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Schauergeschichten für ängstliche Männer

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Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2017 © Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2017 www.groessenwahn-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN: 978-3-95771-168-7 eISBN: 978-3-95771-169-4

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Thomas Pregel

Schauergeschichten f체r 채ngstliche M채nner Erz채hlungen

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IMPRESSUM Schauergeschichten für ängstliche Männer Autor Thomas Pregel Seitengestaltung Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Schrift Constantia Covergestaltung Marti O´Sigma Coverbild Marti O´Sigma Störungsbild in Rosa Lektorat Britta Voß Carolina Teichmann Cravo Druck und Bindung Print Group Sp.z.o.o. Szczecin (Stettin) Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Juli 2017 ISBN: 978-3-95771-168-7 eISBN: 978-3-95771-169-4

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fĂźr Sevastos den Unerschrockenen

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Pay your respects to the vultures For they are your future Coil – The Last Amethyst Deceiver

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16 36 52 80 98 128 144

Thomas Pregel · Schauergeschichten für ängstliche Männer

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Brandbrief Herr Herder ihm seine Schafe Catherine Ruheforst Belsazars Palast Kaninken! Selfies mit mir selbst Anonyme Erotiker

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Brandbrief

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Lieber Bruder im Kampfesgeiste, unsere Welt ist aus den Fugen. Unsere Straßen und Plätze, unsere öffentlichen Veranstaltungen und Volksfeste sind nicht mehr sicher. Wo wir auch gehen und stehen, es kann uns jederzeit und immer aus dem Hinterhalt treffen. Ja selbst in unseren Kirchen, wo wir einkehren, um Andacht zu halten und zu beten, müssen wir inzwischen um unser Leben fürchten. Und warum das alles? Weil unsere Regierung es fremden jungen Männern, die nicht unserer Kultur angehören und unsere Werte teilen, erlaubt hat, massenweise in unser Land einzudringen. Diese jungen Männer folgen einem wirren, falschen Glauben, der es ihnen erlaubt, unsere Frauen zu rauben und unschuldige Menschen zu töten. Und es werden immer mehr, mit jedem Tag! Sie zetteln in ihrem Teil der Welt Kriege an, machen ihre eigenen Länder unbewohnbar, damit sie einen Grund haben, diese zu verlassen und zu uns kommen zu können. Es ist der älteste Trick der Welt, doch unsere Regierung fällt trotzdem darauf rein. So kommen immer mehr von diesen fremden Irrgläubigen, und wenn wir nicht aufpassen, dann übernehmen sie hier eines nicht allzu fernen Tages die Macht und zwingen uns alle, ihren falschen Gott auf Knien anzubeten.

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Als er diesen Brief las, ging Erwin P. das Herz auf. Schon lange gärte Wut in ihm, die sich durch diese Worte entzündete und lichterloh wie ein Freudenfeuer brannte. Er hatte gewusst, dass dieser Brief etwas Gutes enthalten musste, als er ihn gegen Mittag in seinem Briefkasten fand. Nachdem der Postbote endlich bis zu ihm gekommen war – früher war das spätestens um neun Uhr morgens der Fall gewesen –, da hatte er es sofort gewusst. Denn bei diesem Umschlag hatte es sich nicht um eine Rechnung, ein Schreiben vom Amt oder eine dieser knallbunten Postwurfsendungen gehandelt, sondern um einen echten, per Hand an ihn persönlich adressierten Brief. Wie lange er einen solchen schon nicht mehr erhalten hatte, hätte er nicht zu sagen vermocht. Er selbst schrieb auch keine Briefe mehr, hatte er höchst selten, weil das Briefeschreiben nie so seins gewesen war. Nicht einmal einen Liebesbrief hatte er jemals in seinem Leben verfasst. Im Nachhinein wäre auch keine der Frauen, die er gehabt hatte, es wert gewesen, weder die Zeit, die das Schreiben in Anspruch genommen, noch das Papier, auf dem der schwülstige Stuss gestanden hätte. Kinder hatte er ebenfalls keine gezeugt, wem sollte er also schreiben – oder von wem einen solchen Brief bekommen? Da gab es nur seinen Spitz Kalle, und der war eine verfressene Kanaille ... Umso mehr freute es ihn jetzt, diesen Brief erhalten zu haben. Zumal der Schreiber ihm mit dem, was er schrieb, aus der Seele sprach. Da hatte ihn jemand verstanden, wusste um die Sorgen, die Erwin sich um Land und Leute machte, teilte sie sogar. Je älter er wurde, desto klarer sah er: Diese Nation ging vor die Hunde. Sie litt an Überfremdung. Einwanderer kamen

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in Massen, um ihnen, ihm und seinesgleichen, nach und nach alles wegzunehmen, ihre Jobs, ihr Geld, ihre Rente. Alles. Und die Regierung tat wirklich nichts, sondern öffnete die Grenzen nur immer weiter. Für die Not der Fremden hatte sie immer ein offenes Ohr, für die der eigenen Bevölkerung nur Verachtung übrig. Erwin ertrug es nicht mehr, derart missachtet zu werden. Dazu hatte niemand ein Recht, und deshalb hatte er sich schon vor einer geraumen Weile denjenigen angeschlossen, die dafür kämpften, Achtung und Respekt für ihresgleichen zurückzugewinnen. Die all das Fremde mit seinen unverständlichen Sitten und Gebräuchen bekämpften. Und sie wurden immer mehr, langsam bewegten sie wirklich etwas. Und sie kümmerten sich umeinander, dieser Brief war der beste Beweis dafür. Begierig las Erwin weiter: Dieser Entwicklung müssen wir Einhalt gebieten! Wir müssen diesen falschen Kreuzzug aufhalten! Denn außer uns, Bruder im Kampfesgeiste, außer uns wird es niemand tun. Die anderen sind nur dumme Schafe, die sich blind zur Schlachtbank führen lassen, wo man ihnen mit einem Schnitt die Kehle aufschlitzen und sie ausbluten lassen wird. Wenn uns die Fremdlinge nicht vorher schon allesamt in die Luft gebombt haben. Uns und unsere Frauen und unsere Kinder. Kaltblütig genug dazu sind sie, das haben sie schon häufig genug bewiesen, in New York, London, Madrid, Paris, Brüssel und sogar in Ansbach.

