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zweitusig u drizä an other annual very limited edition

Segelschein machen & mit Mädchen tanzen Russisch lernen & von Berlin nach Bern wandern Fleischlos kochen & Gitarre spielen Französische Bücher lesen & Mit Kindern arbeiten Von einem Bein auf’s andere Hüpfen.

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So sah er aus, der Plan für das Jahr 2013, der eigentlich nur einer zugetrunkenen Laune heraus entsprang. Ich druckte ihn mir aus und hing ihn zwischen all die anderen Zettel an meiner Wand, wo ich ihn immer dann sah, wenn ich zugetrunken die Zettel an meiner Wand betrachtete. War aber auch egal, die Dinge, die ich tun wollte, die tat ich ohnehin, und die anderen eben nicht. Ich lass mir doch von so ‘nem blöden Zettel nix vorschreiben. Aber von mir aus, rollen wir die Sache mal von unten auf. Ich kann mich nicht erinnern, in diesem Jahr auch nur ein einziges Mal von dem einen auf das andere Bein gehüpft zu sein, warum auch, ist doch albern und hey, ich bin siebenundzwanzig, fast. Das mit den Kindern hatte sich nach drei Stunden Hospitation erledigt, Ich meine, Kinder sind toll, aber ich muss schreiben und gestalten und zusehen, dass ich mein Leben auf die Reihe kriege. Ohne sagen zu können wie und wann habe ich tatsächlich drei oder vier französische Bücher gelesen. Mince alors, diese Sprache macht misch völlisch wahnsinnisch, isch möschte am liebsten jede Nacht mit ihr in die Bett verbringen und am Morgen möschte isch ihr kleine Petits Fours in ihre Lippenstiftschmollmund schieben. Danach puste isch den Staub von die Gitarre und spiele etwas von Serge Gainsbourg, obwohl er meiner Meinung nach sehr große Ohren hatte. Aber auch das ist heutzutage ja egal.

Von der Wurst komme ich jedenfalls nicht los, schlimm ist das, dabei ist es so widerlich. Gerade während der Wande-rung schoss mein Fleischverbrauch rabiat in die Höhe, was soll man machen, in Bayern, in Schwaben, da gibt es gar nichts Anderes, entweder isst Du Fleisch oder Du verhungerst halt und dann bist Du selbst schuld. Man darf gespannt sein, wie es zwischen Bern und Barcelona werden wird, im nächsten Sommer. Nach oben hin wird es dünn. Russisch kann ich immer noch nicht und als ich mir das mit den Mädchen ausdachte, da stellte ich mir wehende Sommerkleider und in schwitzende Ekstase getauchte Gesichter vor. Der Tangokurs, den ich mit einer Freundin besuchte, da wehte nichts und in den Gesichtern stand nichts als die Angst, jemand anderem auf die Füße zu treten. Es bleibt also der Segelschein. Keine Ahnung, brauche ich wirklich einen Segelschein, um einmal um die Welt zu segeln? Auf diesen Seiten will ich Texte und Bilder festhalten, die in diesem Jahr entstanden sind, oft zwischendurch und ohne jede Absicht. Ich mache das gerne, deswegen mache ich das. Es war ein wunderbares Jahr und es ist ein wunderbares Leben. Aber es wäre nichts wert wenn ich es nicht mit Euch teilen könnte. Im nächsten Jahr möchte ich noch mehr mit Euch teilen. Und wenn ihr mit mir nach Bayern fahrt und Französisch sprecht, dann schiebe ich Euch Schweinehaxen in den Mund. Versprochen!


