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Inhalt

Räume in der Kunst Künstlerische, kunst- und medienwissenschaftliche Entwürfe Sabiene Autsch, Sara Hornäk | 7

The Silence Evanthia Tsantila | 17

Der audio-visuelle Raum Pina Bauschs Choreographie »Blaubart – Beim Anhören einer Tonband-Aufnahme von Béla Bartóks Oper ›Herzog Blaubarts Burg‹« Petra Maria Meyer | 29

Choreographien der Leere Zur Eröffnung des Jüdischen Museums und des Neuen Museums in Berlin Isa Wortelkamp | 53

»Ich habe immer umgekehrt gedacht: Jeder Raum ist ein isolierter Raum, ein Haus, ein Wohnzimmer.« Jan Hoet im Gespräch mit Sabiene Autsch | 69

Michel Foucaults Panoptismus Hartmut Wilkening | 83

»Es ist, als wollten die Wände die Werke ansaugen« Skulptur und Raum im Wilhelm-Lehmbruck-Museum Christoph Brockhaus im Gespräch mit Sara Hornäk | 97


»Tatort Paderborn« Andrea Brockmann | 119

Venezia 2007 Kunst im öffentlichen Raum: La Biennale di Venezia Gabriele Huber | 135

Interventionen im öffentlichen Raum skulpturale Fragen – Standpunkte im freien Fall Thomas Stricker | 153

Die Skulptur und ihr Gegenüber Interventionen in den ästhetischen Erfahrungsraum des Betrachters in Werken von Franz Erhard Walther, Erwin Wurm und Studierenden des Faches Kunst Sara Hornäk | 165

Bühne, Labor, Wohnzimmer Raumerkundungen und -bewegungen im Werk von Sigmar Polke Sabiene Autsch | 187

Politisierung des Raums Stereoskopie im »Dritten Reich« Jens Schröter | 211

Quellcode der Orientierung: Ein Entwurf des Leon Battista Alberti Tristan Thielmann | 231

Was ist Raum um 1300? Zum ›festen‹ Mutterhaus Giottos Karin Leonhard | 251

Zu den Autorinnen und Autoren | 295


Michel Foucaults Panoptismus Hartmut Wilkening


Abb. 1


Im Mai 2008 wurde ich von der niederländischen Stiftung SKOR, einer Organisation für Kunst im öffentlichen Raum1, eingeladen, eine Idee für ein Kunstwerk in einem neu zu bauenden Pflegeheim zu skizzieren. T’ Gooregt, ein Dachverband von mehreren Pflegeheimen in der niederländischen Provinz Groningen, hatte bereits einen Neubau in Auftrag gegeben, suchte aber noch nach einem Künstler bzw. einer Künstlerin für die Realisation eines Kunstwerks im Gebäude. T’Gooregt wendete sich an SKOR und sie einigten sich auf eine KoAuftraggeberschaft für dieses Kunstprojekt. Nach einigen orientierenden Gesprächen mit verschiedenen Künstlern wurde ich von den beiden Organisationen mit der Ausarbeitung eines Kunstentwurfs beauftragt. Der Auftrag war frei von inhaltlichen Auflagen. Ich erhielt Informationen über die Neubau-Architektur und das Konzept der räumlichen Nutzung: Das neue Pflegeheim sollte ein überaltertes Hochhaus ersetzen und damit nicht nur eine modernere Versorgung gewährleisten, sondern auch verschiedene soziale Funktionen, wie einen Kartenspiel-Club, Leseabende, Theatervorstellungen usw., in das Gebäude integrieren. Das beauftragte Architektenbüro richtete in seinem Entwurf (Abb. 2) einen zentralen Innenhof ein, in dem diese Veranstaltungen Platz finden sollten. Die Wohneinheiten der Pflegebedürftigen ordneten sie in fünf Stockwerken ellipsenförmig um den ebenfalls ellipsenförmigen Hof an. Jener überdachte Innenhof ist nicht nur für alle Bewohner gut erreichbar, er wird auch zum allgegenwärtig sichtbaren Zentrum des Gebäudes. Die Außenform des Pflegeheims ist geschlossen. Kaum ein architektonisches Element gibt Aufschluss über die Funktion des Gebäudes. Eine unverzierte Fassade ohne Balkone, mit monotonen Reihen von kleinen Fenstern gibt dem Gebäude einen gefängnisartigen Charakter. Passend dazu trägt der Neubau den Namen De Burcht, ins Deutsche übersetzt: Die Festung. Der Grundriss der Festung erinnerte mich direkt an einen Entwurf von Jeremy Bentham für ein Gefängnis aus dem Jahre 1787 (Abb. 3). Bentham erfand einen mehrgeschossigen kreisrunden Kuppelbau 1 | SKOR, Stichting Kunst en Openbare Ruimte, Stiftung für Kunst im öffentlichen Raum, mit Sitz in Amsterdam.