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»Das ist wahr«, murmelte Erwin und presste zornig die Lippen zusammen. »Das ist so wahr!« Manche mögen nun sagen, dass es jetzt noch reicht, wenn wir unsere Grenzen einfach wieder dichtmachen und keinen mehr hereinlassen, zumindest keinen dieser jungen Männer mehr. Dass wir die, die da sind, integrieren oder, eben diese zu Verbrechen und Gewalt neigenden jungen Männer, abschieben. Sollen sie doch dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind. Dass es dort so aussieht, wie es eben aussieht, ist doch ganz allein ihre Schuld. Auch ein paar von unseren Verbündeten sprechen so. Aber sie irren sich, sie irren sich alle. Auf diese Art ist das Problem lange schon nicht mehr zu lösen. Wer so denkt, redet nur dem hinausgeschobenen Untergang das Wort. Nein, wir müssen härter gegen die Eindringlinge vorgehen. Wir müssen Gewalt mit Gewalt bekämpfen, und zwar vorbeugend. Selbst gegen ihre fremden Frauen, denn sie sind es schließlich, die in ihren niemals leeren Schößen neue gewalttätige junge Männer heranwachsen lassen. Sie sind mindestens ebenso sehr Teil des Problems, Teil des Unheils. Erwin schnaufte, als er diese Forderung las. Er war den Worten so konzentriert gefolgt, dass er darüber ganz das Atmen vergessen hatte. Ihm schwirrte der Kopf, Bilder einer glorreichen, wenn auch mit jeder

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Menge Blut erkämpften, goldenen Zukunft tanzten ihm vor dem geistigen Auge. Was immer der Schreiber dieses Briefes am Ende vorschlüge, er würde dabei sein, mit ganzem Herzen. Aber bevor es dazu kommen kann, müssen wir den Leuten – unserem Volk – erst einmal die Augen öffnen. Und das wird nicht leicht. Es wird eines großen Knalls bedürfen, damit sie ihre kurzsichtigen Augen aufreißen und endlich sehen. Es wird eines großen Opfers bedürfen, wahren Märtyrertums, um die notwendige Veränderung zu bewirken. Es ist ein überwältigendes Werk, das die Geschichte von uns verlangt, eines, das erst nach Jahren im vollen Umfang sichtbar werden wird, denn ohne Verschleierung wird es erstmal nicht zu bewerkstelligen sein. Aber die Zeit dafür ist nun endgültig gekommen – und du, mein Bruder im Kampfesgeiste, bist von mir mit dazu ausersehen worden, es in die Tat umzusetzen. Noch während du diesen Brief liest, wirst du eins der unzähligen Rädchen im Getriebe meines allumfassenden Plans. Du warst es bereits in dem Moment, als du den Umschlag öffnetest. Bis zu dieser Zeile hatte Erwin nichts anderes als Pathos in seiner Brust anschwellen gespürt, das rechtschaffende Gefühl, Teil von etwas Gutem, Richtigem zu sein. Plötzlich aber war da noch etwas anderes, ein

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leises Stechen in seinem Herzen, das er selbst niemals als Furcht oder gar Angst bezeichnet hätte, obwohl es genau das war. Plötzlich war ihm leicht mulmig zumute, wenn nicht sogar schwindelig, als er weiterlas: Du hast mich bestimmt schon erkannt, lieber Bruder im Kampfesgeiste, ich bin der Kassenwart unserer Organisation. Deshalb kenne ich auch deine Adresse und die all unserer Mitstreiter, die ebenfalls heute von mir Post bekommen haben, die alle diesen Brief mit diesem Inhalt bekommen haben. Denn wir müssen viele sein, um unsere Aufgabe erfüllen zu können. Dabei musst du, sobald du diesen Brief ausgelesen hast, nichts weiter tun, als ihn samt Umschlag zu vernichten – verbrennen, in den Müll werfen reicht nicht aus – und dann abzuwarten. Die Dinge werden von nun an von ganz alleine geschehen. Ich habe ihnen den nötigen Anstoß gegeben und werde auch sogleich den zweiten Schritt in die Wege leiten. Denn soeben wurde auf dich und alle unsere Brüder im Kampfesgeiste ein gemeiner, hinterhältiger und feiger Anschlag verübt. Jemand hat sich in die Datenbank unserer Organisation gehackt, die Adressdaten geklaut und an alle unsere Mitglieder einen Brief mit Anthrax, mit Milzbranderregern, darin verschickt. Es wird vielleicht nicht jeder sterben, aber vermutlich doch sehr viele. Und wer wird sich dazu bekennen? Unsere Feinde natürlich. Ich selbst

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werde, sobald die ersten Alarmmeldungen durch die Medien gehen, anonym ein entsprechendes Bekennerschreiben im Internet posten. Dann ist es egal, ob sie die Gelegenheit ergreifen und tatsächlich die Verantwortung übernehmen, selbst wenn sie dann nur auf einen fahrenden Zug aufspringen, oder nicht. Jeder wird sie erstmal für schuldig halten und auf Rache sinnen. Auf Rache und Vergeltung. Und so wird das große Rad des Krieges einmal mehr in Schwung kommen. Denn es ist Krieg, was wir brauchen, Krieg mit Blut und Tränen und Märtyrern. Märtyrern wie dich! Ich weiß, dass du das verstehst. Also vernichte diesen Brief und trage dein Schicksal männlich mit Fassung. Mit nationalem Gruße! Erwin P. brauchte nicht lange, um zu wissen, was er tun musste. Er stürzte ans Telefon, wobei er beinahe über Kalle gestolpert wäre, der wie immer überfüttert und faul im Weg rumlag, und wählte den Notruf. Er fühlte es ganz deutlich, Märtyrertum war schön und gut, aber wenigstens sein Leben musste gerettet werden. Er war zu anderem auserkoren als zu einem Tod durch Milzbrand.

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Herr Herder ihm seine Schafe

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N

otrufzentrale, guten Morgen. Mein Name ist Margit Vollmer, was kann ich für Sie tun?« »Herr Herder ihm seine Schafe sind tot!« »Bitte?« »Herr Herder ihm seine Schafe sind tot!« »Hören Sie mal, den Notruf missbräuchlich zu wählen, ist eine Straftat, die mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden kann. Mir wird Ihre Nummer angezeigt, es ist also ein Leichtes herauszufinden, wer Sie sind, sollten Sie sich mit mir einen schlechten Scherz erlauben!« »Was?« »Also, wer sind Sie und was genau wollen Sie melden?« »Ich … ich …« Ein tiefes, schnappatmigendes Luftholen, dann: »Mein Name ist Harald Baumann, ich wohne im Gartenweg 3 in 24601 Kaltsommer, und ich will … ich denke, ich muss eine Straftat melden.« »Okay, Herr Baumann, das ist doch ein Anfang. Nun schildern Sie mir ganz sachlich, was passiert ist?« »Das weiß ich ja eben nicht. Nur als ich eben mit meinem Harro – das ist mein Border Collie – Gassi gehen war, habe ich gesehen, dass auf der Koppel von Herrn Herder mehrere seiner Schafe tot herumliegen. Einem fehlt der Kopf und ein Bein, einem anderen quellen die Gedärme aus dem aufgeschlitzten Bauch. Und ich hab̕ das auch nur gesehen, weil aus dem Stall entsetzliche, kaum menschliche Schreie ertönten. Da erst ist es mir aufgefallen. Ich meine, es war ja auch noch ziemlich dunkel, so früh am Morgen.« »Okay, Herr Baumann, gut, Sie machen das gut. Haben Sie denn auch diesen Herrn Herder, um dessen Schafe es hier geht, gesehen?« »

