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:> krass - Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2010

Hoch verehrtes Publikum!

Inhaltsverzeichnis

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Hoch verehrtes Publikum!

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Interview mit den LandtagskandidatInnen der GJ in NRW

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Der grüne Zukunftsplan für NRW- Das Gelbe vom Bio-Ei?

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Chancen für Schwarz-Grün

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Mit dem Fahrrad auf Wahlkampftour

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Die Hand am falschen Fleck

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Was bringt uns Religion?

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Grün vs. kirchliches Engagement

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Grüne Jugend und Gemeindearbeit, geht das?

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Pro – Einführung eines islamischen Feiertages in Deutschland

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Contra – Einführung eines islamischen Feiertages in Deutschland

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Maxi Muster – Der alte Mann und der Islam

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Hätte Jesus Grün gewählt?

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Ein fernes Vorbild – Tansania

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Perfekte Säkularisierung

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Meine Religionsfindung – Festgeklebt auf dem Rücken von Buridans Esel

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Einladung zur LMV der Grünen Jugend NRW

Impressum

Bildquellen flickr, private Fotos

Die :>krass steht unter einer Creative-CommonsLizenz (BY-NC-SA-3.0-de), alle Texte und Bilder sind unter Nennung der Namen und in unkommerziellem Rahmen sowie unter Verwendung derselben Lizenz frei verwendbar. Für unaufgefordert eingesandte Beiträge sind wir dankbar, übernehmen aber keinerlei Verantwortung. Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Beiträge zu kürzen. Mit der Einsendung des Beitrags erklärt sich der/die AutorIn damit einverstanden, dass der Beitrag unter o.g. Creative-CommonsLizenz veröffentlicht wird.

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Titelbild http://www.flickr.com/photos/ zenowai/4348992656/

Die :>krass ist das offizielle Magazin der Grünen Jugend NRW und erscheint vier Mal im Jahr.

Redaktion Saskia Scheer, Lisa-Marie Kühn, Marie Dazert, Mike, Raschke, Gianmarco Crapa, Tobias-Carstensen Block

Anschrift Redaktion :>krass c/o Grüne Jugend NRW Jahnstraße 52, 40215 Düsseldorf Tel.: 02 11 - 99 44 611 WWW.GJ-NRW.DE/KRASS.HTML krass@gruene-jugend-nrw.de

Weitere Mitarbeit Benjamin Zimmermann, Maximilian Pichl

V.i.S.d.P. Saskia Scheer, Lisa-Marie Kühn, Marie Dazert, Mike, Raschke, Gianmarco Crapa, Tobias-Carstensen Block

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Druck & Auflage TIAMAT Druck, 2.200 Exemplare

ährend die Wirtschaftskrise mal vorbei war und mal nicht, die katholische Kirche mit Kindes- und die evangelische mit Alkoholmissbrauch zu kämpfen hat (wobei der Alkohol das entschieden bessere Mittel ist!), die CDU sich kaufen lässt und bei Toyota die Gaspedale klemmen, haben wir recherchiert und geschrieben. Was dabei rausgekommen ist, haltet ihr nun in den Händen und wir hoffen auf euer Wohlgefallen. Der Politikzirkus spielt in Berlin und NRW und damit beschäftigen wir uns natürlich auch. Tretet ein und seid dabei, wenn es heißt „Wer kann die Probleme dieser Welt lösen?“ Das NRW-Volk darf wählen und wir sind gespannt, wie viele sich am Ende für die rote Hannelore, den schwarzen Jürgen, die grüne Sylvia, den gelben Andreas oder die knallrote Bärbel entscheiden. Wir wollen euch dazu das einzig wahre, gute, richtige Wahlprogramm vorstellen und zwei junggrüne Kandidaten mit guten Aussichten auf einen Platz im Landtag. Außerdem schauen wir auf die große De-

batte um Missbrauchsfälle in Kirche und Schulen. Anschließend stellen wir auch gleich noch die Frage, was uns denn Religion überhaupt bringt, ob grünes und kirchliches Engagement miteinander vereinbar ist und was wohl Jesus gewählt hätte (naaa, wer möchte raten?). Die Pro-Contra-Diskussion beschäftigt sich diesmal mit der Frage, wie wir mit islamischen Feiertagen umgehen sollen. Wir werfen in die Welt hinaus und schauen, wie es islamischen Kopftuchträgerinnen ergeht. Außerdem zeigen wir am Beispiel Tansania, dass ein multireligiöser Staat auch friedlich existieren kann. Last but not least ist natürlich auch Neuling Maxi wieder mit an Board. Wir bitten also Platz zu nehmen. Die Vorstellung kann beginnen! Eure Akteure Mike, Saskia, Gianmarco, Marie, Tobias und Mary

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:> krass - Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2010

Interview mit den RW N in J G r e d n e n n tI a id d n a sk g ta d Lan tsreichen

kandidieren auf aussich Verena Schäffer und Matthi Bolte im hein-Westfalen. Was für Ziele sie rdr No in g dta Lan n de für n tze Listenplä iden über die Koalitionsdebatten be die s wa d un n lle wo zen set Landtag um dem folgenden Interview. denken – die Antworten gibt es in Webredaktion: Liebe Verena, lieber Matthi, am 09.05 sind Landtagswahlen in NRW und ihr seid die KandidatInnen der GRÜNEN JUGEND. Sagt doch kurz was ihr bisher in der GJ und auch neben der GJ gemacht habt. Matthi: Ich bin seit Sommer 2002 in der Grünen Jugend aktiv. Meine Highlights aus den vielen Jahren waren auf jeden Fall die Mitarbeit am Grundsatzprogramm der GJ NRW und in der Friedenspolitischen Kommission des Bundesverbands - beides total spannende Prozesse. Bei den Altgrünen bin ich wenige Monate nach meinem Start bei der Grünen Jugend eingetreten und bin seit 2004 für die Grünen im Bielefelder Stadtrat. Verena: Ich bin 2004 Mitglied bei der GRÜNEN JUGEND Bochum geworden, habe dann im darauf folgenden Sommer eine Basisgruppe in Witten gegründet. Ende 2005 wurde ich als Beisitzerin in den Landesvorstand der GRÜNEN JUGEND NRW gewählt, seit November 2006 bin ich Landesvorstandssprecherin. Dank eines sehr guten Kommunalwahlergebnisses bin ich seit 2009 Mitglied im Rat der Stadt Witten und im Kreistag des Ennepe-Ruhr-Kreises. Neben der GRÜNEN JUGEND bin ich im Wittener Bündnis gegen Rechts und bei IDA (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V.) aktiv. Mit welchen Themen bewerbt ihr euch für den Landtag? Für welche Inhalte wollt ihr kämpfen? Verena: Ich trete mit meinen beiden Schwerpunktthemen Frauen- und Integrationspolitik an. Gerade für mich als junge Frau ist Frauenpolitik immer noch ein wichtiges Thema. Frauen werden nach wie vor in vielen Lebensbereichen diskriminiert. Die schwarz-gelbe Landesregierung hat den verschiedenen Frauenberatungsstellen in NRW den Geldhahn zu gedreht, sodass sie schließen mussten. Diese Frauen-Infrastruktur müssen wir wieder aufbauen. Außerdem will ich dafür sorgen, dass das von tradierten Geschlechterrollen geprägte Berufswahlverhalten aufgebrochen, das Landesgleichstellungsgesetz refomiert und die Finanzierung der Frauenhäuser und -beratungsstellen sichergestellt werden. Im Integrationsbereich geht es v.a. um bessere Chancen im Bildungssystem und auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Dazu gehört die Unterstützung vom Übergang von der Schule in den Beruf und die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt. Matthi: Ich bin nun schon sechs Jahre im Rat Kinder- und Jugendpolitischer Sprecher meiner Ratsfraktion und möchte diesen Bereich, besonders die Jugendpolitik, gerne auch im Landtag übernehmen. Da geht es natürlich ganz stark um die Finanzierung der Kinder- und Jugendarbeit. Rüttgers ist damals angetreten, da mehr Geld zu investieren, herausgekommen ist, dass er sogar dauerhaft 20 Millionen gekürzt hat. Außerdem möchte ich mich auf Landes-

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gen, die sie betreffen, beteiligt werden. Wenn das so umgesetzt wird, kann das weitreichende Folgen für Kommunen haben, die diese Beteiligung eben nicht durchführen. Ich hätte mir mehr Vertrauen in die politischen Kompetenzen unserer Generation gewünscht: Die Grünen fordern jetzt die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre bei der Landtagwahl, aber da wäre definitiv noch Luft nach unten gewesen! Für Menschen aus anderen Bundesländern scheint sich die NRWWahl bisher wenig um inhaltliche Themen zu drehen. Die CDU kämpft mit ihrem Sponsoring Skandal und Hannelore Kraft (SPD) hat sich in der Hartz IV Debatte verrannt. Ist das alles oder wird in NRW auch konkret über politische Alternativen diskutiert?

In NRW könnte es sowohl für Rot-Grün, Rot-Rot-Grün, die Ampel, Jamaika oder Schwarz-Grün reichen. Es ist also tatsächlich alles offen. Welche Koalition wünscht ihr euch nach der Wahl und welche Option hätte eurer Meinung am wenigsten Chancen? Matthi: Zum ersten Mal seit Jahren gibt es wieder die Aussicht, dass Rot-Grün in NRW eine realistische Option ist. Deshalb ist es auch mein Wunsch, gemeinsam mit der SPD eine Regierung zu bilden. Ich bin mir aber bewusst, dass das nicht leicht wird: Die Erfahrung vor Ort hat gezeigt, dass die sozialdemokratische Begeisterung für eine gerechte Schulreform oft an der Gymnasiumstür aufhört, und die Kohlelobby ist in der SPD ungefähr so stark wie das Hotelgewerbe bei den Liberalen. Schwarz-Grün ist aller-

ebene für eine bessere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Politik einsetzen. Mein zweiter Themenblock ist Netzpolitik, und was in dem Bereich anliegt, ist glaub ich klar: Wir müssen das Netz verteidigen gegen die Schnüffeleien von Unternehmen und den staatlichen Sicherheitswahn. Und wir müssen es öffnen, damit alle Menschen Zugang zum Internet haben - unabhängig von Alter, Bildung oder sozialem Hintergrund. Die NRW-Wahl war schon 2005 entscheidend für die Bundesebene, man denke an Schröders Vertrauensfrage und die vorgezogenen Neuwahlen. Glaubt ihr, dass eine Abwahl der Regierung Rüttgers auch zu einem schnelleren Ende von schwarz-gelb im Bund führen könnte? Matthi: Ich hoff‘s! Aber selbst wenn die Bundesregierung im Amt bleibt, entscheidet die Landtagswahl doch über die Zukunft von Schwarz-Gelb. Denn mit der Abwahl von Schwarz-Gelb in Düsseldorf kippt die Bundesratsmehrheit, sodass gerade die Lieblingsprojekte der FDP verhindert werden können: ungerechte Steuersenkungen, die Kopfpauschale und vor allem der Ausstieg aus dem Atomausstieg. Wir werden den 9. Mai deshalb auch zu einer Abstimmung über die Zukunft der Atomkraft in Deutschland machen. Verena: Ich kann mich Matthi nur anschließen, die Abwahl von CDU und FDP hier in NRW ist wegen der schwarz-gelben Mehrheit im Bundesrat wichtig. Doch langsam nervt mich die Frage nach der Bundespolitik oder gar der Bundestagswahl 2013, auch wenn ich mir der bundespolitischen Bedeutung der NRW-Wahl natürlich bewusst bin. Mir geht es erst einmal um ein gutes grünes Ergebnis und eine gute Politik für NRW. Welchen Punkt im Wahlprogramm der Grünen findet ihr besonders gut, und bei welchem Punkt hättet ihr euch weitergehende Forderungen oder andere Entscheidungen gewünscht? Verena: Wir haben als GRÜNE JUGEND NRW insgesamt 104 Änderungsanträge an den grünen Wahlprogramm-Entwurf gestellt. Vieles davon wurde aufgenommen, wie etwa das Recht auf einen Ausbildungsplatz oder den massiven Ausbau von Studienplätzen mit dem Ziel, dass jedeR BachelorabsolventIn auch einen Master machen kann. Besonders gut finde ich die Forderung nach einer Frauenquote in den Parlamenten. Schade finde ich, dass wir mit unserer Forderung nach einer Kita-Pflicht, damit es echte Chancengerechtigkeit für alle Kinder von Anfang gibt, auf dem Programmparteitag verloren haben. Matthi: Ich habe mich besonders gefreut, dass wir die Forderung nach einer Änderung der Gemeindeordnung verankern konnten, dass Kinder und Jugendliche auf kommunaler Ebene in allen Fra-

