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EVA GLAWISCHNIG 路 rudi anschober


von Eva Glawischnig und Rudi Anschober


INHALT Vorwort

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Atomkraft Und Fossile Energien: Schmutzig, teuer und gefährlich 1

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© herbert pfarrhofer/apa

Wie der Supergau die (Energie-)Welt veränderte  Warum Atomkraft keine Zukunft hat  Das letzte Aufbäumen der Atomlobby an unserer Grenze Die Tricks der Atom-Konzerne Die fossile Sackgasse So versagt Österreichs Energiepolitik

Fukushima: Wie Japan Energiesparen als Einstieg

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Atomfrei, CO2-neutral: Das riesige Potenzial

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Ja, es geht! – 100 Prozent erneuerbare Energien sind möglich Grüne Energiewende in Österreich: Ja, es geht! Wie wir nachhaltig Wohlstand schaffen:

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J a, Es Geht! Die Grüne Energiewende: Sauber, Innovativ Und 100% Erneuerbar

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Zeitenwende Fukushima:

ins Grüne Zeitalter entdeckt

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der erneuerbaren Energien

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Das Grüne Wirtschaftswunder

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So verändert die Energiewende unser Leben

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weiterführende links

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Neue Netze, Speicher, Landschaften:


vorwort

Das ist es was uns antreibt: Wir wollen unsere Welt in ihrer Schönheit, in ihrem Reichtum an natürlichen Ressourcen erhalten. Wir kämpfen für eine Welt, in der künftige Generationen in einer intakten Umwelt dieselben Chancen auf ein glückliches Leben vorfinden wie wir. Deswegen wollen wir die Grüne Energiewende. Sie ist der Schlüssel für ein friedliches, gerechtes und nachhaltiges Zusammenleben aller Menschen. Sehr viel ist heute längst möglich. Oft fehlt die wichtigste Ressource: der politische Wille.

Liebe Leserin, lieber Leser! Am 11. März 2011 wird das japanische Atomkraftwerk Fukushima durch ein verheerendes Erdbeben und eine 14 Meter hohe Flutwelle zerstört. Es kommt zu einem dreifachen Super-GAU. Der 11. März 2011 verändert die Welt. Die Katastrophe beraubt zehntausende Menschen ihrer Lebensgrundlagen, die High-Tech-Nation Japan stürzt in eine tiefe Krise. Die Welt steht unter Schock. Der 11. März 2011 ist ein Wendepunkt. Weltweit werden Atomausbaupläne gestoppt. Deutschland und die Schweiz beschließen Atomausstieg und Energiewende, China verhängt einen AKW-Ausbaustopp, Italien sagt per Volksabstimmung Nein zu Atomkraft. Erstmals besteht eine echte Chance, den weltweiten Atomausstieg zu schaffen. Noch wehren sich Regierungen in Frankreich, Tschechien, der Slowakei oder Ungarn, von ihren Atomplänen – insbesondere an Österreichs Grenzen – abzurücken. Gegen den Willen ihrer Bevölkerungen.

Wir können problemlos einen großen Teil unseres Energieverbrauchs senken. Wir können unsere Energieversorgung umstellen. Weg von den schmutzigen, teuren und gefährlichen Energieträgern Atom, Öl, Gas und Kohle, hin zu sau­ berer, innovativer und 100% erneuerbarer Energie aus Sonne, Wind und Wasser. So schaffen wir die Jobs von morgen. Österreich kann vorangehen. Wir haben das Know-how, wir haben die vielen innovativen Unternehmen und die engagierten Menschen, um die Grüne Energiewende gemeinsam auf den Weg zu bringen. Wir sind überzeugt, dass wir das schaffen können. In Österreich und weltweit. Beginnen wir hier und jetzt!

Der 11. März 2011 führt uns erneut vor Augen: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“ Diese alte Prophezeiung der Hopi ist heute aktueller denn je. Öl- und Atomkonzerne plündern und zerstören unseren Planeten, als gäbe es kein Morgen. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010 ist nur die Spitze des Eisbergs der weltweit voranschreitenden Umweltzerstörung. Milliardenprofite zählen mehr als die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen. Der Klimawandel schickt seine ersten Vorboten: Dürrekatastrophen in Afrika, Überschwemmungen in Pakistan, Hitzewellen in Europa. Der gigantische Hunger nach Energie stiehlt unseren Kindern ihre Zukunft. Wir haben nur einen Planeten Erde. Wir leben als hätten wir einen zweiten. 6

Eva Glawischnig

rudi anschober

Bundessprecherin der Grünen

umweltlandesrat in OÖ & sprecher der grünen oberösterreich

Im Oktober 2011 7


ATOMKRAFT UND FOSSILE ENERGIEN:

SCHMUTZIG, TEUER UND GEFÄHRLICH


ZEITENWENDE FUKUSHIMA: WIE DER SUPERGAU DIE (ENERGIE)WELT VERÄNDERTE

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ZEITENWENDE FUKUSHIMA: WIE DER SUPERGAU DIE (ENERGIE)WELT VERÄNDERTE Wussten Sie, dass… statistisch betrachtet alle 23 Jahre ein Super-GAU droht? Hochgerechnet auf die ca. 440 weltweit in Betrieb befindlichen AKW bedeuten die internationalen Sicherheitszielwerte, dass es statistisch gesehen alle 23 Jahre zu einem Unfall mit Kernschmelze kommt. Tschernobyl explodierte vor 25 Jahren.

Fukushima – Das Leben nach dem Super-GAU: sechs Monate nach der Katastrophe ist die AKW-Ruine noch immer außer Kontrolle. 80.000 Menschen werden „lange Zeit“ nicht in ihre Heimat zurückkehren können, sagt die Regierung.

© stephen morrison/epa

Japan erklärt den nuklearen Notstand

Der 11. März 2011 teilt das Atomzeitalter in zwei Hälften: Das japanische AKW Fukushima Daiichi wird durch ein verheerendes Erdbeben samt einer 14 Meter hohen Flutwelle massiv beschädigt. Stunden nach der Naturkatastrophe kommt es zu Kernschmelzen in drei der sechs Reaktoren. Explosionen erschüttern das Areal. Der dreifache Super-GAU wird in Echt-Zeit im Fernsehen übertragen. Weltweit halten Menschen geschockt den Atem an. Was eben noch als „Restrisiko“ im Betrieb von AKW schön geredet worden war, entfacht eine Apokalypse. Japan erklärt den nuklearen Notstand. Die Katastrophe entsteht aus einer Mischung von Naturgewalten und völligem Versagen beim Krisenmanagement samt schwerwiegenden Sicherheitsmängeln im AKW-Betrieb. Fast exakt 25 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl (1986) scheitert Japan, die führende High-Tech-Nation der Erde, daran, ihr schwer beschädigtes AKW zu kühlen und so in den Griff zu bekommen. Der GAU in Tschernobyl wurde als „kommunistische Schlamperei“ abgetan. Nun ist der 11


ZEITENWENDE FUKUSHIMA: WIE DER SUPERGAU DIE (ENERGIE)WELT VERÄNDERTE

ZEITENWENDE FUKUSHIMA: WIE DER SUPERGAU DIE (ENERGIE)WELT VERÄNDERTE

Nimbus der Unfehlbarkeit „westlicher Standards“ und somit die Illusion von Sicherheit der Hochrisikotechnologie stark beschädigt. Wichtige Informationen wurden im Augenblick der Katastrophe gezielt geheim gehalten: Interne Regierungsdokumente belegen wie sich Behörden weigerten, die Daten öffentlich zu machen. An dem Tag, an dem Explosionen im AKW Fukushima Abermillionen radioaktiver Partikel in die Luft schleuderten, erfuhren die Menschen in den umliegenden Städten erst einmal nichts.

tonische Bruchlinie verläuft, war die Statik des Gebäudes nicht auf die erwartbare Erdbebenstärke von 9,0 ausgerichtet. Mit einer Naturkatastrophe in diesen Dimensionen hätte man rechnen müssen, so die erste äußerst kritische Fehler-Analyse von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO nach dem Super-GAU. Dazu verfügten die beschädigten Reaktoren über kein so genanntes „Volldruckcontainment“. Sie waren lediglich durch ein Druckabbausystem geschützt, aber durch keine druckfeste Schutz­hülle aus Stahl und Beton.

Wie die High-Tech-Nation Japan versagte

Monate vergehen bis die AKW-Betreiberfirma TEPCO (Tokyo Electric Power Company) das wahre Ausmaß der Katastrophe eingesteht: „Die Gefahr ist höher als befürchtet“, heißt es, nachdem Ingenieure im Juni 2011 die Reaktoren von innen besichtigten. Zur Kernschmelze kam es deutlich früher, als angenommen. Und: „Es könnte sein, dass dieser Unfall langfristig mehr Radioaktivität frei setzen wird als Tschernobyl“, so die Befürchtung von TEPCO. Mit jedem Monat seit dem Desaster tauchen neue Probleme auf. Zuletzt wurden im August 2011 am AKW-Areal wieder tödlich hohe Strahlenwerte gemessen. Schon in den Stunden und Tagen nach dem Super-GAU zeigte sich, wie überfordert die AKW-Betreiber waren. Wasserwerfer, Meerwasser, Beton: Hektisch und hilflos versuchen die Ingenieure die Kettenreaktion in Fukushima zu stoppen, die Reaktoren zu kühlen. Immer wieder fällt die Stromversorgung und somit die Notkühlung aus. Man entdeckt, dass sich die Ventile händisch nicht öffnen lassen. In ihrer Verzweiflung kapern die Techniker Autobatterien von Fahrzeugen, die in den Siedlungen um das AKW abgestellt sind, um irgendwie an Strom zu kommen.

Sicherheitsmängel, die niemand bemängelte

„Mit meinem Rücktritt übernehme ich die unternehmerische Verantwortung, dass wir in Fukushima das Vertrauen in die Atomkraft zerstörten.“ Masataka Shimizu, der Präsident der Betreibergesellschaft TEPCO spielte bei seinem Abgang im Mai 2011 zu Recht auf historische Dimensionen an. Bereits 2002 musste das TEPCO-Management zugeben, jahrelang Sicherheitsprotokolle gefälscht zu haben. Fünf ihrer Reaktoren mussten zeitweilig wegen Betriebsproblemen abgeschaltet werden - darunter auch Fukushima. Der erste Reaktor dieses AKW ging bereits vor 40 Jahren ans Netz. Die Stilllegung des völlig veralteten AKW war eigentlich für den Frühling 2011 erwartet worden. Fukushima erhielt allerdings, wohl dank der engen Verbindungen des Betreibers zur Regierung und trotz gravierender Mängel eine Verlängerung der Betriebsgenehmigung. Nur sechs Meter hoch war die Sicherheitsmauer rund um das Kraftwerk, die im Falle eines Tsunami die Reaktoren schützen sollte. 14 Meter hoch waren die Wellen des Tsunami am 11.3.2011. Obwohl direkt neben dem AKW eine hoch aktive tek12

Zehntausende Obdachlose, bis zu 100 Milliarden Euro Schaden

So konnte eine weiträumige Verstrahlung durch die zerstörten Reaktoren nicht verhindert werden. 80.000 Menschen wurden aus der Zone um den Reaktor evakuiert. Ein Radius von zwanzig Kilometern ist de facto zur Todeszone geworden. Doch die verheerenden Folgen lassen sich nicht durch Absperrungen im Zaum halten. Mit jedem Tag werden in ganz Japan immer mehr Nahrungsmittel aus dem Verkehr gezogen, weil sie radioaktive Substanzen weit über dem Grenzwert enthalten: Erst war es Trinkwasser, nun Tee, Rindfleisch, Reis und auch Seetang aus dem Meer vor dem AKW. Sowohl in der Muttermilch stillender Frauen in der 200 Kilometer entfernten Stadt Tokio wie auch im Urin bei zahlreichen Kindern aus der Region um den Katastrophen-Reaktor wurden Spuren radioaktiven Cäsiums entdeckt. Alles Indizien dafür, dass die Bevölkerung die Folgen der Katastrophe erst langfristig in ihrer Gänze zu spüren bekommen wird. Eine Katastrophe in Zeitlupe. Der Super-GAU in Fukushima führte in aller Brutalität vor Augen, wie teuer uns die angeblich so „billige und saubere“ Atomkraft kommt. Für Menschen und Volkswirtschaft. Bis zu 100 Milliarden Euro an Schadenszahlungen kommen auf die Betreiberfirma TEPCO zu, schätzen die Analysten der Bank of America / Merrill Lynch.

Japan und viele andere Nationen haben Atomkraft satt

„Wir müssen eine Gesellschaft werden, die ohne Atomenergie leben kann“, betonte der Ende August 2011 zurückgetretene japanische Premierminister Naoto Kan noch im Juli 2011. Statt aus fossilen und nuklearen Quellen werde der Wohlstand der nächsten Generation aus erneuerbarer Energie entstehen. Ein halbes Jahr nach Fukushima war ein Großteil der 54 Atomreaktoren Japans außer Betrieb. Bis 2050 hätte der Anteil von Atomstrom von derzeit 29% auf 50% erhöht werden sollen; 14 neue Reaktoren waren geplant. Die japanische Bevöl­ kerung will den Atomausstieg. War in der Zeit vor Fukushima Atomkraft als Trägerin des japanischen Export-Wunders quasi sakrosankt, befürworten nach Umfragen japanischer Medien inzwischen rund 70% der Bürger einen Ausstieg aus der Kernenergie. Im September 2011 gingen in Tokio 60.000 Atomkraft­ 13


ZEITENWENDE FUKUSHIMA: WIE DER SUPERGAU DIE (ENERGIE)WELT VERÄNDERTE

gegner auf die Strasse. Nie zuvor haben in Japan mehr Menschen gegen Kernenergie protestiert. Weltweit setzt nach Fukushima ein Umdenken ein. Das belegt eine Umfrage des britischen Instituts „Ipsos MORI“, bei der im Mai 2011 30.000 Menschen in 24 Ländern befragt wurden. In Summe waren 62% gegen Atomkraft, ein Viertel hatte seit Fukushima die Meinung geändert. Am stärksten ausgeprägt ist die Anti-AKW-Stimmung in Deutschland, Italien und Mexiko mit 80%. Und selbst in Frankreich, dem Atom-Land Europas, befürworten acht von zehn Menschen einen Ausstieg aus der Atomkraft, wie die „Le Monde“ im Juli 2011 erhob.

Atomkritische Ketten­reak­tion der Industrieländer

Nicht nur die Bevölkerung, auch die politisch Verantwortlichen der wichtigsten Industrieländer stehen unter Schock: Von Ausstieg bis zur sachten Kurs­ änderung reichen die Reaktionen nach der nuklearen Katastrophe. Fukushima kann zum Anfang eines neuen Zeitalters werden. So sind heute die führenden Industrieländer der Erde auf neuem Kurs:

Deutschland

I m Juli 2011 beschloss der Bundestag, nach mehreren großen Wahlerfolgen der Grünen, den Atomausstieg bis 2022 und somit die sukzessive Stilllegung aller 17 AKW. Schon am Tag nach Fukushima beschloss die schwarz-gelbe Regierungskoalition ein Moratorium für die acht ältesten AKW und kündigte eine 180 Grad Wende ihrer bisherigen Politik der Laufzeitverlängerung für die deutschen AKW an. Die deutsche Regierung schwenkte damit zurück auf den unter Rot-Grün beschlossenen und dann von Merkel gekippten Atomausstieg.

China

 uch ein Hoffnungsgebiet der Atom-Lobby reagierte prompt. Hier sollten A 40% der derzeit weltweit geplanten neuen AKW gebaut werden. Am 16. März 2011 wurde ein vorübergehender Stopp für laufende Bewilligungsverfahren von neuen Reaktoren verhängt.

USA

 ur ein einziges der 28 in vager Planung befindlichen neuen Kraftwerke wird N derzeit realisiert (Bauzeit schon mehrere Jahrzehnte). Dabei sind die 104 USReaktoren, die ein Fünftel des Strombedarfs decken, regelrechte Dinosaurier, gingen spätestens 1974 in Betrieb. 23 Reaktoren sind vom gleichen Design wie Fukushima, ein AKW steht in einem akuten Erdbebengebiet in Kalifornien. Präsident Obama ordnete Sicherheitschecks aller AKW an. Senator Joe Lieberman, einer der führenden US-Energiepolitiker, signalisiert den Beginn eines radikalen Umdenkens: „Wir sollten schnell auf die Bremse treten.“ 14

ZEITENWENDE FUKUSHIMA: WIE DER SUPERGAU DIE (ENERGIE)WELT VERÄNDERTE

Italien

 itte Juni 2011 stimmten 94% der Bevölkerung in einem Referendum gegen M die Inbetriebnahme neuer Atomkraftwerke.

Schweiz

 m 25. Mai 2011 beschloss die Regierung den Neubau von den drei geplanten A AKW zu stoppen. Ende September 2011 wurde der Atomausstieg endgültig besiegelt. Die Schweiz wird nie wieder Atomkraftwerke bauen.

Atom-Stresstest 2012 wird Weichenstellung

Auch in der EU verschob sich die Machtbalance. Mit dem Kurswechsel großer Staaten wie Deutschland und Italien bekamen Atom-kritische Stimmen an Gewicht. Selbst der als Atom-Befürworter bekannte Energiekommissar Günther Öttinger fühlte sich gezwungen, über die Möglichkeit eines „Atom-freien Europas“ zu sprechen. Es wäre ein gigantischer Schritt: Derzeit produzieren in 14 EULändern insgesamt 143 Reaktoren ca. ein Drittel des europäischen Stroms. Ob die EU es mit einer neuen Atom-Politik ernst meint, wird sich zeigen, wenn im März 2012 die Ergebnisse der Stresstests aller europäischen AKW vorliegen. Dabei sollen die Risiken bei Naturkatastrophen, besonders Erdbeben, neu bewertet werden, dazu auch die Gefahren von Flugzeugabstürzen. Terrorangriffe auf AKW werden hingegen nicht untersucht. Ob AKW, die beim Test durchfallen, stillgelegt werden müssen ist offen. Die EU-Atomindustrie versucht harte Konsequenzen abzuwehren. Im Fokus der Stresstests werden alle Hochrisiko-Reaktoren an unseren Grenzen, vor allem das slowenische AKW Krsko stehen, nur 70 km von Österreich entfernt: Es liegt in einer seismisch aktiven Zone und würde einem starken Erdbeben nicht standhalten.

