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10. JUNI 2013

„Ich stand mehrmals kurz davor, alles hinzuschmeissen!“ Porträt über Ezequiel Óscar Scarione

© foto: rocio belen ojeda

© Günter Struchen g.struchen@schlafwandler.ch

Ezequiel Scarione ist der Mann der Stunde im Schweizer Fussball. 3‘455 Minuten hat er in dieser Saison für seinen Verein bestritten; dabei hat er 22 Tore erzielt und 9 Vorlagen gegeben. Der 27-jährige Argentinier in Diensten des FC St. Gallen besitzt alle Eigenschaften, die man sich von einer Offensivkraft wünscht: einen satten Schuss, gute Übersicht, vorbildlichen Kampfgeist und einen ausgesprochenen Torriecher. Im Moment scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis der

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zweifache Familienvater die Schweiz verlässt und seine Karriere in einer europäischen Spitzenliga fortsetzt.

fernab von den Liebsten, von der Familie und dem Freundeskreis.

Als ich Ezequiel in Thun kennenlernte, hatte ich keine Als ich Ezequiel im Winter Ahnung von seinem Talent. Ich 2006 erstmals begegnete, deutete hätte es nie für möglich gehalten, kaum etwas auf solch rosige Zeiten dass dieser scheue, unauffällige hin. Durch eine Kumulation von Argentinier dereinst bei einem Zufällen hatte es den damals 20Super League Club die Nummer Jährigen ins Berner Oberland zehn tragen würde und zum verschlagen, in eine fremde Welt, Torschützenkönig der höchsten weit weg von seiner Heimat Jose C. Liga unseres Landes avancieren Paz, einem Vorort im würde. Vielmehr sah ich mich Ballungsgebiet von Buenos Aires. einem jungen Mann gegenüber, Ein Entwurzelter in einer Stadt, der von Europa gründlich die Nase die diese Bezeichnung seiner voll hatte und sich nichts Ansicht nach gar nicht verdiente, sehnlicher wünschte, als wieder in seine Heimat zurückzukehren.

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SCHLAFWANDLER.CH! Was für eine Odyssee hatte Ezequiel durchgemacht und wie war es dazu gekommen, dass der junge, talentierte Offensivspieler aus Argentinien im Verein eines kleinen Landes mitten in den Alpen gelandet war und nun darauf wartete, dass man ihm endlich das zu tun erlaubte, wozu er sich berufen fühlte, nämlich Fussball zu spielen?

10. JUNI 2013 benachbarte Deutschland, mit dem Ziel in der 1. oder 2. Bundesliga Fuss zu fassen. Tatsächlich gelang es ihm, sich in einigen Vereinen zu präsentieren. Man gewährte ihm mitzutraineren und Testspiele zu bestreiten. Kein Verein war allerdings gewillt, ihn dauerhaft unter Vertrag zu nehmen. Ezequiel wurde zunehmend nervös. Was, wenn er sich verletzen sollte? Er war in vertragslosem Zustand. Kein Club würde ihm eine Behandlung bezahlen, geschweige denn ihn lädiert verpflichten. Sein Erspartes war bald aufgebraucht, die Tour durch Deutschland ging aber weiter. Eine der vielen Reisen führte Ezequiel schliesslich von Baden Württemberg aus in die Schweiz, zum FC Thun.