Matthi: Natürlich gibt es auch jenseits des Geschreis, das auf die Bundesebene vordringt, knallharte landespolitische Auseinandersetzungen. Wir Grüne kämpfen für ein gerechtes Schulsystem, die CDU in Gestalt von Schulministerin Sommer verteidigt das gegliederte Schulsystem mit dem Ständedenken des 19. Jahrhunderts. Wir Grüne stehen für die Abschaffung von Studiengebühren und demokratische Hochschulen, Minister Pinkwart von der FDP erklärt daraufhin zu den Bildungsprotesten: „Ein Studentenstreik kommt alle 10 Jahre mal vor“ und lässt WirtschaftsvertreterInnen an den Hochschulen entscheiden. Verena: Ein weiteres großes Thema ist natürlich die Energiepolitik. Schwarz-Gelb hat extra das Planungsrecht geändert, damit E.On in Datteln ein Großkohlekraftwerk bauen kann, einen amtlich bescheinigten Klimakiller. Wir Grüne machen uns auf den Weg ins Zeitalter der Erneuerbaren, aber dafür müssen wir die fossilen Bremsklötze endlich loswerden! Das ist natürlich auch ein schwieriges Thema mit der SPD. Dazu kommt, dass CDU und FDP an der Atomkraft festhalten. Zwar haben wir hier in NRW zum Glück kein Atomkraftwerk, aber das Atommüllzwischenlager in Ahaus, die Urananreicherungsanlage in Gronau und das Atomforschungszentrum Jülich. Wir Grüne sprechen uns klar gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke und gegen Atomkraft aus. Stattdessen müssen die Erneuerbaren stärker als bisher gefördert werden!

dings keine Alternative, keine Option, die wir Grüne wollen, denn die CDU hat NRW in den letzten Jahren so richtig vor die Wand gefahren. Schlimmer wär‘s nur noch, wir würden die FDP dazunehmen. Wir machen in manchen Städten gute Erfahrungen mit den Liberalen, aber auf der Landesebene führt uns nichts, aber auch gar nichts mit diesen Marktextremisten zusammen! Verena: Klar ist erst einmal, dass schwarz-gelb nach dem 09. Mai keine Mehrheit mehr haben wird. Alle Umfragen zeigen uns, dass die BürgerInnen eine Alternative wollen. Rot-Grün wird von beiden Parteien favorisiert. Auch die GRÜNE JUGEND NRW hat klar gemacht, dass es zwischen SPD und Grüne die meisten inhaltlichen Schnittmengen gibt. Spannend bleibt die Frage, ob die Linkspartei den Einzug in den Landtag schafft. Falls ja, kann ich mir Rot-Grün-Rot gut vorstellen. Allerdings ist unklar, ob die Linkspartei auch wirklich Regierungsverantwortung übernehmen wird. Eine Koalition mit der FDP ist so gut wie ausgeschlossen. Und auch Schwarz-Grün kann ich mir nur schwer vorstellen. Deshalb werden wir die nächsten 5 Wochen hart für eine Politikwechsel kämpfen - noch ist alles offen! Dieses Interview wurde von der Webredaktion geführt und am 08.04.2010 auf der Internetseite des Bundesverbandes veröffentlicht. Vernas Homepage: verena-schaeffer.de/ Matthis Homepage: matthibolte.wordpress.com/

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W R N r fü n la sp ft n u k u Z e n Der grü Das Gelbe vom Bio-Evoi? n Bündnis 90/ Die Grünen rogramm

Ein kritischer Blick auf das Wahlp

Mike Raschke

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ordrhein Westfalen ist ein Schatten seiner selbst geworden. In der letzten Legislaturperiode haben Rüttgers und Konsorten so ziemlich alles falsch gemacht, was man überhaupt falsch machen konnte. Kommunen und Gemeinden wurden in Rekordverschuldung getrieben, ein Schuldenberg von über 130 Mrd. € angehäuft. Soziale Einrichtungen, sowie Schwimmbäder, Kindergärten und Schulen vegetieren vor sich hin, werden dem Sparzwang geopfert, während im Bund Steuergeschenke für die Finanzierer der Mövenpickpartei die Lage noch verschärfen. Bei der Landtagswahl wird abgerechnet und die Opposition, allen voran die Grünen, haben dem schwarz-gelben Chaostrupp einiges entgegenzusetzen. Der grüne Zukunftsplan für NRW steht und zeigt, dass es auch anders geht. Doch ist er das Gelbe vom Bio-Ei?

Nur Kohle, macht eben auch nicht glücklich

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mweltschutz war in den letzten Jahren quasi nicht existent. Anstatt in erneuerbare Energien zu investieren, wurden weiterhin Milliarden an Subventionen in die Kohle-Industrie gepumpt und für Gas- und Ölimporte ausgegeben. Der Ausbau von erneuerbaren Energien? Fehlanzeige - die Energiewende wurde verpennt. Doch der Klimawandel wird kommen und die nächsten 10 Jahre werden ausschlaggebend dafür sein, wie stark er sein wird. Erfreulicherweise bietet das Wahlprogramm der Bündnis Grünen annehmbare Antworten und zeigt, wie echte nachhaltige Politik funktioniert. Mithilfe der „DreiE-Strategie“ (Erneuerbare, Effizienz und Einsparung) soll der Anteil an erneuerbaren Energien bis 2020 auf 22% steigen. Der Fokus soll dabei auf der Windkraft liegen und die Windstromproduktion verfünffacht werden. Bei den Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz steht die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) im Mittelpunkt. Gemeint ist die gleichzeitige Produktion von Strom und Wärme, die in NRW insbesondere bei den Kohlekraft-

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Der Kohle-Lobby einen Riegel vorschieben! Mehr Energie in Erneuerbare!

werken einen idealen Anwendungsplatz finden würde, jedoch nur unzureichend betrieben wird. Ohne diese Technologie, dessen Effizienz bei über 90% liegt, verkommen Kohlekraftwerke noch mehr zu gigantischen Dreckschleudern. Der letzte Punkt der „Drei-E-Strategie“, die Einsparung von Energie, soll durch energetische Gebäudesanierung gedeckt werden. Auch hier liegt die Rate derzeit bei erschreckenden 1%, was umso mehr zeigt, wie nachhaltige Politik unter Schwarz-Gelb zur Nebensache geworden ist.

Blühende Landschaften?

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rotz sinkender Bevölkerungszahl steigt der Flächenverbrauch in NRW stetig und verschlingt täglich 15 Hektar Freiraum für Siedlungen an Stadtrandgebieten, Verkehr und Industrie- immer mehr Grünflächen weichen grauen Betonwüsten. Nachhaltige Flächennutzung scheint ein Fremdwort für Schwarz-Gelb zu sein! Das Ziel der Grünen ist es, den Nettoflächenverbrauch mithilfe eines „Freiraumschutzgesetzes“ auf Null zu senken, indem eine neue Versieglung von Freiflächen nur noch dann erlaubt ist, wenn an anderer Stelle entsiegelt und begrünt wird. Das Stichwort „Begrü-

nen“ trifft es eigentlich auch auf den Punkt, denn die Realisierung von neuen Nationalparks sowie Programme wie „Grüne Stadt“ oder ein „Begrünungs-Wettbewerb“ sollen die Natur zurück in die Städte holen. Durch das Schaffen von Grüngürteln, Gärten und Parkanlagen und durch Dach-und Fassadenbegrünung soll die Lebensqualität für den (Stadt-)Menschen verbessert werden. Grüne Dächer sind auch nett anzusehen, jedoch machen sie nur wenig Sinn, wenn weiterhin der Verkehr auf der Straße die Luftbelastungen in die Höhe treibt. Heute fahren jeden Tag weit über die Hälfte der Berufspendler mit dem Auto zur Arbeit und verstopfen die Autobahnen mit kilometerlangen Staus. Die Staus werden immer länger, immer mehr Autos verpesten die Luft... Die Zeit drängt! Um dem Verkehrskollaps vorzubeugen, soll das Augenmerk der Grünen auf umweltfreundliche und soziale Mobilität durch Bus und Bahn liegen. Helfen werden dabei die Einführung eines Sozialtickets und höhere Subventionen für die Verkehrsverbände.

A, B, CDU- und raus bist DU!

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02.2010 men in einer gebührenfreien Schule für alle. So soll sie es aussehen, die grüne Schule der Zukunft, in der es auch islamischen Religionsunterricht geben soll. Trotzdem gab es auf der Landesdelegiertenkonferenz in Essen Unstimmigkeiten zwischen der Grünen Jugend und den Bündnis Grünen, als es um die Abschaffung der verkürzten Gymnasialzeit (G8) und der Einführung einer Kindergartenpflicht ging, die von der Grünen Jugend gefordert wurden und den Weg in das Wahlprogramm finden sollten. Beides wurde von den Delegierten abgelehnt. Bedauerlicherweise haben die Bündnis Grünen die Misere unseres Bildungssystems nicht ganz erkannt und somit die Möglichkeit einer echten Wende verpasst. Es war ein großer Fehler die Mentalität unserer heutigen Gesellschaft -schneller, besser, effizienter- in ein Schulsystem zu packen, denn durch G8 wird den SchülerINNEN ein ganzes Jahr ihrer persönlichen Entwicklung für immer geklaut, was oft psychische und physische Konsequenzen hat. Ist es nachvollziehbar, dass Kinder oft erst am späten Nachmittag nach Hause kommen um dann noch weitere Schularbeiten zu erledigen haben? Andere Freizeitaktivitäten (zB. GJ), die einen Ausgleich zum stressigen G8-Schulalltag darstellen sollen, bleiben dabei auf der Strecke. Angleichkurse und Nachmittagsunterricht erwecken eher den Eindruck eines FullTime-Jobs, als individuelle Förderung und Spaß am Lernen. G8 hat in der kurzen Zeit

gezeigt, dass individuelle Förderung quasi nicht möglich ist, denn die Lehrpläne, sofern überhaupt vorhanden, sind dermaßen eng gestrickt, dass kein Platz für Zusatzthemen bleibt. Gestresste SchülerINNEN und LehrerINNEN sind keine Basis für ein gutes Bildungssystem- da bringt der vom Wahlprogramm der Grünen geforderte „echte Ganztagsunterricht“ auch keine Wende. Die Mehrzahl der G8 SchülerINNEN verbringt doch sowieso schon den ganzen Tag in der Schule. Den von den Grünen geforderten Ganztagsunterricht ist mit G8, so wie es heute ist, einfach nicht möglich

Echt sozial gerecht?

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er kennt es nicht: Das „Jobwunder“ von Merkel, die es mit ihrer Politik geschafft hat, die Arbeitslosigkeit auf einen der niedrigsten Stände der letzten Jahre zu drücken. Doch dann kam die Finanzund Wirtschaftskrise und siehe da: Die Illusion des Jobwunders wich der knallharten Realität, so entfiel der Großteil auf ungesicherte Beschäftigungen im Niedriglohnbereich, die sich als wenig krisenfest und nachhaltig herausstellten. Ein Drittel aller ZeitarbeiterINNEN hat durch die Krise den Job verloren und gezeigt, dass ein Umdenken in der Arbeitsmarktpolitik absolut notwendig ist. Für die Bündnis Grünen heißt das: Her mit dem Mindestlohn für alle Beschäftigten, sofern kein höherer tariflich festgelegter Mindestlohn gilt! Arbeit soll

sich wieder lohnen und eine der Säulen grüner Sozialpolitik erfüllen, nämlich das Recht auf ein existenzsicherndes Einkommen, sowie die Chance auf gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe. Dies soll auch für alle Frauen gelten, die heute immer noch 23% weniger verdienen, als ihre männlichen Kollegen, trotz ihrer oftmals besseren Bildung. Dem wollen die Grünen einen Riegel vorschieben, z.B durch die Möglichkeit von Teilzeitausbildung junger Mütter, Weiterqualifizierungen und Umschulungen, sowie durch familiengerechtere Arbeitszeitmodelle.

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st das Wahlprogramm der Grünen nun das Gelbe vom Bio-Ei? JA! Die Antwort fällt leicht, bietet es viele Ansätze und Lösungen für die Probleme und Fragen vor denen NRW stehen wird, was auch der Grünen Jugend zu verdanken ist. Ohne sie wäre auf der LDK weniger debattiert und keine 100 Änderungsanträge diskutiert worden. Ohne sie wäre das Wahlprogramm nicht das, was es heute ist. Die Zeit ist reif für einen Regierungswechsel in Düsseldorf was gleichzeitig das Ende von Schwarz-Gelb in Berlin bedeuten würde. Denn fällt Rüttgers, hat Merkel keine Mehrheit mehr im Bundesrat. Die Zeit ist gekommen, in der ein Neuanfang stehen und die Gesellschaft über ihre Grundlagen und Ziele verhandeln muss. Es ist Zeit für GRÜN!