Nachbarländer weiter auf Atom-Kurs

Die Regierungen Tschechiens und der Slowakei bleiben auch nach Fukushima auf Atom-Kurs und agieren damit im Widerspruch zur Anti-Atom-Mehrheit in ihren Bevölkerungen. Tschechiens Ministerpräsident Petr Necas etwa erklärte: „Wir sehen keinen Grund, warum wir irgendeiner Medienhysterie erliegen sollten“. Im Gegenteil: Man solle den Ausbau von Temelin beschleunigen, um mehr Strom in die „AKW-Ausstiegsländer“ exportieren zu können. Ähnlich die Haltung in der Slowakei, wo in Mochovce derzeit neue Reaktoren in Bau sind, die über kein Vollcontainment verfügen sollen, sondern wie das japanische Katastrophen-AKW nur über Druckausgleichskammern. Mit dem bekannten „Restrisiko“. •

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warum atomkraft keine zukunft hat

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warum atomkraft keine zukunft hat Wussten Sie, dass … Atomkraftwerke fast ausschlieSSlich in den reichsten Ländern der Erde betrieben werden? Die Hälfte aller Reaktoren befindet sich in Europa und fast ein Viertel in den USA.

Atomkraft ist nie sicher: Alleine in den ersten drei Monaten nach dem Super-GAU in Fukushima meldeten AKW weltweit über 15 schwere Störfälle.

© louis audet

Atomkraft ist nie sicher

Fukushima 2011 und Tschernobyl 1986 waren die schlimmsten Unfälle in der Geschichte der Atomkraft. Infolge von Tschernobyl dürften bis zu 250.000 Menschen an Krebs erkrankt sein; 100.000 starben an den Folgen des Super-GAU. Damals geriet nach einem fahrlässigen Test in Block 4 die Kettenreaktion außer Kontrolle: Ein gewaltiger Feuerball schleuderte radioaktiv verseuchte Partikel kilometerweit in die Atmosphäre. Teile der Ukraine, vor allem aber Weißrusslands wurden für tausende Jahre verstrahlt. Die radioaktive Wolke zog bis Europa. Österreich zählte zu den am meisten betroffenen Gebieten. Bis heute weisen etwa Pilze oder Wildschweine in unseren Wäldern erhöhte Radioaktivitätswerte auf. Dazu gab es Jahr für Jahr hunderte Störfälle und viele – zum Teil auch schwere – Unfälle in AKW. 1957 kam es im russischen Majak zu einer gigantischen Reaktorkatastrophe: 1.000 Menschen starben, 270.000 erkrankten. Im selben Jahr geriet in der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield (GB) ein Gas-Graphit-Reaktor in Brand. 500 km2 wurden radioaktiv verseucht. 1979 kam es im AKW Three Mile Island (USA) zu einer teilweisen Kernschmelze. Und 1999 ereignete sich der erste große Unfall in Japan, im AKW Tokaimura. Atomkraft ist nie sicher: Alleine in den ersten drei Monaten nach Fukushima meldeten AKW weltweit über 15 schwere Störfälle; darunter zahlreiche US-AKW, die in Folge von Orkanen und Hochwasser Probleme meldeten. 17


warum atomkraft keine zukunft hat

Krisenstimmung bei AKW-Neubauten

Eine der Folgen all dieser Katastrophen sind verschärfte Sicherheitsstandards: Experten rechnen damit, dass sich jetzt jeder Reaktorbau dramatisch verteuern wird. Dabei war der Neubau von Atomreaktoren schon vor der jüngsten Katastrophe immer mehr zu einem gigantischen Kostenrisiko geworden. Dies trotz Milliardensubventionen. Solche ausufernde Kosten könnten etwa dazu führen, dass jenes Loch, das seit dem 29.Juli 2011 an der Küste Sommersets (GB) ausgehoben wird, schlussendlich nicht mehr wird, als schlicht das größte Loch der britischen Inseln. 220 Fußballfelder würden in die Baugrube passen. „Hickley C“, der erste von insgesamt acht Atomreaktoren der neuen Generation Großbritanniens soll hier 2018 in Betrieb gehen. Die lokalen Behörden gaben grünes Licht für die erste Bauphase, obwohl die britische Regierung die endgültige Bewilligung für den Reaktor-Bau auf den Herbst 2011 vertagt hatte. Man wollte die genauen Analysen zur nuklearen Katastrophe von Fukushima abwarten. Großbritannien wäre das erste Land, das die gesamten AKW-Anlagen erneuert. Was aus „Hickley C“ wird, ein Loch oder ein Reaktor, wird eine historische Weichenstellung.

Seid verschlungen Milliarden

„Hickley C“ soll wie die weiteren sieben geplanten Reaktoren von der französischen Eléctricité de France (EdF) gebaut werden: Ein 1.600 MW starker Druckwasserreaktor der „dritten Generation“ (EPR), konzipiert vom ebenfalls französischen Konzern AREVA. Bislang fiel dieser als „Wunder europäischer Technologie“ gepriesene Reaktortyp vor allem durch Pleiten, Pech & Pannen auf. Vor wenigen Monaten gab die französische Atomaufsichtsbehörde sogar zu, dass man „ein Moratorium der Bauten überlegt, weil man grobe Konstruktionsfehler des EPR befürchtet“. Die EPR-Prototypen erweisen sich auf jeden Fall als teure Endlos-Baustellen: Auf der Insel Olkiluoto, in Finnland, ist die Bauzeit eines EPR schon um vier Jahre überschritten, das Budget wird um mindestens 90 Prozent überzogen: Kostenpunkt derzeit: 5,7 Milliarden Euro. Auch das zweite französische „Pionier-Projekt“ im französischen Flamanville in der Normandie floppt. Dieser EPR-Reaktor wird mindestens doppelt so viel kosten wie geplant, und die Fertigstellung ist schon jetzt um zwei Jahre in Verzug.

warum atomkraft keine zukunft hat

errechnete. Fazit: Hätten die Atomkonzerne die Kosten für den Aufbau ihrer Kraftwerkparks selbst tragen müssen, wären diese niemals entstanden. Zum selben Schluss kommt eine Studie der Citibank, „New Nuclear – The Economics Say No“: Baupreis, Strompreis und mögliche Abschaltungen im Betrieb sind ein enormes wirtschaftliches Risiko. Ohne staatliche Finanzgarantien oder garantierte Preise, werde es keine Neubauten von AKW in Großbritannien geben. Der politisch brisante Punkt dieser Studie: Die neue AKW-Generation soll in Großbritannien ohne staatliche Förderung entstehen.

Das Risiko trägt die Gesellschaft, von den Gewinnen profitieren die Betreiber

Eine der unerschöpflichen Förder-Quellen der Atomkraft ist die EU: Der Entwurf für das EURATOM-Forschungsprogramm allein für die Jahre 2012 und 2013 sieht vor, dass 2,56 Milliarden Euro in die Atomtechnologie fließen sollen. Grundlage für die EU-Atomförderung ist der „Euratom-Vertrag“, der seit 1957 per Definition das Ziel „der Entwicklung einer mächtigen Kernindustrie“ in Europa verfolgt. Bis zu 400 Milliarden Euro wurden seither an Förderungen ohne jede parlamentarische Kontrolle ausbezahlt. Sei es Geld der EU oder aus den Staatskassen, eines der Kernprobleme der Kernenergie ist, dass sie Unsummen an Subventionen und Förderungen verschlingt, die dringend für erneuerbare Energien nötig wären. Dazu zementiert Atomkraft Energiemonopole und zentrale Stromnetze ein und flutet die Netze mit scheinbarem Billigstrom. Das deutsche Umweltbundesamt kommt deshalb zu dem Schluss, dass „Atomenergie nur deshalb rentabel erscheint, weil sie in Milliardenhöhe gefördert wird und das Schadensrisiko die Gesellschaft trägt“.

Bis zu 6.000 Milliarden Euro Schaden – der ganz legale Versicherungsbetrug an der Gesellschaft

Geld spielte bei Atomkraft bislang allerdings noch nie eine Rolle. Als Nebenprodukt der Rüstungsindustrie war Atomkraft historisch immer eng mit den Machtzentren verknüpft. Und somit flossen Subventionen in Strömen. Allein die deutsche Regierung pumpte von 1950 bis 2010 mindestens 204 Milliarden Euro in die Risiko-Technologie, wie das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft

Bis zu 100 Milliarden Euro an Kompensationszahlungen wird der japanische AKW-Betreiber TEPCO tragen müssen. Und der ist dann pleite. Letztlich werden also die japanischen SteuerzahlerInnen zur Kasse gebeten werden. Dabei könnte ein Super-GAU noch teurer kommen, wenn sich ein Unfall in dicht besiedelten Gebieten ereignet. Während sich sowohl Tschernobyl als auch Fukushima in ländlicher Umgebung mit vergleichsweise kleineren Städten befinden, stehen viele europäische AKW in Mitten von riesigen Ballungsgebieten und Millionenstädten. Eine Studie, die der Dienstleister „Versicherungsforen Leipzig GmbH“ im Mai 2011 präsentiert hat, kommt zu dem Ergebnis, dass ein AKWUnglück in Deutschland im Extremfall bis zu 6.000 Milliarden Euro an Schaden verursachen könnte. „Atomkraftwerke sind nicht versicherbar“, so das knappe Resümee.

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Gigantische Atom-Subventionen blockieren die Grüne Energiewende


warum atomkraft keine zukunft hat

Verglichen damit nehmen sich die derzeit gültigen Haftungssummen für AKW lächerlich gering aus. Mit bis zu 2,5 Milliarden Euro je AKW hat Deutschland noch die strengsten Regeln. Noch niedriger sind die Haftungsauflagen in Tschechien: etwa im Fall des AKW Temelin mit lediglich 330 Millionen Euro. Unverschämt ist Frankreich mit einer Gesamthaftungssumme von lächerlichen 90 Millionen Euro für alle 58 AKW. Derzeit kostet Atomstrom in der Herstellung in Deutschland rund zwei Cent je Kilowattstunde. Müssten die Betreiber ihre Anlagen adäquat gegen nukleare Katastrophenfälle absichern, würde der Preis für eine Kilowattstunde Atomstrom je nach Versicherungsmodell auf bis zu 2,36 Euro steigen, sich also mehr als verhundertfachen! Zum Vergleich: In Deutschland belaufen sich die Kosten von Stromerzeugung durch Photovoltaik-Kleinanlagen zwischen 30 und 34 Cent je Kilowattstunde; Tendenz stark sinkend.

Die ungelösten Fragen: Atommüll-Lager und Uran-Rohstoffe

© philipp schulze/dpa

Auch nicht im Preis der Atomkraft eingerechnet, noch auch nur ansatzweise gelöst, ist die Frage, was mit den Bergen von verstrahltem Atommüll langfristig geschehen soll, wie er entsorgt werden soll. Auf bis zu eine Million Jahre müsste ein Endlager angelegt sein, extrem hohe geologische Stabilität aufweisen, es darf keine chemischen Reaktionen mit Umgebung oder Behältern geben, muss weit weg von Siedlungsräumen und den Meeren sein und es darf niemals Kontakt mit dem Grundwasser geben. In Finnland gibt es zwar Versuche, ein Atommüll-Lager zu bauen, doch immer wieder treten Probleme auf. Somit stehen wir vor dem riesigen Problem: Es gibt kein Endlager. Doch es hapert nicht nur am Ende, sondern auch am Anfang: Derzeit geht man davon aus, dass die vorhandenen Uran-Vorkommen, der Rohstoff für Nu­ klearbrennstoff in etwa 70 Jahren aufgebraucht ist. Dies allerdings „nur“, wenn keine neuen AKW dazu kommen. Dazu schafft Uran eine totale Importabhängigkeit (in Europa wird 98% eingeführt) und ein beträchtlicher Teil der Vorkommen wird unter Missachtung von Rechten und Gesundheit der Minenarbeiter in den wenig entwickelten Ländern der Erde sowie mit großflächiger Umweltzerstörung abgebaut.  •

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Verstrahlter Atommüll: Bis heute gibt es kein sicheres Endlager.


das letzte aufbäumen der atomlobby an unserer grenze

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das letzte aufbäumen der atomlobby an unserer grenze Wussten Sie, dass … zur zeit weltweit nur 30 Länder Atomkraftwerke betreiben? 85% aller Staaten kommen ohne Atomkraftwerke aus.

Als wäre Fukushima nie passiert: die Risiko-Meiler an unserer Grenze – im Bild das tschechische AKW Temelin – sollen weiterlaufen und sogar ausgebaut werden.

© deak marcus e./verlagsgruppe news

Die Verdoppelung des Atom-Risiko vor unserer Haustür

Dicht an Österreichs Grenzen laufen die Hochrisiko-Reaktoren weiter, als wäre Fukushima nie passiert. Anders als Deutschland und die Schweiz, wo die Atompolitik nach Fukushima radikal geändert wurde, bleiben Tschechien, die Slowakei und Slowenien strikt auf Atomkurs. Als Musterschüler der Atom-Lobby wollen sie den Ausbau ihrer AKW sogar beschleunigen: Bis zu neun Reaktoren könnten in den nächsten Jahren alleine in diesen beiden Ländern in Betrieb gehen; insgesamt sind in unserer Nähe bis zu 29 Reaktoren geplant. „Wir haben nicht vor, jetzt etwas an unserer Energiestrategie zu ändern.“ – Diese erste Reaktion des slowakischen Wirtschaftsminister Juraj Miskov nur drei Tage nach der Katastrophe in Japan war deutlich: „Die Laufzeit der beiden ältesten Reaktoren in Bohunice könnten sogar über die Planlaufzeit im Jahr 2015 hinaus verlängert werden“, kündigt er an: „Dazu sollten in Bohunice wie in Mochovce zwei neue Reaktoren gebaut werden“. 23


das letzte aufbäumen der atomlobby an unserer grenze

das letzte aufbäumen der atomlobby an unserer grenze

Atomkraftwerke um Österreich GRAFENRHEINFELD TEMELIN

PHILLIPSBURG

DUKOVANY

CATTENOM (METZ) NECKARWESTHEIM

ISAR

GUNDREMMINGEN

WIEN LINZ

LEIBSTADT

FESSENHEIM

BREGENZ GOESGEN

BOHUNICE

ST. PÖLTEN EISENSTADT

SALZBURG

MOCHOVCE

BEZNAU MÜHLEBERG

GRAZ

INNSBRUCK KLAGENFURT

PAKS

Stillgelegt am 17.3.2011

KRSKO

Österreich ist umzingelt von Risikomeilern ohne ausreichende Schutzhülle.

Baustopp. Mitte der 1990er Jahre wurde die Arbeit fortgesetzt und die Slowakei versuchte, die Alt-Reaktoren um moderne Sicherheitsstandards aufzurüsten. Ganz klappte das nie. 20 Jahre alte Anlageteile, die ab dem Baustopp in den Hallen zwischengelagert waren, wurden und werden für alle Reaktoren verwendet. Störfälle sind genauso an der Tagesordnung, wie Versuche, sie zu vertuschen. Ein Brand in Mochovce im November 2010 wurde etwa erst Monate später durch einen schriftlichen anonymen Hinweis bekannt. Motor der Ausweitung ist aber nicht allein die Slowakei oder gar ihr Energiehunger. Seit 2004 hält der drittgrößte europäische Stromkonzern, die italienische ENEL, zwei Drittel am Mochovce-Bauherren Slovenské Elektrárne (SE). Es werden zwar 50% des slowakischen Strombedarfs durch Atomkraft gedeckt, doch die massive Kapazitätserweiterung mit ausländischem Kapital legt nahe: Es geht um den Export.

Tschechien plant „jetzt erst recht“ bis zu fünf neue Reaktoren

Der größte Skandal dabei ist, dass die Pläne für die beiden neuen Blöcke in Mochovce nicht verändert wurden. Sie werden – wie zuvor die Blöcke eins und zwei – ohne „Volldruckcontainment“ fertig gestellt. 2013 sollen sie in Betrieb gehen. Ein Flugzeugabsturz oder ein großer Reaktorunfall würden so, nur 150 Kilometer von Wien entfernt, ein nukleares Desaster auslösen. Mochovce würde einen Stresstest nicht bestehen. Unbegreiflich an dem Vorgehen ist, dass die Katastrophe in Fukushima auch dadurch ausgelöst wurde, dass diese Blöcke kein „Volldruckcontainment“ hatten. Eine solche dicke Hülle aus Beton und Stahl, kann dazu beitragen, dass bei einem Unfall Radioaktivität schwerer nach außen dringt und die Reaktoren besser vor Beschädigungen von außen geschützt sind. Wie bei den Mochovce-Reaktoren war bei Fukushima als „Schutz“ lediglich ein System von Druckausgleichskammern errichtet worden. Es erwies sich als nutzlos, als die Reaktoren außer Kontrolle gerieten. Es ist leider kein Einzelfall: Zahlreiche Reaktoren, die dicht an Österreichs Grenzen in Betrieb sind, haben kein „Volldruckcontainment“: Neben Mochovce fehlen sie im ungarischen Paks, aber auch die über ein Vierteljahrhundert alten Hochrisiko-Reaktoren im slowakischen Bohunice, sowie im tschechischen Dukovany verfügen über keine wirksame Schutzhülle. Die Mochovce-Reaktoren wurden bereits in den 1970er Jahren nach sowjetischen Plänen konzipiert. Baubeginn der Blöcken eins und zwei war 1982, Ende der neunziger Jahre gingen sie in Betrieb. Mit dem Bau der Blöcke drei und vier wurde 1985 begonnen. Vor zwanzig Jahren führte akuter Geldmangel zu einem

Ähnlich die Motive in Tschechien. Stromexporte sind lukrativ; heute mehr denn je. So die zynische Rechnung auf Kosten der Sicherheit Österreichs. Der staatliche tschechische Stromkonzern CEZ will Kapital aus dem Ausstieg der anderen schlagen. „Je größer das Stromdefizit in Deutschland nach einer Abschaltung der Atomkraftwerke sein wird, desto größer werden natürlich die Chancen für uns“, sagte CEZ-Konzernchef Martin Roman. „Entsprechende Leitungen müssen noch gebaut werden, aber da sind wir optimistisch“. Deutschlands Atomausstiegs-Kurs zu folgen, dafür gäbe es nicht den geringsten Grund, sagte Tschechiens Ministerpräsident Petr Necas nur wenige Tage nach Beginn der japanischen Atomkatastrophe. „Die tschechische Regierung müsste eine Gruppe von absolut Verrückten sein, um auf so etwas einzugehen.“ Stattdessen wird der massive Ausbau noch rasanter betrieben als zuvor. Zwei neue Blöcke in Temelin und Dukovany sowie ein möglicher weiterer Reaktor, dies sieht ein Beschluss der tschechischen Regierung aus August 2011 vor, die damit im Widerspruch zur Mehrheitsmeinung ihrer eigenen Bevölkerung steht. Durch den öffentlichen Druck steigen erstmals auch die Chancen auf eine Kursänderung. Bisher war die tschechische Regierung unbeirrt von Einwänden und nachgewiesenen Sicherheitsmängeln auf Atomkurs. In einem weltweit einzigartigen Hochrisiko-Experiment wurden in Temelin westliche Technologien (vom US-Konzern „Westinghouse“) in zwei Reaktoren nach sowjetischen Konzepten implantiert. Seit 2000 laufen die Reaktoren, 50 Kilometer von der oberösterreichischen Grenze entfernt. Bekannt wurden bislang über 130 Störfälle: So trat bereits zwei Mal radioaktive Kühlflüssigkeit aus. ExpertInnen befürchten, dass die Dunkelziffer von Zwischenfällen in den Pannenreaktoren noch viel höher ist.