mit dem Namen Penitentiary Panopticon.2 Seine Idee wird als ein Wendepunkt in der Geschichte der Strafen angesehen, da das Gebäude die Delinquenten einerseits dem Blick der Öffentlichkeit entzog, sie aber andererseits im Gefängnis an eine organisierte Sichtbarkeit bloßstellte.3 Der Philosoph Michel Foucault gebraucht in seinem Buch »Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses«4 das Panoptikum von Bentham als Sinnbild für die modernen Gesellschaften. Die Mechanismen, die diese Gesellschaften konstituieren, bezeichnet er mit dem Begriff »Panoptismus«. Diesen bestimmt er sowohl konkret als die optische Anordnung, die das Gefängnis charakterisiert, er bezieht ihn Abb. 2 aber ebenfalls auf Schulen, Fabriken, Kasernen und Krankenanstalten. Foucault definiert Panoptismus darüber hinaus auch abstrakt, als eine Technologie, die irgendeiner menschlichen Mannigfaltigkeit eine Verhaltensweise aufzwingt.5 Foucaults Panoptismus kann also nicht mit einem bestimmten Apparat oder System identifiziert werden, wie etwa einer Regierung, einem Schul- oder Gesundheitssystem, Panoptismus weist vielmehr auf einen Typus von Macht, der alle Arten von Institutionen durchzieht und darum in unendlich vielen Einzelformen erscheint. Das Prinzip von Benthams Panoptikum umschreibt er so: »[...] an der Peripherie ein ringförmiges Gebäude; in der Mitte ein Turm, der von breiten Fenstern durchbrochen ist, welche sich nach der Innenseite des Ringes öffnen; das Ringebäude ist in Zellen unterteilt, von denen jede durch die gesamte Tiefe des Gebäudes reicht; sie haben jeweils zwei Fenster, eines nach innen, das auf die Fenster des Turms gerichtet ist, und eines nach außen, so dass die Zelle auf bei2 | Panopticon, von griechisch ›pan‹ = gesamt und ›optikós‹ = schauen. 3 | Bekannte Beispiele für Benthams Konzept sind die Gefängnisse Kilmainham, Arnheim und Presidio Modelo. 4 | Titel der Orginalausgabe: Surveiller et punir. La naissance de la prison, Paris 1975. 5 | Vgl. Gilles Deleuze: Foucault, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1992, S. 51.


den Seiten von Licht durchdrungen wird. Es genügt demnach, einen Aufseher im Turm aufzustellen und in jeder Zelle einen Irren, einen Kranken, einen Sträfling, einen Arbeiter oder einen Schüler unterzubringen. Vor dem Gegenlicht lassen sich vom Turm aus die kleinen Gefangenensilhouetten in den Zellen des Ringes genau ausnehmen. Jeder Käfig ist ein kleines Theater, in dem jeder Akteur allein ist, vollkommen individualisiert und ständig sichtbar.«6 Vergleicht man Foucaults Definition für das Panoptikum mit dem Entwurf des Pflegeheims, sind Übereinstimmungen zu finden: In der Festung ist ebenfalls eine sorgfältige Überwachung vorgesehen. Die Bewegungen der Bewohner sind in der vorgegebenen Architektur gut zu überschauen. Darüber hinaus wird ihr Verhalten unter anderem in den Tagebüchern der professionellen Begleiter und in den medizinischen Dossiers der Ärzte und Psychologen festgehalten. Mir wurde deutlich, dass der Kunstentwurf in jedem Fall etwas mit dem Panoptismus zu tun haben würde. Schon vor längerer Zeit hatte ich mich mit dem Panoptikum auseinandergesetzt. Foucaults Buch über die Geschichte der Gefängnisse las ich zum ersten Mal 1997, als ich eingeladen war, ein Kunstwerk Abb. 3 für eine Haftanstalt zu entwerfen, nämlich die Justizvollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim. Zu diesem Zeitpunkt näherte ich mich dem Auftrag mit der Grundüberzeugung, dass es möglich wäre, ein Gefängnis von außen zu betrachten. Ich war auf der Suche nach einer Freiheit, die außerhalb der Haft bestehen könnte und beschäftigte mich mit möglichen Strategien aus der Gefangenensituation auszubrechen. Besonders interessierte ich mich für die verborgenen Informationssysteme unter den Gefangenen. Stammheim war ein Gefängnis für Verdächtige, die Insassen befanden sich hier in Untersuchungs6 | Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1976, S. 256f.