Die Wahl wird richtungsweisend sein- die Grünen wollen das Zugpferd in die richtige Richtung sein

ndividuelle Förderung von Anfang an für alle Kinder, ohne Selektion und zusam-

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r u o ft p m a lk h a W f u a d a rr h Fa Mit dem t dem Fahrrad!

Chancen für Schwarz-Grün

ebietsstädten Duisburg und Essen hrg Ru n de d un urg mb Ha t taa dts Was im Sta wohnerreichste und damit ein s da für ch au ld ba te nn kö , ist bereits Realität chlands gelten. einflussreichste Bundesland Deuts

Gianmarco Crapa „Ich möchte nicht mit den Grünen koalieren.“, ist von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) im „Hamburger Abendblatt“ zu lesen. „Ich möchte meine Koalition mit der FDP fortführen.“ Übersetzt heißt das so viel wie: Wenn es für die Neuauflage von Schwarz-Gelb aber nicht reichen sollte, dann kommt man gerne auf die Grünen zurück. Den aktuellen Prognosen nach (EMNID, 04.04.2010) kommen das bisherige Regierungsbündnis aus CDU und FDP auf gemeinsame 46%. Die alternative Wunschkoalition aus SPD und Grünen bekäme nur 44% der Stimmen. Sollten also die Sozialdemokraten und Teile der Grünen an ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Linken (7%) festhalten, bestünde somit keine weitere Option auf eine Regierung ohne CDU oder FDP. Neben der ungeliebten großen Koalition hätte demnach nur ein Zweierbündnis die Mehrheit im Landtag: Schwarz-Grün.

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RW-Grünen Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann macht im Gegensatz zum Ministerpräsidenten keinen Hehl daraus, dass diese Option tatsächlich besteht. „Wenn es für Rot-Grün nicht reicht, ist Schwarz-Grün eine mögliche Zweitoption.“, lässt sie im Focus wissen. Für den Moment schien Sylvia Löhrmann offensichtlich das Zukunftspro- Sylvia Löhrmann:“Wenn es für Rot-Grün nicht reicht, gramm vergessen zu haben, wir als grüne ist Schwarz-Grün eine mögliche Zweitoption.“ Bewegung Nordrhein-Westfalen von nun an gestalten möchten. Hier geht es uns um die Umgestaltung des „überholten, so- den. Es geht uns darum, für die Vielfalt aus zial ungerechten und leistungsfeindlichen „verschiedenen Religionen und WeltanBildungssystems“. Es geht uns um eine schauungen ebenso wie unterschiedlichen „ökologisch-industrielle Revolution“, in Hautfarben, ethnischen Zugehörigkeiten, der durch massive Investition sichere Ar- sexuellen Orientierungen und Familienbeitsplätze beispielsweise im Bereich der formen“ einzutreten. Zusammengefasst erneuerbaren Energien geschaffen wer- handelt es sich hierbei letztlich um das ge-

naue Gegenteil von dem, was „Kinder statt Inder“-Rüttgers mit seiner Regierungsmehrheit die letzten fünf Jahre umsetzte. CDU und FDP versagten, zum Beispiel auch durch zweifelhafte Kürzungen im Bereich der Energie- und Umwelt und sehen ihre Fehler und falschen Schwerpunktsetzungen nicht einmal ein.

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s ist fraglich, ob die CDU für einen möglichen neuen Koalitionspartner eine 180° Wende vollzieht. Viel mehr könnte man davon ausgehen, dass den Grünen in einem Koalitionspapier einige kleine Zugeständnisse gemacht würden, die an der Grundausrichtung des bisherigen Regierungshandelns aber wenig ändern würden. Denkbar wäre hier beispielsweise die Abschaffung der Studiengebühren, was uns natürlich auf den ersten Blick gefallen würde. Dies würde aber nur eine kosmetische Veränderung bedeuten, falls nicht auch das restliche Bildungssystem entscheidend umgestaltet werden sollte. Das gemeinsame Lernen bis zum Ende der Pflichtschulzeit, die deutliche Stärkung der Ganztagsschule und die Rücknahme des Drucks durch das Turbo-Abitur sind Punkte, die bei Barbara Sommer (Bildungsministerin) und ihrer CDU auf starke bis sehr starke Ablehnung treffen würden. Die Chancen für Schwarz-Grün stehen also schlecht, sollten die Christdemokraten noch nicht reif für ein modernes NRW nach unseren Maßstäben sein. Dann sollten sich die Grünen vielleicht besser auf ihre erfolgreiche Oppositionsarbeit konzentrieren und dort warten, bis sich die Mehrheitslage zu Gunsten einer neuen inhaltlichen Programmatik entwickelt. Wenn Grüne das Zepter in die Hand nehmen, dann bitte richtig – denn regieren um jeden Preis haben andere nötig, Grüne nicht.

pfmotto diesmal mi

am „fight for your right“ ... das Wahlk

Marie Dazert

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ie ganzen Osterferien 2010 waren unsere beiden SpitzenkandidatInnen Verena Schäffer und Matthi Bolte mit dem Fahrrad unterwegs, quer durch NRW. Unter dem Motto „bike for your right“ ging es von Basisgruppe zu Basisgruppe, um den Landtagswahlkampf einzuläuten. Zusätzlich zu den beiden KandidatInnen und Sabri Wittland, der als Praktikant der GJNRW die Tour organisiert hatte, war ein wechselndes Team mit unterwegs, welches aus Mitgliedern des Landesvorstandes und des Wahlkampfteams bestand. Die RadfahrerInnen setzten mit ihren GJ-Fahnen unterwegs ein deutliches Zeichen für ihren klimafreundlichen Wahlkampf auf der

Wahlkampf bei Wind und Wetter!

Tour. Am 29.03.10 ging es in Düsseldorf los, stehen dafür, dass die Bildungspolitik in über Neuss, Moers, und Oberhausen nach NRW ein reines Glücksspiel ist, in dem die Essen, nach einer Osterpause dann am 6. Herkunft und das Einkommen der Eltern 04. 10 weiter, von Königswinter über Eus- über den Schulabschluss junger Menschen kirchen und Köln, Herne, Witten, Menden, entscheiden. Floris aus dem WahlkampfHamm, Bielefeld und Oelde nach Münster. team, der in der zweiten Woche mit unterDie Nächte verbrachte das Team in diver- wegs war, fasst das ganze so zusammen: sen Grünen-Büros oder junggrünen Wohn- „Super Leute, viel Spaß, super Aktionen: zimmern. In Witten wude die Truppe sogar Kurz das absolute Highlight der Semesvon einem Kamerateam von RTL besucht, terferien.“ Und Sabri selber hat auch nur wir sind gespannt auf den Fernsehauftritt! positive Erfahrungen gesammelt: „Bike for Vor Ort wurde dann mit der entspre- your right hat von Anfang bis Ende einfach chenden Basisgruppe ein Infostand aufge- nur Spaß gemacht. Zwei Wochen, ein paar baut und eine Aktion zur Bildungspolitik hundert Kilometer, viele Diskussionen mit durchgeführt: Entweder wurde das Bil- interessanten Leuten und die Hoffnung dungsglücksrad gedreht, oder die Passan- auf ein gerechteres, sozialeres und ökolotInnen konnten auf einem großen Spielfeld gischeres NRW!“ Bildungsmonopoly spielen. Beide Spiele

Eine kleine Stärkung vor dem Bildungsglücksrad

Bildungsmonopoly in Bielefeld

Infostand in Hamm

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Die Hand am falschen Fleck

erschlagen mit neuen Fällen üb n die Me die h sic n be ha en ch In den letzten Wo warum dern – wo liegen die Gründe und Kin an ch rau ssb Mi m lle ue sex n vo das Dickicht etwas zu sortieren. ch rsu Ve Ein s? rau t ers zt jet es all kommt

Lisa-Marie Kühn

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edes Jahr in der Vorweihnachtszeit gibt es in Fernsehen, Zeitungen und Magazinen einen sogenannten Jahresrückblick. Wir kennen es alle. Und so sicher es ist, dass die Medien auch im Dezember 2010 wieder fleißig zurückblicken werden, so sicher ist es auch, dass darin ein Thema nicht fehlen wird: Das Bekanntwerden der unzähligen Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Noch sind wir mittendrin im Aufdecken und Diskutieren. Es geht um die katholische Kirche und die Frage danach, inwiefern das Zölibat Schuld ist. Doch nicht nur die Kirche steht im Blickpunkt, auch immer mehr Fälle von Reformschulen werden bekannt. In unzähligen Fernsehsendungen und Talkrunden melden sich nun „Experten“ unterschiedlichster Lager zu Wort, erzählen Betroffene nach über mehreren Jahrzehnten des Schweigens nun ihre Geschichte und hacken alle auf allen herum. Dabei ist es teilweise schon mehr als schockierend, mit was für banalen Begründungen versucht wird, solche Fälle zu rechtfertigen. So sagte die Schriftstellerin Gabriele Kuby (überzeugte Katholikin) in einer Ausgabe der Sendung „Menschen bei Maischberger“ dass die Grünen forderten „die einvernehmliche Sexualität von Erwachsenen und Kindern (unter 14 Jahren)“ müsse entkriminalisiert werden. Damit griffen die Grünen und Homosexuellenverbände die Propaganda der 68er und der sexuellen Revolution auf, die mit Schuld an den ganzen Verbrechen seien. [Ich habe Frau Kuby per Mail um eine Stellungnahme gebeten, woher sie denn diese Information nehme – eine Antwort blieb bis jetzt aus.] Damit unterstützt sie die Äußerungen des Augsburger Weihbischofs Walter Mixa. Dieser wird wiederum beschuldigt, Kindern gegenüber in den 70er Jahren gewalttätig geworden zu sein.

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arum, in welcher Häufigkeit und durch wen sexuelle Übergriffe auf Kinder vor den 68ern stattfanden, lässt sich schwer bestimmen. Eine These kann aber sicher sein, dass es einfach eine Zeit

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war, wo solche Dinge ein großes Tabu waren. Außerdem haben auch die Kinder sich im Laufe der letzten Jahre emanzipiert und das Machtverhältnis zwischen Kind und Lehrer/ Priester/ Verwandtem hat sich verringert. Auch ist eine Errungenschaft dieser Bewegung sicher, dass man über Sex an sich überhaupt reden darf. Und dass auch Homosexuelle allmählich immer mehr Rechte bekommen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie Schuld sind am sexuellen Missbrauch von Kindern (zumal in der katholischen Kirche)! Zu den Fällen in der katholischen Kirche gibt es unterschiedliche Thesen. Die Einen sagen, dass sich nur jene an Kindern vergreifen würden, die auch pädophil seien, Zölibat hin oder her. Manche hätten vielleicht durchaus ein Verlangen nach Sex, würden dies aber nicht durch Übergriffe auf Kinder befriedigen. Andere jedoch meinen, dass es schlichtweg egal sei, ob die Sexualität mit einem Kind oder Erwachsenen ausgelebt wird, wenn das Verlangen nur groß genug. Hinzu komme das ungleiche Machtverhältnis zwischen Täter und Opfer und dessen Wehrlosigkeit, ein weiterer Reiz für die Täter. Was davon letztendlich der Wahrheit entspricht lässt sich nicht sagen. Ein Artikel in wikipedia jedoch („sexueller Missbrauch von Kindern“, Stand: 14.03.2010) befasst sich mit der Tätertypologie. So seien „nach vorsichtigen Schätzungen“ 90% der Täter solche, deren „primäre sexuelle Präferenz auf Erwachsene gerichtet“ sei. „Aufgrund der leichten Verfügbarkeit von Kindern greifen sie zur sexuellen Befriedigung auf Kinder zurück. Man spricht deshalb auch von einem Ersatzobjekttäter.“ Das würde im Umkehrschluss in Bezug auf die katholische Kirche bedeuten: Wäre das Zölibat nicht und könnten die Priester „ganz normal lieben“, müssten sie sich nicht an Kindern vergreifen. Zwar wissen wir noch nicht, was in den nächsten Wochen und Monaten noch ans Licht kommt. Doch das würde auch die Frage beantworten, weshalb nur Fälle der katholischen Kirche und nicht der evangelischen bekannt geworden sind. Das Thema an sich ist schwer zu erfassen. Psychologen, Pädagogen, Philosophen,

Theologen… sie alle haben unterschiedliche Theorien und Herangehensweisen. Ebenso lässt sich nur schwer abschätzen, wie viele Übergriffe es gab und gibt. Relativ einheitlich gehen unterschiedliche Schätzungen davon aus, dass etwa jedes fünfte Mädchen mindestens einmal Opfer von sexuellem Missbrauch wird. Bei der Zahl von Übergriffen auf Jungen gehen die Schätzungen weit auseinander. Manche Quellen gehen davon aus, dass es etwa jeden sechsten Jungen trifft, andere sprechen von jedem achten bis zehnten, wieder andere von jedem zwölften Jungen. Zusammenfassend können wir sagen, dass rund 20% aller Mädchen und etwa 12% aller Jungen (unter 14 Jahren) Opfer von sexuellem Missbrauch werden. Beim Betrachten dieser Zahlen wissen wir auch: es kann dich betreffen, mich, unsere Geschwister oder besten Freunde. Das Reden darüber fällt schwer.

