelt verliert, die ihr Mann aufgebaut hat. Der Betrachter sieht im Film ein sich langsam drehendes Rad und darauf einen animierten Themenpark, der sich ständig verwandelt. Auch bei Honey (mi) von Yang Fudong bewegen sich Gestalten aufeinander zu und voneinander weg, ohne tatsächlich miteinander in Kontakt zu treten. Bei Ross Lipmans The Interview begegnen sich zwei Frauen, die nichts verbindet, die sich jedoch auf einer spirituellen Ebene annähern. Am frühen Morgen ist eine der beiden verschwunden – vielleicht hat sie nie existiert. Bei ­Journey Into Fear von Stan Douglas handelt es sich um eine Art Krimi, der mithilfe technischer Raffinessen unterschiedliche Dialogkombinationen anbietet, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt werden – nicht zu vergessen unsere eigene Version. Ähnlichkeit mit einem Kriminalfilm hat auch die Arbeit The Man with the Bag

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von Sebastian Diaz Morales. Ein Mann scheint auf der Flucht zu sein, er läuft durch die karge, menschenleere Landschaft Patagoniens. Allerdings ist kein Verfolger zu sehen. In jeder der sechs sich ähnelnden Episoden trägt er ein schweres Bündel mit sich, dessen unterschiedliche Inhalte er stets verliert. Flüchtet er gar vor sich selbst? In House with Pool von Teresa Hubbard und Ale­ xander Birchler verlaufen die Handlungsstränge parallel. Zwei Frauen, vermutlich Mutter und Tochter, begegnen sich nicht, obwohl sie sich zur gleichen Zeit in einem Haus bewegen – einen Sinn für diese Konstellation müssen wir selbst finden. Über Handlung oder Ausgang dieser Filme kann man lange spekulieren. Ich freue mich, wenn sie bei den Besuchern so viele Fragen auslösen wie bei mir nach den zahlreichen Begegnungen mit ihren geheimnisvollen Inhalten. Mein herzlicher Dank für die kreative Zusammenarbeit bei der Kooperation zwischen dem Haus der Kunst und der Sammlung Goetz gilt in erster Linie Okwui ­E nwezor, sowie Ulrich Wilmes und Marco Graf von ­Matuschka. Wir haben einen anregenden, lebendigen und innovativen Austausch, über den ich sehr glücklich bin. Es freut mich, dass wir auch bei der mittlerweile vierten Ausstellung im ehemaligen Luftschutzkeller wieder eine Zusammenstellung faszinierender Medienkunstwerke zeigen können. Weiterhin möchte ich den Künstlern danken, die ihre Installationen bereitwillig an die besonderen Gegebenheiten des ehemaligen Luftschutzkellers angepasst haben. Bei den Mitarbeitern des Haus der Kunst möchte ich mich dafür bedanken, dass sie auf gewohnt zuverlässige Weise die Arbeiten installiert haben. Schmidt/Thurner/von Keisenberg sei für die Gestaltung und Ausführung der Begleitbroschüre zur Ausstellung gedankt. Ebenfalls danke ich Rainald Schumacher und Susanne Touw aus meinem Haus, die die Umsetzung von Ausstellung und Begleitbroschüre betreut haben. Ingvild Goetz

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Pierre Coulibeuf

Rätselhafte Szenen spielen sich in einem labyrinthischen Kellergewölbe ab. Auf einer kleinen Projektion verfolgt der Betrachter einen nackten Mann, der unermüdlich in die Höhe springt, fällt, springt, fällt. Auf einer großen Projektionsfläche ist zu sehen, wie ein Ritter in halber Rüstung unsichtbare Feinde bekämpft. Ein blinder Prophet führt mit seinem gebogenen Stock eine Art Charlie-­ Chaplin-Tanz auf und eine Ansammlung von schwarz gekleideten Kapuzenmännern geistert ebenfalls durch die Gemäuer. Eine Braut erscheint als agile Protagonistin, die als Einzige oft die Schauplätze wechselt, somit die Gleichzeitigkeit der Orte überbrückt und sich in einem Monolog als Kind von Mensch und Tier bezeichnet. Bei manchen Gestalten kann man aufgrund ihrer Bewegungen tatsächlich schwer einen Unterschied zwischen menschlichem Wesen und tierischer Kreatur ausmachen. Die nackten Körper räkeln und winden sich wie eine Katze oder laufen vierbeinig als Bulldogge durch den Raum. Manche liegen

The Warriors of Beauty, 2002/2006 2-Kanal-Videoinstallation Farbe, Ton 51’ 02” und 05’ 03” Loop