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»Nein, das ist es ja, und der Mann wohnt gleich nebenan. Deshalb habe ich eben noch, als ich hergelaufen bin, um Sie anzurufen, bei ihm geklopft, um ihm Bescheid zu sagen. Aber als ich klopfte, sprang plötzlich die Tür auf. Sie war wohl nicht richtig zugemacht. Also bin ich reingegangen, nach kurzem Zögern. Ich habe ihn gerufen, aber drinnen war es totenstill. Ich bin bis in die Küche gegangen, und da fand ich dann … da lag … lag Ralka, erschlagenen in ihrem eigenen Blut. Es war schrecklich.« »Herr Baumann, wer ist Ralka? Herr Baumann? Herr Baumann, wer ist diese Ralka?« »Ralka ist Mark Herders Schäferhündin. Ein ganz treues und liebes Tier. Und jetzt hat ihr der Kerl den Schädel eingeschlagen.« »Wer, Herr Baumann? Wer hat das getan?« »Na, der Herder selbst. Wer denn sonst!« »Haben Sie das gesehen?« »Nein, aber das musste ja so kommen. Der ist schon lange auf dem absteigenden Ast. Und jetzt ist nicht nur sein Hund tot, sondern jemand bringt auch noch seine Schafe um. Jetzt, in diesem Moment!« »Okay, Herr Baumann, bleiben Sie, wo Sie sind, ich schicke einen Wagen vorbei.« Das blieb er, und während er auf die Polizisten wartete, beruhigte sich sein Kreislauf Gottseidank wieder, ließ der Druck in seinem Brustkorb nach und trocknete der kalte Schweiß auf seiner Haut. Zehn Minuten später kam ein Polizeiwagen vorgefahren, nach einer weiteren halben Stunde erhellte das Blaulicht von insgesamt fünf Streifen- und einem Krankenwagen das Dorf und riss es aus seinem Schlaf.

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Da hatte Harald Baumann die Beamten bereits in das Viertel des Deputathauses des ehemaligen Gutes Kaltsommer geführt, das Mark Herder bewohnte und das unmittelbar an sein eigenes grenzte. Er hatte ihnen die mitleiderregende Hundeleiche gezeigt und die nächsten Beamten zum zweiten, ungleich heißeren Tatort gebracht. Der lag kaum hundert Meter Luftlinie vom Haus im Gartenweg entfernt, in der Sandskoppel, genau dort, wo die Bebauung aufhörte und in Kuhweiden und Maisfelder überging. Hier lag der nicht mehr bewirtschaftete Hof von Bauer Heinsohn, dessen zwei unmittelbar an den Hof angrenzende Koppeln Mark Herder vor Jahren gepachtet hatte, um darauf seine Schafe weiden zu lassen. Er hatte selbst den kleinen Stall, der auf der westlichen Koppel stand, errichtet, aus dem noch immer diese markerschütternden Schreie drangen, die kaum tierisch zu nennen waren, aber auch nicht menschlich, sondern gotterbärmlich nach gequälter Kreatur klangen. Ein Sonderkommando wurde angefordert, und bis es eintraf, bemühten sich die bereits anwesenden Beamten darum, den Tatort weiträumig abzusperren und Hintergründe über diesen Mark Herder zu erfahren, dessen Tiere tot herumlagen, von dem selbst aber jede Spur fehlte. Harald Baumann, der sie informiert hatte, war immer noch ihre erste Quelle, doch nicht mehr ihre einzige, denn inzwischen stand das halbe Dorf hinter den Absperrbändern und rieb sich verwundert den Schlaf aus den Augen. Dennoch war jeder bereit, alles, was es über diesen Hirten aus ihrer Mitte zu erzählen gab, zum Besten zu geben, vermischt mit Ungläubigkeit und einem zweifachen

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Raunen, dass es so etwas Schlimmes seit dem Mord an Annelie Faller vor ein paar Jahren nicht mehr gegeben hätte und dass es ja so habe kommen müssen. Die Dämmerung schälte die dicke Wolke, die auch an diesem Tag wieder über Kaltsommer hängen würde und schon jetzt feinen Nieselregen brachte, aus der nächtlichen Finsternis, während die Lindenallee vollbelaubt wie eine schweigende Wand den westlichen Himmel abschnitt. Die ortsfremden Polizisten fühlten sich sichtlich unwohl hier, Wetter und Vegetation drückten ihnen aufs Gemüt. Für die Einheimischen hingegen war es Alltag, der endlich einmal wieder von einem echten Ereignis aufgebrochen wurde, wie schrecklich es auch sein mochte. »Ich war wie jeden Morgen mit Harro draußen«, erzählte Harald Baumann sowohl den Beamten als auch seinen Nachbarn mit nun galoppierender Zunge und verschwieg nur die Tatsache, dass es sich bei diesem sehr frühen Gang um nichts anderes als senile Bettflucht handelte, an der mittlerweile Herrchen wie Hund gleichermaßen litten. Außerdem tat ihm die Bewegung gut, sein Arzt riet ihm sogar zu noch mehr davon, zu richtigem Sport. »Wir gehen immer diese Runde: Gartenweg, Sandskoppel, Appelallee, Hauptstraße und wieder zurück in den Gartenweg. Mehr schafft Harro ja auch gar nicht mehr. Und als wir hier vorbeikamen, hörte ich plötzlich diese seltsamen Schreie. Die ließen mir vielleicht das Blut in den Adern gefrieren! Zuerst sah ich gar nichts, dafür war es noch zu dunkel. Bis mir auffiel, dass überall diese kleinen Hügelchen herumlagen, Hügelchen, die sich plötzlich als Herr Herder ihm seine Schafe entpuppten …«