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in und wieder war in den vergangenen Jahren mal bekannt geworden, dass irgendwo ein Sportlehrer sich an seinen SchülerInnen vergriffen hat. Er wurde angezeigt, suspendiert und man hat nichts mehr davon gehört. Jene Fälle, die nun aus Schulen bekannt werden, haben ein anderes Ausmaß. Es handelt sich um Reformschulen wie etwa die Odenwaldschule. Dort leben die Lehrer mit sechs bis zehn Schülern zusammen wie Familien. Und so wie die Mädchen und Jungen zusammen duschen, tun es auch die LehrerInnen mit den Schülern und Schülerinnen. Offenbar bot dies einigen Lehrern Gelegenheit sich an ihren Schützlingen zu vergreifen. Hier stellt sich erst recht die Frage nach dem Warum, zumal es hier kein Zölibat gibt. Und nicht „nur“

von sexuellen Übergriffen ist die Rede, sondern auch von Gewalt, Drogen und Alkohol. Auch wenn die Debatte durch die Fälle innerhalb der katholischen Kirche ins Rollen gekommen und durch die Fälle an Schulen vergrößert worden ist, so muss man

doch immer noch festhalten: Die meisten Übergriffe passieren im familiären Umfeld. Jeder, der sich an Kindern vergehen will, findet eine Möglichkeit dazu. Und sexueller Missbrauch beginnt nicht erst mit einer Vergewaltigung, sondern schon mit Anfassen und Streicheln. Die Opfer werden

teilweise selbst zu Tätern und so setzt sich die Kette fort. Es liegt an uns allen hinzuschauen und einzugreifen - lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Denn es geht auch um uns, unsere Gesellschaft und nachfolgende Generationen.

Was bringt uns Religionau?f Religion treffen kann,

mer und überall Neben der Tatsache, dass man im sellschaft überhaupt leistet. Ge e ser un d un s un für sie s wa , stellt sich die Frage finden. Ein kurzer Versuch, es heraus zu Gianmarco Crapa „Sie ist das Opium des Volkes.“, lautet Karl Marx‘ berühmte Antwort auf diese Fragestellung. In seinem Werk „Kritik an der Hegelschen Rechtsphilosophie“ beschreibt Marx den Charakter von Religion als Spiegel gesellschaftlicher Missstände. Alle irdischen, also immanenten Probleme, wie Armut, Krieg, Leid, oder die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten, werden durch Religion benannt und zum Teil scharf kritisiert. Statt aber eine Veränderung der irdischen Verhältnisse zu bewirken, verstärkt sie die von ihr selbst angeprangerten Zustände, indem sie die Lösung aller Probleme auf eine Ebene der Transzendenz verlagert. Im Jenseits werden Kriege, Armut und Leid beseitigt sein, verheißt die frohe Botschaft. So wirkt die Religion als Betäubungsmittel. Statt sich gegen die schlechte Herrschaft aufzulehnen, nimmt sie diese als befristetes, immanentes Übel hin. Karl Marx sieht in der Religion also eine Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Er prophezeit ihr, im weiteren Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung und der immer stärker werdenden Ausbeutung der Arbeiterklasse, ihren Niedergang. Das Opium würde nicht auf ewig wirken. Der Soziologe Niklas Luhmann hingegen, beschreibt in seinem Buch „Die Religion der Gesellschaft“ die Religion als funktionales Teilsystem der Gesellschaft. Demnach erfüllt die Religion, genau wie die Politik, die Wirtschaft, das Recht, die Wissenschaft, die Massenmedien oder die Kunst, als Teilsysteme der Gesellschaft eine spezifische Funktion, die sie von den anderen Teilsystemen unterscheidbar macht. Im System der Religion wird demnach nicht über wahr oder unwahr entschieden – das wäre in modernen Gesellschaften Aufga-

„Die zu Stein gewordenen...“

be der Wissenschaft – sondern die Unterscheidung zwischen Diesseitgem und Jenseitigem getroffen. Die verschiedenen Religionsansichten füllen diesen Kontext auf ihre Art und Weise aus, aber für alle anderen Teilsysteme der Gesellschaft spielt die Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz keine Rolle. Die Funktion der Religion der Gesellschaft muss sich nach Luhmann ständig aufs Neue suchen. „Religion garantiert die Bestimmbarkeit allen Sinnes gegen die miterlebte Verweisung ins Unbestimmbare.“ Das was durch die Sicht von der Ebene der Immanenz her als Unsinn erscheint, bekommt durch die Schaffung der Transzendenz, eines Beobachters des Unbeobachtbaren, einen Sinn. Dieser Beobachter des Unbeobachten wird dann von den verschiedenen Religionsansichten mit göttlichem Inhalt gefüllt. Die Gesell-

schaft benötigt diesen Sinn und somit hat die Religion ihre Funktion. Luhmann ist es dabei egal, von welcher Religion konkret die Rede ist, wichtig ist nur das System Religion an sich. Dabei geht es nicht darum, dass einzelne Individuen die Religion als besonders wichtig einstufen, genau so wenig wie es der Politik wichtig ist, dass sich einige als unpolitisch bezeichnen.

F

estzuhalten bleibt - wer auch immer von Marx bis Luhmann und Co, mit seiner Analyse, von dem was uns Religion bringt, Recht haben möge - dass es wichtig ist, welchen Platz wir selbst der Religion in unserem Leben verschaffen. Religiosität kann unser Denken und Handeln beeinflussen und somit unser Leben verändern, egal um welche Form es sich dabei handelt. Das religiöse Glauben oder Nichtglauben an etwas oder eine Person sollte als Bereicherung des eigenen Lebens und der ganzen Gesellschaft aufgefasst werden. Denn klar ist auch, dass die Vermischung von Religion und Politik in der ganzen Welt bereits für unzähliges Leid und Ungerechtigkeit gesorgt hat – das muss und sollte so nicht sein.

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Grün vs. kirchliches Engagement

noch n Konservativen ja hin und wieder de i be ll so iv akt sch liti po d un h Kirchlic che und Grüner Jugend nicht zwei Kir i be n ge ge hin n ße sto er ab , vorkommen Welten aufeinander?

Gianmarco Crapa

A

ids? Das ist doch kein Problem. - Die Menschen auf der Welt sollen sich aber bitte nur zur innerehelichen Reproduktion paaren, der Rest ist Sünde. Und Sünden werden gestraft. Frauen? Sicher gute Mütter...es wird sich ja jemand etwas dabei gedacht haben, aus der Rippe Adams einen weiteren Menschen geformt zu haben. Homosexuelle? Bestenfalls vom „rechten Pfad“ abgekommen und natürlich im Normalfall pädophil. Schwangerschaftsabbruch? Mord – in allen Fällen. Zölibat? - Zölibat! Es mag mittelalterlich wirken, doch nicht nur die prächtigen alten Gotteshäuser sind der Kirche aus jener Vergangenheit erhalten geblieben, die wir heute noch gerne als „dunkel“ bezeichnen. Viele der Ansichten sind es immer noch. Vor al-

lem die römisch-katholische Kirche hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung in Europa in einigen Punkten weit hinterher. Wahrscheinlich würde der Papst viele der überspitzt dargestellten Standpunkte so oder so ähnlich unterschreiben. Doch wer die erzkonservativen Ansichten des Vatikan mit denen der ganzen Kirche gleichsetzt macht dennoch einen Fehler. So gibt es Tendenzen, wie die immer stärker werdende Kirchenbewegung „Wir sind Kirche“, hin zu einem neuen (Selbst-) Bewusstsein der katholischen Gemeinde. Toleranz und Offenheit sind ihnen wichtig geworden und so zwingen sie ihre Kirche in Bewegung zu kommen.

D

ie evangelische Kirche hat es da etwas leichter bei den jungen Menschen von heute. Weder verhütet sie Frauen als Pfarrerinnen, noch Verhütungsmittel. Sie

wirkt moderner und frischer, auch wenn ein bitterer Nachgeschmack bleibt, wenn eine angesehene Bischöfin, ein paar Tage nachdem sie Kritik am deutschen Bundeswehreinsatz in Afghanistan übte, angetrunken hinter ihrem Lenkrad erwischt wurde. Umgehend trat sie von ihrer Position zurück. Bei aller Kritik an dem, was diejenigen an den kirchlichen Spitzen sagen, machen oder lassen, gibt es auch hier eine Basis. Hier gibt es viele Menschen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen als Teil der Gemeinde sehen und das Bild ihrer Kirche mitgestalten wollen. Diesen Typ Menschen gibt es auch hier bei uns – in der Grünen Jugend. Warum junggrün und kirchlich engagiert zu sein, kein Paradoxon, sondern genau richtig so ist, erklären sie uns hier selbst.

02.2010

, it e rb a e d in e m e G d n u d n e g Grüne Ju geht das? igiöses

d auch Menschen, die rel en ein sch an W NR d en Jug en ün Gr Es gibt in der können. Hier kommen sie zu n are nb rei ve er nd na tei mi nt me und grünes Engage Wort. Marie Dazert Annika, 17, evangelische Jugendarbeit und in der GJ:

gen finden sich auch schon in den Evangelien. Jesus wollte selbstdenkende Menschen, die ihr Leben Gott aus eigener Entscheidung übergeben- und deshalb kann es auch diejenigen geben, die lieber nicht glauben. Aufklärung, wie sie auch bei den Grünen geschieht, kann ich in diesem Sinne also auch nur begrüßen.“