In seinen experimentellen Filmen mischt Pierre Coulibeuf verschiedene Genres. Er bezieht sich in ihnen häufig auf die Arbeit anderer Künstler und Philosophen, darunter der Arte-Povera-Künstler Michelangelo Pistoletto, die Performance-Künstlerin Marina Abramović, der französischen Schriftsteller Michel Butor, die amerikanische Tänzerin Meg Stuart und der Choreograf Jan Fabre, mit dem er The Warriors of Beauty konzipiert hat. In Zusammenarbeit mit diesen Persönlichkeiten entstehen neue Werke. Coulibeuf wurde 1949 in Elbeuf, Frankreich, geboren. Der Künstler lebt und arbeitet in Paris. Seine Doktorarbeit im Fach Moderne Literatur schloss er über Pierre Klossowski und Leopold von Sacher-Masoch ab. 2005 nahm er an der Mercosur Biennial in Brasilien teil. 2006 waren seine Filme und Fotografien in einer Einzelausstellung in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen.

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zuckend und zappelnd am Boden. Die kraftvolle Energie der einzelnen Körper oder deren Erschöpfung steht in Kontrast zur Begrenztheit der Räume, die durch ihre schlichte Zeitlosigkeit an Theaterbühnen erinnern. Pierre Coulibeuf schuf die Arbeit zusammen mit dem belgischen Choreograf Jan Fabre, der im Film selbst als schläfriger Mann mit einer Eule auf der Schulter auftritt. Er eröffnet mit dem exzessiven Stil der Bewegungen ein modernes Tanztheater, das nicht vor Ekel und Schmerz zurückschreckt. Coulibeuf lässt The ­Warriors of Beauty in einer Endlosschleife laufen, das Stilmittel des Loops schließt die Möglichkeit einer narrativen, abgeschlossenen Handlung aus. Die Geschichte der Wesen, die im Keller – in der Unterwelt – existieren, scheint keinen Anfang und kein Ende zu haben. Sie werden für immer ihre Fantasmen leben. R. E.


Sue de Beer

Sue de Beers Installationen, Fotografien und Videos sind durchzogen von Verweisen auf Märchen, zeitgeschichtliche Ereignisse und traumhafte Bilder, die persönliche Erinnerungen wachrufen sollen. Die Szenen erscheinen dem Betrachter oft vertraut, entziehen sich aber aufgrund zahlreicher Anspielungen einer eindeutigen Interpretation. De Beer wurde 1973 in Tarrytown, New York, USA, geboren. Sie studierte bildende Kunst an der Parsons New School for Design und der University of Columbia, beide in New York, wo sie 1998 mit dem Master of Fine Arts abschloss. Sie arbeitet als Assistenzprofessorin an der New York Steinhardt School of Culture, Education and Human Development. Ihre Arbeiten waren zum Beispiel im Whitney Museum of American Art in New York, im Museo Reina Sofía in Madrid, in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main und im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe zu sehen.

The Quickening, 2006 1-Kanal-Videoinstallation

Sue de Beers Videoinstallationen stecken voller Anspielungen auf die verschiedensten kulturgeschichtlichen Phänomene und Entwicklungen. Referenzen an Romane und Verweise auf das Genre Horrorfilm werden mit überzeichneten, kitschigen Elementen kombiniert. Im Mittelpunkt von The Quickening stehen zwei Schwestern und ein junger Mann, die vor theaterähn­ lichen Kulissen agieren. Ihre Kostüme und Kopfbedeckungen erinnern an die Kleidung der Puritaner Neuenglands. Sue de Beer verarbeitet hier collagenartig, ohne durchgehende Handlung, diverse kulturgeschichtliche Momente der Vergangenheit an der US-amerikanischen Ostküste wie die Hexenverfolgungen angesichts der fundamentalistischen Glaubenshaltung puritanischer Einwanderer im 17. Jahrhundert oder die Schauergeschichten der sogenannten ‚gothic novel‘, die im 19. Jahrhundert die Literatur Neuenglands prägte. Den Vorspann von The Quickening bilden historische Aufnahmen des Hauses mit den sieben Giebeln, das 1668 in Salem, Massachusetts, USA, erbaut wurde und 1851 titelgebend war für Nathaniel Hawthornes

Farbe, Ton 26’ 49”

