Issuu on Google+

)

a

nl i E -

g

n du

2 e2

it

(Se

1

1 0 2 .

02 RW

V

M L . l

ink

N d n

n

in

Ma

z ga

e n 端 r

G

r de

ge u J

g e i r

e d ie

K r

o h Sc

w n

:

nd

m ere

n e i yb r un L in mee g e tel d i r t K n Mi chla r! im uts meh e g De les n i l f vie t u h a c k nd 端 u l F Blic Ein a ter


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Inhaltsverzeichnis

Editorial

2

Inhaltsverzeichnis

12

Ökofaschismus oder konsequente Entscheidung?

3

Editorial

13

Polemik wider die „deutsche Leitkultur“

4

Grüße aus dem Lavo

14

Landtagswahlen in BaWü und Sachsen-Anhalt

6

Verloren im Mittelmeer

15

Politik und Lifestyle

8

Jugend und Revolution

16

Buch-/Filmkritik

9

Contra

17

Die Opfer des zu Guttenberg

9

Nato in Lybien

18

Freiwillig statt Zwang! Töten für Profit

10

Der deutsche Untertan

19

11

Vierundfünfzig Jahre das Beste

20 LMV-Einladung

11

frei adaptiert nach Bertholt Brecht

Liebe Mitglieder, liebe Interessierte, liebe Kinder des Luxus, falls diese erweiterte Anrede euren Lesefluss zum straucheln gebracht hat, hat sie ihren Zweck erfüllt. Denn wir sind an manche Dinge so sehr gewöhnt, dass wir sie für selbstverständlich erachten. Bestes Beispiel: Frieden. Während in Deutschland endlich die Wehrpflicht abgeschafft wird, kämpfen auf anderen Kontinenten verzweifelte Menschen gegen Unterdrückung, gegen ein unwürdiges Leben und für Selbstbestimmung. Als letzten Ausweg nehmen sie lebensgefährliche Reisen auf sich, um kurz vor ihrem Ziel, an unseren europäischen Grenzen, wieder Ablehnung und Gewalt zu erfahren. Andere erleben nach einem für uns unvorstellbar zerstörerischen Erdbeben zum 25-jährigen Tschernobyl-Jubiläum eine erneute nukleare Katastrophe.

Impressum

Die :>krass ist das offizielle Magazin der Grünen Jugend NRW und erscheint vier Mal im Jahr.

Anschrift Redaktion :>krass c/o Grüne Jugend NRW Jahnstraße 52, 40215 Düsseldorf Tel.: 02 11 - 99 44 611 WWW.GJ-NRW.DE/KRASS.HTML krass-redaktion@gruene-jugend-nrw.de V.i.S.d.P. Judit Baer, Lara Bardelle, Max Lägers, Anna Schulte, Simon Winter, Benjamin Zimmermann Redaktion Judit Baer, Lara Bardelle, Max Lägers, Anna Schulte, Simon Winter, Benjamin Zimmermann

2

Weitere Mitarbeit Alexander Ringbeck, Marie Dazert, Enno Wiesner, Kai Gehring, Tim Strupat, Isabel Jakob, Michael Dlugosch und Maxi Muster Druck & Auflage impress media GmbH, 2.500 Exemplare Bildquellen flickr.com Die Artikel spiegeln die Meinung der jeweiligen AutorInnen wider und nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Grünen Jugend NRW. Die :>krass steht unter einer CreativeCommons-Lizenz (BY-NC-SA-3.0-de), alle Tex-

Wir wollen in der aktuellen Ausgabe diese Menschen in unser Blickfeld rücken. Aber auch Prozesse in der deutschen Gesellschaft wie das Bröckeln des Idols Guttenberg oder die Wahlen in Baden-Württemberg und Sachsen Anhalt sollen nicht unbeachtet bleiben. Last but not least werfen wir einen Blick in unseren eigenen Verband, der seit dem letzten März-Wochenende mit der Entscheidung für vegane Ernährung ein weiteres Zeichen gegen Umweltzerstörung und Tierquälerei setzt. In der Hoffnung, dass unsere kanalisierte Gedankenbrühe euren Horizont erweitern möge Anna, Simon, Lara, Max, Benjamin und Judit

te und Bilder sind unter Nennung der Namen und in unkommerziellem Rahmen sowie unter Verwendung derselben Lizenz frei verwendbar. Für unaufgefordert eingesandte Beiträge sind wir dankbar, übernehmen aber keinerlei Verantwortung. Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Beiträge zu kürzen. Mit der Einsendung des Beitrags erklärt sich der/die AutorIn damit einverstanden, dass der Beitrag unter o.g. Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht wird. Titelbild flickr.com

3


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Grüße aus dem Lavo

Liebe Mitglieder, liebe LeserInnen, mit der Bitte „einige Worte zur Tagespolitik und ein bisschen aus dem Lavo-Nähkästchen“ zu formulieren, trat die Redaktion an uns heran – ein paar nette Worte also, für ein Grußwort in der :>krass. Dieses Angebot nehmen wir gerne an: Viel Spaß also mit unseren Ergüssen zu William und Kate, der deutschen Meisterschaft einer westfälischen Fußballmannschaft und dem GrandPrix-Auftritt von Lena Meyer-Landruth. Aber Moment, es ging ja um Tagespolitik:

I

n den letzten Wochen ist unglaublich viel passiert: In Baden-Württemberg wurde der erste grüne Ministerpräsident gewählt, in Rheinland-Pfalz gibt es eine rot-grüne Landesregierung und auch in Sachsen-Anhalt sind endlich wieder Grüne im Parlament. Und das sind nur wenige der vielen Anzeichen einer neuen gesellschaftlichen Bewegung: Unsere Generation für die Energiewende! Unsere Generation für einen demokratischeren Politikstil! Unsere Generation für gesellschaftliche Teilhabe! Ob in Stuttgart, Gorleben oder Berlin: Unsere Generation auf der Straße! Es sind nicht nur diejenigen, die schon vor- und nach der Katastrophe in Tschernobyl dafür kämpften, dass Atomkraftwerke der Geschichte angehören sollten. Nicht nur diejenigen, die sich bereits 1968 an gesellschaftlichen Missständen empörten. Nein, es sind tausende junge und ganz junge Menschen dabei, sich heute für ihre Zukunft einzusetzen. Doch auch, wenn die furchtbaren Ereignisse in Fukushima auch den letzten AtomkraftbefürworterInnen die Augen hätte öffnen müssen, ist der längst fällige Atomausstieg noch immer nicht in sichtbarer Nähe. Daher müssen wir jetzt erst Recht zeigen, was wir wollen, was die Bevölkerung will, wer hier die größere Lobby ist: Wir sind die, die mit dem Risiko leben müssen, die, deren Zukunft konkret betroffen ist. Deshalb ist es unser Recht und unsere Pflicht, jetzt unsere Meinung zu sagen und den Atomausstieg lautstark zu fordern. Sowohl auf der Straße, als auch in den Parlamenten! Die Bosse von ENBW, eon, RWE und Vat-

4

tenfall haben Geld, Macht und Strukturen. zu fassen und nicht nach dem AbschwelDoch wir haben die Argumente, wir haben len der Anti-AKW-Motivation wieder zu die Ausdauer und vor allem haben wir die verschwinden. Die wachsende Anzahl überwältigende Mehrheit der Menschen von Mitgliedern beschäftigt uns natürlich in diesem Land auf unserer Seite! Und wir auch strukturell. Auf breiter Basis wollen lassen nicht locker: Demos, Mahnwachen, wir uns deswegen schon bald Gedanken Petitionen, Flashmobs - die Anti-Atom- Be- machen über Gremien, Abläufe, Systeme, wegung ist so präsent und so stark wie nie. eben die Struktur unseres Verbandes. HierDiese Energie müssen wir als politischer zu wird es im Sommer ein erstes Treffen Jugendverband nutzen: Wir schwimmen geben. Doch auch die inhaltliche Arbeit nicht nur mit auf dieser Protestwelle, wir findet in den nächsten Wochen ihren Platz: wollen sie formen und vorantreiben. Und Für viele neue und interessierte Menschen auch unser Mitgliederzuwachs zeigt deut- ist es besonders wichtig, dass wir mit ihlich, das unsere Politik Antworten auf die nen weiterarbeiten, auch gerade außerFragen liefert, die jungen Menschen der- halb von Atomkraftthemen. Lasst uns die zeit am Herzen liegen. Wir freuen uns über neue Energie nutzen, unsere Standpunkte jedes neue Gesicht, über jede und jeden, zu vermitteln, weiterzuentwickeln oder die/der den Weg zu uns findet und sich auf auch grundsätzlich zu diskutieren. Mögunsere Veranstaltungen verirrt. Jetzt ist es lichkeiten gibt es dazu viele: In unseren Sejedoch wichtiger denn je, das unglaubliche minaren, Workshops, in den Arbeitskreisen Potential, das junggrüne Ideen derzeit ha- und vor Ort, aber natürlich auch auf unseben, nicht mit dem Laufe der Zeit verpuf- rer nächsten Landesmitgliederversammfen zu lassen. Oberstes Ziel für uns muss lung: Schnappt euch eure Neuzugänge sein, die vielen neuen engagierten Men- und kommt alle nach Oer-Erkenschwick! schen langfristig einzubinden und jedem Wir wollen mit euch unsere Vision von eieinen Platz in unseren Reihen zu geben. ner Gesellschaft aufbauen, in der die HerIhr vor Ort und wir auf Landesebene - wir kunft keine Rolle mehr spielt. Migration alle haben jetzt die große Aufgabe, all die- – so heißt das Thema unserer diesjährigen sen Menschen dabei zu helfen, bei uns Fuß Sommer-LMV. Wie immer stehen interes-

Unsere SprecherInnen: Alexander Ringbeck und Marie Dazert

sante Workshops zu den verschiedenen Themenfeldern auf dem Programm, und nach dem (hoffentlich) sonnigen Wochenende mit vielen tollen Menschen und Eindrücken soll unsere gemeinsame Position zum Thema stehen. Arbeitet mit an unserem Beschluss und bringt eure Ideen von einer multikulturellen Gesellschaft ein! In den nächsten Tagen werdet ihr den Leitantrag online auf unserer Homepage finden. Dann heißt es: Änderungen vorschlagen und in euren Basisgruppen und Arbeitskreisen diskutieren. Und um uns alle noch besser auf die inhaltlichen Diskussionen vorbereiten zu können, wollen wir euch zu dieser LMV ein zusätzliches AntragstellerInnentreffen eine Woche vor der LMV anbieten. Dort wollen wir euch die Möglichkeit geben, mit anderen AntragstellerInnen in Kontakt zu treten und intensiv zum Thema Migration zu arbeiten. Wir hoffen, dass sich so mehr Leute – und ganz besonders mehr Frauen – in unsere Meinungsfindung einbringen und wir so zu einem guten gemeinsamem Beschluss für alle kommen. Uns liegt viel daran, mit dem ganzen Landesverband im Kontakt zu bleiben, und auch zu wissen, was gerade bei euch vor Ort so läuft. Gerne kommen wir daher zu einem eurer Treffen oder Aktionen vorbei. Wenn ihr also Lust habt, mehr von unserer Arbeit als Landesverband zu

erfahren, schreibt uns doch einfach mal eine Email! Ein kleiner Einblick, was bei uns im Moment außerdem so ansteht und ein paar weitere Termine schon einmal vorab: Nach einem phänomenalen „Samesex-hand-holding“ und einem sehr vielseitigen Basisforum geht es jetzt langsam auf den Sommer zu. Wir werden stark auf der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen präsent sein und auch wieder den ein oder anderen eigenen Antrag einbringen. Im Juni folgt dann unser KriminalpräventionsSeminar, außerdem findet ein Seminar des Fachforums Demokratie und Antirassismus in NRW statt. Der Juli wird mit unserem antirassistischen Jugendplenum im Landtag am 1. Juli eingeleitet. Schwerpunktmäßig wird es dort um Alltagsrassismus und Strategien gegen Rechts gehen. Nach diesem Wochenende, an dem übrigens auch der CSD in Köln stattfindet, ist dann auch schon unsere LMV! Weiter geht es nach der Sommerpause mit dem ersten Treffen zur Diskussion der Struktur und Satzung unseres Landesverbandes bevor wir zum Ende der Sommerferien mit unserer kleinen Hochtour zur Mitgliederwerbung durch NRW starten. Wer Lust hat, mit uns am Ende der Sommerferien ein bisschen durch die Gegend zu fahren, kann uns hier gerne begleiten! Alle Termine findet ihr wie immer auf unserer Homepage unter:

www.gruene-jugend-nrw.de/termine Wir sind ein starker, großer, vielfältiger und stacheliger Jugendverband! Machen wir was draus! Wir freuen uns auf einen tollen Sommer mit euch - here we go! Viel Spaß beim Lesen der :>krass wünschen euch im Namen des Landesvorstandes eure SprecherInnen Marie und Alex