18. Februar 2013 / 12:08 Uhr

2

Die Schweiz ist ein Antiquariat. Und eine Kunsthochschule. Auch deshalb mag ich sie so gern, die Schweiz. Und vielleicht weil sie so klein ist. Dass ich ausgerechnet zur Bärner Fasnacht hier bin erfahre ich von einem Plakat, dessen dünne, serifenlose Buchstaben den Kommunikationsstil kleiner feiner Damen statt, wie sonst üblich, den eines vorlauten Haudrauf imitieren. Die Menschen blicken einen so gelehrt über die dicken Ränder ihrer Brillen hinweg an und rotweiße Katzen streifen schnurrend durch die engen Altstadtgassen. Man hört Wörter, von denen man den Staub pusten möchte bevor man sie in den Mund nimmt. Randständige, Rappen, Advokaten und ein Coiffeur, da vorn, Hausnummer Zwietüsigunddrizähn. An die Sätze wird ein ‘oder’ angehängt, ohne sie als Frage formuliert haben zu wollen, oder. Selbst die hohen Preise haben etwas Würdevolles, als wären sie schlicht Ausdruck einer besseren Welt. Im Moment befinden sich die Banknoten mit den Nummern 05B0971513 und 06C0147253 in meinem Besitz, ich brauche mir keine Gedanken zu machen, was ich mir davon kaufe, früher oder später erledigt sich das von selbst, das ist das Schöne am Geld. Ich fahre auf den Gurten und stapfe mit Turnschuhen durch den hohen Schnee. Väter und Großmütter ziehen ihre Chinder auf Schlitten über den Hang und ich, ich sitze in der Sonne und betrachte Jungfrau, Mönch und Eiger. Wir haben Februar doch die Sonne meint es so gut mit der Schweiz, dass es warm ist wie im Mai.

Confoederatio Helvetica (CH) Deutsch: 65,6 Schweizerische Eidgenossenschaft Französisch: 22,8 Confédération suisse Italienisch: 8,4 Confederazione Svizzera Rätoromanisch: 0,6 Confederaziun svizra Serbokroatisch: 1,5

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Der Randstand und die Rappen. Ich bin gerade einen Tag zurück in Berlin und da kotzt mich die Stadt schon wieder mit voller Wucht an. Schnapsflaschen stehen an den Straßenecken und auf fünfhundert Metern werde ich dreimal angeschnorrt. In Berlin geht’s einem entweder ganz prächtig oder so richtig beschissen. Man säuft sich durch den Tag, damit man die Nacht erst gar nicht erleben muss, Ignoranz und Toleranz sind das einzige, was man in dieser Stadt lernt. Ich sitze am Computer und erstelle kurzlebige Dateien wie die meisten anderen auch während der liebe Gott eine alte, graue Decke über die Stadt gelegt hat, um sich das Elend nicht länger ansehen zu müssen. Mit filigraner Ästhetik hat das nicht das Geringste zu tun, aber mit der Realität des Lebens. Diese Stadt ist ein Abenteuerland und eine Wundertüte für die Unvorsichtigen. Man möchte pausenlos durch die zusammengeschusterten Straßen laufen und glotzen und sich wundern was es nicht alles gibt. Man möchte sich den nächstbesten Tagedieb unter den Arm krallen und mit ihm die ganze Nacht Schultheiß trinken und dann wäre es hier auch genau so schön wie im Februar in Bern, zumindest im Mai.

Unus pro omnibus, omnes pro uno.


ro u , , e h ä rz ig i F e li a o G o v Vo ro rt rè m e , b ra n h ü s li im n e ie il m fa Jo , d a s c h C n e ih dass O u to , e s R e r g s e it , u n d im te e li h z r, it te rs e n ä d z ds C h in e e ig e tl e c h i im F it n e s s d b a ig n o s a is a w S d s r Un und e u b i, i s ig d e n id g lo u b i. lo r g e o b h u c ä s s e jo ig d a s nd i söu n d o b i je tz d e r ö p p is . U rs c h t, o , w ä ri s ig . U s u ig e k s h a u m e a fü G vor D mer der e , d e r P o u lu s , i s ig jo im m ä d rt e s nöi Mönsch s u ds be cho. Und wenn öpper , e rd ä w g doch obena ri ig g e w o h u e re g re n ä h m . h 2 0 13 la s) B s c h te c k fü B u ch , d a s ic ”, d a s b es te oa li e b in ig G er “D z: L en (a u s P ed ro