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Roman The House of the Seven Gables. Hawthorne erzählt darin die Geschichte seiner puritanischen Vorfahren, die an den Hexenprozessen in Salem 1692 beteiligt waren. Die Darstellerinnen in Sue de Beers Film stellen die historischen Vorbilder dar, wie sie verfolgt und um­ gebracht wurden. Die Ästhetik der Getöteten erinnert an die Aussage Edgar Allan Poes, eines Zeitgenossen Hawthornes, der zufolge der poetischste Gegenstand der Welt der Tod einer schönen Frau sei. Ein Teil der Monologe in The Quickening sind Auszüge aus Jonathan Edwards Sinners in the Hands of an ­A ngry God, 1741, einer Predigt, die zu den bekanntesten Dokumenten der puritanischen Literatur gehört. Weitere Monologe stammen aus dem Vorwort Joris-Karl Huysmans’ zu seinem Roman À rebours (dt. Gegen den Strich), 1884, der das Leben eines Dandys beschreibt. Als Quickening werden die ersten Kindsbewegungen des Ungeborenen im Mutterleib bezeichnet, aber auch die letzten Bewegungen, bevor ein Mensch stirbt. S. T.

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Isaac Julien Paradise Omeros, 2002 1-Kanal-Videoinstallation Farbe, Ton 20’ 29”

Isaac Julien wurde 1960 in London, Großbritannien, geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet. Er studierte dort Malerei und Kunstfilm am St. Martin’s College of Art, wo er 1984 seinen Abschluss machte. 2001 war er für den Turner Prize nominiert, 2003 gewann er den Großen Preis der Jury der Kunstfilmbiennale in Köln. Seit 2009 ist er Professor für Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Die Filme Juliens handeln oft von Konstruktion und Suche nach Identität. Sie stellen sich den Themen Herkunft, Sexualität, Geschlechterrollen und hinterfragen Klischees. Als Mitbegründer des Filmkollektivs ­Sankofa und Sohn dunkelhäutiger Einwanderer aus der Karibik ist es dem Künstler ein Anliegen, Geschichten aus der Sicht der Black Community zu erzählen und Förderinitiativen gegen Rassismus zu unterstützen.

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Die Wellen des Atlantischen Ozeans rollen entgegen ihrer Natur zurück ins Meer, als würden sie vor dem jungen Mann, der am Ufer steht, flüchten oder ihn in die Fluten reißen wollen. Isaac Juliens Videoarbeit Paradise Omeros handelt von der Geschichte eines Mannes von der Insel Saint Lucia in der Karibik, der in Rückblenden von seiner Kindheit dort und in London erzählt. Seine Erinnerung ist durchsetzt von nostalgischen Gefühlen an ein Zuhause, aber auch geprägt von Gewalt und rassistischen Spannungen. In der Gegenwart erlebt er eine moderne Form des Kolonialismus: In einigen Szenen serviert er als Kellner gekleidet einem Touristen Wasser. Julien lässt gleich zu Beginn des Films den Schriftsteller und Nobelpreisträger Derek Walcott aus seiner Dichtung Omeros zitieren, einem Epos, das die Werke Homers aus der kulturgeschichtlichen Sichtweise der Karibik schildert. Die Hauptfigur darin ist eine Personifikation der Insel Saint Lucia, die ihre kreolische, sprachliche und historische Entwicklung erlebt. Als weiterer Schriftsteller wird Kendal Hippolyte zitiert, der ebenso wie Walcott von Saint Lucia stammt. Er reflektiert über Liebe und Hass, die einzelnen Buchsta-

ben „LOVE“ und „HATE“ sitzen in Form von Schlagringen – oder doch Schmuckringen? – auf seinen Fingern. Im Kontrast zu den farbenfrohen Bildern der exotischen Insel stehen die grauen Betonbauten Londons. Dort spielt der jugendliche Protagonist Verstecken und sieht sich einem hellhäutigen Gleichaltrigen gegenüber, der völlig anders ist als er selbst. Schwarz trifft auf Weiß, Kreolisch auf Englisch. Keiner weiß von dem anderen, woher er kommt und wohin er gehen wird. Es ist das Fremde, das Angst, aber auch Begehren erzeugt. Paradise Omeros bietet Anstoß zu allgemeinen Überlegungen zu der Situation, in der sich viele Flüchtlinge und Migranten befinden. Ihre Route führt meist über das offene Meer, das für sie Hoffnung auf ein besseres Leben, aber auch Gefahr vor dem möglichem Ertrinken oder Aufgegriffen werden bedeutet. Der Weg einer Auswanderung oder einer Flucht endet nicht mit der Ankunft im Gastland. Es ist für viele erst der Beginn weiterer Strapazen und oft eine Reise zu ihrer eigenen Identität, die sich in Auseinandersetzung mit der fremden Kultur umso stärker herausbildet. R. E.