„Meiner Meinung nach, lässt sich mein Glaube und die Grüne Jugend sehr gut miteinander kombinieren. Zum Beispiel wird in den Gottesdiensten zu sozialem und umweltbewusstem Verhal- Hasret, 29, gläubige Muslimin und bei den Grünen: ten aufgerufen. Ich sehe keinen Konflikt mit den Prinzipien der Grünen, im Gegenteil vereinen sie sich sehr gut.Wir sollen die „In einer Gemeinde habe ich mich bisher zwar nicht aktiv einSchöpfung bewahren, dafür will ich auch mit den Grünen eintre- gebracht, aber meine Religion ist - nicht nur durch die tägliche ten. Außerdem sind ChristInnen dazu verpflichtet, einander zu Praxis - ein zentraler Bestandteil meines Lebens. Daher bemühe vergeben und keine Kriege zu führen: Typisch Grün. Im Kirchen- ich mich auch in meinem politischen Engagement um die Gleichkreis bin ich gerade dabei, einen interreligiösen Austausch auf- stellung der islamischen Religion mit anderen, setze mich aber zubauen, der dazu dienen soll, Barrieren zwischen MuslimInnen unabhängig davon auch für Frauenpolitik und Migrationspolitik und ChristInnen zu brechen. Dieser Gedanke wird auch von den ein. Die Vorstellung, dass Religiosität und politisches Engagement Jungen Grünen unterstützt.“ in der Grünen Partei sich gegenseitig ausschließen würden, finde ich zu kurz gedacht. Es ist zwar richtig, dass Religion und Staat Judit, 16, katholische Jugendarbeit und in der GJ: zu trennen sind, doch hat unsere Gesellschaft in der Vergangenheit häufig von der Kooperation profitiert. Denn letztlich ist das „Seit dem Sommer 2009 leite ich zusammen mit einer Freundin Grundmotiv sowohl von Religion als auch von Politik die Dinge und einem Freund eine Jugendgruppe in unserer Gemeinde. Viele gut oder zumindest besser zu machen, als sie sind.“ Menschen verbinden mit Jugendarbeit in der Kirche konservative MessdienerInnen, die an ihrer Wand das Vaterunser neben einem Anna, 25, studiert katholische Theologie, Judaistik und IslamwisFoto vom Papst hängen haben. Doch wer einmal Jugendarbeit in senschaften: der Gemeinde erlebt hat, verabschiedet sich von diesem Vorurteil. Es geht vor allem darum, Gemeinschaft zu erleben und neue „Ich bin aus tiefer Überzeugung bei den Grünen und genauso überErfahrungen zu sammeln. JedeR kann glauben, was er oder sie zeugt katholisch. Für Themen wie soziale Gerechtigkeit, Frieden, möchte, wir missionieren niemanden. Sowohl in der Grünen Ju- Bildungsgerechtigkeit, oder die Bewahrung der Schöpfung durch gend als auch in unserer Gemeinde begegne ich ständig neuen die Förderung von ökologischer Landwirtschaft und erneuerbaren Vorurteilen. Die Grünen werden zu den naiven Öko-Hippies de- Energien setze ich mich auch aus religiöser Überzeugung ein. Nagradiert und diese Öko-Hippies sehen die anderen wiederum als türlich gibt es inhaltliche Konfliktfelder, wo ich entweder meiner engstirnige GlaubensfanatikerInnen. Eigentlich schon fast traurig, Kirche oder meiner Partei näher stehe, aber im Großen und Ganschließlich haben diese beiden Gruppen große Gemeinsamkeiten zen kann ich das sehr gut miteinander vereinbaren. Und auch das in ihren Ansichten und Idealen. Beiden setzen sich z.B. für soziale Feedback darauf ist in Kirche und Partei ziemlich positiv.“ Gerechtigkeit lokal und global und in Sachen Umweltschutz ein. Ich selbst habe erlebt, dass grüne Gedanken durchaus in der Kirche ihren Platz finden können. An Weihnachten haben wir statt dem traditionellen ‚Marie-Josef-Kind-Ochse-Esel‘ Krippenspiel eine gesellschaftskritische Version, die die Einstellung vieler ChristInnen verurteilt, aufgeführt und -oh Wunder!- den (im Durchschnitt 50-60 Jahre alten) KirchgängerInnen hat es gefallen.“ Anna, 15, „Vollblutkatholikin“ und in der GJ:

Weltjugendtag – Bonn Hofgarten

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„Gläubige Christin und Grün - das schließt sich bei mir alles andere als aus ! Als Jesusnachfolgerin zog es mich zu den Grünen wegen den Inhalten. Ich glaube, dass mit den Zielen der Grünen Jesu Botschaft am meisten ausgeführt werden kann. Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Umweltschutz, Umstieg auf erneuerbare Energien, gleiche Bildung für alle, Basisdemokratie... All das trägt zu einer Gesellschaft von mündigen Bürgern bei, die ihr Leben selbst bestimmen können. Vieles von diesen Forderun-

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en ch is m la is s e in e g n ru h fü in E – a tr Con Feiertages in Deutschland es

n e ch is m la is s e in e g n ru h fü in E – Pro Feiertages in Deutschland utschland ein

die einfache Einführung ein rch du ihn als er, lex mp ko ist ikt Der Konfl rterung über Säkularisierung und Erö ine kle e Ein . en nn kö zu en Feiertages lös Schwarz-Weiß-Denken.

iertag aller Religionen in De Vielleicht wäre ein universeller Fe ng. erster Schritt in die richtige Richtu

Benjamin Zimmermann

sicherlich nicht sinnvoll. Doch die Einführung eines muslimischen Feiertags für alle muslimisch gläubigen Deutschen wäre eine längst überfällige Einsicht, die mehr oder weniger lautet: Wir akzeptieren den Islam in Deutschland als Religion. Ein Feiertag an dem, wie an einem christlichen Festtag, alle Muslime nicht arbeiten müssten und SchülerInnen auch nicht in die Schule müssten.

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mmer wieder entflammt der Streit, ob in Deutschland ein muslimischer Festtag als Feiertag eingeführt werden soll. Grünen-Politiker Ströbele spricht sich für eine solche Einführung aus: „Ein gesetzlicher Feiertag wäre ein gutes Zeichen, dass wir den Islam als Weltreligion ernst nehmen“ so Ströbele. Er fordert damit, dass der muslimische Festtag in Deutschland wie ein christlicher Feiertag gehandelt werde. Doch ist es wirklich so sinnvoll einen neuen Feiertag einer anderen Religion als der christlichen für alle Deutschen einzuführen? Nein, meint die türkisch stämmige SPD-Polikerin Lale Akgün. Es gebe Regelungen in den einzelnen Bundesländer zu den muslimischen Feiertagen und die seien komplett ausreichend. In NordrheinWestfalen kann sich ein(e) SchülerIn, egal welchen Glaubens, zwei Tage an einem hohen Feiertag seiner Religion von der Schule befreien.

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un gibt es in der Politik oft die Ansicht es gebe nur ein Ja oder Nein. Entweder man führt einen Feiertag komplett für alle in Deutschland lebenden Menschen ein oder man macht es eben nicht. Doch muss man immer diese “extremen“ Positionen einnehmen? Gibt es denn nichts dazwischen? Einen muslimischen Festtag als deutschen Feiertag zu etablieren wird wahrlich schwer und ist auch gar nicht so sinnvoll. Man sollte einen muslimischen Feiertag einführen, weil der Islam die zweitgrößte Religion in Deutschland ist. So wird mancher für die Einführung argumentieren. Und es stimmt, in Deutschland leben 4 Millionen deutsche Muslime, aber 78 Millionen deutsche Bürger mit einem anderen Glauben oder gar keiner Konfession. Deswegen ist die Einführung für alle

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och nun gibt es auch noch mehr Religion als das Christentum und den Islam in Deutschland. Wir basieren auf einer christlichen Kultur, deswegen haben wir auch christliche Feiertage. Der muslimische Feiertag wäre ein Zeichen dafür, dass Deutschland diese Religion anerkennt und auch die Imigration fördert. Doch dann hätten auch die anderen Religion, sowie der jüdische Glaube oder der Buddhismus ihr Recht auf Feiertage. Sollte man also einen Feiertag der Weltreligionen einführen? Als zu oberflächlich könnte man diese Geste bezeichnen. Deutschland mache es sich zu einfach damit. Doch so verkehrt ist die Idee nicht. Damit würde Deutschland ein Zeichen setzen. Ein universeller Feiertag aller Religionen in Deutschland wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dass das keine endgültige Lösung, sondern nur ein erster Schritt wäre, muss aber auch bewusst bleiben. Außerdem könnte man einen Anfang setzen, mit einem Gesetzesentwurf, der sich dafür ausspricht SchülerInnen anderer Religionen an ihren Festtagen frei zu geben, so wie es das Gesetz auch schon in Nordrhein-Westfalen gibt.

Marie Dazert

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s ist Ostermontag- ich sitze an meinem Laptop- die Geschäfte haben zu: Feiertag. Allgemeiner deutscher Feiertag, und zwar ein christlicher. Genauso: Karfreitag, Ostersonntag, Pfingstsonntag und Pfingstmontag, Christi Himmelfahrt und die Weihnachtstage. Und auch Fronleichnam, Allerheiligen und Gründonnerstag sind in manchen Teilen Deutschlands freie Tage. Und warum? Jesus ist geboren, Jesus ist gestorben, Jesus ist auferstanden, Jesus ist in den Himmel aufgefahren und Jesus ist in Flammen wieder herunter gekommen. Und dafür haben wir frei. Alle. MuslimInnen, ChristInnen, BuddhistInnen, sowie alle ungläubigen Menschen bzw. AnhängerInnen anderer Religionen, die in

Benjamin Zimmermann 16 und Schüler in Düsseldorf, sympathisiert mit der Grünen Jugend und macht in der :>krass seine ersten Schreibversuche

Schulfrei?!

Deutschland leben, haben frei. Staatliche Einrichtungen und Schulen sind geschlossen, Busse und Bahnen fahren nur noch im Sparprogramm, die Läden sind zu und die Menschen (die nicht in sozialen Pflegeeinrichtungen oder der medizinischen Notversorgung beschäftigt sind) haben frei.

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leichzeitig müssen die vielen, vielen muslimischen Kinder, die in Deutschland zu Hause sind, jedoch am Tag des Opferfests in die Schule gehen, wenn sie sich nicht extra von ihren Eltern davon befreien lassen und den Stoff nachholen. Diese Ungerechtigkeit kann in einem Land, in dem Staat und Kirche voneinander getrennt sind, nicht mehr lange aufrecht erhalten werden. Natürlich wäre die Einführung des muslimischen Opferfestes als gesetzlicher Feiertag ein großer Schritt zum interkulturellen Dialog, jedoch glaube ich nicht, dass es damit getan ist. Ein einziger Feiertag für MuslimInnen und 9-13 (von Bundesland zu Bundesland variierend) für die christlichen Deutschen? Natürlich könnten auch einfach alle religiösen Feiertage insgesamt abgeschafft werden, und als normale Arbeitstage wieder eingeführt werden. Beispielsweise die freien Tage an Christi Himmelfahrt oder Pfingsten werden sowohl von den ungläubigen Menschen, als auch von vielen ChrisInnen, nur als „freie“ Tage gesehen, da die Feste, außer in den Gottesdiensten, für gewöhnlich nicht zelebriert werden. Wenn die Regierung nun alle Feiertage abschaffen würde, die in irgendeiner Weise mit einer Religionen zu tun haben, wäre der Protest jedoch natürlich groß. Und immer nur den wirklich Feiernden ihren Tag frei zu geben wäre ebenfalls ein sehr, sehr umständliches Verfahren. Außerdem ist dann wieder fraglich, welche Religion überhaupt als solche anerkannt wird, denn genau genommen könnte dann auch eine Sekten,oder Weltanschauungsgruppe sich ihre Feiertage zurecht legen und genehmigt

bekommen. Das konservative Contra-Argument gegen die Einführung von Feiertagen anderer Religionen wäre natürlich nicht zum ersten mal: „Deutschland ist ein christlich geprägtes Land!“ Dazu kann ich jedoch nur sagen: „Ja, und?“, denn die Vergangenheit eines Staates hat zwar in den meisten Fällen mit Religion zu tun, aber in einer modernen und heterogenen Gesellschaft und Kultur wie unserer, darf die Religiosität nicht mehr einen solch hohen Stellenwert haben, wie es im Moment (noch) der Fall ist. Zum Beispiel auch die Vergabe von Altenpflegeplätzen, ErzieherInnenstellen und anderen sozialen Berufen in Abhängigkeit der Religionszugehörigkeit ist eigentlich eine Sache, die nicht mehr in unsere heutige Zeit passt. Trotzdem darf mensch diejenigen dann aber auch wieder nicht vergessen, die im Moment ihre Feste, wie beispielsweise Pfingsten und Ostern, feiern. Der plötzliche Wegfall eines freien Tages würde nicht gern gesehen sein, von keinem Bürger und keiner Bürgerin. Das System der Feiertage ist quasi von Grund auf verkehrt, kann aber nicht so einfach verändert werden. Dazu kommt, das Feiertage wie Ostern und vor allem auch Weihnachten mittlerweile auch von vielen ungläubigen Menschen gefeiert werden. Die Vorstellung wäre komisch, wenn wir an Weihnachten auf einmal alle wieder arbeiten würden oder in der Schule sitzen. Auch wenn die Ferien Osterferien und Weihnachtsferien heißen wären sie aber dennoch regelmäßige freie Zeiten, die nur „zufällig“ um christlichen Feiertagen herum angesetzt sind. Jedoch ist sogar am orthodoxen Weihnachtstag regulär Unterricht in NRW. Insgesamt bin ich mit einer christlich geprägten Ordnung von Feiertagen auch nicht zufrieden, eine Änderung muss sehr schnell her, jedoch nicht durch das einfache Einführen eines muslimischen Feiertages. Der Konflikt ist komplexer, als ihn damit lösen zu können.

