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D Kapitel 16

Doppeltes Spiel

er n¨ achste Tag begann mit einem Besuch der Herrscherin und anschließend des K¨onigs. Beide wurden getrennt voneinander in ihren Kammern festgehalten. Lancron und Antarja hatten letzte Nacht u ¨ber die beiden und ihr Schicksal entschieden. Dieses wollte die Kriegerin ihnen nun mitteilen. Sie eilte die Treppen hinauf, mit den Gem¨achern der Lady als erstes Ziel. Die Wachen traten von der zu bewachenden T¨ ur zur¨ uck, als sie ihren harten Blick sahen, der keinen Widerspruch duldete. Entweder hatte sich ihr Verhalten gestern im Verlies herumgesprochen, oder Lancron hatte wirklich einen neuen Befehl erlassen.

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Sie grinste die beiden Soldaten kalt an, bevor sie die T¨ ur ¨offnete. Mit festen Schritten trat sie ein und sah eine in sich zusammengesunkene Gestalt an einem Tisch kauern. Als diese hochsah, blickte die Feldherrin in zwei besorgte und kummervolle Augen. Dana. Die Dunkelhaarige dachte daran, wie sie Freundschaft geschlossen hatten, damals, in der Vergangenheit. Jetzt war alles anders. Dana erhob sich langsam und wortlos. Die langen Kleider raschelten, als sie sich bewegte. Zuerst begann sie zu l¨ acheln, doch als sie die Kleidung ihrer vermeintlichen Freundin und deren ernsten Gesichtsausdruck sah, wurde auch ihr Gesicht zu Stein. Ihr seid wohlauf?“, fragte Antarja k¨ uhl und trat bis ” auf zwei Meter an sie heran. “Ja, aber es scheint, als wenn du es nicht w¨arst. Dienst du jetzt ihm?“ Die Macht, der Kampf, das alles hat mich an mei” ne ruhmreichen Zeiten erinnert. Vielleicht kann ich diese Zeit wieder erwecken. Ich bin erneut an den Platz getreten, der f¨ ur mich von Anfang an bestimmt war.“ Antarja sah der Lady geradewegs in die Augen, sprach mit u ¨berzeugter und fester Stimme. Und wir haben dir geglaubt. Aber welche Rolle spie” le ich in deinem ruhmreichen Plan?“ Keine Sorge, Ihr werdet nicht anger¨ uhrt. Eure Rol” le wird weitergespielt, aber wir verlegen den Schauplatz. Ihr und Euer Mann werdet nach Ranira gehen und dort in Frieden leben. Ihr vergesst Lautania und werdet Euch der Stadt weder n¨ahern, geschweige denn sie betreten. Das sind die Bedingungen.“ 159


Mein Gemahl wird diese Bedingungen niemals an” nehmen. Lautania geh¨ ort ihm und er wird darum k¨ ampfen.“ Die Feldherrin sah sie an, im Zweifel, ob die Lady es ernst meinte. Dann lachte sie leise auf. Euer Ehe” mann gegen Lancrons Armee? Das glaube ich nicht. Wenn er nicht freiwillig geht, wird er gezwungen. Und es h¨angen viele Leben an seiner Entscheidung. Ich habe mich f¨ ur die Ritter von Lautania eingesetzt. Ich bin sicher, K¨ onig Suraan wird gehen.“ Und die Ritter?“, fragte Dana kleinlaut, sich erge” bend. Ihnen wird es freigestellt, ob sie sich in unsere Ar” mee eingliedern, oder ob sie lieber Gefangene bleiben wollen.“ Die junge Regentin senkte den Kopf, sch¨ uttelte ihn leicht und blickte dann die vermeintliche Freundin verzweifelt an. Du hast mein Leben gerettet, gegen Lancron ge” k¨ ampft und ihm den Tod gew¨ unscht. Du wurdest von ihm gefangen und gefoltert, und wegen des Ruhmes bist du zur¨ uckgekehrt? Das kann ich nicht glauben. Du warst doch meine Freundin. Bedeutet das alles nichts?“ Sie konnte nicht mehr gegen die Tr¨ anen ank¨ampfen. Die Kriegerin aber ging, noch w¨ ahrend Dana von Freundschaft sprach, ließ diese mit ihren Tr¨anen allein. Sie klopfte an die T¨ ur und wurde hinausgelassen. Mit den gleichen festen Schritten ging sie aus dem Zimmer, w¨ ahrend man die verzweifelten Worte der Lady noch im Gang leise hallen h¨ orte. Antarjas Gesicht war wie versteinert, doch was sich unter 160