5


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Verloren im Mittelmeer

s nach nen von Tunesien und Marokko au rIn ne ika Afr de sen tau zen set h Alljährlic che herheit und Freiheit. Die Europäis Sic , eit Arb ch na e ch Su r de f au Europa über, sich in einem Dilemma. Union reagiert ratlos, sie befindet

Simon Winter

S

eit dem 17. Dezember befindet sich Tunesien in einer handfesten Revolution; gleichsam einem Domino-Effekt folgend wurden auch Algerien (5. Januar) und Ägypten (25. Januar) von den Unruhen erfasst, am 15. Februar wurde erstmalig auch in Libyen mit Waffengewalt gegen DemonstrantInnen vorgegangen; dort eskalierte die Situation und mündete in einen bis heute wütenden Bürgerkrieg. Die Flüchtlingssituation hat sich dadurch verschärft: Über 200.000 Menschen hatten Libyen Anfang März verlassen und wurden in 22 Durchgangslagern an den Grenzen versorgt. 60.000 Menschen wurden in ihre Heimat zurückgeführt. Humanitäre und finanzielle Hilfe kommt von vielen Seiten: der schweizerischen und türkischen Regierung, der UN und der EU, die insgesamt 50 Millionen Euro für die Flüchtlinge als humanitäre Soforthilfe bereitgestellt hat. Der Großteil der Flüchtlinge überschreitet die Grenzen zu Ägypten und Tunesien; dort endet aber für viele die Reise nicht: Von tunesischen Hafenstädten ausgehend setzen oft hemmungslos überfüllte Boote zu den Pelagischen Inseln über. Für die Europäische Union, insbesondere für Italien verstärkt die Entwicklung im Norden Afrikas eine schon länger bestehende Problematik. Die „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen“ (kurz: FRONTEX) ist eine 2004 gegründete, gemeinsame Grenzschutzagentur der EU mit Sitz in Warschau, deren Aufgabe es ist, Risiken und Gefahren an den Grenzen der EU zu analysieren, sie zu überwachen sowie Mitgliedstaaten bei der Organisation von Rückführungsaktionen zu unterstützen. Ihr Wirkungsbereich erstreckt sich im Wesentlichen über das Mittelmeer zwischen Gibraltar und Ägäis.

Operation Hera Die Operation Hera befasst sich im Wesentlichen mit den Kanarischen Inseln. 2008 kamen dort knapp 10.000 Flüchtlinge an;

6

tens, d.h. Afghanistan, Pakistan und Bangladesch. In einer Pressemitteilung von November 2010 beziffert FRONTEX den Anteil der in Griechenland illegal immigrierten Personen auf 90 Prozent aller illegalen MigrantInnen, die in die EU einwandern wollten. Bis dato waren es ca. 75.000 Flüchtlinge seit Beginn des Jahres 2010! Auch dieser Flüchtlingsstrom konnte im Rahmen der Operation langsam reduziert werden, wie die oben genannte Zahl für die Folgemonate verdeutlicht. Die Kontrolle der Grenze zwischen Türkei und Griechenland, die gerade in der Ägäis nicht endgültig festgelegt ist, und die Überwachung der Flüchtlingsströme stellen eine enorme Herausforderung dar: Immerhin können auf über 3.000 Inseln potentiell Boote anlegen. Unter anderem auf Drängen Griechenlands wurde das Budget von FRONTEX deshalb in den letzten Jahren massiv aufgestockt: Von 2005 auf 2006 verdreifachte sich das Budget auf 19,2 Millionen Euro, bis 2009 vervierfachte es sich nochmal auf etwa 88 Millionen Euro.

Nautilus und Hermes 2011 „We are all the victims of political games.“ – Nicht nur die MigrantInnen, auch die EinwohnerInnen von Lampedusa verzweifeln.

Ausgangspunkt ihrer Flucht ist im Wesentlichen Senegal. Über 60% von ihnen wurden in ihre Heimatländer (hauptsächlich Länder Westafrikas, d.h. Marokko, Senegal, Mali, etc.) zurückgeschickt. Die Überfahrt ist für die Flüchtlinge mit großen Gefahren verbunden: Für die Jahre 2006 und 2007 wird die Anzahl der Todesfälle von FRONTEX auf etwa 1.260 Menschen beziffert, die die Überfahrt nicht überlebten bzw. aufgrund von Schiffbruch gar nicht erst beenden konnten; ganz wenigen konnte ein Totenschein ausgestellt werden. Oft wird unterstellt, dass diese Zahlen untertrieben seien. Zudem ist die enorme Zahl der Boote, die gar nicht von den Statistiken erfasst werden und ungesehen in den Tiefen des Atlantiks versinken, nicht berücksichtigt worden. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass nur jedes dritte Boot sein Ziel erreicht, sie schätzen somit die Zahl der auf hoher See ertrunkenen und verdursteten Personen allein für 2006 auf etwa 6.000. Aus diesen Gründen hat FRONTEX es sich auch zur Aufgabe gemacht, in Zusammenarbeit mit der spanischen Guardia Civil die Boote bereits an der afrikanischen Küste abzufangen; die Erfolgsquote liegt bei etwa 30-40% der Boote, jedoch ist das Unterfangen, das sich auf einen tausende Kilometer langen Küstenstreifen erstreckt, nicht hinreichend umsetzbar, da

es schlicht unmöglich ist, die gesamte Küste zu überwachen. In Teneriffa werden die illegalen MigrantInnen nach maximal 72 Stunden auf der Polizeiwache in die zwei großen Aufnahmelager überführt. Nur wenige dürfen dieses Lager verlassen und bleiben, die allermeisten müssen sich wieder auf den Heimweg machen. Auch diejenigen, die bleiben, haben es nicht leicht: Ohne Aufenthaltsgenehmigung sind sie zwar geduldet, aber müssen von nun an selbst schauen, wie sie auf den Kanaren zurechtkommen. Die Anzahl der Fl��chtlinge konnte nach Rekordzahlen in den Jahren 2006 bis 2008 langsam reduziert werden, weshalb die Kanaren in Sachen Migration kaum mehr erwähnt werden.

Poseidon Auch Griechenland hat vermehrt die Ankunft von Flüchtlingen zu erwarten. Diese setzen vor allem von der Türkei über. Aus diesem Anlass hat FRONTEX seine Operation Poseidon ausgeweitet, deren Ziel die Überwachung der Ägäis und Kretas ist. Zwischen November 2010 und März 2011 wurden hier über 13.000 Flüchtlinge ausgemacht. Die wesentlichen Herkunftsländer sind vor allem Staaten des Mittleren Os-

Die wohl aktuell bekannteste Operation findet im Mittelmeer zwischen Sizilien bzw. den Pelagischen Inseln (v.a. Lampedusa) auf der einen und Tunesien auf der anderen Seite statt. Die Operation Nautilus startete im Jahr 2006 und bestand, ähnlich wie andere Operationen, aus zwei Hauptaufgaben: Zum einen wurde eine internationale Expertengruppe mit der Identifikation der MigrantInnen auf den entsprechenden Inseln betraut, zum anderen wurde eine gemeinsame See-Operation eingeleitet, die die Boote bereits auf ihrer Reise im Mittelmeer abfangen und in ihre Abfahrtshäfen überführen sollte. Die Operation wurde auch in den Folgejahren durchgeführt. Mitte Februar 2011 wandte sich das italienische Innenministerium, das sich aufgrund der nordafrikanischen Unruhen mit einer anwachsenden Menge an Flüchtlingen insbesondere auf Lampedusa konfrontiert sah, an Frontex mit der Bitte um Unterstützung im Umgang mit und bei der Rückführung der in Süditalien angekommenen Flüchtlinge. Insbesondere die Unruhen in Tunesien hatten innerhalb weniger Tage über 3.000 TunesierInnen nach Italien vertrieben. Seit Jahresbeginn hatten etwa doppelt so viele Personen in 116 Booten Lampedusa erreicht. Der Anteil der erwachsenen Männer lag bei 97%, was verdeutlicht, dass die wesentliche Motivation der MigrantInnen die Arbeitssuche ist: Die Männer suchen in Europa oft nach Arbeit, um ihren Familien im Heimatland das erworbene Geld zuzuschicken. Dass sie bei-

spielsweise dem deutschen Sozialsystem auf der Tasche liegen, ist nur sehr bedingt richtig: Wenn man einwandert und keine Arbeit findet, erhält man erst nach fünf Jahren Anspruch auf Sozialleistungen. Dem italienischen Ersuchen entsprechend lief am 20. Februar die gemeinsame Operation von FRONTEX und dem italienischen Grenzschutz unter dem Namen Hermes 2011 an. Hierbei geht es vor allem auch um eine Risikoanalyse, inwiefern von den angekommenen MigrantInnen eine kriminelle Gefahr ausgeht. Aber auch hier besteht der zweite Schritt in der Rückführung eines Großteils der Bootsflüchtlinge. Anfang April hingegen wurden über 20.000 Flüchtlingen in Italien auf sechs Monate befristete Visa ausgestellt; Anspruch auf eine Grundversorgung haben sie hingegen nicht. Anschließend könnte die Aufenthaltserlaubnis verlängert oder in eine Arbeitserlaubnis umgewandelt werden.

Wackelt Schengen? Dieser Beschluss der italienischen Regierung stieß nicht nur auf Kritik der einheimischen Bevölkerung auf den Pelagischen Inseln, die sich mittlerweile gegenüber den Flüchtlingen in der Unterzahl wähnt. Auch die französische Regierung, die einen Ansturm von tunesischen Flüchtlingen fürchtet, protestierte. Frankreich plane, in diesem Jahr 28.000 illegale Einwanderer auszuweisen, so der französische Innenminister Guéant. Am 26. April informierten der französische Staatspräsident Sarkozy und der italienische Ministerpräsident Berlusconi die europäische Öffentlichkeit über einen Brief an EU-Kommissionspräsident Barroso, in dem sie ihn dazu aufforderten, in Ausnahmefällen das Schengener Abkommen auszusetzen. Bereits einige Tage zuvor hatte Frankreich die Grenze zu Italien zeitweise geschlossen. Die EU-Kommission hatte die angestoßene Diskussion mit lobenden Worten wahrgenommen. Auch von Seiten des deutschen Innenministeriums wurde Zustimmung bekundet. Das Schengener Abkommen, das 1985 von den fünf EG-Mitgliedstaaten Deutschland, Frankreich und den Benelux-Ländern unterzeichnet wurde, war ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der europäischen Integration. Es bildet die formelle Absicherung der vier Grundfreiheiten innerhalb des europäischen Binnenmarktes: Freiheit des Warenverkehrs, Personenfreizügigkeit, Dienstleistungsfreiheit sowie Freiheit des Kapital- und Zahlungsverkehrs. Sollte das Schengener Abkommen tatsächlich modifiziert und die Ausnahmeregelungen gelockert werden, wäre das

ein Zurückfallen hinter schon längst für sicher gehaltene Errungenschaften. Auf der einen Seite zeigt die Forderung, Schengen dennoch zu reformieren, die Hilflosigkeit der europäischen Länder im Umgang mit MigrantInnen aus Afrika. Auf der anderen Seite zeigt ein Blick auf die tatsächlichen Zahlen aber auch, dass die Diskussion künstlich aufgebläht ist: Die EU mit einer Bevölkerung von über 500 Millionen Menschen diskutiert über 24.000 AfrikanerInnen und fühlt sich ohne Gesetzesänderungen mit ihrer Aufnahme überfordert. Zum Vergleich: In den 90er Jahren nahm allein Deutschland infolge des Bosnienkrieges 345.000 BosnierInnen auf. 2010 wurden knapp 50.000 AsylbewerberInnen aufgenommen. Diese Zahlen veranschaulichen nicht nur, dass es sich um eine Phantomdiskussion handelt, sondern dass die EU-Mitgliedstaaten lieber den Kelch an sich vorübergehen sehen als Menschen in Not zu helfen. Der Fairness halber muss jedoch hinzugefügt werden, dass die eigentliche Problematik nicht durch die bereits hier angekommenen Flüchtlinge entsteht, sondern dadurch, dass noch viel mehr folgen werden, sobald es die Runde macht, dass unsere Grenze für jedeN offen sind. Jedoch müssen wir uns auch bewusst werden, dass das nun mal der Preis unserer in der Europäischen Grundrechtecharta und der Europäischen Menschenrechtskonvention fundierten Werte, insbesondere der vier oben genannten Freiheiten, ist. Es kann jedenfalls keine Lösung sein, Europa sukzessive hermetisch mit Zäunen abzuriegeln, wie es bereits an der Straße von Gibraltar üblich und auch für die griechisch-türkische Grenze geplant ist, und die Flüchtlinge in überfüllten Auffanglagern zu sammeln, um sie dann in groß angelegten Massenabschiebungen in ihre Heimatländer zurückzubringen, aus denen sie nicht ohne Grund geflohen sind. Ein Dilemma: Entweder integrieren wir die afrikanischen Flüchtlinge unter Inkaufnahme momentan geringer, langfristig betrachtet allerdings größerer Kosten oder wir versündigen uns an den AfrikanerInnen. Jetzt kann Europa zeigen, was ihm die so oft beschworenen Grundrechte wert sind – und ob sie auch für Nicht-EuropäerInnen gelten.