Ezequiel hatte gerade seine erste Saison als professioneller Fussballspieler hinter sich, als ihn ein Berater von Südamerika nach Europa lockte. Das Angebot der polnischen Spitzenmannschaft Lech Posen, das man ihm unterbreitete, belebte seine Träume von der ganz grossen Karriere; eine Karriere wie diejenige seiner ehemaligen Teamkollegen Fernando Gago oder Juan Román Riquelme. Einmal in Polen angekommen, wurde ihm jedoch ein Vertrag vorgelegt, der sich in vielerlei Hinsicht von den gemachten Versprechungen unterschied. Man bot ihm lediglich 2‘000 Dollar Monatsgehalt – angekündigt hatte man 8‘000 Dollar. Im Vorfeld war von einem zweijährigen Vertrag die Rede gewesen, nun Ezequiel im Trikot der Boca Juniors (2005) sollte ihn das Anstellungsverhältnis für vier Die Verantwortlichen in Thun Jahre binden. Ezequiel wurde bekundeten leises Interesse. Er misstrauisch, lehnte das Angebot spielte zwei Testspiele, wurde trotz der Überredungsbemühungwieder nach Deutschland en des Agenten ab. Dieser hätte geschickt, vernahm lange nichts übrigens ein stattliches Handgeld mehr und als er sich schon mit und bis zu 25% von jedem dem Gedanken an die Rückkehr monatlichen Salär erhalten. nach Südamerika abgefunden Der junge Argentinier brach hatte, lag plötzlich die Offerte aus den Kontakt zu seinem Manager dem Berner Oberland vor. ab und reiste auf eigene Faust ins Ezequiel zögerte nicht lange und

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unterschrieb für drei Jahre. Das Lachenstadion war nicht die Bombonera, seine Mitspieler mehrheitlich No-Names und das Gehalt entsprach gerade mal dem Mindestlohn. Doch immerhin konnte er wieder Fussball spielen. Oder das dachte er zumindest. Am Tag, an dem ich Ezequiel zum ersten Mal im Hause eines Bekannten traf, hatten sich seine Hoffnungen bereits wieder zerschlagen. Seit mehreren Wochen warteten er und der FC Thun auf die Arbeitsbewilligung. Solange diese nicht eintraf, war der Vertrag ungültig. Er erhielt folglich kein Gehalt und durfte nicht am Trainingsbetrieb teilnehmen. Der Club empfahl ihm sogar, zurück nach Deutschland zu gehen.

NAME Ezequiel Óscar Scarione GEBURTSDATUM 14.05.1985 GEBURTSORT José Carlos Paz (Argentinien) POSITION Offensives Mittelfeld STATIONEN C.A. Boca Juniors – (2002-2004) Deportivo Cuenca – (2004-2006) FC Thun – (2006-2011) FC Luzern – (2009) FC St. Gallen – (2011-2013) LEISTUNGSDATEN 221 gespielte Spiele 18‘883 gespielte Minuten 89 Tore 28 Vorlagen

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SCHLAFWANDLER.CH! Es war am gleichen Abend, wir sassen beim Abendessen, da erhielt Ezequiel einen unerwarteten Anruf, der seine Zukunft hätte verändern können. Die Clubleitung einer ecuadorianischen Mannschaft teilte dem jungen Argentinier telefonisch mit, dass man ihn nach Ecuador holen wolle. Ich sass ihm gegenüber und sah die Erleichterung auf seinem Gesicht. Endlich würde er zurückkehren! Nicht unmittelbar in seine Heimat, aber ein paar Flugstunden davon entfernt. In ein Land, das dem seinen kulturell ähnlich wäre, in dem wenigstens die gleiche Sprache gesprochen würde. Ezequiel wurde aufgeregt, er aktivierte den Lautsprecher des Mobiltelefons, damit wir alle mithören konnten. Seine Augen leuchteten auf, als man ihm die Details des Engagements offenbarte: einjähriger Vertrag, gutes Salär, Wohnung und Auto, südamerikanische Atmosphäre.

10. JUNI 2013 Seither habe ich Ezequiel während seiner Zeit in der Schweiz begleitet. Es war dies, aus sportlicher und beruflicher Sicht, eine unglaubliche Achterbahnfahrt: 2007 erschütterte ein SexSkandal seinen Club, 2008 erfolgte der Abstieg in die zweithöchste Liga. Im Winter 2009 lieh man ihn nach Luzern aus, wo er massgeblich zum Ligaerhalt des FC Luzern beitrug. Im Sommer 2009 kehrte er zurück zum wegen eines Wettskandals gerade arg gebeutelten FC Thun, erzielte 20 Tore und stieg 2010 mit den Thunern auf. Man kührte ihn zum „Best Challenge League Player“, woraufhin Ezequiel 2011 zum FC St. Gallen transferiert wurde. Den Abstieg konnte er dieses Mal nicht abwenden.