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Neue Reaktoren vom „Typ Fukushima“ an unseren Grenzen


das letzte aufbäumen der atomlobby an unserer grenze

AKW-Ausbau auch im Erdbebengebiet

Auch in Erdbebengebieten sollen neue AKW entstehen. Und wieder: Direkt vor Österreichs Grenzen. So ist geplant, das slowenisch-kroatische AKW Krsko, nur 70 Kilometer von Österreich entfernt, um einen zweiten Reaktorblock zu erweitern: Die im August 2011 präsentierte slowenische Energiestrategie sieht sowohl eine Laufzeitverlängerung des bestehenden sowie den Bau eines neuen Reaktors vor. Kein anderes AKW Europas steht in einer dermaßen von Erdbeben gefährdeten Zone. 2004 gab es nur 100 Kilometer von Krsko entfernt ein Beben der Stärke fünf. Die ursprünglichen Unterlagen zeigten eine massive Erdbebengefahr. Als die Nachfragen intensiver wurden, hat man diese Erdbebenlinien aus den Karten retuschiert, wie Recherchen österreichischer ExpertInnen zeigten. Auch Belene, das in Bulgarien geplante neuen AKW, liegt in einer Erdbebenzone. Bereits 1983 hatten selbst sowjetische WissenschaftlerInnen – über Jahrzehnte mit Terrain und Technologie vertraut – gewarnt: „Atomreaktoren sind in dieser Region nicht zu verantworten“. Anders sieht das die Regierung: „Wir wollen, dass es das AKW Belene gibt“, sagte Ministerpräsident Bojko Borissow. Auch nach Fukushima. Inmitten einer Erdbebenzone. Der Hoffnungsschimmer hier: Die Kosten für den Bau des AKW würden 16% des bulgarischen BIP ausmachen. Einzig Kredite aus dem Ausland, der EU oder Russlands würden den Bau ermöglichen.

Osteuropa als letzter Hoffnungsmarkt für Atomkonzerne

© pavlíček luboš/ctk

Dabei geht es den Atomkonzernen in Osteuropa vor allem um begehrte Referenz-Projekte und auch darum, die Stimmung in ihren Heimatländern aufzubereiten. Russland, Frankreich und auch die USA sind die Länder, wo sich die Zukunft der Atomenergie entscheiden wird. In keinem anderen Land der Welt sind so viele Atomreaktoren in Betrieb wie in den USA; Frankreich, das 78% seines Strombedarfs mit Atomenergie deckt, gilt als die Bastion der Atomkraft in Europa. Und Russland ist jenes Land, das den Aus- und Umbau seiner Atomanlagen durch lukrative AKW-Projekte im Ausland gerne rentabel machen würde. Aber nach Fukushima, dem deutschen Atomausstieg und der Änderung der Haltung der Bevölkerung ist der Ausgang völlig offen. •

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Keine Schutzhülle, zahlreiche Störfälle: Das tschechische AKW Dukovany soll – ebenso wie das AKW Temelin – ausgebaut werden.


die tricks der atomkonzerne Grenzenlose Geschäfts­interessen: Der franzö­sische Atomriese EdF, hier das Headquarter in Paris, kontrolliert als weltweit größter Atom-Konzern auch den britischen und belgischen AKW-Markt.

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die tricks der atomkonzerne

Wussten Sie, dass ... bis 2015 18 neue AKW und im nächsten Jahrzehnt sogar alle 19 Tage ein neuer Reaktor ans Netz gehen müsste, um den aktuellen Anteil der Atomenergie von 13% an der globalen Stromproduktion zu halten?

© ugo ratti/tips

Alle Macht für die Atomenergie

Bis zum 10. März 2011 sah es – oberflächlich betrachtet – gut aus für die Atom­ industrie. Nicht bloß an Österreichs Grenzen schien sich eine Renaissance der Atomkraft anzubahnen. Deutschland hatte soeben die Laufzeitverlängerung für seine AKW verkündet und den Rot-Grünen Atomausstieg rückgängig gemacht. Seit 1988, also seit Tschernobyl, waren nicht mehr so viele neue Reaktoren in Bau wie in diesem Jahr: Insgesamt 69. Mehr Staaten denn je wollten ihre Kapazitäten ausbauen und der gigantischen PR-Maschinerie der Lobby war es gelungen, Atomkraft als „klimafreundliche“ Alternative zu Kohle, Öl und Gas rein zu waschen. Dann kam der 11. März 2011, der dreifache Super-GAU in Fukushima und die Atom-Lobby begann ihre Muskeln spielen zu lassen. Die versuchte Rettung der Renaissance offenbart die Praktiken einer der mächtigsten Zirkeln der Welt: Macht, Politik, Rüstung und Atomkonzerne sind eng verflochten. Es geht und ging immer um mehr als bloß um Stromerzeugung: Als „Nebenprodukt“ der Rüstungsindustrie, als Garant für die Vormachtstellung von Energiemonopolen war und ist Atomkraft die Machtbasis vieler Staaten. 29


die tricks der atomkonzerne

Wie Konzerne und Politik Fukushima klein halten wollten

„Dieser Vorfall hat das Potenzial, die gesamte Nuklearindustrie zu beschädigen. Wir müssen sofort sicherstellen, dass diese Anti-Atomkraft-Aktivisten keinen Boden gewinnen. Wir müssen sofort das Thema besetzen und die Sicherheit von Atomkraft bewerben.“ Eine Email-Nachricht mit diesem Text versandte ein hoher Beamter des britischen Energieministeriums. Adressaten waren die leitenden Manager der Großen der Branche: Der US-Konzern Westinghouse, der französischen Konzerne Areva und EdF. Geschrieben wurde diese Email wenige Tage nach der Katastrophe von Fukushima und kurz bevor die britische Regierung die Entscheidung für einen Neubau ihrer AKW-Anlagen verkünden wollte. Der Auftrag an die Regierung in den Emails: Spielt die Gefahr von Fukushima herunter.

Allianz von Politik, Militär & Atomkonzernen

AKW werden häufig von staatlichen oder staatsnahen nationalen Konzernen betrieben, deren Geschäftsinteresse allerdings nahezu grenzenlos ist. Die franzöische EdF, der weltweit größte Atom-Konzern, wird zu 90% vom Staat kontrolliert. Der Umsatz im Jahr 2010 belief sich auf rund 65 Milliarden Euro. EdF verantwortet den Betrieb aller 58 französischen Reaktoren, kontrolliert über den AKW-Betreiber British Energy auch den britischen Markt. Dazu ist die französische Regierung über „Gaz de France“ (GdF) auch an der belgischen Electrabel beteiligt, die alle sieben Reaktoren des Landes betreibt. Auch einer der bedeutendsten AKW-Kraftwerksbauer der Welt steht direkt im Einfluss der französischen Regierung: Areva (Umsatz 2010: fast 10 Mrd. Euro) ist heute einer der wichtigsten Erzeuger ziviler und militärisch genutzter Atomreaktoren. Kein Wunder, dass in Frankreich, wo 78% des Stroms aus Atomanlagen stammen, Politik und Atomkraft untrennbare Zwillinge sind. Ebenso in der Atom-Supermacht USA: Rüstung und Energie ist aufs engste verbunden. Die 104 laufenden Reaktoren sorgen für ein Fünftel der Energie und müss(t)en bald ersetzt werden. Mit dem Neubau der Anlagen in den USA steht und fällt die gesamte Branche. Mit Argusaugen wachten deshalb auch die Vertreter des Nuclear Energy Institute (NEI) – die politisch mächtige, weit vernetzte US-Atomlobby – auf die Reaktion der US-Politiker nach dem Super-GAU in Japan. Denn beide Seiten, Atomlobby, aber auch Politik haben viel zu verlieren: Seit 2005 hat das NEI 9,53 Millionen US-Dollar an Kongressabgeordnete überwiesen. Die zuletzt höchste Jahressumme floss im Präsidentschaftswahlkampf 2008 (2,36 Millionen US-Dollar), im Wahljahr 2010 waren es 1,69 Millionen USDollar.

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die tricks der atomkonzerne

wie atomkraft ausstirbt Neustart von AKW AKW abgeschaltet

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2000

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Immer weniger Reaktoren: Nuklearenergie verliert an Bedeutung Quelle: Mycle Schneider Consulting

Korruption und Bestechung: Was der Super-GAU ans Tageslicht brachte

In Japan brachte die Katastrophe von Fukushima auch Details ans Tageslicht, die zeigen, wie viel Korruption im Spiel ist. Die japanische Atomlobby kaufte WissenschaftlerInnen, BeamtInnen, PolitikerInnen und Medien, um die Zustimmung der Bevölkerung zur Atomenergie zu gewinnen. Monate nach der Katastrophe wurde bekannt, dass über viele Jahre hinweg fast drei Viertel aller legalen Spenden, welche die lange regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) von Privaten erhielt, von den Top-Managern der AKW-Betreiber kamen.

Lizenz zum Gelddrucken: Alte AKW bringen eine Million Euro Gewinn pro Tag

Doch Atomenergie dient nicht nur dem Machterhalt von Seilschaften aus Energiemonopolisten, Rüstungsmagnaten und Politikern. Die Hochrisiko-Technologie ist auch ein riesiges Geschäft. 2022, wenn alle deutschen AKW stillstehen, fallen die vier großen deutschen Energiekonzerne um 22 Milliarden Euro Gewinn um. Der größte unter ihnen, E.ON (bislang ein Jahresumsatz von 82 Milliarden Euro), droht 10.000 Stellen einsparen zu müssen. 31


die tricks der atomkonzerne

die tricks der atomkonzerne

Um die derzeitigen Quoten an der weltweiten Stromerzeugung von 13% und der globalen Energieproduktion von 6% halten zu können, müssten bis 2015 weltweit 18 neue Reaktoren ans Netz gehen; im nächsten Jahrzehnt sogar 191: Also einer alle 19 Tage. Wenn man sich allerdings vergegenwärtigt, wie teuer und langwierig sich die Arbeiten an den Reaktoren der „Dritten Generation“ in Frankreich und Finnland gestalten, versteht man das Fazit der Internationalen Energieagentur: „Nach der Katastrophe von Fukushima wird die Bedeutung von Atomkraft massiv abnehmen.“ Trotz aller Bemühungen ihrer Lobby. •

Globale Elektrizitätserzeugung 2010 13,0% Atom

19,4% Erneuerbare Energie

67,6% Fossile Ressourcen (Kohle, Öl, Gas)

Atomkraft liefert derzeit gerade einmal 13% des weltweit erzeugten Stroms (Daten 2010) Quelle: REN21 Renewables 2011. Global Status Report

Die ursprünglich geplante Verlängerung von AKW-Laufzeiten hätte diesen Unternehmen gigantische Gewinne beschert. Die europäischen Atomkonzerne verdienen Milliarden mit abgeschriebenen AKW: Schätzungen gehen von einer Million Euro Gewinn pro AKW und Tag aus. Das Geschäft geht gut, weil niemand die wahren Kosten tragen muss: Mindestens zwei Drittel der „Kosten“ des Atomstroms müssen für den Bau eines Reaktors aufgewendet werden. Die laufenden Kosten für Brennelemente und Wartung sind vergleichsweise gering. Und die Kosten für Versicherungen im Schadensfall sowie für die Entsorgung des Atommülls werden auf die Gesellschaft abgewälzt und nicht den Konzernen in Rechnung gestellt.

Überlebenskampf schon vor Fukushima

Doch mit und ohne Fukushima: Die Atombranche steckt in der Krise, sie verliert an Bedeutung. Die Reaktoren, die derzeit laufen, sind im Schnitt 26 Jahre alt. Mit Stand 30. September 2011 waren weltweit 433 Atomreaktoren in Betrieb; allerdings um elf weniger als vor einem Jahrzehnt. In der EU waren zu diesem Zeitpunkt 143 Reaktoren, um 30 weniger als im Jahr 1989, dem historischen Höchststand, in Betrieb. 32

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die fossile sackgasse

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die fossile sackgasse Wussten Sie, dass … aus den Pipelines von Sibirien nach Westeuropa pro Jahr mehr als 100.000 Tonnen Rohöl auslaufen? In Westsibirien werden auf einer Fläche, einhundert mal gröSSer als Österreich, Öl und Gas gefördert. Weite Landstriche sind mit Öl verseucht.

Erdöl-verseuchte Landschaft in Westsibirien. Die Gewinnung und Verbrennung der fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle vernichtet Lebensgrundlagen und verursacht den Klimawandel.

© bryan & cherry alexander/picture alliance

Klimawandel und nukleare Katastrophe: Historischer Rekord an Schäden 2011

„Das Jahr 2011 ist von einer außergewöhnlichen Ballung von Katastrophen geprägt“, so lautet die Bilanz der Münchener Rückversicherung. Eine Schadenssumme von 185 Milliarden Euro bedeutet den höchsten Wert aller Zeiten; und dies steht bereits nach nur sechs Monaten fest. Und es sind Schäden, die von den alten Energieformen verursacht werden: Atomkraft und fossile Energie. Schuld an diesem tragischen Rekord 2011 ist die Katastrophe in Japan, aber auch eine Serie von Wetterkapriolen. Fluten in Asien und eine Serie von Tornados in den USA hinterließen eine Spur der Verwüstung. Schon 2010 war dieser besorgniserregende Trend deutlich zu registrieren. Man verzeichnete einen wahren „Sommer der Katastrophen“, Hitzewellen verursachten gigantische Waldbrände in Russland, eine gigantische Flutwelle zerstörte große Teile Pakistans. Die rasante Häufung solcher Extremereignisse sind Folgen der steigenden Temperaturen der Erdatmosphäre, daran zweifeln weder WissenschaftlerInnen noch Versicherungen. Laut Berechnungen der „Münchener Rückversicherung“ verursachte der weltweite Klimawandel bis dato bereits volkswirtschaftliche Schäden von 1,6 Billionen Euro. „Wir vermuten, dass jährlich ein zweistelliger Milliardenbetrag der Schäden darauf zurückzuführen ist. Und dies wird in Zukunft dramatisch zunehmen“, so die Warnung des Konzernchefs Nikolaus von Bomhard. 35


die fossile sackgasse

Der (zu) hohe Preis der alten Energie

Wie wir Energie erzeugen und verbrauchen: Das ist die Weichenstellung unserer Zukunft. Noch bilden Atomkraft, Öl, Kohle und Gas zusammen zu fast 90% das Fundament für die Erzeugung von Energie und somit unseres Wohlstandes. Mit verheerenden Konsequenzen: Die Folgen von nuklearen Katastrophen wie in Fukushima werden über Jahrtausende zu spüren sein. Der Treibhauseffekt durch den massiven Einsatz fossiler Rohstoffe droht das Klima der Erde zum Kollaps zu bringen. Schon jetzt kosten – laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO – die direkten Folgen des Klimawandels jährlich 150.000 Menschen das Leben. Der Meeresspiegel steigt, Dürrekatastrophen häufen sich, Gletscher schmelzen im Rekordtempo wie auch das Eis am Nordpol. Was derzeit passiert, ist allerdings „nur“ ein Vorgeschmack. Millionen von Toten, ein bedrohlicher Anstieg des Meeresspiegels, eine Temperaturerhöhung von bis zu 5,8 Grad Celsius sind zu befürchten, wenn wir unsere Energieversorgung nicht auf völlig neue Beine stellen. Die britische „Royal Society“ rechnet bis zum Jahr 2100 mit einem Anstieg der Schäden auf 270 Milliarden US-Dollar pro Jahr, so es nicht gelingt, den Treibhauseffekt einzudämmen.

Um nicht mehr als 2 Grad Celsius darf sich die Erde erwärmen, um einen nicht mehr kontrollierbaren Klimawandel zu verhindern. Um das zu schaffen, müssen bis 2050 die globalen CO2-Emissionen um 80% gesenkt werden. Um 0,8 Grad Celsius hat sich die Erde bislang erwärmt. Es sieht also oberflächlich so aus, als hätten wir noch viel Spielraum bis zum „2-Grad-Limit“. Doch das ist ein Irrtum. Laut Berechnungen der Internationalen Energiebehörde wurde 2010 ein weiterer Rekord am globalen Ausstoß von Treibhausgasen verzeichnet. 30,6 Gigatonnen wurden in die Atmosphäre geschleudert; um 1,6 Gigatonnen mehr als im Jahr davor. Hält dieser Trend an, dann nähern wir uns bereits jetzt einem kritischen Wert: Jenes Maß, ab dem es nicht mehr möglich ist, unter dem „2-GradLimit“ zu bleiben. Denn der Treibhauseffekt ist tückisch: Zwischen dem Moment der CO2-Emission und der Erwärmung, die sie auslösen, vergehen Jahrzehnte. Was die gigantischen Mengen an CO2 wirklich auslösen, die wir heute ausstoßen, das werden wir also erst viel später spüren. Die Katastrophe wird die nachfolgenden Generationen treffen. Handeln wir nicht sofort, dann wird es zu spät sein.