7


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Jugend und Revolution

Ein i. Doch handelt sie immer recht? lize Po die ist lt wa ge ats Sta e ch uts Die de r deutschen Polizei. kleiner Ausflug in die Einsätze de

Benjamin Zimmermann

E

s war eine heitere Stimmung. Schönes Wetter und im Großen und Ganzen hatte man nicht vor, an diesem Tag großartige Verbrechen durchzuführen. Trotzdem sprach das Ende des Tages eine andere Sprache. Der Tag fing damit an, Mitschüler zu überreden für auch ihre Rechte zu demonstrieren. Die Bemerkung einiger, man müsste sich erst eine Erlaubnis holen um demonstrieren zu dürfen, ließ das heutige Verständnis von Demokratie durchsickern. Die Demonstration war nichts besonderes. Besonders wurde es erst bei einer Sitzblockade von 300 Schülern auf einer Hauptkreuzung. Man saß unterhielt sich, grölte Parolen die man nur halb zu verstehen vermochte und währenddessen mobilisierte die Polizei gegen 300 13 bis 18 Jährige Hundertschaften von Bereitschaftspolizisten. Die Blockade war schnell umstellt und während sich in den Gesichtern der Älteren noch Zuversicht spiegelte, stand den 13 Jährigen der blanke Horror ins Gesicht geschrieben. Es war der Tag an dem die Kinder des Vaterlandes die Staatsgewalt wortwörtlich kennen lernen sollten. Der Tag endete mit 300 Festnahmen und über 100 Anzeigen wegen Nötigung. Die Polizei fing gegen 18 Uhr an die Blockade „aufzulösen“ und die letzten Minderjährigen verließen das Polizeirevier gegen 1 Uhr Nachts.

Stimmen Preis Leistung bei Polizeigroßeinsätzen? Wie schnell der Freund und Helfer zu einem unangenehmen Freund werden kann, weiß jeder der schon mal auf einer Demonstration kostenlos weggetragen wurde. Und wer heute Demonstrieren geht, muss damit rechnen als „Wutbürger“ beschimpft zu werden. Mit dieser Einstufung kommt dann meist noch die Argumentation, ‚dadurch das der deutsche „Wutbürger“ immer demonstriere könne man keine Politik mehr in Deutschland machen.‘ Wo kämen wir auch hin wenn plötzlich alle Deutschen demonstrierten? Kommunismus? Oder gar noch schlimmer, Anarchie?

8

Na das will ja wirklich keiner, also bleibt man lieber zuhause. Im Falle der Sitzblockade hätte diese sich innerhalb der nächsten Stunde aufgelöst hätte die Polizei nicht immer weitere Bereitschaftspolizisten geordert und die Blockade immer mehr eingekreist. Mit der Polizei bestand ein Anlass sitzen zu bleiben. Sie bot Aufmerksamkeit und das war es, was die Schüler wollten. Ohne Polizei wäre die Lust vergangen und

die Kreuzung wäre nach spätestens 2 Stunden frei gewesen. So blieb sie mindestens 4 bis 5 Stunden gesperrt. Die Frage ist also, wie sinnvoll war dieser Einsatz gegen 300 Minderjährige mit massivem Polizeiaufgebot. Die zweite Frage ist, wie viel kostet so ein Polizeiaufgebot? Auf eine Nachfrage meinerseits bei der Düsseldorfer Polizei wurde bis heute nicht reagiert. Klar ist aber, dass die Eltern mitfinanzieren mussten, dass ihre Kinder gewaltsam festgenommen und festgehalten wurden.

„Die Eskalation mit Ansage“ Ein weiteres Beispiel für unverhältnismäßige Einsätze – aus der Sicht des Betrachters, die Polizei wird hier sicher eine andere Meinung haben – ist zum einen die Räumung eines besetzten Hauses in Berlin Friedrichshain im Februar 2011. Gegen 25 Hausbesetzer schickte die Polizei

250 Mannschaftswägen mit 2500 Bereitschaftspolizisten in den Einsatz, da man Ausschreitungen befürchtete. Fünf Stunden brauchten die Polizisten, bis auch der letzte linke „Krawallmacher“ aus dem Haus gezerrt wurde. Auch hier enorme Einsatzkosten für nur einen im Grunde lächerlichen Einsatz. Doch wofür solch großen Aufwand? Waren diese Massen an Polizisten wirklich notwendig, um bei beiden obrigen Beispielen die Situation zu klären? „Monitor“ hat da eine andere Antwort in Bezug auf die Stuttgart 21 Proteste am 30. September. 2010 im Stuttgarter Schloßgarten. Die Stuttgarter Polizei setzte sonst immer auf eine bundesweit anerkannte Strategie der Deeskalation. Ende September sollte sich dies ändern. „Es waren Wasserwerfer da […] und das hat überhaupt nicht zu dem Bild gepasst, das ich von vorhergehenden Einsätzen gewohnt war.“, so Thomas Moor der als Bereitschaftspolizist am 30.September dabei war. Ein Schreiben von polizeiinternen Kreisen vom 28. September, das schon vor den Demonstrationen bei den Fraktionen SPD und Grünen einging, bestärkt die Annahme, dass es in Stuttgart ein Einsatz war, um abschreckend zu wirken. Man hatte schon vor den Demonstrationen ein härteres Vorgehen geplant, um zu dokumentieren, dass die Demonstranten gewaltbereit seien und so zu verhindern, dass weiter große Menschenmengen an den Demos teilnehmen, so das Schreiben vom 28.September. Also ein Versuch freie Meinungsäußerung mit Gewalt zu unterdrücken. Nach den Demonstrationen kommen Falschmeldungen von der damaligen Mappus-Regierung. Man hätte Eingreifen müssen, da die Demonstranten mit Steinen geworfen haben. Diese Behauptung musste die Regierung noch am gleichen Tag zurücknehmen. Was Mappus im Endeffekt davon hatte, so brutal gegen seine teilweise eigenen Wähler vorzugehen, hat jeder mitbekommen. Stephan Hessels These aus seinem neusten Buch „Empört euch!“ trifft dann wohl zu, wenn er sagt: „Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“. Das haben die Baden-Württemberger eindrucksvoll bewiesen!

Contra Nato in Lybien

ch em Einsatz herauszuhalten, der no ein s au h sic , ran da t gu tat d lan Deutsch Punkte gegen die NATO in Libyen richtig dreckig werden kann – 10

Simon Winter 1. Das Vorgehen der NATO in Libyen ist völkerrechtswidrig und politisch ziellos. Die Ausweitung des Einsatzes in Libyen über die Mitte März beschlossene UN-Resolution 1973 hinaus war abzusehen. Bereits am 16. März mahnte unser Bundesaußenminister, sich nicht „der Illusion hinzugeben, es gehe lediglich um das Aufstellen eines Verkehrsschildes“. 2. Der recht defensive Beschluss des Sicherheitsrats forderte einen Waffenstillstand und das Eingehen der libyschen Regierung auf die „legitimen Forderungen des libyschen Volkes“. Des Weiteren sollte unter Beibehaltung des Waffenembargos eine Flugverbotszone zum Schutz der Zivilbevölkerung errichtet werden. Abgesehen davon, dass bereits eine solche Maßnahme einen schweren Eingriff in die Souveränität eines Staates darstellt, ist sie auch nicht effektiv: So konnte beispielsweise das Massaker von Srebrenica Mitte der 90er Jahre trotz einer Flugverbotszone über Bosnien nicht verhindert werden. 3. Die Glaubwürdigkeit des Westens in Sachen Waffenembargo dürfte nun endgültig dahin sein, nachdem Agenten der CIA mit den Rebellen über mögliche Waffenlieferungen verhandelt haben. Wem dadurch in die Hände gespielt wird, kann in der aktuell so chaotischen Lage überhaupt nicht durchschaut werden. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der westlichen Welt, dass sie radikale IslamistInnen bewaffnen würde. 4. Es handelt sich in Libyen nicht um eine lediglich humanitäre Intervention. Eine solche läge vor, wenn durch den Einsatz ein Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhindert würden. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es handelt sich bei Gaddafi zweifelsohne um einen verbrecherischen Diktator, der autoritär über sein Land herrscht, aber bislang hat er keine solchen Verbrechen

begangen und hätte sie auch nicht in absehbarer Zeit begangen. Insofern stünde eine humanitäre Intervention ungerechtfertigt da. 5. Es steht mittlerweile aber auch außer Frage, dass die Flugverbotszone zum Zweck der Parteinahme im libyschen Bürgerkrieg missbraucht wird. Zeitungen titelten beispielsweise mit „NATO bombt Rebellen den Weg frei“. Ein solches Vorgehen ist völkerrechtlich illegitim. 6. Es wird argumentiert, Gaddafi habe Demonstrationen gewaltsam niedergeschlagen. Das möchte ich nicht bestreiten; aber auch in Ägypten, Tunesien und Syrien starben hunderte Menschen bei Demonstrationen und dort wurde nicht eingeschritten. In Tunesien und Ägypten konnte sich die Lage einigermaßen beruhigen, in Syrien bleibt sie weiter angespannt. Das Problem in Libyen war, dass die DemonstrantInnen sich bewaffneten. Die Eskalation des Konflikts wurde von Gaddafi provoziert, ging aber auch von den Rebellen aus und wurde durch den Eingriff von außen verschärft. So steht die NATO an der Spitze einer Spirale der Gewalt und führt sie fort. 7. Die Zielsetzung des Einsatzes ist fragwürdig: Die Rebellen an die Regierung zu bomben, wie es aktuell geschieht, fußt auf der naiven Annahme, dass es sich um eine demokratische Bewegung handelt, die sich dort durchzusetzen versucht. In Wirklichkeit haben wir es mit einer wirren Vielzahl aller möglichen politischen und religiösen Überzeugungen zu tun und wir können absolut nicht abschätzen, welche davon sich nach einem möglichen Sturz Gaddafis durchsetzen würde. Insofern wissen wir nicht, wofür wir uns einsetzen – eine instabile Basis für einen Militäreinsatz.

Gaddafi ist zweifellos ein übler Diktator. Aber Waffengewalt ist solange unangemessen, wie nicht alle friedlichen Mittel ausgeschöpft worden sind.

9. In ähnlichen Fällen wurde und wird eine Intervention nicht einmal erwägt, geschweige denn durchgeführt. Beispiele sind Nordkorea oder Mitte der 90er Jahre Ruanda, wo es zu einem handfesten Völkermord kam. Auch in zahlreichen Staaten des heutigen Afrikas werden Leute in wesentlich größerem Maße massakriert als in Libyen und die Welt schaut tatenlos zu. 10. Um es abschließend mit den klaren Worten des Hamburger Strafrechtlers und Rechtsphilosophen Reinhard Merkel zu sagen: Der „demokratische Interventionismus“ ist „politisch, ethisch und völkerrechtlich eine Missgeburt“, der Einsatz in Libyen ist rechtswidrig und ziellos. Er wird deshalb auch nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen.

8. Die Einsatzleitung der NATO ist schlicht der Gipfel der Unzulässigkeit: Als Verteidigungsbündnis konzipiert hat sie sich im Fall Libyen, von dem keine Bedrohung für das Bündnisgebiet ausgeht, herauszuhalten.

