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L E G E I T Z L E SCHM NATIVE ISCHE ALTER

ZEITSCHRIFT

IDAR CHE UND SOL IS G O L O K Ö E FÜR EIN

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER!

BÜRGERINNENBETEILIGUNG JA BITTE, ABER ANDERS

Die aktuelle Ausgabe des Schmelztiegels beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten der direkten Demokratie, von Volksbefragungen bis BürgerInnenbeteiligungsprojekten. Gern wird von verschiedenen Seiten direkte Demokratie als Allheilmittel gegen Politikverdrossenheit ins Rennen gebracht. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich diese Rufe oftmals als populistische Parteipolitik.

Negative Schlagzeilen über PolitikerInnen und allgemeine Politikverdrossenheit führen bei vielen Menschen zum Wunsch nach mehr Mitbestimmung. Wir dürfen aber zwei Dinge nicht übersehen: Direkte Demokratie und BürgerInnenbeteiligung sind nicht dasselbe und Partizipation an sich ist kein politisches Ziel, sondern ein Mittel, um dorthin zu gelangen. Direkte Demokratie – wie etwa Volksabstimmungen oder Volksbefragungen – binden zwar die Bevölkerung in den Entscheidungsprozess ein, nicht aber in den Aushandlungsprozess. Die politischen Positionen werden weiterhin nur zwischen den Parteien ausgetauscht und am Ende dürfen die BürgerInnen mit Ja oder Nein antworten, ohne in den Diskurs eingebunden worden zu sein. So hat man bei der Volksabstimmung zur Wehrpflicht gesehen, dass die eigentliche Debatte zum Thema gefehlt hat. Durch solche Abstimmungen zeigt sich der Trugschluss, dass mehr Beteiligung automatisch weniger Politikverdrossenheit bedeutet.

Einbringen statt Abstimmen BürgerInnenbeteiligung sollte daher mehr sein als bloßes Abstimmen. Um sich fundierte Meinungen bilden zu können, braucht es Diskussionsprozesse. Es muss das Für und Wider DIE WIENER VOLKSBEFRAGUNG

BETEILIGUNGSPROJEKTE IM BEZIRK

einer Entscheidung abgewogen werden und bereits in diesem Schritt muss Teilhabe beginnen. Sonst formuliert weiterhin nur die Politik die Ziele. Doch eigentlich sollte Partizipation bedeuten, dass die Menschen auch die Ziele mitbestimmen. Ein gutes Beispiel für Beteiligungsprozesse ist die Stadt Heidelberg, die ihre Stadtplanung partizipativ gestaltet. Hier dürfen die BürgerInnen nicht nur bei der Umsetzung bestimmter Projekte mitreden, sie entscheiden auch, zu welchen Projekten ein Beteiligungsverfahren aufgesetzt wird. Dann starten kooperative Planungsprozesse, in die Politik, Verwaltung, BürgerInnen und Wissenschaft einbezogen werden. Die Ergebnisse werden dann noch einmal mit einer breiten Öffentlichkeit rückgekoppelt und am Ende findet eine gemeinsame Evaluierung statt. Besonders wichtig ist die Transparenz des Prozesses. Allen muss von Anfang an klar sein, wie das Beteiligungsverfahren abläuft, worüber überhaupt entschieden werden kann, wer entscheiden darf und um welche Rahmenbedingungen und Ziele es geht. Denn oft scheitert Teilhabe an falschen Vorstellungen, es werden Dinge gewünscht, die finanziell oder technisch gar nicht umsetzbar sind, oder man erfährt nie, was mit den Ergebnissen eines Prozesses geschehen ist. ¢ G‘MISCHTER SALAT

NORDBAHNHOF

David Ellensohn, der Klubobmann der Wiener Grünen, bezieht Stellung zur direkten Demokratie und zu den einzelnen Themen der Wiener Volksbefragung

Drei Beteiligungsprojekte im Bezirk, ein abgeschlossenes, ein laufendes und eines, das kurz vor dem Beginn steht, werden von Christian Tesar und Waltraut Antonov unter die Lupe genommen

Bezirksrätin Lidia Brandstätter kommentiert wie in jeder Ausgabe die Bezirkspolitik aus ihrem ganz persönlichen Blickwinkel

Auch in anderen Bezirken gibt es große Entwicklungsprojekte. Der Nordbahnhof ist eines davon und seine Umgestaltung bietet Möglichkeiten neue ökologische und soziale Standards zu setzen.

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Direkte Demokratie, egal in welcher Form ist kein gemütlicher Selbstläufer, sondern ein Prozess der von allen Beteiligten Engagement erfordert. Lesen Sie in dieser Ausgabe über verschiedene Beispiele für Beteiligungsprojekte und direkte Demokratie. Manche waren erfolgreicher, andere eher enttäuschend. Aber alle zeigen uns, dass wir demokratische Prozesse gemeinsam weiterentwickeln und verbessern müssen. Wie gefällt Ihnen übrigens das überarbeitete Erscheinungsbild des Schmelztiegels? Wenn Sie uns dazu oder zu einem anderen Thema Ihre Meinung sagen wollen, dann schreiben Sie an: wien15@gruene.at Ich wünsche Ihnen eine anregende Zeit mit dem neuen Schmelztiegel, Ihr Christian Tesar Klubobmann der Grünen Wien 15

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Auch dann bleiben Enttäuschungen zurück.

Demokratie für wen?

Foto: Kainrath 2010

Direkte Demokratie und BürgerInnenbeteiligung sollen die Teilhabe der Bevölkerung an der Politik erhöhen. Es stellt sich aber die Frage, ob die Möglichkeiten zur Partizipation gleich verteilt sind. Viele Veranstaltungen zur BürgerInnenbeteiligung finden nachmittags statt, somit wird ein großer Teil der berufstätigen Bevölkerung bereits im Vorhinein ausgeschlossen. Auch Sprachbarrieren führen dazu, dass sich nicht jedeR beteiligen kann. Außerdem zeigt sich, dass sich Menschen mit hohen Einkommen und hoher Bildung eher beteiligen als andere. Somit kann BürgerInnenbeteiligung zum Sprachrohr derer werden, die ohnehin keine Probleme haben, gehört zu werden. Damit sind aber die Ergebnisse verfälscht. Wenn nur ein bestimmter Teil der Bevölkerung teilnimmt, werden nur spezifische Interessen abgebildet. Außerdem steht Partizipation immer vor dem Dilem-

David Ellensohn, Klubobmann der Grünen Wien

ma, dass nur Eigeninteressen vertreten werden. Viele Beteiligungsverfahren beschränken sich darauf, dass AnrainerInnen ihre Interessengegensätze ausstreiten. Der Balanceakt bei Partizipationsprozessen ist also, sie so zu gestalten, dass die Befragten als ExpertInnen vor Ort gewertet, das Gemeinwohl aber nicht aus den Augen verloren wird, und dass der Prozess vielschichtig und flexibel aufgesetzt ist, so dass sich möglichst viele Leute beteiligen können.