dieser Maske abspielte, konnte niemand erahnen. Ihr Auftrag f¨ uhrte sie weiter in die Kammer des K¨onigs. Die Wachen gehorchten ihr wie zuvor und sie trat ein. Diese Gem¨ acher waren etwas gr¨oßer als die von Lady Dana. Unruhig wanderte der Herrscher Lautanias von einem Ende des Zimmers zum anderen. Als sich die T¨ ur ¨ offnete, blickte er auf, zeigte sich als alter Mann, erf¨ ullt von Verzweiflung, aber immer noch stark genug, dagegen anzuk¨ ampfen. K¨onig Suraan sah sie ernst an, hatte sein Urteil u ¨ber sie schon gef¨allt. Also hat Euch die Gier nach Ruhm und Macht wie” der auf die andere Seite getrieben?“ Er sprach leise, eine Erkenntnis reicher und etwas entt¨auscht. Wie geht es Eurer Verletzung?“ Antarja sprach im” mer noch k¨ uhl, aber etwas leiser. Versucht nicht, Euch durch falsche Besorgnis f¨ ur Eu” ren Verrat zu entschuldigen. Ich . . .“ Ohne Vorwarnung eilte sie zu ihm und stand ihm Augenblicke sp¨ ater so nahe, dass sie ihn erreichen konnte, wenn sie den Arm etwas nach vorne gestreckt h¨atte. Damit unterbrach sie seinen Redefluss. Ich muss mich f¨ ur nichts entschuldigen und das, was ” ich jetzt sage, bleibt innerhalb dieser vier W¨ande. Ihr f¨ uhlt Euch betrogen und das zu Recht. Aber manchmal kann das, was man sieht, t¨ auschen. Ja, ich k¨ampfe f¨ ur Lancron. Aber ich k¨ ampfe auch f¨ ur mich. Es gab keinen anderen Weg, um Euch, Eure Gemahlin und all die anderen Menschen hier zu retten. Ihr seid ein Hindernis, das zwischen ihm und Ranira liegt, und es w¨ are ihm ein Leichtes gewesen, Euch zu t¨o161


ten. Ich habe es ihm abgeraten, und wie Ihr seht, lebt Ihr immer noch.“ Der K¨onig u ¨berlegte eine Weile. Seine Augen spiegelten das Misstrauen wider, das nun auch in seiner Stimme lag: Ihr wollt mir erz¨ ahlen, dass Lancron ” Eurem Plan v¨ ollig uneigenn¨ utzig eingewilligt hat, ohne seine Hand nach Profit ausstrecken zu k¨onnen? Dann glaubt Ihr, dass ich d¨ ummer bin, als ich aussehe.“ Er macht es nicht ohne Profit, zumindest glaubt er ” es. Ich bin im Besitz einer Waffe, mit der er alle K¨onigreiche mit Leichtigkeit erobern k¨ onnte. Im Austausch gegen Euer Leben und das Eurer Ritter und Untertanen habe ich ihm diese angeboten. Nat¨ urlich werde ich alles tun, um ihm diese Waffe vorzuenthalten.“ Antarja sprach eindringlich und leise, in der Hoffnung, dass niemand außer dem K¨ onig ihre Worte h¨oren konnte. Wenn dies so ist, habe ich mich in Euch wirklich ” get¨auscht. Aber alles schien so echt. Ihr habt Eure Rolle gut gespielt. Und wieder riskiert Ihr Euer Leben.“ Die Frau nickte kurz und sah ihn traurig an. Mein ganzes Leben lang bin ich vor Kelrun und sei” nem Gefolge davongelaufen, habe mich verborgen gehalten und jeden Tag aufs Neue mit meinem Leben abgeschlossen. Jetzt bin ich froh, dass die Schlacht im Gange ist und ich keinen Grund mehr habe, mich zu verstecken. Sollte ich dabei sterben, nehme ich das t¨odliche Geheimnis mit ins Grab und die Erde 162