2. Mai 2013 / 00:22 Uhr


25. Dezember 2012 / 14:45 Uhr

3

Den großen Fehler beging ich, als ich meinen Job kündigte. Als hätte man mir das nicht gesagt. Hatte man, jaja. Aber dabei ging es um den Lebenslauf und die Rentenversicherung und so Zeug, das mir noch nie jemand glaubhaft machen konnte. Bete und arbeite, kein Mensch würde sich heute noch die alte Protestantenregel über den Küchentisch hängen und trotzdem tun wir nichts anderes, wir nennen es nur anders. Ich habe mit den zufriedensten Menschen der Welt geredet und sie haben es mir bestätigt. Woran Du glaubst, das sei egal, wichtig sei nur, dass Du an irgendetwas glaubst und woran Du arbeitest, auch das sei egal, wichtig sei nur, dass Du irgendetwas machst, sagte mir ein vom Leben gezeichneter Mann während er in unregelmäßigen Abständen an seiner Pfeife zog und mit seinen runden Augen in die Sonne blinzelte. Und dann gibt es Leute, die machen die Drecksarbeit der Gesellschaft und summen dabei fröhliche Lieder und Andere, die sind wichtig und verbittert. Ach, was weiß ich. Jedenfalls hatte ich meinen Job gekündigt und hatte ein Problem. Das Problem lag nicht im Lebenslauf, nicht in der Rentenversicherung, nein, nicht mal im Geld. Es lag darin, dass ich nun Zeit hatte. Zeit! Du liebe Güte! Man könnte also tun und lassen, wozu man lustig ist. So wie ein Kind. Kinder können das, aber dabei lernen sie ja nichts, was man mal brauchen kann, nicht wahr. Etwas Anderes noch als spielen, warum das denn, fragen sie sich und blicken in die kleinen Augen ihrer übermüdeten Eltern. Wenn ich also durch die Straßen schlendere und mir staunend die Welt anschaue und dann darüber schreibe, ganz einfach, weil ich dazu lustig bin und vielleicht sogar ohne die Absicht der anschließenden Vermarktung (sic!), dann schleicht sich ein Gefühl durch die Hintertür, das mir den Spaß daran nimmt. In diesen Momenten würde ich lieber Klos putzen oder Bouletten wenden oder sogar in der Werbung arbeiten als staunend durch die Welt zu laufen. Ist das nicht absurd?

Frag nicht.

In Berlin hängt jemand Zettel in die Straßen, einfach so. Auf einem steht, er sei nicht auf die Welt gekommen, um irgendwem irgendwas zu beweisen, nein, er wolle leben und lieben. (Oha, ein Träumer!) Auf einem andern, eine Mauer sei der einzige Ort, um eine Tür zu finden. Ein Haufen Menschen, lassen wir es fünfzig oder hundert sein, drängen sich auf etwa drei Quadratmetern und starren einen Orang-Utan an. Dieser sitzt in sicherer Entfernung, die angesichts der Lethargie dieses Wesens vollkommen unnötig ist, auf einer Astgabelung und puhlt sich mit seinem langen Finger in der Nase, zieht etwas heraus, betrachtet es und steckt es sich in den Mund. (Oha, ein Primat!) Die wenigen, dafür absurd langen Haare, die aus seinem asphaltfarbenen Körper herauswachsen, glänzen seiden in der Farbe, die nicht verantwortlich für seinen Namen ist. Man sagt, es handele sich bei den Orang-Utans um Menschen, die in den Wald gelaufen sind, um nicht zur Arbeit gezwungen zu werden. Andere sagen, sie hätten die Götter beleidigt. Recht so, möchte man meinen, einmal auf zwei Fingern pfeifen, mit den Orang-Utans aus dem Affenhaus verschwinden und wieder anfangen zu spielen. Die Bezeichnung „Orang-Utan“ stammt von den malaiischen Wörtern „orang“ (Mensch) und „utan“ oder „hutan“ (Wald) und bedeutet demzufolge „Waldmensch“. In europäischen Sprachen erschien dieser Name erstmals 1631. Laut Brehms Tierleben behaupten die Javaner, dass die Affen wohl reden könnten, wenn sie nur wollten, es jedoch nicht täten weil sie fürchteten, arbeiten zu müssen.“ (Wikipedia)