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»Der Typ ist endgültig durchgeknallt, oder?«, warf, sich schüttelnd, die junge Frau Heise aus dem Kurt-Olsen-Weg ein. »Das war nur eine Frage der Zeit«, stimmte Herr Faßbender zu, der am anderen Ende der Sandskoppel wohnte, schon halb in der Allee. Andere Dorfbewohner schlossen sich diesem Urteil an und ereiferten sich immer lauter, bis einer der Beamten sie genervt unterbrach: »Wenn Sie alle das wussten, warum sind Sie dann nicht früher eingeschritten und haben etwas unternommen, um Herrn Herder zu helfen?« »Dass es nicht gut um ihn bestellt war, war ja zu sehen«, relativierte Harald Baumann daraufhin nach einem Moment betretenen Schweigens für alle Dörfler die Aussage, »aber dass es so schlimm sein würde, das hätte ich nicht gedacht.« Wieder herrschte betroffenes Schweigen. Es lastete solange auf ihnen, bis es aus der Distanz beendet wurde, als nämlich zwei Polizisten, die sich in der Zwischenzeit behutsam dem Stall genähert hatten, eine erste Kontaktaufnahme mit ebenjener Person versuchten, die sich eventuell in Herrn Herdes Schafstall aufhielt: »Herr Herder, sind Sie da drin?« »Geht weg! Geht alle weg! Niemand nimmt mir meine Schafe weg. Die gehören mir. Die sind meine Arbeit, mein Leben!« »Das ist der Herder«, flüsterte Harald Baumann und löste ein kollektives Schaudern aus. Mark Herder war ein Mensch, der immer den leichtesten Weg gewählt hatte, wenn er etwas be-

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kommen wollte, und dem niemals jemand auch nur versucht hatte klarzumachen, dass ihn dieser Weg nur in eine Sackgasse führen würde. Seine Eltern hatten sich frühzeitig getrennt und waren mit ihren eigenen Leben vollauf überfordert gewesen, weshalb sich beide zu echter Erziehungsarbeit nicht in der Lage sahen. Der Vater hatte sich gleich ganz vom Acker gemacht, die Mutter immerhin gedacht, diese Aufgabe der Schule in die Schuhe schieben zu können. Dort hatte man jedoch ebenfalls besseres zu tun, zumal Marks Lehrerin in der Grundschule noch eine vom ganz alten Schlag war, die ihre pädagogische Fürsorge und Förderung danach bemaß, was die Eltern ihrer Schüler von Beruf waren. War jemand Kind eines Bankkaufmanns oder Beamten, hatte auch das Kind später einmal Anrecht auf eine solche oder vergleichbare Stellung und eine dementsprechende Schulbildung. Waren die Eltern nichts, würde auch aus dem Kind nichts werden, und Mark, dessen Vater wie Mutter hauptsächlich arbeitslos waren, traf diese soziale Auslese mit der vollen Breitseite. Das Einzige, was er in diesen ersten vier Jahren seiner Schulbildung wirklich lernte, war die Einsicht, dass es für ihn in der Schule nichts zu holen gäbe. Er würde bis zur neunten Klasse durchhalten müssen, dann wäre er frei und sein wahres Leben könne beginnen. Also hielt er den Ball flach und strengte sich nicht mehr an als nötig, blieb trotzdem zweimal in der Hauptschule sitzen und ging am Ende ab, ohne einen Abschluss in der Tasche zu haben oder auch nur einigermaßen sicher lesen und schreiben zu können. Eine Lehre kam so natürlich nicht infrage, aber auch ein nachgemachter Schulabschluss auf dem

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zweiten Bildungsweg erschien ihm als viel zu anstrengend und sinnlos. Stattdessen fing er an, sich durchzuwurschteln. Er lebte auf dem Land, konnte ganz gut mit Tieren umgehen, zumindest besser als mit Menschen, was lag da näher, als gelegentlich auf den großen Höfen in der Umgebung zu arbeiten? Weil er noch immer bei seiner Mutter im Gartenweg wohnte, musste er keine Miete zahlen, in der Regel fraß er sich auch bei ihr durch, da reichte das Geld aus Gelegenheitsjobs zumeist. Wenn er sich mehr angestrengt und eine höhere Arbeitsmoral gezeigt hätte, angefangen bei einem regelmäßigen, pünktlichen Erscheinen zur Arbeit, hätte vielleicht so etwas aus ihm werden können, was man früher einen Knecht nannte. So aber schaffte er es bestenfalls zum Tagelöhner, der lieber dem Bier zusprach als fest mit anpackte. Ihn störte das wenig, denn wenn er mal wieder eine Stellung verlor, war dies nicht seine Schuld, sondern der Bauer ein mieses Arschloch, das ihn eh nur ausbeuten wollte. Als er zweiundvierzig war, starb seine Mutter und hinterließ ihm nicht nur das Hausviertel, sondern auch eine Lebensversicherung, von deren Existenz sie ihm nie etwas erzählt hatte. Sie hatte sich in der Mitte ihres Lebens gefangen und schließlich Schicht um Schicht in einem Imbiss in Neumünster gearbeitet. Beides nahm er als kleines Wunder, das gebührend gefeiert werden wollte. Die Hälfte der Summe haute er auf den Kopf, die andere investierte er in seine geschäftliche Selbstständigkeit. Genau genommen war die Idee nicht auf seinem Mist gewachsen, sondern ihm von Bauer Heinsohn im Suff ins Ohr geflüstert worden. Von der Erbschaft Herders wusste natür-

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lich längst das ganze Dorf, und mehr als einer trachtete danach, sich ein Stück von diesem Kuchen zu sichern. »Werde doch Schafhirte«, soufflierte Bauer Heinsohn, als wäre er Marks engster Vertrauter, »du kannst doch so gut mit Tieren. Und Schafe machen nicht viel Arbeit. Und wenn du dann noch die beiden Koppeln pachtest, die gleich an deinen Gartenzaun angrenzen, hast du es nicht einmal weit zur Arbeit.« Mehr brauchte es nicht, um Mark Herder zu überzeugen. Er pachtete das Land, baute den Stall und kaufte eine fünfzehnköpfige Herde Schafe. Er meinte, vom Verkauf der Wolle und des Fleisches in Zukunft gut leben zu können, da er ansonsten kaum Unkosten hätte, also vom Pachtzins einmal abgesehen, denn Obst und Gemüse würde er im eigenen Garten anbauen. Der Plan konnte vorne und hinten nicht aufgehen, zum einen war er für Gartenarbeit zu faul, zum anderen war seine Schafherde viel zu klein, um lukrativ zu sein. Die Wolle, die er immerhin eigenhändig von seinen Schafen schor, brachte kaum etwas ein, und niemand in der Gegend aß Schaffleisch. Das wollten nur die Muselmänner, die ihm dann und wann ein Tier abkauften, um es zu schächten. Die Muselmänner aber mochte Mark Herder nicht, in seinen Augen waren sie primitive Barbaren, die nicht hierhergehörten und die Schafe mehr zu Tode quälten als alles andere. Deshalb verkaufte er ihnen ein paarmal Tiere zu völlig überhöhten Preisen, was sich jedoch schnell herumsprach und dafür sorgte, dass er bald nur noch dem Abdecker zulieferte. Und der zog natürlich ihn über den Tisch, davon war Mark Herder überzeugt, der hätte auch mehr für seine Tiere abdrücken kön-