Diskussionsplattform, auf der auch abgestimmt werden kann. Allerdings werden durch OnlineTools ebenfalls große Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen. BürgerInnenbeteiligung kann also nur aus einer Kombination mehrerer Methoden bestehen. Es ist die Aufgabe der Politik hier für Chancengleichheit zu sorgen, da Demokratie – egal ob direkte oder repräsentative – nur funktionieren kann, wenn die gesamte Gesellschaft eingebunden wird. Maxie Klein

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Neue Wege in der Partizipation BürgerInnenbeteiligung darf sich also nicht auf nachmittägliche Veranstaltungen beschränken, bei denen mitmacht, wer gerade Zeit hat. Es gibt auch andere Methoden, so können Briefe ausgeschickt und so Meinungen eingeholt werden. Dies hat den Vorteil, dass mehrsprachig gearbeitet werden kann. Allerdings fehlt hierbei der Austausch, da nur Inputs eingeholt werden können. Weiters gibt es OnlineTools, wie Adhocracy, mit dem etwa die Deutsche Regierung arbeitet. Hierbei handelt es sich um eine

Maxie Klein, Bezirksparteisprecherin

WIENER VOLKSBEFRAGUNG ZU ZUKUNFTSTHEMEN

Vom 7.-9. März haben die WienerInnen Gelegenheit, über Zukunftsthemen abzustimmen. Umfragen, Volksbefragungen, Volksabstimmungen und immer wieder das Schlagwort von der direkten Demokratie. Deren ständige Weiterentwicklung ist eine große Aufgabe, die uns alle fordert. Ein Kreuzerl für eine Partei alle paar Jahre ist zuwenig, Bezirkskaiser die im Alleingang Umfragen mit Steuergeldern finanzieren sind aber auch keine Lösung. Eine Form der Mitbestimmung sind Volksbefragungen. Ja, die können verbessert werden, immer und immer wieder. Die aktuelle Wiener Volksbefragung am 7., 8. und 9. März findet nach den jetzt gültigen Regeln statt. Bei der letzten Befragung vor drei Jahren haben sich die WienerInnen in extrem hoher Zahl beteiligt. Wenn 400.000 Wiener und Wienerinnen sich an einer Befragung beteiligen, muss man nicht unbedingt oberlehrerhaft daneben stehen und die Fragen für blöd und damit alle jene die sich beteiligen, naja, sagen wir, als nicht sehr schlau bezeichnen. Wir haben als Grüne darauf geachtet, die Standards der letzten Befragung zu verbessern, ganz im Sinne der ständigen Weiterentwicklung der Demokratie. Das Informationsblatt der Stadt Wien – ein Sonderheft wien.at – ist inhaltlich an die Idee der Abstimmungsbüchlein in der Schweiz angelehnt.

Vier Fragen, vier ganz unterschiedliche Themenfelder. Frage 1: Wie soll die Parkplatzsituation und Lebensqualität für BezirksbewohnerInnen verbessert werden? A) Es sollen für jeden Wiener Bezirk Parkraumregelungen eingeführt werden.

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B) Es soll Lösungen für einzelne Bezirke geben (mit Berücksichtigung der Interessen der Nachbarbezirke) Die Entscheidung für A nützt den WienerInnen mehr, erhöht die Qualität bei der Umsetzung und bringt rascher gute Ergebnisse, wie wir jetzt auch in Rudolfsheim-Fünfhaus Tag für Tag sehen können. Wenn sich die WienerInnen für B entscheiden, arbeiten wir so gewissenhaft weiter wie bisher. Mit all den Verhinderungsversuchen durch konservative Bezirksvorsteher und Leute, die noch immer von Städten fantasieren, die vor allem eins sein müssen: autogerecht. Wir werden jedenfalls weiter für bessere Luft, weniger Autolärm, weniger Verkehrsunfälle, mehr Platz für FußgängerInnen, RadlfahrerInnen und Kinderfreiräume kämpfen. Frage 2: Soll sich die Stadt um die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2028 bemühen? Ja/Nein Großereignisse bieten große Chancen, aber auch Risiken. Pro-Argumente: 10 Prozent der Kosten sind für Sportstätten, 90 Prozent sind für Infrastruktur, die das wachsende Wien ohnedies benötigt. Die Welt zu Gast macht die Köpfe frei, macht weltoffen. Wer Chancen diskutiert, spricht über Hoffnungen, rechts sitzen die Angstmacher. Contra-Argumente: Die Kosten sind unüberschaubar, brauchen wir alle Sportstätten nach der Schlußzeremonie noch, sind Olympische Spiele nicht eine Nummer zu groß für eine Zwei-Millionen-Stadt? Eine Frage, die alle politischen Lager teilt, auch uns Grüne. Das macht doch Platz für lustvolle Diskussionen. Frage 3: Die kommunalen Betriebe bieten der Wiener Bevölkerung wichtige Dienstleistungen. Zum Beispiel Wasser, Kanal, Müllabfuhr, Energie, Spitäler, sozialer