9


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Der deutsche Untertan

Selbstbewusstsein gründet sind die Arbeiter, die Juden und die Sozialdemokratie.

im lten die Deutschen eher als faul ge ht, ge n ne tio tra ns mo De um Wenn es r Wutbürger könnte das ändern. Gegensatz zu ihren Nachbarn. De

Benjamin Zimmermann

S

chon Heinrich Manns ‚Untertan‘ Diederich stellte klar: „Die Sozialdemokratie ist mein Feind, denn sie ist ein Feind des Kaisers.“ Nun gut, den Kaiser gibt es in Deutschland nicht mehr, die Sozialdemokratie sollte es dafür umso mehr geben. Heinrich Mann beschreibt mit seinem Roman „Der Untertan“ sehr gut das untertänige Wesen der Deutschen. Jedenfalls Ende des 19. Jahrhunderts. Ob das heute noch so ist? Während die Franzosen sich als eine Nation schon 1789 gegen ihre Monarchie auflehnen, verschlafen die Deutschen mit treu deutscher Untertanenmentalität die Revolution. Doch wie sieht es heute aus?

Der gebückte Aufklärer Generalstreiks in Frankreich werden noch beim Wort genommen. In Deutschland warnen Finanzexperten die Streikenden, zum Beispiel die Lokführer, davor, dass sie mit ihrem Streik der deutschen Wirtschaft schaden könnten. Ein sehr skurriles Demonstrationsvideo aus Frankreich ist das einer Demonstration von Feuerwehrmännern. Man meint hier auf ein Video von linken Autonomen gestoßen zu sein. Es fliegen Steine und brennende Molotowcocktails aber auf die ‚Kollegen‘ der Polizei. Mülltonnen werden angezündet und als Straßensperre benutzt. Doch das alles von Feuerwehrmännern, die in ihrer Uniform streiken, was schon sehr grotesk aussieht. In Deutschland hieße dass Ausnahmezustand und solch ein Verhalten würde sofort auf den sogenannten „schwarzen Block“ abgeschoben werden. Doch dass die deutsche Feuerwehr Steine und Molotowcocktails wirft, geschweige denn überhaupt großartig demonstriert, wäre undenkbar. Klar ist, diese Streikkultur kommt aus der Französischen Revolution. Während die Franzosen ihren Adel einen Kopf kürzer machten, fand die deutschen Revolution lediglich im Geiste statt. Heine brachte das schön auf den Punkt: „Franzosen und Russen gehört das Land/ Das Meer gehört den Briten/ Wir aber besitzen im Luftreich des Traums/ Die Herrschaft un-

10

bestritten.“ Selbst große deutsche Philosophen, die heute in jedem Lehrplan stehen, duckten sich unter der Majestät. „Sapere au de! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ so der preußische Philosoph Immanuel Kant. Er propagierte in seiner Schrift „Was ist Aufklärung?“ (1783) sich aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu befreien. Doch warum ging Kant nicht weiter? Anstatt zu einem Umsturz der Monarchie aufzurufen, sagte er: „[...] durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotismus und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zustande kommen [...]“. Kant fügt sich also auch den preußischen Tugenden und rettet sich in das ‚Untertanentum‘, um nicht allzu revolutionär zu gelten. Also hatte Heine Recht, als er über die Preußen sagte: „Sie stelzen noch immer so steif herum,/ So kerzengerade geschniegelt,/ Als hätten sie verschluckt den Stock,/ Womit man sie einst geprügelt./ Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,/ Sie tragen sie jetzt im Innern;“?

Kaiserreich und Vaterland Hoffen kann man darauf nicht, doch die Geschichte zeigt, dass Heine Recht behalten sollte. 1848 war der Versuch der Revolution. Nach den Franzosen und Amerikanern kamen verspätet auch die Deutschen zu ihrer Revolution. Doch sie sollte scheitern. Man schoss die Revolutionären zusammen und seit dem fügten sich diese der neuen Ordnung. Nach diesem Versuch arrangierten sich die Deutschen lieber mit ihrer ‚gottgewollten Obrigkeit‘. Mit der Gründung des Deutschen Reiches von oben, durch Bismarck und die Hohenzollern und dem darauf folgenden industriellen Aufschwung der Gründerzeit entstand eine neue reiche und kaisertreue Bourgeoisie, die die Sozialdemokratie geradezu verabscheute. Heinrich Mann macht sich über diesen Untertanengeist mit seinem oben genannten Buch „Der Untertan“ lustig. So zog der Deutsche dann 1914 „für Kaiser, Gott und Vaterland“ in einen Krieg

Schafft Deutschland sich ab? Da das hier kein Geschichtsessay werden soll, will ich den Sprung in die Gegenwart wagen. Ein gutes Beispiel für die schwachen aber deutlichen Nachwirkungen dieses deutschen Untertanengeistes fand sich 2010 in der Veröffentlichung des Buches „Deutschland schafft sich ab“. Thilo Sarrazin habe den Nerv der Deutschen getroffen, hieß es aus Befürworterkreisen. Es war ein Bestseller, das meist verkaufte Sachbuch in Deutschland im Jahre 2010 und erreicht

heute eine Auflage von knapp 1,3 Millio- lichkeit und Versöhnung der Kulturen. nen. Auch Sarrazin lehnt das Fremde ab. „Empört euch!“ hat mittlerweile eine AufMit seinen rassistischen Äußerungen, die lage von über einer Millionen. Herrscht in an Faschismus erinnern, soll also Sarrazin Frankreich immer noch der Geist der Franden ‚Nerv‘ der Deutschen getroffen ha- zösischen Revolution und in Deutschland ben? Beunruhigend wäre es schon, wenn immer noch der alte Untertanengeist der es wahr ist. Ganz anders als in Deutsch- im Faschismus gemündet ist? Setzen wir land sieht die Bestsellerliste in Frankreich unser Land auf ganz andere Weise aufs aus. Hier steht der 93 jährige ehemalige Spiel, als Sarrazin im Untertitel seines BuWiderstandskämpfer der Resistance Ste- ches unterstellt? Glücklicherweise empöphane Hessel mit seiner Streitschrift „Em- ren sich auch in Deutschland immer mehr pört euch!“ auf dem ersten Platz. Darin jüngere Menschen über soziale und ökoloruft er nicht nur zum Widerstand gegen gische Missstände. Das zeigt nicht zuletzt politische Korruption und die Herrschaft der frische Südwind aus Baden-Württemdes Finanzkapitals auf, sondern plädiert berg. auch für Überwindung der Fremdenfeind-

e st e B s a d re h Ja ig fz n fü d n Vieru t ch re B lt o h rt e B ch a n rt e ti frei adap der fast 10 Millionen Tote fordern sollte. Was war es, was die Deutschen mit solch einer Begeisterung in den Krieg trieb, das so stark war, dass man sogar ein Notabitur einführte, sodass Oberprimaner auch noch in den Krieg ziehen durften? Machtgierig, Dumm oder einfach nur Verrückt? Vor Adorno noch und damit noch vor dem Dritten Reich beschäftigte sich Erich Fromm mit der Gehorsam als sozialpsychologischen Aspekt. Er sagt, dass das Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit ein fundamentaler Wesenszug aller Menschen ist. Jedoch könne dies durch Erziehung beeinflusst werden, sodass der Mensch an Macht und Gehorsam orientiert ist. Zu dieser Orientierung gehört eine gewisse Denkweise, so Fromm, die alles Fremde, fremde Menschen und Sitten, ablehnt. Der Mensch mit der Erziehung nach Macht und Gehorsam bewundert die Autorität und strebt danach, sich ihr zu unterwerfen; gleichzeitig will er selbst Autorität sein und andere sich gefügig machen. Wobei wir wieder in der Gründerzeit bei Manns ‚Untertan‘ wären. Der Protagonist Diederich ein Fabrikbesitzer hat als Autorität den Kaiser. Selbst Autorität ist er einmal in seiner Firma und einmal nach dem Tod seines Vater in der Familie. Der Sündenbock auf dem sich das

Anna Schulte Spätestens nach Japan, nach Fukushima da können es nicht nur mehr die Intellektuellen wissen. Niemand kann es mehr für sich behalten. Tausende pilgern herbei, viele sind schon da, viele noch unterwegs. Sie kommen vom Land aus der Stadt Groß, klein, dünn, dick Akademiker, Arbeiter, Selbstständige Reiche und Arme. Sie haben dich gesehen, aus der Schwärze der Nacht. Atomkraftwerk. Gestern warst du noch nicht da heute bildest du den Mittelpunkt unseres Wachstums also unserer gesamten Existenz. Kommt alle herbei! Diejenigen, die ihr den Ast, auf dem ihr sitzt, absägt. Auch ihr, RWE, E-on, EnBw, Vattenfall! Die schwarzgelbe Koalition! Euer Leben hat wieder einen Sinn, er ist wiedergekehrt In Gestalt des Atomkraftwerks. Du Strahlendes! Ab jetzt bist du das Schönste, was wir je kannten. Mache unsere Umgebung unbewohnbar! Du Strahlendes!

Lösche aus unser Ich mache uns kollektiv! Denn wir wollen wie du willst. Nicht wie wir. Du bist nicht gemacht aus Gold und Edelsteinen, nein, aus Beton und Stahl. Du bist nicht unscheinbar du bist nicht unendlich, dein Kühlturm ragt nur mehrere Meter in den Himmel. In dir ist kein Geheimnis sondern Energie. Du machst uns den Lebenstandard für den Preis unserer Zukunft. Was ist für dich Umwelt? Du bist darin erbaut. Wo vorher Natur war da ist jetzt Krebs und Verseuchung. Darum erhöre uns! Und befreie uns von allem Pessismus! Atomkraftwerk! Denn ohne dich müssten wir anfangen umzudenken.

11


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Ökofaschismus ? g n u id e ch ts n E te n e u q se n o k r ode

Polemik wider die „deutsche Leitkultuocr“h die Aufnahme des

rgt

zt vegan verso Die Grüne Jugend NRW wird ab jet

Judit Baer „Und esst den VeganerInnen bitte nicht ihre Brötchen weg!“ Es ist im Sommer vor zwei Jahren und das Mittagessen auf meiner ersten Landesmitgliederversammlung (LMV) hat gerade begonnen. Komische Welt, muss ich doch vielen MitschülerInnen erklären, was vegan überhaupt bedeutet.

Z

eitsprung: eine Bundestagswahl, drei große Tsunamis, ein Chaosbahnhofsprojekt, eine Lena-Ikone und sechs LMVen später haben sich im Nettersheimer Dorfsaal über 100 Mitglieder der GJ NRW versammelt. Nach Leit- und Anti-Atom-Antrag trägt der nächste zu diskutierende Antrag den Titel „Grüne Jugend NRW vegan versorgen“. Seine Globalalternative lautet „Für einen maßvollen Umgang mit tierischen Produkten“. Doch die Zeit drängt. Nettersheim liegt mitten in der Eifel, manche böse Zunge spräche wohl vom „Arsch der Welt“, und viele LMV-TeilnehmerInnen wollen mit dem nächsten Zug abreisen. Der Geschäftsordnungsantrag, der den tagespolitischen Libyen-Antrag vorziehen möchte, wird knapp abgelehnt. Das Prozedere beginnt: Gustav stellt den Antrag vor. Die GJ NRW soll nur noch Geld für vegane Lebensmittel ausgeben, da so Umweltzerstörung und Tierleid vermieden werden kann. Die Globalalternative, eingebracht durch Dennis, sieht die Selbstbestimmung der Mitglieder durch den Antrag eingeschränkt und plädiert für die Erhaltung des Status quo plus Aufklärung über vegetarische und vegane Ernährung. Mit stark minimierter TeilnehmerInnenzahl beginnt eine Debatte, die „selten so lebendig“ war. Die Argumentpalette reicht von organisatorischen Bedenken über die Kraft als Verband, der mehr erreichen könne als Einzelpersonen, und den Hinweis auf die funktionierende Umsetzung auf den BuKos bis hin zum Missionierungsvorwurf und der Frage, ob ein eingesperrtes Huhn glücklich werden kann. Schließlich erhält der Antrag 37 und die Globalalternative 17 Stimmen.