>> www.greenpeace.de/orang-utan


9. November 2013 / 13:58 Uhr


28. September 2013 / 12:47 Uhr

4

Ein sehr junger Mann und ein abgestandenes Honigkuchenpferd hatten miteinander drei Söhne. Der erste geriet völlig daneben. Sie nannten ihn Baktus. Der zweite Sohn sah besser aus, war aber dumm wie ein Heuschuber. Seine Dummheit war unfassbar, er konnte nicht mal einen Jambus von einem Trochäus ausmachen. Sie nannten ihn daher XSF-3. Der dritte Sohn schließlich war eine schiere Augenweide, jedoch verlor er während des Geburtstvorgangs seinen Verstand. Bevor sie diesem um ein weiteres mißratenen Kind einen Namen geben konnten verstarben der Mann und die äh Frau einer akuten Schambeinentzündung. Sie vermachten ihren drei Söhnen Baktus, XSF-3 und dem Namenlosen die stolze Dreimastbark Klaus-Dieter, die im Hafen von Puerto del Rosario frischgetakelt vor Anker lag, sowie drei Zentner Gold in Einkaufstüten. 

 Die Söhne bestiegen das Schiff, bezogen ihre Kabinen und begaben sich daran, einen Plan zu schmieden. Baktus nickte kurz weg, XSF-3 ging auf Toilette und so war es an dem Namenlosen, das Wort zu ergreifen. “Lasst uns das lästige Gold ins Meer werfen und mit den leeren Tüten einkaufen gehen. Dann essen wir erstmal lecker und schauen weiter.” Da niemand widersprach schritt der Namenlose sogleich zur Tat und als XSF-3 mit den Worten “Sorry, ich hab’ Dünnpfiff.” von der Toilette zurückkam war das ganze Gold bereits im Meer versunken. Die stolze Dreimastbark KlausDieter schaukelte in den leichten Wogen, die der Ozean in den Hafen von Puerto del Rosario hineintrieb, und die Matrosen, die sich in den Hafenkneipen betranken, lachten. “Unter diesem Kommando wird die Klaus-Dieter niemals den Hafen verlassen”, unkte ein schöner, überheblicher, zwanzigjähriger, neuseeländischer Offiziersanwärter, “darauf verwette ich die Unschuld meiner drei Verlobten”. Begleitet vom Johlen der heiseren Kundschaft zapfte der mächtige Wirt stark schäumende Biere, die ihm sogleich aus seinen ungeheuren Pranken gerissen wurden.

Die drei Söhne.

Man wollte schon wieder zur Tagesordnung übergehen, da trat ein Schatten vor den dreihundertköpfigen Kerzenständer. Es dusterte. “Ich wette dagegen!”, schnarrte eine Stimme, die offensichtlich lange nicht geölt wurde. Die Kneipe verstummte mit einem Schlag. Der Wirt, der gerade mit dem Verkosten eines Stachelbeerabsinths beschäftigt war, hielt in seinen großen Schlücken inne und der Offiziersanwärter strich sich erschrocken den Schaum von seinem nicht vorhandenen Oberlippenbart. Sie alle sahen wie sich vor dem Kerzenständer die Umrisse einer Gestalt abzeichneten. Ihr Antlitz war abscheulich, es ließ jedem Betrachter den Atem in den Ohren gefrieren. Sie war weit jenseits eines undefinierbaren Alters, kahl wie ein Kieselstein, beide Augen waren mit schwarzen Klappen verdeckt. Ihr zahnloser Mund schien mehrfach notdürftig geflickt. Es war die grässliche Eduarda, die man vor vierunddreißig Jahren auf dem Urnenfriedhof der Insel unter dem tosenden Applaus der Bevölkerung beigesetzt hatte. “Surprise, surprise!” krakelte sie bei offensichtlich bester Laune und warf den dreihundertköpfigen Kerzenständer kichernd in die verblüffte Menge. Am nächsten Morgen stach die stolze Dreimastbark KlausDieter in See und man staunte nicht schlecht als man die Gallionsfigur erblickte. Es war die zahnlose Eduarda! Unter ihrer Ägide schmuggelte die Klaus-Dieter Lüsterklemmen und andere, orientalische Köstlichkeiten auf den Routen zwischen Moskau, Mogadischu und Lütjenbrode bis Eduarda eines Tages einen folgenschweren Fehler beging. Beim Einlaufen in den Moskauer Überseehafen verschätzte sie sich, die stolze Dreimastbark Klaus-Dieter rammte das Schlauchboot einiger minderjähriger Lausbuben und sank binnen weniger Minuten auf Grund und Boden. Für die Brüder kam jede Hilfe zu spät. Euarda jedoch ward auch nach tagelangen Tauchgängen nie gefunden.