haft, bis ihr Urteil durch den Richter ausgesprochen wurde. Darum galten in Stammheim besondere Einschränkungen der Kommunikation. Es gehörte beispielsweise zu den Aufgaben der Wärter, wilde Tauben zu verjagen, da die Anstaltsleitung besorgt war, dass diese Vögel von den Gefangenen gezähmt und als Nachrichtenüberbringer untereinander benutzt würden. Diese Geschichte faszinierte mich. Das klassische Symbol der Taube als Überbringer von Freiheit und Frieden war den praktischen Kontrollpraktiken der Anstalt zum Opfer gefallen. In meinem Kunstwerk wollte ich den Konkurrenzstreit zwischen den (potentiellen) RaffiAbb. 4 nessen der Delinquenten und den Überwachungstechniken der Wärter versinnbildlichen. Ich organisierte zusammen mit zwei Brieftaubenvereinen einen Wettflug von 5000 Brieftauben, die vor der Anstalt aufgelassen wurden (Abb. 4). Die meisten der Gefangenen und einige Wärter beteiligten sich an dieser Taubenwette. Der Symbolgehalt des Projektes basierte auf der Vorstellung, dass der Flug vom Gefängnis in die äußere Freiheit in irgendeiner Weise möglich wäre. Dem späteren Kunstprojekt im Pflegeheim näherte ich mich grundsätzlich anders. Zum Zeitpunkt des Auftrags für die Haftanstalt in Stammheim war ich Student an der Rijksakademie in Amsterdam. Durch Foucault kam ich zu der Entdeckung, dass auch die Architektur dieser Kunstakademie einem Panoptikum gleicht: Das Institut ist in einer ehemaligen Kavalleriekaserne7 untergebracht. Im Ringgebäude der denkmalgeschützten Kaserne befinden sich die Ateliers der Studenten und im Zentrum des vorherigen Exerzierplatzes stehen zwei Neubautürme8, in denen die Büros für das Personal und die Direktion untergebracht sind (Abb. 5). Ein hoher eiserner Zaun trennt die Ateliers von der Außenwelt und das Eingangstor lässt sich nur mit einem Magnetstrei-

7 | Kavalleriekaserne an der Sarphatistraat aus dem Jahre 1864. 8 | 1992 gebaut durch den Architekten Koen van Velsen.


fen öffnen, der auch die An- und Abwesenheit der Studenten und des Personals registriert. Ich profitierte von der Rijksakademie. In den Werkstätten konnte ich große Arbeiten realisieren, und ich kam in Kontakt mit renommierten Künstlern und Kunstkritikern, die an der Akademie dozierten. Zugleich merkte ich, dass ich immer weniger Kontakte außerhalb der Akademie unterhielt und immer mehr zu einem Teilnehmer einer professionell organisierten, akademischen Sub-Gesellschaft wurde. Da die Situation aber zeitlich begrenzt war, lebte ich in der Vorstellung, dass ich ohne Weiteres wieder aus dieser Sub-Gesellschaft in ›die Freiheit‹ heraustreten könnte. Tatsächlich setzten sich aber die Strukturen der akademischen Sub-Gesellschaft auch nach dem Abschluss an der Akademie im Berufsleben durch. Ein gutes Jahrzehnt nach dem Kunstauftrag in Stammheim und der Studienzeit an der Rijksakademie habe ich Foucaults Panoptismus nochmals studiert. Aus heutiger Sicht überzeugen Abb. 5 mich der immanente Charakter und die Grenzenlosigkeit der Disziplingesellschaft, die Foucault beschreibt. In der Zeit nach seinen Untersuchungen hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Bei der Betrachtung der Festung (De Burcht) bekomme ich den Eindruck, dass Foucaults Analyse an Überzeugungskraft gewonnen hat. Im Vergleich der Architektur des Pflegeheims mit dem Grundriss der Rijksakademie fällt auf, dass im Zentrum der erstgenannten ein symbolisches Kontrollelement fehlt. In der Festung besteht das Zentrum aus einem zunächst leeren Raum. Dieser ist frei gehalten für Gemeinschaftsaktivitäten, welche die Heimleitung organisiert. Wegen der architektonischen Beschaffenheit des Gebäudes sind diese Veranstaltungen auf den Galerien aller Stockwerke sicht- und hörbar. Wenn die Bewohner ihre Zimmertür öffnen, treten sie unmittelbar in Kontakt mit dem Gemeinschaftsraum und dem Ereignis, das zu diesem Zeitpunkt organisiert wird. Die Teilnehmer der Veranstaltung wiederum werden automatisch zu öffentlichen Figuren, da sie von