Die Grüne Energiewende ist machbar: Aber es muss schnell gehen

Deshalb ist das Gebot der Stunde, rasch zu handeln. „Es bleiben uns nur fünf Jahre Zeit, um eine radikale Energiewende hin zu erneuerbaren Ressourcen umzusetzen und ein Horror-Szenario zu verhindern“, so die Analyse der weltweit führenden Klimawissenschaftler des „International Panel on Climate Change“ 36

© david woodfall/picture alliance

Nach Atomausstieg auch Ausstieg aus Öl, Kohle und Gas

Spur der Verwüstung: die schmutzigen Geschäfte der Ölindustrie vernichten ganze Ökosysteme und weltweit die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen.


die fossile sackgasse

die fossile sackgasse

in einer aktuellen Studie. Darin untersuchten die ExpertInnen, ob und wie es möglich wäre, bis 2050 die Treibhausgasemissionen um 80% zu reduzieren. Vier Szenarien wurden errechnet und die zentrale Botschaft lautet: „Ja, es geht. Und es ist billiger, als die Kosten des Klimawandels zu tragen.“ Was es jetzt braucht, ist eine zentrale Ressource: Politischer Wille. Nach dem Scheitern der Weltklimakonferenz in Cancun im Jahr 2010 richten sich die Hoffnungen auf den „Weltgipfel“ in Rio de Janeiro im Juni 2012, der die politischen Weichen für die „Green Economy“ – den weltweiten Umbau unseres Energiesystems stellen muss.

Jahren wurde das Produktionsmaximum bei leicht förderbarem, konventionellem Erdöl erreicht. Im Jahr 2010 wurde eine historische Grenze überschritten: Zum ersten Mal in der Geschichte wurde mehr Erdöl verbraucht, als gefördert wurde. Angesichts der rasanten Zunahme des Verbrauchs durch die – noch – weniger entwickelten Länder, beginnt nun die Ära der Verknappung. Damit wird das Öl teurer. Analysten rechnen in den kommenden Jahren mit Ölpreisen jenseits der 200 Dollar Marke. Mit dem Ölpreis steigt auch der Gaspreis. Die Anzeichen verdichten sich also, dass „Peak Oil“, das Fördermaximum von Rohöl, bereits erreicht und vielleicht sogar schon überschritten ist. Jährlich sinken die Fördermengen in den bestehenden Öl-Feldern im Schnitt um 5 bis 6%. 85 Millionen Fass werden täglich gefördert, 6% davon sind rund fünf Millionen Fass. Diese Menge wird also benötigt, um die fallenden Produktionsraten der bestehenden Ölfelder auszugleichen. Berechnet man die durch das Wirtschaftswachstum steigende Nachfrage nach Erdöl mit ein, entsteht derzeit pro Jahr ein Mehrbedarf von sechs Millionen Fass pro Tag. Zum Vergleich: Saudi-Arabien produziert derzeit zwölf Millionen Fass pro Tag. Damit also die Öl-Förderung mit dem Verbrauch mithalten kann, müssten alle zwei Jahre Ölvorkommen mit dem Potenzial Saudi-Arabiens erschlossen werden. Das ist völlig unmöglich.

Die Spur der Verwüstung der fossilen Energieträger

Die Risiken unserer Abhängigkeit von Kohle, Gas und vor allem Öl sind vielfältig. Der Klimawandel zählt zu den größten Umweltkrisen der neueren Geschichte; zur größten Krise, die von Menschen verursacht wird. Dazu kommen zig weitere desaströse Folgen: Schadstoffe in der Luft durch Kohlekraftwerke bedrohen die Gesundheit von Millionen Menschen, vor allem von Kindern in den boomenden Volkswirtschaften Asiens; ganz besonders in China. Aber auch die hohe Feinstaubbelastung in Österreichs Städten durch Diesel-PKW macht immer mehr Kinder krank. Wie katastrophal schon die Förderung der Rohstoffe ist, zeigte sich zuletzt im April 2010 im Golf von Mexiko, nach der Explosion der Ölplattform „Deep Water Horizon“: Elf Menschen starben, bis zu 800 Millionen Liter Rohöl flossen ins Meer. Bis September, also fast ein halbes Jahr, dauerte es, bis das Leck geschlossen werden konnte. Die ökologischen und wirtschaftlichen Folgeschäden sind katastrophal. Ölkatastrophen in China und der Nordsee im August 2011 bestärken die Tatsache, dass die Ölindustrie ein dreckiges Geschäft ist. Wenn auch in Zeitlupe, aber in den Dimensionen noch gewaltiger ist die Verschmutzung des Niger-Delta in Nigeria durch die Ölförderung. Internationalen Konzerne wie Shell, Agip, Chevron, Mobil, Total verdienen dabei Unsummen; den BewohnerInnen bleibt das Gift, Krankheit und Armut. Allein in den vergangenen vier Jahren entstanden Schäden in Höhe von einer Milliarde Euro.

Milliarden in die Schatullen von Diktatoren

Ein Ausstieg aus fossilen Ressourcen ist angesichts deren Knappheit nur eine Frage der Zeit. Und eine politische, ökonomische und soziale Notwendigkeit. Denn wenn die Ölpreise weiter steigen werden einkommensschwache Familien sich das Heizen oder PendlerInnen das Auto nicht mehr leisten können. Es ist höchste Zeit, aus Öl und Gas auszusteigen. Beginnen wir unsere Energie selbst zu erzeugen, pumpen wir Geld in unsere Wirtschaft, in unsere Unternehmen. Mit den Importen fossiler Energien werden hingegen autoritäre Regime subventioniert: Es reicht ein Blick auf die ersten drei Länder der weltweiten Exportstatistik von Erdöl, um zu wissen, dass fossile Ressourcen eine politische Sackgasse sind. Diese Länder sind Saudi Arabien, Russland und der Iran. •

Das Ende des Ölzeitalters: Peak Oil

Der Einsatz fossiler Energieträger birgt für Menschen, Umwelt, aber auch für die politische Stabilität enorme Risiken. Im Juni 2011 warnte sogar der UN-Sicherheitsrat vor den sicherheitspolitischen Konsequenzen des Klimawandels und bezeichnete die Erderwärmung als Gefahr für den Weltfrieden. Tatsächlich führt der Kampf um fossile Ressourcen, vor allem um Erdöl, immer wieder zu militärischen Konflikten. Je knapper sie werden, desto höher ist ihr Konfliktpotenzial. Dieser Verteilungskampf verschärft sich nahezu täglich. Bereits vor fünf 38

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so versagt österreichs energiepolitik

so versagt österreichs energiepolitik

© horus-images/action press

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so versagt österreichs energiepolitik

Atomkraftgegner in Deutschland und Österreich: Während Deutschland Atomausstieg und Energiewende beschlossen hat, agiert die österreichische Regierung mutlos.

Wussten Sie, dass … die Importkosten Österreichs für die fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle, umgerechnet auf die Bevölkerung, 1.700 Euro pro Kopf und Jahr betragen?

© herbert pfarrhofer/apa

15 Milliarden Euro werden 2011 an brutale Regime verschenkt

Einen Zuschuss von bis zu 2.000 Euro: Das bekommen österreichische Haushalte für eine neue Ölheizung. Im Jahr 2011. Diese von Mineralölindustrie und Energiehandel unterstützte Aktion läuft bis 2016. Pro Jahr stehen 15 Millionen Euro dafür zur Verfügung. Warum Österreich zum Schlusslicht Europas beim Ausstieg aus den fossilen Energieträgern wurde? – Solche Aktionen illustrieren symbolhaft das Scheitern unserer Energiepolitik. Den Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle zu unterlassen, heißt, den Klimawandel bis hin zur Katastrophe zu verstärken. Und es bedeutet massive Abhängigkeiten: 70% des österreichischen Energiebedarfs werden durch Öl, Kohle und Gas gedeckt. Zwischen 12 und 15 Milliarden Euro kosten die Importe. Jährlich. 41


so versagt österreichs energiepolitik

so versagt österreichs energiepolitik

der energiemix österreichs 9% Kohle

0,2% Netto-Stromimporte 1,7% Abfälle

16,9% Erneuerbare Energie

39,1% Öl

10,7% Wasserkraft

hinterher und versagt beim Umstieg auf Grüne Energie und beim Klimaschutz. „Die derzeitige Energie-Strategie wird nicht ausreichen, um die nötige Senkung von Treibhausgasemissionen zu schaffen“, warnt folgerichtig das Umweltbundesamt. Im „Klima- und Energiepaket“ der EU hat sich Österreich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 16% zu senken, den Anteil Erneuerbarer Energien am Energieverbrauch auf 34% zu erhöhen und die Energieeffizienz um 20% anzukurbeln. In der Realität passiert genau das Gegenteil. Der Energieverbrauch stieg in Österreich seit 1990 um 36%. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion sinkt: Seit 2000 um 7%. Dafür stiegen die Emissionen von Treibhausgasen: seit 1990 um 2,4%, insbesondere im Verkehrsbereich sind die Emissionen dramatisch – um 7,6 Mio. Tonnen – gestiegen; das bedeutet einen Zuwachs um 54,4%.

Verfehlen der Klimaziele kostet Österreich bis zu zwei Milliarden Euro

22,4% Gas

Fossiles Österreich: Öl, Gas und Kohle dominieren die Energieversorgung (Daten: 2009) Quelle: BMWFJ

Und dieses Vermögen fließt direkt in die Kassen von Autokraten, wie bis zum Sommer 2011 in jene von Libyens Muamar Gaddafi, dem Saudischen Könighaus, das „Ehebrecherinnen“ steinigen lässt, oder in jene von Vladimir Putin oder Irans Mullah-Regime. Der Mineralölkonzern OMV ist nicht nur in Libyen, sondern z.B. auch massiv im Jemen engagiert, wo der Präsident die Demokratisierungsbewegung brutal niederschlagen lässt.

Ohne Konzept und Ziel: Steigende CO2-Emissionen, sinkender Anteil Erneuerbarer energien

Somit schafft Österreich weder die Zusagen an die EU noch das Kyoto-Klimaschutz-Ziel; wahrscheinlich als einziges EU-Land. Zwischen 2008 und 2012 hätten Österreichs CO2-Emissionen laut internationalem Klimaabkommen im Schnitt um 13% unter dem Wert von 1990 liegen müssen. Die Lücke zur Erreichung des Klimaziels beträgt sagenhafte 30 Millionen Tonnen. Der Preis dafür: Die Bundesregierung kauft sich über Zertifikate aus dem Ausland frei. Und es drohen Strafzahlungen. Das wird die österreichischen SteuerzahlerInnen – je nach Preis der Zertifikate – zwischen 600 Millionen und bis zu zwei Milliarden Euro kosten. Dabei drängt die Bevölkerung auf einen Ausbau der grünen Energien. Zum Beispiel Photovoltaik: Im Jahr 2011 wurden insgesamt 11.000 Förderungsanträge gestellt – um 4.500 mehr als der Klimafonds, der für die Investitionsförderung kleiner Anlagen zuständig ist, fördern kann. In der Steiermark und Oberösterreich waren die Förderungen binnen Minuten vergeben. Die bis vor kurzem rigide Deckelung der Fördersummen im Ökostromgesetz (das größere Anlagen fördern soll) hat dazu geführt, dass Österreich derzeit bei Solarstrom mit 0,1% am Gesamtstromverbrauch nur ein Zwanzigstel des Anteils von Deutschland (2%) und gar nur ein Fünfzigstel jenes von Bayern (5%) erreicht. Österreich, Ort der politischen Sonnenfinsternis.

Eigentlich ist die Energiewende eine riesige Chance für Österreich: Unabhängigkeit, Milliardeneinsparungen, Klimaschutz, stabile Energiekosten, zehntausende grüne Jobs. Doch es fehlen Konzept, Wille und Plan. Daher wurde Österreich während der vergangenen 20 Jahre vom Vorreiter zum Schlusslicht. Seit drei Jahren hat etwa Großbritannien ein bindendes Klimaschutzgesetz, das Einsparungsziele vorgibt und überwacht, ob sie erreicht werden. Österreich hinkt

Eine der Folgen: Die ÖsterreicherInnen haben auch bei den dringend notwendigen Weichenstellungen der Energiepolitik das Vertrauen in die Regierung verloren. Nur 2% vertrauen in dieser Frage der Bundesregierung. Nur 3% der Befragten sind der Meinung, dass erneuerbare Energien effizient gefördert werden; 80% meinen, es könnte mehr getan werden.

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Beispiel Ökostrom: Es geht ja doch!


so versagt österreichs energiepolitik

so versagt österreichs energiepolitik

strom in österreich 1,0% Sonstige Öko-Energie

13,2% Erdgas

3,6% Wind

0,6% Erdöl 6,3% Kohle

3,8% Biomasse

17,5% STROM UNBEKANNTER HERKUNFT 28,9% Atom 12,6% Wasser 6,7% Sonstige Erneuerbare

51,7% Fossile Ressourcen 53,7% Wasserkraft

0,3% Anderes

Österreich importiert Atomstrom (Quelle: E-Control, 2010)

Doch den Grünen ist der erste Schritt zur Wende gelungen: eine im Juli 2011 beschlossene Novelle des Ökostromgesetzes beendet den jahrelangen Stillstand beim Ausbau. Nun werden jährlich 50 Millionen Euro für neue Projekte für Strom aus Wind, Sonne und Biomasse bereitgestellt. Diese Summe wird jährlich um eine Million Euro sinken, bis auf 40 Millionen im Jahr 2021. Damit wird die Ökostromförderung von derzeit 350 auf 550 Millionen Euro im Jahr 2015 steigen und das Viereinhalbfache der Leistung eines Blocks in Temelin an erneuerbaren Energien geschaffen.

österreichischen Energiekontrollbehörde „E-Control“ zu Grunde und berechnet daraus den Atomstromanteil einzelner Energieversorger, kommt man zum Ergebnis, dass beispielsweise die „My Electric Energievertriebs- & Dienstleistungs GmbH“ im Jahr 2009 einen Atomstromanteil von 38% in ihrem Strommix hatte. Hohe Atomstromanteile hatten 2009 (letzte offiziell verfügbare Daten) auch die „Verbund-Austrian Power Sales GmbH“ mit 38%, die „Energie Klagenfurt GmbH“ (25%), die Kärntner Elektrizitäts AG (Kelag, 15%) oder die Tiroler Wasserkraft AG (Tiwag, 9%). Für KonsumentInnen ist dies allerdings nicht immer klar erkenntlich: Auf der Stromrechnung ist oft nur der „Produktmix“ ausgewiesen; nicht aber womit der jeweilige Energieversorger insgesamt seinen Bedarf deckt. Das heißt: Mit „grünen“ Stromprodukten wird der Name rein gewaschen, mit billigen Stromimporten, inklusive Atomstrom aus den Schrottreaktoren an unseren Grenzen, wird die „Wirtschaftlichkeit“ gesichert. So wirbt etwa die Verbund-AG mit „100% Ökostrom“, während die Verbund-Tochter „Austrian Power Sales“ zu einem überwiegenden Anteil Import-Strom, also auch Atomstrom, verkauft. Die KundInnen werden in die Irre geführt. Durch den verstärkten öffentlichen Druck, den Umweltorganisationen wie Greenpeace und Global 2000 sowie die Grünen nach der Atomkatastrophe von Fukushima auf die Energieunternehmen ausüben kommt nun Bewegung in die Sache. „My Electric“ hat im Mai 2011 angekündigt, bis 2013 aus dem Atomstromgeschäft auszusteigen und keinen „Graustrom“, der immer auch Atomstrom enthält, vom europäischen Markt mehr zu kaufen. Auch die Tiroler Tiwag will laut eigenen Angaben künftig auf Atomstrom verzichten und den „Graustrom“ durch den Zukauf von Zertifikaten aus Wasserkraft und Erdgaskraftwerken ersetzen. Noch rascher hat die Wien-Energie reagiert. Während der Wiener Energieversorger laut Angaben von Umweltschutzorganisationen im Jahr 2010 noch einen Atomstromanteil von acht Prozent hatte, ist das Unternehmen seit Eintritt der Grünen in die Wiener Regierung mittlerweile atomstromfrei.

Atomkonzerne in Österreich aktiv

Aber immer noch fließt viel Atomstrom in unseren Netzen: Offiziell 6%. Österreichs Strom kommt zu 54% aus Wasserkraft, mit Wind, Biomasse (Holz, Biogas etc.) und Sonne werden weitere 8,4% gedeckt, der Rest entfällt auf fossile Energieträger, vor allem Kohle und Gas, aber auch auf Importe: 17,5% der Elektrizität wird jährlich importiert. Die „E-Control“ nennt dies „Strom unbekannter Herkunft“. Entsprechend dem Schnitt der europäischen Stromproduktion bedeutet dies, dass darin 28,9% Atomstrom enthalten sind. Wie viel Atomstrom tatsächlich bei den VerbraucherInnen ankommt, variiert mit dem Energielieferanten, den man wählt. Legt man die offiziellen Angaben der

Ein beträchtlicher Teil des importierten Atomstroms wird laut Recherchen von Umweltschutzorganisationen direkt aus Tschechien, der Slowakei und Deutschland bezogen. Dieser Atomstrom gelangt über Strombörsen nach Österreich und wird oft mittels zugekauften Wasserkraftzertifikaten „umetikettiert“. Dadurch erhöht sich der eigentlich Anteil von Atomstrom in Österreich auf bis zu 15%. Dazu sind Europas Atom-Konzerne direkt in Österreich aktiv. An der Landesenergieversorger Energie Steiermark hält der französische Atomriese EdF seit 1997 eine so genannte Sperrminorität von 25% und einer Aktie. An der Kärntner Kelag ist der deutsche Atomkonzern RWE seit 2001 mittelbar zu 31,3% beteiligt. Ein Österreicher sitzt im RWE-Aufsichtsrat: Ex-Kanzler und Ex-ÖVP-Abgeord-

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Wie der Atomstrom in Österreichs Netze kommt


so versagt österreichs energiepolitik

neter Wolfgang Schüssel. Ein weiterer deutscher Atomkonzern mischt in Niederösterreich mit: Die EnBW kontrolliert 35% an der EVN.