12

Von oben aufgedrückt ist er also defi- das Alleinstellungsmerkmal, das uns zur nitiv nicht. Die AntragstellerInnen gehören „Krone der Schöpfung“ macht. Tatsächlich wie die VertreterInnen der Globalalterna- sind wir in der Lage, über unser Verhalten tive zur Basis. Ein passenderer Ausdruck nachzudenken und Konsequenzen abzuwäre deshalb wohl „von unten aufge- schätzen. Aus diesem Grund ist es unsere zwungen“. Für einen knapp 3.000 frau- und Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. mannstarken Verband sind 56 Mitglieder, Verantwortung gegenüber Mitlebewesen, von ihnen 37 hartnäckige BefürworterIn- in welche Schublade wir sie auch einordnen der veganen Versorgung der GJ NRW, nen mögen, und Verantwortung gegenwenig repräsentativ. Trotzdem handelt es über zukünftigen BewohnerInnen unseres sich um einen demokratischen Mehrheits- Planeten. Genau das werden wir auch zubeschluss. Fest steht, dass Diskussionen künftig als Verband tun. In manchen Aufolgen werden. Es ist unklar, wie groß die gen ergänzt durch eine radikale, auf jeden Akzeptanz für die Neuerung ist. Vielleicht Fall aber konsequente Entscheidung. wird hin und wieder das Schlagwort „ÖkoDie Grüne Jugend bzw. die Menschen faschismus“ fallen. Berechtigterweise? und Ansichten, die ich über sie kennenWer behauptet, dass unser Verband mit gelernt habe, gaben mir den Anstoß zur dem Beschluss, Geld nur noch in nicht-tie- ausführlichen Beschäftigung mit meinem rische Produkte zu investieren, faschisti- Konsumverhalten. Ob Genuss auf meiner sche Züge annimmt, der/die irrt. Entweder Prioritätenliste über oder unter Leidversind diese bereits strukturell vorhanden meidung steht, ist mir selbst überlassen. oder existieren auch nach dem neuen Be- Doch auch eine Organisation braucht eine schluss nicht. Ein Blick auf die praktische solche Liste. Die Mitglieder legen in einem Umsetzung ökologisch-ethischer Grund- permanenten Prozess von Diskussionen sätze zeigt: Die Freiheit, Fleisch zu kon- und Beschlüssen die Gewichtung der Insumieren, wird von der GJ NRW finanziell halte fest. Doch nichts davon ist endgültig, nicht unterstützt. Die Freiheit, mit dem alte Entscheidungen können überdacht Auto zu Veranstaltungen der GJ NRW an- und reformiert werden. Der Vegan-Antrag zureisen, wird mit 10 Cent pro Kilometer fügt sich ins Wertemosaik eines sowohl unterstützt, wenn der Landesvorstand gesellschafts- als auch selbstkritischen die Begründung, warum Auto statt Bahn Verbandes. Es bleibt abzuwarten, welche genutzt wurde, akzeptiert. BahnfahrerIn- Auswirkungen der Beschluss auf die GJ nen hingegen können ihre Reisekosten im NRW haben wird. Er besitzt polarisierende Regionalverkehr auf Basis des BahnCard Sprengkraft, soviel steht fest. Den ihr in50-Preises oder mit Gruppentickets voll- newohnenden Impuls sollten wir nutzen. ständig erstatten lassen. Fazit: Die Selbst- Ich bin gespannt, zu verfolgen, was die 37 bestimmung wird nicht beschnitten, aber Ja-Stimmen vom 27. März verändern weres werden Anreize für umweltschonendes den. Verhalten geschaffen, indem es prämiert wird. Doch Selbstbestimmung heißt in diesem Kontext auch Fremdbestimmung, denn wir befinden uns nicht in einem Privatkosmos. Durch Autofahren beschleunige ich den Klimawandel und treibe andere Menschen, hauptsächlich die, die sowieso schon in großer Armut leben, in den Tod. Wenn ich Steak oder Rührei esse, unterstütze ich das Erschießen oder Zerschreddern von Tieren. Die Selbstreflexion gilt als

en Aschermittw Horst Seehofer fordert am Politisch bayrische Landesverfassung. die in he rac Sp en ch uts de r zu s Bekenntnisse k. sdruck überholter Nationalromanti Zynismus? Nein, jämmerlicher Au Simon Winter Der CSU-Chef posaunt seine platten Parolen in die Welt hinaus: Wer hier leben wolle, müsse als erstes die deutsche Sprache erlernen. Das Bekenntnis zur deutschen Sprache gehöre in die bayrische Landesverfassung. Unsere hiesigen Werte müssten anerkannt werden. Diese Forderungen kommen vom CSUChef aus dem Land, dessen Landtag als einziges Länderparlament seinerzeit das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit deutlicher Mehrheit ablehnte, d.h. den dort fundierten Wertekanon nicht mittrug. Aus dem Land, in dem man sich auf dem Oktoberfest unter dem Vorwand der Brauchtumspflege volllaufen lässt. Die Forderungen formuliert er am Politischen Aschermittwoch. An dem Tag, wo sich die PolitikerInnen dieses Landes literweise Bier in den Rachen kippen und sich gegenseitig auf niedrigstem Niveau nach feinster Kindergartenmanier Beleidigungen und Verleumdungen übelster Art an den Kopf werfen, während der Rest der Bevölkerung nach einem durchzechten Karnevalswochenende eifrig in die Fastenzeit startet und sich von nun an in heuchlerischer Enthaltsamkeit übt, nur um danach wieder umso mehr schlemmen, saufen und prassen zu können. An dem Tag also, wo die „deutsche Leitkultur“ am überzeugendsten vorgelebt wird. Das Verhalten dieser degenerierten Gesellschaft bezeichnen die Konservativen dieses schönen Landes seit einer Rede von Friedrich Merz im Jahr 2000 als „deutsche Leitkultur“. Das Bekenntnis zu ihr bedeutet die bewusste Abkehr vom Multikulturalismus und damit von der Überzeugung, dass Vielfalt eine Chance sein kann. Es ist die aktive Negation der Möglichkeit, dass verschiedene Menschen und Kulturen in einem konstruktiven Dialog eine ganz eigene, zeitgemäße und allen gerecht werdende Identität und Kultur zu schaffen vermögen. Insofern verbannt das Konzept der „Leitkultur“ all jene an den Rand der Gesellschaft, die sich nicht damit identifizieren

können oder wollen. Es provoziert damit die Bildung und Verfestigung von Parallelgesellschaften, anstatt in einen Dialog mit ihnen zu treten. Doch was bedeutet die „deutsche Leitkultur“ überhaupt? Laut CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt ist sie „das Christentum mit seinen jüdischen Wurzeln, geprägt von Antike, Humanismus und Aufklärung“. In einem Land, in dem JüdInnen seit jeher verfolgt und diskriminiert wurden, sei es als Brunnenvergifte-

hierzulande recht beliebten Lesart der Bibel herausgefiltert zu haben glaubt. Diese Geschichtsklitterung und recht beliebige Exegese ist aber nicht nur blauäugig, sondern auch ignorant, denn sie pickt sich für unsere Identität nur das Positive aus unserer Geschichte heraus; zu unserer Vergangenheit und damit zu unserer Identität gehören aber gleichermaßen die Schattenseiten – und dann ist die „deutsche Leitkultur“ ganz plötzlich nichts sonderlich Tolles mehr, das von anderen übernommen werden müsste. Und wer sagt uns denn, dass nicht die antidemokratisch-autoritäre Tradition, die die Zeit vom wilhelminischen Kaiserreich bis zur NS-Zeit wie ein roter Faden durchzog, unsere „Leitkultur“ ist? Wer sagt uns denn, dass nicht der Flickenteppich des Mittelalters und der damit verbundene Lokalpatriotismus anstatt der bundesdeutschen Nation unsere kulturelle Identität prägen sollten?

„Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ – Bundespräsident Christian Wulff

rInnen, ChristusmörderInnen oder unter Adolf Hitler als Parasiten, sollen sie also nun Wurzel unserer „Leitkultur“ sein? Das Christentum, das im Verlauf seiner Geschichte gebrandschatzt und geplündert, gutgläubige Menschen mit Ablass betrogen und Hexen verbrannt hat, das zumindest teilweise bis heute bei der Vergabe von Weiheämtern systematisch Frauen diskriminiert und Homosexuelle an den Rand der Gesellschaft verbannt, soll kulturbildend sein?

Aus der Geschichte können wir keine erstrebenswerte „deutsche Leitkultur“ herausfiltern. Vielmehr gilt es, in einem breiten gesellschaftlichen Dialog einen Wertekonsens zu schaffen, der nicht auf religiöser Überzeugung oder Geschehen von Gestern beruht. Eine geeignete Basis dafür könnte das Grundgesetz bieten, das aber stets weitergedacht und aktualisiert werden muss. Erst wenn wir uns nicht mehr über unsere Wurzeln, sondern in Anerkennung des Status Quo über rational erörterte Werte, Vielfalt und gegenseitige Toleranz definieren, fühlt sich niemand mehr aufgrund seiner Kultur ausgeschlossen.

Natürlich kommt es den Anhängern dieser gewagten These nicht auf die Verbrechen an, sondern auf die Werte, die man in der momentan angesagten und

13


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Landtagswahlen in BaWü und Sachsen-An–hLanadtaltgswahlen 2011

le Politik und Lifestywo rden? Eine Analyse.

mangelnde Der Wahlzettel als Revanche für

pie ge

oder: Was ist aus dem Vollbluthip

Teilhabe

Judit Baer

Anna Schulte

D

eutschland ist grün - begrünt, um es treffender zu formulieren. Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt ist klargeworden, dass man Grün auch die Regierungs(mit) verantwortung zutraut. Sogar ein durchweg historisches Ereignis kann sich sehen lassen: Mit Winfried Kretschmann zieht in Stuttgart der erste grüne Ministerpräsident ins Landesparlament. WelcheR Grüne hätte das in den Gründungstagen der 80er Jahre für möglich gehalten? Bezeichnungen wie ‚Volkspartei‘ überfluteten im letzten Herbst die Zeitungen; Grün als Massenphänomen, Menschen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten wählten Grün. Claudia Roth beschwor vorm Reichstag einen ‚heißen Herbst‘, in dem sich die Bundesregierung ‚warm anziehen‘ müsse - Grün auf dem Vormarsch. Gestern als Öko- und Friedenspartei belächelt, heute als ebenbürtige Kraft neben SPD und CDU gern in den Landtagen als Regierung gesehen. Wie kommt‘s? Drei große Landtagswahlen bestimmten im ersten Quartal des Jahres 2011 das politische Geschehen. Baden-Württemberg (BaWü) als Deutschlands wirtschaftsstärkstes Bundesland mit CDU-Monopol unter Katastrophenministerpräsident Stefan Mappus, der zur Hassfigur bei den Stuttgart 21-Demonstrationen wurde; Sachsen-Anhalt, dem ‚neuen Bundesland‘ mit der schwarz-roten Koalition und dem hohen Stimmenanteil für die Linkspartei und Rheinland-Pfalz mit der absolu-