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nen. Aber die steckten ja alle unter einer Decke, der Abdecker, die Muselmänner und selbst seine Nachbarn im Dorf, allen voran Bauer Heinsohn, an den er sich laut Pachtvertrag für fünfundvierzig Jahre gebunden hatte. Das ganze Dorf lachte doch mittlerweile über ihn, über seine Dummheit und nutzte seine Freundlichkeit und Gutgläubigkeit aus. Aber nicht mit ihm, nicht mit Mark Herder! Der wusste schon, was er dagegen zu tun hatte. Er kapselte sich ab, das tat er. Wenn überhaupt, sprach er gelegentlich noch das eine oder andere Wort mit seinem direkten Nachbarn Harald Baumann über den Gartenzaun hinweg und dann zumeist auch nur über ihre Hunde, Ralka und Harro. Auch der Baumann schien es immer eilig zu haben, wieder hinein ins Haus zu kommen, spätestens dann, wenn Mark anfing, auf die Verschwörung der ganzen Welt gegen sich zu schimpfen. Dann brabbelte er etwas von Bauernmafia, gierigen Muselmännern und jüdischen Großkonzernen und erzählte immer öfter von sich und seinen Schafen, die es um jeden Preis zu bewahren galt, in der dritten Person, bis nur noch die Rede von Herrn Herder ihm seine Schafe war. Das wurde bald schon zu einem geflügelten Wort, das das ganze Dorf benutzte und sich dabei köstlich amüsierte. Es ging in den allgemeinen Sprachschatz ihrer dörflichen Gemeinschaft über und war irgendwann jedem so selbstverständlich, dass sich Harald Baumann gar nichts dabei dachte, als er ausgerechnet diese Wendung als erstes der Dame von der Notrufzentrale um die Ohren haute. Aber weil es eben bald jeder verwendete, dauerte es auch nicht lange, bis es wieder bei Mark Herder ankam und ihn zutiefst

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kränkte. Sie machten sich immer noch alle lustig über ihn, mehr denn je sogar. »Herr Herder befand sich also in einer wirtschaftlichen und sozialen Schieflage«, bemühten sich die Polizisten gerade in dem Moment die Aussagen der Umstehenden zusammenzufassen, als in der Lindenallee eine kleine Scheinwerferkarawane sichtbar wurde. Gleichzeitig rollten über Appelallee und Sandskoppel weitere Fahrzeuge heran, die zuerst keiner einordnen konnte. Erstere stellten sich schnell als das angeforderte Sondereinsatzkommando heraus, Letztere gehörten Vertretern der Presse. Alle zusammen kamen sie aus Kiel, nur hatten die Sicherheitskräfte die Autobahnausfahrt Bornhöved genommen, die dichter dran lag, und die anderen die in Wankendorf, die vorher kam. Wer das SEK angefordert hatte, war klar, wer hingegen die Presse informiert hatte, sollte niemals geklärt werden können. Die Beamten waren bemüht, sich von alldem nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, weder vom heranrückenden Kompetenzverlust noch von der bevorstehenden medialen Aufmerksamkeit und damit verbundenen künstlichen Aufregung. »Aber es muss doch einen konkreten Auslöser gegeben haben dafür, dass dieser Herr Herder jetzt so … so austickt«, bohrten sie nach. »Haben Sie denn keine Ahnung?« »Nein«, schüttelte Harald Baumann traurig den Kopf. Als unmittelbarer Nachbar fühlte er sich irgendwie für diese ganze Tragödie mitverantwortlich, als passierte das alles jetzt nur, weil er ein entscheidendes Detail übersehen, weil er sich zusammen mit allen anderen nur noch über seinen Nachbarn lustig

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B I O G R A P H I S C H E S


© Foto: Wolfgang Pregel

THOMAS PREGEL

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Thomas Pregel wurde 1977 in Bad Segeberg, Schleswig-Holstein, geboren und wuchs in einem kleinen Dorf in Holstein auf. Nach Abitur und Zivildienst ging er zum Studium nach Berlin, wo er auch heute als freier Lektor und Schriftsteller lebt. www.thomaspregel.de Veröffentlichungen im Größenwahn Verlag: · Die unsicherste aller Tageszeiten , Roman, September 2013 · Hartznovelle , August · Der ertrunkene See , Roman, Juni · Kaltsommer , Roman, Juni · Berliner Leidenschaft , Kurzgeschichte, e-Book, November 2016 · Wo bleibt der Sex , Kurzgeschichte, e-Book, Januar 2017 In Anthologien vertreten (Auswahl): · Griechische Einladung in die Politik mit der Kurzgeschichte Blitze über dem Berg Athos , Januar · Heartbeatclub mit der Kurzgeschichte Jeder tanzt für sich allein , Juni

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Thomas Pregel im Größenwahn Verlag Frankfurt am Main Thomas Pregel Die unsicherste aller Tageszeiten Roman ISBN: 978-3-942223-28-7 eISBN: 978-3-942223-35-5 Es ist kalt, früh am Morgen und der berühmte Torture porn-origins -Maler flieht aus Berlin. Er hat Angst vor den Folgen seiner Taten, nicht nur der aus der letzten Nacht: Süchtig nach schmutzigem, anonymem und ungeschütztem Sex mit Männern. Hat er jemanden getötet? Gewissenbisse jagen ihn. Er hofft, auf der Insel Föhr, wo er ein Refugium für seine schmerzende Seele zu finden weiß, Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können. Die Vergangenheit rast erbarmungslos durch sein Gedächtnis, genau wie der Zug, in dem er sich befindet, die Stationen sind von kurzer Dauer, zu kurz, um sich die schreckliche Wahrheit einzugestehen: Wie konnte sich sein Leben nur so entwickeln? Thomas Pregel kartographiert in seinem Debütroman das Innenleben eines Malers, das beherrscht ist von der Angst, die Realität zu akzeptieren und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Trotz Aufklärung über HIV und AIDS balanciert sein Antiheld auf dem Seil der Ansteckungsgefahr, provoziert mit rohen Sexszenen und fasziniert gleichzeitig mit atemberaubenden Gefühlswelten. Ein Roman über die Kunst, ihre Wahrnehmung und Wertschätzung, eine intime Retrospektive des Künstlers, seines Werdegangs, seiner Inspirationen und Schwächen, und eine Geschichte über die unsicherste aller Tageszeiten, wenn das Herz nach Liebe pocht.

