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EINE UTOPIE WIRD REALITÄT – TEIL 2 A UTOPIA BECOMES REALITY – PART 2 UNA UTOPIA DIVIENE REALTA’ – II PARTE

Zur Eröffnung der Europäischen Akademie für Musik und Darstellende Kunst erschien eine erste Imagebroschüre, in der ich meinen Beitrag überschrieben hatte mit »Eine Utopie wird Realität«. Das war nicht zu hoch gegriffen – gab es doch viele kluge Menschen, die versichert hatten, es sei ein ziemlich abwegiges Unterfangen, von Deutschland aus einen völlig maroden Palazzo zu restaurieren, insbesondere, wenn man nur einen Bruchteil der Mittel zur Verfügung hat, die nach allgemeiner Erfahrung dafür erforderlich sind. Mich hatte Ernst Bloch inspiriert, der in seinem Werk »Das Prinzip Hoffnung« von der konkreten Utopie spricht, die der Mensch immer haben müsse, und das an der Kerker-Situation des Florestan in Beethovens »Fidelio« veranschaulicht. Und ich war zuversichtlich, dass unsere Situation im Vergleich dazu eine eindeutig bessere war. Also haben wir es gewagt! Bekanntlich entstand dann tatsächlich eine erste Realität – die feierliche (Wieder-)Eröffnung des Palazzo Ricci am Fronleichnamstag 2001. Zehn Jahre später folgt sozusagen Teil 2: ein Festival aus genau diesem Anlass, wiederum an Fronleichnam, eine Gelegenheit, ebenso zurückzuschauen auf das, was in dieser Dekade in der Akademie geschehen ist, also auch den Blick nach vorne zu richten und neue Ideen – um nicht zu sagen: Utopien – zu entwerfen. Für den Beginn gab es damals nur eine realistische Chance: den Betrieb der Akademie in statu nascendi mit Meisterkursen aufzunehmen. Möglich war dies, weil von Anfang an Kolleginnen und Kollegen höchster Qualität bereit waren, sich unentgeltlich unter eigentlich kaum zumutbaren Bedingungen hierfür zur Verfügung zu stellen; ihnen kann dafür nicht genug gedankt werden. Dabei stieg die Zahl der Meisterkurse pro Jahr konstant von anfangs zehn auf über 25 Kurse. Hinzu kamen nach einigen Jahren Exkursionen und Projekte überwiegend (aber nicht nur) der deutschen Musikhochschulen, die sich ausdrücklich nicht als »klassische« Meisterkurse verstanden. Und parallel entstand ein dritter Strang: Anfragen aus ganz Europa bezüglich einer Anmietung des Palazzo Ricci für eigene Projekte, bei denen die Akademie die Räume und Instrumente zur Verfügung stellt, aber nicht selber Veranstalter ist.

2007 entwickelte ich die »Internationale Festwoche Europäischer Musikhochschulen« in Montepulciano – ein jährliches einwöchiges Treffen von Lehrenden und Studierenden bedeutender Ausbildungsinstitute mit einem jeweiligen geographischen Schwerpunk von Finnland bis Spanien plus einer NRW-Musikhochschule, an die die Veranstaltungen anschließend gespiegelt werden. Daraus entstand etwas Neues und meines Wissens in Deutschland Einmaliges, nämlich das »Kolleg Montepulciano«, der Zusammenschluss aller Kunst- und Musikhochschulen unseres Landes zu fachübergreifenden Projekten, ermöglicht durch das finanzielle Engagement unseres Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung. Im Ergebnis ist der Palazzo Ricci heute vom Frühjahr bis zum Spätherbst durchgehend voll belegt. Dies ist eine mehr als erfreuliche Tatsache, die alles andere als selbstverständlich ist. Was soll in der zweiten Dekade der Akademie hinzukommen? Eine »innere« Veränderung wird in den kommenden Jahren darin bestehen, dass Meisterkurse häufiger in einem thematischen, mehrjährigen Kontext stehen werden. Das Gleiche gilt für die Möglichkeit kooperierender paralleler Kurse, insbesondere im Bereich der Kammermusik. Bereits erfolgreich auf den Weg gebracht ist eine von mir seit langem erwünschte Entwicklung, nämlich die stärkere formelle Vernetzung der Kölner Hochschule mit dem Palazzo Ricci. Seit 2010 gibt es einen Vertrag, ratifiziert durch den Senat der Hochschule für Musik und Tanz Köln, in dem die Europäische Akademie als AnInstitut der Kölner Hochschule ausgewiesen wird. Damit wird deren besonderer Rolle für den Palazzo Ricci auch auf der vertraglichen Ebene nunmehr Rechnung getragen. Was fehlt noch? Beispielsweise langfristige Stipendienaufenthalte, wie sie etwa die Villa Massimo bietet. Oder Kompositionsworkshops mit renommierten Komponisten und Instrumentaldozenten, die die behandelten Werke auf höchstem Niveau vorspielen können. Der Einbezug von Jazz und Populärer Musik. Übergreifende Projekte zum Stichwort »Musik und …«, wie sie jetzt im Rahmen des Kollegs Montepulciano begonnen werden. Vertiefte Kooperationen mit italienischen Partnern. Weitere Instrumente. Und weil der Platz kaum mehr ausreicht,

der Ausbau des zweiten Obergeschosses. Das sind einige Stichworte; die Liste ist nicht vollständig. Mit zehn Jahren ist die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst quasi noch ein Kind, vor allem im Vergleich zu anderen ähnlichen Institutionen. Dass sie sich in dieser relativ kurzen Zeit einen so guten internationalen Ruf erworben hat, ist den Vielen zu verdanken, die hierzu beigetragen haben: Kolleginnen und Kollegen, Förderern und Sponsoren, Mitgliedern des Palazzo Ricci e.V., Ministerien und Stiftungen, Institutionen wie dem DAAD – und nicht zuletzt den inzwischen vielen tausend Studierenden, für die die Zeit im Palazzo Ricci hoffentlich eine gewinnbringende war und ist. Florestan hat seine konkrete Utopie geholfen zu überleben. Die Europäische Akademie hat nicht nur die ersten zehn Jahre überlebt; sie ist inzwischen aus den Kinderschuhen heraus und braucht den Vergleich mit den »Großen« in Europa nicht zu scheuen. Möge die Entwicklung so erfreulich weitergehen!

For the opening of the European Academy for Music and the Performing Arts my contribution “A Utopia becomes Reality” was published in a first picture brochure. This title was no exaggeration, since many knowledgeable people were certain that it was a rather absurd undertaking to restore, from Germany, a completely rundown Palazzo. And even more so if there was only a fraction of the funds available which are usually needed for this kind of project. I was inspired by Ernst Bloch, who speaks in his work “Principle of Hope” of a concrete utopia, which mankind should always possess and which is exemplified in the dungeon situation of Florestan in Beethoven’s “Fidelio”. And I was confident that in comparison our situation was positively a better one. And so we took a chance! As is known, a first reality did indeed come to be – the festive (re-)opening of the Palazzo Ricci on Corpus Christi Day 2001.Ten years later part two, so to speak, follows: a festival, again

Palazzo Ricci Imagebroschuere  

Imagebrosch re f r Palazzo Ricci - die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Montepulciano zum 20. Jubil um.

Palazzo Ricci Imagebroschuere  

Imagebrosch re f r Palazzo Ricci - die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Montepulciano zum 20. Jubil um.

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