O ne m or ni ng in Ju ne , so m e tw en ty ye ar s ag o, I w as bo rn a ri ch m an s so n. I ha d ev er yt hi ng th at m on ey co ul d bu y, bu t fr ee do m I ha d no ne . (a us Da vi d Ha

ss el ho ff: “L oo ki ng fo r fre ed om ”, da s Li ed , da s ic h 20 13 am öf te st en vo n Al le n sa ng )

17. März 2013 / 14:32 Uhr


Die Straßen von Berlin waren entweder viel zu breit und menschenleer oder viel zu schmal und kaum passierbar. Schmutzig waren sie jedoch immer. Als Adrian sich an diesem fahlen Nachmittag den endlos weiten Weg nach Hause kämpfte hatte er keine Geduld für die schlendernden Touristen am Potsdamer Platz. Wasser stand in seinen Augen und wurde vom Fahrtwind in kalten Tropfen über seine Schläfen gezogen. Unter der Mütze klebten die schweissnassen Locken auf seiner Stirn. Schneller, Adrian, schneller! La cathédrale de notre ville, en tout cas, fut à peu près remplie par les fidèles pendant toute la semaine. Johanna hasste es. Immer wieder benutze Camus Wörter, die sie nicht kannte und nicht verstand. So kam sie nie weiter. Sie legte das Buch beiseite und öffnete die siebte Tür des Adventskalenders, den Adrian vor ein paar Tagen von der Arbeit mitgebracht hatte. Schau mal, von Lindt, hatte er gesagt und sich die schweissnasse Locke aus dem Gesicht gepustet. Dann hatte er gelächelt. Seitdem sie zusammen wohnten kämpfte sie mit Adrians unverschämter Unwiderstehlichkeit. Mach Dich locker, Adrian, alles easy. Er bog in die Hofeinfahrt und schaffte es gerade so an den tiefen Pfützen, die sich seit Wochen hier hielten und vermutlich erst im nächsten Sommer verschwinden würden, vorbeizukurven. In unnötiger Eile schloß er sein Fahrrad ab und lief die Treppe hoch, mal eine, mal zwei Stufen auf einmal. Die schweren Winterstiefel polterten auf dem abgetretenen Holz und irgendwo drehte eine Waschmaschine gelangweilt ihre Runden. Er wusste noch immer nicht, was er sagen würde, wenn, ja wenn Johanna da wäre, wenn er sie jetzt sehen würde, er müsste einfach improvisieren, aber hoffentlich, hoffentlich wäre sie da. Ein kurzes Klick-Klack und die Tür ging auf. Johanna hörte das Rad durch die Hofeinfahrt klappern, sie sah ihn durch das Küchenfenster, sie lächelte ob der übertriebenen Eile, mit der er sein Rad zwischen all die anderen quetschte und so fahrig den Schlüssel vom Ringschloß zog, dann hörte sie seine Schritte durch das Treppenhaus poltern. Irgendwo drehte eine Waschmaschine gelangweilt ihre Runden. Johanna setze sich an den Küchentisch und schlug La Peste auf irgendeiner Seite auf, tat so, als wäre sie hochkonzentriert. La chaleur, à ce moment, sembla monter encore. Ein kurzes Klick-Klack und die Tür ging auf. Johanna. Den ganzen Tag hatte er an sie gedacht, jetzt stand er vor ihr und sie saß da, auf dem Polsterstuhl in der Küche und lächelte ihn über die Kante ihres Buches hinweg an. Er wusste nicht, was er sagen soll. “Camus, ja?”, sagte er, als ob es gerade nichts Wichtgeres gäbe. “Mmh, Camus.”, sagte sie sanft. “Johanna”, er atmete tief ein, “es gibt etwas, das muss ich Dir sagen.” Adrian stand im Türrahmen. Kein Hallo, nichts, aber Johanna blickte auf und musste lächeln, diese Locken, die unter seiner Pudelmütze hervorkrochen, die Augen, der Mund, Adrian. “Camus, ja?” sagte er und warf ein Nicken in Richtung des Buches. “Mmh, Camus.” sagte sie. Adrian war außer Atem und hatte die Hände in den Taschen des dunkelblauen Anoraks vergraben. “Johanna”, sagte er, und ihr Herz pochte, “es gibt etwas, das muss ich Dir sagen.” Okay?