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wählt? Hätte Jesus Grün gehte n des Frühzeithippies

Maxi Muster – Der alte Mann und der Islam Maxi Muster

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ie jeden Tag saß ich, auf dem Weg in das Stadtzentrum, in der Bahn und schlürfte meinen allmorgendlichen Cappuccino, der mich das Übel in dem hoffnungslos überfüllten Abteil ein bisschen mehr besser ertragen ließ. Doch wenn der Zug dann auch noch einige Minuten Verspätung hat (was übrigens keine Seltenheit ist und an diesem Morgen der Fall war), so kann mensch wohl nicht von einem „guten Start in den Tag“ reden... Auf jeden Fall

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bschiebung? Hat der Mann wirklich von Abschiebung geredet? Sofort dachte ich an meinen alten Schulfreund Murat, an seine Abschiebung aus Deutschland, wie er mit anderen zusammen seine Heimat verlassen muss, nur weil er eine andere Hautfarbe oder Religion hat. Doch genauso schnell hasste ich mich für diesen Gedanken, schämte mich dafür, überhaupt nur eine Sekunde daran gedacht zu haben. Irritiert versuchte ich mich abzulenken, indem ich eine Zeitung las, doch die Schlagzeilen, die mir förmlich in‘s Auge sprangen,

war mir noch vieles fremd. Das Innere der Moschee übertraf das ohnehin schon beeindruckende Äußere des Gotteshauses, mit den Minaretten und der Kuppel, bei Weitem. Murat erzählte mir, das so eine große Moschee leider eine Seltenheit in Deutschland sei und sogenannte Hinterhofmoscheen der Regelfall seien. Ich empfand die große Moschee mit ihren Minaretten schon damals nicht als Fremdkörper in der Stadt, sondern eher als schönes Gebäude. Es bereichert die Kultur- und Gebäudevielfalt und bietet dem großen Anteil von Muslimen unter der Bevölkerung ein schönes Gotteshaus. Dass sich so viele an ihrem Anblick störten, konnte ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Genauso wenig verstehen kann ich Politiker, die den Islam „willkommen heißen“- ist er nicht schon seit Jahren in Deutschland zuhause?

A

Shiva Shakti Hindu Tempel, Zanzibar Town

saß ich an diesem Morgen neben einem etwas älteren, griesgrämig hereinblickenden Mann, den die laute Handy-Musik der südländisch wirkenden Jugendlichen am anderen Ende des Ganges störte. Anfangs versuchte er ruhig zu bleiben, doch er bebte innerlich und schließlich barste es aus ihm heraus: „Ihr asozialen Rotzblagen! Musik aus, sonst scheppert‘s!“ Trotz Mp-3 Kopfhörer im Ohr erschrak ich, ebenso die Gruppe Jugendlicher, doch der Irritation folgte schnell Aggressivität. „Halt‘s Maul, alter Sack,“ war die prompte Antwort. Zum Glück erkannte der alte Mann, dass es wohl kein Sinn machen würde, sich mit dem Pulk von Jugendlichen anzulegen und ignorierte fortan das Geschehen. Trotzdem murmelte er etwas, was mich ziemlich schockierte und zum Nachdenken anregte: „Am Besten abschieben, diese Ausländer“.

brachten keine Wendung: „Widerstand gegen Moscheenbau- Pro NRW macht ernst“. Das Foto, auf dem hunderte Demonstranten vor einer halbfertigen Moschee stehen und Plakate mit der Aufschrift „Abreise statt Einreise“ in die Höhe halten, zeigte mir, dass der griesgrämige Mann neben mir wohl kein Einzelfall sein kann. Wie kann man den Islam und die ihn praktizierenden Muslime nur so verabscheuen und sogar deren Abschiebung fordern? In unserem Land ist die Religionsfreiheit doch durch das Grundgesetz festgeschrieben! Ich kann mich noch gut an meinen ersten Moschee-Besuch erinnern und es war wirklich sehr interessant, keinesfalls angsteinflößend. Dass ein Moslem vor dem Betreten der Moschee die Schuhe ausziehen muss und sie mit dem rechten Fuß zuerst betritt, wusste ich nicht- überhaupt

n diesem Morgen in der Bahn, die wie fast jeden Morgen zu spät dran ist und neben dem griesgrämig ausländerfeindlichen Mann sitzend, frage ich mich das erste Mal, wie es dazu überhaupt erst kommen konnte, dass MigrantINNEN in diesem internationalen Land zwar „willkommen“ sind (was mir bei dem Anblick des Pro NRW-Marsches schwer fällt zu glauben), aber doch nicht in unserer Gesellschaft akzeptiert werden. Wenn viele MigrantINNEN nur unzureichend Deutsch sprechen können, Ausländerfeindlichkeit zunimmt, immer mehr Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund Schwierigkeiten haben einen Ausbildungsplatz zu finden und die Perspektivlosigkeit zunimmt, muss bei der Integration einiges momentan einiges schief laufen. Neulich war ich bei meiner LieblingsDöner-Bude um die Ecke und bestellte: „Einmal Döner mit Alles!“ Der Mann hinter dem Tresen schaute mich verdutzt an und fragte: „Einmal Döner mit ALLEM?“ Integration funktioniert auch im Kleinen- warum bekommen das unsere Politiker nicht hin?

en Ansic

Ein kleiner Einblick in die politsch

Marie Dazert

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as meint ihr? Darf ich diese Frage überhaupt stellen? Darf ich überhaupt versuchen, dieser Frage eine Antwort zu geben? Greife ich damit nicht in Glaubensgrundsätze anderer Menschen ein? Trotz dieser ethischen Bedenken muss mensch auch sehen, dass viele gläubige ChristInnen heute grün wählen, und wenn diese Jesu NachfolgerInnen sind, dann kann mensch sich die Frage auch für ihn selbst stellen. Die Annahme, Jesus hätte grün gewählt, hat durchaus Hand und Fuß. Schon das Stereotyp „Grün“ passt auf sein äußeres Erscheinungsbild: Lange Haare, Vollbart, Ökolatschen und weite Leinenklamotten. Typischer Hippie also. Nehmen wir dagegen den katholischen Priester von heute (Gipskragen, Anzug, Brille, Bierbauch, schwarze Schuhe und Altherrenhumor), denkt mensch ganz und gar nicht an ein grünes Kreuzchen auf dem Wahlzettel, eher an ein schwarzes. Jaja, die CHRISTdemokraten gibt es ja auch noch. Das „C“ im Namen der „christlichen“ Parteien beruft sich zwar auf „christliche Werte“, jedoch

Love, peace and joy...

Maxi Muster

werden davon und dadurch eher das konservatives Denken und Handeln realisiert und begründet, als die Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Die Kirche und den Christen von heute können wir demnach nicht ohne weiteres mit Jesus gleichsetzen (womit nicht gesagt ist, die Kirche hätte nichts mit Jesus zu tun!), schauen wir ihn uns also am besten selbst an:

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ehmen wir mal an, die Bergpredigt (Mt 5-7,1ff ) wäre genauso gepredigt worden, wie in der Bibel steht, käme etwas anderes, als die Grünen, gar nicht erst in Frage. Humane, soziale und auch ökologische Werte gehen aus ihr hervor, die so bei keiner anderen Partei vorkommen. In den Seligpreisungen (erster Teil der Bergpredigt) verknüpft er unter anderem Gerechtigkeitssuche, Friedensstiftung und das Lösen von Konflikten OHNE Gewalt mit dem Ausdruck „Selig sind die, die...“ was man eher mit „glücklich“, als mit „heilig“ ersetzen kann. In gewisser Weise tritt Jesus also genauso für soziale Gerechtigkeit und Pazifismus ein, wie wir. Auch die

Kapitalismuskritik kommt bei ihm nicht zu kurz: Die GeldwechslerInnen, HändlerInnen und andere Finanzhaie werden von ihm aus dem Tempel gejagt, die Münzen umher geworfen und die Tische umgestoßen, um kein „Kaufhaus“ aus dem Tempel zu machen. Außerdem wird Jesus immer wieder bei den kleinen Menschen erwähnt, er kümmert sich um die Kinder, die Frauen, die Kranken und Alten, also um alle, die in der Gesellschaft nicht leicht Fuß fassen können. Jesus bewahrt die Schöpfung, er steht für die Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ein, Pazifismus und Gewaltlosigkeit liegen ihm am Herzen. Klingt doch ziemlich grün, oder? Jedoch würde die Angewohnheit, jeder und jedem zu vergeben (somit auch Nazis!), von den meisten modernen (grünen) Menschen nicht so einfach umgesetzt werden. Insgesamt sieht Jesus aber genau die Dinge bei Menschen als „wirklich“ richtig und wichtig an, die auch die Grünen oder die Grüne Jugend so sieht: Dass nicht Geld, Macht oder Herkunft den Wert eines Menschen bestimmen, sondern die eigenen Eigenschaften: Freie Bildung hätte Jesus bestimmt genau so am Herzen gelegen wie uns heute, denn kein Mensch darf vergessen werden, weil jede und jeder den gleichen Wert hat! Natürlich muss mensch auch beachten, was die Kirche heutzutage aus diesen Ansätzen gemacht hat. Eine Kirche, die Verhütung verbietet, das Gegenteil von freier Liebe predigt, Frauen eigentlich überhaupt keine Rechte gibt und sowieso sehr, sehr konservativ eingestellt ist, widerspricht natürlich grünen Denkansätzen vollkommen. Außerdem hätte der gute Mann vielleicht auch einfach gar kein Kreuzchen auf dem Wahlzettel gemacht, da seine ganz eigenen Ideale einfach in gar kein Wahlprogramm komplett hinein passen würden. Beim Traum von einer gerechten Welt ständ Jesus meiner Meinung nach jedoch den Grünen am nächsten, oder zumindest im linken Spektrum.

ständiger Gastautor, schreibt über die Nöte, Gedanken und Gefühle junger Menschen in NRW

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d – Tansania iert – Ein Ein fernes Vorbil on gang miteinander friedlich funkti

Perfekte Säkularinidsierung

Religiöse Vielfalt und wie der Um d Besuch in einem bespielhaften Lan

Gianmarco Crapa „In what do you believe?“ - damit sollte er nicht der letzte bleiben, der mir hier diese Frage stellt. Mit ernster Miene wartet er gespannt auf meine Antwort, während wir weiter diesen blutroten Weg entlang schlendern. Die Erde hier sieht beinahe überall so aus. Schuld an der Färbung ist im Prinzip die mineralische Rostform von Eisen – Hämatit. Wir sind auf der Suche nach dem berüchtigten Junglejuice – Bananenbier, das man vor allem am Fuße des Kilimanjaro besonders gerne trinkt. So auch mein gleichaltriger Begleiter aus Moshi, der hier oben von einer besonders guten Bar weiß. Angestrengt denke ich über seine Frage nach. Er will nicht wissen ob, sondern woran ich glaube. Dass ich vielleicht an gar nichts glaube, scheint ihm dabei nicht in den Sinn zu kommen. Die meisten identifizieren sich hier, neben ihrer regionalen Herkunft, mit ihrer Glaubenszugehörigkeit. Jemanden ohne Glaubenszugehörigkeit, würde hier vielleicht niemand richtig einordnen können und so würde man auf Unverständnis stoßen. In Tansania halten sich die Anhänger des Islam, Christentums und der Naturreligionen, nach offiziellen Schätzungen, in etwa die Waage. Einige Volksgruppen, wie die Massai, haben es bis heute geschafft, sich ihren Glauben, entgegen der missionarischen Anstrengungen der Araber und Europäer, zu bewahren. Während die Massai an

Saskia Scheer

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St. Josephs Kathedrale und Freitagsmoschee, Zanzibar Town

Engai – den Bewohner und Behüter des Kilimanjaro - glauben, beten beispielsweise die Ogiek zu ihrem Gott Torooret. Die Vielfalt und feinen Unterschiede von Stamm zu Stamm sind dabei überwältigend und kaum zu erfassen. Auch der Hinduismus konnte sich bereits früh, durch die Inder, die herkamen um Handel zu treiben und sesshaft wurden, in den Küstenregionen Tansanias etablieren.

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ein Begleiter heißt mit zweitem Namen Mohammed – ein sicheres Zeichen dafür, dass er Moslem ist. Aktuell befindet er sich im Ramadan und darf erst wieder etwas essen, sobald die Dunkelheit hereinbricht und der Muezzin die Freigabe dazu erteilt. Seine andersgläubigen Mitmenschen achten darauf, dass sie in dieser Zeit tagsüber nicht öffentlich essen. Gegenseitiger Respekt und Rücksichtnahme sind das Erfolgsrezept und so fällt James

Mohamed das Fasten leicht. Klar glaubt er an Allah, aber wirklich alles mitmachen möchte er dann doch nicht. Laute Musik, tanzen, Partys und Alkohol gehören wie selbstverständlich zu seinem Leben. Einen Krieg hat er bisher zum Glück genau so wenig miterlebt wie ich. Seit dem ersten Weltkrieg, in dem die deutschen Besatzer sich blutige Kämpfe mit den künftigen Kolonialherren aus Großbritannien lieferten, hat kein Krieg mehr auf tansanischem Boden stattgefunden. Auch mit dem endgültigen Ende der Fremdherrschaft und Gründung der Vereinigten Republik Tansanias (Festland und Sansibar) 1964, brachen bis heute keine Glaubenskriege aus. Das liege daran, dass keine Religion hier die Oberhand gewinne und somit niemand in Versuchung gerate, die schwächere zu unterdrücken, wird mir erzählt. Sicher ist aber genau so wichtig, dass man sich aneinander gewöhnt hat. Jeder kennt die Rituale des anderen und auch wenn sie nicht geteilt werden, schafft man es hier sie zu akzeptieren.

