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Monika und Hans-G端nter Heumann

Musikgeschichte f端r Kinder Eine spannende Zeitreise


Vorklassik

(ca. 1720–1760)

– Klassik

(ca. 1750–1820)

Fünfte Zeitreise Die Kinder können an nichts anderes mehr denken als an einen Ausflug mit der Zeitmaschine. Clara ist hin- und hergerissen: Eigentlich möchte sie gerne ein anderes Jahrhundert besuchen, aber wenn es keinen Weg mehr zurück gibt? Bei dem Gedanken wird ihr ganz komisch zu Mute. Frederik ist davon überzeugt, dass nichts schief gehen kann. Er brütet schon über einer Liste mit Musikern, die er gerne kennen lernen würde. Clara lässt sich von seiner Begeisterung anstecken und beginnt ebenfalls, einige Namen aufzuschreiben. Nach einer Weile vergleichen sie. „Beethoven haben wir beide auf der Liste“, sagt Clara mit einem Blick auf seinen Zettel. „Aber wenn ich es mir so richtig überlege, möchte ich ihn doch nicht treffen. Auf Bildern guckt er immer so finster!“ – „Wie wäre es mit Chopin?“, fragt Frederik. „Der wäre doch super!“ Clara grübelt. „Was ist mit Mozart? Können wir nicht Mozart besuchen? Ich hab gelesen, dass er lustig war und ständig irgendeinen Schabernack getrieben hat!“ Frederik nickt. „Mozart war ein grandioser Komponist und die Zeit, in der er gelebt hat, finde ich auch spannend. Lass uns Großvater fragen.“ Auf dem Weg zum Arbeitszimmer sehen sie, wie Großmutter gerade ihre Nähmaschine aus dem Schrank holt. „Ich habe das Gefühl, dass ich sie sehr bald brauchen werde“, sagt sie und zwinkert den Kindern zu.

Großvater sieht vom Schreibtisch auf, als die zwei an die angelehnte Tür klopfen. „Kommt herein“, sagt er, „ich habe schon auf euch gewartet.“ Die Kinder erzählen ihm von der Wahl, die sie getroffen haben. „Wäre das möglich, Großvater?“, fragt Frederik. „Können wir Mozart besuchen? Ach bitte!“

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Vorklassik (ca. 1720–1760) – Klassik (ca. 1750–1820) Großvater schaut zu Großmutter, die soeben das Zimmer betritt, und als diese nickt, sagt er: „Okay, ich bin einverstanden. Außerdem muss ich zugeben, dass ich Herrn Mozart selbst noch nicht persönlich kennen gelernt habe. Denn nachdem dein Vater geboren war, Frederik, war die Zeitmaschine nicht mehr wichtig für uns. Später haben wir sie beinahe vergessen! Ich hoffe, dass sie überhaupt noch funktioniert. Nachher sehe ich sie mir mal an.“ Großmutter beginnt über die Kleidung nachzudenken, die sie für alle schneidern muss. „Irgendwo in der Bibliothek steht ein Buch über Mode und Bekleidung in den verschiedenen Jahrhunderten. Helft mir doch bitte beim Suchen!“ Das lassen sich die Kinder nicht zweimal sagen. Nachdem sie es gefunden haben, öffnet Großmutter eine große Truhe, in der Kleider und Perücken zu finden sind. „Die habe ich einem Theater abgekauft“, sagt sie. „Ich liebe solche Dinge! Seht, hier sind zwei weiße Zopfperücken für Herren – und diese hier wären etwas für uns Damen, stimmt’s, Clara?“

Sie stöbern noch eine Weile in der Truhe, ziehen das eine oder andere Teil heraus und breiten schließlich alles im Zimmer aus. Großmutter scheint recht zufrieden mit der Ausbeute. „Was jetzt noch zu nähen und zu ändern ist, bekomme ich rasch fertig. Kannst du schon nähen, Clara? Wenn nicht, lernst du es jetzt! Und du Frederik …?“ Frederik verzieht sich schnell. ‚Nähen lernen muss jetzt nicht sein’, denkt er sich und sucht stattdessen seinen Großvater, der – wie zu erwarten war – die Zeitmaschine überprüft. „Halt mal das Fläschchen mit dem Öl“, bittet er seinen Enkel. „Wir müssen die gute Kiste gründlich warten!“ Frederik ist eigentlich viel zu ungeduldig dafür, aber Sicherheit hat natürlich Vorrang.

