Page 8

Darstellung der Cassini-Sonde vor dem Saturn, Foto: NASA

sche fotografische Motivrepertoire abdecken: „Ich fing mit echt bru-

die ihre Gewehre wie bei einer Exekution angelegt haben.

talen Bildern an … Aber ich suchte auch nach Landschaften, weil wir

Zu einer ganz anderen Abstraktion fand Ruff einige Jahre später bei der Werkgruppe der jpegs. Mit JPEG bezeichnet man eine Kom-

im Leben beides haben – Anmut und das harte Leben.“24 Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Ruff mit seiner 2008 be-

primierungs- und Kodierungsmethode, die Anfang der 90er Jahre zur Übertragung digitaler Bilddaten im Internet entwickelt wurde. Ruff reduzierte diese ohnehin niedrigen Bilddateien weiter und vergrößerte

gonnenen Arbeit zycles, für die er ein 3D-Computerprogramm benutzte, mit dem professionell Animationen umgesetzt werden. Ausgangspunkt war ein von dieser Technik generierter dreidimensionaler

sie dann um ein Vielfaches: Die Pixel erreichen in der Folge etwa die Größe einer Handfläche. Aus der Ferne betrachtet, sind die so entstandenen Werke lesbar, geht man näher an sie heran, lösen sich die

virtueller Raum im Computer, in dem Ruff in der von ihm entworfenen Struktur von mathematischen Kurven manövrieren konnte. Ergab das Modell eine interessante Struktur renderte er die Konstella-

Der „Rote Planet“ Mars, Foto: ESA

Bilder in abstrakte, rechteckige Bestandteile auf. In diesem optischen

tion und arbeitete den Datensatz als Inkjetprints aus. „In diesem

reproduzierte der Werkfotograf diese Unikate; manchmal befinden sich mehrere retuschierte Abzüge auf einer Reproduktion. Ruff er-

Vexierspiel, das dem der nudes ähnelt, ist der Informationsentzug Teil der künstlerischen Strategie, die nicht nur die Eigenart digital er-

Programm entwerfe ich schöne mathematische Kurven, die ich ineinander und gegeneinander laufen lasse – abstrakte Strukturen, die

die auf der Homepage der NASA öffentlich zugänglich sind. Weil diese Aufnahmen von einer Maschine28 gemacht wurden, unterliegen

kannte die Qualität dieser ohnehin auratischen, mitunter an Werke des Surrealismus oder des magischen Realismus22 erinnernden

zeugter Bilder reflektiert, sondern auch die Frage nach ihrer technischen Konstruktion und ihrem Wahrheitsgehalt stellt. „Ich nahm

an Computergrafik der sechziger Jahre erinnert.“ So entstehen Bilder, die „keine Wirklichkeit der realen Welt haben.“26 Die Serie der

sie keinem Copyright und sind daher frei verfügbar. Ruff benutzte die Schwarzweißmotive, die von der Sonde auf die Erde übertragen wur-

Schwarzweiß-Fotografien und überführte sie bis auf eine Kolorierung

mir vor, virtuell um die Welt zu reisen – und von allen Kontinenten

zycles bildet eine Ausnahme in Ruffs Œuvre, weil ihre Bilder keinen

den und fügte ihnen Farbe hinzu: „Bei cassini fand ich, dass die Auf-

der Objekte direkt in seine Bilder. Er integrierte Archivnummern und andere Bezeichnungen und passte das Ausgangsformat und die Präsentationsart den Charakteristika seiner Arbeit an. Die mit einer tech-

grässlich schöne Bilder der Zerstörung und Katastrophen zu sammeln. Die Serie jpeg besteht jetzt motivisch aus Bildern, die sich ins kollektive Bildarchiv einsortiert haben: die einstürzenden Zwillings-

„photographischen Referenten“ mehr haben, also keine „notwendig reale Sache, die vor dem Objektiv plaziert war und ohne die es die Photographie nicht gäbe.“27

nahmen der Sonde schon eine gewisse Abstraktion hatten. Ich habe die Abstraktion gesteigert, indem ich sie koloriert habe.“29 Die cassini sind „Bilder, die in leuchtenden, fantastisch wirkenden Farben abs-

noid anmutenden Farbgebung versehenen Gegenstände heben sich plastisch vom schwarzweißen Untergrund ab und bekommen so eine enorme Präsenz. Diese Form der künstlerischen Bearbeitung lässt

türme, die brennenden Ölquellen von Kuwait, die Bombardierung von Bagdad. Alle diese Bilder sind in unserem Bewusstsein abgespeichert. Ich wollte schon immer, dass man sich mit Bildern aus der Welt aus-

2008 griff Thomas Ruff erneut nach den Sternen. cassini ist der Titel einer ab 2008 entstandenen Werkgruppe. Sie bezieht sich auf die gleichnamige Raumsonde, die 1997 gestartet wurde und deren

trakte Formen wie Kugeln, schwungvolle Linien, geometrisch strukturierte Flächen zeigen. Der wissenschaftliche Ursprung der Bilder und ihre ungeheure Objektivität, die darin liegt, dass sie aus-

eine erweiterte assoziative Betrachtung zu und gibt den Objekten eine andere Lesart: Einige Maschinen entwickeln individuelle Züge, andere mutieren durch eine militärgrüne Farbgebung zu einer stark

einandersetzt und sie nicht vergisst.“23 Ruff erweiterte die Reihe noch während ihrer Entstehung um eigene Aufnahmen und Reproduktio-