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Shiva Shakti Hindu Tempel, Zanzibar Town

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oder auch: Das Kopftuch aus Kry

ch verziehe das Gesicht. Weder schmeckt dieser Dschungelsaft nach Bananen, noch nach dem, was ich unter Bier verstehe. Aus Trotz – schließlich wären wir den ganzen Weg ansonsten umsonst gegangen – würge ich das seltsam trüb anmutende Gebräu hinunter. „Actually I don‘t like organizations like the church, but I believe in god.“, kommt meine Antwort, nach langer Überlegung und mit reichlich Verspätung. Schon strahlen mir die weißen Zähne meines Begleiters entgegen. Er scheint zufrieden.

efinitionen macht genau eine Tatsache zu schaffen und zwar, dass sie sind, was mensch von ihnen erwartet: kurz, prägnant und einprägsam. Diese Eigenschaften machen sie aus und gleichzeitig oftmals zu Halbwahrheiten. Denn das, was hinter den Worten steckt, was sie implizieren, ja, was sie wirklich bedeuten können, geht in der Kürze und Einfachheit einer Definition gelegentlich verloren. Viel zu leicht kratzen wir nur an der Oberfläche einer Thematik und verkennen ihr wirkliches Ausmaß, wenn wir uns nicht bewusst machen, was zwischen den Zeilen steht. An der oben gegeben Definition des so genannten „Kopftuchstreits“ scheint nichts auszusetzen zu sein – abgesehen davon, dass sie im Großen und Ganzen einfach mal das unter den Tisch fallen lässt, was die eigentliche Problematik ausmacht; - abgesehen davon, dass sie herunterspielt, dass es hier nicht nur um einen kleinen Streit, sondern um ein verdammtes Dilemma geht, eine Kontroverse, bei der niemand und jeder oder jede Recht zu haben scheint. Denn hinter dem „Kopftuchstreit“ steckt eine ganze Menge mehr. Es geht nicht bloß um ja oder nein, es geht um Staat, Religion, Freiheit, Individualität und Kulturküsse. Es geht um Emanzipation, Repression, Identitätsfindung, Integration und Tradition.

Gründe, die sie zu Trägerinnen gemacht haben. Die verschiedenen Regierungen mit ihren unterschiedlichen Staatsformen `lösen` den „Kopftuchstreit“ auf genauso uniforme Art und Weise, wie die verschiedenen Lager der Feministinnen und GesellschaftswissenschaftlerINNEN. Kurzum: Es gibt Zoff. Das heißt, es gibt keine gemeinsamen, internationalen Entscheidungen und keine Kompromisse oder Synthesen. Die Politik beschäftigt vor allem die Kontroverse zwischen der bürgerlichen Religionsfreiheit und der staatlichen Neutralitätspflicht. Wie kann eine Regierung beides garantieren? Praktizierende Muslime weisen immer wieder darauf hin, dass das Tragen eines Kopftuches mehr als Ausdruck von Religiosität, ja sogar eine Pflicht im Islam sei und keine Bekennung zu einer politischen Haltung. Darauf fußt ihr Anspruch auf Schutz der Religionsfreiheit. Dagegen halten allerdings laizistische Positionen. Die besten Beispiele für eine solche Haltung stellen Frankreich und die Türkei dar.

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n Frankreich ist der Laizismus (das Prinzip der strikten Trennung von Staat und Religion) nun mal eine Staatsdoktrin. Als Konsequenz dürfen unter anderem we-

der Lehrerinnen und seit 2004 noch nicht einmal mehr Schülerinnen oder Studentinnen Kopftücher tragen. Allerdings sind kleine Kreuze oder Davidsterne erlaubt. Ist das eine Bevorzugung anderer Religionen? Oder wären kleine Tücher um das Handgelenk auch ok? Wie dem auch sei: Frankreich wagt kühn den Sprung ins Becken der Religionsfreiheitsverletzung und nimmt reichlich Kritik in Kauf. Das wirft natürlich die Frage nach dem „Warum?“ auf. Denn Laizismus hin oder her bedeutet nicht, dass Religion eingeschränkt werden sollte. Doch die Antwort Frankreichs ist ebenfalls verständlich: Es möchte weiter seine Flagge schwenken und republikanische Werte postulieren. Die Gleichheit steht da weit oben auf der Liste und bekäme in der Tat einen Dämpfer durch die Akzeptanz des öffentlichen Kopftuchtragens. Inwieweit allerdings so etwas einfach hingenommen werden sollte, bleibt ungewiss. Denn dann ergäbe sich die Frage, ob ein humanistischer Wert von größerer Bedeutung als ein anderer sein könnte und ob es dabei immer nur auf die individuelle Situation ankäme. Und was wäre, wenn darauf wirklich jemand eine universelle Antwort hätte? Gäbe es dann noch Freiheit? Ja, das Fass, welches die Kryptonidkopftücher bereits aufgebrochen haben, wird wahrlich

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urz gesagt: Der „Kopftuchstreit“ ist Ausdruck einer Herausforderung, vor der die näher zusammenrückende Welt mit all ihren Individuen steht. Bislang weiß allerdings noch niemand, wie mensch sie am besten meistern könnte. Ansätze, Meinungen und Versuche existieren bereits on más, doch die Tatsache, dass die Kopftuchdebatte mehr ist als ihr Name verrät, verleiht der Suche nach der optimalen Lösung des Problems einen geradezu hoffnungslosen Charakter. Jeder geht anders mit ihr um, jeder setzt andere Akzente – je nach Standpunkt: Im Mittelpunkt stehen entweder die offenkundige Bekennung zum Islam, die das Kopftuch symbolisiert oder aber die Muslima und ihre mannigfaltigen

Die Akzeptanz anderer Kulturen ist und bleibt das Hauptproblem

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:> krass - Magazin der Grünen Jugend NRW immer größer und die Supermann-Regierungen immer hilfloser. Die Türkei, ebenfalls ein laizistischer Staat, geht noch härter vor als Frankreich. Dort ist das Tragen eines Kopftuches in allen staatlichen Behörden, auf deren Straßen und für alle öffentlich Bediensteten verboten – zwar nur während der Arbeitszeiten, doch trotzdem drohen bei Missachtung Sanktionen. Manche gläubige Frauen werden so gezwungenermaßen erfinderisch und helfen sich mit Perücken aus, um wenigstens irgendetwas Kopfbedeckendes bei sich zu tragen. Andere allerdings möchten sich nicht verstecken müssen und studieren lieber mit Kopftuch im Ausland. Schade allerdings ist, dass dies nur mit einem gewissen finanziellen Hintergrund möglich ist. Die Türkei aber hat ihren Akzent bei dem Verbot woanders gesetzt: Ihr geht es nicht so sehr um Freiheitsverletzungen, sondern eher um die Ideologie, die das Kopftuch vermittelt, bzw. vermitteln könnte. Und wenn mensch sich fragt, wie die strikte Trennung und die feste Verbindung von Staat und Religion nebeneinander in einem Kulturkreis existieren sollen, wird es echt schwierig. Deine Heimat und deine Kultur schreien dir „Säkularisierung!“ ins Ohr, während deine Religion weiß, dass jener Prozess nicht so leicht auf sie zu übertragen ist, wie angenommen. Säkularisierung bedeutet „Verweltlichung“,

Der „Kopftuchstreit“: zwischen Emanzipation, Tradition und…

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02.2010

t b le k e g st e F – g n u d n sfi n io g li e Meine R l se E s n a d ri u B n o v n e ck ü R m e d auf ffel Jesus,

beschreibt einen Prozess, der die alten, engen Bindungen an die Religion ablöst und das Leben mehr und mehr auf menschlicher Vernunft begründet - mithilfe des Humanismus´ und des Aufklärungsgedankens. Dies mag beispielsweise im Christentum funktionieren, doch nicht mal eben so im Islam. Das Christentum hatte schließlich stets Kaiser UND Papst und nicht bloß eine Identität von Staat und Religion wie der Islam. Diese Identität war zwar auch lange in der abendländischen, christlichen Welt angestrebt worden, doch erreicht hatte sie nur die Östliche, nur der Islam. Säkularisierung, wie sie bekannt ist, würde ihm den Boden unter den Füßen wegreißen, nein, ist sogar kaum vorstellbar und muss noch sehr verändert werden, Alternativen öffnen, um förderlich zu sein.

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n anderen Ländern wird dies etwas mehr berücksichtigt. Beispielsweise sehen Österreich und das Vereinte Königreich maßgeblich die Religionsfreiheit als Hauptargument an. Dort werden Kopftücher ohne weiteres toleriert. Hier bei uns wiederum herrscht auch ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen. Doch mit großer Wahrscheinlichkeit wird es nicht mehr allzu lange dauern, bis die Debatte in NRW noch einmal neu aufgerollt wird. Einige Frauen beispielsweise, die von dem Verbot betroffen sind, haben die „Initiative für Selbstbestimmung in Glaube und Gesellschaft“ (ISGG) gegründet und gehen gemeinsam gegen das Gesetz vor. Klingt emanzipiert und couragiert, oder? Doch selbst darüber wird heftig gestritten – und das mit Recht. Denn auch, wenn Kopftuchträgerinnen durchaus modern, frei und selbstbewusst agieren können, entspricht das leider nicht der Realität. Das Kopftuch hat demnach also noch zwei andere Gesichter: Das Gesicht der Individualität und Emanzipation und die Fratze der Repression und Objektdegradierung. Alice Schwarzer sieht das Kopftuch als „unterdrückende Flagge des Islamismus“ an und auch Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Grünen stimmt ihr da zu. „Das Kopftuch ist ein Symbol der Frauenunterdrückung. Wer von Frauen verlangt, dass sie Kopftuch tragen, macht sie zu einem Sexualobjekt, das sich verhüllen muss“, meint sie. Aber ist es wirklich nur Instrumentalisierung initiiert von einem fiesen Patriarchat? Natürlich nicht. Neben Religiosität steckt auch Traditions- und

einen Liter Gott, drei Buddha, 2 Lö Lösungsmittelrezept: Man nehme Hauch Weltengeist. Danach en ein d un ah All m am Gr 0 25 a, eine Prise Dalailam taaa: Bewegungsfreiheit! taa d un n rxe ma d un en ach erb das Ganze noch gut feu Saskia Scheer