„Sei glücklich, freu dich nur!“, jubelte unser gemeinsamer Freund, als Ezequiel nach Beendigung des Telefonats regungslos am Tisch sass. Ezqeuiel lächelte verlegen, aber ein Stein war ihm vom Herz Ezequiel nach seinem ersten Treffer für den FC Thun. gefallen. Er würde wieder Fussball spielen und Es ging in die Challenge League, damit seinen Lebensunterhalt Ezequiel markierte 18 Treffer, den verdienen können. Doch einmal mehr kam alles anders als erwartet: Espen gelang der direkte Wiederaufstieg und der Nur wenige Tage später traf die Argentinier wurde zum zweiten Arbeitsbewilligung für den Mal bester Spieler der Challenge FC Thun doch noch ein. Infolgedessen platzte der Transfer League. Und schliesslich die Saison nach Südamerika und so wollte es 2012/13: Ezequiel schiesst sich ungefährdet auf den ersten Platz das Schicksal, dass Ezequiel für sieben weitere Jahre in der Schweiz des Torschützenklassements mit sieben Toren Vorsprung auf den bleiben sollte. Zweitplatzierten Marco Streller und erreicht mit dem FCSG den

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überraschenden dritten Tabellenrang in der Meisterschaft. Ich schätze mich glücklich, dass ich Teil der seltsamen und faszinierenden Geschichte Ezequiel Óscar Scariones werden durfte, der noch vor wenigen Jahren ein Niemand war und – im Gegensatz zu vielen anderen, die den Sprung nicht schaffen und für immer in der Bedeutungslosigkeit verschwinden – heute einer der herausragenden Figuren in der Schweizer Fussballszene ist.

KURZE FRAGEN / K U R Z E A N T W O RT E N Ein Song, der dir gefällt? La mano de dios - Rodrigo Ein Film, den man gesehen haben muss? The shawshank redemption Welches Parfüm trägst du? Dolce gabanna, dasjenige in der blauen Schachtel. Etwas, was dich glücklich macht? Mit Familie und Freunden einen Asado zu geniessen. Etwas, was dich langweilt? Im TV Auto-Rennen schauen. Eine Person, bei der du dich entschuldigt hast? Bei Rocio, meiner Frau. Was machst du in zehn Jahren? Ich bin in Argentinien und erkunde das ganze Land. Das wäre etwas, was ich gerne machen würde. Ein Kompliment, das du gerne hören würdest? Hmm... „Danke, dass du bist, wie du bist“ wäre nicht schlecht. Was macht dich glücklich? Zu wissen, dass es Menschen gibt, die mich lieben. Was macht dich unglücklich? Zu verlieren.

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Ezequiel, was würde dein Trainer auf Angenommen du wärst schwerreicher Korrekt. Und der nächste die Frage antworten, was du Präsident eines Fussba"vereins. Argentinier ? besonders gut beherrschst? Welche Spieler aus der Super League (lacht) … wird wohl Scarione sein. Er würde vermutlich sagen, dass – St. Ga"er ausgeschlossen – würdest du kaufen wo"en? ich in den Trainings fleissig Was hat Bayern München besser mitmache und auch in den Es gibt einige. (überlegt) Eine konditionellen Übungen stets schwierige Frage… Salatic auf alle gemacht als der FC Barcelona? versuche, zu den Besten zu gehören. Was würde er denn sagen, wenn ich ihn !agen würde, worin du nicht so gut bist? Da würde er mit Sicherheit mein Kop"allspiel ansprechen. Nach sieben Jahren in der Schweiz, bist du mittlerweile ein Kenner des Schweizer Fussba"s. Wie hat sich die Schweiz, deiner Meinung nach in fussba"erischer Hinsicht entwickelt? Das Niveau ist bestimmt besser geworden, in den letzten paar Jahren. Dies sieht man auch im europäischen Vergleich. Vereine wie Basel, YB, Sion oder Zürich spielen regelmässig in europäischen Wettbewerben. Und fallen dort nicht ab. Welche Gegenspieler aus der Schweizer Superleague fürchtest du am meisten? Hediger! (überlegt lange) Ja, Dennis Hediger ist besonders unangenehm. Aber auch Serey Die oder Gattuso machen ihre Sache sehr gut. Hast du eigentlich einen Lieblingsschiedsrichter? Busacca mochte ich. Er war ein guter Schiedsrichter… hatte eine Begabung dafür, Spiele zu interpretieren und das Reglement, abhängig vom Spiel, angemessen auszulegen.

