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2 Botanic I

Laura Küchler m

p

Punks Im dunklen Zeichenwald Die Körperfresser a romantic education ; machine; pretoria; ; shutter beach vermerk. The imaginary landscapes The eighth day Vergiss dein nicht Marzahn Bussi Bär und Gummitierchen Schnupfen? Welcher Schnupfen?

sr

es

su

sm JOCL Nina Scholz Mieke Bohl Genaro Strobel Tina van der Ferus Julia Wölcher

Edwards / Franevsky / Scherff Caren Feller AEIOU Silke Janovsky Sören Kittel

ICH ist eine Krankheit

Nisaar Ulama

Against health

Tim Stüttgen

Mnemosyne also The god of hallux fire

e Random thoughts on Russian performance O.T. Oh No Ho »Glück ist ein warmes Gewehr« »Mit diesen Leuten Mitleid zu haben ist unangebracht«

Anna Möller Conor Creighton Cathérine Hug Lilly Lulay Joscha Schell Frank Eckert Jacques Schuhmacher

Natur abschaffen!

Jonas Gempp

Wider die Natur!

Juri Sternburg

Der Schamane Ayahuasca Waste O.T. Überlebende Tote

Büttner / Köhn Natascha Goldenberg Clemens Jahn Maximilian Koch Goll / Peter

Zilit; Lido lll Levander Zoe


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LAURA KÜCHLER

Botanic

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I m p r e s s u m

Magazin für Relevanz und Stil Krossener Straße 7 10245 Berlin hate-mag.com H E R A U S G E B E R : GbR Gempp, Scholz

Krossener Straße 7 10245 Berlin Registernummer: 14/518/00069 R E D A K T I O N :

Laura Ewert, l a u r a @ h a t e - m a g . c o m Jonas Gempp, j o n a s @ h a t e - m a g . c o m Nina Scholz, n i n a . s c h o l z @ h a t e - m a g . c o m

A rtdirektion : Johannes C. Büttner,

johannes@hate-mag.com

G E S T A L T E R I S C H E S

K O N Z E P T :

Johannes C. Büttner Nina Scholz

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:

Christin Bolte,c h r i s t i n @ h a t e - m a g . c o m

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:

Marie-Luise Gambig, Silke Janovsky, Timo Kather, Jasper Nicolaisen, Christian Simon

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:

Mieke Bohl, Johannes C. Büttner, Conor Creighton, Frank Eckert, Tina van der Ferus, Caren Feller, Philipp Goll, Cathérine Hug, Silke Janovsky, Maximillian Koch, Steffen Köhn, Sören Kittel, Stefanie Peter, Jacques Schumacher, Juri Sternburg, Tim Stüttgen, Nisaar Ulama, Julia Wölcher

K Ü N S T L E R : AEIOU, Colby Vincent Edwards, William Michael Franevsky, Natascha Goldenberg, Clemens Jahn, JOCL, Laura Küchler, Lilly Lulay, Anna Möller, Levander Zoe, Darko Rado, Joscha Schell, Jarrett Scherff, Genaro Strobel

H A T E

D A N K T :

Alexander Seeberg-Elverfeldt, Gesa Steinbrink, Suhrkamp, Britta Arnold, Birgit Haas, Johannes Klingebiel, Philipp Boston, Rampue, Tobias Hagelstein, Thilo Schneider, Swinka, Suz Shambo, David Lieske, Carlos de Brito, Sven von Thülen, Naherholung Sternchen, Sandra Molnár, David Schmitt, Klaus D. Scholz

Auflage: 1 . 5 0 0 HATE#9 kann für 7 EURO auf unserer Homepage bestellt werden. Dazu gibt es einen auf 250 Stück limitierten Aufnäher von Hanne Lippard und Strobo.eu.


JOCL

Punks


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»Agamben fantasises about a word that does not bind, that neither commands nor prohibits anything, but says only itself‘, a word that would name an utopian state of unfettered use and human praxis that the powers of (Scott Wilson: »BAsileus philosoPHOrum METaloricum«, in »Hideous Gnosis. Black Metal Theory Symposium«)

16

law and myth had sought to capture in the state of exeption‘. But there is no word that does not bind or prohibit or kill that which it names.«


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18 Als in den 90er Jahren in Norwegen Kirchen brann-

ten und Menschen starben hatte Black Metal seinen traurigen

»Death to False Metal!«

A

uf einmal ist Black Metal wieder da. Jene satanische Subkultur deren Geschichte dereinst als Tragödie einen trau-

rigen Höhepunkt erlebte. Damals, in den 90ern, als

Im Höhepunkt erreicht. Jetzt gibt es eine jüngere Generation, die ohne

die Black Metal-Welt noch in Ordnung, also einigermaßen abgeschottet von ihren Eindringlingen war, kannten die Karten durch den Zeichenwald kaum Irrwege: Man ging hierzulande in das Dickicht hinein und kam in Oslo wieder heraus. Dort gab es den von Euronymos betriebenen Plattenla-

Corpsepaint, obskure Rechtsideologie und Satanismus auszukom-

dunklen

den H e l v e t e . Die Szene scharte sich darum. Bald jedoch starben Menschen: Erst der Sänger Dead, dessen Selbstmord sein M a y h e m - Bandkollege Euronymos ordentlich ausschlachtete, bis

men scheint. Wer sind diese neuen Protagonisten? Sind sie Heils-

er selber starb. Erstochen vom notorischen Kirchenanzünder und Betreiber der Einmannband

B u r z u m , Varg Vikernes, seinem ehemaligen Freund und Rivalen. Ein nicht szeneinterner bringer oder Hipster? N i n a S c h o l z hat sich durch den Zei-

Mord bewies endgültig, dass es nicht nur um kindischen Satanismus und ein paar Spinner ging. Als Bard »Faust« Eithun im Olympiapark Lillehammer Magne Andreassen umbrachte, weil dieser

chenwald der düsteren Subkultur geschlagen.

dort schwulen Sex suchte, war auch außerhalb der subkulturellen Welt klar, wie rechtsideologisch es um den Black Metal bestellt war.

Zeichenwald


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NINA SCHOLZ

Im dunklen Zeichenwald

Auch damals schon war Black Metal nicht

Skandinavien und im Westerwald zu Hause war.

nur bei durchgeknallten Nazimetallern beliebt. In

Stetig und konsequent arbeitet unsere Zeichenkul-

den deutschen Provinzen, von Berlin nach Bayern

tur alle Trends, abseitigen Subkulturen und modi-

und von Stuttgart bis S p e x , wurde nicht immer

schen Vergangenheiten durch. Die Verwunderung

heimlich, aber meistens doch eher leise geraunt:

darüber, dass nun Black Metal in verschiedenen

»Du, ich liebe Black Metal. Ja, ja, genau. Die

Ausprägungen wieder auf der Bildfläche erscheint,

Nazi- und Satanistenrocker aus Norwegen. Aber

hält sich also in Grenzen. Und auch wir sprangen

die Musik sag ich dir - so gut!« Heute ist Black

liebend gerne auf diesen Zug auf als wir ein von

Metal längst in unserer zeichenkonfusen Zeit an-

Beste aufgenommenes Foto von Nattefrost auf das Cover der 5. Hateausgabe hievten. Aufgegeilt durch die Geschichte, dass Sänger Nattefrost dort sitzen würden, eingerieben mit der eigenen Scheisse, um den Geschmack des Rotweins, der ihm nicht zu seinem Heroinrausch gemundet hatte, wieder loszuwerden. Der Dokumentarfilm »Until the Light Takes Us« nimmt sich diesem Wandel an und ist nicht nur deswegen so brillant, weil die beiden Re-

gekommen. Die alten Karten gelten nicht mehr.

gisseure Aaron Aites und Audrey Ewell die Wi-

Gothic und Metal-Embleme sind als Gestaltungs-

dersprüche einfach im Raum stehen lassen. Sie

element im Mainstream angekommen. Bilder vom

suchen nicht nach großen Erklärungen warum

Fotografen (und Black Metal-Fan) Peter Beste

der Ur-Black Metaler Fenriz, Mitglied der Band

sind in Modeblogs durchaus populär. Wer im

»Darkthrone«, eine Galerie besucht, in der schön

Jahre 2011 ein zeitgemäßes T-Shirt tragen wollte,

aneinander gereiht Fotos von anderen Metalern

lag mit einem Motiv, das an Metalband-Logos

hängen und warum es so lustig ist, wenn er in einem

erinnerte, nicht daneben. Flyer für Hauptstadtpar-

Interview erklärt, dass er House Musik mag und

ties bedienen sich der Embleme einer Musikkul-

ganz besonders Monika Kruse. »Until The Light

tur, die bisher eher auf schwarzen Longsleeves in

Takes Us« lässt Metal einfach im Heute ankommen.

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NINA SCHOLZ

Im dunklen Zeichenwald

Varg Vikernes erzählt vom Gefängnis aus, wo er

materialistische westliche Kultur grundlegend

zu diesem Zeitpunkt noch seine Haftstrafe wegen

verändern wird. Entweder aus sich selbst heraus,

des Mordes an Euronymos absass, seinen egozent-

indem sich ihr Bewusstsein wandelt, oder weil

risch-psychotischen Nazischwachsinn. Fenriz darf

die Ressourcen ausgehen. Das war aber nicht mal

ohne große Erklärungen zehn Schritte weiter sein.

die eigentliche Motivation für unseren Ausstieg.

Damit ist zwar eine Bestandsaufnahme

Wir waren einfach nicht zufrieden als Teil eines

vorgenommen wie es der marginalisierten nor-

westlichen Mainstream-Daseins. Wir mögen es

wegischen Szene heute geht, es wird aber keine

harmonischer, ruhiger und traditioneller.« Positiv

Antwort auf die Frage gegeben, wie es tatsächlich um Black Metal steht. Schon seit einer gan-

formuliert war es für die Band W o l v e s i n t h e T h r o n e R o o m allerhöchste Eisenbahn, denn

zen Weil hört man von Bands aus Amerika, die

irgendjemand musste die Musik ihrem kindischen

sich dieser Musik angenommen haben. Sie tragen

Popanz entledigen und genauso frenetisch werden

Namen wie L i t u r g y , K r a l l i c e , A b s u , L e v i a t h a n , I n q u i s i t i o n und W o l v e s i n t h e T h r o n e R o o m . Besonders

sie derzeit in Magazinen und Feuilletons gefeiert. Großartigkeit der düsteren Rockhippies einig.

letztere werden als die Heilsbringer der jüngeren

Ganz allgemein gesprochen riecht deren Black

Metalkultur gefeiert. Sie leben im Bundesstaat

Metal Entwurf jedoch ein wenig zu streng nach

Washington auf einer autarken Farm inmitten dich-

Prenzlauer Berg.

T a z und der N e w Y o r k e r sind sich über die

ter Wälder. Würde es bei ihnen nicht so düster zu

Noch schlimmer scheint es nur um Liturgy

gehen, man könnte meinen in eine amerikanischen

zu stehen, die sich im Internet von den Verfechtern

Version der B a r 2 5 , dem Berliner Club- und Le-

des wahren Metal beschimpfen lassen müssen.

bensraum der mittlerweile berühmt gewordenen

»Hipster Müll« gehört auf Seiten wie Youtube

Business-Hippies, geraten zu sein. Nicht zuletzt,

noch zu den netteren Kommentaren, die unter

wenn sie im Interview mit dem Popkulturmagazin

ihren Videos auftauchen, die aber tatsächlich so

I n t r o erzählen: »Die moderne westliche Gesell-

aussehen als wären sie einem Handbuch für Jute-

schaft ist dem Untergang geweiht – alle Zivilisati-

beutel-Träger entsprungen. L i t u r g y s Front-

onen sind es. Es ist doch sehr offensichtlich, dass

mann Hunter Hunt-Hendrix studiert zudem Phi-

sich innerhalb der nächsten 50 Jahre die moderne

losophie und neulich ist die Band im New Yorker

1

1 Felix Scharlau: »Unhappy Hour« Intro, 2. November 2011

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NINA SCHOLZ

M o M A aufgetreten. Viel mehr Frevel geht eigentlich kaum.

Im dunklen Zeichenwald

turverehrung von W o l v e s i n t h e T h r o n e R o o m ist nicht geschichtslos. Schon im Standard-

Dem Sammelband »Hideous Gnosis«2, im

werk »Lords of Chaos« schreiben die beiden Au-

Eigenverlag zum ersten in Brooklyn veranstalte-

toren des Buches, Michael Moynihan und Didrik

ten »Black Metal Theory Symposium« erschienen,

Söderland: »Es hat den Anschein, als verschöbe

hat auch Hunt-Hendrix einen Text beigesteuert,

sich das Interesse allgemein vom mittelalterlichen

in dem er den amerikanischen Black Metal als

Stil des Satanismus zum Heidentum und zu ei-

»transzendentalen Metal« im Gegensatz zum nor-

ner finsteren Naturbesessenheit.«3 Ein Lied von

wegischen als »hyperboreanischen« abgrenzt. In

W o l v e s i n t h e T h r o n e R o o m heißt

seiner Argumentation, wie im Rest des Bandes,

beispielsweise T h u j a M a g u s I m p e r i u m .

geht es vor allem um eine Frage: Wie geht es wei-

Ein kreischender, droniger und dennoch schwer-

ter mit einem Black Metal, dessen Protagonisten

mütiger Song, der den Arbor Vitae, den »Tree of

entweder schwerkriminell, im verbotenen Main-

Life«, feiert. Jenen Baum des Lebens, der sich – als

stream wie D i m m u B o r g i r angekommen,

in der Religionsgeschichte verbreitetes Symbol

oder in der Bedeutungslosigkeit verschwun-

und Mythenmotiv - auf mythologische und religi-

den sind. Wie kann man als halbwegs normaler

öse Umdeutungen von Baumkult um heilige Bäu-

Mensch diese Musikkultur leben, sich in ihrer Tra-

me bezieht. Das anti-hedonistische, puritanische

dition bewegen und gleichzeitig die belastenden

Ausleben des Anti-Christentums, die heidnische

Schatten der Vergangenheit verlieren? Die Frage

Naturverehrung und die Schaffung kleiner Ge-

wird in »Hideous Gnosis« häufig mit Deleuze,

meinschaften finden sich sowohl im alten als im

Guattari und Agamben beantwortet, deren mytho-

neuen Black Metal wieder. Im puritanischen Kli-

logisch-verklausulierte Uneindeutigkeit gut zu der

ma Norwegens haben die Schwarzmetaller damals

nihilistischen Nicht-Sprache der Black Metaler zu

weniger einem klassischen Satanismus als einer

passen scheint.

ebenso puren, besessenen Verneinung des Chris-

Neben dem Nihilismus, der vom pseudosata-

tentums mit ähnlichen entsagenden, fanatischen

nischen in ein studentisch-postmodernes Sprach-

Implikationen gefrönt. Und auch die W o l v e s

system überführt wurde, gibt es noch andere,

haben ihren Thoreau, jenen Vordenker des Pu-

weitreichendere Gemeinsamkeiten. Auch die Na-

ritanismus amerikanischer Ausprägung, dessen

2 Nicolas Masciandaro [Hrsg.]: Hideous Gnosis. Black Metal Theory Symposium 1. Breiningsville, 2011

3 Michael Moynihan, Didrik Söderland: Lords of Chaos. Satanischer Metal: Der blutige Aufstieg aus dem Untergrund. 10. Aufl., Zeltingen-Rachtig, 2002, S. 250

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NINA SCHOLZ

Entsagungen und Gemeinschaftsleben sie in ihrer

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Im dunklen Zeichenwald

aus dem Inneren der Wälder in denen W o l v e s i n t h e

Kommune leben, verinnerlicht und weitergedacht. Dass Varg Vikernes mittlerweile aus dem Gefäng-

T h r o n e R o o m leben.

nis entlassen worden ist und mit seiner Frau und

Was also dereinst als Tragödie begann, endet nicht

Kindern auf einer Farm in Südnorwegen wohnt,

unbedingt als Farce. Die neuen Protagonisten der

soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden.

Black Metal-Szenen haben sich nicht nur der kin-

Naturverehrung und Verteidigung der Natur

dischen Besessenheit der Subkultur-Abgrenzung

gingen also im Black Metal schon immer Hand in

entledigt, sondern sich auch vom rassistischen und

Hand. Sowohl Liturgy als auch den Wolves geht

esoterisch-germanischen

es um die Essenz des Black Metal, seinen eigent-

ersten Generation verabschiedet. Die Musik und

lichen Kern und vor allem um den reinen, puren

auch die neue amerikanische Subkultur ist jedoch

Sound. Sie entledigen den Black Metal allen

beileibe nicht so geschichtslos und unpolitisch wie

Make-ups, malen ihm den Corpsepaint ab, wi-

sie auf den ersten Blick scheint. Als Zuhörer bleibt

schen die Rassismus-Schmuddeleien und den gan-

man fasziniert, begeistert, durchaus ratlos, aber

zen satanistischen Jugendmurks von den Wänden,

beileibe nicht so angewidert wie einst zurück und

fragen sich: Was bleibt dann noch?

ahnt: es müssen neue Karten gezeichnet werden.

Und beantworten die Frage mit einem Krach, der mehr Textur entfaltet und mehr Sinne anspricht als jedes mit Hilfe nordischer Chören vertonte Baphomet-Gebet, es jemals gekonnt hätte. Die musikalische Essenz ist Dunkelheit. Extrem schnelle Gitarre, dronige Flächen, noch schnelleres Schlagzeug, extrem hoher und oder extrem tiefer Gesang. Musik aus dem Inneren der Erde,

Mythenwahnsinn

der


29

28 Der Wiener Aktionist Rudolf Schwarzkogler scho-

Die

jungen Künstler die Anerkennung der Leistung, sich im Martyrium seiner Kunst ganz und gar hingegeben zu haben, nicht verweigern. Der junge Künstler, um den es hier geht, ist

ckierte in den 1960er Jahren mit seinen Selbstverstümmelungs-

Rudolf Schwarzkogler – einer der Wiener Aktionisten, die sich Mitte der 60er Jahre mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen darum bemühen, den abgestandenen Mief einer restriktiven öster-

Performances. M i e k e

B o h l setzt sich mit der Rezeption

reichischen Nachkriegsgesellschaft aufzurütteln.

2

2

Robert Hughes hatte auf der documenta 5 im Jahr 1972 Fotografien gesehen, die 1965 während der dritten Aktion Schwarzkoglers entstanden waren. Das Kastrationsthema verarbeitete Schwarzkog-

und Tradition dieser Praxis auseinander.

Körperfresser

1

3

ler aber bereits in sehr ähnlicher Weise in einer früheren Aktion – weshalb hier im Folgenden beide Performances zusammen besprochen werden.3

972 wird in dem New Yorker Magazin

T i m e ein

1

veröffentlicht, in dem eine so

radikale wie selbstzerstörerische Kunstaktion

4

1

Die Aufnahmen zeigen einen jungen Mann, an dessen überwiegend

beschrieben wird, die sich einige Jahre zuvor im alten Europa zugetragen haben soll. Der Autor

nacktem Körper (pseudo-) medizinische Behandlungen vor-

Robert Hughes berichtet darin von einem jungen Wiener Künstler, der sich in einer Art Performance

genommen werden. Sein Kopf und Geschlecht – später auch der

stückchenweise (»inch by inch«) den eigenen Penis amputiert haben soll und dies von einem Fotogra-

gesamte Körper – sind dick in Mullverbände gewickelt. Mit einer

fen dokumentieren ließ. Im Alter von 29 Jahren sei er auf diese Weise ums Leben gekommen . Hughes

Spritze, einem Messer oder auch mit Rasierklingen werden

Beschreibung der Aktion ist eigentlich als ein zynischer Verriss gedacht, dennoch kann er dem

medizinische Eingriffe angedeutet. Dunkle Flecken breiten sich

1 Robert Hughes: »The Decline and Fall of the Avant-Garde,« Time, December 18, 1972

2 1962 ließen sich Hermann Nitsch, Otto Mühl und Adolf Frohner für drei Tage in einen Keller einmauern, wo sie der Gründungslegende nach ihre ersten aktionistischen Werke geschaffen haben sollen. Den Hintereingang zum Keller hatten sie allerdings nicht zu gemauert. Günther Brus und Rudolf Schwarzkogler kamen etwas später dazu

3 Der Fotograf, der die zweite Aktion dokumentieren sollte, hatte einen Fleck auf der Mitte seiner Linse übersehen, weshalb Schwarzkogler die wichtigsten Szenen in der dritten Aktion wiederholte und gleichzeitig erweiterte.


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MIEKE BOHL

auf den weißen Verbänden aus und scheinen die zugefügten Verlet-

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Die Körperfresser

Betrachtung als eine reine Inszenierung. Tatsächlich kommt es bei Schwarzkoglers Arbeiten an

zungen zu bestätigen. Über einen Schlauch wird der ›Patient‹ mit

keiner Stelle zu einer wirklichen Verletzung des Körpers. Stattdessen begnügt er sich mit einer

Flüssigkeit aus kleinen Glasfläschchen versorgt. Kabelenden werden

fast kindlich naiv anmutenden Geste, die nur andeutet und die für einzelne Momente durchaus ins

ihm an die Schläfen gehalten oder, wie bei einer Transfusion, als

Humoreske entgleiten darf. Und es ist auch gar nicht Schwarzkogler selbst, an dem die Eingriffe

Katheder an den Unterarmen angebracht. In einer weiteren Steige-

vorgenommen werden sondern sein Freund Heinz Chibulka. Schwarzkogler ist dagegen auf einigen

rung quillen schließlich ganze Kabel-Haufen aus seinem Verband

Aufnahmen deutlich als derjenige zu erkennen,

5

der die Behandlung durchführt. Die verstörende und seinem Mund hervor. Die anderen Probanden dieser grotesken

Wirkung, die dennoch von diesen Arbeiten ausgeht, erzeugt Schwarzkogler indem er – wie bei

Szenerie sind mehrere tote Fische und eine weiße Kugel, die ähn-

gut gemachten Horrorfilmen viel Raum für die as-

6

soziativen Ausschmückungen seiner Rezipienten lichen Eingriffen ausgesetzt sind und auch in die Behandlung des

lässt. Die weißen Verbände verdecken die scheinbar zugefügten Wunden und überlassen das volle

jungen Mannes miteinbezogen werden.

Ausmaß der Verletzung der Fantasie des Betrach-

Die Fotografien hinterlassen den Ein-

ters. Ähnlich funktioniert der klaustrophobische

druck eines diffusen Schmerzes und das be-

Bildraum, der jeweils nur einen kleinen Ausschnitt

klemmende Gefühl des Ausgeliefertseins. Sie

zeigt und die näheren Umstände des Geschehens

zeigen einen gequälten Menschen, der hilflos

im Ungewissen lässt. Auch der klinisch weiße

seiner Behandlung ausgesetzt und bereits in

Hintergrund und die medizinischen Gerätschaften

dumpfer Apathie versunken zu sein scheint. Was

hinterlassen ein ungutes Gefühl.

Robert Hughes jedoch später dramatisch als eine Selbstkastration

mit

Todesfolge

7

8

Dieses vage Unbehagen speist sich aus

beschreiben

dem Eindruck, Zeuge einer obskuren, med-

wird, entpuppt sich bereits bei etwas genauerer

izinischen Versuchsreihe zu werden, deren Sinn 9

10


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MIEKE BOHL

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Die Körperfresser

oder Bedeutung sich dem Betrachter konstant ent-

kohol- und Drogenabhängige oder Homosexuelle

ziehen. Neben dieser assoziativen Aufladung ge-

›therapiert‹.

ben Schwarzkoglers Aktionsfotografien aber auch

Der Psychochirurgie wird zwar ab den 1950er

konkrete Hinweise. Die (pseudo-) medizinischen

Jahren durch die Erfindung von Psychopharmaka

Eingriffe, die Schwarzkogler an seinen ›Patienten‹

11

und dem verstärkten Einsatz der Elektroschock-

– seinem Freund Heinz Chibulka, der weißen

therapie Konkurrenz gemacht – tatsächlich wer-

Kugel und den toten Fischen – vornimmt, sind zi-

den aber noch bis weit in die 1970er Jahre hinein

tathafte Verweise auf einen düsteren Bereich der

Menschen psychochirurgisch von ihrem abwei5

chenden Sozialverhalten ›geheilt‹. Mit verhee-

Medizin. Der Psychochirurgie liegt die Annahme zugrunde, dass psychische Störungen oder abwei-

12

renden Auswirkungen für die Therapierten:

chendes, störendes Verhalten durch krankhafte

Sprach-, Schlaf- und Konzentrationsstörungen

›Verhärtungen’ in den Nervenbahnen des Gehirns

sowie erhebliche Erinnerungslücken sind da noch

verursacht werden. Durch ein in die Schädeldecke

die harmloseren Nebenwirkungen – andere Pa-

gebohrtes Loch (L e u k o t o m i e ), einem direkt

13

tienten dämmern fortan apathisch vor sich hin.

durch die Augenhöhle in den vorderen Bereich des

Etwa fünf Prozent überleben den Eingriff nicht.6

Gehirns gestoßenen Eispickel (L o b o t o m i e )

Ein nach der Behandlung apathisch wirkender

oder durch mehr oder weniger gezielte Stromstöße

Patient ist jedoch kein Anlass für Zweifel. Der

(S t e r e o t a x i e ) sollen die ›schadhaften‹ Ner-

Erfolg eines Eingriffs wird an der möglichst un-

venstränge zerstört und der Mensch von seinem

14

auffälligen Wiedereingliederungsfähigkeit ins so-

Leiden ›geheilt‹ werden. Ursprünglich wurde

ziale Gefüge bemessen – eine gewisse Dämpfung

die Methode in den 1930er Jahren entwickelt, um

der Persönlichkeit scheint da gerade von Vorteil.

damit Patienten, die an Zwangsneurosen oder

Schwarzkogler nimmt einzelne Fragmente dieser

Schizophrenie litten, für den geregelten Ablauf

15

psychiatrischer Anstalten gefügig zu machen.4

anpassenden ›Heilungsmethode‹ in seine Aktionsfotografien auf und bindet sie alptraumartig

Das Potenzial des Eingriffs wird jedoch schnell

lose aneinander. Gleich zu Beginn seiner zweiten

erkannt – schon bald werden damit auch depres-

5 Der erste stereotaktische Eingriff wird 1962 von dem deutschen Neurologen Fitz Douglas Röder an einem Patienten mit ›abweichendem Sexualverhalten‹ (er wird mal als pädophil, mal als homophil beschrieben) durchgeführt. Röder behandelt aber auch Drogen- und Alkoholabhängige. Mit der Erfindung der Stereotaxie erlebt die Psychochirurgie eine zweite Hochphase. Noch 1978 soll die Stereotaxie in Deutschland als Standardtherapie bei sexuellen ›Verhaltensstörungen‹ anerkannt werden – was aber verhindert werden kann. (Vgl. Volkmar Sigusch, Sexuelle Störung und ihre Behandlung, 2007, Seite 328. / »Umschaltung ins Lammfromme«, Spiegel, 11.08.1975)

sive Hausfrauen, verhaltensauffällige Kinder, Randalierer, traumatisierte Kriegsrückkehrer, Al4 Der Erfinder dieser Methode, der portugiesischen Arzt Egas Moniz, erhält dafür 1949 den Medizinnobelpreis – er wird jedoch schon kurz darauf von einem seiner leukotomierten Patienten erschossen. Zu wirklicher Berühmtheit gelangt die Psychochirurgie aber erst mit Walter J. Freeman, einem amerikanischen Arzt und Psychiater, der den Eingriff mit einem eispickelartigen Instrument durch die Augenhöhle durchführt und statt einer ihm zu aufwendigen Betäubung

16

seine Patienten lieber direkt mit Elektroschocks in ein vorübergehendes Koma versetzt. Auf diese Weise kann der Eingriff ambulant und innerhalb von wenigen Minuten vorgenommen werden. Freeman – er wird bis in die 1950er Jahre als eine Art ›Wunderheiler’ gefeiert – ›operiert’ vor laufenden Kameras und reist mit einem Wohnmobil, das er Lobomobil nennt, durch die USA. (Vgl. Susanne Regener, Visuelle Gewalt – Menschenbilder aus der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts, 2010.)