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Vorklassik (ca. 1720–1760) – Klassik (ca. 1750–1820)

Wissenswertes über die Musik der Klassik In der Musikgeschichte ist die Klassik der Zeitabschnitt von etwa 1750–1820. Was versteht man unter Vorklassik? Die Vorklassik ist die Phase des Übergangs vom Barock zur Klassik (ca. 1720–1760). Musik fand jetzt nicht mehr nur am Hofe oder in der Kirche statt, sondern wurde für ein breites Publikum komponiert und auch in öffentlichen Konzerten aufgeführt. Da sie nicht nur von Kennern, sondern auch von Liebhabern verstanden werden musste und unterhalten

sollte, kam es zur Abkehr von den komplizierten Kompositionstechniken des Spätbarocks. Man bevorzugte schlichtere, gefälligere Musik mit gefühlvollem Ausdruck. Es entstand der galante und der empfindsame Stil. Die Musik der Vorklassik weist kleinere Formen auf und ist geprägt von gesanglicher Melodie und einfacher harmonischer Begleitung.

Der Michaelsplatz in Wien, um 1800.

Was bedeutet der Begriff „Klassik“ und „klassische Musik“?

Warum spricht man von der Wiener Klassik?

Der Begriff „Klassik“ bedeutet etwas Vollendetes, Vorbildliches oder Mustergültiges in der Kunst, Literatur und der Musik. Als „klassische Musik“ wird heute allgemein die europäische Kunstmusik verstanden – in Abgrenzung zu Jazz, Rock und Popmusik.

Die bekanntesten Komponisten der Klassik sind Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven. Da diese drei Meister in Wien lebten, nennt man diese Epoche auch Wiener Klassik.

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Vorklassik (ca. 1720–1760) – Klassik (ca. 1750–1820) Wichtige musikalische Formen der Klassik: Sonate: In der Klassik spielt die Sonate (ital. sonare = klingen) eine bedeutende Rolle. Sie besteht aus drei bis vier Sätzen (Satz = ein in sich abgeschlossener Teil einer Komposition). Der 1. Satz ist in der Regel durch die so genannte Sonatensatzform geprägt, die drei große Teile hat: Zunächst werden zwei gegensätzliche Themen nacheinander vorgestellt (Exposition), dann verarbeitet (Durchführung) und schließlich wiederholt (Reprise). Bei einer viersätzigen Sonate ist der 3. Satz ein Tanz, meist ein Menuett. Es gibt zahlreiche Sonaten, z. B. für Klavier, Violine oder andere Melodieinstrumente. Eine kleine, leicht spielbare Sonate nennt man Sonatine.

Solokonzert: Das Konzert ist seit dem späten 18. Jahrhundert ein mehrsätziges Werk für Soloinstrumente mit Orchester. Es gibt z. B. Klavier-, Violin-, Flöten- oder Oboenkonzerte. Im Konzert wird das Soloinstrument mit all seinen klanglichen und technischen Möglichkeiten im Zusammen- und Wechselspiel mit dem Orchester vorgestellt. Der Solist kann in der so genannten Solokadenz, vor allem am Ende des 1. Satzes, sein Können präsentieren.

Das klassische Orchester Das klassische Orchester bei Haydn und Mozart um ca. 1790 umfasst folgende Instrumente:

Sinfonie: Die Sinfonie (griech. symphonia = Zusammenklang) entwickelte sich Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem Orchesterwerk mit drei bis vier Sätzen in verschiedenen Tempi (von Tempo = Geschwindigkeit eines Musikstückes). Als „Schöpfer“ der klassischen Sinfonie gilt Joseph Haydn (1732– 1809).