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Fälle. Und in der Offensive? Wie wär‘s mit Valentin Stocker? Ich glaube, ich würde Marco Streller verpflichten. Mal abgesehen von der AFG-Arena. In welchem Stadion spielst du besonders gerne? Na ja, in Basel spielt man gerne. Es ist ein grosses, schönes Stadion und die Fans machen eine tolle Stimmung.

Huch… einiges. Ich denke, dass sich die Bayern allgemein im Aufstieg befinden und bei Barcelona eher das Gegenteil der Fall ist. (überlegt) Die Transfers können es ja nicht gewesen sein. Bayern spielt, mit Ausnahme von Javi Martínez ungefähr mit der gleichen Mannschaft, wie schon vergangenes Jahr. Wer darf auf keinen Fa" Weltfussba"er 2013 werden? Messi! Messi?

Welches war der beste Spieler, gegen welchen du jemals gespielt hast? Das kommt darauf an, wie die Frage gemeint ist. In einem Trainingsspiel stand ich auch schon Riquelme oder Gago gegenüber. In einem offiziellen Spiel dürfte es wohl Seydou Doumbia gewesen sein. Aber auch Chikhaoui ist ein starker Fussballspieler. Ihn kann man kaum vom Ball trennen. Er ist unheimlich ballsicher.

Messi! Was zeichnet deinen Landsmann Lionel Messi aus? Er ist ein pfeilschneller Zwerg. Darf ich das so sagen? (lacht) Nein, es gibt mehrere Faktoren, die seinen Erfolg ausmachen. Vieles hat direkt mit seinen Qualitäten zu tun. Andere Faktoren aber nicht. Er hat zum Beispiel einige der besten Mitspieler, die man sich denken kann.

«Was ich besser kann als Messi? Ich spreche Deutsch!»

Ich verstehe, aber welche Qualität Messis würdest du hervorheben?

Weisst du, wer der letzte Argentinier war, der in der Schweiz Torschützenkönig wurde?

Gibt es etwas, was du kannst, Messi hingegen nicht?

Nein, wer war das? Gimenez?

Seine unglaubliche Effizienz vor dem Tor.

Ja, ich spreche Deutsch!

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SCHLAFWANDLER.CH! Wenn du Präsident der FIFA wärst: Welche Regel würdest du ändern oder einführen? Ich würde die Regel einführen, dass eine Notbremse, falls mit Penalty geahndet, nicht auch noch mit der roten Karte bestraft wird. Zumindest, wenn es kein grobes Foul war. Einen Penalty zu verschulden ist doch schon genügend schlimm, warum muss man da zusätzlich noch rot geben? Was ist der ideale Trainer mehr: Chef oder Kumpel? In meinen Augen muss der Trainer mehr Chef sein, aber da denken nicht alle Spieler gleich.

10. JUNI 2013 Du hast einmal gesagt, du seist nicht der Captain-Typ. Wie muss ein Captain denn sein? Welche Charaktereigenscha&en braucht er? Ja, das bin ich wirklich nicht. Ich glaube entweder ist man ein Captain-Typ oder man ist es nicht. Es gibt diese Personen, die von Natur aus Leader sind. Sie haben Führungsqualitäten, kümmern sich um das Wohlbefinden in einer Gruppe und mögen es, Verantwortung zu übernehmen. Das sind gute Mannschaftsführer! Du hast in über 18'000 Spielminuten in der Schweiz keine einzige direkte rote Karte erhalten. Gibt es hierfür eine Erklärung?