1.

2. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 6 x 6 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

2.

2. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 6 x 6 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

3.

2. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 60 x 50 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

4.

2. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 6 x 6 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

5.

2. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 38 x 28.5 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

6.

2. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 60 x 50 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

7.

2. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 6 x 6 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

8.

2. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 6 x 6 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

9.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 24 x 30 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

10.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 6 x 6 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

6 Freeman beispielsweise verzichtet grundsätzlich darauf sein Operationsbesteck zu desinfizieren, da er nicht an Hygiene glaubt.


34

MIEKE BOHL

35

Die Körperfresser

Aktion l e u k o t o m i e r t er die weiße Kugel

in Mullverbände gewickelten Penis Messer, Sche-

mit einem Handbohrer. Die an die Schläfe seines

ren und Rasierklingen drapiert, verweist er damit

Freundes Chibulka angesetzte Spritze bereitet

aber auch auf eine in der Menschheitsgeschichte

als örtliche Betäubung den Eingriff vor. Auf dem

verankerte Kulturtechnik.9 In Deutschland wird

weißen Kopfverband zeigt ein dunkler Fleck un-

die ärztliche Durchführung von Kastration noch

terhalb des linken Auges an, dass hier bereits eine

1963 in einem Grundsatzurteil (im BGHSt.19)

L o b o t o m i e durchgeführt wurde. Zwei eben-

bestätigt. Sie kann demnach zwangsverordnet

falls an die Schläfen gehaltene Kabelenden dienen

werden, »sofern sie das einzige Mittel ist, den Be-

der zusätzlichen Behandlung mit Elektroschocks

troffenen von einem entarteten Geschlechtstrieb

– deren schädigende Wirkung manifestiert sich als

zu befreien«.10 Wie die Psychochirurgie erweist

wirre Kabelhaufen, die aus Mund und Brustkorb

sich damit auch die Kastration als ein Bereich der

quillen.7 Schwarzkogler arbeitet sich hier an ei-

Medizin, in dem Heilung, Prävention, Kriminali-

nem Bereich der Medizin ab, der gesellschaftliche

sierung und Bestrafung fest miteinander verknüpft

Normen zu einer Art Naturzustand erklärt und

werden. Schwarzkoglers Aktionsfotografien bezie-

darum bemüht ist, jede Abweichung von diesen

hen sich auch hier auf die Eingriffe einer invasiven

›natürlichen‹ Normen als krankhaftes Gewebe aus

Medizin, die darauf abzielt, Abweichendes oder

dem Gehirn zu entfernen.

auch ›Entartetes‹« aus dem Menschen heraus-

Schwarzkoglers zweite und dritte Akti-

oder abzuschneiden – und damit auf ganz konkrete

on werden in der Rezeption jedoch meist auf das

›Therapieformen‹ seiner Zeit. Umso ärgerlicher

Kastrationsthema fixiert. Neben den eingangs

erscheint die grandiose Fehlinterpretation eines

erwähnten Selbstverstümmelungsfantasien à la

Robert Hughes, der 1972 wahrscheinlich als ers-

Robert Hughes, werden diese Arbeiten in der Re-

ter die Geschichte vom sich selbst zentimeterwei-

gel als eine künstlerische Aufarbeitung Freud’scher

se kastrierenden und daran zu Grunde gehenden

8

Kastrationsängste gedeutet. Wenn Schwarzkog-

Schwarzkogler erzählt.11 Ärgerlich auch deshalb,

ler stellvertretend in einen über Chibulkas Penis

weil er sich über die Inhaltslosigkeit dieser, von

gezogenen Fischkopf schneidet oder sticht (die

ihm falsch interpretierten, künstlerischen Geste

Kugel und die Fische scheinen so etwas wie Alter

9 Als erstes Land nimmt Kansas 1855 die Zwangskastration in die Rechtssprechung auf, um damit mehrfach begangene Sexualdelikte abzustrafen. 1929 zieht Dänemark als erstes europäisches Land nach. In Deutschland wird die Zwangskastration von den Nazis mit dem Erbgesundheitsgesetz eingeführt. (Vgl. Volkmar Sigusch, Sexuelle Störung und ihre Behandlung, 2007 (4. Auflage), S. 325.)

Egos von Chibulka zu sein) – oder neben dem dick 7 Die Transfusion mit dem Kabelkatheder und die orale Versorgung mit Flüssigkeit über einen Schlauch werden dabei wohl als lebenserhaltende Maßnahmen eingesetzt.

8 Ein großartiges Beispiel dafür liefert Gerald Schröder: derselbe, Schmerzensmänner. Trauma und Therapie in der westdeutschen und österreichischen Kunst der 1960er Jahre, 2011, S. 429 ff.

10 Volkmar Sigusch, Sexuelle Störung, 3. Aufl. Stuttgart: 2007, S. 325.

11.

3. Aktion, Wien 1965 s/w Fotografie (Foto: Ludwig Hoffenreich) 24,5 x 18 cm Courtesy Galerie Konzett

12.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 59,5 x 49,5 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

13.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 60 x 50 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

14.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 60 x 50 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

15.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 60 x 50 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

16.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 6 x 6 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

17.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 60 x 50 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

18.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 29 x 39 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

19.

3. Aktion, 1965 Silbergelatineabzug (Foto: Ludwig Hoffenreich) 60 x 50 cm Courtesy Galerie Krinzinger, Wien

11 Zum Teil lässt sich Hughes Fehlinterpretation damit erklären, dass auf der documenta 5 nur eine sehr kleine Auswahl der 3. Aktion zu sehen war. Zudem hatte Hughes wohl aufgrund einer irreführenden Etikettierung Schwarzkoglers Arbeiten mit denen von Günther Brus, die in direkter Nachbarschaft hingen, verwechselt. Im Gegensatz zu Schwarzkogler nimmt Brus in seiner Aktion Körperanalyse von 1969 tatsächlich Ritzungen am


36

MIEKE BOHL

Die Körperfresser

beklagt (»Having nothing to say, and nowhere to

schnitte normierender Mechanismen. Gleichzeitig

go but further out, he lopped himself and called

hat die schmerzhafte Intensität seiner Arbeiten

12

it art.«) Ärgerlich aber vor allem deshalb, weil

aber immer auch etwas lustvoll Genießendes. In

Hughes Bericht ungeprüft von einschlägigen

einer Art sinnlichen Überforderung (er nennt das

Kunstmagazinen

Standardpublikationen

»Purgatorium der Sinne«) soll der Mensch seiner

übernommen wird, die Schwarzkogler noch über

gewohnten Wahrnehmung entfremdet werden

und

die nächsten 30 Jahre als den Künstler feiern (mal

17

kopfschüttelnd, mal ehrfürchtig), der sich bis zur letzten Konsequenz – seiner Selbsttötung – der Kunst geopfert habe. Gebetsmühlenartig wird der Mythos von der Penisamputation als Kunstaktion des dabei versterbenden Schwarzkogler re-

18

petiert.13 Was einerseits vielleicht eine Lust oder Sehnsucht am Kranken, Kaputten destruktiv Abweichenden veranschaulicht, die sich eben nicht aus dem Kopf herausschneiden lässt – verstellt

19

andererseits noch für lange Zeit den Blick für die

und so in Kontakt mit seinem wahren Selbst und

gesellschaftskritischen Zusammenhänge dieser

einer »wirklichen Wirklichkeit« treten. Ein künst-

Arbeiten.

lerischer Selbstanspruch, der zum Scheitern verur-

Wie es sich für einen Künstler der 1960er

teilt ist. Schwarzkogler ist nie ganz zufrieden mit

Jahre gehört, will Schwarzkogler den Menschen

seinen Ergebnissen. Schon bald verwirft er seine

von seinen gesellschaftlichen Konditionierungen

aktionistischen Arbeiten und wendet sich stattdes-

zu befreien. Anstelle einer politischen Agitation in

sen installativen Raumkonzepten zu, die das syn-

Gestalt einer fest ausformulierten Botschaft, arbei-

ästhetische Erleben befördern sollen – die jedoch

tet Schwarzkogler jedoch mit zitathaft fragmen-

nie realisiert werden. Tatsächlich wird nicht eine

tarischen Verweisen – zwischen denen er Raum

Arbeit von Schwarzkogler zu seinen Lebzeiten

für die assoziativen Aufladungen des Betrachters

ausgestellt. 1969 fällt der von seinem Umfeld als

lässt. Schwarzkogler richtet sich gegen die Ein-

psychisch instabil beschriebene Schwarzkogler un-

12 Und dies dann auch noch als Emblem für den Verfall zeitgenössischer Kunst insgesamt an den Anfang seines Essays mit dem programmatischen Titel The Decline and Fall of the Avant-Garde setzt. (Robert Hughes, »The Decline and Fall of the Avant-Garde« Time, 18.12.1972.)

ter nicht geklärten Umständen aus dem Fenster.

13 Sven Drühl »Düstere Legenden. Vom Mythos des Suizids und der Autoamputation in der Aktionskunst.«, Kunstforum international, Bd. 153: Choreografie der Gewalt, 2001, S. 74-82.

37


GENARO STROBEL

a romantic education


GENARO STROBEL

machine


GENARO STROBEL / p r e t o r i a

shutter beach


45

44 wachen in den dünen auf , dass wetter, regnerisch trüb/grau. gegenüber das meer.

fast ein fest, tanzen, trinken. FucK. ganz viel von nichts, erst störung , dann stille.

ein paar meter weiter, stimmen, gelächter. vielleicht ein schrei.

vermerk.

kopfschmerzen, übelkeit. alles viel zu laut - der abend.

wachen auf in den dünen, regnerisch/trüb. gegenüber das meer. entsorgen des mülls, vom abend davor. ein körper.

(wie immer) zu wenig h2o zum alkohol. sehen in richtung stimmen. gute laune mit müll. irgendwer entsorgt ballast vom vorabend (wir - verständnis). Tina van der Ferus. es nervt, alles zu laut. papier in der luft. ein lebloser körper wird bewegt. zerquetschte flaschen. pfand ca. 5€. körper, gemüse, grillzeug. FUCk. kopfschmerzen. übelkeit. Schnell weg. BITTe. am strand ein haus, laut. sitzen, manchmal musik zur bewegung. viel alkohol, von allem zu viel, zu wenig wasser.


47

46 time and place. This combination of old and new

The imaginary

images is what makes this »dark-childhood dream« so realistic. A situation, where blades of ice skates are re-assembled to a club; a most simple tool or weapon and an imagination with reality breathing down your neck.

P

Julia Wölcher ost-apocalyptic

landscapes

bear

In Western culture, we are likely to believe

a

that whatever is exhibited in a museum is proved

quirky fascination. Barren, desolate pictures

reality and existence. May it be a distant land, a so-

formed by a range of parameters are more

ciety, or a turn in history. The anachronistic pieces

than embedded stories in geographic vicinities at

from »The 8th Day« include pictures of post-apoc-

a certain point. These landscapes are set in a dark

alyptic dwellers in uniform-like attires presented in

future; fearful, yet exciting imaginations.

the same way cultural-history artefacts have been

Some of us might have experienced this one

brought to the museum, after strenuous excava-

moment of realization: Seeing something we al-

tions. This creates the imagination of a world and

ways wanted but didn‘t have the spirit, the guts,

time from which these are living proof and almost

the vision, or the time for rendering it. And then

effortless.

you stroll down the internet, like in my case, and

The showcased photographs offer an intensi-

come across something that immediately makes

fied imagination of their artists’ dreams. Portrayed

sense:

in black and white they expose post-apocalyptic

In New York, »the 5 and 6 art space« host-

nomads in undefined places while their gears and

ed an exhibition called »The 8th Day«, a col-

outfits tell the story of landscape as the determin-

laborative by Colby Vincent Edwards, William

ing factor. A space it is necessary to adjust to the

1

Franevsky and Jarrett Scherff . Artefacts were put

outer circumstances and shaping the outside to our

together in archaic manners. By combining things

beliefs. The pictures transport light and setting in

we are familiar with in a way that turns them into

empty landscapes.

useful tools (or weapons) the exhibits were dis-

These pictures linger on. Repeatedly in films,

played in a post-apocalyptic setting of unspecified

the world we live in, namely Western civilization,

1 the 8th day: the8thday.tumblr.com/

landscape


48

JULIA WÖLCHER

is overcome by an immense crisis. May it be an

The imaginary Landscape

49

pointed collapse of society is pictured by a loss of moral and stan-

economical or ecological downfall, the breaking down of viruses, zombies, oil and water shortages,

dards and placed in deserted landscape of equal scarcity. Meager

subjection to political or military oppression; all of them are turning the world into dystopia. The

vegetation, dry grounds, a mountain range in the distance, traces

bleak landscapes of »The 8th day« function as a mirror of the social downturn and the pictures of

of power lines, bottles, a ridge. In these moments of emptiness our imagination accelerates. As well as our fears do. Yet, what appears empty is on the contrary full of narratives and contradictions.

Where does this fascination with this other, negative, demolished, destructive space come from? The pictures of these landscapes hold more than a mood or information on natural surrounddecay-burning blocks, broken windows, power

ings as we negotiate a cultural and social situation

shortages, marauding gangs, infrastructural black-

through them. Therein are traces of the world we

outs all transport fears of darkness, of violence, of

live in. A combination of what we fear with what we

loneliness.

desire -beyond the system we live in. We are afraid of loosing what we have learned and accumulated and this also includes our behaviours, emotions,

It is a picture of a dream and a dark imagination of a world in which

and the simple lessons on how to survive. We are confronted with alienation of what motivates us

all complexity has been reduced. Ganging up in a group within this

and why. By imagining what this world would be like, we deal ourselves a new set of familiar things

hostile, poisoned environment seems the only way to survive. This

in new circumstances.


50

JULIA WÖLCHER

The imaginary Landscape

The images function in similar ways to the

simply to survive. A liberating thought which ap-

mirror in »Of other Spaces« by Michel Foucault:

plies to our real existing need for friendship, com-

»…it makes this place that I occupy at the moment

panionship, and such with out leaders.

when I look at myself in the glass at once absolutely

By re-identifying real situations in this con-

real, connected with all the space that surrounds

text, imagination and reality overlap. What is fas-

it, and absolutely unreal, since in order to be per-

cinating is the state of these lived in places and

ceived it has to pass through this virtual point

landscapes: so familiar and now so desolate at the

which is over there.« These images are the »mir-

momentum of transformation that awaits them/us.

ror« between the utopia, an unreal space, and the

Jorge Luis Borges states that being aware of writ-

»heterotopia«, a real place formed by society and a

ing about good and bad things, he would particu-

space in which »all the other real sites that can be

larly report of bad things, »since happiness does

found within the culture, are simultaneously repre-

not need to be transformed: happiness has its own

sented, contested, and inverted.«2

end.«4

This imagined, dark, other space has lost the

Discussing what it would be like is at the

complexity of our real space. The Western idea of

same time a negotiation of our current situation.

nature as an exploitable resource, e.g., the cultural

Transformation starts from there.

landscape, is withdrawn from human authority by its destruction. This also applies to the constructed environment as the promise of a safe city, the comfort of crowds, and illumination at night turn into a landscape that has to be approached. Upon the image of total crisis rest the oppositions within space as »between private space and public space, between family space and social space, between cultural space and useful space, between the space of leisure and that of work« which govern our lives break apart3. This is an unexpected Utopian moment in which we band together 2 Foucault, Michel (1967): Of Other Spaces, Heterotopias. http://foucault.info/documents/heteroTopia/ foucault.heteroTopia.en.html

3

Ebd

4 Borges, Jorge Luis (1984): Seven Nights, New Directions Publishing, New York, S. 116

51


Colby Vincent Edwards / William Michael Franevsky / Jarrett Scherff

The Eighth Day


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Der Kรถrper, der ewige Feind

63


65

64 Der Vater von C a r e n

F e l l e r hat Alzheimer.

aber bitte so tun, als wisse ich nicht, was er habe. Und sie gab mir eine Nummer, die so lang war, dass es mir unmöglich erschien, dass sie zu irgendeinem Anschluss führen könnte.

Sagen die Ärzte. Er sagt, er habe ein Handicap. Ob er krank ist, ent-

Vor ein paar Jahren hat mein Vater mich gebeten, ich solle ihn bitte erschießen, falls er Alzheimer bekomme. Ich wisse ja, wo der Revolver meines Opapa sei. Wusste ich nicht. Eine Zeit lang

scheidet er immer noch selbst.

war ich stolz auf diese Geschichte. Ich verstand es als ein Zeichen der Freundschaft, der Schwäche

A

Vergiss ls der Anruf kam, überlegte ich wie

meines ansonsten eher gefühlsvorsichtigen Vaters. Irgendwann verstand ich es dann aber richtig: als unfaire Bürde.

immer, ob ich rangehen sollte, und sagte

Ich sollte ihn anrufen und so tun, als wäre

dann etwas zu euphorisch: »Hallo Papa!«

nichts. Einfach mit ihm reden. Aber er redete

Es war aber nicht mein Vater, obwohl sein Vor-

kaum. Er stieß nur immer wieder ein »Ja« in den

name, Nachname auf dem Telefonbildschirm

Hörer, als ertaste er sich mit diesem »Ja« sein Be-

schwarz auf grün leuchteten. Und ich ahnte, was

wusstsein, als verschaffe er sich damit Zeit. Die

kommen würde, als die neue Frau meines Vaters

Woche zuvor war das noch anders. Als er von dem

seufzte. Ich hatte mir das ja alles schon mal vor-

Ausbau seines Hauses erzählte, von den Plänen.

gestellt. Das Drucksen, das Einleiten, die halben

»Wir«, sagte er in letzter Zeit immer öfter und die-

Sätze, das Starksein. Nicht denken, nicht weinen.

ses »Wir« gab mir zu verstehen, dass ich nun nicht

Dinge sagen wie: »Das schaffen wir schon.«

mehr die Wichtigste in seinem Leben war. Aber

dein

Mein Vater war im Krankenhaus und man wusste nicht genau, was er hatte, wohl einen

das bedeutete auch, dass ich nun nicht mehr allein verantwortlich war.

Schlaganfall. »Aussetzer«, sagte die Frau meines

Früher sprach er von Kunst, jetzt sprach er

Vaters. Er sei ja schon länger komisch gewesen.

von Hunden, die im Fernsehen laut bellten. Frü-

Aussetzer. Ich solle ihn im Krankenhaus anrufen,

her war er zynisch, jetzt verwechselte er theore-

nicht


66

CAREN FELLER

Ve r g i s s d e i n n i ch t

tisch und praktisch. »Theoretisch ist das kein Pro-

Zopf an ihrem weißen Kittel bis zum Hintern he-

blem«, hat er immer gesagt, wenn ich ihn um etwas

runterhing. Sie sah evangelisch aus und am liebs-

bat. Und ich habe es nie so ganz verstanden. Jetzt

ten wollte ich sie schlagen, damit sie eine Regung

war es auf einmal praktisch kein Problem, aber das

zeigte.

stimmte ja nun auch nicht.

»Ich habe schon mitbekommen, Ihre Familienverhältnisse sind etwas komplizierter«, sagte sie

»Du bist müde, hab ich gehört?«

und meine Schwester und ich schauten uns an, als

»Ja, müde oder irgendwie so was bin ich wohl.«

könnten wir entscheiden, ob wir nun lachen dürf-

»Du musst dich pflegen und schlafen.«

ten oder sauer sein müssten. Aber wir waren ja

»Ja.«

ausgeliefert.

»Komm einfach schnell.«

Wir gingen mit der Ärztin zu dem Zimmer

»Ja, vielleicht komme ich am besten schon am Wo-

meines Vaters. Vor der Tür warteten wir kurz. Da-

chenende?«

hinter lag er. Grau war er und klein, und er trug ei-

»Vielleicht sind wir am Wochenende unterwegs?

nen hellblauen Schlafanzug. Hilfesuchend schaute

Das weiß ich nicht.«

er mich an, lebendiger, als ich mir vorgestellt hatte.

Im Hintergrund sagte ihm eine Stimme etwas vor. »Nein, am Wochenende sind wir gar nicht unterwegs.«

Seine Augen schienen größer als sonst. Und alles, was ich tun konnte, war, meinen Kopf auf seinen Körper zu legen, damit er nicht sah, dass ich weinen musste. Er roch schon länger nicht mehr nach

Mein Vater ist vor zehn Jahren in den Osten

meinem Vater. Jetzt roch er ganz und gar fremd.

gezogen, aufs Land. Das habe ich nie verstanden.

Nach seiner neuen Wohnung, dem neuen Wasch-

Er ist jetzt fast 80. Ich fand, es war kein guter Ort,

mittel seiner Frau und der chemischen Sauberkeit

dort, wo es zwischen Autobahn und Alkoholismus

des Krankenhauses. Er legte seine Hand auf mei-

nicht viel zu geben schien. Und zumindest im Fall

nen Kopf, während die Ärztin ihm Fragen stellte,

des nahegelegenen Krankenhauses war meine

die er nicht beantworten konnte.

Skepsis angebracht.

»Ich weiß, ich bin durcheinander. Aber das

»Darf ich Ihnen überhaupt Auskunft ertei-

ist auch ganz gut so«, sagte mein Vater. Er hätte

len?«, fragte die Ärztin, deren langer geflochtener

ja auch nicht mehr gewusst, dass er Oberstudien-

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68

CAREN FELLER

rat gewesen sei, sagte die Ärztin - ich konnte nicht

Ve r g i s s d e i n n i ch t

69

fahren sollten, weil man mit Tränen im Auge nicht gut sieht.

verstehen, dass man ihn nun auch noch vorführen musste. Ich hatte ja verstanden, dass das Gehirn

»Du bist so alt geworden«, sagte mein Vater zu

meines Vaters nun langsam immer weniger funkti-

mir, als ich ihn wieder besuchte. »Du siehst ganz

onieren würde.

anders aus.« Er fragte mich, was ich eigentlich sei,

Irgendwann sagte sie, dass er Alzheimer habe, und

und ich wusste nicht, was die richtige Antwort sein

er sagte: »Ja, gut«, und ich tat so, als wäre nichts,

könnte, also erzählte ich ihm von dem Auto, mit

als wäre das alles normal. Meine Schwester saß auf

dem ich gekommen war, und von den Bäumen, die

der Heizung neben dem Bett, aber ich schaute sie

zu Hause vor meinem Fenster stehen.

nicht an. Eigentlich überlegte ich nur, wie ich am schnellsten verschwinden könnte.

Diagnose: - subakuter Thalamusinfarkt links, arterio-arterielleemboli-

In den Broschüren des Bundesministeriums stand, dass man sich

scher Genese - mittelgradige Demenz vom Alzheimer-Typ

gut überlegen solle, ob man dem Patienten die Diagnose mitteile. So stand es auf einem Papier, das meine SchwesWegen der Depressionen, die darauf folgen könnten. Aber es stand

ter auf dem Küchentisch meines Vaters gefunden hatte.

nicht darin, was ich tun sollte, jetzt, wo ich auf meinen einzigen

»Meine Erlebniswelten sind auseinander gefallen«, erklärte mein Vater mir, als wir in der Ca-

Ratgeber verzichten musste. Es stand nicht darin, ob es moralisch

feteria des Krankenhauses ein Stück aufgetaute Sahnetorte aßen. Er gestikulierte dabei so vorsich-

verwerflich ist, wenn meine Schwester meinen Vater daran erinnern

tig, als entdecke er gerade die eigene Motorik. Als am Nebentisch ein Mann Platz nahm, wurde mein

würde, dass sie noch Geld von ihm bekommt. Und es stand auch

Vater, der sonst kaum Interesse an fremden Menschen hatte, gesprächig, so erfreut war er, sich zu

nicht darin, dass die Angehörigen nach der Diagnose kein Auto

erinnern, dass dieser Mann neben ihm im Zimmer lag, als er eingeliefert worden war.


70

CAREN FELLER

Ve r g i s s d e i n n i ch t

Nach ein, zwei Wochen wurde mein Vater

eigentlich kommt die hauptsächlich für seine Frau.

entlassen. Er bekam viele Medikamente, Pflaster

Ein paar Monate später fuhren mein Vater

und Pillen. Seine Schwester rief an und sagte,

und ich zusammen in den Urlaub zur Familie ins

er habe ganz sicher kein Alzheimer, sie würde ja

Ausland.

auch öfter mal was vergessen. Das sei ganz normal

Ein letztes Mal, das wussten alle. Meine

in dem Alter. Ein Freund riet, zu einem Arzt zu

Tante drängte ihren Bruder dazu, wieder mit dem

fahren, der sich auf chinesische Medizin speziali-

Malen anzufangen, aber er wollte nicht. »Das kann

siert hatte. Mehrere Stunden fuhren mein Vater

ich doch nicht«, sagte er und mir war nicht klar, ob

und seine Frau im Auto durch Norddeutschland,

er Können und Wollen gerade auseinanderhalten

vorbei an Schweinemastbetrieben und Windrä-

konnte.

dern. Auch die Frau meines Vaters war sich sicher,

»Bist du glücklich, Papa?« fragte ich, als er in

dass es kein Alzheimer sei, wobei sie das Wort nur

der einen Hand ein Weinglas und in der anderen

einatmend gebrauchte. Obwohl die Ärztin ihr vor

meine Hand hielt. »Nein«, sagte er und lächel-

der Entlassung die verschiedenen Pflegestufen

te mich an. Und dann erzählte er uns, wie er als

erklärt hatte. Obwohl er sie mit dem Namen mei-

Kind im Krieg Zuckerrüben geklaut hatte und

ner Mutter ansprach, obwohl er meine Schwester

deswegen ins Gefängnis musste. Dabei schaute er

angesehen hatte, als kenne er sie nicht. Aber das

ins Leere, stockte, aber das hat er immer so getan.

seien eben nur Folgen des Schlaganfalls, sagte

»Siehst du, kein Alzheimer«, flüsterte meine Tante

sie. Umso erfreuter waren alle, als der chinesische

so laut, dass er es hören konnte, und ich sah, dass

Wunderarzt sagte, er glaube, mein Vater habe kein

er die Diagnose schon wieder vergessen hatte. Ich

Alzheimer. Und deswegen fuhr er auch einfach

fragte ihn, wie spät es sei und er schaute auf seine

weiter selber Auto.