Wohnbau und öffentliche Verkehrsmittel. Sind Sie dafür, dass diese Betriebe vor einer Privatisierung geschützt werden? Ja/Nein Sinnlose Frage nannten das gleich diejenigen, die auf Teufel komm raus die Allgemeinheit enteignen wollen, die Wohungen der BUWOG verscherbelt haben und in Wien mit „Gemeindewohnungen verkaufen“ Wahlkämpfe geführt haben. Konservative Regierungen verkaufen in Europa das lebensnotwendige Wasser. Diese Frage ist von zentraler Bedeutung für Wien und weit darüber hinaus. Ein deutliches Ergebnis nützt uns allen bei zukünftigen Attacken der Privatisierungsfanatiker auf unsere gemeinsamen Güter. Frage 4: Soll die Stadt nach dem Beispiel der BürgerInnen-Solarkraftwerke weitere erneuerbare Energieprojekte entwickeln, die mit finanzieller Beteiligung der BürgerInnen realisiert werden?Ja/Nein Die Finanzmarktaufsicht droht zu prüfen, ob diese Art der Geschäfte nicht schon bankenähnliche Geschäfte sind und damit verboten werden. Unglaublich. Mit dubiosen Fonds spekulieren, das soll in Ordnung sein, aber BürgerInnen, die Solarkraftwerke unterstützen sollen daran gehindert werden. Klares Ja zum Ausbau der erfolgreich begonnenen BürgerInnen-Solarkraftwerke. Wer Vorschläge hat, wie Volkbefragungen in Wien weiter verbessert werden können, bitte sehr gerne. Völlig klar, dass auch dieses Instrument ständig weiter entwickelt werden muss. Im März geht es allerdings um Zukunftsfragen dieser Stadt. Gestalten wir die Stadt gemeinsam, nützen wir also auch das Stimmrecht. Und reden wir über Zukunftsthemen; das macht den Angstmachern am meisten Angst. David Ellensohn

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SCHMELZTIEGEL 01/2013


Zukunftskongress zu Demokratie und Partizipation Am Samstag, dem 13. April 2013, veranstaltet die Grüne Bildungswerkstatt gemeinsam mit den Grünen in Wien einen Zukunftskongress zum Thema Demokratie. Die Forderung nach mehr Demokratie und Partizipation ist in aller Munde. Es gibt die Bekenntnisse, Möglichkeiten der partizipativen Demokratie weiter zu entwickeln und auszubauen. Gleichzeitig befinden wir uns nach vielen Jahren mit durchaus gelungenen Projekten in einigen Spannungsfeldern: Demokratie ist in ihrem Kern das Austragen von Interessenskonflikten. Im Idealfall werden die Widersprüche durch die Abwägung diverser Interessen konstruktiv gelöst. Da gibt es das Spannungsfeld „beste Lösungen/Politiken“ versus Mehrheitsmeinung oder jenes zwischen Einzel- und allgemeinem Interesse. Aber ebenso jenes, das entsteht, wenn die Logik der Ver-

Foto: podesser.net

GEMMA DEMOKRATIE? Bereits beim Zukunftskongress in Graz gab es angeregte Diskussionen.

waltungsabläufe und der Wunsch nach Partizipation und Mitsprache aufeinandertreffen. Daneben wird der Ruf nach mehr direkter Demokratie immer lauter. Aber unter welchen Bedingungen fördern Abstimmungen die Demokratie? Wann schaden sie ihr, da sie für andere Zwecke missbraucht werden, eine Debatte verkürzen oder über Minderheiten „drübergefahren“ wird? Mit vielen dieser Widersprüche und Herausforderungen wollen wir uns beschäftigen und diese bearbeiten.

Vorbereitung im Open Space Diesen Kongress planen wir aber nicht alleine, sondern gemeinsam mit Organisationen, interessierten BürgerInnen und allen anderen, die in diesem Bereich beruflich oder ehrenamtlich tätig sind. Daher

hat Mitte Februar ein offener Vorbereitungsworkshop (Open Space) stattgefunden, zu dem all die oben genannten Personen und Gruppen eingeladen wurden, ihre Themen, Vorschläge und Anliegen für so einen Kongress einzubringen. Das Ergebnis des Open Space ist bei Drucklegung dieser Ausgabe des Schmelztiegels noch nicht vorgelegen. Deshalb sind Ort und genaues Programm hier auch noch nicht angegeben. Aber falls ich Sie neugierig gemacht habe oder Sie generell an Partizipation interessiert sind: Kommen Sie am 13. April zum Zukunftskongress! Ihre Ideen sind willkommen und wir freuen uns auf Ihre Beiträge! Alle weiteren Informationen demnächst unter: http://wien.gruene.at/. Jennifer Kickert, Gemeinderätin

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SCHWEDENPLATZ NEU Der Schwedenplatz ist einer der zentralsten Plätze Wiens. Rund 150.000 Menschen steigen hier an einem durchschnittlichen Werktag um. Zum Vergleich: Am Praterstern sind es täglich nur 112.000 Personen. Am Westbahnhof sind es mit 43.000 Fahrgästen noch deutlich weniger. 45.000 Autos fahren täglich am Schwedenplatz vorbei. Der Platz ist damit einer der meistfrequentierten Orte Wiens und ein wichtiges Tor zum 1. Bezirk. In seiner derzeitigen Gestaltung ist der Schwedenplatz allerdings ein Ort mit wenig Aufenthaltsqualität. Es ist ein unruhiges Durcheinander von Standln, Staßenbahnen, U-Bahnaufgängen, Radwegen. Mit der Neugestaltung soll der Platz von einem Transitraum zu einem lebenswerten Stadtquartier werden. Wir setzen jetzt ein weiteres Mal – wie auch schon bei der Ottakringer Straße – eines unserer zentralen Anliegen um: Die Wienerinnen und Wiener werden von Beginn an in die Planung eingebunden. Im Juni 2012 startete die erste Beteiligungsphase. Über einen Zeitraum von zehn Tagen konnten sowohl vor Ort in der Dialogbox als auch online Meinungen und Einschätzungen zu Stärken und Potenzialen des Schwedenplatzes eingebracht und

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diskutiert werden. Die Gesprächsergebnisse aus der Dialogbox wurden täglich ins Internet gestellt. Umgekehrt konnten auch in der Dialogbox die aktuellen Diskussionsthemen aus der Online-Beteiligung verfolgt werden. Durch die Verschränkung von Offline- und OnlineBeteiligung („blended participation“) sollten so viele WienerInnen wie möglich daran teilnehmen können. Nach einer Auswertung aller Beteiligungsergebnisse der ersten Phase wurden diese in einer „Gewichtungsphase“ im September noch einmal durch die WienerInnen mit Punkten nach Wichtigkeit bewertet. Dies war wieder online und vor Ort möglich.

Josefs-Kai. Der Morzinplatz wird eher als Bereich gesehen, der ruhiger bleiben und zum Verweilen einladen soll. Für den zentralen Schwedenplatz wird die Organisation der Haltestellen und Schienen als wichtig angesehen. Auch bessere Verbindungen für FußgängerInnen ist in der Reihung mehrmals unter den Top 3.