Und Busacca ahndete dies mit gelb? Ja, Busacca hatte den Vorfall nicht gesehen. Er kam zu uns und befragte zuerst den anderen Spieler. Dann wendete er sich an mich und wollte wissen, ob ich ihn geschubst hatte. Ich antwortete: „Ja, aber nur ein bisschen.“ Busacca gab mir Gelb. Er wollte mich nicht vom Platz stellen. (lacht) Was wärst du heute wohl, wenn es nicht zu einer Fussba"karriere gereicht hätte? Gute Frage. Meine Frau hat mich das kürzlich gefragt. Ich weiss es wirklich nicht. Vielleicht wäre ich weiter in die Schule gegangen, hätte etwas studiert. Aber frag mich nicht was, bitte.

18‘000? Tatsächlich? (überlegt) Hand aufs Herz: Versteht man Einmal kriegte ich allerdings eine während einem Spiel in einem vo"en Gelb-Rote Karte. Stadion, was der Trainer an der Linie Wann hast du zum ersten Mal mit schreit? Fussba" Geld verdient? Nicht wirklich. In einem Stadion Korrekt. Wo war das und wer war Mit 19 Jahren bei den Boca Schiedsrichter? mit vielen Leuten ist es zu laut. Juniors, aber es war wenig. 5 Man sieht vielleicht die Gesten, Das war mit Thun gegen Xamax, Pesos oder so (lacht). aber verstehen… Nein, nicht in Neuenburg. Schiedsrichter wirklich. Insbesondere, wenn war… (denkt nach) Er pfeift nicht Wann hast du zum ersten Mal den man weit vom Trainer entfernt mehr. Wermelinger? Gedanken gefasst, Profi zu werden? ist. Der Wunsch war natürlich schon Genau! Zurück zur ursprünglichen von klein auf da. Einigermassen Welches ist die a"erwichtigste Frage: Wie kommt es, dass du nie eine sicher war ich mir aber erst, als Eigenscha&, die einen wirklich direkte rote Karte erhalten hast? ich bei den Boca Juniors erfolgreichen Fussba"spieler Ich hätte eine kriegen müssen, mittrainieren durfte. Ich irrte ausmacht? einmal in einem Spiel gegen mich aber, denn man bot mir Disziplin. Natürlich muss er auch Winterthur aber Busacca verzieh letztlich doch keinen Vertrag an. talentiert sein, aber ohne mir. Er gab mir nur gelb. Disziplin geht es nicht. Gibt es etwas in deiner Karriere, was Was geschah damals? du bereust? Du bist ein ausgewiesener Fachmann, Ein gegnerischer Spieler ist mir Es gab einige Fehler, aber wer was das Treten von Strafstössen immer auf die Füsse getreten. Dinge wagt, macht auch Fehler. betrifft: Worauf muss man beim Plötzlich wurde es mir zu viel. Das ist normal. Nein, ich bereue Penalty am meisten achten? Ohne vorher nachzudenken, nichts. (denkt nach) Doch, ich Das wichtigste ist, Vertrauen in sich zu haben. Man muss überzeugt davon sein, den Elfmeter zu versenken.

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drehte ich mich zu ihm um und schubste ihn zu Boden.

bereue, dass ich Beratern vertraute, ohne ihre Absichten zu hinterfragen. Das bereue ich tatsächlich.

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SCHLAFWANDLER.CH! Welchen Tipp würdest du einem siebzehnjährigen Argentinier geben, der !isch aus seinem Heimatland eine Karriere in der Schweiz beginnt?

10. JUNI 2013 viele schöne Orte. Die meisten Städte zum Beispiel sind einen Besuch wert. Oder das JungfrauJoch, das ist sehr beeindruckend.

