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29. Juli 2008, 05:46 Uhr SURFERMEKKA IN PORTUGAL

Kalifornien an Europas Westküste Von Tilo Wagner Wild, weit und wie ein Stück Paradies vor den letzen Felsen des europäischen Kontinents: Der Guincho-Strand bei Lissabon ist einer der schönsten Strände Europas - und ein Mekka für Windsurfer, Wellenreiter und Partyfans. Luís Rebelo lehnt sich lässig in einem mit hellen Stoffkissen ausgepolsterten Korbsessel zurück. Er trägt eine Badeshorts. Sonst nichts. Das ist seine Arbeitskleidung: Luís ist Geschäftsführer der Guincho-Bar – dem Surfer-Hangout an Europas westlichsten Strand, nur 20 Kilometer von Lissabon entfernt. "Die Bar ist in Insiderkreisen hoch geschätzt. Hierher kommen Wassersportler aus der ganzen Welt", sagt der 24-jährige gebürtige Lissabonner. Die Straße Richtung Guincho-Bar beginnt, wo das Ballungsgebiet Lissabons aufhört: Links liegt der Atlantik, der seine mächtige Brandung an die flach ins Wasser laufenden sandfarbenen Felsen wirft. Rechts der Straße reihen sich die letzten Villen und Paläste aneinander, bis sich irgendwann nur noch braches, mit stacheligen Sträuchern bewachsenes Land bis zum Fuße eines kleinen Küstengebirges ausdehnt. Und plötzlich - nach einer Rechtskurve um ein wetterzerrüttetes Restaurant - liegt Sand auf der Straße, den der Wind verweht hat. Und der Blick wird frei auf einen weißen Strand, der hinter den Dünenkuppen bis zum tiefblauen, mit weißen Schaumkronen besprühten Ozean reicht: den Guincho-Strand. Der westlichste Punkt Europas ist wegen seiner konstant guten Windstärken und Wellenhöhen ein Tummelplatz für Bodyboarder, Wellenreiter, Wind- und Kitesurfer. Und er zieht nicht nur Radikalsportversessene aus Portugals pulsierender Hauptstadt an, sondern auch die Reichen, Schönen und Berühmten aus aller Welt. Metallica am Guincho-Strand Als vor ein paar Wochen Metallica ein Open-Air-Konzert in Lissabon gaben, hingen die Musiker die ganze Zeit am Strand ab. "Sie waren hellauf begeistert", erinnert sich Luís. Überraschend ist es nicht, dass die schweren Jungs aus Los Angeles sich am Guincho-Strand so wohl fühlten. Aufgrund seiner geografischen Lage und den klimatischen Bedingungen erinnert der Ort an Kalifornien. Oft hängt schwerer Nebel über dem Ozean, der ähnlich wie in San Francisco zuweilen in die Nähe der Küste kriecht. Und auch die brennende Sonne, die tobende Brandung, die kühlen Wassertemperaturen und die unmittelbare Nähe zu einer trendbewussten Großstadt machen einen Vergleich mit der Westküste Amerikas leicht - wären nicht gleichzeitig die hohe Arbeitslosigkeit, verschuldete Familien, stagnierende Wirtschaft und pessimistische Zukunftserwartungen. Doch auch das portugiesische Tourismusministerium erkannt, das seinem Land ein neues Image geben will, setzt auf das US-Flair. Für eine millionenschwere Werbekampagne engagierte die Regierung den britischen Starfotografen Nick Knight, der Fußballstars wie Cristiano Ronaldo oder José Mourinho ablichtete. Unter dem Motto "Portugal: West Coast of Europe" sollten die Fotos, die in auflagestarken Magazinen wie "Newsweek" und "Vogue" geschaltet wurden, die Assoziation mit Kalifornien wecken. Der Surf boomt Immerhin in einem liegt die Werbekampagne nicht daneben: Portugal könnte das Surf-Mekka Europas werden. Das hat der Surfboardbauer Álvaro Pereira schon vor knapp 20 Jahren erkannt. Álvaro, der auf der südbrasilianischen Insel Florianópolis geboren wurde, kam nach Portugal, als der Surf dort noch in den Anfängen steckte. Mit Hilfe von Álvaros handgefertigten Boards und seinem Trainingskonzept gewann zum ersten Mal ein portugiesischer Wellenreiter die Weltmeisterschaft. "Wir brauchen keinen Vergleich mit Kalifornien", sagt Álvaro. "Wenn es allein um Surfbedingungen geht, ist der Guincho-Strand genau so gut wie jeder andere in Hawaii oder in der Südsee. Doch Portugal zieht daraus kaum Nutzen. Denn wenn man im Surf nach oben will, egal ob Wellenreiter, Boardbauer oder die Tourismusindustrie, dann ist das immer mit sehr viel Arbeit verbunden."

