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beim anderen mein Bestes geben – und ging krank zur Arbeit. Die Schädigung meiner Bauchspeicheldrüse war die Folge einer verschleppten Grippe – das dürfen Sie an dieser Stelle gerne als Botschaft an Ihre Leser verstehen…! Also – wie sollte es jetzt weitergehen? Mein Leben änderte sich grundlegend. Und leider gab es weitere solche Momente. Umso mehr ist die Beziehung zu Frank Mantek ein einzigartiger Glücksfall, eine echte Vertrauensperson. Er ist jemand, der als Hochleistungstrainer immer über den Tellerrand hinaus blickt. Ich weiß nicht, ob ich mein Ziel - der „stärkste Mann der Welt“ zu werden - ohne ihn erreicht hätte! Und Ihr Elternhaus …? STEINER: Perfekt. Anders kann ich das nicht sagen. Mir Werte zu vermitteln war meinen Eltern sehr wichtig. Meine Mutter hat das sehr geschickt gemacht. Ich konnte mir die Sportart aussuchen. Alles was die beiden wollten, war: wenn ich mich für etwas entscheide, dann zu einhundert Prozent, ohne Ausreden. Anmelden und Mitmachen, immer, ob bei Schnee oder Regen, und in eigener Verantwortung. Sonst: Abmelden! Also – wie sollte es anders sein – landete ich beim Fußball, und alle Wege absolvierte ich mit dem Rad. Von wegen Mami fährt. Ich hab übrigens gar nicht so schlecht gekickt. Aber mit dem Schritt in eine höhere Altersklasse verbrachte ich die meiste Zeit dann auf der Bank, mit erheblichem Frusterlebnis. Außerdem hat es mich tatsächlich mehr fasziniert, meinem Papa beim Gewichtheben zuzuschauen. Das war noch richtiges „Wirtshausstemmen“, in verrauchten Gasthäusern hat er damals gehoben. Im Nachhinein denke ich, ich wollte ihm einfach nahe sein. Natürlich habe ich auch Hanteln gehoben. Dazu hat er mich nie gedrängt – im Gegenteil. Doch hinter mir gestanden ist er in jeder Sekunde. Meine Eltern sind bis heute für mich unglaublich wichtig, mein Elternhaus eine Oase für die Seele. Also auch in den Lebensphasen, in denen sich die Frage stellte: Wie soll es weitergehen? Das kam bei Ihnen einige Male vor. Vor allem an dem Punkt, an dem Sie sich entschlossen haben, mit

dem Hochleistungssport aufzuhören. STEINER: Wissen Sie, irgendwann lernt man, dass es immer irgendwie weitergeht, weitergehen muss. Gleichzeitig können Sie mir glauben: in solchen Phasen ist es gut zu wissen, dass man Eltern hat. Die beiden sind übrigens fit bis heute, und tolle Ratgeber. Bevor sich aber die Frage stellte, was nach der Karriere kommt, wollte ich ja noch mal angreifen. Allerdings war die Vorbereitung für die olympischen Spiele in London viel zu kurz. Eine Verletzung hat mir das Training zur Tortur gemacht. Was dann bei Olympia 2012 passiert ist, war noch nicht mal eine Frage der Kraft, sondern der Technik. Das führte zu dem Malheur, das dann auch über den Bildschirm flimmerte. Ich hatte nicht das Gefühl für das Gewicht, versuchte noch, es festzuhalten und ließ zu spät los. Am Ende hatte ich dann richtig Glück im Unglück, als mir beim Reißen die 196 Kilogramm schwere Hantel in den Nacken fiel. Erst im März 2013 aber war mir schließlich endgültig klar: das war´s! Zu dem Zeitpunkt war ich familiär sehr gefestigt, die Begegnung mit meiner Frau und unsere Heirat war ein Segen für mich. Meine Familie ist mein großes Lebensglück. Als ich über meine Zukunft nachdachte, habe ich spüren dürfen: es ist unglaublich wichtig, meine Gedanken mit denen teilen zu können, die man liebt. Nun ist es aber keineswegs so, dass man als Olympiasieger finanziell ausgesorgt hätte? STEINER: Trotz des Erfolgs und der öffentlichen Aufmerksamkeit, die besonders der Olympiasieg mit sich brachte, muss man als Gewichtheber schon schauen, wo man bleibt. Und unterschätzen Sie mal nicht, was es kostet, einen 150-KiloKörper zu ernähren und zu kleiden! Finden Sie mal für einen Koloss meiner Masse mit einem Oberschenkelumfang von 86cm die richtigen Klamotten – das ist teuer! Ich stelle mir gerade vor, Sie hätten damals an „Let´s Dance“ teilgenommen. STEINER (lacht): Die haben mich tatsächlich gefragt. Und da hatte ich durchaus bereits eine Affinität zum Fernsehen.

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