Uhr und sagte Zwanzig vor Acht. Es war Viertel

Mein Vater fing an, das, was er hat, sein Handicap

nach Fünf.

zu nennen. Er spricht nicht gerne darüber. Dort,

Wenn ich ihn zu seinem Geburtstag anrufe

wo er wohnt, gibt es keine Selbsthilfegruppen, die

und er fragt, ob ich ihm etwas geschenkt habe,

Tipps geben, wie man es vermeidet, später mal aus

bin ich kurz versucht, zu schwindeln. Wenn wir

Versehen das Haus anzuzünden. Nur eine Kran-

gemeinsam überlegen, von welcher Gisela wohl

kenschwester, die ab und an vorbeikommt. Und

die Weihnachtskarte kommen könnte, dann lachen

71


72

CAREN FELLER

wir. Und wenn er mich an meinem Geburtstag anruft und fragt, ob Lady Gaga auch Gast auf meiner Party war, kann ich nicht mal sagen, ob da der Gesunde oder der Kranke spricht. Ich nehme meinen Vater jetzt länger in den Arm, und er mich auch. Wenn wir telefonieren, sagt er: »Achja«, und ich sage, dass ich bald kom-

me. Einmal habe ich ihn spontan besucht, er stand vor mir, kleiner als sonst, doch mit den glücklichsten Augen, an die ich mich erinnern kann. So, als hätte er mich seit zwanzig Jahren nicht gesehen. Aber ich rufe ihn nicht häufiger an als früher, ich besuche ihn auch nicht öfter. Das hat ja noch Zeit. Noch kann er essen, noch schreit er nicht, noch weiß er, wer ich bin. Zumindest, nachdem ich ihn kurz erinnert habe. Mein Papa ist dement. Aber krank ist mein Papa nicht.

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AEIOU / Darko Rado

MARZAHN

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79

Vielen Dank für die schönen Blumenkränze von »Blattwerk« (Niederbarnimstr. 8, 10247 Berlin)


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88 S i l k e J a n o v s k y hat sich erkältet. Das ist im

der Duden Krankheit. Also bitte nicht stören. Ich weiß, das geht gegen den empfindsamen Zeitgeist,

Bussi Bär Grunde nichts ungewöhnliches, für sie aber schon: Sie ist Krankheit

und

der einem gebietet, globuligläubig in sich hineinzuhorchen. Ich höre nichts. Und glaube, dass ich deshalb selten krank bin. Jedes Mal, wenn ich in die Apotheke komme, fragt mich meine Apothekerin, wohin es denn in Urlaub ginge. Pflaster und Aspirin, mehr kaufe ich nie, das weiß sie. Ich glau-

nicht gewohnt - und weiß nicht so recht mit der Dysfunktionalität

be, gerade als Pharmazeutin schätzt sie meine robuste Natur. Mit mir kann sie über die Welt, ihre Länder und die Reisen dorthin reden – und für ein paar Minuten ihre Apothekermiene ablegen, die-

umzugehen. Weder mit ihrer eigenen noch der von anderen.

E

Gummitierchen

se perfekte Zusammensetzung aus Anteilnahme, Fachkunde und Distanz. Die beherrscht sie sehr gut, Krankheit ist ihr Geschäft.

s ist nichts, sage ich mir. Es wird morgen

Für mich ist Krankheit etwas Abstraktes,

wieder vorbei sein, dieses Gefühl, Pudding

schon immer. Ich erinnere mich daran, als mir

im Kopf zu haben. Ich trinke zwar Tee, aber

die erste ihrer Art begegnete. Ich war sechs, und

keinen Gesundheitsaufguss. Nein, lieber erniedri-

anstelle meiner Mutter holten mich meine Groß-

gende esoterische Fruchtmischungen mit Ginko

eltern vom Kinderturnen ab. Es war Winter, im

und Zitronengras. Bin ja nicht krank. Etwas mit-

Auto roch es nach warmer Motorluft und stau-

genommen höchstens. Die Nase läuft, der Hals

bigen Sitzfellen, und als ich nach meiner Mutter

kratzt, ja und? Der Kopf dröhnt, für was gibt es

fragte, sagte meine Oma: Mama hat Angina. Sie

Aspirin?

hatte diesen Tonfall, den Erwachsene immer ha-

Ich ignoriere die Zipperlein, erkenne sie nicht

ben, wenn sie Kindern etwas verschweigen.

an. Wille gegen Körper. Das ist noch keine »kör-

A - N - G - I - N - A .

Ich

perliche, geistige oder psychische Störung, die an

wendete das fremde Wort im Kopf hin und her. Ei-

bestimmten Stellen erkennbar ist«. So definiert

gentlich klang es freundlich, weil aber Oma nichts


90

SILKE JANOVSKY

Bussi Bär und Gummitierchen

mehr sagte, wurde es plötzlich dunkelgrau. Ich

durch ein Fenster oder fuhr ein zu wildes Fahrge-

hatte Angst, meine Mutter würde sterben.

schäft auf dem Rummel. Neuerdings klappe ich so-

Erst als meine Großmutter mantraartig

gar zusammen, wenn ich Blut sehe, speziell, wenn

auf mich einredete, dass es sich nur um »schlim-

es meines ist. Klaffende Fleischwunden sind meine

mes Halsweh« handelte, konnte ich aufhören zu

Freifahrtscheine ins Dornröschenschloss.

schluchzen. Gleichsam hatte ich gelernt, welche

Der Körper ist doch ein geschlossenes Gan-

Macht Krankheiten haben. Welche Liebe da frei

zes, undenkbar, dass dessen Hülle einfach irgend-

wird, wenn man um jemandes Gesundheit bangt.

wo aufreißt. Aber wenn es doch mal passiert, weil

Wenn ich mich in den folgenden Jahren kränker

man etwa mit dem Rad hinfällt – zack – rettet

gab, als ich es war, dann nicht, um die Schule zu schwänzen, sondern um meinen Liebesbedarf aufzufüllen. Die volle Packung. Und Cola, B u s s i

B ä r - Hefte und Gummitiere gab es noch dazu. Meine kleine Schwester konnte meine Anfälle häufig mit echten Fieberattacken toppen. Fieber ist die Königsklasse des Umsorgtwerdens. Wadenwickel, Vorlesen, Wangenstreicheln. Ich hingegen hatte bis heute noch nie Fieber. Umso mehr frage ich mich, wie es sich wohl anfühlt. Ich stelle es mir irgendwie gut vor. Delirierend, kathartisch

mich die Ohnmacht vor der Erkenntnis, dass ich

am Ende – ein bisschen wie eine Ohnmacht viel-

im Grunde nur ein Klumpen aus Knochen, Fleisch

leicht.

und Blut bin. Vielleicht mag ich deshalb auch die

Ohnmächte sind etwas Tolles und total unter-

Geschichte von Lazarus, dem Freund von Jesus.

schätzt. Urplötzlich sackt man weg und wenn man

Er war schon vier Tage tot, eine Krankheit hatte

wieder aufwacht, fühlt man sich dornröschenfrisch

ihn hingerafft, da stellt sich Jesus vor sein Grab

aus einem tausendjährigen Schlaf erwacht. Ich bin

und ruft: »Lazarus, komm heraus!« – und zack –

oft in Ohnmacht gefallen: Einmal hat mir einer in

steht er da wieder in seinen Leichentüchern. Super

den Solarplexus geboxt, das nächste Mal fiel ich

Typ, der Lazarus.

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92

SILKE JANOVSKY

Bussi Bär und Gummitierchen

Aber natürlich sind das nur Geschichten aus

Es ist nicht leicht, wenn jemand, der seinem Körper

einem sehr alten Buch. Wahrscheinlich hatte Je-

Funktionalität abverlangt wie ich, auf jemanden

sus vom vielen Gutes-Tun auch schon Burnout.

trifft, der dieses Regelwerk nicht befolgen könnte,

Heute ist Ausgebranntsein so schick geworden,

selbst wenn er wollte. Weil der Körper sich immer

weil es mehr eine Erschöpfungsdiagnose des

wieder selbst torpediert. Dass man noch nicht mal

Rechtschaffenen, denn eine Krankheit ist. Ein-

wütend auf die Krankheit sein konnte, war am an-

fach mal abschalten, mal abspannen. Und Cola,

strengendsten. Mein Prinzip Wille gegen Körper

B u s s i B ä r - Hefte und Gummitiere gibt es

war schlicht nicht anwendbar. Nicht abwendbar

noch dazu. Angefangen hat diese Hypersensibili-

hingegen waren die mit ernsthafter Miene vorge-

sierung sicherlich mit der Sozialarbeitermetapher:

tragenen Fragen von Freunden nach dem Befin-

die Seele baumeln lassen, diesem Furz von einer

den des Kranken. Da wurde die Stimme dann et-

Kalenderblatt-Weisheit. Und jetzt haben wir alle

was leiser, der Tonfall fast liturgisch und der Blick

geschundene Seelen, die Wellness-Wochenenden

ganz ernst. Mitgefühl! Anteilnahme! Aber nur auf

in Tropfsteinhöhlen-Spas brauchen.

Distanz, bitteschön. Dankeschön. Keine Ursache.

Das ist auch leichter zu sagen, als dass man

Ich glaube, es gibt tatsächlich niemanden, der

krank ist. Weil wir immer länger jung, schön, er-

gerne ins Krankenhaus geht. Den süßlichen Ge-

folgreich und gesund bleiben müssen, ist Krank-

ruch der Zimmer atmet, den Gehhilfen im Gang

heit etwas geworden, was man sich kaum noch

ausweicht oder den Pragmatismus der Kranken-

leisten kann. Jemand, den ich einmal sehr mochte,

pfleger mit einem Nicken kurz wertschätzt. Im

hat Multiple Sklerose. Eine Autoimmunkrankheit,

Krankenhaus lauert immer irgendwo auch der

die man nicht heilen, deren Verlauf man nur auf-

Tod, nicht nur in den metallenen Schubfächern

halten kann. Gibt man das in einem Bewerbungs-

des Kühlraumes im Kellergeschoss. Ich fühle mich

gespräch an? Ich weiß es bis heute nicht, und weiß

in Krankenhäusern immer schwach und angreif-

auch nicht, ob ich es aus Taktgefühl oder Angst

bar, nicht erst, seit ich miterlebt habe, wie eine

nicht gefragt habe. Ich kam mir damals schon ab-

Krankheit einen Menschen ausgelöscht hat. Hier

gründig vor, als man einander näher kam und ich

gestatte ich mir den Moment der Schwäche, aus

mir überlegte, was für Folgen diese Krankheit

dem mich keine Ohnmacht zu retten braucht. Aber

für meine Zukunft haben könnte. Später habe ich

kaum bin ich auf dem Weg nach draußen an den

mich dafür geschämt.

93


94

SILKE JANOVSKY

95

Die Herausgeber

Rauchern im Bademantel vor dem Eingang vorbei, nötige ich meinem Körper wieder Disziplin ab und

DANKE!

erwarte, dass er sich zur Wehr setzt. Immuntraining, Orangensaft, Hühnersuppe. Zuckerbrot und Peitsche. Die beste Krankheit taugt einfach nichts. Irgendwann wird auch meine Strategie nicht mehr funktionieren. Am Ende wird irgendeine Krankheit siegen und ich lande im Krankenhaus-Keller. Tiefkühlfach auf, Körper rein, Klappe zu.

Kalle


97

96 Es gibt etwas, das hat S ö r e n K i t t e l mit Ger-

Mukoviszidose oder Multiple Sklerose, Skoliose oder Sichelzellenanämie. Da gibt es Menschen,

Schnupfen? hard Schröder und Heino gemein, er kann sich an sein letztes Fieber

Welcher

die sind mit einem Gerät verkabelt, laufen durch Gänge, lästern über andere Kranke, tuscheln über Pfleger, verlieben sich, manchmal schleichen sie sich heimlich in einen vergilbten Raucherraum und sterben sehr früh. Anja hat mir Kranke als sympathische Menschen geschildert.

nicht erinnern. Deswegen begibt er sich auf die Suche nach Blauen

Schnupfen?

Aber sie leben in einer Welt, von der ich im Grunde nichts wissen will.  Ich bin gesund. Mein letztes Fieber hatte ich vor meinem ersten Sex, ich kann mich also kaum

Zonen und Antisozialer Persönlichkeitsstörung.

I

daran erinnern. So eine durchgängige Gesundheit kann seltsame Nebenwirkungen haben. Eine

m Januar musste ich wieder an Anja denken,

davon ist: Ich mag nicht über meinen Körper re-

dabei ist sie jetzt schon eine Weile tot, über

den, nicht einmal daran denken, egal, ob er kaputt

ein Jahr. Sie war der erste Mensch nach mehr

ist oder nicht. Ich kann noch nicht einmal meinen

als zehn Jahren, den ich im Krankenhaus besucht

Herzschlag hören, ertrage dieses pochende Ge-

habe. Vorbei an Verbundenen und Rollstühlen

räusch nicht. Wenn ich es dann doch spüre, in ganz

und Krücken und dann der Geruch. Anja hatte ir-

ruhigen Momenten, stelle ich mir die zuckenden

gendeine seltene Krankheit, die normalerweise nur

Muskeln vor, die zähe Flüssigkeit durch sehr dün-

Männer über 40 bekommen. Sie wurde 26 Jahre

ne Schläuche pumpen. Ich stecke mir dann Kopf-

alt und ist jetzt ein toter Facebookfreund für 87 sei-

hörer ins Ohr, deren Kabel sich nachts um meinen

ner Freunde. Sie war lange im Krankenhaus, hatte

Hals wickeln.

sich dort mit Kranken angefreundet, sich in einen

Man sagt, dass in jedem Abschied ein Vor-

Arzt verliebt und wurde zu einer, die dort lebt,

wurf liegt: Du kannst gehen und ich bleibe hier.

im Krankenhaus. Zusammen mit Menschen, die

Also müsste auch bei jedem Zusammentreffen von

Krankheiten mit furchtbaren Namen haben, wie

Kranken und Gesunden ein Vorwurf im Kranken-


98

SÖREN KITTEL

S ch n u p fe n ? We l ch e r S ch n n u p fe n ?

zimmer liegen: Du bist krank und ich bin gesund.

als der Mensch gilt, der am längsten gesund blieb.

Bei Anna gab es diesen Vorwurf nicht, vielleicht

Sie wurde 122 Jahre alt. Ihr Rezept: »Ich träufele

war sie auch zu schwach für Vorwürfe.

Olivenöl auf alles, was ich esse, trinke jeden Tag

Es gibt bekannte Gesunde wie Gerhard Schröder, 67, oder Heino, 72. Oder die Vize-

ein Glas Portwein und nehme pro Woche ein Kilogramm Schokolade zu mir.«

Präsidentin von C N N , Gail Evans, 68. Die sagt

Doch der Fehler von Büchern wie diesen

Dinge wie »Klar, meine Nase ist auch schon mal

liegt darin, dass sie etwas propagieren, was nie-

gelaufen aber so etwas stoppt mich nicht.« Die

mand wirklich kann: Den Körper kontrollieren.

letzte Erkältung hatte sie gehabt, als sie von einer

Die Anweisungen klingen einfach – nicht rauchen,

Diplomatenrunde auf einem Schiff bei stürmischer

wenig Alkohol und Fette und schon ist man auf

See berichtete – nachdem schon das Flugzeug auf

der Seite der Gesunden, die Welt ist in Ordnung,

dem Weg dorthin wegen eines Hurrikans kaum

Gott existiert. Aber solange 26-jährige Frauen an

landen konnte. Gail Evans hat sich gesagt: »Nein,

Krankheiten sterben, die normalerweise nur Män-

ich werde jetzt nicht krank.«

ner über 40 befällt, ist eben gar nichts in Ordnung.

Geschichten von Gesunden hat der US-Ame-

Kranke werden nicht krank, weil sie sich falsch

rikaner Gene Stone in dem Buch »Warum manche

benehmen, sondern sie werden manchmal einfach

Menschen nie krank werden« aufgeschrieben, das

so krank.

gerade auf Deutsch erschienen ist. Er hat darin 25

Aber wie geht jemand voll positiver Energie

Menschen porträtiert, die in ihrem Leben bisher

mit dieser negativen Energie um, die in diesen

maximal einen Schnupfen hatten. Die mögliche

Kranken steckt? Was ist, wenn Menschen wie

Lehre des Buches ist: Kalt duschen, regelmäßig

Gail, Gerhard oder Heino auf Menschen treffen,

Bierhefe essen, ab und zu auch Schmutz (das här-

die eben wirklich eine Erkältung haben oder eine

tet ab), wenig Salz, dafür viel Knoblauch und Vi-

gruselige, unbekannte Krankheit? Rollen sie so

tamin C, sich strecken, joggen, beim Yoga Kurs

wie ich auch immer mit ihren Augen, wenn einer

anmelden (auch hingehen) und positiv denken.

ihrer Freunde ein Treffen absagt, weil es »ihm

All das sind keine sonderlichen Neuigkeiten, doch

nicht so gut geht«?

irgendwo mittendrin im Buch wird erfreulicher-

Ich schilderte diese Abneigung Kranken ge-

weise Jeanne Calment zitiert, eine Französin, die

genüber einmal einer Ärztin, sie sagt, das sei nor-

99


100

SÖREN KITTEL

mal, vielen Ärzten gehe es ähnlich: Sie weigern

S ch n u p fe n ? We l ch e r S ch n n u p fe n ?

gut nach ihrer Tat. Insgesamt ist also eine kleine Krankheit für

sich, dem Nicht-Gesunden einen »Krankheitsgewinn« zu verschaffen. So nennen sie das, die Ärzte, die nun wirklich von Kranken umgeben sind, ganz

einige ein Weg, ein wenig Glück in die Welt zu tragen.

ohne Zynismus. Sie können sich damit immerhin

Anjas Krankheitsgewinn war etwas anderes.

auf Sigmund Freud beziehen. Der hat sich das aus-

Vor allem der tertiäre war bei ihr sehr ausgeprägt,

gedacht.

zumindest für die, die ihren Blog gelesen haben.

Krankomat ist noch heute online. Dort hat sie ihre Krankheit »Klrexytchtxeratorose« genannt,

Es gibt drei Arten von Krankheitsgewinn. Zuerst der »primäre«,

eine Grondulierung der riplogaten Verudierklafte im rechten Hengolitus. Statt zu jammern, hat sie

die gefühlt ausweglose Situation, in der der Körper aufgibt und

dort Witze gemacht, gezeigt, wie man Plätzchen backt mit kleinen Pillen oben drauf oder Ohrringe

der Kranke sich zurücklehnen muss, zum Nichts-Tun gezwungen

aus roten Kapseln bastelt. Sie hat erzählt, wie sie ihren Anästhesist für eine Krankenschwester ge-

ist. Ein klarer Gewinn, bei leichten Krankheiten zumindest. Als

halten hat und wie sie sich in ihn verliebt hat. Sie konnte das Ganze nicht aufrechterhalten, weil sie

»sekundären Krankheitsgewinn« sieht man wiederum die gesteigerte

dann doch irgendwann vor allem auch seine Patientin wurde. Bei all ihrem Humor: Später lag sie

Aufmerksamkeit seiner Umwelt an. Freundliche Menschen wün-

an Schläuchen verkabelt in ihrem Bett. Freunde haben sie besucht, immer nur einer, mehr erlaub-

schen »Gute Besserung« oder bringen eine heiße Hühnersuppe ans

ten die Ärzte nicht. Infektionsgefahr. Ihre beste Freundin ist nicht gekommen. Mit Krankheitsge-

Bett. Als »tertiärer Krankheitsgewinn« wird die positive Wirkung

winn hatte das nichts zu tun.

einer Krankheit auf das Umfeld gesehen – also die Gute-Besserung-

Freundin verstehen kann. Das schlürfende Ge-

Ich habe ihr nicht gesagt, dass ich diese räusch, wie Flüssigkeit aus ihrem Körper in einen Wünscher und Suppe-ans-Bett-Bringer. Die fühlen sich nämlich

Schwamm gesaugt wird, der irgendwo in ihrem

101


102

SÖREN KITTEL

S ch n u p fe n ? We l ch e r S ch n n u p fe n ?

Körper steckt, lässt mich noch heute würgen.

häufig kalt und haben ein ausgefülltes Sexualleben.

Schlimmer als jedes Pumpgeräusch vom Herz-

Aber vielleicht sind diese Orte auch eher Phäno-

schlag im Kopf, dieser letzte Besuch.

mene einer Welt, die sich selbst gern in Statistiken

Der ideale Ort für Krankenhaus-Phobiker

und Grafiken vorstellt. Ordnung, Gott, »Blaue

wie mich ist die Insel Ikaria in Griechenland. Dort

Zonen«. Vielleicht mit einem großen Zaun an der

gibt es die meisten 90-Jährigen auf der ganzen

Ortsgrenze gegen die Kranken da draußen. Vielleicht bin ich selbst eine »Blaue Zone«, was mich nicht gerade sympathischer macht. Wer rollt schon mit den Augen, wenn sich jemand krank meldet? Wenn solche Formen von mangelnder Empathie zunehmen, sprechen Psychologen von Antisozialer Persönlichkeitsstörung, kurz APS. Also doch eine Krankheit. Hoffentlich leiden auch die anderen 25 Gesunden in Gene Stones Buch daran – auch wenn es eine Diagnose ist, die komplett ohne Krankheitsgewinn auskommt.  Im Januar habe ich auf Facebook gesehen,

Welt und selbst die sind so gut wie nie krank. Wis-

dass Anja Geburtstag hatte. Eine ihrer Freun-

senschaftler sind noch immer ratlos, warum das

dinnen hat mir später gesagt, dass die Eltern ih-

so ist. Sie haben diese Gegend eine »Blaue Zone«

ren Geburtstag noch immer feiern, sich dafür mit

genannt und es gibt noch vier andere solcher Orte:

Freunden von Anja treffen. Sie lachen dann auch

in Japan, in Kalifornien, auf Costa Rica und in

viel. Über Klrexytchtxeratorose oder andere töd-

Italien. Die Einwohner dieser »Blauen Zonen«

liche Krankheiten spricht niemand. Die Freundin

ernähren sich gesund, rauchen nicht, haben viele

sagte, dass sie sich seit Anjas Tod fühle, wie in ei-

Freunde, fahren Fahrrad und bauen ihr Gemüse

nem anderen Land. In dem Moment habe ich wie-

lokal selbst an. Mukoviszidose oder Multiple Skle-

der meinen Herzschlag gehört. Kopfhörer waren

rose sind nicht bekannt, muss an den Genen lie-

gerade nicht zu Hand. Der menschliche Körper

gen. Vielleicht duschen sie auch überproportional

kann schon echt widerlich sein.

103


105

104

» N E U A n f a n g e n . J a ! , n o c h e i n m a l

habe aber rausgefunden, dass die Sache sich genau umgekehrt verhält: Die I C H -Störung ist eigentlich ein großer Schwindel und eine hundsgemeine,

ICH

anfangen, ganz anders. Endlich

sinnlose und tautologische Formulierung. Denn die Sache mit dem I C H

ist selbst schon eine

Störung. I C H ist eine Krankheit. Ich habe mir fest vorgenommen, sie los-

Nisaar Ulama

möchte ich anfangen. Ich hätte so

ist eine

zuwerden. Vor kurzem habe ich eine Reise gemacht. Ich habe niemanden besucht. Ich musste einfach raus. Raus aus dieser kaputten Stadt, aber vor allem raus aus meinem kaputten Selbst.

gerne ein Leben.«

Es ging so nicht mehr weiter: Immerzu hatte ich das Gefühl, ich habe zwar kein richtig beklagenswertes Leben – wer darf sich schon beklagen? (Rainald Goetz)

I

– aber trotzdem ist alles so dermaßen grundsätzlich falsch, dass es mir die Klage verschlug. Immer

ch bin sehr krank. Sie, mein lieber Leser,

wenn ich mit irgendwelchen Leuten zusammen

allerdings auch. Wir haben beide die gleiche

war, auch solchen, die sich meine Freunde nennen,

Krankheit, und die heißt bei Ihnen genauso wie

habe ich gemerkt, wie wahnsinnig schwer es mir

bei mir: I C H . Das ist nicht einfach zu glauben.

fällt, I C H zu sein. und das heißt: Die Person, für

Es wird uns ja von der Wiege an beigebracht, es sei

die mich alle, inklusive mir, selbst halten.

das natürlichste auf der Welt, dass wir JEMAND

Immer, wenn ich viel unter Leuten war, habe

sind und also ein I C H haben. Wer kein oder

ich hinterher soviel darüber nachgedacht und mich

mehrere I C H s hat, der gehört in die Klinik, und

geärgert, was da wieder für ein I C H war: Ich

zwar in eine solche, von der man ungern erzählt,

habe mich geschämt. Weil ich Sachen gesagt habe,

dass man dort war, und von der es nicht dauernd

von denen ich dachte, dass sie ziemlich crazy und

irgendwelche Rankings im F O C U S gibt. Ich

witzig seien, die aber überhaupt niemand für crazy

Krankheit


106

NISAAR ULAMA

ICH ist eine Krankheit

und witzig gehalten hat. Ich möchte aber gerne als

erzählt, gucken ja alle immer nur ratlos. Wie auch

crazy und witzig gelten, weil doch diese Typen,

sonst. Wer weiß schon was vom Tod? Ich schäme

die immer im Mittelpunkt stehen und von allen ge-

mich aber dann dafür, dass ich den Leuten das

mocht werden und viele tolle Freunde haben, auch

zugemutet habe. I C H kann das nämlich leider

immer crazy und witzig sind.

auch nicht aushalten, wenn die Leute nichts zu sa-

Aber schlimmer und viel beschämender ist ei-

gen haben.

gentlich, wie leicht es mir fällt, mich immer so klein

Dabei gibt es doch so vieles zu sagen, weil so-

zu halten. Wenn einer einen blöden Witz macht,

viel falsch läuft. Man muss sich ja nur umgucken

dann frage ich ihn nicht, was ihm einfällt mich

und schon springt einen die Falschheit der Welt an

mit so einem blöden Witz zu langweilen, sondern

und macht einen wütend. Schlage ich die Zeitung

lächle höflich. Wenn mir einer was Dummes oder

auf und lese ich das dümmliche Geschreibe über

Langweiliges erzählt, frage ich nicht etwa, warum

dümmliche Politiker, krieg ich eine Wut. Gehe ich

mir so ein dummer und langweiliger Mist serviert

auf der Straße und sehe die fette Selbstzufrieden-

wird, sondern sage irgendwas Halbgares, das ge-

heit der Leute, krieg ich eine Wut. Gehe ich ins

nauso dumm und langweilig ist und mein Gegen-

Café und höre ich die dümmlichen Gespräche der

über nicht beleidigt.