Adrian.

“Johanna, ich weiß nicht, was ich sagen soll...”. Adrian kam sich vor wie Vierzehn. “Johanna, was gestern Nacht passiert ist, das tut mir leid. Ich wollte das nicht, ich weiß, das ist eine beschissene Ausrede, aber ich war betrunken und... mir ist das echt peinlich.” Er versuchte, ihren Blick zu erhaschen, aber sie drehte ihren Kopf zur Seite und knibbelte am dem doofen Adventskalender. Johanna saß still auf ihrem Stuhl und hörte, was Adrian sagte. Sie löste ihren Blick von seinem und spielte an den offenen Türen des Adventskalenders. “Adrian”, sie lachte kurz, “was soll ich sagen, ich meine, dass Du betrunken warst, das musst Du mir nicht erzählen, ich meine, Du hast die Hausbar leegetrunken, fast ganz alleine, aber dass Du glaubst, Dich bei mir entschuldigen zu müssen, weil Du in mein Bett gekotzt hast, das enttäuscht mich.” Sie blickte ihn an und kam nicht umhin, sein Lächeln zu erwidern. Adrian blickte zu Boden. “Ich wollte Dich nicht enttäuschen, Johanna.” Er lächelte kurz und tat, als wolle er sich abwenden. “Ach, und noch etwas wollte ich Dir sagen.” Er drehte sich zu ihr, sie hob die Augenbrauen. Sein Herz pochte. “Johanna... Du bist die klügste, entzückendste und verrückteste Frau auf der ganzen Welt. Ich liebe Dich.” Immer noch stand Adrian im Türrahmen und hielt sich in den Taschen seines Parkas fest. Ein USB-Stick und ein Taschentuch, mehr war da nicht. Johanna sagte nichts, sie saß nur da und war in diesem Moment alles. Ihm wurde die Sache unangenehm. “Ja, äh, willst Du mir mir gehen?” Johanna saß still auf dem weichen Polsterstuhl und hörte, was Adrian sagte. Sie blickte ihn an und ließ seine Worte wie warme Schokolade auf ihrer Seele schmelzen. Er, Adrian, er sagte, dass er sie, Johanna, liebe, sie möchte sterben vor Glück. Ja, äh, ob sie mit ihm gehen wolle, fragte er schüchtern und sie muss sich beeilen, um den Mund, um den sich ein verzweifeltes Lächeln wie aus Zucker gelegt hat, noch rechtzeitig zu küssen, bevor er seine Worte revidieren kann. Seine Hände durchstreiften ihre Haare und sie krallte sich in seinen dichten Locken so fest sie nur konnte, ihre Zungen umschlangen sich als hätten sie schon viel zu lange auf diesen Moment gewartet. Luft holen fällt jetzt mal aus, dachte sie, das könne sie nachher immer noch machen. Johanna löste sich blitzschnell aus ihrem Schneidersitz und sprang auf ihn, Adrian, zu, für Vorfreude war jetzt keine Zeit mehr, schon spürte er ihren Körper, ihre langen, weichen Haare in seinen Händen, ihre Lippen auf seinen, ihre Zunge in seinem Herz. Seit sie zusammen wohnten kämpfte Adrian mit Johannas unverschämter Unwiderstehlichkeit, wie eine Provokation war sie ihm stets vor Augen, wochenlang suchte er nach dem Haar in der Suppe doch er fand und fans keins. Verflucht hatte er sich, gestern in ihr Bett gekotzt zu haben, doch er würde es immer wieder tun, jeden Tag, wenn das, was er in diesem Moment spürte, die Belohnung war. Johanna riss sich von Adrian los und funkelte ihn spöttisch an. “Das war übrigens ne ganz schöne Sauerei. Hättest Du ruhig wegmachen können bevor Du Dich heute morgen verpisst hast.” Adrian zog entschuldigend die Stirn in Falten. “Jetzt ist die Hausbar ja erstmal leer.”, sagte er.