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2 Flöten 2 Oboen 2 Klarinetten (neu eingeführt seit der Klassik) 2 Fagotte 2 Hörner 2 Trompeten 2 Pauken 1. und 2. Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass (mehrfach besetzt)

Streichquartett: Bei einem Quartett spielen vier Musiker zusammen, wobei jeder jeweils eine eigene Stimme hat. Musizieren z. B. zwei Violinen, eine Viola und ein Violoncello zusammen, nennt man das Streichquartett. Die klassische Form des Streich quartetts wurde wesentlich durch J. Haydn geprägt.

Für die Sinfonien Beethovens erweiterte sich das Orchester um Pikkoloflöte, Kontrafagott, Posaunen, Triangel, Becken und große Trommel. Neben dem Sinfonieorchester gab es das Kammerorchester mit kleinerer Besetzung.

Klassisches Sinfonieorchester

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Vorklassik (ca. 1720–1760) – Klassik (ca. 1750–1820)

Hörgeräte Beethovens

Was Beethoven komponiert hat:

Ludwig van Beethoven wurde am 17. Dezember 1770 in Bonn geboren. Er zeigte schon früh enormes musikalisches Talent und erhielt vom Vater den ersten Unterricht. 1784 wurde er Hoforganist in seiner Geburts stadt. 1792 übersiedelte er nach Wien, wo er bis zu seinem Tod (1827) lebte. Hier nahm er unter anderem Kompositionsunterricht bei Joseph Haydn und Antonio Salieri. Schon bald genoss er als Komponist und Pianist großes Ansehen in den vornehmsten Kreisen, die ihn auch finanziell großzügig unterstützten – unter einer Bedingung: dass er in Wien wohnen bliebe. Bereits 1795 machte sich bei Beethoven ein Ge hörleiden bemerkbar, das im Alter zu völliger Taubheit führte, was ihm schließlich öffentliche Auftritte als Pianist und Dirigent unmöglich machte. In seinem Heiligenstätter Testament hat er der Verzweiflung über seine Krankheit Ausdruck verliehen. Ab 1818 war die Verständigung nur noch schriftlich möglich. Trotz seiner Taubheit hat Beethoven – dank seines starken Schaffensdrangs und seines inneren Vorstellungsvermögens – noch viele berühmte Werke komponiert. Bei seiner Beerdigung, die einem Staatsbegräbnis glich, war Franz Schubert einer der Fackelträger.

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1 Oper 1 Ballett 9 Sinfonien 5 Klavierkonzerte 1 Violinkonzert 32 Klaviersonaten, Klavierstücke Kammermusik (u.a. 16 Streichquartette) 2 Messen Chor- und Orchesterwerke Lieder

Einige seiner berühmtesten Werke: • Fidelio (Oper) • Sinfonien: Nr. 3 (Eroica), Nr. 5, Nr. 6 (Pastorale), Nr. 9 • Klavierkonzerte Nr. 3, 4, 5 • Violinkonzert • Mondscheinsonate (Klavier) • Pathétique (Klaviersonate) • Für Elise (Klavierstück) • Kreutzersonate, Frühlingssonate (Violine und Klavier) • An die ferne Geliebte (Liederzyklus)


Vorklassik (ca. 1720–1760) – Klassik (ca. 1750–1820)

Schmunzelgeschichten über Beethoven:

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udwig van Beethoven kehrte einmal in ein Wiener Gasthaus ein, wo er Stammgast war. Noch bevor der Kellner kam, nahm er Notenpapier aus der Tasche und begann zu schreiben. Da er so versunken in seine Arbeit war, störte ihn der Kellner nicht. Nach einer langen Zeit rief Beethoven: „Herr Ober, bitte zahlen!“

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n der Beisetzung Ludwig van Beethovens nahm die ganze Wiener Bevölkerung teil. Um die vieltausendköpfige Menge zurück zuhalten und auch um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen, rückte das Militär aus. Ein Fremder sah den Leichenzug und fragte einen Wiener Hausmeister, was denn da los sei. „Dös wissen S’ net?“, war die Antwort. Da müaßn S’ von weit her sein, dass net wissen, dass der General von de Musikanten gstorbn is!“