Leute, krieg ich eine Wut. Die Wut kann aber lei-

Ich sage auch selten die Wahrheit. Fragt mich zum Beispiel jemand, ob ich Weihnachten zu mei-

der nicht raus. Weil das nicht I C H bin. I C H ist ein Anderer.

nen Eltern fahre, sage ich: ja. Ich würde aber lieber sagen: Ja, allerdings nur zu meiner Mutter, denn

###

mein Vater ist vor einigen Jahren im Dezember gestorben und deswegen könnte ich den ganzen

Ich würde gerne mal jemanden auf die Fresse hau-

Dezember über, wenn alle mit ihrem Weihnachts-

en. Ich würde gerne auch mal vom jemandem ein

kram und mit ihrem von Weihnachten-genervt-

paar auf die Fresse bekommen. Das wäre ein Le-

sein-Kram nerven, heulen. Weil das doch so traurig

bensgefühl! Ich habe aber eigentlich Angst davor.

und so schade ist, dass mein Vater unter der Erde

Einmal hatte ich keine Angst. Ich weiß noch

liegt und der Begriff Eltern erklärungsbedürftig

genau, wie das war: Ich habe mit einem Freund

ist. Aber wenn man den Menschen was vom Tod

ein sogenanntes philosophisches Gespräch in einer

107


108

NISAAR ULAMA

ICH ist eine Krankheit

Kneipe geführt. Ein Typ neben uns hat sich an uns

als bloß I C H zu sein; das Mädchen hat sich dann

gestört und mir gesagt ich nerve. Er hatte natür-

vor mit niedergekniet und meinen Schwanz in den

lich vollkommen recht, denn was gibt es Schlim-

Mund genommen, das hat sich so gut angefühlt

meres als das naseweise, meistens männliche Pack,

und trotzdem hab ich mich dafür geschämt, dass

das einem ständig seine Gelehrtheit aufschwatzt?

sie das macht und mir so viel Freiheit schenkt, dass

Genau: Überhaupt nichts Schlimmeres gibt es.

ich überhaupt NIEMAND sein muss und mich

Aber ich hatte natürlich keine Einsicht, weil ich

überhaupt gar nicht verhalten muss, sondern ein-

davon überzeugt war, dass wir in unserem philo-

fach nur fühle, wie sie meinen Schwanz lutscht und

sophischen Gespräch gerade ganz nah dran waren

fühle wie ich komme und dabei ganz außer mir bin,

am Kern einer sehr grundlegenden Wahrheit. Und

weil ich zum allerersten Mal das Gefühl habe, ganz

weil ich keine Einsicht hatte, habe ich richtiger-

bei mir zu sein. Und logischerweise auch ganz bei

weise den Typen angeschnauzt, er solle gefälligst

ihr. Sex gegen Angst. Ja, d a s klingt für Sie na-

die Fresse halten, wenn er nichts Substanzielles

türlich wie irgendein durchgekautes Fassbinder

zu unserem Gespräch beizutragen habe. Der war

oder Tilman Rosmy-Zitat, aber es funktioniert ja

dann tatsächlich ruhig. Das war so ein geiler Mo-

wirklich.

ment, an den ich mich heute noch gern erinnere ###

und dann sehr erregt werde davon; und weil ich so erregt werde davon, schäme ich mich direkt wieder

Und um mich also von mir selbst zu entfernen,

dafür.

habe ich eine Reise gemacht. Für einen vernünf###

tigen Menschen kommt dazu natürlich nur eine Zugfahrt in Frage. Ich bin nach Warschau ge-

Einmal hatte ich mit einem Mädchen Sex, das

fahren, das auf polnisch den schönen Namen

war so wunderschön und intim, dass mir mein gan-

Warszawa trägt, und deswegen trägt auch der

zes I C H links und rechts um die Ohren geflogen ist. Das Mädchen hat sich mir so hingegeben und

Zug dorthin den hübschen Namen B e r l i n W a r s z a w a - E x p r e s s . Aber nicht nur der

mir so vertraut, dass mir ganz schwindelig wurde,

Name des Zuges ist hübsch, sondern auch der Zug

weil ich überhaupt gar keine andere Chance hatte

selbst.

109


110

NISAAR ULAMA

ICH ist eine Krankheit

die Sonne blendet und ich da drinnen. Nur beim

» W i e s o l l i c h d i r n a h s e i n / w e n n ich nicht weit genug / von mir selbst entfernt sein kann«?

Zugfahren habe ich das Gefühl, nicht nur irgendei-

singt Herr Distelmeyer. Das ist natürlich die

Ich saß also ganz alleine in meinem Sitz, draußen die wunderschöne polnische Landschaft,

nen Ort, sondern auch die ganze schwere und be-

111

falsche Frage. Richtig gestellt muss sie lauten:

lastende Geschichte meines I C H s hinter mir zu lassen. Wenn man Zug fährt, und das aufmerksam

Wie kann ich mir nah sein, wenn ich nicht weit genug von mir

betreibt, dann merkt man nämlich, wie intim man mit sich selbst wird. Weil man so schön alleine ist,

selbst entfernt sein kann? Darum geht es nämlich: Man muss dieses

aber sich überhaupt gar nicht alleine fühlt, denn es umschließt einen ja dieser hübsche Zug und drau-

verdammte Ding namens I C H , das einem von morgens bis abends

ßen kann man die schöne Landschaft anschauen. und von der Kindheit bis ans Grab eingehämmert wird und das einem ständig im Weg steht und einen so klein macht und einschüchtert, kaputtmachen. Man muss das I C H hinter sich lassen, um endlich Jemand zu sein. Das ist ganz schwierig, deswegen passiert es auch ganz selten. ###

Ich habe einmal zwei Sätze an zwei Freunde geschickt, die waren vollkommen wahr. Das wa-

Das war wie eine Kur. Wie ein Urlaub vom ICH. Ich habe dann beschlossen nie mehr aus diesem Urlaub zurückzukehren zu wollen.

ren aber Sätze, die mich sehr verletzlich gemacht haben. Ich habe ganz kurz Angst gehabt, mein I C H fühlt sich überhaupt gar nicht wohl damit. War aber nicht der Fall. Das I C H hatte nämlich


112

113

NISAAR ULAMA

Sendepause. Und ich habe mich so gut gefühlt als

aber mal sein. Es wird schon gut tun. Tut es aber

ich die zwei Sätze abgeschickt habe, dass ich voll-

nicht. Es tut nur kaputtmachen. Ich will aber jetzt

kommen erregt war, aber trotzdem keinen Alkohol

zurückschlagen. Und mich nicht mehr kaputtma-

brauchte um mich zu betäuben. Ich habe dann

chen lassen.

auch gewusst: Ja, WAHRHEIT ohne I C H ist nicht nur notwendig – sondern auch möglich. Jeder Mensch braucht ein Ziel, das steht jeden Tag in der Zeitung, das ist wissenschaftlich erwiesen. Ich habe auch ein Ziel. Ich will verrückt werden. Man muss sich das Wort mal auf der Zunge zergehen lassen. Ver-rückt. Ver-rücken. Wegrücken. Wegrücken vom ganzen Sein, vom I C H , und zulassen, dass etwas auseinanderfällt. Ich will keine Angst mehr haben, hier für den Herrn A gehalten zu werden und dort für den Herrn B, und ich will keine Angst mehr haben, dass ich mich selber für den Herrn C halte, und vor allem will ich dann nicht mehr traurig und depressiv sein, weil leider alle Beteiligten enttäuscht sind. Weil weder der Herr A noch der Herr B noch der Herr C den Erwartungen entsprechen. Ich will lieber verrückt sein und außer mir sein. Ich will lieber vor dem I C H kapitulieren und schizophren sein. Ich will lieber kaputt sein, anstatt zusammenzuklappen, weil das I C H alle Kräfte fordert. Ich will mich auch nie wieder aus Angst langweilen. Nur weil I C H denke, das muss jetzt


115

»Das Selbst besitzt keine Form mehr. Es ist gleichsam nackt, was zugleich Leere und Verlorenheit in seiner Suche nach sozialer Anerkennung bedeutet. Damit es zu einem Symbol des IndividualisAlain Ehrenberg: »Das Unbehagen in der Gesellschaft«

114

mus wird, muß die Psychoanalyse ihm eine hervorgehobene Stellung in ihrem psychopathologischen Pantheon zuweisen.«


117

116 Ein Interview von T i m S t ü t t g e n

Against health: Von

knackt metaphorisierte »Mutter Natur« besetzt allerdings nicht nur eine besondere ideologische Position gegenüber Menschen mit so genannten Behinderungen, sondern ist auch, bis vor kurzem jedenfalls, gängiges Stichwort, für den der Verblendungszusammenhang namens Kapitalismus

mit Crip-Theotiker R o b e r t M c R u e r .

Krüppeln,

»A

immer wieder herhalten sollte. Mittlerweile ist also das so oft als Naturzustand vorgestellte ökonomische System immer tighter gen Apokalypse gerollt. Selbst die größten

ls Krüppel bist du verdammt,

Keynesianer kriegen es nicht mehr auf die Reihe,

wenn du der Natur nahe bist –

einer zunehmend revoltierenden Welt-Bevölke-

und genauso verdammt, wenn du

rung zu erklären, dass das mit dem Kapital noch ir-

es nicht bist«, sagt Robert McRuer, selbst ernann-

gendwie natürlich wieder ins Reine gerinnen wür-

ter Krüppel und queerer »Disability«-Theoretiker,

de. Things are krisenhaft, for a reason, obviously.

als ich mit ihm spreche. »Für eine lange Zeit sind Menschen mit Handicap als die Freaks der Natur

Bini Adamczak bemerkte neulich sehr richtig: »Das Ende der Geschichte ist zu Ende.«

ideologisch markiert gewesen und der Kapitalis-

Folgt man der Ansage des post-operaistischen

mus reagierte darauf sowohl mit Ausgrenzung wie

Theoretikers Franco »Bifo« Berardi in seinem neu-

mit direkter Ausbeutung: entweder durch klassi-

en Buch »After The Future«, stirbt derzeit eine

sche Freak-Shows, welche vom Neunzehnten bis

ganze Perspektive ab, die nicht nur die Futuristen,

zum Zwanzigsten Jahrhundert noch sehr populär

sondern auch Avantgardisten und Marxisten lange

waren und sich in den Darstellungen der Medien

als Prothese der Zuversicht gebrauchten: die Idee

heute verlängern; oder auf indirekte Art, durch den

einer (technologisierten) Zukunft, in der alles bes-

»medizinisch-wissenschaftlichen

Industrie-Kom-

ser werden wird. Bifos Message ist hingegen: »The

plex«, der darauf fixiert war, die angebliche Devi-

Future Is Over«. Um uns grassieren Selbstmorde,

anz von der Natur zu korrigieren oder zu heilen.«

Zivilisationskrankheiten und ein radikaler Anstieg

Die alt bekannte und schon immer sehr be-

Kranken und den Kaputten im Kapitalismus

von depressiven Symptomen und Pillensüchten.


118

TIM STÜTTGEN

119

Interview mit Robert McRuer

Kein schlechter Anlass, um mit Robert McRuer

McRuers Crip-Position hat kein Interesse an Op-

über die zahlreichen Verzwickungen der Hete-

fer-Diskursen und Mitleidsbekundungen. In vie-

ronormativität, Able-Bodiedness und der neoli-

lerlei Hinsicht vom sexuellen Kampf-Begriff queer

beralen Leier der Flexibilität zu sprechen. Denn

beeinflusst, stellt Cripness die Dualismen von »be-

diese ideologischen Kategorien, so argumentiert

fähigt versus behindert« infrage, wie queer die von

jedenfalls McRuers Buch »Crip Theory«1, sind

Hetero- und Homosexualität. Es geht um wider-

extrem miteinander verwoben. So führt McRuer

spenstige Positionen, die sich Wörter wie »Freak«,

fort: »In den USA stellen neue Werbespots der

»Krüppel«, »Madman« oder »Gimp« aneignen, um

pharmazeutischen Industrie permanent neue Pro-

die alte Leier vom gesunden Menschen, der fit und

duktdesigns vor, die den disabelten Konsumenten

flexibel mit Freude zur Arbeit schreitet, um die he-

in einen »normalen, natürlichen« Zustand zurück-

teronormative Kernfamilie samt der zuckersüßen

bringen sollen. Dies wird normalerweise durch

Kinder in den Schoß der Nation zu legen, endgül-

Bilder von Bäumen, Feldern und Blumen symbo-

tig infrage zu stellen.

lisiert. Gleichzeitig sind viele disabelte Menschen als »naturnah« dargestellt worden, gestützt durch

Ein Gespräch um die Widerständigkeiten der Ungesunden.

Stereotype wie den »unschuldigen« oder kognitiv »behinderten« Menschen. Diese Ideologie trägt dazu bei, disabelte Menschen zu kontrollieren und aus alltäglichen Strukturen, wie der der Arbeit, fernzuhalten.« So erinnert uns McRuer daran, dass das Gefängnis namens Kapitalismus noch zahlreiche Extra-Ghettos bereitstellt, in denen Devianz rigide

Du bezeichnest dich selber als Crip-Theoretiker_in. Kannst du uns etwas über deinen Background erzählen? Wer und was hat dich beinflusst?

Disability nicht ohne eine Ana-

HATE

lyse von Gender und Sexualität auskommt. Gleichzeitig stimmt das Gegenteil noch für wenige Feminist_innen:

Ihnen

muss

noch viel bewusster werden, wie körperliche Beeinträchtigungen

kontrolliert, regiert und markiert wird. Während

Robert McRuer

Mich haben ins-

die Stigmatisierung von Ge-

die einen mit zahlreichen Profilen ihre Identität zu

besondere Feminist Disability-

schlecht beeinflussen. Ich hoffe,

Markte tragen, werden die anderen gerade durch

Theoretiker_innen

beeinflusst.

dass ein wichtiger Beitrag mei-

ihre Abweichung vom Status Quo in den Wel-

Sie machen mir seit vielen Jahren

nes Buches »Crip Theory« darin

ten der Medizin und Pathologie profiliert. Doch

bewusst, dass eine Analyse von

liegt, queere Theorien ins Zen-

1

Robert McRuer: »Crip Theory

– Cultural Signs of Queerness und Disability«. New York University Press, 2006


120

TIM STÜTTGEN

121

Interview mit Robert McRuer

der Befähigung und der Ideologie der Flexibilität im zeitgenössischen Neoliberalismus. Wie machen sich diese bemerkbar?

trum der Disability-Studies zu

von zwanghafter Heteronorma-

Momente

bringen. Falls dies geglückt ist,

tivität und zwanghafter Befähi-

beziehen sich insbesondere auf

liegt das aber auch an der Arbeit,

gung (Able-Bodiedness) extrem

das Aufwachsen während der

die Genoss_innen wie Eli Cla-

vermischt sind. Schon immer

Aids-Krise und auf Formen von

re, Alison Kafer, Abby Wilker-

war der ideologisch erfolgreichs-

affektiven, sexuellen und inti-

son seit einigen Jahren machen,

te Performer von Heterosexua-

men

nicht zu vergessen der legendäre

lität körperlich befähigt und der

mit Immigranten. In einem Ka-

Robert McRuer

Corbett O´Toole, dessen Arbeit

erfolgreichste Performer von Be-

pitel schreibe ich beispielsweise

habe ich mich insbesondere auf

schon Jahrzehnte alt ist. Nach-

fähigung heterosexuell, während

über einen meiner langjährigs-

Emily Martin bezogen, um über

dem mein Buch 2006 erschien,

die beständigsten Stereotypen

ten Liebhaber aus Brasilien,

das Konzept der Flexibilität

hat es die Debatte – ob im Guten

von Nicht-Heterosexuellen als

der queer, disabled und Arbei-

nachzudenken. Ihre anthropo-

oder im Schlechten – eindeutig

pathologisch oder behindert gel-

ter ohne Papiere ist. Er passt in

logischen Analysen über die All-

beeinflusst, was man auch an den

ten und die beständigsten Ste-

keinster Weise zum repräsentati-

gegenwärtigkeit flexibelistischer

neuen Texten im Reader »Sex

reotypen von Disabled People

ven Statut des Mainstream-Disa-

Ideologien im Buch »Flexible

and Disability« sehen kann, den

auf Queerness, Disfunktion und

bility-Movements, insbesondere

Bodies«5 haben mich sehr beein-

ich mit Anna Mollow2 herausge-

Perversion verweisen.

weil diese Bewegung sich stark

druckt. Sie verfolgt die endlosen

bracht habe.

Wo sind die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede zwischen der Queer-Theory und den Disability-Studies?

Seelenverwandtschaften

In »Crip Theory«4

auf den Staat bezieht. Der »Disa-

Verzweigungen der Flexibilität

bilities Act« ist in diesem Sinne

und wie diese sich im neolibera-

ein eindeutig amerikanischer.

len Kapitalismus bis ins Endlose

Menschen, Körper und Verhal-

ausweitet und die Energie und

Mein persönlicher

tensweisen, die nicht in solche

Vitalität von emanzipatorischen

Zugang in diesem Kontext hat in

Definitionen

Bewegungen

der Tat mit Erfahrungen zu tun,

Crip Theory notwendig.

Robert McRuer

Meiner Meinung

auf die der Begriff »Crip« ver-

nach ist der wichtigste Grund für

weist – also nicht-repräsentative

diese erfolgreiche Verbindung

Behinderungen, die uns darüber

von Queer-Theory und Disabi-

nachdenken lassen, wer als befä-

lity-Studies, dass die Historien

higt gilt und wer nicht. Wichtige

Robert McRuer

Biographie

Was hat dich in diesem Kontext ganz persönlich angesprochen?

HATE HATE

meiner

passen,

machen

wie

Feminis-

mus, Black Liberation oder der Disability-Bewegung integriert,

In »Crip Theory« beschreibst Du die ideologischen Überschneidungen von der Ideologie

HATE

3

2 Anna Mollow, Robert MrRuer [Hrsg.]: Sex and Disability. Duke, 2012

während die Arbeiter_innen sich der Flexibilität für den Kapitalismus unterwerfen. Innerhalb dieses Kontextes bin ich sehr in3

s. 92

4

s. 92

5 Emily Martin: Flexible Bodies. Tracking Immunity in American Culture from the Days of Polio to the Age of AIDS. Beacon, 1995


122

TIM STÜTTGEN

Interview mit Robert McRuer

teressiert daran, wie Befähigung

Robert McRuer

Die Frage beant-

diesem Sinne für mich ein neuer,

und Homophobie sich unter den

wortet sich meiner Meinung

wichtiger Crip-Text, und auch

Zeichen

Neoliberalismus

nach schon von selbst! Crip The-

der derzeit vielleicht wichtigste

verschieben und queere wie disa-

ory respektiert bewusst keine

Turn im Feld von »Crip Studies«

belte Subjekte auf einmal für den

klaren Grenzen zwischen Krank-

ist, was Margaret Price in »Mad

Kapitalismus brauchbar werden

heit und Behinderung, oder

At School« »geistige Unbefähi-

– nach Jasbir Puar sind diese

zwischen psychologischen und

gungen« nennt. Sie benutzt die-

vormals ausgegrenzten Subjekte

physischen Beeinträchtigungen.

sen Begriff sehr bewusst, um die

jetzt »targeted for life«, während

Es ist wichtig zu unterstreichen,

Multiplizität, mit der Menschen

neue Formen von Homophobie,

dass eine einflussreiche Phase im

über psychologische und menta-

Sexismus und Rassismus neue

Disability-Movement darin be-

le Situationen wie Gesundheit,

gecripte und queere Subjekte

stand, dass Aktivist_innen sich

Leid, Behinderung und Beein-

erschaffen, die in die Sphäre der

von der Ideologie der Krankheit

trächtigung sprechen, Rechnung

Korrektur, der Krankheit und

distanziert haben und der Slo-

zu tragen. Ein weiteres wunder-

des Todes geschoben werden.

gan »We´re Not Sick!« einer der

bares Beispiel für diese produk-

relevantesten bei den damaligen

tiv dreckige Ignoranz gegenüber

Demos war. Ich finde sehr nach-

kategorialen Grenzen ist das

vollziehbar, wie viele Personen

queere Crip-Memoir von Merri

dieser Bewegung auf ihre geisti-

Lisa Jonson, »Girl in Need of a

ge Gesundheit verwiesen. Trotz-

Tourniquet«.

des

Mir scheint, dass deine Crip-Perspektive nicht nur gängige Unterscheidungen zwischen Behinderung und Befähigung in Frage stellt, sondern auch den Dualismus von geistiger Krankheit und körperlicher Behinderung unterläuft.

HATE

dem würden Crip-Theorien und –Aktivismen sich nicht auf eine derartige Distanzierung einlassen – eine Position wie »We are very, very sick and you´re going to hear about it!« wäre hier angemessener. Die aktuelle Anthologie »Against Health« wäre in

In Teilen der zeitgenössischen linken Theorie ist ein zunehmender Bezug auf Depression und andere Krankheiten zu beobachten. In »Kapi-

HATE

123 talistischer Realismus«6 schreibt Mark Fisher, wie seine Studenten nicht durch radikale Kritik und gute Noten aktiviert werden können und sich zunehmende Passivität, Lustlosigkeit, Internet- und Pillen-Sucht als allgemeiner Zustand durchsetzt. Der PostOperaist Franco »Bifo« Berardi hingegen argumentiert, dass das Resultat eines zunehmend alle Formen von Leben okkupierenden Kapitalismus und einer reizüberfluteten Infosphäre wie dem Internet der Zustand der Depression mittlerweile das primäre Symptom des Neoliberalen geworden ist. Ich finde es spannend, dass Leute wie Alain 6 Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Symptome unserer kulturellen Malaise. Hamburg, 2011


124

TIM STÜTTGEN

Ehrenberg in das »Erschöpfte Selbst«

7

Krankheit nicht nur persönlich, sondern gesellschaftlich auffassen – und trotzdem: Laufen derartige Analysen, nicht die Gefahr, Krankheiten als abstrakte Metaphern für linke Kritik

linken Theorie einen langen Rat-

stehen wird.

tenschwanz hat. Der Zustand

Frauen, die in den Maquildo-

der Schizophrenie ist sicher

ras an der US-mexikanischen

einer der am umfangreichsten

Grenze arbeiten, also in extrem

theoretisierten

ausbeuterischen

der

Situationen

den Moment, den wir im der-

der dortigen Elektronik- und

zeitigen Kapitalismus erleben,

Kleidungs-Industrien und -Fa-

beschreiben soll. Die feministi-

briken, erleben sehr intensive

sche

Disability-Theoretikerin

Formen von Depression – kein

Catherine Prendergast hat bei-

anderer Zustand in diesem Kon-

spielsweise diese Metaphorisie-

text produziert mehr Verlust von

rung von Schizophrenie stark

Arbeitszeit. Das wäre ein Punkt,

kritisiert. Falls diese Metaphern

an dem kollektiver Widerstand

wirklich absolut von dem Kon-

entstehen könnte. Damit würde

text enthoben werden, aus dem

das Begehren des mexikanischen

sie stammen, eröffnen sie uns

Staates, Disability durch posi-

sicher nicht viel. Gleichzeitig

tive Bilder und Rhetoriken, die

finde

ich

auch eine Rede des vormaligen

wenn

Theoretiker_innen

es

ultra-spannend, und

Präsidenten Vincente Fox bei

wie

der U.N. einschließt, welche auf

bestimmte Gruppen, die von ei-

universelle Rechte und Inklusion

ner Krankheit markiert sind, sich

pocht, konsequent gecript wer-

durch die dazugehörigen Dispo-

den.

sitive bewegen, beispielsweise

Depression in diesem Kontext zu

Aktivist_innen

zu missbrauchen?

Zustände,

verfolgen,

Viele Punkte dei-

angeblich »Depressive« durch

verstehen und zu subvertieren,

ner Frage verweisen schon auf

die Depressions-Industrie. Man

unterscheidet sich jedoch von

eine interessante, aber proble-

kann nie vorher definieren, an

den Abstraktionen der meisten

matische Dimension, die in der

welchem Punkt Widerstand ent-

linken Theoretiker_innen.

Robert McRuer

7 Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. 6. Aufl. Frankfurt, 2008

125

Interview mit Robert McRuer

Ich finde deine Intervention, dass Krankheit verkörpert wird und nicht nur diskursiv oder gar metaphorisch funktioniert, sinnvoll – allerdings gibt es auch Passagen in deinem Buch, in denen du plädierst, kreative Gegen-Identifikationen zu entwickeln, die die rigide Trennung zwischen gesund und krank markierten Körpern durcheinander bringen. In deinem Buch erzählst du zum Beispiel davon, wie du auf einer Konferenz ein T-Shirt mit der Aufschrift »HIV-positiv« getragen hast. Kannst du uns etwas mehr zu dieser Spannung zwischen Verkörperung und Gegen-Identifikation erzählen?

HATE


126

TIM STÜTTGEN

127

Interview mit Robert McRuer

hangs, der die Wurzeln und

Gewalt gegenüber Leuten, die

sind kreative Gegen-Identifika-

Nutzung

südamerikani-

in Südafrika mit HIV/AIDS

tionen immer kontextuell – dazu

Crip, sind immer nur kontextuell

schen T r e a t m e n t A c t i o n

lebten. Aus ähnlichen Erfahrun-

gehört auch das disabelte Sub-

zu verstehen und zu benutzen.