wird vor dieser Gefahr sicher sein.“ W¨ahrend sie sich umdrehte, fl¨ usterte sie leise: Und ” die W¨achterin hat ihre Ruhe.“ Antarja!“, rief der K¨ onig ihr nach. Ihr habt mei” ” nen tiefen Respekt. Meine Gebete werden Euch begleiten.“ Ich kann die Hilfe aller G¨ otter gebrauchen, die sich ” im Himmel oder sonst wo aufhalten.“ Zum ersten Mal l¨ achelte sie, wenn auch mit traurigem Blick und schritt in Richtung T¨ ur. Ach ja!“, stoppte sie pl¨ otzlich. Lady Dana glaubt, ” ” dass ich auf der Seite Lancrons k¨ ampfe. Kein Wort, was hier gesprochen wurde, auch nicht zu ihr.“ Der K¨onig nickte wortlos. Nun drehte sie sich um und verließ endg¨ ultig den Raum. Sie eilte den Gang entlang und verließ das Geb¨ aude auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen war. Am Eingangstor lehnte eine Gestalt, die sie erwartete. Wie sieht es aus?“ ” Die dunkelhaarige Frau begann zu grinsen. Der K¨onig hat mir alles geglaubt. Er ist immer noch ” fest davon u ¨berzeugt, dass du der B¨ose bist und ich das Opfer.“ Sehr gut, dann haben wir also keine Probleme, die ” beiden loszuwerden, zumindest f¨ ur den Moment?“ Nein.“ ” Ich wusste nicht, dass ich jemals so Gefallen an dir ” finden w¨ urde wie jetzt.“ Lobe mich nicht zu viel, sonst werde ich u u¨berm¨ ” tig“, erwiderte sie siegessicher. Die tapfere Antarja, jedem Feind einen Schritt vor” 163


¨ aus, erlaubt sich durch Ubermut Schw¨ achen?“ Der Mann stieß sich von der Wand ab, an der er lehnte und schritt langsam auf sie zu. Die Kriegerin stand im Eingang, stolz und mit erhobenem Blick. Wer sagt etwas von Schw¨ achen? Wenn ich schwach ” w¨are, h¨atte ich Schlachten verloren. Oder sogar mein Leben. Habe ich das?“ Nein, das hast du nicht.“ ” Er n¨aherte sich immer weiter und fuhr ihr dann sanft u ¨ber die Wange, dann den Hals hinab und weiter. Blitzschnell schoss Antarjas Arm nach oben und ihre Hand umfasste sein Handgelenk mit starkem Griff. Keine Schw¨achen“, bemerkte sie sachlich, grinste ” dann u ¨berheblich, ließ seine Hand los und drehte sich um. Sie ging weg, gleich stolz wie zuvor und der sprachlose Lancron blieb zur¨ uck. Erst nach einigen Augenblicken hoben sich auch seine Mundwinkel und er folgte ihr mit großen Schritten. v∗v∗v∗v∗v∗v∗v

Im Heiligen Saal angekommen, setzte die Kriegerin sich auf einen der St¨ uhle und wartete, bis auch der Kriegsherr eintraf. Ihre Augen folgten ihm mit nichtssagendem Blick, verfolgten ihn, bis er saß. Wie sie schon vermutet hatte, machte er es sich auf dem Platz des K¨onigs gem¨ utlich. Also, wo ist der Auserw¨ ahlte?“, wollte die Kriege” rin nun wissen. Er scheint dir wichtig zu sein?“, fragte der Erobe” rer zur¨ uck und legte seinen Kopf auf die Seite. Wichtig oder nicht, aber er ist der Auserw¨ahlte und ” 164