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Thomas Pregel Der ertrunkene See Roman ISBN: 978-3-95771-059-8 eISBN: 978-3-95771-060-4 Das Bucheichental ist eine idyllische, von einem gemächlich fließenden Fluss durchzogene Gegend, abgelegen und zutiefst rückständig. Es liegt inmitten grünbewaldeter Berge, wo die Natur ursprünglich ist und das Leben manchmal hart. Nur wenige Familien Bauern und Hirten - leben dort als Selbstversorger seit Generationen. Doch jetzt kehren plötzlich die Fischerskinder, die bereits in der »zivilisierten«, hektischen Welt Wurzeln geschlagen haben, heim, und sie bringen schlechte Nachrichten: Den Bewohnern droht die Umsiedelung, das gesamte Tal soll in einem riesigen Stausee versenkt werden. Für die Bucheichentaler kommt das Aufgeben ihrer Heimat nicht infrage. Sie mobilisieren sich, protestieren, nehmen den Kampf auf gegen das Bauprojekt, finden unerwartete Verbündete und spielen auf Zeit, glauben an die Gerechtigkeit und appellieren an den Verstand der Mitmenschen. Doch auch die Baubefürworter sind auf den zähen Widerstand vorbereitet. So kommt es zum letzten Gefecht: ein Kampf Davids gegen Goliath. Kandidat für den Hotlist-Preis 2015 »Was Pregel aus dieser Ausgangssituation erzählertechnisch macht ist grandios.« Roberto Manteufel / Siegessäule »Wunderschön und gleichzeitig ernüchternd geschrieben. Was braucht der Mensch zum Glücklichsein? Empfohlen.« Christin Moll Lektoratsdienst - EKZ Bibliotheksservice

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Thomas Pregel Kaltsommer Kriminalroman ISBN: 978-3-95771-083-3 eISBN: 978-3-95771-084-0 An einem nasskalten Sommermorgen kommen unerwartet viele Fremde ins Dorf. Es sind Beamte der Mordkommission Neumünster, denn Annelie Faller, die Matriarchin des Faller-Clans, der die ortsansässige Schlachterei betreibt, ist brutal ermordet worden. Für Hauptkommissar Hans-Peter Arnstedt und seinen neuen Partner und Kollegen, Oberkommissar Daniel Freiwald, der aus Kaltsommer stammt, steht schnell die Familie der Toten im Fokus der Ermittlungen. Die sippeninternen Spannungen und der desolate wirtschaftliche Zustand des Betriebs bieten reichlich Motive für den Mord. Die ersten Verhöre schaffen es aber nicht, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, bis unerwartet Tobias Faller, der älteste Enkelsohn des Opfers, auftaucht. Doch kann er, der vor Jahren in Schimpf und Schande wegen seiner Homosexualität vom Hof gejagt worden und in Amerika mit dem Dreh von Schwulenpornos reich geworden ist, Licht in die Finsternis der zerrütteten Familiengeschichte bringen? Dieser Roman ist der Auftakt zu seiner Holsteiner-Trilogie, rund um die (fiktive) Ortschaft Kaltsommer, irgendwo zwischen Neumünster, Plön und Bad Segeberg gelegen.

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Thomas Pregel Hartznovelle ISBN: 978-3-942223-90-4 eISBN: 978-3-942223-91-1 Emser Eck, Berlin-Neukölln, Dienstagabend. Heiko, Katharina und Sebastian treffen sich, wie schon seit Langem, auf ein Glas Bier. Alle sind Mitte 30, Hartz IV-Empfänger, doch bei jedem hängt zu Hause ein Magister- oder Promotionsabschluss an der Wand und sie sind zutiefst deprimiert. Denn wer in diese Hartz-IV-Kneipe kommt, interessiert sich weder für das Wetter noch für den Wechsel der Jahreszeiten, sondern scheinbar nur noch für das Versaufen der Zeit. Am Anfang sollte das noch ein Scherz sein, eine Art Milieustudie mit Alkoholgenuss: Mal sehen, ob es bei diesen Leuten da unten wirklich so zugeht, wie man hört. Und heute gehören sie fast schon dazu. Was machen Arbeitslose, wenn der Markt keine passende Arbeit für sie bietet? Wie werden sie von den Behörden behandelt? Welche Gedanken beschäftigen sie und vor allem: Welche Wünsche können Wirklichkeit werden? Thomas Pregel dokumentiert die Arbeitsmarkt-Erfahrungen seiner Protagonisten und lässt tief in den Hartz-IVAlltag der drei Akademiker blicken. Durch Tagebucheinträge sowie scharfe Beobachtungen des Amtsapparats und der ans Absurde grenzenden Bürokratie-Falle wird der Wert des Menschen hinterfragt. Diese Hartznovelle ist eine sarkastische Darstellung unserer schnelllebigen und sensationshungrigen Gesellschaft.

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Aus der Reihe Appetit Thomas Pregel Wo bleibt der Sex? Eine Geschichte über Krümel im Bett Kurzgeschichte eISBN: 978-3-95771-124-3 Kennen Sie das Gefühl? Sie haben mit viel Liebe gekocht und freuen sich auf einen sinnlichen Abend mit ihrem Partner, doch er hat kein Interesse an Ihnen? Wieder schläft er vor dem Fernseher ein. Wo bleibt hier der Sex? Es ist Zeit was zu ändern! Alexander D. Große sagt Ihnen wie sie wieder Schwung in Ihr Bett bekommen. Dafür benötigen Sie nur eine Scheibe Zwieback! Den Rest der Packung können Sie gut in einem Zwiebackkuchen verarbeiten, das Rezept dafür liegt bei. Thomas Pregel erzählt eine schöne Beratungsgeschichte für Betroffene die Sehnsucht nach Liebe und Sex haben.

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Aus der Reihe Appetit Thomas Pregel Berliner Leidenschaft Eine Geschichte über die Suche nach Beglückung Kurzgeschichte eISBN: 978-3-95771-122-9 »Wo findet man den perfekten Liebhaber? Immer wieder steigere ich mich in diese Frage hinein. Nach einem frustrierenden Tag beim Jobcenter überfällt mich die Einsamkeit des Großstadtlebens. Eigentlich sehne ich mich nach Liebe – aber Sex reicht gerade auch. Ich entscheide mich für einen heißen Saunagang. Was wird mich erwarten? Erholung, Genuss, Leidenschaft? Das Glück muss nur eine Chance bekommen …« Thomas Pregel liefert hier ein reale Geschichte, die nicht nur dem Schwulenmilieu betrifft. Glück und Leidenschaft in Verbindung mit dem Alltäglichen Sorgen und Problemen wird provokativ komprimiert und als Lösung im anonymen Sex projektiert. Eine Phänomen unserer schnelllebigen Gesellschaft.