Campaign,

diese

gen mit radikalen Aktivismen in

jekt, welches sich neu als disa-

In der von dir zitierten Anekdo-

T-Shirts entwickelt hatte, verste-

Nordamerika kann ich heute sa-

bled identifiziert – um auf neue

gen, dass es absolut richtig war,

Art Politik und Gemeinschaft in

darauf zu insistieren, dass es in

diesem Kontext zu imaginieren.

diesem Kampf nicht um deinen

In meinem Buch ende ich mit

HIV-Status, sondern um deine

einem Kapitel, dass sich auf die

HIV-Politics geht. Diese Kam-

»Gespenster der Behinderung«

pagne erreichte Nord-Amerika

bezieht – ich hoffe, ich werde

und produzierte Verbindungen

noch einige mehr von denen er-

Robert McRuer

Alle kreativen Ge-

gen-Identifikationen,

inklusive

der

welche

zur T A C in Südafrika. Meine

wecken können, die in hegemo-

eigene performative Nutzung

nialen Vorstellungen ungedacht

dieses Shirts geschah auf einer

geblieben sind.

akademischen Konferenz in den Niederlanden, in der die Teilnehmenden die typische, vorhersehbare Distanz gegenüber realen, materiellen Verkörperungen von Aids einnahmen. Mein Shirt und mein Paper über sowohl die

T A C und die niederländische te habe ich auch nicht einfach

hen und nutzbar machen wollte.

Pharma-Industrie, die beide von

nur ein T-Shirt getragen, auf

Die T A C

entwickelte diese

der Aids-Krise profitierten, pro-

dem »HIV-positiv« stand. Ich

T-Shirts für einen sichtbaren

bierte diese zwanghafte Tren-

war Teil eines aktivistischen

Widerstand in einem Kontext

nung von Körper und Geist zu

wie theoretischen Zusammen-

extremer Stigmatisierung und

unterbrechen. In diesem Sinne


128

128

ANNA MÖLLER

129

M n e m o s y n e a l s o ( s u b t l e b o d i e s , p e r i p h e r y, s l o w s h o w ) , 2 0 1 1


130

130

131


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135

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136

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138

139


140

The god of hallux

M

Conor Creighton

141 But the one thing I knew I’d miss, would be to most people the least important part of my grandmother – her toe. It had become infected almost two years pre-

y grandmother left us in spring. One

viously. She’d stubbed it into the concrete step that

morning as a thaw crept its way across

lead from the small sterile room in her care home to

her home in Northern Ireland, her body

the gravel yard out back. Maybe, as climate change

became cold and she died. I was told about it on

increases, the concrete elevation would serve some

Facebook. My parents couldn’t get through to my

purpose as a flood barrier but for now the care

phone. I’d been at my girlfriends and it had died.

room was already built on a hill and she was at no

And proving a point to my girlfriend that she was the only person in the whole world that I need-

fire

more risk of water damage than a penthouse. The concrete step that attacked her toe was as useful as

ed, I never bothered to charge it. Myself and my

a zipper on a condom. The toe would never heal

girlfriend wouldn’t last much longer than that but

and while the doctors would eventually blame pan-

here’s neither the time nor place to take you down

creatic cancer for killing her, I knew that it was the

that path.

injury to her toe that had really taken her life.

I checked my mail that evening and amongst

Cancer might have driven a tank through her

invites to book launches in places I didn’t live,

belly and fire bombed her lungs but it was the in-

friend requests from bars I’d never been to and tag

fection at the very end of her body that would even-

notifications that had nothing to do with me, was

tually make her raise the white flag and scream sur-

one short and serious message.

render.

»granny passed away this morning. call u tonite. luv. dad«

My gran wasn’t really like the rest of us. We’d grown up rough and tumble, eating with our fin-

I wasn’t that upset. In truth I’d said goodbye

gers, chasing the dog through the house and if we

to the old dear a good six months earlier and we’d

saw something that looked like it might be a turd,

all been patiently waiting since then for her to cross

we’d say so. My gran was a protestant settler who

the finish line.

looked on the Queen of England as a behavioural


142

CONOR CREIGHTON

The god of hallux fire

guide and social mentor. We were her dirty Catho-

ships or god knows what but ours was rooted upon

lic grandchildren and while she loved us dearly,

the short bone at the northernmost tip of her left

she showed it from a hygienic distance. As soon

foot.

as I moved away from Ireland all contact with her stopped. That is until the dying started. My dad called. »She doesn’t really have anyone apart from us,« he said. »It’d mean a lot to her to hear your voice.«

»Well now today it’s not so bad Conor,« she’d begin. »But aye, last night I couldn’t get a wink of sleep for it.« »And did the nurses not give you painkillers,« I’d ask. »Aye they do, but that only gives me an upset tummy so I don’t take them. I throw them in the bin so I do.« My mum, my dad, my sister, her boyfriend and a few older friends from when she was younger would check in on my gran every week, but she only talked about her toe with me. The others would change the subject. I guess they found it gross. But for me it was the only subject I wanted to know about.

That night I put a phone call through to her

»How was it this weekend,« I’d say.

nursing home and waited till I heard a croaky

»Ach, you know, the skin’s a little sore still.«

»hello’ on the other end. This is where I was intro-

»And the nail? How’s the nail’s progress?«

duced to her toe. At this stage it was just a light

»Well now I think it’s grown a little more,«

cornflower blue, but over the following months I’d

she’d reply.

get to know it as bright indigo, deep azure, tur-

»Good, good,« I’d say. »By how much?«

quoise and even pistachio green.

»Just a little. It’s hard to say.«

Her toe was the foundation upon which we built our weekly conversations. Some friendships develop around the subjects of football, relation-

»Ok, well let’s hope we get a little more progress by next week,« I’d say. »Aye, it’d be nice to put on a sock again.«

143


144 »You will.«

CONOR CREIGHTON

The god of hallux fire

last time in her life.

She’d lost the whole nail in the injury. If it

Shoes meant a lot to her. Growing up during

grew back that would be a sign that her powers

the war, during a time where people were so thrifty

to heal were greater than the cancer’s power to kill

they’d even save the wrapping from the food they

her. This was her Stalingrad. Regain the toe and

bought, what you had on your feet reflected the

she just might regain the whole body.

colour of your very soul. My gran was descended

I’ve known a few deaths. And my experience

from colonialists. Her parents and their parents

of the elderly and illness is that instead of weaken-

before were land thieves. They’d ridden into town

ing a person it unifies them and brings out the fight

and built homes upon a bloody soil that had once

in the old dog. I’d seen it with my grandfathers.

belonged to native Irish. My grandmother was not

Both of them had come down with cancers of vari-

responsible for ethnic cleansing but she was born

ous sorts when they’d hit their eighties and both of

in an ethnically cleansed town and as such her soul

them had come out fighting, living on for months

was dirty, and she knew that.

longer than either of their doctors had predicted. What made them live on was a mystery to me. They

There was nothing she could do to sanitise her soul but at least her shoes could be clean.

were both in hospital. Not only were they long past

The cancer was unstoppable. She wasn’t

the age of erections, they could hardly pee standing

so naïve as to think she’d whip it, but she did at

up. Whatever it was, I never found it. But some-

least hope that she’d get to lace up a pair of finely-

thing made them wake up each new morning in the

polished new shoes just one more time. And this

same accusatory hospital bed and say »I am not go-

became my hope too.

ing to die today«. The difference with my grandmother is that I knew why she was still hanging in there. She was

»Any progress?« »Well the skin seems to be less red today,« she’d say.

waking up, feeding herself, taking her medicine

«But it’s still red?«

and following the nurses’ orders – not because she

»Yes. It’s still red but a little less so,« she’d say.

had some great dark confession she wanted to get

»Give me a colour.«

off her chest or some altruistic goal, but because

Oh, I’d say a soft crimson maybe,« she’d say.

she simply wanted to wear a pair of shoes for one

»Ok. And how’s the aloe vera oil I sent?«

145


146

CONOR CREIGHTON

»Oh the bottle’s lovely but I couldn’t for the life of me work out how to open it.« »Just ask one of the nurses,« I’d say, »I think it could work.«

The god of hallux fire

the size and made it to the funeral just as the vicar was wrapping things up with a final prayer. When the room was empty I went over to her coffin and slid open the lid. I didn’t really recog-

I hadn’t seen my grandmother in about a year.

nise the woman lying on her back with her hands

I had a collection of clues, her old cardigans, her

clasped across her chest. She’d become a voice to

veiny arms and the cold blue eyes that sat deep in

me over the years. Her touch and smells and man-

her head. Apart from that I had no clear picture of

nerisms were no more familiar than the sounds of

what she looked like anymore. On the other hand

the jungle.

I knew her toe better than my own. I knew it like an old friend.

I followed her legs down to her ankles and then to her feet which were covered in a pair of

And so it gave me the shock of my life, when

grey house slippers. I pulled the shoes out of

one day my gran announced on the phone that the

my bag. They were an ox-blood red. The kind a

nail had shrunk!

grandmother might wear I assumed. I took a deep

»Aye, it’s definitely smaller.«

breath, lifted her feet and swapped the slippers for

»Are you sure,« I asked.

the new shoes.

There was no answer on the line. »Maybe you’re foot has just grown bigger,« I said and she laughed a little. Very little. I booked a flight to Belfast for the following week. But the following week was already too late as the next morning I opened up Facebook and found out she was dead. A two hour flight turned into a half day ordeal as the plane was diverted around Europe because of snow storms. I took a bus into Belfast city centre and stopped by at a clothing store just before it closed. I picked out what I wanted, took a guess at

It was the first time I’d ever seen her toe. My gran was dead, any colour on her face was make-up and now at least, the toe that she’d battled with for so long was a calm and passive pale. I pulled the laces tight and closed the coffin. I tapped the wood like a drum. »Sleep well gran,« I said and went home.

147


148

Random thoughts

149 Italian Futurism – suspiciously foreign but more acceptable since it echoed this call to abandon old art forms – was reinterpreted in the Russian context, providing a general weapon against art

I

Cathérine Hug n the preface to her essential reading on performance art first published in 1979, RoseLee

on

in the past.«2 All the more was I surprised and irritated to read about the somewhat different time frame in

Goldberg states that »Performance Art became

the announcement of Alexandra Obukhova’s lec-

accepted as a medium of artistic expression in its

ture »Action vs. Performance – A short history of

own right in the 1970s. At that time, conceptual art

Moscow performances, 1970 – 2000s, « that actu-

– which insisted on an art of ideas over product,

ally inaugurated the P e r f o r m a I n s t i t u t e on

and on an art that could not be bought and sold

November 2, 2011. Even though I am wondering

– was in its heyday and performance was often a

why it took so long to install this institute in a city

demonstration, or an execution, of those ideas.«1

like New York, it has to be pointed out that this

Since we try to have a closer look at the history of

new visionary pilot program remains unique in its

Russian performance here, which is not a coinci-

genre. It functions as platform for the research and

dence considering that it was one of the thematic

educational components of Performa in specific

focuses on last year’s 4th edition of the performance

and the history of performance art in general: as

festival P e r f o r m a launched by the very same

space for the presentation and exploration of ideas

RoseLee Goldberg in New York 2004, let’s halt a

and the transfer of knowledge. The long term goal

little bit longer at the 2nd of seven chapters in her

is to forge a new intellectual culture around con-

seminal and already above quoted book from the

temporary performance.

chapter »Russian Futurism and Constructivism«:

Against this background and after attending

»Two factors marked the beginnings of perfor-

the majority of the events related to Russian per-

mance in Russia: on the one hand the artists’ reac-

formance in New York last Fall, more questions

tion against the old order – both the Tzarist régime

occurred then where answered to me. I want to int-

and the imported painting styles of Impressionism

roduce a brief catalogue hereafter. First of all I was

and early Cubism; on the other hand, the fact that

wondering when Russian performance »began«, in

Russian performance

1 RoseLee Goldberg,: Performance Art – From Futurism to the Present. London, 1979/2001, S. 7.

2

Ebd, S. 31.


150

Cathérine Hug

Random thoughts on Russian performance

contrast to what we would e.g. consider as rather

The Nest Group made most of their perfor-

staged theater or spectacle in the realm of Sergei

mances on the country side because they felt that

Diaghilev’s ballets in collaboration with Western

the biggest space for freedom of expression was

visual artists: Either around 1910 with Futurism

beyond an urban audience potentially inhabiting

and Constructivism such as depicted by Goldberg,

any sort of mutual control and Soviet Union cen-

or in the 1970s as suggested in Obukhova’s account

sorship. In this regard, considering their perfor-

at the N e w Y o r k P e r f o r m a n c e I n s t i -

mance »Rendering an Assistance to Power in It’s

t u t e ? What are the most important characteris-

Battle for Harvest«, the choice of reflecting upon

tics to performance art besides the fact to largely

the USSR’s exploitation of nature looks very con-

renounce on rehearsal and rather experience in im-

scious and stands above the romantic idea to es-

provisation and participation with the public: Are

cape the supervisory and censoring eye of the State.

these literally the fomenting components of protest

In the 1980s there was a shift from the out- to

against establishment or, less obvious, rather eva-

the inside. But how could we explain this shift from

sive strategies which seem to represent the most ef-

the external, rather »nature«-bound performance

ficient weapon against censorship by subtle conta-

set to an enclosed situation such as the Subway sys-

minating and undermining its subject of critique?

tem in the case of Mukhomor Group’s »Living in

One of the iconic performances in Russian art

Subway« (1979), or the E T A M o v e m e n t ’ s ,

history I want to start with is »The Nest« perfor-

Arthur Cravan’s, Anatoly Osmolovsky’s and Elena

mance by the N e s t G r o u p in Moscow from

Kovylina’s boxing competitions in the 1990s?

September 1975. The three members of the group

Particularly in the 1970s and early 80s the he-

– Gennadi Donskoi, Mikhail Roshal and Viktor

terogeneous Western performance scene was flou-

Skersis – invited the visitors to go into and hang

rishing with thrilling figures and genres: Carolee

out in the large birds’ nest the artists allocated in

Schneemann, Alan Kaprow, Marina Abramovic,

the middle of the exhibition space. What was their

Yoko Ono, the Situationist and the Fluxus move-

idea behind this invitation to participate in a set of

ments as well as Dieter Meier, Valie Export, Peter

social interactions usually associated with animals

Weibel, Hermann Nitsch and Günther Brus from

but which, of course, also alludes to various meta-

the Viennese Actionism school are further examp-

phors as a nest represents comfort, intimacy and

les of internationally well reputed and acknow-

security?

ledged examples of the days.

151


152

Cathérine Hug

How big was the awareness of each other?

Random thoughts on Russian performance

153

le. Their works feature the eccentric and emerge a sick craziness of

Was there a Western and Eastern performance »interchange« behind the Iron Curtain in the 1960s

vulnerables bodies. These are often enhanced through inaccurate

and 1970s? What sorts of communication channels were available and what endeavors have been

alcohol drinking, which actually is a recurrent creative, as much as

made to to get information across? In particular, to which dangers or restraints were those actions

an aesthetic element. How can we consider this in the history of

bound? The characteristics of the ephemeral and evasive in performance are simultaneously both, its

performance art in general, also against the specific background of

most important weakness and biggest fortitude, since the fugitive, time-based feature makes it very

Russia’s socio-political landscape of nowadays?

hard to catch and record for the historical legacy.

A repetitive assertion lies in the assumption

Obviously, this property of the »fleeting« is also

that genuinely good and »authentic« art comes

one of its most vulnerable points in historical art

out of agony; its subversive creative energy being

terms. It urges the questions of who will write its

addressed against its oppressors. That assumes

history. How and by whom it will be remembered,

that particularly interesting performances came

and by which instruments has it been recorded as

in the aftermath of Josef Stalin’s terror regime. I

well as conserved so far? It seems symptomatic

have serious doubts relating this thesis, and would

to me that in this realm, a larger analytical and

rather argue first of all that the value of an art state-

professional look into Russian performance has

ment has often been recognized only years later.

been given stage as late as 2011 at the 4th edition

Second, that if this allegation would be true (which

of Performa.

I don’t agree with) why should specialists such as

Another characteristic of performance art

Alexandra Obukhova speak of a rather problema-

is the specific nature of the insane, excessive con-

tic contemporary Russian performance scene no-

sumption as creative agent.

3

wadays? In addition, why don’t we then have (or at least can’t find from our remote and precondi-

T h e R u s s i a n B l u e N o s e s G r o u p gives a perfect examp-

tioned Western perspective) any performance movement in North Korea?

3 A further exciting field of analysis in the specific context of this magazine’s thematic focus would be the nature-related performances with ambiguous references to zoophilia by such internationally recognized artists as Oleg Kulik.

A worldwide phenomenon in contemporary


154

Cathérine Hug

Random thoughts on Russian performance

art production is the challenge of leveling its qua-

To finish this hazardous excurse upon perfor-

lity and its commercialization at an early stage.

mance with the particular and not unproblematic

The ad for A b s o l u t V o d k a by Blue Noses in

focus both, onto the Soviet and Russian era alike,

2003 seems quite telling in this regard. How have

I would like to put this into the surprising light

potential qualities criteria become normative over

of a nonetheless save figure of Jochen Gerz: »Per-

the past decades and who decides about what is

formance also has something to do with the hap-

»good« or »bad« art in general and for performance

piness to see something. This happiness doesn’t

in specific? Is a historically relevant performance

shrink when the moment of seeing is over. Perfor-

automatically good in artistic terms? It goes without saying that the post-Communist age has changed to a substantial degree the performance scene particularly in Russia. According to Boyan Machev and his essay »The total body of desire. Post-communist society – representation and excess«, it is sure that one thing Communism and Democracy have in common is the socio-economic regime to store commodity, power and symbolic capital.4 Storing in the sense of accumulating to excessive abundance parallels this economic rule in

mance has something to do with yogurt – which is

performance. It is expressed through consumption

the expiration date. Normally art is the opposite

of alcohol such as in the case of the B l u e N o -

of yogurt – it starts to be good when the yogurt is

s e s G r o u p . Boris Mikhail (actually considered

getting acid.«5

a photographer but whose motives often include a performative gesture of eccentric self-staging), or the French Situationists of the 60s purified distress towards addictive and lobotomizing effects of mass media such as in the case of Andrey Kuzkin. 4 Boyan Machev: »Der totale Körper der Lust. Poskommunistische Gemeinschaft – Repräsentation und Exzess«, in: Zurück aus der Zukunft – Osteuropäische Kulturen im Zeitaler des Postkommunismus. Frankfurt am Main, 2005, S. 110.

5 Jochen Gerz: »Das Opfer der Kunst«, in: Christian Janecke (Hrsg.), Performance und Bild – Performance als Bild. Berlin, 2004, S. 188.

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Lilly Lulay

O . T.

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JOSCHA SCHELL

OH NO HO

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175

174 Glücksformeln und Ratgeberliteratur sind ein einträg-

»Glück ist ein

duelle Glücksversprechen als Teil einer bessergestellten Lebensstilstrategie leisten, bis hin zu den Bauwagenhippiepunks, die es aus einer gefühlten Verweigerungshaltung heraus betreiben. Glück

licher Geschäftszweig. Aber was macht der Zwang zum Glück mit

lässt sich durch Achtsamkeit, Dankbarkeit und Demut erlangen (Grün), in der Pflege von Bin-

warmes Gewehr« (The Beatles, in uns? F r a n k E c k e r t hat sich umgeschaut.

I

dungen, im freiwilligen Engagement für was auch immer, in der kontinuierlichen Suchen nach Sinn (Hirschhausen, Wangchuck), in Aufmerksamkeit gegenüber Körper und Geist, Abwechslung und

st man bereit, einer breiten Koalition aus

der

Kontemplation (Klein, Wangchuck), im Flow,

mehr oder minder seriösen Journalisten, Hirn-

der Feier des Moments im Einklang mit Selbst

forschern, Moraltheologen und professionel-

und Welt (Mihály Csíkszentmihályi), in Medita-

len Talkshowgästen Glauben zu schenken, ist die

tion (Singer, Rick Hanson), im positiven Denken

Währung der globalisierten Welt weder Geld noch

und im Vertrauen auf körperliche Instinkte (Selig-

Macht, sondern Glück, Zufriedenheit und Wohl-

man, Adam Jackson und tausend andere Vertreter

befinden – nur diese seien als wahre Grundwerte

der positiven Psychologie) oder in einer verallge-

menschlicher Existenz erstrebenswert. Diese er-

meinerten Gelassenheit, die auf eine spezifische

staunlich normative Erkenntnis vermitteln emsig

Glückssuche anhand von Rezepten oder To-do-

und medienaktiv giftbuntschillernde Charaktere

Listen verzichten möchte (Wilhelm Schmid, Wolf

wie der TV-Doktor Eckart von Hirschhausen, der

Schneider). In jedem Fall gilt: Das neue Glück ist

König von Bhutan Jigme Khesar Namgyel Wang-

Arbeit. Nicht die verpönte und verschwindende

chuck, der Populärwissenschaftsschreiber Stefan

Lohnarbeit, sondern die permanente Arbeit am

Klein, der Klosterbruder Anselm Grün, Psycholo-

Selbst. Arbeit, die zugleich psychologisch, soma-

gen wie der Selbsthilfeguru Martin Seligman und

tisch und im besten Fall vielleicht noch ein wenig

Kognitionsbiologen wie Wolf Singer. Und ihnen

philosophisch ist.

wird geglaubt. Von den großstädtischen B u g a -

Das Relief »Readers Digest« des Kölner Künstlers

b o o -M a n u f a c t u m - Eltern die sich das indivi-

Claus Richter versammelt eine Bücherwand mit

Übersetzung von Klaus Beyer)


176

FRANK ECkERT

Glück ist ein warmes Gewehr…

Rückentiteln von »No More Sorrow« bis »How to

einher. Wie konnte es also passieren, dass sich das

Have Great Sex for the Rest of Your Life«. Ech-

glückliche Subjekt heute nicht mehr für soziale Zu-

te Titel aus der schier unendlichen Auswahl an

sammenhänge interessiert, die damit verknüpften

Ratgeberliteratur. Was hier zuerst klar wird: Le-

Themen sogar aktiv abblockt? Slavoj Žižek weiß:

benshilfe und Erfahrungsberichte können offenbar

»It’s ideology, stupid!« Die Entkoppelung von

nicht stumpf genug sein. Sobald das Versprechen

persönlichem Glück und gesellschaftlichem Zu-

von Glück und Selbstverwirklichung aufscheint,

sammenhalt ist in weiten Teilen ein Resultat der

läuft die Marketingmaschine an. Der gemeinsame

umfassenden Psychologisierung vieler Lebensbe-

Nenner ist die Konzentration auf das Selbst, der

reiche, dem Hauptspielfeld heutiger Ideologie.

Fokus auf die individuelle Erfüllung und Prob-

Der in den vergangenen Jahren zum Allge-

lembewältigung. Die gesellschaftliche Seite eines

meinplatz gewordene Begriff der Psychologi-

guten Lebens können die Glücksbotschafter ig-

sierung meint die Diffusion psychoanalytischer

norieren. Soziale, berufliche oder familiäre Prob-

Denk- und Verfahrensweisen aus der therapeuti-

leme, Armut oder Krankheit, sind einfach nur zu

schen Praxis in sämtliche öffentliche und private

umgehende Hindernisse auf dem Weg zum per-

Lebensbereiche, vom Arbeitsplatz über die Aus-

sönliche Glück, von den kommunikativen Well-

bildung zum Freizeitsport, in die Paarbeziehun-

nessdoktoren aktiv ausgeblendet, einfach wegmas-

gen und die Kindererziehung. Zwei Konzepte

siert. Persistente Probleme die sich nicht einfach

der therapeutischen Kultur haben sich für diesen

weglächeln lassen, Langzeitarbeitslosigkeit, Ob-

Crossover als besonders geeignet erwiesen. Ei-

dachlosigkeit, unwürdige Arbeitsbedingungen,

nerseits die Bereitschaft und Fähigkeit, sich per

chronische Krankheiten, die Pflege dementer Eltern und ähnliche unerfreuliche Ablenkungen von

Claus Richter; Mirrored Mountain Castle; 2011 Galerie Marietta Clages

Introspektion Wissen über sich anzueignen, und andererseits das therapeutische Gespräch, diese

der Selbstoptimierung glänzen im Gros der Rat-

eigentlich hochspezifische Form der Kommunika-

geberliteratur durch Abwesenheit oder werden

tion, die zu einem intersubjektiven Verständnis des

zu individuellen Glücksproblemen umcodiert und

Selbst führen soll. Die ideale Konversation dient

geht mit der freiwilligen Aufgabe hart erkämpfter

allerdings nicht mehr gesellschaftlichen Zwecken,

Rechte, wie dem auf eine gesetzliche Kranken-

sondern der emotionalen Selbststeuerung und der

versicherung mit paritätischer Lastenverteilung

Kontrolle sozialer Beziehungen. Wie Eva Illouz

177


178

FRANK ECkERT

Glück ist ein warmes Gewehr…

gezeigt hat1, haben die der Therapiekultur ent-

Dingen und Umständen, das echte Leiden an der

lehnten Werkzeuge Introspektion und Kommu-

Welt, muss dabei zwingend verharmlost und ver-

nikation eine rationalisierende Funktion. So ist

drängt werden. Auch für das therapeutische Glück

es kein Zufall, dass Lebenshilfe oft in Form von

gilt die Überlebensmaxime der jüngsten Banken-

numerischen Listen (»12 Secrets of Life«, »Die 10

krisen: Gewinne werden privatisiert, Verluste und

Geheimnisse des Glücks«, »Die Glücksformel«)

Schäden dagegen sozialisiert. Der schon immer

und Fragebögen daherkommt. Psychologisierung

am leichtesten zugängliche - weil gesellschaftlich

ist immer auch eine Quantifizierung schwammiger Gefühle und Beziehungen, die zu abzählbaren Standardpaketen verarbeitet, nun ganz einfach der Logik ökonomischer Modelle unterworfen werden können. Ein psychologisiertes Selbst ist nicht antisozial oder antiinstitutionell. Ganz im Gegenteil. Der neue Individualismus passt sich perfekt den gegebenen Bedingungen des Marktes an. Es ist vielleicht nicht einmal besonders übertrieben anzunehmen, dass der Erfolg und das Scheitern von Selbsthilfe und Glückssuche ein neues System der sozialen Schichtung hervorbringt – mit neuen Formen der Kompetenz und neuen Formen des Scheiterns. Wer die sozialen Codes der psychologisierten Kommunikation beherrscht,

nur separierte aber kaum kontrollierte - Reflex der

gehört hier zu den Gewinnern und ist vermutlich

Abgehängten ist dabei das Ressentiment. Ras-

auch glücklich und zufrieden mit seinem Leben –

sismus, Homophobie und religiöser Fundamen-

oder kann sich davon überzeugen es zu sein. Wer

talismus, die Troika der einfachen Auswege der

also nicht zum neuen Glücksprekariat gehören

unsichtbar Gewordenen, für die sich im Rahmen

möchte, muss immer noch härter an sich arbei-

der therapeutischen Mikropolitiken niemand und

ten. Ein 24/7-Job. Die reale Verzweiflung an den

nichts mehr interessiert. Von den Gewinnern ak-

1 Eva Illouz: Die Errettung der Modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. 2. Aufl., Berlin, 2011

179


180

FRANK ECkERT

Glück ist ein warmes Gewehr…

tiv ignoriert und mit nicht unerheblicher Gewalt

Wie Barbara Ehrenreich in ihrer höchst amüsan-

ausgeschlossen, scheint so manchem die einzige

ten Studie »Smile or Die2 zeigt, die sich furchtlos

Chance auf ein Stück vom Glück die täuschende

in die teilweise horribel dumme und bösartige

Wärme und Geborgenheit einer wiederum gegen

Welt des Coachings begibt, trägt die permanente

ein imaginiertes Außen gewendeten, pervertierten

Arbeit am Selbst auch heute noch calvinistische

Solidargemeinschaft der Missgunst.