Die Ergebnisse zeigen ganz deutlich: Hohe Priorität hat für die WienerInnen das Thema Grün. Es zieht sich durch alle Platzbereiche, ausgenommen Franz-

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Ich wünsche mir, dass der Schwedenplatz in einigen Jahren ein innerstädtischer Ort ist, an dem sich die Menschen gerne aufhalten. Mit dem Wissen, das die Wienerinnen und Wiener als StadtexpertInnen eingebracht haben, kommen wir diesem Ziel einen großen Schritt näher. Maria Vassilakou, Amtsführende Stadträtin Geschäftsgruppe Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung

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beteiligungsprojekte im bezirk

Die Bezeichnung Beteiligungsprojekt ist noch kein Garant dafür, dass tatsächlich ein demokratischer Prozess stattfindet. Der Vergleich dreier Beteiligungsprojekte zeigt, dass es möglich und nötig ist aus gemachten Fehlern zu lernen.

BürgerInnenbeteiligungsprojekt Aufwertung Kriemhildplatz Könnte das beliebte „Hätti-Wari“ seine Zauberkräfte entfalten, würde der Kriemhildplatz jetzt vielleicht doch anders aussehen. Dann würden vielleicht nicht zahlreiche Parkplätze ungenützt öffentlichen Raum einnehmen, dann müssten FußgängerInnen nicht Angst davor haben, dass RadlerInnen vor dem Kopfsteinpflaster auf den Gehsteig ausweichen und es gäbe vielleicht doch ein bisserl mehr Grün und Naherholung. Was vom Beteiligungsprojekt Kriemhildplatz bleibt, ist wohl die Gewissheit, dass Beteiligung für alle Beteiligten nicht ganz einfach ist. So ist es nicht gelungen, die von StudentInnen ausgearbeiteten Projekte als das zu vermitteln, was sie hätten sein sollen: Anregung, Impuls, Idee. AnrainerInnen empfanden sie eher als Affront, als Angriff auf ihr Bedürfnis nach Ruhe und Frieden am Kriemhildplatz. Statt der Bereitschaft, sich gemeinsam auf eine Gestaltung einzulassen, machte sich Abwehrhaltung breit. Jede mögliche Veränderung des Platzes wurde grundsätzlich als Verschlechterung wahrgenommen. Resultat: um viel, viel Geld wurde der alte Zustand mit ein paar kosmetischen Eingriffen beibehalten.

Grünes Grätzel Maria-vom-Siege Im Lauf des heurigen Jahres werden die Ergebnisse des Beteiligungsprojektes „Maria-vom-Siege“ umgesetzt. In mehreren Workshops wurde die Neugestaltung des Platzes um die Kirche, des Dingelstedtparks und des Haidmannparks erarbeitet. Auch in diesem Beteiligungsprojekt zeigte sich die Schwierigkeit, ein gemeinsam akzeptiertes Ergebnis zu erreichen, wenn Interessen von AnrainerInnen auf Interessen von NutzerInnen treffen. Während die einen Parkplätze direkt vor ihrem Haus und sonst nur

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Ruhe wollen, formulieren die anderen Wünsche nach Sitz- und Spielmöglichkeiten. Dementsprechend hitzig verlief auch die Präsentation der ersten Pläne zur Umgestaltung, wilde Schreiereien, Vorurteile und Unterstellungen prägten die „Diskussion“. Das Beteiligungsprojekt drohte zu scheitern. Erst weitere Diskussionsrunden und Zugeständnisse an die AnrainerInnen führten zu einem akzeptierten Kompromiss. Böse formuliert besteht der Kompromiss darin, dass im wesentlichen wieder alles so bleibt wie bisher. Fazit: vor einem Beteiligungsverfahren muss gut überlegt werden, wie die Rahmenbedingungen aussehen. Wer darf/soll/muss/kann sich beteiligen - geht es um den Platz vor meinem Fenster oder um öffentlichen Raum für alle? Wie soll Beteiligung methodisch gestaltet werden? Nicht allen liegt es, sich bei Großgruppentreffen zu Wort zu melden! Die Rahmenbedingungen sind von Anfang an klar darzustellen: was ist machbar, was ist nicht machbar und warum. Wie sieht es mit Umsetzungsmöglichkeiten aus, welche Geldmittel stehen zur Verfügung. Wer trifft letzten Endes die Entscheidung für die Umsetzung? Wer sorgt für den Ausgleich unterschiedlicher Interessen?

Beteiligungsprojekt Neugestaltung Wasserwelt Derzeit laufen die Vorbereitungsarbeiten für das nächste Beteiligungsprojekt. Diesmal geht es um die Neugestaltung der Wasserwelt zwischen KardinalRauscher-Platz und Meiselmarkt. Anders als bei den vorangegangenen Beteiligungsprojekten richtet sich dieses nicht ausschließlich an AnrainerInnen, sondern an alle NutzerInnen der Wasserwelt. Die wohl wichtigste Änderung in der Methode liegt darin, dass diesmal die BürgerInnen nicht zu Beteiligungsworkshops eingeladen werden, sondern dass die Beteiligung auf die Wasserwelt und somit zu den Menschen kommt.

In den ersten beiden Juniwochen wird die Gebietsbetreuung direkt vor Ort Anregungen für die Neugestaltung aufnehmen. MitarbeiterInnen der Gebietsbetreuung werden dabei mehrere Stunden täglich anwesend sein. So wird gewährleistet, dass möglichst viele NutzerInnenanliegen in die Beteiligung einfließen können. Die Wasserwelt wird von vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen genutzt. Manche wollen einfach zur U-Bahn, andere gehen zum Einkaufen, für viele Kinder und Jugendliche ist der Platz Aufenthaltsort für den Nachmittag. Viele, zum Teil gegensätzliche Interessen werden aufeinandertreffen. Aufgrund der Größe des Gebietes und der vielen unterschiedlichen NutzerInnengruppen ist eine gründliche Vorbereitung des Projekts besonders wichtig. Die Rahmenbedingungen müssen von Beginn an für alle Beteiligten klar und transparent sein. Derzeit laufen Vorbesprechungen mit den verschiedenen Magistratsdienststellen, um zu klären, welche technischen Möglichkeiten und Grenzen es für zukünftige Gestaltungen gibt. Parallel dazu wird erarbeitet, welche übergeordneten Anforderungen wie z.B. Zugänglichkeit zur U-Bahnstation, Fluchtwege, Zufahrtsmöglichkeiten für Rettungsdienste oder allgemeine Verkehrsverbindungen die zukünftige Platzgestaltung erfüllen muss. Und es geht um die Klärung der finanziellen Rahmenbedingungen für eine Neugestaltung. Eine ernst gemeinte BürgerInnenbeteiligung ist ein Verhandlungsprozess auf Augenhöhe. Damit Beteiligung zu einem starken Instrument der gesellschaftlichen Gestaltung werden kann, müssen alle Beteiligten bereit sein zu lernen. Wir haben die Erfahrungen aus den vorangegangenen Beteiligungsprojekten, positive und negative, in die Vorbereitung der Neugestaltung der Wasserwelt einbezogen. Trotzdem sollte uns allen klar sein, dass derart komplexe Prozesse keinen starren Ablauf haben. Demokratie bedeutet Beteiligung, Demokratie bedeutet Weiterentwicklung. Gehen wir es gemeinsam an. Waltraut Antonov, Bezirksrätin, Christian Tesar, Klubobmann der Grünen 15