Lerne die Sprache! Was, abgesehen von der Familie, vermisst du am meisten in der Schweiz? Matetee mit Freunden zu trinken. Die Momente, spontan raus zu gehen und etwas zu unternehmen… ein Asado (typisch argentinisches Grillfest) zu veranstalten. Ja, ich glaube die Asados vermisse ich am meisten. Du wohntest lange im Berner Oberland, nun bist du seit 2 Jahren in der Ostschweiz. Erkennst du mittlerweile an der Sprache, ob eine Person BernerIn ist oder St.Ga"erIn? Ja, die Berner sprechen unverkennbar. (Zeigt mir eine App auf dem iPhone, mit welchem man die eigene Kenntnis der Schweizer Dialekte überprüfen kann. Ich scheitere an der ersten Frage, sage Zürich. Er lacht hämisch. Luzern wäre korrekt gewesen.) Welche Orte in der Schweiz würdest du als Touristenführer einem argentinischen Touristen zeigen? Zuerst würde ihm zeigen, wo man Regenschirme kaufen kann (lacht). Nein, im Ernst. Die Kathedrale in St. Gallen zum Beispiel. Echt jetzt? Die Kathedrale? Ja, warum nicht? Du hast so viele Orte in der Schweiz bereist und wählst die Kathedrale? Ach so, du sagtest in der ganzen Schweiz? (denkt nach) Es gibt

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Noch 3 Jahre, dann würde man dir den Schweizer Pass geben. Würdest du auflaufen, wenn dich Ottmar Hitzfeld nominieren würde? Zu Fuss würde ich zum Zusammenzug laufen, wenn‘s sein müsste. Du würdest für die Schweiz spielen? Aber selbstverständlich.

«Selbstverständlich würde ich für die Schweizer Nationalmannschaft spielen!»

warst du verheiratet, deine Tochter Emma hatte eine Versicherung und du dur&est wieder Autofahren. Wie wichtig ist es deines Erachtens, dass ein Fussba"verein seine Spieler auch neben dem Trainingsbetrieb betreut? Im Vergleich zu Thun erwies sich der FC St. Gallen als eine sehr professionell geführte Mannschaft. Der Trainer, der Präsident und die vielen Mitarbeiter gaben mir das Gefühl, ein wichtiger Spieler zu sein. Es war unglaublich! Man half mir, wo immer es ging. Darum fühlte ich mich sofort wohl in der Ostschweiz. Hinzu kommt, dass ich hier ganz in der Nähe meiner beiden Manager bin. Auch das ist sehr hilfreich. Seit ich dich kenne, hattest du immer besonders gute Beziehungen zu den a!ikanischen Fussba"spielern in den Teams. Woher kommt das?

Ja, das stimmt! Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Die Wäre es nicht etwas seltsam, wenn du Afrikaner sind liebenswürdige, dann womöglich gegen die National- nette, unkomplizierte und lustige mannscha& Argentiniens spielen Leute. Ich glaube, das ist alles? müsstest? Ja, das stimmt. Es wäre wohl schon etwas seltsam… Zumindest für mich. Für die Argentinier nicht, denn die hätten ja keinen Schimmer, wer ich bin. (lacht) Während deiner Zeit in Thun, hattest du einige private Sorgen: Deine Freundin war schwanger, niemand wo"te das ungeborene Kind versichern, deine Freundin konnte nicht einreisen, eine Hochzeit in der Schweiz zu planen, erwies sich als sehr kompliziert, dein argentinischer Führerausweis verlor seine Gültigkeit. Die Verantwortlichen beim FC Thun unternahmen wenig, um dir unter die Arme zu greifen. Nach nur 5 Monaten in St. Ga"en

Wie ist das Leben in der Schweiz für Ausländer? Meiner Meinung nacht haben es Ausländer hier sehr gut. Viele Ausländer benachteiligen sich selber, indem sie sich einreden, die Schweizer würden sie ausgrenzen, auch wenn das nicht der Fall ist. Wenn Spieler aus dem Ausland neu in eine Mannschaft kommen und sich dann ausschliesslich mit den anderen Ausländern abgeben, ist das letztlich ihr Problem. Aber es kann hier keine Rede von Diskriminierung sein. Ich wurde jedenfalls nie schlecht behandelt, nur weil ich Ausländer bin.

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Welches ist, deiner Meinung nach, ein wichtiges politisches Thema in Argentinien?