Johanna.


�I believe in the power of unconditional love. It will take you a looooong way.�

(Warren Buffet, probably one of the best quotes I heard in 2013)

19. Oktober 2013 / 12:05 Uhr


16. November 2013 / 12:26 Uhr

Im Meer der Zeit verschwimmen alle Sorgen.

5

Ich friere an einem hässlichen Münsteraner Novembersamstag zwischen Karstadt und Kaufhof. Menschen, die einkaufen wollen, kämpfen sich ihren Weg durch Menschen, die nicht einkaufen wollen. BEWEGUNGSFREIHEIT FÜR ALLE!, steht auf einem lilafarbenen Banner, wir skandieren UM EUROPA KEINE MAUER – BLEIBERECHT FÜR ALLE UND AUF DAUER! Wer das denn bezahlen solle, fragen zwei große Einkaufstüten, die kurz neben mir stehenbleiben. Es wird ein zwanzig Meter langes Blatt Papier auf den Boden gelegt. Da stehen die Namen von Flüchtlingen drauf, die auf dem Weg nach Europa ihr Leben ließen. Man könnte die Quittungen der Einkäufer daneben legen und gucken, was länger ist. Vier Wochen vorher stand ich mit den Füßen im Mittelmeer und versuchte mir vorzustellen, dass in demselben Wasser, kann man das so sagen, gerade wieder ein paar hundert Menschen ertrunken waren. Man sieht das Blut nicht, man sieht es nicht, man kann es sich nicht einmal vorstellen. Der Protestmarsch der dreihundert Alternativen, wie die Zeitung sie nennen wird, zieht durch die Festveranstaltung zur Krönung des Karnevalsprinzen, ein Skandal, wie die Zeitung es nennen wird. Prinz, Hendrik lässt sich seinen großen Tag nicht vermiesen, er lächelt milde und wird sagen, er sei froh in einer Stadt zu leben, in der so etwas möglich ist. Männer mit großen Nasen heben zum Gruß ihre Biergläser, der Moderator lacht “Worum auch immer es Euch geht, wir wünschen Euch viel Erfolg.” Ein jeder muss das tun, was ihn glücklich macht, daran gibt es keinen Zweifel.

6

Barcelona erinnert mich an eine Freundin von mir. Manchmal, wenn ich meine Freundin betrachte, meine ich, sie sei ein Fabelwesen, eine Fee. “Heiter, besonders schön, niemals alternd und darüber hinaus noch glücksbringend.”, sagt Wikipedia und bringt es auf den Punkt. Meine Freundin kann, wenn sie mit etwas nicht einverstanden ist, auf eine würdevolle Art böse gucken, das kann Barcelona auch. Barcelona ist eine Stadt, die mit erhobenem Haupt durch’s Leben geht, ihre Meinung sagt, und das Böse, wenn es sich nicht vermeiden lässt, stolz und kalt vorübergehen lässt. Wenn ich in der lauwarmen Dunkelheit in den Straßen Barcelonas zu ersticken drohe möchte ich nach jedem Schritt innehalten, riechen, schauen und tiefer in das Leben dieser Stadt eindringen, möchte die Stadt gegen eine Fassade drücken und mit meinen Händen durch ihr glänzendes, langes Haar fahren, sie an der Hand nehmen und mit ihr tanzen gehen bis wir uns in der Morgendämmerung am Strand wiederfinden und einander den Rotwein in die Schuhe schieben. Wir werden lachen ohne zu wissen, warum und ohne zu wissen, warum, werden wir uns anschauen und aufhören. Ich möchte mit ihr auf dem Plaça de Sant Pere schlafende Hunde wecken und später, betrunken, versuchen wir, die überflüssigen Punkte vom Montjuïc und dem Park Güell zu stehlen. Ach, Barcelona, schau mich nochmal an und lass mich mein Lächeln in Deinen Augen spiegeln. Dann lass’ ich Dich los, denn Du bist die schönste Fee von allen und ich nur ein einfacher Filou, daran gibt es keinen Zweifel.