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Über fehlende Beschäftigung kann sich Álvaro nicht beklagen. Er und sein kleines Mitarbeiterteam bauen mit Hilfe modernster Schneidemaschinen pro Jahr über 2000 Bretter, die sie für rund 450 Euro pro Stück verkaufen. Und jedes Jahr wird Álvaro erfolgreicher. In seiner Firma Energía Tropical treffen Bestellungen aus der ganzen Welt ein, denn in Surferkreisen hat es sich herumgesprochen, dass Álvaro viel Wert auf Qualität legt. "Ich könnte auch nach China gehen und dort eine Fabrik im großen Stil aufbauen. Aber das ist nicht mein Lebenskonzept", sagt Álvaro. Uns so bleibt der schmächtige Brasilianer mit seinem holzvertäfeltem Surfshop in Blickweite des Guincho-Strandes, sägt seine Bretter und trainiert von Zeit zu Zeit ein herausragendes portugiesisches Ausnahmetalent. Chillen im Sonnenuntergang Was den Guincho-Strand von anderen Stränden Portugals unterscheidet, ist die Mischung aus urbanem Publikum und einer immer noch wilden Natur. Den Aufstieg zum Geschäftsführer der Guincho-Bar hat Luís Rebelo vor allem seiner Fähigkeit zu verdanken, das Partypotential des Strandes auszureizen. Im vergangenen Jahr veranstaltete er zusammen mit einem populären Lissabonner Radiosender eine Reihe von Strandpartys, bei denen teilweise mehr als 5000 Gäste zwischen Bar, Felsen und Strand bis zum Sonnenaufgang ein feuchtfröhliches Fest feierten. Für diesen Sommer hat sich Luís ein Konzept ausgedacht, das nicht auf Massenveranstaltungen abzielt: "Wir bemühen uns jetzt um kleinere Formate, wie etwa unseren Sonnenuntergang-Chill-out." Einen DJ-Table, zwei zusätzliche Zapfstände, ein paar bequeme Sofas und eine Cocktailbar haben Luís und seine Kollegen schon aufgebaut, um das betuchtere Publikum aus den reichen, benachbarten Badeorten Cascais und Estoril in das spektakuläre Licht der untergehenden Sonne zu locken. Der 20-jährigen Celina, die sich mit ein paar Freundinnen auf der oberen Terrasse der Guincho-Bar trifft, gefällt die ruhigere, weniger alkoholisierte Frühabendstimmung bei den Chill-out-Partys sehr gut. "Wir können uns hier ganz ungezwungen treffen, ohne ständig blöd angemacht zu werden." Dass junge Frauen den Guincho-Strand besonders schätzen, hat auch eine bekannte internationale Surfmodemarke erkannt, die ihr "Girls-Only-Surffestival" Ende Juli an den Strand verlegt hat. Ein nicht zu unterschätzender Einfluss auf das gestiegene Interesse portugiesischer Jugendlicher am urbanen Strandleben übt die Telenovela "Morangos com Açucár" (Erdbeeren mit Zucker) aus. Im Dauerbrenner des portugiesischen Vorabendfernsehens dreht sich alles um eine Gruppe von Schülern, die ihre Freizeit mit Verlieben, Party machen und Wellenreiten verbringen. Die Wahl für den Ort der Außenaufnahmen fiel der Produktionsfirma nicht wirklich schwer: der Guincho-Strand, West Coast of Europe.

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