Züge. Wer sein Selbst zur Marke macht, sieht den

In der sogenannten positiven Psychologie,

fundamentalchristlichen Predigern aus dem US-

die die Ratgeber- und Glücksliteratur noch immer

amerikanischen Bible Belt eigentümlich ähnlich:

dominiert, wird die Stellschraube von Selbst- und

»work harder and pray more«. Das extreme Modell

Fremdkontrolle noch einmal deutlich angezogen.

der positiven Denkart beschränkt sich aber keines-

Zum therapeutischen Erbe hat die positive Psy-

wegs nur auf die USA, wo Freiheit traditionell mit

chologie noch Elemente des Coachings einge-

Wohlstand identifiziert wird. Die marktlogische

meindet, also Handlungsmuster des Profisports,

Psychologisierung ist ein globales Phänomen,

einer der dysfunktionalsten Gesellschaftssphären.

das auch asiatische Staaten ohne jede freudiani-

Dieser fügt den therapeutischen Techniken des

sche Tradition infiltriert hat. Das vermeintlich

Selbst noch das magische Denken hinzu, die Idee,

aufgeklärte und kritische Westeuropa hat dieses

dass unsere Gedanken nicht nur unseren Geis-

Denken, neben der vulgären positiven Variante,

teszustand, sondern auch unmittelbar unseren

vor allem über subtile Schlenker und Variationen

Körper und sogar die uns umgebende physische

erreicht – und sich nicht weniger breit und tiefge-

Welt beeinflussen können. Negative Grübeleien

hend festgesetzt als in den USA.

machen Krebs. Positiv Denken macht fit, reich

Die Kultur der Selbstoptimierung ist nur

und glücklich. Die Verantwortung für Erfolg und

eine Seite der Medaille. Gleichzeitig – und weit

ein intaktes Immunsystem liegt beim Individu-

weniger auffällig – werden Normen, ein sozialer

um. Angst und Wut müssen weggelächelt wer-

Konsens, der bislang in einem gesellschaftlichen

den, wie auch alle externen Umstände, die einen

Institutionsrahmen untergebracht war, in die Sub-

Unterschied machen könnten. Die soziale Welt

jekte verlagert. Befindlichkeiten, die einmal kollek-

sowieso. Das ist natürlich purer Behaviorismus,

tiven Charakter hatten, wurden zum individuellen

eine mechanische Konditionierung zum »Guten«.

Problem. 2 Barbara Ehrenreich: Smile or Die. Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt. 1. Aufl., München, 2010

181


182

FRANK ECkERT

Wie Alain Ehrenberg dargelegt hat3, verschieben sich in Folge der

Glück ist ein warmes Gewehr…

zisstisch isolierte Einzeldasein kein Glück mehr produzieren kann, findet es sich rasch im Lager

Individualisierung und Deregulierung in den westlichen kapita-

der Abgehängten wieder. Oft genug ist diese Prekarisierung der Existenz eine harte ökonomi-

listischen Gesellschaften auch die dysfunktionalen Störungen der

sche Realität aus Perspektivlosigkeit, Armut und Unsichtbarkeit. Noch öfter aber, insbesondere in

Persönlichkeit, von den gesellschaftlich übercodierten Pathologien

Westeuropa, äußert sie sich als Befindlichkeit die den Narzissmus gerade derer trifft, die noch die

des Ödipus (Neurosen und Paranoia) hin zu den individuell codier-

besten Chancen haben. Es ist eben auch kein Spaß, noch mit Mitte Dreißig vom Geld der Eltern zu

ten Pathologien des Narziß (Borderline-Störungen und Depression,

leben. Warum kannibalisieren die Strohfeueraufstände der abgehängten Vorortjugendlichen in

Burn Out, Phobien - aber auch Verwahrlosung, Indifferenz und

London und Paris die Infrastruktur ihrer eigenen Lebensumwelten? Warum protestieren die Stu-

»grundlose« Gewalttätigkeit). Autonomie bedeutet nicht mehr Frei-

denten der Ivy League Colleges in der Wall Street bei ihren zukünftigen Arbeitgebern und nicht die

heit der Wünsche und die Existenz von Wahlmöglichkeiten,

Kids aus den Projects? Nun, die möglicherweise instabilen und temporären Arbeitsbedingungen,

sondern Wettbewerb und Aktivität. Im Zentrum der narzisstischen

mit denen sich auch die Absolventen der Eliteuniversitäten konfrontiert sehen, bewirken offenbar

Mangelpersönlichkeit steht eine immer verzweifelter werdende

genauso tiefe Kränkungen ihres Narzissmus wie die frustrierende Lebenssituation im Hochhaus-

Suche nach Glück in Form von Werten wie Selbstachtung und An-

kiez. Wenn Ungleichheit nur noch als persönlicher Misserfolg wahrgenommen wird, wenn es zu die-

erkennung. In bester postmoderner Manier ist dieses Zentrum leer.

ser Sichtweise keine offensichtliche Alternative

Ein Mangel der nicht behoben werden kann.

gibt, dann ist die Psychologisierung ein durch-

Wenn dann dieses von der Knochenmühle des

schlagender Erfolg gewesen. Den Schmerz den

permanenten Wettbewerbs mürbe gemachte, nar-

die narzisstische Kränkung hervorruft, kann dann

3 Alain Ehrenberg: Das Unbehagen in der Gesellschaft. 1. Aufl., Berlin, 2011

183


184

FRANK ECkERT

Glück ist ein warmes Gewehr…

- ebenso alternativlos - nur wieder die therapeuti-

deten Gegenorte der Heterotopien von Karneval

sche Praxis behandeln, in der Förderung indivi-

bis Friedhof hinter uns gelassen und sind – nach

dueller Kompetenzen, vor allem kommunikativer

Byung-Chul Han4 - in der »Leistungsgesellschaft«

Art und der Stärkung des Selbst – also genau in

angekommen. Diese zeichnet sich vor allem durch

den Maßnahmen die die Glücksratgeberkultur

das irreversible Verschwinden jeglicher Negativi-

vollendet kultiviert. Ein endloser autopoietischer

tät aus. Interesse am anderen und kritische Refle-

Zirkel, in dem sich Probleme und ihre Lösungen

xion werden von Können, Initiative und Motivati-

gegenseitig hervorbringen. Jede Zeitlichkeit wird

on ersetzt, um dem unausgesprochenen Imperativ

dabei in ein Limbo des ewigen Jetzt versetzt. Das

der bereitwilligen Produktivität zu entsprechen

optimierte Selbst hat keine Geschichte und kein

- was selbstverständlich ein glückliches Subjekt

finales Ziel, kennt nur eine nicht enden wollende

voraussetzt. Auch aus Kreativität ist ein interna-

Gegenwart. Kein Wunder, dass eine ökonomisch

lisierter Zwang geworden. Ein Zwang, der nicht

fundierte Zukunftsforschung noch nie so banal

weniger eindringlich und bedrückend ist, als der

und kurzsichtig war wie heute – und mit ihren

offene Druck der Gesetzesinstanzen in den Diszi-

Prognosen selten so systematisch und dramatisch

plinargesellschaften. Eine neue Kultur der affirma-

daneben lag.

tiven Negativität muss her. Die Hermeneutik des

Die verschüttete Logik des Glücksverspre-

Verdachts, liebste Waffe der guten alten kritischen

chens in der Selbstverwirklichung könnte einfach

Theorie, ist stumpf geworden. Zu zeigen, dass sei-

eine Subversion des Systems sein, die vor allem

ne kulturelle Praxis nur eine bestimmte - zu denun-

dem System selbst nützt – und als Nebenprodukt

zierende – Ideologie verwirklicht, kratzt den sie-

das Selbst stärkt und aufbaut. Ein Streben nach

gestrunken Glücksmanager nicht im Geringsten.

Glück als Abkehr vom kapitalistischen System der

Genauso wenig wie die Umsturzpläne der neuen

Selbstausbeutung und Selbstoptimierung ist ein

Radikalen. Wer hat denn Angst vor dem kommen-

überlebenswichtiger Teil dieses Systems. Quer-

den Aufstand? Das glückstrunkene Subjekt hat da-

denker und Außenseiter wurden so zur Avantgar-

mit überhaupt kein Problem.

de der Geschäftswelt. So haben wir die foucault-

Wo also findet mich das Glück? Im neobür-

schen Disziplinargesellschaften der Kliniken,

gerlich grünen Lifestyle der Nachhaltigkeit und

Gefängnisse und Kasernen und ihre positiv gewen-

des guten Konsums als Gewissensdämpfung? 4 Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. 7. Aufl., Berlin, 2010

185


186

FRANK ECkERT

Glück ist ein warmes Gewehr…

Beim Steinewerfen und Autozündeln der kleinbür-

Wünschenswerte« ist, ist sie dann nicht auch ein

gerlich anarchistischen Kiezblockwarte? Im Occu-

Trampelpfad zum Glück, abseits der therapeuti-

py der Wall Street und der Oer-Erkenschwicker

schen Autobahnen? Hoffnung ist in den Brüchen

Fußgängerzone? Als neuer Gewinnertypus des

und blinden Flecken des Selbst. Aktivitäten, die

emotional und somatisch optimierten Teamplay-

sich dem imperativ der Effizienz und (leeren) Kre-

ers? In einer zunehmend um sich selbst kreisenden,

ativität entgegenstellen, können schon helfen. Mü-

profan und konsumierbar gewordenen Kultur der

ßiggang statt Langeweile, Tanz statt Workout. Es

Transgression, der Feier von Partikularpolitiken?

wird Zeit den Blick wieder von innen nach außen

Im Beharren auf eine Teilhabe an der Gesell-

zu richten.

schaft, im Bestehen auf so etwas Altmodischem

»Schon die Klage, das Sich-Beklagen kann

wie einem Sozialstaat? In der Apokalypse? Dazu

dem Leben einen Reiz geben um dessentwillen

muss es nicht kommen. Ein Hauptmerkmal des

man es aushält.« Friedrich Nietzsche, Götzendäm-

therapeutischen Selbst ist seine grundsätzliche

merung.

Unabgeschlossenheit. Die Arbeit am Selbst ist nie zu Ende, nicht einmal mit dem Tod. Darin liegt eine Chance. Im Elend des immer zu verbessernden Selbst finden sind noch Brüche, Reste von Bedeutung, die einmal für die Idee der Möglichkeit eines anderen, besseren Lebens stand. Glück ist eine Befindlichkeit wie Gerechtigkeit, wie Schönheit. Der Sieg des therapeutischen Weltbildes bedeutet nicht automatisch auch den Verlust der Bedeutung jeder kulturellen Äußerung. Ästhetik und Ideen können immer noch unabhängige Akteure sein, Werkzeuge am Leben, nicht nur am Selbst. Wenn Weisheit, wie vom Obergrantler der Situationisten Raoul Vaneigem vorgeschlagen, ein geschärftes »Sensorium für das Unerträgliche und

187


189

188 Wer krank ist, muss getötet werden: Soldaten, die in

»Mit diesen Leuten

den zivilen »Heil- und Pflegeanstalten« im Reich überstellt. Diese waren mittlerweile in die dezentrale Phase der »Euthanasie« getreten, nachdem die Tötung von Kranken und Behinderten mit Gas im

den Jahren nach 1940 psychisch erkrankten, wurden zu Opfern einer

August 1941 auf kirchlichen Protest hin abgebrochen worden war. Im Februar 1944 wurde K. nach

Mitleid zu haben ist radikalen Militärmedizin. J a c q u e s S c h u h m a c h e r hat

unangebracht«

Hadamar gebracht, wo er nur wenige Monate später getötet wurde – wie dies geschah, ob durch eine Medikamentenüberdosis oder auf andere Art, geht aus seiner Krankenakte, die von den Tätern angelegt wurde, nicht hervor. Die offizielle Todesursache lautete: »Verfall bei Geisteskrankheit«.

die Krankenakten gelesen.

An dieser Stelle sei noch auf das Schicksal eines weiteren Soldaten verwiesen, dessen Nach-

I

name ebenfalls mit K. begann. Auch er wurde 1944 m Winter 1941/42 kam Heinrich K. wegen psy-

in Hadamar ermordet, weil er im Krieg psychisch

chischer Auffälligkeit ins Lazarett. Der begut-

krank geworden war und die Ärzte von seinen Sym-

achtende Arzt schloss dort jeden Zusammen-

ptomen – apathisches Verhalten und Trugwahr-

hang zwischen dem Auftreten der Symptome und

nehmungen – auf das Vorliegen von »Schizophre-

dem Kriegserleben des 21-jährigen Wehrmachts-

nie« geschlossen hatten. Trotz dieser Diagnose,

soldaten kategorisch aus. Er sah die psychische

die gleich zu Beginn seines Lazarettaufenthalts im

Erkrankung als ausschließlich erblich bedingt an

Dezember 1941 gestellt wurde, setzten die Ärzte in

und verneinte in seiner Stellungnahme jegliche

diesem Fall alles daran, ihren 20-jährigen Patien-

Heilungsaussicht. Mit der Diagnose »Schizophre-

ten doch noch für den Kriegseinsatz wiederherzu-

nie« – die im Zusammenhang mit den im Krieg

stellen. Sie folgten dabei dem Prinzip der aus dem

auftretenden psychischen Störungen derart häufig

Ersten Weltkrieg bekannten gewaltsamen Thera-

gestellt wurde, dass selbst die Wehrmacht diesbe-

pieverfahren, die durch die Erzeugung schweren

züglich zu mehr Zurückhaltung riet – wurde K.

körperlichen und seelischen Leids den Betroffenen


190

Jacques Schuhmacher

»Mit diesen Leuten Mitleid zu haben ist unangebracht«

zur Aufgabe seiner Symptome veranlassen sollten.

Zusammenhang mit den Fronterlebnissen zum

Zu diesem Zweck lösten die Ärzte bei K. mit ho-

Ausbruch.«

hen Dosen des Kreislaufmedikaments Cardiazol

Die Auffassung, dass das Kriegsgeschehen

von heftigen Angstzuständen begleitete epilepti-

bei einem erblich gesunden Menschen keine dau-

sche Anfälle aus. Diese Behandlung wurde nach

erhaften psychischen Störungen auslösen könne,

zehn Sitzungen ergebnislos abgebrochen und K.

hatte sich unter den deutschen Psychiatern bereits

als hoffnungsloser Fall an die zivilen Anstalten im

während des Ersten Weltkriegs durchgesetzt. Die-

Reich abgeschoben. Auch hier lautete die offizielle

se Sichtweise sahen sie durch Soldaten bestätigt,

Todesursache »Kräfteverfall«.

die extreme Gewaltsituationen durchlebt hatten,

Das Schicksal dieser Soldaten war durch die 1939 getroffene Entscheidung vorgezeichnet, im Rahmen der Aktion T4 auch die psychisch kranken Veteranen des Ersten Weltkriegs zu ermorden, darunter auch Theodor H. Der Kriegsfreiwillige wurde 1916 vor Verdun nach einer Granatexplosion in seinem Schützengraben verschüttet und litt seitdem unter paranoiden Wahnvorstellungen, die dazu führten, dass bei ihm 1917 eine »Schizophrenie« diagnostiziert wurde. Die anschließenden 23 Jahre verbrachte er deshalb ununterbrochen in verschiedenen Anstalten, bevor er im Juli 1940 in der »Euthanasie«-Tötungsanstalt Grafeneck vergast wurde. In dem psychiatrischen Gutachten

ohne danach – zumindest nach außen hin – psy-

von 1939, das den Ausschlag zu seiner Ermordung

chisch auffällig zu werden. Auf der Kriegstagung

gab, hieß es: »Wer an der Front an Schizophrenie

der deutschen Psychiater 1916 forderten deshalb

erkrankte, bei dem kam die Erkrankung nach den

mehrere Redner auf den Begriff der »Kriegsneu-

heutigen Erkenntnissen der Wissenschaft schick-

rose« zu verzichten, da dieser ein falsches Bild

salsmäßig, rein zufällig und ohne ursächlichen

vom Entstehungszusammenhang der im Krieg zu

191


193

192 Literatur Christine Beil, »…überaus harte Massnahmen müssen getroffen werden«. Wehrmachtssoldaten als Opfer nationalsozialistischer »Euthanasie«-Morde, in: Neue Zürcher Zeitung, 28.9.2002. Ernst Klee: »Euthanasie« im Dritten Reich. Die »Vernichtung lebensunwerten Lebens«. Frankfurt am Main, 2010, S. 453-458. Babette Quinkert, Philipp Rauh, Ulrich Winkler (Hrsg.), Krieg und Psychiatrie 1914-1950, Göttingen 2010, S. 54-103. Peter Riedesser, Axel Verderber: »Maschinengewehre hinter der Front«. Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie, Frankfurt am Main 2011, S. 101-196. Abbildung: Zeitschrift für Psychiatrie und ihre Grenzgebiete (1942), S. 128.


194

Jacques Schuhmacher

»Mit diesen Leuten Mitleid zu haben ist unangebracht«

beobachtenden psychischen Störungen vermitteln

diesem Verfahren, bei dem nunmehr Gleich- statt

würde. Die Betroffenen seien entweder erblich

Wechselstrom eingesetzt wurde, zunächst ableh-

entsprechend vorbelastet oder entwickelten ihre

nend gegenüber; denn offen auftretende psychi-

Symptome, um sich bewusst oder unbewusst dem

sche Störungen stellten im deutschen Heer bis zum

Kriegseinsatz zu entziehen. Das Lazarett solle des-

Angriff auf die Sowjetunion die Ausnahme dar und

halb keinen Schutzraum bieten, sondern im Ge-

die Soldaten sollten deshalb durch die Einführung

genteil den Schrecken des Krieges überbieten und

einer solchen Methode nicht unnötig verunsichert

die Soldaten damit zur »Flucht aus der Krankheit«

werden. Dennoch brachte Panse dieses Verfahren

zurück an die Front veranlassen. Auf derselben

in seinem Lazarett weiter zur Anwendung, auch

Tagung wurde der versammelten Fachöffentlich-

wenn dafür offiziell eine Einverständniserklärung

keit das hierfür als besonders geeignet angesehene

des Betroffenen notwendig war. Angesichts des

Elektroschockverfahren vorgestellt, das anschlie-

massenhaften Auftretens psychiatrischer Sympto-

ßend flächendeckend in den Lazaretten eingeführt

me im Krieg gegen die Sowjetunion, löste sich die

wurde. Dass es hierbei zu Todesfällen kam, galt

Wehrmacht von ihren ursprünglichen Bedenken

nicht zuletzt aus rassehygienischen Überlegungen

zum Jahresbeginn 1943 und gab die Elektroschock-

als vertretbar.

behandlung allgemein frei; die Schockbehandlung

Angesichts des erbarmungslosen Umgangs mit psychisch kranken Soldaten im Zweiten Welt-

mit Insulin war mittlerweile wegen Medikamentenmangels untersagt worden.

krieg erscheint es nur folgerichtig, dass sich unter

Die NS-Militärpsychiater nutzen nicht nur

den NS-Militärpsychiatern zahlreiche Tötungs-

die Möglichkeit, Patienten, die auf ihre Thera-

gutachter der A k t i o n T 4 befanden, die dann

piemethoden nicht ansprachen oder als erblich

konsequenterweise auch zu den entschiedensten

minderwertig galten, an die zivilen Anstalten ab-

Befürwortern der gewaltsamen Therapieverfahren

zuschieben, wo sie der sichere Tod im Rahmen

zählten. In diesem Zusammenhang ist vor allem

der »Euthanasie« erwartete. In psychiatrischen

Prof. Friedrich Panse zu nennen, der 1941 die Elek-

Gutachten für die NS-Militärjustiz schlossen sie

troschockbehandlung aus dem Ersten Weltkrieg

zudem aus rassehygienischen Überlegungen regel-

in seinem Lazarett weiterentwickelt und an seinen

mäßig vom Vorliegen einer psychischen Erkran-

Patienten erprobt hatte. Die Wehrmacht stand

kung auf die Notwendigkeit einer schweren Be-

195


196

Jacques Schuhmacher

»Mit diesen Leuten Mitleid zu haben ist unangebracht«

strafung – so hieß es in einem Urteil gegen einen

Oktober 1941 zunächst alle arbeitsunfähigen und

Soldaten, der sich erfreut über den Untergang der

Patienten jüdischer Herkunft mit Kohlenmonoxid

»6. Armee« in Stalingrad geäußert hatte:

vergasten, bevor im Januar 1942 alle verbliebenen

»Im Übrigen würde der Verurteilte bei einer

Patienten erschossen wurden. Eines der Opfer

Begnadigung nur fortlaufend weiter der Volksge-

dieser Mordaktionen war Fjodor K., dessen psy-

meinschaft als Schädling zur Last fallen. Die Aus-

chische Erkrankung nach einer Kopfverletzung im

merzung dieses Übeltäters ist zur Verhütung einer

sowjetisch-finnischen Krieg 1939-40 aufgetreten

schädlichen Gegenauslese dringend geboten.«

war.

Der Militärpsychiater Prof. Bumke nahm 1944 die prekäre Kriegslage gar für die Forderung zum Anlass, rückfällige Patienten grundsätzlich in den Zersetzungsparagraphen miteinzubeziehen. Er vertrat eine Ansicht, die von den meisten Militärpsychiatern geteilt wurde: »Mit diesen Leuten Mitleid zu haben ist unangebracht und in einem Kriege, der den Einsatz des ganzen Volkes bis zur Ausnutzung der letzten Kräfte erfordert, nicht tragbar.« Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg psychisch krank wurden, bekamen es also mit einer Militärpsychiatrie zu tun, die sich gegenüber 191418 noch einmal erheblich radikalisiert hatte. Sie durften auch deshalb kein Mitleid erwarten, weil die meisten von ihnen im Krieg gegen die Sowjetunion erkrankten, wo Psychiatriepatienten systematisch auf Veranlassung der Wehrmacht hin ermordet wurden – so auch in Mogilew, wo Angehörige der »Einsatzgruppe B« im September/

197


198

Natur abschaffen! I.  Eine Gesellschaft, die Technik und Wissen für die Emanzipation des Menschen nutzbar macht, braucht keine Natur.

Jonas Gempp

II.  Natur als postreligiöse Projektionsfläche und Rückzugsort wird abgelöst durch die Mimesis: Wo einst Wiese und Wald Ruhe und Erholung versprachen, ist es in Zukunft der modulierte Raum, der auf die menschlichen Bedürfnisse reagiert. III.  Fleisch muss zukünftig weder gegessen, noch fellig drappiert als Lebewesen mit projizierten menschlichen Eigenschaften gehalten werden. IV. Vom Tier wird für den Menschen keinerlei Nutzen mehr ausgehen, der sich nicht auch durch technischen Innovation erzeugen lässt. V. Die Existenz von Tieren wird also überflüssig. Speichermedien und Darstellungsmöglichkeiten erlauben jedes Verhalten, jeder Art, zu jeder Zeit darzustellen. In der Praxis wird die Spezies Mensch, die einzige sein.

198

199

VI. Es geht nicht mehr um die Beherrschung einer feindlichen oder nützlichen Natur, es geht um die Abschaffung der Natur wie wir sie kennen. Der Mensch ist das übrig gebliebene Vermächtnis der Natur, das einzige verbleibende organische Produkt. VII. Erst wenn der letzte freiwuchernde, grüne Halm, das letzte, kein Ich erkennen könnendes, Säugetier in Laboratorien archiviert ist, die Erde durch Versiegelung von der Natur geschützt ist und die Kontrolle über Gezeiten und Klima beim Menschen liegen, kann dieser ein völlig selbstbestimmtes Leben führen. VIII. Das Individuum wird und bleibt auf sich beschränkt. Radikaler Individualismus, also die individuelle Emanzipation des Menschen, machen den zwischenmenschlichen Kontakt obsolet. Lediglich vorgefilterte und entmenschlichte Fragmente lassen die Existenz von Mitmenschen vermuten.


201

200

Wider die Natur!

war er im Moment nicht, eine praktische Zweckdienlichkeit. »Wider die Natur!«

Juri Sternburg

Das musste es gewesen sein was ihn aufschrecken ließ und kurzzeitig sein Interesse erregte. Es war ihm vollkommen gleichgültig, ob

W

elch ein Spektakel! Normalerwei-

dieses Argument zu seinen Ungunsten oder zu seiner Verteidigung

se hätte er gar nicht hingesehen, geschweige denn zugehört. Immerhin

angebracht wurde, über so etwas sollten sich die Verfasser von Se-

wurde ihm schon relativ früh beigebracht, dass das Spektakel an sich nicht ein Ganzes von Bildern,

kundärliteratur und religiösen Pamphleten ihren Kopf zerbrechen.

sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen sei. Und nach

Sofern sie dazu in der Lage waren.

Personen hatte er nach wie vor kein Verlangen.

Vor kurzem durfte er sich im Gemeinschafts-

Mit Personen würde er sich früh genug wieder

raum der Haftanstalt eine etwas ältere Tierdoku-

herum schlagen müssen. Das war auch gar nicht

mentation ansehen und lernte durch selbige die

seine Art. Der tote Fuchs, der sich um den Nacken

australischen Meeresstrudelwürmer kennen. Die-

einer beleibten Dame im Publikum schlängelte,

se duellierten sich mit proportional zu ihrem Kör-

hatte es ihm schon eher angetan. Aber die beiden

per gesehen überdimensionalen Geschlechtstei-

potenziellen Würdenträger vor ihm ließen nicht lo-

len. Ihm würde es schon vollkommen ausreichen

cker. Einer der beiden echauffierte sich über den

mal wieder einen Vogel zwitschern zu hören und

anderen (welcher anscheinend sein Anwalt war,

dem Akzent nach zu urteilen waren die beiden in

so genau wusste er das nicht), währenddessen

schwarzen Stoff gehüllten Brillenschlangen sowie-

keiften und spuckten sie wie zwei übriggebliebene

so keine Australier, geschweige denn, dass eine der

Trümmerfrauen, die sich um einen ideal geformten

beiden einem Meeresstrudelwurm ähnelte.

