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Wasteland Auf dessen Spuren hat sich  Felix Nicklas   begeben.

Vergnügungsparks und Jahrmärkte ziehen vornehmlich die Bizarren und Grotesken in ihren Bann. Freaks, übergewichtige Touristen, Michael Jackson und vor allem Kinder. Doch ein Mann, der wie niemand sonst mit den Wirren um Berlins einzigen Vergnügungspark, dem Spreepark, verbunden ist, hebt sich aus dieser illustren Runde als eine Art Lichtgestalt hervor: Norbert Witte.

Die Schaustellerei liegt Norbert Witte im Familienblut. Be-

nach dem Unfall in Hamburg, per Gerichtsbeschluss für ge-

reits sein Großvater Otto Witte brachte es schon zu zweifel-

schäftsunfähig erklärt worden war. Doch hinter den glitzern-

haften Ruhm und sogar zu einem Königstitel. Bereits mit 8

den Kulissen des Vergnügungsparks war er es, der die Fäden

Jahren vom Fake-Glanz des Jahrmarktsbetriebs betört, folg-

in der Hand hielt. Und so nimmt eine außerordentlich gestör-

te ein turbulenter Lebenswandel. Jahrmärkte, eine Entfüh-

te Geschichte ihren Lauf. In blinder Aufbruchsstimmung flos-

rung, Kerker, Fremdenlegion und türkische Spionageabwehr

sen Abermillionen D-Mark an Bankkrediten in den Park. Neue

waren nur einige Stationen auf seinem Lebensweg. Witte be-

Attraktionen wurden erworben, das Gelände kostspielig umge-

hauptete sogar 1913 mit seinem Freund, dem Schwertschlu-

staltet. Doch trotz all der baulichen und strukturellen Verän-

cker Max Schlepsig, am Ende des ersten Balkankriegs nach

derungen blieben die Besucherzahlen über Jahre hinweg rück-

Albanien gereist zu sein, um sich dort als Thronfolger, Prinz

gängig. Die Summe der Bankkredite belief sich damals schon

Halim ed-Din auszugeben. Am 15. Februar 1913 sei er auf-

auf über 50 Millionen DM.

grund dessen schließlich zum König ausgerufen worden. Sei-

1997 schloss Witte deswegen mit der Stadt Berlin einen

ne Regentschaft dauerte jedoch nur fünf Tage, bis der wah-

Erbbaurechtsvertrag ab, der ihm die Bankkredite sicherte und

re Thronfolger eintraf. Doch bis zu seinem Lebensende 1958

die Stadt Berlin dazu verpflichtete, für Witte mit einer Grund-

bestand er darauf ausschließlich mit: »ehemaliger König von

schuld von weiteren 20 Millionen DM zu haften. Zeitgleich mit

Albanien« angesprochen zu werden. Die Berliner Polizei ge-

der sich bereits am Horizont abzeichnenden CDU-Parteispen-

stand ihm dies sogar in seinem Pass, im Sinne eines Künst-

den Affäre, begann nun auch Norbert Wittes Engagement in

lernamens, zu. Eine Tatsache, die ihm in seinem Stadtteil

der Politik. Angestellte des Spreeparks wurden für den CDU

Berlin Pankow Berühmtheit verschaffte.

Wahlkampf abkommandiert, klebten Plakate oder verteilten

Das Leben seines Enkels Norbert sollte ebenfalls dem ei-

Broschüren. Witte, beflügelt von einem plötzlich erwachten po-

ner Achterbahnfahrt gleichen. Bereits im Alter von 26 Jahren

litischen Bewusstsein, wurde auch selber aktiv und warb kräf-

hatte er das verheerendste Jahrmarktunglück der deutschen

tig Mitglieder für die Partei. Die meisten davon sollten sich

Geschichte zu verantworten. Bei dem Versuch ein defektes

jedoch doch später als Karteileichen entpuppen. Das gesam-

Getriebe seiner Loopingbahn auf dem Hamburger Dom im

te Programm politischer Degeneration wurde durchexerziert.

August 1981 mit einem nicht versicherten, nicht zugelasse-

Doch meistens beruht so eine Partnerschaft auf Wechselwir-

nen Kran auszuwechseln, schwenkte er in die Flugbahn des

kung und so schien es niemanden aufzufallen, dass Witte seit

Nachbarfahrgeschäfts und zerfetzte dessen Gondeln. Sieben

eineinhalb Jahren mit den Pachtraten für das 29,5 Hektar gro-

Menschen starben, Fünfzehn wurden verletzt. Witte wurde für

ße Grundstück in Verzug geraten war. Am Ende kostete diese

dieses Kirmesunglück wegen fahrlässiger Tötung und Körper-

unseelige Episode die Stadt Berlin weitere 30 Millionen DM.

verletzung zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Kurz da-

Als sich 2001 die Spreepark GmbH auch noch Insolvenz an-

rauf verschwand er jedoch ins damalige Jugoslawien und

melden musste, haftete die Stadt Berlin, durch den Erbbau-

ward bis zur Wende nicht mehr gesehen.

rechtvertrag verpflichtet, mit den veranschlagten 20 Millionen

Mit dem Mauerfall gingen dann auch die Eigentumsrech-

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DM plus der entstandenen Zinsen.

te des Spreeparks, vormals VEB Kulturpark in Treptow an den

Dies war auch der Moment indem schierer Wahnwitz und Irr-

Berliner Senat über. Die Marktwirtschaft hielt Einzug, der Park

sinn den Spreepark vollends ruinierten. In einer Nacht und Ne-

wurde abgewickelt und ein neuer Betreiber wurde gesucht.

bel Aktion wurden 20 Container angeliefert, zusammen mit dut-

Den Zuschlag erhielt die westdeutsche Witte GmbH. Inha-

zenden Schwarzarbeitern aus Polen, die dann auch sofort damit

berin war Pia Witte, Norbert Wittes Ehefrau, da Witte selbst,

begannen sechs der Spreeparkattraktionen, unter anderem die

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HATE #2  

Zweite Ausgabe von HATE. Magazin für Relevanz und Stil, September 2008

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