überall aus sichtbar sind. So verteilt sich die organisierte Praxis des Pflegeheims im Raum. Während der gemeinsamen, begleiteten Aktivitäten, der Leseabende und Musikvorstellungen verbindet sich die geplante Ordnung des Pflegeheims mit dem Leben der Bewohner, und die Bewohner werden selbst zu Trägern der Ordnung, ohne dass ein sichtbares Instrument sie zur Disziplin ermahnt. In dem Kunstauftrag wollte ich nicht nur den Prozess des Einschließens, der sich auch schon an der Architektur ablesen lässt, versinnbildlichen, sondern ich wollte auch die Immanenz der Machtverhältnisse im Auge behalten. Im Gegensatz zu meinem Kunstprojekt in Stammheim, in dem die Idee der Freiheit eine Rolle spielte, fußte der Entwurf für die Festung auf der Vorstellung, dass sich unsere Gesellschaft in die Sub-Gesellschaft der Pflegebedürftigen mit einschließt. Ich schlug den Auftraggebern vor, für die Festung ein Monument von Foucault aus Beton herzustellen und dieses noch in der Rohbauperiode im Mittelpunkt des Gebäudes zu installie- Abb. 6 ren (Abb. 8). Es sollte so groß sein, dass es nach der Fertigstellung des Gebäudes nicht mehr heraustransportiert werden könnte. Das Monument würde zu einem architektonischen Bestandteil des Gebäudes werden. Oder anders ausgedrückt: Der monumentale Foucault würde das Schicksal der Pflegebedürftigen teilen, das Gebäude nie mehr heil oder lebend verlassen zu können. Der Vorschlag gefiel den Auftraggebern. Wir suchten nach technischen Lösungen und einem Zeitpunkt, zu dem das Monument in den Rohbau integriert werden konnte. Die Tragekraft der Betondecke im Zentrum des Gebäudes musste in der Planung noch angepasst werden, um das Gewicht der Skulptur tragen zu können. Außerdem musste die Skulptur fertig gestellt sein, bevor mit den Bauarbeiten am Dach über dem Innenhof begonnen wurde. Die einzige Möglichkeit, das Foucault-Monument in das Gebäude zu transportieren, war ja der Weg mit dem Kran, über die Rohbauwände, durch das noch offene Dach.


Der erste Juli 2009 wurde der Tag der Lancierung der Skulptur (Abb. 1, 8, 9). Das Modell fertigte ich in meinem Amsterdamer Atelier an, dort wurde auch die Negativform hergestellt. Das Negativ bestand aus acht Einzelteilen, die wir zu einer Betonfabrik in Eindhoven transportierten. Dort wurden die Einzelteile wieder aneinandergefügt und das Ganze in einen Container mit Sand eingegraben. Eine Stahlarmierung wurde im Inneren angebracht, und anschließend wurde diese Kopfform mit Beton vollgegossen. Die Skulptur sollte eine kolossale Ausstrahlung haben, darum wurde das Bildnis massiv gegossen. Nach drei Tagen konnte der Guss gedreht und ausgeschalt werden (Abb. 6, 7). Das Material Beton ist etwas anderes als die Brieftauben des Kunstwerks für Stammheim. Ich wollte mit diesem schweren Material arbeiten, um anzudeuten, dass panoptische Anstalten im Wesen eine Form der Konzentration bedeuten. Die Konzentration Abb. 7 von Menschen in Anstalten hat wesentlich etwas mit der Produktion von Wissen und mit der Produktion von Macht zu tun. Bei allen beschriebenen Instituten, der Haftanstalt, der Akademie und der Pflegeanstalt, wird Wissen generiert. In dem Pflegeheim konzentriert sich das Wissen um die Lebenserfahrungen der Bewohner und um das Ausklingen ihres Lebens. Ihr geistiger und körperlicher Zustand wird in ihren letzten Lebensjahren begleitet und ist die Quelle medizinischer und psychologischer Kenntnis. In der Haftanstalt wird ein Wettstreit gehalten zwischen der Vertiefung eines verborgenen Wissens (der Delinquenten) und einer Technik des Aushörens (der Staatsanwaltschaft). Die Akademie ist eine Kreativitätsmaschine, in der neues Wissen sich im Widerstand gegen traditionelles Wissen festigt, das wiederum weitere Proteste und weitere Kreativität hervorrufen wird. Die monumental schwere Skulptur von Michel Foucault im Zentrum des panoptischen Pflegeheims ist eine Metapher dafür, wie ein Denken des Außen aus dem Inneren des Wissens und der Macht entsteht und dass es ein Außen des Wissens und der Macht letztendlich nicht unbedingt geben kann.


Abb. 8


Abb. 9


Raume in der Kunst  

edited by Sabiene Autsch and Sara Hornak

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