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ls Beethoven einmal dringend Geld brauchte, bat er seinen Bruder Johann um Hilfe. Dieser lehnte ab und machte ihm Vorhaltungen, dass er es mit der Musik zu nichts gebracht hätte. Den Brief unterzeichnete er: Johann van Beethoven, Guts besitzer. – Der Komponist antwortete darauf: „Ich verzichte auf dein Geld und deine Predigten! Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer.“

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Vorklassik (ca. 1720–1760) – Klassik (ca. 1750–1820)

Musikquiz: Klassik 1. Wie nannte man den Übergang von der Barockzeit zur Klassik? a) Nachbarock b) Renaissance c) Vorklassik

2. Wer schrieb das Textbuch zu dem Singspiel Die Zauberflöte? a) Wolfgang Amadeus Mozart b) Leopold Mozart c) Emanuel Schikaneder

3. Die bekanntesten Komponisten der Klassik sind Haydn, Mozart und Beethoven. Warum nannte man diese Epoche auch Wiener Klassik? Weil diese drei Komponisten a) in Wien geboren sind b) in Wien gestorben sind c) in Wien gelebt haben

4. Wie heißt ein Orchesterwerk mit drei bis vier Sätzen in verschiedenen Tempi, das sich Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte? a) Sonate b) Sinfonie c) Streichquartett

5. Welche vier Instrumente musizieren bei einem Streichquartett zusammen? a) zwei Violinen, eine Viola, ein Violoncello b) zwei Violinen, eine Viola, ein Kontrabass c) eine Violine, eine Viola, ein Violoncello, ein Kontrabass

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Vorklassik (ca. 1720–1760) – Klassik (ca. 1750–1820)

6. Welches Instrument kam im Orchester der Klassik neu hinzu? a) die Flöte b) die Klarinette c) die Trompete 7. Welcher Komponist gehört zur Vorklassik und ist der Hauptvertreter des empfindsamen oder galanten Stils? a) Johann Sebastian Bach b) Carl Philipp Emanuel Bach c) Antonio Salieri

8. Welches Werk ist nicht von Joseph Haydn? a) Abschiedssinfonie b) Kaiserquartett c) Jupitersinfonie

9. Wofür zeichnete der Papst in Rom den 14-jährigen Mozart 1770 mit dem Ordenskreuz vom Goldenen Sporn aus? a) für sein geniales Klavierspiel b) für sein Kompositionstalent c) für sein gutes Gedächtnis

10. Welcher Komponist schuf noch viele berühmte Werke, obwohl er taub war? a) Ludwig van Beethoven b) Luigi Boccherini c) Muzio Clementi

Antworten: 1c, 2c, 3c, 4b, 5a, 6b, 7b, 8c, 9c, 10a

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Wer von euch hat sich nicht schon einmal gewünscht, eine Zeitreise zu unternehmen und

für einen Moment in einem anderen Jahrhundert zu landen? – In diesem Buch machen die zwei musikbegeisterten Kinder Clara und Frederik eine spannende Reise durch die Geschichte der Musik. So lernen sie verschiedene Epochen kennen: von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Wie aber reist man in die Vergangenheit? Wie kommt man ins Mittelalter? Eine „Zeitmaschine“ kann hier gute Dienste leisten – nur so viel sei hier verraten … Bei jeder Reise gibt es viel Wissenswertes zu erfahren: • Welche Instrumente spielte man zu den Schaukämpfen der Gladiatoren im alten Rom? • Machte Mozart wirklich bereits als Kind Konzertreisen durch ganz Europa? • Wie entstand das Musical? Antworten auf diese Fragen werden im Erzähltext und auf den Infoseiten in Schaukästen, Illustrationen und Fotos mitgeteilt. Nach so vielen Informationen kann man sich mit den Schmunzelgeschichten über große Komponisten amüsieren – oder sein Wissen in einem Musikquiz testen. Und nun viel Spaß: In welches Jahrhundert soll die Reise gehen? Für Kinder ab 9 Jahren Mit einem Grußwort von Anne-Sophie Mutter

Musikalisches Lesebuch und Nachschlagewerk in einem – anschaulich, verständlich, kindgerecht!

M. und H.-G. Heumann Musiklexikon für Kinder Bestellnummer: ED 9161 ISBN: 978-3-7957-0025-6

ISBN 978-3-7957-0489-6

ED 9162


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