14

ten SPD-Mehrheit unter der Führung Kurt re Ironie – Atomkraft als BrückentechnoBecks. Alle drei Länder verfügen über ei- logie; welche schrecklichen Konsequennen völlig unterschiedlichen geschichtli- zen diese Übergangslösung nach sich zog, chen Hintergrund, der das Wahlverhalten wurde in Sellafield, Harrisburg, Tschernoprägt; in allen drei Ländern schafften die byl und letztlich Fukushima deutlich. Die Grünen einen sensationellen Anstieg der Grünen als ‚Anti-Atom-Partei‘ haben die Wählerstimmen und zogen ins Parlament Notwendigkeit des Atomausstiegs in ihren ein; sogar in Sachsen-Anhalt, in dem seit Anfangstagen mitgestaltet; als ‚Ökopar1998 keinE grünE AbgeordneteR mehr Platz tei‘ sind sie schon immer gegen nukleare hatte. In Baden-Württemberg sowie in Energiegewinnung gewesen. Ein weiteres Rheinland-Pfalz sind die Grünen sogar an Argument für viele Baden-WürttembergerInnen, Sachsen-AnhalterInnen und Rheinder Regierung beteiligt. Ausschlaggebend dafür sind in vieler land-PfälzerInnen, auf dem Wahlzettel Augen zunächst die Stuttgart 21-Proteste, Grün anzukreuzen. In Baden-Württemberg stellte die ungedie nicht nur das baden-württembergische Politikgeschehen prägten, sondern auch wöhnlich hohe Wahlbeteiligung von 61% bundesweit für Aufruhr sorgten. Die man- die allgemein angenommene Politikvergelnde Transparenz der CDU-Regierung drossenheit in Frage; auch in Sachsen-Anund die blinde Zusammenarbeit mit der halt und Rheinland-Pfalz stieg sie nach eiDeutschen Bahn ließen die Menschen für nem Rekordtief von 2006 auf über 50% an. mehr direktdemokratische Beteiligung auf Viele BürgerInnen nutzen die Chance der Landtagswahl, der Bundesregierung ihren die Straße gehen. Aus einem Protest gegen einen Bahnhof Unmut zu zeigen. Besonders freuen konnten sich die Bawurde ein Symbol für viele deutsche BürgerInnen im gesamten Land. ‚Deutschland den-Württemberger Grünen. Ihr Ergebnis 21‘ wurde zur Philosophie des Protests. Die setzte der ‚eisernen schwarzen Hand‘ im Grünen, die schon immer auf Demonstrati- Lande ein Ende, die absolute Mehrheit der onen präsent gewesen waren, besonders in CDU wurde durchbrochen. Stattdessen der Atomfrage, bekamen Aufwind, obwohl wird in den nächsten fünf Jahren Grün-rot böse Zungen der CDU sie als ‚Dagegen-‘ die Regierungsgeschäfte führen – mit dem und ‚Protestpartei‘ abstempelten. Die CDU ersten grünen Ministerpräsidenten in der unter Stefan Mappus bekam einen Schlag deutschen Geschichte. Die grüne alternains Gesicht sowie auch Kanzlerin Merkel in tive Politik überzeugte mit Konzepten zur Berlin – ein weiteres konkretes Zeichen der Verwirklichung von mehr direktdemokraBevölkerung zur Kritik am schwarz-gelben tischer Beteiligung wie das Referendum Kurs in der Hauptstadt. Den Grünen ver- über den weiteren Verlauf von Stuttgart 21 half dies zu einem schwindelerregenden und mit Plänen über die Abschaltung der baden-württembergischen AtomkraftwerRekordhoch in den Umfragewerten. Ein weiterer ausschlaggebender Punkt ke Obrigheim, Neckarwestheim und Phiwar natürlich auch die Reaktorkatast- lipsburg. Die Grünen sind nicht mehr länger der rophe im Atomkraftwerk Fukushima im März diesen Jahres. Diese zeigte deutlich, ‚Juniorpartner‘, der gerne von der SPD wie dass die immer wieder vorausgesagten Ri- in der rot-grünen Koalition in Tagen Schrösiken der Atomkraft Wirklichkeit sind und ders und Fischers zur Bildung einer RegieMensch und Umwelt in höchstem Maße rungsmehrheit hinzugezogen wurde. Die gefährden. Große Trauer um die Opfer der Wahlen 2011 haben gezeigt, dass es den Tsunami-Welle und des Erdbebens durch- BürgerInnen nicht egal ist, was in den Lanzog die Welt, nicht minder aber auch die desparlamenten abläuft. Und sie haben Anteilnahme an den Opfern der Strahlung. vor allem gezeigt, dass Legitimation in eiPlötzlich enthüllten sich die vermeintlich ner Demokratie immer durch das Volk gezukunftsweisenden Versprechungen von schieht – siehe Stuttgart 21. Schwarz-gelb oder Schwarz-rot als bitte-

D

amals...Damals, als Joschka noch den Linksradikalen statt der bösen Wirtschaft angehörte und als Kinder auf Parteisitzungen gestillt wurden, damals prägten auch die StrickerInnen - mit Betonung auf der ungegenderten Worthälfte, da es sich nicht um verkorkst-kreative Hausfrauen handelte - das Image der grünen Klischeehippiepartei. Bruchstücke dieses Klischees finden wir heute in ganz neuen Gestaltungsformen wieder, die meistens mit einem englischen Neologismus betitelt sind.

Guerilla Knitting, Urban Knitting oder Yarn-bombing: Gemeint ist Straßenkunst, zugehörig zur Streetart, die meist im Gegensatz zu Graffiti keine Sachschäden verursacht. Die KünstlerInnen bringen ihre Kunstwerke an Pfosten von Verkehrsschildern, Laternen, Parkbänken, etc. an – die Orte sind so unterschiedlich wie die Werke selbst. Die Texanerin Magda Sayeg, Mutter der Bewegung, umstrickte Bäume und Busse, andere begnügen sich mit einem liebevoll gestalteten Strick an einem persönlich wichtigen Ort. Am Valentinstag wurde von Berliner PassantInnen vor einem Erotikladen der gestrickte, von Herzen umrahmte Schriftzug „Liebe“ bewundert. Guerilla Knitting bietet die Möglichkeit, persönliche Statements öffentlich zu machen und sie so in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Oft motiviert, wie auch beim Guerilla Gardening, der Wunsch nach einer bunteren und lebendigeren Stadt. Der Lebensraum Betonwüste scheint geradezu zur Aktion zu zwingen. Von einer politischen Handlung kann insofern die Rede sein, als die StrickerInnen einen Impuls für ihre Mitmenschen setzen wollen, mit dem Ziel, gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. Doch klassische grüne Themen wie Umweltschutz und Anti-AKW Engagement spielen in der Bewegung keine nennenswerte Rolle.

Die Hippies sind im Begriff, uns zu verlassen

Ein weiteres Phänomen ist der „Lifestyle of Health and Sustainability“, kurz LOHAS. Seine AnhängerInnen kaufen auf dem Wochenmarkt und im Bioladen ein. Anschließend gehen sie vielleicht Schwimmen, Laufen oder in die (wahrscheinlich hauseigene) Sauna. Sie haben genug Geld, um ein spritsparendes, modernes Auto zu fahren und fairgehandelten Kaffee mit fairgehandeltem Zucker zu trinken. Schon der Name LOHAS betont, was denjenigen, die nach diesem Prinzip leben, am Herzen liegt: ihr Lebensstil ist auf Gesundheit und Nachhaltigkeit ausgerichtet. Sie wissen, dass Gemüse aus regionalem Anbau dem von spanischen Großplantagen vorzuziehen ist. Denn so werden weder Umwelt noch der eigene Körper geschädigt. Im Gegensatz zu den Yarn-BomberInnen teilen sie kein Hobby, sondern ein grundlegendes, das eigene Konsumverhalten betreffendes, Prinzip mit den grünen Urmüttern und -vätern. Das heißt aber noch lange nicht, dass die LOHAS-VertreterInnen auch das gleiche grüne Anliegen haben. Sie wollen mit ihrem Verhalten kein politisches Zeichen setzen. Ihre Einstellung zu Integration oder Hartz IV steht in keinem Zusammenhang mit ihrem Lebensstil. Er bildet für sie häufig sogar eine Alternative zu politischem Engagement. Auch der/die VegetarierIn ist längst nicht mehr der/die Sandalen und lange Haare tragende Gras- und KörnerfresserIn. Vegetarismus hat sich von seinem Ökoi-

mage losgelöst und zu einem neumodischen Trend entwickelt. Tierschutz ist in geworden. Nach fünf Jahren erfolgreichem Onlinevertrieb des „Vegan Wonderland“-Shops wurde jetzt in Dortmund der erste vegane Supermarkt mit zugehörigem Café eröffnet. Das Geschäft läuft gut. „Wir können uns nicht beschweren“, berichtet ein Mitarbeiter grinsend. Seine Tattoos harmonieren mit der trashig-pinken Ausstattung im Emostyle. Neben der Kasse liegen Flyer für eine Kunstgalerie, einen Tierrechtsworkshop und diverse Konzerte. Während sich die Grünen in den Augen vieler Deutschen zu einer gemäßigteren GutverdienerInnenpartei mit Regierungsambitionen gewandelt haben, definiert sich grüner Lifestyle hauptsächlich über die Lebensführung selber. Sicher sind diejenigen, für die der Griff zur Tofuwurst auch eine politische Handlung ist, und in ihren Ansichten über gesellschaftliche Normen begründet liegt, noch lange keine aussterbende Art. Doch das ganzheitliche Denken, das sich von Information und Bildung über Konsum bis hin zu Partizipation erstreckt, ist häufig zerfallen. Konsum oder Partizipation, beispielsweise in Form von öffentlicher Kunst, haben sich aus ihrem Gesamtkontext ausgegliedert. Ob diese Entwicklung auch eine Entpolitisierung mit sich bringt, ist eine andere Frage.

15


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Buch-/Filmkritikd originellste Abrüstungsfilm

ttenberg Die Opfer des zu kGhau bei t für seine Dissertation wissentlich

MICMACS – Der wohl netteste un

Lara Bardelle „Wer erfindet all die lustigen Geschichten? Wie viele Schritte sind nötig, um eine Stufe abzunutzen? Warum heißt es U-S-A und nicht USA, aber UNO und nicht U-N-O?“ Das sind die „entscheidenden Fragen des Lebens“, die sich Bazil, Protagonist des Films „MICMACS – uns gehört Paris“, stellt, um in aufregenden Momenten nicht die Besinnung zu verlieren. Dazu hätte er nämlich allen Grund: Als Zeuge einer Schießerei wird er von einer verirrten Kugel im Kopf getroffen und trägt diesen bleiernen Begleiter von nun an mit sich, ständig vom Gehirnschlag bedroht. Der Regisseur JeanPierre Jeunet („Die fabelhafte Welt der Amélie“, „Mathilde“) versetzt seine Charaktere erneut in eine einzigartige Pariser Szenerie, die mit Farbenvielfalt und lebenslustiger Detailliebe die ZuschauerInnen spielerisch in ihren Bann zieht: Bazil verliert aufgrund der Schussverletzung Wohnung und Arbeit. Zum Glück trifft er auf die MICMACS, eine Gruppe außergewöhnlicher Persönlichkeiten, die ihn als „Familie“ „adoptiert“ und ihm ein neues Zuhause auf dem Schrottplatz bietet. Da gibt es Kautschuk, die Schlangenfrau oder den bärenstarken Petit Pierre, der aus Altmetall tanzende Roboter bastelt. Gemeinsam unterstützen sie Bazil, denn der hat Hilfe nötig. Er möchte die scheinbar übermächtige Waffenindustrie für die Kugel in seinem Kopf und den Tod seines Vaters, der beim Entschärfen einer Landmine umkam, zur Verantwortung ziehen. Hierzu entwickelt er einen originellen und aberwitzigen Plan, der die Überlegenheit gewaltloser Kreativarbeit gegenüber großem Kaliber zum Ausdruck bringt. Gut, dass er und seine Freunde nicht nur geniale Sammler und Tüftler sind, sondern auch ihre ganz individuellen Talente haben…

16

Als unwissender Zuschauer reist man Beginn des Buches: Die dreijährige Jeanvon einer Handlungsattraktion zur nächs- nette Walls erleidet beim selbstständigen ten und kann in einem unaufmerksamen Kochen so starke Verbrennungen, dass sie Moment leicht den Anschluss verlieren ins Krankenhaus eingeliefert wird. Der Va– denn erst im Nachhinein fügen sich die ter, der keiner staatlichen Institution vereinzelnen Handlungsmosaike zu einem traut, „entführt“ seine kleine Tochter jeGanzen zusammen, so bleibt die Spannung doch kurzerhand von der Intensivstation erhalten. Die Charaktere sind plastisch und die Familie zieht, wie so häufig, in eiund stereotyp. Das zeigt sich bereits an der ner Nacht-und-Nebel-Fluchtaktion weiter. Namensgebung nach persönlichen Eigen- Nicht nur um einer Gefängnisstrafe wegen schaften, wie bei Calculette, der Rechen- Steuerhinterziehung zu entgehen, streift künstlerin. Die Waffenhändler schillern in die Familie durch die USA, sondern auch aller Couleur der Boshaftigkeit, einer ist mit der Hoffnung, ihren persönlichen stolzer Inhaber von Mussolinis Auge. Ge- „American Dream“ zu verwirklichen und rade diese Eindeutigkeit der Rollen macht ein „Schloss aus Glas“ zu bauen. Doch die Freude und macht den Film zu einer rüs- Realität scheint häufig anders: So schön tungskritischen Zirkusvorstellung. Vor al- die Träume und Geschichten des Vaters lem Dany Boon brilliert bei der Darstellung und der Glaube der Mutter an die Kunst des Kampfes mit der Kugel. Was kann der auch klingen, geht die Familie nicht selten Film zudem unter grünen Aspekten bieten? mit leerem Bauch zu Bett/Pappkarton und Die Welt der Micmacs ist zwar eine tech- findet häufig bloß in barackenähnlichen nophile, aber keine des High-Tech. So wird Behausungen Unterschlupf. Die Kinder der schöpferische Umgang mit Altmetall müssen im Haushalt viel mithelfen und zu einem hinreißenden Statement fürs Re- hart arbeiten. Eben diese Selbstständigcycling. Trotz der Verspieltheit verliert der keit und Freiheit der Kinder artet jedoch Film seinen Ernst nicht gegenüber der Rüs- bis zur Verwahrlosung aus. Trotz alle dem tungsthematik. Ein fabelhaftes Werk, was und dem kindlichen Wunsch nach einem euch Anstöße für den friedlichen Guerilla- bodengebundenem zu Hause, erzählt Jeankampf geben wird. Sehenswert! Frankreich nette Walls die Geschichte ihrer Kindheit wohlwollend. So ist ihre Geschichte nicht 2009, 104 Minuten. nur fesselnd, sondern auch gedankenanreWährend manche Kinder an Weihnach- gend: Zukunftsträume, Abenteuerlust, perten mit Spielzeugen überhäuft werden, sönliche Freiheit – samt Wert und Preis… durften sich Jeannette Walls und ihre Geschwister einen eigenen Stern am Himmel aussuchen. Dieses Weihnachtsgeschenk scheint ebenso besonders wie die gesamte Kindheit der Autorin. In ihrem Buch „Schloss aus Glas“ beschreibt sie diese liebevoll, erzählt von den großen Träumen ihrer Eltern und dem Preis der Freiheit. Walls` Kindheit ist ebenso von traumhaft schönen, wie bitter realen Momenten geprägt. Frei, wie ein Vogel, zieht die Familie quer durch die USA ihren Träumen hinterher – losgelöst von Normen, Konventionen und Sicherheit. Während der Vater für wenig Geld hart arbeiten muss, unterrichtet die Mutter ihre drei, später vier Sprösslinge zu Hause. Die Eltern legen großen Wert auf die Bildung und Selbstständigkeit ihrer Kinder. Dies erkennt man bereits zu