nis von Buridans Esel. Es entstammt Aristoteles Feder und handelt von einem Esel, ines schönen Tages habe ich etwas der in gleicher Entfernung zwischen zwei Wichtiges festgestellt: Religionen sind gleichgroßen Heuhaufen steht und sich wie gleichgroße Heuhaufen. Diese Einsicht für keinen der beiden entscheiden kann warf 3 Fragen in mir auf: 1. Ist Heu wirk- – so fernab von irgendwelchen Kriterien. lich das Richtige für mich? 2. Ist es mög- Letztendlich verhungert der Esel, da er imlich sich an das schmerzhafte Pieken und mer bei seinem Jein zu beiden geblieben Jucken zu gewöhnen, wenn mensch sich ist. (Falls jemand mal die Jungs von „Fettes tief in einem Heuhaufen vergräbt? Und 3. Brot trifft: Bitte fragt sie für mich, ob sie Wenn alle irgendwie gleich sind, wie zum in ihrem Musikvideo zu „Jein“ absichtlich Teufel soll ich mich für einen Heuhaufen auf Eseln reiten und teilt mir ihre Antwort entscheiden?! Ich wusste es nicht. Woher mit!) auch? Ich konnte es einfach nicht wissen und diese Tatsache machte mich schier wahnsinnig. Als eine Art Reflex zog ich mich in mich selbst zurück, stieg auf einen Esel und beschloss erstmal zu verharren, um alles überdenken zu können. In dieser Phase hasste ich alle Heuhaufen. Anti- Anti- Arroganti. Ja, das war mein Name und ja, ich war stolz darauf. Ich verharrte so lange, dass ich fast vergaß, dass ich nicht für alle Zeit so weiter machen konnte. Die 3 Fragen waren schließlich immer noch da und die Heuhaufen würden auch nicht von alleine wieder verschwinden. Und was meinen Esel betraf: Wenn ich so weitermachte, würde er einen grausamen Hungertod sterben und beim plötzlichen Umfallen meine Wenigkeit unter sich begraben. Also fasste ich mir irgendwann ein Herz, trieb meinen Esel von eich habe mich selbst in meinem bescheinem Heuhaufen zum anderen. Er verweidenen Gleichnis auf den Esel gesetzt, als gerte die Nahrungsaufnahme, denn die ich anfing Religionen bewusst wahrzunehdritte Frage machte ihn immer noch fer- men, da ich mich wie Buridans Esel gefühlt tig; ich jedoch nahm jeweils eine Handvoll habe. Denn die Tatsache, dass jede Religivon jedem Haufen mit und schaffte es, als on für etwas Bestimmtes steht, ja eine mein Esel zusammenbrach, rechtzeitig aus Ethik vermittelt, die das Zusammenleben dem Sattel zu springen und weich in mei- der Menschen verschönern und erleichnem gesammelten Heu zu landen. tern möchte, hat mich überfordert. Werte, Eine wahre Geschichte. Nur die Sache wie Liebe, Freundschaft, die Achtung des mit dem Esel war gelogen. Ich hatte nie anderen, Solidarität und gegenseitige Hileinen Esel. Der Esel gehörte immer schon fe in einer Gemeinschaft - überall sind sie Buridan. Aber der Rest stimmt. Noch ir- zu finden, überall stecken sie drin - nicht gendwelche Fragen? Nein? Falls doch, bit- nur im Christentum, der Religion, die mir te ich herzlich darum noch ein wenig wei- in die Wiege gelegt wurde. Ich fand es entter zu lesen. Für den Rest gilt: Ihr seid von waffnend, dass all das Gute, dass Religider Krass befreit! Ihr könnt sie nun auf eu- on bewirken kann, verschiedene Namen ren Schrein zurücklegen. braucht, obwohl es letztendlich dasselbe Nichts zeichnet so ein treffendes Bild bleibt. Und warum sollte es dann Konflikte von dem Wort „Dilemma“ wie das Gleich- zwischen verschieden Glaubensrichtungen

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...Repression

Identitätsbewusstsein dahinter. Abdullah Gül, Ehefrau des 11. Präsidenten der Türkei äußerte folgendes zum Kopftuchstreit: „Es [das Kopftuch] bedeckt meinen Kopf und nicht mein Gehirn!“ Da hat sie Recht. Doch unglücklicherweise hat sie es nicht überall. Auch wenn sie es sollte. Denn Repressionen existieren nun mal und manifestieren sich häufig dort, wo das Kopftuchtragen zur Pflicht wird. Sie haben zur Folge, dass Frauen, bzw. Mädchen keine Bildung bekommen und ein Leben im Schatten der Virilität führen müssen. Aber es darf bei all dem nicht vergessen werden, dass dies alles nicht nur einem kleinen Stofffetzen zu zuschreiben ist. Dieser kann schließlich für beides stehen: einen Akt der Selbstbestimmung und Unterjochung – gleichermaßen.

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a, die Welt beißt sich tatsächlich an einem Kopftuch ihre Zähne aus. Nun, natürlich nicht am Kopftuch selbst, sondern an der Anerkennung einer fremden Kultur, der Freiheit jedes Individuums und dem Kampf gegen Vorurteile und Oberflächlichkeit. Doch dabei bleibt’s: Kopftücher kann mensch ziemlich leicht abnehmen, Scheuklappen nicht. Denn die sind fest im System „Zügel“ etabliert und jeder, der schon mal ein Kutschpferd ausfahrfertig gemacht hat, weiß wie schwierig diese Dinger wieder abgehen. Also, an die Arbeit: Scheuklappen runter!

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geben? Will nicht jede im Prinzip irgendwo das Gleiche, hatte ich da was nicht ganz mitbekommen? Den endgültigen Schubs, der mich zur Abkehr von jeglicher Religion trieb, gab mir der Fakt, dass viel mehr Menschen im Namen des Glaubens gestorben sind, als während beider Weltkriege zusammen. Sie sterben sogar noch heute. Das fand ich schlicht und einfach lange Zeit pervers. Ich sah von meinem hohen Ross (oder Esel) ein wenig abfällig auf alle Gläubigen herab. Die Relilehrer meiner Schule bezeichneten mich als kleine Ketzerin und ich fand meine arrogante Antihaltung toll bis sie mir nicht mehr ausgereicht hat. Sie war unbefriedigend geworden.

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achdem ich Marx und Feuerbach las und mich mit ihnen verwandt fühlte, wurde ich neugierig. Wieso glauben Leute überhaupt noch? Ich hatte vergessen, worum es ging und worum es den Menschen, die glauben eigentlich geht. Die Ethik hatte ich in den Hintergrund gerückt. Doch ich fing an mal wieder ein wenig offener zu sein. Niemand kann die Existenz eines höheren Wesens belegen und daher ist sie auch nicht widerlegbar. Wo keine wirkliche Falsifizierung möglich ist, sollte mensch auch nicht arrogant sein.

Offenheit war schließlich das, was mich zufrieden gestellt hat. Ich habe heute in viele Religionen einen kleinen Blick hineingeworfen und meine eigene Religion gefunden. Wenn mensch mich heute fragen würde, ob ich gläubig bin, würde ich wahrscheinlich mit einem „auf eine gewisse Art und Weise schon“ antworten. Aber damit meine ich keine blöde Absicherungskiste, wie sie viele fahren à la: Lieber ein bisschen gläubig sein, als nach dem Tod ein böses Erwachen zu erleben falls der ganze eschatologische Mist doch stimmen sollte. Nein, ich meine meine kitschige, mich optimistisch stimmende Vorstellung von Religion, an die ich zwar nicht wirklich immer glauben kann, aber es doch wenigstens versuche: Eine Erde in Herzform und ein in schillernden, bunten Farben gemaltes Peacezeichen.

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:> krass - Magazin der Grünen Jugend NRW

02.2010

Einladung zur LandesMitgliederVersammlung der Grünen Jugend NRW am 30. Mai 2010 in Dortmund Liebe Mitglieder, liebe Interessierte, wir laden euch herzlich zu unserer Landesmitgliederversammlung (LMV) am Sonntag, den 30. Mai 2010, von 12.00 bis 18.30 Uhr in der Jugendherberge Dortmund ein.

Landtagswahl am 9. Mai – wie geht’s danach weiter? Wir wollen mit euch den Ausgang der Wahl und mögliche Koalitionsgespräche diskutieren: Wo liegen bei den Koalitionsgesprächen Grenzen? Wann müssen die Grünen trotz Eingeständnissen Verantwortung übernehmen, um Schlimmeres zu verhindern? Wann wird es Zeit sich auf die Opposition einzustellen? Diese Fragen möchten wir mit euch und der grünen Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann diskutieren. Ein Beschlussvorschlag des Landesvorstands steht spätestens eine Woche vor der LMV online. Leider können wir den Antrag erst so spät verfassen, da er möglichst aktuell sein soll. Dennoch bitten wir euch, Änderungsanträge bis Donnerstag vor der LMV einzureichen, damit wir sie rechtzeitig allen zugänglich machen können. Bitte plant diese Kurzfristigkeit für die Besprechung in euren Basisgruppen ein.

Nachwahl für den Landesvorstand Da Verena als Sprecherin des Landesvorstands aufhört, werden wir dieses Amt nachwählen. Es handelt sich um einen Frauenplatz. Die beiden SprecherInnen sind für die Vertretung des Verbandes nach außen, innerhalb der GRÜNEN JUGEND und der Grünen Partei zuständig. Es fallen sowohl inhaltliche Aufgaben, wie z.B. das Schreiben von Positionspapieren oder Anträgen für grüne Parteitage, als auch organisatorische Aufgaben an, wie z.B. die Vorbereitung der LMVen. Für dieses Amt sollte man eine große Bereitschaft, ehrenamtlich für den Verband arbeiten und Verantwortung tragen zu wollen, mitbringen. Bei Fragen könnt ihr euch gerne an Verena (verena.schaeffer@gruene-jugend-nrw oder 01772475966) wenden. Unter Umständen werden wir weitere Ämter für den Landesvorstand nachwählen.

Programm und Tagesordnung Ab 10.30 Uhr: Check-In 10.30 Uhr: AntragsstellerInnentreffen 12.00 Uhr: Beginn der Mitgliederversammlung TOP 1: Formalia TOP 2: Grußworte und Berichte TOP 3: Satzungsänderungsanträge TOP 4: Wahlen TOP 5: Landtagswahl TOP 6: Weitere Anträge TOP 7: Basisgruppenanerkennung TOP 8: Sonstiges Ende gegen 18.30 Uhr. Mittags wird es eine einstündige Pause mit Brötchen und Getränken geben.

Anträge und Bewerbungen Anträge an die Mitgliederversammlung schickt ihr bitte an unser LMV-Team (Mail: HYPERLINK „mailto:antrag@gruene-jugendnrw.de“antrag@gruene-jugend-nrw.de), damit wir sie frühzeitig online stellen können. Antragsschluss für eigenständige Anträge ist Samstag, der 29. Mai, um 17 Uhr. Allerdings können Anträge, die nach dem 28. März um 17 Uhr eingehen, nicht mehr kopiert und online gestellt werden. Da wir dieses Mal nur eine eintägige LMV haben, möchten wir euch bitten zu überlegen, ob ihr euren Antrag nicht lieber auf der nächsten LMV im Juli stellen wollt. Änderungsanträge sind natürlich jederzeit möglich! Ein frühzeitiges Einreichen ermöglicht es jedoch auch anderen Basisgruppen sich ausgiebig damit zu beschäftigen und verhindert, dass gleiche Anträge mehrfach eingereicht werden. Bitte versucht deshalb, eure Änderungsanträge bis Donnerstag, den 27. Mai, um 12 Uhr einzureichen. Gleiche Fristen für die Kopien gelten auch, wenn ihr für ein Amt kandidieren möchtet und vorher eine schriftliche Bewerbung einreichen wollt. Spontane Kandidaturen sind auch möglich! Bitte beachtet: Bitte schickt uns aus organisatorischen Gründen eure Anträge im doc-Format (auch Open Office kann im doc-Format abspeichern). Anträge im PDF-Format werden nicht mehr angenommen. Anträge und Änderungsanträge bitte nur noch an die Mailadresse antrag@gruene-jugend-nrw.de schicken!

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Anmeldung und Fahrtkosten Bitte meldet euch an, damit wir besser planen können. Der Unkostenbeitrag für die Verpflegung und Rückerstattung der Fahrkosten beträgt 5 Euro. Die Fahrtkosten zur LMV werden auf Basis des Bahncard-50-Preises für den Regionalverkehr erstattet. Bitte benutzt auch den Großkundenrabatt der Grünen. Bei Gruppentickets bitte alle MitfahrerInnen angeben!

Wegbeschreibung Jugendgästehaus Adolph Kolping Silberstraße 24-26 44137 Dortmund Vom Dortmunder Hauptbahnhof die große Freitreppe hoch, dann rechts an der St.-Petri-Kirche vorbei geradeaus in die Potgasse, dann links in die Silberstraße abbiegen. Nach ca. 200 Metern, kurz vor der Hansastraße, führt eine kleine Stichstraße nach rechts zum Eingang des Gästehauses.

Für eure Anmeldung benötigen wir folgende Angaben: Vorname, Name, E-Mail-Adresse und Telefonnummer, Alter, sowie ob ihr VeganerIn seid oder ob ihr sonstige besondere Bedürfnisse (Allergien, Rollstuhl) habt.

Alle aktuellen Infos zur LMV findet ihr wie immer auf unserer Website unter http://www.gruene-jugend-nrw.de/lmv“www.gruenejugend-nrw.de/lmv

Anmeldung per Post, Telefon, Fax oder Mail an unseren Geschäftsführer Stefan Bölts:

Wir freuen uns auf eine spannende und diskussionsreiche LMV mit euch!

GRÜNE JUGEND Nordrhein-Westfalen Jahnstraße 52, 40215 Düsseldorf Tel.: 0211 99 44 611 Fax: 0211 99 44 622 E-Mail: buero@gruene-jugend-nrw.de

Euer Landesvorstand und eure MitarbeiterInnen der Landesgeschäftsstelle Verena, Eike, Nora, Alex, Kerstin, Sophie, Raoul und Enno und Stefan, Anna, Johanna und Robert

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