Mission für 2017 terminiert ist. Der Orbiter schwenkte 2004 in die Umlaufbahn um den Saturn und seine Monde ein und liefert seitdem

schließlich maschinell entstanden sind, ohne Anschauung des Objekts, wird von Thomas Ruff durch die Bearbeitung in eine malerisch

nen bereits vorhandener Motive. Er wollte das gesamte zeitgenössi-

spektakuläre Bilder des zweitgrößten Planeten des Sonnensystems,

wirkende, sehr subjektive Bildvorstellung umgewandelt.“30

Ruff took an entirely new approach in his work zycles, which he began in 2008, using a professional 3D animation computer program. He started with a three-dimensional, computer-based virtual space generated by this technology, in which he was able to maneuver in a structure of mathematical curves that he had designed. When the model produced an interesting structure, he rendered the constellation and converted the data into inkjet prints. “In this program I design appealing mathematical curves that I have intersect and diverge – abstract structures that resemble computer graphics of the 1960s.”25 In this way, he creates images that “have no real-world reality.”26 The zycles series is an exception in Ruff’s œuvre, because the pictures no longer have a “photographic referent,” i.e., no “necessarily real thing which has been placed before the lens, without which there would be no photograph.”27 That same year Thomas Ruff once again reached for the stars. cassini is the title of a group of works he started in 2008 that references the eponymous space probe launched in 1997 and whose mission is scheduled to terminate in 2017. The orbiter entered into orbit around Saturn and its moons in 2004 and has since then been supplying spectacular images of the second-largest planet in the solar system, which are publicly accessible on NASA’s website. As these

28

early 1990s to transmit digital image data on the Internet. Ruff further reduced these already small image files and then enlarged them many times over. Consequently, each pixel is roughly the size of a human palm. The works can be interpreted when seen from a distance, but when approached close up they dissolve into abstract, square components. In this optical puzzle, which resembles that of the nudes series, the denial of information is part of the artistic strategy, which not only reflects the nature of digitally generated images, but also poses the question as to their technical construction and truthfulness. “I intended to travel around the world, virtually, and collect from all continents terrible yet beautiful pictures of destruction and disaster. In terms of motifs, the series jpegs consists of images that have found their way into the collective image archive: the Twin Towers after the attacks, the burning oil fields in Kuwait, the bombing of Baghdad. All these images are stored in our minds. I always wanted people to think about images from the world and not forget them.”23 Ruff added his own pictures and reproductions of existing motifs to the series as he was creating it. He wanted to cover the entire repertoire of contemporary photographic motifs: “I started with really violent images ... But I also looked for landscapes because we have both in life – sweetness and the hard life.”24

34

abstrahierten, in Reih und Glied aufgestellten Gruppe von Soldaten,

25

pictures were generated by a machine, they are not subject to copyright laws and are thus freely available. Ruff used the black-and-white motifs transmitted from the probe to Earth and added color to them: “In cassini I thought the photos from the probe already had a certain element of abstraction. I increased the abstraction by adding color to them.”29 The cassini pictures are “images that show, in glowing, fantastic-looking colors, abstract shapes such as spheres, sweeping lines, geometrically structured areas. By editing the photos, Thomas Ruff transforms their scientific basis and incredible objectivity, which comes from their having been exclusively produced by a machine, without looking at the object, into a seemingly painterly, highly subjective visual representation.”30 Thomas Ruff’s latest series ma.r.s., which he started in 2010, also deals with fiction on the basis of astronomical facts. Once again, Ruff uses publicly accessible material from the NASA website, in this case photos of Mars that the “Mars Reconnaissance Orbiter” probe has been sending since 2005. Mars is a planet similar to Earth and is roughly half the size of Earth. Its reddish coloring is down to iron oxide dust. Like Earth it has polar icecaps and changing seasons and its surface shows impressions of former riverbeds and craters. This surface structure is precisely reflected in the high-resolution, black-and-white digital pic-

tures transmitted to Earth by the probe. The geological structures can be clearly identified, the depressions and elevations. Ruff digitally reworks the photos, compresses them, so that the circular craters are stretched into ovals. Combined with the coloring of the black-and-white originals, this leads to a modified observation in terms of the psychology of our perception of the images. A simple bird’seye perspective becomes a view that simulates that of an astronaut flying towards the planet in the distant future. So in several respects the works have the effect of a time machine: On the one hand they show, in dark streaks, sandstorms that took place on the planet long ago, on the other they anticipate a perspective that future visitors to Mars will have. Thomas Ruff recently described photography as “the greatest consciousnesschanging machine that has an influence on people.”31 He said the presence and nature of photographs in newspapers, magazines, film and TV have changed greatly owing to the technological developments of recent decades and the possibilities of manipulation continually increased. As a prototype of the “scientific artist”,32 Thomas Ruff has been exploring photography and other imaging techniques for over three decades and is constantly varying his own working method. He has taken the step from analog to digital image production and in particular

35

Essay thomas Weski  

Der wissenschaftliche Künstler, The Scientific Artist

Advertisement