Der Superstar der deutschen Politi s hat das mit Politik zu tun? Warum wa er Ab l! da an Sk n. be rie sch ge anderen ab als „copy-paste“. der Fall Guttenberg komplexer ist

Enno Wiesner

M

it den Worten „Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens.“ trat Karl-Theodor zu Guttenberg am 1. März vor die Presse und verkündete seinen Rücktritt als Verteidigungsminister. Es war eine jener zahlreichen druckreifen Aussagen, die den MitarbeiterInnen in der BILD-Redaktion das Erfinden pathetischer Abschiedsfloskeln ersparten, um dem mutwillig Gehetzten den letzten Heiligenschein aufzusetzen. Der Doktor a.D. hinterließ nicht nur ein halbfertiges Konzept zur Bundeswehrreform, enttäuschte CDUProminenz und eine triumphierende Opposition, sondern auch mehrere Millionen Fans über alle Parteigrenzen hinweg. Als am 16. Februar das erste mal die Meldung aufkam, dass Teile von zu Guttenbergs Doktorarbeit Plagiate enthielten, reagierte die deutsche Akademikerkaste entsetzt. Obwohl in den folgenden Wochen immer weitere kopierte Textstellen gefunden wurden, leugnete der Verteidigungsminister – zunächst die konservative Presse und traumhafte Zustimmungswerte im Rücken – das Offensichtliche und löste damit besonders bei (angehenden) DoktorInnen und ProfessorInnen Empörung aus. Ausgerechnet ein populärer Bundesminister wurde Negativmaßstab für korrektes, wissenschaftliches Arbeiten. Als der Protest immer stärker wurde, begann das von Infratest Dimap gestützte Verteidigungsgerüst zu wackeln.

Enno Wiesner ...ist 21 Jahre alt und studiert Recht und Wirtschaft in Bielefeld. Aktiv in der Grünen Jugend ist er seit 2007. Er hat sich im April nicht wie vielerlei Menschen die britische Kronhochzeit angeschaut und ist froh, dass der Adel in Deutschland nicht mehr solche Privilegien genießt.

Zeitgleich mit den ersten Meldungen begannen die Oppositionsparteien sich dem Thema anzunehmen. Bereits am 17. Februar wurden erste Rücktrittsforderungen laut. Nachdem zu Guttenberg seine unglückliche Rolle bei der desaströsen Informationspolitik zum Kunduz-Luftschlag und die vorschnelle Reaktion bei den Vorfällen auf der Gorch Fock politisch beinahe unbeschadet überstanden hatte, ließ sich die Genugtuung bei einigen OppositionspolitikerInnen kaum hinter der Entrüstung über den eigentlichen Vorfall verbergen. So falsch der Berlusconi-Vergleich von Sigmar Gabriel im Grundsatz war, so richtig war er im Handlungsmuster des politischen Gegners: Wem politisch nicht beizukommen ist, den treffen private/berufliche Verfehlungen umso härter. Dass ein Mensch, der vorsätzlich getäuscht hat, sein Vergehen nicht eingesteht und das ganze in gepflegter Selbstherrlichkeit auszusitzen gedenkt, zum Rücktritt aufgefordert wird, war in der Opposition unbestritten. Aber vielen Menschen war der gemeinsame Ton zu forsch, zu laut und zu schrill, als dass sie ihr die Ehrlichkeit in der Sache abgenommen hätten. Die Spitzen von SPD, Grünen und Linkspartei hätten gut daran getan einen Grundsatz Margot Käßmanns ernst zu nehmen: Einfach mal inne halten. Wie viel gehört noch zur berechtigten Kritik an einem arroganten Minister und wie viel ist bereits Wahlkampf? Jürgen Trittin brachte es rückblickend bei Maybrit Illner auf den Punkt: „Am Ende wurde er durch die Reaktionen aus der Wissenschaft gestürzt, die Opposition hätte er ausgesessen.“ Doch bleibt die akademische Makellosigkeit wirklich das einzige Opfer von zu Guttenberg? Die Affäre hat gezeigt, wie es um das gesellschaftliche Verhältnis zur Politik steht. Nach den starken Protesten gegen die Atomkraft und dem eindrucksvollen Volksaufstand gegen Stuttgart 21 im sonst so müden Ländle überboten sich die Medien gegenseitig mit Jubelchören auf die neue, kritische Zivilgesellschaft. Jetzt kommt die Politik von unten! Wie voreilig diese These ist, belegt das Phänomen KarlTheodor zu Guttenberg. Von der rechten

Springer-Presse bejubelt, von der CDU auf eine steile Polit-Karriere vorbereitet, flogen kaum einem Politiker so schnell die Sympathien einer breiten gesellschaftlichen Masse zu. Dabei stand er kaum für kantige Inhalte oder eine herausragende politische Vision, sondern bestenfalls für anzugaffine Körpermaße und ein natürliches Talent zum Händeschütteln. Wer genau hinschaut, entdeckt hinter dem Hype um seine Person ein promifaktor-fixiertes, ganz und gar unpolitisches Obrigkeitsdenken. Die Bereitschaft zur politischen Initiative wird überdeckt von dem Drang, Sorgen und Wünsche auf eine einzige Person projizieren zu können. Zu Guttenberg propagierte (ganz bewusst) mit seinen zahllosen Auftritten in Bunte, Brigitte und Boulevard eine Politik der heilen Welt und leeren Sprechblasen. Politische Kommunikation nicht mehr über Tagesschau, Zeitung und investigative Blogs, sondern mithilfe der Friseurzeitschrift. Die kritische Auseinandersetzung mit diesem Mann darf nicht am Eingang der Universität Bayreuth enden. Das kurze Wirken von zu Guttenberg entlarvte eine gefährliche Ausprägung der Politikverdrossenheit. Am Anfang steht ein Personenkult, am Ende eine große Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass der vermeintliche Messias die vielen Hoffnungen nicht erfüllen kann. Die Folge ist meistens eine noch größere Politikverdrossenheit. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, bedarf es mehr direkte Demokratie, mehr politische Bildung und mehr Partizipationsmöglichkeiten in allen Institutionen. Eine funktionierende Demokratie setzt eigenständiges Denken und ein kritisches Hinterfragen der Herrschaftsverhältnisse voraus. Hoffen wir, dass nie wieder ein Betrüger mit den gesäuselten Worten „Ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.“ unter Applaus die politische Bühne verlässt.

17


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Freiwillig statt Znwang!

Töten für Profit

a ifizierten Holzplantagen in Südafrik

FSC-zert Der Massenmord an Pavianen in

Das Ende der Wehrpflicht gestalte

Isabel Jakob & Tim Strupat

Kai Gehring

D

ie Aussetzung der ungerechten und überholten Wehrpflicht und des von ihr abgeleiteten Zivildienstes war längst überfällig. Wir Grüne fordern seit unserer Gründung die Abschaffung der Pflichtdienste und haben der Aussetzung deshalb als historischen Schritt in die richtige Richtung im Bundestag zugestimmt. Das Hin-und-Her, von dem die Wehrpflicht-Debatte begleitet war, ist aber zugleich ein weiteres Beispiel für die schwarz-gelbe Chaospolitik: Im Koalitionsvertrag wurde noch eine Verkürzung der Dienste beschlossen, dann begann Ex- Minister Guttenberg einen Zickzackkurs, an dessen Ende nun die Aussetzung der Wehrpflicht ab Juli 2011 steht. Es bleibt der Eindruck, dass es ihm dabei vor allem um Effekthascherei und weniger um die Sache selbst ging. Entsprechend miserabel vorbereitet ist der Übergang vom Pflichtdienst zur Freiwilligkeit sowohl bei der Bundeswehr als auch im bisherigen Zivildienst.

Von einem Gesamtkonzept der zuständigen Ministerien zur Gestaltung des Übergangs kann keine Rede sein. Damit riskiert schwarz-gelb die Zukunftschancen der jungen Generation: Jugend- und Zivildienstministerin Schröder ist nicht in der Lage, eine vernünftige Konversion zu organisieren. Die Bundesbildungsministerin bemerkte viel zu spät, dass im Jahr 2011 rund 150 000 junge Männer zusätzlich einen Ausbildungs- oder Studienplatz brauchen. Und Gesundheitsminister Rösler bekämpft lieber die FDP-Misere als den Pflege-Kollaps. Die Bundesregierung hat sträflich versäumt, frühzeitig Gespräche mit den Ländern über den Freiwilligendienst-Ausbau aufzunehmen. Schröders Lippenbekenntnisse zur Anerkennungskultur können konkretes Handeln nicht ersetzen. Sie muss gemeinsam mit den Ländern die Attraktivität der Freiwilligendienste erhöhen, u.a. durch einen erleichterten Hochschulzugang. Klare Qualitätsstandards müssen verabredet und der Freiwilligenstatuts gesetzlich geregelt werden. So kann der Ausbau der Freiwilligkeit gelingen, von dem die gesamte Gesellschaft profitiert. Wir müssen die Chance für einen quantitativen und qualitativen Ausbau der Freiwilligendienste nutzen, den die CDUJugendministerinnen über Jahre systematisch vernachlässigt haben. Stattdessen degradiert Ministerin Schröder die Freiwilligendienste zum bloßen Lückenbüßer des wegfallenden Zivildienstes: Mit der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes betreibt Schwarz-Gelb eine plumpe Arbeitsbeschaffung für das bisherige Zi-

18

vildienst-Bundesamt und schafft teure Doppelstrukturen. Der staatsfixierte Bundesdienst konkurriert mit bewährten Freiwilligendiensten zivilgesellschaftlicher Träger, insbesondere dem FSJ und dem FÖJ, anstatt sich auf den Ausbau dieser Erfolgsmodelle zu konzentrieren. Bei der bisherigen Zivildienstbürokratie muss erheblich eingespart und stattdessen gegen Pflegekräftemangel investiert werden. Die Qualität droht zu leiden, weil für den Sozialbereich keine tragfähigen Alternativen bereitgestellt werden. Gebraucht wird ein neuer Personalmix mit deutlich mehr regulär beschäftigten und gut bezahlten Pflegekräften, ergänzt um Freiwillige und einen sozialen Arbeitsmarkt. Das ist nicht billig. Die Konzepte und Mittel dafür werden von Schwarz-Gelb aber nicht zur Verfügung gestellt. Um gegen die Pflegemisere anzukommen braucht es eine große Kraftanstrengung - der Freiwilligendienstausbau ist dabei nur ein Teil der Lösung. Generationengerechte Politik darf nicht strukturkonservativ sein, sondern muss die Probleme gezielt und planvoll angehen.