spielt eine große Rolle in diesem Spiel. Er ist die letzte Entscheidung f¨ ur oder gegen Kelrun.“ Er ist in meiner Burg im Norden“, erkl¨arte Lancron. ” Also f¨ uhrt uns unser Weg als erstes dorthin.“ ” Der Prinz richtete sich abrupt in seinem Stuhl auf. Seine Stimme ver¨ anderte sich. In seinem Tonfall lag Unverst¨ andnis. Er ist sicher in meinem Reich. Es wird ihm nichts ” passieren und er wird nicht entkommen. Warum sollten wir ihn nicht dort lassen?“ Ich muss zuerst etwas herausfinden, dazu brauche ” ich Sir Thomas. Dann werde ich ihn auf dem schnellsten Weg zu Kelrun schicken, wo er am N¨ utzlichsten ist“, erwiderte Antarja. Ich verstehe die Bedeutung dieses Auserw¨ahlten nicht ” ganz.“ Niemand tut das vollkommen. Nicht einmal Sir Tho” mas weiß, warum er gefangen genommen und verschleppt wurde. Er wird es aber wissen, wenn der Kristall vor ihm liegt. Nur er kann die einzelnen Teile wieder zusammenf¨ ugen. Niemand sonst hat die Macht dazu. Nur hat er noch keine Ahnung.“ Nun gut. Deine Beweggr¨ unde sind mir noch immer ” nicht ganz klar, aber es wird so sein. Wohin geht es nachher?“, fragte der Tyrann. Das habe ich noch nicht entschieden. Ich habe die ” Teile in allen Richtungen des Windes versteckt und es wird lange dauern, bis wir sie alle eingesammelt haben. Aber der Weg liegt noch zu weit in der Zukunft, als dass ich es entscheiden k¨onnte.“ Lancron war mit dieser Antwort sichtlich unzufrie165


den, doch er schwieg dazu. Antarja merkte sofort, dass er wieder Misstrauen hegte, doch es war ihr egal. Der Tag ist nicht mehr lang, also w¨ urde ich vor” schlagen, dass du einen Rundgang durch die Stadt machst und nach dem Rechten siehst. Erinnere deine Leute auch daran, dass wir bald aufbrechen.“ Du willst doch den Ritter mitnehmen? Er wird nicht ” bereit sein, mitzukommen. Daf¨ ur sind seine Verletzungen zu schwer.“ Er wird es sein. Und wenn nicht, kommt er trotz” dem mit uns. Er ist ein Krieger und kein altes Weib“, erwiderte sie hart. Der falsche Prinz l¨ achelte fast unmerklich. Was machst du in der Zwischenzeit?“ ” Es w¨ urde dich ja eigentlich nichts angehen, aber ich ” werde zuerst den Zustand Dereks in Erfahrung bringen, dann werde ich mich dir anschließen. Wir haben noch viel zu tun, vor allem geht es um die Regelung der Herrschaft hier in Lautania. Morgen fr¨ uh werden wir den K¨onig und die Lady unter Eskorte auf die Reise schicken. Sobald wir die Stadt verlassen, brauchen wir keinen K¨ onig, der eventuelle Aufst¨andische anspornen k¨onnte. Also, an die Arbeit.“ v∗v∗v∗v∗v∗v∗v

Auf dem Weg in das Krankenzimmer des Ritters ging ihr das Verhalten Lancrons durch den Kopf. Nach ihrer kurzen Unterredung war sie aufgestanden, ohne ihn zu beachten. Zumindest gab sie dies vor. Er hatte sie r¨atselnd und mit argw¨ ohnischem Blick angese166


