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MP: Die Präsenz der Russ*innen seit mindestens SF: Schon in deiner letztjährigen Arbeit “El mu1880 trug dazu bei, anarchistische, sozialisti- seo y la representación de la memoria” hast sche und kommunistische Ideen an den Río de du danach gefragt, wie man die Geschichte in la Plata zu verpflanzen. Es gab eine Einwande- Großbuchstaben erzählt. Ist das etwas, das rung von Russ*innen, viele von ihnen Jüd*in- dich auch im aktuellen Stück beschäftigt? nen, aber auch Nichtjüd*innen, die zusammen mit DeutMP: Ich bin sehr daran interes“Die radikale Optischen, Ukrainer*innen landsiert, dass die Figuren in eine on könnte auch rewirtschaftliche Kolonien in spezifische Zeit und einen aktionär, nationalisteilweise unwirtlichen Gegenspezifischen Ort eingefügt tisch und rassisden Argentiniens gründeten. sind, und dass die Geschichte tisch sein. Was Misiones ist eine Provinz im dieser Zeit und dieses Ortes stellt man ihr entNorden des Landes mit einem ihre Geschichte beeinflusst gegen?” unerträglichen Klima, die und vice versa. Ich denke dadurch die Einwanderer*innen bei an Tolstoi, an Balzac, dieurbar gemacht wurde. Ich finse Idee, alltägliche Ereignisse de es besonders interessant, mir vorzustellen, im Leben der Figuren zu nehmen und sie mit was mit jenen Russ*innen passierte – die mit historischen und politischen Ereignissen zu Ideen von einem gewissen sozialistischen Ge- vermischen, und vor allem diese manchmal halt gekommen waren; viele Siedler*innen übertriebene Idee, dass ein Kunstwerk alles wollten den Boden kollektiv bewirtschaften – enthalten kann. Wie ein Weltroman. Ich greife was ist daraus geworden? Dass die Nachfah- diese Konzepte gerne auf. Die Idee, verschieren dieser Russ*innen in meinem Stück als dene Formate zu benutzen, ein MarionettenStripper*innen arbeiten, ist natürlich frei erfun- theater, ein Theaterstück und einen Film, hat den. Es wäre aber möglich. wiederum mit der Idee des Körpers zu tun, die

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das ganze Stück durchdringt. Der Schauspieler, der zur Marionette wird und von sich selbst bewegt wird, ihn dann mit präsentem Körper erst im Theaterstück und dann medial vermittelt im Film zu sehen, bringt einen dazu, über den Körper nachzudenken, danach zu fragen, wer bewegt wen, wer steuert wen? Was geschieht mit dem Körper in unterschiedlichen Kontexten als Zuschauer*in oder Protagonist*in der Geschichte? Gleichzeitig möchte ich auch Ideen der klassischen Avantgarde des 20. Jahrhundert eine Hommage erweisen. Sergej Eisenstein war Teil einer Theatergruppe und sein letztes Stück beinhaltete am Ende einen Film. Stell dir vor, wie das 1923 gewesen sein muss, als am Ende eines Theaterstücks ein Film kam! SF: Wie denkst du über die Möglichkeit der po-

litischen und der ästhetischen Aktion im heutigen Argentinien? MP: In vielen Stücken von Regisseur*innen mei-

ner Generation tauchen plötzlich wieder politische Problematiken auf. Mir scheint, dass es

HAU-Publikation “Utopische Realitäten"  

Begleitend zum Festival “Utopische Realitäten – 100 Jahre Gegenwart mit Alexandra Kollontai" ist eine neue Ausgabe der HAU Publikationsreihe...

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