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SCHMELZTIEGEL 01/2013


CHANCENGLEICHHEIT FÜR RUDOLFSHEIM-FÜNFHAUS Die Chancengleichheit der BewohnerInnen von Rudolfsheim-Fünfhaus wird dieses Jahr Schwerpunkt in der Arbeit der Kommission für Integration, Zusammenleben und Teilhabe. Obwohl man den Begriff immer häufiger hört, kann man sich wenig darunter vorstellen. Zu schwammig scheint der Begriff, zu utopisch. Aber in seiner breiten Auslegung steckt auch seine Chance. Chancengleichheit kennt mindestens zwei Aspekte: Eine faire Verteilung der Mittel verbessert die Aufstiegschancen, wobei damit nicht nur Geld gemeint ist. Nicht jedes Elternhaus kann seinen Kindern einen ausreichend guten Start garantieren. Gleiche Aufstiegschancen bedeuten auch Schutz vor Diskriminierung. Die gläserne Decke lauert spätestens im Berufsleben, besonders für Frauen, MigrantInnen und Menschen mit Behinderung. In den kommenden Monaten arbeitet die Kommission für Integration, Zusammenleben und Teilhabe der Bezirksvertretung daran, Punkte aufzuzeigen, wo die

Politik mehr Chancengleichheit erwirken kann. Ein besonderer Dank geht an das Regionalforum, einen Zusammenschluss der Sozialinitiativen des Bezirks. Es berät die Kommission mit seinem wertvollen Blick aus der Praxis. Wir wünschen uns für alle, dass sie das, wovon sie träumen, erreichen. Chancengleichheit heißt,

mehr im Leben erreichen zu können. Besonders wichtig ist mir, dass es hier nicht um das Thema In- oder AusländerInnen geht, sondern um die Gleichwertigkeit von Menschen. Haroun Moalla, Bezirksrat, Vorsitzender der Kommission für Integration, Zusammenleben und Teilhabe

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ZITAT ZUM THEMA CHANCENGLEICHHEIT IM LEITBILD FÜR INTEGRATION, ZUSAMMENLEBEN UND TEILHABE VON RUDOLFSHEIM-FÜNFHAUS Die Bezirksvertretung will den Zugang zu Bildung, Arbeit, Kultur und zu Sozial- und Gesundheitseinrichtungen verbessern. Öffentlicher Raum ist für alle da. Es ist besonders wichtig, Diskriminierungen jeder Art zu erkennen und dagegen Maßnahmen zu setzen.

Wir bemühen uns auch um verstärkte Gendersensibilität in allen Bereichen der Bezirkspolitik. Die Vielfalt der Menschen in unserem Bezirk sehen wir als Potenzial, unsere Unterschiedlichkeit ist eine Bereicherung.

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N E E T F I F F O T S BE

dieLichtfabrik ist ein Kulturzentrum für Social Arts. Hier kommen Menschen aller Altersstufen, Hintergründe und Denkweisen zusammen, um mit Mitteln der Kunst gesellschaftliche Probleme anzugehen. Für den 15. Bezirk möchte dieLichtfabrik der Ort sein, wo kreative Projekte „mit Bodenhaftung“ auf die Beine gestellt werden. Komm doch zu einem unserer Social Art Workouts! Bei Kaffee und Kuchen könnt ihr neue Leute kennen lernen und eure Ideen besprechen – gleichgültig ob ihr schon einmal „etwas“ mit Kunst gemacht habt oder nicht. Das Pier 15 (also die Räumlichkeiten der Lichtfabrik am Sparkassaplatz 3) und unser Team stehen für euch bereit! Unsere Homepage und die Facebook-Gruppe geben Auskunft über alle laufenden Workshops und Events! Jede und jeder ist willkommen! dieLichtfabrik Sparkassaplatz 3, 1150 Wien lichtfabrikwien@gmail.com http://dielichtfabrik.wordpress.com/

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No drugs, no alc, but fair play! lauten die Spielregeln bei login, einem gemeinnützigen Verein in der Weiglgasse 19. login bietet Freizeitaktivitäten für junge Erwachsene in schwierigen sozialen Lagen und für Menschen mit geringem Einkommen. Mit einem Solibeitrag von 4 € kann Mann/Frau einen Monat lang mitmachen! Volleyball, Fußball, Yoga, Klettern, Tanz, Shinson Hapkido, Qi Gong und Nordic Walking stehen ebenso am Programm wie wöchentliche Kultur- und Kreativworkshops. Termine, News und Infos sind per e-mail, telefonisch oder auf der Website erhältlich! Wer sich persönlich informieren möchte, ist herzlich eingeladen nach telefonischer Voranmeldung zur wöchentlichen Infostunde zu kommen! Weiglgasse 19/4-6 Tel. 0664/8323607 www.loginsleben.at kontakt@loginsleben.at

am 7. März 2013, 19.00 Uhr im Festsaal der Bezirksvorstehung Rosinagasse 4, 1150 Wien

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wohnstrassen viel strasse – wenig wohn eigentlich sollten wohnstrassen mehr zu bieten haben als parkplätze. Das „mehr“ sucht man allerdings meist vergeblich