Fehlende Rechtsschritte, kein Vorgehen gegen Strabag-Bau von Mochovce

Ja, es geht. Die oberösterreichische Landesregierung zeigt wie: Im Kampf gegen das tschechische AKW Temelin läuft derzeit eine zivilrechtliche Unterlassungsklage. Und erste Erfolge sind schon verbucht. So gelang es, beim Europäischen Gerichtshof die Legitimität des Verfahrens und auch den Gerichtsstandort Linz durchzusetzen. Im Herbst 2011 beginnt das Verfahren. Das ist einer der Schlüssel zum Zusperren der Hochrisiko-Reaktoren. Dazu kommt: Mit Vertragsverletzungsverfahren gegen die Slowakei und Tschechien könnten die europarechtswidrigen UVP-Verfahren zur Genehmigung des Ausbaus von Mochovce und Temelin gestoppt werden. Hier muss die österreischische Bundesregierung aktiv werden. Und es braucht gerichtliche Klagen gegen die Reaktoren vom Typ Fukushima an unserer Grenze: Es ist Gebot der Stunde, Unterlassungsklagen gegen den Weiterbetrieb dieser Risiko-Reaktoren an unseren Grenzen einzubringen, die über kein „Voll-Druck-Containment verfügen: Dazu zählen die beiden bereits laufenden Reaktoren in Mochovce, Dukovany, Bohunice, Mochovce und Paks und das Schweizer AKW Mühleberg. Dazu baut die Slowakei in Mochovce zwei weitere Reaktoren ohne Volldruckcontainment. Während die heimische Politik die Verdoppelung des Risikos verschläft, ist der heimische Baukonzern Strabag umso intensiver in Mochovce engagiert. Um einen Auftragswert von 88 Millionen Euro fertigt die slowakische Tochterfirma des Baukonzerns den Rohbau der zwei neuen Reaktorblöcke. Zu den Strabag-Kernaktionären gehören übrigens die Raiffeisen- und UNIQA Gruppe. Sie halten knapp über ein Drittel der Aktien des Baukonzerns.

Österreich könnte und müsste die Speerspitze der europaweiten Atomausstiegsbewegung sein. Seit dem EU-Beitritt Österreichs sind aber eine halbe Milliarde aus Steuergeldern an EURATOM geflossen. Dass die Gelder für Sicherheit aufgewendet wurden, ist ein vorgeschobenes Argument: Die Mittel gehen vor allem in die Entwicklung neuer Atomreaktoren. Daran ändert sich auch nach Fukushima nichts. Österreichs Regierung steigt nicht aus EURATOM aus, sondern zahlt weiter: Das EURATOM-Forschungsprogramm (2012 und 2013) sieht vor, dass 2,56 Milliarden Euro investiert werden. 2,2 Milliarden in die Kernfusion, der Rest in Projekte im Bereich der Kernspaltung und sonstiger Nuklearforschung. Damit der Ausbau der Atomkraft munter weiter gehen kann. •

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© herbert pfarrhofer/apa

Eine halbe Milliarde Subvention aus Österreich für Atomenergie

Anti-Atom-Demo in Wien: Österreich könnte die Speerspitze der europaweiten Atomausstiegsbewegung sein, wenn die Regierung endlich handeln würde.


JA, ES GEHT!

DIE GRÜNE ENERGIEWENDE: SAUBER, INNOVATIV UND 100% ERNEUERBAR


FUKUSHIMA: WIE japan ENERGIESPAREN ALS EINSTIEG INS GRÜNE ZEITALTER ENTDECKT

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FUKUSHIMA: WIE JAPAN ENERGIESPAREN ALS EINSTIEG INS GRÜNE ZEITALTER ENTDECKT Wussten Sie, dass … ein österreichischer Haushalt durch EnergiesparmaSSnahmen ohne Einschränkung des Lebensstils um bis zu 1.500 Euro pro Jahr entlastet werden kann?

Japan nach der Tragödie. Eine Nation denkt um. „All diese Vergeudung von Strom. In Wahrheit war unser Leben nicht mehr real.“

© franck robichon/epa

Zwei AKW-Reaktoren laufen nur für die Kühlung von Limonaden

Japan nach der Tragödie: Die Energiedebatte setzt ein. Doch es geht nicht nur darum, wie Energie erzeugt wird. Sondern jetzt geht es endlich darum, wie viel man eigentlich verwenden, beziehungsweise verschwenden darf. Sechs Atomreaktoren standen mit einem Mal still. Plötzlich herrschte Energienot und die Einsicht: Der Super-GAU entlarvte den wahren, viel zu hohen Preis für Energie, die bedenkenlos verschwendet wurde. „Dafür allein laufen mehrere dieser gefährlichen Atom-Rektoren in unserem Land“, empört sich Sintaro Ishihara, der Bürgermeister Tokios: „Dafür“, sagt er und verweist auf einen Verkaufsautomaten für Getränke: „Wir betreiben mindestens zwei Reaktoren nur dafür, dass wir bei insgesamt 5,5 Millionen solcher Geräte rund um die Uhr gekühlte Limonaden und heißen Kaffee trinken können.“ Coca-Cola Japan reagierte sofort und stellt die Kühlung seiner Automaten während der Nachtstunden ab. 51


FUKUSHIMA: WIE japan ENERGIESPAREN ALS EINSTIEG INS GRÜNE ZEITALTER ENTDECKT

Unklimatisiertes Japan: Mit T-Shirts und Sandalen statt Hemd und Krawatte ins Büro

Es wurde nicht zappenduster in der Hauptstadt Tokio; aber spürbar düster. Mit einem Mal wurden die Lichtreklamen auf den Straßen bis hin zur grellen Beleuchtung in den Restaurants stark reduziert. In Einkaufszentren wurde das meist leere Auf und Ab der Rolltreppen gestoppt. Schon im Jahr 2005 wurden in Japan unter dem Slogan „Cool Biz“ die ersten Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauches und somit von Treibhausgasen gesetzt, in dem man dem Land mit einem der höchsten Stromverbräuche der Welt eine radikale EnergieDiät aufbrummte. T-Shirts und Sandalen sollten im Sommer ins Büro getragen werden, der Einsatz von Klimaanlagen in öffentlichen Gebäuden wurde per Dekret massiv reduziert. Nach Fukushima wurde das Paket verschärft und „Super Cool Biz“ genannt. „Die Katastrophe hat uns endlich vor Augen geführt, was Energieproduktion wirklich bedeutet“, sagt der Bankbeamte Aki Taniguchi: „All diese Vergeudung von Strom. In Wahrheit war unser Leben nicht mehr real.“ Genau dies ist die Grundsäule der Energiewende: Energieeffizienz. Je weniger verbraucht wird, desto rascher, leichter und vor allem billiger wird der Ausstieg aus Atom und Fossilen Energien. Es ist genau dieser Punkt, der bislang stiefmütterlich behandelt wurde. Nicht bloß in Japan. Um 49% wird der weltweite Energieverbrauch bis 2035 ansteigen, wenn kein radikales Umdenken einsetzt: Von den Verbrauchern bis zur Industrie und vor allem der Politik.

Wie Effizienz funktioniert und sich rechnet: 1.500 Euro Einsparungen pro Haushalt und Jahr

Sie sind nicht so fotogen wie Solaranlagen im Abendrot oder Windräder im tosenden Ozean. Und Politiker können sie schwer eröffnen und vermarkten. Der Einsatz hocheffizienter Heizungspumpen ist allerdings eines der besten Beispiele, wie die Grüne Energiewende im Alltag eines durchschnittlichen österreichischen Haushalts funktioniert. 130 Euro Stromkosten spart man dadurch pro Jahr im Vergleich zu einem alten Gerät. Ein anderes Beispiel ist die LED-Lampe: Über ihre gesamte Lebensdauer erspart man sich 124 Euro an Stromkosten im Vergleich zu einer herkömmlichen Glühbirne. Im Bundesland Oberösterreich ist Energieeffizienz zentraler Bestandteil der Energiepolitik. Seit 2005 wurden jährlich knapp zwei Milliarden Kilowattstunden eingespart. Das entspricht etwa 150 Millionen Euro pro Jahr oder 600.000 Tonnen CO2. Nun werden die Bemühungen weiter verstärkt; bis zu 1.500 Euro kann sich dank der Maßnahmen jeder Haushalt sparen. Dazu zeigt sich: Ein Drittel des derzeitigen Energieverbrauches kann ohne jede Einschränkung des Lebensstandards eingespart werden, etwa durch Isolierung unserer Häuser und Wohnungen und dem Umstieg auf moderne Technolo52

FUKUSHIMA: WIE japan ENERGIESPAREN ALS EINSTIEG INS GRÜNE ZEITALTER ENTDECKT

gien. Eine Untersuchung bei deutschen und österreichischen Test-Haushalten zeigt, dass durch den einfachen Einsatz intelligenter Stromzähler, die aufzeigen, mit welchem Gerät man wann wie viel Energie verwendet, durchschnittlich 3,7% Strom eingespart werden kann. Und das ist erst der Beginn der Wirksamkeit von Einspartechnologien.

ExpertInnen fordern verpflichtende Energieeinsparziele

Wie wir leben, wie wir wohnen, dies ist der Schlüssel zur Grünen Energie­ wende: 40% des Energieverbrauchs, 36% der Treibhausgasemissionen werden EU-weit von privaten Haushalten verursacht. Hier liegt ein gigantisches Einsparungspotenzial, das noch längst nicht ausgeschöpft ist. Das gleiche gilt für Wirtschaft und Industrie. So werden für Unterhaltungs-, Computer- und Mobilfunkgeräte in Haushalten weltweit bereits 15% des Haushaltsstroms aufgewendet. Verbessert sich der Effizienz-Standard von Handys, Laptops & Co nicht, wird sich angesichts der Wachstumsraten dieser Produkte die notwendige Energie für ihren Betrieb bis 2030 verdreifachen. Auch das ist nur eines von vielen Beispielen, das illustriert, wie viel durch die Steigerung von Effizienz möglich ist. Sämtliche elektronischen Geräte müssten vom Markt verbannt werden, wenn sie nicht den modernsten Standards entsprechen. Veraltete Geräte gefährden die Sicherheit unseres Planeten. Nach Daten der Internationalen Energieagentur ist 2010 der globale Energiebedarf um 5,65% gestiegen. Der höchste Wert seit 1973. Die EU-Staaten müssten die Anstrengungen in diesem Bereich dringend „verdreifachen“, so die Empfehlung in einem aktuellen Report des deutschen Fraunhofer-Instituts. Denn, wenn wir es mit dem Ausstieg aus Fossilen und Atom ernst nehmen, geht es in erster Linie darum zu verändern, wie wir Energie konsumieren. Und dann im nächsten Schritt: womit. •

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ATOMFREI, CO2-NEUTRAL: DAS RIESIGE POTENZIAL DER ERNEUERBAREN ENERGIEN Windkraft als Turbo der Grünen Energiewende: Bis 2050 können Windräder ein Viertel der globalen Stromproduktion bereitstellen.

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ATOMFREI, CO2-NEUTRAL: DAS RIESIGE POTENZIAL DER ERNEUERBAREN ENERGIEN Wussten Sie, dass … in China jede Stunde ein neues Windrad in Betrieb genommen wird?

Wüsten, Meere und Wälder: Die „grünen“ Ölquellen

© caro/caro

Wir nutzen heute weltweit nur etwas mehr als 2% des Potentials der erneuerbaren Energieressourcen. Die Möglichkeiten wären also nahezu unendlich. Einen imposanten Eindruck der gigantischen Dimensionen liefern die Berechnungen der Stiftung desertec. Ihr Ziel ist es, mit Sonnenkraftwerken in Nordafrika die Wirtschaft zu stärken und bis 2050 bis zu 15% des europäischen Stroms zu liefern. Nur 0,9% des Gebietes der Sahara könnten den Strombedarf für ganz Europa decken. Pro Quadratmeter Wüste kann pro Jahr so viel Energie erzeugt werden, wie sie 1,5 Millionen Barrel Rohöl entspricht. Alle Wüsten der Erde empfangen eine Energiemenge, die gigantisch ist: Sie könnte den Energiebedarf von fünf Billionen Menschen decken, dem 800fachen der derzeitigen Weltbevölkerung.

Das Ende der Energie-Monopole: Jede Region findet ihren Weg

Der Umstieg auf erneuerbare Energien bedeutet, dass jede Region ihre Stärken, ihre Chancen zu nutzen beginnt. Vermeintlich tote Wüsten werden Oasen des Energiereichtums. Aus einsamen Inseln in der Nordsee Vorzeigeprojekte der 55


ATOMFREI, CO2-NEUTRAL: DAS RIESIGE POTENZIAL DER ERNEUERBAREN ENERGIEN

Energieunabhängigkeit. Es gibt nicht den Weg zur Grünen Energiewende, das eine global gültige Rezept. In fast allen Regionen der Erde beginnt man die eigenen Stärken zu entdecken. Mutriku etwa ist eine kleine Hafenstadt an der baskischen Atlantikküste zwischen San Sebastian und Bilbao. Hier fand im Sommer 2011 ein historisches Ereignis in der Stromerzeugung statt: Der Energieversorger Ente Vasco de la Energía (eve) nahm das erste Wellenkraftwerk der Erde in Betrieb. Immerhin: 250 Haushalte beziehen von hier künftig ihre Elektrizität. Aus Fischern werden Energiepioniere. Ein anderes Beispiel: Hochburg-Ach ist ein Dorf im ober­österreichisch-bayrischen Grenzgebiet. Die Familie Bernecker hat den Bauernhof in einen Energiehof umgewandelt. Aus Landwirten wurden Energiewirte, die mit ihrem hocheffizienten Biomasseheizsystem (Hackschnitzel, Pellets, Stroh, Holz etc.) die Umgebung versorgen.

Die wichtigsten Industrieländer starten die vierte industrielle Revolution

Gleich ist in allen Regionen nur eins: Es geht massiv vorwärts, hin zu einer grünen Energiezukunft; vor allem bei den wichtigsten Industrieländern der Erde. In den Vereinigten Staaten decken erneuerbare Energien bereits 10,9% des Bedarfs, bereits fast gleich viel wie Atomkraft (11,3%). In China stieg der Einsatz von Ökoenergie zwischen 2009 und 2010 um 12%. In diesem Land wurden 2010 die meisten Windturbinen und thermischen Solaranlagen installiert und nirgendwo sonst wurde so viel Strom mit Wasserkraft erzeugt. Ein aktueller Bericht, Renewables 2011 Global Status Report, zeichnet ein beeindruckendes Bild dieser atemberaubend schnellen Entwicklung: Ende 2010 stammte weltweit bereits ein Fünftel der Energie aus erneuerbaren Ressourcen, 16% des Verbrauchs wurde mit Ökoenergie erzeugt; deutlich mehr als mit Atomkraft. Der Einsatz von erneuerbarer Energie wuchs um 9%. Bei Sonne, Wind und Biomasse gab es ein Plus von 25% (Wasserkraft ausgenommen).

ATOMFREI, CO2-NEUTRAL: DAS RIESIGE POTENZIAL DER ERNEUERBAREN ENERGIEN

Photovoltaik 2010

Deutschland: Boom bei Sonnenstrom (Installierte Kapazitäten weltweit, Daten 2010) Quelle: REN21 Renewables 2011. Global Status Report

10% Spanien

44% Deutschland

9% Japan 6% Restliche Welt 2% 2% 2% 2%

9% Italien

Südkorea restliche EU Belgien China

6% USA

3% Frankreich

5% Tschechien

119 Länder der Erde haben deshalb bereits per Gesetz den Ausbau erneuerbarer Energien fixiert. Zwei europäische Länder, Finnland und Schweden, schafften bereits mit dem Jahr 2010 ihre CO2-Einsparungsziele, die sie für das Jahr 2020 planten. All dies führt zu einem gigantischen Wachstumsschub bei den erneuerbaren Energien just – oder auch wegen der Wirtschaftskrise. Schon beim ersten Höhepunkt der Krise 2008 lautete die Devise: Unser Markt braucht Impulse. Das Potenzial dazu haben Wind, Sonne, Wasser und Biomasse, wie die aktuellen Zuwächse belegen.

Photovoltaik: Sonnenstrom auf Expansionskurs

Die Umweltorganisation der Vereinten Nationen, unep, untersuchte dazu, wie viel Kapital in die Grüne Energiewende fließt. Es sind geradezu sensationelle Werte: Die globalen Investitionen in erneuerbare Energien stiegen binnen eines Jahres um ein Drittel auf 150 Mrd. Euro. Allein Chinas Anteil beträgt dabei 33 Mrd. Euro. Ein Detail markiert hier eine historische Zeitenwende: Die weniger entwickelten Länder gaben in Summe mehr für die Erschließung grüner Ressourcen aus als die „reichen“ Industrieländer. Die Grüne Wende der Energieversorgung, weg von schmutzigen Fossilen hin zu sauberen Erneuerbaren, birgt Hoffnung für den Klimaschutz. Bis 2050 müssen die Emissionen weltweit um 80% sinken, sonst kollabiert das Weltklima.

Photovoltaik (PV)-Anlagen wandeln Sonnenlicht direkt in Strom um. Diese Branche boomt beispiellos. 2010 hat sich die globale Produktion verdoppelt. Derzeit ist global sieben Mal so viel Kapazität installiert als vor fünf Jahren. Die Wachstumsschübe gehen vor allem von Italien und Deutschland aus. Dort wurden im Vorjahr so viele PV-Anlagen installiert, wie im Jahr zuvor auf der ganzen Welt. Laut Prognosen der UN-KlimaexpertInnen könnte Photovoltaik bis zum Jahr 2050 bereits ein Drittel der weltweiten Elektrizitätserzeugung decken. Und dies zu einem mehr als rentablen Preis. Nach Überzeugung vieler ExpertInnen besitzt die Photovoltaik das Potenzial, zu einer der günstigsten Energie-Erzeugungsformen überhaupt zu werden. Seit 2006 haben sich die Kosten für neue Anlagen in Deutschland halbiert.