Backstein stritten. Denn mehr als ein Backstein


202

Juri Sternburg

Wider die Natur!

Die Schmerzmittel fingen endlich an zu

mörder welche vor über 100 Jahren gelebt hatten.

wirken. Sein Kiefer knirschte und knackte unun-

Im Gegenteil, er legte Wert auf die Feststellung,

terbrochen, seit die Wärter über ihn hergefallen

dass auch er, genauso wie jeder andere Mensch, für

waren, weil er die Strauss-Kahn-Suite für sich

sein persönliches Wohlergehen die eigene Mutter

beansprucht und darum gebeten hatte, zehn Mi-

verkaufen würde. Der Unterschied lag im Detail:

nuten vor Erscheinen des Zimmermädchens ge-

Er würde liefern! Und zwar pünktlich.

weckt zu werden. Wäre er etwas jünger gewesen, man hätte Milde walten lassen können, doch in

Da war es wieder: »Der Angeklagte ist wider die Natur meine

seinem Alter wirkten diese Anzüglichkeiten nur noch pervers, sprich »Wider die Natur!« Diese menschlichen Kategorien und Vorstellungen, den genormten Lauf der Natur betreffend, ekelten ihn, lieber dachte er an glückliche Tage zurück, etwa als er die dampfenden Mägen der geschlachteten Kühe auf dem Bauernhof seines Großonkels herumtragen durfte. Manche Mägen waren größer als er selbst und wenn sich sein Körper und sein Gesicht in die dampfende Masse drückten, fühlte er sich zu Hause, was ihm im Nachhinein betrachtet äußerst profan erschien. Irgendwann hatte seine Mutter ihm dies verboten, mit der Begründung, dass der ehemalige Kommandant von Auschwitz,

Damen und Herren! Er ist schlichtweg krank!« Er

Rudolf Höss, 1947 ebenfalls von der Faszination

war schon immer misstrauisch gewesen. Die neues-

der dampfenden Kuhmägen berichtete. Die Ver-

ten Ereignisse hatten sein kompromissloses Welt-

drängungsmechanismen waren immer noch vor-

bild weder verändert noch bestärkt, denn jemand

handen.

wie Prof. Dr. Vidar Asen (laut Anklageschrift war

Nicht, dass er jemals auf seine Mutter gehört

dies sein Name, einigen Zuschauern im Publikum

hätte. Auch interessierte er sich nicht für Massen-

fiel bereits auf, dass dieser Name sowohl eine ely-

203


204

Juri Sternburg

Wider die Natur!

sische als auch eine lautmalerische Komponente

Vidar weigerte sich, seinen Lebensstil nur zu

hatte) brauchte keine tagesaktuellen Ereignisse,

verteidigen, man konnte nicht immer mit dem Rü-

um sich bestätigt zu fühlen, er brauchte eigentlich

cken zur Wand kämpfen, es war an uns den Krieg

gar keine fremdgesteuerten Ereignisse, vielmehr

zu entfesseln, davon war er überzeugt. Sie hatten

bestätigten die Entwicklungen seiner Umwelt das,

ihn in eine Welt aus Beton geboren und wunderten

was er schon vor langer Zeit hatte kommen sehen:

sich nun, dass er mit Steinen warf, so hatte es ein

Gar nichts! Man hätte hunderte Bücher darüber

Feuilletonist beschrieben, welcher anscheinend ei-

schreiben können, was er alles nicht wusste, und

nige Gläser Merlot zu viel intus hatte, als er sich

um ehrlich zu sein hatte man dies auch getan. Sie

auf seiner Ledercouch, über die Schreibmaschine

waren in jeder Stadtbibliothek einsehbar, von A

gebeugt, von dem Zimmermädchen des Hotels

wie Anatomie bis Z wie Zerfall. Nur eines wusste

einen blasen ließ. Für jemanden wie ihn war die

er mit absoluter Bestimmtheit: Es war nicht nö-

Strauss-Kahn-Suite selbstverständlich 24/7 ver-

tig, irgend ein Desaster vorauszusehen, denn die

fügbar. Exakt jener Feuilletonist saß nun zu seiner

Katastrophe war nicht das was auf ihn zukam, für

Rechten und nuckelte an dem Bügel seiner Brille.

ihn und alle Anderen hatte diese natürliche Katas-

Vidar war dies egal. Erstens war er sich der Tatsa-

trophe längst stattgefunden. Hinweise darauf gab

che bewusst, dass selbst das gewöhnlichste Durch-

es viele. So konnte sich zum Beispiel seit längerer

schnittsprodukt bedeutender war als die Kritik

Zeit ein Großteil der Menschheit den durch Na-

des angesehensten Kritikers, der es als solches

turkatastrophen bedingten Weltuntergang eher

bezeichnet, und zweitens kannte er die Mechanis-

vorstellen als das baldige Ende des allgemein vor-

men der Gesellschaft zu Genüge, wonach Ruhm

herrschenden Wirtschaftssystems. Das allein war

nie etwas Anderem diente als den Moment hin-

Katastrophe genug. Nicht, dass ihn der Kapita-

auszuschieben, in dem die Menschenmenge einen

lismus besonders gestört hätte, aber es beschrieb,

am nächstbesten Baum aufknüpfte. Und an Ruhm

wie schön begrenzt doch die Vorstellungskraft

hatte es ihm zeitlebens wahrlich nicht gemangelt.

seiner Mitmenschen zu sein schien und wie we-

Schließlich war er der Erfinder so bedeutender

nig sie ihm zu bieten hatten. Und eine Welt, die

Errungenschaften wie dem Destabilisations-Sta-

ihm nichts bieten konnte, hatte ihren Zenit schon

bilisator oder dem kassandrischen Glücksbringer.

längst überschritten, immerhin.

205


206

Juri Sternburg

Wider die Natur!

Trotz all dieser widersprüchlichen Gedanken-

dert Quadratkilometern in Luft auf, entwurzelte

gänge war Prof. Dr. Vidar Asen die Ruhe selbst.

ganze Wälder, ließ Seen vertrocknen und Berge

Ähnlich einer Wassermasse, die, wenngleich sie

verschwinden und all das aus reiner Lust am zer-

sich aus Millionen von umher irrenden Teilchen

störerischen Sammeln!«

zusammensetzt, nach Außen hin eine Ausgegli-

Kurzzeitig wollte der Professor aufschreien

chenheit präsentiert, die ihresgleichen sucht. Er

und deutlich machen, dass es sich keinesfalls um

hatte schon lange aufgehört, seinesgleichen zu

eine reine Sammelleidenschaft handelte, doch

suchen. Und er war bereit, jedwede Strafe für sei-

erstens war dies inzwischen sowieso zwecklos,

ne Verbrechen zu akzeptieren, er hoffte sogar auf

zweitens würde es zu lange dauern, diesen Krea-

die Höchststrafe, nur sie versprach Erlösung. Die

turen begreiflich zu machen, dass nicht die Art der

Gesellschaft hatte ihn sowieso längst geächtet und

Gegenstände das Sublime am Sammler ausmach-

ausgestoßen. Vor ihm klopfte irgendwer mit einem

te, sondern der Fanatismus, den das Sammeln

Hammer.

zwangsläufig mitbringt, und drittens gab es keinen

»Möchten Sie sich in irgendeiner Form dazu

Grund, den Anwesenden mitzuteilen, dass sich all

erklären?« fragte ihn nun einer der beiden. Doch

die verschwundenen Dinge in Wirklichkeit nur an

Vidar verneinte, er wollte nur noch nach Hause, er

einem anderen Ort befanden. Eine fanatische Tier-

wusste was ihn erwartete, alles war genau durch-

schutzgegnerin im Publikum sprang auf . »Wirft

dacht, niemand würde ihm mehr etwas streitig ma-

man einen Stein ist dies eine Straftat, werden

chen können. Und über Formen wollte er schon

hunderte Steine geworfen ist dies eine politische

gar nicht diskutieren.

Aktion!« rief sie und wurde unter dem Beifall der

»Dann wird nun das Urteil verkündet: Der Angeklagte hat es sich zum Ziel gemacht, in beson-

restlichen Zuschauer des Saales verwiesen. Vidar lächelte.

ders heimtückischer Art und Weise die Mensch-

»Die von ihm entwickelte Maschine, zu deren

heit um große Teile ihres wertvollsten Besitzes zu

Funktionen er keinerlei Angaben gemacht hat, soll

bringen, die Natur. Dabei ging er folgendermaßen

nach dem Tod des Angeklagten zerstört werden.«

vor: Mit Hilfe der von ihm entwickelten Desinte-

Vidar schloss kurz die Augen, bevor man ihn

grationsmaschine löste er sämtliche niederen Le-

an seine Maschine schnallte. Ein letztes Mal wollte

bensformen in einem Radius von mehreren hun-

er die smogverseuchte Luft einatmen, bevor man

207


208

Juri Sternburg

ihn in sein persönliches Schlaraffenland katapultierte, weit weg von diesem Spektakel. »Gibt es etwas was sie bedauern, Professor Asen? Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt!« Es gab durchaus etwas, was er bedauerte. Er kannte die Melodie, er kannte den Text und dementsprechend fing er an zu singen: »Es gibt kein Bier auf Hawaii, es gibt…« Ein stechender Schmerz am Hinterkopf ließ ihn innehalten. Der vorsitzende Richter schnaufte: »Ein letzter Wunsch, Professor Asen?« Diesen hatte er durchaus, auch wenn er ihn nicht laut aussprach. Er betete, dass sich die zukünftigen Bewohner seines neu erschaffenen Planeten einen einfallsreicheren Namen als »Adam« ausdachten, immerhin war er mal wieder der erste Mensch der neuen Welt.

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211

210 Datum:

23.04.2011 04:08

Der Schamane

Set: Wohnzimmer, Öffentliche Wiese Johannes C. Büttner Setting: Keine allzu hohen Erwartungen, dennoch gespannt

entschloss mich, sehr zum Ärger meiner Eltern, Vegetarier zu werden. Bereits während meiner Schulzeit habe ich - inoffiziell - bei meinem Vater studiert und seine Studenten mit meinem Wissen in Erstaunen versetzt. Nach dem Abitur bin ich zur Bundeswehr und habe dort eine Ausbildung zum Sanitätsoffizier gemacht, plus eine Ausbildung zum Pharma-

Nützlichkeit: 8,68 von 10 möglichen

zeuten in der Bundeswehr-Apotheke. Nach der Bundeswehr habe ich Chemie studiert und mein

E

Es fehlen die Uhrzeiten, da die Zahlen zu fern

Diplom in Hamburg gemacht. Nebenbei habe ich

meiner Realität waren.

ein BWL-Studium angefangen, welches ich aber

Steffen Köhn

nur bis zum Vordiplom verfolgt habe, da ich mich

s ist 18.26 Uhr. Ich schließe mein Büro ab

dann mit einer Multimedia-Firma selbständig

und beende meinen Arbeitstag früher als

gemacht habe. Ich habe meinen Teil der Firma

gewöhnlich. J. hatte mich gebeten, diesmal

allerdings 2000 verkauft und eine Corporate-Kar-

nicht wie gewöhnlich zu spät zu kommen und ich

riere angefangen, die mich weltweit in Manage-

nehme mir diese Bitte zu Herzen, da ich weder

mentpositionen gebracht hat.

ihn noch die anderen Teilnehmer der Zeremonie

J. rennt fahrig und genervt durch seine Wohnung.

verärgern möchte. Heute ist eine besonders unge-

Er reißt Schränke auf und wühlt in Wäschebergen,

wöhnliche Abendaktivität geplant. Eine, von der

da er seinen »Ayahuasca-Anzug« nicht finden kann.

gesagt wird, sie hätte das Potenzial, ein Leben zu

Er hat »wirklich keinen Bock, schon wieder eine

verändern. In meine Sporttasche habe ich, so lau-

neue Montur mit braunen Flecken zu versauen,

tete J.’s Anweisung, weiße und gemütliche Klei-

die nie wieder rausgehen.« Aus Angst während

dung gepackt.

der Zeremonie zu frieren, packe ich noch ein paar

Ich habe mich bereits sehr früh mit dem Thema

Decken und Kissen ein, die mich im Ernstfall wär-

Bewusstsein und allem was dazu gehört be-

men sollen. J. findet seinen versifften Joggingan-

schäftigt, schon als Teenager meditierte ich und

zug und wir gehen los. Es ist jetzt 19.39 Uhr. Auf


212

JOhannes C. Büttner / Steffen Köhn

Der Schamane

213

dem Weg stelle ich zum wiederholten Male einige

oben im Körper. Je näher sie dem Kopf kommt,

Fragen, von deren Unbeantwortbarkeit ich eigent-

desto brachialer wird sie. Die Farben, die ich sehe

lich schon weiß: Womit kann man die Wirkung

und Gedanken, die ich denke werden zu intensiv.

vergleichen? Meinst du, ich schaffe es aufs Klo

Wenn dieser Peak kommt, setze ich mich aufrecht

zu gehen, wenn ich muss? Darf ich Schnaps oder

hin und öffne die Augen. An meinen Zimmerwänden

V a l i u m mitbringen, damit ich mich im Notfall be-

laufen Farben und Mandalas herunter und der

ruhigen kann? J. ermahnt mich, ich soll an die Sache

Kugelraum und das Zimmer überlagern sich. Überall

nicht wie an ein Partywochenende heran gehen. Es

fühle ich einen Ozean aus Energie. Egal wo ich hin-

würde bestimmt extrem werden, hätte aber mit

schaue, überall die gleiche Substanz. Alle Farben die

lustig verpeiltem »Rumtrippen« wirklich gar nichts

ich sehe sind zu stark, so als wollten sie mich aufbre-

zu tun.

chen. Ab da befand ich mich im Zustand der MulEs war 1 Uhr nachts. Ich saß auf der Couch. Das

tidimensionalität. Ich stand mit einem Bein in der

Licht war aus. Ich trank den Sud. Vor geschlos-

Realität und mit tausend anderen Beinen in anderen

senen Augen fing der schwarze Raum an sich zu

Dimensionen. Da gab es nix zu sehen, es waren völlig

verbiegen und näher zu mir zu kommen. Später

andere Welten mit völlig anderen Eigenschaften.

kristallisierten sich verbundene, herrlich bunte Drei-

Richtig los ging es, als ich innerhalb dieses Kugel-

ecke, Vierecke, Kreise heraus. Sie kamen weiter-

raumes der Musik lauschte und plötzlich zu einem

hin näher. Irgendwann dachte ich »Scheiße! Die sind

Ton wurde, der aus der Box kam; nicht zu einem

viel zu nah, aber da muss ich durch!« Dann kamen

Gegenstand, Tier oder etwas Materiellem, sondern

Synästhesien. Ich sah und fühlte Töne. Später formte

zu reiner Kraft, purer Energie, einem Sound - total-

sich ein Raum um mich herum. Er war kugelrund

bewusst. Da hab ich gecheckt, dass ich mit meinem

und die Wände von Texturen überzogen, die sich

Bewusstsein jede erdenkliche Form annehmen kann.

ständig in Farbe und Muster veränderten. Bis dahin

Alles ist Energie und ich bin Energie, ich muss mich

musste ich mich auch dreimal stark übergeben.

nur transformieren.

Dann kam auch schon bald die erste Welle. Ich hatte

Eingeladen wurde über Email oder F a c e b o o k .

auf Reisen davor nur maximal eine Welle. Das ist

Der Schamane postet Termine »zum Tee trinken«

ein Stadium, das zu viel für mich ist. Da durch-

in Rundmails oder Gruppenchats. Es ist ein Heil-

läuft mich eine zu intensive Welle von unten nach

verfahren für Körper und Geist und soll so tradi-


214

JOhannes C. Büttner / Steffen Köhn

Der Schamane

215

tionell wie möglich abgehalten werden. So weit

wie in diesem Moment. Der Moment war echt fies

dies eben möglich ist, tausende Kilometer vom

und ich denke heute noch oft an dieses Gefühl. Das

Amazonas entfernt, in einer Mietwohnung, in der

Gefühl, dass absolut jeder absolut allein ist.

in einem Zimmer die Möbel zur Seite geschoben

Dann sah ich den Strang, der durch mich in meinem

wurden, damit man sich auf dem Boden ausbrei-

Kumpel floss. Aber zwischen den Strängen gab es

ten kann, um in Kochtöpfe und Salatschüsseln zu

keinen Unterschied, es war ein und derselbe. Er war

kotzen.

ich. Alles was existiert war ich; nicht nur Materielles,

Im Hausflur treffen wir einen bärtigen, sehr ge-

auch Gedanken, Kräfte, und Unvorstellbares - alles

sund aussehenden Mann. Ich stelle mir vor, dass

war ein und dasselbe, und das war ich. Der Strang

er von einer ausgedehnten Ashtanga-Yoga-Session

des Lebens, die pure Existenz. Ich konnte ohne Pro-

kommt und für die heutige Zeremonie den Didge-

bleme mein Kumpel sein, sah alles aus seinen Augen,

ridoo-Unterricht absagen musste, den er einmal

fühlte es mit seinem Körper. Ich konnte ihm nur

wöchentlich für Kinder aus sozialen Brennpunk-

sagen: Es gibt kein DU und ICH!

ten gibt. Eine Person, die so lieb, gut und gesund

Die Gruppe ist sehr heterogen. Ein älteres Pärchen

ist, dass man sich fast schon ein bisschen ekelt. Vor

um die 60 ist dabei und auch die anderen sehen er-

ihm, aber auch vor sich selbst. In der Wohnung

schreckend normal aus. Ich nehme ihnen allen ab,

stellt sich heraus, dass er der Schamane ist. Er hat

dass sie wegen der spirituellen Erfahrung und des

dem Wohnungseigentümer von einer seiner Ge-

heilenden Faktors der Zeremonie hier sind und

schäftsreisen teure Zigarren mitgebracht. Wir set-

nicht, um sich die »Mega-Abfahrt« zu holen. Mich

zen uns auf den Boden und ich weiß nicht so recht

wundert es ein bisschen, dass die Teilnehmer von

über was ich reden soll. Da wir alle rituell gefastet

der Tatsache, dass Ayahuasca mit zu den stärksten

haben und auch nicht so viel trinken sollen, gibt

Psychedelika gehört, besonders zu beunruhigt zu

es nicht mal ein Glas an dem man sich festhalten

sein scheinen. Wie der Schamane prahlend und ein

kann.

bisschen falsch erklärt, kann der im Ayahuasca vor-

Ich fühlte mich total einsam. Ich erkannte, dass alle

handene Stoff DMT dadurch, dass er viel kleiner

Menschen voneinander getrennt sind und ich sah

ist, um ein vielfaches besser an die Rezeptoren an-

keinen Weg der Vereinigung oder des wahren Aus-

docken als z.B. LSD. Er ist damit in seiner Potenz

tausches. Ich habe mich noch nie so einsam gefühlt,

und Intensität überhaupt nicht mit Acid zu verglei-


216

JOhannes C. Büttner / Steffen Köhn

Der Schamane

chen. Der alte Mann sagt, er habe mal Haschisch

steile Karriere gemacht, die mich allerdings von

geraucht, aber nichts gemerkt.

Innen zerstörte. Durch Zufall bin ich dann auf

Meine Eltern waren Teil der antiautoritären Be-

eine Anzeige gestoßen, in der ein Ayahuasca-

wegung und haben eine Elterngruppe gegründet,

Workshop angeboten wurde und ich erinnerte

weil sie die staatlichen Kindergärten ablehnten

mich an meine Jugendträume. Also buchte ich

und es in den 70ern kaum Alternativen gab. Sie

drei Tage Ayahuasca für 450 Pfund und der Rest

waren sehr moderne Menschen und mein Vater

ist Geschichte! Am nächsten Tag bin ich mit

ein großer Fan der Beat-Literaten und speziell

all meinem Kram ins Büro und habe fristlos

von Jack Kerouac. Ich tendierte mehr zu William

gekündigt.

Burroughs und habe jeden Fetzen Papier von ihm

Der Schamane erzählt uns die Geschichte der bei-

verschlungen - als 14/15-jähriger. Ich hatte bereits

den Lianenarten, die tausende von Kilometern von

einige Jahre zuvor angefangen, mit bewusst-

einander getrennt im westlichen Amazonasgebiet

seinserweiternden Substanzen zu arbeiten und

wachsen und durch deren Kombination die einzig-

als ich dann auf die Yage Letters von Burroughs

artige Wirkung entsteht. Er sagt, dass eine höhere

und Ginsberg stieß, war ich natürlich fasziniert.

Macht den Menschen auf die Idee gebracht haben

Ich war an die Wirkungsgrenzen der normalen

muss, diese Lianen in einer komplizierten Proze-

Psychedelika gestoßen (LSD, Pilze, Meskalin,

dur einzukochen, um dann die Säfte zu kombinie-

Ketamin, MDMA, Stechapfel, usw.), da ich auch

ren und schlussendlich das grässlich schmeckende

häufig als Heiler und Schamane damit gearbeitet

Gebräu zu trinken. Der Saft der einen enthält gro-

hatte. Ich denke, dass ich in meinem Leben be-

ße Mengen des körpereigenen Stoffs DMT, der

reits 1000 Trips genommen habe. Deswegen war

Saft der anderen MAO-Hemmer, die verhindern,

die Aussicht auf das »ultimative Halluzinogen«

dass dieser sofort wieder abgebaut wird. Damit

natürlich sehr aufregend.

ist der DMT-Anteil im Körper während der Zere-

Leider war in den 90ern das Internet noch nicht

monie um ein vielfaches höher als gewöhnlich. Er

so weit und mal so eben nach Peru fliegen, war

übertrifft sogar den überhöhten DMT-Anteil, der

auch nicht drin. Also vergaß ich die Existenz von

bei Geburt und Sterben eines Menschen ausge-

Ayahuasca und ich bin vom Pfade abgekommen

schüttet wird. »Nahtoderfahrungen - Ab geht die

- geblendet von Geld und Macht. Ich habe eine

Post«, schießt es mir durch den Kopf. Weiterhin,

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JOhannes C. Büttner / Steffen Köhn

Der Schamane

so führt der Schamane aus, ermögliche einem das

chen an und begeben uns in das mit Matratzen und

DMT mit dem dritten Auge zu sehen, eine Fähig-

Schüsseln vorbereitete Schlafzimmer. Wir wissen,

keit, welche die Menschen einmal besessen haben,

dass der heilende Saft alle Giftstoffe aus dem Kör-

die dann aber mit der Entfremdung von der Natur

per zieht und es deshalb zu starkem Durchfall und

und seinem eigentlichen Selbst für immer verloren

Erbrechen kommen kann.

gegangen sei. Das dritte Auge von Säuglingen sei

Der Schamane gibt uns duftendes Öl, mit dem

kurz nach der Geburt noch nicht ganz erblindet,

wir unsere Schläfen und Handgelenke einreiben sollen. Dies wird uns helfen, immer wieder einen Bezug zur gewohnten Welt aufbauen zu können. Denn alles was wir gleich erleben und sehen werden ist zwar Realität, aber da wir diese sonst nur zu ca. 20% wahrnehmen können, könnten uns die restlichen 80% dann doch etwas überraschen. Danach reinigt er unsere Chakren mit einem zusammengerollten Tabakklumpen, den er anzündet und dessen Rauch er uns ins Gesicht pustet. Er schaltet die spirituellen Gesänge an, die er auf seinem Smartphone gespeichert hat und verabreicht uns nach und nach den bitteren Saft. Der erste Schluck schmeckt noch ganz interessant, von Portion zu Portion wird es allerdings immer schlimmer. Ich

und so blinzelten sie immer, wenn man sich über

werde viermal nachlegen müssen und warte sehr

sie beugt, unserer Aura entgegen, welche über

lange bis es anfängt. Selbst den echten Schamanen

dem Gesicht in Stirnhöhe schwebt. Die Teilneh-

im Amazonas entgleist das Gesicht beim Einneh-

mer nicken zustimmend. Langsam werde ich im-

men, so berichtet uns der Schamane. Er selbst hat

mer aufgeregter und kann es kaum erwarten, mein

sich dort lange ausbilden lassen und kennt des-

drittes Auge zu öffnen. Nach der Einweisung und

halb den Ritus sehr gut. Es ist unabdinglich, als

einer Fragerunde ziehen wir unsere weißen Sa-

Leiter einer Zeremonie selbst den Trank zu sich

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JOhannes C. Büttner / Steffen Köhn

zu nehmen, da man nur so mit den Teilnehmern arbeiten kann. Ich sehe ihm zu, wie er in dem dunklen Raum von Teilnehmer zu Teilnehmer schleicht und wohlwollend seine Hände aneinander reibt. Dann geht es los. Nach und nach entfaltet »die Mutter« ihre Wirkung im Raum.