Vielmehr scheint die Sache, vor allem für AutofahrerInnen klar zu sein: Straßen sind zum Befahren da. Straßen als Lebensraum? „Geh, Bledsinn.“. Die Vorstellung, dass der Platz zwischen den Hauswänden in erster Linie Lebensraum für alle BewohnerInnen ist und daher zu den unterschiedlichsten Nutzungen einladen sollte, ist offensichtlich weniger weit verbreitet, wenn man sich ansieht, was in Wohnstraßen tatsächlich passiert. Parkplatzsuchende, an und für sich verbotener Durchzugsverkehr, der die Vorgabe „Schrittgeschwindigkeit“ offensichtlich als „Langsamer als am Gürtel, passt eh“ interpretiert – was ja nicht Sinn der Sache ist. Durchzugsverkehr ist verboten, Schrittgeschwindigkeit meint die von FußgängerInnen, also unter 7 km/h. Kontrolliert wird aber so gut wie nicht, wurscht ist es den meisten

AutofahrerInnen auch, daher werden die Möglichkeiten, die eine Wohnstraße bietet, auch kaum genutzt. Es gilt also, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man sich den, zwar per Verordnung theoretisch vorhandenen, praktisch aber nicht genutzten, Lebensraum zurückerobert und damit mehr Freiraum und Lebensqualität für die BewohnerInnen schafft. Möglichst ohne dabei eine neue Karriere als Kühlerfigur zu starten. Wir werden uns in den nächsten Wochen und Monaten ausführlich mit den Wohnstraßen im Bezirk auseinander setzen. Mehr dazu im nächsten Schmelztiegel – oder in der Wohnstraße ums Eck, sobald das Wetter besser ist. Esther Lang, Aktivistin

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Wohnstraße: > Fahrzeugverkehr ist prinzipiell verboten Ausnahmen: Fahrradverkehr, Zu- und Abfahren, Feuerwehr, Müllabfuhr, Lieferverkehr > Das Betreten der Straße und das Spielen ist gestattet, der Verkehr darf aber nicht mutwillig behindert werden. > In Einbahnen dürfen RadfahrerInnen in beide Richtungen unterwegs sein. > Maximal Schrittgeschwindigkeit. FußgängerInnen und RadfahrerInnen dürfen nicht behindert oder gefährdet werden.

t a l a s r G ‘ mischte und jetzt kusch! Wenn BezirksrätInnen nicht mitreden dürfen Die Geschäftsordnung für Bezirksvertretungssitzungen erlaubt die Zuweisung eines Antrages an einen Ausschuss oder an eine Kommission. Dort sitzen auch externe Fachleute, es wird beraten und eine Empfehlung für die nächste Bezirksvertretungssitzung beschlossen. In der BV-Sitzung stimmen die BezirksrätInnen eigentlich immer so ab wie ihre FraktionskollegInnen in den Ausschüssen und Kommissionen. In letzter Zeit wurden besonders viele Anträge in Kommissionen „verschoben“, über die Gründe mag spekuliert werden. Bezirksvertretungssitzungen sind öffentlich, Kommissionssitzungen nicht. Die „verschobenen“ Anträge waren aber keine von besonderer politischer Brisanz. Es könnte auch die Idee einer Spezialisierung bzw. einer intellektuellen Entlastung von BezirksrätInnen dahinter stecken. Dazu ein Beispiel: In der Bezirksvertretungssitzung vom 15. November 2012 stellte die ÖVP folgenden Antrag: „Die zuständigen Stellen werden gebeten, unter Einbeziehung der zuständigen Kommission oder des Ausschusses

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der BV die Taubenplage an der Ecke Mariahilferstraße – Äußerer Gürtel zu beseitigen.“ Dieser Antrag wurde dem Umweltausschuss zugewiesen. Warum dem Umweltausschuss, der noch nie in ähnlich gelagerten Problemfällen eine Lösung gefunden hat? Niemand von uns Umweltausschussmitgliedern will das Tauberlvergiften veranlassen und auch das Einfangen der Verschmutzer, Töten mit Stromschlag und Verfüttern in Falknereien hat bei uns keinen Anklang gefunden. Warum nimmt sich die Bezirksvertretung die Möglichkeit der Diskussion und Lösungssuche im Plenum? Ich wollte die Zuweisung an die Kulturkommission beantragen und dies auch begründen. „Njet! Kusch! Wirkli net, wo kumma do hin, des woa scho imma so, dass de Taubn dem Umweltausschuss ghörn!“ Warum darf sich die Kulturkommission keine Gedanken über Taubendreck machen? Es muss ja kein Vogelscheuchenbastelwettbewerb herauskommen. Es könnte z.B. eine Straßentheatergruppe beauftragt werden, das Thema aufzugreifen und den Platz zu bespielen.

Die Kulturkommission ist nicht nur zum Verteilen von Fördergeldern da! Warum sollte sich nicht die Kommission für Integration, Teilhabe und Zusammenleben Gedanken machen, zumal bekannt ist, dass Taubenfüttern oft ein Symptom für Einsamkeit und mangelnde Integration ist. Diese Kommission ist nicht nur für Probleme zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern da! Immerhin haben wir Grüne erreicht, dass nun doch ein Antrag in mehreren Kommissionen/Ausschüssen behandelt werden darf. Und so wurde in der Jänner-Sitzung beschlossen, dass sich nicht nur die Verkehrskommission, sondern auch die Kommission für Gesundheit und Soziales mit dem Aufstellen von Fahrradbügeln vor Schulen und den gesundheitlichen Vorteilen des Radelns für Schulkinder beschäftigen wird.

Es lebe die Gedankenfreiheit! Lidia Brandstätter, Bezirksrätin

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MEHR PARTIZIPATION IN EUROPA Wir Grüne bekennen uns zur EU und fordern dennoch ihre Umgestaltung: mehr Demokratie, mehr BürgerInnenbeteiligung, weniger Neoliberalismus. In der Diskussion über die Krise in Europa kommt die demokratiepolitische Dimension seit Jahren kaum vor. Erst jetzt, mit der Einführung des ESM und dem Beschluss über den Fiskalpakt, rückt das demokratische Defizit der EU ernsthaft ins Blickfeld. Wird doch deutlich, dass mit der neuen wirtschaftspolitischen Steuerung (Fachjargon: „economic governance“) nicht nur das Europa-Parlament größtenteils umgangen wird, sondern eine breite demokratische Diskussion faktisch nicht existiert.