Ganz generell stimmt es mich nachdenklich, dass es Spieler gibt, die mehrere Millionen pro Jahr verdienen, während in Ein bedeutendes Thema ist ihren Ländern Menschen zurzeit der politische Kampf existieren, die nicht genug zu zwischen Regierung und Opposition. Die Opposition hat essen kriegen. Wie viel verdient Eto‘o jährlich? 20 Millionen? So alle Macht über das Fernsehen viel Geld, und das nur weil er und die Zeitungen und somit wird nach aussen ein anderes Bild einen Ball besonders gut kicken kann. Das ist ungerecht. übermittelt als tatsächlich der Ungerecht für diejenigen Leute, Fall ist. Die meisten grossen die lange Ausbildungen machen Medien sind instrumentalisiert. oder tagtäglich wertvolle Arbeit Sie verbreiten Lügen, die dann verrichten. Letztlich kann der 24h im In- und Ausland professionelle Fussballspieler ausgestrahlt werden. nur einen Ball besonders gut treffen. Diese Fähigkeit kann Bist du überhaupt eine politische keine 20 Millionen pro Jahr Person? wert sein. Seit ein paar Jahren, ja. Mich interessiert es, zu wissen, was Der durchschnittliche Schweizer läuft. Dank der neuen Regierung verdient 5979 CHF monatlich. Geht interessieren sich die Leute im es dem durchschnittlichen Schweizer Allgemeinen viel mehr für Politik besser als dem durchschnittlichen als früher. Die Argentinier haben Argentinier? den Glauben zurückerlangt, den Das kann sein, ja. Wegen all den Glauben daran, etwas bewirken Leistungen, die hier gegeben und ändern zu können. sind, wie zum Beispiel geregelte Ferien und Arbeitszeiten, «Die Fähigkeit, einen obligatorische Krankenkassen oder die hohe Sicherheit.

Ball besonders gut kicken zu können, kann keine 20 Millionen wert sein !»

Die SchweizerInnen stimmen im Herbst über die Abschaffung der Wehrpflicht ab. Was würdest du abstimmen, wenn du könntest?

Ist der durchschnittliche Schweizer glücklicher als der durchschnittliche Argentinier? Da bin ich nicht mehr sicher. Kann sein?

Ezequiel hat sich in der Schweiz gut eingelebt. Auf der Ski-Piste in Zermatt.

Ich erinnere mich an eine Szene bei dir zuhause. Der FC Thun spielte ein Meisterscha&sspiel. Du standest nicht im Aufgebot, dein Lohn war miserabel, Freundin und Familie in weiter Ferne – Was würdest du dem damals 20 jährigen Ezequiel sagen, wenn du in die Vergangenheit zurückreisen könntest? Ich würde ihm sehr wahrscheinlich nur lange in die Augen schauen und dann sagen: „Du hast es verbockt!“ (lacht)

ÜBER

Hast du eigentlich eine Torprämie? Leider nicht, nein.

Ja! Hast du während deiner Zeit als Dein Marktwert wird auf 1.562.500 Profi jemals daran gedacht, a"es hinzuschmeissen und den Beruf zu wechCHF geschätzt. Der durchschnitseln? tliche argentinische Haushalt Natürlich habe ich mit diesem verdient 2.090 AR$ (370 CHF) pro Monat. Bereitet dir diese Tatsache ein Gedanken gespielt! Mehr als einmal. Als ich für Thun spielte schlechtes Gewissen?

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war ich kurz davor, alles aufzugeben und nach Argentinien zurückzugehen.

DEN

A U TO R

Günter Struchen ist eidgenössisch fastdiplomierter Meeresbiologe und Briefeschreiber aus Urnäsch (AR). Er betreibt die Webseite ,Schlafwandler.ch‘ und versucht sich als unabhängiger Schrifsteller, Blogger und extrem subjektiver Berichterstatter. g. s t r u c h e n @ s c h l a f w a n d l e r. c h w w w. s c h l a f w a n d l e r. c h

© 2013, Günter Struchen

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Ezequiel Óscar Scarione: Porträt und Interview  

Exklusives Interview mit Porträt über den Torschützenkönig der höchsten Schweizer Liga. © Günter Struchen

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