Mir wurde bewusst, dass ich verrückt geworden war. Es lösten sich euphorische und besorgte Stimmungen ab. Irgendwann fielen mir Geschichten ein über Leute, die nicht mehr vom Trip runterkamen. Das löste Panik in mir aus und ich wollte alles so schnell wie möglich von mir geben. Ich rannte ins Bad und schloss mich ein. Es gelang mir nicht, etwas von mir zu geben, was meine Panik noch steigerte. Lichte Momente wechselten sich ab mit panikartigen Momenten. Ich lief teilweise orientierungslos in der Wohnung herum, schaltete Geräte ein und aus und wusste nicht, was ich tun sollte. Seltsamerweise wusste ich, dass es »da draußen« noch eine Welt des »normalen Geisteszustandes« gab, gleichzeitig, dass ich selbst geisteskrank war und ich war überzeugt, ich würde diese normale Geisteswelt nie mehr erreichen. Es war mir völlig klar, ich würde den Rest meines Lebens in der Psychiatrie verbringen, aber unerträglicher Weise mit der Erkenntnis, dass mir immer bewusst wäre, dass ich verrückt bin. Kurz verspürte ich einen Drang, aus der Wohnung zu rennen und mich flehend an die nächste Person zu klammern, der

Der Schamane

221

ich begegnete. Stattdessen legte ich mich ins Bett. Obwohl ich wusste, dass es so etwas wie Zeit gab und ich sie an meinem Wecker ablesen konnte, war es unglaublich schwer zu entscheiden, welcher Tag war und wie lange ich schon verrückt war. In der Phase des erweiterten Bewusstseins ist es mir möglich, in die Aura der Teilnehmer einzutauchen, dort die (elektromagnetischen) Informationen zu lesen (wie mit einem Stethoskop oder CT-Scan) und dann je nach Bedarf meine Energiearbeit durchzuführen. Ein weiterer Teil der Heilung lauft unabhängig von meiner Arbeit, indem die Teilnehmer Erlebnisse oder Situationen erneut durchleben, diese »reframen« können. Ich denke, dass die Möglichkeit, sich mit bestimmten Situationen komplett neu auseinandersetzen zu können, großartig ist. Dadurch können Traumata gelöst werden, die sonst auf keine andere Weise aufgelöst werden könnten. Darum sagt man ja auch generell, dass eine Ayahuasca-Zeremonie so viel bewegt, wie 20 Jahre Meditation oder 5 Jahre Psychotherapie! Nach einigen Stunden verlasse ich den Raum und lege mich ins Wohnzimmer, da ich mich noch sehr schwach fühle und auch noch nicht richtig sehen kann. Aus dem Schlafzimmer höre ich immer noch die Geräusche der anderen Teilnehmer. Das ältere Pärchen hat gut zu knabbern. Schreien, Grunzen,


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JOhannes C. Büttner / Steffen Köhn

Der Schamane

Schmatzen. Gegen 8 Uhr in der Früh konnte ich

die Stunden davor waren sehr schwer zu ertra-

wackelig aufstehen und aufrecht auf die Toilette

gen. Kotzen und Lachen wechseln sich ab und

gehen. Dann gab es ein leichtes Frühstück, ich

verbinden sich zu einem sehr ursprünglich klin-

brachte aber kaum etwas hinunter und aß sehr

genden Kanon. In der Küche spielt ein langhaa-

langsam ein paar Bissen. Ich saß etwa eine halbe

riger Bandanaträger Gitarre und zwar schneller

Stunde am Frühstückstisch, als auf einmal etwas

und besser als je zuvor. Im Badezimmer spricht

Wunderbares passierte. Es begann zuerst mit gol-

der ambitionierte Projektmanager in unterschied-

denen Linien, die im Kopf von links nach rechts

lichen Stimmen mit sich selbst. Ich treffe auf den

in wellenförmigen Bewegungen sich durch den

Schamanen, der im Nebenraum telefoniert.

Äther bewegten. Unterhalb der Linien sah man

Meine Rolle ist jetzt eine andere als noch vor 5

direkt in die Glückseligkeit Gottes: eine goldene,

Jahren, und die wiederum war anders als die als

rote, unglaublich glückselige Konzentration. Die-

Jugendlicher, und in ein paar Jahren habe ich

ser kosmische Regen war das Schönste, was mir in

wieder eine andere Rolle. Es gibt allerdings ein

meinem Leben passiert ist. Es war eine Offenba-

paar Sachen, die sich wie ein roter Faden oder ein

rung der Göttlichkeit und ging einher mit einem

Thema durch alle meine Rollen ziehen. Ich sehe

unglaublichen Glücksgefühl.

mich sehr stark als Lehrer (nicht im disziplinären

Ich hatte dann das Bedürfnis, zu einer Frau zu ge-

Sinne, sondern als jemand, der Wissen bereitstellt

hen, um sie an diesem kosmischen Regen teilhaben

für alle, die durstig nach Wissen sind). Meine

zu lassen, weil ich wusste, dass sie an Brustkrebs

Fähigkeit ist es, Wissen zu vermitteln auf genau

erkrankt war. Ich beugte mich zu ihr hinunter und

der Ebene, auf der es von der anderen Seite ver-

je näher ich ihr kam, desto mehr brach ich in Trä-

standen wird, auf dem Level zu dem der Andere

nen aus. Es war, als ob mich in einem Moment ihr

bereit ist. Viele meiner Ideen sind sehr radikal und

ganzes Leid überkam. Ich nahm sie in die Arme

aufgrund meiner Intuition und Menschenkenntnis

und wir erlebten ca. eine halbe Stunde eine unend-

(ein anderes Thema in allen meinen Rollen) kann

liche Liebe und Glücksgefühl.

ich gut einschätzen, wie viel ich dem Gegenüber

Es geht dieser Frau jetzt bereits viel besser und es

zumuten kann. Wenn man zu krass ist, läuft man

scheint, dass sie ihre Krankheit überwunden hat.

Gefahr, dass der Andere alles ablehnt.

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Aber

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224

JOhannes C. Büttner / Steffen Köhn

Ich frage ihn, ob es schon zu Zwischenfällen bei der Behandlung gekommen sei. Ob es Leute gab, die »nicht klar gekommen« sind, oder Ähnliches. Er versichert mir, dass so etwas nicht vorkommt. Es habe sich noch nie jemand beschwert. Noch etwas wacklig auf den Beinen warte ich auf J., bezahle den Schamanen, höre wie das schizophrene

Stimmengewirr

des

Projektmanagers

langsam leiser wird. Der Schamane steckt das Geld ein, lächelt sein liebes, gutes und gesundes Lächeln und »entlässt uns dann mit unseren Erfahrungen in die Nacht. «

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Natascha Goldenberg

Ayahuasca


CLEMENS JAHN

Wa s t e


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248 Zurück in die Natur, rein ins vom Es, pyramiden-

auf dem Boden landen wir nie.

artig,

Voller Hoffnung, stark weil schwach,

geformte Ich.

erfreut und beißend tanzen wir;

Zurück zu den Trieben, den gefühlten Lüsten.

glänzendes Blinzeln, feine Stimmen, saftige Düfte nehmen wir dabei wahr.

Zurück in die Chemie. Dann haben wir wieder Angst vorm Ende, Chemisch geformte Natur, ich als eine Summen-

vorm zu Hause, vorm Natürlichen

formel im Periodensystem.

und der stimmenden Chemie.

Beliebig zu summieren, endlos zu formen, ohne

Schmeicheln tut’s mich weiter.

Grenzen real, verzaubert und authentisch.

Ich bin ja noch hier.

Mit Hass kommen wir, mit Zweifeln und Martern lotst man uns durch die Tür. Leer werden wir, grimmig mit Falten.

Maximilian Koch 20. August 2011

Auf dem Nullpunkt laufen wir durch die anderen Moleküle. Liebe steigt in uns auf, wir lassen uns fallen,

Berlin, Markgrafendamm


253

252 Der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee ist einer der

Überlebende letzten seiner Art in Europa. Was diesen Ort so besonders macht und

Tote

in der Sprache eine latente Ansteckungsgefahr verberge. In einer Gesellschaft, in der nach dem Primat reibungsloser Funktionalität gelebt wird, sind jegliche Auflösungserscheinungen fortschrittshemmend. Man muss aber davon ausgehen, dass der-

warum er im Dritten Reich nicht zerstört wurde, haben P h i l i p p

artige diskursive Ordnungen nicht nur in Ausnahmezuständen, in denen der Tod endemisch wird, außer Kraft gesetzt scheinen. Bei genauer Betrachtung werden die sonst mit hygienischer

G o l l und S t e f a n i e P e t e r versucht zu ergründen.

Zwanghaftigkeit

aufrechterhaltenen

Grenzen

zwischen Orten des Lebens und jenen des Todes

D

durchlässig. er Tod ist eine Krankheit. Kommt man

Es ist das abgebrochene, zu einem Ende ge-

ihm zu nahe, droht Ansteckungsgefahr. »Es

kommene Leben, mit dem wir auf einem Friedhof

sind die Toten, so unterstellt man, die den

konfrontiert sind. Etwas, wovon uns bis zum letz-

Lebenden die Krankheiten bringen«, schreibt Mi-

ten Moment die Vorstellung fehlt. Das ist auf je-

chel Foucault über jene Angst vor dem Tod, die

dem Friedhof so, und doch ist es auf dem jüdischen

dafür sorgte, dass man in der abendländisch-christ-

Friedhof in Berlin-Weißensee anders und heftiger.

lich geprägten Kultur seit Beginn des 19. Jahrhun-

Nicht zuletzt der schieren Menge an Gräbern we-

derts Friedhöfe vom Stadtzentrum extra muros,

gen, die es dort bei einem Besuch zu passieren gilt.

also hinter die Stadtmauern verlegte.

Knapp 116.000 sind es und sie werden – anders als auf christlichen Friedhöfen – für immer bleiben.

Und nicht nur der Ort des Todes wird als »anderer Ort« gemieden,

Für immer, das heißt: Bis zum Jüngsten Tag. Im Judentum ist ein Grab die letzte und unverletzba-

auch die Rede vom Tod ist merkwürdig absent, als ob sich auch

re Ruhestätte. Dass es aufgehoben, wieder belegt,


254

Philipp Goll / Stefanie Peter

Ü b e r l e b e n d e To t e

dass Grabsteine nach Ablauf einer festgelegten

in der Todessymbolik. Andererseits beginnt man

Ruhefrist entfernt oder ein Friedhof in eine Park-

spätestens im 18. Jahrhundert die Eiche regelrecht

anlage verwandelt würde, ist hier undenkbar. Die

einzudeutschen und als heroisch-männliches Sym-

Erde, die man einem Toten gab, soll ihm für immer

bol der nationalen Geschichte zu beschreiben. Bei

gehören, der Stein soll bleiben, bis er selbst wieder

der Reichsgründung 1870/71 kommt dem knorri-

in die Erde eingeht. Hinter der Forderung nach

gen Gewächs eine bedeutende symbolische Rolle

einem ewigen Ruherecht steht die Vorstellung von

zu. Der Wald wird in Deutschland bereits nach

der Auferstehung der Toten und der Wiederher-

den anti-napoleonischen »Befreiungskriegen« 1813-

stellung ihrer irdischen Gestalt

1815 zur Projektionsfläche. Und in den Gedichten

Abgebrochenes Leben. Ende des 19. Jahrhun-

und Märchen der deutschen Romantik bildete der Wald die organische Grundlage kulturellen Selbstbewusstseins, sollte er doch die noch nicht verwirklichte staatliche Einheit vorwegnehmen. Gerade angesichts der auf den Weißenseer Grabsteinen evidenten Nachbarschaft von Davidstern und Eichenlaub ist es nicht abwegig zu fragen, ob sich darin der Wunsch der deutschen Juden nach Assimilation und Integration auch in die nationale Symbolik und Mythologie äußert. Zwar sind die

derts wird das in Weißensee durch Sandsteingrab-

Träger dieser Zeichen die letzten Ruhestätten

male in Form von Baumstümpfen symbolisiert.

von Verstorbenen. Die Zeichen, die wir auf ihren

Stämme ohne Krone. Dahinter steht zunächst

Grabmalen finden weisen allerdings genauso ins

einmal das biblische Motiv des Baumes, der allen

Diesseits, in eine Zukunft, in der man friedlich in

Lebewesen Schutz und Nahrung bietet und dann

einer Gemeinschaft leben möchte.

doch fallen muss. Dass es Stümpfe von Eichen

Der Friedhof Weißensee führt vor Augen,

sind, ist verwunderlich. Zwar taucht die Eiche

wie sich die Berliner Juden in das deutsche Bür-

schon in der Bibel auf und hat auch für die jüdi-

gertum integrierten. Galt es auf jüdischen Fried-

sche Kulturgeschichte eine wichtige Bedeutung

höfen seit jeher, irdische Unterschiede durch

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gleichhohe Grabsteine zu nivellieren, kam es in Weißensee zur Ausbildung einer repräsentativen Grabmalkunst und – wie auch auf christlichen Friedhöfen um 1900 – bevorzugten wohlhabende Bürger üppige Wandarchitekturen und prächtige Mausoleen. Dieser Abschied von der Tradition unterschied die jüdischen Friedhöfe in Großstädten wie Berlin oder Frankfurt am Main von denen im Osten Europas. Ein Friedhof, Ort der Toten, lässt auch Rückschlüsse auf die Lebenden zu, die ihn angelegt haben und pflegen. Und umgekehrt müssen wir davon ausgehen, dass Ausbeutung und Zerstörung des Friedhofs Aufschluss geben über den Grad der Barbarisierung einer Gesellschaft; »Entschrottungsaktionen«, in denen die Nazis Rohstoffe nicht nur von Friedhöfen, von Grabinschriften und -umrandungen für die Rüstungsindustrie erbeuteten oder Grabsteine als Straßenbegrenzungen einsetzten, belegen das. »Die Friedhöfe in dem von den Deutschen besetzten Warschau, in Wilna und Lemberg«, schreibt der Historiker Karl Schlögel, »sind für Hunderte zur Zufluchtsstätte geworden: das Grab als Überlebensort, als Ort der Rettung, der Friedhof als Ort des Lebens, während die Städte in Flammen und Rauch aufgingen.« Auch der jüdische Friedhof Weißensee war ein solcher Überlebensort. Während der NS-Zeit wurde er


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Ü b e r l e b e n d e To t e

außerdem zu einem zentralen Ort jüdischer Selbst-

derung waren die hier erworbenen Kenntnisse in

hilfe. So war es nicht nur der jüdischen Jugend im

Landwirtschaft, Gartenbau und Treibhauszucht

Schutze der Friedhofsmauern und zwischen den

von großem Nutzen. Theoretische Unterweisun-

Gräbern ihrer Vorfahren möglich, die Nachmitta-

gen erhielten die Auszubildenden von zionistisch

ge zu verbringen, sich »in freier Luft und Natur«

orientierten Lehrern. Zu den als Arbeitsbespre-

zu bewegen, wie der überlebende Leiter des Fried-

chungen getarnten Lehrstunden trafen sie sich in

hofs Arthur Brass schreibt. »Wir beherbergten da-

den Kellergewölben der an den Friedhof angren-

mals bis zu 100 Jugendliche täglich, die irgendwie

zenden privaten jüdischen Nervenheilanstalt.

in der Gärtnerei, den Blumenhallen und sonstigen

Selbst als letztmögliches Asyl hatte der jü-

Abteilungen der Friedhofsverwaltung beschäftigt

dische Friedhof große Bedeutung. Und wer an

wurden.« Mit fünf Gewächshäusern half diese

dieses Kapitel der Geschichte des Friedhofs Wei-

Gärtnerei der Berliner Gemeinde ein akutes Pro-

ßensee erinnert, kommt um das Mausoleum des

blem zu bewältigen: jüdische Menschen, die nicht

Opernsängers Joseph Schwarz nicht herum. Zu-

länger in ihren Berufen tätig sein konnten und

allererst ist das ganz wörtlich zu nehmen, denn

Jugendliche, denen der Zugang zu »arischen Be-

das tempelartige Erbbegräbnis aus hellem Mu-

trieben« verwehrt blieb, bekamen auf dem Fried-

schelkalkstein fällt allein deswegen auf, weil es von

hof die Gelegenheit, an Umschulungen teilzuneh-

vierzehn imposanten Säulen getragen wird. »Herr,

men bzw. sich überhaupt erst einmal ausbilden

du bist meine Zuflucht für und für« lautet seine

zu lassen. »Für mich war das die Erfüllung eines

Inschrift. Dass Schwarz’ Grab während des nati-

Traumes, der Umgang mit Pflanzen, die Arbeit im

onalsozialistischen Terrors als nächtlicher Unter-

Freien. Hier arbeiteten wir unter uns und wurden

schlupf für Verfolgte diente, ist ein Element, das in

nicht - wie in der Fabrik - von den Nazis schika-

keiner Darstellung der Friedhofsgeschichte fehlt.

niert und angetrieben. Aber eine Idylle war das

Der Rabbiner Martin Riesenburger berich-

natürlich nicht, denn jeder wusste, was los war,

tet davon in seinen 1960 erschienenen Memoiren

niemand rechnete ernsthaft mit dem Überleben«,

»Das Licht verlöschte nicht. Ein Zeugnis aus der

erinnert sich Lilo Clemens, die als jugendliche

Nacht des Faschismus«. Schwarz’ Grab wurde

Helferin von 1942 bis 1944 auf dem Friedhof ar-

zur Zuflucht »für illegal lebende Juden, für ge-

beitete. Besonders im Hinblick auf eine Auswan-

hetzte Menschen, die zur Zeit des Abends nicht

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Ü b e r l e b e n d e To t e

mehr wussten, wo sie ihr Haupt, sei es auch nur

Verfolgungsjahren von 1933 bis 1945 fanden jeden-

für Stunden, zur Ruhe legen durften. In der Mit-

falls weder auf dem Friedhofsgelände noch in den

te des Daches dieses Erbbegräbnisses befand sich

Friedhofsgebäuden Kontrollen der Gestapo statt.

eine Glasplatte. Man hob diese immerhin schmale

Man sagt, die Nazis hätten es schlicht nicht mehr

Platte und suchte sich links oder rechts von ihr ein

geschafft, diesen Friedhof wie die vielen ande-

Ruhelager für die Nacht.«

ren auch zu zerstören. Eine andere und triftigere

Auch der Schriftsteller Peter Edel verarbeite-

Erklärung findet Harry Kindermann in Britta

te die Besonderheit des Grabes in seinem Roman

Wauers Dokumentarfilm über den Friedhof »Im

»Die Bilder des Zeugen Schattmann«. Es muss die

Himmel unter der Erde« (2011). »Dieser jüdische

Umwertung des Grabes in einen Ort des Überle-

Friedhof war bei den Nazis in einem gewissen

bens sein, das Verwischen der Grenzen zwischen

Aberglauben eingebettet. Das heißt, scheinbar

Leben und Tod, die diese Erzählung so mächtig

gingen da Gerüchte rum, dass da irgendwie was

macht. »Jakob Dankowitz rennt, sucht, ächzt mit

nicht in Ordnung ist. Da ist so ein Geist, so ein

jagenden Pulsen Stufen hinauf, um Postamente

Golem - das ist nicht ganz koscher.« Nazis, die zu

herum, klammert sich an eine Amphore, rutscht,

ängstlich sind, einen jüdischen Friedhof zu betre-

fällt. Und liegt in einer Säulengruft. Er starrt zu

ten – das ist eine seltsam anmutende Vorstellung,

den Kapitellen empor und hinaus zu den leis sau-

die zum Mythos dieses Ortes nicht unerheblich

senden Wipfeln der Pappeln, riecht modrige Küh-

beiträgt. Und zugleich bringt sie auf den Punkt,

le, erdfeuchtes Laub. (…) klettert unters Dach,

worum es in aller Naziideologie mit ihrem Ressen-

hebt die schmale gläserne Platte einen Spalt breit

timent gegenüber dem Fremden geht: die imaginä-

auf, drängt sich angstvoll hindurch. Liegt endlich

re Angst vor dem Unbekannten. Für die Nazis lag

ruhig darauf, das Gesicht nach unten zum Grab-

das Unbekannte hinter diesen bis heute noch gut

stein gewandt, weint wieder, weint. Liest in der

erhaltenden Mauern.

Frühe die Lettern, Kammersänger Josef Schwarz (…)« Bis heute ist ungeklärt, warum der jüdische Friedhof Weißensee die NS-Zeit unbeschadet überstand und erst 1950, ausgerechnet in der DDR, zum ersten Mal geschändet wurde. In den

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Levander Zoe

Zilit


Levander Zoe

Lido lll

Contributors

A E I O U : Mit einem goldenen Tuch, so berichtete eine Gesandtschaft aus Venedig, bedeckte der alte Kaiser sein krankes linkes Bein. Schließlich wurde sein Fuß und das Bein bis zum Knie schwarz und er hatte auch kein Gefühl mehr in den Zehen. Er unterzog sich einer Amputation, für die die renommiertesten Ärzte von weit her geholt wurden. Die Operation, die bei vollem Bewusstsein stattfand, verlief erfolgreich. M i e k e B o h l hat Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte an der HumboldtUniversität studiert und arbeitet im Berliner Kunst- und Kulturbetrieb. J o h a n n e s C . B ü t t n e r arbeitet gerne mit seinen Freunden an Dingen, die ihm Spaß machen. C o n o r C r e i g h t o n befindet sich derzeit in einem Motel am Stadtrand von Macon in South Georgia. Die Bettlaken riechen nach Lastwagenfahrern und das Wasser aus der Dusche ist manchmal hell-, dann wieder dunkelbraun. Er glaubt, dass letzte Nacht im Zimmer nebenan jemand geschrieen hat. Vielleicht war es aber nur eine Katze, oder Rednecks, die Sex hatten. Wenn Conor nicht in Amerika unterwegs ist, schreibt er für die „Vice“ und den „Guardian“ und veröffentlicht Kurzgeschichten auf shortcouples.com F r a n k E c k e r t ist ein semiprofessioneller Wenigschreiber in Köln. Als theoretisch verbildeter Naturwissenschaftler und sich zu hedonistischem Blödsinn bekennender Konservativer schreibt er grundsätzlich lieber über Dinge von denen er nicht viel versteht, wie elektronische Musik, bildende Kunst, Psychologie, Soziologie und sozialistische Praxis. Was er allerdings sicher weiß, ist dass die Bausteine aus denen die Welt besteht nicht Quarks oder Superstrings sondern Schönheit, Schwermut, Liebe und Bosheit sind. C o l b y V i n c e n t E d w a r d s ist Künstler. T i n a v a n d e r F e r u s , Jahrgang 1977, fotografiert viel, schreibt selten, seit 2004 ein Leben in Berlin. /geht (dort) in gedanken umher. und sorgt für ein ängstliches zimmer, das sie ordnet und schont, weil es vielleicht noch immer dasselbe mädchen bewohnt. C a r e n F e l l e r hat entschieden ihren Text unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Sonst schreibt sie für verschiedene Magazine und Zeitungen über alles was sie interessiert. W i l l i a m M i c h a e l F r a n e v s k y ist Künstler. J o n a s G e m p p lebt und arbeitet in Berlin. Er mag Spiele ohne Leiden, Opulenz und Beton. N a t a s c h a G o l d e n b e r g ist Künstlerin, lebt und arbeitet in Berlin. P h i l i p p G o l l studiert Literatur- und Medienwissenschaften sowie Slawistik. Er schreibt für die taz und bloggt für HATE.


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Contributors

C a t h é r i n e H u g (*1976 in Basel), Kuratorin der KUNSTHALLE wien.

Anna Möller

C l e m e n s J a h n , Designer und Fotograf, lebt und arbeitet in Berlin. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht zur Zeit die Frage nach der Bedeutung von Verschwendung und Abfallproduktion als elementarer Bestandteil von künstlerisch-gestalterischen sowie wissenschaftlich-theoretischen Innovationsprozessen.

Iver Ohm

S i l k e J a n o v s k y glaubt fest daran, dass ihr Immunsystem durch den Verzehr von ungewaschenem Obst und Gemüse aus Großmutters Garten tiptop in Form ist. Dafür neigt sie zu Ohnmächten und wünscht sich endlich mal ein ordentliches Fieberdelirium. Bestenfalls ereilte sie etwas annähernd Ähnliches, wenn sie Texte für das DummyMagazine, die Spex, ZeitOnline oder die Berliner Zeitung schrieb. Bei der letzteren ist sie als Redakteurin tätig.

D a r k o R a d o tanzt.

J O C L alias Johann Clausen, geboren 1983, arbeitet seit 2008 freiberuflich als Fotograf. M a x i m i l i a n K o c h bekommt Angst in der S-Bahn, fühlt sich in einem Käfig fremder Gedanken eingesperrt, und versaut sich, mit dem Einstieg in jenes Vehikel, fast jeden Tag. Er isst viel, um Tage in Trägheit zu beenden, hat aufgehört nach dem Sinn zu fragen und bewegt sich im Glanz der Sinnlosigkeit. Täglich. S t e f f e n K ö h n ist amtierender Videokünstler. S ö r e n K i t t e l (*1978) schrieb früh für die Schüler-Zeitschrift „Spießer“, später dann für das chinesische Regierungsmagazin „China heute“, die englischsprachige „Jakarta Post“, das Lifestyle-Magazin „Qvest“ und den Berliner Tagesspiegel, quasi ein One-Way-Ticket zur „Berliner Morgenpost“, wo er jetzt im Lokalteil Reportagen schreibt. L a u r a K ü c h l e r wohnt in Berlin H a n n e L i p p a r d wurde 1984 in Milton Keynes, England, geboren. Sie hat 2010 an der Rietveld Academy in Amsterdam graduiert und widmet sich seither dem Schreiben, das die Basis für ihre Time-Based-Arbeiten in Form von Kurzfilmen, Performances und Klanginstallationen ist. Hanne Lippard lebt und arbeitet in Berlin. L i l l y L u l a y lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Bordeaux. Sie wird von der Galerie Ilka Bree vertreten. A n n a M ö l l e r wohnt in Hamburg.

S t e f a n i e P e t e r ist Ethnologin und Autorin. Sie beschäftigt sich unter anderem mit dem Holocaust in der polnischen Erinnerungskultur. D a r k o R a d o tanzt.

S t e f a n i e P e t e r ist Ethnologin und Autorin. Sie beschäftigt sich unter anderem mit dem Holocaust in der polnischen Erinnerungskultur.

J o s c h a S c h e l l hat Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel und Fine Art am Goldsmiths College London studiert. Derzeit ist er Meisterschüler von Prof. Bernhard Prinz. Er lebt und arbeitet in Hamburg als Künstler und Fotograf. Jarrett Scherff N i n a S c h o l z ist Journalistin. Sie lebt in Berlin und mag spannende Filme, dicke Bücher und buntes Essen. Genaro Strobel J a c q u e s S c h u h m a c h e r schreibt am Somerville College, Oxford eine Doktorarbeit zum Thema „Nazi Germany and the Morality of War“. J u r i S t e r n b u r g ist Autor, Dramatiker und Tunichtgut aus Berlin. Sein Stück "der penner ist jetzt schon wieder woanders" wird im Frühjahr 2012 im Maxim Gorki Theater aufgeführt. T i m S t ü t t g e n studierte Filmwissenschaften und Gender / Queer Studies. Als freier Autor veröffentlicht er Texte in Spex, Jungle World, Springerin, Testcard, Malmoe, Texte zur Kunst. Er organisiert experimentelle Symposien wie „Post Porn Politics“ (Volksbühne 2006), dessen Reader 2010 auf b_books erschien. Unregelmäßig performt er als Dragqueen Timi Mei Monigatti. N i s a a r U l a m a , geboren 1982 in Bendorf/Rhein, studierte Philosophie und Völkerrecht in Bonn. Er lebt derzeit in Berlin. J u l i a W ö l c h e r ist Landschaftsarchitektin und beendet gerade ihren Master an der BOKU- University of Natural Resources and Applied Life Sciences. Sie arbeitet als Projektassistentin in Wien und interessiert sich für interdisziplinäre Projekte.


HATE #9  

Neunte Ausgabe von HATE. Magazin für Relevanz und Stil, März 2012

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