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Thomas Rottenberg

Die Weihnachtsmannnummer

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en Blick von B. werde ich nie vergessen. Jedenfalls dürfte es B. gewesen sein, der da neben mir saß und einen auf Weihnachtsmann machte. Aber so genau weiß ich das auch nicht mehr. Weil hinter einem dicken Rauschebart und mit einem dicken roten Wattewams samt Mütze alle Leute irgendwie gleich ausschauen. Vorher, in der Garderobe, hatte ich jedenfalls noch neben B. gestanden. Dann waren wir raus gegangen. Jedenfalls sah B. plötzlich richtig schockiert drein. Auf seinem Schoß hatte gerade jemand gesessen, den wir alle vom Sehen kannten – und hatte B. etwas ins Ohr geschrien. Was, konnte ich nicht hören. Ich saß zwar nur einen Meter daneben, aber die Weihnachtsliederendlosschleife war so laut, dass sogar die angestellten Kinderlein, die sich auf unsere Schöße setzen sollten, um uns ihre geheimsten Weihnachtswünsche ins Ohr zu flüstern, aus Leibeskräften brüllen mussten, um zu uns vorzudringen. Es war irgendwann im Advent und Herr Tomtschek hatte in seiner Weisheit entschieden, dass heute der richtige Tag sei, um auch erwachsene Clubbesucher beim Weihnachtsmann Schlange stehen zu lassen, die sich auf seinen Schoß setzen und dann auf die Frage „Warst du auch brav?“ antworten dürfen sollten. Und weil es auf die Dauer ein bisserl anstrengend und schmerzhaft sein kann, sich ausgewachsene Clubber (und – innen, aber die sind meist leichter) auf den Schoß zu holen, standen wir in einer mehrköpfigen Santa-Reihe hinter gefakten Sitz-Oberschenkeln. Aber das wussten die Weihnachtsmannflüsterer nicht. Was sie auch nicht wussten: Das, was sich da jeweils auf einem Oberschenkel hart und lang gegen ihre Pöpsche drückte, waren natürlich nicht unsere primären Geschlechtsorgane, sondern Teile eines zersägten Besenstiels. Und unser Hauptspaß war, so zu tun, als wüssten wir nicht, was die Leute beim Sitzen („Nein, nein liebes Kind, bleib noch ein bisschen beim Onkel Santa. Rutsch nicht so nervös herum, sitz fein still und erzähle weiter.“) so irritierte. Bloß: Wir hatten die Rechnung ohne das Publikum gemacht.

Als B. mich jedenfalls so entsetzt ansah, hätte ich mir denken können, dass da jetzt etwas im Anrollen war. Aber ich hatte genug damit zu tun, mir die Watte aus dem Mund zu fitzeln, den Schweiß, der mir in die Augen rann, zu ignorieren und zu versuchen, mein Ohr auf Distanz zu meinen „Kindern“ zu halten. Einer Distanz, in welcher ich gerade noch verstand, was sie mir da erzählten und doch so viel Abstand bewahren konnte, dass nicht jedes Wort die Gefahr eines Gehörsturzes noch größer machte, als sie ohnehin schon war. Außerdem hatte ich gerade wirklich einen netten jungen Mann am Schoß sitzen. Einer von jenen, die offensichtlich froh waren, von irgend jemandem gefragt zu werden, was er sich denn zu Weihnachten wünsche: Anstelle der üblichen Ansagen von „Drogen bis zum Abwinken“, „mehr Sex“ oder „Kohle und eine Insel“, hatte er tatsächlich – „meinen“ gewaltigen Hard-On tunlichst ignorierend – angefangen, darüber zu erzählen, dass er mit seinem Bruder und seiner Schwester seit über einem Jahr kein Wort mehr geredet habe und nicht wisse, wie er all das zerbrochene Geschirr ... und so weiter. Obwohl die Schlange schon ziemlich lang war und sowohl ich als auch das Setting wohl die schlechteste Umgebung für angewandte Psychohygiene waren, ließ ich den Knaben einfach reden. Es schien ihm zu helfen. Und während er plapperte fing ich den Blick von B. auf. Auf seinem Schoß war gerade eine junge Dame gesessen. Süß, fröhlich und ziemlich sexy. Und jetzt, wo sie die Stiegen vom Santapodest hinunterging, lachte sie. Nicht neckisch, sondern erwartungsvoll, wissend. Nur B. schaute brüskiert. Das Mädchen steckte ihren Kopf mit dem ihrer Freundin zusammen, die in meiner Reihe wartete. Sie flüsterte ihr etwas zu. B. versuchte, mir Zeichen zu geben, aber ich verstand nicht.

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Haare am Po Po, Yeah!  

Das wunderbare H.A.P.P.Y-Buch Seit mehr als zehn Jahren mischt H.A.P.P.Y die Wiener Szene auf. H.A.P.P.Y ist ein House- und Easy-Listening...

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