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Jannis Plastargias (Hrsg.) HEARTBEATCLUB 17 heiße Rhythmen ISBN: 978-3-95771-045-1 eISBN: 978-3-95771-046-8 »My Heart Goes Boom«, sangen French Affair in den Neunzigern im damals modernen Disco-Beat. Ja, das Herz schlägt kräftig, weil gleich der/die Geliebte eintrifft, weil seine/ihre Küsse so süß schmecken, weil er/sie der/die eine/r ist, weil seine/ihre Liebe so groß ist. Das Herz schlägt schneller, wenn er/sie sich zur Musik bewegt, tanzt, doch es wird noch beschleunigt, wenn erotische Spannung in der Luft liegt, wenn er/sie von dem/der Angebeteten magisch angezogen wird. In dieser 3. Queer-Anthologie stellt Jannis Plastargias ausgesuchte Geschichten vor, in denen Emotion, Herz und Rhythmus pulsieren, aber auch immer mal wieder ein kleiner, stechender Schmerz, eine Verunsicherung, ein Grund, über unsere Gesellschaft nachzudenken. Was auch in den Geschichten passiert, eines kann in den Worten der schmachtenden Celine Dion gesagt werden: »My Heart Will Go On And On ...« Thomas Pregel ist vertreten mit der Kurzgeschichte Jeder tanzt für sich allein .

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Edit Engelmann (Hrsg.) Griechische Einladung in die Politik Erzählungen, Geheimnisse und Rezepte ISBN: 978-3-95771-025-3 eISBN: 978-3-95771-026-0 In Griechenland ist die Politik in aller Munde. Jeder, der einmal im Kafeníon seinen Frappé getrunken hat, kennt von den Nachbartischen dieses Phänomen. Es wird temperamentvoll diskutiert, mit Händen und Füssen gestikuliert und jedes Handeln von Regierung sowie Abgeordneten lautstark kommentiert. Nicht selten werden markante Figuren der griechischen Geschichte in Erinnerung gebracht und mit den heutigen Politikern verglichen. Streitereien unter den versammelten Gästen sind vorprogrammiert: Ideologien, die wirtschaftliche Situation, nationale Angelegenheiten und mediterranes Klima sorgen dafür, dass es heiß und hoch hergeht. Der Wirt stellt Ouzo, Wasser und Mesédes auf den Tisch, und unsere Autoren reichen Geschichten, Erzählungen und Gedichte dazu. Von Alexander dem Großen, dem Beginn der Demokratie in Athen über Melina Mercouris Idee der Kulturhauptstädte Europas bis hin zur Finanzkrise – die Themen sind vielfältig, genau wie die köstlichen Gerichte, die dazwischen serviert werden. In diesem Sinne: Jámas und kali órexi. Thomas Pregel ist vertreten mit der Kurzgeschichte Blitze über den Berg Athos .

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Aus dem Größenwahn-Verlagsprogramm Peter Nathschläger Der Sturmgondoliere Roman ISBN: 978-3-95771-085-7 eISBN: 978-3-95771-086-4 An einem heißen Sommertag verliebte sich Julia in Paolo Meduccini, genau an dem Tag, an dem auch der fremde Lucian in Paolos Leben trat. Eine Begegnung mit verheerenden Folgen. Der Sommer 1979 in der Toskana sollte der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden. Ein Sommer, angefüllt mit Träumen, Ölbildern, Geheimnissen, Lügen und der Legende vom Sturmgondoliere, der mit Blitz und Donner gesegelt kommt und die Menschen das Fürchten lehrt. Zehn Jahre später, unter einem ähnlichen Gewitterhimmel, wird Paolo Meduccini in eine Katastrophe und ein Wunder gleichermaßen verwickelt: Als Einziger überlebt er den Absturz eines Flugzeugs beim Landeanflug auf Wien. Aber ist er es wirklich? Oder versucht ein Hochstapler seine Fäden zu ziehen? Peter Nathschläger webt ein Flächenbild um eine zutiefst menschliche Geschichte über die Sünden der Eltern. Das Ergebnis ist dieser höchst stoffliche Roman mit toskanischen Bildern, gewitterhaltigem Himmel und hoffnungsstrahlenden Gedanken. Ein Abbild des Lebens selbst. Das erträumte, das versäumte, das erduldete.

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Kyro Ponte Der Apfel fiel aus Venus linker Hand Erzählungen ISBN: 978-3-95771-065-9 eISBN: 978-3-95771-066-6 Was ist der Preis für den Besitz eines einzigartigen Wesensmerkmals? Für Venus und ihre Schönheit war es der goldene Apfel der Hesperiden. Für Frau Meyer und ihre Hässlichkeit, als Muttermal das Gesicht kennzeichnend, ist es – um sich von dieser Einzigartigkeit zu lösen – eine Schönheitsoperation. Für Rania, eine Tochter aus gutem Hause in Korfu, und ihre Jungfräulichkeit ist der Preis dafür eine arrangierte Ehe. Für Byzantia, eine gebärende Mutter in Spanien, mit ihrer Liebe zum neugeborenen Kind, ist der Preis dafür ihr eigenes Leben. Einzigartigkeit hat ihrem Preis. Ein Preis, der schon von der Göttin Venus fallengelassen wird, sobald Amor erscheint, um alle Beteiligten in neue, einzigartige Abenteuer zu locken, die neue Preise versprechen und das Zahlen neuer Preise einfordern. Begierde wird zur Leidenschaft. Und die Leidenschaft kennt keine Grenzen. So wie die Freiheit des Seins. Kyro Ponte – Sohn einer griechischen Gastarbeiterfamilie, 1972 in Esslingen a.N. geboren – offenbart sich als Meister der Beschreibung von Gefühlen und beweist mit seiner detaillierten und filigranen Sprache, dass Literatur ein erlösender Ausdruck sein kann. Seine überraschungsreichen Geschichten liefern elementare Einsichten aus dem Innenleben von Frauen und Männern, die für ihre Einzigartigkeit ihren Preis bezahlen, um aus der Krise zu entkommen, in die der menschliche Wille sie katapultiert hat.

