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frauenbilder


takamado hisako 120 x 100 cm, acryl und lack


poly xena 60 x 80 cm, acryl


angst ridden 100 x 160 cm, acryl


nude globalisation 100 x 120 cm, acryl


bamporiki 100 x 120 cm, acryl


painless mother 40 x 100 cm, acryl und verschiedene materialien


penthe silea 60 x 80 cm, acryl


model x 30 x 80 cm, acryl und pvc


FRE¡ Wenn wir an Totalitarismus denken, denken wir politisch, meistens relativ weit zurück oder weit weg. Wir verbinden damit Systeme der totalen Unterdrückung, wie man sie im faschistischen Hitler-Deutschland, im stalinistischen Sowjetrussland und in ihren SatellitenStaaten oder in der kulturrevolutionären, chinesischen Volksrepublik vorgefunden hat. Totale Strukturen begegnen uns in entfernten Regionen, in afrikanischen Ländern, die von brutalen Stammesfürsten beherrscht werden – im Kongo, in Zimbabwe oder Somalia. Der moderne Mensch der kultivierten Industrienationen lebt scheinbar frei von Abhängigkeit und Unterdrückung. Er fühlt sich als Individuum und Gestalter in jeglicher, also in materieller, religiöser, persönlicher und politischer Hinsicht. Totalitarismus hingegen hat immer mit Abhängigkeit zu tun. Er steht im Gegensatz zur Freiheit, die totale Strukturen negiert. Totalitarismus bedeutet also einen Mangel an Freiheit. Tatsächlich leben wir in zahlreichen materiellen Abhängigkeiten. Wir leasen unsere Autos, nehmen Kredite für Immobilien auf, glauben uns mit Versicherungen in Sicherheit, in der Annahme, frei und unabhängig zu sein. In Wirklichkeit bangen wir, was wohl passieren könnte, wenn wir unsere materielle Grundlage verlieren. Bert Brecht hat es einmal folgendermaßen formuliert: "Jeden Morgen mein Brot zu verdienen / Gehe ich auf den Markt wo Lügen gekauft werden. Hoffnungsvoll reihe ich mich ein unter die Verkäufer“. Die moderne Apokalypse: das Klima der Angst Unsere moderne Apokalypse manifestiert sich in täglichen Hiobsbotschaften übermittelt von den Überbringern schlechter Nachrichten – den Medien, den Kassandras unserer Neuzeit. Wir hören von Erdbeben und Naturkatastrophen, Misshandlungen von Kindern oder Hunger und Cholera in Afrika. Uns schockieren die fallenden Kurse an der Börse und Händler an der Wallstreet, die verzweifelt die Arme über dem Kopf zusammen schlagen. Die permanente Indoktrination mit Schreckensnachrichten erzeugt ein virulentes Klima der Angst, sie gibt uns das Gefühl von Hilflosigkeit. Angst bedeutet ein Mangel an Freiheit Der Begriff Angst hat sich seit dem 8. Jahrhundert von dem gemein-indogermanischen anghu (beengend) über das althochdeutsche angust entwickelt. Er ist verwandt mit dem Lateinischen Begriff angustia (die Enge) und angor (das Würgen). Das Wort „Angst“ stammt auch aus dem Englischen. Es bedeutet so viel wie Existenzangst. Man spricht von "angst-ridden" – von Angst geritten, im Sinne von beherrscht. Psychologisch gesehen heimelt Angst etwas Dauerhaftes, Neurotisches oder Phobisches an. Und, so sieht es zumindest die Gelehrte und Publizistin Hannah Arendt, es ist die Angst, die in totalen Strukturen das System zusammen hält. Denn Angst lähmt und macht die Menschen gefügig. Angst hat viele Dimensionen, viele Facetten und Gesichter: Bamporiki heißt im Afrikanischen die Frau, die sich fragt: „Warum verraten sie mich?“ Die Herkunft des Namens aus Kinyarwanda, Ruanda, lässt Bamporikis Angst in einem totalen System in einem besonders verräterischen Kontext erscheinen. In dem „Land der tausend Hügel“, wie Ruanda genannt wird, wird die zu Verratende bedrängt durch ihren rachsüchtigen Vater, die Familie schürt die Furcht vor den Stammesfürsten, den Hass auf die Hutu, die Erinnerungen an die grausamen Morde und die immer währende Angst vor Hunger und die wachsende Sehnsucht nach Freiheit. Ruanda gehört seit dem Völkermord an den Tutsi zu den ärmsten Ländern Afrikas. Zynisch rauschet die Gesellschaft auch in anderen Ländern. „Hilflos fühle ich mich, ausgeliefert“, sagt die japanische Prinzessin Takamado Hisako angesichts der strengen Tristesse des höfischen Zeremoniells. Auch ihre Töchter wachsen in dem deprimierenden Gefüge aus Privilegierung und Unterdrückung auf, das alles Wünschen, Fühlen und Denken reglementiert. Während „MODEL X“ sich scheinbar wirklich frei fühlt, sublim verführt, auf dem Catwalk eitel, strahlend schön, manövriert lediglich durch PVC und Plastik. Es ist aber auch die Poesie der Amazonenkönigin Penthe Silea oder der schönen trojanischen Prinzessin Poly Xena, in die sich der Kriegsheld Achill verliebt. „Es geht die Lust, sie fliegt davon. Mit ihren Goldenen Schwingen“, muss er beim Anblick der griechischen Jungfrau und Priesterin der Athene gedacht haben. Zusammen mit Kassandra, der weiteren Tochter des trojanischen Königs Priamos, die vergeblich vor der drohenden Gefahr warnt, bilden sie Eleganz und Ebenmaß der griechischen Trilogie. Und über allen Frauenbildern steht ein Grundmotiv: die Globalisierung als ein Akt der totalen, unverhüllten Perversion (nude globalisation).


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