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Q Wenige Minuten später hatte ich die Zunge der Freundin im Ohr. Keine Sekunde, nachdem sie auf „meinem“ Schoß Platz genommen hatte, legte sie los – und biss dann auch noch zu. Sie wünsche sich, sagte sie und rutschte auf meinem Schoß hin und her, „ja genau das.“ Und sie werde warten. Ein Kuss – und fort war sie. B. sah herüber – und zuckte resignierend mit den Schultern: Ein paar Irre, meinte die Geste, gab es ja immer. Blöderweise blieb es nicht bei den zwei Irren: Immer mehr Leute kamen auf den Geschmack. Es dürfte mit der Uhrzeit, dem Alkohol, der Musik und den im Umlauf befindlichen Spaßverstärkern zu tun gehabt haben: Wenn sie einmal saßen, ließen sie sich so leicht nicht mehr abschütteln. Obszöne Wünsche und seltsame Angebote hatten wir ja erwartet – aber dass zwei von drei Weihnachtskindern (egal welchen Geschlechtes) tatsächlich tätlich wurden, überforderte mich einfach: Irgendwann hatte ich das Gefühl, mein Ohr sei komplett durchgekaut. Mein Bart war verrutscht. Ich sah die Leute nur noch durch einen weißen Watteschleier und konnte Männlein von Weiblein meist nur noch am Geruch voneinander unterscheiden. Manchmal nicht einmal das. Aber es war ja ohnehin egal. Das einzige, was mich noch halbwegs rettete, war mein dicker, ausgestopfter Wanst. Bloß war die blöde Jacke nicht nur mein Schutz vor allzu vorwitzigen Händen, sondern auch mein Untergang: Ich konnte mich kaum bewegen. Geschweige denn wehren. Weiter als bis in Hüfthöhe meiner Peiniger kam ich mit dem blöden Kostüm kaum. Und so wie ich auf dem wackligen Sessel (oder was immer da hinter dem Podest mit den Besenstiel-Oberschenkeln aufgebaut war) stand, konnte ich – mittlerweile blind wie ein Maulwurf – auch nicht einfach weglaufen. Schließlich läuft ein Weihnachtsmann nicht davon. Schon gar nicht, wenn er gürtelabwärts seiner roten Tracht – die Hitze des Kostüms vorhersehend – nur Boxershorts trägt. Irgendwer biss mich ins Ohr. Irgendwer versuchte, seine Zunge in meinen Mund zu stecken. Ich wurde langsam panisch. So wie B. links und – vermutlich – M. rechts von mir auch. Irgendwer biss mich in die Unterlippe. So richtig fest. Ich schrie um Hilfe. Nur die beiden Securities, die die Leute schön in der Reihe stehen ließen, taten so, als würden sie nichts merken, und alberten mit den Wartenden herum. Als ich das vierte oder fünfte Poppers-Flascherl unter der Nase hatte, reichte es mir. Endgültig. Ich stieß den hübschen Knaben von meinem Schoß und verzog mich nach Backstage. Kurze Zeit später saßen dort auch die anderen Weihnachtsmänner. Völlig fertig. Lippenstiftspuren überall im Gesicht. „Die hatten heute wieder alle einen ziemlichen Knall. Ist Vollmond?“ fragte einer, bevor er sich abschminkte. Die meisten verdrückten sich ziemlich bald nach Hause. Tage später erzählten mir zwei Bekannte, wie toll der Abend doch gewesen sei. Ich hätte etwas versäumt. Ich hatte sie gar nicht gesehen. Oder zumindest nicht erkannt. Sie mich wohl auch nicht. Am tollsten, erzählten sie, sei die Sache mit den Knutschweihnachtsmännern gewesen, die am Podest gesessen hätten. „Knutschweihnachtsmänner?“ fragte ich. Die beiden nickten. Ganz begeistert. Zunächst, beim Anstellen, hätten sie ja auch geglaubt, das sei einfach eine Weihnachtmannwunschschoßsitzung für infantile Partygeher. Aber dann seien da diese drei Mädchen gestanden und hätten allen Wartenden gesagt, dass es darum gehe, die Weihnachtsmänner zu küssen. Und zwar richtig. So, dass sie in Verlegenheit gebracht würden. Und er, sagte einer der beiden, habe sich dann entschlossen, es doch einfach mal zu probieren. Einen Mann zu küssen. Zum ersten Mal im Leben. So schlimm – und so anders –, sagte der Bekannte, sei das gar nicht gewesen. Und er habe das Gefühl gehabt, der Weihnachtsmann habe auch großen Spaß gehabt: „Der hat unter mir einen Mega-Steifen bekommen. Leider hab ich ihn mit dem blöden Bart nicht erkannt.“

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Haare am Po Po, Yeah!  

Das wunderbare H.A.P.P.Y-Buch Seit mehr als zehn Jahren mischt H.A.P.P.Y die Wiener Szene auf. H.A.P.P.Y ist ein House- und Easy-Listening...

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