hen. Antarja vermutete, dass er weniger Angst davor hatte, dass sie wieder auf die Seite Lautanias wechseln k¨onnte, als dass sie andere, eigenn¨ utzige Pl¨ane verfolgte. Er hatte sie nicht unter Kontrolle und konnte nicht in ihren Gedanken lesen, was sie vorhatte. Diese Unwissenheit machte ihm wohl Angst, oder zumindest verursachte es ein ungutes Gef¨ uhl in ihm. Wie ein in die Enge getriebenes Tier wurde auch der Eroberer bei Unsicherheit und Angst angriffslustig und gef¨ ahrlich. Also war Vorsicht geboten. Doch die Kriegerin war nicht wirklich ernsthaft daran interessiert. Sie wusste, dass sie keine Schwierigkeiten zu erwarten hatte, weil er auf sie angewiesen war. Er wollte den Kristall und die Macht u ¨ber Kelruns Heer. Das verschaffte ihr einen Vorteil. Sie wollte n¨amlich nur ungern durchschaut werden. Nach kurzem ¨ offnete sie die Holzt¨ ur zu dem Zimmer, in welchem Derek versorgt werden sollte. Das Knarren erweckte die Aufmerksamkeit eines Mannes, der am Bett des Kranken stand. Es war ein alter Mann, mit langen weißen Haaren und einem spitzen Bart. Sein Gesicht war runzlig und von der Sonne gebr¨aunt. Sein langes, kutten¨ ahnliches Gewand streifte teilweise den Holzboden. Antarja hatte diesen Mann schon einige Male gesehen. Irgendwie erinnerte er sie mehr an einen Magier und Alchemisten als an einen Heiler, der dieser war. Die Kriegerin trat ein und begr¨ ußte ihn mit einem stummen Kopfnicken. Der Alte wich von seinem Platz und ging zwei Schritte auf sie zu, schien ihr den Weg versperren zu wollen. Ihr seid wegen Ritter Derek hier?“ ” 167


Seine Frage klang wie eine Feststellung, seine Stimme war k¨ uhl. Er war kein Heilkundiger aus Lancrons Gefolge, sondern geh¨ orte zu Lautania. Somit war er loyal allen Bewohnern gegen¨ uber und hegte Misstrauen gegen Verr¨ ater, wie Antarja einer war. Wie ist sein Zustand?“, erkundigte sie sich sachlich. ” Er lebt. Er wurde u ¨bel zugerichtet. Ich habe seine ” Verletzungen versorgt und mit Kr¨ autern behandelt. Einige der Wunden machen mir immer noch Sorgen.“ Du hast drei Tage, dann werde ich ihn abholen.“ ” Wof¨ ur?“ ” Die Augen zwischen den Runzeln verengten sich leicht. Ich verlasse die Stadt mit dem Großteil der Armee ” und mit ihm.“ Ausgeschlossen“, widersprach der Heiler. In drei ” ” Tagen ist er noch nicht f¨ ahig zu reiten. Er ist ein K¨ampfer, aber er ist viel zu schwach und dieser Zustand wird sich auch in drei Tagen nicht ¨ andern.“ Die Kriegerin verzog keine Miene. Sie schritt an dem alten Mann vorbei, der auf Grund seiner Aufregung etwas lauter wurde. Neben dem Bett des Bewusstlosen blieb sie stehen und beugte sich u ¨ber den Verletzten. Er lag auf dem Bauch, mit dem Gesicht zur Seite. Sie strich ihm vorsichtig die Haarstr¨ahnen aus dem Gesicht, wie sie es schon ¨ ofters gemacht hatte, erhob sich dann wieder und sah den Alten ernst an. Drei Tage“, war alles, was sie in gleich k¨ uhlem Ton ” sagte. Ohne auf eine Reaktion zu warten, verließ sie den Raum. v∗v∗v∗v∗v∗v∗v 168