Für ein Europa der Menschen Als grüne Europäerin ist es wichtig festzustellen: Ja, wir sind für Europa - ein soziales, ökologisches, demokratisches und vor allem gemeinsames Europa. Aber wir sind genauso für ein „anderes“ Europa, für einen Kurswechsel, für die Abkehr vom (praktisch gescheiterten) Neoliberalismus, für ein Ende der Herrschaft der Finanzmärkte, für ein nachhaltiges Wirtschaftssystem, für eine Sozialunion, für ein

Europa der Menschen für eine Europäische Demokratie. Ohne die Behebung des demokratischen Defizits der EU wird die EU-Skepsis der Bevölkerung weiter steigen, werden die Rechten ungebremsten Zulauf haben, werden viele Menschen das Gefühl haben, die EU sei der „verlängerte Arm der Globalisierung“. Vor allem für die lokale Ebene ist BürgerInnenbeteiligung von Bedeutung – sind doch die Städte Brennpunkte demokratischer Entwicklungen und GemeinderätInnen und BezirksrätInnen am nähesten an der Lebensrealität der BürgerInnen dran. Europaweite Best Practice Modelle auf lokaler Ebene – von BürgerInnenhaushalten über Mitgestaltung in Stadtplanungsprozessen – zeigen, was demokratiepolitisch alles möglich ist. Es gibt bereits Ansätze für eine Europäische Demokratie, die dringend ausgebaut werden müssen: das volle Initiativrecht des Europäischen Parlaments,

die Direktwahl des/der KommissionspräsidentIn, Europäische Wahllisten oder die Einberufung eines neuen EU-Konvents unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft. Seit Frühjahr 2012 kann auch eine Europäische BürgerInneninitiative eingereicht werden (kurz: EBI) –eine Art europaweites Volksbegehren, bei der eine Million UnterstützerInnen in mindestens 7 EUMitgliedstaaten die Kommission auffordern können, sich mit einem bestimmten Thema ihres Zuständigkeitsbereichs zu befassen. Die Kommission hat allerdings mit der Zurückweisung der Initiative „Meine Stimme gegen Atomkraft“ für einen europaweiten Atom-Ausstieg der Demokratie keinen guten Dienst erwiesen. Auch ist die EBI zu unverbindlich und hat zahlreiche bürokratische und technische Hürden. Der Weisheit letzter Schluss ist die EBI nicht – eher ein erster zaghafter Schritt in Richtung mehr Direkte Demokratie in Europa. Monika Vana, Gemeinderätin stv. Vorsitzende des Ausschusses für Europäische und Internationale Angelegenheiten

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HERAUSFORDERUNG BÜRGERINNENBETEILIGUNG Foto: Uschi Lichtenegger

AM NORDBAHNHOF

Mitten in der Stadt wird mit dem Nordbahnhof ein Stück Zukunft geschaffen, kein anderer Standort eignet sich besser, um neue ökologische und soziale Standards zu setzen. Diesen grünen Stadtteil gemeinsam mit den BewohnerInnen und AnrainerInnen zu entwickeln, sehen wir als die große Herausforderung.

Was ist BürgerInnenbeteiligung? BewohnerInnen des Nordbahnhofs verstehen unter BürgerInnenbeteiligung vielfältige Umsetzungsmöglichkeiten für ihre Ideen; sie tauschen ihre Anliegen in Kleingruppen mit professioneller Begleitung aus; die Ideen von Laien werden auf einer höheren Ebene diskutiert und umgesetzt: BürgerInnenparlament und Arbeitsgruppen...

Grüne Sicht auf den partizipativen Nordbahnhof Wir Grüne in der Leopoldstadt sehen BürgerInnenbeteiligung als das Recht der Menschen auf Mitsprache bei der Gestaltung ihres Lebensumfeldes.

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Ein taugliches Mittel dafür wäre unserer Meinung nach die Agenda 21, sie ist ein offener, kreativer, lokaler Prozess, der von den Säulen Nachhaltigkeit, direkte Demokratie und Gender-Mainstreaming getragen wird. So können im Rahmen der Agenda 21 alle partizipativen Vorstellungen der BürgerInnen umgesetzt werden. Der Wasserturm, letztes Relikt des historischen Nordbahnhofs, soll erhalten bleiben und zentraler Ort für Beteiligungsprojekte im neuen Wohnviertel am Nordbahnhof werden. Dass das möglich werden könnte, zeigt das Siegerprojekt des Städtebaulichen Wettbewerbes von Studio Vlay in einem mutigen Entwurf auf. „Freie Mitte – vielseitiger Rand“ heißt Freiraum ermöglichen und ist auch eine Herausforderung an die NordbahnhofbewohnerInnen, sich in den Entwicklungsprozess einzubringen.

Grüne Vernetzung mit den ExpertInnen vor Ort Für 2013 planen wir Streifzüge durchs Areal und in die Gebäude mit den ArchitektInnen/GrünplanerInnen und den NutzerInnen, sowie mit sympatisierenden KünstlerInnengruppen des Bezirks. Nicht zu vergessen sind die informellen Netzwerkblogs und Facebookgruppen. Wir können hier durch Information und Vermittlung zu Entscheidungen beitragen: Eine Impulsveranstaltung mit den ArchitektInnen des Nordbahnhofwettbewerbs findet am 28. Februar 2013 statt, die eine Basis für die weitere Entwicklung rund um den Wasserturm sein wird. Uschi Lichtenegger, Brigitte Redl-Manhartsberger

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WIENER CHARTA „ZUKUNFT GEMEINSAM LEBEN“ Die Wiener Charta ist mit 15. Oktober beendet worden. Es nahmen 8.500 Personen in über 650 Gesprächen an diesem Prozess teil. Die Ergebnisse der Charta wurden am 27. November präsentiert. Was zeichnet die Charta aus? Das Ergebnis der Charta „Zukunft gemeinsam leben“ ist ein Produkt aller WienerInnen, die aktiv in diesem Prozess mitgewirkt haben. Alle Personen haben sich jeweils zwei Stunden Zeit genommen, um face to face darüber zu sprechen, wie sie selber zu einem besseren Zusammenleben beitragen können. Der Prozess einzigartig: Demokratie – BürgerInnenbeteiligung Demokratie und BürgerInnenbeteiligung ist nicht nur ein Abstimmen über eine mit Ja oder Nein zu beantwortende Frage. In Zentrum des Chartaprozesses stand der Dialog. Die Stadt Wien stellte dafür die notwendigen Mittel und Ressourcen zur Verfügung. Die WienerInnen hatten die Möglichkeit selber zu bestimmen, worüber in diesem Prozess gesprochen werden sollte. In der Themenfindungsphase hatten die WienerInnen die Möglichkeit online, über Festnetz, aber auch per Brief ihre Themenvorschläge einzubringen. 1848 Themen sind es dann geworden.