9. Oktober 2013 / 12:32 Uhr


Für was es keinen Platz mehr gab:

Das beste Risotto der Welt.

Eigentlich hatte ich nichts Großes vor. Es war ein gewöhnlicher Donnerstagabend und ich wollte ein paar Sachen, die noch da waren, zu einem Risotto zusammenwerfen. Was man halt so macht. Am Ende schämte ich mich beinahe dafür, ein solch phänomenales Gericht auf dem Teller, aber keine Freunde am Tisch zu haben. Es ist recht simpel. Für zwei gute Portionen brät man zwei gehackte Zwiebeln und ein, zwei zerkleinerte Knoblauchzehen in Öl oder Butter glasig und fügt gut 200 g Risottoreis dazu. Wir lassen alles, bei Bedarf unter Zugabe von etwas zusätzlichem Fett, ein paar Minuten braten, rühren immer wieder um, und beginnen dann mit den Löscharbeiten. Ich fing mit einer Tasse Apfelsaft an, wartete, bis sie fast verkocht war, fügte nebenbei drei kleine ChiliSchoten und reichlich frisch gemahlenen Pfeffer bei und stieg dann auf eine eher kräftige Brühe um, die hatte ich mit kochendem Wasser nebenbei angerührt. Von der Brühe braucht es insgesamt vielleicht einen dreiviertel Liter, der peu à peu aufgeschüttet wird. Nach der Hälfte der Brühe gab ich eine halbe, gewürfelte Zucchini und eine halbe, ebenfalls gewürfelte Birne dazu. Beide waren sehr groß - man kann also, wenn Zucchini und oder die Birne eher klein sind, die ganze nehmen. Nachdem die letzte Brühe hinzugegeben ist kommen noch um die 100 g geriebener oder fein geschnittener Parmesan vom Stück dazu, ein bis zwei Teelöffel frischer Zitronensaft und ein letzter Schuss Apfelsaft. Am Ende darf der Reis wie auch das Gemüse noch etwas bissfest sein, die Flüssigkeit muss jedoch so weit verkocht sein, dass das Risotto cremig in der Pfanne liegt. Das Verkochen dauert seine Zeit, zwischendurch bitte immer mal rühren. Vor dem Servieren sollten die Chili-Schoten besser rausgenommen werden, sonst passiert, unter uns Mitteleuropäern, eine Katastrophe.

Die Geschichte der Stadt Murmansk. Eine Abhandlung über die siebenhundert Sprachen Papua-Neuguineas. Die Verlosung eines nigelnagelneuen Ford Fiesta. Bessere Texte. Schönere Bilder. Ein Zwiegespräch zwischen Victor Hugo und Petra Pau. Einen Lagebericht aus Wolkenkuckucksheim. Eine genauere Analyse der Mauertaktik von Widzew Łódź. Spiel, Spaß und Spannung. Pinguine.

Bald erhältlich: Berlin-Bern. Ein bebilderter Bericht. (Extra schön geschrieben!)

Alle Texte und Bilder, soweit nicht anders angegeben, von Hauke Karliczek. Feeback und alles weitere, was uns voranbringt, unter hauke@haukekarliczek.com

printed by newspaperclub.com

Zweitusig u drizä