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150 Milliarden Euro jährliche Investitionen in Grüne Energien


ATOMFREI, CO2-NEUTRAL: DAS RIESIGE POTENZIAL DER ERNEUERBAREN ENERGIEN

ATOMFREI, CO2-NEUTRAL: DAS RIESIGE POTENZIAL DER ERNEUERBAREN ENERGIEN

Zuwachs Photovoltaik

Zuwachs Wind

Gigawatt

40

40

Gigawatt 198

200

35

159

30 23

25 20

16

15 10 5

0,7

0,8

0,9

1,2

1,4

1,8

2,8

2,2

3,9

5,4

7

9,5

0 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010

150

121 94

100

74,6

50 6,1

0

7,6

10,0

13,5

17,4

24,2

39,4

31,3

47,6

59,3

1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010

Photovoltaik auf Expansionskurs (Zuwachs weltweit, Daten 2010)

Windkraft: Turbo der erneuerbaren Energien. (Zuwachs weltweit, Daten 2010)

Thermische Solarenergie: Der gröSSte „Markt der Sonne“

Die Preise sinken: Ab 2014 Netzparität

Quelle: REN21 Renewables 2011. Global Status Report

2010 stieg der Einsatz von thermischen Solaranlagen für Heizung und Warmwasser weltweit um 16%. Österreich zählt hier zu den weltweit führenden Ländern. Mit Ende 2010 waren in Österreich ca. 4,5 Millionen Quadratmeter thermische Sonnenkollektoren in Betrieb. Mit jedem Werktag kommen Tausend dazu: Bis 2050 könnte damit die Hälfte des heimischen Wärmebedarfs gedeckt werden. Solarthermische Kraftwerke, die mit Spiegeln das Sonnenlicht bündeln, es in Wärme umwandeln und dann mittels Turbinen Strom erzeugen, boomen ebenfalls. Die Wachstumsmärkte sind derzeit Spanien und die USA. Allein während des zweiten Halbjahres 2010 wurden in Kalifornien neun solarthermische Kraftwerke mit einer Leistung von über 4.000 MW errichtet.

Quelle: REN21 Renewables 2011. Global Status Report

Windkraft gilt als jene erneuerbare Energieform, die wahrscheinlich sehr bald eine magische Marke erreichen wird: Die Netzparität. Ab diesem Moment werden grüne Energieformen genauso rentabel sein, bald danach sogar rentabler als fossile oder nukleare Energieträger. In Deutschland wird dies laut dem „Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme“ bis 2030 schrittweise erfolgen. Laut diesen ExpertInnen wird etwa 2014 als erstes Windstrom die gleichen Stromentstehungskosten haben wie derzeit der fossile Energiemix. Die Photovoltaik folgt ca. 2021. Als letzter Zweig übrigens werden die Windanlagen am offenen Meer Netzparität erlangen: Die hohen Baukosten dieser Anlagen könnten aber durch die rapiden Ausbauprogramme rascher sinken, als derzeit errechnet wird.  •

Windkraft: Der Turbo der Erneuerbaren

Jedes zweite Windrad, das derzeit weltweit errichtet wird, steht in China. Aber auch in vielen Bereichen Europas gilt Windenergie als der Turbo und setzt sich als Leitmotor der Erneuerbaren durch: Steigerungsraten von einem Drittel wurden in den vergangenen Jahren verzeichnet. Noch deckt Windkraft nur knapp über 2% des globalen und 5,3% des europäischen Stromverbrauchs. Bis 2050 wird es global bis zu einem Viertel sein. Manche Ländern liegen schon jetzt fast in diesem Bereich: In Dänemark sorgt Wind für 22%, in Portugal für 21% und in Spanien für 15,4% des nötigen Stroms. 58

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JA, ES GEHT! – 100 PROZENT ERNEUERBARE ENERGIEN SIND MÖGLICH Boomende Branche: 2010 hat sich die globale Photovoltaik-Produktion verdoppelt. 100% erneuerbare Energien sind möglich. Die wichtigste Ressource: der politische Wille.

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ja, es geht! 100% erneuerbare energien sind möglich Wussten Sie, dass … im Jahr 2010 auf deutschen Dächern mehr Solaranlagen installiert wurden als im Jahr davor auf der ganzen Welt?

© fernando alonso herrero

Ohne Atomkraft und Fossile: Es ginge sogar im Temelin-Land

Während die tschechische Regierung mit zynischen Kommentaren und neuen Atom-Plänen auf die Katastrophe von Fukushima reagierte, wollten es die tschechischen Umweltaktivisten wissen: Wäre es möglich, dass Tschechien bis 2050 zur Gänze aus Atom, Öl, Gas und Kohle aussteigt? Die gemeinsame Bilanz der NGOs: Es kann sehr wohl funktionieren, wenn drei Eckpfeiler gesetzt würden: Drastisch weniger Verbrauch, massiver Ausbau der Solarenergie sowie Biomasse (z.B. Holz, Pellets etc.) und eine radikale Umstellung der Mobilität. Zentraler Bestandteil wäre ein Klimaschutzgesetz mit verbindlichen Reduktionsschritten nach Vorbild Großbritanniens. Basierend auf Szenarien vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie kamen die UmweltschützerInnen zum Schluss: 2050 kann Tschechien seinen Strom zu 100% aus erneuerbaren Energien produzieren, und den Gesamtenergiebedarf zu knapp 80 Prozent aus Ökoenergie decken. Derzeit ist Kohle mit einem Anteil von knapp der Hälfte das Fundament der Versorgung. Atomkraft deckt derzeit ca. 30% des tschechischen Stromverbrauchs, Öl deckt ein Fünftel der Energieversorgung. 61


JA, ES GEHT! – 100 PROZENT ERNEUERBARE ENERGIEN SIND MÖGLICH

Knackpunkt der Wende ist die massive Reduktion des Energieverbrauchs

Bereits 2020 könnte Tschechien gänzlich aus Öl aussteigen: durch hocheffiziente E-Mobilität (Autos und Fahrräder) gepaart mit einem Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Dann könnte das Aus von Kohle folgen, und schließlich, so die Berechnungen, zwischen 2030 und 2040 das Ende der Atomkraft. Geld für diesen Umstieg müsste – theoretisch – in Hülle und Fülle da sein. Die Regierung plant derzeit den Neubau von zwei AKW. Aktueller Stückpreis ca. 5 Milliarden Euro. Würden die AKW nicht gebaut, wäre vieles möglich. Knackpunkt des Ausstieg-Plans ist die derzeit marode Energieeffizienz der tschechischen Haushalte und der Industrie. Sie müsste um 40% gesteigert werden, wobei die Sanierung von Gebäuden wie auch eine Bewusstseinsänderung den Schwerpunkt setzen. Biomasse, vor allem Holz, müsste durch eine Verdoppelung des Einsatzes Kohle quasi ersetzen; vor allem bei der Stromproduktion. Ein Ausbau der Wasserkraft auf 20% der Stromversorgung, sowie eine Verzehnfachung der Photovoltaik wären weitere Grundpfeiler. In diesem Punkt zeigt das „Atomland“ Tschechien bereits, was möglich ist. Zwischen 2008 und 2010 hat sich der Sonnenstromanteil mehr als verzwanzigfacht.

Global sind 100% Energie ohne Emissionen möglich. Die Beweise liegen vor

JA, ES GEHT! – 100 PROZENT ERNEUERBARE ENERGIEN SIND MÖGLICH

Der globale Energiemix

Noch dominieren Öl, Gas & Kohle. Aber der Energiemix wird sich ändern: erneuerbare Energien wachsen rasant. (Daten 2009, Quelle: IEA) 5,8% Atom

0,7% Anderes

12,2% Erneuerbare Energie

33,2% Öl

21,1% Gas

27% Kohle

EU auf Energie-Wende-Kurs

Was in Tschechien möglich ist, geht weltweit. Erneuerbare Energieträger werden bis zum Jahr 2050 den globalen Energiebedarf zu 77 Prozent decken können; statt wie derzeit zu ca. 12%. So eine Analyse der Experten des UN-Klimarats, IPCC, veröffentlicht im April 2011. Die Klima-ExpertInnen errechneten vier Szenarien zur Energiezukunft. Um das „Best-Case“-Szenario zu erreichen, sei die wichtigste Ressource, auf die man bauen müsse, ein „sehr gezielter politischer Umstiegs-Wille.“ Was es also vor allem braucht, ist die Bereitschaft in die Grüne Energiewende zu investieren. Laut den ExpertInnen des IPCC würde dies bis 2020 global gerechnet bis zu 3,5 Billionen Euro kosten; von 2021 bis 2030 bis zu 5 Billionen Euro. Wobei die Kosten auch davon abhängen werden, wie rasch sich erneuerbare Energien verbilligen (ein Trend der derzeit sehr deutlich ist) und es wird – im Preisvergleich zum „Weiter-wie-bisher“-Szenario – auch eine wichtige Rolle spielen, wie hoch die Zertifikats-Preise für CO2-Emissionen sein werden. Die globale Energiewende würde bedeuten, dass die Erderwärmung durch die massive Reduktion von Treibhausemissionen bei 2 Grad Celsius gestoppt werden könnte. Damit wäre der totale Klimakollaps zu verhindern. Dieser wäre ein Vielfaches teurer als die Grüne Energiewende. Bis zu 5% des globalen BIP würde ein ausufernder Klimawandel der Welt kosten. Dies wurde bereits 2006 im „SternReport“ der britischen Regierung berechnet.

Bereits 2009 legte die EU verbindlich fest, dass bis 2020 ein Fünftel der Energie aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden sollen, bis 2050 sollen so und durch ebenfalls um 20% erhöhte Energieeffizienz die Treibhausgasemissionen um 80% gesenkt werden. Auch in den EU-Ländern ist dies machbar. Der Report „Roadmap 2050“ der EU-Kommission belegte dies eindrucksvoll. Darin ließ die EU-Kommission untersuchen, ob die Energiewende leist- und machbar sei: Das Fazit: Ja. Es geht! Die Grüne Energiewende ist möglich! „Dazu bedeutet dies eine bessere Luftqualität, höhere Versorgungssicherheit, mehr Jobs und statt Milliarden ins Ausland zu transferieren, werden Unternehmen im eigenen Land gefördert,“ so die Analyse der EU-Kommission. Ein rascher Umstieg auf erneuerbare Energien bedeutet eine Eindämmung der Risiken des Klimawandels und eine Beschleunigung des Atomausstieges. Laut Berechnungen der EREC, dem Sprachrohr der europäischen Öko-Unternehmer, sei es dazu nötig, acht Mal so viel Windenergie, 200 Mal so viel Solarenergie, 50 Mal so viel Geothermie und fünf Mal so viel Biomasse einzusetzen wie heute. Technisch ist das machbar. Und auch leistbar. 2,8 Billionen Euro würde dies für Europa bis 2050 kosten. Allerdings würde es auch bedeuten, dass 1,6 Billionen an Energie-Importen und die hohen Folgekosten der verstärkten Erderwärmung wegfallen würde.

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JA, ES GEHT! – 100 PROZENT ERNEUERBARE ENERGIEN SIND MÖGLICH

Ein internes Papier der EU-Kommission, das im Februar 2011 an die Öffentlichkeit gelangte, belegt, dass die Realität derzeit die eindrucksvollsten Beweise liefert: Demnach ist anzunehmen, dass die EU-Staaten ihr Einsparungsziel von Minus 20% Treibhausgasemissionen bis 2020 deutlich übertreffen werden: Bereits 25% sind zu erwarten, ohne größere Anstrengungen wäre sogar 30% möglich. Ein Ziel, dass einige EU-Länder wie Großbritannien längst beschlossen haben. Bis 2030 wäre es möglich, 40% einzusparen.

JA, ES GEHT! – 100 PROZENT ERNEUERBARE ENERGIEN SIND MÖGLICH

Profitable Pionierrolle als High-Tech-Green Land

Angekurbelt wird diese Entwicklung durch die Grüne Energiewende Deutschlands: Anfang Juli beschloss der Bundestag die – historische – Energiewende. Per Atomgesetz wurde der schrittweise Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022 fixiert. Gleichzeitig soll bis 2050 80% der Energie mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. Diese Umstellung der Energieerzeugung ohne nukleares Hochrisiko und ohne Kohle, Öl und Gas, ist eine fundamentale Veränderung: Für die Weltwirtschaft mindestens so bedeutsam wie einst die Verbreitung der Dampfmaschinen für die industrielle Revolution. Indem Deutschland dies als eines der größten Industrieländer der Erde angeht, wird eine globale Kettenreaktion ausgelöst.

Durch das erfolgreiche deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz hat unser Nachbarland den Anteil an grünem Strom von 1998 bis 2009 fast vervierfacht. 100% erneuerbare Energie in der Stromproduktion, das ist ein weiterer Pfeiler der grünen Wende Deutschlands. Derzeit deckt Deutschland seinen Strombedarf zu 23% aus Atomkraft, zu 42% mit Kohle, zu 17% mit grünen Ressourcen. Bis 2020 soll ein gutes Drittel des Stroms in Deutschland (35%) aus erneuerbaren Energien kommen, 2030 schon die Hälfte. Dieses Ziel wird mit dem vorbildhaften Erneuerbare-Energien-Gesetz bereits angepeilt. Mit großem Erfolg: Bis 2030 werden die Windräder in den Offshore-Anlagen so viel Strom produzieren wie 25 Atomkraftwerke. Einen ähnlich massiven Umbau einer Industriegesellschaft hat es in so kurzer Zeit noch nie gegeben. Wirtschaft und Industrie wittern darin nicht nur Probleme, sondern vor allem eine Jahrhundertchance. „Es lohnt sich in vielfacher Hinsicht für Deutschland, als Öko-Avantgarde voranzuschreiten“, so Gert Wagner, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Das wäre auch für Österreich möglich. Heute entscheidet sich, wer die Chancen der Leitindustrien des 21.Jahrhunderts wirtschaftlich nutzt.

Milliarden für Gebäudesanierung: ab 2020 nur Passivhäuser

GroSSbritannien, Dänemark, Schweden: Die radikalen Aussteiger

Deutschland löst eine grüne Kettenreaktion aus

Die Grüne Energiewende wird, allen Horror-Szenarien zum Trotz, leistbar sein. Laut dem deutschen Wirtschaftsministerium wird der Umstieg deutschen StromkundInnen – privat und gewerblich – in Summe 32 Milliarden Euro kosten. Das wären nicht einmal 0,3 Cent je Kilowattstunde. Dazu wird den deutschen VerbraucherInnen massiv beim Sparen geholfen. Ein beträchtlicher Anteil der Energie und auch der Kosten wird für Heizen, Warmwasser und Kühlung von Häuser und Büros aufgewendet. So ist ein Eckpfeiler der deutschen Energiewende eine Sanierungsoffensive, dotiert mit 3,4 Milliarden Euro. Dazu muss ab 2020 in Deutschland jedes Haus im Passiv-Standard gebaut werden. Denn es gilt auch hier: Das billigste und zugleich wichtigste Element der Energiewende ist: Den Verbrauch ändern. In Deutschland könnte man laut Berechnungen des Öko-Institutes die Stromproduktion von zwei AKW einsparen, indem der Spitzenbedarf an Strom – er tritt jährlich an nicht mehr als 50 Stunden auf – um eine oder einige wenige Stunden verlagert wird. Mehr Flexibilität bei energieintensiver Industrie würde massiv helfen. Oder: Allein durch effizientere Elektromotoren, durch den Ersatz alter Kühlgeräte oder auch „grünere“ – sprich effizientere – Rechenzentren könnten rund 40 Milliarden Kilowattstunden Strom gespart werden – fast ein Drittel der deutschen Atomstromerzeugung des Jahres 2010.

Massive Exportchancen durch Pionierleistungen: Das schwebt auch Lykke Friis vor. Er ist Dänemarks Minister für Energie und Klima: „Nach Fukushima werden wir unsere Strategie noch massiver vorantreiben. Nun steigt die Nachfrage nach grüner Energie. Wir haben die Erfahrung“. Die dänische Regierung hat ihre ohnehin ambitionierten Einsparungsziele von Treibhausgasen samt Umstieg auf erneuerbare Energien im Jahr 2011 zusätzlich beschleunigt. Die gesamte Energie Dänemarks soll bis 2050 aus grünen Quellen stammen. Strom soll bis 2020 zu 60% aus Erneuerbaren stammen; derzeit liegt der Wert bei 30%. Dänemark setzt dabei auf den Ausbau ihrer Windanlagen im Meer. Damit soll der grüne Umstieg auf Elektromobilität garantiert werden. Ambitioniert sind auch die Ziele Großbritanniens: Bis 2025 sollen bereits 50% der Treibhausgase eingespart werden. Am weitesten prescht Schweden vor, mit dem Ziel von Null-Emissionen bis 2025. Eine sukzessiv steigende CO2-Steuer ermöglichte es der Wirtschaft, langfristig planbar umzusteigen. Mit großem Erfolg. Schweden ist jenes Land mit dem stärksten Emissions-Rückgang Europas.

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Städte ebnen den Weg in die grüne Zukunft

Eine Strategie eint Schweden und Dänemark: Sie setzen auf die Öko-Macht ihrer Städte. Mit sehr viel Kreativität und Entschlossenheit: So werden die Klimaanlagen im soeben völlig neu strukturieren Hafenviertel im schwedischen


JA, ES GEHT! – 100 PROZENT ERNEUERBARE ENERGIEN SIND MÖGLICH

Passivhäuser (rechte Seite) und Pellets: Nur zwei der vielen Gesichter der Grünen Energiewende.

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© elke mayr/wirtschaftsblatt

© ulrich baumgarten/vario images

Malmö mit Meerwasser betrieben. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen will bis 2025 als erste Großstadt der Welt „CO2-neutral“ sein. Unter anderem werden dazu Dächer mit Gräsern bepflanzt – zur Anpassung an den Klimawandel, aber auch, um neben Holz Biomasse für’s Heizen zu gewinnen. Ähnliche Ziele verfolgt man in Stockholm. Seit 1990 sind die Treibhausgasemissionen in der schwedischen Hauptstadt um 25% gesunken. Nahwärmenetze mit hohen Anteilen erneuerbarer Energien liefern die Heizenergie. Massiv veränderte sich zudem die Mobilität. Um 75% mehr Wege werden heute mit dem Rad zurückgelegt als noch vor 10 Jahren. Der CO2-Ausstoß durch den Individualverkehr wurde durch eine City-Maut um 14% verringert. Bemerkenswert ist aber, dass echtes „grünes“ Leben mehr und mehr Resultat einer nachhaltigen urbanen Zivilisation wird. Wie groß hier der Spielraum ist, wurde für Toronto errechnet. Jemand, der im Zentrum in einer Wohnung lebt und nur öffentliche Verkehrsmittel benutzt, belastet das Klima mit 1,3 Tonnen CO2 im Jahr. Wer in Vororten im eigenen Haus wohnt und mit dem Auto zur Arbeit pendelt, kommt auf 13,3 Tonnen pro Jahr.  •


grüne energiewende in österreich: ja, es geht!