Kai Gehring grünes Mitglied im Bundestag seit 2005, jugend-, generationen- und hochschulpolitischer Sprecher, Mitgründer der Grünen Jugend NRW und ihr Sprecher bis 2002

nicht weiter beim Kauf getäuscht werden. Es sind nicht die Paviane, die in die Plantagen eindringen und die Bäume zerstören, es sind die Plantagen, die vor Jahrzehnten in das natürliche Habitat der Paviane eingedrungen sind und natürliche Vegetation zu großen Teilen verdrängt haben. Und dies ist nur einer der vielen Kritikpunkte an FSC – welcher wohl kaum als „non-Profit-Organisation“ bezeichnet werden darf, da er möglichst viele Monokulturen zertifiziert, die natürliche Vegetationen zerstören, Flüsse austrocknen und in denen tausende wilde Tiere erschossen werden, nur um möglichst viel Profit zu machen. Es ist Zeit, dass sich FSC auf die eigenen Grundsätze zurückbesinnt und wieder das wird, was er einmal werden sollte: Eine unabhängige non-Profit-Organisation, die besonders umweltbewusste und nachhaltige HolzproduzentInnen mit einer FSC-Zertifizierung ‚belohnt‘ damit VerbraucherInnen bewusster einkaufen können.

D

ie südafrikanische Holz- und Papierindustrie beklagt schon seit Jahrzehnten Schäden an ihren Bäumen, verursacht durch sogenannte ‚Problem Animals‘ oder auch ‚Damage Causing Animals‘. Ein besonderer Dorn im Auge sind der Industrie Paviane – angeblich ziehen diese die Rinde der Kiefernbäume ab um die wenigen Mineralstoffe, die in der Rinde enthalten sind, abzulecken. Dadurch, dass die Rinde meist kreisförmig um den Stamm abgezogen wird, sterben viele der beschädigten Bäume ab. Obwohl man die abgestorbenen Bäume noch für bestimmte Zwecke weiterverarbeiten könnte, beklagt die Industrie den immensen ökonomischen Verlust, der durch die Paviane entsteht. Seit geraumer Zeit besteht deshalb die ‚Baboon Damage Working Group‘, welche hauptsächlich, neben wenigen Regierungsverantwortlichen und non-Profit Mitgliedern, aus VertreterInnen der Holzindustrie besteht und ins Leben gerufen wurde, um eine möglichst Kosten-effektive Lösung für das Pavianproblem zu finden. Seit Jahren versammelt sich also hohes Personal der drei Holz- und Papierhersteller – SAPPI, York Timbers und Komatiland Forests – um über eine möglichst ‚gute‘ Lösung zu diskutieren. Obwohl die ‚Baboon Damage Working Group‘ finanziell sehr gut gestellt ist, hat es die Industrie in all den Jahren nicht geschafft, eine umfangreiche und vernünftige wissenschaftliche Untersuchung des Problems durchführen zu lassen. Eher geben sie Unmengen an Geld dafür aus, hunderte Paviane zu erschießen. Dafür werden große Käfige in den Plantagen aufgestellt und die Paviane werden für Monate mit Mais angelockt und gefüttert, damit sie sich an den Käfig gewöhnen. Nach ein paar Monaten werden sie dann in den Käfigen gefangen genommen und einer nach dem anderen erschossen (Bezeichnung der Industrie für diese Methode: „Bait, Trap and Shoot“ oder „Capture and Cull“). Alleine in den letzten zwei Jahren wurden so fast 900 Paviane umgebracht. Seit Beginn der Tötungen in 1975 wurden mehr als 4000 Paviane in Käfigen gefangen und erschossen. Und der Massenmord wirkt nicht einmal – der Pavianschaden an

Plantagenbäumen nimmt immer weiter zu und die Industrie muss immer mehr wirtschaftliche Verluste beklagen. Obwohl die Industrie hunderte Paviane für anscheinend Nichts auf grausame Art und Weise tötet, werden die Plantagen von FSC (Forest Stewardship Council) als ‚nachhaltig‘ und ‚umweltbewusst‘ bewirtschaftete Wälder zertifiziert. Der/Die EndverbraucherIn in Deutschland, geblendet von dem FSC-Logo – einem schönen Baum, kauft somit möglicherweise Papier, für welches unschuldige Paviane (und andere Wildtiere) sterben mussten. Papier, welches nicht umweltfreundlich, sondern profitfreundlich produziert wurde. GeaSphere, eine südafrikanische Umweltorganisation hat Anfang Januar eine formelle Beschwerde bei FSC International eingereicht, damit die unkontrollierte Tötung so schnell wie möglich aufhört. GeaSphere verlangt, dass FSC, als angeblich umweltbewusste Nicht-RegierungsOrganisation, ein sofortiges Moratorium auf die Tötung von Pavianen einführt und Plantagen, in denen weiter getötet wird, de-zertifiziert damit die EndkundInnen

Mr. Andre de Freitas, geschäftsführender Direktor von FSC International, hat die formelle Beschwerde angenommen und FSC hat drei Mitglieder für das unabhängige und unparteiische Beschwerdekommitee bestimmt. Wir hoffen, dass eine endgültige und für alle Parteien obligatorische Entscheidung spätestens Ende Mai gefällt wird. Bis dahin erstreben wir einen sofortigen Stopp der Tötung; durch FSC, durch Industrie und durch die Regierung.

Isabel Jakob (19) & Tim Strupat (20)

...haben letztes Jahr ihr Abitur abgeschlossen und sind derzeit als WeltwärtsFreiwillige für die südafrikanische Umweltorganisation „GeaSphere“ tätig. Mehr unter www.facebook.com/GeaSphere

19


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2011

Programm

Einladung zur LMV in Oer-Erkenschwick Liebe Mitglieder, liebe Interessierte, wir möchten euch herzlich zur Landesmitgliederversammlung (LMV) der GRÜNEN JUGEND NRW am 9. und 10. Juli ins SalvadorAllende-Haus in Oer-Erkenschwick einladen. Auf unserer diesjährigen Sommer-LMV werden wir uns schwerpunktmäßig mit dem Thema Migrationspolitik befassen.

Migration im Mittelpunkt Die Welt befindet sich im Wandel – fast täglich werden wir mit erschütternden Nachrichten aus aller Welt konfrontiert: Katastrophen, Revolutionen oder Kriege - das alles betrifft auch uns. In einer globalisierten Welt sind dies aber nur ein wenige von den vielen unterschiedlichsten Gründen für Migration. Vor allem die Abschiebungen von Roma und Sinti aus Frankreich und auch jene aus Deutschland und NRW erregten die Gemüter in den letzten Jahren. Doch was können wir dem entgegensetzen und wie schaffen wir es, die Rechte von Flüchtlingen in Deutschland wieder zu stärken? Das Versagen der Landes- und Bundesregierung in diesem Punkt zeigt sich ebenso bei der nahezu unmöglichen Zuwanderung, aber auch in der Lebenssituation von vor Jahrzehnten zugewanderten Menschen und deren Nachkommen: Anstatt partizipieren und sich entfalten zu können, stoßen sie in

unserer Gesellschaft immer wieder auf Rassismus und Ausgrenzung. Wir wollen versuchen, neue Lösungswege aufzuzeigen, die den Menschen nicht als Last empfinden, sondern sie gemeinsam gehen wollen! In einer Vielzahl von thematischen Workshops möchten wir uns mit den verschiedenen Aspekten der Migrationspolitik vertraut machen, um fundiert in die Antragsdebatte einsteigen zu können. Wie immer werden am Samstag auch die Arbeitskreistreffen und das Frauen- und Gendertreffen auf dem Programm stehen. Alle wichtigen Informationen, wie das Programm, die Tagesordnung, die Anmeldung und die Wegbeschreibung, aber auch die Anträge findet ihr schon bald auf unserer Homepage unter www. gruene-jugend-nrw.de/lmv.

Samstag ab 10:30 Uhr Check-In danach: • Treffen der Arbeitskreise • Frauen- und Gendertreffen • Workshops, • NeueinsteigerInnentreffen • AntragsstellerInnentreffen ...und dann die gemeinsame Abendgestaltung

Sonntag 9:30 Uhr Beginn der Mitgliederversammlung TOP 1: Formalia TOP 2: Grußworte und Berichte TOP 3: Diskussion über den Leitantrag TOP 4: Finanzen TOP 5: Satzungsänderungen TOP 6: Weitere Anträge TOP 7: Anerkennung Basisgruppen Ende gegen 17:00 Uhr

Wir freuen uns auf eine super LMV mit vielen interessanten Workshops, innovativen Anträgen, spannenden Diskussionen und jeder Menge netten Leuten! Euer Landesvorstand Marie, Alex, Johanna, Nico, Lisa-Marie, Natalie, Floris und Maik und die MitarbeiterInnen der Landesgeschäftsstelle

Anträge Wenn ihr Anträge an die Mitgliederversammlung stellen wollt oder Änderungsanträge an bestehende Anträge wie z.B. den Leitantrag habt, schickt diese bitte bis Freitag, den 8. Juli um 12 Uhr an unser LMV-Team (antrag@gruene-jugend-nrw.de), damit wir alle Anträge frühzeitig auf unsere Homepage stellen und für alle kopieren können! Antragsschluss für eigenständige Anträge, die nach dem 8. Juli jedoch selbst kopiert mitgebracht werden müssen, ist Samstag, der 9. Juli um 17 Uhr. Änderungsanträge sind natürlich jederzeit noch möglich, diese werden erst nach dem ÄnderungsantragsstellerInnentreffen am Samstagabend kopiert. Frühzeitiges Einreichen ermöglicht jedoch auch den anderen Mitgliedern und Basisgruppen, sich im Vorhinein ausgiebig mit den Anträgen zu beschäftigen und verhindert doppelte Anträge. Wir bitten euch daher eure Änderungsanträge möglichst bis zum 1. Juli einzureichen, nach Möglichkeit jedoch noch früher!

Anmeldung und Fahrtkosten Bitte meldet euch spätestens bis zum 22. Juni an! Diese 14-TageFrist im Vorfeld zur LMV haben wir aus organisatorischen Gründen eingeführt. Spontan Anreisenden können wir Verpflegung und Unterkunft leider nicht mit Sicherheit garantieren. Die Möglichkeit zur Teilnahme an den Bildungsveranstaltungen und der Mitgliederversammlung sind aber selbstverständlich auch bei spontaner Anreise möglich. Der Teilnahmebeitrag beläuft sich auf 5 Euro pro Tag und pro Übernachtung. Eine komplette Teilnahme an beiden Tagen mit Übernachtung kostet also 15 Euro. Meldet euch bitte auch an, wenn ihr nur einen Tag kommen wollt, damit wir genug Essen bestellen können. Die Fahrtkosten zur LMV werden auf Basis des Bahncard-50-Preises für den Regionalverkehr erstattet. Bitte benutzt auch den Großkundenrabatt der Grünen und besonders Gruppentickets wie das „Schöner-Tag-NRW-Ticket“ der Bahn. Zusammen ist die Fahrt nicht nur schöner, sondern auch günstiger. Für eure Anmeldung benötigen wir folgende Angaben: Vorname, Name, E-Mail-Adresse, Adresse und Telefonnummer, Alter, ob ihr übernachten möchtet oder an welchen der beiden Tagen ihr kommen wollt, sowie ob ihr besondere Bedürfnisse (Allergien, Rollstuhl) habt. Anmeldung bitte über das Online-Anmeldeformlar auf unserer Webseite oder per Post, Telefon, Fax oder Mail an unser Büro: GRÜNE JUGEND Nordrhein-Westfalen, Jahnstraße 52 40215 Düsseldorf Tel.: 0211 99 44 611 Fax: 0211 99 44 622, E-Mail: buero@ gruene-jugend-nrw.de

Wegbeschreibung Mit dem Regionalverkehr fahrt ihr bis Essen Hauptbahnhof und von dort nach Hauptbahnhof Recklinghausen. Anschließend nehmt ihr den Bus der Linie 231 nach Oer-Erkenschwick Haltestelle Maritimo. Von dort aus zu Fuß Richtung Parkplatz, dann Richtung Wald und an der ersten Kreuzung links abbiegen (ca. 600 m). Hier findet ihr nochmal alle genauen Daten: http://www.allende-haus.de/i_weg.html

Bitte beachtet: Anträge im PDF-Format sind ungünstig für die Weiterverarbeitung in anderen Dokumenten. Wir bitten euch daher eure Anträge im .odf- oder .doc-Format einzureichen.

20

21


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

22

02.2011

23


:> krass – Magazin der Grünen Jugend NRW

24


Krass2011 02