DIE VORGESCHLAGENEN THEMEN WURDEN IN SIEBEN FELDER GEGLIEDERT, WORAUS DANN DREI CLUSTER WURDEN. Miteinander auskommen • Verhalten im Straßenverkehr und in den öffentlichen Verkehrsmitteln • Umgangsformen im Alltag, Rücksicht im Zusammenleben Nicht immer dasselbe • Jung und Alt • Deutsch sprechen – andere Sprachen sprechen • Ich und die, die anders sind als ich Aufgeräumt wohlfühlen • Sauberkeit in der Stadt • Öffentlicher Raum – Lebensraum für uns alle

Über 300 NGOs, Jugendeinrichtungen, Vereine, private Unternehmen, Ämter etc. schlossen sich dem Prozess an. Alle PartnerInnenorganisationen haben je nach ihren Möglichkeiten Gespräche organisiert.

Besonders freut es mich, dass der Charta-Prozess bis jetzt so viele Gemeinsamkeiten der Wienerinnen und Wiener ans Tageslicht geführt hat. Was alle Befragten bewegt: Verkehr, Nachbarschaftsbeziehungen, Respekt, Vielfalt, Generationen, Lärm, ethnische Konflikte. Nun geht es darum die Ergebnisse der Wiener Charta mit Leben zu füllen. Zunächst hat die rot-grüne Regierung die Ergebnisse der Charta in einem Sonder-Perspektivenheft der Stadt Wien zusammengeführt. Als nächsten Schritt sind alle PartnerInnenorganisationen mit Informationen versorgt worden. Nun müssen wir dran bleiben! Ich bedanke mich bei allen Personen, die sich aktiv an diesem erfolgreichen Projekt beteiligt haben. Senol Akkilic, Gemeinderat

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Bestellungen des Perspektivenhefts unter: Telefon: (01) 4000-81561 mail: charta@post.wien.gv.at

PORTRAIT WOLFGANG WENGER Position/Funktion bei den Grünen (seit): Aktivist seit August 2012 Politische Schwerpunkte/dafür bin ich zuständig: Interesse für die Themen Verkehr, Energie, Stadtplanung und Umwelt Das wünsch ich mir von der Bevölkerung des 15. Bezirks: Mehr das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen (bzw. im Kopf zu haben) als die eigenen Bedürfnisse. So bin ich für Interessierte erreichbar: wolfgang.wenger@gruene.at Jahrgang/Alter: 1984 Wurzeln: Seitenstetten (Niederösterreich) Beruf: Psychologe Was ich einmal werden wollte: Fußballmanager Mein Lieblingsort/platz: Lainzer Tiergarten, dieser rettet mir im Sommer das Leben.

ITMAC N M E D E R T MI SO GEHT‘S. aktiv zu werden? Sie haben Interesse für die Grünen Ideen einbringen? Sie möchten Ihre Meinung und Ihre gieren? enga k Bezir 15. den Sie wollen sich für

einmal! Dann melden Sie sich doch einfach nisch: 01-942 44 39 E-Mail: wien15@gruene.at oder telefo

Wo ich unbedingt einmal hin möchte: Neuseeland und Island Was ich am 15. Bezirk sehr schätze: Die Vielfalt in allen Bereichen und ehrlich gesagt auch die zentrale Lage. Darum lebe ich in dieser Stadt: Ursprünglich zwecks Studium, mittlerweile habe ich aber Wien (und seine Vorteile) schätzen und lieben gelernt, auch wenn ich mir das früher nie vorstellen hätte können. Was ich in Wien gerne verändern würde: Mehr Grünflächen schaffen und weitere Schritte zur Reduktion von Feinstaub und Lärm. Welche Empfehlung gibst du jemandem, die/der nur einen Tag in Wien verbringt: Unbedingt noch weitere Tage in Wien zu verbringen. Aber ernsthaft, ich würde einfach versuchen die Stadt zu spüren und mich soviel wie möglich im öffentlichen Raum zu bewegen. Was mir an Österreich besonders gefällt: Auch wenn es immer weniger wird, aber die Gemütlichkeit der Menschen.

HEN MITGESTALTEN : Sie finden uns auch im Internet unter facebook.com/gruene15 und .at uene us.gr enfha im-fu rudolfshe Sprechstunden in unser Oder Sie kommen zu einer unserer 10/1: latz Bezirkslokal, Kriemhildp -12:00 Uhr Dienstag, 17:00-19:00 & Freitag, 10:00

Was ich gut kann: Zusammenhänge erkennen, Probleme lösen und zuhören. Was mich fasziniert: Fähigkeiten und Wissen, dass ich selber nicht besitze. Größte Herausforderung: Das Jahr 2012. Bester Ratschlag, den ich bekommen habe: Lebe dein Leben. Was ich nicht ausstehen kann: Intoleranz, mangelndes Mitgefühl und Vorurteile (wobei ich nicht selber frei davon bin). Was mir manchmal fehlt: Geduld und Pünktlichkeit. Wen ich gern einmal torten würde: Niemanden, ich schätze die Individualität von Menschen, und das Leben wäre ja wirklich langweilig, wenn wir alle gleich wären. In 5 Jahren wünsche ich mir politisch: Mehr Grün in allen Bereichen und mehr kritisch denkende Menschen. Ein Zitat, das mir besonders gefällt/meine politische Meinung, meine Lebenseinstellung gut ausdrückt: Gemeinsam können wir eine bessere Welt erschaffen.

IMPRESSUM Schmelztiegel 1/2013 Medieninhaberin: Die Grünen – Grüne Alternative Wien, Lindengasse 40, 1071 Wien. Herausgeberin: Die Grünen – Grüne Alternative RudolfsheimFünfhaus, Kriemhildplatz 10, 1150 Wien.

Grafik: Gregor Rührer graphisches Handwerk alleswiedergut.at Druck: Donau Forum Druck, 1120 Wien. Verlagspostamt: 1070 Wien. Herstellungsort: Wien. DVR: 102 11 84. Alle Fotos (sofern nicht anders gekennzeichnet): Die Grünen


Schmelztiegel Feber 2013