Auf den Wachmauern u ¨ber dem großen Eingangstor der Stadt stieß sie auf Lancron. Fragend sah er die Kriegerin an. Er wird bereit sein“, antwortete sie ” bestimmt. Gibt es irgendwelche Probleme?“, fragte ” sie dann, w¨ ahrend sie langsam weiterging und damit rechnete, dass der andere ihr folgen w¨ urde. Nein, Lautania ist gut befestigt, kein Heer kann es ” einnehmen. Ich habe weitere Maßnahmen zur St¨arkung der Mauern und zur Verteidigung gesetzt“, erwiderte er. Gut, dann lass uns weitergehen. Wir haben noch ” viel zu regeln. Wie viele M¨ anner befehligst du und wie viele bleiben hier in Lautania, um die Situation zu u ¨berwachen?“ Dar¨ uber habe ich noch nicht entschieden, aber ich ” werde gen¨ ugend M¨ anner zur¨ ucklassen.“ Nein, lass mehr als gen¨ ugend zur¨ uck.“ ” Sind dir zu viele Soldaten um dich herum zu un” heimlich?“, fragte er mit zynischem Ton. Sie aber wusste genau, dass sein Misstrauen ihn plagte. Du kannst gerne alle deine Soldaten mitnehmen, ” aber wenn sich die Bauern mit den Rittern zusammentun und eine Rebellion starten, hast du Lautania verloren.“ Ihre Stimme klang k¨ uhl, w¨ahrend sie einfach weiter ging, ohne ihn eines Blickes zu w¨ urdigen. Lancron hingegen blieb kurz stehen und starrte ihr hinterher. Seine Augen verrieten ein Aufblitzen von Argwohn, Bewunderung und gleichzeitig Hass, weil er die Kontrolle u ¨ber sie verloren hatte. Schnell aber holte er sie wieder ein, sch¨ uttelte zu offensichtliche Gef¨ uhle ab. 169


Hast du dir schon u ¨berlegt, wer an deiner Stelle hier ” herrschen soll?“, erkundigte sich die Kriegerin. Ja, ich habe schon einen Statthalter gefunden, der ” mein vollstes Vertrauen besitzt.“ Du sprichst ernsthaft von Vertrauen? Wem man ” vertraut, der kann einen entt¨ auschen.“ Was soll das heißen?“ ” Dass du ihn nicht ausw¨ ahlen sollst, weil du ihm ” vertraust, sondern weil du ihn f¨ ur f¨ ahig h¨altst, eine Stadt zu regieren, ohne die Straßen mit Blut rot zu f¨arben. Und er sollte kein Alleinherrscher sein.“ Verdammt, was meinst du jetzt schon wieder? K¨onn” test du dich einmal klarer ausdr¨ ucken?“, brauste der Mann auf. Denken f¨allt dir manchmal nicht allzu leicht. Stelle ” auch einen Mann aus Lautania als Mitregenten auf.“ Er blieb abrupt stehen und hielt sie am Oberarm fest. Sein Blick war gef¨ ahrlich und verlangte nach einer Erkl¨arung. Dieser Vertreter des Volkes von Lautania wird die ” Stadtbewohner repr¨ asentieren und daf¨ ur sorgen, dass sie sich nicht gegen uns auflehnen. Ach ja, versuch einen armen Bauern aufzutreiben, den man mit ein paar M¨ unzen kaufen und mit Politik und Sprachgewandtheit u ¨bertrumpfen kann. Somit bleiben wir die Herrschenden.“ Lancron verstand und begann zu grinsen. Man sagt, Genie und Wahnsinn sind nicht weit von” einander entfernt.“ Die Frau schnaubte ver¨ achtlich, sch¨ uttelte seine Umklammerung ab und ging weiter. 170


Es tut gut, wieder auf der richtigen Seite zu ste” hen“, murmelte sie, gerade so laut, dass der Kriegsherr es h¨oren konnte. Ohne sich umzudrehen, wusste sie, dass er ihr folgte. Such ein paar M¨ anner, die den K¨onig und die La” dy morgen eskortieren. Ich will sie nach Sonnenaufgang aus Lautania haben. Hier habe ich genug gesehen. Das ist jetzt dein Bereich. Und entt¨ausche mich nicht. Denk hin und wieder nach“, warf sie u ¨ber die Schulter zur¨ uck. Lancron verging bei der letzten Bemerkung das Lachen. Er ballte die F¨ auste. Sie wollte ihm befehlen, was er zu tun hatte. Das passte ihm so gar nicht, aber noch war sie zu wertvoll und er brauchte sie. Also f¨ uhrte er aus, was sie verlangte.

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Leseprobe DER SCHATTENKRISTALL - LAUTANIA  

DER SCHATTENKRISTALL (Band 1) - LAUTANIA von Elisabeth Ruetz, Fantasy-Roman, ISBN 978-3-902824-11-0, Taschenbuch, beschichtetes Cover, 230 S...

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