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Yang Fudong Honey (mi), 2003 1-Kanal-Videoinstallation Farbe, Ton 9’ 29” Die Videoarbeiten des chinesischen Künstlers Yang Fudong zeigen eine neue filmische Ästhetik, die einerseits der Tradition der progressiven Filmproduktion des Schanghai der 1930er-Jahre verbunden ist. Andererseits macht er auf Fragestellungen der heutigen chinesischen Gesellschaft aufmerksam, die sich zwischen alten und neuen Geschlechterbildern, Kapitalismus und Kommunismus, Stadt und Land sowie Zensur und Freiheit entscheiden muss. Yang Fudong, 1971 in Peking, China, geboren, studierte an der China Academy of Fine Arts, Hangzhou. Heute lebt und arbeitet er in Schanghai. Er war an zahlreichen internationalen Projekten und Ausstellungen beteiligt, wie 2002 an der documenta 11 in Kassel und 2007 an der 52. Biennale in Venedig. 2010 arbeitete er zusammen mit Isaac Julien an dessen Videoinstallation Ten Thousand Waves. Im selben Jahr entstand Yang Fudongs Werbekurzfilm First Spring für die Prada-Herrenkollektion.

Das Leben in der Unterwelt der Spione und Ganoven, der Frauen in eng anliegenden Kleidern und Pelzmänteln, der geheimen Treffen und Verfolger, die abgeschüttelt werden müssen – dies scheinen die Rahmenbedingungen für Yang Fudongs Werk Honey (mi) zu sein. Anstatt eine chronologische Geschichte zu erzählen, wählt Yang Fudong, der sich mit der Geschichte des Films und seiner Techniken hervorragend auskennt, eine lockere Aneinanderreihung verschiedener Szenen. Auf diese Weise suggeriert er eine logische Handlung, die jedoch mehr Fragen offen lässt, als sie zu beantworten. Die Protagonisten sitzen an einem Tisch, spielen Karten und rauchen. Sie beobachten einander, warten ab. In einer weiteren Einstellung betreten sie nacheinander ein Gebäude, mehrmals blicken sie sich um, ob sie verfolgt werden. Die Männer tragen graue Anzüge, wel-

che ihr ernsthaftes Auftreten unterstreichen. Sie scheinen auf etwas zu warten. Im Kontrast dazu räkelt sich eine Frau in Netzstrümpfen und Kunstpelz lasziv auf einem Sofa. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird die Hintergrundmusik spannungsgeladener, wodurch sich die Stimmung des Films verändert. Die Kamera wird zum Beobachter, versteckt hinter Büschen spioniert sie den Protagonisten nach. Dann wechselt die Perspektive, jetzt werden die Männer zu Beobachtern. Yang Fudong zitiert zahlreiche Genres der Schanghai-Filme der 1930er-Jahre bis zur den Filmen der französischen Nouvelle Vague. Mit diesen Reminiszenzen kreiert er eine Atmosphäre der Erinnerung an die vielen Geschichten dieser Filme, die der Zuschauer erwarten könnte. K. B.

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Dieser Ausstellungsführer erscheint anlässlich der Ausstellung Open End Ehemaliger Luftschutzkeller im Haus der Kunst, München, 28. September 2012–7. April 2013 Herausgeber Ingvild Goetz, Rainald Schumacher, Susanne Touw

© 2012 Kunstverlag Ingvild Goetz GmbH, Sammlung Goetz, München © 2012 für die abgebildeten Werke von Ann-Sofi Sidén: VG Bild-Kunst, Bonn, sowie bei den Künstlern oder ihren Rechts­nach­folgern ISBN 978-3939894-00-1

Redaktion Susanne Touw, Rainald Schumacher Mit Unterstützung von Rose Esser und Katharina Bitz Fotoredaktion Susanne Touw, Rose Esser Autoren K. B. – Katharina Bitz R. E. – Rose Esser S. T. – Susanne Touw Lektorat Kirsten Rachowiak, München Grafische Gestaltung und Satz Schmidt/Thurner/von Keisenberg, München Nina Hardwig, Timo Thurner; www.stvk.de Schrift Chaparral Reproduktionen Reproline Genceller, München Papier Plano Plus Druck Sellier Druck, Freising Buchbinderei Conzella Verlagsbuchbinderei, Urban Meister GmbH, Aschheim-Dornach

Printed in Germany Umschlagabbildung Dominique Gonzalez-Foerster/Tristan Bera: Belle Comme le Jour, 2012, Videostill


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