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grüne energiewende in österreich: ja, es geht! Wussten Sie, dass … der Stand-by-Verbrauch aller elektronischen Geräte in Österreich der Stromproduktion eines Atomkraftwerks entspricht?

Europas Modellregion Oberösterreich: 100% Erneuerbare bis 2030

Expertengruppen aus der ganzen Welt studieren das „Modell Oberösterreich“, die europäische Modellregion der Energierevolution. Seit 2003 in der Regierung, beweisen die Grünen in diesem Bundesland: Ja, es geht! Die grüne Energiewende gelingt, weil hier mit dem Einzug der Grünen in die Landesregierung die nötige Ressource verfügbar ist: Politischer Wille. Auf Initiative der Grünen haben Oberösterreichs Regierung und Landtag 2007 die Energiewende beschlossen. Als erste Region Europas. Das Ziel: Bis 2030 soll die Versorgung mit Elektrizität, Raumwärme und Kühlung zu 100% durch erneuerbare Energie gedeckt werden. Alle vier Jahre wird überprüft, ob man dem Ziel näher kommt, damit die Strategie bei Bedarf nachjustiert werden kann.

Vorbild Oberösterreich: Aximporere consequam Der Anteil erneuerbarer wächst ebenso eic te nim quosEnergien si doloria rasch jener der Ökojobs, seit der ntinuswie dendant fugiasped Grüne Landesrat Rudi Anschober die experch itatium faceaquos Energiepolitik enis doluptia. des Landes gestaltet.

© martin eder

Bereits 86% der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien

Die Ergebnisse dieser Überprüfung zeigen: Es geht rasant vorwärts. Bereits 36% des gesamten Energieverbrauchs, 46% der Energie für Wärme und Kühlung sowie 86% der Elektrizität werden in Oberösterreich im Jahr 2011 mit Grüner Energie produziert. Dies ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass hier Unternehmen wie die Voest ihren Sitz haben und Oberösterreich zu den Industrieregionen Österreichs zählt. In Oberösterreich geht die Sonne auf. Bis 2015 wird hier jeder der 1,6 Millionen EinwohnerInnen im Schnitt über einen Quad69


grüne energiewende in österreich: ja, es geht!

grüne energiewende in österreich: ja, es geht!

ratmeter Sonnenkollektoren zum Heizen und zur Warmwasseraufbereitung verfügen, sowie über einen Quadratmeter Photovoltaik. Auch der Einsatz von Biomasse konnte massiv gesteigert werden: Bereits 17% des gesamten Energiebedarfs des Industrie-Bundeslandes werden damit gedeckt; genauso viel wie mit Wasserkraft. 1,3 Millionen Tonnen Biomasse (z.B. Holz, Hackschnitzel, Pellets) werden verarbeitet – das bedeutet, dass Oberösterreich alleine durch den Einsatz dieser Ressource 1,7 Millionen Tonnen CO2 einspart.

Sie sind die wichtigsten PartnerInnen der Energiewende Oberösterreichs: Die engagierten BürgerInnen – 90% der Bevölkerung unterstützen die Energiewende, bereits mehr als 10.000 arbeiten aktiv mit. Meist sind sie in Programme involviert, mit denen ihre Heimatgemeinden die Energiewende vorantreiben. Bereits 200 Gemeinden verwirklichen solche Programme, in denen sie – mit Unterstützung der Landesregierung – ein für ihre regionalen Bedürfnisse maßgeschneidertes Energiewendeprogramm umsetzen. Die zweite Erfolgsgarantie der Energiewende in Oberösterreich ist die Gewissheit, dass sie auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg führt: Bisher konnten durch den Ausbau von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz rund eine Milliarde Euro an Importkosten für fossile Energieträger eingespart werden, 36.000 grüne Arbeitsplätze sind entstanden. Es zeigt sich eindrucksvoll: Die Vorreiter sind auch die Gewinner.

Der Weg zur Energiewende besteht aus Tausenden einzelnen Schritten

Die Grüne Energiewende ist ein Gesamtkunstwerk, das sich aus Tausenden, bisweilen sehr unterschiedlichen Mosaikstücken zusammensetzt. In Oberösterreich zählt dazu eine beträchtliche Steigerung der Effizienz um 40% bei Kleinwasserkraftwerken. Auch ein großes Donaukraftwerk in Aschach wurde mo­ dernisiert. Damit erhöhte sich die Leistung in der Größenordnung von 58 Kleinwasserkraftwerken. Im Fokus stehen in Oberösterreich „Leuchtturmprojekte“, die den Trend zur grünen Umgestaltung der Energielandschaft des Bundeslandes setzen sollen: Es gibt ein Programm, das den Passivhaus-Standard bei gewerblichen Gebäuden forciert, eine Solar-Offensive mit dem Ziel, alle Landesgebäude mit Solaranlagen (für Heizung und Warmwasser) auszustatten, sowie ein im Sommer 2011 gestartetes Projekt, das die Ausstattung von Schulen mit Photovoltaik-Anlagen vorsieht – aus Oberösterreichs Schulen werden Solarschulen, LehrerInnen werden zu „SonnenlehrerInnen“. Die Grüne Energiewende findet in die Schulen und schafft damit bei den SchülerInnen Bewusstsein für dieses wichtige Zukunftsthema. Weiters gibt es Initiativen wie die geförderte Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED-Lampen. Entscheidend ist dazu auch die Bündelung des KnowHow: In der Energiewende-Kompetenzstadt Wels entstand das erste Science Center für die Energiewende (VELIOS).

Allianz mit der Bevölkerung und wirtschaftlicher Impuls garantieren Erfolg

100% Erneuerbare bis 2030: Auch eine politische Revolution in Österreich

Oberösterreich gilt als Modellregion für Europa; und kann zum Modell für Österreich werden. Bei diesem historischen Projekt geht es um deutlich mehr als eine reine „Kaufentscheidung“, ob wir in Öl, Kohle oder Photovoltaik und Windräder investieren. Die Grüne Energiewende führt zu einer Wende unserer Demokratie, der Monopolstruktur unserer Energieversorgung. Verkrustete MachtSeilschaften zwischen Konzernen und Regierungs-Politik werden aufgebrochen. Sie bedeutet Unabhängigkeit von teuren Importen und den autoritären Regimen der Lieferländer. Sie bringt Renditen für heimische Öko-Unternehmen, schafft Jobs und stärkt die mündigen KonsumentInnen, die selbst zu StromerzeugerInnen werden. „Power to the People“. So betitelte die dänische Regierung treffend ihr Strategiepapier zur Energiewende im Jahr 2009. Das mutige Ziel: Bis 2050 ist Dänemark CO2-neutral, deckt seinen gesamten Energiebedarf ausschließlich aus Erneuerbaren Energien.

Energierevolutionsjahr 2012 in Österreich

Ein zentraler Hebel, den Oberösterreich ansetzt, sind Maßnahmen in privaten Haushalten: Diese reichen von der forcierten Modernisierung von Heizumwälzpumpen bis hin zur Förderung von Solaranlagen oder einem Umstellungsprogramm von Öl auf Biomasse. Die Energiestandards für den Wohnungsneubau werden laufend verschärft, während gleichzeitig die thermische Sanierung von Häusern stark gefördert wird. Allein 2009 und 2010 nahmen dies über 10.000 Haushalte in Anspruch: Sie konnten so im Schnitt die Energiekosten um 2.000 Euro und die CO2-Emissionen um zwei Drittel senken.

2012 muss das Jahr dieser Revolution in Österreich, den Start der Grünen Energiewende markieren. Den Grünen gelang es im Juli 2011, die dringend nötige Verbesserung des Ökostromgesetzes durchzusetzen. Das war der erste Schritt. Bis zum März 2012, zum Jahrestag der Atomkatastrophe in Fukushima, wollen wir eine gesetzlich bindende Strategie zum Ausstieg aus fossilen Energien und Atomstromimporten, zum Umstieg auf erneuerbare Energien durchsetzen. Bis zum Jahr 2030 kann Österreich „CO2-neutral“ werden. Vorrangig müssen Klimaziele in Österreich verpflichtend werden. Damit schafften es Länder wie Großbritannien, ihre CO2-Emissionen radikal zu drosseln

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grüne energiewende in österreich: ja, es geht!

grüne energiewende in österreich: ja, es geht!

und zu Vorreitern des Kampfes gegen den Klimawandel zu werden. Hier muss Österreich nachziehen: Die Einsparungsziele bis 2030 müssen mit klaren Schritten umgesetzt werden und deren Wirksamkeit muss stetig überprüft werden.

werken, die Öko-Energie dann speichern, wenn diese entsteht (Wind, Sonne) und in Wasserkraft umwandelt, wenn sie benötigt wird, ist ein notwendiger Schritt.

Die Säulen der Energiewende Österreichs sind folgende sechs Punkte: 1. Energieeffizienz 2. Ausbauoffensive für erneuerbare Energien 3. Neue Energie-Speicher und moderne Energie-Infrastruktur 4. Außen- und europapolitische Initiativen gegen Atomkraft 5. Die Grüne Verkehrswende 6. Das Grüne Jobprogramm

Energieeffizienz

Österreich braucht ein Energieeffizienzgesetz: 300 Millionen Euro Einnahmen aus dem CO2-Zertifikatshandel, beziehungsweise aus einer CO2-Steuer, müssen eingesetzt werden, damit der hohe Energieverbrauch in Österreich zurückgeht. Die Ziele sollten sein: Reduktion des Stromverbrauchs um einen halben Prozentpunkt pro Jahr, Erhöhung der Rate bei thermischer Sanierung von Gebäuden auf 5% pro Jahr sowie eine Sanierungspflicht nach deutschem Vorbild. Dazu muss die kostenlose Energieberatung massiv ausgeweitet werden.

Ausbauoffensive für Erneuerbare Energie

Mit dem neuen Ökostromgesetz ist ein klarer Ausbauplan aller Bereiche erneuerbarer Energien auf Schiene. Ziel muss jetzt die 100-prozentige Stromversorgung mit erneuerbarer Energien bis 2020 sein. Weiters benötigen wir ein Verbot der Ölkesselförderung sowie aller noch bestehenden Förderungen von fossilen Energieträgern. Das deutsche Bundesumweltamt hat für unser Nachbarland errechnet, dass sämtliche Subventionen, die für fossile Energien bezahlt werden, Umweltschäden von jährlich 48 Milliarden Euro verursachen. Dieser Wert illustriert, dass dieses Geld nicht bloß für den Ausbau erneuerbarer Energieträger fehlt, sondern verheerende Konsequenzen hat.

AuSSen- und europapolitische Initiativen für Ausstieg aus Atomkraft und Einstieg in Erneuerbare

Die Rechtsschritte gegen Hoch-Risiko-AWK an unseren Grenzen müssen entschlossen angegangen werden. Dazu muss Österreich auf EU-Ebene seiner Rolle als Pionier der Atom-Ausstiegsbewegung gerecht werden und die Abhaltung eines europaweiten Volksbegehrens zum europäischen Atomausstieg aktiv unterstützen. Weiters brauchen wir strengere Haftungsregeln für Betreiber von Atomkraftwerken. Dazu ist es nötig, auch beim Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle neue Akzente zu setzen: Stichwort: „Energy Roadmap 2050“. Österreich muss 100% Erneuerbare Energien bis 2050 als Ziel der EU durchsetzen. Gleichzeitig muss eine CO2-Besteuerung den Handel mit CO2-Zertifikaten ablösen. Österreich und andere Staaten müssen voran gehen. Letztlich ist eine solche Besteuerung auf EU-Ebene das Ziel. Weiters soll Österreich durchsetzen, dass sich sämtliche EU-Länder dazu verpflichten, jährlich 1% des BIP in erneuerbare Energien zu investieren.

Die Grüne Verkehrswende

Der Verkehr ist das größte Sorgenkind im Kampf gegen den Klimawandel. Die zu erwartenden hohen Strafzahlungen Österreichs für das Verfehlen der KyotoZiele sind eng damit verbunden. Ziel muss sein, ein neues, österreichweites Verkehrskonzept zu erstellen, das sich an klare Reduktionsschritte von Emissionen orientiert. Dazu zählt der vorrangige Ausbau des öffentlichen Verkehrs, die Erhöhung der Attraktivität samt Reduktion der Kosten für die KundInnen. Zudem ist ein Österreichweites Tankstellen-Netz für E-Autos nötig, das einzig auf ÖkoStrom basiert.

Das Grüne Jobprogramm

Intelligente Netze und intelligente Stromzähler, die jene Flexibilität von Energie-Konsumenten und -Produzenten ermöglichen, die es für einen Umstieg auf erneuerbare Ressourcen braucht, sind ein zentraler Pfeiler der Grünen Energiewende. In den Ausbau dieser Technologie muss investiert werden, um den reibungslosen Umstieg auf ein völlig neues Energiesystem zu ermöglichen. Dazu muss es gelingen, neue Speicher-Kapazitäten zu erschließen: In diesem Bereich muss Geld in die Forschung fließen. Auch die Akzeptanz von Pumpspeicherkraft-

Auch in diesem Punkt bewies die Modellregion Oberösterreich, was möglich ist. Derzeit arbeiten hier 36.000 Menschen in der Öko-Energiebranche. Bis 2015 werden es 50.000 sein. Der Aufbau eines starken Heimmarktes, unterstützt durch Förderungen, schafft die idealen Bedingungen für ökologisches Wachstum. So war Oberösterreich die erste Region, die Biomasseheizkessel (z.B. Pelletsheizungen) förderte. Heute ist jeder fünfte Biomasseheizkessel, der im EU-Raum verkauft wird, „Made in Upper Austria“. Neben Förderaktionen sind zur Ankurbelung der Wirtschaft und des Jobmarktes auch Investitions-Offensiven in die Forschung nötig, damit ganz Österreich zu einer globalen Modell-Region werden kann. Die wichtigsten Ressourcen haben wir.  •

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Neue Energie-Speicher und moderne Energie-Infrastruktur


WIE WIR NACHHALTIG WOHLSTAND SCHAFFEN: DAS GRÜNE WIRTSCHAFTSWUNDER

© wolfgang kumm/dpa

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WIE WIR NACHHALTIG WOHLSTAND SCHAFFEN: DAS GRÜNE WIRTSCHAFTSWUNDER Wussten Sie, dass … in Europa bis 2050 sechs Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten, wenn die EU ihre Energieversorgung zu 100% auf erneuerbare Energien umstellt?

Grüne Zukunftsjobs: Ökotechnologien sind die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts.

© michael reynolds/epa

Dringend gesucht: Regierung, die mit dem Innovationstempo der grünen Wirtschaft mithält

Die „Green Economy“, die grüne Wirtschaft: Sie kann den dringend nötigen Impuls für die Weltwirtschaft bilden. Auch Österreich würde massiv davon profitieren, wenn die Grüne Energiewende entschlossen umgesetzt würde. Die UnternehmerInnen in unserem Land schafften bislang nicht wegen, sondern trotz der Politik der Bundesregierung ein kleines Wirtschaftswunder. Zum Beispiel Klaus Fronius: das Unternehmen Fronius ist weltweit die Nummer zwei bei der Erzeugung von Wechselrichtern, die Solarstrom in Alltagsstrom umwandeln. Im Geschäftsjahr 2010 schaffte das Unternehmen einen Umsatz von 500 Millionen Euro. Plus 52% im Vergleich zum Vorjahr. Dies war eine Folge des globalen Booms der Photovoltaik. 99% des Umsatzes des Erfolgsunternehmens wird allerdings nicht in Österreich erzielt. Dies nicht, weil es hier kein Interesse an Solarstrom gibt, ganz im Gegenteil. Das katastrophale Fördersystem hierzulande hielt bislang den Heimatmarkt künstlich klein. Die von den Grünen im Juli 2011 durchgesetzte Verbesse75


WIE WIR NACHHALTIG WOHLSTAND SCHAFFEN: DAS GRÜNE WIRTSCHAFTSWUNDER

WIE WIR NACHHALTIG WOHLSTAND SCHAFFEN: DAS GRÜNE WIRTSCHAFTSWUNDER

rung des Ökostromgesetztes trägt nun dazu bei, dass die Branche auch zu Hause ihre Segel in günstigen Wind stellen kann. Doch das ist nur der erste Schritt.

Dazu zeigt sich, dass gerade dieser Bereich perfekt dafür geeignet ist, Menschen am Arbeitsmarkt neue Perspektiven zu bieten. Ausbildungsprogramme für junge Arbeitslose laufen in vielen Bundesländern mit großem Erfolg, etwa in der Steiermark, wo im Sommer 2011 19 Jugendliche, die keine Chance auf einen Job hatten, ihren Abschluss als „EffizienztechnikerInnen“ feierten.

Grüne Technologien sind die Leitindustrie des 21.Jahrhunderts

Gute Exportchancen stehen und fallen mit einem stabilen Heimmarkt. Das bewies die schon erwähnte frühe Förderung von Biomasseheizkesseln in Oberösterreich. Auch bei der Unterstützung von thermischen Solaranlagen (Wärme­ erzeugung ist meist Ländersache) zeigt sich, dass so ein kräftiger Wachstumsschub möglich ist. Mit knapp 1,3 Millionen Quadratmetern produzierter Kollektorenfläche gehört Österreich zu den größten Produktionsländern in Europa. Der Exportanteil thermischer Kollektoren betrug im Jahr 2010 bereits 79%. In Summe beweist die Branche, welches Potenzial in ihr steckt. Knapp 11% des heimischen BIP wird in der Umwelttechnikbranche erwirtschaftet. Doch noch viel mehr ist möglich: Die „Green Economy“ ist Initialzündung für eine globale Umsetzung der Energiewende. Wer hier zu den Pionieren zählt, wird von den schier unbegrenzten Möglichkeiten der Grünen Energiewende am stärksten profitierten.