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Ralph Roger Glöckler Die männliche Unreife des Todes Novellen ISBN: 978-3-95771-079-6 eISBN: 978-3-95771-080-2 Wenn du jetzt erwartest, den Sensenmann auf einem Pferd zu treffen, dann lass das Buch liegen. Auf diesen Seiten gibt es keine schaurige, düstere oder grausame Gestalt zu erblicken. Es wird auch kein Grauen an die Tür klopfen, kein Weinen, kein Betteln, kein Klagen zu hören sein. Aufhören. Nur das Aufhören existiert. Tick-tack, Ticktack ... Das Aufhören ist immer zu hören. Bis zum Zerbrechen. Und sie zerbrechen jeden Tag aufs Neue: Die, die noch kein hohes Alter haben, die keine Erfahrungen besitzen, die sich in einer Entwicklung befinden, nach Frische duften, sich nach Liebe sehnen, Erwartungen und Träume haben. Solche unreifen und labilen Gemüter wirst du hier finden, missbrauchte und selbstbetrogene Leiber, zartrosige Fleischeslüste und sinnliche Entlarvungen. Die Landschaft wird in Ölfarbe getaucht. Das Licht bringt dich in ein Künstleratelier. Die Sonne wird dich vergeblich versuchen zu wärmen. Immer wieder wirst du ihnen begegnen: jungen Männern, jungen Körpern; wie sie zerbrechen. Bist du stark genug, dieses Aufhören zu hören? Tick-tack, Tick-tack ... Tick-Tack ... Ralph Roger Glöckler zelebriert in diesen fünf Novellen die Eroberungsmesse des Todes über das Leben, ohne Weihrauch und biblische Hallelujas, aber mit wortgewaltiger und aussagekräftiger Sprache. Seine Charaktere stolpern über missverstandene Gefühle, ersuchen den Sinn des Lebens in Kunst, in Hetero- und Homosexualität und verfangen sich in der Unfähigkeit zu sein. Der Tod lauert immer und überall. Als Erlöser. Und trotz des unvermeidlichen Schicksals aller Menschen erweist sich dieses Werk, gerade wegen des Todes, als meisterlich inszenierte Hymne auf das Leben, denn nichts ist wertvoller, nichts ist vergänglicher als das Leben selbst.

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Edit Engelmann Scherben vor Gericht Albtraum eines Premierministers Novelle ISBN: 978-3-942223-70-6 eISBN: 978-3-942223-71-3 Eine seltsame Einladung an dem Premierminister: »Nationalfeiertag, Parlament, großer Plenarsaal, 14:30 Uhr. Geheime Sitzung. Ihr Erscheinen wird hiermit angeordnet. - Der Vorsitzende.« Am Tag darauf findet sich dieser unerwartet vor Gericht: Aus allen Epochen sind Ankläger erschienen, einige in antike Tuniken gehüllt, andere tragen Stock und Gehrock und wieder andere sind in Uniformen gekleidet. Was zuerst wie eine Karnevalsveranstaltung aussieht entpuppt sich als ein längst fälliger Prozess, den sich auch Berühmtheiten wie Zenon, Perikles, Brecht, Keynes, Macchiavelli, und sogar Kaiser Augustus nicht entgehen lassen. Der Premierminister und seine Regierungsmitglieder sitzen auf der Anklagebank. Ihnen wird der Spiegel ihrer Taten vorgehalten: Das gesamtes Land liegt in Scherben! Wie konnte das passieren? Edit Engelmann, die seit Jahren in Athen lebt und von der europäischen Politik inspiriert worden ist, erzählt in dieser Volkssatire den Traum eines jeden Bürgers Traum: Politiker die durch Gier und Unverstand regieren zu bestrafen. Ihre Novelle ist ein kritischer Erinnerungsakt an die menschlichen Errungenschaften wie Demokratie, Solidarität, Souveränität, Nationalbewusstsein, soziale Integrität und Menschenrechte – Worte, die in jeder Schule gelehrt werden; Werte, die weltweit propagiert werden, und eine Praxis, der es immer wieder in ihrer Ausübung mangelt.

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Helga Brehr Opfern am Mittag ISBN: 978-3-95771-130-4 eISBN: 978-3-95771-131-1 Den Erfolg ihrer Kunstausstellung in Kassel hätte Kristina niemals erwartet. Nicht mal ihrer Familie hatte sie Bescheid gesagt, doch der Kontoauszug bestätigt das Gelingen ihres Wagnisses. Als auch noch Tochter Irene ein Vorstellungsgespräch beim Pharmakonzern ARTIS hat, könnte es der Mutter eigentlich nicht bessergehen. Dass der mögliche Vorgesetzte ihrer Tochter deren heimlicher Schwarm ist, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. All das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Spontan entscheidet sie sich, Irene zum Bewerbungsgespräch nach Augsburg zu begleiten, um ihrem Mann, der ebenfalls bei ARTIS arbeitet, einen Überraschungsbesuch abzustatten. Eine Entscheidung, die schicksalhafte Ereignisse mit sich bringt und ein Leben, das sich für immer verändern wird. Helgas Brehrs einfühlsame Novelle erzählt auf’s Neue den Drang der Menschheit sich oder andere zu opfern. Ob man eigene Ziele verfolgt oder für das Wohl seiner Mitmenschen besorgt ist – die Entscheidung, ein Opfer zu bringen, ist stets ein moralisches Dilemma. Erst recht, wenn die Opfer Teil der Pharmaindustrie des 21. Jahrhunderts sind.

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Angela Schmidt-Bernhardt Oktoberzug nach Riga Geschichte einer Ermordung Novelle ISBN: 978-3-942223-68-3 eISBN: 978-3-942223-69-0 Marie hat eine weitverzweigte Familie und manche davon sind verschollen, wie sie im Rahmen einer Semesterarbeit über Stolpersteine für im Holocaust umgekommene Menschen feststellen muss. Wer waren Charlotte und Werner Heimann, und was ist mit ihnen geschehen? Gleichzeitig begibt sich in Amerika der Journalist John auf die Suche nach Überlebenden und deren Nachkommen, denn sein verstorbener Großvater hat durch seine Bürgschaft Menschen vor den Vernichtungslagern bewahren können. Eine Spurensuche beginnt: von der Stolpersteine auf der Bamberger Straße Nummer 48 in Berlin bis zu einen Oktoberzug, der 1942 nach Riga abging. Mit jeder neu entdeckten Spur vervollständigt sich die Geschichte einer Ermordung. Die Vergangenheit beginnt zu leben. Angela Schmidt-Bernhardt beschreibt das unruhige Gemüt der jungen Generationen, die die Geschichte ihrer Herkunft und Identität anhand eines bisher schamhaft verschwiegenen Kapitels der eigenen Familie zu hinterfragen beginnt. Es geht ihr dabei um die grundlegenden, universalen Fragen: Wer bin ich wirklich, wenn ich kaum weiß, wer meine Vorfahren sind und woher ich komme?

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Schauergeschichten leseprobe  

Die Welt ist mächtig in Bewegung geraten. Islamistischer Terror bedroht die braven Bürger. Frauen kämpfen um ihre Gleichstellung. Minderheit...

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