Das grüne Jobwunder ist in Reichweite

Das „grüne Gold“ liegt förmlich auf der Straße. Alleine im Vorjahr wurden weltweit 150 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert. Setzt sich dieser Trend wie erwartet fort, könnten dies bis 2020 insgesamt 1,2 Billionen Euro sein. Es ist nur logisch, dass mit dem Markt auch der Arbeitsmarkt gedeiht: Bis 2020 werden alleine innerhalb der EU, aufgrund der Anstrengungen die „20-20-20“-Ziele zu erreichen, 2,8 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Schafft Europa eine Umstellung auf 100% erneuerbare Energien bis 2050 birgt dies ein Potenzial von 6,1 Millionen Grünen Jobs. Weltweit haben bereits 3,5 Millionen Menschen „Grüne Jobs“. Laut Berechnungen der Umweltorganisation der Vereinten Nationen (unep) könnten steigende Investitionen in die Grüne Energiewende ein wahres Job-Wunder bewirken und weltweit insgesamt 20 Millionen neue Jobs schaffen. In Deutschland beschäftigt die Solarindustrie schon jetzt mehr Menschen als der Steinkohlebergbau und die Atomindustrie zusammen (153.000 vs. 82.000 Beschäftigte).

Vom Recyclingfachmann bis zur Bauarbeiterin im Passivhaussegment

Sie werden nun problemlos ins Erwerbsleben einsteigen können: Der neue boomende Industriezweig sorgt nicht nur für eine Belebung des Arbeitsmarktes, sondern es entstehen völlig neue Berufe. Vom Entsorgungs- und Recycling-Fachmann, bzw. Fachfrau, über die BauarbeiterIn für Passivhäuser, oder die BiomassefacharbeiterIn, bis hin zur Wiederbelebung alter Handwerkstechniken, wie jene der FahrradmechanikerIn. Eines haben die Pioniere der grünen Job-Welt gemeinsam: Dieses Fachpersonal wird dringend gesucht. Doch nicht nur sie, auch klassische Berufe, die nun um „Öko-Kompetenzen“ erweitert werden, können von der grünen Gründerzeitstimmung am Arbeitsmarkt profitieren: AutomatisierungstechnikerInnen für regenerative Energien, ProduktentwicklerInnen für Batterieladesysteme und ProjektmanagerInnen, die sich auf Sonnenenergie oder Heizungstausch spezialisieren, zählten etwa im August 2011 zu den am dringendsten nachgefragten Fachkräften am heimischen Arbeitsmarkt. •

75.000 neue Arbeitsplätze bis 2020, wenn Österreich den Klimaschutz ernst nimmt

199.824 ÖsterreicherInnen haben bereits einen „Grünen Job“. Das sind knapp 5% der Erwerbstätigen. Es ist also noch sehr viel möglich. Alleine die Umsetzung des 34%-Ziels an erneuerbarer Energie könnte bis 2020 mindestens 75.000 neue Arbeitsplätze schaffen. 76

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NEUE NETZE, SPEICHER, LANDSCHAFTEN: SO VERÄNDERT DIE ENERGIEWENDE UNSER LEBEN Kinder am Tag der Sonne in Wien. Sie werden in einer neuen, Grünen Energie­zukunft leben: Plus­energie­ häuser, intelligente Stromzähler und mit sauberem Ökostrom betriebene Elektro-Autos werden unseren Alltag verändern.

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NEUE NETZE, SPEICHER, LANDSCHAFTEN: SO VERÄNDERT DIE ENERGIEWENDE UNSER LEBEN Wussten Sie, dass … alle Wüsten der Erde in sechs Stunden so viel Energie von der Sonne empfangen, wie die gesamte Menschheit in einem Jahr verbraucht?

© austria solar/ots

Die neuen Strukturen von Politik und Alltag

Die neue, grüne Welt spiegelt sich in zahlreichen Facetten wider. Jobs wie EffizienztechnikerIn oder Studiengänge, die sich „E-Mobility-Manager“ nennen sind nur Beispiele dafür, wie sehr sich unser Leben mit der Grünen Energiewende verändern wird. Es ist ein neuer Lebensstil, ein neues, positives Lebensgefühl, das der Umstieg in die grünen Energieformen der Zukunft bedeutet. Unser Umgang mit Energie, so der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx, „ist eine zentrale Kulturtechnik.“ Beim Aufstieg und Untergang von Zivilisationen spielte Energie immer eine zentrale Rolle. Das gilt heute mehr denn je: Ob es uns gelingt, rasch und effizient auf grüne Energien umzusteigen und ihre Chancen zu nutzen, wird zur zentralen Weichenstellung. Dies reicht von der Politik bis zum Alltag. 79


NEUE NETZE, SPEICHER, LANDSCHAFTEN: SO VERÄNDERT DIE ENERGIEWENDE UNSER LEBEN

Visionen der Grüne Energiewende-Welt: Das Eigenheim als Minikraftwerk und Tankstelle

Ein Blick in die Energiezukunft bietet der Prototyp eines Hauses, das die Technische Universität Dresden konzipierte. Das knapp 150 Quadratmeter große „Aktivhaus“ produziert mehr Strom, als eine vierköpfige Familie mit zwei Elektroautos und einem E-Bike benötigt. Der Energieertrag des Hauses beträgt sagenhafte 112%. Mit dem Strom wird die Mobilität der Familie gedeckt, der Überschuss geht ins Netz. „Plusenergiehaus mit E-Mobilität“, so lautet ein Forschungsprogramm des deutschen Wissenschaftsministeriums. Das Dresdner Modell gilt als perfekte Umsetzung. Statt als Garage bloß Hülle für das Auto zu sein, wird das Eigenheim zur Tankstelle. Das ist eine Energierevolution des Alltags: Derzeit verbrauchen die privaten Haushalte mit 40% der gesamten Energie den größten Anteil (mehr als die Industrie), für Wärme, Warmwasser und Strom. Der Verkehr ist das größte Sorgenkind beim Ausstieg aus den fossilen Energien. Dieses Konzept kann zum Schlüssel zur Lösung beider zentraler Fragen werden.

Plus-Energie-Häuser im Kommen

Plusenergie- oder Aktivhäuser drehen den Spieß um: Sie produzieren mehr Energie, als die BewohnerInnen verbrauchen. Energiewerte und Ökobilanz dieser Gebäude gelten als die besten der Welt. Jede Wärmequelle bis hin zur Körperwärme wird genutzt, hauptsächlich werden sie über thermische Solar- und Photovoltaikanlagen versorgt. Auch in Österreich, wo Passiv-Häuser schon einen immensen Boom erlebten, gibt es einzelne Pionierprojekte. Die Nachfrage ist so groß, dass der österreichische Fertighausverband im Mai 2011 bekannt gegeben hat, in den nächsten Jahren zunehmend Häuser mit integrierten PhotovoltaikAnlagen auf den Markt zu bringen.

NEUE NETZE, SPEICHER, LANDSCHAFTEN: SO VERÄNDERT DIE ENERGIEWENDE UNSER LEBEN

lich sinnvolle Variante. Bei einem Überangebot von Strom wird Wasser bergauf in einen Speichersee gepumpt, bei Bedarf wird es über eine Turbine ins Tal geleitet. Alleine in Oberösterreich sind derzeit vier Projekte mit einer Kapazität von 1.200 Megawatt in Planung.

G'scheite Stromnetze und Zähler

Weiters wird es nötig sein, die Struktur von Stromnetzen an den neuen Bedarf anzupassen. Neue intelligente System- und Steuerungstechniken werden die erneuerbaren Energiequellen aus ganz Europa und Nordafrika sowie die EndabnehmerInnen vernetzen. Doch auch der selbst produzierte Strom muss in einer Welt ohne große Kohle- und Atomkraftwerke besser und anders verteilt werden. In Deutschland etwa steht bereits fest: Wird nichts geändert, wird das bestehende Stromnetz zum Flaschenhals der Energiewende. Neue Stromleitungen müssen die Schwankungen besser ausgleichen können und in direkter Kommunikation mit den Verbrauchern stehen. „Kluge“ Stromzähler, so genannte „smart meters“, sind bereits in hunderttausenden Haushalten in Europa installiert. Sie werden zur Norm und damit wird der Blick auf den aktuellen Verbrauch des jeweils eingeschalteten Geräts zum Alltag gehören. Dies ist aber nur der erste Schritt: Um teure Spitzenkapazitäten abzubauen, werden diese Zähler den Stromverbrauch regulieren, um ihn an die jeweilige Versorgungslage anpassen zu können. Das heißt: Die Waschmaschine, der Geschirrspüler laufen dann, wenn es für die VerbraucherInnen und auch für die Erzeuger am günstigsten ist, sofern der Haushalt über keine eigene Stromversorgung verfügt.

Mündige „Prosumer“ statt passiver Consumer

Die Vision geht weiter: Das mit Energie vom eigenen Dach gespeiste Auto wird künftig eine weitere Funktion, neben der Gewährleistung der Mobilität, erfüllen: Es wird zu einem der vielen Energiespeicher, die wir beim Umstieg auf grüne Energien benötigen werden. Photovoltaik und Windenergie eignen sich hervorragend zur Stromerzeugung. Doch sie stehen nicht immer zur Verfügung. Damit die Energiewende Versorgungssicherheit garantiert, müssen Lösungen gefunden werden, diese Energie zu speichern. Das eine Patentrezept wird es auch hier nicht geben; vielmehr muss eine gute Kombination aus verschiedenen Ansätzen gefunden werden. Neben der Entwicklung von Speicherung durch Batterien, sind Pumpspeicherkraftwerke eine solche Möglichkeit. Sie sind eine erprobte und wirtschaft-

In der neuen Energiewelt wird vieles anders sein als heute. Heute kennt jeder den Spritpreis an der Tankstelle. Aber den Preis für die Kilowattstunde Strom? Indem mehr Häuser mit Photovoltaik-Anlagen bestückt sein werden, verschmelzen Produzenten und Konsumenten zu „ProsumerInnen“. Wer den Strom selbst erzeugt, selbst nutzt oder gar verkauft, wird wissen, wie viel er wert ist – und auch wie viel die Waschmaschine im Hauptwaschgang verbraucht. Insgesamt wird damit die Macht der BürgerInnen wachsen. Eine Demokratisierung der Energieerzeugung wird auch ein Mehr an Demokratie bringen. Denn noch diktieren die mächtigen Lobbys der Energie-Großkonzerne in vielen europäischen Staaten die Politik. Grüne Energien bedeuten, dass Produktion und Verbrauch von Energie nicht länger getrennt sind. Hermann Scheer, der viel zu früh verstorbene Visionär der Energiewende, hat diese Vision in seinen Büchern (z.B. „Der Energethische Imperativ“) bereits

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Energiespeicher: Die groSSe Schlüsselfrage der Energiewende


NEUE NETZE, SPEICHER, LANDSCHAFTEN: SO VERÄNDERT DIE ENERGIEWENDE UNSER LEBEN

beschrieben: Wenn der Strom vom Solardach günstiger wird als der aus der Steckdose, dann kann jeder Hausbesitzer, jeder Handwerksmeister und jeder Gewerbetreibende die Energiewende selbst mitbestimmen. Der Staat sorgt dann nur mehr für das Netz als Sicherheitssystem für Windflauten und zur Einspeisung von Überschuss-Strom.

E-Verkehr und Öffis mit Qualität

Mit den neuen intelligenten Elektrobikes werden viele Menschen schneller auf Fahrräder umsteigen. Auch bei den Autos ist alles eine Frage der Technologie und des Preises. Eine Technologie hält sich so lange, bis sie an ihre systemischen Grenzen stößt. Pferdefuhrwerke gab es so lange, bis sie vom Auto verdrängt wurden. In Zukunft werden dazu schnelle, bequeme Züge durch Europa flitzen, weil private Firmen Hochtechnologie-Züge auf Schiene bringen. Werden Züge zu dem wichtigsten Verkehrsmittel, werden Service und Verlässlichkeit steigen müssen. Und wird der Individualverkehr auf E-Mobilität umgerüstet, die auf erneuerbaren Energien basiert, dann fallen mit einem Mal der Schadstoffausstoß und der Lärm weg.

Der Kampf gegen Energiearmut

© bernd mellmann/f1online

All das sind nur Ausschnitte der grünen Zukunft, die unsere Erde vor dem Klimakollaps retten wird und unseren Wohlstand und unseren Lebensstil endlich in einen nachhaltigen Prozess verwandelt. Die positiven Folgen werden sich einmal nicht auf die wohlhabenden Industrieländer beschränken. Energiearmut etwa zählt zu den großen Bremsklötzen in der weniger entwickelten Welt. 1,5 Milliarden Menschen leben weltweit ohne Strom. Das bedeutet: Kein Computer, kein Internetzugang, kein Licht zum Lesen, Arbeiten oder Studieren nach Einbruch der Dunkelheit. Dezentrale Photovol­ taik-Anlagen sind dafür eine perfekte Lösung. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2012 zum Jahr des Kampfes gegen die globale Energiearmut ausgerufen. Es wird auch das Jahr der Energierevolution sein, in dem die Weltgemeinschaft ihre Ausstiegsziele verbindlich machen wird müssen. Gelingt die Grüne Energiewende, ist dies auch ein historischer Schritt hin zu einer faireren Welt. •

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Die Grüne Energiezukunft: Vorrang für moderne öffentliche Verkehrsmittel.


weiterführende links

weiterführende links

weiterführende links

GRÜNE ENERGIEWENDE www.energiewende.at Die Grüne Site zur Energiewende. http://www.gruene.at/uploads/media/Gruene_Atomausstieg_Folder2.pdf Was kann ich tun? – „Energiewende leicht gemacht“ zum Downloaden. www.anschober.at Vorbild Oberösterreich: wie die Grüne Energiewende funktioniert. www.oekostrom.at Ökostrom AG: liefert 100% Strom aus erneuerbaren Energien.

RISIKO ATOMKRAFT & KLIMAWANDEL www.atomausstieg.at Unterschreibe für den weltweiten Atomausstieg! www.spiegel.de/thema/erdbeben_in_japan_2011/ www.spiegel.de/thema/fukushima/ Spiegel Online, Artikel und Hintergründe zur Katastrophe in Japan. www.tepco.co.jp/en/index-e.html Offizielle Seite des japanischen Energiekonzerns und Fukushima-Betreiber tepco. www.greenpeace.org/international/en/news/Blogs/nuclear-reaction/ Greenpeace-Blog zu Fukushima (english). www.umweltbundesamt.at/umweltsituation/kernenergie/akw/ akw an Österreichs Grenzen: Infos vom Umweltbundesamt. www.accc.gv.at Infoportal des Österreichischen Klimabeirats. www.ipcc.ch International Panel on Climate Change: uno-Klimaschutz-Organisation.

www.aae.at aae Naturstrom: Ökostrom-Anbieter, ebenso wie die Ökostrom AG zu 100% sauber und atomstromfrei. www.global2000.at Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000: Viele gute Hintergrundinfos! www.greenpeace.at Greenpeace, internationale Umweltschutzorganisation: Infos zu Anti-Atom, Energiepolitik und Klimaschutz. www.wwf.at wwf: nationale und internationale Infos zu Klimaschutz und Energiepolitik. www.klimabuendnis.at Klimabündnis: Informations-Drehscheibe für Gemeinden, Städte, Länder, Schulen und Betriebe. www.vcoe.at vcö: Der Verkehrsclub Österreich bietet viele Infos zur Verkehrspolitik, aber auch Dienstleistungen für VerkehrsteilnehmerInnen. www.aee.at Arbeitsgemeinschaft Erneuerbare Energie: viele Infos und Dienstleistungen im Bereich erneuerbare Energien.


weiterführende links

www.solarwaerme.at Austria Solar: Verband aller namhaften Anbieter von thermischen Solaranlagen.

weiterführende links

ONLINE TOOLS

www.pvaustria.at Alles über Sonnenstrom: der österreichische Photovoltaik-Verband.

www.gruene.at/fileadmin/bund/kampagnen/energiewende/datscha/ oekohaus.swf Grünes Onlinetool: Verändern Sie den Energieverbrauch unseres Desperate House und finden Sie heraus mit welchen Maßnahmen Sie welche Einsparungen erreichen.

www.igwindkraft.at Interessensgemeinschaft Windkraft Österreich: Die Infodrehscheibe für Windkraft in Österreich.

www.co2-rechner.at/ccframe.asp?r_general/input_personal.asp CO2-Rechner des forum Umweltbildung: Errechnen sie ihren persönlichen CO2-Fußabdruck.

www.igpassivhaus.at IG Passivhaus: Alle Infos zum Thema Passivhaus.

www.energiesparcheck.at Energiespar-Check mit nützlichen Tipps von Wien Energie.

www.propellets.at proPellets: Netzwerk von Pelletsproduzenten und Pelletskesselhersteller in Österreich.

www.topprodukte.at Topprodukte: Finden Sie die energieeffizientesten, derzeit am österreichischen Markt erhältlichen Produkte in den Bereichen Beleuchtung, Büro, Haushalt, Heizung/Warmwasser/Klima, Mobilität, Kommunikation und Unterhaltung.

www.biomasseverband.at Österreichischer Biomasseverband: gute Infos über die Nutzung von Biomasse im Wärme-, Treibstoff- und Strombereich. www.eee-info.net/cms Europäisches Zentrum für Erneuerbare Energie Güssing: Burgenlands Vorzeigestadt und Forschungszentrum. www.unendlich-viel-energie.de Deutschlands Informationsportal zu erneuerbaren Energien. www.wupperinst.org Wuppertal Institut für Umwelt, Klima und Energie: wichtiger Thinktank zur Klimaschutz- und Energiepolitik. www.roadmap2050.eu Europäische Energiewende bis 2050: Infos der EU-Kommission. www.iea.org Die internationale Energieagentur.

Impressum

Herausgeber Die Grünen, Rooseveltplatz 4-5, 1090 Wien, www.gruene.at; Grüne Bildungswerkstatt, Rooseveltplatz 4-5, 1090 Wien, www.gbw.at Alle Fotos (ausgenommen S. 16, 60, 68) www.picturedesk.com Endredaktion Oliver Korschil Redaktionsschluss September 2011 Druck Druckerei Janetschek, Gußhausstr. 24–26, 1040 Wien


Der 11. März 2011 markiert eine Zeitenwende. Die Katastrophe im japanischen AKW Fukushima führt zu einem weltweiten Umdenken. Wie und wofür wir Energie erzeugen und verbrauchen, wie die neue Energiezukunft aussehen kann und welche Widerstände es auf dem Weg dorthin noch zu überwinden gilt, darüber berichten die Grünen VorkämpferInnen Eva Glawischnig und Rudi Anschober in diesem Buch. Ihr ermutigendes Fazit:

Ja, es geht! Die Grüne Energiewende ist möglich.


Die Grüne Energiewende - Ja, es geht!